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Klaus-Uwe Adam

Therapeutisches Arbeiten mit Träumen

Theorie und Praxis der Traumarbeit

2., überarbeitete und erweiterte Auflage


Klaus-Uwe Adam

Therapeutisches
Arbeiten
mit Träumen
Theorie und Praxis der Traumarbeit

2., überarbeitete und erweiterte Auflage

Mit 48 Abbildungen

123
Dr. med. Klaus-Uwe Adam
Uhlandstraße 29
71299 Wimsheim
E-Mail: k-u.a@t-online.de

ISBN-10 3-540-28827-9 Springer Medizin Verlag Heidelberg


ISBN-13 978-3-540-28827-5 Springer Medizin Verlag Heidelberg

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Lektorat: Achim Blasig, Heidelberg
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Gedruckt auf säurefreiem Papier 2126 – 5 4 3 2 1 0
Meinen Kindern
Rebecca und Raphael
VII

Vorwort zur 2. Auflage


Zwei neue Kapitel wurden in dieser überarbeiteten und erweiterten Auflage notwendig, nämlich
über die Neurobiologie der Träume und das luzide Träumen. Diese beiden Kapitel spiegeln die
Tatsache, dass sich unser Wissen nach zwei Seiten in rapider Geschwindigkeit ausbreitet:
4 zum materiellen Pol in Form der Neurowissenschaften und
4 zum geistigen Pol im Sinne der Erfahrungswissenschaft des Bewusstseins.

Darüber hinaus kommt es durch die Vertiefung dieser beiden Gebiete mehr und mehr zum
Brückenschlag zwischen den Wissenschaften.
So hat einerseits die enorme Wissenszunahme in der Hirnforschung in Bezug auf das
Träumen in der vorliegenden Auflage ein völlig neues Kapitel notwendig gemacht. Andererseits
nimmt das Interesse der Wissenschaft am luziden Träumen in einem Maße zu, dass dieses Thema
nicht mehr aus einem Lehrbuch über Träume herausgehalten werden kann. Das luzide Träumen
ist Gegenstand ernster Forschung und kein »esoterisches« Sondergebiet. Ich habe in diesem
zweiten hinzugekommenen Kapitel Ergebnisse aus meiner Erfahrung und psychotherapeu-
tischen Arbeit beigetragen. Für die Therapie und Patientenbehandlung sind insbesondere die
präluziden Zustände bedeutsam, die bei jedem Menschen auftreten und die für die Heilwirkung
der Traumarbeit nutzbar gemacht werden können.
Für die gute Kooperation und die sorgfältige Umsetzung der vorgenommenen Änderungen
möchte ich der Leiterin der Programmplanung, Frau Renate Scheddin, und der verantwortlichen
Projektmanagerin, Frau Renate Schulz, sowie dem Lektor, Herrn Achim Blasig, ganz besonders
danken.

Wimsheim, im November 2005 Klaus-Uwe Adam


IX

Vorwort zur 1. Auflage


Dass für uns Träume eine große Bedeutung haben, spiegelt sich schon in der Sprache, in der
verschiedene Wortzusammensetzungen mit »Traum« vorkommen. Wir sprechen z. B. von einem
»traumhaften« Urlaub oder auf der anderen Seite von Geschehnissen, die »wie ein Alptraum«
auf uns lasten.
In der Psychotherapie ist der Traum für mich eine wichtige, wenn nicht entscheidende
Größe, die wesentliche Informationen liefert und so etwas wie eine letztgültige Instanz darstellt.
Das wird erst im Verlaufe der Lektüre des Buches zunehmend verständlich werden. Ich kann
aber vorab eine Erfahrung schildern, die ich beim Arbeiten mit Träumen immer wieder ge-
macht habe:
Wenn das Gespräch von anderen Themen zum Traum überwechselt und wenn in der, auf
den hier vorliegenden Seiten beschriebenen Weise mit dem Traum umgegangen wird, verändert
sich oft schlagartig die Atmosphäre. Ich habe dann mitunter den Eindruck, als würden wir
– der Träumer und ich – in einen sakralen Raum wie z. B. in eine Kapelle, eine Kirche oder einen
Tempel eintreten. So ruhig, vertieft und wesentlich ist plötzlich das Gefühl. Oder – um ein an-
deres Bild zu gebrauchen – es ist, als würden wir von staubigen Großstadtstraßen unvermittelt
in unberührte, taufrische Natur gelangen.
Selbst Patienten, deren schneller Redefluss und deren sich ständig wiederholende Klagen
sonst kaum zu stoppen sind, halten auf einmal inne und werden mit einem Aufatmen nachdenk-
lich. Denn wenn mit dem Traum symbolisch gearbeitet und die Traumelemente als Aspekte
des Träumers selbst aufgefasst werden, kommt es zu einer sofortigen Besinnung beim Träumer
und zu einer spürbaren Vertiefung und Verwesentlichung des Therapiegespräches. Alles Zer-
reden oder Sich-etwas-Vormachen hat auf einmal ein Ende, und der Träumer begegnet der
eigenen Wahrheit.
Mich hat das Phänomen Traum – bei mir selbst und seit über 18 Jahren bei Patienten – stets
fasziniert. Wer sich mit Träumen beschäftigt, wird sich auf einer Entdeckungsreise erleben, die
wohl niemals abgeschlossen ist und auf der ihm tagtäglich Überraschendes und Erstaunliches,
manchmal schier Unglaubliches entgegentritt. Für diese »Wunder über Wunder«, die ich beim
Arbeiten mit Träumen Woche für Woche antreffe, bin ich meinen Patienten dankbar. Sie haben
das Ausgangsmaterial und die Erfahrungsgrundlage für dieses Buch geliefert.
Das Interesse am Traum hat seit Beginn des 20. Jahrhunderts kontinuierlich zugenommen.
Unser Verständnis vom Traum hat sich trotz zahlreicher vorübergehender Irrtümer mehr und
mehr vertieft, und die psychotherapeutische Praxis und Empirie haben den Traum als einen
Heilfaktor par excellence ausgewiesen. Dieses Medium Traum, das Heilungsvorgänge und
Wandlungsprozesse der Persönlichkeit initiiert, sollte für die Therapie nicht ungenutzt bleiben.
Dazu müssen wir aber einen Zugang zum Traum finden und seine Symbolsprache, den Schlüssel
zum Traum erlernen. Dann sind uns die Träume ein Ariadnefaden im Behandlungsprozess, der
uns sicher und folgerichtig durch das Labyrinth der Psyche hindurchleitet.
Dieses Lehrbuch zum Arbeiten mit Träumen richtet sich zwar in erster Linie an Therapeuten
– an Therapeuten aller Schulrichtungen – und bietet ihnen ein professionelles »Handwerkszeug«
an, doch ist auch jeder Interessierte angesprochen, der im Traum das Erkenntnis-, Entwicklungs-
und Heilungspotential ahnt. Wer seine eigenen Träume besser verstehen möchte, wird durch die
Lektüre besser dafür gerüstet sein.
Die Bedeutung der Träume wird heute zunehmend erkannt. Dennoch sind wir noch weit
davon entfernt, den Traum so ernst zu nehmen wie Geschehnisse im wirklichen Leben. Ist aber
X Vorwort zur 1. Auflage

nicht der Traum eigentlich »wirklicher« als die Wirklichkeit? Er spiegelt doch die entscheidende
Realität der Psyche, die oft genug die Wahrnehmung der Außenwirklichkeit prägt und sie durch
unsere innere Einstellung mitbestimmt!
Noch ist der Stellenwert des Traumes für unser Leben begrenzt. Es ist für uns z. B. kaum
vorstellbar, dass bei der Wahl des Bundeskanzlers und der Frage seiner Eignung seine Träume
mitberücksichtigt werden. Etwas, was die so genannten »Primitiven«, u. a. die amerikanischen
Indianer, ganz selbstverständlich gemacht haben. Hier erhielten nicht nur der Häuptling, son-
dern auch andere Stammesmitglieder ihre Berufung und ihre Lebenszielsetzung durch einen
Traum (Schwarzer Hirsch 1955). Und bei den australischen Aborigenes gilt die »Traum-Zeit« als
eigentliche Basis und Ursprungsort unserer Welt.
Wir stehen heute vor der Aufgabe, auf der Basis unseres hoch entwickelten Bewusstseins den
Traum als wichtige Entscheidungsgrundlage und als Quelle der Selbsterkenntnis stärker in unser
Leben mit hineinzunehmen und zu nutzen. Mit dem vorliegenden Buch soll ein Beitrag dazu
geleistet werden, eine Brücke in das Reich der Träume zu bauen und die »Fremdsprache« der
Träume verstehbarer zu machen.

Danksagung
An dieser Stelle möchte ich all denen Dank sagen, die am Gelingen dieses Projektes Anteil hatten.
Meine Patienten, die die Traumschätze bereitgestellt haben und von denen ich bis heute dazuler-
ne, habe ich schon erwähnt. Mein Dank gilt allen Analysanden, die ihre Bereitschaft
signalisiert haben, das Material veröffentlichen zu lassen.
Des Weiteren möchte ich die Traumforschungsgruppe aus den Jahren 1992 und 1993 um
Frau Dr. Ursula Eschenbach anführen, von deren Diskussionen ich profitiert habe. Von meiner
von mir sehr verehrten Lehrerin Frau Dr. Eschenbach habe ich sehr viel gelernt, und auf dieser
Basis konnte ich weiterbauen.
Für die Durchsicht des Manuskriptes danke ich den befreundeten Kolleginnen und Kollegen
Regina Weber, Anja Kownatzki, Hartmud Brinkhaus und Dieter Schnocks. Besonders der fach-
liche Rat von Hartmud Brinkhaus und Dieter Schnocks war mir sehr wertvoll. Vor allem der
Letztgenannte hat keine Mühe gescheut und mit seinen Verbesserungsvorschlägen einen wich-
tigen Beitrag geleistet.
Vom Verlag fühlte ich mich außerordentlich gut betreut und kompetent beraten. Ich danke
hier der ehemaligen Ressortchefin, Frau Dr. Heike Berger, und der heutigen, Frau Renate Sched-
din, und ganz besonders meiner Lektorin, Frau Sabine Köster, die persönlich engagiert und
ideenreich an der Endfassung mitwirkte. Diese fruchtbare und ergänzende Kooperation machte
viel Freude. Schließlich soll hier Frau Angelika Kramer genannt werden, die geduldig die Gra-
phiken erstellte.
Last, not least bin ich der Wilhelm-Bitter-Stiftung und insbesondere ihrer Vorsitzenden, Frau
Susanne Huber, zu großem Dank verpflichtet, die das Vorhaben materiell und geistig unterstützt
und gefördert hat.

Wimsheim, im Herbst 1999 Klaus-Uwe Adam


XI

Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 6.2 Wie äußern sich Komplexe? . . . . . . . . . 38
1.1 Die Träume – der Ariadnefaden im inneren 6.3 Einteilung pathogener Komplexe . . . . . 40
Prozess . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2 6.3.1 Biographische Komplexe . . . . . . . . . . . 41
1.2 Das Modell C. G. Jungs . . . . . . . . . . . . 3 6.3.2 Urkomplexe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42
1.3 »Gebrauchsanleitung« – Hinweise 6.3.3 Archetypische Komplexe . . . . . . . . . . . 43
zum Lesen dieses Buches . . . . . . . . . . 4
7 Anima und Animus – die androgyne
Natur der Psyche . . . . . . . . . . . . . . . 45
7.1 Der gegengeschlechtliche Archetyp . . . 46
I Allgemeine theoretische 7.2 Die Aufgaben von Animus und Anima . . 47
Grundlagen
Intrapsychische Dynamik der Psyche
Struktur der Psyche
8 Die Psyche als Energiesystem –
2 Ich und Selbst . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 Die Libidotheorie . . . . . . . . . . . . . . 49
2.1 Das Ich – Ich bin, ich kann, ich will . . . . . 10 8.1 Ausdrucksformen der Libido . . . . . . . . 50
2.2 Das Selbst – Werde, der du bist . . . . . . . 10 8.1.1 Bewusstseinsfunktionen . . . . . . . . . . . 51
2.3 Die Ich-Selbst-Achse – Der »heiße Draht« 8.1.2 Willensleistungen . . . . . . . . . . . . . . . 51
zum Selbst . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 8.1.3 Unbewusste Libidoleistungen . . . . . . . 51
8.2 Regression und Progression – Das Zurück-
3 Die Orientierungsfunktionen des Ich – und Vorwärtsfluten der Libido . . . . . . . 52
Der innere Kompass . . . . . . . . . . . . 13 8.3 Autoregulation . . . . . . . . . . . . . . . . . 56
3.1 Das Funktionssystem . . . . . . . . . . . . . 14 8.3.1 Die Autoregulation von Systemen . . . . . 56
3.1.1 Das Denken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 8.3.2 Die Autoregulation der Psyche . . . . . . . 56
3.1.2 Das Fühlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 8.4 Der Individuationsprozess – Etappen auf
3.1.3 Das Empfinden . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 dem Entwicklungsweg . . . . . . . . . . . . 58
3.1.4 Das Intuieren . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 8.4.1 Ich-Werdung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
3.1.5 Die Ich-Funktionen – Der innere Kompass 16 8.4.2 Selbst-Werdung . . . . . . . . . . . . . . . . 59
3.2 Extraversion und Introversion . . . . . . . . 17 8.4.3 Autoregulation und Individuation . . . . . 61
3.3 Die Funktionskonstellationen . . . . . . . . 19 8.4.4 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . 62

4 Persona und Schatten . . . . . . . . . . . 23


4.1 Die Persona – Unsere Rollenspiele . . . . . 24 Interpersonelle Dynamik
4.2 Der Schatten – Das, was im Dunkeln liegt 25
9 Übertragung und Gegenübertragung –
5 Schicht für Schicht ins Unbewusste . . 29 Die psychische »Ehe« zwischen
5.1 Das persönliche Unbewusste . . . . . . . . 31 Therapeut und Patient . . . . . . . . . . . 65
5.2 Das kollektive Unbewusste 9.1 Die therapeutische Dyade und der
und die Archetypen . . . . . . . . . . . . . . 32 Behandlungsprozess . . . . . . . . . . . . . 67
9.2 Der erweiterte Übertragungsbegriff . . . 69
6 Die Komplexe des Unbewussten – 9.3 Projektion – Aus sicherer Entfernung
Sperrzonen in der Psyche . . . . . . . . . 35 das Unbewusste betrachten . . . . . . . . . 71
6.1 Allgemeines zum Komplex . . . . . . . . . 36 9.4 Die Gegenübertragung . . . . . . . . . . . . 72
XII Inhaltsverzeichnis

II Der Traum und seine III Methodik und Praxis


Bedeutung für die der Traumarbeit
Therapie
14 Einleitung zum Anwendungsteil . . . . 115
10 Zur Neurobiologie des Träumens . . . 79 14.1 Das Material – Zur Auswahl
10.1 REM-Schlaf und Non-REM-Schlaf . . . . . . 80 der Traumbeispiele . . . . . . . . . . . . . . 116
10.2 Die Generierung der Träume im Gehirn 81 14.2 Gute Arbeitsbedingungen –
10.3 Zur biologischen Funktion des Traumes – Die Einstellung von Patient und Therapeut
der Mensch als träumendes Säugetier . . 82 zum Traum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116
14.2.1 Die Einstellung des Patienten . . . . . . . . 116
11 Psychologische Aufgaben und Struktur 14.2.2 Die Einstellung des Therapeuten . . . . . . 118
des Traumes . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87 14.2.3 Träume als roter Faden im
11.1 Die psychologische Funktion des Traumes 88 Behandlungsprozess . . . . . . . . . . . . . 119
11.1.1 Der Traum als Mischprodukt 14.2.4 Die Bedeutung des Traums finden,
(Interferenzprodukt). . . . . . . . . . . . . . 88 ohne ihn zu deuten . . . . . . . . . . . . . . 119
11.1.2 Der Traum als Regulator . . . . . . . . . . . 89 14.3 Die Arbeitsebenen – Der Weg
11.1.3 Der Traum als Abbildung der intra- der Traumarbeit. . . . . . . . . . . . . . . . . 119
psychischen Dynamik . . . . . . . . . . . . 90 14.4 Lohn der Mühen – Der Heilungsprozess 121
11.1.4 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . 90
11.2 Die Dramaturgie des Traumes . . . . . . . 91 15 Die Kompensation – Der Traum
als Anwalt des Unbewussten . . . . . . 123
12 Erweiterte Theorie – Erweitertes 15.1 Methodik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124
Traumverständnis . . . . . . . . . . . . . . 93 15.1.1 Traumbotschaften im Regelkreis
12.1 Der Einfluss des persönlichen Unbewussten der Psyche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124
auf die Traumbildung . . . . . . . . . . . . . 94 15.1.2 Die Kompensation des Bewusstseins . . . 126
12.2 Der Einfluss des kollektiven Unbewussten 15.2 Praxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127
auf die Traumbildung . . . . . . . . . . . . . 96 15.2.1 Fragetechnik zur Kompensation . . . . . . 128
12.3 Das Energiereservoir in der Tiefe . . . . . . 97 15.2.2 Beispiele aus der therapeutischen Praxis 128

13 Das Symbol als Energie-Gepäckträger 16 Subjektstufe und Objektstufe –


der Psyche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99 Der Traum zwischen innerer
13.1 Symbole – ein Steckbrief . . . . . . . . . . . 100 und äußerer Wirklichkeit . . . . . . . . . 135
13.2 Symbol und Zeichen. . . . . . . . . . . . . . 102 16.1 Methodik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136
13.2.1 Symbolik und Semiotik im Traum . . . . . 103 16.1.1 Das Konzept der Subjektstufe – Der Traum,
13.3 Das Schichtenmodell des Symbols. . . . . 104 das bist du . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136
13.4 Erweiterter Libidobegriff – Erweiterte 16.1.2 Beispiele zur Subjektstufe . . . . . . . . . . 137
Bedeutung der Traumsymbole . . . . . . . 107 16.1.3 Exkurs: Die »Entdeckung«
13.5 Energiepaket Symbol . . . . . . . . . . . . . 108 der Subjektstufe . . . . . . . . . . . . . . . . 138
13.5.1 Energietransfer – Die transzendente 16.1.4 Die Objektstufe – Träume wörtlich
Funktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108 nehmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 140
13.5.2 Die richtige Energiedosis – 16.1.5 Beispiele zur Objektstufe . . . . . . . . . . . 141
Die Schutzfunktion des Symbols . . . . . . 111 16.1.6 Zur Bedeutung von Subjekt-
und Objektstufe . . . . . . . . . . . . . . . . 142
16.1.7 Das Geheimnis der Beziehung zwischen
innerer und äußerer Wirklichkeit . . . . . . 145
16.2 Praxis Objektstufe . . . . . . . . . . . . . . . 147
XIII
Inhaltsverzeichnis

16.2.1 Regeln zum Arbeiten mit der Objektstufe 147 20.1.2 Der Vergleich zwischen Wach-Ich
16.2.2 Beispiele aus der therapeutischen Praxis 150 und Traum-Ich . . . . . . . . . . . . . . . . . 205
16.3 Praxis Subjektstufe . . . . . . . . . . . . . . . 152 20.2 Praxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 207
16.3.1 Die Anwendung der Subjektstufe . . . . . 152 20.2.1 Wach-Ich und Traum-Ich – Traumarbeit
16.3.2 Beispiele aus der therapeutischen Praxis 155 mit einem ungleichen Paar . . . . . . . . . 207
20.2.2 Beispiele aus der therapeutischen Praxis 209
17 Kausalität und Finalität – Ursachen
aus Vergangenheit und Zukunft . . . . 165 21 Die Ich-Funktionen im Traum – Mit dem
17.1 Methodik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166 inneren Kompass auf Traumreise . . . 213
17.1.1 Woher und wohin? – Kausale und finale 21.1 Methodik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 214
Betrachtungsweise der Träume . . . . . . . 167 21.1.1 Analyse der Ich-Funktionen im Traum. . . 214
17.1.2 Träume als Entwicklungsratgeber – 21.1.2 Veränderungen der Ich-Funktionen
Final-orientierte Traumarbeit . . . . . . . . 168 beim Traum-Ich . . . . . . . . . . . . . . . . . 219
17.1.3 Der Blick in die Zukunft – Die Prospektivität 21.1.3 Die Bedeutung der Funktionsanalyse
im Traum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170 für die Traumarbeit. . . . . . . . . . . . . . . 220
17.2 Praxis Kausalität . . . . . . . . . . . . . . . . 171 21.2 Praxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 221
17.2.1 Signale aus der Vergangenheit . . . . . . . 171 21.2.1 Die Arbeitsebene der Ich-Funktionen . . . 221
17.2.2 Beispiele aus der therapeutischen Praxis 172 21.2.2 Beispiele aus der therapeutischen Praxis 225
17.3 Praxis Finalität . . . . . . . . . . . . . . . . . 177
17.3.1 Entwicklungswege erkennen – Der final- 22 Die Komplexe im Traum . . . . . . . . . . 241
prospektive Aspekt der Traumarbeit . . . 177 22.1 Methodik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 242
17.3.2 Beispiele aus der therapeutischen Praxis 178 22.1.1 Komplexe – Hindernisse auf dem Weg
ins Unbewusste . . . . . . . . . . . . . . . . . 242
18 Tagesreste – Baumaterial der Träume 185 22.1.2 Woran erkennt man Komplexe im Traum? 247
18.1 Methodik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 186 22.1.3 Relevanz für die Traumarbeit . . . . . . . . 251
18.1.1 Träumen vom Vortag – Die Tagesreste . . 186 22.2 Praxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 251
18.1.2 Die Traummanufaktur im Unbewussten . 188 22.2.1 Ein Minenfeld räumen – Die Auflösung
18.2 Praxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189 der Komplexe durch die Traumarbeit . . . 251
18.2.1 Nichts Neues? – Der Traum als scheinbare 22.2.2 Beispiele aus der therapeutischen Praxis 253
Wiederholung eines Ereignisses . . . . . . 189
18.2.2 Die Bedeutung der Tagesreste in der 23 Übertragung und Gegenübertragung 259
praktischen Traumarbeit . . . . . . . . . . . 191 23.1 Traumarbeit an der Übertragung. . . . . . 260
23.2 »Umleitung aufgehoben!« – Rücknahme
19 Assoziation und Amplifikation – von Projektionen durch Traumarbeit . . . 262
Wege zur Traumentschlüsselung . . . . 193 23.3 »Ich habe von Ihnen geträumt« – Wenn der
19.1 Fokussiertes Assoziieren: Umkreisen Therapeut zum Traumpartner wird . . . . 264
statt Abschweifen . . . . . . . . . . . . . . . 194 23.3.1 Positive Übertragung . . . . . . . . . . . . . 265
19.1.1 Das Assoziieren mit den einzelnen 23.3.2 Erotische Übertragung und therapeu-
Orientierungsfunktionen . . . . . . . . . . . 196 tischer Eros. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267
19.2 Die Herstellung des Kontextes . . . . . . . 196 23.4 Die Arbeit an der eigenen
19.3 Aus dem Allgemeingut der Menschheit Gegenübertragung . . . . . . . . . . . . . . 270
schöpfen – Die Amplifikation von 23.4.1 Beachtung der Träume des Patienten . . . 270
Symbolen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 197 23.4.2 Beachtung der eigenen Träume
und Phantasien . . . . . . . . . . . . . . . . . 271
20 Das Traum-Ich – Auf der Reise
ins Unbewusste . . . . . . . . . . . . . . . . 201 24 Synchronizität und Traum –
20.1 Methodik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 202 Was weiß der Traum
20.1.1 Vom Wach-Ich zum Traum-Ich . . . . . . . 202 über unser Leben? . . . . . . . . . . . . . . 273
XIV Inhaltsverzeichnis

