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aware Magazin für Psychologie / HS11

Nachhaltiger Konsum:
Bedürftige Menschen – endliche Ressourcen – unendliche Innovation?
RUBRIK

Psychologie studieren mit Praxisbezug


Master of Science in Angewandter Psychologie
Schwerpunkt Arbeits-, Organisations- und Personalpsychologie

Praxis- und Forschungsorientierung


Betriebspraktikum, Forschungswerkstatt und Master-Thesis werden mit Partnern beispielsweise aus
der Wirtschaft, dem Gesundheitswesen und der Verwaltung bearbeitet. Unsere Studierenden erwer-
ben vertieftes Wissen in angewandter, empirischer Forschung und profitieren von den Kontakten zu
Unternehmen.

Studienbedingungen
Mit dreissig Studienplätzen pro Studienjahrgang bieten wir exzellente Studienbedingungen und ge-
währleisten eine persönliche Betreuung unserer Studierenden.

Besuchen Sie unsere Informationsabende


Montags jeweils 17.15 Uhr - 19.00 Uhr
3. Oktober 2011
7. November 2011
5. Dezember 2011

Hochschule für Angewandte Psychologie FHNW


Riggenbachstrasse 16, 4600 Olten, Schweiz, T +41 62 286 00 12, info.aps@fhnw.ch

www.fhnw.ch/aps/bachelor-und-master
EDITORIAL/IMPRESSUM HS11 aware 3

a w a r e aware Magazin für Psychologie / SS07 Magazin für Psychologie / hS07

Liebe Leserinnen, liebe Leser


Emotional, Der Leib, die Seele
rational, Freud
Vom Sinn und Unsinn
und das Problem
Zugänge zum Rätsel des
Die aktuelle aware-Ausgabe einzuleiten, ist uns eine besondere Freude,
der Psychologie Bewusstseins
denn aware erscheint bereits zum zehnten Mal. Dies ist ein Jubiläum
UNI L IF E HISTO R ISC H E S S T ÖR U N G S B I L D S t ör u n g Sb i l d
Substanz-
uni life
Bologna
u n i f or Sc h u n g
Neuro-
wert und wir möchten es entsprechend würdigen: In der vorliegenden

aware aware
Prüfungsstress & Sigmund Depression &

Ausgabe kann dem Jubiläumsartikel ein Hauch über die Freuden und
Prüfungsangst Freud Entscheiden missbrauch marketing

Leiden des Werdegangs von aware entnommen werden. Das Stöhnen


über Wehen und Schmerzen des Gebärens erscheinen – hält man das
Magazin für Psychologie / Fs08 magazin für Psychologie / hs08

ich gehe,
du bleibst Kind einmal in den Händen und schaut seinem Gedeihen zu – wie ein
Let’s Talk
About Sex
Wollen, Können.
Wie Sterbende und
Trauernde den grössten
Abschied im Leben
Echo aus der Ferne. Wir hoffen, dass die durch uns bekundete Freude
Müssen? verarbeiten
Früchte trägt und schlummernde Sehnsüchte nach Verwirklichung eige-
P s y c h ol og i e
i m A l ltA g
Verzauberte Augenblicke –
ner Ideen und Talente weckt. Die Möglichkeit, diese zu stillen, bieten
wir im Rahmen des aware-Magazins und muntern alle frischen, gedräng-
Wie Magier unser
visuelles Sytem austricksen

P s yc h ol og i e &

ten und neugierigen Geister zur Mitarbeit bei uns auf.


gesellschAFt
Ungestört schlafen

UNi liFe
Profs persönlich –
Mein Motto fürs
UNI L IF E Psy c ho L o g I E & E r Fa h r U N g s b Er I c h t HS08
Abschied von gEs EL L sc ha Ft

aware aware
Auf dem Weg

Herzlich bedanken möchten wir uns bei allen aktiven und passiven
Professor Marx Gewalt und Zerstörung zur Lizarbeit

FS09N FS09 aware 1 HS09 aware 1

aware-Mitgliedern sowie unseren Inserenten und Gönnern, ohne deren


Magazin für Psychologie / FS09 Magazin für Psychologie / HS09
Zuwendung aware sich nicht hätte etablieren können. Ganz besonderer
Dank gilt Anbetracht der vorliegenden Ausgabe der Stiftung Mercator,
deren grosszügige finanzielle Unterstützung unter anderem den zum
TITELTHEMA

Sport ist TITELTHEMA

ihr Hobby das Virus


Zwischen Couch-Potatoes
und Sportskanonen der Angst Jubiläum gehörenden Vortragsabend ermöglicht hat. Der Jubiläumsan-
lass wird am Abend des 30. Septembers stattfinden, genauere Informa-
Wenn die Paranoia
an jeder Ecke lauert

PSYCHOLOGIE IM ALLTAG
Die Kunst des Weinens
STörunGSbILd
tionen folgen bei Anmeldung unter info@aware-magazin.ch.
Epilepsie – Gewitter im
Gehirn?
PSYCHOLOGIE & GESELLSCHAfT

PSYCHOLOGIE IM ALLTAG
Lügen – wie ehrlich
sind wir?
FELDER DER PSYCHOLOGIE

Werbung in Sachen
Menschheit
UNI LIFE

Liz-Studium und
Lotterie
Verehrtes Fräulein, was
kosten Sie?
Vor euch liegt ein breites Themenspektrum, dessen Schwerpunkt lose auf

aware aware FS10 aware 1


folgender Frage liegt: Wie kann man dem Menschen – auch sich selbst!
– als Schmutzwesen begegnen?
Magazin für Psychologie / Fs10 Magazin für Psychologie / HS10
Mit Ignoranz, Entwertung oder Zerstörungswut? Schuld und Scham? Mit
unermüdlicher Erziehungsarbeit oder Therapie? Über die Betonung der
tItELthEMa

die Macht der Ökonomie


in der Psychotherapie
Von der ambivalenten gesellschaftlichen
Funktion der Psychotherapie positiven Aspekte und einen unerschütterlichen Glauben an das Gute?
Wie zufrieden sind die
Dozierenden mit uns
Studierenden?
UNI LIFE

Denkend, forschend, schreibend? Die Auseinandersetzung mit der Frage


FELdEr dEr PsychoLogIE

Leben unter Besatzung lohnt sich, denn den eigenen Spuren – seien sie nun physisch oder psy-
chisch – entkommt man nicht einmal in der Schwerelosigkeit des Alls!
PsychoLogIE & gEsELLschaFt

Ein Schweizer und


ein Deutscher über
deutsches Kino in der
Schweiz

Symptom: Normabweichung
Vom Versuch, mit vermeintlich gesundem Menschenverstand
dem Krankheitsbegriff auf den Grund zu gehen
Eine anregende Lektüre wünscht

!
eure aware Redaktion
aware Magazin für Psychologie / FS11

Unser täglich Medium gib uns heute


Von der Medialisierung der Gesellschaft

Impressum
Herausgeber: Psychologiestudierende der Universität Zürich, Verein aware | Chefredaktion: Thekla Schulze (UZH), Homayun Sobhani (UZH), Dragica Stojković (UZH) und Corina
Winzer (UZH) | Gestaltung: Adrian Oesch (UZH) | Inserate und Marketing: Marie-Theres Hosp (UZH), inserate@aware-magazin.ch | Autoren: Flavio De Azevedo (Coimbra/
Leiden University), Melanie Bezel (UZH), Damaris Burri (UniBE), Lic. phil. Simone Eberhart, Isabelle Hauser (UZH), Marie-Theres Hosp (UZH), Karin Kaufmann (UZH), Fabienne
Meier (UZH), Manuel Merkofer (UZH), Corina Merz (UniFR), Martin Roeck (StuRa), Antje Stahnke (UniBE), Nora Volker (UniFR), Nicole Wellinger (FAPS), Mirjam Zelter (psyCH). |
Illustratoren: Nicole Apodace, Laurence Cornell, Barbara Antoinette Haegi (UZH), Lic. phil. Sandy Krammer, Stefanie Lurz (PSYCH), Amir Moye (UniBE), Ronny Peiser (ronnypei-
ser.de), Homayun Sobhani (UZH), Dr. med. Rebekka Stähli, Stefanie Umbricht (UZH). | Druck: Offsetdruck Goetz AG | Auflage: 2000 Exemplare, erscheint jedes Semester |
Redaktionsadresse: aware – Magazin für Psychologie, c/o Fachverein Psychologie, Binzmühlestr. 14/29, 8050 Zürich | www.aware-magazin.ch, info@aware-magazin.ch

Gönner

Ψ
Titelbild: Die letzen Tropfen Öl in deinen
FAPS
Händen. Photo: Adrian Oesch
rosige
Berufs-
aussichten ?
Wie weiter nach der Uni? Durchstarten, aber wohin?
Und wie funktioniert das auf dem Arbeitsmarkt?

Der Einstieg ins Berufsleben ist nicht leicht, gerade für PsychologInnen!
Dein Berufsverband kann helfen. Mit Informationen, Kontakten, Tipps und
konkreten Angeboten für den Berufseinstieg.

Dein Berufsverband ist der ZüPP, das Zürcher Zugangstor zur FSP.

Sonneggstrasse 26, 8006 Zürich, 044 350 53 53, info@zuepp.ch, www.zuepp.ch


INHALTSVERZEICHNIS HS11 aware 5

Inhalt
07 JUBILÄUMSARTIKEL
Vom Regen in die Jauche – Zur Psycho- • Vom Gebären und Gedeihen eines Magazins
therapie der Migration 12 FORSCHUNG AUS ALLER WELT
Der Ödipuskomplex wurde von Sigmund Freud als jene fundamentale Kollektiv-Erfah-
• Kaffee: Halluzinationen bei zu viel Koffein
rung des Abendlandes erklärt. Gilt aber diese Erfahrung auch bei kulturellen Gebilden,
die wenigstens partiell mit einer spürbar anderen Form von psychischer Schichtung aus
onto- wie auch phylogenetischer Perspektive als 13 STUDENT MIT TALENT
• Aron Baumann
die unter dem Hesperos erfahrbare ausgestattet
sind? Der Autor erläutert, wie sich die iranische
Psychoanalyse bei der Beantwortung dieser Frage 14 UNI FORSCHUNG
• Der Zusammenhang zwischen Persönlichkeits-
mit einem ihrem eigenen soziokulturellen Nähr-
merkmalen und Partnerschaftsqualität
boden entsprungenen Mythos entwickelte und
im Gegensatz zum Westen den Sohnesmord zur
16 WISSENSCHAFTLICHES SCHREIBEN

Bildquelle: Homayun Sobhani


archetypischen Erfahrung macht. Dabei werden
• Journal Impact Factor
die Grundzüge iranischer Psychoanalyse in einer • Überarbeiten erlaubt
prägnanten Überblicksdarstellung charakteri-
siert und auf die psychoanalytische Forschung
19 PROFS PERSÖNLICH
29
jenseits des ödipalen Vatermordes • Psychologie weil …
aufmerksam gemacht.
20 TITELTHEMA
• Nachhaltiger Konsum: Bedürftige Men-
schen – endliche Ressourcen – unendliche
PERMAnentes Flourishing für alle Innovation?

Anfang Juli fand das Symposium für Positive Psycholo-


gie mit Professor Martin Seligman an der ETH Zürich
24 PSYCHOLOGIE IM ALLTAG
• Eltern im Schulkontext
statt. Dabei standen die Stärken und positiven Emoti- • Konsumpsychologie
onen der Menschen im Zentrum des Geschehens. Es
geht jedoch nicht darum, einen «Happiness Roboter»
29 PSYCHOLOGIE & GESELLSCHAFT
Bildquelle: Isabelle Hauser

zu erschaffen, sondern gegenüber Widrigkeiten resili- • A brief analysis on psychological aspects of


enter und kompetenter zu werden. Für alle, die leider the integration processes within the EU
nicht dabei sein konnten, ein spannender Erlebnisbe- • Gedanken zum Glauben

38
richt über einen inspirierenden Tag voller • Diwan und Filizid statt Couch und Ödipus
Glück, Flourishing und Wohlbefinden.
42 ERFAHRUNGSBERICHT
• (Uni) Fribourg, mon amour

Der Einfluss der Raumfahrt auf die 44 STÖRUNGSBILD


mentale Gesundheit
• Chorea Huntington

Der Mensch, ein Entdecker. Nebst Fakten zur 46 HISTORISCHES


Geschichte der Raumfahrt bietet der Artikel • Elizabeth Loftus
Bildquelle: Manuel Merkofer

Einblicke in spacige Grenzerfahrungen. Und


das nicht ohne Überraschungseffekt: Wer hät- 49 INSTITUTIONEN
te gedacht, dass – gesamthaft betrachtet – die • FAPS @ psyKo´11
positiven Aspekte einer Raumfahrt über die • Ein Semester StuRa-Präsident

40
negativen triumphieren? • Därstetten und Borowice – zwei
neue Psychologie-Forscherinnen …?
Weiterbildung Systemische Therapie und Beratung
Anerkennung durch die Berufsverbände FSP, FMH, SBAP, systemis.ch
Leitung Christina Marty-Spirig
Beginn Herbst 2012
Zielgruppe PsychologInnen, ÄrztInnen, SozialarbeiterInnen, SozialpädagogInnen u.a.
Berufsgruppen mit vergleichbarer Vorbildung

Weiterbildung Systemische Mediation


Anerkennung durch die Berufsverbände
Beginn Basiskompetenzen 15. März 2012
Zielgruppe PsychologInnen, SozialarbeiterInnen, FamilientherapeutInnen/-beraterInnen, und
anderweitig beraterisch Tätige, RechtsanwältInnen, RichterInnen JuristInnen u.a.

Systemisches Elterncoaching
Fortbildung für Fachleute die Eltern in Erziehungs- und Konfliktsituationen beraten und unterstützen.
Innovative Konzepte nach Haim Omer, Maria Aarts, Heiner Krabbe u.a.
Beginn 2 x jährlich

Einführung in die Ego State Therapie


Die Psychotherapie des geteilten Selbst.
Datum 24.-25. Februar 2012
Dozent Kai Fritzsche, Dr. phil. Dipl.-Psych. Mitbegründer des Institutes für
klinische Hypnose und EGO-STATE-THERAPIE

Informationen/Anmeldungen: www.ief-zh.ch
IEF, Institut für systemische Entwicklung und Fortbildung
Voltastrasse 27, 8044 Zürich, 044 362 84 84, ief@ief-zh.ch

„Das Leben ist, was


wir selbst daraus machen.“
Dr. med. Yvonne Maurer

Wie weiter nach der Uni?


Berufsbegleitende Weiterbildung für
Psycholog/-innen:
Körperzentrierte Psychotherapie IKP
Der ganzheitliche IKP-Ansatz verbindet das therapeutische Gespräch mit aktiver und
passiver Körperarbeit. Diese zeitgemässe Methodik ist anerkannt von der Charta
für Psychotherapie und entspricht den Anforderungen von ASP, SBAP, FSP, FMH.

Besuchen Sie einen unserer laufend stattfindenden Info-Abende.

Mehr Infos? Tel. 044 242 29 30


Institut für Körperzentrierte Psychotherapie IKP,
www.ikp-therapien.com
Zürich und Bern.
Seit 30 Jahren anerkannt
JUBILäUMBSARTIKEL HS11 aware 7

Vom Gebären und Gedeihen eines Magazins


aware – ein Rückblick
Im Zuge der zehnten Ausgabe von aware Alte und neue Leute, wer macht was nach einiger Zeit tatsächlich das erste Magazin
ist es an der Zeit, inne zu halten und einen heute? in der Hand hielten, war das schon ein tolles
kleinen Einblick hinter die Kulissen zu Die Initiatorin Claudia Gefühl.» Claudia ist überzeugt, dass sie aus
geben. Im Folgenden etwas Historie und von Bastian ist Dokto- den Erfahrungen, die eine ehrenamtliche Tä-
eine Auslese einer Handvoll Personen, randin an der UZH und tigkeit eben mit sich bringt, schöpfen konnte:
welche sich kurz vor Redaktionsschluss ein forscht über kognitives «Mit sehr unterschiedlichen Leuten (und ent-
paar Worte entlocken liessen. Training – zurzeit ver- sprechend unterschiedlichen Zielen) an einem
weilt sie als Gastwis- gemeinsamen, gross aufgezogenen Projekt zu
Von Corina Winzer senschaftlerin an der arbeiten. Ganz praktisch hat es mir etwas für
University of Bristol das Schreiben von Texten gebracht – das ist im
Im Verlauf der vergangenen fünf Jahre entwi- (UK). Sie erinnere sich Berufsleben sehr nützlich.»
ckelte sich das aware-Magazin stetig weiter: noch gut an das allererste Treffen in der Mensa
Von ehemals 16 Seiten umfasst die jüngste im Uni Zentrum: «Da sassen wir, Simone, Ser- «Als ich den Aufruf von Claudia las, war mir
Ausgabe deren 52 und gegenüber ursprüng- gio und ich – als wir uns noch gar nicht kann- sofort klar – da will ich mit dabei sein. Recher-
lich 1000 Exemplaren beträgt die Auflage ak- ten, eigentlich noch nicht so viel Ahnung von chieren, Wissen erklären und Arbeiten schrei-
tuell 2000. Das ehrgeizige Vorhaben, aware der Psychologie sowie dem Uniapparat hatten, ben haben mir schon im Studium Spass ge-
nicht nur innerhalb der Universität Zürich und trotzdem eine gemeinsame Idee einfach macht, eine wissenschaftsjournalistische
(UZH) sondern schweizweit zu publizieren, mal so verwirklichen wollten. Als wir dann Erfahrung erschien mir da eine spannende He-
ist angelaufen: Bereits zum vierten Mal wird
das einzige Magazin von Psychologiestudie- Ein paar Zeilen aus dem Gründungsproto- «Ganz allgemein wäre es evtl. auch eine Über-
renden im deutschsprachigen Raum der koll legung wert, die Vorlaufszeit der Zeitschrift zu
Schweiz nun neben Zürich an den Hochschul- Infolge des Appells von Claudia von Bastian, die verlängern, anstatt vorschnell eine halbherzige
Standorten Basel, Bern, Fribourg und Olten es schade fand, dass es keine Psychologie-Zeit- Publikation herauszugeben.»
gratis verteilt. schrift gab, und die angeregt durch das Kon- «Macht, was ihr wollt, ich finde dieses Geblog-
Leider erscheint eine ehrenamtliche Tätigkeit zept der damaligen oecnews, dachte, dass wir ge mühsam; ich mische mich nicht mehr ein,
vielen Studierenden in zunehmendem Masse Psychologen so etwas auch können, trafen sich auch habe ich genug Vorschläge gebracht. Aber
unattraktiv – aus unserer Perspektive erweist im Oktober 2006 drei Studierende der UZH und anscheinend ist bei euch eher etwas Triviales
sich die Mitarbeit bei studentischen Projekten gründeten das Projekt «Psycho-Zeitschrift». Bis und Plattes gefragt! Ich sehe ja dann bei der
als essentielle Bereicherung des Alltags zwi- Ende März 2007 die erste Ausgabe von aware ersten Ausgabe, wie das Magazin heisst – falls
schen Studium und Nebenjob. Nicht zuletzt geboren war, fanden zahlreiche Sitzungen, Ab- bis dann ein Titel gefunden wurde.»
ist es ein übergeordnetes Ziel von aware, en- stimmungen und hitzige Diskussionen, z. B. «Als ich eine erneute Übersicht über alle bishe-
rund um die Namensgebung des neuen Maga- rigen Titelvorschläge gemacht habe, ist mir ein
gagierten (Psychologie-)Studierenden, wel-
zins, statt: «Psychoholic», «StuPSY», «PsyMag», Vorschlag, der vorher irgendwie ein wenig un-
che sich neben der studiumsimmanenten Jagd
«Psycho!», «cognition», «aware», «sense», tergegangen ist, das erste Mal richtig aufgefal-
auf Kreditpunkte kreativ betätigen möchten,
«concrete», «Headache», «brainy news», len. Er ist nicht negativ geladen, sondern im
eine Plattform zur freien Entfaltung eigener
«brain burner», «liis mi!?» und viele weitere Ti- Gegenteil ziemlich positiv, passt zu allen Fach-
und origineller Ideen zu bieten. Im Zuge der
tel standen zur Auswahl, wobei das erste Voting richtungen, hat nicht das vom Laut her etwas
aktuellen Leistungsüberprüfungsmethode,
für «StuPSY» sprach – doch sogleich folgten ungünstig klingende ‹Psy› drin und auch nicht
welche in erster Linie stumpfes Auswendig- Zweifel und leidenschaftliche Debatten: das für manche langweilige ‹Psycho›, weckt In-
lernen der Inhalte von Vorlesungspräsentati- «Was machen wir hier eigentlich? Zuerst pseu- teresse und ist auffordernd, dazu hat es trotz-
onen erfordert, scheint dies unerlässlich, zu- dodemokratisch abstimmen, dann legt jemand dem genug mit Psychologie zu tun, weil er eine
mal das Gelernte gänzlich im Sinne des ein Veto ein […]» der grundlegenden menschlichen Funktionen
sogenannten «Bulimie-Lernens» weder lang- «Ich wollte hier auf keinen Fall die Demokratie beschreibt. Und vom Klang her hört es sich
fristig hängen bleibt, noch mit anderen Be- stürzen! Klar sind nie alle mit einem Vorschlag auch sehr schön an: aware!»
reichen verknüpft werden kann. aware soll in zufrieden, es schien nur so, dass die Begeiste- Ja – und … bei der dritten und letzten Abstim-
diesem Sinne nicht zuletzt auch zum Nach- rung nicht so gross war – der Titel ist etwas sehr mung wurde schliesslich und endlich dieser Titel
denken über den Tellerrand des Studierenden- Zentrales.» gewählt.
Alltags hinaus anregen.
8 aware HS11 JUBILäUMBSARTIKEL

rausforderung zu sein», Ähnlich erging es Ma- etwas enttäuschend, da der Rahmen für eigene
so Simone Eberhart. rie-Theres Hosp, die in Kreativität relativ eng war resp. an einer ‹Cor-
Ihr freiwilliges Enga- einem Bewerbungsge- porate Identity› festgehalten wurde.»
gement bei aware habe spräch bei einer Kommu
für sie den Weg in die nikationsagentur bzgl. Adrian Oesch, der in
Verlagswelt geebnet – des aware-Magazins seiner Freizeit neben
heute arbeitet sie als ganz schön ausge- Studium und Arbeit viel
freie Fachlektorin und quetscht wurde: Sie er- fotografiert, reist, musi-
Wissenschaftsjourna- hielt die Aufgabe, Mög- ziert und snowboardet,
listin. Simone erinnert sich noch sehr gut an lichkeiten aufzuzeigen, um aware noch hat bei aware mitge-
die Zeit vor der ersten Ausgabe: «Blättert man grösser, bekannter und populärer zu machen – macht, um sich selbst
in einer Zeitschrift, so scheint alles selbstver- angenommen, sie hätte viel Geld zur Verfü- zu verwirklichen: «Um
ständlich. Wenn du aber eine Zeitschrift auf- gung. Das Praktikum hat sie schliesslich er- meine Ideen zu reali-
baust, merkst du, wie viele Überlegungen hin- halten. Marie-Theres hat derzeit das Ressort sieren und um zu lernen, was es heisst, ein Ma-
ter so einem Produkt stehen. Sollen die Texte Marketing inne, ist Mitglied im RhetorikFo- gazin herauszugeben. Rückblickend habe ich
Meinungen darstellen oder verschiedene Per- rum der UZH, arbeitet im Service, macht ger- wahrscheinlich insbesondere die Teamarbeit
spektiven objektiv aufzeigen? Soll es ein Leit- ne Sport und hat ein grosses Herz für ihren unterschätzt. Da die Aufgaben unter ziemlich
thema geben? Welches Niveau soll beim Leser Freund, ihre Familie und ihre Freunde: «Für vielen Personen verteilt werden, ist die interne
vorausgesetzt werden?» mich ist es eine besondere Herausforderung, Kommunikation eine sehr wichtige Kompo-
da ich im Masterstudium weiter die Kommuni- nente des Gelingens.»
«Wir haben sehr gut zu- kationswissenschaft vertiefe und das Fachge-
sammengearbeitet – wir biet Psychologie nur ‹oberflächlich› kenne. Francisca Stoffel wech-
waren sehr motiviert und Aber ich kann sicher den einen oder anderen selte später zum FAPS,
die Interessen verteilten wertvollen Input aus meiner Disziplin beisteu- wo sie schliesslich eini-
sich ideal auf die ver- ern.» ge Jahre beim Präsidi-
schiedenen Aufgaben- um mitgearbeitet hat.
stellungen. Staunen Auch bei Robin Sul- Sie schreibt derzeit an
musste ich vor allem bei livan wurde aware im ihrer Liz-Arbeit und ar-
der Erarbeitung des er- Rahmen eines Vorstel- beitet nebenbei als Test-
sten Konzeptes: Es wurden Ideen aus verschie- lungsgespräch zur Spra- assistentin mit Schwer-
denen ‹Brainstorming-Teams› zusammengetra- che gebracht – neben punkt Diagnostik in der Studien- und
gen – das Ergebnis war sehr professionell!» so dem Psychologiestudi- Laufbahnberatung im Berufsinformationszen-
Sergio Weber, der heute als Research Manager um, welches er dem- trum des Kantons Zürich: «Ich habe immer ger-
bei der Goldbach Media AG arbeitet und über- nächst abschliessen wird ne geschrieben, wollte etwas für Studierende
zeugt ist, dass er durch sein Engagement bei – arbeitet er 50 Prozent machen und nahm diese Möglichkeit wahr. Ich
aware seine erste Stelle erhalten habe: «Ich hatte am Institut für Sucht- und Gesundheits- erinnere mich besonders an die erste Ausgabe:
mich bei einer Firma für Unternehmensberatung forschung und verdient mit Webdesign etwas Vorab musste besonders viel Arbeit und Team-
beworben. Am Vorstellungsgespräch musste ich Geld nebenbei. Die Möglichkeit, in einem pro- geist erbracht werden, bis etwas völlig Neues
ein eigenes Projekt präsentieren – dadurch, dass fessionellen Rahmen seinem Hobby nachzu- geschaffen wurde. Die Studierenden zeigten
ich verschiedene Abläufe und Herausforde- gehen, dazuzulernen sowie Erfahrungen zu positive Reaktionen, was unsere Arbeit bestä-
rungen eines solchen Projekts kannte, über- sammeln und neue Leute kennenzulernen sind tigte und uns motivierte, weiterzumachen.»
zeugte ich meinen damaligen Arbeitgeber.» Gründe, welche ihn zur Mitarbeit bei aware
Rückblickend reflektiert er, dass er sein Studium bewogen hatten: «Mich interessiert die gestal- Karin Kaufmann nennt folgende Gründe für
ideal mit dem Projekt verbinden konnte, indem terische Umsetzung eines Textes in eine Illus- ihre Mitarbeit: «Durch die administrativen und
er das theoretische Wissen aus seinem Haupt- tration oder ein Layout. Es war sehr berei- organisatorischen Tätigkeiten, durch die Inter-
fach Publizistik- und Kommunikationswissen- chernd für mich und ich habe viele neue aktion mit anderen Vereinen, Weiterbildungs-
schaften um praktische Erfahrungen bereicherte. Erfahrungen gesammelt. Am Anfang war es instituten, Firmen und Interviewpartner habe
JUBILäUMBSARTIKEL HS11 aware 9

ich viele Eindrücke und Schreiberfahrung und Rande mitwirken:


