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Blutiger Abschied

Tatsachenbericht über die verzweifelten Abwehrkämpfe der 349.


Volksgrenadier- Division
in Ostpreußen von Januar bis April
1945

Heinz Simat

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Blutiger Abschied

autobiographischer Tatsachenbericht
über die verzweifelten Abwehrkämpfe
der 349. Volksgrenadier- Division
in Ostpreußen
von Januar bis April 1945

Zum Gedenken an die Opfer, die für die


ostpreußische Heimat und deren
Zivilbevölkerung ihr Leben lassen mussten

Stade im Juni 1986

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Inhaltsverzeichnis
Seite

1. Einleitung 5

2. Doristal
Eine fast alltägliche Episode aus dem Landserleben 6

3. Amalinau / Burkampen
Das Inferno und der Verlust unserer Verteidigungsstellungen 8

4. Der Zusammenbruch
Die voraussehbare Katastrophe und die Folgen ihrer 21
Geringschätzung

5. Eine ziellose Flucht


Keine Hoffnung auf Rettung aus der auswegslosen Lage 25

6. Die letzten Tage unserer Trossgemeinschaft 32


Untergangsstimmung und Propaganda

7. Vor dem neuen Einsatz 34

8. Die Abwehrkämpfe von Braunsberg 36


Opfer für die Rettung der Zivilbevölkerung

9. Die sinnlose Opferung der letzten Kameraden 44


- oder der endgültige Untergang der 349. VGD

10. Die Rettung über das Frische Haff und der Weg in die 52
Gefangenschaft

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Verzeichnis der Anlagen
Seite

1. Gesamtübersicht der Kampfhandlungen in Ostpreußen


Rückzugsweg und Datenangabe der Eroberung unserer Städte
durch die Rote Armee

2. 349. VGD. Detailkarte der 1. Hauptkampflinie


vor Amalienau

3. 349. VGD. Übersicht beider Hauptkampflinien


vor Amalienau und Burgkampen

4. 349. VGD. Detailkarte der 2. Hauptkampflinie vor


Burgkampen
mit Einzeichnungen der Kampfhandlungen am 14. Januar 1945

5. 349. VGD. Abwehrkämpfe im Braunsberger Stadtwald

6. Seltenes Beweisstück der Ostpreußen - Feldpost


Heute eine philatelistische Rarität

7. 349. VGD. Letzte Abwehrstellung vor Braunsberg

8. 349. VGD. Reste der deutschen Abwehrstellung bei


Preußisch Bahnau

9. 349. VGD. Reste der zusammengeschmolzenen


Kampfgruppe
in der Siedlung zwischen Preußisch Bahnau und Heiligenbeil

10. 349. VGD. Letzte Kampfhandlungen


vor dem Divisionsgefechtsstand in Karben

11. 21. Infanterie- Division


Letzte Stellung vor der Gefangennahme

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1. E i n l e i t u n g

Wer sich aufrichtig und verhemmt um die Erhaltung des Friedens bemüht, sollte
ein wenig mehr über brutale Auswüchse kriegerischer Auseinandersetzungen
wissen - nicht allein um der Verdammung verbrecherischer Verfehlungen
willen, sondern vielmehr deshalb, weil mit fortschreitender Eskalation die
Legalisierung des letzten Krieges handelt es sich dabei nicht um ein Phänomen,
das ausschließlich zwischen Freund und Feind zutage trat, denn allzu oft ent -
gingen hüben wie drüben die Menschen selbst der eigenen Bedrohung nicht.

Wer glaubt, durch Rundfunk, Fernsehen oder Bücher optimal informiert zu


werden, kann überdies erfahren, was an den Kontaktpunkten infolge feindlicher
Bedrängnis und eigenmächtiges Handeln geschah. Die Art meiner Bericht -
erstattung beengt selbstverständlich den Blickwinkel auf das Gesamtgeschehen
und muss deshalb mit detaillierten Angaben ausgefüllt werden.

Dementsprechend durfte ich die Begebenheit nicht in grob gefilterter Form


veranschaulichen, wodurch auch das Hervorheben strategischer Maßnahmen
Hochdekorierter Führungskräfte entfallen musste, auf Beschreibungen mit dem
Weitblick fernab liegender Gefechtsstände zu verzichten war und das Heraus -
stellen von Heldentum nach weit verbreiteten Vorstellungen zu unterbleiben
hatte.

Mit den eigenen Augen gesehen und am eigenen Leib verspürt, sah es für das
kämpfende Volk im Angesicht des Feindes weitgehend abscheuerregender aus,
als es die meisten Publizisten zum Ausdruck bringen. Hier erzeugten ununter -
brochen Angst und Schrecken Apathie und nährten Visionen eines grauenvollen
Todes. Hier erwiesen sich auch leichtsinnige Befehle als Todesurteile. Und hier
nährte sich desgleichen auch der Sensenmann durch Ignorieren humanitärer
Verantwortung. Zudem gesellte sich das Kontrastprogramm: Aufopferung der
Kameraden und die sich in Sicherheit bringende Führung.

Wahrlich ein blutiger Abschied mit fragwürdigem Hintergrund. Mehr als eine
Million meiner Landsleute konnten sich dann seinerzeit über den Kessel von
Heiligenbeil in Sicherheit bringen. Ob sie sich heute noch daran erinnern, nur
durch einen hohen Blutzoll die Freiheit erlangt zu haben. Ich habe mich in
diesem Bericht in leichtverständlicher Form strikt an die Wahrheit gehalten.
Nicht mehr mit Sicherheit nachvollziehbare Wahrnehmungen wurden fort -
gelassen um nicht den dokumentarischen Wert meiner Ausführungen in Frage
zu stellen.

Mögen alle Leiden der toten und lebenden Kameraden dem interessierten Leser
verdeutlichen, wie es wirklich war.

Stade, den 2. Juni 1986


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2. D o r i s t a l
Eine fast alltägliche Episode aus dem
Landeserleben

Infolge Verlegung der Einheit werde ich auf Anforderung des Hauptfeldwebels
Rotthaus vom Kompanieführer bis auf weiteres zum Tross abkommandiert. Auf
der Schreibstube haben sich in wenigen Tagen dringende Arbeiten angehäuft,
die unbedingt zu erledigen sind. Obwohl Verlustmeldungen täglich abgegeben
werden müssen, sind Berichte zu fertigen oder beispielsweise Unterlagen über
Vorschläge von Beförderungen oder Auszeichnungen vorzubereiten. Und des -
gleichen müssen die Erkennungsmarkenverzeichnisse dem gegenwärtigen Stand
entsprechend ergänzt bzw. korrigiert werden.

Am Abend fahre ich mit dem Verpflegungswagen der Kompanie zum Tross
zurück, der in Doristal (Kreis Schlossberg) Station gemacht hat. Nach einer un -
gewöhnlich langen Wegstrecke erreicht unser bespanntes Fahrzeug erst gegen
Morgen den rückwärtigen Truppenteil.

Während meiner Arbeit am nächsten Tag wird gemeinsam mit dem Hauptfeld -
webel und dem Koch laut darüber nachgedacht, wie man wohl am besten unsere
Verpflegung durch Zugabe von Frischfleisch verbessern könnte. Da aber die
Tierbestände auf den verlassenen Bauernhöfen fast zur Neige gegangen sind,
besteht wenig Aussicht, das gutgemeinte Vorhaben mit Erfolg durchführen zu
können. Außerdem wird die Suche nach einem lohnenden Objekt noch dadurch
erschwert, dass dies aber nur bei Dunkelheit möglich ist. Obwohl aus diesen
Gründen kaum Chancen bestehen, fündig zu werden, beschließen wir dennoch,
den Selbstversorgungsgedanken nicht aufzugeben und wollen eine nächtliche
Suchaktion starten.

Mit Sturmgewehren bewaffnet, machen wir uns - der Koch Walter Woite, ein
Fahrer und ich - in stockfinsterer Nacht auf den Weg. Dem heftigen Wind
trotzend, stapften wir lautlos quer über die Felder und hoffen, den Marsch nicht
erfolglos beenden zu müssen. Plötzlich vernehmbare Geräusche lassen uns dann
erschreckt einhalten, um das unerklärliche gedämpfte Trampeln zu ergründen.
Da sich indes die unheimliche Erscheinung stetig nähert, gehen wir in Abwehr -
stellung. Aber das unheimliche Phantom ist nur eine harmlose Täuschung: Zwei
Soldaten kommen mit einer Kuh, welche sie aus dem Stall eine großen Gutes -
im wahrsten Sinne des Wortes - haben mitgehen lassen. Das abgemagerte Tier
scheint es eilig zu haben wohl mehr, um an Futter zu kommen, als den baldigen
Tod zu erwarten. Den beiden Landsern beschreiben uns dann den Weg zum
Gutsstall, nicht ohne zu bemerken, dass dies die letzte Kuh gewesen sei. Aber,
so tröstet uns einer der beiden, befindet sich da selbst noch ein großer Bulle.

Während sie eiligen Schrittes weitergehen, bleiben wir unentschlossen stehen


und können uns im Moment nicht entscheiden, ob es überhaupt sinnvoll wäre.
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Die riskante Vereinnahmung und Heimführung des mächtigen Tieres zu wagen.
Nach reichlichen Überlegungen kommen wir schließlich zu dem Entschluss,
den Stall aufzusuchen, um wenigstens die Möglichkeit eines gangbaren Weges
der Verbringung zu erkunden. Nach mehreren Kilometern erreichen wir den uns
empfohlenen Stall und finden der Beschreibung entsprechend nur den Bullen
vor. Auch er, schon abgemagert, scheint aber unser plötzliches Auftauchen
mehr als Erlösung vom Hunger zu empfinden, als die wahren Absichten vor -
rauszuahnen. Mit dem herumstehenden Führungsstangen, im Scheine der
Taschenlampe entdeckt und in den Nasenring eingeklinkt, gestaltet sich der
Rückweg problemloser als befürchtet.

Am nächsten Morgen rüsten sich der Koch und auch das Trossgefolge zum
Schlachtfest. Trotz gegenseitiger Ermunterung will auch nach langem Palaver
niemand das Todesurteil vollstrecken. Doch dann entschließt sich endlich der
Koch, den Bullen zu töten. Mit den Führungsstangen seinen Kopf festhaltend,
erahnt keiner der Akteure und Zuschauer die noch auftretenden folgenschweren
Auswirkungen. Scheinbar liegen die Schüsse zu tief, so dass der Bulle, statt
umzufallen, den Haltern die Stange entreißt und in wilder Flucht auf die Dorf -
straße flieht. Eine kurz zuvor eingetroffene motorisierte Nachrichtenabteilung
weiß dieses Spektakel nicht zu deuten und hat ihren Spaß daran, wie das wut -
schnaubende Tier, mit den Stangen um sich schlagend, das Weite sucht. Eben -
falls kommen auch Soldaten anderer im Dorf stationierter Einheiten aus den
Häusern, um zu sehen, was die unverhofft aufgetretene Unruhe ausgelöst hat.

Aber auch zwei russische Flieger haben die Geschäftigkeit in dem sonst wie
verlassen wirkendes Dorf bemerkt. Sie greifen sofort mit Bordwaffen an und
werfen zwei Bomben ab. Eine davon fällt direkt vor unserem Haus in den
Straßengraben. Dieser, zuvor mit grünem Enten- oder Gänseschlick aufgefüllt,
ist nun ausgeblasen und hat unser helles Siedlungshaus wie mit einer Tarnfarbe
bespritzt. Neben dem Bombentrichter ist der Zaun fortgerissen, alle Fenster -
scheiben auf der Südseite des Hauses sind zerbrochen. Wie durch ein Wunder
ist bei dem Angriff niemand zu Schaden gekommen, wo hingegen das letzte
Fahrzeug der Nachrichtenabteilung durch Bombensplitter gelitten hat.

Nach dem Abdrehen der Flugzeuge begeben wir uns sofort mit Waffen auf den
Weg, um das Tier zu suchen und die verunglückte Schlachtung nachzuholen.
Auf dem freien Feld ist es schnell gefunden, jedoch unmöglich, sich ihm zu
nähern. Da auch der Ring aus der Nase gezogen ist, bleibt uns nichts anderes
übrig, als eine Jagd von einer besonderer Art und Weise zu veranstalten. „Blatt -
schuss“ oder andere waidmännische Fachausdrücke fallen beim vorsichtigen
Anpirschen an den verletzten Bullen. Mit gut gezielten Schüssen auf den Kopf
bricht er zusammen und ist auf der Stelle tot. Erlöst atmen wir auf, da das Tier
nicht irgendwo beziehungsweise irgendwann elend verenden muss. Die weitere
Zerlegung und Aussonderung der besten Teile nimmt der Koch auf dem Feld
vor, weil der Abtransport in ungeteiltem Zustand unmöglich ist.
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3. Amalienau / Burgkampen
Das gefürchtete Inferno und der Verlust unserer
Verteidigungsstellung

Inzwischen hat unser Tross Radenau erreicht und bezieht gemeinsam mit der
Bataillonsverwaltung einen einsamen Bauernhof. Die Kompanie ist vor Ama -
lienau in Stellung gegangen, sie soll dort eine andere Einheit ablöst haben. Da
die Vorkommnisse bei den Rückzugsgefechten noch nicht vollständig nach den
Erfordernissen der militärischen Verwaltung bearbeitet wurden, muss ich noch
einige Tage in Radenau bleiben und die notwendigen Anordnungen formal -
gerecht erledigen.

Mit der Aufarbeitung der schriftlichen Unumgänglichkeiten sehe ich aber meine
Zeit hier als abgelaufen an und erwarte dann täglich die Abberufung durch den
Kompaniechef. Doch unterdessen wird es an der Front stetig ruhiger. Die Rote
Armee hat sich nun wohl endgültig eingegraben und auf einen zeitlich begrenz -
ten Stellungskrieg eingerichtet. Da es in dieser Zeit vorn auf einen Mann nicht
ankommt, bleibe ich weiterhin im rückwärtigen Raum und werde zusätzlich mit
dem Verpflegungsbeauftragten für Organisationszwecke eingesetzt.

Um nicht ganz das Kriegsgeschehen zu vergessen, empfiehlt der Kompaniechef,


mich öfter mit dem Versorgungs- oder Verpflegungswagen sehen zu lassen.
Aber das wird ohnehin notwendig, weil die Meldungen pünktlich mit seiner
Unterschrift abgegeben werden müssen. Und trotz der nächtlichen wilden
Schiesserei kommen die Fahrzeuge stets rechtzeitig an. Es ist auch ein Wunder,
dass die Pferde nicht abbekommen, obwohl Kaffeekannen und Essgefäße des
Öfteren durchlöchert werden.

In einer stürmischen Nacht beabsichtigt der Kompaniechef mit dem Kompanie -


truppführer und den Zugführern, das Vorfeld zu inspizieren. Er will dann, in
Absprache mit den anderen Kompanien, unseren Graben 200 m vorverlegen,
weil die derzeitige Distanz von annähernd 400 Metern es dem Feind ermöglicht,
im weiten Vorfeld sein Unwesen zu treiben. Als ich an diesem Abend im
Kompaniegefechtsstand eintreffe, geht auch an mich die ironische Einladung,
an dem nächtlichen Spaziergang mit Feuerwerk teilzunehmen. Dabei erkenne
ich an der schadenfrohen Mine des Kompanieführers, dass er glaubt, mir damit
einen Schrecken einjagen zu können. Außerdem ahne ich, dass ich in seinem
Beisein gefühlsmäßig auf die Probe gestellt werden soll. Zweifellos hinterlässt
die derart ausgefallene, kurzfristige angekündigte Nachtwanderung in mir ein
ungutes Gefühl, aber ich hüte mich, mir auch nur das geringste Anzeichen von
Angst anmerken zu lassen.

Nach der Besprechung geht es sofort in die dunkle Nacht hinaus. Im Verlauf der
unablässigen Knallerei hängen oft Leuchtkugeln in der Luft, so dass wir bereits
nach verlassen des Kompaniegefechtsstandes zu Boden müssen.
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Eben am letzten Gebäude des Gutes vorbeigekommen, fällt der Kompaniechef
in eine Jauchegrube. Zwischen Gefahr und belustigendem Akt gelingt es nur
mit Mühe, ihn aus seiner misslichen Lage zu befreien. In seiner derben, aber
ehrlichen oberschlesischen Art flucht er fürchterlich über das Missgeschick.
Dann bekomme ich den Befehl, mit den stark duftenden Kleidungsstücken
zurückzufahren. Außerdem soll ich auch dem Spieß ausrichten, ihm sobald wie
möglich saubere Klamotten als Ersatz zu schicken, da er in die Scheiße gefallen
sein. Nach der Rückkehr übergebe ich dann sofort das stinkende Bündel einer
Hauptmannsuniform den Polenmädchen, die beim Bataillon als Wäscherin tätig
sind. Mit sehr viel Seife und großer Mühe ist das gute Stück nach zwei Tagen
wieder sauber und geruchsfrei.

Noch ist die Welt in Ordnung, obwohl der Feind schon auf unserem Heimat -
boden steht. Auch der Stellungskrieg fordert seine Opfer, wie es aus den täg -
lichen Verlustmeldungen ersichtlich ist. Allerdings sind die Verluste gering,
Verwundete können, kaum behindert, ohne Schwierigkeiten abtransportiert
werden. Die Gefallenen finden in Radenau auf dem Divisionsfriedhof ihre letzte
Ruhestatt. An den Beerdigungen nehme ich ausnahmslos teil und fotografiere
die Gräber, damit der Kompaniechef bei Benachrichtigung der Angehörigen in
den meisten Fällen ein Bild beilegen kann.

Das Weihnachtsfest 1944 verläuft sowohl draußen als auch bei uns in einer sehr
gedrückten Stimmung. In naher Zukunft scheint sich eine unheildrohende
Situation anzubahnen. Nur beim Bataillon und beim Regiment hat man diese
vorausahnende Empfindung noch nicht. Am 2. Januar fährt der Kompanie -
truppführer nach Schleswig Holstein in Urlaub. Tags darauf verabschiedet sich
auch unser Hauptmann als glücklicher Urlauber. Er nimmt dabei ein erbeutetes
russisches Scharfschützengewehr mit und will damit zu Hause auf Jagd gehen.
Ich werde von diesem Zeitpunkt an sofort nach vorne beordert und muss den
Kompanietruppführer vertreten. Unsere Kompanie übernimmt ein blutjunger
Leutnant, der von den Pionieren kommt.

Zurzeit hält unser Bataillon die zweite Stellung besetzt, die zwischen Amalien -
au und Burgkampen über freies Gelände verläuft. Zwanzig Meter dahinter ist
ein schmaler Geländestreifen umzäunt, an dessen Stacheldraht weithin sichtbar
Schilder mit der Aufschrift „Vorsicht Minen“ in kurzen Abständen hängen. Der
Kompaniegefechtsstand befindet sich ebenfalls auf offenem Gelände in einem
Bunker, der verräterisch hoch über den Erdboden hinausragt. Außerdem sind
noch einige Mannschaftsunterstände vorhanden, die ausschließlich dem Schlaf-
und Ruhebedürfnis der bei jedem Wetter im Graben auf Wache stehenden
Kameraden dienen.

Noch täuscht die militärische Lage in diesen Tagen Stabilität vor, lässt aber er -
kennen, dass sich in nächster Zeit etwas ereignen wird, dass mit infernalischer
Wirkung katastrophale Folgen hinterlassen könnte.
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Während uns völlig unbekannt ist, was im rückwärtigem Raum zur Abwehr der
russischen Dampfwalze getan worden ist, beobachten wir, wie täglich zwei
kleine sowjetische Aufklärungsflugzeuge - in der Landsersprache als „Mühlen“
bezeichnet - ungestört das Einschießen der russischen Artillerie leitet. Und wir
stellen fest, dass sofort mit dem Beschuss aufgehört wird, wenn die Einschläge
dicht beim Graben liegen. Ein Kamerad, der hier schon länger das Verhalten
des Feindes verfolgt hat, sagt mir dann, dass die Einschießung der sowjetischen
Artillerie schon seit November auf diese Weise aber ohne Gegenmaßnamen
stattfinde. Als ehemaliger Angehöriger der Luftwaffe erahne ich die Möglich -
keit, ein weiteres Vordringen der Roten Armee verhindern zu können. Wenn
unsere Luftwaffe aber nicht mehr in der Lage ist, die an und für sich harmlosen
Leukoplastbomber bei ihren wichtigen Auftrag zu stören, bleibt keine Hoffnung
bei en kommenden militärischen Auseinandersetzung aus der Luft unterstützt zu
werden.

Am 7. Januar überfliegt am späten Abend ein Stuka in unserem Frontabschnitt


die Hauptkampflinie. Scheinbar stark beschädigt, kann er im Langsamflug nur
mit Mühe seine Höhe halten. Als ihn nun die Scheinwerfer des Feindes erfasst
haben, beginnt ein tolles Feuerwerk auf ihn, dass in seinem Ausmaß und seiner
Heftigkeit erahnen lässt, was die Russen zwischenzeitlich herangeschafft haben.
Doch allem Anschein nach entgeht er dem Feuerzauber ohne weitere Treffer
und fliegt hinter unserer Front in nordwestlicher Richtung zurück.

Zwei Tage später nähert sich, wie fast alltäglich, ein Verband sowjetischer
Schlachtflieger, der rein zufällig auf eine Staffel deutscher Flugzeuge (Me 109)
stößt. Unsere Jäger greifen den Verband sofort an und schießen noch vor
Kussen alle Maschinen des Feindes ab (alles genau beobachtet von unseren
Trosskameraden). Leider bleibt das Hoffnung erweckende Ereignis die einzige
Ausnahme. Später wird sich herausstellen, dass dies die letzten deutschen Flug -
zeuge waren, die wir an der Front zu sehen bekamen.

