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Weitere Hinweise zur Zeitstellung Dantes

Berlin · 2017 Uwe Topper

Dante gemalt von Luca Signorelli (gest. 1523)

Weitere Hinweise zur Zeitstellung Dantes

Vor zehn Jahren, 2007, schrieb ich auf dieser


Seite im Anschluß an mein Buch
"Kalendersprung" weitere Gedanken und
Ansatzpunkte zu einer Neudatierung Dantes.
Der Artikel begann:
" Die frühen Renaissance-Daten Italiens
können nicht einfach den AD-Daten unserer
Zeitrechnung gleichgestellt werden, die
Verzerrungen sind zu offensichtlich.
Möglicherweise benutzten die Gebildeten
Oberitaliens, also in Florenz, Padua, Venedig usw., schon eine eigene Zeitrechnung,
bevor der Vatikan seine Inkarnationsjahreszahlen entwarf. Diese ältere italienische
Jahreszählung dürfte mit Jahren zwischen 200 und 400 operiert haben, was vielleicht auf
einen Neuanfang hinweist, der ebenfalls rückerrechnet war." Statt einer Jahreszahl wie
250 müßte es also 1250 heißen (das wird allgemein akzeptiert), aber außerdem müßten
150 bis 200 Jahre dazugezählt werden, damit die heute gebräuchlichen Jahreszahlen
vergleichbar danebengestellt werden können. Dante müßte also statt (1)265 - (1)321
"gegen 1450 - 1510 liegen.
In einem zweiten Artikel hier hatte ich Hardouins Zweifel an den Daten Dantes
vorgestellt, wo der berühmte Jesuit Dantes Komödie gegenüber den französischen
Jahreszahlen um mindestens 90 Jahre verjüngt. Im neuen Buch "Jahrkreuz" stehen ein
paar zusätzliche Anhaltspunkte für einen Umdatierungsversuch. "Im 29. Gesang des

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Paradieses (115-126) spricht Beatrice vom Ablaß, der den Predigern die Kapuzen füllt
und mit ungeprägtem Geld vergolten wird – mit auf die Zukunft berechneter Vergütung.
Das ist eine Ablaßvorstellung, die nach kirchlicher Auffassung frühestens 1477 eingeführt
wurde."
Im selben Gesang sagt Dante: "Zieht man bei Daniel die Tausender ab" – statt 1260 und
1290 wären 260 und 290 als Jahreszahlen zu lesen – dann würden sie eher stimmen,
„damit die Straße mit der Zeit sich kürze.“
Dante erlebt nach seinen labyrinthischen Wanderungen durch Hölle und Fegefeuer, wo
ihm nur heidnische Gestalten begegnet sind, endlich himmlische Gefilde und bittet im 1.
Gesang Apoll, „den frohen Gott von Delphi“, um seinen Beistand. Können wir uns das in
der Zeit der Scholastiker vorstellen? Das ist doch echte Renaissance, die wir nördlich der
Alpen um 1500 ansiedeln!

Man schaue sich bitte noch einmal die Darstellungen an, die große Künstler der
Renaissance von Dante schufen! Es sind lebensnahe Portraits, als habe Dante selbst
Modell gesessen. Idealbilder längst Verstorbener sehen anders aus (siehe den ersten
Artikel zu Dante, hier zwei neue Beispiele am Anfang und Ende des kurzen Beitrags).