Erfahrungen gesam- vor allem weniger «Eine besondere Erin-
melt. Es ist bereichernd, Freude mit meiner Ge- nerung ist wohl die Na-
Engagement als Ab- dankenwelt gehabt. Es mensgebung, wie es
wechslung zu Studium ist schön, Rückmel- vom ‹Projekt Psycho-
und Nebenjob aufzu- dungen zu eigenen Ar- zeitschrift› zu ‹aware›
bringen sowie mich mit tikeln zu erhalten und kam – das waren lange
Themen der Psycholo- daran zu wachsen. Mir Debatten und Abstim-
gie jenseits von Vorle- hat aware Kontakte zu mungen... Ich glaube,
sungen und Seminaren zu befassen und darü- interessanten Personen ermöglicht, die ich aware hat dabei den kleinsten gemeinsamen
ber zu schreiben. Es ist faszinierend, hinter die sonst – sozusagen ohne guten Grund – nicht Nenner dargestellt.» Tobias ist heute Dokto-
Kulissen der Produktion einer Zeitschrift zu anzusprechen gewagt hätte.» In ihrer Freizeit rand im Bereich Neurowissenschaften beim
sehen und ein Teil davon sein zu dürfen.» Ka- lese sie noch mehr Texte und versuche sich in Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst des
rin ist überzeugt, dass die Tätigkeit in einem Schreibstilen, die deutlich weniger wissen- Kantons Zürich.
studentischen Verein im Lebenslauf positiv schaftlich angelegt seien. Ansonsten koche sie
auffällt, da dies aufzeige, dass man etwas fürs liebend gerne, gehe regelmässig joggen und Sabrina Frei arbeitet
Schreiben übrig habe, organisatorische Fähig- besuche viele Vorträge sowie Konzerte. Ihr als Psychotherapeutin
keiten besitze und über den «Tellerrand» des Geld verdient Dragica durch Sitzwachen sowie in der Forel Klinik und
Studiums hinausblicken könne. Bei ihr habe Tutoratstätigkeiten am Psychologischen Insti- macht daneben die Wei-
sich v. a. das Netzwerk an Personen, welches tut und am Seminar für Allgemeine und Ver- terbildung zur kognitiv-
sie sich durch aware erschlossen habe, bezahlt gleichende Literaturwissenschaft. behavioralen und inter-
gemacht. personalen Psychothe-
Thekla Schulze arbei- rapie am Klaus-Grawe-
Corinne Spörri ist tet als studentische As- Institut in Zürich.
Doktorandin am Lehr- sistentin und erzählte, «Meine Freude am Schreiben hat mich dazu
stuhl für Klinische dass sie seit Beginn bewegt, bei aware mitzumachen. Ich habe zu
Psychologie und Psy- ihres Psychologiestudi- dieser Zeit viele Kurzgeschichten oder Ge-
chotherapie der UZH: ums jede Ausgabe von dichte geschrieben – nachdem ich bei aware
«Ich schreibe sehr ger- aware regelrecht ver- aufgehört hatte, schrieb ich kaum mehr einen
ne und war neugierig, schlungen habe: «Die Text.» Durch die vertiefte Auseinandersetzung
als ich den Aufruf von spannenden Themen, mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung im
Claudia im FAPS-Fo- die interessanten Interviews und die wissens- Rahmen eines Artikels glaubt sie die Thematik
rum las. Zudem fand ich die Idee, zusammen fundierten Artikel unterstützen mich in meiner der Borderline-Symptomatik besser verstan-
ein neues Magazin zu kreieren, spannend und Entscheidung, bei so einem tollen Projekt mit- den zu haben.
herausfordernd. Die Arbeit war sehr interes- wirken zu wollen. Rückblickend kann ich sa-
sant und abwechslungsreich. Neben dem gen, dass ich gerne bei aware dabei bin. Man Auch Nusa Sokolic
Know-how, wie man eine Zeitschrift ins Leben lernt neue Menschen kennen, man engagiert macht die postgraduale
ruft und Artikel gestaltet, konnte ich vor allem sich für ein Projekt ausserhalb der Veranstal- Weiterbildung mit ko-
auch meine Organisations-Fähigkeiten sowie tungen, die dennoch mit Psychologie zu tun gnitiv-behavioralem und
Team-Kompetenzen erweitern.» haben, und man kann dadurch einen Ausgleich interpersonale Schwer-
zur ganzen Theorie finden.» punkt am Klaus-Grawe-
Dragica Stojković empfindet ihre Arbeit fürs Institut in Zürich, wo sie
aware als sehr bereichernd: «Ohne den Druck, Tobias Hauser wollte gerne journalistisch ar- ausserdem als Weiterbil-
meine Gedankenflüsse und Lektüreerlebnisse beiten und fand, es sei endlich Zeit, dass auch dungskoordinatorin und
zu einem bestimmten Zeitpunkt als Text zu- die Psychologen eine eigene Zeitschrift hätten. Psychotherapeutin arbeitet; ferner ist sie in ei-
sammenstellen zu müssen, hätte ich weniger Kurz nach der Gründung von aware steckte er ner Gemeinschaftspraxis als delegierte Psy-
gelesen, weniger konsequent gedacht, weniger in vielen Praktika und konnte leider nur am chotherapeutin tätig. Sie habe aus Interesse an
10 aware HS11 JUBILäUMSARTIKEL

psychologischen Themen, Freude am Schreiben rütteln. Derzeit lernt logiestudierenden am wichtigsten war. Bei
und aufgrund der Verbindung von Journalismus sie auf die Lizentiats- meinen eigenen Artikeln war sicher das Inter-
und Psychologie bei aware mitgewirkt. Auch Prüfungen und freut view mit einer Borderline-Betroffenen sehr
Nusa ist der Ansicht, das sich der Vermerk einer sich auf die absolute spannend.»
ehrenamtlichen Tätigkeit im Lebenslauf gut Freiheit danach: «Erst
macht: «Einerseits zeigt es, dass man bereit ist, Mal weg in die Welt! Auch Noémi Nagy
für etwas zu arbeiten, ohne dass man direkt Ent- Vielleicht habe ich ja schreibt gerade an ihrer
gelt bekommt. Andererseits setzt man sich mit dann Zeit für eine Re- Liz-Arbeit; nebenbei
verschiedenen psychologischen Themen ausei- portage – wer weiss, arbeitet sie in einem
nander und versucht sozusagen auf dem neusten vielleicht schlage ich doch den Journalisten- Assessment-Center als
Stand der Erkenntnis zu sein.» weg ein. Vielleicht werde ich aber auch kli- HR-Assistentin. Ihre
nisch arbeiten – das fasziniert mich gerade bei aware gesammelten
Marina Haller hat aus sehr.» Erfahrungen wirken
purer Neugier, Hilfsbe- sich in ihrer jetzigen
reitschaft und Drang zur Irene Meier macht al- Anstellung sehr positiv aus, da sie u. a. Re-
Kreativität bei aware lerlei neben dem ports verfasst oder Korrektur liest – sie habe
mitgemacht. Der «self- Psychologiestudium: auch schon die Hyperlinks zu ihren aware-Ar-
fulfilling prophecy» sei Sport, reisen und Spra- tikeln als Schreibprobe versandt. Die einstige
Dank habe sie angefan- chen lernen – mitge- Mitarbeit bei aware begründet sie folgender-
gen, Statistik zu lieben macht habe sie, weil sie massen: «Eigene Gedanken zur Psychologie
(vgl. Artikel «Ich liebe gerne schreibe und weil einem Publikum vorstellen zu können, eine
Statistik» unter http://www.aware-magazin.ch/ es eine sinnvolle Akti- Brücke zwischen Wissenschaft und Leser-
archiv.php, aware HS08). Die gebürtige Russin vität neben dem Studi- schaft zu bauen, interessante Themen anzu-
arbeitet heute als Assistentin bei Frau Prof. Strobl um sei, die doch mit dem Studium zu tun habe: sprechen und Schreiberfahrung zu sammeln.»
am Lehrstuhl für Psychologische Methodenleh- «aware finde ich gut, da es einen ‹freiwillig
re, Evaluation und Statistik. zwingt›, sich mit einem Thema vertieft ausein- Mareike Haase arbei-
anderzusetzten. Man gibt sich selbst eine tet als Doktorandin der
Marianne Moll arbeite Deadline, indem man dabei ist, etwas zustande Arbeitspsychologie in
bei der Sozialfor- bringt und auch etwas dabei lernt. Nur einfach der Forschungsgruppe
schungsstelle der UZH so für mich würde ich über ein Thema wohl Organisation, Arbeit
und ist daran, ihr Studi- kaum so detailliert Nachforschungen anstel- und Technologie an der
um abzuschliessen. Einst len, habe schliesslich aber immer Freude, das ETH Zürich. Für ihren
hat sie als Lektorin gear- Resultat zu sehen.» Willen zum Mitwirken
beitet und dachte sich, bei aware sei ihre Freu-
dass sie ihre Kenntnisse Franziska Greuter de am Schreiben, Zeichnen und Lektorieren
auch bei aware gut ein- schreibt derzeit an ihrer ausschlaggebend gewesen. Ausserdem habe es
setzen könnte: «Als Lektorin habe ich jeden Ar- Liz-Arbeit und hatte be- sie gereizt, Psychologie nicht nur zu studieren,
tikel ganz genau angeschaut. Es war spannend, reits als Jugendliche die sondern sie auch schreibend zu reflektieren
mich mit diesen vielen unterschiedlichen The- Redaktion der Vereins- und ihre Inhalte interessierten Kommilitonen
men zu beschäftigen, von denen ich in dieser zeitschrift im Schwimm- und -innen nahezubringen: «Ich fand meine
Bandbreite sonst kaum gelesen hätte.» verein geführt und gros- Zeit als aware-Redakteurin sehr bereichernd,
sen Spass dabei. Bei vor allem auch das Kennenlernen von Redakti-
Vesna-Maria Garstick nennt vielerlei Grün- aware verfasste sie zu- onsabläufen und den Weg von der Artikelidee
de, weshalb sie bei aware mitgewirkt hat: meist Artikel für den StuRa: «Es war immer hin zum gedruckten Beitrag. Sehr schön fand
Schreiblust, Neugier, über das Fachgebiet hi- auch für mich selbst interessant, nochmals auf ich, dass die Redakteure aus den unterschied-
naussehen, Recherchieren, Vernetzen, Zusam- das Semester zurückzublicken, zu überlegen, lichsten Studienrichtungen kamen, was das
menhänge Ergründen, Sensibilisieren und Auf- was wir bewegt hatten und was für die Psycho- Magazin sehr vielfältig macht.»
JUBILäUMSARTIKEL HS11 aware 11

Die Illustratorin Barba- Katharina Szybalski hat Für meine Deutschauf-


ra Antoinette Haegi ist sich schon immer ehren- sätze wurden mir stets
infolge Anfrage eines amtlich engagiert und ungenügende Noten ver-
Kollegen bei aware ein- wollte dies auch an der geben … nichtsdestotrotz
gestiegen und sah es als UZH weiterführen: «Am liess ich mir meine
gute Gelegenheit, das aware hat mit vor allem Schreibfreude nicht neh-
Zeichnen in ihren Alltag so gut gefallen, dass Stu- men. Seit Geburt des Ma-
zu integrieren, so dass dierende eine professio- gazins bin ich voller Lei-
es ihr im Unialltag nicht nell aufgebaute Zeit- denschaft mit von der
abhandenkommen würde: «Ich mache die Zeich- schrift herausgeben – und das auch noch Partie und der festen Überzeugung, dass mir die
nungen meistens auf den letzten Drücker, das kostenlos. Das Schönste am aware ist, die Maga- lehreichen Erfahrungen sowie der Vermerk «awa-
führt jeweils dazu, dass ich aufs Intensivste ta- zine nach erledigter Arbeit in Empfang zu neh- re» im Lebenslauf manchen Nebenjob beschert
gelang nur am Zeichnen bin, was schlussendlich men. Ein besonderes Ereignis war bei der Vertei- haben und mir nun nach Studiums-Abschluss vie-
immer sehr spannend ist.» Neben dem Studium lung im FS11, als wir die Kartons hinten im lerlei Optionen und Perspektiven offerieren.
lese sie sehr gerne Fachbücher, welche mit dem ‹Gummibärlisaal› aufbauten, während zwei Mä-
Studium zwar verwandt seien, jedoch im Rah- dels aus dem 2. Semester im Vorbeigehen gesagt Und zum Schluss noch dies: Ein ganz herz-
men des Studiums nicht abgehandelt würden. haben, ‹Weisst du noch, das ist die Zeitschrift, liches Dankeschön an ALLE awareler (insbeson-
Ausserdem gehe sie leidenschaftlich gern ins die wir im Erstsemestrigen-Tutorat bekommen dere auch an diejenigen, welche aus Platzgrün-
Balletttraining, spaziere im Sihltal oder auf den haben – die war wirklich toll letztes Mal!›.» Ka- den im Rahmen dieses Artikels nicht speziell
Üetliberg und besuche alle paar Monate gute tharina ist überzeugt, dass alleine ihre extracurri- erwähnt wurden) für euer Engagement!
Freunde, welche verteilt in Deutschland und cularen Aktivitäten ausschlaggebend waren, dass
Amsterdam leben. sie diesen Sommer einen Nebenjob als Assisten- aware – das Magazin von und für
tin in einer Coaching-Praxis erhalten hat; ihre Psychologiestudierende
Andreas Wenger war Praxiserfahrungen seien sehr gelobt worden. Neben einer längeren Titelgeschichte wird
von der professionellen in diversen kürzeren Artikeln ein breites Feld
Aufmachung des Maga- Homayun Sobhani hat im losen Themenverbund Psychologie ab-
zins beeindruckt und journalistisches Schrei- gedeckt, mit dem Ziel, Verständnis und
empfindet seine bishe- ben schon immer ange- Neugier für Themenbereiche aus der Psy-
rige Mitarbeit rückbli- zogen und aware als chologie zu wecken und die Leserschaft für
ckend wie folgt: «Meist selbstorganisiertes Stu- unsere facettenreiche Fachrichtung zu sen-
inspirierend und enga- dierendenprojekt biete sibilisieren – nicht zuletzt auch, um Vorur-
teile gegenüber der Klinischen Psychologie
giert, zum Teil auch tur- einen ausgezeichneten
abzuschaffen.
bulent, aber hauptsächlich lehrreich und kreativ. Rahmen für die Opti-
Als Grundsatz gilt es, eine möglichst neu-
Als besonders empfand ich immer jene Mo- mierung im Umgang
trale und wissenschaftlich fundierte Zeit-
mente, wenn die übliche Kommunikationsrich- mit wissenschaftlicher Materie und deren Ver-
schrift zu publizieren; Beiträge sollen weder
tung vom Autor zum Leser mal in die andere öffentlichung: «Es ist mir ein Anliegen, der
durch ideologische noch religiöse oder poli-
Richtung angestossen wurde.» Seit der Vermerk mit Positivismus und quantitativer Forschung
tische Interessengruppen beeinflusst wer-
«aware» in seinem Lebenslauf sei, habe er noch überhäuften Leserschaft mit Themenfeldern
den. Artikel werden so objektiv wie möglich
keine einzige Absage erhalten! Neben seinem aus der psychoanalytischen Lehre vermehrt
publiziert, so dass kontroverse Themen kri-
Studium bläst er gerne Spinnennetze an und be- auf eine aus dem Uni-Alltag verdrängte Diszi-
tisch und ausgeglichen reflektiert werden.
obachtet, wie sie vibrieren. Er lauscht mit Ge- plin hinzuweisen.» Auch er ist der Ansicht,
Ehrenamtlich mitwirkende (Psychologie-)
nuss dem besänftigenden Geräusch eines im Re- dass die Mitarbeit bei einer Zeitschrift, worun-
Studierende erhalten die Chance, eigene
gal versinkenden Buches. Mit dem Zeigefinger ter sehr wohl nicht nur Redaktionelles gemeint
Texte zu veröffentlichen, Illustrationen zu
streift er gelegentlich über das knubbelige Ende ist, als Referenz dienen kann – für ihn spiele
publizieren oder ihr organisatorisches Talent
eines versengten Haares. Im Kaufhaus rempelt dies jedoch keine grosse Rolle: «Mein Beitrag im Rahmen von Marketing- und PR-Tätig-
er dickbäuchige Schnattertanten an, die den Weg gilt vor allem der tatsächlichen Gestaltung und keit unter Beweis zu stellen.
versperren – und entschuldigt sich. Herausgabe des Heftes.»
12 aware HS11 FORSCHUNG AUS ALLER WELT

Kaffee: Halluzinationen bei zu viel Koffein


Von Thekla Schulze

Wenn Smartphone-Fans seelenlose Zombies werden


Für immer mehr Menschen ist das Smartphone heute ein ständiger Be-
gleiter. Am besten hat man es rund um die Uhr bei sich, sei es auf dem
Nachttisch beim Schlafen oder auf dem Baderegal beim Duschen. Es löst
mitunter sogar Panikreaktionen aus, wenn das geliebte Smartphone
einmal kurzfristig nicht auffindbar ist. Klar, die neusten Bilder von ge-
stern Abend wurden mit der Kamera aufgenommen, das Adressbuch ist
voller Nummern, die nirgendswo anders gespeichert sind, und das Kli-

Bildquelle: Adrian Oesch


cken ins Internet kann in manch brenzligen Situationen Wissenslücken
schliessen. Doch während Smartphones auf der einen Seite vieles im
Leben einfacher machen, wirft dieses kleine Gerät neue Probleme auf.
Experten warnen vor erheblichen Auswirkungen auf das Sozialverhal-
ten. Die Psychotherapeutin Lisa Merlo von der Universität Florida betont
die hohe Suchtgefahr, wenn das Smartphone irgendwann die Realität
Kaffee: Halluzinationen bei zu viel Koffein
ersetzt. Manche ihrer Patienten und Patientinnen täten in Gesellschaft
Wer täglich mehr als fünf Tassen Kaffee trinkt, erhöht sein Risiko, Halluzi-
manchmal so, als würden sie damit rumspielen, nur um Augenkontakt
nationen zu erliegen. Dies untersuchten Simon Crowe und seine Kollegen
zu vermeiden. Andere sind so sehr darin versunken, dass sie ihr Umfeld
von der La Trobe University in Melbourne. Sie gingen davon aus, dass Sin-
nicht mehr wahrnehmen. Und die Abhängigkeit dürfte mit der zuneh-
nestäuschungen begünstigt werden, wenn Stress und ein hoher Koffein-
menden Zahl der angebotenen Dienste noch steigern. Längst können
Konsum zusammentreffen.
auch Einkäufe und Bankgeschäfte mit dem kompakten Gerät erledigt
Dazu befragten sie 92 gesunde Testpersonen, welchem Stresslevel sie im
werden. Keosha Harvey aus Burlington im US-Staat North Carolina be-
Alltag ausgesetzt waren und wie viel Kaffee sie dabei konsumierten. Da-
schrieb ihre Gefühle, nachdem ihr Smartphone zu Bruch ging, so: «Nach
raufhin spielte man den Teilnehmenden Tonbandaufnahmen mit weissem
einem kurzeitigen Panikanfall fühlt man sich geradezu nackt.»
Rauschen vor und bat sie, sich zu melden, wenn sie das Lied «White Christ-
 Quelle: www.welt.de
mas» von Bing Crosby hörten. 16 Teilnehmende, die angaben, dass sie
unter grossem Stress litten und dabei einen hohen Koffeinspiegel aufwie-
sen, waren signifikant häufiger der Meinung , das «Lied» gehört zu haben.
Wer sich hässlich findet, sieht auch anderes verzerrt Tatsächlich wurde das Lied jedoch nie gespielt. Simon Crowe schloss da-
Wer seinen Körper als hässlich wahrnimmt, sieht auch andere Dinge ver- raus, dass die Kombination beider Faktoren (Koffein und Stress) das Risiko
zerrt. Nach US-Forschenden soll dies an einer Funktionsstörung im Gehirn für psychoseartige Symptome erhöht. Das Ergebnis mache deutlich, «dass
liegen. Dabei hatten sie erstmals live die Hirnfunktionen von Menschen mit man […] Vorsicht walten lassen sollte».
einer Körperdysmorphen Störung (KDS) beobachtet, während diese ver-  Quelle: www.scienceticker.info

schiedene Fotos betrachteten. Dabei haben sie herausgefunden, dass KDS-


Patienten im Vergleich zu gesunden Teilnehmenden Schwierigkeiten ha- Männer könn(t)en besser zuhören
ben, sich selbst, aber auch andere Objekte, als Ganzes wahrzunehmen. Frauen übertrumpfen die Männer meist, wenn es ums Reden geht.
Auch bei neutralen Gegenständen wie Häusern fokussieren sie sich auf Nicht aber beim Konzentrieren auf einen Sprecher. Nach Tübingern und
einzelne Details, die als störend wahrgenommen werden. Und gerade diese Bochumer Forschenden sollen Männer besser einschätzen können, wo-
Details werden in unserer Wahrnehmung überbewertet. Nach Jamie Feus- her bestimmte Laute in einer Umgebung voller Geräusche kommen.
ner, University of California, können durch diese Studie Behandlungen ent- «Männer können die Schallquellen viel genauer ermitteln als Frauen»,
wickelt werden, um die Selbstwahrnehmung zu verändern. Dennoch ist erklärt Ida Zündorf vom Universitätsklinikum Tübingen. Dabei schlage
nicht klar, ob diese Störung der visuellen Wahrnehmung eine Ursache oder sich jedoch eher das räumliche Vorstellungsvermögen durch. Einen
eine Auswirkung von KDS ist. denkbaren Ursprung hierfür sieht Zündorf in der menschlichen Evoluti-
Eine Körperdysmorphe Störung betrifft ca. zwei Prozent der Bevölkerung. on: Beim Jagen war die räumliche Aufmerksamkeitsleistung enorm
Bei einem Drittel der Patienten und Patientinnen ist sie auch mit Essstö- wichtig. Und diese Spezialisierung hat ihre Spuren in der Gehirnorgani-
rungen verbunden. sation und im Verhalten hinterlassen.
 Quelle: www.welt.de  Quelle: www.scienceticker.info
STUDENT MIT TALENT HS11 aware 13

Student mit Talent, Aron Baumann


Schauspieler im Improvisationstheater und Psychologiestudent
In den letzten beiden Ausgaben von aware zusätzlich kommt man sich ein bisschen wie ist sicher auch später in der Berufswelt wichtig.
haben wir euch jeweils ein weibliches «nackt» vor. Es kann Situationen geben, in de-
Talent vorgestellt – eine Schriftstellerin nen man nicht mehr weiter weiss – das ist ein Was, wenn dir auf der Bühne spontan nichts in
sowie eine Synchronschwimmerin. Da das unangenehmes Gefühl. Wenn es jedoch läuft den Sinn kommt, dir Worte, Gestik und Mimik
männliche Geschlecht an dieser Stelle nicht und beim Spielen etwas Grosses entsteht, dann fehlen?
zu kurz kommen soll, möchten wir in dieser ist das ein unglaubliches Gefühl. Ein Feeling, Dann bist du hilflos und am Rudern – das pas-
Ausgabe einen Psychologiestudenten zu das einen immer mehr nach vorne «puscht». siert. Wenn das der Fall ist, dann saugt man sich
Wort kommen lassen. Vielleicht denkt der eben was aus den Fingern. Ich falle in solchen
eine oder andere von euch bei dieser Gibt es Parallelen zwischen der Psychologie Situationen häufig aus meiner Rolle. Halt kön-
Gelegenheit einmal mehr an die Talente, und dem Improvisationstheater? nen einem die anderen Mitspieler geben bezie-
welche in jedem von uns schlummern. Ja, auf eine Art schon. Unsere Gruppe besteht hungsweise die Person, die mit einem auf der
rein aus Psychologiestudierenden, unser Grup- Bühne steht.
Von Marie-Theres Hosp penleiter macht den Master in der Klinischen
Psychologie. Er ist der Meinung, dass es sehr Welche Charaktereigenschaften muss ein Schau-
Marie-Theres Hosp: Aron, du bist im Improvisa- viele Parallelen zwischen der Psychologie und spieler im Improvisationstheater mitbringen, um
tionstheater aktiv – nun musst du uns kurz in dem Improvisationstheater gibt und sieht vor überzeugend zu wirken?
deinen Worten erklären, was wir genau darunter allem eine Verbindung zur Systemischen Psy- Es braucht Offenheit und Selbstvertrauen.
zu verstehen haben. chologie. Rollenspiele, welche im Theater häu- Wichtig sind auch Spiel- und Experimentier-
Aron Baumann: Improvisationstheater ist, wie es fig vorkommen, werden auch in der Therapie freudigkeit. Wenn man sich überwinden kann,
der Name schon sagt, Improvisation. Das heisst, angewendet. Ich sehe ebenfalls psychologische dann ist extrem viel möglich, und es kann sich
auf der Bühne möglichst schnell eine gute Szene Aspekte, aber diese stehen für mich nicht im etwas Grosses entwickeln. Anfangs war ich
oder Handlung zu finden. Diese sollte so gut Vordergrund. Zusätzlich lernt man im Improvi- auch verhalten, aber irgendwann blüht man auf.
sein, dass sie den Zuschauern gefällt. Beim Im- sationstheater viel über den Menschen und sein Genauso wichtig ist jedoch auch das Vertrauen
provisationstheater geht es im Gegensatz zum Verhalten und natürlich über sich selbst. Die innerhalb der Gruppe.
Theatersport nicht um den Wettkampf. Dabei hat Sache ist aber nicht völlig «durchpsychologi-
man ein gewisses Spielrepertoire sowie fest defi- siert». Für mich ist das Improvisationstheater Bist du ein Lampenfieber-Kandidat?
nierte Regeln. Je nachdem wird das Theaterspiel ein Hobby. Nein, Lampenfieber habe ich keines. Kurz vor
entweder mit einem spezifischen Thema, einem Beginn habe ich jedoch eine Art von Nervosität,
Gegenstand oder fest definierten Rollen begon- Stellt dein Können im Improvisationstheater die sich gut anfühlt. Diese Nervosität gleicht
nen. Es treffen verschiedene Personen aufeinan- eine Erleichterung im Alltag dar? eher einer Art Freude, endlich loszulegen.
der, hierbei ergibt sich eine Szene. Ja, da hilft mir das Improvisationstheater schon.
Ich habe beispielsweise kein Problem, einen Hast du für unsere Leserinnen und Leser ein
Wo liegt der Reiz an der von dir beschriebenen Vortag zu halten oder allgemein vor Leuten zu «Ich-bleib-cool-Rezept» parat?
Art des Theaterspielens? stehen. Ich werde schon auch nervös, aber ich Ganz wichtig ist es, an sich selbst zu glauben,
Im Improvisationstheater geht alles sehr schnell, merke, dass ich spontaner und lockerer bin. Das auch wenn das nicht immer so einfach ist. Viel-
leicht hilft es, sich selbst ab und zu nicht ganz so
Steckbrief ernst zu nehmen.
Name: Aron Baumann
Alter: 24 Was war dein peinlichster Auftritt?
Herkunft: Bern Uff, da kann ich jetzt keine spezifische Situation
Wohnort: Zürich nennen. Grundsätzlich kann es für die Schau-
Studium: 4. Semester Psychologie, Universität Zürich spieler als auch das Publikum peinlich werden.
Talent: Improvisationstheater
Verein: Stück Holz, Zürich Nun, sind wir auf ein spontanes und kreatives
Homepage: Facebook-Gruppe: Stück Holz Schlusswort gespannt.
Lebensmotto: Crack ... lasst euch darauf ein, und gebt euch den Ner-
venkitzel.
14 aware HS11 UNI FORSCHUNG

Der Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsmerk-


malen und Partnerschaftsqualität
Vom Einfluss der Big Five auf die Beziehungszufriedenheit
Von Thekla Schulze ziehung zwischen Mann und Frau (Fährmann, Eigenschaften, wie z. B. ihre Temperament-merk-
1996). Nach Grau und Bierhoff (2003) besteht male, Ein¬stellungen, Werthaltungen, Motive und
«There is no simple recipe for producing happi- eine Partnerschaft, auch Dyaden genannt, aus Aspekte des Selbstkonzepts, verstanden, in deren
ness, but all of the research indicates that for zwei Personen, welche einerseits ihre Lebenser- gesamthaften Ausprägung sich der Mensch ande-
almost everyone, one necessary ingredient is fahrung und andererseits ihre überdauernden ren Menschen unterscheidet (Neyer, 2003). Der
some kind of satisfying, intimate relationship» Eigen¬schaf¬ten, d. h. ihre Persönlichkeiten, in Begriff bezieht sich auf die einzigartigen, psycho-
(Freedman, 1978, S. 48). die Beziehung mit einbringen (Grau & Bierhoff, logischen Merkmale eines Individuums, die eine
2003). Dabei können sich unterschiedliche sta- Vielzahl von charakteristi¬schen konsistenten Ver-
Wie Freedman bereits in den 70er Jahren festge- bile Interaktionsmuster entwickeln: Z. B. liefern haltensmustern in verschiedenen Situationen und
stellt hat, gibt es kaum einen anderen Bereich im sich gewisse Paare in Konflikt¬situationen lange zu ver¬schiede¬nen Zeitpunkten beeinflussen. Das
Leben, der unsere Zufriedenheit und unser emotionale Wortwechsel, während andere Paare Konstrukt Persönlichkeit dient dem Sinn, Personen
Wohlbefinden so stark beeinflusst wie eine ro- den Konflikt nur kurz thematisieren (Asendorf hinsichtlich ihrer verschiedenen Persönlichkeits-
mantische Beziehung. Die Relevanz und die Ak- & Banse, 2000). merkmale zu beschreiben. Persönlichkeitsmerk-
tualität des Themas haben zugenommen, da sich male wurden vor allem durch das Fünf-Faktoren-
die meisten Menschen eine lebenslange intime Definition der Partnerschaftsqualität Modell der Per¬sönlichkeit von Costa und McCrae
Beziehung, beruhend auf Zufriedenheit und Unter dem Begriff der Partnerschaftsqualität (1999) erfasst.
Glück, wünschen (Peirano, 2007). Trotzdem lag versteht man die Partnerschafts¬zufriedenheit
die Scheidungsrate im Jahr 2008 in Deutschland bzw. die Zufriedenheit in einer intimen Bezie- Das Fünf-Faktoren-Modell
bei 49,2 Prozent, in der Schweiz bei 48,4 Pro- hung. Sie ist für die Partner¬schaftsforschung Seit mehr als 20 Jahren ist das von Forschenden
zent und in Österreich bei 47,8 Prozent (Statisti- von hoher Bedeutung, da sie als Kriteriumsvari- überwiegend genutzte Modell zur Untersuchung
sches Bundesamt, 2011). Dieser Ausgang ist able für den Erfolg von Paarbeziehungen fun- der Persönlichkeit das Fünf-Faktoren-Modell
nicht nur mit Trauer und Einsamkeit, sondern giert (Grau & Bierhoff, 2003). Es muss jedoch (Hirsch, 2010). Es ist kulturübergreifend und
auch mit psychologischen und psychosoma- erwähnt werden, dass in der Literatur keine ein- wurde in mehrere Sprachen übersetzt (Zimbardo
tischen Nachwirkungen, wie chronischem Stress heitliche Definition des Konstrukts zu finden ist. & Gerrin, 2004). Das Modell geht davon aus,
oder Depressionen verbunden (Bodenmann, Trotzdem wird in der Forschung die Partner- dass sich die Persönlichkeit eines Menschen in
1998). Dies ist einer der Gründe, weswegen im- schaftszufriedenheit meistens mit der Partner- folgende fünf Hauptdimensionen unterteilen
mer weniger Paare ihre Beziehung dem Schick- schaftsqualität gleichgesetzt. Es handelt sich lässt: Neurotizismus (Angst, Depression, Feind-
sal überlassen wollen (Bodenmann & Brändli, demnach sowohl um die subjektiv erlebte Zu- seligkeit, Im¬pul-sivi¬tät, Selbst-Bewusstsein,
2010). Doch das Entstehen, die Entwicklung, friedenheit als auch um die Sta¬bilität einer Be- Vulnera¬bi¬li¬tät), Extraversion (Wärme, Aktivi-
das Gelingen oder Scheitern der Partnerschaft ziehung (Asendorpf & Banse, 2000). Um Part- tät, Geselligkeit, Durch-set¬zungskraft, Aufre-
hängt auch von der Persönlichkeit der Partner ab nerschaftsqualität generell messen zu können, gung, positive Ge¬fühle), Verträglichkeit (Altru-
(Grau & Bierhoff, 2003). Daraus resultierend bieten sich die folgenden Parameter an: partner- ismus, Fügsamkeit, Bescheidenheit, Vertrauen,
geht die For¬schung davon aus, dass Persönlich- schaftliche Anpassung, partnerschaftliche Zu- Zartbesaitetheit, Aufrichtig¬keit), Gewissenhaf-
keitsmerkmale beider Partner eine zentrale Rol- friedenheit, Stabilität der Beziehung und part- tigkeit (Erfolg, Strebsamkeit, Bedächtigkeit,
le für die Beziehungs¬zu¬friedenheit spielen nerschaftlicher Erfolg (Peirano, 2007). Es muss Kom¬petenz, Gehorsamkeit, Ordnung,
(Bodenmann & Brändli, 2010). jedoch betont werden, dass nicht die Häufigkeit, Selbst¬disziplin) und Offenheit für Erfahrungen
Im Fokus des Interesses steht insbesondere das sondern das Verhältnis von positiven und (Fantasie, Ästhetik, Gefühle, Aktionen, Ideen,
Fünf-Faktoren-Modell von Costa und McCrae negati¬ven Interaktionen die funktionale von der Werte) (Hirsch, 2010). Die fünf Faktoren der
(1992), welches von vielen Forschenden als dysfunktionalen Partnerschaft unterschei¬det Persönlichkeit können mit verschiedenen Frage-
Grundlage ihrer Untersuchungen genutzt wurde (Grau & Bierhoff, 2003). bogenverfahren erfasst werden (z. B. NEO-FFI
(z. B. White, 2004; Noftle, 2006). von Borkenau und Ostendorf, NEO-
Definition der Persönlichkeit Persönlich¬keitsinventar NEO-PI-R von Osten-
Definition einer Partnerschaft Wie zuvor erwähnt, spielt bei der Partnerschaftsde- dorf) (Biermeier, 2008). Damit soll eine Be-
Historisch betrachtet wurde der Begriff finition, der Partnerschaftsqualität und der Partner- schreibung alltagspsychologisch präsenter
«Partner¬schaft» im 19. Jahrhundert von Eng- schaftswahl die Persönlichkeit eine entscheidende Unterschiede in der Persönlichkeit auf reliable
land nach Deutschland übermittelt und Rolle. Die Persönlichkeit einer Person wird als die und valide Art und Weise ermöglicht werden
bezeich¬net erst seit Mitte der 70er Jahre die Be- Gesamtheit all ihrer dauerhaften psychologischen (Hirsch, 2010).
UNI FORSCHUNG HS11 aware 15

auf die Partnerschaftsqualität (Watson et al.,


2000). Bei länger verheirateten Paaren stellt sich
dieser starke Zusammenhang als besonders
wichtig heraus. Die Verträglichkeit kann einen
bedeutenden Einfluss auf die zwischenmensch-
liche Interaktion nehmen und eine funktionie-
rende Partnerschaft stärken, denn je verträg-
licher ein Individuum ist, desto besser kann es
seine Emotionen in interpersonellen Interakti-
onen regulieren (Donnellan et al., 2004). Der
letzte Faktor des Fünf-Faktoren-Modells, wel-
cher noch Beachtung finden soll, ist die Offen-
heit für Erfahrungen. In allen Studien weist die-
ses Persönlichkeitsmerkmal jedoch nur einen
geringen bis gar keinen Einfluss auf die Partner-
schaftsqualität. Trotz kaum vorhandener empi-
rischer Evidenz wird davon angenommen, dass
die Offenheit für Erfahrungen Problemlösungs-
strategien durch intellektuelle und flexible An-
Bildquelle: Sandy Krammer

sätze unterstützten kann (Donnellan et al.,


2004).
Die soeben geschilderten Forschungsergebnisse
betrachtend, kann davon ausgegangen werden,
dass Persönlichkeitsmerkmale eine wichtige
Rolle bezogen auf die Beziehungszufriedenheit
Eine Beziehung – Zwei Persönlichkeiten hervor, welche mit einer negativen Einschätzung einnehmen (Barelds, 2005). Spannend wäre
Liebesbeziehungen sind für die meisten Men- der Bezie¬hungs¬zufriedenheit einhergeht (Ba- dementsprechend eine Weiterführung über den
schen ein wichtiger Bestandteil ihres Wohlbe- relds, 2005). Eine dritte Ursache könnte sein, Zusammenhang zwischen den Persönlichkeits-
findens (Hassebrauck, 2010). Der Verlauf einer dass neurotische Personen mehr Stress verspü- merkmalen und der Partnerschaftsqualität bei
Partnerschaft kann durch viele Faktoren beein- ren und daher auch grössere Schwierigkei¬ten homosexuellen Paaren. Studien betreffende Ver-
flusst werden, sei es durch konstruktive inter- haben, sich mit Partnerschaftsproblemen ausein- gleiche zwischen homosexuellen und heterose-
personale Kommunikation oder ein hohes Com- anderzusetzen. Die zweite Schlussfolgerung be- xuellen Part¬ner¬schaften wären imstande eine
mitment der Partnerschaft gegenüber (Jonas, trifft die Extraversion. Hierfür lässt sich bei jün- bessere Einsicht in die Wirkungen von Ge-
Stroebe, & Hewstone, 2007). Von den Big Five geren bzw. alten Paaren generell eine positive schlecht und Ge¬schlech¬terrollen aufzuzeigen
erweist sich der Einfluss des Faktors Neurotizis- Korrelation feststellen. Ein möglicher Zusam- (Biermeier, 2008). Eine zweite Forschungsfrage
mus auf den Partnerschaftsverlauf als besonders menhang ist, dass extravertierte Perso¬nen bes- könnte den Zusammenhang zwischen den Big
ausgeprägt: Dieser korreliert negativ mit der sere und effektivere Copingstrate¬gien einsetzten Five und der Eltern-Kind-Beziehungen aufzei-
Partnerschaftsqualität und weist dabei zusätz- können als Personen mit einem höheren Anteil gen. Hier handelt es sich um ein essentielles
lich den grössten Effekt auf die an Neurotizismus. Das heisst, dass sie z. B. eher Thema der heutigen Gesellschaft, da diese Kon-
Partnerschafts¬qualität auf (White et al., 2004). nach Lösungen suchen, als sich auf das Problem stellation neben romantischen Beziehungen zu
Ein Grund dafür könnte sein, dass neurotische zu fixieren. Sie kennzeichnen sich durch Wärme den wichtigsten Beziehungstypen gehört und
Personen mehr Kritik, Missachtung und Vertei- und positive Gefühle, was wiederum tendenziell ebenfalls zur Le¬benszufriedenheit beitragen
digung als andere Menschen äussern. Diese ne- zu einer längeren Beziehung führt. Gewissen- kann (Asendorpf und Banse, 2000). Beide For-
gativen Kommunikationsmuster vermögen wie- haftigkeit und Verträglichkeit sind ebenfalls schungsfragen bieten Möglichkeiten, den Zu-
derum eine Beziehung zu zerstören (Malouff et konsistente und replizierbare Faktoren der Be- sammenhang von Persönlichkeitsmerkmalen
al., 2010). Ein weiteres Argument legt eine ne- ziehungszufriedenheit. Vor allem die Verträg- und der Beziehungsqualität neu zu betrachten
gative Verzerrung gegenüber der Partnerschaft lichkeit hat einen hohen Stellenwert in Bezug und weiter aus¬zuführen.
16 aware HS11 WISSENSCHAFTLICHES SCHREIBEN