25 Präluzide und luzide Träume – 29.5 Zu wenige oder zu viele Träume? –


die höheren Weihen der Traumarbeit 277 »Traumlosigkeit« und Traumflut . . . . . . 319
25.1 Luzidität – der Traum erhellt sich . . . . . . 278 29.5.1 »Traumlosigkeit« . . . . . . . . . . . . . . . . 319
25.2 Urteilende Ich-Funktionen und luzides 29.5.2 Traumflut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 321
Träumen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 279
25.3 Anwendungen für die Therapie. . . . . . . 280 30 Ausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 323
25.4 Der Weg zum luziden Träumen . . . . . . . 281
Glossar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 327
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 337
Sachverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 341
IV Behandlungsprozess
und technische Fragen

26 Die Anamnese und der Traum –


Ein Lückentext und seine Vervoll-
ständigung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 287
26.1 Die Anamneseerhebung – ein Trauma?. . 288
26.2 Der Traum – Souffleur der Anamnese . . . 289

27 Wegweisend von Anfang an –


die Initialträume . . . . . . . . . . . . . . . 293
27.1 Initialzeitraum und Initialträume . . . . . . 294
27.2 Beispiele aus der therapeutischen Praxis 295
27.2.1 Der Initialtraum – Eine Wanderkarte
für den Entwicklungsweg . . . . . . . . . . 295
27.2.2 Prospektives und Ambivalenz
im Initialtraum . . . . . . . . . . . . . . . . . 297
27.2.3 Ein Initialtraum als Appell an den
Therapeuten . . . . . . . . . . . . . . . . . . 299
27.3 Initialträume und Initiation . . . . . . . . . 300

28 Der Dialog mit dem Traum . . . . . . . . 303


28.1 Der Traum als Sprachrohr
des Unbewussten . . . . . . . . . . . . . . . 304
28.2 Die Fragetechnik der Traumarbeit . . . . . 305
28.3 Frage und Antwort der Traumarbeit –
Ein Fallbeispiel . . . . . . . . . . . . . . . . . 306

29 Spezifische Probleme der therapeu-


tischen Traumarbeit . . . . . . . . . . . . . 311
29.1 Widerstand als Schutz des Ich . . . . . . . . 312
29.2 Formen des Widerstands . . . . . . . . . . . 313
29.2.1 Widerstand in der Traumarbeit . . . . . . . 313
29.2.2 Widerstand im Traum . . . . . . . . . . . . . 314
29.3 Fluchtverhalten in Alpträumen . . . . . . . 316
29.4 Ich-Stärkung durch Traumarbeit . . . . . . 318
1

1 Einleitung

1.1 Die Träume – der Ariadnefaden im inneren Prozess – 2

1.2 Das Modell C. G. Jungs – 3

1.3 »Gebrauchsanleitung« – Hinweise zum Lesen dieses Buches – 4


2 Kapitel 1 · Einleitung

1.1 Die Träume –


1 der Ariadnefaden
blieben ungenutzt, wenn wir die Träume nicht be-
rücksichtigen würden. Patienten, die bisher im
im inneren Prozess »Hamsterrad« des Grübelns und negativen Denkens
verhaftet waren und ganz in ihrer Krankheit, ihrer
Was macht das Arbeiten mit Träumen – so können Unfähig- und Minderwertigkeit aufgingen, schöp-
wir zu Beginn fragen – so sinnvoll und wichtig? fen sofort Hoffnung und ahnen einen neuen Auf-
Diese Frage bezieht sich sowohl auf die Psychothera- schwung.
pie von Menschen mit psychischen Störungen als Das heißt aber nicht, dass die Träume etwas
auch auf Analysen Gesunder, in denen es primär um unter den Teppich kehren und über das Ungelöste
psychisches Wachstum und Selbsterfahrung geht. und Unerledigte kommentarlos hinweggehen. Im
Die Träume, als Sprachrohr des Unbewussten, Gegenteil, sie bringen auch das Aufzuarbeitende ans
liefern einen entscheidenden »Diskussionsbeitrag«, Licht; manchmal gleichzeitig mit dem Hoffnungs-
der sowohl im inneren wie auch äußeren Dialog der vollen und dem zukünftig Möglichen, manchmal zu
Therapie nicht überhört werden sollte. Da sie vom einem ihnen geeignet erscheinenden späteren Ter-
Standpunkt des Unbewussten aus sprechen, haben min. Verdrängtes, Traumatisches und alles, was für
sie einen umfassenderen, übergeordneten Blickwin- die Gesundung und Heilung bearbeitet werden
kel als das manchmal allzu sehr und wie durch muss, kommt mit zwangsläufiger Sicherheit im Ver-
Scheuklappen eingeengte bewusste Ich (oder sie laufe der Behandlung in den Träumen zum Vor-
bringen zumindest einen weiteren, bisher nicht ge- schein. Maß, Grad und Zeitpunkt entscheidet der
sehenen Aspekt ins Spiel). Traum selbst, wobei er in aller Regel die Aufnahme-
Träume wollen verstanden werden. Manchmal fähigkeit und Belastbarkeit des Bewusstseins einkal-
tragen Patienten einen unverstandenen Lebenstraum kuliert.
voller Unruhe lange Zeit mit sich herum. Gelingt es, Damit sind die Träume der rote Faden in der
mit ihnen in der Therapie die Bedeutung solch wich- Therapie. Sie leiten wie der Wollfaden der Ariadne
tiger Träume zu erhellen, fühlen sie sich sehr erleich- durch das Labyrinth der Seele. Wie oft kommt es
tert und angenommen. doch zu Beginn einer Therapie vor, dass der Patient
Die Träume beinhalten Entwicklungsimpulse; sie sich völlig orientierungslos fühlt angesichts der
sind Ausdruck eines unbewussten Entwicklungs- schier unüberwindbaren Probleme in seinem Leben
dranges. Deshalb wirkt das Arbeiten mit Träumen so und der so leidvollen und scheinbaren Sinnlosigkeit
entlastend und fördernd, weil dadurch der unbe- seiner Symptomatik. Wird der Therapeut mit diesen
wusste Entwicklungsantrieb ans Bewusstsein ange- vielfältigen Klagen überschüttet, kann er sich eben-
schlossen wird und mit seiner Umsetzung angefan- falls orientierungslos erleben und weiß vielleicht
gen werden kann. kaum, wo er zuerst ansetzen soll.
Die Traumarbeit1 durchbricht die Monotonie In diesem Zustand der Desorientierung können
der Alltagsklagen der Patienten. Die Träume finden die Träume helfen, denn sie zeigen, »wo es lang-
entweder das lösende Wort zu den Beschwernissen geht« – immer vorausgesetzt, dass wir ihre Hiero-
oder übergehen sie ganz einfach, zeigen ihre Un- glyphenschrift lesen können. Sie bieten Lösungen
wichtigkeit vom größeren Standpunkt des Selbst und die zum Überwinden und Überwachsen der
und setzen frische Lebensimpulse dagegen. Denn Schwierigkeiten notwendigen Energien und Aus-
die Patienten sind häufig auf ihre Negativität fixiert, blicke an.
wozu die Träume mit ihren – nahezu immer vor- Durch die Träume kristallisiert sich ein Weg her-
handenen – positiven Potentialen einen beleben- aus, der dem inneren Suchweg entspricht. Ein Weg,
den Kontrast herstellen. Diese wachstumsfördern- der zwar manchmal notwendige Umwege und Sei-
den Aktiva in den Träumen gingen verloren oder tenschlenker macht, aber doch insgesamt so folge-
richtig und planvoll ist, dass man nicht umhin kann
1
Mit Traumarbeit ist das Arbeiten mit Träumen im Rahmen anzunehmen, dass dieser Prozess oder diese Reise
einer Therapie oder Analyse und der Dialog mit dem Träumer ein fernes Ziel im Auge hat, nämlich das Ziel der
über seinen Traum gemeint. Zentrierung der Persönlichkeit.
1.2 · Das Modell C. G. Jungs
3 1

Wir dürfen uns also als Therapeuten getrost der ganz besonders zur Arbeit auf der bewussten Ebene,
Führung der Träume anvertrauen. Haben wir die die den Patienten stabilisiert.
richtige Einstellung und das richtige Verständnis Erst wenn sich das Bewusstsein des betreffenden
ihnen gegenüber, leiten sie uns – und damit die Pa- sicher fühlt und nicht irritiert ist, ist auf der Basis
tienten – sicher von Ort zu Ort durch den Therapie- dieser festen Verankerung in der Realität ein vertief-
prozess. Wir müssen nur geduldig ihrer Spur folgen. tes Arbeiten mit den Symbolen und ihren Energien
Dann gelangen wir auch nach und nach zu den hei- ratsam. Manchmal müssen wir es uns verkneifen,
kelsten psychischen Stellen. auf die interessanten Symbole und die attraktiven
Beispielsweise führten die Träume einen Patien- Bilder einzusteigen, und stattdessen erst den ichhaf-
ten mit einer facettenreichen und ihn stark erschöp- ten Bezug im Traum zu diesen Inhalten und die gute
fenden Symptomatik nach langer Vorbereitung und Bewältigung des Alltags »draußen« überprüfen. Dies
der Bearbeitung scheinbar nebensächlicher Proble- gilt insbesondere für Borderline- und Ich-schwache
me schließlich zu einem sexuellen Missbrauch in Patienten. Denn wir haben es bei den Traumsymbo-
der frühen Kindheit, der schlagartig seinen Be- len mit mächtigen Energien zu tun, die wir sicher
schwerdekomplex verständlich machte. Erst jetzt handhaben möchten. Jede Energie, ob Feuer, Wind,
war er von seiner Stabilität her in der Lage, sich die- Wasserkraft, Sonne usw. ist ambivalent; d. h. sie kann
ser schwierigen und lange verschütteten Erkenntnis nutzen oder schaden und zu Nutzen oder Schaden
zu stellen. verwendet werden. Wir sollten uns der verantwort-
Auch das zeigen die Träume und helfen damit lichen Position, in der wir als Behandelnde im Um-
dem Therapeuten bei folgenden Überlegungen: Wie gang mit den Traumenergien stehen, voll bewusst
stabil ist die betreffende Person? Welche Arbeit auf sein. Dann kann auch das positive, immens wachs-
der bewussten Ebene muss zunächst geleistet wer- tumsfördernde Potential der Symbole voll genutzt
den, bis jemand ins Reich des Unbewussten eintau- werden.
chen und in dessen tiefere Bereiche vordringen
darf?
Prinzipiell gibt es bezüglich des Arbeitens mit 1.2 Das Modell C. G. Jungs
Träumen bei der Behandlung psychischer Krank-
heiten und Störungen keine Einschränkung der In- Dieses Buch hat seine Wurzeln und seine Basis in der
dikation, wenn man variabel das reichhaltige Ins- Analytischen Psychologie C. G. Jungs, integriert
trumentarium der Traumarbeit und den Wechsel aber auch andere Vorstellungen. Die Hypothesen
der methodischen Ebenen beherrscht. Alle Neuro- und die Terminologie Jungs werden nach meiner
seformen, Suchterkrankungen, Persönlichkeitsstö- Auffassung aufgrund ihrer Weite dem Gesamtphä-
rungen eignen sich; ja selbst Borderline-Syndrome nomen Traum besonders gut gerecht. Sein Modell
und psychosenahe Zustandsbilder sind nicht aus- der Psyche ist ein umfassendes Konzept, das an Ak-
geschlossen, wenn stets der Realitätsbezug berück- tualität nichts eingebüßt hat. Es erscheint außeror-
sichtigt wird und riskante Deutungen vermieden dentlich geeignet, die Träume in ihrer Komplexität
werden. Denn sonst besteht eine Inflationsgefahr, und Symbolik zu verstehen. Die Vorstellungen Jungs,
eine drohende Überschwemmung mit unbewussten die nur z. T. auf Freud aufbauen und in der Hauptsa-
Bildern; der betreffende würde destabilisiert. che eine eigenständige und weiterführende Konzep-
Überhaupt sollte die Realitätsprüfung im Kon- tion darstellen, die inzwischen noch fortentwickelt
text der Traumarbeit stets im Vordergrund stehen, wurde, sind für unsere Verständigung im Umgang
denn auch bei Neurosen gibt es vorübergehende, mit dem Traum essentiell.
kleinere Realitätsverluste oder partielle Realitätsaus- Die heutigen tiefenpsychologischen Erkenntnis-
blendungen. Ferner kann prozessbedingt durch die se erscheinen dabei als ein Pendant zur modernen
Aktivierung unbewussten Materials der Realitäts- Physik. Interessanterweise kommen nämlich Quan-
kontakt aktuell verschlechtert sein, sodass immer tenmechanik und Relativitätstheorie auf der einen
primär auf die stabile Verbindung zur Außenwirk- und die Tiefenpsychologie auf der anderen Seite zu
lichkeit zu achten ist. Träume eignen sich übrigens vergleichbaren Aussagen, z. B. hinsichtlich der Auf-
4 Kapitel 1 · Einleitung

1.3 »Gebrauchsanleitung« –
1 hebung der Subjekt-Objekt-Spaltung. So entspricht
der Heisenberg’schen Unschärferelation2 die Auf- Hinweise zum Lesen dieses
fassung in der Psychotherapie, dass der Beobachter Buches
(der Therapeut) nicht »außen vor«, sondern ein in-
tegraler Bestandteil der Behandlungssituation ist. Dem Leser liegt ein kompaktes Lehrbuch über das
Die Modellvorstellungen C. G. Jungs und neue- therapeutische Arbeiten mit Träumen vor, mit ei-
re Weiterentwicklungen sind zwar das Fundament nem komprimierten allgemein-theoretischen Teil
und der Rahmen des hier dargestellten Ansatzes, in am Anfang (Teil I) und einem darauf folgenden
dem aber auch andere Zugänge zum Traum Platz traumtheoretischen Teil (Teil II). Diese beiden, und
haben. So lassen sich z. B. das Freud´sche Triebkon- besonders der erste Teil, sind aufgrund ihrer Dichte
zept und die psychoanalytische Phasenlehre durch- natürlich mühsamer zu erarbeiten als die stark mit
aus einbeziehen, da hierin ein spezieller Bereich des Traumbeispielen angereicherten anwendungsbezo-
Unbewussten angesprochen ist, der bei Jung das genen Teile III und IV.
»persönliche Unbewusste« genannt wird. Auch der Es ist aber nicht unbedingt erforderlich, dieses
daseinsanalytische und phänomenologische Zu- Buch von A‒Z zu lesen. Sie, liebe Leser, können auch
gang zum Traum, nämlich die Symbole zu nehmen, direkt den Sprung in den Praxisteil mit dem an-
wie sie von sich her erscheinen, ohne etwas in sie schaulichen Fallmaterial wagen und die schwieriger
hineinzuinterpretieren, erscheint mir eine frucht- zu bewältigenden Theorieteile zunächst auslassen.
bare und nie zu vernachlässigende Mahnung. Und Sie können das Buch als Nachschlagewerk benutzen
für die praktische Umsetzung der in der Traumar- und nach Bedarf und Interesse punktuell in die
beit gewonnenen Erkenntnisse dürfen wir gerne Teile I und II zurücklesen.
Anleihen aus der systemischen und der Verhaltens- Hilfreich ist dabei auch das Glossar am Ende des
therapie machen. Für mich ist es eine Selbstver- Buches, in dem alle zum Verständnis wichtigen Be-
ständlichkeit geworden, zur Wahrung oder Stär- griffe noch einmal aufgegriffen und erklärt werden.
kung des Realitätsbezuges den Patienten »Hausauf- Hier können unbekannte Termini bequem aufge-
gaben« oder Übungsvorschläge mit auf den Weg zu funden werden.
geben, um die Einsichten konkret zu realisieren. Durch die Gliederung und optische Strukturie-
Beispielsweise empfehle ich gegenüber phobisch rung des Buches soll es dem Leser erleichtert wer-
besetzten Symbolen eine Art psychischer Desensi- den, sich durch die Materie hindurchzufinden.
bilisierung durch schrittweise aktive Kontaktauf- Definitionen, Übersichten und die Traumbeispiele
nahme mit dem angstbesetzten Objekt. Ein anderer befinden sich in besonders gekennzeichneten Käst-
Aspekt ist das bewusste Training der Ich-Funktio- chen. Für das weitere Verständnis wichtige Kern-
nen Denken, Fühlen, Empfinden und Intuieren an- aussagen, andere wesentliche Textabschnitte und
hand der Traumarbeit und im Alltag, indem in der allgemein gültige Ausführungen sind extra her-
jeweiligen Situation aktiv gefragt wird, was der Pa- vorgehoben.
tient jetzt denkt, fühlt, sinnlich wahrnimmt und was Ich möchte vorweg betonen, dass es sich bei
ihm aktuell einfällt. den in den Teilen I und II vorgestellten theoreti-
Überhaupt kann man heute mehr denn je eine schen Konzepten und den methodischen im Teil III
Konvergenz in den Schulrichtungen bezüglich der – wie bei jedem psychologischen System, das das
Traumarbeit beobachten, indem z. B. solche grund- Unbewusste einbezieht – um Hypothesen, Theore-
legenden Konzepte wie das der Subjektstufe, der Fi- me und Konstrukte handelt und nicht um im na-
nalität und der Kompensation in die verschiedenen turwissenschaftlichen Sinne beweisbare Tatbestän-
psychotherapeutischen Ansätze Eingang gefunden de oder Strukturen. Allerdings erscheinen diese
haben. Konzepte als ein abgerundetes und in sich stim-
2
miges Gedankengebäude und haben sich in der
Die Heisenberg´sche Unschärferelation besagt, dass im
subatomaren Bereich bei der Beobachtung eines Teilchens
psychotherapeutischen Praxis sehr bewährt. Den-
dieses durch den Beobachtungsvorgang verändert wird, dass noch sollte man sich des hypothetischen Charak-
es also kein vom Beobachter unabhängiges Objekt gibt. ters aller Aussagen im Text und der Gültigkeit auch
1.3 · »Gebrauchsanleitung« – Hinweise zum Lesen dieses Buches
5 1