Nun bringe ich ein paar weitere Hinweise, da ich durch elektronischen Briefwechsel dazu
angeregt wurde.
Z. A. Müller wies mich auf folgenden Artikel hin: Peterman, Larry I. (Univ. California-Davis,
USA; Univ. Chicago Press 1987): „Machiavelli’s Dante and the Sources of
Machiavellianism“, in dem ein Vergleich zwischen den beiden Florentinern Einblicke
ergibt, wie eng die beiden miteinander verknüpft sind und doch ganz verschiedene
Einstellungen erarbeiteten. (Konnte den Text bisher nicht einsehen).
Allerdings müßten auch die Zeitgenossen von Dante wie Petrarca und Boccaccio
mitverschoben werden.
Zum 700. Geburtstag von Petrarca fand zu seinen Ehren eine große Ausstellung in Berlin
statt („Triumph der Liebe“ in der Kunstbibliothek, Dez. 2004 bis Jan. 2005), die ich besucht
habe. Ich fand meine Auffassung fast in jedem Exponat bestätigt. Etwa so: Die Rezeption
von Petrarca in Mitteleuropa (nördl. der Alpen) fand erst in (unserem) 16. Jh. statt. Das
erste Wörterbuch der neuen Dichtersprache Italiens erschien im 16. Jh. usw.
In meinen Notizen zu Gundolfs „Caesar“ (2011) steht: Er stellt ebenfalls Machiavelli und
Petrarca nebeneinander wie Zeitgenossen. Petrarca ist noch echter Heide, das
Christentum scheint noch unwichtig zu sein (S. 105, 108 ...). Enea Silvio (später Papst Pius
II) ist Petrarcas Schüler. Natürlich könnte man sich als geistigen Schüler eines längst
verstorbenen Philosophen oder Dichters bekennen. Ich vermute aber, daß hier von
Zeitgenossen die Rede ist, wie zahlreiche Anstöße zu dieser Vorstellung ergaben (siehe
oben).
Hier noch eine subjektive aber typische Beurteilung durch einen Geschichtskenner
ersten Ranges, Jacob Burckhardt aus Basel: „Die Kultur der Renaissance in Italien“ (zuerst
1860, hier zit. nach Phaidon Wien). S. 238 bespricht er die berühmten „Triumphzüge“ als
Darstellungen in Wort und Bild, die vor allem in Florenz zum Schönsten gehörten, was
sich ein Renaissane-Fürst leisten konnte. „Dante schildert den ‚trionfo‘ der Beatrice“ mit
Figuren der Offenbarung des Johannes „in einer solchen Weise, daß man beinahe
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genötigt ist, das wirkliche frühe Vorkommen solcher Züge vorauszusetzen. Dies verrät
sich hauptsächlich durch den Wagen, auf dem Beatrice fährt und welcher in dem
visionären Wunderwald nicht nötig wäre, ja auffallend heißen darf.“ Burckhardt weiß,
daß in der Zeit, die Dante zugeteilt wird, der Triumphwagen viel zu früh kommt, ja
undenkbar ist, darum drückt er sich so gewunden aus: „beinahe genötigt ... das wirkliche
frühe Vorkommen ... vorauszusetzen. Das verrät sich ... nicht nötig wäre, ja auffallend ...“
Burckhardt hat im allgemeinen eine klare und offene Ausdrucksweise, hier windet er sich
um seine Kenntnis herum, daß ja derartige Wagenumzüge frühestens mit dem
Hochzeitswagen einsetzen und bringt ein Beispiel als Abbildung: die Hochzeit des
Herzogs von Urbino, Montefeltro, und seiner Gattin Sforza (1460), die er als „Übergang in
den Triunfo“ bezeichnet. Die eigentlichen Triumphzüge kommen dann etwa 20 Jahre
später auf.
Warum erwähnt Burckhardt überhaupt diesen Anachronismus in Dantes Komödie
(Purgatorium 29,43-30), er hätte es doch auch übergehen können. Mir scheint, daß
andere Historiker seiner Zeit dasselbe bemerkt hatten, und so ging er auf deren
Verwunderung ein, die ihn auch selbst ergriffen hatte. Da er in den Anmerkungen nur
auf Primärliteratur zurückgreift, kann man hier nicht erwarten, daß er die Kollegen
nennen würde. Es würde auch nichts weiter bringen, denn Burckhardts Gespür für die
Renaissance ist dermaßen fein eingestellt, daß diese Verwunderung ausreicht, um weiter
nachzudenken.

Dantebüste in Prag im Palais Sternberg am


Hradschin (Foto U. Topper)

Literatur;
Burckhardt, Jacob (1860): Die Kunst der
Renaissance in Italien (hier zit. nach Phaidon
Wien)
Dante Alighieri: Die Göttliche Komödie, übers.
v. Karl Streckfuß (Berlin 1922)
Gundolf, Friedrich ( eigtl.Gundelfinger) (1912):
Cäsar in der deutschen Litteratur

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