Journal Impact Factor


Das Mass aller Forschungsdinge – über alle Massen überschätzt
Im September werden die Verleger wissen- ternationale Vielfalt der Autorschaft und einige Die Formel Zitationsanzahl gleich Qualität lässt
schaftlicher Journals nervös: Die neue weitere kaum objektive Kriterien. Überspitzt sich also kaum halten. Die Übersetzung von
Ausgabe der Journal Citation Reports steht formuliert: Der JIF, herangezogen, um das sub- «Journal Impact Factor» scheint aber ziemlich
an. Der darin publizierte Journal Impact jektive Reviewing zu umgehen, berücksichtigt präzise das zu beschreiben, was durch Zitationen
Factor entscheidet massgeblich über die Zeitschriften, die durch Reviewing ausgewählt wirklich erfasst werden könnte: der Einfluss der
Anzahl Abonnements und Inserenten im werden. Zeitschrift. Ist die Formel dafür aber wirklich
folgenden Jahr und bestimmt so den akkurat genug? Wie wertet das ISI eigentlich Zi-
finanziellen Erfolg. Zu Recht? Qualität auf dem Prüfstand tationen mehrerer Tausend Zeitschriften aus?
Das ISI kategorisiert die selektierten Zeitschrif-
Von Simone Eberhart ten nach Fachrichtung, da sich die Mittelwerte Formelkritik
der JIF je nach Disziplin stark unterscheiden. Bio- Dies geschieht heutzutage mit einer digitalen
Der Journal Impact Factor (JIF) gibt an, wie oft wissenschaften produzieren zum Beispiel ver- Suchfunktion, dem «Journal Title Matching»: Für
Forscher und Forscherinnen die wissenschaftli- gleichsweise viele Zeitschriftenbeiträge und da- den Zähler der Formel, die Anzahl Zitationen,
chen Beiträge einer Zeitschrift der letzten beiden durch auch Zitationen. Mathematiker hingegen werden der Zeitschriftenname in Kombination mit
Jahre durchschnittlich in diesem Jahr zitiert ha- publizieren oft gar nicht erst in Zeitschriften, den Veröffentlichungsjahren ins Suchfeld getippt
ben. Um ihn zu bestimmen, wird die Anzahl der sondern in Büchern. Fachübergreifende Journale und die Suchergebnisse summiert. Den Publikati-
Zitationen durch die Anzahl der zitierbaren Pu- wie Nature oder Science haben tendenziell hohe onstyp unterscheidet diese Methode demnach
blikationen geteilt. Nehmen wir als Beispiel das JIF, was eine logische Folge davon ist, dass Wis- nicht. Anders im Nenner: Zu den «zitierbaren»
New England Journal of Medicine: 1996/97 pu- senschaftler mehrerer Fachgebiete sie lesen und Publikationen zählen Artikel, Kurzmitteilungen
blizierte die Zeitschrift 4597 Fachbeiträge. Im daraus zitieren. Das bedeutet, dass eine mathe- und Übersichtsartikel, nicht jedoch Editorials,
Jahr 1998 zitierten Wissenschaftler diese Publi- matische Zeitschrift zum Thema Prädikatenlogik Briefe, News oder Konferenzabstracts. Journals
kationen insgesamt 103´000 Mal, was einen JIF niemals den JIF eines Journals erreichen könnte, mit grösseren Anteilen an nicht zitierbaren Veröf-
von 22,4 ergibt. Das Institute für Scientific Infor- welches das Spektrum von Schwarzen Löchern fentlichungen erreichen folglich einen höheren
mation (ISI, heute Thomson Reuters) berechnet über Magenbakterien bis hin zu neu freigelegten JIF. Nature und Science, deren JIF aufgrund ihrer
den Faktor nun jeweils für alle Zeitschriften und Gräbern abdeckt, auch wenn sie die qualitativ breiten Inhalte ohnehin schon überhöht ist, gehö-
rangiert sie. höchststehende Zeitschrift überhaupt wäre. ren dazu.
Mit den Journal Citation Reports (JCR) ver- Einen weiteren Zacken verliert die JIF-Krone, Ein weiterer häufiger Kritikpunkt betrifft das Zeit-
spricht das ISI auf der Homepage ein «systema- wenn man sich das Zitierverhalten der Wissen- fenster. Reviews werden selbst nach Jahrzehnten
tisches, objektives Mittel [bereitzustellen], um schaftler und Wissenschaftlerinnen vor Augen zitiert, während Kommentare eher kurzlebig sind.
die führenden Zeitschriften der Welt kritisch zu führt: Sie verarbeiten primär Artikel, die im In- Langzeiteffekte erfasst die Formel aber nicht. Ein
beurteilen». Aufschlussreich ist hier das Attribut ternet oder in der Bücherei zugänglich sind – und Fünf-Jahres-Impact-Factor soll dieser Kritik in-
«führend». Denn es gelangen nur etwa 10% aller das sind lange nicht alle existierenden Publikati- zwischen entgegenwirken.
wissenschaftlichen Journale überhaupt in diese onen. An dieser Stelle lässt sich rhetorisch fra- Trotz allem hängt die Qualität einer Zeitschrift
Rangierung. Auswahlkriterien bilden die Publi- gen: Nach welchen Kriterien wählt denn die Bi- mit dem JIF zusammen, meint der Physiker
kationsstandards, redaktionelle Inhalte, die in- bliothekarin die Fachblätter aus? Werner Marx des Max-Planck-Instituts in Stutt-
gart. Ein möglicher Grund dafür könnte sein, dass
Forscher und Forscherinnen in einer Zeitschrift
mit hohem JIF publizieren wollen. Folglich kann
sich dieses Journal die guten Arbeiten aussuchen.
Eine One-way-Kausalität scheint daher plausibel:
Journals mit sehr hohen JIF sind wahrscheinlich
qualitativ gut. Ein grosser Einfluss auf die JIF-fo-
kussierte Wissenschaftswelt ist ebenfalls unum-
Bildquelle: Adrian Oesch

stritten. Dass aber Zeitschriften mit niedrigem


Rang schlecht sind, ist keineswegs gegeben –
höchstens, dass sie nicht die Aufmerksamkeit er-
halten, die ihnen bisweilen zukommen sollte.
WISSENSCHAFTLIHES SCHREIBEN HS11 aware 17

Überarbeiten erlaubt
Warum Schreiben während des gesamten Forschungsprozesses eine wichtige Rolle spielt
Literatur lesen, Experimente durchführen, das kontinuierliche Paraphrasieren von Gele- Die konkreten Vorgehensweisen gehen jedoch,
Daten auswerten – und dann den Text senem (s. Kasten). wie die Antworten gezeigt haben, weit ausei-
erstellen. Ist dieses Vorgehen wirklich Exzerpte haben – im Gegensatz zum Anstrei- nander. Während die einen das Textsammelsu-
sinnvoll? Schreiben erfüllt weit mehr chen – einen ganz wesentlichen Vorteil: Man rium in kleinen Happen, aber von vorne nach
Funktionen, als oftmals angenommen. wird gezwungen, den Text zuerst wirklich zu hinten überarbeiten – und dann vielleicht
verstehen, bevor man seine Inhalte in die eigene nochmals –, beginnt der Überarbeitungspro-
Von Simone Eberhart Arbeit einbaut. Schon mancher merkte kurz vor zess bei anderen eigentlich schon bei der Lek-
dem Abgabetermin, dass er ein wichtiges Paper türe, indem sich «lesen, wieder schreiben,
Ein spannendes Thema ergattert, mit Elan dazu falsch verstanden hat und deswegen die Struktur überarbeiten, wieder recherchieren etc.» stän-
recherchiert und nun doch noch keinen Satz nie- von Grund auf ändern muss. Darüber hinaus bie- dig ablösen.
dergeschrieben? Wie kann das sein, wenn man ten diese Kurzfassungen eine Kohärenz, die das
zuvor doch fleissig unzählige Stellen in etlichen blosse Anstreichen im Text vermissen lässt – Planen vs. ändern
Artikeln angestrichen hat? was sich zu späteren Zeitpunkten als sehr nütz- Dieses «zirkuläre Überarbeiten» wird von den
Antwort: Weil man zu spät mit dem Schreiben lich erweisen kann. Betreffenden jedoch oft als ineffizient wahrge-
begonnen hat. Weil dann so viel gleichzeitig nommen. Und obwohl effizientere Möglich-
zu Papier will, dass es im Gehirn staut. Diesen Strategien der Studis keiten bekannt sind, ändern sie ihre Strategie
Missstand versuchen Studierende häufig mit Eine Handvoll Studierende antwortete auf eine nicht, weil sonst «etwas Wichtiges vergessen»
der altbekannten «Copy-Paste-Methode» los- offene Umfrage über die Mailingliste vom gehen könnte, sie «weniger kreativ» wären oder
zuwerden. Anfänglich scheint diese Strategie FAPS. Sie sollten beschreiben, wann sie im For- «im Flow gehindert» würden.
ja sehr einfach zu sein, doch entpuppt sie sich schungsprozess etwas schriftlich fixieren. Die Dieser Clinch («Ich bin nicht effizient, aber an-
später als Sackgasse: Das Plagiatsrisiko ist ge- Antworten fielen ähnlich aus – bis auf die An- ders wird’s nicht gut.»), den die Studierenden
fährlich hoch und das Umformulieren sämt- sichten zum Überarbeiten. offenbar verspüren, ist aber völlig unnötig:
licher Sätze gestaltet sich als sehr aufwendig, Stichworte, mal gehört oder gelesen, notiert sich Denn die Menge Text hängt nur sehr schwach
zumal auch Übergänge sprachlich geglättet zu Beginn jeder – dann geht’s los mit der Litera- mit dem Fortschritt der Arbeit zusammen.
sein wollen, damit sich das Schreibstück zum tursuche. Während der Recherche Einfälle wie Schreiben ist ein iterativer Prozess. Interessan-
Schluss nicht wie ein Flickenteppich liest. weitere Schlagworte oder Zusammenhänge zu terweise wissen dies die Studierenden intuitiv.
Aber wie macht man’s besser? Eine Arbeits- notieren, scheint ebenso wertvoll zu sein. Einige Im Prinzip gibt es zwei invers gekoppelte Reg-
weise mit langer Tradition, die aber an den empfinden dies auch als geeigneten Zeitpunkt, ler für das Glücken einer wissenschaftlichen
Psychologischen Instituten vergessen gegan- um ein ausgiebiges Brainstorming vorzuneh- Arbeit: Konzeption und Überarbeitung. Wer gut
gen zu sein scheint, stellt das Exzerpieren dar: men, bei dem bereits vorhandenes Wissen ge- plant, wird weniger überarbeiten müssen, als
nauso einfliesst wie gerade Angelesenes. Daraus der, der mit einer minimalen Strategie loslegt.
lässt sich oft schon ein «vorläufiges Inhaltsver- Beides ist aber gleichwohl nötig.
Das Exzerpt
• Schreibe die Struktur des Textes auf
zeichnis» oder Konzept erstellen. Schreiben ist also ein komplexer Prozess und er-
(Überschriften) Geistesblitze zu Auswertungsmöglichkeiten, füllt verschiedene Funktionen: von der Gedächt-
• Fasse jeden Teil in eigenen Worten Interpretationen oder Limitationen der Studie nisentlastung über die Strukturierung bis hin
zusammen etc. zu vermerken, ist auch bei den anderen Ar- zum Erkenntnisgewinn. Ein guter Text entsteht,
• Tippe treffende Formulierungen als beitsschritten anzuraten. Wenn man diese wenn möglichst viele dieser Funktionen genutzt
wörtliche Zitate ab (mit Seitenzahl) Ideen gleich dort einfügt, wo sie im Konzept werden. Zu möglichst vielen Zeitpunkten.
• Notiere eigene Überlegungen als sinnvoll erscheinen, steht ein Grossteil des In-
solche markiert dazu haltes schon, bevor die Forschungstätigkeit be- Anmerkung
• Definiere neue Termini endet ist. Dies ist eine Serie. In jeder Ausgabe wird
Ziel ist, die Hauptaussagen herauszuarbei- Und dann geht es in einem nächsten Schritt ans eine andere Facette des wissenschaftlichen
ten und sinnvoll zu vernetzen. Für einzelne Überarbeiten. Die Studierenden, die an der Um- Schreibens beleuchtet. Letztes Mal: Kreati-
Themenbereiche lassen sich Meta-Exzerpte frage teilgenommen haben, verstehen darunter, vität im Schreibprozess. Nächstes Mal: Ich,
erstellen, indem Kernpunkte der Thematik dass sie fehlende Teile ergänzen, Exkurse und wir oder man? Dos und Don’ts beim wis-
strukturiert gesammelt werden. «Sackgassen» kürzen, die Logik nochmals senschaftlichen Schreiben.
überprüfen und flüssige Übergänge schaffen.
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PROFS PERöNLICH HS11 aware 19

Psychologie weil ...


Warum wollten unsere Professorinnen und Professoren eigentlich Psychologie studieren?
Von Fabienne Meier Im Interview betont Prof. Dr. Ulrike Ehlert im-
mer wieder, dass es im Verlauf des Studiums ir-
Für einige Studierende ist es noch nicht lange gendwann den Moment gibt, in dem man weiss,
her, der Tag, an dem sämtliche Freunde, Eltern «Das ist spannend, das will ich machen!». Auf
sowie Lehrer konsultiert wurden – die «Pro- diesen brauche man eben zu hoffen und zu bau-
und Kontra-Liste» bereits fest im Gedächtnis en. «Heute», sagte sie, «mit etwas Lebenserfah-
verankert –, während sowohl Kopf- wie auch rung, kann ich rückblickend sagen, dass ich
Herz-Antworten wiederholt für Verwirrung ge- mich für vieles interessieren kann und mit einem
sorgt haben: Der Tag, an dem nichts mehr anderen Studium auch persönlich zufrieden ge-
zählte, ausser der Spalte, in welche man das worden wäre.» Bei der renommierten Stressfor-
gewählte Studienfach zur Immatrikulation ein- scherin fiel die Wahl damals zwischen Medizin
füllt. In der Folge stellt es sich vielleicht nicht und Psychologie. Zu ihrer Entscheidung gegen
immer als einfach heraus, jemandem zu erklä- Medizin sagt sie: «In der Medizin ist es sehr
ren, warum man sich für ein Psychologiestudi- schwierig, ganzheitlich zu denken, da es eine
um entschieden hat. Voller Neugier fragte ich hohe Spezialisierung gibt.»
mich: Warum haben die Personen, die vor uns Einen ähnlichen Standpunkt vertritt Prof. Dr.
im Hörsaal dozieren, eigentlich einmal die Veronika Brandstätter-Morawietz, die sich
Entscheidung getroffen, Psychologie zu stu- zwischen VWL, Russisch und Psychologie für

Bildquelle: Ronny Peiser


dieren? Letzteres entschied: «Mich faszinierte die Viel-
falt der Psychologie. In allen Lebensbereichen
sind psychologische Erklärungsansätze relevant.
«Psychologie, weil Menschen
Meine Vorstellung war, dass man mit einem Psy-
absolut spannend sind!»
chologiestudium in so vielen unterschiedlichen
Bereichen würde arbeiten können.» Auf die Fra- sind, bringen einen Teil der Studierenden dazu,
Keine leichte Frage, merkt Prof. Dr. Klaus ge hin, ob sich diese Erwartungen als zutreffend sich genau dafür zu interessieren», pflichtet
Oberauer an: «Das ist schon lange her, und es erwiesen haben, meint die Inhaberin des Lehr- ihr Prof. Ehlert bei.
besteht immer die Gefahr, dass man seine eige- stuhls für Motivationspsychologie: «Die Vielfalt Dass der Berufsalltag nach der «süssen Zeit
ne Biografie in der Erinnerung zurechtbiegt, der Psychologie hat sich bestätigt. Sie existiert des Studierens» auch ganz schön hart sein
so dass sie Sinn ergibt.» Dennoch kann er sich ja nicht nur im Hinblick auf die möglichen Be- kann, zeigt sich am Beispiel von Prof. Dr.
noch daran erinnern, was er sich damals vom rufsfelder, sondern auch im Hinblick auf den Heinz Gutscher: Er sei zurzeit sehr ausgela-
Psychologiestudium erhofft hatte: «Ich hatte Reichtum an Theorien, empirischen Methoden stet durch das Präsidium der Akademie
mir von Psychologie versprochen, die Gründe und Interventionsansätzen.» Schweiz, vielerlei anderer Engagements und,
von Menschen für politische Entscheidungen So vielseitig unsere Fachrichtung ist, so viel- nicht zu vergessen, dem Korrigieren von meh-
besser zu verstehen. Im Studium bin ich davon fältig sind auch die Beweggründe für deren reren hundert Prüfungen. Eines sei für ihn aber
aber abgekommen, weil es zu der Frage wenig Wahl und die Situationen, aus denen sie ge- sicher: «Ich bereue meine Entscheidung keine
attraktive Forschung gab. Ich hatte die Wahl troffen wurde. Prof. Dr. Brigitte Boothe hatte Sekunde, selbst jetzt nicht!»
zwischen psychoanalytisch ausgerichteter po- bereits ein Studium in Philosophie, Germani- Abschliessend kann man, so glaube ich, sagen,
litischer Psychologie und Wahlforschung. Also stik und Romanistik abgeschlossen, bevor sie dass die Entscheidung einmal eine ganz vage
grob gesagt, zwischen Theorien ohne Bezug zu zur Psychologie gekommen war: «Zur Psycho- war, ein Grundinteresse, das durch eine Reihe
den Daten und Daten ohne Bezug zu irgendei- logie bin ich durch Prof. Martin Irle an der von Ereignissen, Personen und Zufällen zu einer
ner Theorie. Im Kontrast dazu fand ich die Ko- Universität Mannheim gekommen. Er hatte konkreten Richtung wurde. Um es mit Frau Eh-
gnitionsforschung sehr spannend – daher bin durch seine Freundschaft mit Leon Festinger lerts Worten zu sagen: «Ganz ehrlich, ich glau-
ich bis heute dabei geblieben.» Es zeigt sich, sehr wichtige Kontakte und bot ungemein an- be, so eine Entscheidung für ein Studium bein-
dass man mit gewissen Erwartungen an Psy- regende Seminare, Vortrags- und Diskussions- haltet nie, dass man genau weiss, auf was man
chologie herangeht, diese sich mit der Zeit veranstaltungen an. «Ich glaube, dass die Qua- sich da einlässt.» Um mit ihren Worten meinen
möglicherweise verändern und sich dabei neue lität der Lehre schon sehr wichtig ist. Nur Einführungssatz zu beenden: «Psychologie, weil
Perspektiven auftun. Lehrveranstaltungen, die irgendwie spannend Menschen absolut spannend sind!»
20 aware HS11 TITELTHEMA

Nachhaltiger Konsum:
Bedürftige Menschen – endliche Ressourcen – unendliche Innovation?
Nachhaltigkeit ist in aller Munde. Ein Blick den Grundstein der Diskussion um nachhaltigen Konsums gehört des Weiteren auch das
auf Versuche und Möglichkeiten, sich der Konsum (Aachner Stiftung Kathy Beys, 2011). menschliche Wohlbefinden, die Lebensqualität
Thematik aus psychologischer Perspektive Umweltpolitische Themen sowie globale Ent- und die Einflüsse, welche von der physischen
anzunehmen. wicklungsprobleme im umweltpolitischen Zu- Umwelt ausgehen (Kaufmann-Hayoz, 2007).
sammenhang wurden diskutiert, und im Rah- Die Breite des Forschungsfeldes lässt erraten,
Von Dragica Stojković men des Dokuments Agenda 21 wurde der dass ein interdisziplinärer Zugang unerlässlich
Begriff «Nachhaltiger Konsum» eingeführt ist (Häberli, Scholz, Bill, & Welti, 2000).
An wem hätten die Schreckensnachrichten der (Aachner Stiftung Kathy Beys, 2011).
letzten Zeit spurlos vorübergehen können? Nu- Die Forschung zu nachhaltigem Konsum sollte Überblick über verschiedene Erklärungs-
kleare Infernos, Öl- und Naturkatastrophen ha- von hoher Priorität sein, doch bringt sie beson- ansätze
ben die Welt erschüttert und in Umlauf stehen- dere Schwierigkeiten mit sich. «Was macht Sterns Artikel Psychology and the Science of
den Diskussionen, wie jener über die das Thema ‹Nachhaltiger Konsum› so wider- Human-Environment Interactions (2000) bie-
Notwendigkeit von Kernenergie, neues Leben ständig für (psychologische) Forschung?», fra- tet einen Überblick über verschiedene Erklä-
eingehaucht. Die Psychologie steht vor wich- gen sich Homburg und Matthies (2010). Als rungsversuche der Mensch-Umwelt-Interakti-
tigen Aufgaben, wie z. B. der Untersuchung Antwort nennen sie die Vielfalt der Definiti- on, die im Folgenden zusammengefasst
der Rezeption und Verarbeitung von Katastro- onen von nachhaltigem Konsum, die Komple- wiedergegeben werden:
phen, die Erarbeitung von effektiven Interven- xität des Konsumverhaltens und damit einher-
tionsmethoden im interdisziplinären Feld und gehende methodische Schwierigkeiten: Es gilt, Hans Magnus Enzensberger –
dem Nachdenken darüber, was die vorherr- die ökologischen, die sozialen und die ökono- Die Scheisse (1964)
schenden Beziehungen zwischen Mensch und mischen Aspekte in ein psychologisches Kon-
Immerzu höre ich von ihr reden
Umwelt über das Menschsein verraten. Der strukt zu konzeptualisieren. Erschwerend
als wäre sie an allem schuld.
folgende Artikel erhebt keinen Anspruch auf
Seht nur, wie sanft und bescheiden
Vollständigkeit in der Darstellung psycholo-
«Erst im Zeichen des modernen sie unter uns Platz nimmt!
gischer Beiträge zum weiten Themenfeld der
ökologischen Denkens finden wir Warum besudeln wir denn
Umweltpsychologie. Fokussiert wird auf den
uns gezwungen, unsere Abfälle in ihren guten Namen
Nachhaltigkeitsdiskurs – insbesondere die
unser Bewusstsein zurückzuneh- und leihen ihn
Thematik des Essens wird näher beleuchtet
men.» – Peter Sloterdijk dem Präsidenten der USA,
und gegebene Anknüpfungspunkte an die Ge-
den Bullen, dem Krieg
sundheits- und die Klinische Psychologie sol-
und dem Kapitalismus?
len angedeutet werden. kommt auch hinzu, dass im Konsumbegriff
Prozesse wie Bedarfsreflexion, Informations-
Wie vergänglich sie ist,
Nachhaltiger Konsum suche, Beschaffungsentscheidung, Nutzung,
und das was wir nach ihr nennen
Peter Sloterdijk (1990, S. 379) schrieb unter Tausch, Verbrauch sowie Verwertung und ggf. wie dauerhaft!
dem Titel Kinder der Analkultur: «Erst im Zei- Entsorgung zusammenkommen (Homburg & Sie, die Nachgiebige,
chen des modernen ökologischen Denkens fin- Matthies, 2010). Die Nachhaltigkeitsforschung führen wir auf der Zunge
den wir uns gezwungen, unsere Abfälle in unser befasst sich einerseits mit verschiedensten und meinen die Ausbeuter.
Bewusstsein zurückzunehmen. [...] Wer nicht Umweltproblemen (z. B. globaler Erwärmung, Sie, die wir ausgedrückt haben,
wahrhaben will, dass er ein Abfallproduzent ist Luftverschmutzung, Wasserknappheit, Lärm soll nun auch noch ausdrücken
und dass er keine Wahl hat, anders zu sein, der oder Biodiversitätsverlust) sowie mit der Un- unsere Wut?
riskiert, eines Tages an der eigenen Scheisse zu tersuchung verschiedener Konsumhandlungen,
ersticken.» Dabei warnt er, ähnlich Enzensber- wie z. B. Energienutzungsroutinen im Alltag, Hat sie uns nicht erleichtert?
gers Gedicht Die Scheisse (vgl. Kasten), den Essverhalten oder dem Kauf von Produkten, Von weicher Beschaffenheit
eigenen Abfallprodukten nur mit Negativität zu die durch Kinderarbeit entstanden sind (Hom- und eigentümlich gewaltlos
begegnen und ermuntert dazu, die «Brauchbar- burg & Matthies, 2010; Steg & Vlek, 2009). ist sie von allen Werken des Menschen
keit des Unbrauchbaren» neu durchzudenken Insbesondere letzteres Beispiel deutet auf ethi- vermutlich das friedlichste.
(Sloterdijk, 1990, S. 379). sche Aspekte des nachhaltigen Konsums hin. Was hat sie uns nur getan?
Die Rio-Konferenz aus dem Jahre 1992 legte Zu manchen Definitionen des nachhaltigen
Bildquelle: Amir Moye TITELTHEMA HS11 aware 21

Die individuelle Wahl (z. B. beim Einkaufen) Bequemlichkeit der modernen Technologie ver- wird des Weiteren die Überzeugung vertreten,
eines jeden einzelnen Menschen hat sicherlich zichten, wenn er sich des Umweltschutzes an- dass durch die richtige Wissensvermittlung Um-
einen beträchtlichen Einfluss auf die Umwelt, nehmen will. Stern weist diese Haltung zurück weltprobleme gelöst werden könnten. Die For-
doch ist nicht zu vernachlässigen, dass der grös- und verweist auf Vorteile moderner Technolo- schung aber zeigt, dass Interventionen, die auf
sere Teil der Umweltverschmutzung Organisati- gien, wie z. B. der Entwicklung verbrauchs- Wissensvermittlung beruhen, keinen oder kaum
onen und nicht Individuen zuzuschreiben ist. freundlicher Autos, welche den Umweltschutz einen Effekt auf umweltfreundliches Verhalten
Selbstverständlich sind auch in Organisationen massiv mit fördern. Um die Umwelt schützen zu haben. Ähnlich wie bei der Prävention des Ta-
Individuen Entscheidungsträger, doch mischen können, wird die Notwendigkeit der Verände- bakkonsums wurde auch im Bereich des Um-
sich schnell gruppendynamische Aspekte oder rung von Werten und Einstellungen der weltschutzes mit angstinduzierenden Mitteln
Profitdruck ein, die in psychologischer For- Menschen postuliert. Stern meint, dass wir als wie Katastrophenphantasien gearbeitet und mit
schung im Zusammenhang mit nachhaltigem Psychologinnen und Psychologen skeptischer Wissensvermittlung verknüpft. Bei Gebrauch
Konsum noch nicht zureichend untersucht wur- sein sollten: Wem ist der fundamentale Attribu- von angstinduzierenden Methoden hat sich je-
den. Die Rolle von Organisationen ist auch beim tionsfehler noch unbekannt (Ross, 1977)? Nicht doch gezeigt, dass die Reaktion der Teilneh-
zweiten Punkt, dem Konsum, nicht zu unter- immer ist Verhalten auf stabile Dispositionen menden in beide Richtungen schlagen kann: Es
schätzen: Nicht nur die von Individuen eingelei- zurückzuführen – oft genug sind Situationsein- ist durchaus möglich, dass Interventionen in
teten Konsumänderungen können Umweltschutz flüsse entscheidend. Kaiser und Gutscher (2003) umweltfreundlicherem Handeln resultieren,
vorantreiben, sondern auch die Optimierung konnten jedoch zeigen, dass umweltfreundliches ebenso möglich ist aber auch, dass Umweltpro-
(Energieeffizienz, Recycling usw.) von Produk- Verhalten stärker von den Einstellungen eines bleme im Denken der Person minimalisiert oder
tionsprozessen von Produkten. Verbreitet ist Menschen als von situationsbedingten Einflüs- ignoriert werden. Welche Richtung eingeschla-
auch die Annahme, der Mensch müsse auf die sen bestimmt wird. Im Nachhaltigkeitsdiskurs gen wird, hängt von zahlreichen Faktoren ab, als
22 aware HS11 TITELTHEMA