Dann aber, am 12. Januar 1945, setzten die Sowjets erste Zeichen, die fraglos
den baldigen Großangriff ankündigen. In den Vormittagsstunden fliegt bei
klarem Wetter ein Bomberverband in großer Höhe heran. Vom Eingang des
Kompaniegefechtsstandes aus wollen wir beobachten, was der Feind mit dem
außergewöhnlichen Einsatz bezweckt. Ob er wohl die Städte im Hinterland an -
greifen wird? Doch nein, die ersten Bomben sind bereits ausgeklinkt. Zunächst
deutet ihre Fallrichtung auf eine beträchtliche Abweichung hin, was sich aber
blitzschnell als optische Täuschung herausstellt.

Mit gewaltigen Detonationen schlagen sie parallel neben unseren Graben ein,
ungefähr 15 bis 30 Meter entfernt. Es müssen sehr schwere Bomben gewesen
sein, denn die hinterlassenen Trichter sind riesig und bis zu einen Kubikmeter
große gefrorene Erdbrocken liegen verstreut umher. Zum Glück wird aber
niemand verwundet.
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Der kurze Schreck ist schnell vergessen und die vor unserer Stellung völlig ver -
änderte Landschaft behindert ein wenig die Sicht. Trotzdem müssen wir dieses
Ereignis als einen Warnschuss betrachten, dem dann ohne langen Aufschub der
Großangriff folgen wird.

Um die Mittagszeit überfliegen erneut Flugzeuge unsere Stellung und greifen


die Versorgungseinheiten im Hinterland an. Soweit das Auge ins rückwärtige
Gebiet reicht, zeugt aufsteigender Rauch von getroffenen Gebäuden. Auch der
Regimentsgefechtsstand soll dabei in Mitleidenschaft gezogen worden sein.

Mit Einbruch der Dunkelheit beruhigt sich das Kriegsgeschehen. Noch sitzen
wir in unserem kleinen Bunker gemütlich zusammen. Im Scheine von einigen
Hindenburglichtern und einer Karbidlampe sieht es aus, als ob alles beim alten
bleiben würde. Der Leutnant holt seine Brieftasche hervor, in der sich mehrere
Fotos hübscher Mädchen befinden. Als er dann noch seine Abenteuer mit den
Schönen schildert, ist die Welt immer noch in Ordnung.

Ab 22.00 Uhr wird es unruhiger. Das Telefon läutet: Es werden Anordnungen,


Hinweise und Befehle durchgegeben. Um 22.30 Uhr erscheint ein Melder vom
Bataillon und übergibt mir eine in aller Eile vervielfältigte Karte, in der alles
unsere Divisionen gegenüberliegenden feindlichen Einheiten eingezeichnet
sind. Von den vielen Zahlen fällt mir besonders die große, in römischen Ziffern
eingesetzte Einheit auf. Es muss sich wohl um eine ganze Armee handeln. Der
Leutnant, noch immer sehr gesprächig, widmet der todernsten Angelegenheit
nicht die nötige Aufmerksamkeit, weil er nach wie vor an einen blinden Alarm
glaubt. Als dann aber um 1.30 Uhr die Nachricht eintrifft, dass morgens um
7.00 Uhr der Großangriff mit einem Trommelfeuer beginnen würde, schlägt die
Stimmung abrupt um. Jetzt steht es fest, dass das Unabwendbare nicht mehr
aufzuhalten ist. Minute um Minute rückt die Katastrophe näher.

Der Leutnant verlässt unverzüglich mit einem Melder den Bunker uns inspiziert
noch einmal den Kompanieabschnitt. Stellenweise soll sich noch Schnee im
Schützengraben befinden, der so schnell wie möglich herausgeschaufelt werden
muss. An und für sich müssten die nur notdürftig eingekratzten Fuchslöcher
vergrößert werden, um bei Einschlägen in dem Graben besser geschützt zu sein.
Gegen 4.00 Uhr übernimmt der andere Melder den Telefondienst, ich lege mich
übermüdet hin, kann aber nicht schlafen.

Genau um 7.00 Uhr schrecke ich von meinem Lager hoch. Eine der ersten
Granaten schlägt vor unserem Bunkerfenster ein. Das Glas splittert, die Karbid -
lampe verlöscht und das Radio schweigt. Um uns bebt heftig die Erde und der
tief gefrorene Boden leitet jede Erschütterung weiter, so dass der Bunker wie
bei einem Erdbeben ununterbrochen rüttelt. Plötzlich geht die Bunkertür auf
und ein unbekannter Funker, der sich vor dem Feuerhagel in den Eingangs -
graben retten konnte, tritt erschrocken herein.
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Da die Telefonleitung sofort zerfetzt wurde, versucht er mit einem Funkgerät
bei herausgezogener Antenne, irgendeine Verbindung zu den rückwärtigen
Gefechtsständen zu bekommen. Leider kommt ein Kontakt nicht zustande.
Dafür melden sich die Kameraden von der anderen Feldpostnummer. Trotz
schlechter Empfangsmöglichkeiten, scheinbar durch das über uns tobende Feuer
verursacht, kann er dennoch heraushören, wozu uns der Überläufer von drüben
auffordert. Die um uns lärmende Hölle und seine Bekräftigung, einen völlig
aussichtslosen Kampf zu führen, lassen uns erneut mit Entsetzen die ausweglose
Lage erkennen, in der wir uns befinden.

Nach fast zwei Stunden des Abwartens im Bunker kommt die Feuerpause zum
Abkühlen der feindlichen Geschützrohre. Während der Funker im Eingang des
Kompaniegefechtsstandes verbleibt, müssen der Melder und ich noch ungefähr
30 Meter über freies Gelände durch die enge Passage des Minenfeldes laufen,
um den Kameraden in der Stellung helfend zur Seite zu stehen.

Als wir in den Graben springen, offenbart sich uns das befürchtete chaotische
Bild des Grauens. Tote und Verwundete liegen im Graben und in den Fuchs -
löchern. Die Besatzung des nächstpostierten MG ist getroffen worden, der
Schütze an der rechten Schulterpartie von Granatsplittern durchlöchert. Sein aus
dem Unterbewusstsein resultierendes durchdringendes Aufschreien zwingt uns,
ihn unverzüglich in den Kompaniegefechtsstand zu bringen. Da es aber mit
einer Trage nicht um die Ecken des gezackten Grabens geht, versuchen wir, ihn
in eine Zeltbahn durch die Enge der Stellung hindurchzuziehen. Obwohl er
sicherlich nichts mehr verspürt, schreit er bei der kleinsten Berührung.

Doch dann ist es auch damit schnell vorbei. Er muss auf der Stelle liegenbleiben
denn beim Einsetzen des zweiten Bombardements müssen auch wir Schutz
suchen. Und noch eine Stunde lang lässt der Himmel Feuer und Eisen auf uns
herniedergehen, zur Belohnung für jene, die Nemmersdorf als warnendes Bei -
spiel signalisierten.

Aber auch dieser Beschuss, lang wie die Ewigkeit, hört schlagartig auf. Vorerst
wird sich hier bei uns noch nichts abspielen - so glauben wir jedenfalls -, da ja
in der ersten Hauptkampflinie noch dass I. Bataillon vor Amalienau liegt.

Unverzüglich wird die Bergung der Verwundeten fortgesetzt. Sie können zwar
noch nicht abtransportiert werden, vorerst aber teilweise im Kompaniegefechts -
stand eine halbwegs Geschütze Lagerstätte finden. Doch lange ist es uns nicht
möglich, die humanitäre Aufgabe zu erfüllen.

Unvermutet greifen russische Infanteristen mit ihren durchdringenden „Urrääh“


unsere Stellung an. Bei dem etwas diesigen Wetter tauchen nun immer mehr
Gestalten aus dem Dunst auf. Zwei MG 42 feuern ständig und alle noch ein -
satzfähigen Kameraden halten mit ihren Sturmgewehren dazwischen.
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Mehr und mehr Angreifer entschwinden unseren Augen, bis es schließlich still
wird. Fest steht, dass der Angriff abgewehrt ist, aber die Begleitumstände sind
unergründlich und schließen einen sehr hohen Risikofaktor nicht aus. Alles, was
noch schießen kann, bleibt wachsam im Graben stehen. Mit Sicherheit ist auch
anzunehmen, dass sehr viele Russen in die Bombentrichter vor unserem Graben
gesprungen sind, jedoch ist nicht abzusehen, ob eventuell ein heldenhafter
Kommissar von dort aus den Befehl zur Erstürmung unserer Stellung gibt.

Mit dieser Unsicherheit will der Leutnant nicht länger belastet werden und gibt
den Befehl zum Gegenangriff. Nach dem Verlassen des Schützengrabens sind
wir bereits nach wenigen Schritten an die Bombentrichter gelangt, in welchen
die Angreifer zuflucht gesucht haben. Hier sieht es noch schlimmer als bei uns
aus: Tote und Verwundete in großer Anzahl, die noch kampffähigen Russen
haben bereits ihre Waffen weggeworfen und ergaben sich. Leider müssen ihre
Verletzten infolge der günstigen Wetterlage in den Bombenlöchern ausharren,
bei uns selbst herrscht angesichts dieser Ausnahmesituation großer Mangel an
Unterbringungsmöglichkeiten für die eigenen Verwundeten.

Um jede sich anbahnende Gefahr gänzlich auszuschließen, werden die Waffen


der Russen sichergestellt und auf den nächstliegenden Bauernhof jenseits der
Straße gebracht. Entgegen der Absicht, die unversehrten Gefangenen schon am
Nachmittag abzuführen, müssen diese noch in den Löchern bleiben, weil sich
inzwischen das Wetter schnell geändert hat und bei guter Sicht sämtliche
Bewegungen vom Feind erkannt und bestraft werden. Den Russen wird darauf -
hin erklärt, nicht über die Ränder der Bombentrichter zu sehen, da wir sonst
schießen würden. Sie müssen wohl oder übel zur Kenntnis nehmen, dass sie
jetzt vom eigenen lebhaften Störungsfeuer bedroht werden.

Wir übriggebliebenen sind zufriedengestellt, da wir unsere Stellung gehalten


haben. So können, wahrscheinlich zum letzten Mal, noch alle Verwundeten mit
einer ordnungsgemäßen Bergung rechnen. Nach Einbruch der Dunkelheit wird
es bei uns lebhaft. Weniger durch den Beschuss des Feindes gestört, beginnen
die Tätigkeiten auf humanitärem Gebiet. Zuerst müssen sämtliche Verwundeten
an die Straße gebracht werden, dort sind soeben zwei kleine einspännige Wagen
eingetroffen, um sie abzuholen. Aber der Fuhren sind es viele, so dass sich die
Aktion bis spät in die Nacht hinzieht. Danach werden auch alle Toten in den
rückwärtigen Raum gebracht. Inmitten dieser hektischen Tätigkeit erscheint
plötzlich der Koch und erkundigt sich, wo er mit der Verpflegungsausgabe
beginnen könne. In Absprache mit dem einzigen noch verbliebenen Zugführer
soll der Verpflegungswagen in Burgkampen bleiben, da es zu gefährlich sei, auf
offener Straße heranzufahren, was zudem noch den Abtransport der Toten und
Verwundeten behindern würde.

Mittlerweile sind ein paar ältere Soldaten eingetroffen, die nun endgültig alle
unverletzten russischen Kriegsgefangenen abführen.
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Die Verwundeten bleiben da, sie müssen sich selbst untereinander helfen. Mit
wessen Erlaubnis sie in einem unserer Unterstände teilweise Zuflucht suchen
durften bleibt unbekannt. Gebraucht wird der Bunker ohnehin nicht mehr, da
die Stellung so ausgedünnt ist, dass nur noch die wenigen Kameraden - in
weitem Abstand zueinander - ausnahmslos während der restlichen Nacht auf
Wache bleiben müssen.

Dann wird es Zeit, in Burgkampen das Essen zu fassen der Verpflegungswagen


ist auf das erste, links liegende Grundstück gefahren. Als wir den Hof betreten,
bietet sich uns ein undefinierbarer Anblick. Der Koch steht im Flur wie erstarrt
da. Die Pferde haben sich selbständig gemacht und sind dann zwischen Stall
und Wohnhaus zum stehen gekommen. Dabei haben sie sich in der Enge so
verklemmt, dass es schwer ist, sie rückwärts herauszubekommen. Kurz vor dem
Eintreffen soll angeblich eine Granate von der gegenüberliegenden Scheune
eingeschlagen sein.

Heute gibt es Hasenbraten, den Tage zuvor mehrere Offiziere bei einer Jagd -
veranstaltung geschossen haben sollen. Wir nehmen, ohne viel Zeit zu verlieren,
sogleich die großen Kübel mit und wollen das Essen im Graben selbst verteilen.
Aufgrund der ungewöhnlich hohen Verluste haben die Übriggebliebenen nun
den Vorteil, ausschließlich vom Braten zu essen. Die Kartoffeln werden mit
Soße übergossen und in en Unterstand der verwundeten Russen gestellt.

Unterdessen werde ich benachrichtigt, den Kompaniegefechtsstand in das kleine


Bauernhaus zu verlegen, auf dessen dazugehörendem Hof bereits die erbeuteten
Waffen lagern. Hier hat man auch schon wieder eine telefonische Verbindung
zum Bataillon hergestellt. Der Raum ist zwar klein, liegt aber auf der dem Feind
abgewandte Seite. Es erscheint aber auch der Leutnant und inspiziert dann mit
verzweifeltem Gesicht das neue Domizil. Der tags zuvor noch protzende Char -
meur verlässt aber heute, ohne ein Wort zu sagen, wieder den Raum. Er scheint
sich darüber im Klaren zu sein, dass mit der nur noch sporadisch besetzten
Stellung ein weiterer Angriff nicht mehr abgewehrt werden kann. Obwohl die
taktisch getroffenen Maßnahmen des Feindes bekannt sind und die eigene Un -
zulänglichkeit nicht zu übersehen ist, trifft in der Nacht keine Verstärkung ein.

Dafür läutet jetzt das Telefon, als ob Befehle oder Anordnungen das kommende
Desaster noch abwenden könnten. Nun erscheinen auch beide Melder mit der in
Mengen übriggebliebenen kalten Verpflegung. Während wir bis jetzt um 3.00
Uhr wegen der vordringlichen Arbeiten nicht zur Besinnung kamen, denken wir
nun ergriffen an die Kameraden des I. Bataillons in der ersten Hauptkampflinie
vor Amalienau. Was sich dort wohl abgespielt haben mag? Keine Menschen -
seele ist zurückgekommen, um als Augenzeuge zu berichten. Da die Schießerei
vom selben Standort wie vor dem Angriff auszugehen scheint und die Leucht -
kugeln in einiger Entfernung aufsteigen, wollen wir, der Melder Krebs und ich,
soweit wie möglich das Vorfeld sondieren.
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Da Schnee viel liegt, ist das Wenden der Tarnanzüge unerlässlich, ebenso wie
vor unserem Fortgang unseren nächsten Posten über den Erkundungsgang zu
informieren.

Vorsichtig auf der Straße gehend, gelangen wir nach ungefähr 200 Metern an
einer Panzersperre. Vor allen Augen offen liegend, werden die deutschen
Tellerminen keinen russischen Panzer mehr in die Luft gehen lassen. Dahinter
kriechen wir am Boden vor. Es ist gefährlich, aufrecht weiterzugehen, denn der
Feind könnte mit gleichen Absichten auch unterwegs sein. Unser Erkundungs -
gang endet kurz vor Amalienau auf dem rechts bis fast zur Straße reichenden
Wäldchen. Von hier aus dürfte es noch weitere 100 Meter bis zur Abbiegung
zum ehemaligen Kompaniegefechtsstand auf dem Gutshof sein. Aber dann
verlässt uns der Mut, noch weiterzukriechen. Wir wissen nicht, was sich jetzt in
dem sehr nahen Wäldchen befindet und welche Gefahren von dort ausgehen
könnten.

Kurz vor 5.00 Uhr kehren wir unverrichteter Dinge in den Kompaniegefechts -
stand zurück. Der andere Melder hat aufgrund eines Telefonats aus dem
Bataillonsgefechtsstand den Kompaniechef - also den Leutnant gesucht - und
kommt mit ihm herein. Welche Oder er von dort bekommen hat, wird mir nicht
bekannt. Jedoch soll der eine Melder zum Bataillon, der andere zum Regiment
kommen. Und wieder verschwindet der Kompanieführer wortlos in den Graben,
als wolle er bei den wenigen noch verbliebenen Kameraden Trost suchen oder
den kommenden Untergang mit ihnen gemeinsam über sich ergehen lassen.
Die beiden Melder machen sich fertig, um ihre Aufträge zu erfüllen. Beide rate
ich noch kurz vor ihrem Fortgang, die Rückkehr mit Weile angehen zu lassen,
da sich zwischendurch im Morgengrauen schon alles Weitere ergeben würde.
Ich gehe wieder zurück und hoffe noch auf eine erlösende Nachricht von
höherer Warte. Aber nun bleibt das Telefon stumm, scheinbar ist die Leitung
erneut unterbrochen. Es dauert dann auch nicht mehr lange, bis die Morgen -
dämmerung allmählich durch den Frühdunst dringt. Nach und nach wird das vor
uns liegende Gelände, wenn auch nur begrenzt, sichtbar.

Ein neuer Tag bricht an: Es ist der 14. Januar 1945. Noch ging in unserem Ab -
schnitt kaum Heimatboden verloren, aber was schon in den nächsten Stunden
geschehen wird, das wissen nur die Götter. Ich sitze allein im Gefechtsstand.
Das Schweigen des Telefons und das sich steigernde Artilleriefeuer künden
erneut das kommende Unheil an. Um das Vorfeld übersehen zu können, ging
ich in den angrenzenden Stall und beobachte hinter einem Durchschuss in der
Außenwand, ob oder was der Feind im Schilde führt, um unsere nur spärlich
besetzte Stellung zu überlaufen. Es dauert dann auch nicht lange, bis ich auf uns
zu bewegende Panzer von halbrechts ausmache. Scheinbar mit vielen Tannen -
ästen bedeckt, kommen sie wie wandelnde Heuhaufen näher. Anfänglich zähle
ich noch mit, dann werden es immer mehr, so dass ich in aller Eile handeln
muss.
15
Da es für diese Übermacht kein Halten gibt, dürfte es kaum 20 Minuten dauern,
bis alles zu Ende ist. Zuerst werfe ich eine Handgranate in den Gefechtsstand,
um alles, einschließlich der übriggebliebenen Verpflegung, zu vernichten. Da -
nach mache ich mich an die erbeuteten russischen Waffen heran. Zuerst will ich
die Schlösser aus den MGs herausziehen und sie in den Schnee werfen. Aber in
völliger Unkenntnis der Handhabung und aufgrund der dringend gebotenen Eile
entschließe ich mich, in die Schlösser zu schießen, um sie damit ungangbar zu
machen.

Die auf Rädern gezogenen Maxim- MGs beschädige ich durch Einschüsse so,
dass das Kühlwasser aus der Ummantelung abläuft und somit der erneute
Einsatz nur für wenige Minuten möglich wäre. In diesen sehr bangen Minuten
muss ich überstürzt reagieren, die unmittelbare Gefahr für das eigene Leben
steigert sich von Sekunde zu Sekunde.

Fast unglaublich sind die Ereignisse in den nächsten Minuten. Entlang der -
selben Straße, auf der wir noch vor wenigen Stunden den Erkundungsgang
machen, kommt jetzt ein unbekannter Kamerad im Kugelhagel der Russen von
vorne angerannt. Schnell biegt er zu mir in den Hof, um etwas zu verschnaufen.
Ich frage ihn noch, wo er herkomme, ob er sich irgendwie aus der ersten
Hauptkampflinie durchschlagen konnte oder sich in einem der vor Amalienau
stehenden Häuser verborgen hielt. Aber die Zeit reicht nicht mehr aus, meine
Fragen zu beantworten.

Als ich vom Hof aus hinunter in unsere Stellung sehe, springen bereits die
russischen Infanteristen über unseren Graben hinweg und gehen fast auf
gleicher Höhe vor dem Minenfeld hinter unserem Schützengraben in Schieß -
bereitschaft. Ohne viel zu überlegen, sehen wir keine andere Möglichkeit, als
sofort im Kugelregen auf der offenen Landstraße nach Burgkampen davon -
zulaufen. Die Hoffnung, noch einmal mit dem Leben davonzukommen, ist sehr
gering, zumal beide Straßengräben mit Schnee verweht sind und daher jede
Deckungsmöglichkeit fehlt. Nur nicht stehenbleiben oder hinfallen, immer
weiter, ohne einen Gedanken zu fassen, wenn auch die überlastete Lunge wie
Feuer brennt!

Fast vor dem rettenden Abhang in der Kurve von Burgkampen erwischt es
meinen mitflüchtenden Kameraden an einem Knöchel im Fußgelenk. Sofort
stürzt er sich auf mich und hinkt auf einem Bein. Nach etwa 30 Meter, dann
können wir uns vor dem Kugelhagel verbergen. Zu meiner Verwunderung fängt
nun der mit mir Geflohene so laut an zu schreien, dass in der nähe liegende
Kameraden auf uns aufmerksam werden. Er wälzt sich hin und her, als ob er
noch an anderer Stelle verwundet worden sei. Nach genauem Betrachten der
Kleidung, kann ich aber keine anderen Blutspuren feststellen. Als ich auf ihn
einrede, dass es sich um einen guten Heimatschuss handele, sieht er mich nur
erstaunt an und schreit dann weiter.
16
Aber so leid es mir tut, ich muss ihn verlassen - egal, was mit ihm geschieht.
Auf der anderen Straßenseite, also ebenfalls im Blickfeld des Feindes, befinden
sich einige Schützengräben unserer Artillerie, die bereits ihre Stellung geräumt
hat. Noch aber gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass einige Kameraden über
den Durchgang zum vorherigen Gefechtsstand herausgekommen sind. Ich
springe über die Straße in den Artilleriegraben, um, wenn erforderlich, mit
meinen bescheidenen Mitteln eines Sturmgewehres Feuerschutz zu geben. Beim
Erreichen des Grabens treffe ich zufällig meinen ehemaligen Schulkameraden,
den Oberleutnant Czwalinna, der gerade dabei ist, mit seinen Leuten von der
Artillerie einen Gegenstoß vorzubereiten.