anderer psychologischer Sichtweisen stets bewusst der konkreten Behandlungssituation und am einzel-
sein. nen Traumbeispiel erprobt. Wir werden in einer
Vielzahl von Fällen durchspielen, wie unter den ein-
Theorieteil (I). Um eine solide Grundlage für das Ar- zelnen methodischen Gesichtspunkten mit dem
beiten mit Träumen zu schaffen, war es notwendig, Traum umgegangen und wie seine Bedeutung erar-
einen Überblick über die Theorie bereitzustellen. beitet wird.
Auch wenn dieser Teil zunächst überlesen werden In diesem Teil II wird auch ein völlig neuer Zu-
kann, ist er doch für denjenigen unerlässlich, der gang zum Traum vorgestellt. Die Anwendung des
von Grund auf verstehen und sich systematisch ein Konzeptes der Ich-Funktionen (Denken, Fühlen,
Fundament für die späteren methodischen und Empfinden, Intuieren) auf die Traumarbeit wird
praktischen Kapitel errichten will. Darüber hinaus erstmals in der Literatur beschrieben. Damit wird
findet der an der Jung’schen Psychologie Interessierte zum ersten Mal ein Instrument bereitgestellt, mit
hierin einen kurzgefassten und doch weitgehend den Träumen nicht nur hinsichtlich des unbewuss-
vollständigen Abriss der Konzepte C. G. Jungs. ten Materials und symbolisch, sondern auch auf
Wir werden in diesem Teil I zunächst genauer der Ich-Ebene, zur Stärkung des Ich und zur Diffe-
das Ich mit seinen Funktionen kennen lernen und renzierung der Ich-Funktionen zu arbeiten. Das ist
uns dann Schritt für Schritt ins Unbewusste vorar- insofern von großem praktischen Interesse, da all-
beiten. Auf dem weiten Bogen vom Ich-Bewusstsein gemein die Meinung besteht (und sie besteht zu-
zum Zentrum des Selbst, das hypothetisch der tiefs- recht, wenn man mit dem Traum nur symbolisch
te Bezirk des Unbewussten ist, werden wir die uns und »tiefenwärts«, auf das Unbewusste hin orien-
dabei begegnenden Strukturen und Phänomene un- tiert arbeitet), dass die Traumarbeit den betreffen-
tersuchen und erläutern. Wir betrachten die Psyche den aufwühlen und destabilisieren kann. Hier wird
als ein Energiesystem, das sich selbst reguliert und nun gezeigt, dass durch das therapeutische Arbeiten
eine inhärente Entwicklungstendenz hat. Schließlich mit Träumen genau das Gegenteil, nämlich das
werden wir uns noch mit den Vorgängen in der the- Stützen, Stärken und Fortentwickeln des Ich erreicht
rapeutischen Beziehung zwischen Behandler und werden kann.
Patient beschäftigen. Auch die Kapitel über das Traum-Ich und die
Komplexe enthalten bis dato unbekannte Vorstel-
Traumtheorie (Teil II). Hier werden wir Hypothesen lungen und neue, für die Praxis eminent wichtige
über die Funktion des Traumes in der Psyche ent- Fragestellungen an den Traum.
wickeln und seine Elemente, die Traumsymbole,
genauer unter die Lupe nehmen. Diese Symbole wer- Behandlungsprozess und Technik (Teil IV). Der
den sich dabei als die eigentlichen Energieträger auf Traum und die therapeutischen Traumdialoge sind
dem Weg zwischen dem Unbewussten und dem Be- Komponenten eines aufeinander aufbauenden und
wusstsein erweisen. Es wird in Teil II auch deutlich – trotz mancher Umwege – letzten Endes zielstre-
werden, dass die allgemeinen psychologischen bigen Prozesses, des Behandlungsprozesses. Auf ein-
Grundlagen, auf denen wir stehen, maßgeblich un- zelne wichtige Etappen dieses Therapieprozesses
sere Vorstellungen über den Traum beeinflussen. wird eingegangen, und zuletzt werden wir unsere
Aufmerksamkeit einigen technischen Problemen
Kombinierter Methodik- und Praxisteil (Teil III). In widmen. Wir werden z. B. besprechen, wie wir damit
diesem Teil werden wir zuerst die verschiedenen umgehen können, wenn vom Patienten keine Träu-
Methoden und Fragestellungen kennen lernen, mit me erinnert werden oder wenn dieser durch Träume
denen wir an die Träume herangehen können. Nach überschwemmt wird.
welchen Gesichtspunkten können wir sie auf ihre In diesem Teil IV – wie vielerorts schon in Teil III
Bedeutung hin »abklopfen«? – wird der Leser einen lebendigen Einblick in die
Im gleichen Kapitel – jeweils direkt anschließend »Werkstatt der Traumtherapie« nehmen. Er wird
– werden die theoretischen Grundlagen und die dabei sein, wenn konkret in Rede und Antwort im
verschiedenen methodischen Vorgehensweisen in therapeutischen Dialog mit dem Patienten am
6 Kapitel 1 · Einleitung

1 Traum gearbeitet wird. Mit dem hier vorgestellten


Vergleichsmaterial wird er vorbereitet sein, an die
Träume seiner Patienten oder an seine eigenen Träu-
me heranzugehen, und er wird mehr von ihnen ver-
stehen können.
Wir möchten hier noch einmal festhalten, dass
alles in diesem Buch Erörterte nicht nur für die klas-
sische Psychotherapiesituation, also für die Bezie-
hung zwischen Therapeut und Patient gilt, sondern
in gleicher Weise für jede Art tiefenpsychologischer
Traumarbeit. Es gilt auch für sog. Individuations-
analysen, in denen es nicht primär um die Beseiti-
gung von neurotischen Symptomen geht, sondern
um das Wachstum und die Vertiefung der Persön-
lichkeit. Insofern kann im Folgenden das Wort »Pa-
tient« im Geiste durch das Wort »Analysand« oder
»Partner im Traumdialog« ersetzt werden.
Zum Schluss noch ein Hinweis. Es ist gut und
äußerst nützlich, sich das in diesem Buch zusam-
mengetragene Wissen und die verschiedenen Zu-
gangsweisen zum Traum anzueignen und all dieses
bei der psychotherapeutischen Arbeit »im Hinter-
kopf« zu haben. In der konkreten Behandlungssitu-
ation und dem jeweiligen Traum gegenüber sollten
wir jedoch immer wieder alle Theorie zurückstellen
und uns jeweils frisch mit Einfühlungsvermögen
und Intuition dem jeweiligen Traum, diesem leben-
digsten Produkt unserer Psyche, zuwenden. Ein rein
intellektueller Zugriff wird dem Traum in seiner
schier unauslotbaren Tiefe nicht gerecht. Wir sollten
uns jeweils neu und offen auf die Bilder des Unbe-
wussten einstellen und unbelastet von allzu viel
Theorie seinen Sinn zu erforschen suchen.
Dieses Paradox ist manchmal schwer zu ver-
wirklichen. Es ist aber nach meiner Erfahrung loh-
nenswert, den Versuch zu machen, und oft erhellt
sich erst in diesem Spannungsfeld zwischen Wissen
und Nichtverstehen plötzlich die eigentliche Bot-
schaft des Traumes.
2

2 Ich und Selbst

2.1 Das Ich – Ich bin, ich kann, ich will – 10

2.2 Das Selbst – Werde, der du bist – 10

2.3 Die Ich-Selbst-Achse – Der »heiße Draht« zum Selbst – 11


10 Kapitel 2 · Ich und Selbst

2.1 Das Ich – Ich bin, ich kann, benutzt, dass nämlich das Ich-Bewusstsein nur die
ich will Spitze des Eisbergs ausmacht und der allergrößte
Teil der Psyche »unter Wasser« liegt, d. h. unbewusst
2 Wir beginnen unseren Diskurs über die Theorie mit ist. Mit der Vorstellung weiterer, noch tiefer gele-
dem Ich-Bewusstsein und werden dann mehr und gener Schichten des Unbewussten durch Jung ver-
mehr in die Tiefe des Unbewussten vordringen. schiebt sich die Relation noch einmal drastisch zu-
Das Ich oder Ich-Bewusstsein beherbergt all das, ungunsten des Ich-Bewusstseins (. Abb. 5.1, wo
was wir von uns wissen, unsere bewussten Fähigkei- diese Proportionen zwischen dem kleinen »Zipfel«
ten, unser Wollen und unser Selbstverständnis. des Ich und der großen »Masse« des Unbewussten
graphisch umgesetzt ist).
Definition des Ich. Das Ich oder Ich-Bewusstsein ist
das Zentrum unseres Bewusstseinsfeldes und von
hoher Kontinuität und Identität mit sich selber (Jung 2.2 Das Selbst – Werde, der du bist
1971, GW 6, S. 471). Es umfasst all die bewussten
Vorstellungen, mit denen wir identifiziert sind. Man Zur Definition des Selbst. Das Ich als Zentrum des
spricht auch vom Ich-Komplex, weil sich hier die Bewusstseins steht diesem Unbewussten polar ge-
Inhalte zu einem Konglomerat verdichten. Es ist eine genüber. Die Gesamtheit der Psyche, die das Ich und
Zusammenballung von Bewusstseinsinhalten, die das Unbewusste umfasst, nennen wir das Selbst. Es
um die Vorstellung von mir – wie z. B. »ich bin …«, macht die (das Bewusste und das Unbewusste ein-
»ich weiß …«, »ich kann …«, »ich wünsche …« usw. schließende) Einheit und Ganzheit der Persönlich-
– herum gruppiert sind. All diese Eigenschaften, Be- keit aus. Da es zu weiten Teilen unbewusst ist, ist es
strebungen, Erinnerungen usw., die uns als unser empirisch nie vollständig nachweisbar, sondern
Eigen vertraut sind und uns nach unserem Dafür- bleibt ein Postulat.
halten wesensgemäß zugehören, machen den Ich- Das Selbst ist also das Größere gegenüber dem
Komplex aus. Es handelt sich hier um den einzigen Bewusstsein; es ist die das Ich-Bewusstsein enthal-
bewussten Komplex im Gegensatz zu all den unbe- tende Ganzheit der Psyche. Stellen wir uns dies als
wussten Komplexen, die uns später beschäftigen Anschauungshilfe durch geometrische Figuren vor,
werden (mehr zum Ich s. »Therapeutisches Arbeiten so ist es unmittelbar einleuchtend, dass der Schwer-
mit dem Ich», Adam 2003). punkt des Ich nicht mit dem Mittelpunkt des Selbst,
mit dem Zentrum der Gesamtpsyche, identisch ist,
Definition sondern dass es sich um unterschiedliche Zentren
Das Ich handelt. Der Brennpunkt des Ich hat einen anderen
Das Ich oder Ich-Bewusstsein ist das Zentrum Ort als der Brennpunkt des Selbst, das wir als über-
des Bewusstseinsfeldes und hat eine hohe geordneten Kreis darstellen (. Abb. 2.1).
Kontinuität und Identität mit sich selber. Da es
aus einem Komplex von Vorstellungen und Definition
Identifikationen besteht, sprechen wir auch Das Selbst
vom Ich-Komplex. Das Selbst entspricht der Gesamtpsyche. Es hat
ein eigenes Zentrum und einen viel größeren
Umfang als das Ich, da es dieses und das ge-
Das Ich und das Unbewusste. Mit der Erweiterung samte Unbewusste einschließt. Dadurch fallen
der ursprünglichen reinen Bewusstseinspsychologie die Zentren von Ich und Selbst naturgemäß
zur Tiefenpsychologie hin gab es eine Akzentver- nicht in eins.
schiebung und Bedeutungsverlagerung vom Ich-Be-
wusstsein hin zum Unbewussten. Das Ich ist nicht
alles in der Psyche, sondern es existiert neben ihm Wir müssen also von zwei Zentren in der Psyche aus-
ein viel größerer unbekannter Bereich, eben das Un- gehen, dem Bewusstseinszentrum (Ich) und dem
bewusste. Schon Freud hatte das Eisberggleichnis Zentrum der Gesamtpsyche (Selbst). Beide Sphären
2.3 · Die Ich-Selbst-Achse – Der »heiße Draht» zum Selbst
11 2

. Abb. 2.1. Ich und Selbst

Ich

Zentrum des Selbst

Selbst

sind nicht deckungsgleich, sondern unterscheiden Dabei bleibt das Ich – als kleines, gerade erst auf-
sich in ihrem Umfang und in ihrem Mittelpunkt. getauchtes Eiland oder schon als größerer Kontinent
– immer vom »Meer des Unbewussten« umgeben
und eingeschlossen.
2.3 Die Ich-Selbst-Achse – So konnte Neumann (1974) sagen, dass das Be-
Der »heiße Draht« zum Selbst wusstsein ein Enthaltenes in dem größeren Ent-
haltenden des umgebenden Unbewussten ist. Dies
Das Ich – ein Kind des Selbst. Nach unseren Vorstel- gilt nicht nur für die Anfangsstadien des Bewusst-
lungen ist das Ich im Verlaufe der menschlichen Be- seins und seine Entstehung aus dem Unbewussten,
wusstseinsentwicklung aus dem Unbewussten he- sondern in gleicher Weise für alle seine späteren
raus entstanden. Aus der Matrix des Unbewussten ist Phasen, auch wenn es sich hier schon deutlicher vom
durch eine Neuschöpfung, die wir letzten Endes Unbewussten, seinem Mutterboden, abgesetzt hat
nicht erklären können, Bewusstsein hervorgegan- und eigenständig geworden ist. Das Bewusstsein
gen, das sich sodann zum Ich-Bewusstsein zentriert bleibt immer ein Kind, eine Tochter- oder Sohn-
hat. Dies ist dem Entstehen einer Insel im Ozean ver- bildung des Selbst. Es ist eine »Filialisierung« (Neu-
gleichbar (. Abb. 5.1). mann 1974) aus dem Selbst.

. Abb. 2.2. Die Ich-Selbst-Achse

Ich

Ich-Selbst-Achse

Selbst
12 Kapitel 2 · Ich und Selbst

Die Ich-Selbst-Achse. Um Anleihen aus dem Voka- Ein geglückter Austausch auf der Ich-Selbst-
bular und der Formenwelt der Geometrie zu machen, Achse wäre hier durch die sorgfältige Beachtung der
können wir festhalten, dass der Kreis des Ich mehr Träume möglich gewesen. Die Frau hätte dann mehr
2 oder weniger exzentrisch im Kreis der Gesamtpsy- über ihren dringenden Kinderwunsch erfahren und
che liegt. Die Zentren von Ich-Kreis und Selbst-Kreis neben ihrer bewussten und rationalen Planung den
liegen nicht übereinander, sondern sind auseinander intuitiven Lebensentwurf des Unbewussten wahr-
gerückt. Die Verbindungslinie dieser unterschied- nehmen können.
lichen Schwerpunkte bezeichnen wir als Ich-Selbst-
Achse. Über diese Achse stehen Ich und Selbst mit-
einander in Verbindung und können darüber kom-
munizieren (. Abb. 2.2).

Beispiel
Ein Beispiel soll die unterschiedlichen Schwer-
punkte von Ich und Selbst und den möglichen
Informationsaustausch über die Ich-Selbst-
Achse verständlich machen:
Eine junge Frau hat von ihrem Ich-Bewusst-
sein her die Entscheidung getroffen, dass sie
zurzeit kein Kind möchte. Sie begründet das
rational damit, dass ihr Mann noch in der Aus-
bildung ist und sie selber das Geld verdienen
muss. Jetzt können aber vom Selbst her Sig-
nale oder sogar unbewusst gesteuerte Ver-
haltensweisen auftreten, die diese bewusste
Absicht durchkreuzen. Die Frau könnte davon
träumen, dass sie schwanger wird und ein Kind
zur Welt bringt. Es könnten ihr auch Fehlleis-
tungen passieren, dass sie z. B. die Pille vergisst
und tatsächlich schwanger wird. Jedenfalls
kann von der unbewussten Ganzheit der
Psyche – und hier vielleicht von der biolo-
gischen Matrix – ein anderer Standpunkt als
der des Bewusstseins vertreten werden.

An dem Fall der unterschiedlichen Standpunkte


wird deutlich, dass die Zentren von Ich und Selbst
nicht in eins fallen. Eine gelungene Kommunikation
auf der Ich-Selbst-Achse besteht darin, dass die Sig-
nale des Selbst registriert und sie in die ichhaften
Überlegungen einbezogen werden. Wir sind nicht
mehr so sehr Opfer unserer unbewussten Tendenzen,
wenn wir über sie Bescheid wissen. Unter Einbezug
des unbewussten Standpunktes ergibt sich eine wo-
möglich neue Entscheidungsmöglichkeit.
3

3 Die Orientierungsfunktionen des


Ich – Der innere Kompass

3.1 Das Funktionssystem – 14


3.1.1 Das Denken – 15
3.1.2 Das Fühlen – 15
3.1.3 Das Empfinden – 16
3.1.4 Das Intuieren – 16
3.1.5 Die Ich-Funktionen – Der innere Kompass – 16

3.2 Extraversion und Introversion – 17

3.3 Die Funktionskonstellationen – 19


14 Kapitel 3 · Die Orientierungsfunktionen des Ich – Der innere Kompass

3.1 Das Funktionssystem d. h. wir brauchen sie für die Lebensbewältigung in


Beruf, Beziehungen und allen unseren Interessen
Wir wollen uns zunächst weiter mit dem Ich be- wie auch beim Blick nach innen und im Reich des
schäftigen, bevor wir auf die Struktur des Unbewuss- Traumes.
ten eingehen.
3 Die Aktivität des Ich lässt sich auf vier grundle-
Die vier Orientierungsfunktionen des
gende Weisen der psychischen Betätigung reduzie-
ren, mit der die Phänomenologie des Bewusstseins Bewusstseins
ausreichend beschrieben werden kann. Es handelt 1. Urteilsachse:
sich um das Konzept der Orientierungsfunktionen 5 Denkfunktion
des Bewusstseins. Es sind dies das Denken, das Füh- 5 Fühlfunktion
len, das Empfinden (die sinnliche Wahrnehmung) 2. Wahrnehmungsachse:
und das Intuieren. Statt Orientierungsfunktion ver- 5 Empfindungsfunktion
wenden wir auch den Ausdruck Ich-Funktion, Be- 5 Intuitionsfunktion
wusstseinsfunktion oder – wenn es aus dem Zusam-
menhang erkennbar ist – einfach Funktion. Die vier
Orientierungsfunktionen sind unsere Stützpfeiler Denken und Fühlen bilden gemeinsam die Urteils-
zum Zurechtfinden in unserer Außen- und Innen- oder Bewertungsachse des Funktionskreuzes. Sie
welt, also auch im Traum (. Abb. 3.1). sind die beiden rationalen, d. h. urteilenden Funk-
Dieses genial einfache Konzept der vier Funkti- tionen. Dass auch die Fühlfunktion eine bewerten-
onen des Bewusstseins stammt von C. G. Jung. Er de Funktion ist, wird noch erläutert werden. Die
hielt es zwar für möglich, noch andere Funktionen beiden anderen Funktionen, Empfindung und Intu-
einzuführen, doch sah er die vier Funktionen – Den- ition, sind irrationale Funktionen, weil ihnen die
ken und Fühlen, Empfinden und Intuieren – als Urteilsfähigkeit fehlt. Sie sind rein perzeptiv einge-
grundlegend und nicht weiter reduzierbar an. Mit stellt und stellen die Wahrnehmungsachse des Funk-
ihnen kann sich das Ich in der äußeren Umgebung tionskreuzes dar.
und in der inneren Welt der Psyche zurechtfinden,

Einfälle, Phantasien, innere Bilder

. Abb. 3.1. Das Funktionssystem


3.1 · Das Funktionssystem
15 3

Denken und Fühlen auf der einen und Empfinden 3.1.2 Das Fühlen
und Intuieren auf der anderen Seite sind Paare von
Gegenpolen. In gewisser Weise ist Denken das Gegen- Denken und Fühlen gehören gemeinsam zu den ratio-
teil von Fühlen und sinnliches Wahrnehmen das Ge- nalen Funktionen. Es mag erstaunen, dass auch das
genteil von geistig-intuitiver Wahrnehmung. Das Ich Fühlen als eine rationale oder urteilende Funktion an-
sollte aber idealerweise die Endpole jeder Achse nicht gesehen wird. Wir müssen jedoch dem Fühlen ebenso
zu Gegensätzen auseinander reißen und sich z. B. für wie dem Denken eine wertende Qualität zuerkennen.
eine Position entscheiden und die andere verbannen. Allerdings hat das Urteil der Fühlfunktion eine etwas
Es sollte vielmehr jeweils beide Pole einbeziehen und andere Blickrichtung. Es schätzt z. B. Atmosphärisches
zwischen ihnen wechseln und vermitteln können. ab. Es hat seine Bedeutung in zwischenmenschlichen
Was verstehen wir unter den vier Ich-Funktio- Beziehungen sowie beim Prüfen von Situationen
nen? Wir müssen diese psychologischen Funktionen und der eigenen Befindlichkeit. Es richtet sich dabei
hier zuerst definieren, da die Begriffe in der Alltags- hauptsächlich nach dem Maßstab von angenehm
sprache unterschiedlich gehandhabt werden und oder unangenehm. Dies ist das wichtigste Bewer-
Bedeutungsüberschneidungen vorkommen. tungskriterium der Fühlfunktion. Sie wägt ab, ob et-
was tendenziell lustvoll oder unlustvoll ist.