Beispiele sind die Kosten der Verhaltensände- erklärt, und es entsteht die Hypothese, dass in und vier Experimentalgruppen, die entweder
rung oder der Bedrohungsgrad der angstinduzie- Grossstädten lebende Menschen glauben, die Rückmeldung a) zum CO2-«Gewinn», b) zum
renden Bilder genannt. Ein weiterer und durch- Natur nicht wirklich zu brauchen. Deren Um- ersparten Geld, das ansonsten für Benzinkosten
aus pragmatischer Weg der Beeinflussung weltsorgen zeigen sich deswegen vorwiegend in gebraucht worden wäre, c) zu beidem oder d)
unseres   Verhaltens geht über die Verschaffung egoistischer Form. Boehnke und Wong (2011, S. keine Rückmeldung erhielten. Alle vier Grup-
von Anreizen, z. B. durch die Preispolitik: Skin- 177) ziehen aus ihrer 21-jährigen Längsschnitt- pen fuhren weniger Auto als die Kontrollgruppe,
ners Stimuluskontrolle mag Ökonomen nicht studie zur Atomangst den Schluss, «dass Furcht wobei jene Gruppe mit der kombinierten Rück-
bekannt sein, nichtsdestotrotz wissen sie um die vor globalen Bedrohungen, die nicht durch meldung auf die meisten Kilometer verzichtet
Macht des richtig gesetzten Preises. Interessant ‹identifizierende Teilnahme› an politischen Ak- hatte. Einen anderen Bereich erforschten de
ist die noch nicht untersuchte Befürchtung, dass tionen bearbeitet werden, tatsächlich in private Pelsmackers und Janssens (2007), die zeigten,
amerikanische Werbung, die aus Perspektive des Ängste verschoben wird, dass also der Verzicht dass sowohl das Wissen über, als auch die Ein-
Umweltschutzes unzählige destruktive Verhal- auf politisches Engagement im Angesicht einer stellung zu Fair-Trade-Produkten das Kaufver-
tensweisen zeigt (z. B. Werbung von Fast-Food erlebten globalen Bedrohung ein langfristiges halten stark beeinflussen. Im Gegensatz dazu
oder sonstigen hochbehandelten Nahrungsmit- Risiko für die seelische Gesundheit darstellt». steht allerdings fest, dass Produktinformationen
teln), in Entwicklungsländern zu unerwünschten Nennenswert ist die von Boehnke und Wong nicht zu ausschweifend sein sollten – bei gut do-
Nachahmungseffekten führen könnte (Stern, (2011) postulierte, aber noch unüberprüfte Hy- sierter Informationsmenge steigt das Interesse
2010). pothese, die Aufgabe von politischem Engage- an Fair-Trade-Produkten. Die grösste Hürde
Sowohl Stern (2000) als auch Steg und Vlek ment bei gleichbleibend grossen Sorgen über scheint letztlich weder die Zugänglichkeit der
(2009) sind sich darüber einig, dass die Identifi- nukleare Gefahren könnte aufgrund der Verdrän- Fair-Trade-Produkte, noch der Preis und auch
kation des konkreten und zu verändernden Ver- gung des latenten schlechten Gewissens psycho- nicht deren Qualitätswahrnehmung zu sein, son-
haltens der Grundbaustein psychologischer In- somatische Beschwerden auftreten lassen. Pe- dern vielmehr die indifferente Haltung Fair-Tra-
terventionen sein sollte, bevor Interventionen ters, Gutscher und Scholz (2011) haben in de-Produkten gegenüber, der es entgegenzutre-
geplant, durchgeführt und evaluiert werden. Zeiten steigender Beliebtheit grösserer, schnel- ten gilt.
lerer und stärkerer Autos ein Modell entwickelt
Ein Patchwork von Forschungsresultaten und überprüft, das psychologische Determinan- Vom Essen besessen?
Schultz (2001) zeigte anhand von vier gross an- ten des Erwerbs verbrauchsfreundlicher Autos In der heutigen Gesellschaft ist das Essen ein
gelegten Studien, dass sich Umweltsorgen in benennt: Direkten Einfluss auf das Kaufverhal- komplexes, kulturelles Gut mit wachsenden An-
egoistische, altruistische und biosphärische Sor- ten nehmen die Einstellungen eines Menschen teilen im medizinischen und politischen Diskurs
gen aufteilen lassen. Die Entwicklung dieser weniger kraftstoffverbrauchenden und kleineren (Chamberlain, 2004). Auch in der Klinischen
drei Sorgentypen wird mit dem Gefühl der Zu- Autos gegenüber sowie die wahrgenommene Psychologie gewinnt die Rolle des Essens etwa
sammengehörigkeit von Mensch und Umwelt Verhaltenskontrolle bezüglich des verursachten durch die breit diskutierte Diagnose «Orthore-
Brennstoffverbrauchs. Indirekten Einfluss ha- xie» an neuer Bedeutung (Bratman & Knight,
InfoPlus Prof. Dr. Heinz Gutscher
ben traditionelle symbolische Motive des Autos, 2000). Es handelt sich dabei um rigides Essver-
Prof. Dr. Gutscher ist Lehrstuhlinhaber der das Problembewusstsein bezüglich Auswir- halten, in welchem dem Nährwert und dem
Sozialen Psychologie am Psychologischen kungen des Verkehrs auf Umweltprobleme und wahrgenommenen gesundheitlichen Aspekt des
Institut Zürich, ist in mehreren Komitees mit die Überzeugung, inwieweit diese durch den Produktes mehr Bedeutung zukommt, als dessen
umweltpsychologischer Ausrichtung aktiv Kauf eines verbrauchsfreundlichen Fahrzeugs Genuss (Cvitkovich-Steiner, 2005). Die Orthore-
und hat zahlreiche Publikationen zum The- beeinflusst werden (Wirksamkeit der eigenen xie ist nur ein Beispiel von vielen, an dem eine
menschwerpunkt Umweltpsychologie ver- Handlung). Verschränkung der Lösungsversuche gesell-
öffentlicht. Bis Ende Juli 2012 kommen wir Autos spielen auch in der Untersuchung von schaftlicher und persönlicher Probleme im Ess-
noch in den Genuss von Prof. Dr. Gutschers Graham und Koo (2011) eine Rolle: Studieren- verhalten eines Individuums zu beobachten ist:
Seminaren und Vorlesungen, danach wird de, die regelmässig Auto fahren, nahmen an ei- Die einen tilgen ihr schlechtes Gewissen durch
er nach 22-jähriger Professur an der Univer- ner Internetintervention teil und gaben für die den Kauf von Bioprodukten, andere durch «Foo-
sität Zürich emeritieren. Zeitspanne von zwei Wochen jeden zweiten Tag damentalismus», und wiederum andere scheinen
Mehr dazu: die Anzahl Kilometer an, auf die sie verzichtet sich demonstrativ weder um den gesundheit-
www.sozpsy.uzh.ch/team/hgutscher.html hatten. Es gab eine Kontrollgruppe, die nicht un- lichen, noch den Umweltdiskurs der Ernährung
ter dem Einfluss der Internetintervention stand zu kümmern (Cvitkovich-Steiner, 2005; Pflume,
Bildquelle: Adrian Oesch TITELTHEMA HS11 aware 23

2011). Bereits 1993 stellte Lawrence mit dem Ti- Oft verschmelzen in einer Person mehrere Er- Aus Sicht der Klinischen Psychologie und der
tel seines Artikels eine zentrale Frage: Is vegeta- nährungs- und Lebensweisen, so dass ethische, Gesundheitspsychologie ist die Frage nach der
rianism a diet or an ideology? Wie weit die mo- gesundheitliche und ökologische Aspekte sich Rolle des schlechten Gewissens in Handlungen
ralischen Konsequenzen bei manchen Vegane- verbinden und zu einer «green identity» wach- die Umwelt betreffend essenziell. Welche Arten
rinnen und Veganern reichen, zeigt unter ande- sen. Menschen, die sich als besonders umwelt- des schlechten Gewissens durch einen nachhal-
rem die für Aufsehen erregende «vegan sexuality bewusst erleben, grenzen sich dabei einerseits tigen Lebensstil reguliert werden, inwiefern sich
movement»: Vegane Menschen, die nur mit an- von anderen, weniger umweltbewussten Men- ein umweltbewusster Lebensstil als Handhabung
deren veganen Menschen Geschlechtsverkehr schen ab und bekennen sich andererseits zu ei- intrapsychischer Konflikte eignet und ob so
haben (Potts & Parry, 2010). In Potts und Parrys ner Gruppe, die ähnliche Werte pflegt (Whit- mehr Wohlbefinden erreicht wird, sind Fragen,
Studie (2010) wurden die – überwiegend sehr ne- marsh & O’Neill, 2010). Es konnte die näher anzuschauen lohnend wäre.
gativen – gesellschaftlichen Reaktionen darauf herausgearbeitet werden, dass die «green iden-
untersucht, wobei der symbolischen Verknüp- tity» auch über Ajzens und Fishbeins (1957)
Lesetipps
fung von Fleischkonsum und männlicher Potenz Theory of Planned Behavior hinaus prädiktiven
McLaren, L., & Hawe, P. (2005). Ecological
besondere Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Wert für umweltfreundliches Verhalten hat
perspectives in health research. The Journal
Die Analyse zeigt, dass die Entscheidung vega- (Whitmarsh & O’Neill, 2010). Gleichzeitig las-
of Epidemiology and Community Health,
ner Menschen, nur mit Gleichgesinnten sexuel- sen sich auch bei sehr umweltbewussten Men-
59, 6 -14. doi: 10.1136/jech.2003.018044
len Kontakt zu pflegen, als eine Form von sexu- schen Identitätsdissonanzen finden, wie z. B.
eller Abstinenz und Kontrolle, als sexuelle die Äusserung, die Welt intensiv bereist zu ha- Könneker, M.-L., & Fischer-Homberger, E.
Störung, als eine Geschmacks- und Luststörung ben oder im Besitz eines Autos zu sein. Hier (1990). Götterspeisen, Teufelsküchen. Texte
sowie als Diskriminierung Fleischessenden ge- schlagen Whitmarsh und O’Neill (2011) vor, und Bilder vom Essen und Verdauen, vom
genüber gedeutet wurde. Kurz gesagt: „veganse- Personen mit Identitätsdissonanzen zu konfron- Fressen und Fasten, Schlecken und Schlem-
xuals (and more broadly vegans per se) are repre- tieren, um sie so noch umweltfreundlicher zu men, von Fett und Fleisch, Brot und Tod.
sented as (sexual) losers, cowards, deviants, machen. Wie sinnvoll der Zugang ist, sei dahin- Frankfurt a. M.: Luchterhand.
failures and bigots“ (Potts & Parry, S. 64). gestellt.
24 aware HS11 PSYCHOLOGIE IM ALLTAG

Eltern im Schulkontext
Können Eltern wirklich helfen?
Im Rahmen des Projekts «Mit Kindern 15jährigen Schüler in der Schweiz haben entwe- terscheidet (Pomerantz, Moorman, & Litwack,
lernen» habe ich meine Masterarbeit der lediglich grundlegende oder geringe Lese- 2007). Eltern können die Motivation ihrer Kin-
geschrieben. Dabei habe ich mich mit der kompetenzen (Martin & Owen, 2001). Die von der fördern, indem sie autonomieunterstützende
Rolle der Eltern während der Primarschul- Daniel Pennac beschriebene Hilflosigkeit und Hilfestellungen geben, das heisst Strategien ver-
zeit befasst und die Wirksamkeit des die damit verbundenen Sorgen scheinen also mitteln, anhand welcher das Kind selbst auf die
Elternkurses «Mit Kindern lernen» wissen- nicht wenige Eltern zu betreffen. Lösung kommt. «Fällt dir dazu ein Beispiel
schaftlich untersucht. ein?», «Kannst du das vielleicht in deinem
Das Kind will nicht lernen! Es lernt aber Schulheft oder im Lexikon nachschlagen?» oder
Von Nora Völker doch etwas … «Lies den Abschnitt noch einmal.» sind Bei-
Ein Vater berichtet in der Lernberatung, dass spiele für die sogenannte «Hilfe zur Selbsthil-
Können Eltern wirklich helfen? sein Sohn Tobias schlecht im Rechnen ist. Jeden fe». Üben Eltern hingegen Druck aus, zeigen
«Inwieweit betrifft mich diese Frage?», denken Tag sitzt er vor seinen Rechenhausaufgaben und sich kontrollierend und vorwiegend an einem
wir vielleicht im ersten Moment. Und dies si- kritzelt nur auf dem Übungsblatt herum. Wenn perfekten Ergebnis interessiert, kann sich dies
cherlich zu Recht! Schliesslich liegt die Schul- er ihn geduldig bittet anzufangen, stösst er auf eher leistungshemmend auswirken (Grolnick et
zeit lange zurück und die Unterstützung von ei- Widerstand. «Nein, ich kann das nicht!» – nicht al., 2000; Ng et al., 2004). Darüber hinaus ist
genen Kindern mag gedanklich in weiter Ferne selten endet die darauf folgende Diskussion in entscheidend, welche Rückmeldungen die El-
liegen oder überhaupt kein Thema sein. Den- Tränen. Etwas betroffen erzählt der Vater, dass tern hinsichtlich der Veränderbarkeit von Lei-
noch möchte ich im Folgenden Überlegungen er sich nicht immer zurückhalten könne. Immer
anstellen, inwieweit diese Frage im Hinblick wieder würde er ungeduldig werden und Sätze
auf die Reflektion des eigenen Lernverhaltens wie «Jetzt denk doch mal nach!», «Warum dau- Exkurs
Eine Reise zurück in die eigene Schulzeit
vielleicht doch von Interesse sein könnte und ert das so lange!» oder «Das hatten wir doch ge-
kann spannend und hilfreich sein. Es kann
wie Psychologinnen, Psychologen, Pädago- stern erst!» bekäme Tobias öfter einmal zu hö-
ausreichen, sich die eigenen Gedanken bei
ginnen und Pädagogen Eltern darin bestärken ren. Solche Reaktionen sind nachvollziehbar.
der letzten Prüfungszeit bewusst zu ma-
können, ihre Kinder in der Primarschulzeit kon- Und doch wird bei genauerem Betrachten deut-
chen. Dabei entdecken wir bestimmt viel
struktiv zu begleiten. lich, dass Tobias hier zwar nicht Rechnen lernt,
Hilfreiches: Wir lernen weiter und halten
aber etwas über sich selbst. Vielleicht entwickelt
durch, auch wenn wir am liebsten das schö-
Schlechte Schüler – besorgte Eltern er die Meinung, dass er sicherlich nie Rechnen
ne Wetter geniessen würden. Oder wir be-
«Ich war ein Gegenstand der Verwunderung, lernen wird oder er vertritt die Ansicht, dass
ruhigen uns, indem wir denken, «Wenn es
und zwar der permanenten, denn die Jahre gin- man auch gut ohne zu rechnen durchs Leben
nicht klappt, dann geh’ ich halt noch einmal
gen ins Land, ohne dass sich an meinem Schul- komme. Jansen und Streit (2006) weisen darauf
hin». Vielleicht haben wir durch unsere Er-
schwachsinn etwas änderte. ‹Es verschlägt mir hin, dass Eltern schon sehr früh mit beeinflus-
fahrungen in der Schulzeit einen Umgang
die Sprache›, ‹ich kann es nicht fassen› sind sen, ob sich ihre Kinder auch noch später als Er-
mit Leistungssituationen gelernt, mit dem
meinem Ohr vertraute Äusserungen zweier Er- wachsene beim Lernen eher positiv oder negativ wir selbst zufrieden sind. Einige haben si-
wachsener, in deren Augen ich sehen konnte, beurteilen. cherlich auch im Studium bewusst daran
wie sich ungläubiges Staunen über mangelnde gearbeitet, Prüfungszeiten besser zu mei-
Auffassungsgabe ausbreitete», schreibt Daniel Wie Kinder wirksam unterstützt werden stern. Vielleicht ertappen wir uns aber auch
Pennac (2009, S. 16) in seinem Buch Schul- können manchmal dabei, wie uns Gedanken wie
kummer. Sicherlich können die meisten Lese- Nach Wild und Remy (2001) helfen 90 Prozent «Das schaffe ich nie!» oder «Ich fange mor-
rinnen und Leser auf eine angenehmere Schul- der Eltern von Primarschülern bei den Hausauf- gen damit an.» beim Lernen lähmen oder
zeit zurückblicken. Lernstörungen im engeren gaben. Je mehr Schwierigkeiten die Kinder in dazu führen, dass wir erst gar nicht damit
Sinne weisen laut internationaler Studien zwi- der Schule haben, desto eher endet die Hilfe in anfangen. Im Buch «Effektiv denken – ef-
schen vier und acht Prozent aller schulpflichti- Konflikten (Niggli et al., 2007). Es stellt sich fektiv lernen» von Fabian Grolimund,
gen Kinder auf (z. B. Hasselhorn & Schuchardt, daher die Frage, was denn tatsächlich positive welches kostenlos unter www.mit-kindern-
2006; Landerl & Kaufmann, 2008). Wie die Pi- Hilfe auszeichnet. Die Forschung konnte zeigen, lernen.ch heruntergeladen werden kann,
sa-Studie zeigt, bilden diese Zahlen jedoch dass sich konstruktive Hilfe von weniger oder können Anregungen zum Thema Lernen
nicht all jene Kinder ab, welche Schwierig- sogar kontraproduktiven Formen der Hilfe vor- gefunden werden.
keiten in der Schule haben. Rund 20 Prozent der wiegend hinsichtlich vierer Eigenschaften un-
PSYCHOLOGIE IM ALLTAG HS11 aware 25

reicher Forschungsergebnisse gilt als gesichert,


dass das Umfeld ‹Familie› einen ebenso grossen
Einfluss auf die Schulleistungen, den Wissenszu-
wachs, die Lernmotivation und die Bildungslauf-
bahn der Kinder hat wie die Schule selbst.»

Eine «Schule» für Eltern?


Der Elternkurs «Mit Kindern lernen» ist für El-
tern von Primarschulkindern der ersten bis
vierten Klasse konzipiert. Er richtet sich sowohl
an Eltern, die den Kurs aus Interesse besuchen
wollen, als auch an jene, die im Lern- und Haus-
aufgabenbereich Schwierigkeiten erleben. An
fünf Abenden werden Inhalte zu Motivation, all-
gemeinen Lerntechniken und autonomieunter-
stützender Hilfe vermittelt. Eltern, die von Lern-
schwierigkeiten ihrer Kinder berichten, werden
zudem effektive Übungen gezeigt, die sie zu
Hause mit ihrem Kind in kurzen Lerneinheiten
durchführen können. Stehen eher schwierige
Verhaltensweisen, wie Hausaufgabenkämpfe
oder Unselbständigkeit im Vordergrund, werden
im Kurs Handlungsmöglichkeiten der Eltern be-
sprochen, die zu einer positiven Lernatmosphäre
und selbständigem Arbeiten beitragen können.
Bildquelle: Nicole Apodaca

Was kann der Kurs versprechen?


In einer Evaluationsstudie zum Elternkurs mit
Wartekontrollgruppen-Design konnten wir erste
Erfolge des Kurses aufzeigen. Die teilneh-
menden Eltern gaben in Fragebogenuntersu-
chungen vor und nach dem Kurs an, sich in Be-
stung geben. Auf der einen Seite können Eltern Pomerantz, 2003). Neben der Qualität des Feed- zug auf schulbezogene Themen kompetenter zu
über positive Rückmeldungen, welche auf die backs besteht zudem ein Zusammenhang zwi- fühlen. Sie berichten von einer entspannteren
Anerkennung von Anstrengung und die Bezug- schen der emotionalen Stimmung der Eltern und Beziehung zum Kind und weniger Hausaufga-
nahme auf die individuelle Leistungsfähigkeit der Motivationslage des Kindes. Gelingt es den benkonflikten; negative Gefühle bei den Haus-
ausgerichtet ist, das Kompetenzerleben der Kin- Eltern, während der Hausaufgaben eine positive aufgaben können durch den Kurs reduziert wer-
der steigern (Pomerantz et al., 2006). Anderer- Grundhaltung gegenüber dem Kind aufrechtzu- den. Bei den Kindern aus der Treatmentgruppe
seits wirken sich Rückmeldungen demotivie- erhalten, so wirkt dies den negativen Emotionen zeigte sich im Vergleich zu den Kindern aus der
rend aus, welche die Schulleistung auf stabile beim Kind wie Gefühlen der Hilflosigkeit entge- Kontrollgruppe ein signifikanter Anstieg der
Eigenschaften zurückführen. Wird Kindern in gen (Pomerantz, Wang, & Ng, 2005). Schliess- Anstrengungsbereitschaft. Hinsichtlich des
Äusserungen wie «Niemand in unserer Familie lich beeinflussen auch die Überzeugungen der schulischen Selbstkonzeptes, der Lernfreude
kann Mathe» direkt oder indirekt vermittelt, Eltern hinsichtlich des Leistungsvermögens ihrer und der Schuleinstellung konnten vorerst ten-
dass Leistungsfähigkeit nicht verändert werden Kinder die tatsächlichen Leistungen und das denzielle Unterschiede gefunden werden. In
kann, führt dies zur Vermeidung von Leistungs- kindliche Kompetenzerleben (z. B. Jodl et al., grösser angelegten Studien bleibt nachzuweisen,
situationen und letztendlich zum Absenken jeg- 2001; Wigfield et al., 2006). Rammert und Wild inwieweit die positiven Veränderungen der
licher Anstrengungsbereitschaft (Kempner & (2008, S. 13) fassen zusammen: «Aufgrund zahl- Treatmentgruppe signifikant überlegen sind.
26 aware HS11 PSYCHOLOGIE IM ALLTAG

Konsumpsychologie
Zwischen Psychologie und Wirtschaft: Einblick in einen weniger bekannten Zweig
der Psychologie.
Als angewandte Wissenschaft sucht Konsumpsychologie Lösungen für gegebene Pro- Wie die Wirtschaftspsychologie insgesamt ist die
bleme. Gegeben sind die Probleme im Umfeld der Wirtschaftspraxis, wenn es darum geht, Konsumpsychologie aber nicht nur ein Zwitter-
(potenzielle) Konsumenten bzw. Konsumentinnen zu verstehen. Wie finden psycholo- wesen aus Psychologie und Wirtschaft, sie steht
gische Konzepte und Theorien in diesem Bereich Anwendung? zugleich auch zwischen Sozialpsychologie einer-
seits und Arbeits- und Organisationspsychologie
Von Damaris Burri dorff, 2004). Diese Funktionen können in einer andererseits. Denn trotz ihrer offensichtlichen
oder in verschiedenen Personen vorliegen. Nähe zu Letzterem haben sie «[…] aus dem Fun-
Wenn es darum geht, Konsumpsychologie in das dus der Sozialpsychologie bisher am meisten pro-
Gefüge verwandter Disziplinen einzuordnen, Anfängliche ökonomische Modelle zur Erklä- fitiert: Die wichtigsten Theorien (z. B. die Konsi-
wird oft auf Wiswede (2000) verwiesen, der fol- rung individuellen Kaufverhaltens definierten stenztheorie) und Konzepte (z. B. das
gende Unterteilung vornimmt: Wirtschaftspsy- den Konsumenten als Homo oeconomicus, wie Einstellungskonzept) haben in die Wirtschaftspsy-
chologie gliedert sich in Arbeitspsychologie, auch von Pelzmann (2010) beschrieben. Dieser chologie Eingang gefunden und in diesem Aufga-
Organisationspsychologie und Marktpsycholo- entscheidet rational nach dem Prinzip der Maxi- benfeld empirische Forschung angeregt» (Wiswe-
gie. Zur Marktpsychologie gehören wiederum mierung des eigenen Nutzens. Seine Reaktion ist de, 2010, S. 21). So werden Wirtschafts- und
verschiedene Teildisziplinen wie die Konsum- somit nur von den von aussen gegebenen Varia- Konsumpsychologie auch an verschiedenen Uni-
und Werbepsychologie. Obwohl zum Thema blen wie dem Preis abhängig, stabil und voraus- versitäten verschiedenen Abteilungen zugeordnet
Konsumentenverhalten bereits viele Analysen sagbar. Diese Annahme des rein rationalen Käu- (wenn überhaupt unterrichtet).
durchgeführt wurden (Raab, Goddard, Ajami, & fers erwies sich jedoch immer mehr als
Unger, 2010), wird Konsumpsychologie im unzureichend. Der grössere ökonomische Ent- Beispiel einer aktuellen Studie
deutschsprachigen Raum selten alleine, sondern scheidungsspielraum führt auch dazu, dass öko- Sivanathan und Pettit (2010) sind der Frage-
meistens in einem Atemzug mit einem weiteren nomisch-rationales Verhalten an Notwendigkeit stellung nachgegangen, warum gerade Men-
Teilbereich genannt, also nicht unbedingt als ei- verliert (Maier, 2011). Zudem verfügt der schen mit sehr niedrigem Einkommen den
genständige Fachrichtung gesehen. Mensch in unserer unsicheren und komplexen grössten Teil davon für Statusgüter ausge-
Welt nicht über genügend Kapazitäten und mei- ben. Dazu haben sie vier Studien (Labor- und
Bei der Konsum- und Marktpsychologie handelt stens auch nicht über alle Informationen, was für Feldstudien) durchgeführt. Sie kommen zu
es sich um einen nach dem Zweiten Weltkrieg das postulierte Entscheidungskalkül nötig wäre dem Schluss, dass das Bedürfnis, Statusgüter
entstandenen Forschungsbereich, der aufgrund (Pelzmann, 2010). Nicht rationale Beweggründe zu erwerben, zumindest teilweise auf einen
der auftretenden Absatzprobleme entstand (Mai- und nicht wirtschaftliche Lebensbereiche wer- angeschlagenen Selbstwert zurückzuführen
er, 2011). Durch den zunehmenden Wohlstand den vernachlässigt. Aus der Psychologie kennen ist. Der Besitz von Statusgütern, bzw. das Er-
fand ein Übergang vom Verkäufermarkt zum wir die Relativität von Entscheidungen zu be- leben davon, scheint dem Selbst Schutz ge-
Käufermarkt statt. Müssen nicht mehr nur stimmten Bezugssystemen. Soziale Netzwerke, gen Negativität zu verleihen. Statusgüter
werden gebraucht, um psychologischen
Grundbedürfnisse befriedigt werden, wächst der resp. die sozio-kulturelle Umgebung, beeinflus-
Schmerz zu lindern, wenn andere Quellen
ökonomische Entscheidungsspielraum der Käu- sen Kaufentscheidungen und -handlungen mass-
nicht verfügbar sind.
fer, so dass die Wirtschaft abhängiger von sub- geblich (Raab et al., 2010; Wiswede, 2000).
So kann das Bedürfnis, unser Selbst zu schüt-
jektiven Verhaltensweisen wird (Pelzmann, Menschen sind ausserdem sparsam mit Kogniti-
zen, Entscheidungen in wichtigen Bereichen
2010). onen; sie arbeiten mit Heuristiken und schema-
unseres Lebens steuern, welche im Kollektiv
In der Konsumpsychologie ist es offensicht- tisch organisiertem Alltagswissen. Entschei-
bedeutende Konsequenzen haben. Das Stre-
licher als in anderen Bereichen der Wirtschaft, dungen können besser erklärt werden, wenn der
ben nach Selbstintegrität erklärt, warum
dass von der Psychologie profitiert werden kann. ganze Problemlösungsprozess einbezogen wird.
aversive Zustände (wie Hilflosigkeit, Armut
Psychologie beschäftigt sich allgemein mit dem Diese Inputs aus der Psychologie haben offenbar
etc.) Personen zu vermehrtem Konsum moti-
Denken, Erleben und Verhalten von Individuen. gefruchtet (Raab et al., 2010).
vieren können. Die Tendenz emotionaler Be-
Für die Konsumpsychologie gilt das Gleiche, In der gegenwärtigen Krise beobachtet Pelz-
dürfnisse, rationale Konsumentscheidungen
nur in Bezug auf den Menschen im System der mann (2010), dass weitere Fortschritte in dieser
zu untergraben, ist Teil der Herausforderung,
Wirtschaft bzw. auf den Menschen in seiner Beziehung gemacht werden, indem der Mensch
exzessiven Konsum zu bremsen und Haushal-
Rolle als Konsument bzw. Konsumentin. Dabei nicht mehr nur als Konsument, sondern gemein- ten mit niedrigem Einkommen aus der Schul-
kann man zusätzlich zwischen Entscheider, Zah- hin als Wirtschaftssubjekt mit seinem Verhalten denfalle zu helfen.
ler und Verbraucher unterscheiden (Tromms- im Beruf etc. im Fokus steht.
Bildquelle: Rebekka Stähli PSYCHOLOGIE IM ALLTAG HS11 aware 27

Daneben greift die Konsumpsychologie jedoch schäftsleben anzusehen ist und dass es offenbar Trommsdorff Verbraucherpolitik, Wirtschafts-
auch Konzepte aus so gut wie allen anderen erheblicher Anstrengungen bedarf, den Mitar- politik und Wettbewerbsrecht.
Feldern der Psychologie auf: Kognition und beitenden das «Denken und Fühlen mit dem Aus psychologischer Sichtweise stehen detail-
Lernen, Emotion und Motivation, Persönlichkeit Kopf des Kunden beizubringen» (Trommsdorff, liertere Elemente, die den Menschen betreffen,
und Entwicklung, biologische Psychologie und 2004, S. 22). Anwendung findet die Konsumen- mehr im Vordergrund. Hingegen interessieren
Wahrnehmung. tenforschung vor allem im kommerziellen Mar- sich Ökonomen mehr für gesamtwirtschaftliche
keting (in Bezug auf die Gestaltung von Preis, Mechanismen und entsprechende Möglich-
Aus den Befunden der Konsumpsychologie Kommunikation, Produkt und Distribution), keiten, diese in Gang zu setzen, um die Wirt-
folgt dann die Anpassung an Konsumenten bzw. aber auch im sogenannten sozialen Marketing, schaftslage in eine gewünschte Richtung zu be-
Konsumentinnen sowie deren Beeinflussung. dass sich mit nicht kommerziellen Gütern und einflussen (Tinbergen, 2010). Diese jeweils vom
Der Nutzen für das Marketing wird unmittelbar Leistungen beschäftigt (wie z. B. Verkehr und anderen Ende ansetzenden Perspektiven können
ersichtlich, wenn man bedenkt, dass Kundenmo- Gesundheitspolitik). Als weitere Posten, denen zu produktiven Auseinandersetzungen führen.
tivierung als wichtigster Erfolgsfaktor im Ge- Konsumentenforschung von Nutzen ist, nennt Allerdings beklagt sich Pelzmann (2010) über
28 aware HS11 PSYCHOLOGIE IM ALLTAG

Bildquelle: Adrian Oesch


die Aussenseiterrolle der ökonomischen Psy- se Investition tätigt, kann in der Regel mitreden, len soll; sie muss dafür aber auch mehr bieten,
chologie und die mangelnde Zusammenarbeit in wenn es darum geht, in welche Richtung ge- beispielsweise was Erklärungsmodelle für Mas-
diesem Bereich. Auch Trommsdorff (2004) be- forscht wird. senprozesse betreffen. Mit den gegenwärtigen
mängelt, wie «marketingenthaltsam» die Psy- Wiswede kritisiert weiter die Trennung der Ar- Schlagzeilen zu Wirtschaft und Finanzen im Hin-
chologie sei. Neuere Problembereiche (wie z. B. beits- und Organisationspsychologie von den üb- terkopf, möchte ich mich ihrem Wunsch an-
Schattenwirtschaft oder ökologische Fragestel- rigen Wirtschaftsbereichen. Tatsächlich gibt es an schliessen, dass sich die Psychologie diesem Ge-
lungen) werden nur zögernd angegangen, findet der Universität Bern die Abteilung Arbeits- und biet in Zukunft vermehrt widmet.
auch Wiswede (2000). Er wirft der akade- Organisationspsychologie, dennoch sind mir
mischen Psychologie sogar «Wirtschaftsfeind- selbst Begriffe wie Wirtschafts- oder Konsumpsy- Literaturtipps:
lichkeit» vor. Man werde hierzulande als «Hel- chologie nicht begegnet. Es gibt zwar eine win- Trommsdorff, V. (2004). Konsumentenver-
fershelfer im Dienste niedriger Gesinnungen» zige Sektion in der Unitobler-Bibliothek in Bern, halten. Stuttgart: Kohlhammer.
gesehen, wenn man sich auf die Wirtschaftspra- das der Wirtschaftspsychologie gewidmet ist, nur
xis einlasse. Es leuchtet ein, dass Psychologen steht die meines Wissens vollkommen leer. Dabei Wiswede, G. (2000). Einführung in die
bzw. Psychologinnen und Forschende der Psy- könnte der Einbezug dieser Themenkreise eine Wirtschaftspsychologie. München: Ernst
chologie in ihrer Autonomie eingeschränkt sind, weitere Chance sein, die Kluft zwischen Praxis Reinhardt.
wenn sie für eine bestimmte Organisation arbei- und Theorie zu überbrücken, die vielleicht gerade
ten. Gleichzeitig stellt sich die Frage, welcher uns Studenten (die sich noch orientieren und de- Eine Anlaufstelle für mehr Infos z. B. über
Wissenschaftler bzw. welche Wissenschaftlerin nen die Frage «Was machsch när?» im Nacken Recherche oder Karrieremöglichkeiten ist
denn wirklich auf eigenen Beinen stehen kann. sitzt) noch mehr auffällt. Pelzmann (2010) plä- z. B. die Society for Consumer Psychology:
Forschung ist nun mal ein Bereich, in den für die diert jedenfalls dafür, dass die Psychologie in Zu- http://www.myscp.org/ (2011-07-26).
Zukunft investiert werden muss. Wer immer die- kunft eine wichtigere Rolle in der Ökonomie spie-
PSYCHOLOGIE & GESELLSCHAFT HS11 aware 29