Er fragt mich, ob ich mitmachen wolle, doch mir sitzt der Schreck der letzten
Minuten noch in den Knochen. Auf meine Warnung, dass sich hinter dem von
hier einzusehenden Gehöft (unserem Kompaniegefechtsstand) in der Senke eine
große Anzahl russischer Panzer angesammelt hat, reagiert er nicht. Anmerkung:
Bei einem Lehrgang im Jahre 1956 treffe ich erneut mit Czwalinna zusammen.
Im Gespräch über diese gefahrvollen Minuten ergibt sich folgendes: C. wurde
bei dieser Aktion am Nacken schwer verwundet und musste nach dem Kriege
noch mehrmals operiert werden. Er will in dem Waffenlärm meine Hinweise
auf den großen Panzerverband nicht wahrgenommen haben, sonst wäre er nicht
zum Gegenangriff angetreten.

Inzwischen rollen drei deutsche Panzer in Begleitung von Infanterie neben der
Straße vor. Auch Czwalinnas Artilleriegruppe steigt hoch und schließt sich dem
Himmelfahrtskommando an. Ich aber möchte mich soweit wie möglich unserem
Graben nähern, um möglicherweise noch etwas über den Ausgang der weiteren
Entwicklung nach dem Verlust unserer Stellung zu sehen. Vielleicht könnte ich
beobachten, wie einige Kameraden als Gefangene abgeführt werden, oder ob es
jemand geschafft hat, vor dem Angriff der Russen zu entwischen. In gebückter
Haltung gehe ich bis an das äußerste Ende des Splittergrabens vor. Die Sowjets
sind noch nicht über das Minenfeld hinausgekommen. Ich gebe ein paar Feuer -
stöße auf sie ab, die aber wegen der großen Distanz wohl kaum Beachtung
finden. Außerdem scheinen jene Rotarmisten sich mehr den Vorgängen neben
der Straße zu widmen, so dass sie meine Aktion erst gar nicht bemerken.

Mittlerweile sind die deutschen Panzer fast bis zum Ausgangspunkt unseres
Fluchweges vorgefahren und halten. Dahinter drängen sich schutzsuchend die
Begleiter. Da sie an der Stelle noch keinen Sichtkontakt zu dem russischen
Panzerverband haben, lässt der große Knall noch auf sich warten. Trotz einer
äußerst konzentrierten Beobachtung ist kein Lebenszeichen von unseren Leuten
wahrzunehmen. Enttäuscht schleiche ich wieder zurück, traurig, nun auch die
letzten Kameraden verloren zu haben. Hoffentlich tauchen die beiden Melder in
Burgkampen auf. Als ich eben den Dorfrand erreicht habe, spielt sich vorne die
gewollte Katastrophe ab. Ich will plötzlich auch nicht mehr wissen, was dort
geschieht.
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Im Dorf angekommen, treffe ich hauptsächlich beide Melder, die sich freuen,
dass wenigstens wir drei noch beisammen sind. Da die 6. Kompanie nicht mehr
existiert, wollen wir uns gemeinsam zum Tross absetzen. An der Hauptkreuz -
ung in Burgkampen eilt uns ein deutscher Soldat voraus, dessen Kartentasche
bei jedem Schritt über seinem Gesäß auf und ab wippt. Plötzlich wird er -
scheinbar - von einer Kugel größeren Kalibers getroffen und ist auf der Stelle
tot. Wir vermuten Feindeinsicht und gehen im Schutz der Häuser wieder zu -
rück. Aufgrund des vorangegangenen Ereignisses scheint es ratsam, vorerst den
Plan des Rückmarsches aufzugeben. Vor Einbruch der Dunkelheit sollte sich
aber hier noch etwas anderes bieten, um bis dahin von der Bildfläche zu
verschwinden.

Nach dem ungeschriebenen Gesetz für einen Infanteristen - alles sehen und
nicht gesehen werden - begeben wir uns nun wieder an den Rand des Dorfes
und wollen vom Friedhof aus die Entwicklung des Kampfgeschehens verfolgen.
Ruhig liegen wir zwischen den Gräben und vermeiden alles, was die Argus -
augen der feindlichen Beobachter bei längerem Verweilen auf uns lenken
könnte. Trotz aller Vorsicht schlägt rein zufällig ein schweres Geschoss vor uns
ein. Während der Melder Krebs und ich ohne Schaden davonkommen, hat der
andere mehrere Granatsplitter in die linke Schulter bekommen. Nun muss auch
er verbunden und weggebracht werden. Hinter dem Friedhof befindet sich eine
Kartoffelmiete, deren Inhalt bereits entnommen wurde. Infolge des Dauerfrostes
ist aber die gefrorene Bedeckung stehengeblieben, so dass wir dort hinein -
kriechen können. Nach dem Verbinden geht es wieder ins Dorf zurück, bis fast
zu der Stelle, wo der Landser noch mit der Kartentasche liegt. Trotzdem hat
sich einer der Sankas unwissentlich über die Stelle hinausgewagt und über -
nimmt unseren Kameraden. Er hat es geschafft, für längere Zeit der Hölle ent -
rinnen zu können.

Wir aber müssen, wenigstens bis es dunkel wird, schnell wieder untertauchen.
Dazu eignet sich das Dorf mit seinen Gebäuden sehr gut. Etwas mehr zurück
wollen wir jetzt schon gehen, aber die Hauptstraße muss aufgrund der dort
drohenden Gefahr unbedingt gemieden werden. Zwischen Schuppen und Ställen
ist schnell ein guter Aussichtspunkt gefunden. Um die Mittagszeit kommt die
Sonne hervor und löst den Rest des kaum noch vorhandenen Dunstes auf.
Warum die Russen bis jetzt noch nicht mit ihrer gigantischen Übermacht nach -
gestoßen sind, ist uns völlig unverständlich. Aber dass sie dieses jeden Moment
noch tun werden, steht außer Zweifel. Um heute nicht noch ein zweites Mal auf
offenem Gelände flüchten zu müssen, verlassen wir Burgkampen, neben der
Straße schleichend, in Richtung Schwaighöfen. Dann wird das soeben von uns
verlassende Dorf Burgkampen unter Totalbeschuss genommen, Fontänen ähn -
lich steigen riesige Feuersäulen in die Höhe und rötlicher Ziegelstaub umhüllt
das infernalische Bombardement. Nach zwei Stunden des Verharrens auf dem
Felde beobachten wir einzelne Soldaten, die auf offener Straße zum Gut oder
Gestüt Schwaighöfen zurückweichen.
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In unserer Unerfahrenheit mit den jetzt angewandten Praktiken der Heeres -
führung landen wir vor dem Ortseingang in den Händen eines so genannten
„Soldaten- oder Heldenklau´s“ und die nun willkürliche Vereinnahmung lassen
uns sehr bald erkennen, dass wir jetzt zwischen die Fronten geraten sind. Ein
Hauptmann steht mit seinen „Kettenhunden“ auf der Straße und beordert uns
dann in den notdürftig ausgehobenen Schützengraben unweit der Chaussee.
Anscheinend von den Aktivitäten der Soldaten- Kassierer angelockt, greift nun
ein Verband russischer Schlachtflieger mit Bomben und Bordwaffen in das
Geschehen ein. Nu hat es auch die Auffänger erschreckt, denn sie sind plötzlich
von der Bildfläche verschwunden. Schnell springen wir beide auf die Straße
und laufen halb feindwärts zum gegenüberliegenden freien Feld. Auf einem
Hügel südlich von Schwaighöfen befindet sich ein verlassener Bunker, der sich
außerordentlich gut für Abwehrmaßnahmen eignen würde. Da auf dem Feind
abgewandten Seite für den eventuellen Rückzug nach aussichtslosem Abwehr -
kampf Vorsorge getroffen ist, beschließen wir, vorerst hier zu bleiben. Sollte es
sich noch im Laufe des Tages ergeben, so würden wir von dieser Stelle, mehr
oder weniger wirkungsvoll, mit den beiden Sturmgewehren verteidigen.

Von hier aus lässt sich das Vorfeld ausgezeichnet überblicken. In Burgkampen
brennen viele Gebäude, sonst aber scheint die Ortschaft wie ausgestorben. Auch
auf der Straße zeigt sich keine Menschenseele mehr. Lediglich das Artillerie -
feuer ist stärker geworden, die Einschläge der Granaten nähern sich sukzessiv
unserem Bunker. Die Russen treten aber noch nicht in Erscheinung. Warum die
Sowjets das leere Vorfeld mit einem ungewöhnlich starken Störungsfeuer belegt
bleibt rätselhaft. Bis zum Anbruch der Nacht bleiben aber nennenswerte
Veränderungen aus, was darauf schließen lässt, dass der Vorstoß erst Morgen
früh auf breiter Front erfolgen wird. Um 22.00 Uhr verlassen wir den Bunker
und gehen querfeldein zum Tross zurück.

Im Dunkeln ist es schwer, den richtigen Weg einzuhalten, aber nach ca. fünf
Stunden erreichen wir schließlich erschöpft und hungrig unser Ziel. Obwohl die
Wagen zum Abrücken auf dem Hof bereitstehen, warten alle gespannt auf die
weitere Anordnung des Hauptfeldwebels Rotthaus. Dieser geht ruhelos im
Zimmer auf und ab, ohne meinen dringenden Rat zu befolgen, so schnell wie
möglich aufzubrechen. Da eine Front nicht mehr vorhanden ist, könne der Feind
im rasanten Tempo durchstoßen. Nach unserer Beobachtung existiert auch die
6. Kompanie nicht mehr, so dass nunmehr die Aufgabe des Trosses auf das
Retten der schriftlichen Unterlagen, des mitgeführten Materials und der noch in
Reserve gehaltenen Waffen beschränkt bleiben.

Trotz allem ist meine warnende Bettelei um den baldigen Abzug sinnlos; der
Spieß wagt es nicht, sich ohne Marschbefehl auf den Weg zu machen. Aber
auch mein Hinweis, dass der Bataillons- und der Regimentsgefechtsstand
entweder verlegt oder vom Feind überrannt wurden, will er einfach nicht
glauben.
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Nun, es soll uns beide gleich sein, wie dieser Tag, also der 15. Januar 1945,
verlaufen wird. Noch einmal setzte ich mich an den Schreibtisch und hole die
versäumten Mahlzeiten nach. In alt vertrauter Geborgenheit wandern meine
Blicke durch das Zimmer, das nun kurz vor dem unabänderlichen Verlassen
mich trügerisch an das noch vor zwei Wochen ziemlich ungestörte Leben er -
innert. Während der Spieß sowie die Trossbesatzung unablässig auf das baldige
Eintreffen des Abzugsbefehls warten, fallen uns vor Erschöpfung die Augen zu.

Doch lange können wir den himmlischen Schlaf nicht genießen. Bereits um
7.30 Uhr schlagen die ersten schweren Granaten vor dem Gehöft ein. Nun hat es
plötzlich große Eile, so schnell wie möglich dem sich nähernden Gefahren -
bereich auszuweichen. Es wäre vor allem besonders folgenschwer, die Pferde
zu verlieren. Ohne sie müsste alles aufgegeben werden. Das Resultat eines der -
artigen Missgeschicks könnte in diesen Tagen kaum verkraftet werden. Man
würde uns allesamt bei nächster Gelegenheit auffangen und unverzüglich in
einen Graben stecken. Diesen müssten wir, ähnlich wie vor Schwaighöfen, bis
zum Tode verteidigen. Von der Sinnlosigkeit überzeugt, die Heimat auf diese
Weise noch retten zu können, geht es dann doch überstürzt auf und davon. Es
gibt auf deutscher Seite keine Mittel mehr - Die Dampfwalze des Feindes zu
stoppen, die sich nun am 15. Januar unaufhaltsam in Bewegung setzt.

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4. Der Zusammenbruch
Die voraussehbare Katastrophe und die Folgen
ihrer Geringschätzung

Als der Tross mit vier Fahrzeugen, einer Feldküche und zwei I- Karren den Hof
in aller Eile verlässt, hat uns schon das feindliche Granatfeuer erreicht. Die
Pferde scheuen und sind nur noch mit Mühe zu halten. Bei der Anfahrt auf die
nächste Höhe schlägt eine Panzergranate unweit des letzten Wagens ein. Nun
passiert es, aus dem Feuerbereich der feindlichen Artillerie und dem Direkt -
schuss der Panzer herauszukommen. Der Spieß will zunächst nach Malwen, um
von dort aus im Schutze des Eichwalder Forstes nach Westen durchzukommen.
Anfänglich geht es auf einem Feldweg gut voran. Er ist ganz und gar frei, keine
andere Einheit ist in der Nähe. Es scheint, als ob im Durcheinander der sich
überstürzenden Ereignisse die Order zum Abrücken unseren Tross versehentlich
nicht erreicht hat.

Mehrere Kilometer vor Malwen treffen wir auf die ersten Fahrzeuge anderer
Einheiten. Von jetzt ab geht es nur noch schleppend voran und die Straßen
verstopfen sich zusehends. Der Melder Krebs und ich werfen die Sturmgewehre
in die I- Karren und legen uns darauf. Es schaukelt so schön und ein wenig
Schlaf kann trotz der Kälte nachgeholt werden. Nach Einbruch der Dunkelheit
haben wir Malwen erreicht und treffen hier erneut auf den Soldatenklau, der mit
seinen Kettenhunden alle Fahrzeuge genau durchsucht. Der Hauptfeldwebel
muss Auskunft geben, welche Funktion ein jeder bei der Einheit hat. Danach
bestimmt der Heldenklau aus dem Handgelenk, ob die Anwesenheit dieser oder
jener Person noch für den fahrenden Tross notwendig ist. Während mein bester
Kamerad Hess als Verpflegungsbeauftragter stets unabkömmlich sein wird,
sieht es bei mir nun ganz anders aus. Da von jetzt ab niemand mehr registriert
oder irgendwie gemeldet wird, ist meine Anwesenheit überflüssig geworden
und der Melder Krebs ist sowieso ohne Funktion. Als unser Tross an der Reihe
ist und der Soldatenklau uns beide in den I- Karren liegen sieht, fragt er den
Hauptfeldwebel: „Und was sind das für welche?“ Der aber nimmt ein großes
Risiko auf sich und antwortet: „Das sind Verwundete!“

So sind wir noch einmal glücklich davongekommen, in irgendeiner zusammen -


gewürfelten Einheit integriert zu werden, deren Befehlsgewaltige sich noch die
Sporen verdienen wollen. Die Entscheidung des Hauptfeldwebels, Insterburg
nördlich zu umgehen, kann ohne weiteres als zweckmäßig gewertet werden,
denn der Vorstoß der Roten Armee ist aber offensichtlich auf Königsberg aus -
gerichtet und dürfte Insterburg eher als wir erreichen. Als Treffpunkte werden
Birken, Saalau und Wehlau vereinbart. Während der Tross ohne Unterbrechung
weiterfährt, begeben wir uns in die Revierförsterei Karlswalde bei Malwen, um
dort bis zum Herannahen der Russen auszuruhen. Beim Betreten der großen
Diele verschlägt es uns fast die Sprache. Der Raum ist voller Soldaten, wie es
scheint alles Versprengte von verschiedenen Einheiten.
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In rauchiger, verbrauchter Luft schlafen alle dicht nebeneinander auf dem Fuß -
boden, so dass wir Mühe haben, noch ein Plätzchen zu finden. Nachdem mein
Kamerad Krebs unmittelbar an der Eingangstür eine Ruhestelle entdeckt hat,
lege ich mich weiter hinten auf eine Sitzbank.

Doch lange sollte die Ruhepause nicht dauern. Nach ungefähr zwei Stunden
betritt ein schneidiger Offizier den Raum und zeigt auf drei Soldaten: „Sie, sie
und sie - mitkommen!“ ergeht gleichzeitig sein kurzer Befehl und bei dieser
Gelegenheit muss mich der Kamerad Krebs verlassen. Anmerkung: Der Melder
Krebs wird seit diesem Zeitpunkt lt. Mitteilung des Deutschen Roten Kreuzes
vermisst.

Nun, da sich jederzeit der gleiche Vorgang wiederholen kann, kommt Leben in
die Bude. Mit annähernd 20 Mann beschließen wir, eine selbständige Einheit zu
bilden und den Krieg auf eigene Faust zu führen. Die meisten sind zwar nur mit
einem Karabiner ausgerüstet, aber ein MG 42 und mehrere Sturmgewehre
ergänzen unsere Feuerkraft. Leider hat niemand eine Karte dabei, die aber jetzt
zur Orientierung unbedingt erforderlich wäre. Aber hinter dem großen Forst
kenne ich mich gut aus, da ich längere Zeit in einem Dorf nördlich von Inster -
burg gewohnt habe.

Im Morgengrauen verlassen wir das unsichere Quartier und haben binnen zwei
Stunden den Südrand des Waldes erreicht. Wir haben eine gute Fernsicht vor
uns und den sicheren Waldrand im Rücken. Das sind optimale Bedingungen,
um hier Stellung zu beziehen und sich einzugraben. Die Arbeiten kommen aber
schlecht voran, der Boden ist gefroren und das Schanzzeug reicht bei weitem
nicht aus. Doch mit Hilfe altbewährter Tricks kommen wir langsam aber sicher
in die Erde. Fast zwei Tage vergebliches Warten sowie der sich auf Insterburg
hinziehende Geschützdonner lassen vermuten, umgangen und eingeschlossen zu
werden. Plötzlich eilt es sehr, den langgezogenen Forst auf dem schnellsten
Wege zu durchqueren. Am anderen Ende werden wir dann schon sehen, was
dort auf uns zukommt.

Ebenso eilig hat sich auch die Rote Armee auf den Weg gemacht. Nördlich und
südlich von uns rückt das anhaltende Donner der detonierenden Artillerie -
geschosse näher heran, wird immer lauter, die Schallwellen durchlaufen mit
grollendem Echo den Forst. Wir aber wollen den schützenden Wald solange es
geht - nicht verlassen. Kurz vor der Abenddämmerung erreichen wir freie Pläne.
Nach dem Überblicken der flachen Landschaft kann ich sofort unseren Standort
bestimmen und schlage dann vor, die nordwestliche Richtung über Blumental,
Rosental nach Schönwaldau einzuschlagen. Einige der Mitstreiter befürchten,
aber mit diesem Vorhaben eine schwerwiegende Fehlentscheidung zu treffen.
Wir könnten, so vermuten sie, durch den rasanten Vorstoß in Richtung Königs -
berg auf dem Wege nach Westen abgeschnitten werden. Aber noch folgen sie
alle.
22
Es ist bereits nach 22.00 Uhr, als wir einen abgelegenen, größeren Bauernhof
zwischen Schönwaldau und dem Horstenauer Forst erreichen. Und zu unserer
Verwunderung ist der Bauer noch anwesend. Er sei dageblieben, um so lange
wie möglich das Vieh zu versorgen. Seine Frau sei schon vormittags abgefahren
und werde auf ihn in Birkenau warten.

Auf diesem Hof muss kurz zuvor eine Tross- oder andere Versorgungseinheit
Quartier bezogen haben. In einem Zimmer stehen kistenweise Konserven aller
Art, Brot liegt umher, selbst viele Flaschen Alkohol haben die Vorgänger
zwecks Erleichterung ihrer Fahrzeuge zurückgelassen. Das wiederum kommt
uns nach tagelanger Unterversorgung sehr gelegen. Während wir ausgiebig von
den Lebensmitteln Gebrauch machen, wird der Alkohol draußen vernichtet. Es
ist bekannt, dass die Russen sich gerne Mut antrinken. Dann teilen wir uns die
Wachen und hoffen, eine geruhsame Nacht im warmen Zimmer verbringen zu
können.

Aber wie so oft wird unser Wunschdenken unerbittlich in die raue Wirklichkeit
verwiesen. Um 2.00 Uhr meldet sich die Wache, am Waldrand russische
Leuchtkugeln gesehen zu haben. Also hat sich uns der Iwan bis auf ungefähr
800 Metern genähert. So machen wir uns marschfertig, schlafen aber in voller
Ausrüstung weiter. Der Bauer wird benachrichtigt, was auch nun ihn veranlasst,
seinen Hof fluchtartig zu verlassen. Jetzt müssen die Wachen genau aufpassen,
was dort am Waldrand geschieht. Mit der Ruhe ist es endgültig vorbei, es
könnte sich in jedem Moment etwas Außergewöhnliches ereignen. Kurz vor der
Morgendämmerung marschiert eine Kolonne Zivilisten nördlich an uns vorbei.
Da von unserem Hof nicht auszumachen ist, um welche Menschen es sich hier -
bei handelt, erkunden zwei Mann deren Herkunft. Es sind Frauen, alte Männer
und Kinder, alles deutsche Zivilisten. Von nun an werden wir auch das Elend
der schuldlosen Zivilbevölkerung als psychologisch beklemmende Beigabe
verkraften müssen.

Etwa um 9.00 Uhr verlässt die russische Infanterie den Wald und rückt langsam
näher heran. Damit endet auch gleichzeitig der kurze, aber schöne Aufenthalt
auf dem landwirtschaftlichen Anwesen. In aller Eile wollen wir Blüchersdorf
erreichen, von dort aus in den westlich gelegenen Wald eilen und die Entwick -
lung der Kampfhandlungen abwarten. In Blüchersdorf, zwischen dem Klein -
bahnhof und den Sägewerk, hat man einen Schützengraben ausgehoben, der
sich geradezu ideal für Verteidigungszwecke anbietet. Hier ist aber weit und
breit kein Mensch zu sehen, der bei günstigen Bedingungen in den Kampf ein -
greifen könnte. Ein sehr übersichtliches Schussfeld und im Rücken der niedrige
Bahndamm - nichts könnte besser als Fluchtweg geschaffen worden sein.