3.1.1 Das Denken Fühlen und Gefühle. Diese urteilende Fühlfunktion


müssen wir von Gefühlen oder Emotionen sowie von
Die Denkfunktion ist eine urteilende Funktion, die Affekten abgrenzen. Emotionen/Gefühle und Affek-
mit der Ratio des Menschen in Verbindung steht. Sie te haben die Tendenz, das Ich zu überwältigen oder
kann zwischen richtig und falsch differenzieren und es zumindest ganz auszufüllen, während die psycho-
gehorcht den Gesetzen der Logik. Sie umfasst ein logische Funktion des Fühlens Ichhaftigkeit und
Unterscheiden und Ordnen von Bewusstseinsinhal- Steuerungsfähigkeit aufrechterhält. Ein Affekt be-
ten mit der Möglichkeit logischer Schlussfolgerung. sitzt zusätzlich starke körperliche Äquivalente wie
Dieses urteilende und kritikfähige Denken müssen Schwitzen, Missempfindungen, Herzrasen, die das
wir von dem allgemeineren philosophischen Begriff Erleben beherrschen.
des Denkens unterscheiden, unter dem generell der Wenn wir hören – und das gilt sowohl für die
Ablauf von Bewusstseinsinhalten und die verschie- Außenrealität als auch für den Traum: »Ich fühlte
densten Bewusstseinsvorgänge verstanden werden. mich heiter; ich war traurig; der andere Mensch war
In der Außenwirklichkeit wie auch im Traum tritt mir sympathisch; ich fühlte mich in der Situation
das Denken dann auf, wenn wir uns über eine Si- wohl; ich fand das Geschehen merkwürdig; ich war
tuation Rechenschaft ablegen, sie kritisieren, bewer- ängstlich; mir war unheimlich oder unbehaglich zu-
ten oder auf ihre Folgerichtigkeit hin prüfen. Mit mute«, dann handelt es sich um die bewertende
der urteilenden Denkfunktion können wir uns z. B. Fühlfunktion. Heißt es dagegen: »Ich schwitzte vor
in einem Traum sagen, dass etwas doch gar nicht Angst; voller Zorn zerschmetterte ich den Gegen-
möglich ist und dass eine getroffene Entscheidung stand; wütend schrie ich ihn an; ich war vor Trauer
oder eine gegebene Begründung nicht richtig sind. gelähmt« usw., dann handelt es sich um einen Affekt
oder um eine Emotion, die nicht primär über die
Definition Fühlfunktion erlebt werden müssen. Sie können
Das Denken auch über andere Funktionen laufen.
Das Denken ist eine urteilende oder rationale So kann Aggressivität in der Schärfe der Denk-
Bewusstseinsfunktion, die zwischen richtig funktion als vernichtendes Urteil zum Ausdruck
und falsch diskriminiert und nach den Geset- kommen. Angst kann sich in körperlichen Empfin-
zen der aristotelischen Logik vorgeht. Sie ord- dungen, wie z. B. Magendruck und Pulsbeschleuni-
net in Kategorien und hat die Fähigkeit, Schlüs- gung ausdrücken (Empfindungsfunktion). Begeiste-
se zu ziehen und Beweisgänge durchzuführen. rung kann in eine rasante Bilderfolge der Intuition
und in viele Ideen einmünden. Depressive Bedrückt-
16 Kapitel 3 · Die Orientierungsfunktionen des Ich – Der innere Kompass

heit kann sogar mit einer völligen Unfähigkeit, Definition


überhaupt etwas zu fühlen, einhergehen. Die Ener- Das Empfinden
gie der jeweiligen Emotion kann also in die ver- Die Empfindungsfunktion vermittelt sämtliche
schiedensten Funktionen umgemünzt werden. Es Bewusstseinsinhalte, die über die Sinnesorga-
muss jedes Mal genau geprüft werden, ob ein Ge- ne aufgenommen werden. Sie ist reine Perzep-
3 fühl über die Fühlfunktion oder über irgend eine tion ohne Bewertung, deshalb irrational, und
andere Funktion erlebt wird. an den materiellen Körper gebunden.

Definition
Das Fühlen
Die Fühlfunktion ist eine psychologische Funk- 3.1.4 Das Intuieren
tion, die Situationen, Zustände oder Menschen
nach Fühlkriterien bewertet. Dabei liegt dem Die Intuitionsfunktion bewertet ebenfalls nicht und
Fühlen in erster Linie das Unterscheidungs- ist somit gleichfalls irrational. Sie ist aber unabhän-
spektrum zwischen angenehm und unange- gig von den Sinnesorganen und eine rein geistige
nehm zugrunde. Die Fühlfunktion in diesem Funktion. Zu ihr gehören der plötzliche Einfall, die
Sinne muss von den Gefühlen, Emotionen und spontan auftauchende Phantasie, die unvermittelte
Affekten abgegrenzt werden. Idee oder jegliche innere bildhafte Vorstellung und
»intuitive« Erkenntnis. Charakteristisch ist ihre Un-
vermitteltheit, d. h. das plötzliche Dasein von Vor-
stellungen. Es bedarf keiner Vermittlung über ir-
3.1.3 Das Empfinden gendwelche Sinnesorgane. Im Wachleben wie im
Traum erscheint sie als ein genuines Wissen von et-
Die Empfindungsfunktion umfasst alle sinnlichen was oder schießt als Idee ein. Im Traum kann sie die
Wahrnehmungen, seien sie optischer, akustischer, gesamte Gestaltung im Sinne phantastischer Bilder-
gustatorischer, olfaktorischer, taktiler oder moto- sequenzen und Szenen beherrschen.
risch-propriozeptiver Art. Sie ist rein perzipierend
und irrational, d. h. sie wertet und vergleicht nicht Definition
wie z. B. die Denkfunktion. Sie ist aber aufgrund Das Intuieren
ihrer realen Wahrnehmungsfähigkeit zusammen Die Intuitionsfunktion ist eine immaterielle,
mit dieser maßgeblich an der Realitätsprüfung be- geistige Wahrnehmung, die als Bild- oder
teiligt. Worteinfall, als Phantasie oder Spontanwissen
Die Empfindungsfunktion ist materiell bezogen plötzlich und unvermittelt ins Bewusstsein tritt.
und stärker an den Körper gebunden als andere Auch sie ist irrational, nicht bewertend. Ihr Bild-
Funktionen. Sie registriert nur das, was da ist und und Phantasiematerial bedarf daher meist einer
von den Sinnesorganen wahrgenommen wird. Al- Prüfung durch andere Funktionen.
les Gesehene, Gehörte, Geschmeckte, Gerochene
und »Gefühlte« (in der Bedeutung von Kalt-,
Warm-, Lage-, Tast- oder Schmerzempfinden) ge-
hört in den Geltungsbereich der Empfindungs- 3.1.5 Die Ich-Funktionen – Der innere
funktion. Kompass
Wie alle anderen Orientierungsfunktionen ist
sie auch im Traum aktiv. Hier sind es die Wahrneh- Dieses System der vier Bewusstseinsfunktionen ist
mung der sichtbaren Umwelt, das Hören von Ge- in sich geschlossen und ermöglicht eine vollständige
räuschen oder Stimmen sowie alle anderen Sinnes- Orientierung und Anpassung an die äußere und in-
eindrücke, die zur Qualität des Empfindens zu zäh- nere Welt. Wie der Kompass im geographischen
len sind. Raum das Zurechtfinden garantiert, ermöglicht es
das Funktionssystem im psychischen Raum. Voraus-
3.2 · Extraversion und Introversion
17 3

setzung ist aber, dass es sich dabei um ein ausgereif- und Dingen gegenüber haben und mehr auf sie zu-
tes »Instrument« handelt, d. h. dass die Ich-Funkti- gehen (extravertierter Objektbezug), oder aber eher
onen ausreichend gut differenziert sind. Wenn wir zurückweichend und vorsichtig ausgerichtet sein
uns aber unserer Ich-Funktionen bewusst sind, (introvertierter Objektbezug).
wenn wir wissen, was Denken, Fühlen, Empfinden Der extravertierte Objektbezug (=Extraversion)
und Intuieren ist und zwischen ihnen sauber tren- geht also aktiv an das Objekt heran, wendet ihm viel
nen können, dann können wir den Erfordernissen Interesse zu, erfasst es schnell und kann aber auch
entsprechend die passende Richtung wählen, d. h. schnell zu anderen Objekten wechseln. Angstfrei
die notwendigen Funktionen aktiv einsetzen. Auch und flexibel wird mit den Objekten umgegangen.
bei der graphischen Umsetzung des Funktionssys- Der introvertierte Objektbezug (=Introversion)
tems haben wir eine Darstellung gewählt, die dem ist abwartender, passiver und defensiver gegenüber
Kompass oder der Windrose mit den vier Himmels- dem Objekt eingestellt. Hier wird es so erlebt, als sei
richtungen vergleichbar ist (. Abb. 3.1). das Objekt der aktive Part, dessen Annäherung an
Mit dem Konzept der Orientierungsfunktionen das Ich nur zögernd und vorsichtig zugelassen wird.
können wir verschiedene andere Fähigkeiten des Be- Das liegt daran, dass der »subjektive Faktor« (Jung
wusstseins auf diese vier Ich-Funktionen zurückfüh- 1971, GW 6) im Kontakt zum Objekt überwiegt, das
ren. Wir können sie aus den Ich-Funktionen zusam- sind die innen gespeicherten Erfahrungen und Vor-
mengesetzt verstehen. Ich habe schon erwähnt, dass stellungen vom Objekt und nicht dessen reale Exis-
das, was wir »Realitätskritik« oder »Realitätsfunk- tenz außen.
tion« nennen, aus der Sinneswahrnehmung und
dem kritischen Denken komponiert ist. Extravertiertheit und Introvertiertheit als Persön-
Ein anderes Beispiel ist die Ich-Leistung »Frus- lichkeitsmerkmale? Um es vorweg zu sagen: Extra-
trationstoleranz«, mit der in der Psychologie viel version und Introversion bezeichnen zwei verschie-
gearbeitet wird. Diese Fähigkeit, negative Gefühle dene Einstellungsweisen der einzelnen Orientie-
oder körperliches Unbehagen zu ertragen und nicht rungsfunktionen. Sie sind eigentlich nicht global
sofort nach einer Kompensation oder Befriedigung einem Menschen zugeordnet, sondern kennzeichnen
zu verlangen, setzt ein Zusammenspiel von mehreren – wie wir im Folgenden noch ausführlicher zeigen
Ich-Funktionen voraus. Zum Ersten müssen hier die wollen – einzelne Ich-Funktionen von ihm. Nach
Empfindungsfunktion und die Fühlfunktion zu aus- dem Konzept C. G. Jungs (1971, GW 6) ist jede
reichend großen »Gefäßen« herangereift sein, die Ich-Funktion fest mit einer der beiden Einstellungs-
die unangenehmen Gefühle und die Missempfin- weisen (Extraversion oder Introversion) gekoppelt,
dungen enthalten, halten und aushalten können, wobei die sich gegenüberliegenden Ich-Funktionen
ohne gleich nach einer Abfuhr zu suchen. Zum wie die Pole eines Magneten entgegengesetzte Aus-
Zweiten bedarf es einer überlegenen Denkfunktion, richtung haben. Ist z. B. das Denken introvertiert, so
die klar urteilt, dass das Aufschieben der Bedürfnis- ist das Fühlen extravertiert, oder vice versa. Ist das
erfüllung richtig und sinnvoll ist. Dazu muss auch Empfinden extravertiert, so ist die Intuition mit der
einmal der Wertmaßstab der Fühlfunktion, die nur Introversion verkettet, und vice versa. Zur Veran-
das Angenehme erstrebt, vorübergehend zurückge- schaulichung ist in . Abb. 3.2 eine der möglichen
drängt werden können. Kombinationen herausgegriffen.
Allerdings sind die psychologischen Begriffe
Extraversion und Introversion derart in den allge-
3.2 Extraversion und Introversion meinen Sprachgebrauch übergegangen, dass damit
summarisch Persönlichkeitsmerkmale beschrieben
Zur Definition. Extraversion und Introversion sind werden. Man bezeichnet als einen Extravertierten
zwei wesentlich voneinander verschiedene Möglich- jemanden, dessen Interessen mehr der Außenwelt
keiten und Weisen, wie wir uns der Welt und ihren und ihren Ereignissen zufließen und für den Akti-
Objekten gegenüber einstellen. Wir können eine vität und Genuss wichtig sind. Als introvertiert da-
mehr »draufgängerische« Haltung den Menschen gegen wird jemand benannt, der sich mehr dem
18 Kapitel 3 · Die Orientierungsfunktionen des Ich – Der innere Kompass

. Abb. 3.2. Die Kopplung von Extra-


version und Introversion an die Intuition
Ich-Funktionen (Beispiel)

3 Extraversion

Fühlen Denken

Introversion

Empfinden

Geistigen und dem Innenleben zuwendet und der mögliche Dimensionen dieser Bewusstseinsfunktio-
ein zurückhaltendes, stilles Wesen an den Tag legt. nen. Die einzelne Funktion ist bei einem Menschen
In den bekannteren Tests (Gießen-Test, Eysenck immer entweder introvertiert oder extravertiert ein-
Personality Inventory) werden Extraversion und In- gestellt. Dies ist – wie die Empirie zeigt – von Geburt
troversion in dieser Weise global gemessen. Bei ge- an so und bleibt das ganze Leben über gleich, d. h.
nauerer psychologischer Untersuchung stellen wir die Funktionen können ihre ursprüngliche Einstel-
jedoch regelmäßig fest, dass diese Eigenschaften lung – als extravertiert oder introvertiert – nicht
nicht generelle Wesenszüge eines Menschen sind, wechseln. Wohl kann sich aber das Differenzie-
sondern jeweils bestimmten Funktionen zugeordnet rungsniveau, die Qualität oder »Intelligenz« einer
sind. Unter der Lupe betrachtet ist also nicht der ge- Funktion im Verlaufe der Jahre durch Übung und
samte Mensch extravertiert oder introvertiert, son- Betätigung stark ändern.
dern er hat extravertierte bzw. introvertierte Funkti-
onen. Wenn dabei die extravertierten oder introver- Der Unterschied zwischen einer extravertiert ein-
tierten Funktionen bei ihm stark dominieren, sieht gestellten und der entsprechenden introvertierten
es so aus, als sei er ein »Extravertierter« bzw. ein »In- Funktion. Wie lassen sich bei einem Menschen intro-
trovertierter«. Aber ein »Extravertierter« hat auch vertierte und extravertierte Funktionen erkennen
introvertiert eingestellte und ein »Introvertierter« und unterscheiden?
auch extravertierte Funktionen. Allgemein gilt für die extravertierte Funktion,
dass sie sehr rasch reagiert, schnell einen Objektbe-
! Jeder Mensch hat zwei extravertierte und
zug herstellt, das Objekt aber auch schneller wieder
zwei introvertierte Funktionen, wobei nur
verlässt und zu weiteren Objekten springen kann.
die Energieladung (d. h. die Besetzung mit
Die psychische Energie, die Libido (zur Libidotheo-
psychischer Energie) der einzelnen Funk-
rie 7 Kap. 8), fließt vom Ich zu den äußeren Objek-
tionen darüber entscheidet, ob der betref-
ten, von denen eine Vielzahl in rascher Folge erfasst
fende als mehr extravertiert oder mehr in-
werden kann. Beispielsweise kann ein Individuum
trovertiert erscheint.
mit einer extravertierten Empfindungsfunktion sehr
Indem Extraversion und Introversion dauerhaft an genau und schnell seine Umgebung wahrnehmen,
die jeweilige Bewusstseinsfunktion gekoppelt sind, viele Einzelheiten erfassen, eventuell speichern und
handelt es sich bei diesen Einstellungen um zwei sofort zu neuen Eindrücken übergehen. Die intro-
3.3 · Die Funktionskonstellationen
19 3

vertierte Empfindungsfunktion dagegen wird durch


eine Fülle von Reizen leicht überfordert und zieht Kriterien der introvertiert eingestellten
die Wahrnehmungstätigkeit eher zurück, sodass Bewusstseinsfunktion
»sie« anschließend oft nicht sagen kann, was das Ge- 5 Der Interesse- und Libidostrom geht zum
genüber angehabt hat oder wie der Raum ausgestat- Ich und den inneren Objekten.
tet war. 5 Langsameres Reagieren; die introvertierte
Bei den introvertierten Funktionen liegen näm- Funktion braucht mehr Zeit.
lich die Verhältnisse bezüglich des Libidoflusses um- 5 Größere Objekttreue, langsameres Wech-
gekehrt. Der Strom des Interesses geht nicht zu den seln der Objekte bzw. längere Konzentra-
äußeren Objekten, sondern kommt von denen, läuft tion auf ein Objekt.
zum Ich und aktiviert die inneren Objekte. Aufgrund 5 Die introvertierte Funktion ist stärker mit
dessen erscheint die Außenwelt der introvertierten dem Unbewussten verbunden; sie ist
Person – bzw. der jeweiligen introvertiert eingestell- aufgrund der oben genannten kulturellen
ten Funktion – oft übermächtig, sodass sie in die Gründe häufig undifferenzierter und un-
Defensive geht und sich eher zurückziehen möchte. geübter.
Die introvertierte Funktion braucht mehr Zeit
als die gleiche extravertierte. Einen logischen Denk-
vorgang abzuschließen, dauert z. B. bei jemand mit
introvertierter Denkfunktion länger als bei jemand 3.3 Die Funktionskonstellationen
mit einer extravertierten. Die introvertierte Funkti-
on ist also langsamer und haftet auch mehr an ihrem Eine extravertiert eingestellte Funktion und eine in-
Gegenstand. Sie ist objekttreuer. Sie kann sich äuße- trovertiert eingestellte liegen sich auf den beiden
rer Objekte schlechter erwehren und sie weniger Achsen des Funktionskreuzes jeweils polar gegen-
schnell wechseln, wird also leicht von ihnen domi- über (. Abb. 3.2). Bezogen auf die Urteilsachse
niert. Durch den Innenbezug ist sie aber stärker mit (Denken-Fühlen) hat demnach z. B. ein Mensch mit
dem Unbewussten verbunden und birgt die Mög- einer introvertierten Denkfunktion eine extraver-
lichkeit, Pforte zu diesem Bereich zu sein. Das ist tierte Fühlfunktion und umgekehrt. Auf der Wahr-
einer der positiven Aspekte der introvertiert einge- nehmungsachse (Empfinden-Intuieren) steht z. B.
stellten Funktion, die oft unterschätzt und gering eine extravertierte Empfindungsfunktion mit einer
gewertet wird. introvertierten Intuitionsfunktion im Gleichgewicht
und vice versa. Ein solcher Mensch wird mit seiner
extravertierten Fühlfunktion dazu neigen, das Krite-
Kriterien der extravertiert eingestellten rium des Angenehmen und des Wohlbefindens stark
Bewusstseinsfunktion in seine Entscheidungen einfließen zu lassen und
5 Der Interesse- und Libidostrom geht zu weniger oder verspätet sein introvertiertes Denken.
den äußeren Objekten. Mit seiner extravertierten Empfindungsfunktion ist
5 Schnelles Reagieren und Funktionieren ist er solide in der Realität verankert, wird aber mög-
möglich. licherweise dem Materiellen mehr Bedeutung ein-
5 Rascher Objektwechsel und rasche Be- räumen als der geistigen Welt mit ihren, für ihn oft
ziehungsaufnahme zum neuen Objekt ist irrationalen Zügen und nicht richtig greifbaren Ein-
die Regel, mit der Gefahr der Objektun- gebungen.
beständigkeit. Es ist eine von C. G. Jung aufgestellte Hypothese
5 Häufig differenzierter und geübter als die – und die psychologische Erfahrung bestätigt das –,
introvertierte Funktion, da die Extraversion dass sich bei jedem Menschen extravertierte und
im westlichen kulturellen Kontext höher introvertierte Funktionen die Waage halten. Jeder
bewertet ist und mehr gefördert wird. besitzt also zwei extravertierte und zwei introver-
tierte Ich-Funktionen. Daraus ergibt sich eine be-
grenzte Zahl von vier Konstellationen. Diese vier
20 Kapitel 3 · Die Orientierungsfunktionen des Ich – Der innere Kompass

extravertierte Intuition introvertierte Intuition

extravertiertes introvertiertes extravertiertes introvertiertes


Fühlen Denken Fühlen Denken
3
introvertiertes Empfinden extravertiertes Empfinden

introvertierte Intuition extravertierte Intuition

introvertiertes extravertiertes introvertiertes extravertiertes


Fühlen Denken Fühlen Denken

extravertiertes Empfinden introvertiertes Empfinden

. Abb. 3.3. Die vier Funktionskonstellationen

Möglichkeiten der Anordnung, sozusagen die An- herum geschieht, kann können wir auch hier die
lagebilder, sind in . Abb. 3.3 schematisch darge- unterschiedliche Reaktionsweise beobachten. Der
stellt. extravertierte »Denker« gründet sein Verhalten
Die Funktionskonstellation, also die Verteilung mehr auf seine – wenn auch noch unreifen – Über-
der extravertierten und introvertierten Funktionen, legungen als auf Gefühl und Gestimmtheit, wäh-
kann schon sehr früh bei einem Menschen beobach- rend bei den Mädchen und Jungen mit introvertier-
tet werden, sofern man über die nötige diagnostische tem Denken dieses meist auf den ersten Blick gar
Erfahrung verfügt. Bereits beim Kleinkind – sobald nicht sichtbar ist, weil es oft von der dazugehörigen
die Funktionen überhaupt in Erscheinung treten – extravertierten Fühlfunktion überlagert wird. Auch
können wir den introvertierten oder extravertierten bezüglich der Intuition können wir den sprudeln-
Objektbezug seiner Funktionen feststellen. den, nach außen dringenden Ideenreichtum der
Manche Kinder gehen in einem ihnen unbe- hierin extravertierten Kinder von der möglicher-
kannten Raum unbefangen und forsch auf neue Ge- weise genauso reichen, aber mehr verborgenen
genstände zu, hantieren furchtlos mit ihnen und Quelle der introvertiert-intuitiven Kinder unter-
erkunden schnell mit ihren Sinnen einschließlich scheiden.
des Betastens sämtliches Interieur (extravertierte Dabei zeigen die Beobachtungen, dass die in
Empfindungsfunktion). Andere Kinder dagegen frühster Kindheit gefundene Funktionskonstella-
brauchen Zeit und wagen sich erst nach und nach tion, also die Koppelung von Extraversion oder
behutsam an das ihnen fremde Spielzeug, obwohl Introversion mit der einzelnen Orientierungsfunk-
sie genauso neugierig sind (introvertierte Empfin- tion, über das ganze Leben beibehalten wird. Es
dungsfunktion). In der Kontaktaufnahme zu ande- scheint sich hier um eine Festlegung zu handeln,
ren Kindern oder zu Erwachsenen kann man gut die seit Geburt besteht und die möglicherweise
den extravertierten oder introvertierten Objektbe- angeboren ist. Der Erfahrene kann schon bei Säug-
zug der Fühlfunktion erkennen, da die Fühlfunk- lingen die Prädisposition hinsichtlich der Ich-Funk-
tion hauptsächlich die Beziehung gestaltet. Sobald tionen ausmachen, also noch bevor Außenfaktoren
die Denkfunktion stärker in Erscheinung tritt, was allzu prägend Einfluss auf das Kleinkind nehmen
bei Kindern etwa um die Zeit des Schuleintritts können.
3.3 · Die Funktionskonstellationen
21 3