Vom Regen in die Jauche


Zur Psychotherapie der Migration
Mit einem Ausländeranteil von 22 Prozent Ende 2009 ist die Migration in der Schweiz aus «inneren Ausland» und der Konzeptualisierung
der politischen Debatte kaum mehr wegzudenken (Bundesamt für Statistik, 2010). Nachste- der unbewussten Schicht im Seelenleben des
hendes befasst sich mit diesem Thema aus einer psychotherapeutischen Perspektive und Menschen, weist Freud auf die Komponente des
versucht, einige Grundsätze der therapeutischen Arbeit mit Migration nachzuzeichnen. Fremden beim eigenen psychischen Erleben hin.
So wie das Bewusste mit all seinen Abwehrme-
Von Homayun Sobhani dienen derartige Versuche zur Instandsetzung chanismen dem Unbewussten gegenübersteht,
nationaler Selbstkonzepte und Linderung jener verhält sich das Bekannte zum Fremden aversiv.
Der verkrüppelte Baum im Hof narzisstischen Kränkung des Kollektivs. Ange- Und doch wohnt dem Fremden eine Faszination
Zeigt auf den schlechten Boden, aber sichts dessen entfällt der Psychotherapie die inne: «[...] ebenso wenig wie das Unbewusste
Die Vorübergehenden schimpfen ihn einen Möglichkeit, im Elfenbeinturm ihrer klinischen bloss das Nichtgewusste ist, ist nämlich das
Krüppel Institutionalisierung zu verbleiben. Sie muss Fremde nur das Unbekannte. […] Die Ambiva-
Doch mit Recht. sich ihrer Stimme im Gesundheitswesen bedie- lenz von Angst und Faszination prägt mein Ver-
nen, um sich der politischen Lage zu stellen. halten gegenüber dem Fremden und bestimmt
… Psychotherapeutisches Arbeiten ist heute inner- zugleich meine Haltung zu mir selbst. Das
halb der Regelungen eben dieses Gesundheits- Fremde und das Eigene stehen also in einem
In der Figur des Poeten, wie ein verkrüppelter wesens eingebunden, welches als Ausdruck ei- ähnlichen Verhältnis zueinander wie das Unbe-
Baum sich den Klauen des Exils beugend, zeich- ner sozialökonomischen Kategorie deren Werte wusste und das Bewusste» (Erdheim, 1993, S.
nen sich geistige und körperliche Ermüdung ab. und Strukturen reflektiert. In Anbetracht der in 167). Besonders in der psychoanalytischen Kul-
Die Vorübergehenden bringen dem Heimatlosen der Zahl anwachsenden, politischen Pogrome turtheorie hat das Fremde eine geradezu axio-
Gefühle der Verhöhnung entgegen. gegen Ausländer birgt jene sozialökonomische
Kategorie demnach Fremdenfeindlichkeit in
Autonome Schule Zürich (ASZ)
In seinem Gedicht Schlechte Zeiten für Lyrik, sich, was notwendigerweise auch im Bereich
Menschenrechtsorganisationen und -ver-
geschrieben 1939 im dänischen Exil, fängt Ber- des Gesundheitswesens widergespiegelt wird.
bände gibt es viele. Doch selten ist man da-
tolt Brecht genau jenes Erlebnis der Ohnmacht Somit konstruiert die Psychotherapie als Be-
vor gefeit, als solche Organisation durch
ein, welchem Tausende von Migranten fern von standteil der sozialökonomischen Basis, was das
Mangel an Selbstkritik einer paternalis-
ihrer Heimat ausgesetzt sind. Die Einsicht der Fremde in der Dimension der therapeutischen
tischen Haltung zu verfallen. Einer der we-
eigenen Ohnmacht aufgrund der Nichtzugehö- Tätigkeit ausmacht. Deswegen gehört im Hin-
nigen Vereine in Zürich, der sich reflektie-
rigkeit erfährt einmal durch strukturellen Ras- blick auf die klinische Arbeit innerhalb der ge-
rend mit dem Thema der Migration befasst,
sismus z. B. in Form von kulturell-normativer gebenen Institutionen das Konzept des Fremden
ist die Autonome Schule Zürich (ASZ). Im
und ökonomischer Sanktionierung, zum anderen einer Aufklärung, damit die Forschung nicht Rahmen des Projekts Bildung für Alle bietet
durch archetypische Gewalt wie rechtsextremis- blosse Reproduktion der vorherrschenden Poli- sie seit rund zwei Jahren gratis Deutsch-
tische Übergriffe oder Polizeikontrollen eine ab- tik bleibt, sondern durch Selbstreflexion in kri- kurse für Migranten an und ist ein Freiraum
scheuliche Übersteigerung. Eine eminente Be- tischer Distanz zu gesellschaftlichen Instituti- für zwischenmenschlichen Austausch und
deutsamkeit erhielt die Thematik der Migration onen wirken kann. kulturelle Entfaltung. Die ASZ hat zum Ziel,
in der Schweiz in den letzten Jahren durch die den von der Gesellschaft ausgeschlossenen
Änderung des Asylgesetzes 2008 sowie die Mi- Zur oben erwähnten Aufklärung gehört vorerst Menschen den Zugang zu ebendieser zu er-
narett- und die Ausschaffungsinitiative 2009 die Annäherung an das Fremde in seiner sehr möglichen. Nebst Deutschkursen führen le-
bzw. 2010. Zunehmend drängen sich Fragen der alltäglichen Form, als Bestandteil des eigenen gale und illegalisierte Bewohnerinnen und
Integration und Sensibilisierung einander frem- psychischen Materials, das bewusste oder unbe- Bewohner der Schweiz führen verschie-
der Lebenswelten in die Öffentlichkeit. Halbpat- wusste Erleben als Fremder im Umgang mit der denste Veranstaltungen durch und wollen
zige Integrationsversuche durch die Politik, eigenen Person und dem vertrauten Lebens- so mehr als ein blosses Projekt sein. Man
Presseannoncen und bürgerliches Toleranzgeha- raum. Einer der Pioniere der Psychotherapie und will einen Lebensraum für alle schaffen.
be, welche allerwärts en public Bekenntnisse der Vater der Psychoanalyse, Sigmund Freud, Kontakt: Verein Bildung für Alle, Autonome
gegen Fremdenhass ablegen, sind Zeugnisse je- hat bereits die Diskussion über den fremden An- Schule Zürich, Hohlstrasse 170, 8004 Zürich
nes Irrtums, solche Zeitprobleme auf diese Wei- teil im Subjekt vorweggenommen. Mit der Äus- www.bildung-fuer-alle.ch / www.schuel.ch
se mit Erfolg bekämpfen zu können. Vielmehr serung, die Psychoanalyse befasse sich mit dem
30 aware HS11 PSYCHOLOGIE & GESELLSCHAFT

matische Stellung erlangt. Der Kultur bzw. Zivi-


lisation sei das Element des Fremden inhärent.
Kulturelle Erneuerungen entstünden aus der
Konfrontation mit dem Fremden: «[Die Kultur]
ist gewissermassen das Produkt der Veränderung
des Eigenen durch die Aufnahme des Fremden.»
(Erdheim, 1993, S.178). Damit ist die Begeg-
nung mit Prinzipien und Strömungen gemeint,
welche vorerst vom betroffenen Subjekt als
fremd empfunden werden und mit denen es sich
auseinandersetzen muss. Der Kontakt des Kin-
des mit sozialen Normen, die seinen eigenen
Trieben entgegenstehen, führe schliesslich zur
Internalisierung jener Werte. Die Begegnung
mit neuen, vorerst fremdartigen Ideen der Avant-
garde würde von einer Gesellschaft zuerst be-
kämpft, doch aus der Faszination mit jenem Ide-

«Das Bedürfnis, beachtet zu


werden, ist nicht ein menschlicher
Beweggrund unter anderen – es ist
der Wahrheitsgrund aller anderen
Bedürfnisse, [...] konstitutives
menschliches Faktum [...]. In
diesem Sinn existiert der Mensch
nicht vor der Gesellschaft [...], das
Menschliche gründet im Zwischen-
menschlichen [...].»
– T. Todorov, 1998.

enmaterial entstünde deren Übernahme ins

Bildquelle: Homayun Sobhani


eigene Denken.
Der substanzielle Vergleich zwischen dem Un-
bewussten und dem Fremden hatte auch seine
methodologischen Folgen für die Psychoanaly-
se und analytisch-orientierte Psychotherapie.
Damit der Therapeut ins Unbewusste bzw.
Fremde des Patienten eindringen kann mit dem struktive Projektionen seitens des Analytikers aus der Psychoanalyse wie auch anderen Rich-
Ziel der Bewusstmachung seiner verdrängten vermeiden und eine effiziente Behandlung voll- tungen der Psychotherapie. Analytiker wie Wil-
Konflikte, schlug Freud vor, dass das Eigene ziehen. Dies führte zum allbekannten Setting, helm Dilthey und Wilfred Bion oder der Philo-
des Therapeuten so gut wie möglich ausge- in welchem der Patient praktisch in einem Mo- soph Hans-Georg Gadamer warfen den klassisch
schaltet werden soll (Bittner, 1993). Der Analy- nolog frei assoziiert, während der Analytiker orientierten Therapeuten Orthodoxie und dok-
tiker muss imstande sein, seine eigenen Gefühle zuhört und selten die Lenkung der Assoziation trinäres Denken vor und plädierten für eine in-
und Komplexe beiseite zu legen, um sich frei übernimmt. In der klassischen Psychoanalyse teraktionelle Therapieform. Der Analytiker
dem fremden Patienten in seiner gesamten hat sich diese Haltung bis heute gehalten. Je- sollte bereit sein, sich in einen dialektischen
Fremdheit zu begegnen. Nur so liessen sich ob- doch wurden auch oppositionelle Stimmen laut, Austausch mit dem Analysanden zu begeben.
PSYCHOLOGIE & GESELLSCHAFT HS11 aware 31

Das Erfassen des Patienten mit seinen Kon- «Heimwehkrankheit» und deren psychische und und Anpassung. Psychisches Leiden zeigt sich
flikten und psychischem Material könne nur in physische Folgen für Soldaten, welche jahrelang häufig in Depression, Konzentrationsunfähig-
Bereichen erfolgen, in denen der Psychothera- fern von ihrer Heimat leben mussten. Nament- keit, sexueller Unlust bis hin zu psychotischen
peut auf Bekanntes, Eigenes stösst. Das Finden liche Erwähnung verdient weiter Peter Möhring, Zuständen. Möhring erinnert, dass sich natürlich
einer gemeinsamen Basis und dialogisches deutscher Arzt für psychosomatische Medizin auch bei ausländischen Patientinnen und Pati-
Denken sind a priori für ein wirksames Verfah- und Therapie. In seinen Ausführungen zur kul- enten Grundprobleme psychischen Daseins wie
ren. turellen Differenz und psychosomatischen Er- infantil neurotische hinter aktuellen, situativen
Der oben dargestellte Abriss dieses Diskurses krankung (2000) betont er, dass der Migrations- Problemen verbergen, die ihre besondere Stel-
weist darauf hin, dass in der Psychotherapie die prozess von verschiedenen Faktoren abhängt. lung als Migranten schaffen.
Weichen für eine tiefgreifende Annäherung an Einerseits betreffen diese Faktoren die Ge-
das Thema des Fremden auf verschiedenen Dis- schichte der Migrierenden selbst, andererseits Für viele Therapeuten ist es schwierig, eine adä-
kussionsebenen bereits gestellt worden sind. das aufnehmende Gastland. Beachtet werden quate Haltung gegenüber dieser Komplexität
Doch um auf die anfangs implizierte Argumen- muss die politökonomische, kulturelle und reli- aufzubringen. Es ist besonders hilfreich, wenn
tation zurückzugreifen: Wie soll die Psychothe- giöse Distanz zwischen dem Herkunfts- und der Therapeut sich mit der fremden Kultur aus-
rapie effizient für die Behandlung von Patienten dem Gastland. Auch die Anpassungsbereitschaft einandersetzt. Die Frage bleibt natürlich, bis zu
mit Migrationshintergrund aussehen? der Migrantinnen und Migranten, ihr sozialer welchem Grade sich der Therapeut mit den kul-
Status und natürlich die Beweggründe für die turellen Charakteristika seines ausländischen
Der Ansatzpunkt der transkulturellen Psycho- Emigration sind von besonderer Wichtigkeit: Ist Patienten beschäftigen muss. Viel wichtiger, so
therapie ist das Verstehen der Probleme beim die Reise als Arbeitsemigration angetreten wor- Möhring, sei jedoch die Beweglichkeit und Be-
Aufeinandertreffen von Menschen mit unter- den oder wegen lebensbedrohlicher, politischer reitschaft, sich dem Fremden auch in Sphären
schiedlicher Herkunft und differenten Entwick- Umstände (Krieg, politische Repression, Hun- anzunähern, die unangenehm sein können. Ob-
lungsbedingungen. Ein wichtiger Punkt ist hier gersnot usw.)? Die Aufnahmebereitschaft und wohl es sehr bedrückend und unbequem ist, sich
die Aufklärung über die Grundbedingungen per- die Ausprägung xenophober Struktur des Gast- in ein fremdes Gegenüber einzufühlen, können
sönlicher Entwicklung, welche unter charakte- landes sind ebenfalls Teil der gesamt-therapeu- jene Augenblicke die bedeutsamsten sein. Trotz-
ristischen sozialökonomischen Konditionen tischen Betrachtung. Möhring versteht die psy- dem soll auf eine Art intermediären Bereich
stattfindet. Das Ziel der transkulturellen Psy- chosomatische Erkrankung bei Migranten als zwischen Kulturen hin gearbeitet werden, ein
chotherapie ist, die therapeutische Arbeit durch Folge der Anpassungsstörung. Es wird darauf Bereich der zwischenmenschlichen Begegnung
eine Erweiterung der kulturellen Perspektive zu hingewiesen, dass bereits eine fehllaufende An- und gemeinsamen Kommunikation, die trotz
einem Medium zu formen, welches die psy- passung an die Gesellschaft innerhalb der eige- Sprachbarrieren bestehen kann. Ein Zwischen-
chische Struktur von ausländischen Patientinnen nen Kultur pathogene Konsequenzen nach sich bereich, der «eine kurze gemeinsame interkultu-
und Patienten in Abhängigkeit ihres Migrations- ziehen kann. Erst recht treten jene Konse- relle Geschichte» (Möhring, 2000) schreiben
hintergrundes berücksichtigt. Nennenswert in quenzen in grösserer Dimension auf, wenn die kann, um eine befriedigende Behandlung zuzu-
diesem Kontext sind Klaus Rodewig, Anne Fels Person veränderten kulturellen und kommunika- lassen. Dies soll dem Patienten, welcher aus
und Elke Obermann, die sich hauptsächlich im torischen Strukturen ausgesetzt ist, dies, weil Verzweiflung die Therapie aufsucht, helfen, sich
deutschsprachigen Raum mit verschiedenen die Protektion durch ethnisch-kulturelle Identi- in einer aktuell schwierigen Situation, die von
Fragen der transkulturellen Psychosomatik, tät nicht mehr gegeben ist. Körperliche Be- politischer Einschränkung und sozialer Diskri-
Identifikationsproblemen und Integrationslei- schwerden, wie dauerhaftes Müdigkeits- und minierung geprägt ist, einen gesunden Zugang
stung bei Migranten befassen. Dabei soll in Schwindelgefühl, Magenbeschwerden und Ge- zu seinem neuen Umfeld zu finden.
einem strukturell-rassistischen politischen Kli- lenkschmerzen entstehen dann als Folge von
ma eine differenzierte Forschung betrieben wer- einem Defizit an eigenem kulturellem Raum. Literaturtipps
den (Rodewig, 2000). Auf der einen Seite sind körperliche Symptome Heise, T., Golsabahi, S., & Stompe, T. (Hrsg.)
Obwohl die transkulturelle Psychotherapie eine der Ausdruck psychischen Schmerzes als Reak- (2009). Jeder ist weltweit ein Fremder. Ber-
junge Disziplin ist, reichen ihre Fundamente bis tion auf den Verlust der kulturellen Identität. lin: Verlag für Wissenschaft und Bildung.
ins 17. Jahrhundert zurück. Emanuela M. Leyer Weiter sind sie die Manifestation des Scheiterns
(1991), Psychotherapeutin aus dem Bereich der im Prozess der Anpassung und physische Er- Hammes, M. (2005). Erzähl mir vom Süden.
transkulturellen Psychotherapie, schildert die schöpfungsreaktion als Konsequenz einer Ich- Heidelberg: Wunderhorn Verlag.
erste klinische Auseinandersetzung mit der Schwäche mit der Inkompetenz zur Flexibilität
32 aware HS11 PSYCHOLOGIE & GESELLSCHAFT

A brief analysis on psychological aspects of the


integration processes within the EU
This article proposes a discussion on central EU integration depends on the adaptation and Greenwald, McGhee, & Schwartz, 1998)
social psychological theories and the main articulation of every single group with one ano-
instruments that the EU has chosen to ther so that they can all peacefully coexist. Ho- Social-Economical Status (SES)
implement in fighting intolerance. In order wever, as taught in social psychology, inter- SES is a measure of both economic and socio-
to do so, it lists various programs that aid group relations and group processes are not logical dimensions of an individual, or family,
the process of integration in the EU, always peaceful (Farley, 2000). based on income, instruction, wealth and liveli-
focusing particularly on the students’ role In 1988, Walter Lipgens wrote: «Most of the hood. Farley (2000) found a strong correlation
and their active participation. great wars that the world has known arose from between one’s SES and their level of prejudice:
conflicts among European states. In future such results showed that people with lower SES
By Flavio De Azevedo conflicts may be the occasion of another war have higher levels of prejudice.
which would mean the end of the human civili-
One might wonder why in a society that values zation. This danger can only be avoided by a Education Level
capital driven initiatives are there a multitude federation of European states which is itself a The simplicity of stereotyping, often defined
of funding possibilities for exchange and mobi- part of the world system of collective security.» as a preconceived idea or an oversimplified be-
lity programs, grants for volunteering abroad, lief that whatever is defined for a member of a
incentives for international universities’ coope- group can be automatically attributed to the
«Most of the great wars that the
ration, creation and standardisation of a Euro- entire group, favours the idea that education
world has known arose from
pean educational system, development of plays a fundamental role. In fact, education is
conflicts among European states.
short-time employment placements and so often a way to hinder stereotypical thinking; as
In future such conflicts may be the
forth. All these policies have de facto a specific we become better educated, we grow to be less
occasion of another war which
target, the youth, and a specific intention, em- intolerant and more able to comprehend diffi-
would mean the end of the human
powerment. cult ideas and situations (Farley, 2005).
civilization. This danger can only
With the increasing number of its countries In a recent doctorate thesis (Guthrie, King, &
be avoided by a federation of Eu-
members and future perspectives of a constant Palmer, C., in press) found that intellectual de-
ropean states which is itself a part
but sustainable expansion, the EU inexorably velopment is significantly related to levels of
of the world system of collective
faces intricate and complex problems to predict prejudice toward African Americans, homose-
security.» – (Lipgens, 1988, p. 37)
and prevent prejudice, discrimination, rise of xuals and to a general measure of tolerance.
nationalism, xenophobia, etc.; all of which are From this research, higher levels of prejudice
domains of research in psychology. were more likely to be found in individuals who
In this article I propose to analyse and discuss Human Nature had lower levels of intellectual development.
the main psychological theories and the main Tajfel, in 1970, showed that even in randomly Although it is reasonable to assume a correla-
instruments the EU has chosen to implement in divided groups, with no possible associated tion between SES and education level, it is not
fighting intolerance. Furthermore, I will pre- bias, people tended to favour their in-group rat- always the case and is therefore only a partial
sent some of the various programs and projects her than the other groups, e. g. attributing their answer. Whatever the reason for the spawn of
that are available, with the intent of supporting own success to the their inherent qualities and prejudice, when it comes to group dynamics
the EU integration process, focusing particu- the other’s achievements to chance or circum- we’re almost bound to differentiate, discrimi-
larly on the students’ role and their active parti- stance. This experience is called minimal group nate and be biased towards any group that we
cipation. paradigm and shows that it might be intrinsic to do not consider our own.
Today, the European Union is composed of 27 the human race to discriminate. This social
member states, encompasses approximately process is frequently connected with prejudice Extrapolation of Prejudice
500 million people (Eurostat, 2009) and is re- and stereotyping. Jean-Philippe Leyens in 2000 corroborated
sponsible for producing a quarter of the global The causes and origins of discrimination, preju- much of the above by further extending the
economy, according to their gross domestic dice or stereotyping go beyond the scope of this concept within a new paradigm: infra-humani-
product (IMF, 2010). These numbers on their article, but not their consequences. Research zation. His theory can explain extreme forms
own should provide an insight on how many shows how our behaviour, attitudes and beliefs of aggressive behaviour towards the out-group,
different groups, ethnicity, religions, etc. are are inescapably associated with them and how e. g. genocides. Leyens theorises that we tend
included under its umbrella. The success of the we are often unaware of its presence. (e. g. to attribute uniquely human emotions (love,
PSYCHOLOGIE & GESELLSCHAFT
RUBRIK HS11 aware 33

also to promote a more European-minded, flexi-


ble and mobile workforce» (LLP Leaflet, 2010).
An Erasmus student is often required to face a
new language, culture, housing, and new lear-
ning structures and methods; and as they do so,
they challenge their own stereotypes and con-
front them with reality.
An additional approach to understand prejudi-
ce genesis is through social learning (Bandura,
1977), where one adopts prejudiced attitudes
by socialisation processes like internalisation,
modeling and reward and punishment. It oc-
curs for the entire course of one’s life through
contact with agents of socialisation (e. g. fami-
ly, school, teachers, peer group and work). To
address this issue, the EU implemented the
Comenius Programme where schoolchildren,
teachers and parents associations can take part
in an exchange experience abroad, in-service
training abroad, joint curriculum development,
and ideas and setting of protocols.
On the website of the Executive Agency of Ed-
Bildquelle: europa.eu

ucation, Audiovisual & Culture its objectives


are described as:
The Youth in Action Programme is aimed to
inspire a sense of active European citizenship,
solidarity and tolerance among young Euro-
hope, regret, despair) to our in-group, humani- the contact possesses optimal conditions (e. g. peans, promoting mobility within and beyond
sing it and, by contrast, dehumanising the out- the behaviour of the out-group is not consi- the EU‘s borders, non-formal learning and in-
group, refusing its humanness. Thus, making stent with their stereotype, contact between tercultural dialogue, encouraging the inclusion
an in-group member more prone to violent be- groups members are often and in different so- of all young people, regardless of their educa-
haviours towards a dehumanised out-group cial contexts, the out-group member is percei- tional, social and cultural background.
and its members. ved as a representative of that culture). There- There are a massive number of programmes
As a result of all of the above social mecha- fore, I hypothesise that the EU has been and projects (e. g. Leonardo da Vinci, Grundt-
nisms, the EU, in order to encompass so many battling prejudice in its core through all sorts vig, Monet, Tempus, Marie Curie, Media, Cul-
groups, cultures, religions and ideals, must use of intercultural programs, interactive leaning, ture, Languages) that not only would fit the
the tools at its disposal to sponsor the mutual and experience abroad; reducing the distance contact hypothesis to reduce prejudice, but
understanding of all the different groups. The between one’s stereotype of a culture and rea- would also be a faithful application of many
EU does so, very closely to what the contact lity, raising awareness of one’s own traditions other theories with similar purposes.
hypothesis (Allport 1954; Rothbart, & John, and/or ethnicity, and at the same time adding a With seemingly ingenuous supportive pro-
1985) describes as one of the best ways to im- value and importance to the others: mutual grammes, designed and presented as educatio-
prove relations between belligerent groups. learning and reciprocal identification. nal fostering initiatives, the EU is successfully
The essential underlying principle is that pre- tackling prejudice among a multitude of its citi-
judice may be reduced as one learns more One of the best examples of this idea is the Eras- zens, without their awareness, much like preju-
about the out-groups (Allport, 1954). mus Programme, an inclusive student exchange dice and stereotype itself, for the construction
Rothbart and John (1985) found that the where you are exposed to other countries and of a more intercultural, inclusive, receptive, and
contact hypothesis is an effective technique if cultures to enrich your study experience «but open minded union of Europeans.
34 aware HS11 PSYCHOLOGIE & GESELLSCHAFT

Gedanken zum Glauben


Glauben – ein Wort mit weitem Nachhall. (Boothe, 2006). Jacques Lacan (1901-1981) war Hilflosigkeit, einher (Fromm, 2010). Der Glau-
Einzelnen Klangspuren soll im vorliegenden pessimistischer als Freud, ging es um die Ablö- be wird dann zur Charaktereigenschaft eines
Artikel nachgegangen werden, in der sung der Religion durch die Wissenschaft, wie Menschen und die Unterscheidung, ob es sich
Hoffnung, andeuten zu können, dass die bereits der Titel einer seiner vielen Reden, Der um einen säkularen oder religiösen Glaubensbe-
Auseinandersetzung mit dem Glauben aus Triumph der Religion (2006), erraten lässt und griff handelt, ist dann hinfällig. Fromm räumt
psychologischer Sicht ein fruchtbares Feld betonte die sinnstiftenden Aspekte der Religion. Freuds Religionskritik Richtigkeit ein, solange
ist – für die Wissenschaft, die Forschenden Noch weniger wandte Fromm (1900-1980) der diese Stufe nicht erreicht ist. Wird Gott aber
und auch das Klientel. Religiosität den Rücken. Er wusste die Errun- zum Symbol der geistigen Welt, in der sich der
genschaften des modernen Denkens zu schät- Mensch immer weiter entfalten will und alle
Von Dragica Stojković zen, doch sah er den Unglauben der Menschen Theologie negiert wird, ist sie nicht mehr zu-
des 20. Jahrhunderts in anderem Licht: «Waren länglich (Fromm, 2010).
Psychologie und Religion – Bruchstücke von Skeptizismus und Rationalismus einmal Pro-
James, Freud und Fromm duktivkräfte in der Geschichte des Denkens, so Weshalb die Auseinandersetzung mit dem
William James‘ (1842-1910) Religionspsycho- werden mit ihnen heute nur noch Relativismus Glauben für die Psychologie fruchtbar ist
logie zeichnet sich durch ihre pragmatische Ori- und Unsicherheit rationalisiert» (1942, S. 2). «Science cannot tell us whether God heals, but it
entierung aus: Jene Lebensführung begrüssend, Ähnlich wie der französische Psychoanalytiker can tell us whether belief in God affects health»
die ein besseres Leben ermöglicht (Schlieter, und Jesuit Michel de Certeau sah auch Fromm (George, Ellison, & Larson, 2002, S. 198). Und
2010). James‘ Augenmerk richtet sich weniger den Glauben psychologisch gesehen dem Be- die Studien, die Letzteres beweisen, häufen sich.
auf religiöse Institutionen, sondern stellt religi- dürfnis entspringend «das Getrenntsein zu über- Ein Beispiel ist die Studie von Waldron-Perrine
öse Erfahrungen – wie z. B. mystische Bewusst- winden und Einheit zu erlangen» (de Certeau, und Mitarbeitern (2011), in welcher sich das
seinszustände – in den Mittelpunkt der Betrach- 2009; Fromm, 2010). Fromm (2010) konzeptua- selbstberichtete Gefühl, mit einer höheren
tung. Religiosität wird bei James zu einer lisierte die Entwicklung des Glaubens stufenar- Macht verbunden zu sein, als spezifischer Prä-
Grundhaltung des Menschen und seiner Gesamt- tig – ähnlich der psychosexuellen Entwicklung diktor der subjektiven und objektiven Lebenszu-
reaktion dem Leben gegenüber. Nach James gibt – und orientierte sich hauptsächlich an fol- friedenheit, der Funktionsfähigkeit und der Ver-
es einen Bewusstseinszustand, «den ausschliess- genden Kriterien: Ob der Mensch an der ur- minderung vom Leid einer Stichprobe von
lich religiöse Menschen kennen, in dem an die sprünglichen Bindung zur Mutter Natur festhält, Menschen, die sich aufgrund von zerebrale Ver-
Stelle unseres Selbstbestätigungs- und Selbstbe- ob er seiner Gottesfigur bereits menschliche Ge- letzung in Rehabilitation befanden, entpuppte.
hauptungswillens die Bereitschaft tritt, zu ver- stalt verliehen hat, ob jene männlich oder weib- Auch in Psychotherapien kann die Auseinander-
stummen und zu einem Nichts zu werden in den lich ist und wie die Art der Götter und deren setzung mit Glaubensfragen zentral werden, wie
Fluten und Orkanen Gottes. [...] So macht die Verehrung sich gestaltet. Einen entscheidenden Dieter Sträuli (2008) anhand von Fallvignetten,
Religion leicht und glücklich, was ohnehin not- qualitativen Sprung in der Glaubensstruktur in denen der Therapeut nicht darum herum-
wendig ist» (James, 1902, zit. nach Schlieter, kommt, sich eigenen Glaubensfragen zu stellen,
2010, S. 123). Anderer Meinung war Religions- deutlich macht. Glaubensfragen ernst zu neh-
«Science cannot tell us whether God
kritiker Freud, dem seinen eigenen Aussagen men, bedeutet auch, den eigenen Wissenschafts-
heals, but it can tell us whether be-
nach solch mystische Erfahrungen nicht bekannt glauben kritisch zu überdenken, seiner Funktion
lief in God affects health» – George,
waren. Er sah in der Religion eine lebensfeind- nachzugehen und sich «daran [zu] erinnern, wie
Ellison, & Larson, 2002.
liche und die reale Welt wahnhaft entstellende oft uns die einschlägigen Disziplinen in der Ver-
Technik, die den Gläubigen schlussendlich doch gangenheit in die Irre geführt haben und wie
nur vor Gottes «unerforschlichem Ratschluss» eines Menschen bildet der Wandel des Gottes dürftig ihre Erfolgsbilanz ausfällt» – dabei aber
stehen lässt. Dann bleibe dem Gläubigen, be- als Vaterfigur in das Symbol seiner Prinzipien den Fortschrittsglauben nicht gänzlich zu verlie-
merkte Freud nüchtern, «als letzte Trostmög- (Gerechtigkeit, Wahrheit und Liebe), das einer ren (Horgan, 2000, S. 364).
lichkeit und Lustquelle im Leiden nur die bedin- Depersonalisation Gottes gleichkommt (Fromm, Die psychologische Sicht auf religiöse Phäno-
gungslose Unterwerfung [...]. Und wenn er zu 2010). Auf persönlicher Ebene geht diese Glau- mene und Glaubensauswirkungen ist immer eine
dieser bereit ist, hätte er sich wahrscheinlich den bensstufe mit dem Verzicht auf den liebenden reduktionistische (de Certeau, 2009; Meissner,
Umweg ersparen können» (Freud, 2009, S. 51). und zur Hilfe eilenden Vater und der Annahme 1997). Nichtsdestotrotz bringt sie wertvolles Wis-
Freud war überzeugt, die Religion werde noch des menschlichen Lebens, samt seiner Unzu- sen über die menschliche Psyche zu Tage. «Wie
als «Illusion ohne Zukunft» entpuppt werden länglichkeiten, Grenzen, Unwissenheit und kann man erklären, dass Menschen an Dingen
Bildquelle: Laurence Cornell PSYCHOLOGIE & GESELLSCHAFT HS11 aware 35

hängen, die nicht beweisbar sind, sondern ge- mit einem Zitat von Ingeborg Bachmann (2005, Im Rahmen dieses Artikels werden keine Ver-
glaubt sein wollen?», fragt sich Sträuli und holt S.≈189) illustriert werden soll: «Es gibt überhaupt tiefungen zu den verschiedenen angetönten
zur Beantwortung der Frage Lacans Konzept des nicht sehr viel Rätselhaftes, mit Ausnahme der Konzepten geboten, noch wurde auf Zusam-
grossen Anderen zu Hilfe: Der erste grosse Ande- Sprache vielleicht. Denn sie gibt uns keinen Hin- menhänge verschiedener Theorien verwiesen.
re des Menschen ist normalerweise die Mutter, die weis auf sich selbst.» Jenem aber, der willig ist, sich über diesen Bei-
das Kind der Sprache bemächtigt. Allmählich Auch Brigitte Boothe (2006, S. 180) verweist trag hinaus (psychologischen) Beiträgen zur re-
wird die Sprache zum Anderen, denn «ist ein Le- auf die Bedeutung von Religiosität für die psy- ligiösen Thematik gegenüber zu öffnen, sind
bewesen einmal in die Sprache gefallen, so wird chische Entwicklung eines Individuums: «Die Zustände des Staunens garantiert.
es das Gefühl nie los, jemand schaue ihm über die Entwicklung des geistigen Lebens ist immer
Schulter, und es könne sich mit der Frage von auch getragen von Prozessen des Überschrei- InfoPLUS
Wahrheit oder Lüge – die sich mit dem ersten tens, von der Aufhebung einer Erfahrung in eine De Certeau, M. (2010). Mystische Fabel.
Sprechen stellt – an jenen Anderen wenden» neue, die sie transzendiert.» Um Anderes als Berlin: Suhrkamp.
(Sträuli, 2008, S. 77-78). Lacan betonte, dass es Fremdes bedeutsam werden zu lassen, muss der Meissner, W. W. S. J. (1997). Ignatius von
«keinen Andern des Andern» gibt (Lacan, 1991, Mensch sich öffnen können, zum Überra- Loyola. Psychogramm eines Heiligen. Frei-
zit. nach Sträuli, 2008, S. 78). Ein Problem, das schungsaffekt und dem Zustand des Staunens burg im Breisgau, Basel [etc.]: Herder.
auch in der Literaturwissenschaft bekannt ist und fähig sein (Boothe, 2006).
36 aware HS11 PSYCHOLOGIE & GESELLSCHAFT