Ohne viel zu überlegen, besetzen wir den Graben und erwarten die sowjetische
Infanterie. Sie muss über die Anhöhe vor dem Steinbeck´schen Hof kommen,
weil sie die Hauptstraße Insterburg - Tilsit unterbrechen will.
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Es dauert dann auch nicht mehr lange, bis endlich die ersten Russen auf dem
Präsentierteller erscheinen. Nun können wir mit unseren leichten Waffen
wirkungsvoll eingreifen. Außer einem kleinen Steinhaufen ist keine Deckungs -
möglichkeit vorhanden, so dass unser Unternehmen für die Sowjets recht
verlustreich zu verlaufen scheint. Über zwei Stunden nach dem Beschuss sind
keine Bewegungen mehr auszumachen. Aber dann kommt der Hammer, der uns
schon sehr oft das Fürchten gelernt hat. Es erscheinen, wie bereits mehrfach
erlebt, einige Panzer auf der Bildfläche und erwidern das Feuer. Da wir keine
Panzerfäuste bei uns haben, wäre das Verbleiben in der Stellung jetzt sinnlos.
Nun muss die Vorgeplante Flucht vom Fleck weg angetreten werden. Am
Gewicht der mitgeführten Munition ist der eben beendete Einsatz deutlich zu
merken. Niemand wurde verwundet, Blut ist also nicht geflossen.

Als wir kaum wieder sichere Gefilde erreicht haben, wird mir von mehren Mit -
streitern der Vorwurf gemacht, sie in die verkehrte Richtung geführt zu haben.
Beim Einhalten meiner Marschroute würde uns allen nach dem Durchstoß der
Russen auf Königsberg der Weg nach Westen abgeschnitten werden. Jetzt aber
wollen sie durchaus über Insterburg nach Südwesten ausweichen. Ich muss aber
die Richtung meines Trosses einhalten, um weitere Treffpunkte zu vereinbaren.
Bis auf einen Kameraden, der ebenfalls noch seinen Tross zu finden glaubt,
verschwinden die anderen in Richtung Insterburg.

Wir beiden Zurückgebliebenen bleiben noch am Waldrand liegen, um sich die


weiterentwickelnde Lage zu beobachten. Es sieht so aus, als ob die Russen noch
nicht gemerkt haben, dass unsere Stellung bereits aufgegeben wurde. Sehr Vor -
sichtig rollen nun die Panzer auf Blüchersdorf zu, querfeldein schon wegen
möglicher Straßenverminung. Allmählich geht auch dieser Tag zu Ende, der an
sich keine harten Anforderungen an uns stellte.

Da uns die anderen verlassen haben, müssen wir die eingeschlagene Taktik
aufgeben und versuchen, so schnell wie möglich unsere Trosse finden. Aber
vorerst wollen wir über Horstenau die schwierige Suchaktion einleiten. Hier ist
aber alles ruhig, dem Anschein nach sind die Leute bereits geflüchtet. Auch für
uns wird es allerhöchste Zeit, so schnell wie möglich zu verschwinden. Das
nächste vorläufige Ziel ist der Ort Birken, ungefähr sieben Kilometer westlich
gelegen. Auf halbem Weg kündet plötzlich einsetzendes starkes Artilleriefeuer
aus der Richtung Insterburg - Sprindt unmissverständlich den Angriff auf die
Stadt an. Unsere Ausreißer werden es nicht geschafft haben, auf ihrem Weg
durchzukommen. Die sich nun überschlagenden Ereignisse dürften bereits am
Abend des 19. Januar ohne Zweifel das vorhersehbare Chaos andeuten, das in
seiner kriegerischen Gewalt einerseits aus Unwissen, andererseits mit dem ein -
kalkuliertem selbstmörderischen Verteidigungswillen eine Katastrophe herauf -
beschwört, die noch ihresgleichen sucht. In Birken wähnen die Flüchtenden
unsere Welt trotz des entfernten Kanonendonners noch in Ordnung. Das ganze
Dorf ist von Militärfahrzeugen und Flüchtlingswagen vollgestopft.
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Mein Kamerad hat irgendwie Anschluss an seine Einheit gefunden und will im
Ort bleiben. Ich finde unseren Tross nicht, er muss also bis Saalau weiter -
gefahren sein. Auf diesem Wege fällt mir ein, dass ich in meinem Soldbuch von
meinem Kompaniechef (damals noch in Amalienau) einen provisorischen Aus -
weis erhalten habe, der mich in Angelegenheiten zwischen Tross und kämpfen -
der Kompanie zu pendeln berechtigte. Nun erst wird mir klar, dass ich wohl am
besten im Alleingang vorankomme, denn die Soldatengreifer sind nicht über das
Vorhandensein und das Zusammenspiel der Einheiten unterrichtet.

Um 21.00 Uhr habe ich Saalau erreicht. Im Ort ist es ruhig, die Straßen sind fast
leer. Wenn nicht der permanent heraufziehende Gefechtslärm zu vernehmen
wäre, könnte man meinen, der Feind würde noch hunderte Kilometer weit ent -
fernt sein. Die Höfe sind mit Flüchtlingswagen überfüllt, sträflicherweise
scheint niemand daran zu denken, wie sich der kommende Tag entwickeln
könnte. Möglicherweise hat die Kälte dazu beigetragen, die warme Unterkunft
der unaufschiebbaren Flucht vorzuziehen. Ich begebe mich unverzüglich im
sicheren Gefühl meines Ausweises zur Ortskommandantur. Der dort dienst -
tuende Offizier bestätigt mir, dass sich unser Tross angemeldet habe und auf
einem etwas abseits gelegenen bäuerlichen Anwesen untergekommen sei.

Gegen 22.00 Uhr habe ich mein vorläufiges Ziel erreicht. Auf dem Hof stehen
unsere Fahrzeuge sowie zwei Voll beladene fast zusammenbrechende Leiter -
wagen. Der Bauer scheint bereits gepackt zu haben. Im Hause aber geht es recht
laut und fröhlich zu. Dort hat sich nebenbei eine umherziehende Gruppe
Versprengter einmächtig einquartiert. Stark unter Alkoholeinwirkung grölen sie
altbekannte Soldatenlieder, die in dieser Situation beschämend oder gar auf -
reizend wirken. Im Laufe des Nachmittags hat die Bäuerin zwei Schweine
schlachten lasse, wovon ich als hungriger Nachzügler ebenfalls etwas ab -
bekomme. Um 4.00 Uhr bekommt die Bäuerin Order, sofort abzurücken. Die
Lage scheint sich über Nacht bedrohlich zugespitzt zu haben. Auch für uns ist
der kurze Schlaf beendet, es heißt jetzt wieder: Wachsam sein! Mit dem
Tageslicht ist das russische Artilleriefeuer dem Dorf bedenklich nahe
gekommen, das wir ebenfalls in Eile aufbrechen müssen. Die unheimlichen
Mitbewohner schlafen noch ihren Rausch aus, vielleicht werden sie später un -
sanft geweckt.

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5. Eine ziellose Flucht
Keine Hoffnung auf Rettung aus der
auswegslosen Lage

Nach einer kurzen Besprechung wollen wir so schnell wie möglich die
Hauptstraße Insterburg - Königsberg erreichen, dann auf dieser Straße bis
Wehlau fahren und dort von der Stadt über die Brücke nach Süden abbiegen.
Mit dieser Entscheidung hoffen wir, endlich aus der Stoßrichtung des
sowjetischen Angriffs herauszukommen. Besser würde es vielleicht sein, den
Pregel schon bei Norkitten zu überqueren, aber solange die Übersicht nur bis
zum Horizont reicht, kann niemand wissen, ob der Russe auch jenseits des
Flusses durchgebrochen ist. Wie beabsichtigt wollen wir zunächst durch Saalau
und bei Norkitten auf die Hauptstraße. Aber schon am Ortseingang staut sich
Flüchtlingswagen an Flüchtlingswagen. Und immer noch mehr kommen aus
Richtung Birken hinzu, so dass der einzige Fluchtweg gänzlich blockiert ist. Die
Hoffnung, unseren Tross noch retten zu können, ist zurzeit auf den Nullpunkt
gesunken. Doch dann zieht der Hauptfeldwebel Rotthaus seine Karte hervor und
spricht von einem riskanten Versuch, den drohenden Verlust der Fahrzeuge
abzuwenden.

Sofort geht es im rasanten Tempo querfeldein den anrückenden Russen ent -


gegen, bis wir an einen Bach kommen, dessen Uferböschungen an beiden Seiten
mehr oder weniger steil sind. Als die günstigste Übergangsstelle gefunden ist,
werden die Pferde ausgespannt, Knüppel zwischen die Speichen gesteckt und
mit allen Männern Wagen für Wagen heruntergelassen. Nur die I- Karren
bleiben stehen, sie werden ohne Inhalt aufgegeben. Am anderen Ufer ist der
Abhang aber nicht ganz so steil, so dass sechs Pferde und wir als Schieber es
endlich schaffen, den Feldweg auf der gegenüberliegenden Seite zu erreichen.
Auf diesem Weg stehen ebenfalls viele Flüchtlingswagen, die dem Feind direkt
entgegenfahren wollen. Den anderen Flüchtlingen raten wir, ohne jegliches
Gepäck so schnell wie möglich in die andere Richtung fortzulaufen. Wir aber
wollen es versuchen, das Dorf am östlichen Rand zu umfahren.

Während sich auf der linken Seite des Weges alles bebaut ist, befinden sich
rechts, auf der dem Feind zugewandten Seite, mehrere Baulücken oder freie
Stellen. Als der vorderste Wagen vorsichtig in den ersten Zwischenraum ein -
fährt, gerät er in MG- Feuer und Panzerbeschuss. Der Fahrer Napierski - in
brenzligen Situationen stets bewährt - hält vorerst hinter dem ersten Sicht -
schutz. Dann galoppiert er durch die beiden anderen offenen Stellen. Wir haben
es noch vor uns und müssen uns entscheiden. Ganz unbehelligt kommen wir
aber nicht davon. Zwei Wagen werden getroffen, aber es geht trotzdem sofort
weiter. Es kann sich nur noch um eine sehr kurze Zeitspanne handeln, bis der
Feind Saalau besetzen wird. Die nach Norkitten führende Straße wird im
Augenblick nur von wenigen Wagen befahren. Es ist unbegreiflich, warum sich
im Dorf der unüberwindliche Stau gebildet hat.
26
Im Eilschritt stapfen die Pferde voran, als würden auch sie die unaufhaltsame
auf uns zukommende Gefahr wittern. Hier zuvor durchgefahrene, zur Eile
getriebene Flüchtlinge haben die tödliche Gefahr erkannt und einen großen Teil
ihrer mitgenommenen Habseligkeiten in den Straßengraben geworfen. Schein -
bar sind es Polenfrauen, die nun das herrenlose Gut durchstöbern. Hier und da
haben diese Frauen Säcke zur Seite geschleppt und ziehen nacheinander die
Textilien hervor. Es bleibt fast alles auseinandergerissen beiderseits der Straße
liegen, als ob hier eine Müllkippe im Entstehen sei.

Gegen Mittag erreichen wir die Hauptstraße Insterburg - Königsberg. Entgegen


unseren Hoffnungen, auf dieser breiten Straße den Vorsprung zum feindlichen
Vordringen ein wenig vergrößern zu können, begegnen wir hier einem noch
nicht erlebten Chaos. In dichtgedrängter Folge schieben sich Militärfahrzeuge,
Militärfuhrwerke und Flüchtlingswagen. Nur mit Gewalt können wir ein
Militärfahrzeug stoppen, um endlich auf die Straße zu kommen. Auf der Straße
herrschen ebenfalls keine Ordnung und Disziplin. Oft drücken die Militär -
fahrzeuge die Flüchtlingswagen zur Seite und die größten Kraftfahrzeuge
nehmen sich immer wieder rigoros die Vorfahrt, nur der Stärkste kommt am
besten voran. Welch ein Glücksumstand in diesem Durcheinander, gänzlich von
feindlichen Luftangriffen verschont bleiben.

Noch bedrückender ist die Situation beiderseits des großen Fluchtstromes. So -


weit das Auge sehen kann, stehen links und rechts der Straße endlose Flücht -
lingskolonnen, die sich ebenfalls ahnungslos dem fliehenden Tohuwabohu an -
schließen wollen. Aber sie werden keine Chance haben, auf diese Weise dem
Feind unbeschadet zu entrinnen. Am späten Abend erreichen wir Taplacken.
Nun sind es nicht mehr zehn Kilometer bis zur Abfahrt nach Wehlau. Aber die
müssen wie erst noch hinter uns bringen. Einige Kilometer vor der Abfahrt nach
Wehlau sind 8,8 cm Flak für den Erdbeschuss in Stellung gegangen. Außerdem
wird die Straße teilweise freigemacht, da sechs deutsche Panzer in feindlicher
Richtung vorfahren.

Als kurz vor der Abfahrt nach Wehlau wieder einmal gehalten werden muss,
schallt lauter Gefechtslärm zu uns herüber. Scheinbar sind die Russen auf
unsere Abwehr gestoßen. Nach ca. 90 Minuten verstummt der Feuerzauber
ebenso schnell, wie er begonnen hatte. Wir befinden uns nun unweit der Pregel-
Brücke vor Wehlau. Wir müssen aber an der Brücke mit Kontrollen rechnen.
Falls dort eine stattfinden sollte, wollen wir als so genannte Funktionslose unter
der Brücke über das Eis in die Stadt gelangen. Aber es ist nichts dergleichen zu
sehen. Um 1.30 Uhr erreichen wir die Innenstadt, vor deren Toren die Rote
Armee bereits auf der Hauptstraße nach Königsberg durchgebrochen ist. Was
mag wohl mit all den vielen Menschen dort geschehen sein?

In der Stadt hat sich die Katastrophe schnell herumgesprochen. Fast alle Läden
sind offen und verteilen Kostenlos ohne Marken die knappen Lebensmittel.
27
Um nicht in den engen Straßen steckenzubleiben, ziehen wir es vor, ein
Quartier an der südlichen Peripherie von Wehlau zu suchen. Dort sollte es
möglich sein, noch einige Stunden schlafen zu können. Wiederum haben wir die
Rechnung ohne den Wirt gemacht, denn bereits gegen 4.00 Uhr erscheint ein
Melder von unbekannten Auftraggebern und fordert zur Stadtverteidigung auf.
Ohne ein arglistiges Auffangverfahren zu vermuten, begeben wir uns aber dann
Unverzüglich zu der beschriebenen Sammelstelle. Von dort aus wird sofort mit
der Verteilung auf eine ausgebaute Stellung begonnen.

Ein Offizier weist uns am westlichen Ende des Städtchens den Standort im
Graben zu. Falls die Brücke gesprengt werden sollte, können die Panzer nicht
über das Eis in Wehlau eindringen und mit der Infanterie dürfte es keine
Probleme geben. Außerdem haben wir jetzt einen freien Rücken, so dass jede
Verteidigung dazu beiträgt, die Zivilbevölkerung nach Westen abrücken zu
lassen. Noch ahnt natürlich niemand von uns, dass gut einen Tag später durch
die Eroberung Elbings auch dieser Traum schnell verfliegen wird.

Vorerst stehen wir noch hier bereit, um den Feind gebührend zu empfangen.
Ebenso wie in den letzten Tagen nichts durchdacht und nichts richtig organisiert
war, so geht auch dieser Einsatz ins Leere. Im Morgengrauen beginnt östlich
von uns eine heftige Schießerei. Danach sind die Russen in der Stadt, so dass
wir schnell zu unserem Tross laufen müssen, der sich bereits auf dem Weg nach
Allenburg befindet. Mithin müsste heute der 22. Januar 1945 sein. Erst eine
Woche nach dem Abrücken aus Radenau steht der Feind mitten in Ostpreußen.
Unvorstellbar, was verloren ging und wie lange diese Zeit gedauert hat.

Nach den aufregenden Stunden befinden wir uns nun in einer ruhigeren Region.
Trotz ständigen Beobachtens ist vom Nachrücken der Russen nichts zu merken.
Mit einigen Zwischenhalten erreichen wir Allenburg und suchen uns erneut ein
Quartier. Dieses kleine Städtchen, das kurz zuvor noch voller Flüchtlinge
gewesen sein soll, ist fast ausgestorben. Soeben verlassen mehrere Soldaten die
Molkerei mit je zwei Käsebroten unter den Armen. Selbstverständlich bedienen
auch wir uns der restlichen Vorräte, wozu ebenfalls eingepackte Butter gehört.

Unser Optimismus, wenigstens ein paar Tage in Allenburg bleiben zu können,


erhält wiederum einen kräftigen Dämpfer. Schon in den Morgenstunden des
folgenden Tages wird spürbar, dass die Rote Armee auch neben der Stoß -
richtung auch Königsberg angreift. Der Hauptfeldwebel schickt uns - den
Kameraden Hess und mich - vorsichtshalber in Richtung Wehlau zurück, um
die unsichere Lage auszukundschaften. Unmittelbar am Rande des Städtchens
verlassen wir die Straße und gehen quer über das Gelände bis an einen Wald.
Im Verlauf kurzer Zeit wissen wir Bescheid, der Feind rückt von Nordosten
heran. Nachdem wir zum Tross zurückgekehrt sind und darüber berichtet haben,
befiehlt der Spieß sofort den Aufbruch, er hat die Sorge vor einem Kolonnen -
stau kapitulieren zu müssen.
28
Nächstes Ziel ist Friedland, wo aber kein Halt gemacht werden soll. Es fehlt uns
immer wieder an Zeit, um dem unaufhaltsamen Vordringen der feindlichen
Einheiten zu entkommen. Wie lange wir uns mit dem fahrenden Tross noch
durchschlagen können ist ungewiss. Zwischen Friedland und der Abbiegung
nach Domnau übernachten wir. Der folgende Tag verläuft außerordentlich un -
freundlich. Etwas weiter stauen sich fast auf allen Straßen Militärfahrzeuge und
Flüchtlingswagen, so dass wir erst nachts Domnau erreichen. Der Ort ist voll -
ständig verstopft, es geht nur zentimeterweise vorwärts und erst gegen Morgen
finden wir unweit der Straße nach Preußisch Eylau Quartier. Hier lagert noch
genügend Futter für die Pferde, was in letzter Zeit recht selten anzureffen war.

Ohne erst ein wenig auszuruhen, begeben wir uns - mein Kamerad Hess und ich
- gemäß Weisung des Hauptfeldwebels auf Quartiersuche für die kommende
Nacht. Da die Straßen von Domnau nach Preußisch Eylau zurzeit nicht sonder -
lich befahren wird, bleiben wir auf der Chaussee. Es mögen annähernd noch
fünf Kilometer bis Preußisch Eylau sein, als wir einen Feldweg - nach links ab -
biegend - entdecken, der in hügeliges Gelände führt und nach wenigen hundert
Metern von der Hauptstraße nicht mehr einzusehen ist. Nach dem ausgiebigen
Schneefall der letzten Nacht führt eine frische Wagenspur in jene unbekannten
Gefilde. Dieser Fährte wollen wir nachgehen und deren Ende feststellen.

Immerhin sind es noch gute zwei Kilometer, bis wir auf einen großen Hof
gelangen. Während hier motorisierte Wehrmachtsfahrzeuge und viele Flücht -
lingswagen abgestellt sind, lässt sich keine Menschenseele sehen. Aber ohne
weiteres Nachforschen, welche Unterbringungsmöglichkeiten noch bestehen,
gehen wir zurück und melden das nach unserer Meinung sehr günstige Quartier
dem Spieß. Dieser studiert noch einmal seine Karte und rät zum baldigen
Standortwechsel. Solange es der Feind erlaubt, will der Hauptfeldwebel das
versteckte Quartier vorerst nicht verlassen, es sei denn, dass wir auf den nun
unumgänglich gewordenen Spähgängen Fahrzeuge mit unserem Divisions -
zeichen finden und uns ihnen eventuell anschließen zu können. Es scheint, als
ob die 349. Volksgrenadier- Division vom Erdboden verschwunden sein, aber
nirgends taucht der eine Handgranate werfende Soldat auf.

In dem neuen Unterschlupf befinden sich recht seltsame Mitbewohner. Ab -


gesehen von der motorisierten Einheit, die ebenfalls ihren Anschluss verloren
zu haben scheint, schleichen ab und zu auf dem Hof recht undurchsichtige
Gestalten umher. Da sind auch polnische Zivilisten, eine Russin mit zwei
Kindern und andere nicht zu identifizierende Personen. Am zweiten Tag in
diesem versteckten Domizil erfahren wir von der anderen Einheit, dass Elbing
schon längst von den Russen eingenommen sei und es somit keinen Abzug nach
Westen mehr geben würde. Eine derartige Hiobsbotschaft muss erst seelisch
verkraftet werden, in zwei Wochen könnte der Russe uns im Kessel zusammen -
schießen, und was für ein Schicksal werden die vielen Flüchtlinge erleiden, die
nun mit uns in der Falle sitzen.
29
Wie nicht anders zu erwarten, kommt auch hier nach ein paar Tagen der
Geschützdonner immer näher. Während die andere Einheit zum Aufbruch rüstet
begeben wir uns am vorletzten Tag erneut auf Kundschaftertour.

Der Spieß befürchtet, in Preußisch Eylau irgendwelche Komplikationen zu


begegnen, welche es unbedingt zu vermeiden gilt. Und wieder macht sich unser
Zweimann- Spähtrupp auf den Weg. Diesmal meiden wir die Hauptstraße und
nähern uns vorsichtig in freier Landschaft der Stadt. Von einer erhöhten Stelle
bietet sich ein guter Weitblick. Bei längerem Verweilen trauen wir unseren
Augen nicht: auf einer großen Wiese wird wie in Vorkriegszeiten exerziert.
Befehle wie Schützenreihe, Schützenkette und Gesang mischen sich mit dem
nahen Kriegsgeräusch.