»Genotyp« und »Phänotyp«. In den oben abgebilde- (Eine ausführliche Darstellung der Ich-Funktio-
ten vier Funktionskonstellationen kann sich jeder nen, von Extraversion und Introversion, der extra-
Einzelne von uns wieder finden. Das heißt aber vertierten und introvertierten Ich-Funktionen, eine
nicht, dass uns hiermit sofort eine neue Typologie sich aus der Funktionenlehre ableitende neue Neu-
zur Verfügung steht und vier deutliche Prägnanzty- rosenlehre sowie den Einfluss der Funktionskonstel-
pen unter den Menschen auszumachen sind. Es han- lationen auf die Therapie finden Sie in meinem Buch:
delt sich bei der jeweiligen Konstellation eher um »Therapeutisches Arbeiten mit dem Ich«, Adam
Anlagebilder, sozusagen um den Genotyp, der erst 2003.)
einmal wenig über das Erscheinungsbild nach außen
hin, den Phänotyp, aussagt. Denn verschiedene Be-
dingungen und Kriterien entscheiden darüber, wie
diese Anlagemuster zur Auswirkung kommen.
Durch erziehungsbedingte Betonung einzelner
Funktionen, durch Beeinträchtigung oder Verdrän-
gung anderer Funktionen durch Traumen oder
Komplexe, sowie durch selbstgewählte Präferenzen
und Übungsschwerpunkte kann das Erscheinungs-
bild für den vordergründigen Betrachter überlagert
sein. Es bestehen dann diagnostische Schwierigkei-
ten, die Funktionen in ihrer jeweiligen Einstellung
prima vista zu erkennen. Es ist große Übung erfor-
derlich, die Funktionskonstellation trotz der Verwi-
schungen festzustellen.
So kann z. B. bei einem Menschen eine einzige
Funktion so sehr im Vordergrund stehen, z. B. eine
extravertierte Fühlfunktion, dass sie das gesamte
Leben dieses Menschen zu beherrschen scheint und
seine anderen Funktionen kaum oder nur unterge-
ordnet sichtbar werden. Ein solcher Mensch reagiert
häufig und spontan auf äußere Situationen vom
Fühlen her, macht viele Fühläußerungen und nimmt
schnell Beziehungen zu vielen verschiedenen
Menschen auf. Die anderen Funktionen treten zu-
rück und sind in seinem Verhalten kaum erkenn-
bar.
Ein anderer dagegen hat in der Kindheit so vie-
le Verletzungen seines Fühlens erfahren, dass er als
Schutzreflex seine Denkfunktion übermäßig ent-
wickelt hat. Eine solche hypertrophierte Denkfunk-
tion, die auf alles mit einer rationalisierenden und
intellektualisierenden Haltung zugeht, kann eben-
falls das ganze Funktionssystem überwuchern, so-
dass die anderen Funktionen – besonders die Fühl-
funktion – weitgehend verkümmern und in ihrer
introvertierten oder extravertierten Ausrichtung
zunächst kaum auszumachen sind. Wir müssen
also auf den Unterschied von »Genotyp« und »Phä-
notyp« bei den Funktionen besonders achten.
4

4 Persona und Schatten


4.1 Die Persona – Unsere Rollenspiele – 24

4.2 Der Schatten – Das, was im Dunkeln liegt – 25


24 Kapitel 4 · Persona und Schatten

Nachdem wir das Ich mit seinen Orientierungsfunk- Maske, die der klassische Schauspieler vor sein Ge-
tionen kennen gelernt haben, wollen wir uns mit sicht hielt und durch die er hindurchsprach. Persona
zwei weiteren psychischen Strukturen beschäftigen, kommt von lat. personare = hindurchtönen.
nämlich mit der Persona und dem Schatten. Beide Jung (1971, GW 6) benutzte den Begriff, um damit
Begriffe wurden von Jung eingeführt, der empirisch ein Anpassungssystem zu bezeichnen, das die Verbin-
diesen Bereichen der Psyche auf die Spur kam und es dung zur Außenwelt herstellt. Die Persona ist weitge-
als eine Erleichterung für die Praxis empfand, mit hend ichbewusst und kann als der Teil des Ich ange-
ihnen zu arbeiten. Während die Persona ganz dem sehen werden, der den Mitmenschen zugewandt ist
4 Ich zugehörig ist und den Teilbereich des Ich um- und im sozialen Kontakt sichtbar wird. Viele äußerlich
fasst, der der Außenwelt zugewandt ist, leitet der erkennbare Charakterzüge werden von der Persona
Schatten zum Unbewussten über und gehört schon bestimmt. Wir nehmen diese Haltungen ganz bewusst
zum größten Teil zu diesem (. Abb. 4.1). ein und wollen sie der Umgebung gegenüber zeigen.
Neben dieser sehr sachlichen topographischen
Abbildung soll noch eine plastischere Illustration die Definition
Zusammenhänge zwischen Persona, Ich und Schat- Die Persona
ten veranschaulichen (. Abb. 4.2). Die Persona ist ein psychischer Funktionskom-
Hier ist die Persona bildhaft als Maske vor dem plex, der die Anpassung an die äußere Umge-
Ich dargestellt; als die »Maske«, die wir der Außen- bung, die Berufswelt und allgemein die Gesell-
welt zeigen. Unsere dunkleren Wesensanteile, unsere schaft garantiert. Sie ist der Teil des Ich, der
»Schattenseiten« – psychologisch gesprochen: der der Außenwelt zugewandt ist. Mit der Persona
Schatten – befindet sich zunächst unsichtbar hinter zeigen wir der Mitwelt die Charakterzüge
einem Vorhang bzw. »hinter den Kulissen«. und Eigenschaften von uns, die wir für sozial
verträglich und wünschenswert halten. Man
könnte mit der Persona auch das »Image«
4.1 Die Persona – Unsere bezeichnen, das wir bei anderen haben.
Rollenspiele

Der Ausdruck Persona stammt aus dem antiken Ein Beispiel für das Erscheinungsbild der Persona ist
Theater und bedeutet »Maske«. Er stand für die die jeweilige Berufsrolle. Die Menschen sind in ihrer
Funktion als Beamter, Rechtsanwalt, Arzt oder Mana-
ger oft anders als im privaten Bereich. Sie haben sich
Außenwelt an die Rollenerwartungen, die der jeweiligen beruf-
lichen Position entgegengebracht werden, angepasst
und füllen diese aus. Das ist im sozialen Miteinander
Persona auch in einem gewissen Maße notwendig.

Ich Die neurotische Identifikation mit der Persona.


Schwierig wird es nur, wenn das Individuum ganz in
Bewusstes
der Persona-Rolle aufgeht, sich also damit vollständig
Schatten
identifiziert. Die Verführung dazu ist gegeben, weil
die Identifikation mit einer äußeren Position oder
Rolle einem mit Zweifeln behafteten Ich scheinbare
Sicherheit gibt. So treffen wir immer wieder Men-
schen an, die sich ganz hinter ihrem Schalter, hinter
ihrer Uniform oder Berufsausrüstung verschanzen.
Unbewusstes Durch das Identischwerden mit der Persona wer-
den einerseits alle die Persönlichkeitszüge, die sozial
. Abb. 4.1. Ich, Persona und Schatten unerwünscht sind und die man den anderen nicht
4.2 · Der Schatten – Das, was im Dunkeln liegt
25 4

. Abb. 4.2. Ich, Persona und Schatten (»Lebensbühne«)

präsentieren möchte, ins Unbewusste – genauer: in mand, der beruflich ein rigides Rollenverhalten zeigt
den Schatten – verbannt. Andererseits leidet aber und seine ganze Identität aus der Berufsrolle bezieht,
auch – wie Jung (1971, GW 6) gezeigt hat – bei einer sich zu Hause oft kindisch und unbeherrscht verhält,
solchen Identifikation mit der Persona der Innenbe- was ein Ausdruck des unbewussten Dominiert-
zug zur gegengeschlechtlichen Seite in einem selber. werdens durch Animus oder Anima ist (weiteres zu
Es ist eine inzwischen vertraute psychologische Animus und Anima 7 Kap. 7).
Vorstellung, dass die Psyche hermaphroditischer
Natur ist und jede Frau eine männliche Seite und
jeder Mann eine weibliche Seite in sich hat. Jung hat 4.2 Der Schatten – Das, was im
diesen gegengeschlechtlichen Funktionskomplex in Dunkeln liegt
jedem Menschen Animus (bei der Frau) bzw. Anima
(beim Mann) genannt (7 Kap. 7). Der Schatten als Reservoir für Verdrängtes. Unter
Nun ist bei einer unkritischen Gleichsetzung der Schatten1 verstehen wir in der Analytischen Psycho-
eigenen Person mit der Persona, die wenig unter-
scheidendes Bewusstsein verrät, auch die Beziehung 1
Der Schatten ist nicht vollständig identisch mit dem Begriff
zu Animus bzw. Anima sehr unbewusst. Man ist des Freud´schen »Es«. Das »Es« ist unbewusst-triebhafter
dann auch von Animus bzw. Anima ununterschie- Natur, während der Begriff des Schattens nicht nur Trieb-
den. Jung hat das auf den Nenner gebracht, dass je- regungen sondern auch andere Inhalte umfasst.
26 Kapitel 4 · Persona und Schatten

logie den Persönlichkeitsanteil, der mit den be- sen, dass sich z. B. im Nationalsozialismus Energien
wussten Vorstellungen von uns selber nicht verein- aus den tiefen Schichten des Unbewussten, repräsen-
bar ist und deshalb ins Unbewusste abgedrängt ist. tiert durch Teile der germanischen Mythologie,
Hier sammeln sich all die Eigenschaften und Facetten durchgesetzt und ein ganzes Volk ergriffen haben.
unseres Wesens, die mit unseren bewussten Wert-
vorstellungen inkompatibel sind. Meistens sind das Der Schatten als organisierte Persönlichkeit. Ein
moralisch verpönte und mit unserem Selbstbild Beispiel aus der Praxis verdeutlicht den konkreten
nicht zusammenpassende »negative« Anteile. Im Schatten, auch wenn sich die Schattenaspekte eines
4 »Schattenbehälter« können aber auch positive Ele- Menschen selten so augenfällig in einer geschlos-
mente aufbewahrt werden, nämlich dann, wenn ein senen Schattenpersönlichkeit organisieren, wie in
Mensch mit Antipositionen, z. B. mit antisozialen diesem Fall.
Haltungen oder kriminellen Einstellungen innerlich Es handelt sich um einen Drogenabhängigen,
einig und identifiziert ist. Dann sind seine sozial und der es gegenüber seiner Freundin weitgehend schaff-
moralisch verträglichen oder positiven Bestrebun- te, seine »guten« Seiten zu zeigen und zu leben. Und
gen, sozusagen sein besseres Ich, in das Unbewusste er glaubte selber, dass er so sei. Er war ein gefühlvol-
des Schattens versenkt. ler Liebhaber und freundlicher Partner, solange er
die Spaltung durchhielt. Dagegen wurde er ein völlig
Definition anderer, wenn er im Entzug war. Dann fälschte er
Der Schatten Rezepte und brach in Gaststätten ein. Diesen Teil
Der Schatten ist ein psychischer Raum im ich- seiner Person, die für uns deutlich als Schatten im-
nahen Unbewussten, der alle aus dem Be- poniert, konnte er vor seiner Freundin weitgehend
wusstsein herausfallenden Elemente (weil sie verbergen und auch vor sich selbst verleugnen. Er
mit den bewussten Identifikationen unverträg- wurde sozusagen – wie in der Geschichte von Ste-
lich sind) aufnimmt und aufbewahrt. Der venson »Dr. Jekyll und Mister Hyde« – zu Zeiten von
Schatten erscheint manchmal wie eine konturi- seiner anderen Seite immer wieder überwältigt und
erte, eigenständige Persönlichkeit im Unbe- in diese verwandelt, wobei die voneinander abge-
wussten, in den meisten Fällen ist er aber eher spaltenen Persönlichkeiten sich gegenseitig fast un-
ein Bündel von Aspekten und Facetten, Nei- bekannt blieben.
gungen und Tendenzen, die aus dem Ich-Be-
wusstsein ausgeschlossen wurden. Der Schatten als Bündel von Einzelfacetten. So per-
sonifiziert ist aber der Schatten, der die abgedräng-
ten Persönlichkeitsanteile eines Menschen trägt,
Persönlicher und archetypischer Schatten. Der selten zu beobachten. Meist handelt es sich um
Schatten als psychisches Strukturelement fungiert disparate und vereinzelte Facetten, eben Schatten-
also als Reservoir im ichnahen Unbewussten und facetten, die gelegentlich hier und da in Erscheinung
enthält die eben genannten abgelehnten Kräfte. Er treten. Sie sind oft so unscheinbar und unauffällig,
reicht aber darüber hinaus in tiefere Schichten des dass sie im Leben eines Menschen unter normalen
Unbewussten, indem jener biographisch-individu- Bedingungen kaum auszumachen sind. Sie können
elle Bereich Anschluss an ähnliche Elemente in der aber in Extremsituationen aus diesen Durchschnitts-
Tiefe finden kann, die wir z. B. als das »absolut Böse« bürgern herausbrechen, wie die Massaker von sonst
bezeichnen. Dann können die persönlich »bösen« harmlosen Individuen unter Kriegsumständen zei-
Charakterzüge durch das archetypisch »Böse« des gen. Deshalb sind die Träume so wertvoll, die scho-
tieferen Unbewussten genährt und gesteigert nungslos nach und nach alle Schattenelemente
werden. offenbaren.
Als Beispiele seien Hitler oder Stalin genannt,
die das Töten zu einem unpersönlichen, kollektiven Entstehung des Schattens. Kein Mensch kann ohne
Mechanismus machten und es ideologisch verbräm- Schatten leben. Das Sprichwort »Wo viel Licht ist, ist
ten. Jung (1974, GW 10) hat überzeugend nachgewie- viel Schatten« drückt auch eine psychologische Wahr-
4.2 · Der Schatten – Das, was im Dunkeln liegt
27 4

heit aus. Mit dem Entstehen des Ich-Bewusstseins


kommt automatisch auch die psychische Struktur
des Schattens zur Welt. Denn mit dem bewussten
Unterscheiden und Sich-Identifizieren des Ich-Be-
wusstseins wird notwendigerweise ein Ausschnitt
gewählt. Alle anderen nicht gelebten Möglichkeiten
werden damit ins Unbewusste verbannt.
Bei C. G. Jung wurden Erkenntnisse und Entde-
ckungen oft von Träumen vorbereitet und begleitet.
So ebnete ihm auch der folgende Traum, aus dem
Beginn seiner Studienjahre in Basel, das Verständnis
vom Zusammenhang zwischen dem Ich-Bewusst-
sein und dem Schatten. Der Traum illustriert, dass
die Helligkeit des Bewusstseins einen Schatten wirft.
So etwas wiederholt sich jedes Mal, wenn ein neues
»Bewusstseinslicht« angezündet wird.

Traumbeispiel 1
Es war Nacht an einem unbekannten Orte, und
ich kam nur mühsam voran gegen einen
mächtigen Sturmwind. Zudem herrschte dich-
ter Nebel. Ich hielt und schützte mit beiden
Händen ein kleines Licht, das jeden Augenblick
zu erlöschen drohte. Es hing aber alles davon
ab, dass ich dieses Lichtlein am Leben erhielt.
Plötzlich hatte ich das Gefühl, dass etwas mir
nachfolgte. Ich schaute zurück und sah eine
riesengroße schwarze Gestalt, die hinter mir
herkam. Ich war mir aber im selben Moment
bewusst – trotz meines Schreckens –, dass ich,
unbekümmert um alle Gefahren, mein kleines
Licht durch Nacht und Sturm hindurch retten
musste.

Jung fährt in seinem autobiographischen Band (Er-


innerungen, Träume, Gedanken 1962, S. 92) fort:
»Als ich erwachte, war es mir sofort klar: es ist das
»Brockengespenst«, mein eigener Schatten auf den
wirbelnden Nebelschwaden, verursacht durch das
kleine Licht, das ich vor mir trug. Ich wusste auch,
dass das Lichtlein mein Bewusstsein war; es ist das
einzige Licht, das ich habe.«
5

5 Schicht für Schicht ins Unbewusste

5.1 Das persönliche Unbewusste – 31

5.2 Das kollektive Unbewusste und die Archetypen – 32


30 Kapitel 5 · Schicht für Schicht ins Unbewusste

Nachdem wir den Ich-Komplex genauer untersucht raum um die Geburt herum betrifft. Es ist mit dem
und mit dem Schatten den Übergang zum Unbe- Namen Otto Rank (1924) verbunden. In neuerer
wussten vollzogen haben, wollen wir nun dieses Un- Zeit hat sich Stanislav Grof (1975) um dieses perina-
bewusste in seiner gesamten Ausdehnung näher tale Unbewusste verdient gemacht. Genau genom-
betrachten. men müssen wir aber die embryonalen Stadien bei
Die Vorstellung eines Unbewussten ist heute ver- unserer Betrachtung mit hinzunehmen, da auch aus
trautes Gedankengut. Es ist gängiges Wissen gewor- dieser Zeit schon Engramme gespeichert werden
den, dass unser Wachleben mitunter von unbewuss- können. In den letzten beiden Jahrzehnten hat sich
ten Tendenzen unterwandert oder beeinflusst wird. unser Wissen um die Wahrnehmungsfähigkeit des
Dadurch entzieht sich unser Denken, Fühlen, Reden Embryos, die ja Voraussetzung für eine Engrammie-
5 und Tun immer wieder der bewussten Steuerung, rung und Speicherung im Unbewussten ist, enorm
wodurch z. B. die verschiedenen Fehlleistungen ihre erweitert. Wir können deshalb auch von einem em-
Erklärung finden. bryonalen Unbewussten ausgehen, das die unterste
Seit der Entdeckung und Ausarbeitung eines be- Schicht des persönlichen Unbewussten ausmacht.
stimmten Bereiches des Unbewussten durch Sig- Über das Gesamtleben des Individuums hinaus
mund Freud haben andere Forscher das Unbewusste geht das kollektive Unbewusste, das allen Menschen
weiter gefasst. Sie haben Hypothesen von tieferen gemeinsam ist und das – so das Postulat Jungs (1976,
Schichten des Unbewussten aufgestellt. GW 9/I) – vererbte Engramme aus allen Phasen der
Freud (1978) hatte sich mit dem Teil des Unbe- Stammesgeschichte in sich trägt. Es ist deshalb von
wussten beschäftigt, den wir aufgrund der Begren- ihm das kollektive oder transpersonale Unbewusste
zung auf die individuelle Geschichte des Menschen genannt worden.
als das biographische oder persönliche Unbewusste Die tieferen Schichten des Unbewussten sind der
bezeichnen wollen. Es ist zum großen Teil identisch eigentlich schöpferische Mutterboden unserer Psy-
mit dem Schatten. Es erstreckt sich vom Beginn der che, aus dem auch das Ich-Bewusstsein hervorgegan-
einzelnen Existenz bis zum jetzigen Lebensmoment. gen ist. Die gängige Vorstellung des Unbewussten als
Ein besonders wichtiger Teil dieses Abschnittes des »Kehrichtkübel«, in den alles vom Bewusstsein Ver-
Unbewussten ist dabei das Geburtstrauma oder all- worfene (Verdrängtes, Vergessenes usw.) hineinge-
gemeiner das perinatale Unbewusste, das den Zeit- raten ist, darf uns nicht den Blick dafür verstellen, das