Diwan und Filizid statt Couch und Ödipus


Grundsätze iranischer Psychoanalyse
Die Lehre von Sigmund Freud prägt seit Freud sprach somit dem Ödipuskomplex Univer- bolischen Manifestationen in Traum, Psychose
der Jahrhundertwende das Bild der salität zu und erklärte ihn als primären Orientie- und Kunst erlebbar.
Psychotherapie. Dass die Psychoanalyse rungspunkt psychopathologischer Phänomene. Ein solcher Archetypus iranischer Prägung mit
auch ausserhalb des Okzidents, beispiels- Beachtet man die signifikanten Kulturunter- ödipalem Charakter als Pendant zur Tragödie
weise im Iran, Fuss fassen würde, ist schiede zwischen dem Abendland, dem Nährbo- Sophokles’ bildet die Erfahrung des Filizids in
demnach keine Überraschung. Doch wie den für die freudschen Ideen, und beispielsweise der Dyade zwischen dem grossen Heros Schah-
konnte die Breite des Grabens zwischen dem orientalischen Raum, ist man der Aporie namehs Rostam und seinem Sohn Sohrab. Der
den Welten übersprungen werden? ausgesetzt, den Ödipuskomplex auf ein kultu- grosse Krieger und loyale Ergebene des Schahs
rell-archetypisch differentes Kollektiv anzuwen- (persisch für König/Kaiser) tötet in einer
Von Homayun Sobhani den. Deshalb hat sich zum Beispiel die iranische Schlacht nichtsahnend den eigenen Sohn Sohrab
Psychoanalyse bei ihrer Konstitutionalisierung und formuliert somit im Sinne der Allegorese
Innerhalb der Lehre Freuds hat der Ödipuskom- (hier sind Namen wie Mohammed E. Ardjoman- einen anderen Ausgang des ödipalen Konflikts
plex geradezu einen apriorischen Wert. Dieses di oder Dr. Gohar Homayounpour zu nennen) als den abendländischen. Die iranische Kultur,
Konzept meint in der Psychoanalyse die «orga- zwar der Doktrin Freuds in Bezug auf die Allge-
nisierte Gesamtheit von Liebes- und feindse- meingültigkeit der ödipalen Dynamik gebeugt, Die Psychoanalyse im Iran
ligen Wünschen, die das Kind [zwischen dem jedoch hat sie kulturspezifische Modifikationen Die iranische Psychoanalyse ist eine junge
dritten und fünften Lebensjahr] seinen Eltern vorgenommen. Disziplin. Die meisten ihrer Pioniere haben
gegenüber empfindet» (Laplanche & Pontalis, Den mythologischen Kern iranischer Psycho- im Ausland eine psychoanalytische Ausbil-
1967/1992). Der ödipale Konflikt ist als komple- analyse liefert der persische Nationalepos dung genossen und sich dann wieder im
xer psychischer Inhalt zu verstehen, der als in- Schahnameh – Das Buch der Könige (1988). Iran niedergelassen. Aufgrund der Nicht-In-
fantile Wunsch-Angst-Dynamik in Elternliebe Geschrieben vom persischen Dichter Firdausi stitutionalisierung der Psychoanalyse an
und Elternhass mündet und den Lebensaufbau um circa 1000 n. Chr., erzählt das Schahnameh akademischen Einrichtungen gilt sie immer
des Erwachsenen mit Bedürfnissen und Obst- in Versform die Geschichte Persiens von den noch als eine der am wenigsten verbrei-
ruktionen untermauert, die dem einzelnen nicht mythischen, archaischen Anfängen persischer teten Formen der Psychotherapie. Der me-
mehr bewusst zur Verfügung stehen, seine Inten- Zivilisation bis hin zur arabischen Invasion und tapsychologische Hintergrund der ira-
tionen, Praktiken und Urteile aber bedeutsam Islamisierung im 7. Jahrhundert n. Chr. Das nischen Psychoanalyse ist stark durch die
Postmoderne geprägt. Claude-Levi Strauss,
mitgestalten. Per analogiam mit der sophoklei- Schahnameh hatte einen immensen Einfluss auf
Jacques Derrida, Jacques Lacan, Luce Iriga-
schen Ödipussage geht es beim männlichen Ödi- die persische Sprach- und Geschichtswissen-
ray usw. haben hier einen bedeutenden Ein-
puskomplex um «eine Beziehungskonstellation, schaft und ihm wurde im Verlauf der Zeit eine
fluss ausgeübt.
die zwei Eltern-Figuren und eine Sohn-Figur hegemoniale Stellung im Bereich der Kultur-
vorsieht und zwar in konfliktärer Motivationsla- und Identitätsstiftung zuteil (Davidson, 2000).
*Worterklärungen
ge» (Boothe, 1997). Der Knabe sehnt sich nach Wie ihr europäisches Vorbild versteht auch die
Sufismus bezeichnet eine mystisch-spiritu-
der sexuellen Verschmelzung mit der Mutter un- iranische Psychoanalyse den Mythos, dem elle Strömung innerhalb des Islams, welche
ter rivalisierendem und feindseligem Ausschluss Traum und der Neurose entsprechend, als ge- im 12. Jahrhundert n. Chr. entstanden ist.
des Vaters. Hierbei griff Freud auf den griechi- schichtlich gereifte, kollektive Phantasie, wel- Die sufische Lehre geht in der Theorie und
schen Mythos zurück, der erzählt, wie das Kö- che eine Kompromissbildung aus Triebwunsch Praxis von einem inneren, transzendentalen
nigspaar von Theben sein Neugeborenes aus- und Widerstand darstellt. Die Menschheit wird Sinn aus.
setzt, aus Angst, es würde den Vater töten und hier als kollektives Subjekt betrachtet und der Der Schiismus ist eine Konfession innerhalb
die Mutter zur Frau nehmen. Jene Befürchtung historische Verlauf der Kultur seit ihren my- der islamischen Religion. Deren grösste An-
geht jedoch in Erfüllung und Ödipus entledigt thisch-archaischen Anbahnungen mit der hängerschaft lebt im heutigen Iran, wo der
sich später ahnungslos des Vaters und vermählt menschlichen Ontogenese parallelisiert (Vogt, Schiismus die Staatsreligion ist. Schiiten se-
sich mit der Mutter. Dieser Mythos dient der 2008). Diesem kollektiven Subjekt wohnt eben- hen in Ali, dem Schwiegersohn und Vetter
Psychoanalyse als eine explanatorische Grund- falls ein kollektives Unbewusstes inne, worin des Propheten Mohammed die legitime
lage sämtlichen zivilisatorischen Fortschritts, da sich nach C. G. Jung Archetypen, Urbilder Nachfolge. Die Prophetennachfolge kann
in der symbolischen Tötung des autoritären Va- menschlicher Vorstellungsstrukturen zeigen. Als nur von Nachfahren Alis, den Imamen, an-
ters die revolutionäre Überwindung obsoleter archaische Erfahrungen der Menschheit (z. B. getreten werden.
Normen und tradierter Strukturen impliziert ist. Geburt, Kindheit, Tod) sind Archetypen in sym-
PSYCHOLOGIE & GESELLSCHAFT HS11 aware 37

kehr die praktizierenden Schiiten im Iran sehn-


lichst erwarten. In der Analyse nun können
Phantasien über den jugendlichen Erlöser auf-
tauchen. Der iranische Patient wünscht sich, in
der freien Assoziation Zeuge der Heimkehr des
verborgenen Imams zu werden. Dieser Wunsch
drückt die Hoffnung aus, über die alten Väter zu
siegen, also die Bewältigung des ödipalen Kom-
plexes.
Ein weiteres wichtiges Konzept der iranischen
Psychoanalyse bildet die persische Mystik. Bis
zum heutigen Tage haben die schwerfällige, per-
sische Dichtung und der Sufismus* sämtliche
Bereiche des iranischen Lebens geprägt. Zen-
traler Bestandteil dieser Mystik sind das Leiden
um der Liebe willen und die Selbstdestruktion.
Genauso beherrschen Phantasien über Aufhe-
bung der Grenzen zwischen Selbst und Objekt,
narzisstische Allmacht, homoerotisch-symbio-
tische Verschmelzungswünsche mit einem glori-
fizierten väterlichen Objekt wie auch Rückzug in
hochstilisierte depressiv-narzisstische Erlebnis-
welten diese Mystik. Ardjomandi betrachtet die
Präferenz zu jener Mystik bei Iranern als
Wunschausdruck der Aufhebung der Unterdrü-
Bildquelle: Homayun Sobhani

ckung aus dem iranischen Ödipuskomplex. In


der Analyse werden jene Omnipotenz und väter-
lich-göttliche Affekte auf den Analytiker über-
tragen. Der Analysand fühlt sich mit seinem The-
rapeuten zu einem grossen Objekt verschmolzen.
Nach der mystischen Tradition geniesst der Ana-
ihr kollektives Unbewusstes und die spätere Funktion der Anerkennung der väterlichen lysand die Zurückhaltung des Analytikers als
schiitische* Religion, eine iranisierte Version Macht und der Weiterführung seiner Tradition. Liebesschmerz. Man empfiehlt hier die Integrati-
des Islams, wurden durch diesen Ausgang archa- Vor allem aber dient die Etikette der Sublimie- on der Bedeutung des mystischen Erlebens in der
isch-ödipaler Dynamik bedeutend geprägt (Fir- rung und des Konformismus, um sich möglichst analytischen Deutung als eine Eignung zur Un-
dausi, 1009/1960 – 1971). frei von der Kastrationsangst im sozialen Gebil- terwerfung mit dem Ziel des Widerstandes gegen
Gemäss dem iranischen Psychoanalytiker M. E. de zu bewegen. die ödipale Kastrationsangst.
Ardjomandi (1993) ist eine Kultur unter dem Der grossen Kastrationsangst haftet die potenti- Natürlich kann die Komplexität der Lehre ira-
Vorzeichen des Sohnesmordes im Gegensatz zur elle Gefahr der kulturellen Stagnation an. Um nischer Psychoanalyse der gebotenen Kürze we-
abendländischen bedeutend mehr von der Kas- dieser Gefahr Einhalt zu gebieten, führt die ira- gen nur angedeutet werden. Vielmehr sollte auf
trationsangst, als unbewusste intersubjektive nische Mythologie den Archetypus des jugend- die Existenz alternativer Ausprägung analy-
und kollektive Struktur, geprägt. Strikte Etikette lichen Erlösers ein, der die Komponente der Be- tischen Arbeitens und die Flexibilität der
und Rituale regeln den Umgang zwischen den freiung und Rebellion verkörpert. Bereits in freudschen Methode hingewiesen werden. Zu-
Älteren und den Jüngeren im Iran. Diese Förm- präislamisch-iranischen Schriften und dem dem liest sich der obige Beitrag als Ergänzung
lichkeit verhindert die Kränkung des kastrie- Schahnameh ausgemalt, zeigt sich die Figur des zum thematischen Schwerpunkt dieser Ausgabe
renden, bedrohlichen Vaters oder dessen sakrale jugendlichen Erlösers inkarnatorisch im Schiis- und zeigt die Fülle psychologischer Konzepte
und säkulare Repräsentanten. Sie haben die mus als der 12. verborgene Imam, dessen Rück- im interkulturellen Kontext.
38 aware HS11 FELDER DER PSYCHOLOGIE

PERMAnentes Flourishing für alle


Am 2. Juli fand das Symposium für Positive wie man ihn zum Freund und
Psychologie mit Professor Martin Seligman Helfer macht, bildeten nicht zu-
an der ETH Zürich statt. Ein Erlebnisbericht. letzt wegen ihrer bildhaften
Sprache den krönenden Ab-
Von Isabelle Hauser schluss des Morgens.

Wenn ich etwas nicht bin, dann ist das ein Mor- Von Adrenalin und anderem
genmensch. Deshalb hielt sich meine Begeiste- Während Dr. Philip Streits Vor-
rung deutlich in Grenzen, als am Samstag um trag war Prof. Martin Seligman
5.15 Uhr ein schrilles Klingeln den Anbruch des mehr oder weniger unbemerkt in
Symposiumtages ankündigte. Ganz egal, wie den Raum getreten, und da konnte
gross die Vorfreude darauf war, konnten ich und ich zum ersten Mal in meinem
vermutlich ein paar weitere der 450 Teilneh- Leben den Adrenalinschock einer
menden kaum die Augen offen halten, als Dr. Zwölfjährigen beim Anblick des
Philip Streit von Seligman Europe um 7.30 Uhr leibhaftigen Justin Biebers nach-
den Anlass eröffnete und nach einer kurzen An- vollziehen. Denn es ist eine Sa-
sprache Prof. Dr. Willibald Ruch das Wort über- che, mir die Begegnung mit der
gab. Mit seiner ebenso informativen wie amü- Person vorzustellen, die mein

Bildquelle: Isabelle Hauser


santen Einführung in die Positive Psychologie Denken über die letzten Jahre
zauberte er zumindest einer Schlafmütze im nachhaltig geprägt hat – ihr nahe
Saal ein Lächeln auf die Lippen, und der Schlei- genug zu sein, um das Knacken
er der Müdigkeit war gelüftet. Dr. René Proyer des Ricolas zwischen den Zähnen
berichtete aus der Forschung über die Evaluati- zu hören, ist jedoch eine ganz an-
on Positiver Interventionen, und darauf folgte dere. Er war zwar kleiner und äl- Prof. Dr. Martin Seligman (am Vortragen)
das leidenschaftliche Plädoyer von Dr. Ernst ter, als ich ihn mir aufgrund der
Fritz-Schubert für «Glück» als Schulfach. Er Klappentextfotos vorgestellt hatte, doch seine Vom «Glück» und Gedeihen
kritisierte das klassische Ausbildungsmodell; tiefe Stimme vermochte den Raum bis auf die Flourishing, so bezeichnet Seligman seine
dieses unternehme skandalös wenig für die För- hintersten Plätze zu füllen. Seligman sprach mit neue Theorie, welche an die bisherige, Au-
derung der Persönlichkeit, was jedoch minde- der Souveränität einer Person, die es sich ge- thentic Happiness, anknüpft. Anders als bei
stens so wichtig sei wie die Vorbereitung auf die wohnt ist, dass ihren Worten bedingungslose Auf- diesem Konzept ist bei Flourishing das überge-
Berufswelt. Kinder sollen nicht «wie Fässer mit merksamkeit geschenkt wird; und doch strahlte er ordnete Ziel nicht mehr Lebenszufriedenheit,
Wissen abgefüllt», so Fritz-Schubert, sondern eine Bescheidenheit aus, wie man sie bei einem sondern Wohlbefinden. Da sie nichts über
vielmehr «wie Fackeln der Erkenntnis angezün- Mann dieses Bekanntheitsgrades nicht erwarten
det werden». Etwas Ähnliches setzt Dr. Philip würde. Im Gegensatz zur weit verbreiteten An- Martin Seligman
Streit mit seinen Kinderwerkstattprojekten um. nahme werden wir nicht von der Vergangenheit Martin E. P. Seligman (*1942) gilt als einer
Gestützt auf Theorien der Positiven Psychologie getrieben, sondern vielmehr von der Zukunft an- der einflussreichsten Psychologen des 20.
mixen sie dort zum Beispiel Glückscocktails, gezogen, begann Seligman. So glaubt er weder an Jahrhunderts. Bekannt geworden ist er
was nebst Spass auch zu erhöhter Resilienz den Determinismus von Kindheit und negativen durch seine Theorie der erlernten Hilflosig-
führt. Während Dr. Fred Bergers Ausführungen Ereignissen, noch daran, dass die Linderung von keit und 1998 als Präsident der APA; im glei-
zur LifE-Studie forderte die frühe Tagwache al- Leid, wie es das Ziel der «klassischen» Psycholo- chen Jahr begründete er die Positive Psycho-
lerdings ihren Tribut, und wäre ich nicht so er- gie ist, automatisch zu Wohlbefinden führt. Denn logie. Deren Ziel besteht darin, Stärken und
schlagen gewesen, wäre ich Dr. Maja Storch als Therapeut habe er nie eine glückliche Person Ressourcen von Menschen zu fördern, ganz
vermutlich vor Dankbarkeit um den Hals gefal- verabschiedet, sondern höchstens eine leere; um nach dem Prinzip «build what’s strong» statt
len, als sie ihre Präsentation mit einer körper- dies zu ändern, formulierte er ein neues Ziel. Die- «fix what’s wrong». Seit 2003 bietet er an
lichen Aktivierungsübung begann. Ihre Ausfüh- ses besteht darin, Bedingungen zu schaffen, wel- der Universität von Pennsylvania den Master
rungen über den Strudelwurm (eine che positive Emotionen und Flourishing, also of Applied Positive Psychology an.
Versinnbildlichung des «Schweinehundes») und Gedeihen, ermöglichen.
FELDER DER PSYCHOLOGIE
RUBRIK HS11 aware 39

Flow, Beziehungen und Zielerreichung aus- rosa Brille sieht. Vielmehr geht es darum, re- Zuerst sei deren Haltung meist kritisch, doch
sagt, sei Lebenszufriedenheit zu eindimensio- silienter und kompetenter zu werden ange- nach Abschluss des Trainings kehre die Mehr-
nal und subjektiv und hängte zudem zum Zeit- sichts von Widrigkeiten. Für einige der PER- heit der Offiziere inspiriert und überzeugt auf
punkt der Erhebung zu 70 Prozent von der MA-Bereiche liegen auch bereits konkrete den Exerzierplatz zurück. Somit hat die Posi-
Stimmung ab. Wohlbefinden hingegen lasse Übungen vor; eine davon kann im Kasten tive Psychologie durchaus auch politische
sich operationalisieren durch fünf subjektive nachgelesen werden, und aus eigener Erfah- Implikationen; diese seien jedoch, betont Se-
und objektive Indikatoren. Drei dieser Indika- rung kann ich sie nur empfehlen. Flow und ligman, weder rechts noch links, da sie Ziele
toren wurden aus der Authentic Happiness- Engagement können mit dem bewussten Ein- beinhalten, welche im Interesse aller Men-
Theorie übernommen: Positive Emotions, En- schen sei: Mehr Wohlbefinden für den Pla-
gagement (Flow) und Meaning. Neu hinzu neten.
«Die Positive Psychologie hat
kamen Positive Relationships und Accom-
auch politische Implikationen.
plishment, was sich eingängig mit PERMA ab- Von Fragen und Fotos
Diese sind aber weder rechts
kürzen lässt. Mit diesem Schlusswort beendete Prof. Dr. Se-
noch links, da sie Ziele beinhal-
Was die Praxis angeht, so steht das, was die ligman unter tosendem Applaus seinen Vor-
ten, welche im Interesse aller
Person bereits gut kann, im Fokus der trag. Die Fragerunde für Interessierte folgte
Menschen sind.»
Übungen der Positiven Psychologie – dies im unter blauem Himmel auf der Polyterrasse, wo
Gegensatz zur Psychotherapie, wo das Haupt- er für rund eine Stunde Rede und Antwort
gewicht oft auf Schwächen liegt. Die Übungen satz der Signaturstärken gefördert werden, stand. Zusätzlich dazu ermöglichte Prof. Ruch
seien selbsterhaltend und machten Spass, be- Sinnerleben mit dem Verfassen des eigenen am Sonntag ein echtes Highlight für Studie-
stätigte Seligman mit einem Augenzwinkern, Nachrufes, und ein Geheimnis positiver Be- rende: Eine exklusive Diskussionsrunde mit
denn er schlucke seine Medizin zuerst selbst, ziehungen liegt – wer hätte das gedacht – in Seligman am Psychologischen Institut. Ob-
bevor er sie an anderen teste. Die Idee ist al- der aktiv-konstruktiven Kommunikation. wohl ihm der Jetlag deutlich ins Gesicht ge-
lerdings keineswegs, einen «Happiness Robo- schrieben stand, diskutierte er bereitwillig
ter» zu erschaffen, der alles nur durch eine Von Kindern und Kadern über seine Abneigung gegenüber der Faktoren-
Es folgte der Sprung vom individuellen auf analyse und verriet erste Einsichten aus Pro-

+++
Die drei guten Dinge das institutionelle Level. Aus denselben Be- jekten mit Google und Facebook im Zusam-
weggründen wie Dr. Ernst Fritz-Schubert be- menhang mit der Untersuchung mit PERMA
trachtet auch Seligman die Persönlichkeits- assoziierten Wörtern. Zum krönenden Ab-
förderung von Kindern als essenziell, und schluss liess er den Erinnerungsfotomarathon
initiierte daher das Penn Resilience Program mit allen mehr oder weniger offensichtlichen
in Schulen. Ein Programm-Baustein ist die Fans ebenso gutmütig über sich ergehen wie
Anwendung von Theorien der Positiven Psy- das Büchersignieren. Mit dem Nachklang sei-
Für diese Übung brauchst du nichts an- chologie auf die Inhalte der Pflichtliteratur ner Worte «Man is music – it’s all a matter of
deres als ein Notizbuch, welches am be- im Englischunterricht. Der Erfolg ist beein- tuning» noch immer im Kopf, ging ich schliess-
sten auf dem Nachttisch platziert wird. druckend: Kinder, welche am Programm teil- lich nach Hause. Dafür und für alle anderen
Widme während mindestens einer Woche genommen hatten, erhielten bei einer Blin- Inspirationen, welche mir an diesem Wochen-
zehn Minuten vor dem Schlafengehen deinschätzung unter anderem bessere ende mit auf den Weg gegeben wurden, würde
einem Tagesrückblick, und schreibe drei Bewertungen in den Bereichen Leistung und ich auch ein zweites Mal mitten in der Nacht
Dinge in dein Notizbuch, welche an die- soziale Fähigkeiten. Doch nicht nur bei Kin- aufstehen.
sem Tag schön oder gut gegangen waren, dern kommt die Positive Psychologie zum
und warum du das findest. Verschiedene Einsatz: Im Bereich der Erwachsenenbildung Literaturhinweis und Informationen
Studien haben gezeigt, dass diese Übung berichtete Seligman von seiner Zusammenar- Seligman, M. E. P. (2011). Flourish. London:
depressive Symptome über sechs Monate beit mit der US-Armee. So werden für die Nicholas Brealey.
reduzieren kann; je länger die Übung ge- Ausbildung zuständige Offiziere regelmässig www.authentichappiness.org
macht wird, desto stärker der Effekt (z. B. an der Universität in Pennsylvania in Posi- www.seligman-europe.com
Seligman, Steen, Park, & Peterson, 2005). tiver Psychologie ausgebildet, um das erwor- www.charakterstaerken.org
bene Wissen an die Soldaten zu vermitteln.
40 aware HS11 FELDER DER PSYCHOLOGIE

Der Einfluss der Raumfahrt auf die


mentale Gesundheit
Die Entdeckungstätigkeit treibt die Menschen zu Höchstleistungen an, zeigt ihnen ande- wissheit, den Gefahren die eine Expedition
rerseits die Grenzen ihrer technischen Möglichkeiten auf. Die Raumfahrt bildet den birgt, muss gleichzeitig auf Gewohnheiten und
vorläufigen Endpunkt der Entwicklungstätigkeit. Hier sieht sich der moderne «Entdecker» Freunde verzichten und eine abstinente Lebens-
neuen Belastungen ausgesetzt, die moderne Forschung hat aber auch positive Auswir- weise mit eingeschränkter Bewegungsfreiheit
kungen auf das persönliche Wachstum festgestellt. führen. Andererseits kann er als Held zurück-
kehren und seine soziale Position verbessern.
Von Manuel Merkofer schliesslich zu einem zentralen Faktor militä- Der Einfluss dieser in der Raumfahrt typischen
rischer Stärke. Ebenfalls war die Terra incogni- Belastungssituation auf die mentale Gesundheit
Vor 50 Jahren wurde Juri Gagarin als erster ta immer eine rege genutzte Projektionsfläche. soll nun untersucht werden.
Mensch in den Weltraum (das heisst in minde- Für die Nationen sind Entdeckungen mit Pre-
stens 100 Kilometer Entfernung von der Erde) stige verbunden, sie haben einen grossen mas- Leben in Isolation
befördert und damit ein neues Kapitel der senpsychologischen Effekt. Dies hat in beiden Ein Grossteil der Studien konzentriert sich auf
menschlichen Entdeckung eingeläutet. Die Ge- Fällen, zusammen mit den erhofften wirtschaft- die psychologischen Risiken einer langen Mis-
schichte zeigt uns viele Beispiele, von Men- lichen Vorteilen, zu einem aufwendigen Wett- sion (Ihle, Ritsher, & Kanas,2006). Gleichzei-
schen, die trotz grossen Gefahren ihre gewohnte streit geführt. Dass es, wie im Zeitalter der eu- tig werden auch andere Situationen untersucht,
Umgebung verlassen haben, um Neues bei welchen Menschen ebenfalls in ei-
zu entdecken. Sind sie von ihrer Reise ner lebensfeindlichen Umgebung in
zurückgekehrt, so sind sie meist auch in einer schützenden «Überlebens-Kap-
die Geschichtsbücher eingegangen. sel» verbringen. Neben der Raumfahrt
Freilich war der Fortschritt der Entde- gehört das Leben in einem U-Boot
ckung immer durch die zur Verfügung oder einer polaren Forschungsstation
stehenden Mittel begrenzt. Technolo- dazu. Forschende haben dabei eine
gische Fortschritte wie der Bau hoch- Bandbreite Stress verursachender Fak-
seefähiger Schiffe und die Erfindung toren identifiziert, wovon hier nur ei-
verschiedener nautischer Instrumente nige genannt werden. Die isolierten
im 15. Jahrhundert oder die Entwick- Personen sind in ihrer Bewegungsfrei-
lung der Raketentechnik im 20. Jahr- heit, Privatsphäre und Sexualität ein-
hundert wurden schnell für diesen geschränkt und lebensfeindliche Um-
Zweck weiterentwickelt und alsbald gebung nimmt ihnen jede
eingesetzt, versetzten so der menschli- Fluchtmöglichkeit. Zudem fehlen ih-
chen Entdeckungstätigkeit jeweils einen nen die alltäglichen Orientierungshil-
Schub. Diese geschichtliche Konstanz fen, dies kann zum Verlust des Tages-
unterstützt die Behauptung von Astro- rhythmus und des Zeitgefühls sowie
naut Michael Collins, dass Menschen zu Schlafstörungen (hier zeigt sich
ein Bedürfnis danach haben zu entde- auch eine Abnahme der REM-Phase)
cken. führen (Geuna, Brunelli, & Perino,
Um die noch junge Raumfahrt und ih- 1995). Des Weiteren müssen die
ren Einfluss auf die mentale Gesund- Raumfahrer gegen die Raumkrankheit
heit besser zu verstehen und einen Bedeutungs- ropäischen Expansion, irgendwann Kontakt mit (ähnlich der Seekrankheit) gewappnet sein,
zusammenhang zu erhalten, lohnt sich ein neuen Kulturen gibt, ist nach dem Astrophysi- welche aufgrund der Unterschiede zwischen
Vergleich mit dem Zeitalter der europäischen ker Stephen Hawking angesichts der Grösse des der Körperwahrnehmung und der visuellen
Expansion. Neben offensichtlichen Unterschie- Universums viel wahrscheinlicher als der ge- Wahrnehmung auftritt (Suedfeld & Steel,
den fallen mehrere Gemeinsamkeiten auf: Die genteilige Fall. Er fürchtet gar, dass wir von den 2000) und zu Müdigkeit, Schwindel, Übelkeit
Entdeckungen beeinflussen unser Weltbild. Sie ausserirdischen Entdeckern behandelt werden und letztlich Erbrechen führt. In einer kleinen
gehen mit Erfindungen und Weiterentwick- könnten wie die Eingeborenen zu Zeiten Chri- Gemeinschaft ist es schwieriger, zwischen-
lungen bestehender Technologien einher. In stoph Kolumbus‘ (Thomsen, 2011). Der Raum- menschliche Konflikte zu umgehen. Erfah-
beiden Epochen wurden die Technologien oder Seefahrer stellt sich einerseits der Unge- rungsgemäss nehmen diese in isolierten Ge-
FELDER DER PSYCHOLOGIE HS11 aware 41