Mit dieser Feststellung kehren wir dann zum Tross zurück, worauf der Spieß
wiederum seine Karte zückt und die Marschroute für den nächsten Tag festlegt.
Nach vorheriger Unterrichtung der Flüchtlinge über die sich aufgrund des fort -
geschrittenen russischen Angriffs gewandelte Situation verlassen wir unverzüg -
lich den abgelegenen Standort. Es wird die Stadt Preußisch Eylau nördlich um -
fahren mit dem Ziel, vorbei an Zinten die Stadt Heiligenbeil zu erreichen. Trotz
aller Vorsicht schlägt zwischen Deutsch- Thierau und dem Gut Freudenthal das
Schicksal unbarmherzig zu. Hier, weit hinter der Front, operiert der Heldenklau
und holt uns mit drei Mann vom Tross. Er schickt uns zurück nach Freudenthal,
da sich dort auf dem Gut eine Sammelstelle befinde. Weil aber die Distanz über
einen Kilometer beträgt und ein furchtbares Schneestreiben herrscht, gelingt es
uns, unsichtbar in den naheliegenden Wald zu verschwinden. Nein, so einfach
wollen wir in einem neu zusammengewürfelten Haufen noch nicht verheizt
werden.

Nun stapfen wir wie ein paar verirrte Fremdlinge durch en hohen Schnee, der
Koch, der Waffen- und Geräteunteroffizier und ich. Schnell ist das kleine
Wäldchen durchschritten, wonach schon bald im Schneetreiben ein kleines
Bauerngehöft sichtbar wird. Hier lebt eine Frau mit zwei Kindern, die uns sehr
freundlich aufnimmt und bewirtet. Nach einer Stunde Rast gesteht der Koch,
dass er nicht mehr weiter unter diesen Bedingungen folgen könne. Er will noch
etwas bei der Frau bleiben. Wir aber gehen in Richtung Lauterbach weiter,
gelangen auf einen großen Bauernhof, werden von der Bäuerin gut verpflegt
und von ihr aufgefordert, in ihrem Hause zu übernachten. Da das Anwesen
einsam liegt, wollen wir unter Aufteilung einer Wache dableiben und stimmen
der ängstlichen Frau zu. Trotz des Schneetreibens und der Kälte muss aber die
ununterbrochene Beobachtung fortgesetzt werden.

Es wäre zu gefährlich, an dieser Stelle von deutschen Soldatengreifern entdeckt


oder, wie tags zuvor weiter nördlich geschehen von russischen Fallschirmjägern
überrascht zu werden. Der nächste Tag zeigt sich dann witterungsmäßig sehr
versöhnlich.
30
Mit äußerst gemischten Gefühlen machen wir uns auf den unsicheren Weg.
Ein kleines Wäldchen biete sich bald als Sichtschutz an, wo wir beide das
Weiterkommen ausführlich besprechen. Während er noch einmal auf Distanz
nach Deutsch- Thierau herangehen will, soll ich an dieser Stelle auf ihn warten.
Vergeblich halte ich den ganzen Nachmittag Ausschau nach ihm, aber auch der
folgenden Nacht kehrt er nicht zurück. Nun bin ich wieder allein und muss
sehen, wie ich den Tross erreichen kann. Da vor der Trennung von Regfeld die
Rede war, will ich versuchen diesen Ort zu erreichen. Sollte der Spieß dort nicht
sein, wird mir also nichts anderes übrigbleiben als mich bei der dortigen Orts -
kommandantur zu stellen, damit über meine Verwendung letztlich entschieden
werden könnte.

Am späten Nachmittag mache ich mich also - unter Umgehung von Deutsch-
Thierau - auf den Weg nach Rehfeld. Zwischen diesen beiden Orten werde ich
in Bilshöfen erneut von der Feldgendarmerie angehalten. Mein vorgefertigtes
Papier rettet mich zum zweiten Mal, indem ich den Gendarmen erkläre, vom
Kompaniechef beauftragt zu sein, den Tross zu suchen und ihn Zwecks Ver -
sorgung der Einheiten an die Kompanie heranzuführen. Ein noch so primitives
Papier und eine Ausrede wirkten Wunder. Bereitwillig wird mir der Weg nach
Rehfeld gezeigt, wo sich nach meinen Angaben der Tross befinden soll. Da ich
sehr durstig bin frage ich sie, bevor ich mich auf den Weg mache, nach einer in
der Nähe befindlichen Trinkgelegenheit. Einer weist auf das rechts neben der
Straße stehende Haus, in dem noch Licht zu brennen scheint. Hier treffe ich in
einem großen Raum auf ungefähr 30 polnischen Zivilisten, die mich hasserfüllt
ansehen und mir auch kein Wasser geben. Am liebsten möchte ich mit meinem
Sturmgewehr einen Feuerstoß als Begrüßungssalve in die Menge schießen, ich
halte es aber doch für sinnlos, obwohl sich die künftigen Rächer aber noch in
unserem Machtbereich befinden.

Um 22.00 Uhr erreiche ich endlich Rehfeld und gehe geradewegs zur Orts -
kommandantur, die in einer ehemaligen Gastwirtschaft untergebracht ist. Zu
meiner Verwunderung sitzt ein älterer Oberst am Schreibtisch und nimmt
verständnisvoll meine Frage nach dem Tross entgegen. Nach Durchsicht seiner
Meldeliste gibt er mir, sichtlich enttäuscht, die Auskunft, dass unser Tross
leider nicht in diesem Standortbereich gemeldet sei. Dann meint er, dass sich
Einheiten, die nur kurzfristig bleiben, ohnehin nicht anmelden würden. Zu
meiner weiteren Überraschung rät er mir, hier im Ort zu übernachten und am
nächsten Tag selbst zu suchen. Außerdem erhalte ich von ihm eine Empfangs -
bestätigung, die mich berechtigt, bei der gegenüberliegenden Propaganda -
kompanie zu übernachten und verpflegt zu werden. Doch der nächste Morgen
kommt sehr schnell und die Stunde der Entscheidung lässt sich unter keinen
Umständen hinausschieben. Ich möchte nicht länger als Verfolgter durch das
Land irren, denn einmal könnten mich die Kettenhunde zufassen und mich
sozusagen als Deserteur vor ein Erschießungskommando schleppen. Ich werde
dem Oberst beichten und ihm um Zuweisung in eine kämpfende Einheit bitten.
31
6. Die letzten Tage unserer Trossgemeinschaft
Untergangsstimmung und Propaganda

Wie so oft in letzter Zeit das Glück dem Unglück widerstand, kann ich mit mehr
Glück als Verstand der Zwangslage entrinnen. Als ich eben noch tieftraurig da -
rüber bin, mich irgendeinem kämpfenden Haufen stellen zu müssen, kommt mir
beim überqueren der Hauptstraße unser Tross entgegen. Nach einer freudigen
Begrüßung der Kameraden schließe ich mich wieder dem fahrenden Hort an.
Leider haben sich der Waffen- und Geräteunteroffizier sowie der mit uns aus -
gesonderte Koch noch nicht eingefunden.

Wie ich unverzüglich vom Hauptfeldwebel Rotthaus erfahre, hat er erstmalig


den Befehl erhalten, sich in Richtung Front zu begeben, um den Rest unserer
Division, die südlich vor Braunsberg im Einsatz sein sollen, zu versorgen. Etwa
am 14. Februar finden wir zwischen Liebenau und Plaßwich einen Standort, von
dem aus - entgegen vorangegangener Order - die Betreuung einer unbekannten
Einheit übernommen werden soll. Doch auch von hier müssen wir nach einem
Tagesaufenthalt zurückweichen, weil sich trotz stabilisierter Front die Rote
Armee weiter vorgeschoben hat.

Es wird wieder gepackt und abgefahren, ohne an irgendeinem der vorgesehenen


Versorgungsplätze teilzunehmen. Infolge des sich nur langsamer zusammen -
drückenden Kessels und bessere Frontverhältnisse endet die so genannte Ab -
setztbewegung dann auch bereits nach acht Kilometern zwischen Anticken und
Schwillgarbeb. Unser Quartier befindet sich auf einem Bauernhof, wir müssen
es mit einer anderen Einheit teilen. Gleichzeitig ist es aber wegen der Kessel -
verengung von nun an möglich, die umherziehenden Einheiten und deren
Besatzung exakt zu überwachen. Dieses wiederum veranlasst die starke Hand,
aus dem rückwärtigen Raum einzugreifen.

Von Versorgungsaufgaben ist jetzt nicht mehr die Rede. Da werden z. B. der für
die Verpflegung zuständige Horst Hess und der erste Koch Walter Woite sofort
zum Fronteinsatz kommandiert. Während Hess sich nicht meldet, kehrt Woite
nach drei Tagen zurück und berichtet von unmenschlichen Begebenheiten.
Dann muss er wieder nach vorne und wird seit der Zeit lt. Liste des Deutschen
Roten Kreuzes vermisst.

Ich habe diesmal Glück und bleibe noch bei dem stark dezimierten Häuflein,
muss aber als Meldegänger und Verbindungsmann zwischen der Front und
mehreren Gefechtsständen pendeln. Am folgenden Tage werde ich mit einem
Auftrag nach Braunsberg beordert. Um die weite Marschroute noch am selben
Tage bewältigen zu können, muss ich mich schon sehr früh auf den Weg
machen. Während in unserem Bereich nur noch Militär stationiert ist, beginnt
nach einigen Kilometern das Elend der Geflohenen. Nur sehr wenige sind nach
Braunsberg aufgebrochen.
32
In der Hoffnung, dass die Front noch halten möge und wegen der warmen
Quartiere überziehen sie die Verweildauer trotz des deutlich vernehmbaren
Kanonendonners in sträflicher Weise.

Kurz vor Braunsberg aber ist die Straße mit Flüchtlingswagen restlos verstopft.
Im vorbeigehen sehe ich auf die Wagenschilder, um festzustellen, aus welcher
Gegend sie aufgebrochen sind und seit wann sie unterwegs sein könnten. Es
tauchen Ortsnamen aus fast allen südlichen Landkreisen auf, überwiegend ist
der Kreis Preußisch Holland vertreten. Vermummt und halberfroren warten jene
Unglücklichen geduldig darauf, ein paar Meter weiterfahren zu können. Die
Wagen sind meist überladen, wohl aus dem festen Glauben heraus, noch ein
Minimum ihrer Habe retten zu können. Wohin die Reise geht, weiß niemand,
ebenso wenig wie wir vorausahnen können, was letztlich mit uns geschehen
wird.

Bislang nur vereinzelt wahrgenommen, ist jetzt fast jedes Haus mit kurzen
Durchhalteparolen beschriftet. Zu dem überwiegend propagierten Aufruf
„Tapfer und Treu“ hat sich der Psychoschocker „Sieg oder Sibirien“ gesellt.
Noch wird bei uns allgemein geglaubt, dass, wenn sich die Zivilbevölkerung in
Sicherheit befindet, auch wir nach und nach den Kessel verlassen dürfen.

Braunsberg ist mit Militär und Vertriebenen überfüllt. Nach Erledigung meines
Auftrages erhalte ich am folgenden Tag keine weiteren Befehle. Da nun unsere
Einheit in dieser Zeit nicht für den Verpflegungsnachschub noch zu anderen
Versorgungsmaßnahmen herangezogen wurde, dürfte sich sehr bald eine ent -
scheidende Veränderung ergeben. Schon am nächsten Tag - es könnte der 22.
Februar sein - tritt das Ereignis ein, das wir schon lange befürchteten. An den
Hauptfeldwebel Rotthaus ergeht der Befehl, mich mit allen verfügbaren Fahr -
zeugen in Braunsberg melden. Gleichzeitig erhält er die Ankündigung, dass
unser Tross aufgelöst wird.

Tags darauf treffen wir am Nachmittag in Braunsberg ein. Wie nicht anders zu
erwarten, hat man es zunächst sehr eilig, uns aufgrund der fatalen Lage so
schnell wie möglich zu vereinnahmen und zum Einsatz zu bringen. Während
der Spieß uns anmelden geht und nicht wieder auftaucht, heißt es endgültig vom
liebgewordenen Haufen Abschied zu nehmen. Selbstverständlich war der Tross,
in den Wochen heilloser Flucht für uns mehr oder weniger eine gute Lebens -
versicherung. Stets vom Hauptfeldwebel Rotthaus gut geleitet, hat er seine
Aufgabe in der Hauptsache zum Vorteil der noch folgenden Kampfhandlungen
erfüllt. Von unschätzbarem Wert sind nun die geretteten Waffen. Sturmgewehre
schon zur Seltenheit geworden, wurden in einer großen Anzahl durchgebracht.
Wie zu erwarten ist, wird ihre Feuerkraft bei der Gegenwehr sehr wirkungsvolle
Hilfe leisten und dadurch viel mehr bewirken als ein paar ohne Überlegung
geopferte Kameraden.

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7. Vor dem erneuten Einsatz

Noch am selben Tage geht es zu einer Sammelstelle, in der, wie es heißt, ein
neues Schützenbataillon zur Verstärkung der 349. Volksgrenadier- Division
aufgestellt wird. Es dürfte sich sozusagen um eine Eingreifreserve handeln, die
an bedrohlichen Brennpunkten Entlastung schaffen soll. Nach dem Antreten der
mannigfaltigen Ersatzreserve findet zunächst das Sortieren der Eingänge statt.
Mit den älteren Kameraden bildet man vier Schützenkompanien, wir jungen
Hüpfer werden zu einem Bataillons- Sturmzug zusammengestellt, der für
Sonderaufgaben zur Verfügung stehen soll. Zum Zugführer wird ein erfahrener
Obergefreiter bestimmt, dessen Dialekt unschwer die oberschlesische Heimat
erkennen lässt. Er schreibt zunächst unsere Namen auf, nicht etwa für Zwecke
der Registrierung, sondern damit sich niemand entfernen kann. Eine ordentliche
Erfassung und Meldungen über den Menschenbestand gibt es aber seit dem 13.
Januar nicht mehr.

Der folgende Tag bringt eine Überraschung. Entgegen der üblichen Eile, die
eben aufgestellte Einheit zum Einsatz zu bringen, lässt man sich Zeit und sorgt
vorerst für die Verbesserung der Bewaffnung. So erhalten alle Angehörigen
unseres Zuges Sturmgewehre. Da es sich aber hauptsächlich um neue Waffen
handelt, kann durchaus auch angenommen werden, dass die meisten unserem
Gerätewagen entnommen wurden. Dann wird erst einmal richtig ausgebildet, als
ob es sich bei uns um Rekruten handeln würde. Ohne das Kommando „Ein
Lied“ lernen wir erneut marschieren, wobei Übungen wie „Schützenreihe“ und
„Schützenkette“ nicht fehlen dürfen. Obwohl es sich bei uns um ausgebildete
Soldaten handelt, dauert die Übung dennoch mehrere Tage - Tage, die uns der
Himmel schenkt.

Höchstwahrscheinlich wird während dieser Zeit - das genaue Datum weiß ich
nicht mehr - Braunsberg aus der Luft angegriffen. In kurz aufeinanderfolgenden
Wellen bombardieren sowjetische Flugzeuge die Stadt. Die Verluste unter der
Zivilbevölkerung sind hoch und beträchtliche Schäden an den Gebäuden sind
nicht zu übersehen. Am Südwestrand der Stadt ist ein Flüchtlingstreck voll
getroffen worden. Das Grauen offenbart sich in einer Vielzahl umher liegender
Leichen von Frauen, Kindern und alten Leuten. Dazwischen zerfetzte Pferde,
auseinander gebrochene Wagen, die mitgeführten Habseligkeiten sind alle weit
verstreut.

Aufgrund dieser feindlichen Kriegshandlung hat man unverzüglich Maßnahmen


eingeleitet, um die menschliche Not zu lindern. Verletzte wurden fortgeschafft,
für die Toten sind, soweit feststellbar, zwei Massengräber ausgehoben worden.
Sie befinden sich auf einem Parkgelände, welches scheinbar zu einer großen
Schule oder anderen Institutionen gehört. Im Vorbeigehen können wir genau
beobachten, dass das Grab bereits voll ist und mehrere Männer die Toten mit
Chlorkalk bestreuen.
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In das andere Grab wirft man noch laufend Leichen hinein, die wiederum auf
Pferdewagen herangefahren werden. Leider ist es wegen der fehlenden Zeit
nicht möglich, die Opfer auch nur annähernd zu schätzen.

Am letzten Februar tag rückt unsere Einheit zu einer Übung in den nördlich der
Stadt gelegenen Födersdorfer Forst aus. Hier ist der Geschützdonner nur noch
schwach zu hören. Selbst die Ausbilder wollen den Tag in einigermaßen fried -
licher Atmosphäre genießen. Sitzend blicken wir lange Zeit auf die kleinen
Wellen des Frischen Haffs. Nur ganz leise glucksend, berühren sie den Uferrand
um uns eine friedfertige Welt vorzugaukeln. Aber der Donner aus der Ferne
erinnert daran, dass sie uns böswillig die Hoffnung auf einen Ausweg nehmen.

35
8. Die Abwehrkämpfe um Braunsberg
Opfer für die Rettung der Zivilbevölkerung

Am 1. März erreichen uns keine Kommandos, die auf Fortsetzung der Übungen
schließen lassen. Obwohl man als Befehlsempfänger über geplante militärische
Maßnahmen nicht unterrichtet wird, sind schon sehr oft aus den Vorbereitungen
die beabsichtigten Aktionen zu erkennen. Somit scheint unsere Schonfrist ab -
gelaufen zu sein, der Marsch in die Hölle dürfte kurz bevorstehen. Nach Ein -
bruch der Dunkelheit rücken wir zum Fronteinsatz aus. Entgegen der Annahme,
eine längere Wegstrecke zurücklegen zu müssen, haben wir unser vorläufiges
Ziel, das Gut Marienfelde, bald erreicht. Hier befindet sich noch der Truppen -
verbandsplatz der abzulösenden Einheit. Das Gebäude des Gutes ist überlegt,
jeder soll noch ein paar Stunden vor dem geplanten Angriff ausruhen. Unser
Sturmzug befindet sich in einem beheizten Raum, so dass alle Kameraden von
der Müdigkeit überwältigt werden und in tiefen Schlaf versinken.

Viel zu früh werden wir bereits um 2.00 Uhr nachts geweckt, es heißt, sich jetzt
fertigmachen um weitere Befehle abzuwarten. Zum ersten Mal sehe ich, wie
einige Kameraden beten und Gott flehentlich um ihr Leben bitten. Ungefähr
zwei Stunden später kommt das Kommando zum Abmarsch, der schon nach
wenigen Schritten in westlicher Richtung endet. Da unser Sturmzug am Schluss
des Bataillons eingeteilt ist, haben wir die Wegstrecke zum Ausgangspunkt der
Aktion bereits nach 500 Metern erreicht. Nun heißt es, im Straßengraben oder
noch weiter westlich an der Wegböschung Deckung zu suchen.

Über Nacht ist der Winter abermals zurückgekehrt. Es hat leicht gefroren und
etwas geschneit, so dass wir auf dem vor uns liegenden Feld noch nichts
erkennen können. Als nach zwei Stunden über den Fortgang der Aktion noch
immer keine Entscheidung gefallen ist, begibt sich unser Obergefreiter zu den
Kompanieführern, die sich über die Ausführung des Angriffs nicht einigen
können. Als er wieder zurückkommt, fällt das Wort „Schweinerei“ und seine
Befürchtung, dass im bald grauenden Morgen der Angriff katastrophal enden
könnte, steigert die Angst und Ungewissheit, der meist noch unerfahrenen
Kameraden. Mit der Bemerkung: „Dann machen wir es eben alleine“ springt er
auf und winkt zum Angriff.

Erst nachdem wir ungefähr 200 Meter über gepflügtem Acker vorgegangen sind
haben die Russen uns bemerkt und reagieren entsprechend. Als linker Flügel -
mann werde ich von einem vorgeschobenen MG beschossen, worauf mir nichts
anderes übrig bleibt, als mich in der nächsten Furche kleinzumachen. Ohne es
bemerkt zu haben, befinden wir uns dicht vor der feindlichen Stellung.

Eben vernehmbar, ruft unser Obergefreiter den Russen etwas zu, wobei ich
noch mit einem Auge beobachten kann, wie sich paarweise Hände aus der
Deckung erheben.
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Jetzt springen unsere ersten Kameraden in den russischen Graben hinein, die
Stellung ist ohne größere Verluste geknackt. Nun folgt das übrige Bataillon mit
viel Geschrei, wobei das MG von mir ablässt und in den ungeordneten Haufen
des Bataillons feuert. Aber viel Heldentum kann der MG- Schütze von der an -
deren Feldpostnummer nicht mehr beweisen. Er sowie seine Kameraden werden
durch einen Volltreffer - Pak oder Panzergeschoss - außer Gefecht gesetzt. Jetzt
kommt auch für mich der Zeitpunkt, den Angriff fortzusetzen. Bevor ich mich
aber den voranstürmenden Kameraden anschließe, inspiziere ich das zum
Schweigen gebrachte MG der Russen. Alle Mann sind tot, das MG nur noch
Schrott. Mit geringen Verlusten auf beiden Seiten scheint das Schlimmste über -
standen zu sein.

Doch damit ist das Unternehmen noch lange nicht beendet. Im Eiltempo geht es
auf den Waldrand zu, in dem, trotz der vielen Gefangenen, noch weitere feind -
liche Infanteristen vermutet werden. Zu unserem Glück hat sich dort niemand
verschanzt, so dass das Waldstück kampflos in unsere Hände fällt. Da sind aber
noch die deutschen Bunker bzw. Unterstände, die unbedingt durchsucht werden
müssen. Ein älterer Russlandkämpfer kennt sich damit gut aus. Indem er die Tür
aufreißt und hinein schreit: „Ist da jemand?“, verschafft er sich Sicherheit mit
einer schnell hineingeworfenen Handgranate.