das Ich-Bewusstsein
»Insel«
das persönliche
Unbewusste,

(Inselsockel)
Schatten

perinatales Unbewusstes
embryonales Unbewusstes

das kollektive Unbewusste

. Abb. 5.1. Das Ich-Bewusstsein und die Schichten des Unbewussten


5.1 · Das persönliche Unbewusste
31 5

Unbewusste als ein ungemein kreatives Potential zu Sie sind zwar im Moment unbewusst, aber deshalb
erkennen, in dem alle Entwicklungs- und Wachs- nicht unwirksam. Denn sie können Fehlleistungen
tumsprozesse ihren Ursprung haben. und – bei entsprechender Anstauung – eine neuro-
In . Abb. 5.1 ist das Ich-Bewusstsein durch den tische Fehlentwicklung auslösen. Ein harmloses Bei-
über den Wasserspiegel ragenden Teil einer Insel spiel ist der Lapsus Linguae, der als Versprecher ei-
dargestellt. Darunter, knapp unter der Wasserober- nen abgewehrten Triebwunsch verrät. Der trockene
fläche, schließt sich das persönliche Unbewusste an. und asexuell erscheinende Professor spricht dann in
Es kann in seinem unteren Bereich noch einmal in seiner zoologischen Vorlesung statt vom »Organis-
das perinatale und das embryonale Unbewusste un- mus« vom »Orgasmus« usw.
tergliedert werden. Der Festlandsockel, über den die Auch die Rolle von verdrängten Traumen oder
Insel mit anderen Inseln verbunden ist, symbolisiert negativen Erlebnissen für die Produktion von psy-
das kollektive Unbewusste, an das alle Menschen chischen Symptomen ist bekannt. So haben bei-
Anschluss haben. spielsweise Patientinnen, die in der Kindheit sexuell
Im Folgenden sollen die einzelnen Schichten missbraucht worden sind, jahrelang schwerwiegen-
des Unbewussten genauer dargestellt und erläutert de neurotische Symptome, z. B. eine Bulimie, Selbst-
werden. beschädigungstendenzen oder Zwangsphänomene,
wobei das ursprüngliche Trauma oft gar nicht mehr
oder nur noch teilweise erinnerbar ist. Erst durch
5.1 Das persönliche Unbewusste eine aufdeckende Psychotherapie können dann die
auslösenden Erlebnisse wieder zutage treten und
Dieses Unbewusste, dem sich besonders Freud ge- im günstigen Fall die Symptome langsam ver-
widmet hat, ist konzentriert auf den Raum der per- schwinden.
sönlichen Biographie und individuellen Erlebnis- Heute müssen wir auch verstärkt an die unbe-
sphäre. Das Unbewusste ist hier Auffangbecken für wussten Erinnerungsspuren aus den frühesten
Verdrängtes, unterschwellig Wahrgenommenes oder Phasen des persönlichen Unbewussten denken, an
Vergessenes. Alle Triebregungen, die unbewusst ge- das perinatale und embryonale Unbewusste. Die
worden sind, weil sie mit dem Bewusstsein nicht gut Bedeutung der Engramme während der Schwan-
vereinbar sind, liegen hier bereit. Unter dem Begriff gerschaft und rund um das Geburtsgeschehen sind
des Schattens hatten wir schon von diesem Teil des lange Zeit unterschätzt worden. Inzwischen wissen
Unbewussten Kenntnis genommen. wir, dass die Einflüsse während der Embryonal-
Das persönliche Unbewusste oder der Schatten ist zeit und der Geburt für das ganze Leben prägend
ein Reservoir für all diese genannten Elemente, denn sein können. Das Ungeborene hat eine viel größere
in der Psyche kann bekanntlich nichts verloren gehen. und viel früher einsetzende Empfindungs- und
In diesem »Sammelgefäß« ist alles Verdrängte und Erlebnisfähigkeit, als wir bisher angenommen
sind alle unbewussten Wunschregungen gespeichert. hatten. Nicht nur Geräusche, starke Erschütte-
rungen oder Krankheiten und Verletzungen der
Definition schwangeren Frau wirken auf den Embryo oder
Das persönliche Unbewusste Fötus, sondern sämtliche Einflüsse seitens der
Das persönliche Unbewusste umfasst all die Mutter wie ihre Stimmung, ihre Ernährung oder
psychischen Elemente, die im Laufe der indivi- eventuelle Noxen (wie Alkohol oder Nikotin). Die
duellen Lebensgeschichte erworben wurden. starke Einengung durch die Kontraktionen des
Diese Inhalte, die entweder nie völlig bewusst Uterus während der Geburt, die Abklemmung der
wurden (frühe Engramme, subliminal Wahrge- Nabelschnur während des Durchgangs durch den
nommenes) oder sekundär aus dem Bewusst- Geburtskanal und der vorübergehende Sauerstoff-
sein ausgeschlossen wurden (Vergessenes, Ver- mangel mit Erstickungsangst können Erlebnis-
drängtes), werden im persönlichen Unbewuss- muster des Betreffenden für sein ganzes Leben
ten aufbewahrt. mitprägen.
32 Kapitel 5 · Schicht für Schicht ins Unbewusste

ten Lebewesenwelt enthalten, denn wir sind – ab-


Inhalte des persönlichen Unbewussten wärts steigend – mit allen Primaten, Säugetieren,
5 Subliminal Wahrgenommenes, Wirbeltieren, Vielzellern usw. verwandt.
5 im Laufe des Lebens Vergessenes, Die Instinkte und die vererbbaren Muster des
5 Verdrängtes, mit dem Bewusstsein Inkom- physiologisch-animalischen Reagierens sind aber
patibles (verdrängte negative Erlebnisse, nur ein Pol dieses Kollektivgutes, das wir in uns tra-
unbewusste Triebregungen und Wunsch- gen. Der andere Pol sind Bereitschaften, ähnliche
vorstellungen, Inhalte des Schattens), Bilder und geistige Inhalte zu produzieren (s. unten).
5 Engramme aus der Embryonal- und Peri- Beide Pole umspannen das kollektive Unbewusste,
natalzeit. dessen Spektrum von der biologischen Instinktbasis
5 bis zu den seelischen Reaktionsbereitschaften und
zu der geistigen Symbolproduktion reicht.
Die Tatsache, dass bei allen Menschen – unab-
5.2 Das kollektive Unbewusste hängig von Rasse und Kultur und unabhängig von
und die Archetypen historischer Überlieferung oder Migration – aus dem
Unbewussten heraus ähnliche Bilder, Motive oder
Das schwindende Königreich des Ich. Vor der Ent- Erlebniskomplexe produziert werden können, kann
deckung des Unbewussten konnte sich das Ich als durch das kollektive Unbewusste erklärt werden.
Alleinherrscher in der Psyche fühlen. Schon die Er- Es könnten hier unzählige Beispiele angeführt
forschung des persönlichen Unbewussten durch werden wie die in allen Kulturen ähnlichen und ver-
Freud relativierte die Bedeutung des Ich. Er verwen- gleichbaren Götter- und Heldengestalten. Wir wol-
dete für das Verhältnis von Ich und Unbewusstem len uns auf ein Beispiel, und zwar auf einen Aspekt
das Eisberggleichnis. Bei einem Eisberg ist nur die des Urbilds der Großen Mutter beschränken: in der
Spitze über der Wasseroberfläche sichtbar und zehn Mythologie nahezu aller alten Völker gibt es die Vor-
Elftel liegen unter dem Wasserspiegel. stellung von der Muttergottheit als der »Herrin der
Schon innerhalb des persönlichen Unbewussten Tiere«. Nicht nur so vertraute Figuren wie Artemis-
hat die Annahme eines perinatalen und eines präna- Diana, die bis heute als Göttin der Jagd gilt, die Klei-
talen (=embryonalen) Unbewussten unsere Vorstel- ne Schlangengöttin Kretas oder die kleinasiatische
lungen von der Möglichkeit unbewusster Engram- Kybele stellen solche Inkarnationen der »Herrin der
mierung nochmals erweitert. Aber es ist vor allem Tiere« dar, sondern auch viele andere archaische
das Konzept des kollektiven (=transpersonalen) Un- Muttergottheiten aus allen Zonen der Erde, gleich ob
bewussten, das unser Verständnis von der Psyche es sich um die sumerische Lilith, die altägyptische
rigoros verändert hat. Der Herrschaftsbereich des Isis oder um indische Gottheiten handelt. Viele sich
Ich-Bewusstseins wird gegenüber diesen Dimensio- im Volksglauben weiterentwickelnde Göttinnen be-
nen noch stärker beschränkt. Andererseits bedeutet hielten tierhafte Attribute bei, oder es wurde ihnen
dies aber auch im Hinblick auf eine zukünftige Be- ein Begleittier zugesellt wie bei den meisten griechi-
wusstseinsentwicklung, dass neue und größere Er- schen und römischen Göttinnen.
weiterungsmöglichkeiten des Ich-Bewusstseins be- Über das kollektive Unbewusste ist die Mensch-
stehen, wenn aus diesen Quellen geschöpft wird. heit an eine gemeinsame Matrix (Keimschicht) und
Quelle angeschlossen, die prinzipiell von allen ange-
Das Konzept des kollektiven Unbewussten. Das zapft werden kann. Daraus resultiert die Gleichheit
Konzept des kollektiven oder transpersonalen Un- oder Parallelität der Ideen, Reaktionsweisen und
bewussten – wie es Jung formuliert hat – geht weit Symbole, die selbst dann aufzufinden ist, wenn die
über den Bereich der persönlichen Existenz hinaus Informationswege über das Bewusstsein (Erlerntes,
und reicht zurück in die ferne Vergangenheit der Wahrgenommenes, Gelesenes usw.) ausgeschlossen
Stammesentwicklung der Menschheit und der ge- sind. Das Wissen des kollektiven Unbewussten ist
samten Evolution. In der Struktur und der Physio- laut Jungs Hypothese ein phylogenetisch mitge-
logie des Körpers sind Erfahrungen fast der gesam- brachtes Erbe – im Gegensatz zu den in der Lebens-
5.2 · Das kollektive Unbewusste und die Archetypen
33 5

geschichte erworbenen Inhalten des persönlichen traut reagieren und später selber in uns mütterliche
Unbewussten. Deshalb können wir in dem mytholo- und väterliche Einstellungen entwickeln. Im Tier-
gischen Material der ganzen Welt vergleichbare Ge- reich steuert der Archetyp des Mütterlichen in
stalten (z. B. der mythische Held), Motive (z. B. das grundlegender Weise das Brut- und Aufzuchtsver-
Motiv der Suchwanderung) oder Situationen (z. B. halten von Weibchen und die korrespondierende
der Mythos vom Drachenkampf) finden. Reaktionsweise der Jungtiere. Auch beim Menschen
werden in der jungen Mutter dem Neugeborenen
Definition gegenüber vorgeprägte Bereitschaften aktiviert. Alle
Das kollektive Unbewusste Kulturen haben symbolische Darstellungen von
Das kollektive Unbewusste enthält allen Men- Mutterfiguren, von der einfachen Ernährerin bis
schen gemeinsame Inhalte und Strukturen, die zur Muttergottheit, hervorgebracht. All diese Sym-
aus der Phylogenese stammen. Es reicht vom bole, Mythen und anderen kulturellen Hervorbrin-
biologischen Pol ererbter Instinkte und ange- gungen reflektieren den Archetyp der Mutter oder
borener Auslösemechanismen bis zum geistig- des Mütterlichen, der wegen seiner überpersönli-
seelischen Pol hereditär (erblich) mitgebrach- chen mythologischen Zusammenhänge auch der
ter Bereitschaften, ähnlich psychisch zu reagie- Archetyp der Großen Mutter genannt wird.
ren oder ähnliche Symbole hervorzubringen. Die Archetypen sind also Strukturelemente des
Hierin hat das in den Hauptmotiven gleicharti- kollektiven Unbewussten, die in der Lage sind, Vor-
ge mythologische Material der gesamten Welt stellungen um sich herum zu gruppieren. Sie kön-
ihren Ursprung. nen in bestimmten Lebenssituationen oder Lebens-
phasen aus dem Unbewussten heraus prägend und
wirksam werden. Dass das Ungeborene und der
Die Archetypen. Das Konzept des kollektiven Unbe- Säugling ganz unter dem Einfluss des Mutterarche-
wussten ist ohne die Kenntnis von den Archetypen typs stehen, der im persönlichen Mutterbild kon-
nicht zu verstehen. Denn die Inhalte des kollektiven kret Gestalt annimmt, haben wir gerade erwähnt.
Unbewussten sind nicht gleichmäßig oder wahllos Später spielt sich eine weitere Entwicklungsetappe
in diesem Bereich der Psyche verteilt, sondern sind unter der Dominanz der Vaterarchetyps ab. Nach
um bestimmte Elemente herum konzentriert. Dies der Pubertät sind in der Faszination einer intensi-
sind die Archetypen, die dem Feld des kollektiven ven Verliebtheit die gegengeschlechtlichen Archety-
Unbewussten eine markante Struktur verleihen. Die pen des Männlichen bzw. Weiblichen wirksam, die
Existenz der Archetypen und die Hypothesen über umfassender sind als der jeweilige mütterliche oder
sie wurden ebenfalls von Jung (1976, GW 9/I) pos- väterliche Archetyp.
tuliert, für den sie eines der wichtigsten Forschungs- Ausgehend von den beiden Archetypen des
felder waren. Weiblichen und des Männlichen, die den chinesi-
Archetypen oder Urbilder sind nach Jung Domi- schen Prinzipien Yin und Yang vergleichbar sind,
nanten oder Themenschwerpunkte im kollektiven gibt es durch Aufgliederung der in diesen beiden
Unbewussten. Es sind Vorstellungskomplexe, Grund- Urbildern liegenden Möglichkeiten eine Unzahl un-
ideen oder typische Bilder, die jedem Menschen in tergeordneter Archetypen. Die Archetypen der wei-
der Struktur seines kollektiven Unbewussten einge- sen Frau, der Großen Mutter, der Hexe, der guten
boren sind. Angeboren ist aber nicht das konkret Fee, der Jungfrau usw. sind Unterformen des Arche-
ausgestaltete Bild, sondern nur eine Disposition, ge- typs des Weiblichen, so wie der alte Weise, der Große
eignete Bilder zu erzeugen, die den jeweiligen Ar- Vater, der Zauberer, der göttliche Knabe, der puer
chetyp veranschaulichen. aeternus usw. Auffächerungen des Archetyps des
So trägt z. B. jeder die urtümliche Vorstellung Männlichen sind (. Abb. 5.2).
von »Mutter« und »Vater« in sich. Beiden liegt ein
Archetyp zugrunde, nämlich der Archetyp des Müt-
terlichen und der des Väterlichen. Deshalb können
wir als Kinder auf Mütterliches und Väterliches ver-
34 Kapitel 5 · Schicht für Schicht ins Unbewusste

Taiguitu-Zeichen
Ganzheit
Symbol z. B. Hermaphrodit

Archetypen des
das das
Weiblichen
Weibliche Männliche und des
Männlichen

das das das das


Negativ-Weibliche Positiv-Weibliche Negativ-Männliche Positiv-Männliche
(Symbol z. B. Hexe) (Symbol z. B. Fee) (Symbol z. B. (Symbol z. B.
böser Zauberer) Heiler, Weiser)

usw.

. Abb. 5.2. Auffächerung der Archetypen

Definition
Der Archetypus
Ein Archetyp ist ein Urbild, eine Dominante
oder ein Motivschwerpunkt im Unbewussten.
Wenn auch selber primär unanschaulich, hat er
doch die Fähigkeit, thematisch gleichsinnige
Bilder und Vorstellungen zu erzeugen. Das
konkrete Bild, das anschauliche Symbol, der
einzelne Mythos usw. sind nicht mehr der Ar-
chetypus an sich, sondern schon seine Ausge-
staltung und Verbildlichung.
6

6 Die Komplexe des Unbewussten –


Sperrzonen in der Psyche

6.1 Allgemeines zum Komplex – 36

6.2 Wie äußern sich Komplexe? – 38

6.3 Einteilung pathogener Komplexe – 40


6.3.1 Biographische Komplexe – 41
6.3.2 Urkomplexe – 42
6.3.3 Archetypische Komplexe – 43
36 Kapitel 6 · Die Komplexe des Unbewussten – Sperrzonen in der Psyche

6.1 Allgemeines zum Komplex halten und zu verdichten. Die Komplexe sind somit
Anziehungspunkte für thematisch ähnliche Vorstel-
Was sind Komplexe? Wir haben eben die Archety- lungen bzw. genauer: sie beinhalten einen Leitge-
pen des kollektiven Unbewussten und damit Bei- danken mit der Bereitschaft, ähnliche Vorstellungen
spiele von komplexartigen Gebilden kennen gelernt. und Bilder hervorzurufen. Wir können uns den
Komplexe sind für die gesamte Psyche charakteris- Aufbau eines Komplexes so vorstellen, dass sich um
tische Strukturelemente. Im Bereich des Bewusst- sein Zentrum in zwiebelschalenförmiger Schich-
seins hatten wir bereits den Ich-Komplex untersucht. tung eine Fülle ähnlicher Bilder oder Inhalte an-
Im Folgenden beschäftigen wir uns nur noch mit ordnen.
den Komplexen im Unbewussten.
Die Inhalte im Unbewussten sind nicht homo- Definition
gen verteilt, sondern in den Komplexen zusam- Der Komplex
6 mengefasst. Wir können das mit der Kristallbildung
in einer Mutterlauge vergleichen. Sobald in eine
Ein Komplex ist ein natürliches Strukturele-
ment des Unbewussten, der sich aber neuro-
gesättigte Mutterlauge kleine Partikel, »Keime«, ge- tisch aufladen und somit pathogen werden
bracht werden, ordnen sich die bisher gelösten kann. Er besteht aus einer Ansammlung gleich-
Ionen um die Keime herum an, fallen aus und sinniger unbewusster Inhalte, die sich um ein
bilden geometrisch strukturierte Kristalle. Ähnlich archetypisches Kernelement (7 unten) grup-
»wachsen« Komplexe um »Keime« herum, die im pieren.
Unbewussten bereitliegen. Auf diese »Keime« oder
archetypischen Kernelemente im Zentrum des
Komplexes wird weiter unten noch näher eingegan-
gen (. Abb. 6.1). Beispiel
Beispiel negativer Vaterkomplex. Ein Beispiel
Komplex als Sammelstation verwandter Inhalte. kann dies besser verdeutlichen. Wir nehmen
Das Wort Komplex kommt von lateinisch Comple- einen negativen Vaterkomplex bei einem Pa-
xus, was »Umfassung, Umschließung, Umarmung, tienten an. Dies ist ein neurotischer Komplex,
Umschlingung« bedeutet. In dieser etymologischen der sich aufgrund einer Vielzahl unangeneh-
Ableitung des Wortes Komplex klingt sein konzen- mer und schlechter Erfahrungen am persön-
trierendes und komprimierendes Wesen an. Er hat lichen Vater gebildet hat. Der Patient ist schon
die Tendenz, immer mehr gleich gesinnte Inhalte 6
anzuziehen und in seinem Gravitationsfeld festzu-

. Abb. 6.1. Der Aufbau eines Kom-


plexes
6.1 · Allgemeines zum Komplex
37 6

denen Affektivität bekommen wir einen Eindruck,


als kleines Kind vom Vater brutal geschlagen wenn einmal unversehens die Verdrängung aufge-
und später immer wieder entwertet worden. hoben wird und die Affekte ins Bewusstsein durch-
Das Resultat war eine neurotische Fehlentwick- brechen. Solche durch heftige Gefühlsausbrüche
lung mit großer Gehemmtheit, einer Aggres- charakterisierten Komplexentladungen (7 unten)
sionshemmung, einer Autoritätsproblematik sind aber in der Regel fruchtlos und führen thera-
und psychosomatischen Störungen. peutisch kaum weiter.

Das archetypische Kernelement. Wie ein Kristall


In der Struktur dieses so entstandenen negativen Va- war im Laufe des Lebens unseres Patienten in seinem
terkomplexes liegen all die traumatischen Erinne- Unbewussten der negative Vaterkomplex gewach-
rungen, konzentrisch um einen Kern angeordnet, sen, der immer mehr verdrängte Inhalte, die der
bereit. Die meisten Erlebnisse stehen dem Patienten betreffende nicht im Bewusstsein ertragen konnte,
bewusst nicht zur Verfügung; sie sind verdrängt. Sie auffing. Was aber war der »Keim«, von dem der
warten aber im Unbewussten, und zwar zusammen- Kristallisationsprozess ausging und um den herum
gefasst im negativen Vaterkomplex. Bei der Annähe- sich die Inhalte gruppierten?
rung an diesen Komplex durch bewusstmachende Diese »Keime« finden wir in den vorgegebenen
Arbeit werden dem Patienten i. Allg. erst die zeitlich Strukturelementen des kollektiven Unbewussten,
weniger zurückliegenden und nicht so schwerwie- den Archetypen. Jeder Komplex, auch ein später ge-
genden Ereignisse einfallen, z. B. peinliche Bloß- bildeter biographischer, greift auf die »Keime« der
stellungen durch den Vater gegenüber den Freun- Archetypen zurück und baut das Komplexmaterial
den des Patienten. In der Sprache unseres Modells um diese Zentren herum (. Abb. 6.1). Kristallisa-
heißt das, dass das Bewusstsein zu den äußeren tionspunkt für jeden Komplex ist also ein Archetyp.
Schichten des Komplexes Zugang gefunden hat. Anders ausgedrückt: in jedem Komplex ist ein arche-
Dringt es in die tieferen Bereiche ein, wird es an typisches Kernelement zu finden.
frühe und tief verdrängte Reminiszenzen (Erin- Um zu unserem Beispiel zurückzukehren: Wel-
nerungsspuren) kommen, z. B. dass der Vater das ches ist der archetypische Ausgangspunkt bei dem
Kleinkind in einem Alkoholrausch und Wutanfall negativen Vaterkomplex unseres Patienten? Es ist
schwer misshandelte. natürlich der Archetyp des Vaters bzw. des Väterli-
chen überhaupt, wobei wir hier aber eine Spezifika-
Gefühlsbetontheit der Komplexe. An unserem tion vorliegen haben. Es ist das archetypisch Negativ-
Beispiel lässt sich auch ein weiteres wichtiges Kri- Väterliche, also der negative Pol des Archetyps des
terium von Komplexen verständlich machen: die Väterlichen, auch der »Furchtbare Vater« genannt.
affektive Aufladung seiner Inhalte. Die in den Beispiele dieses schrecklichen Großen Vaters
Komplexen gespeicherten Erinnerungen, Bilder und finden wir in der Mythologie aller Völker. In den
Vorstellungen sind nämlich affektgetönt, d. h. emo- Mythen hat ja die Menschheit die in der Psyche an-
tional brisant. Gerade weil sie so eine hohe Affekt- gelegten Archetypen in Form von Bildern und Er-
ladung tragen, mit der das Individuum bisher nicht zählungen ausgedrückt und ausgestaltet. In den
zurechtgekommen ist, mussten sie ja auch verdrängt griechischen Göttersagen z. B. wird dieser Archetyp
werden. durch den Götterahnherr Uranos, der seine Kinder
In der Therapie können die bisher im Unbe- hasste und sie unter die Erde verbannte, oder auch
wussten fixierten Gefühle – z. B. durch Traumarbeit durch den Gott Chronos, den Vater des Zeus, der
– bewusst gemacht und integriert werden, wodurch seine anderen Kinder verschlang, repräsentiert. Weil
die neurotischen Auswirkungen des Komplexes solch ein mächtiger Archetyp als Kernelement auch
nach und nach verschwinden. Eine solche Bewusst- einem biographisch geprägten Vaterkomplex zu-
machung sollte aber nur vorsichtig und peu à peu grunde liegt, reicht manchmal eine rein biographi-
geschehen. Nur selten ist ein kathartisches Abreagie- sche Analyse nicht aus, der Auswirkungen eines
ren angezeigt. Von der in den Komplexen gebun- solchen Komplexes Herr zu werden.
38 Kapitel 6 · Die Komplexe des Unbewussten – Sperrzonen in der Psyche