meinschaften im Laufe einer Mission zu Am wenigsten Fluktuation zeigte sich bei der spi- Verfügung stellten, auch die Rücklaufquote fiel
(Gruna et al., 1995). rituellen Veränderung (Bedeutung und innere Har- mit 22 Prozent niedrig aus.
Allgemein gibt es Phasen mit grosser Aktivität monie durch Transzendenz). In einer thematischen Weitere Untersuchungen stammen von Suedfeld
und Arbeitsbelastung sowie monotone Phasen Inhaltsanalyse zeigten andere Forschende hinge- (1997), er stellte fest, dass Personen nach ihrer
(Gruna et al., 1995). Nach Suedfeld und Steel gen bei drei von vier Astronauten eine Zunahme an Rückkehr aus lang dauernden, gefahrvollen, for-
(2000) führt extreme Monotonie zu erhöhter Spiritualität (Suedfeld & Weiszbeck, zit. nach dernden und sensorisch deprivierenden Situati-
Langeweile, dies kann dazu führen, dass un- Ritsher, Kanas, Ihle, & Saylor, 2006). Möglicher- onen mit einem weniger oberflächlichen Werte-
passende Bewältigungsstrategien gewählt wer- weise ist diese Diskrepanz dadurch zu erklären, muster, mehr Toleranz, mehr Zuneigung
den (z. B. riskantes Verhalten). Nach Geuna et dass der Begriff der Spiritualität zu negativ besetzt gegenüber anderen sowie erhöhtem Selbstbe-
al. (1995) besteht die Gefahr, dass in dieser ist (Ihle et al. 2006). Im qualitativen Teil wurde wusstsein zurückkehrten. Selbst nach extremen
psychologisch belastenden Situation latente stattdessen oft das Wort Ehrfurcht verwendet. Ereignissen zeigten die Befragten positive Reakti-
oder frühere Konflikte ausbrechen. Die lang Die Ausprägungen korrelierten nicht mit der An- onen. Dazu führte er unter anderem simulierende
dauernde Isolation kann auch zu neurotischen zahl der Raumfahrten oder demografischen Anga- Experimente, Befragungen und Feldstudien in
Reaktionen oder zur Hypomanie («postisolati- ben. Die Autorinnen und Autoren stellten zudem Polarstationen durch.
on hypomanic syndrome») führen. Bisher hat- keine grossen Unterschiede zwischen angege- Zusammenfassend kann man also sagen, dass die
te die Raumfahrt aber eher mit medizinischen benen Einstellungen und entsprechenden Antwor- positiven Effekte einer Raumfahrt überwiegen.
als psychologischen Problemen zu kämpfen, ten zum Verhalten fest. Beispielsweise ging die Die Risiken und die Belastung nehmen jedoch in
wie zum Beispiel Blutverlust (Suedfeld & Anerkennung der Verletzlichkeit der Erde einher Zukunft mit zunehmender Entfernung und Dauer
Steel, 2000). mit einem grösseren Enthusiasmus in Umweltfra- zu, deshalb ist zu erwarten, dass zunehmend auf
gen. Abschliessend soll darauf hingewiesen wer- bemannte Missionen verzichtet wird und die Be-
Salutogenese den, dass sich für die Studie nur 39 Probanden zur deutung von Robotern zunimmt.
Wenige Studien beschäftigen sich mit den posi-
tiven Auswirkungen einer Raumfahrt. Das Kon- Kurze Geschichte der Raumfahrt
zept der Salutogenese (Antonovsky & Franke, Zwei wichtige Vorläufer der Raumfahrt sind der wurde. Die UdSSR feierte weitere Erfolge: Ab
1997) beschreibt persönliche Gewinne nach Über- Russe Konstantin Ziolkowsky, der Anfang des 1959 gelangen ihr die ersten unbemannten
windung stressreicher Situationen, persönlicher 20. Jahrhunderts die mathematischen Grundla- Mondlandungen, sie lieferten auch die ersten
Krisen oder Traumata. Nach Ihle et al. (2006) gen des Raketenantriebs feststellte, sowie der Bilder der verdeckten Seite des Mondes. 1961
können Personen dadurch neue Einsichten gewin- Amerikaner Robert Goddard, der angesichts umrundete Juri Gagarin als erster Mensch die
nen sowie Stärken und Schwächen identifizieren. seiner Pläne auf dem Mond und Mars zu lan- Erde und startete danach einen weltweiten Tri-
Sie liessen ehemalige oder aktive Astronauten und den als Phantast bezeichnet wurde. Er begann umphzug. Gut einen Monat später versprach
Kosmonauten einen Fragebogen ausfüllen, der ungefähr zehn Jahre später mit dem Bau von John F. Kennedy seinen Landsleuten, noch vor
sechs Variablen zum persönlichen Wachstum auf ersten Raketenmotoren. Ein deutsches For- Ende desselben Jahrzehnts werde ein Mensch
einer Likert-Skala misst (Wahrnehmung der Erde, scherteam um Wernher von Braun führte zur auf dem Mond zu landen und sicher zur Erde
Wahrnehmung des Weltraums, Änderungen im Entwicklung von waffenfähigen bemannbaren zurückkehren. Die Retablierung der USA er-
täglichen Leben, Einschätzung neuer Möglich- Raketen (1945). Später wurde von Braun zu folgte 1969 als Kennedys Versprechen einge-
keiten, Wertschätzung des Lebens, persönliche einem der federführenden Wissenschaftler der löst wurde. 1971 brachte die UdSSR die erste
Stärke, soziale Beziehungen, spirituelle Verände- Raumfahrtprojekte in den USA. Die sowjetische Raumstation Saljut 1 in die Erdumlaufbahn. Im
rung). Jeder Teilnehmer gab zumindest eine Ver- Raketenentwicklung um Chefkonstrukteur Ser- Jahr 2003 gelang es der Volksrepublik China als
änderung an. Durchschnittlich lag diese zwischen gej Koroljow, die ihren Anfang in den 30er Jah- dritte Nation Menschen ins All zu bringen (Bau-
sehr klein und klein, variierte jedoch stark zwi- ren nahm, führte 1957 zum Start des ersten er, 2011). Zahlreiche Satelliten in der Erdum-
schen den Probanden. Zwei Untergruppen wur- künstlichen Satellits, Sputnik 1 und im gleichen laufbahn versorgen uns heute mit Navigations-
den identifiziert, von welchen eine tendenziell Jahr erreichte mit Sputnik 2 die Hündin Laika systemen, Wetter- und Fernerkundungsdaten
wenig und die andere viel Veränderung angab. den Weltraum. Das militärische Potential dieses und unterstützen die globalen Kommunikati-
Sehr hoch bewertet wurde die Variable Wahrneh- technologischen Fortschritts versetzte dem We- onssysteme wie die Internetversorgung. Satel-
mung der Erde und dabei vor allem das Item «Ich sten einen Schock und führte dazu, dass die liten spielten jedoch schon immer eine wichtige
bekam eine grössere Wertschätzung der Schön- Raumfahrt zunehmend Gegenstand der Politik Rolle für Militär und Nachrichtendienst.
heit der Erde».
42 aware HS11 ERFAHRUNGSBERICHT

(Uni) Fribourg, mon amour


Es studiert sich überall gleich – könnte man Psychologie, in Fribourg, so dass ich dachte, so gleich mit dem altehrwürdigen Unihauptgebäu-
meinen. Es gibt selbst innerhalb der falsch könnte ich da nicht liegen. Die Entschei- de in Zürich oder der schicken Binzmühlestrasse
Schweiz kleine, feine Unterschiede zwi- dung hat sich ja zum Glück als richtig erwiesen. in Oerlikon. Auch bezüglich Mensa und Sport-
schen den Unis und dem Studentenleben. Auch die Studienschwerpunkte des Masters in angebot musste ich mich umgewöhnen, denn
Ein Bericht über meine Erlebnisse in Fri- Klinischer und Gesundheitspsychologie spra- statt für 5.40 Fr. isst man in Fribourg ein Menu
bourg. chen mich mit Stressforschung, Paar- und Fami- für 7.80 Fr. und Kondi & Co werden leider nicht
lienpsychologie sowie Gesundheitspsychologie angeboten. Nun aber genug gemeckert. Auffal-
Von Corina Merz an. Nicht zu vergessen die Tatsache, dass das lend angenehm finde ich die ruhige Stimmung
Studium sowohl auf Deutsch, Französisch oder auf den Gängen des Gebäudes, die Vorlesungen
Nach vier Jahren studieren, arbeiten und wohnen bilingue (zweisprachig) absolviert werden kann. und Seminare, in denen selten mehr als 15 Stu-
in Zürich, meiner Geburtsstadt, beschloss ich, als Soweit meine Vorinformationen. dierende sitzen und das persönliche Verhältnis
es um die Frage des Masterstudiums ging, meine Meine Ankunft in Fribourg gestaltete sich dann, zu den Professoren und Professorinnen. Es war
Unizelte in Zürich abzubrechen und mich auf zu wie meistens, wenn man an einen neuen Ort anfangs doch etwas befremdlich für mich, dass
neuen Ufern zu machen – zum Röstigraben*, kommt, nicht nur rosig. Eine WG habe ich nach man in Fribourg plötzlich mit Namen erkannt
nach Fribourg. Das Städtchen an der deutsch- langer Suche erst einen Monat nach Studienbe- und angesprochen wird, mit manchen Dozie-
französischen Sprachgrenze hatte mich schon ginn gefunden – seither lebe ich sehr glücklich renden gar per du ist und sich nicht mehr so ein-
früher angezogen, ich wäre immer gerne aus dem mit zwei charmanten Romandes zusammen und fach in der Masse der Studierenden verstecken
Zug gestiegen, wenn dieser auf der Fahrt von lerne jeden Tag besser Französisch. Die Uni ent- kann. Auch schön in Fribourg ist, dass für viele
Lausanne oder Genf nach Zürich in Fribourg täuschte mich anfangs etwas, vor allem die Lo- Probleme persönliche Lösungen gesucht und ge-
hielt. Ausserdem befand sich der Lehrstuhl von kalitäten, da das psychologische Departement in funden werden, z. B. wenn Prüfungstermine
Prof. M. Perrez, einer Koryphäe der Klinischen einer Art Schulhaus untergebracht ist – kein Ver- kollidieren oder man mitten im Semester merkt,

Bildquelle: .Barbara Antoinette Haegi


ERFAHRUNGSBERICHT HS11 aware 43

dass man sich doch ein paar Kurse zu viel zuge- Das Alltagsleben neben der Uni ist in Fribourg der Minderheit. Französisch ist so sehr Teil des
mutet hat. nach Tagen gegliedert. Montags ist «Crazy Fribourger Alltags, dass es mich manchmal rich-
Die Veranstaltungen selbst gestalten sich ähn- Monday»: in der ganzen Stadt wimmelt es von tig irritiert, wenn ich dann wieder in Zürich bin
lich wie an der Uni Zürich und wohl auch an Studiereden, die ausgehen. Es gibt vor allem in und im Tram um mich rum plötzlich alle wieder
anderen Universitäten: Es gibt Vorlesungen, in der Altstadt einige Bars und Clubs, die an diesem Schweizerdeutsch sprechen. Persönlichen Kon-
denen man sitzt, der Dozent referiert, man Abend spezielle Studentenpreise haben, da lässt takt mit Westschweizern habe ich neben meinen
macht sich Notizen und am Ende des Seme- es sich ganz gut feiern. Es empfiehlt sich deshalb Colloques und einigen wenigen Leuten an der
sters gibt es eine Prüfung. Diese findet bereits auch, Kurse zu wählen, die nicht dienstags um Uni bisher leider wenig gehabt. An der Uni blei-
in der letzten Woche der Vorlesungszeit statt, acht Uhr beginnen – das habe ich allerdings erst ben Romands und Allemands meistens für sich
deshalb sollte der Stoff schon während des Se- nach ein paar Wochen festgestellt. Wer nach dem und auch im Ausgang zeigt sich dieses Bild. Die
mesters zusammengefasst und repetiert wer- verrückten Montag noch nicht genug hat, feiert Romands scheinen mir aber Menschen zu sein,
den. Vorlesungen sind die bevorzugte Unter- am weniger offiziellen «f***ing Tuesday» mun- die viele Dinge ein bisschen weniger eng sehen
richtsform, wenn die Studierendenzahl den ter weiter. Der Rest der Woche geht gemütlicher als wir Deutschschweizer. So wird der Schnee
Rahmen eines Seminars sprengen würde. So vorbei, z. B. mit Abendessen im Cent re im Winter auch mal einen Tag nicht von den
z. B. bei der interdisziplinären Vorlesungsrei- Fries, wo immer wieder die Spezialitäten anderer Strassen geräumt, sind für die Papiersammlung
he «Stärkung der Familie», an der auch Päda- Länder serviert werden oder mit WG-Essen und auch Papiersäcke vollgestopft mit Papier ok und
gogikstudierende teilnehmen oder bei «Psy- weiteren sozialen Aktivitäten. Donnerstag und trinkt man auch unter der Woche gerne einen
chology of religious behaviour», das einem Freitag macht sich dann die «Rollköfferlidelega- Weisswein im Bistro zum Feierabend. Obwohl
Modul entstammt, aus dem alle Masterstuden- tion» auf in die Heimat: die Studentinnen und ich mein Leben in Fribourg offen und möglichst
tinnen und -studenten Kurse wählen sollten. Studenten aus dem Wallis, dem Tessin, der Ost- vorurteilsfrei beginnen wollte, merke ich, dass
Die Seminare sind dagegen kleiner, familiärer schweiz etc. brechen auf in die Heimat. Die auch ich mich in meiner Wahrnehmung von den
und verlangen mehr aktive Mitarbeit. So war Bahnsteige in Fribourg sind dann jeweils ziem- Klischees beeinflussen lasse. Da diese Einschät-
im Seminar «Essstörungen» etwa der Lei- lich dicht gedrängt, da auch die Rekruten der Ka- zungen nur auf einzelnen Beobachtungen beru-
stungsnachweis, eine Präsentation zu einem sernen im Umland ebenfalls ins Wochenende hen, ist natürlich kein abschliessendes Fazit
Unterkapitel der Essstörungen zu halten, z. B. abtreten. Dasselbe Spektakel wiederholt sich am möglich. Zum Glück bleibt mir nochmals ein
zur «Psychotherapie bei Binge Eating Disor- Sonntagabend spät, natürlich dann in die Gegen- Jahr Fribourg, in dem ich die Romands und Fri-
der» und danach eine Hausarbeit über die The- richtung. Es ist schon ganz schön lustig, den bourg mit all ihren Facetten noch besser kennen-
matik zu schreiben. Meist werden die Themen Rollköfferlis und ihren Besitzern zuzusehen und lernen kann! Schliesslich bin ich gleicher Mei-
in Kleingruppen erarbeitet und präsentiert, die selbst mit dem Strom zu schwimmen. nung wie François de la Rochefoucauld
Arbeit schreibt dann jede und jeder für sich in Wunderbar an Fribourg ist ausserdem – zumin- (französischer Schriftsteller, 1613-1680), der
den Semesterferien. Die Abgabetermine sind dest für mich – dass wirklich überall französisch meinte: «Es ist wichtiger Menschen zu studieren
Diskussionssache. gesprochen wird. Deutschsprachige sind klar in als Bücher.»

*Begriffserklärung: Universität Fribourg Literaturtipps


Röstigraben ist ein Terminus, der insbesondere An der 1889 gegründeten Universität Fribourg Münkel, A. (2004). Der Röstigraben - Sprach-
den Unterschied im Abstimmungsverhalten studieren an fünf Fakultäten (philosophisch, liche Konfliktfelder in der heutigen Schweiz,
zwischen Deutschschweizern und Romands, rechtswissenschaftlich, theologisch, wirt- dargestellt am Verhältnis zwischen Deutsch-
also der deutschsprachigen Bevölkerungs- schafts- und sozialwissenschaftlich, mathema- schweiz und Romandie. München: Grin Ver-
mehrheit und der frankophonen Schweiz be- tisch-naturwissenschaftlich) über 10‘000 Stu- lag.
zeichnet. Ursprünglich war es ein scherzhafter dierende (bei 35‘000 Einwohnern!), die Video von der Comedian Marie-Thérèse Por-
Ausdruck für die «gefühlten» Unterschiede meisten davon pendeln (mehr dazu im Arti- chet, die sich über Deutschschweizer (Bour-
zwischen den beiden grössten Schweizer kel). Die Professoren und Professorinnen stam- bines) lustig macht;
Sprachregionen. men aus mehr als 100 Ländern. Es wird gros- youtube.com/watch?v=2N6CWWDq3NI;
ser Wert auf die Zweisprachigkeit gelegt, die Blog: swiss.twoday.net/stories/130452
Für weitere Informationen: Unterrichtssprachen sind Deutsch, Französisch Offizielle Homepage der Stadt:
enzyklo.de/Begriff/Röstigraben und immer öfter auch Englisch. fribourgtourisme.ch/de/welcome.cfm
44 aware HS11 STöRUNGSBILD

Die Huntington-Krankheit: Eine Familientragödie

Lina ist Anfang zwanzig, als zwei Worte ihr Leben vollkommen verändern: Huntington- wichtig, aber das ist noch nicht aktuell. Ich will
Krankheit. Mit mir sprach sie über ihre Angst vor dem Tod, die Wut auf profitorientierte mein Leben deshalb noch nicht völlig umkrem-
Konzerne, ihre Hoffnung in die Fortschritte der Forschung und die Dankbarkeit gegenüber peln. Es kann ja sein, dass man in zehn oder fünf-
den Menschen, die ihr Halt geben. zehn Jahren, wenn die Krankheit vielleicht bei mir
ausbricht, schon ein Heilmittel gefunden hat.
Von Antje Stahnke meisten Betroffenen bricht sie zwischen dem 35. Ausserdem, selbst wenn ich gesund wäre, der
und 45. Lebensjahr aus, doch es kann auch Kin- Albtraum wäre damit nicht vorbei. Meine Mutter
Lina* und ich kennen uns schon seit vielen Jah- der und alte Menschen treffen. Ob man Genträ- wäre immer noch krank, mein Bruder noch im
ren, als Kinder waren wir Nachbarn und unsere ger ist und in welchem Alter die Krankheit un- Ungewissen. Das Damokles-Schwert Huntington
Familien befreundet. An einem Sommertag vor gefähr ausbrechen wird, kann mittels eines Tests würde noch immer über der Familie schweben.»
einem Jahr rief mich Lina völlig aufgelöst an: ermittelt werden. Diesem gehen üblicherweise Doch es ist nicht nur diese Ohnmacht, die Lina
Ihre Mutter, die bereits seit einiger Zeit schon intensive Vorgespräche mit Psychologinnen und zu schaffen macht. Es ist auch die Art, wie in der
schwer depressiv gewesen war, habe eine Dia- Psychologen voraus, um festzustellen, ob die Gesellschaft mit Betroffenen umgegangen wird.
gnose erhalten, ob ich Zeit hätte zum reden. Risikoperson emotional stabil genug ist, um das «Man lebt in ständiger Angst, dass jemand da-
Lina und ich haben oft über die Depressionen Ergebnis verkraften zu können. von erfahren könnte. In einem Chatroom habe
ihrer Mutter und die später hinzugekommenen In der Regel beginnt die Huntington-Krankheit ich viele Geschichten von Betroffenen gelesen,
Gedächtnis- und Gleichgewichtsstörungen so- mit psychischen Symptomen wie Depressionen. die zum Teil nur aufgrund des puren Risikos,
wie die unkontrollierten Bewegungen gespro- Bei vielen Betroffenen kommt es zu starken Per- dass sie den Gendefekt geerbt haben könnten,
chen. Wir rechneten mit dem Schlimmsten und sönlichkeitsveränderungen, sie vernachlässigen von Versicherungen und in Karrierefragen be-
hatten einen heimlichen Verdacht: Gehirntumor. plötzlich familiäre und berufliche Pflichten, ihr
Doch es sollte noch viel fataler sein. «Ich konnte Verhalten wird enthemmt bis aggressiv. Hinzu Die Huntington-Krankheit: Was
es damals überhaupt nicht fassen. Ich habe er- kommen kognitive Beeinträchtigungen, bei- passiert im Körper?
wartet, dass es etwas Ernstes ist, aber diese spielsweise in Form einer subkortikalen De- «Bei der Chorea Huntington ist von den
Krankheit habe ich mir selbst in meinen menz. Im weiteren Verlauf leiden die Patienten Basalganglien besonders das Striatum be-
schlimmsten Albträumen nicht ausgemalt. Es an tanzähnlichen Bewegungsstörungen, die den troffen: Der Nucleus caudatus ist stark ge-
hat mir wirklich den Boden unter den Füssen ganzen Körper betreffen. Daher auch die Be- schrumpft. Auch das Putamen ist häufig
weggerissen, mit diesem Tag hat sich alles ver- zeichnung «Chorea Huntington», denn «chorea» atrophiert, also verkleinert. Man geht heu-
ändert…», sagt Lina heute. Die folgenschwere bedeutet auf Griechisch «Tanz». Es gibt zurzeit te davon aus, dass der Verlust von GA-
Diagnose lautete «Huntington-Krankheit». keine Möglichkeit, die Krankheit in ihrem Ver- BAergen Neuronen im Striatum, die im
lauf zu verlangsamen oder gar zu heilen. Etwa Normalfall hemmend auf die Motorik wir-
Die Krankheit 15 Jahre nach Auftreten der ersten Symptome ken, zu den typischen Symptomen führt.
Da diese Neuronen auch zahlreiche Verbin-
Die Huntington-Krankheit, auch Chorea Hun- sterben die Menschen.
dungen zum Hirnrindensystem haben, die
tington genannt, ist eine schwere Erkrankung
dann ebenfalls nicht mehr adäquat ver-
des Nervensystems, die auf einen Gendefekt zu- Angst, Wut, Hoffnung
sorgt werden, lassen sich die kognitiven
rückgeht. Sie wird autosomal-dominant vererbt, «Als ich damals erfahren habe, worunter meine
und emotionalen Krankheitszeichen auf
das heisst, dass die Kinder eines Genträgers je- Mutter leidet, war mein erster Gedanke: Ich will
der Basis dieser Neuronendegeneration er-
weils ein Risiko von 50 Prozent haben, den De- es wissen. Heute bin ich froh, den Test nicht sofort
klären. Eine Therapie der Huntington-Er-
fekt ebenfalls zu besitzen. Jeder, der das Gen gemacht zu haben. Natürlich würde ich gern ge-
krankung ist nicht bekannt. Die über-
geerbt hat, wird auch erkranken. Wann die Hun- sagt bekommen, dass ich den Gendefekt nicht
schiessenden Bewegungen können
tington-Krankheit ausbricht, entscheidet sich habe und mein Leben planen kann wie jeder ande-
vorrübergehend eingedämmt werden,
aufgrund der Anzahl der Wiederholungen des re auch, mit Kindern und so. Andererseits würde
wenn man Substanzen gibt, die Dopamin-
CAG-Triplets auf dem kurzen Arm des vierten ich es im Moment noch nicht wissen wollen, sollte
rezeptoren blockieren. Allerdings ist die
Chromosoms. Ab 39 Wiederholungen spricht ich die Krankheit haben. Diese Gewissheit kann
Einstellung der Patienten auf die optimale
man von der Huntington-Krankheit. Je öfter das man nicht rückgängig machen. Man wird es im-
Dosis nicht einfach […] .»
Triplet vorhanden ist, desto jünger sind die Pati- mer mit sich herumtragen und nimmt sich damit Schandry, A. (2006). Biologische Psycholo-
enten beim Auftreten der ersten Symptome und ein Stück weit die Hoffnung. Bei der Frage, ob ich gie. Weinheim: Beltz Verlag.
umso heftiger ist der Krankheitsverlauf. Bei den Kinder bekommen soll, wäre die Gewissheit
STöRUNGSBILD HS11 aware 45

ren, ob man Genträger ist, zum anderen wurde


so eine wichtige Grundlage zur Erforschung von
Behandlungsmethoden geschaffen.

Was hat sich verändert?


Am Schluss möchte ich von Lina noch wissen,
wie es ihr heute geht, ein Jahr nachdem das
Schreckgespenst Huntington in ihr Leben trat.
«Oft ertappe ich mich dabei, wie ich mich selbst
beobachte. Wenn ich in Vorlesungen unruhig bin,
mir ein Teller herunterfällt oder ich den Geburts-
tag einer Kollegin vergesse, befürchte ich sofort,
dass es die ersten Symptome der Krankheit sein
könnten. Ich habe grosse Angst vor der Zukunft
und beschäftige mich oft mit dem Tod. Wenn mei-
ne Freunde unbeschwert von Karriere oder Fami-
lie träumen, werde ich traurig und fast etwas nei-
disch.» Zum ersten Mal während unseres
Gesprächs muss sie sich ein paar Tränen aus dem
Bildquelle: Stefanie Umbricht

Gesicht wischen. «Aber es gibt auch Positives»,


sagt Lina, fast als wollte sie sich selbst trösten.
«Ich bin viel gelassener geworden. All die kleinen
Dinge, die im Alltag schief laufen, regen mich
heute kaum noch auf. Es ist eine Form von Gal-
genhumor, wenn ich mir denke: Egal, es gibt
nachteiligt wurden. Das ist einfach nicht fair. gibt, den Krankheitsverlauf zu verlangsamen. schliesslich Schlimmeres. Ich lebe mein Leben
Als hätte man es mit dieser Krankheit in der Fa- Das gibt mir auch für meine eigene Zukunft heute bewusster, da mir klar ist, wie kurz es sein
milie nicht schon schwer genug.» Hoffnung. Dennoch bin ich mir bewusst, dass kann, egal ob man gesund ist oder krank, jung
Auch im privaten Bereich wurde Lina ent- meiner Mutter diese Ansätze wahrscheinlich oder alt. Ich war früher sehr ehrgeizig, habe oft 15
täuscht: «Ich war erschüttert, wie viele von uns nicht mehr helfen werden. Das ist ein grausamer Stunden am Tag gelernt oder gearbeitet. Heute
Abstand genommen haben, nachdem sie davon und trauriger Gedanke.» achte ich darauf, die Balance zu halten. Ich lebe
erfahren haben. Man merkt dann schnell, auf Zuversicht schenken Lina nicht zuletzt jene mehr für den Moment. Das ist etwas, was ich je-
wen man wirklich zählen kann.» Menschen, die sich der Erforschung dieser dem ans Herz legen würde. Und ich verbringe
Und noch etwas ärgert Lina masslos: «Dass es Krankheit verschrieben haben. Eine von ihnen mehr Zeit mit den Personen, die mir wirklich et-
keine Behandlungsmöglichkeit gibt, ist sehr be- ist Nancy Wexler. was bedeuten. Es gibt vier Menschen, ohne die ich
lastend. Der Neurologe meiner Mutter hat ein- Wexler hatte 1968 gerade ihr Bachelorstudium das alles nicht durchstehen würde: Meine Mutter,
mal im Vertrauen Klartext mit mir gesprochen. in Psychologie abgeschlossen, als Chorea Hun- mein Freund und meine beiden besten Freunde.
Er sagte, dass 400 Huntington-Betroffene in der tington bei ihrer Mutter diagnostiziert wurde. Falls ihr das einmal lest: Ich liebe euch so sehr
gesamten Schweiz schlicht zu wenige sind, als Statt zuzulassen, dass diese Krankheit ihr Leben und bin euch unendlich dankbar für die Kraft, die
dass Pharmaunternehmen und Institute millio- zerstört, machte sie daraus ihre Lebensaufgabe ihr mir schenkt!»
nenschwere Studien in Auftrag geben würden. und wurde Neuropsychologin. Seitdem arbeitete *Name geändert
Es rentiere sich einfach nicht und sei nicht pre- Wexler unermüdlich, sammelte Geld, machte
stigeträchtig genug. Das macht mich so wü- die Krankheit bekannt, rief Forschungsgruppen Lesenswertes
tend!» ins Leben. Der grösste Erfolg ihres Teams war Wexler, A. (2002). Wenn Schicksal messbar
Und doch lässt Lina sich den Mut nicht völlig die Entdeckung des Huntington-Gens im Jahr wird. Duisburg: Deutsche Huntington-Hilfe
nehmen: «Ich kann mir gut vorstellen, dass es in 1993. Damit wurde es zum einen möglich be- e.V.
ein paar Jahren zumindest eine Möglichkeit reits im präsymptomatischen Stadium zu erfah-
46 aware HS11 HISTORISCHES

Elizabeth Loftus
umso mehr vermeintliche Details konnten sie
Elizabeth Loftus gehört augenscheinlich zu den grossen Persönlichkeiten der Psychologie.
sich erinnern (Loftus & Pickrell, 1995). Dieses
Ihre Experimente zur Manipulierbarkeit von Gedächtnisinhalten sind längst schon
Beispiel ist eine gute Illustration des auf Eliza-
Klassiker. Doch wer ist die Frau hinter diesem prominenten Namen? Und was treibt die
beth Loftus zurückgehenden Fehlinformations-
rastlose Forscherin an?
effekts (vgl. Kasten).
Von Antje Stahnke Wurden die Versuchspersonen gefragt, «Wie
schnell fuhren die Autos, als sie zusammen- Was Loftus antreibt
Elizabeth Loftus ist zweifelsohne eine der be- krachten?» schätzten sie das Tempo signifi- Welche Auswirkungen Suggestionen dieser Art
deutendsten Gedächtnisforscherinnen unserer kant höher ein als beispielsweise bei der Fra- in der Praxis haben können, lässt sich erahnen,
Zeit. Und nicht nur das: Laut einer Aufstellung ge, «Wie schnell fuhren die Autos, als sie wenn man die Äusserungen von Wendy Maltz
aus dem Jahr 2002, die sich unter anderem auf kollidierten?» (Loftus & Palmer, 1974). Dies (1993) betrachtet. Die amerikanische Therapeu-
die Häufigkeit der Zitationen beruft, gehört sie macht deutlich, wie schnell bei Zeugenbefra- tin veröffentlichte in den 1980er Jahren das da-
zu den 100 bedeutendsten Psychologinnen und gungen falsche Erinnerungen konstruiert wer- mals wie heute kontrovers diskutierte Buch «Se-
Psychologen des 20. Jahrhunderts. Mit Rang 58 den können. xual Healing», in dem sie rät: «Nehmen sie sich
ist Loftus die höchstplatzierte Frau und steht Eine weitere populäre Studie beschäftigte sich die Zeit für die Vorstellung, man habe sie sexuell
noch vor psychologischen Koryphäen wie Kon- mit weiter zurückliegenden Erinnerungen. missbraucht, ohne sich den Kopf darüber zu zer-
rad Lorenz, Lev Vygotsky und Wilhelm Wundt Loftus und ihre Mitarbeitenden baten in diesem brechen, ob es genau so stimmt oder nicht. Sie
(Haggbloom et al., 2002). Grund genug, sich Experiment die Versuchspersonen, sich an be- brauchen nichts zu beweisen und ihre Vorstel-
einmal näher mit dieser «Grande Dame» der stimmte Kindheitserlebnisse zu erinnern, die lungen brauchen auch keinen Sinn zu ergeben»
Psychologie zu beschäftigen. den Forschenden zuvor von Angehörigen be- (Maltz, 1993). Psychotherapeutinnen und -the-
Loftus und ihre Mitarbeitenden führten über 200 richtet wurden. Neben verschiedenen Ereignis- rapeuten animierte sie dazu, ihre Klientinnen
Experimente mit mehr als 20‘000 Versuchsper- sen, die wirklich stattgefunden hatten, gab es und Klienten gezielt zu solchen Phantasien an-
sonen im Bereich Gedächtnis, Erinnerung und auch ein Szenario, dass den Probanden nie wi- zuleiten, um so Missbrauchsfälle aufzudecken,
Suggestion durch (Loftus, 1998). Viele ihrer derfahren war, nämlich in einem grossen Ein- von denen die Opfer bisher selbst nichts wuss-
Studien sind weit über die Grenzen der Psycho- kaufszentrum verloren gegangen zu sein. Zuerst ten.
logie hinaus bekannt geworden. gaben einige Testpersonen tatsächlich an, sich Unter Anleitungen wie diesen und unter sugges-
In einer dieser berühmten Untersuchungen überhaupt nicht an diese Situation erinnern zu tiven Zeugenbefragungen vor Gericht kam es
wurde den Testpersonen ein Video eines Ver- können. Je öfter Loftus und ihre Mitarbeitenden gerade in den USA zu spektakulären, meist un-
kehrsunfalls gezeigt. Im Anschluss sollten sie sie jedoch darum baten, sich das Ereignis ins bewussten Falschaussagen. Diese hatten für die
die Geschwindigkeit der beteiligten Fahrzeuge Gedächtnis zu rufen, umso überzeugter wurden vermeintlichen Täter, aber auch für die Opfer,
einschätzen. Die Wortwahl in der Fragestel- die Probanden und Probandinnen, tatsächlich im oftmals dramatische Folgen. Eine besonders ab-
lung beeinflusste diese Beurteilung massiv. Kaufhaus verloren gegangen zu sein und an struse Geschichte, die Loftus zu ihrer Gedächt-
nisforschung anregte, war die folgende: «Im
Zur Person Der Fehlinformationseffekt Jahr 1986 suchte Nadean Cool, eine Schwe-
Elizabeth Loftus wurde 1944 in Los Angeles Der Fehlinformationseffekt (missinformati- sternhelferin im US-Bundesstaat Wisconsin,
geboren. Sie studierte von 1966 bis 1970 on effect) tritt auf, wenn durch falsche In- Hilfe bei einem Psychiater, um ihre Reaktion
Psychologie und Mathematik an der Univer- formationen Erinnerung manipuliert wird. auf eine traumatische Erfahrung ihrer Tochter
sity of California in Los Angeles und an der Dabei werden Personen Details oder ganze besser verarbeiten zu können. Der Therapeut
Stanford University. Heute arbeitet sie an der Ereignisse suggeriert, die es nie gegeben setzte Hypnose und andere Suggestionsverfah-
University of California in Irvine. Loftus wur- hat. Diese werden dann in die eigene Erin- ren ein, um verdrängte Erinnerungen an verstö-
de bekannt durch ihre Leistungen in der Ge- nerung integriert und sind anschliessend rende Geschehnisse, denen Nadean Cool angeb-
dächtnisforschung. Sie prägte Begriffe wie kaum noch von echten Erlebnissen zu un- lich selbst ausgesetzt gewesen war, zutage zu
«falsche Erinnerung» und «Fehlinformati- terscheiden. Die Suggestion kann auch un- fördern. Im Laufe der Therapie kam diese Pati-
onseffekt». Ihre Arbeit hatte insbesondere absichtlich geschehen. Der Effekt konnte entin zu der Überzeugung, sie sei Mitglied eines
Auswirkungen im Bereich der Rechtspsycho- vielfach und von verschiedenen Forschungs- satanischen Kults gewesen: Sie habe Säuglinge
logie. Loftus ist geschieden und kinderlos. gruppen repliziert werden. verspeist, sei vergewaltigt worden, habe Ge-
schlechtsverkehr mit Tieren gehabt und sei ge-
HISTORISCHES HS11 aware 47

kannt wurde, dass sie selbst als Sechsjährige


von ihrem Babysitter sexuell missbraucht wur-
de. Zumindest der Vorwurf, sie wüsste nicht,
wovon sie rede, war damit entkräftet.
Doch mit all diesen Kritiken konnte Loftus
umgehen. Ungleich härter war es für sie nach
eigenen Angaben, als die University of
Washington, an der sie ihr halbes Leben lang
tätig gewesen war, eine Untersuchung gegen
sie einleitete. Zwar wurden alle Vorwürfe spä-
ter fallen gelassen, doch Loftus zog es vor, das
Arbeitsverhältnis daraufhin zu beenden (Schä-
fer, 2010).