Weiter vorwärts geht es über 500 Meter freies Gelände, dann wieder in den
nächsten Waldabschnitt. Kein Widerstand, keine Gegenwehr, fast wie ein un -
heimlicher Spaziergang. Ich halte mich im Schutze des Gebüschs unmittelbar
neben dem Waldweg, ohne zu wissen, was sich auf der anderen Seite tut.
Plötzlich sehe ich auf dem geraden Weg einen russischen Panzer stehen, sein
Geschützrohr auf mich gerichtet. Scheinbar haben wir uns zur gleichen Zeit
gesehen, denn ich kann mich in der Reaktionszeit hinwerfen, bevor er zu
schießen anfängt. Es kracht zweimal ungeheuer, Holzsplitter, trockene Tannen -
nadeln fallen herunter, meine Ohren sind wie taub. Während ich mich am
Boden ruhig verhalte, haben sich meine Kameraden an ihn herangeschlichen
und versuchen ihr Glück mit einer Panzerfaust.

Getroffen wird aber nur das Geschützrohr, ohne dass die Kuppel abreißt. Als er
rückwärts fliehen will, erwischt es ihn an der Kette, wodurch die Besatzung zur
Aufgabe gezwungen wird. Der erste kommt mit erhobenen Händen raus, doch
der zweite beschießt uns mit seiner MP. Viel Schaden kann er aber nicht an -
richten - bevor er einen zweiten Feuerstoß abgeben kann, sackt er getroffen
nach unten. Im Anschluss an die heimtückische Handlung der Russen hilft ein
Kamerad mit einer dritten Panzerfaust nach und prompt steht der T 34 in hellen
Flammen.

Ohne zu wissen, ob der rechte Flügel nachgekommen ist, gehen wir nun sehr
vorsichtig weiter. Schließlich zeigt sich schon durch das Unterholz freies Feld
und einige Gebäude.
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Doch dann tritt das ein, was niemand von uns erahnen konnte. Plötzlich sehen
wir mehrere Panzer, welche am Waldrand Stellung bezogen haben und ein
mörderisches Feuer auf uns eröffnen. Die meisten Geschosse bleiben zwar
zwischen den Baumstämmen hängen, aber uns erreichen fast ebenso viele.
Meine rechten Nebenleute, MG- Schütze und Träger, werden durch Volltreffer
auf der Stelle getötet, ein anderer läuft hinkend fort. Um dem gleichen Schick -
sal zu entgehen, werfe ich mich auf den Boden hinter einen dicken Baum. Hier
ist mir zwar die Sicht nach vorn versperrt, doch nun erhält der Fluchtweg auf -
grund der veränderten Lage Priorität. Als ich zurückblicke werde ich von einer
Vielzahl kleiner Granatsplitter an der linken Gesichtshälfte verwundet. Da aber
niemand mehr von meinen Leuten zu sehen ist, entferne ich mich so schnell wie
möglich aus der Gefahrenzone.

Am Rande des Wäldchens ist man schon dabei, in aller Eile eine Stellung aus -
zubauen. Damit ist das Unternehmen endgültig beendet - 800 Meter zurück -
erobert, viele Gefangene gemacht, Opfer unbekannt. Aus unserem Zug sind vier
Mann nicht zurückgekehrt, so dass er nur noch 20 Mann stark ist. Überall
zeugen brennende und zerschossene Panzer von der regen Kampftätigkeit, die
hier bereits am Vortage recht heftig verlaufen zu sein scheint. Ich schließe mich
wieder meinem Bataillons- Sturmzug an, der sich inzwischen auf dem Gut
Marienfelde zusammengefunden hat. Gleichzeitig spreche ich beim Truppenarzt
vor, der trotz Überbelastung meine größten Splitter entfernt.

Noch am selben Abend erhält dann unser Zug den Befehl, eine Frontlücke zu
schließen, die trotz der Rückeroberung nördlich des Waldes zwischen der
Straße Willenberg/Stangendorf offengeblieben ist. Geschwind gräbt sich der
Sturmzug in Zweimannlöchern ein. Um Mitternacht beginnt es heftig an zu
schneien, so dass wir die Löcher zur Hälfte mit Zeltbahnen überdecken müssen.
Ein Mann bleibt abwechselnd auf Wache, der andere schläft in gehockter
Stellung unter der Abdeckung.

Nach dieser schier endlosen Nacht verschlechtert sich das Wetter abermals,
Schneetreiben setzt ein. Da es bei dieser Wetterlage selbst dem Feind nicht nach
Angriffen gelüstet, glauben wir, im ziellosen Störungsfeuer liegend, ansonsten
den Tag in Ruhe verbringen zu können. Der nächste Tag zeigt sich wettermäßig
bedeutend freundlicher. Bei Sonnenschein, aber klirrender Kälte ist die Zeit für
die Kameraden von drüben gekommen. Ein Angriff ohne Panzerunterstützung
bleibt vor unserer Stellung liegen. Im Nachsetzen müssen die Russen in den
Wald zurück. Ungefähr 30 Iwans flüchten in eine Sandkuhle und werden, da sie
sich nicht ergeben, im Kampf niedergemacht. Aber auch wir haben einige Ver -
luste, jedoch können bei dieser Aktion alle Verwundeten geborgen werden, was
bislang kaum möglich war.

Kurz darauf dürfen wir die Löcher verlassen und glauben, als Sonderformation
mehrere Tage in Ruhe und Wärme verbringen zu können.
38
Doch weit gefehlt, denn einige von uns müssen sich an mehreren Spähtrupp-
Unternehmen beteiligen. So trifft es auch mich, zweimal an diesen Einsätzen
mitzuwirken.

Schon in der Nacht zum 6. März machen wir uns mit fünf Mann, unter der
Leitung des Zugführers, auf den Weg. Als Ausgangspunkt wird der Kurz -
abschnitt unserer letzten Stellung gewählt. Vorsichtig geht es dann den lang
gestreckten Berg östlich von Willenberg hoch und müssen dann etwas länger in
der Lage verweilen, bis am Waldrand die nächste russische Leuchtkugel
emporsteigt. Weiter geht es bis zur Waldecke, von der aus die Leuchtkugeln
abgeschossen werden. Indem wir ausschließlich auf dem Boden liegen und die
Umgebung ständig im Blickfeld behalten, arbeiten wir uns, scheinbar auf einer
Wiese, bis an das rechte Wäldchen vor.

Auch hier offenbaren sich zunächst unergründliche Anzeichen, die trotz der
gewohnten Unempfindlichkeit dennoch schockierende Wirkung hinterlassen.
Auf der ebenen Wiese ragen unzählige schneebedeckte Haufen hervor, deren
Entstehung unser Zugführer sogleich deuten kann. Er meint, es handele sich um
mehrere Hunderte deutscher Gefallener. Die Lage lasse darauf schließen, dass
sie schon vor längerer Zeit das Wäldchen erstürmen sollten. Nun will ich es
aber selber wissen und ziehe mich zu einem größeren Haufen vor. Hier hat tat -
sächlich ein deutscher Soldat auf den Knien seinen Tod gefunden. Beim Ab -
streifen des Schnees kommen die Schulterstücke eines Feldwebels zum Vor -
scheinen.

Der Rückzug vollzieht sich in der gleichen Weise. Für die fast zwei Kilometer
benötigen wir mehr als drei Stunden. Vor unserer so genannten Hauptkampf -
linie geht es dann sicher nach Marienfelde zurück, wo unser Zugführer die
militärisch wichtigen Beobachtungen meldet. Wir sind froh und freuen uns auf
das warme Strohlager. Am nächsten Tag bleibt alles ruhig, auf beiden Seiten
nur leichte Plänkelei. In der Nacht hat ein anderer Spähtrupp ausgekundschaftet
dass bei en Schießständen von Hermannsdorf auffallende Feinbewegungen im
Gange sind. Schon in aller Frühe wird deshalb unser bereits dezimierter Sturm -
zug zur Verstärkung auf die Schützenlöcher verteilt. Da auch von Motoren -
geräuschen die Rede war, sollen zwei von Zagern vorgefahrene deutsche Panzer
in einen eventuell geplanten Angriff der Russen eingreifen.

Wie schon vorauszusehen war, setzten die Sowjets das gefürchtete Scharmützel
in Gang. Aber zu unserem Glück haben sie ihr Unternehmen im Kleinstformat
für ausreichend gehalten, um die deutsche Stellung durchbrechen zu können.
Zwischen der anstürmenden Infanterie rollen drei Panzer auf uns zu. Die feind -
lichen Schützenabteilungen laufen direkt in unser Feuer, wobei sie entsprechend
hohe Verluste hinnehmen müssen. Zwei der T 34 werden von der Pak aus dem
hinter uns liegenden Wäldchen abgeschossen. Als der dritte abdreht, kommt das
Kommando zum Gegenstoß.
39
Während wir den Berg erstürmen, erleiden wir ebenfalls Verluste und müssen
uns wieder auf dem schnellsten Weg in die alte Stellung zurückziehen. Aber um
so traurigsten stimmet es mich, dass auch unser Zugführer, der so gewandte
Obergefreite Kulik, bei diesem an sich nicht wesentlich von Belang gewesene
Gegenangriff sein Leben lassen musste. Auch unsere noch kurz vor Beginn den
Kampfhandlungen bereitstehenden Panzern sind ebenfalls wie vom Erboden
verschwunden.

Das anhaltende Frostwetter lässt auch die folgende Nacht im Freien zur Ewig -
keit werden. Zudem erwarten wir wegen verpflegungsmäßiger Unterversorgung
sehnsüchtig den kommenden Morgen, ohne an den Tag zu denken, der ebenso
das Ende bringen könnte. Bei uns verläuft der Tag ohne besondere Vorkomm -
nisse. Wieder kommt ein Angriffsbefehl, noch gelüstet es dem Russen, etwas zu
unternehmen. Den brauchen wir nicht mehr an dieser Stelle zu befürchten, denn
nach Einbruch der Dunkelheit kommt der Befehl zur Ablösung.

Durchgefroren, hungrig und übermüdet verlassen wir die Löcher und sammeln
uns auf dem Gutshof Marienfelde. Beim Antreten zum Abmarsch sind wir nur
noch 11 Kameraden des vor Tagen aufgestellten Bataillons- Sturmzuges dabei.
Die Schützenkompanien haben noch mehr Verluste erlitten, so dass von einem
Bataillon nicht mehr die Rede sein kann. In zehn Tagen sind der Kampfgruppe
so tiefe Wunden geschlagen, dass ohne Verstärkung das Verbleiben in der
Stellung für Braunsberg mit einem großen Risiko verbunden sein könnte.

Nach gut drei Kilometern ist schon die Kaserne am Südrand der Stadt erreicht.
Zunächst empfangen wir ein warmes Essen: Nudelsuppe in Tonschalen. Eine
Unvorstellbare Behaglichkeit empfinden wir beim betreten der Stuben. Heute
Nacht in Betten auf Strohsäcken zu schlafen, davor hätte vor wenigen Stunden
noch niemand zu träumen gewagt. Leider ist die Zeit der Ruhe bis zum nächsten
Morgen um 9.00 Uhr viel zu kurz.

Das Stadtbild hat sich in den letzten Tagen erheblich verändert. Alle Straßen
sind leer, Flüchtlingswagen sind keine mehr unterwegs. Scheinbar wird es sich
nicht vermeiden lassen, die Stadt unmittelbar zu verteidigen. Aber darüber
können sich jetzt andere die Köpfe zerbrechen. Nach meiner Rückkehr in den
Kasernenbereich händigt man mir das Verwundetenabzeichen (schwarz) und
das Infanterie- Sturmabzeichen aus.

Enttäuschung macht sich breit, als noch am selben Abend, also den 12. März
1945, der Abmarschbefehl zum nächsten Einsatz gegeben wird. Die nach
Westen eingeschlagene Richtung deutet an, dass wir nicht mehr am Ort des
letzten Geschehens wiederum kampfbereit in dieselben Löcher springen
müssen. Dieser Marsch zieht sich in die Länge, geht über Stangendorf und
endet im Ortsteil Willenberger Krug. Sofort werden zur Errichtung einer
Hauptkampflinie Schaufeln und Spaten ausgegeben.
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Sie wird einen Kilometer weiter westlich eingegraben. Es geht alles mühelos
vonstatten, zwischen leichtem Granatwerferfeuer kommen wir schnell in die
Erde. Unser restlicher Bataillons- Sturmzug braucht nicht Stellung zu beziehen,
er bleibt vorerst als Eingreifreserve in der Gastwirtschaft von Willenberger
Krug.

Da sich vorn nichts tut, erleben wir in der beheizten Gaststube erholsame Tage,
sozusagen eine Verschnaufpause, die sicher nicht allzu lange andauern wird.
Mit der Verpflegung sieht es nach wie vor sehr traurig aus, was uns wiederum
veranlasst, das Abwesen nach essbaren Beständen zu durchsuchen. In dieser bei
uns ruhigen Zeit gehen, wie es scheint, in dem einst von uns umkämpften
Gebiet außergewöhnlich große Geschosse hernieder. Die Detonationen der
Granaten sind so stark, dass die Schall- und Echowellen erst nach Sekunden im
weiten Umkreis verstummen. Wie zu erfahren ist, soll der deutsche Kreuzer
„Prinz Eugen“ die akustisch unüberhörbaren Grüße von See her den Russen
übersenden. Vier Tage nur dauert der Zauber, dann verstummt das heftige
Bombardement scheinbar wegen Munitionsmangel.

Nach Ausbleiben dieser wirksamen Unterstützung intensiviert sich erneut die


Kampftätigkeit südlich von Braunsberg. Um Mitternacht vom 19. zum 20. März
wird der Rückzug nach Braunsberg befohlen. Ohne bedrängt zu werden, voll -
zieht sich die Absetzbewegung in aller Ruhe. Vor Braunsberg beziehen wir
beiderseits der Straße nach Stangendorf und zwischen einer Siedlung eine - im
Vergleich zu den vorherigen Schutzanlagen - optimal ausgebaute Stellungen.
Vor dem hohlen Grund ist der Ausblick gut, das Vorfeld weit einzusehen und es
fehlt an jeglicher Deckungsmöglichkeit für den Feind. Rechts vor der Siedlung
hat man einen deutschen Panzer eingegraben, dessen Kuppel über den Erd -
boden hinausragt, 200 Meter stadteinwärts steht noch fast unversehrt das Gut
Lisettenhof.

Zur Verstärkung sind uns einige Kameraden zugeteilt worden. Entgegen der
üblichen Reaktion, sofort nachzustoßen, erscheinen die Russen erst gegen 18.00
Uhr auf der Bildfläche. Mit Unterstützung des Panzers und heftigem Abwehr -
feuer erleiden sie schon auf den gegenüberliegenden Höhen beträchtliche
Verluste. Deshalb wagt der nachrückende Verband nicht mehr den direkten
Angriff und bewegt sich, von uns aus gesehen, nach links auf die Kaserne zu.
Der so harmlos aussehende Schwenk deutet aber ganz offensichtlich auf die
Einschließung der Stadt.

Um 23.00 Uhr kommt dann auch ohne jede weitere Feindberührung der Befehl,
sich sofort aus Braunsberg abzusetzen. Der neue Zugführer bildet mit den rest -
lichen Kameraden die Nachhut. Mich schickt ein Kompanieführer zu den
Panzersoldaten, damit sie, wie abgesprochen, ihren Panzer eiligst zu sprengen.
Doch es dauert etwas länger, bis der Kasten endlich hochgeht, so dass wir 45
Minuten in Rückstand geraten.
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Im Eiltempo geht es nun zum letzten Mal durch die jetzt verlassenen Straßen
der Stadt. Im südlichen Bereich haben sich schon die Russen festgesetzt. Teil -
weise können wir sie im Schein der brennenden Häuser erkennen und dann
beschießen. In der Innenstadt ist niemand zu sehen, ebenso brauchen wir
keinem Beschuss ausweichen. Erst gegen 2.00 Uhr nachts taucht die von den
Panzersoldaten gesuchte Passarge- Brücke auf. Hier warten mehrere Pioniere
ungeduldig auf uns und fragen, ob wir noch jemand gesehen hätten. Nach der
Verneinung der Frage bereiten sie sofort die Sprengung vor, die auch unmittel -
bar danach erfolgt.

Mit Riesenschritten eilen wir in Richtung Heiligenbeil davon. Hinter dem Dorf
Einsiedel schließen sich uns dann zwei aus südlicher Richtung kommende ver -
sprengte Soldaten an. Ihr plötzliches Erscheinen dürfte ebenfalls unter Zeit -
druck zustande gekommen sein, denn sie berichten mit keuchender Stimme,
dass der Ort Regitten bereits von den Russen besetzt worden sei. Aufgrund
dieser sehr beängstigten Botschaft pressiert es nun ungemein, den lange um -
kämpften Braunsberg den Rücken zu kehren.

Hinter Hammersdorf erreiche ich meine Einheit. Die beiden Panzersoldaten


wollen zu ihrem Truppenteil nach Heiligenbeil, die anderen bleiben bei uns.
Inzwischen sind die Zeiger auf etwa 10.00 Uhr vorgerückt. Jetzt wird unser
Bataillons- Sturmzug mit den Resten zweier Kompanien zum Angriff auf das
kleine Wäldchen zwischen Wermten und Grunau vorgeschickt. Zunächst deutet
noch nichts auf das Vorhandensein feindlicher Kräfte hin. Dann aber, in dem
nächsten Waldabschnitt, fliehen die Sowjets so schnell, dass wir sie nicht ein -
holen können.

Dann stockt der Angriff vor einem Waldweg, auf dessen anderer Seite dichtes
Buschwerk die weitere Sicht versperrt. Obwohl wir uns äußerst vorsichtig
herantasten, kann dennoch das zum Verhängnis werdende Missgeschick nicht
verhindert werden. Scharschützen treffen zuerst unseren Zugführer, dann
meinen Kameraden Rus aus dem Sturmzug. Nun ergreife auch ich haken -
schlagend die Flucht, wobei alle Entkommen jetzt umgekehrt von den Russen
verfolgt und wie wild beschossen werden. Viele Tote bleiben liegen, aber auch
alle am Boden liegenden Verwundeten werden ihrem Schicksal nicht entgehen.

Nach diesem Debakel hört der Bataillons- Sturmzug endgültig auf zu existieren,
im Ganzen sind davon nur vier Mann übriggeblieben. Desgleichen haben aus
den beiden anderen Kompanien nur wenige den stümperhaft geführten Angriff
überlebt. Der ganze Haufen zählt noch etwas 40 Seelen und unsere beiden
Offiziere veranlassen nun endgültig, den Rückzug nach Heiligenbeil anzutreten.
Infolge versäumten Schlafs und den Anstrengungen in den letzten Tagen sind
wir an die Grenze der menschlichen Leistungsfähigkeit gelangt. Da aber den
Offizieren das Stadtgebiet schon zu unsicher geworden ist, soll das Stellwerk
des Bahnhofs als Herberge für eine Nacht dienen.
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Aber schon nach kurzen Aufenthalt werden durch die in der Nähe einschlagen -
de Granaten fast alle Scheiben zertrümmert, so dass ein Verbleiben in diesen
Räumen ebenfalls gefährlich zu werden verspricht. Während wir mit dem einen
Offizier nach Unterschlupf suchen, will sich der andere erkundigen, ob noch
Teile unserer 349. Volksgrenadier- Division vorhanden sind und wo sich diese
eventuell befinden.

Nach einer recht kühlen Nacht heißt es nach dem Erheben, durch Bewegung
wieder Leben in die steifen Glieder zu bringen. Der Morgen des 22. März 1945
erinnert uns eindringlich daran, wie der letzte Tag endete und dass es auch
heute nicht friedlich weitergehen wird. Zunächst interessiert uns ein abgestellter
Güterzug, in den Bekleidungsausrüstung aller Art lagert. Da ich meine Unter -
wäsche schon seit Anfang Januar nicht gewechselt habe, nehmen einige der
Kameraden und ich die einmalige Gelegenheit wahr, dies nach längerer Zeit
endlich nachzuholen. Wie es sich aber mehrere Wochen später herausstellen
wird, ist das ein unverzeihlicher Fehler, aufgrund dessen Unannehmlichkeiten
anderer Art auftreten wird.

Scheinbar hat der andere Offizier erfahren, dass noch irgendwo Reste unserer
Division vorhanden sein müssen. Wie wir vermuten, lässt die Angst der beiden
Offiziere vor der Schnelljustiz keine längere Verweildauer zu, was wohl der
Grund des hastigen Abrückens sein mag. Weit entfernt kann der Einsatzort
nicht liegen, denn nach dem überstürzten Rückzug macht sich die Enge des
Kessels bemerkbar.

Nun ist es das Bahngleis nach Braunsberg, auf dem wir das nächste Schlacht -
feld erreichen sollen. Unmittelbar nach dem Überschreiten der Bahnau -Brücke
wird das Verlassen des Bahndamms nach rechts befohlen. Auf der dem Feind
abgewandten Seite liegen mehrere hundert Soldaten. Unsere Restgruppe biegt
rechts auf den Feldweg nach Preußisch Bahnau ab und hält vor dem mittleren
Siedlungshaus auf der linken Straßenseite. Unmittelbar danach erscheint ein
Hauptmann Haak, der uns in längst vergessenem Kasernenhofton in Empfang
nimmt. Worüber ich noch mehr überrascht bin, ist, dass mein lang bekannter
Kamerad Horst Hess ihn wie ein Leibwächter begleitet. Überdies hat man Hess
in der Zwischenzeit mit dem EK II ausgezeichnet.

43
9. Die sinnlose Opferung der letzten Kameraden
oder der endgültige Untergang der 349. VGD

Nach eingehender Musterung unserer kläglichen Restgruppe beginnt der


Hauptmann sofort mit der Zuweisung der Verteidigungsplätze. Während sich
ungefähr die Hälfte unserer Leute vor dem ersten Siedlungshaus eingraben soll,
werden alle anderen auf die südlich der Häuserreihe befindlichen Zweimann -
löcher verteilt. Ich soll auf Vorschlag von Hess als Melder eingesetzt werden,
weil ich in diesem Metier wohl die besten Erfahrungen hätte. Mich persönlich
kommt diese Einteilung sehr entgegen, da ich nicht an einem festen Platz
gebunden bin, dafür aber auf offenem Gelände mehr instinktiv der Gefahr aus -
weichen kann.