Wie stören Komplexe das Bewusstsein? Jung (1979, handelt sich hierbei um explosionsartige Ausbrüche
GW 2) stieß bei seinen Forschungen mit dem Asso- oder Gefühlsstürme, die beim Betreffenden ausgelöst
ziationsexperiment auf die Komplexe (genau genom- werden, wenn bei ihm zentral ein Komplex getroffen
men: auf die das Bewusstsein störenden Komplexe). wird. Die Abkapselung des Komplexes, die ein An-
In diesem Test sollten zu bestimmten Reizworten nähern an ihn bisher verhindert hatte, versagt dann,
sofortige Assoziationen geliefert werden. Jung und der energiereiche Inhalt wird eruptiv ins Ich be-
machte die spannende Entdeckung, dass es im Ein- fördert. Es saust ein Erregungssturm durchs Ich, z. B.
flussbereich der Komplexe, d. h. wenn die Reizworte in Form einer heftigen Wut oder eines anderen emo-
thematisch einen Komplex berührten, zu verlän- tionalen Ausbruchs. Jeder Mensch hat solche Trigger-
gerten Reaktionszeiten oder anderen Auffälligkeiten punkte zur Auslösung von Komplexen.
des Assoziationsexperimentes kam. Eine solche Komplexreaktion kuriert aber den
Das kommt dadurch zustande, dass die Komple- Komplex nicht. Sie bewirkt höchstens eine vorüber-
6 xe affektive Vorstellungen, also z. B. bestimmte Erin-
nerungsbilder und die daran geknüpften affektiven
gehende Entladung des Staus, verändert jedoch an
der Komplexstruktur und Komplexhaftigkeit insge-
Energien, in sich festhalten und nicht ins Bewusst- samt nichts.
sein lassen. Sie haben die Tendenz, verwandte Ein-
drücke und nahe liegende Assoziationen ebenfalls
dem Bewusstsein zu entziehen, damit dieses dem Merkmale von Komplexen
Komplex nicht zu nahe kommt oder unversehens auf 5 Komplexe sind Strukturelemente (»Kristalle
die verdrängten Inhalte stößt. So entsteht ein Sperr- in der Mutterlauge«) des Unbewussten.
bereich, wo das Bewusstsein nicht hinkommt und in 5 Sie enthalten thematisch zusammenge-
dessen Nähe es z. B. eine eigenartige Leere und Ein- hörige Vorstellungen, die gebündelt und
fallslosigkeit erlebt. konzentrisch angeordnet sind.
Auf diese Weise untergraben die Komplexe das 5 Ihre Inhalte sind gefühlsbetont, d. h. der
Funktionieren des Bewusstsein, was sich u. a. in den Komplex enthält eine Affektladung bzw.
erwähnten Störungen des Assoziationsexperimentes Affektenergie.
auswirkt. Es kann auch zu Fehlleistungen kommen, 5 Alle Komplexe enthalten ein archetypi-
z. B. können Namen oder Worte vergessen werden, sches Kernelement.
die im assoziativen Umfeld eines berührten Kom- 5 Die Komplexe führen ein Eigenleben
plexes liegen. gegenüber dem Bewusstsein und stehen
nicht unter seiner Kontrolle (Autonomie
Die Autonomie der Komplexe. All diese Effekte be- der Komplexe).
weisen, dass sich ein Komplex wie ein abgesprengter
Teil der Psyche verhält und ein Eigenleben führt.
Deshalb sprechen wir von der Autonomie der Kom-
plexe. Das Bewusstsein hat hier keine Gewalt und 6.2 Wie äußern sich Komplexe?
keinen Einfluss. Die bewusste Absicht, etwas Ent-
fallenes und Verdrängtes zu erinnern, eine Fehlleis- Komplexe sind zunächst einmal ein ganz normales
tung zu vermeiden oder ein neurotisches Symptom Phänomen in der Psyche und haben per se nichts
zu unterdrücken, greift daneben. Pathologisches an sich. Wir haben davon Kenntnis
Im Gegenteil: Oft übernimmt der Komplex die genommen, dass sich archetypische Bilder im kollek-
Führung und greift massiv ins Bewusstsein ein. Des- tiven Unbewussten als Komplexe sammeln und
halb konnte Jung (1971, GW 8, S. 114) auch aphoris- gruppieren. Die Archetypen bzw. archetypischen
tisch sagen: nicht wir haben die Komplexe, sondern die Komplexe sind sogar wichtige Steuerungszentren,
Komplexe haben uns. Am deutlichsten ist dies bei den die in ihrem biologischen Pol überlebenswichtige
sog. Komplexreaktionen oder Komplexentladungen, Verhaltensweisen ausreifen lassen und in ihrem psy-
die uns die Eigenständigkeit und die Eigentätigkeit chologischen Pol regulativ seelische Entwicklungs-
der Komplexe eindringlich vor Augen führen. Es phasen begleiten. Während Tiere ganz den Instink-
6.2 · Wie äußern sich Komplexe?
39 6

ten (biologischer Pol der Archetypen) unterworfen


Bewusstsein
sind, besteht beim Menschen zwar auch diese In-
stinktbasis, doch existieren hier mehr Freiheitsgra- das Ich-Bewusstsein
de, und der jeweilige Archetypus tritt eher in seinem
psychologischen Pol als psychische Reaktionsbereit-
schaft in Erscheinung (7 Kap. 5.2).
Komplexe sind zunächst einmal neutral. Sie kön- Unbewusstes
nen sich aber negativ oder positiv aufladen und sind
dann in der Psyche betont. Negative Komplexe ent-
halten »negative« Affekte wie Wut, Hass, Angst,
Bedrohlichkeit, Verzweiflung usw., während positive Störung des Ich durch Symptome
Komplexe durch »positive«, angenehme Gefühle
charakterisiert sind. Ein Beispiel für einen negativ
aufgeladenen Komplex ist der vorhin behandelte Aufladung des Komplexes
negative Vaterkomplex. Der gleiche Komplex kann durch biographische Erlebnisse
sich aber auch mit positivem Material anreichern, (oder anlagemäßig
aufgeladener Komplex)
sodass wir damit einen positiven Vaterkomplex mit
entsprechend positiv getönten Erinnerungen und
Erfahrungen am Vater vorliegen hätten. . Abb. 6.2. Vom Komplex zum Symptom
Die positive oder negative Aufladung eines
Komplexes sagt aber noch nichts darüber aus, ob er
sich neurotisch auswirkt. Stark negativ aufgeladene psychisches Störelement eingebürgert. Wir sprechen
Komplexe haben zwar in der Regel ein neuroto- z. B. von einem Minderwertigkeitskomplex, von ei-
genes Potential: Sie produzieren meist psychische, nem Autoritätskomplex, von einem Mutterkomplex
psychosomatische oder noch schwerere Symptome usw. Aber durch diese auffälligen – in irgendeiner
(7 unten). Negativ aufgeladene Komplexe können Weise pathologischen – Komplexe sind wir über-
aber auch klinisch unterschwellig bleiben und im haupt erst auf die Komplexstruktur der Psyche
Alltag kaum stören. Auch bei den positiv aufgelade- aufmerksam geworden.
nen Komplexen müssen wir untersuchen, inwieweit Jeder Mensch hat Komplexe, die mehr oder we-
sie Störungen verursachen, ehe wir sie als neurotisch niger stark aufgeladen sind oder sogar eine neuroti-
bezeichnen dürfen. Ein positiver Vater- oder Mutter- sche Qualität haben (. Abb. 6.2). Manchmal verur-
komplex kann sogar mit einem gehobenen Lebens- sachen sie nur unter bestimmten Bedingungen neu-
gefühl einhergehen und viele günstige Kräfte zur rotische Symptome, z. B. unter Stressbedingungen
Entfaltung bringen. So haben z. B. Künstler häufig oder bei einer Schwächung des Organismus, also
einen positiven Mutterkomplex, der einen Teil ihrer bei reduzierter Vitalität wie körperlicher Krankheit.
kreativen Energien ausmacht und sie aus reichen un- Hierzu hat C. G. Jung (1971, GW 8) einmal folgen-
bewussten Quellen schöpfen lässt. Erst wenn der des Bild gebraucht: Die potentiell neurotischen
positive Komplex z. B. mit einer zu starken Bindung Komplexe, die im gesunden, vitalen Lebensfluss
an die persönlichen Eltern gekoppelt ist und dadurch nicht zur Geltung kommen, treten wie am Grunde
die eigene Entwicklung unterbrochen wird, kann er eines Stromes liegende Steine zutage und bilden
sich pathogen auswirken. Wir haben dann bei Män- sichtbare Strömungshindernisse, wenn sich die
nern einen Muttergebundenen oder Muttersohn vor Lebensenergie insgesamt abschwächt und – bild-
uns, der vielleicht unfähig ist, eine Partnerschaft mit lich gesprochen – der Wasserpegel des Lebensstro-
einer Frau einzugehen, der auf einer oral-süchtigen mes sinkt. Hierzu gehört auch die Erfahrung, dass
Ebene fixiert ist oder dergleichen mehr. die Reizschwelle für unangepasstes Reagieren bei
In der Umgangssprache allerdings wird der Aus- Erschöpfung niedriger liegt und die eckigen und
druck Komplex (»jemand hat Komplexe«) nicht problematischen Seiten der Persönlichkeit schärfer
neutral verwandt, sondern hat sich als Begriff für ein hervortreten können.
40 Kapitel 6 · Die Komplexe des Unbewussten – Sperrzonen in der Psyche

Wie kommen die neurotischen Symptome durch tigen Verfolgern ausgeliefert ist, dass Dämonen mit
die Komplexe zustande? Dies wird erst verstehbarer, übersinnlichen Kräften auf einen wirken usw. stam-
wenn wir uns mit der »psychischen Energetik« ver- men aus negativ aufgeladenen archetypischen Kom-
traut gemacht haben und uns eingeleuchtet hat, dass plexen.
die Psyche ein Energiesystem ist (Genaueres 7 Kap. 8)
Wir wollen hier nur so viel sagen, dass die neuroti-
schen Komplexe Energie festhalten, die dadurch Störungen durch pathogene Komplexe
dem psychischen Gesamtkreislauf und vor allem 5 Neurotische Symptome
dem Ich-Bewusstsein nicht mehr zur Verfügung 5 Psychosomatische Symptome
steht. Im Falle des negativen Vaterkomplexes waren 5 Borderline-Symptome
es Affektenergien, intensive Gefühle von Schmerz, 5 Psychotische Symptome
Erniedrigung und ohnmächtiger Wut, die hier im
6 Unbewussten gebunden blieben. Damit fehlt dem
Individuum aber auch bei anderen Gelegenheiten Wann sind Komplexe pathogen? Wir werden gleich
die nötige »Power«, da die Unterdrückung schnell noch weitere Komplexe kennen lernen (7 Kap. 6.3).
auf fast alle Gefühle generalisiert und die Emotio- Jeder körperliche Trieb, jede Entwicklungsphase
nalität auch in ihren positiven Facetten reduziert ist. und jeder Archetypus kann zum Ausgangspunkt für
Sie bricht nur noch ich-dyston – d. h. gegen den Wil- Komplexe werden.
len des Ich – in Komplexentladungen durch. So kön-
! Wann ein solcher autonomer Komplex
nen die Neurotizismen überhand nehmen.
als pathogen einzustufen ist, ist eine prak-
Dieser Effekt verstärkt sich mit der Zeit noch, da
tische therapeutische Frage.
die Komplexe – wie die Salzkristalle in einer Lösung
– die Tendenz haben zu wachsen. Assoziativ nahe Das Kriterium dürfte das Ausmaß der erzeugten
stehende Inhalte werden angezogen und im »Gravi- Symptome und Beeinträchtigungen sein, eben
tationsfeld« des Komplexes einbehalten. Der Spiel- Störungen von Krankheitswert. Je nach Umfang und
raum des Bewusstseins engt sich so mehr und mehr Intensität des Komplexes werden graduelle Unter-
ein. Der Patient mit dem negativen Vaterkomplex schiede zu beobachten sein. Angefangen von klinisch
kann dann bei allem, was mit Autorität, Vorgesetz- indifferenten Komplexen über Fehlleistungen ohne
ten, Obrigkeit usw. zusammenhängt, nicht mehr Krankheitswert, zu umschriebenen Symptomen,
unbefangen und normal reagieren, sondern nur funktionellen und psychosomatischen Symptomen
noch komplexhaft oder komplexgetroffen, worunter bis hin zu generalisierten Neurosen oder sogar psy-
er selber am meisten leidet. Die Störung ist zu einer chotischen Störungen ist alles möglich.
Neurose ausgewachsen, hat Krankheitswert er-
halten.
Zu den pathogenen Komplexen gehören in er- 6.3 Einteilung pathogener
ster Linie die Neurosen hervorrufenden Komplexe, Komplexe
die wir kurz neurotische Komplexe genannt hatten.
Je nach »Größe« oder Massivität des Komplexes Wie lassen sich die pathogenen Komplexe eintei-
können aber auch schwerere Störungen entstehen, len? Wir wollen hier nur eine Auswahl von Kriterien
wie z. B. Borderline-Syndrome oder sogar Psychosen. vorstellen, nach denen wir die Komplexe klassifi-
Bei einer paranoiden Psychose ist das Ich inflatio- zieren. Einmal ist es hilfreich, die psychosexuellen
niert, d. h. es wird von archetypischen Inhalten – z. B. Entwicklungsphasen nach Freud – wie Oralität,
aus dem negativen archetypischen Mutterkomplex Analität und Ödipalität – heranzuziehen, um die
– überflutet. Hier sind es nicht allein oder nicht in Vielzahl der Komplexe zu ordnen (oraler, analer,
erster Linie Engramme aus dem persönlichen Unbe- Ödipuskomplex usw.). Eine weitere Möglichkeit
wussten, sondern Inhalte aus dem kollektiven Unbe- besteht darin, die unbewusste Bindung an die Eltern
wussten, die das Ich beherrschen. Die Vorstellungen, zu betrachten (Elternkomplexe: Mutter- und Vater-
dass die Nahrung vergiftet ist, dass man übermäch- komplexe).
6.3 · Einteilung pathogener Komplexe
41 6

Als Drittes ziehen wir das Konzept der vier


Urkomplexe (Angst-, Schuld-, Rivalitäts- und Be- 5 negativer Vaterkomplex,
gabungskomplex) heran, das von Eschenbach (1996) 5 positiver Vaterkomplex.
vorgeschlagen wurde. Von ihnen können die ersten 3. Urkomplexe
drei Ausgangspunkt für psychische Störungen wer- 5 Angstkomplex,
den, während der Begabungskomplex in der Regel 5 Schuldkomplex,
eine rein positive Energiequelle ist und sich nur seine 5 Rivalitätskomplex.
mangelnde Verwirklichung hemmend auf das Leben 4. Archetypische Komplexe, negativ oder
auswirkt, da der betreffende unter seinen Möglich- positiv aufgeladen (Auswahl)
keiten bleibt. 5 matriarchaler Komplex,
Die Komplexe der psychosexuellen Entwicklung 5 patriarchaler Komplex.
haben ihren Schwerpunkt im persönlichen Unbe-
wussten und sind durch überwiegend biographi-
sches Material geprägt. Ähnlich ist es bei den Eltern- In der . Abb. 6.3 ist der Bereich zwischen dem Ich
komplexen. Die Urkomplexe sind nach Eschenbach und dem Selbstzentrum, zwischen denen die Kom-
angeboren und werden pathogen, wenn sie sich stark plexe in den verschiedenen Schichten des Unbe-
aufladen. Sie stammen aus der frühesten Zeit bzw. wussten liegen, in einem topographischen Modell
untersten Schicht des persönlichen Unbewussten aufgespannt. Dass alle Komplexe einen archetypi-
und dem Übergangsfeld zum kollektiven Unbewuss- schen Kern haben, ist dadurch dargestellt, dass sie zu
ten. Alle bisher genannten Komplexe haben zwar einem Kernelement im kollektiven Unbewussten hi-
einen archetypischen Kern, doch die in der Lebens- nabreichen.
geschichte erworbenen Anteile überwiegen. Anders
ist es bei den archetypischen Komplexen, die ich als
letzte Gruppe erwähnen möchte. Hierzu gehören 6.3.1 Biographische Komplexe
die pathogen aufgeladenen Komplexe des Arche-
typisch-Mütterlichen und des Archetypisch-Väter- Dazu gehören zum einen die Komplexe der psycho-
lichen, die wir in Unterscheidung zu den biogra- sexuellen Entwicklungsphasen, zum anderen die
phischen Mutter- und Vaterkomplexen deshalb »ma- Elternkomplexe.
triarchaler« und »patriarchaler Komplex« nennen
wollen. Hier dominiert – wie vorhin im Fall einer Komplexe der psychosexuellen Entwicklung. Der
Psychose erwähnt – das archetypische Material. orale, anale und ödipale Komplex entspricht den
Fixierungen auf oralem, analem oder ödipalem
Niveau. Wir können dazu auf die psychoanalytische
Einteilung der pathogenen Komplexe Phasenlehre von Freud (1978) zurückgreifen. Sie
1. Komplexe aus der psychosexuellen Ent- besagt, dass in der kindlichen Entwicklung verschie-
wicklung dene Phasen durchlaufen werden und die psycho-
5 oraler Komplex (z. B. bei Essstörungen, sexuelle Libido (7 Kap. 8) sich auf oralem, analem,
Süchten), ödipalem und genitalem Niveau manifestiert. Dies
5 analer Komplex (z. B. bei der Zwangs- zeigt, dass die Lebensenergie nicht gleichmäßig und
neurose), übergangslos voranschreitet, sondern im Gegenteil
5 ödipaler Komplex (z. B. bei Konversions- diskontinuierlich, indem sie sich in den einzelnen
symptomatik, Hysterie; sexueller Kom- Lebensaltern fast sprunghaft der verschiedenen Or-
plex mit Sexualstörung). gansysteme und deren psychischer Äquivalente1 be-
2. Elternkomplexe
5 negativer Mutterkomplex, 1
Z. B. ist die Oralität, also das auf Mund, Saugen, Beißen, Essen
5 positiver Mutterkomplex, und Aufnehmen bezogene Verhalten und Erleben, das psy-
6 chische Äquivalent des ersten Abschnittes des Magen-Darm-
Traktes.
42 Kapitel 6 · Die Komplexe des Unbewussten – Sperrzonen in der Psyche

Bewusstsein

das Ich

persönliches Unbewusstes

biographische Komplexe

6 Urkomplexe

kollektives Unbewusstes

archetypische
Komplexe

Selbstzentrum

Die Spitzen der Kegel veranschlaulichen, dass alle Komplexe einen archetypischen
Kern, d. h. ihre Wurzeln im kollektiven Unbewussten haben.
. Abb. 6.3. Die Struktur der Psyche I. (Mod. nach Eschenbach 1996)

mächtigt. So bedeuten die Manifestationsformen der schen Entwicklung, aus der Latenzzeit, aus der Pu-
Libido auf oralem, analem, ödipalem und genitalem bertät und Adoleszenz, können sich Komplexe
Niveau Prädilektionspunkte oder »Sollbruchstellen« herleiten.
für neurotische Komplexe. Wird an diesen Knoten-
punkten das natürliche Fortschreiten der Libido be- Elternkomplexe. Ebenso wie die eben aufgezählten
hindert – wenn hier z. B. infantile Fixierungen ent- stammen auch die Elternkomplexe aus der Kind-
standen sind –, so ergeben sich Kristallisationskeime heitsentwicklung. Sie überschneiden sich teilweise
für pathogene Komplexe. Wir sprechen dann von mit den Komplexen der psychosexuellen Entwick-
einem oralen, einem aggressiven (auf oralem oder lung.
analem Niveau), vom Ödipus- oder von einem se- Bei den Elternkomplexen unterscheiden wir
xuellen Komplex. zwischen dem jeweiligen positiven und negativen
Beispielsweise können eine Mangelversorgung Komplex. Ein positiver Vaterkomplex einer Frau z. B.
und ungenügende Bemutterung (emotionale Defi- impliziert zusätzlich zur unbewussten Vaterbindung
zite) im ersten Lebensjahr zu einem oralem Komplex auch eine bewusste Idealisierung und Überhöhung
führen. Entsprechend kann es zu Fixierungen auf des Vaters. Im negativen Modus dagegen wird kom-
den anderen Entwicklungsstufen kommen. pensatorisch zur inneren Abhängigkeit der Vater be-
Aber nicht nur aus der eben beschriebenen kör- wusst abgelehnt, und all seine Werte werden verneint.
perlichen und somatopsychischen Entwicklung lei- Entsprechend bejaht der positive Mutterkomplex
ten sich Komplexe ab. Auch aus der weiteren psychi- die Bindung an die Mutter, während im negativen
6.3 · Einteilung pathogener Komplexe
43 6

Fall versucht wird, die mütterliche Dominanz durch


Verachtung, Vermeidung oder bewusste Distanzie-
rung abzuschütteln. Unabhängig vom Vorzeichen
liegt in jedem Fall eine unbewusste Verstrickung
und Fesselung an die Elternfigur vor. Die Attribute
»positiv« oder »negativ« beschreiben mehr die äußere
Phänomenologie und reflektieren die Tatsache, dass
im ersten Fall überwiegend positiv getönte und im
zweiten Fall überwiegend negativ getönte Erfahrun-
gen an den Eltern gemacht wurden.

6.3.2 Urkomplexe

Die von Eschenbach (1996) postulierten Urkom-


plexe (Angst-, Schuld-, Rivalitäts- und Begabungs-
komplex) reflektieren existentielle Grundweisen des
menschlichen Reagierens. Aus ihnen können patho-
gene Komplexe mit z. T. schwerer Symptomatik wer-
den, wie z. B. die Angsterkrankungen oder psychi-
sche Störungen mit großen Schuldgefühlen zeigen
(z. B. manche Depressionen).