Eine ganz normale Frau


Zum Schluss stellt sich die Frage, was für ein
Mensch hinter dieser grossen Wissenschaftlerin
steckt.
Die Lebensziele der jungen Elizabeth Loftus
waren zunächst wenig ehrgeizig: Nach dem Stu-
dium wollte sie heiraten, Hausfrau und Mutter
werden. Sie feierte viel. Trotz ihrer guten Leis-
tungen erhielt sie bei einer Umfrage an ihrer
Universität den wenig rühmlichen Titel «Stu-
dentin mit der geringsten Aussicht auf Erfolg in
der Psychologie» (Schäfer, 2010). Aus heutiger
Sicht kaum zu glauben.
Loftus bezeichnet sich selbst als Workaholic.
Der Preis für ihren überragenden Erfolg ist eine
Bildquelle: Rebekka Stähli

nach 23 Jahren gescheiterte, kinderlos gebliebe-


ne Ehe (Schäfer, 2010). Ihr Mann Geoffrey,
ebenfalls ein in den USA sehr bekannter Ge-
dächtnispsychologe, hatte ihre Arbeitswut und
den Mangel an Zweisamkeit nicht mehr ertra-
zwungen worden, den Mord an ihrer achtjähri- vor Gericht. Sie trat in mehr als 250 Prozessen gen. Er ist heute erneut verheiratet und inzwi-
gen Freundin mit anzusehen. Schliesslich auf, unter anderem in den Prozessen gegen O. J. schen Vater geworden.
glaubte sie, mehr als 120 Persönlichkeiten zu Simpson und Michael Jackson, sowie vor dem In zahlreichen Interviews berichtete Loftus, dass
haben – die von Kindern, Erwachsenen, Engeln Kriegsverbrechertribunal in Den Haag (Schäfer, der grösste Einschnitt in ihrem Leben der Tod
und sogar einer Ente» (Loftus, 1998). 2010). Gerade in jenen Missbrauchsfällen, in de- ihrer Mutter war. Sie starb bei einem Badeun-
nen Loftus zugunsten des vermeintlichen Täters fall, als Elizabeth gerade mal 14 Jahre alt war. In
Hoch geschätzt und tief verhasst aussagte, wurde sie von den Angehörigen der Op- einem offenen, an ihre Mutter gerichteten Brief,
Elizabeth Loftus wurde für ihre Arbeit gleicher- fer heftig kritisiert und nicht selten mit dem Tod schrieb Loftus 40 Jahre nach deren Ableben und
massen verehrt und angefeindet wie kaum eine bedroht. Andererseits waren ihr die Beschuldig- zehn Jahre nach der Scheidung von Geoff: «[Ich]
andere Psychologin oder ein anderer Psychologe. ten, die aufgrund ihrer Ausführungen freigespro- beschäftige mich mit Arbeit und ich muss nicht
Sowohl unter Fachleuten als auch in der breiten chen wurden, natürlich sehr dankbar. an das denken, was meinem Leben fehlt. Eine
Öffentlichkeit wurde über sie debattiert. Vor allem Das Verhalten von Elizabeth Loftus wurde in ein Familie mit Liebe und Nähe – das ist es, was ich
aufgrund ihrer häufigen Rolle als Sachverständige neues Licht gerückt, als vor einigen Jahren be- vermisse» (Schäfer, 2010).
Das Hochschulforum im HS 2011 zum Thema:

BETEN
Was bedeutet jene Geste, vollzogen im Wort und oftmals wie aus einer Bewegung heraus, den ganzen Menschen
umfassend? Wir wissen nicht, wie wir beten sollen und tun es dennoch – der Welt, dem Tod, der Gleichgültigkeit
entgegen, damit das Herz nicht ertaubt.

himmel- und erdwärts


Lesezirkel und Schreibworkshop
Diskussion von Gebeten und anderen Textformen, die jenseits frommer Attitüde eine Verdichtung unserer
Existenz leisten. Schreibend selbst ins Wort bringen, was uns angeht und übersteigt.

Seelenfutter – Beten im islamischen Kontext


Vorlesungsreihe
Grundwissen über den Islam erwerben beim Nachdenken über Formen des Betens anhand von Texten und
der Frage, welche Rolle der Körper dabei spielt.

Transformation im Bild
Führung in zwei Etappen
Fraumünster und Grossmünster als auf Transformation hin codierte Räume, wo die Bildwelten von Marc Chagall und
Sigmar Polke den Blick lenken und innehalten lassen.

Weitere Angebote:
Beiz • Gottesdienste zum Semesterthema • Ökumenisches Taizé-Gebet • Unter vier Augen
siehe www.hochschulforum.ch

Die SKJP - der gesamtschweizerische Fachverband der Kinder- und


Jugendpsychologen/-innen mit über 700 Mitgliedern
- engagiert sich für die Kinder- und Jugendpsychologie in Praxis, Lehre und Forschung
- ist Herausgeberin der Zeitschrift ‚P&E Psychologie und Erziehung’
- bietet das Curriculum zur Erlangung des Fachtitels ‚Fachpsychologe/-in für Kinder- und Jugendpsychologie FSP’ an
- unterhält eine Homepage mit Stellenvermittlung
- verleiht einen Förderpreis für herausragende Masterarbeiten mit kinder- und jugendpsychologischen Fragestellungen
- verleiht einen Anerkennungspreis an Personen mit besonderen Leistungen im Bereich der Kinder- und Jugendpsychologie

StudAbo SKJP
Die SKJP bietet Studierenden zum Preis von CHF 20.00 pro Jahr ein StudAbo an. Das StudAbo umfasst:

- Abo unserer Zeitschrift ‚P&E Psychologie und Erziehung’ (2x jährlich)


- SKJP-Mailing mit Weiterbildungshinweisen, Stellenangeboten usw. (4x jährlich)
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Kontakt und Infos: SKJP - Postfach 4138 - 6002 Luzern - Telefon 041 420 03 03 - info@skjp.ch - www.skjp.ch
INSTITUTIONEN HS11 aware 49

FAPS @ psyKo´11
Ein Erlebnisbericht zum nationalen Kongress
FAPS
@ Nationaler Kongress für Psychologiestudierende
Congrès national pour étudiant-e-s en psychologie

für Psychologiestudierende DÄRSTETTEN | 15.-17. April 2011

Was erwartet einen am psyKo, dem derung meines Problems wurde mir jedoch unheimlich laut, der Rhythmus fuhr mir aber so-
nationalen Kongress für Psychologiestudie- plötzlich bewusst, dass ich ein Thema gewählt fort in die Beine, und ich genoss das kurze Pri-
rende? Der FAPS hat teilgenommen und hatte, das mich emotional stark bewegt. Und nun vatkonzert als meinen persönlichen Höhepunkt
berichtet von einem spannenden und war ich dabei, dies vor lauter fremden Menschen des psyKos. Auch die anderen noch im Haus ver-
vergnüglichen Wochenende. auszubreiten! Trotzdem hörte ich der Erklärung bliebenen Studierenden wurden von der Musik
des Referenten aufmerksam zu. Für jede der be- angezogen. Nach einer weiteren Kostprobe
Von Nicole Wellinger teiligten Personen, einschliesslich mir, sollte ich stürmten alle zur Turnhalle und das Wazomba
unter den Anwesenden Stellvertretern auswäh- Overdrive Orchester heizte uns mächtig ein.
Per Zufall bin ich im Archiv des aware-Maga- len und sie so aufstellen, wie ich die Situation
zins über einen begeisterten Bericht zum empfand. Die Personen in der Struktur gaben Am nächsten Morgen schlurfte ich schlaftrun-
psyKo‘07 gestolpert. Ein nationaler Kongress dann Rückmeldung darüber, welche Gefühle ken ins Bad. An diesem Sonntag war mir 8.30
von und für Psychologiestudierende? Das durch ihre Position in ihnen ausgelöst wurden. Uhr eindeutig zu früh. Ich wollte jedoch auf kei-
klang spannend! Das fanden auch zwei Kolle- Schliesslich durften sie sich auf ihrem Platz in nen Fall die Morning Lectures verpassen. Nach
ginnen und so beschlossen wir, dieses Jahr am eine neue Richtung drehen, bis sie sich wohler der dritten Tasse Kaffee fühlte ich mich fähig,
psyKo teilzunehmen. Offizieller Beginn des fühlten. Diese Strukturarbeit ist sehr intuitiv, einem Vortrag über lösungsorientierte Beratung
Kongresses war Freitagabend. Wir reisten je- und sie selbst zu erleben, hat mich sehr beein- zu folgen. Beim Brunch tauschten wir unsere
doch erst am frühen Samstagnachmittag an. druckt. Eindrücke aus. Nach spannenden Vorträgen von
Wie abgemacht, wurden wir von einem Mit- Studierenden zu allen möglichen Themen der
glied der psyKo-Crew am Bahnhof von Där- Nach dem Workshop war ich jedoch fix und fer- Psychologie – die Wahl fiel nicht immer leicht
stetten abgeholt und zum Kongresszentrum tig und brauchte erst mal einen Kaffee. Dem – war es schon Zeit für den Abschlussvortrag
gebracht. Das war im Moment noch etwas ver- Workshopleiter fiel auf, dass ich etwas mitge- über Kriminalpsychologie.
lassen, da sich die meisten Teilnehmerinnen nommen aussah, und so verwickelte er mich in
und Teilnehmer gerade auf einem Spaziergang ein Gespräch. Gemeinsam mit meinen Kolle- Mein Fazit: Der Kongress hat mir sehr gut gefal-
befanden. Noch meine Tasche in der Hand, ginnen setzten wir uns vor dem Kongresshaus an len. Er begeisterte mich insbesondere mit seiner
setzte ich mich gleich in eine Sitzung des einen Tisch, und er erzählte faszinierende Ge- lockeren, aber professionellen Atmosphäre und
psyCH. Leider hat die Universität Zürich schichten aus seiner therapeutischen Arbeit. dem vielseitigen Angebot. Wer vom 30. März-1.
schon seit längerer Zeit keine Vertretung mehr April 2012 noch nichts geplant hat, sollte sich
im Vorstand des Dachverbandes der Schweizer Nach einem aufregenden und emotionsgela- den psyKo´12 auf keinen Fall entgehen lassen.
Psychologiestudierenden. Aus diesem Grund denen Tag versammelten sich alle für das Ich werde wieder dabei sein!
wollte ich die Chance nicht verpassen, mich Abendessen. Das Küchenteam hatte ein leckeres
auf den neuesten Stand zu bringen. mexikanisches Menü gezaubert, mit Tortillas,
psyKo: Nationaler Kongress für Psycholo-
Guacamole, Bohnen und vielem mehr. Bei den
giestudierende
anschliessenden Evening Lectures entschieden
«Der Kongress begeisterte insbe- http://www.psyko.ch
sich meine Kolleginnen für Parapsychologie, ich 30. März-–1. April 2012 in Schüpfheim, im
sondere mit seiner lockeren, aber
hörte mir den Vortrag einer Psychotherapeutin Kanton Luzern
professionellen Atmosphäre und
an, die seit 2003 in Online-Beratungsprojekten
dem vielseitigen Angebot.»
arbeitet. psyCH: Dachverband der Schweizer Psycho-
logiestudierenden
Nach einem interessanten Meeting und einem Schliesslich verliessen die meisten Leute das http://www.psynet.ch
Kaffee begann mein erster Workshop. Von den Haus Richtung Turnhalle, wo eine Party mit Live-
vier Angeboten hatte ich mich für Systemische Konzert stattfinden würde. Ich sass noch im Ein- Information zur Skulptur
Therapie und Beratung entschieden. Der Refe- gangsbereich des Kongresshauses und wartete http://lexikon.stangl.eu/386/familienskulp-
rent wollte uns unter anderem die Skulpturarbeit auf meine Kolleginnen. Da hörte ich plötzlich tur/
demonstrieren und fragte nach einem Freiwilli- Musik von draussen und schon betrat ein Trom-
gen. Ich hatte viel über diese Technik als Coa- petenspieler das Haus. Ihm folgten neun weitere Wazomba Overdrive Orchestra
ching-Strategie gelesen und wollte sie schon Musiker mit Trommeln und Saxophonen und an- http://www.wazomba.ch
lange selbst einmal ausprobieren. Bei der Schil- deren Instrumenten. So hautnah war die Musik
4jährige postgraduale

Weiterbildung in Integrativer
Körperpsychotherapie IBP
Anerkannt durch FSP, Charta, SPV, SBAP und SGPP/FMH

IBP steht für Integrative Body Psychotherapy Die AbsolventInnen verfügen nach Abschluss
Gesamtleitung: Dr. med. Markus Fischer,
und ist ein wirksames, wissenschaftlich gut der Weiterbildung sowohl über die mensch- Facharzt Psychiatrie
fundiertes Psychotherapieverfahren, das liche, klinische und psychotherapeutische und Psychotherapie FMH
die Integration von Körpererleben, Emotio- Kompetenz, selbständig und eigenverant-
nen, Kognitionen, spirituellem Erleben und wortlich ein breites Spektrum von psychi- Infoabende: Donnerstag,
Verhalten ins Zentrum stellt. Die berufsbe- schen Störungen behandeln zu können, als 8. Dezember 2011
von 19.30 – 21.30 Uhr
gleitende Weiterbildung ist offen für Psy- auch präventiv zu wirken.
in Winterthur, IBP Institut
chologInnen und ÄrztInnen und führt zum
Zertifikatsabschluss «Psychotherapeut / in für Das IBP Institut führt ein psychotherapeuti- Januar 2012
Integrative Körperpsychotherapie IBP» und sches Ambulatorium, das den Studierenden von 19.00 – 21.00 Uhr
«Fachpsychologe / in für Psychotherapie FSP». die Möglichkeit bietet, klinische Erfahrun- in Luzern
gen zu sammeln. April 2012
von 19.00 – 21.00 Uhr
Informationen und Anmeldung: in Bern
IBP Institut Daten und weitere Infos auf:
Wartstrasse 3 www.ibp-institut.ch T +41 (0)52 212 34 30 www.ibp-institut.ch
8400 Winterthur info@ibp-institut.ch F +41 (0)52 212 34 33

Master of Advanced Studies in Cognitive-Behavioral


and Interpersonal Psychotherapy (MAS)

Konzept Prof. Dr. Klaus Grawe

Im April 2012 beginnt der nächste Studiengang unserer postgradualen Weiterbildung Psychotherapie mit kognitiv-behavioralem
und interpersonalem Schwerpunkt, der als MAS der Universität Basel angeboten wird. Ziel dieser Weiterbildung ist die
selbständige Berufsausübung als PsychotherapeutIn. FSP-Mitglieder können nach Abschluss der Weiterbildung den Titel
FachpsychologIn FSP für Psychotherapie erwerben.
Die theoretische Grundlage der Weiterbildung ist ein in der empirischen Psychologie fundiertes allgemeines Modell des
psychischen Funktionierens des Menschen, der Entstehung und Aufrechterhaltung von psychischen Störungen sowie von
psychotherapeutischen Veränderungsprozessen. Das Kurscurriculum der Weiterbildung bezieht sich auf den aktuellen
Erkenntnisstand der Psychotherapieforschung und insbesondere auf die Arbeiten von Prof. Dr. Klaus Grawe, dem Begründer
einer empirisch orientierten, schulenübergreifenden Psychologischen Therapie. Die empirisch nachgewiesene Wirksamkeit von
Interventionsformen und die nachgewiesene Bedeutung therapeutischer Wirkfaktoren sind wesentliche Kriterien für die
Bestimmung der Weiterbildungsinhalte.
Schwerpunkte: Konsistenztheoretische Fallkonzeption und Therapieplanung; Diagnostik; Konzepte und Methoden der Problem-
und Ressourcenanalyse; Systemische Konzepte und Kompetenzen; Psychotherapeutische Beziehungsgestaltung;
Ressourcenaktivierung und Problemaktualisierung im Paar-, Familien- und Gruppensetting; Störungsspezifische Konzepte und
Methoden aus der kognitiven Verhaltenstherapie; Konzepte und Methoden zur motivationalen Klärung (insbesondere zur
Bearbeitung intrapsychischer Konflikte); Qualitätskontrolle in der Psychotherapie.
Die vierjährige Weiterbildung ist berufsbegleitend und praxisorientiert. Die Weiterbildungskurse finden jeweils Freitag/Samstag in
Zürich statt. Voraussetzung ist ein abgeschlossenes Universitätsstudium mit Hauptfach Psychologie.
Informationen und Bewerbung
Klaus-Grawe-Institut für Psychologische Therapie, lic. phil. Nusa Sokolic,
Weiterbildungskoordinatorin, Grossmünsterplatz 1, 8001 Zürich,
Tel. +41 (0)44 251 24 40, Fax +41 (0)44 251 24 60, weiterbildung@ifpt.ch,
www.klaus-grawe-institut.ch
Trägerschaft
Klaus-Grawe-Institut für Psychologische Therapie Zürich
in Zusammenarbeit mit dem Advanced Studies Center der Universität Basel
INSTITUTIONEN HS11 aware 51

Ein Semester StuRa-Präsident – Eindrücke


und Impressionen
Am 15. Dezember 2010 wurde ich zum stand auf der Kippe. Als ob das nicht schon an-
Präsidenten des Studierendenrates (StuRa) strengend genug gewesen wäre, so organisierten
gewählt. Fünf der sieben Büromitglieder wir am selben Wochenende und in der Woche
waren wie ich neu im Rat. Was ist in dieser darauf eine Informationskampagne, welche die
Zeit alles passiert? Ein Blick von oben und Studierenden über die Kantonsratssitzung infor-
unten auf das studentische Parlament der mieren sollte. Daneben führten wir viele Ge-
Universität Zürich (UZH). spräche – vor allem mit Politikern und Vertretern sen, dass man sogar mit 50 Franken entlohnt
der Universitäten. In dieser Woche war ich total wird. Es ist allerdings schwierig, die Arbeit und
Von Martin Roeck ausgelastet, und es sollte das erste Mal seit lan- Erfolge in den Kommissionen transparent und
gem sein, dass ich regelmässig vor 12 Uhr ins öffentlich zu machen.
Am Ende des Semesters stapelten sich die Blät- Bett und täglich gegen 7 Uhr aufgestanden bin. Wer noch weiter gehen will, stellt sich zur Wahl
ter. Haufenweise hatten sich lange Dokumente, Dabei bin ich doch nachtaktiv, ein Lukubrateur! in den StuRa: Klappt das, so stehen pro Semester
Briefe, Arbeitspapiere und Notizblätter in mei- Als StuRa-Präsident hat man jedoch nicht nur drei etwa zweistündige Sitzungen an. Dort wird
ner Bude angestaut. Darunter waren auch Bücher stressige Zeiten, es gibt auch sehr viele schöne diskutiert und über Positionierungen abge-
und Unterlagen meiner Seminare, daneben ein Momente. Es ist interessant, in die universitären stimmt. Alles in allem kein grosser Aufwand,
paar Mahnungen der universitären Bibliotheken Abläufe hineinzusehen und mit verschiedensten aber sehr interessant. Der nächste Schritt könnte
– was dabei nicht alles hervorkommt! Aber ein Personen zu diskutieren. Das hat mich in meiner ins Büro führen: Als Team nimmt man diverse
unorganisierter Mensch bin ich eigentlich nicht. persönlichen und intellektuellen Entwicklung Aufgaben in Angriff und steht im ständigem
Ich habe immer alles Nötige gefunden, und die weitergebracht. Ich habe auch unglaublich viele Austausch mit der Universität. Als Präsident
Haufen waren immerhin gestapelt. Zeit zum nette und hilfreiche Menschen kennengelernt. nehme ich repräsentative und administrative
Ordnen habe ich erst jetzt, nach Abschluss aller Das gibt Kraft, Mut und Motivation, mich wei- Aufgaben wahr. Ich schaue, dass der Laden funk-
Prüfungen und Arbeiten gefunden. Es muss ein terhin in dieser Funktion zu engagieren. tioniert, und leite Anregungen und Kritik an die
ereignisreiches Semester gewesen sein, denke Universität weiter.
ich mir und blicke zurück auf mein erstes Seme- Also: Geht wählen, stellt euch für Kommissi-
Ich habe unglaublich viele nette
ster als StuRa-Präsident. onen oder gar den StuRa zur Wahl! Studentisches
und hilfreiche Menschen kennen-
Engagement ist spannend und lehrreich. Die
gelernt.
Rückblick auf ein ereignisreiches Semester Wahlen finden diesen Herbst wieder statt. Bis
Was bleibt mir von diesem Semester? Zunächst zum 17.10.11 kann man kandidieren, vom
einmal die zahlreichen Sitzungen, an denen ich Studentisches Engagement ist spannend 11.11.11 an wird der neue Rat gewählt. Viel-
teilnahm. Das war interessant, aber auch anstren- und lehrreich! leicht mit euch?
gend. Besonders die Vorbereitung der StuRa- Schade finde ich es, dass viele Studierende gar
Sitzungen war jedes Mal nervenaufreibend. Da- nicht wissen, was der StuRa alles für sie macht
SUZ – eine neue Ära der Studieren-
neben werde ich mich an die grösseren Events und was studentisches Engagement überhaupt denschaft
erinnern, die wir durchgeführt haben: Drei bedeutet. Allein wählen zu gehen ist enorm Am 29.8.11 hat der Kantonsrat über die
Standaktionen, eine Informationsveranstaltung wichtig und hilft engagierten Personen bei ihrer Wiedererrichtung einer öffentlich-rechtli-
zu den zweiten Bologna-Tagen der Philosophi- Arbeit. Ein kurzer Klick! Daneben kann man chen Körperschaft der Studierenden der
schen Fakultät und vor allem zwei erfolgreiche sich, ohne selbst im StuRa zu sein, in eine oder UZH entschieden: Mit 99 zu 72 Stimmen
Vernetzungs- und Koordinations-Treffen mit al- mehrere der über 30 universitären oder studen- wurde das langjährige Begehren des Stu-
len Fachvereinen der UZH. tischen Kommissionen wählen lassen. Die Arbeit Ras befürwortet. Die SUZ wird den StuRa
Auch werde ich mich an die aus meiner Sicht in den Kommissionen ist wirklich interessant: ablösen und auf diese Weise hat die Stu-
dramatischen Tage rund um die Kantonsratssit- Man diskutiert und erhält Einblicke in das Funk- dierendenschaft nun bedeutend mehr Ein-
zung zur SUZ (vgl. Kasten) erinnern. Dass über tionieren einer Universität. Hier geschieht die fluss, insbesondere rechtliche Sicherheit
die SUZ abgestimmt werden sollte, erfuhr ich, eigentliche Arbeit, hier kann man sich einbrin- sowie finanzielle Unabhängigkeit, was das
als ich gerade an der 154. Delegiertenversamm- gen und die Universität mitgestalten. Konstruk- Einbringen von Ideen und Anliegen im uni-
lung des Verbands schweizerischer Studieren- tive Vorschläge werden gerne gesehen, diskutiert versitären Betrieb optimiert. Infos: http://
denschaften (VSS) in Fribourg war. Hitzig wurde und aufgenommen. Zu den Sitzungen gibt es fast www.stura.uzh.ch/dossiers/suz.html
dort über die Stipendieninitiative diskutiert, sie immer Snacks und Getränke. Die wenigsten wis-
mit Kindern, Jugendlichen und Familien

Eine Einführung in das Therapiemodell


des Institut KJF Luzern

2010, 292 S., Pb., CHF 34.--


ISBN 978-3-033 -02754-1

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Därstetten und Borowice – zwei


neue Psychologie-Forscherinnen … ?
News vom studentischen Dachverband Psychologie Schweiz (psyCH)
… Nein, hierbei handelt es sich nicht um Federation of Psychology Students)-Kongress Also erzählt eurem Umfeld davon, ob Klein oder
aufkommende Psychologie-Forscherinnen, statt. Nach dem Motto «Follow your dream – Gross, Alt oder Jung. Und falls du selber Lust
sondern um Orte in der Schweiz und in make your live happen» gab es viele Workshops, hast, melde dich als freiwilliger Helfer auf www.
Polen. Beide Orte zählen wenige Einwoh- Vorträge, Ice breaking games sowie interessante psyLive.ch.
ner, und doch wurden sie dieses Jahr von und lustige Diskussionen mit Studierenden aus 33
Psychologiestudierenden aus aller Welt Ländern Europas. Ein typischer EFPSA-Kon- psyCH-Generalversammlung
eingenommen. Weshalb, erfahrt ihr im gress-Tag sah wie folgt aus: Anstehen für Früh- Am Schweizer Kongress fand auch unsere Gene-
folgenden Text. stück, doch bereits da konnte man neue Kontakte ralversammlung statt, an welcher auf das Mandat
knüpfen, am Tisch sass man dann mit Psycholo- 2010/2011 rückgeblickt wurde. Vizepräsidenten
Von Mirjam Zeiter giestudierenden z. B. aus Portugal sowie einer Stefan Tobler (ZHAW) und Michel Hosmann
Griechin und einem Finnen. Danach kam die Qual (UniBE) verabschiedeten sich vom p-Team, blei-
Gelungener psyKo‘11 der Wahl: Soll ich einen Workshop zu Dance The- ben dem psyCH-Board jedoch treu. Stefan wird
Im März fand in Därstetten (BE) der achte Nati- rapy, Psychodrama oder doch zu Goal Setting ma- der neue Finanzchef von psyCH und Michel en-
onale Psychologiekongress für Psychologiestu- chen? Anschliessend gab es die Option, einen Vor- gagiert sich bei psyLive. Das p-Team bildet sich
dierende statt. Es trafen sich 120 Studierende, trag zu «Top most bonkers things of psychology» nun aus Tilman Pfäfflin (UniBS), Präsident; Eva
um sich weiterzubilden, Freundschaften ausser- dranzuhängen. Nach einem feinen Mittagsmenu Eggemann (UniFR), Vizepräsidentin und Mirjam
halb ihrer Universität zu schliessen und Spass zu machte man ein Mittagschläfchen oder engagierte Zeiter (UniFR), Vizepräsidentin und Kommuni-
haben. Der ausgebuchte Event war sehr erfolg- sich im nächsten Workshop oder präsentierte ein kation. Beim Board sind neben Stefan und Mi-
reich – ein grosses MERCI an die kompetenten Poster. chel auch Stefanie Lurz (UniBS), Members Re-
Referenten und Referentinnen, Teilnehmenden Abends gab es immer ein grossartiges Programm, presentative EFPSA; Caroline Richter (UniFR),
und das engagierte Team! z. B. ein Polish Evening oder den legendären Cul- psyKo; Réka Farkas (UniBE), psyLive; Marcel
psyKo’12 ist in Planung und wird im schönen tural Evening, an welchem sich jedes Land kurz Zwyssig (UniFR), T-Shirts, sowie Interessierte
Entlebuch in Schüpfheim (LU) stattfinden. Wie vorgestellt hat, anschliessend gab es einen Par- aus den Universitäten von Genf, Neuenburg, Fri-
dieses Jahr wird es ein spannendes und vielfäl- cours durch sämtliche Spezialitäten aller partizi- bourg und Bern.
tiges Programm mit Vorträgen und Workshops pierenden Länder. Hast du Lust, dich bei psyCH zu engagieren?
von Professoren und Professorinnen, Studieren- Neben dem ganzen wissenschaftlichen Input und Viele spannende Projekte und lehrreiche Aufga-
den und Personen aus der Praxis geben. Kennenlernen gab es auch einen Ausflug nach ben warten auf dich. Kontakt: psyCH@psyNet.ch
Wroclaw (dt. Breslau), wo das Organisationsteam
Ereignisreicher EFPSA-Kongress eine aufschlussreiche Stadtführung und ein edles Im Herbst werden wir 2500 Infomappen über
Auch im beschaulichen Borowice, in Polen, ging Abendessen in einem Park mit Fountain Show or- psyCH an die Schweizer Studierenden vertei-
während einer Woche die psychologische Post ab ganisiert hatte. len. Wir wünschen allen Psychologiestudieren-
(siehe Foto)! Es fand der 25. EFPSA(European Ein fantastischer Kongress ging – viel zu früh – den ein spannendes und vielseitiges Semester
nach einer rauschenden 25-Jahr-Jubiläumsparty und freuen uns, wenn ihr mal bei psyCH rein-
und 25 (!) Geburtstagstorten am 15. Mai zu Ende. schaut.

psyLive – Vorurteile, Veränderung und • psyLive: 17. März | Universität Bern |


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gie! • psyKo’12: 30. März – 1. April | Schüpf-
Wer kennt es nicht, kaum sagt man: «Ich studiere heim, Luzern | www.psyKo.ch
Psychologie», stellen sich die Leute sofort vor, • EFPSA-Kongress 2012 | Dänemark |
man sei Therapeut. www.efpsa.org
Am 17. März 2012 findet deshalb an der Universi- • Noch kein Praktikumsplatz?
Bildquelle: Stefanie Lurz

tät Bern ein Projekt von psyCH statt, das an die www.psyPra.ch
Bevölkerung gerichtet ist. Das Ziel ist es, Vorur- • psyCH allgemein:
teile abzubauen, die Vielfalt der Psychologie auf- www.psyNet.ch und auf
zuzeigen und somit Psychologie zu erleben und www.facebook.com/psyCH.students
kennen zu lernen.
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that people reliably differ according to the
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that they pursue and, further, that
the most satisfied people
are those who orient their pursuits toward all
three, with the greatest weight carried by
engagement and meaning.»
Seligman, M. E. P., Tracy, A. S., Nansoon, P., Peterson, C. (2005). Positive Psychology Progress. Empricial Validation of Interventions. American Psychologist, 60, 410–421.

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