Weil der Feind noch nicht auftaucht, verläuft der Tag bis um die Mittagszeit
ohne besondere Vorkommnisse. Dann will der gestrenge Hauptmann aber
plötzlich wissen, wie es am rechten Flügel aussieht. Tatsächlich endet unsere
Stellung hinter dem letzten Siedlungshaus, ohne dass sie in Richtung Preußisch-
Bahnau fortsetzt. Bei günstigem Wetter - es ist mit einem Mal diesig geworden-
wird ein Spähtrupp zur Sondierung der Verhältnisse ausgesandt. Ohne die Lage
genau zu kennen, muss ich mich dem Spähtrupp anschließen, zu dem vom
letzten Siedlungshaus aufgebrochen wird. Querfeldein, im sicheren Abstand zur
Bahnlinie, bewegt sich der ungefähr zehn Mann starke Aufklärungstrupp sehr
vorsichtig auf ein Wäldchen zu. Wenn sich dort noch keine Russen eingenistet
haben, dann sind sie auf breiter Front noch nicht vorstoßen.

In diesem Wäldchen offenbart sich uns zunächst rätselhafte Dinge, die wir trotz
einiger Fronterfahrung nicht deuten können. Unversehens gelangen wir an den
verlassenen Fuhrpark einer größeren deutschen Einheit. Alles steht, geordnet
und unbeschädigt verlassen da, aber keine Menschenseele zeigt sich. Zwischen
den Bäumen hängen mehrere Schweinehälften, die Milchsuppe in der Feld -
küche ist noch lauwarm. Tote liegen nicht umher, was darauf schließen lässt,
dass Fahrzeuge, Gerät und größere Mengen Proviant kampflos aufgegeben
wurden. Jetzt bietet es sich an, unverzüglich unseren Verpflegungsmangel zu
beheben. Nach Rücksprache mit dem leitenden Oberfeldwebel laufe ich zur
Einheit zurück, um den kostbaren Fund zu melden.

In Anbetracht der undurchsichtigen Verhältnisse muss nun alles sehr schnell


gehen und die Anfahrt mit einem leeren Wagen verläuft problemlos. Beim Be -
laden packen alle Teilnehmer der unfreiwilligen Exkursion tüchtig zu, schnell
werden Kisten und Kartons mit Butter- und Käsedosen, Knäckebrot usw. auf
den Wagen geworfen. Das Pferd am Kopf haltend, begibt sich der Gespann -
führer auf den Rückweg, ohne dass er irgendwie ins feindliche Visier gerät.
Auch wenn die zu erwartenden Verluste nicht so hoch ausfallen sollten, müsste
es mindestens für vier Tage reichen. Wir aber wollen uns das Wäldchen noch
etwas näher ansehen.
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Neben der kompletten Ausrüstung der Versorgungseinheit befinden sich noch
mehrere gut ausgebaute Bunker oder Unterstände in der Nähe. Diese sind
wiederum teilweise mit Polstermöbeln ausgestattet, einige sogar mit Teppichen
ausgelegt. Es ist alles vorhanden wovon der Landser in seinem Loch auch nur
träumen kann. Die verschwundenen Kameraden haben hier scheinbar schon
länger wie im Himmelreich gelebt. Dann mahnt der Oberfeldwebel, den Rück -
marsch anzutreten. Mit Ausnahme eines Kameraden nehmen wir so viel wie
möglich von den zurückgebliebenen Nahrungsmitteln mit.

Am späten Abend hat der Feind die Straße nach Braunsberg überquert und ist
bis an den Bahndamm herangekommen, womit erneut der reguläre Abstand
zwischen den Kriegsführenden Parteien hergestellt ist. Doch dann geschieht bei
uns etwas, der Hauptmann lässt unvermutet alles zusammentrommeln, um einen
Angriff gegen die hinter dem Bahndamm in Stellung gegangenen Russen ein -
zuleiten. Er selbst hat sich mit einem Sturmgewehr bewaffnet und geht mit uns
bis zum Gartenrand des ersten Hauses vor. Hier bleibt er mit dem Kameraden
Hess stehen und gibt den Befehl zum Angriff. Wie nicht anders zu erwarten,
schlägt uns das Feuer der Russen auf dem ungefähr 150 Meter breiten Präsen -
tierteller mit entsprechender Heftigkeit entgegen, so dass die Attacke schon
nach wenigen Metern zum Stillstand kommt.

Während nun ein Teil der Kameraden im Zurücklaufen das rettende Ufer
erreicht, werfe ich mich zwischen die Toten und Verwundeten auf den Boden,
als ob ich dazugehören würde. Etwas später, als sich der Feuerzauber gelegt hat,
detoniert am Gartenzaun des ersten Hauses ein Sprengkörper. Da ich mit dem
Kopf noch unverändert feindwärts liege, kann ich nicht feststellen, was hinter
mir vorgegangen ist. In regungsloser Stellung verharrend, darf ich erst bei
völliger Dunkelheit wagen, mich am Boden zu drehen und auf dem Bauch
voranziehend, in eines unserer Schützenlöcher zu kriechen. Die Verwundeten
müssen liegenbleiben, ihre jämmerlichen Hilferufe zehren an den Nerven.

Was war geschehen? Dem Hauptmann hatte man aus dem Garten heraus eine
Handgranate vor die Füße geworfen, von der er sich nicht mehr erholte. Mein
alter Mitstreiter Hess wurde dabei am linken Arm ebenfalls verletzt und konnte
sich so schnell wie möglich als Verwundeter sofort entfernen. Hauptmann Haak
aber sollte auf Befehl eines Feldwebels zum Truppenverbandsplatz getragen
werden, der im Keller des mittleren Siedlungshauses notdürftig eingerichtet
war. Als sich der Hauptfeldwebel entfernt hatte, sollen die Träger Haak vor den
Lattenzaun des nächsten Gartens geworfen haben. Das will ich einfach nicht
glauben, doch dann überzeuge ich mich trotz des feindlichen Störungsfeuers
selbst davon. Er liegt tot im flachen Graben vor dem Zaun des zweiten Vor -
gartens. Die Überlebenden haben sich bereits zu ihren Kameraden in den
Löchern gesellt. Was man vorher noch als halbwegs normale Stellung
bezeichnen konnte, ist jetzt so ausgedünnt, dass davon nicht mehr die Rede sein
kann.
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Die Lage hat sich aufgrund dieses sinnlosen Angriffs sowie der feindlichen
Übermacht bedrohlich verschlechtert. Da auch die mit uns gekommenen
Offiziere vor dem Gleis liegengeblieben sind, übernimmt das vorläufige
Kommando ein Feldwebel. Der lange ereignisreiche Tag geht traurig zu Ende.
Was wird der kommende, der 23. März, bringen.

Nachts erscheint ein Leutnant ohne jede weitere Verstärkung. Am nächsten


Morgen spüren wir die fortschreitende Einengung unseres Bewegungsbereiches.
Jetzt können die Russen das Vorfeld von den Häusern und den Weg hinter den
Häusern gut einsehen und vom Gleis aus ständig unter gezieltem Beschuss
halten. Ab sofort ist tagsüber jegliche Verbindung zu den Kameraden in den
Löchern unterbrochen. Selbst in den rückwärtigen Raum zu gelangen, ist bei
Helligkeit so gut wie unmöglich. Wir sitzen in einer Falle mit äußerst geringer
Bewegungsfreiheit. Sogar das wechseln von Haus zu Haus durch die Gärten
wird wegen der feindlichen Scharfschützen gefährlich.

Der neue Leutnant hat die Lage erkannt und bezeichnet sie ganz offen als aus -
weglos. Eventuell will er sich mit den Resten in der Nacht nach Preußisch
Bahnau durchschlagen. Wie er sich das vorstellt, wird niemand erfahren. Da er
das auf eigene Faust durchzuführende Unternehmen möglichst ohne Verluste
über die Runden bringen will, erfordert der undurchsichtige Stand der Dinge
das Ausspähen der gegebenen Möglichkeiten. Infolgedessen schleichen wir mit
fünf Mann (der Leutnant, der Kompanietruppführer, zwei Unteroffiziere und
ich) bis hinter den Garten des letzten Wohnhauses. Dort befindet sich eine
große Kartoffel- oder Rübenmiete, von der aus das Vorfeld gut beobachtet
werden kann.

Der Leutnant sowie die anderen Erkunder legen sich an den rechten Rand der
Miete und beobachten mit ihren Feldstechern das Gelände. Ich aber begebe
mich an den linken Rand, weil ich glaube, hier vom Erdboden aus - zwischen
Miete und einem Tiefkeller - mögliche Bewegungen des Feindes besser ver -
folgen können. Dann, nur wenige Minuten später, schlägt das Schicksal von
neuem hart zu. Zehn Meter vor der Miete geht eine schwere Granate nieder, der
unmittelbar danach eine zweite folgt. Diese kommt inmitten der vier Beobachter
zur Detonation. Ich liege wie betäubt da und finde mich unter Möbelstücken,
die zwischen uns an der Miete lagen, wieder. Ein Granatsplitter hat meinen
rechten Oberschenkel getroffen, in der Annahme, dass noch mehrere Geschosse
folgen könnten, krieche ich schnellstens in den Keller, um mir auch das Aus -
maß meiner Verwundung anzusehen.

Der Splitter ist nur in die Muskulatur eingedrungen und kann durch Heraus -
ziehen entfernt werden. Notdürftig verbunden, muss ich nun versuchen, den
Verbandsplatz zu erreichen. Bevor ich mich zum Truppenarzt im Keller des
mittleren Hauses begebe, sehe ich mir noch das ganze Ausmaß der Zerstörung
durch den Volltreffer an.
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Alle vier sind in Stücke gerissen, die Körperteile liegen zwischen der auf -
gewühlten Erde weit verstreut umher. Etwas abseits liegt unbeschädigt das
Fernglas eines jener toten Kameraden. Zwar ist der Lederriemen durchgerissen,
was mich trotz anhaftender Reste dennoch nicht daran hindern, das Band ab -
zuwischen, zu knoten und mir das Glas selbst um den Hals zu hängen.

Der Keller des mittleren Hauses (so genannter Truppenverbandsplatz) ist bereits
mit verwundeten Kameraden überbelegt. Meine Verletzung ist den Umständen
entsprechend kaum nennenswert. Die Wunde wird desinfiziert und fachgerecht
verbunden, es muss trotz einsetzender Schmerzen weitergehen. Im Keller des
Zweiten Hauses befindet sich der so genannte Kompaniegefechtsstand, in dem
ich mich bis zum Dunkelwerden aufhalten will. Ein alter Holztisch neben
mehreren leeren Munitionskisten repräsentiert alles, was an Einrichtung vor -
handen ist. Das Telefon schweigt schon seit gestern Abend,

Nach Mitternacht und so lange es finster ist, muss ich handeln und entscheiden,
auf welche Weise der nächste Tag durchgestanden werden kann. Um nicht
unsere Häuser verteidigungsmäßig noch mehr zu entblößen, muss ich mich aber
beeilen, zu den Kameraden vor der Bahnau- Brücke zu gelangen. Hier sieht es
ebenfalls sehr traurig aus. Die Kameraden müssen zwischen Verwundeten und
Toten verteidigen. Schließlich finde ich einen Unteroffizier und einen Ober -
gefreiten, die mir wie Erlöste in den Kompaniegefechtsstand folgen. Kurz
darauf graut schon der Morgen, der 24. März beginnt zu tagen. Derweil es bei
uns verhältnismäßig ruhig bleibt, scheint die Rote Armee die nur 1,5 Kilometer
entfernte Stadt Heiligenbeil zu stürmen.

Als sich der Tag seinem Ende neigt, verstärkt der Feind seine kriegerischen
Aktivitäten. In der fahlen Abenddämmerung rollt plötzlich auf dem Gleis ein
Güterwagen vor unsere Stellung. Unmittelbar nach dem Stillstand des Waggons
setzt die Feindpropaganda ein, die wir trotz der anhaltenden Schießerei gut ver -
stehen können. So wird uns unmissverständlich erklärt, dass morgen, also am
25. März angegriffen würde. Gleichzeitig werden wir darüber belehrt, dass wir
dem sicheren Tod nur dann entgehen könnten, wenn wir uns ergeben würden.
„So oder so kaputt“ bleibt nach wie vor die einzige Alternative. Soweit der Mut
reicht, soll das eigene Fell so teuer wie möglich verkauft werden. Um Mitter -
nacht meldet sich der Feind mit einem alarmierenden Zwischenspiel.

Bestürzt kommen mehrere Kameraden in den Kompaniegefechtsstand und


melden, dass der Russe die vordere Stellung umgangen habe und bereits in das
erste Haus eingedrungen sei. Nun steht er fast vor unserer Haustür, unverzüg -
liches Handeln ist dringend geboten. Mit zusätzlich zwei Panzerfäusten
bewaffnet, schleichen wir in dem kleinen Garten bis an die Tannenhecke heran
und wollen uns, von der Richtigkeit der warnenden Meldung überzeugen.
Lange brauchen wir nicht mehr zu warten, bis Stimmen hörbar werden. Es sind
unverkennbar Russen und die Panzerfäuste müssen Wirkung zeigen.
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Nach dem Abschießen bleibt es auf dem 20 Meter entfernten Hof still, bis dann
nach wenigen Minuten ein über den Weidengarten geflohener Russe nach
einem seiner Kameraden ruft. Der aber liegt mit zwei anderen tot auf dem Hof.
Nach der Wiederbesetzung des Grundstückes erfolgt erstmal die gründliche
Durchsuchung des Hauses. Lange brauchen wir nicht zu rätseln, wie die Russen
fast unbemerkt den ersten Hof besetzten konnten. Sie kamen seitlich durch den
Weidengarten, von dort her, wo der entkommende Russe seinen Kameraden rief
- also auf derselben Route, wo nur nachts der Kontakt mit unseren am Bahn -
damm liegenden Kameraden noch möglich ist.

Etwas später werden Motorengeräusche hinter den Gleisen hörbar und wie es
scheint, sind weitere Güterwaggons vorgeschoben worden. Weil uns noch nicht
bekannt ist, dass Heiligenbeil bereits erobert wurde, glauben wir an das Vor -
dringen von Panzern über den Gleiskörper bis in die Stadt. Es sprechen auch
alle Anzeichen dafür, dass die Waggons eventuell zum Aufspüren verlegter
Minen den Anfang einer folgenden Panzerformation machen werden. An der
Bahnau und den angrenzenden weichen Wiesen würden Fahrzeuge ganz sicher
hängenbleiben, so dass der Bahnkörper mit dem Engpass Bahnau- Brücke als
einzige Möglichkeit verbleibt, um auch von hier aus den Angriff auf Heiligen -
beil vortragen zu können.

Nun erinnere ich mich an jene Pioniere, die schon vor Tagen das Zerstören der
Brücke vorbereitet haben. Vielleicht warten sie nur noch auf den Befehl, die
Sprengladung zu zünden. Nach dieser Verlautbarung schickt mich der Leutnant
dorthin, um zu erkunden, was sich da unten tut und gehe los. Tatsächlich sind
noch zwei Mann da, die sich unbeschreiblich darüber freuen, endlich ihren
Auftrag erfüllen und verschwinden zu können. In der Zwischenzeit ist es am
Bahndamm wieder ruhiger geworden. Der fast 24 Stunden zurückliegende
Kontakt mit den dort eingesetzten Kameraden zwingt mich, unverzüglich den
Bahndamm anzusteuern, um zu erkunden, inwieweit von dort aus noch ver -
teidigt werden kann. Meine Befürchtungen werden bei weitem übertroffen,
unbeschreiblich ist das Elend, es schaudert mich der Anblick im Scheine
niedergehender Leuchtkugeln.

Entlang der Böschung liegen Tote über Tote, viele Verwundete jammern und
flehen mich an, sie zu retten. Doch was kann ich alleine machen, wenn sonst
niemand humanitäre Hilfsmaßnahmen einleitet? Ebenso hat sich das Chaos der
mitgeführten Ausrüstung bemächtigt. Leere Blechdosen liegen verstreut umher,
Stahlhelme sind bis auf den Weg heruntergeflogen, viele blutige Stofffetzen
zwischen den Leichen und auch das, was die Vorstellungskraft Unbeteiligter
überfordert. Obwohl es noch in dieser Nacht möglich ist, die Verwundeten zu
bergen, hoffen die Betroffenen vergeblich auf ihren Abtransport in den rück -
wärtigen Raum. Der Leutnant ist über diese Nachricht entsetzt und spricht ganz
offen vom nahenden Ende, weil der kleinste Angriff nicht mehr abgewehrt
werden kann und die Einschließung vom Bahndamm droht.
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Im Morgengrauen des 25. März spreche ich den Leutnant darauf an, einen
letzten Versuch nicht ungenutzt zu lassen um den katastrophalen Ausgang des
Ringens abzuwenden. Ich schlage dann vor, zum Regimentsgefechtsstand zu
gehen und dort um Verstärkung zu bitten. Obwohl das Unterfangen ganz sicher
aussichtslos ist, schreibt er dennoch das dringende Ersuchen auf einen Zettel
und lässt mich gehen.

Es wäre meiner würdelos, in diesen entscheidenden Minuten anzunehmen, dass


ich in Unkenntnis der bevorstehenden Ereignisse zum Regiment geschickt
werde. Ich selbst erahne noch nicht, dass ich den längsten Tag meines Lebens
noch vor mir habe. Zunächst muss ich den Feuerbereich am Bahhgleis in
Stellung liegenden Russen überwinden. Am Boden kriechend gelange ich an
eine Panzerspur, die zunächst recht ungünstig über die gut einzusehende Berg -
kuppe führt. Dann kommt der tote Winkel, in dem mir die inzwischen auf mich
aufmerksam gewordenen MG- Schützen nichts mehr anhaben können. Hundert
Meter weiter muss ich im Bahnautal das nächste Hindernis überwunden werden.
Der Fluss, übermäßig Wasser führend, ist ohne Hilfsmittel nicht zu überqueren.
Etwas weiter zur Bahnlinie, also näher den Russen, liegt ein abgeschlagener
Baum quer über dem Wasserlauf, reicht aber nicht ganz hinüber. Trotzdem
versuche ich, das andere Ufer zu erreichen, falle aber zwischen den nachgeben -
den Ästen ins Wasser und muss ein sehr kaltes Bad nehmen.

Aber es muss unverzüglich weitergehen, den Berg hinauf zunächst bis an den
Weg Preußisch- Bahnau- Heiligenbeil. Zwar werde ich bei diesem Ortswechsel
erneut vom Bahngleis beschossen. Etwa 30 Meter muss ich mich durch den
Dreck ziehen, dann deckt mich ein flacher Schützengraben. Da die Erde noch
nicht überall Frostfrei scheint, steht in diesem Graben teilweise bis zur Ober -
kante Lehmschlamm. Bei lebhaftem Beschuss und dem Störungsfeuer mit
schweren Granaten muss ich da hindurch. Noch 50 Meter gegen den Berg über
freies Gelände und ich habe die Straße Heiligenbeil- Karben erreicht. Dann ist
es nicht mehr weit bis zum Regimentsgefechtsstand, etwa noch 200 Meter in
Richtung Heiligenbeil.

Ehe ich den Straßengraben erreiche, komme ich an eine deutsche Stellung.
Diese ist gut ausgebaut, der Graben sehe günstig angelegt. Meine Frage nach
der hier aufgestellten Einheit beantwortet ein Kamerad mit „Versorgungs -
regiment 349“, also ist es unser Versorgungsregiment, das jetzt auch an der
Reihe ist. Die gute Verpflegung, von der wir in der Siedlung träumten, liegt hier
haufenweise im Graben. Dann erkundige ich mich nach dem Leutnant Dom -
browski, der mir schon seit der Aufstellung der Division bekannt ist.

Bevor mich ein Kamerad zu ihm führt, ziehe ich meine Tarnhose aus, denn sie
ist dick mit Schlamm überzogen und sehr schwer geworden. Sie würde in jeder
Hinsicht mein Fortkommen behindern. Nach Rücksprache mit dem Leutnant
Dombrowski erfahre ich, dass der Regimentsgefechtsstand nicht mehr existiert.
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Das Gebäude in dem er untergebracht war, wurde in den Morgenstunden total
zerschossen. Beide blicken wir durch unsere Ferngläser hinüber in die Siedlung,
ob sich eventuell noch jemand meiner Kameraden zeigt. Aber weder sie noch
Russen sind zu sehen, aber bei einem Rechtsschwenk entdecken wir aber an -
nähernd 12 - 15 russische Panzer - die sich aus Preußisch Bahnau auf das Gut
Karben - also auf unseren Divisionsgefechtstand - zu bewegen. Obwohl mich
Dombrowski bittet in der Stellung zu bleiben, verlasse ich sie dennoch, um zur
Division zu gehen. Hier zu bleiben, hieße in diesem Augenblick, vom Regen in
die Traufe zu gelangt zu sein.

Gebückt im Straßengraben laufend, will ich in einem unmittelbar an der Straße


gebauten Bunker etwas verschnaufen. In diesem Bunker befindet sich nur ein
Hauptmann, der mich sofort nach der Lage fragt. Da augenblicklich die Zeit
über Leben und Tod entscheidet, hält es mich nicht länger in dem Unterstand.
Vor Erreichen des Gutshofes begegnet mir erneut das wahre Gesicht des grau -
sam geführten Krieges. In dem kurz vor dem Gutshof verlaufenden Hohlweg
hat die sowjetische Luftwaffe das Todesurteil einer bespannten Trosseinheit
vollstreckt, so dass es mir Mühe macht, zwischen den Resten lebloser, übel -
riechender Materie hindurchzukommen. Da mir nicht bekannt ist, ob jene
gesichteten Panzer schon an die Gutsgebäude herangekommen sind, prüfe ich
jedes Mal vor Verlassen der Deckung die brisante Situation. Überall liegen Tote
in Massen umher

Auf dem schnellsten Wege erreiche ich die Haustür. Beim heruntergehen der
Kellertreppe erfasst mich erneut große Angst wegen des zweifelhaften Auf -
trages, der für das Regiment bestimmt war. Ganz sicher wird man mich wieder
zur Verteidigung vorschicken. Doch es kommt ganz anders? Als man mich in
meiner verdreckten Uniform entdeckt, erscheint sofort ein Adjutant und fragt
mich, woher ich käme und wie es vorne aussehe. Nachdem er meine Beob -
achtungen vernommen hat, muss ich ihm schnellen Schrittes in den Bereich des
Kellers folgen. In einem großen Raum befinden sich drei Generale, die marsch -
fertig an einem großen Tisch sitzen. Der Adjutant meldet, dass ich soeben ein -
getroffen sei und über die Lage Bescheid wisse. Darauf fragt mich einer der
Generale nach der Entwicklung im Vorfeld.

Bei der Schilderung meiner Wahrnehmungen hebe ich besonders hervor, dass in
jedem Moment russische Panzer den Hof erreicht haben werden. Dieser Hiobs -
botschaft folgend, sehen sich die Herren nur sprachlos an, nehmen ihre Akten -
taschen, steigen durch das ebenerdige Kellerfenster und fahren in einem breit -
gestellten VW- Kübelwagen davon. Da der Adjutant bereits vorher den Raum
verlassen hat, stehe ich nun allein in der heiligen Halle, außerdem liegt auf dem
Nebentisch ein Haufen Schoka- Cola eine Kostbarkeit. Dann ca. 10 Minuten
später, erhebt sich in den Räumen und Gängen des Kellers großer Tumult. Laut
vernehmbar übertönt eine schroffe Kommandostimme das Angstgeschrei:
„Verwundete hierbleiben, alle anderen fertig machen zum Gegenstoß“.
50
Weil ich mir aber nicht vorstellen kann, wie aus dem Keller ein Gegenstoß vor -
getragen soll, ziehe ich die Flucht vor. Geradewegs durch dasselbe Fenster ver -
lasse ich wie die Generale das Haus. Nur wird es mir nicht vergönnt sein, so
bequem das rettende Ufer zu erreichen. Unauffällig taste ich mich zwischen
allerlei Gerümpel aus dem Gutsgarten bis auf den direkt zum Haff führenden
Weg vor. Auf der östlich des Weges gelegenen großen Wiese stehen, soweit das
Auge reicht, Tausende und aber Tausende verlassener Flüchtlingswagen. Hier
kam das unfreiwillige Ende für manchen Treck, hier also musste so mancher
endgültig seine Hoffnung begraben, die oft unter Gefahren durchgebrachte
letzte Habe noch retten zu können.

Wie alles in den schrecklichen Tagen einer schauderhaften Veränderung unter -


liegt, so machte auch die grässliche Entwicklung nicht vor dem aufgegebenen
Restgut Halt. Davon zeugen geplünderte Wagen, heruntergerissenen Gegen -
ständen liegen verstreut umher, der Inhalt aufgerissener Federbetten wirbelt
davon, dazwischen verendete stinkende Tiere. Da seit den Morgenstunden das
Gebiet unter feindlichem Artilleriebeschuss liegt, ist bereits ein großer Teil der
Wagen in Brand geraten. Der Gestank verbrannter Federbetten, Filz und andere
in Fäulnis übergegangener Gegenstände machen das Atmen schwer und schnürt
mir fast die Kehle zu.

Etwas später erreiche ich den flachen Uferrand des Frischen Haffs. Wie schon
Tage und Stunden zuvor, führt mein Weg an Toten vorbei, die auch hier un -
gezählt umherliegen. Daneben laufen andere Kameraden scheinbar ziellos hin
und her, sie sind auf der Suche nach geeigneten Gegenständen, um über das
Wasser entkommen zu können. Noch mit eingehender Beobachtung der Um -
gebung in Anspruch genommen, tritt mir ein Hauptmann von der Artillerie ent -
gegen und weist mich in das nächstliegende Schützenloch zur Verteidigung ein.
Meine Bitte um eine Zigarette kommt er freundlich nach. Nun befinde ich mich
zum x- ten Mal verteidigungsbereit in einem Loch, weiß aber nicht, was es hier
noch zu verteidigen gibt. Zwanzig Meter hinter mir, beginnt das große Wasser,
rechts neben mir stehen zwei 10,5 cm Geschütze verlassen da. Nein, das Wasser
will ich nicht verteidigen, es ist mir für die Erhaltung meines Lebens im Wege.
Da möchte ich es schon lieber bezwingen.

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10. Die Rettung über das Frische Haff
und der Weg in die Gefangenschaft

Kurz vor Mittag wird es sehr lebendig. Aus Richtung Karben kommen viele
Soldaten angelaufen, die sich von den Flüchtlingswagen mit Brettern, Leitern
und anderem schwimmfähigen Material versorgt haben. Weiter östlich hinter
dem kleinen Anlegesteg setzt sich etwas in Bewegung, was nach heilloser
Flucht aussieht. Viele Einzelfahrer, aber auch größere Flöße bewegen sich
dichtgedrängt wie in einem Strom auf die Nehrung zu. Der Anlegesteg bietet
ebenfalls ein erschütterndes Bild. Etwas will ich noch warten, dann muss mir
der alles entscheidende Einfall aus der Bedrängnis helfen. Während ich mich
noch angestrengt konzentriere, verlassen unverhofft drei Artilleristen links
neben mir die Stellung. Im Laufschritt verschwinden sie im Schilfgürtel vor
dem Ufer. Das ist auch das Signal für mich, vielleicht bietet sich mir die
winzige Chance, mit den Kameraden das Wasser zu überwinden.

Bereits bis zum Bauch im Wasser vorgegangen, sehe ich, wie sie ein großes
präpariertes Scheunentor aus dem Schilf herausziehen wollen. Auf meine Bitte
mich mitzunehmen, entgegnet einer der Artilleristen, dass ich aber mithelfen
müsse. Zwischen den auf der Unterseite angebrachten leeren Benzinkanister
und den Brettern des Scheunentors haben sich einige Pflanzen verfangen, wo -
durch sich das Tor nicht mehr herausschieben lässt. Mit jeder kraftvollen An -
strengung versinken wir alle tiefer in den weichen Schlick, bis nur noch die
Köpfe herausragen. Fast wollen wir uns geschlagen geben, bis einem Kamerad
einfällt, das Tor rückwärts zu schieben und dabei zu drehen.

Mit diesem Trick gelingt es schließlich, ins freie Wasser zu gelangen und alle
vier Mann besteigen nun zufrieden das Rettungsgefährt. Obwohl wir es aus -
balancieren, schwappen dennoch die kleinen Wellen darüber. Einer der Mit -
fahrer möchte noch unbedingt am Landungssteg anlegen. Doch als dies die
umherlaufenden Kameraden sehen, kommen sie in Scharen angelaufen, so dass
wir endgültig abstoßen müssen. Nun erst werfe ich mein lieb gewordenes
Sturmgewehr in die Fluten, denn ich muss mich wegen Überbelastung des
Gefährts ein für allemal von ihm trennen.

Es ist kurz vor Mitternacht - kaum zu glauben, dass erst sechs Stunden seit
meinem Aufbruch aus der vorderen Stellung vergangen sein sollen. Trotz
einiger Entfernung vom Ufer sind wir dem Inferno noch nicht entkommen. Im
gegenseitigem Einverständnis haben wir wegen des zu befürchtenden Direkt -
beschusses beschlossen, uns von der dichtgedrängten Masse der Flüchtenden
abzusetzen. Das gelingt sehr gut, nach einer halben Stunde haben wir es aber
geschafft und uns mit zwei anderen unbekannten Rettungsflößen etwa 500
Meter vom Fluchweg entfernt. Der Rückblick auf das verlassene Ufer wird
ständig grauenerregender. Neben dem sich verstärkenden Artilleriebeschuss
greifen Schlachtflieger der Sowjets in die Fluchtbewegung ein.
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Angesichts der starken Rauchentwicklung von den brennenden Flüchtlings -
wagen blitzen die Einschläge der Bomben und Granaten vor dem dunklen
Hintergrund unablässig auf. Wir sind uns nach diesem Anblick der verlassenen
Stätte einig, dass wir noch einmal der Hölle entkommen sind.

Etwas später erreicht uns erneut die Hand des Feindes, weil sich inzwischen das
Granatfeuer den auf dem Wasser entkommenen bedrohlich nähert. Wie von uns
richtig vermutet, konzentriert sich der heftige Beschuss auf der dichtgedrängt
rudernden Schicksalsgefährtin. So manche von ihnen, die sich schon in Sicher -
heit glaubten werden das rettende Ufer nicht mehr erreichen. Wenn auch dieser
scheinbar ewig lange dauernde Tag noch nicht enden will, so meint er es doch
wettermäßig gut mit uns. Strahlender, wärme spendender Sonnenschein sorgt
für die Erhaltung der Körperwärme, demgegenüber profitieren die Sowjets von
der guten Sicht.

Nach Sonnenuntergang wird es über dem Wasser etwas diesig. Nun können die
Russen nichts mehr sehen, aber auch wir verlieren schnell die Orientierung und
können nicht mehr annähernd unseren Standort bestimmen. Desgleichen ist der
Sichtkontakt zu den anderen Kameraden unterbrochen. Nachdem es dunkel
geworden ist, hat aber auch die Rote Armee ihre Kriegsmaschinerie erheblich
gedrosselt. Die kurze Zeit annehmbarer Stille und die Abgeschiedenheit in -
mitten auf dem Wasser lässt wiederum neues Unheil erahnen. Es kommt uns
vor, als ob wir in Richtung Danzig zum Russen abdriften würden. Da wir nun
jegliche Orientierung verloren haben, hat es keinen Sinn mehr, das sehr kraft -
anstrengende Rudern fortzusetzen. So verlaufen mehrere Stunden zwischen
Ausweglosigkeit und der nach und nach entschwindenden Zuversicht auf eine
glückliche Rettung.

Doch dann fällt in unsere Resignation ein winziger Hoffnungsschimmer. Aus


der Ferne werden Motorengeräusche und Stimmen hörbar, die sich anscheinend
unserer hilflosen Rettungsinsel nähern. Durch Sprachrohre laut gerufene Worte
und die um Hilfe schreienden Kameraden werden zunehmend deutlicher. Auch
wir machen uns lautstark bemerkbar, bis ein Schiff mit hoher Bordwand vor uns
hält und eine Strickleiter herunterlassen, auf der wir das Schiff besteigen
können. In einem großen, überheizten Raum finden mehr als hundert Menschen
Platz. Noch nicht voll belegt, setzt das Schiff seine Rettungsaktion fort. Sehr
erschöpft und von der Wärme benommen überkommt uns der schon seit Tagen
fehlende Schlaf. Etwa zwei Stunden später endet leider die schöne Fahrt, weil
alle Räume und das Deck des Schiffes mit vielen Geretteten überbelegt sind. In
Narmeln setzt man uns dann an Land, die Verwundeten werden gesondert
abtransportiert. Die Kameraden und ich stehen plötzlich da, ohne dass uns
jemand hierher oder dorthin kommandiert. Wie in einer anderen Welt müssen
wir uns jetzt um eine Unterkunft bemühen, denn die noch feuchtnasse Kleidung,
lässt den kalten Hauch einer frischen Märznacht ungehindert bis auf die Haut
durchdringt.
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Nach langem umherirren finden wir endlich einen so genannten Bunker (Unter -
stand), der sich geradezu als ideale Stätte der Entspannung anbietet. Nichts wie
hinein in die unbezogenen Inlett- Federbetten. Einfach herrlich ist es, darin
müde einzuschlafen und die nächsten Stunden sind für fehlenden Schlaf und
Wärme unentbehrlich. Nach ein paar Tagen geht es wieder weiter.

Am 26. und 27. März dringt weiterhin Gefechtslärm vom anderen Haffufer
herüber. Uns aber zwingt der Hunger zu erneutem Handeln. Dabei sind wir
nicht die einzigen Kohldampfschieber auf der Suche nach etwas Essbarem.
Aber auf der Frischen Nehrung gibt es diesbezüglich nichts zu organisieren, so
dass nur mit Betteln etwas erreicht werden könnte. Damit machen wir aber, in
Unkenntnis der hier herrschenden Auffassung von Kameradschaft, weitere
Erfahrungen in Sachen Hilfeleistung bei den so genannten Etappenhengsten.
Noch bevor wir um etwas um Brot bitten, tritt ein Oberfeldwebel in einer
blitzsauberen Uniform hervor, der uns sofort in barschem Kommandoton zum
Bau von Sichtblenden dirigiert. Innerlich empört, auf diese Art und Weise
Lehrgeld zahlen zu müssen, wollen wir dem Herrn Oberfeldwebel beweisen,
dass es sich nicht lohnt, ausgebildetes Personal eigennützig kostenlos arbeiten
zu lassen.

Vor Einbruch der Dunkelheit schleichen wir fünf Blendenbauer zu jenem


Bunker und beobachten zwei Stunden, wie bei einem Spähtrupp vor dem Feind,
das Geschehen in und um den Unterschlupf. Dann macht es keine Mühe mehr
und dauert kaum zehn Sekunden, bis das Sicherstellen der für uns lebensnot -
wendigen Dinge vonstatten geht. Was werden die feinen Kameraden wohl
sagen, wenn sie unerwartet feststellen, dass der links vor dem Bunkereingang
kochende Suppentopf und die an einem abgebrochenen Ast hängende Pistole 08
sich in Luft aufgelöst haben?

Außer optischer und akustischer Reichweite wird die Beute dann gemeinsam
verzehrt. Ich bin glücklich, wieder in den Besitz einer Waffe gelangt zu sein.
Um keine Spur zu hinterlassen, müssen Topf, Koppel und Pistolentasche ver -
scharrt werden. Da inzwischen unsere Kleidung trocken ist, wählen wir für die
kommende Nacht ein anderes Domizil. Diesmal ist es ein tiefes Sandloch, in
den man Splittersicher, weich und gut schlafen kann. Einziger Nachteil: am
nächsten Morgen hat man steife Knochen. Schon in der Früh des folgenden
Tages wird angekündigt, dass sich alle Angehörigen der 349. Volksgrenadier-
Division in Kahlberg einzufinden hätten. Der unbeschwerte Marsch ist sehr
angenehm, wobei uns unterwegs eine fremde Einheit verpflegt. Es gibt Reis -
suppe mit Pferdefleisch. Am folgenden Tag heißt es, nach Pillau aufzubrechen.
Zwischenstation soll in Neukrug oder Narmeln gemacht werden. Erst hier
kommt es endlich zu der lang erwarteten Bestandsaufnahme nach dem Debakel.
Ganze 27 Männer zählt jetzt der Haufen einer ehemaligen schlagkräftigen
Division, wie sie einst noch zwischen Schlossberg und Ebenrode genannt
werden konnte.
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Wenn man die herausgekommen Verwundeten und eventuell noch umher -
irrende Versprengte hinzurechnet, dürften es noch ein paar mehr sein. Die uns
führenden Feldwebel erlauben, dass wir uns, von der kleinen Marschkolonne
entfernen, jedoch müssen wir zu einem gewissen Zeitpunkt Groß Heydekrug im
Samland erreicht haben. Die Welt scheint wieder in Ordnung zu sein, wir beide
marschieren lieber getrennt und erleben bis Pillau- Neutief zwei wunderschöne
Tage.

Dort steht auf der rechten Seite ein Verpflegungswagen unserer Division. Da
wir lange nicht das taktische Zeichen, den eine Handgranate werfenden Soldat,
gesehen haben, freuen wir uns, noch ein wenig Erinnerung wahrnehmen zu
können. Noch am selben Tage erreichen wir mit der Fähre die Stadt Pillau. In
der Stadt sieht man noch viele Flüchtlinge. Sie werden von provisorisch auf -
gestellten Groß- oder Feldküchen verpflegt. Wir stellen uns auch zwischen den
wartenden Zivilisten an und tatsächlich füllt der Ausgebende unsere Koch -
geschirre bis oben voll Suppe. Es gibt Reis mit Pferdefleisch, wie üblich.

Um die marschierenden Kameraden einholen zu können, haben wir aber


glücklicherweise einen Lkw entdeckt, der über Groß Heydekrug fährt und uns
mitnehmen will. Daselbst finden wir bei einem Bauern gute Unterkunft mit
Vollpension. Am nächsten Tag kommt uns zu Ohren, dass sich nunmehr die
Sammelstelle unserer Division im Marinearsenal von Peyse befinden soll.
Wieder geht es weiter, diesmal zur Abwechslung frontwärts mit Zimmerbude.
Hier, wie in Groß- Heydekrug, werden wir von der Zivilbevölkerung sehr gut
aufgenommen und versorgt. Um nicht in letzter Minute von einem der auch hier
auftauchenden „Heldenklau“ geschnappt zu werden, lassen wir uns den Marsch
nach Peyse von der Ortskommandantur unsere Zimmerbude bestätigen.

Es ist am nächsten Tag nicht schwierig, die anderen Kameraden in einem


Waldstück des Marinearsenals zu finden. Ein paar mehr als beim Abmarsch
treffen wir schon an, dennoch bleibt das Häuflein zu klein, um eventuell noch
eine brauchbare Kampfgruppe bilden zu können. Und zu meiner großen Über -
raschung treffe ich den Kameraden Jankowski von meiner ehemaligen Kom -
panie beim II./Jäger- Regiment 911, der nun gehelt aus einem Lazarett hierher
beordert wurde. Rein zufällig erfahren wir vom Vorhandensein mehrerer, für
das II. Bataillon bestimmte Postsäcke. Jankowski und ich wollen drei an unsere
Feldpost- Nummer 21571 C gerichtete Säcke durchsuchen. Er kann sich über
einen Feldpostbrief freuen, für mich sind drei Briefe dabei. Der letzte Gruß
kommt aus Essel, Kreis Stade und gibt mir die beruhigende Gewissheit, dass
meine Angehörigen in den Westen durchgekommen sind.

Dieser Tag - es könnte der 3. oder 4. April 1945 sein - endet mit einem
unvergleichlich schönen Abend, zwischen den Bäumen in angenehmer
Temperatur sitzend, dringen leises Rascheln von den hohen Tannen in meine
Ohren, ein Geräusch das ich lange nicht wahrgenommen habe.
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Die Front scheint hier noch weitab zu sein. Wenn man nicht genau auf die aus
der Ferne grollende Kriegsmaschinerie achtet, könnte man denken der Frieden
sei ausgebrochen. Die kommende Nacht müssen wir allerdings im Freien
verbringen.

Am nächsten Morgen bewegt sich unsere Kolonne über Groß Heydekrug in


Richtung Königsberg. In einem unmittelbar am Ufer des Haffs gelegenen
Wochenendgebiet sollen wir zunächst noch eine Tag verweilen und dann zur
Verteidigung in die Stadt vorrücken. Schon sehr früh, als der durch Zugänge
zusammengewürfelte Haufen bereits zum Abmarsch angetreten ist, beginnen
die Sowjets nach einem vorangegangenen Trommelfeuer den Angriff auf die
Stadt. Aufgrund der soeben eingeleiteten Kampfhandlungen scheint nun
jeglicher Zugang nach Königsberg unterbrochen zu sein, wodurch uns zum
Glück der Gang in die nächste Hölle erspart bleibt.

Drei Tage tobt das Inferno über Königsberg und uns scheint man vergessen zu
haben. Nun ist niemand mehr scharf auf den Heldentod, jetzt heißt es in der
Soldatensprache: „Nur nicht in den letzten Tagen noch einen kalten Arsch zu
bekommen!“ Im Übrigen sind wir nach dem Debakel von Heiligenbeil am Ende
unserer psychischen und physischen Kräfte. Es wird ohnehin nicht mehr lange
dauern, dann kommt auch an uns die Reihe. Überraschend erscheint am späten
Abend des 11. April 1945 ein unbekannter Leutnant und gibt den Befehl, mit
ihm 30 Mann zu folgen. Mein Kamerad vom Scheunentor ist in diesem Augen -
blick nicht anwesend, er bleibt deshalb zurück. Da wir nach diesem sinnlosen
Unternehmen nicht mehr an den Ort zurückkehren werden, ist es ein Abschied
für immer.

In dieser Nacht sollen wir unter starkem Beschuss Gewehrmunition aus der
schon in allen Farben brennenden Munitionsfabrik Moditten holen. Diese
Aktion verläuft aber nicht nach den Vorstellungen des Leutnants. Mehrere Tote
und Verwundete sind zu beklagen. Auf irgendeinem Bauerhof alleingelassen
werden wir angeblich vom II. Bataillon eines Regiments der 21. Infanterie-
Division vereinnahmt.

Bei dem am 13. April 1945 mit einem Trommelfeuer eröffneten Großangriff
gerate ich an er Stadtgrenze von Königsberg (zwischen Metgethen und Bär -
walde) in Gefangenschaft. Diese musste ich dann teilweise unter den härtesten
Bedingungen 4 ½ Jahre in Sibirien (in den nördlichsten deutschen Kriegs -
gefangenenlagern Jurga und Anschero Sudschensk) durchhalten. Über das
Leben in jenen Verbannungslagern habe ich bereits in meinem Buch „Zwischen
Taiga und Transsibirienbahn“ ausführlich berichtet.

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Diesen Bericht möchte ich einzig und allein meinen gefallenen
Kameraden widmen. Schon um der Gerechtigkeit willen dürfen sie
aber nicht in die Vergessenheit gedrängt werden. Man darf sie nicht
totschweigen, sonst würde sich an dem einstigen Gedankengut nichts
ändern, dass es zweierlei Begründungen für das Leid und die Opfer
des letzten Krieges und der Gewaltherrschaft gibt.

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Aus dem Gefechtskalender der 349. Volksgrenadier- Division:

„Die Division wurde im Kessel von Heiligenbeil zerschlagen; die Reste kamen
zur 21. Infanterie- Division. Stab und Rahmen (250 Mann) wurden im April
ins Reich verlegt und sollten mit Befehl vom 16.4.1945 in Jüterbog zur Auf -
stellung einer 349. Infanterie- Division durch die 12. Armee dienen, zu deren
Aufstellung es jedoch nicht mehr kam.“

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