6.3.3 Archetypische Komplexe

Dass auch die Archetypen selber sich zu pathogenen


Komplexen entwickeln können, ist schon erwähnt
worden. Das ist dann möglich, wenn der an sich am-
bivalente, also positiv-negative Archetyp einseitig
aufgeladen ist, sodass z. B. sein negativer Charakter
überwiegt und ganz das Erleben des Individuums
prägt. Gesetzt den Fall eines negativen archetypi-
schen Mutterkomplexes (negativer matriarchaler
Komplex) sind hier die Weltsicht und die Befindlich-
keit ganz misstrauischer, ängstlicher und schwarz-
seherischer Natur, möglicherweise bis hin zu einer
extremen Einstellung, die Umgebung als vergiftet,
lebensfeindlich und bedrohlich wahrzunehmen.
Das Dasein wird als ungeborgen und zerstörend
erlebt.
7

7 Anima und Animus –


die androgyne Natur der Psyche

7.1 Der gegengeschlechtliche Archetyp – 46

7.2 Die Aufgaben von Animus und Anima – 47


46 Kapitel 7 · Anima und Animus – die androgyne Natur der Psyche

7.1 Der gegengeschlechtliche den Frau und Mann – ursprünglich und überwie-
Archetyp gend als einen Komplex unbewusster Inhalte – in
sich bergen. In der Alltagspsychologie haben wir uns
Um die Ausführungen über die Struktur der Psyche längst mit der Vorstellung angefreundet, dass jeder
abzuschließen, befasst sich dieses Kapitel mit dem Mensch auch eine gegengeschlechtliche Seite in sich
gegengeschlechtlichen Archetyp. Das ist der wichti- hat, dass der Mann weibliche und die Frau männ-
ge Funktionsbereich des Animus (bei der Frau) bzw. liche Anteile in sich tragen, die mehr oder weniger
der Anima (beim Mann).1 entwickelt und bewusst sind. So gesehen sind wir
Ausgehend vom Ich-Komplex mit seinem An- von der seelischen Anlage her »Zwitter«, da auch der
passungssystem nach außen hin, der Persona, und heterosexuelle Part psychisch in uns vorhanden ist.
dem ans Ich anschließenden unbewussten Bereich, Animus und Anima leiten sich von den Archety-
dem Schatten, waren wir weiter ins Unbewusste vor- pen des Männlichen und des Weiblichen ab. Sie sind
gedrungen. Dabei hatten wir von im persönlichen allerdings auf die »Partnerebene« begrenzt, d. h. sie
Unbewussten (biographisch) entstandenen Komple- werden (z. B. im Traum) symbolisch im Allgemei-
xen erfahren, von den Urkomplexen und schließlich nen durch ungefähr gleichaltrige Figuren dargestellt.
7 von den Archetypen des kollektiven Unbewussten, Die Archetypen des Männlichen und des Weiblichen
die sich als Kernelemente für alle Komplexe an- umfassen dagegen auch den (jüngeren) Kindpol und
bieten. den (älteren) Vater- bzw. Mutterpol.
Sehr tief, in der Nähe des Selbstzentrums, hat Animus und Anima sind selber Archetypen mit
auch der gegengeschlechtliche Archetyp – das ist bei – wie bei jedem Archetyp – zunächst unanschauli-
der Frau der sog. Animus und beim Mann die sog. cher Anlage (7 Kap. 5.2). Sie werden im Laufe des
Anima – seinen Ursprung. Er nimmt unterhalb des Lebens mit konkreten Bildern gefüllt und sammeln
Schattens einen breiten Raum im Unbewussten ein eine Menge biographischer Erfahrungen an.
und reichert sich im Laufe des Lebens mit konkreten Das uns eingegrabene unbewusste gegenge-
Erfahrungen und Bildern an. schlechtliche System (Animus bzw. Anima) wird
Die in 7 Kap. 6.3 vorgestellte . Abb. 6.3, die sich z. B. dann aktiv, wenn wir uns verlieben. Wie alles
auf die pathogenen Komplexe konzentrierte, ist hier Unbewusste werden auch Animus und Anima zu-
um alle genannten Strukturen der Psyche erweitert erst in der Projektion erfahren. Dies ist bei einer
worden (. Abb. 7.1). großen Faszination und Verliebtheit der Fall. Es
wird dann nur z. T. der reale andere erfahren; in
Zur Definition von Animus und Anima. Mit Animus erster Linie erfahren wir uns selbst, nämlich unser
und Anima bezeichnete Jung (1971, GW 6) das in- gegengeschlechtliches Innenbild. Am lebendigen
nere Bild, das die Frau und der Mann vom anderen Beispiel der Verliebtheit können wir wohl am besten
Geschlecht in sich tragen. Es ist ein Wissen um den einen Eindruck von den mächtigen archetypischen
Grundtypus des Männlichen bzw. des Weiblichen, Energiefeldern des Animus bzw. der Anima be-
kommen.
1
In einem neueren Ansatz werden Animus und Anima von der Dabei stehen in der inneren Beziehung der Ani-
Bindung an die weibliche bzw. männliche Person losgelöst mus- bzw. Animabereich dem weiblichen oder
und als archetypische Qualitäten allen Menschen unabhän- männlichen Ich jeweils polar gegenüber. Das heißt
gig vom Geschlecht zugeschrieben (7 Kast 1984, Paare,
die Frau hat ihr Gegenüber in ihrem Animus, der
S. 157–177). Dieser Diskussionsbeitrag hat u. a. das Verdienst,
mit vielen früher bestehenden Vorurteilen und geschlecht-
Mann entsprechend in seiner Anima. Es ist eine sich
spezifischen Negativwertungen innerhalb des Animus-/ gegenseitig ergänzende Beziehung des Ich-Bewusst-
Animakonzeptes aufgeräumt zu haben, wo besonders der seins zu einem zentralen Bereich des Unbewussten,
Animus der Frau häufig abfällig tituliert wurde. Bezüglich der niemals vollständig bewusst gemacht werden
dieser Hypothese, Animus und Anima beiden Geschlechtern
kann.
zuzuordnen, ist aber einzuwenden, dass damit die spezifische
Polaritätsbeziehung des Ich zum gegengeschlechtlichen
Unbewussten (7 unten) verloren geht. Zu diesem Thema
7 auch Stevens (1993) Das Phänomen Jung, S. 288–296.
7.2 · Die Aufgaben von Animus und Anima
47 7

Bewusstsein
Persona

Ich

persönliches Unbewusstes
Schatten

biographische Komplexe

Urkomplexe
kollektives Unbewusstes

archetypische
Komplexe

Animus bzw. Anima

. Abb. 7.1. Die Struktur der Psyche II. (Mod. nach Eschenbach 1996)

Definition und die Beziehung zum anderen Geschlecht. Er er-


Animus und Anima möglicht die Anpassung an den Partner bzw. die
Wir verstehen unter Animus bzw. Anima den Partnerin sowie an alle Menschen des anderen Ge-
gegengeschlechtlichen archetypischen Kom- schlechts.
plex in der weiblichen bzw. männlichen Psy- Beim Mann entscheidet das Funktionssystem
che. Alle primär unbewusst männlichen Anteile der Anima auch darüber, wie die Qualität seiner
in der Frau und alle primär unbewusst weibli- Beziehungen ist. Die Anima des Mannes ist oft
chen Anteile im Mann werden unter dem Funk- (aber nicht zwangsläufig) mit seinem Fühlen ver-
tionsbereich des Animus bzw. der Anima zu- bunden und entscheidet über sein Einfühlungsver-
sammengefasst. mögen und seine Fähigkeit, dem anderen zuzuhö-
ren, seine Signale zu empfangen und ihn zu respek-
tieren.
Bei der Frau vermittelt das Funktionssystem des
7.2 Die Aufgaben von Animus Animus den Zugang zum Geistigen und Schöpferi-
und Anima schen. Dies ist aber nicht unbedingt an die Denk-
funktion geknüpft, die auch ohne Entwicklung des
Biologisch gesehen steuert dieser Archetyp als ein Animus schon hoch entwickelt sein kann. Der zu-
autonomer Komplex in der Psyche die Paarbildung nehmende Bezug zum Animus kann aber bei einer
48 Kapitel 7 · Anima und Animus – die androgyne Natur der Psyche

Frau mit der weiteren Differenzierung der Denk- leben ein, indem das Ich unbewusst von diesem in-
funktion einhergehen. neren Komplex dominiert wird.
Das sind aber nicht die einzigen Aufgaben von So kann ein Mann unbewusst von der Anima
Animus und Anima. Im Innenbezug der Psyche stel- dominiert sein und sprunghaft merkwürdige femi-
len sie den Kontakt zum eigenen Unbewussten her. nine Züge (im Gegensatz zu integrierter Weiblich-
Sie sind Führer oder Führerin hin zu diesem Bereich. keit) aufweisen. Wir sprechen dann von einer unbe-
Diese Anschauung geht auf Jung (1972, GW 12) zu- wussten Identifikation mit der Anima oder einer
rück, für den sie sich aus der Empirie der tiefenpsy- »Animabesessenheit«, die habituell oder vorüber-
chologischen Arbeit ergab. Eine literarische Figur, gehend sein kann.
die diese Führerschaft des Gegengeschlechts verkör- Eine Frau kann dagegen unbewusst männlich
pert, ist Beatrice aus Dantes »Göttlicher Komödie«. identifiziert sein (»Animusbesessenheit«) und zwar
Für Dante war Beatrice – ein Symbol seiner Anima ebenfalls habituell oder als gelegentliche Erschei-
– die Leitfigur bei seiner Wanderung durch die nung. In jedem Fall kann sich die unbewusste Iden-
verschiedenen Sphären (symbolisch: des Unbe- tifikation mit dem Animus bzw. das Dominiertwer-
wussten). den durch ihn z. B. in einer überkritischen, rein
7 negativen und rigiden Bewusstseinshaltung aus-
drücken.
Die Aufgabe des Animus in der Frau
! Ich möchte aber betonen, dass dies Nega-
Für die Frau vermittelt der Animus
tiverscheinungen von Anima und Animus
5 die Beziehung zum Mann,
sind, die das unbewusste Wirken dieser
5 den Kontakt zur Geistigkeit (Logos-
Komplexe spiegeln und eigentlich Verzer-
Bereich),
rungen dieser energiereichen und schöp-
5 die Fähigkeit einzudringen (im geistigen
ferischen Bereiche in der Psyche sind.
Sinne, »Phallus«-Funktion),
Anima und Animus stellen primär positive
5 den Kontakt zum und die Führung ins
Potentiale dar, die aber erst mit zuneh-
Unbewusste.
mender Bewusstheit ihre vorteilhaften
Die Aufgabe der Anima im Mann Effekte zeitigen können.

Für den Mann vermittelt die Anima Da es sich bei Animus und Anima um archetypische
5 die Beziehung zur Frau, Qualitäten handelt, können sie niemals vollbewusst
5 allgemein Beziehungsfähigkeit und Be- gemacht werden, wie das für weibliche Ich-Anteile
zogenheit (Eros-Bereich), bei der Frau oder für männliche beim Mann möglich
5 Aufnahmefähigkeit, Empfänglichkeit ist. Es bleibt immer eine Polaritätsbeziehung des Be-
(Gefäßfunktion), wusstseins zum Unbewussten bestehen.
5 den Kontakt zum und die Führung ins
Unbewusste.

Negativphänomene bei völliger Unbewusstheit


von Animus oder Anima. Erst wenn eine bewusstere
Beziehung zu dem gegengeschlechtlichen Komplex
hergestellt worden ist, können sich die Wirkungen
dieser psychischen Bereiche fruchtbar entfalten. Als
völlig unbewusste Komplexe wirken sie oft unbere-
chenbar. Sie werden dann entweder projiziert (posi-
tiv in der Verliebtheit als faszinierender Partner,
negativ als abstoßendes oder beängstigendes Gegen-
geschlecht) oder greifen direkt in das eigene Innen-
8

8 Die Psyche als Energiesystem –


Die Libidotheorie

8.1 Ausdrucksformen der Libido – 50


8.1.1 Bewusstseinsfunktionen – 51
8.1.2 Willensleistungen – 51
8.1.3 Unbewusste Libidoleistungen – 51

8.2 Regression und Progression –


Das Zurück- und Vorwärtsfluten der Libido – 52

8.3 Autoregulation – 56
8.3.1 Die Autoregulation von Systemen – 56
8.3.2 Die Autoregulation der Psyche – 56

8.4 Der Individuationsprozess –


Etappen auf dem Entwicklungsweg – 58
8.4.1 Ich-Werdung – 59
8.4.2 Selbst-Werdung – 59
8.4.3 Autoregulation und Individuation – 61
8.4.4 Zusammenfassung – 62
50 Kapitel 8 · Die Psyche als Energiesystem – Die Libidotheorie

In weiten Bereichen der Psychologie hat sich heute Schöpfungen der Menschheit eine direkte Artikulati-
eine energetische Betrachtungsweise durchgesetzt. on der so umfassend verstandenen Libido und nicht
Schon die Alltagssprache benutzt Begriffe aus dem eine Sublimation des Sexualtriebes. Wir werden auf
Gebiet der Energie. So spricht man bei Erschöpfung die verschiedenen Ausdrucksformen der Libido im
von »Energielosigkeit« oder »leerer Batterie«, wäh- Folgenden noch ausführlich zu sprechen kommen.
rend man bei einer vitalen Befindlichkeit »voller
Energie« ist. Definition
Der psychologische Terminus der psychischen Die Libido
Energie oder Libido wird hier in Anlehnung an Jung Die psychische Energie oder Libido ist eine
(1971, GW 8) in einem erweiterten Sinne verstan- grundlegende Lebensenergie im Menschen,
den, der sämtliche Ausdrucksformen beim Men- die die verschiedensten seelischen und geisti-
schen umfasst. Bei Freud (1978) ist der Begriff der gen Formen annehmen und auch in physische
Libido begrenzt auf die sexuelle Triebenergie und Leistungen umgesetzt werden kann. Sie ist
deren Derivate. Nach ihm kann sie sich auf den ver- eine primäre Kraftquelle, die den Phänomenen
schiedenen Entwicklungsebenen, auf der oralen, auf der Psyche Gehalt und Wirklichkeit verleiht.
der analen und der ödipalen Stufe und in sublimier-
ten Formen äußern. Wenn beim Säugling die Mund-
8 zone erogen besetzt wird, Greifbewegungen begin-
nen, später die Analregion Bedeutung erhält, die 8.1 Ausdrucksformen der Libido
willkürliche Kontrolle des Sphinkters (des Schließ-
muskels) einsetzt, die motorische Entwicklung mit Was wir wahrnehmen, sind immer bestimmte Er-
Laufenlernen und Sprechen voranschreitet, Trotz scheinungsweisen der Libido. Per se ist sie nicht fass-
und Aggression möglich werden, schließlich die Ge- bar, ähnlich wie wir Elektrizität nur an ihren Auswir-
nitalregion Interesse erweckt usw., so spiegelt dies kungen feststellen können. Ich möchte die Metapher
nach der psychoanalytischen Entwicklungspsycho- der Elektrizität für die Libido noch etwas ausdehnen.
logie das Voranschreiten der Libido wider. In der Wie der elektrische Strom kann auch die psychische
psychophysischen Reifung fließt ein Teil der Libido Energie in verschiedenste Formen der »Arbeit« und
– wie Freud herausgearbeitet hat – in die jeweiligen in diverse Leistungen umgewandelt werden. Strom
»Triebkanäle« (z. B. in Oralität, Analität, Agressi- ist die Basis für Wärmeerzeugung, für chemische
ons- und Sexualtrieb). Prozesse, für Lichtentwicklung, für den mechani-
Der erweiterte Begriff der psychischen Energie, schen Antrieb von Maschinen, für das Betreiben von
den wir hier benutzen wollen, umschließt noch eine Hifi-Geräten bis hin zur elektronischen Datenverar-
Vielzahl weiterer Möglichkeiten. Wir gehen von einer beitung. Genauso kann die Libido in die verschie-
elementaren Lebensenergie aus, die zunächst einmal densten Endresultate transformiert werden.
unabhängig, nicht auf eine bestimmte Leistung fest- Der größte Anteil der Libido arbeitet unbewusst,
gelegt, sondern frei konvertibel ist, und die in wech- entsprechend der Relation von Unbewusstem zu Be-
selnde Erscheinungsformen übergehen und verschie- wusstsein in der Psyche (. Abb. 5.1). Die Stoffwech-
dene Träger benutzen kann. Hier sind der Sexualtrieb selvorgänge, die nichtwillkürliche Motorik (z. B.
und seine Modifikationen nur ein Phänomen unter Darmperistaltik), ja sogar ein erheblicher Teil der
anderen. In der Individualentwicklung vermittelt die sog. Willkürmotorik (z. B. Atmung, unbewusste Mi-
Libido nämlich auch die jeweiligen geistigen Rei- mik, Gestik und Bewegungen) sowie viele Gedan-
fungsstufen und speist alle psychischen und körper- kengänge und Gefühlsregungen laufen ohne be-
lichen Funktionen. Besonders wenn die psychosexu- wusste Absicht, Einflussnahme oder bewusstes Re-
elle Entwicklung erfolgreich abgeschlossen ist und gistrieren ab. Die Transformation der psychischen
infantile Fixierungen sowie die persönlichen Kom- Energie in bewusste Leistungen ist eine besondere
plexe weitgehend überwunden sind, spielt die geistig- Form, die wir in unserem Elektrizitäts-Bild mit der
psychische Evolution die Hauptrolle. Aus dieser Sicht Produktion von Licht oder elektronischen Vorgän-
sind alle kulturellen, künstlerischen und religiösen gen (z. B. Computer und Bildschirm) vergleichen
8.1 · Ausdrucksformen der Libido
51 8

können. Diese Analogien bieten sich an, weil einer- deutungsgefühl einhergeht, über die psychische En-
seits Licht ein Symbol des Bewusstseins ist und an- ergie vermittelt. Alle Willensleistungen werden mit
dererseits der Computer oft mit unserer Gehirntä- ihrer Hilfe verrichtet.
tigkeit in Parallele gesetzt wird.
! Dabei ist freier Wille nichts anderes als frei
Werfen wir noch einmal einen Blick auf die
verfügbare oder disponible psychische
. Abb. 5.1, so können wir sagen, dass die psychische
Energie.
Energie Inhalte und Strukturen schafft, die als Ich
über die Horizontlinie hinaus ans »Licht des Be- Je mehr das Ich-Bewusstsein gewachsen ist, je stär-
wusstseins« treten. ker es seine Orientierungsfunktionen ausgebildet
und ausdifferenziert hat, je mehr es sich von den un-
bewussten Komplexen befreit hat, desto stärker ist es
8.1.1 Bewusstseinsfunktionen geworden und desto mehr Willensenergie steht ihm
zur freien Verfügung. Das Gefühl der Getriebenheit
Betrachten wir zunächst die Ausdrucksformen der oder das Gefühl, wie ein Blatt im Wind ziellos im
Libido im Bewusstsein. Wir können dabei das Maß Leben hin und her geworfen zu werden, drückt da-
der psychischen Energie als Intensität fassen. Ist der gegen die überwiegende Wirkung unbewusster
Libidoeinstrom ins Bewusstsein groß, findet eine Mächte, also der eigenen unbewussten autonomen
entsprechende Intensivierung der momentanen psy- Komplexe aus, die aber meist als von außen kom-
chischen Tätigkeit statt. mend, als Schicksal, Zufall oder Zwang erlebt wer-
Die psychische Energie aktiviert dabei die vier den. Hier ist die Willenskraft, die frei disponible
Bewusstseinsfunktionen Fühlen, Denken, Empfin- Bewusstseinsenergie klein.
den und Intuieren (7 Kap. 3); sie kann aber auch
Affekte auslösen. Es kann u. a. zu einem vertieften
Fühlen, zu durchdringendem Denken, zu einer ver- 8.1.3 Unbewusste Libidoleistungen
größerten Wahrnehmungsfähigkeit, zu einer um -
fassenden Leistung der Intuition, aber auch zu hoher Nach den willentlichen Leistungen und Fähigkeiten
Emotionalität kommen. Welche der vier Bewusst- der Libido wollen wir jetzt noch auf die unbewussten
seinsfunktionen beteiligt ist, hängt einerseits vom und nichtwillkürlichen Ausdrucksformen eingehen.
Auslöser und andererseits von der Bahnung und Hierzu gehören neben den automatischen Vorgän-
Priorität der Funktionen ab. Eine Kränkung z. B. wird gen im Körper viele Phänomene der Normal- und
die Fühlfunktion betreffen, ein wissenschaftliches der Neurosenpsychologie. Wir hatten schon erfah-
Problem die Denkfunktion reizen, ein Sinnesgenuss ren, dass in pathogenen Komplexen große Libidobe-
die Empfindungsfunktion in Anspruch nehmen und träge gebunden sind, die im Unbewussten und in
ein künstlerisches Werk die Intuition anregen. Aber den neurotischen Symptomen festsitzen und nicht
auch die Dominanz und Geübtheit einer Funktion in den psychischen Kreislauf einfließen können. Nur
entscheidet darüber, ob in sie bevorzugt Energie ein- in den Komplexentladungen tritt Energie eruptiv
strömt oder nicht. Der eine neigt gewohnheitsmäßig nach außen, die aber i. Allg. nicht fruchtbar verwer-
mehr dazu, sein Fühlen einzusetzen, der andere sein tet werden kann.
Denken, ein Dritter die sinnliche Wahrnehmung, Ein besonderes Energieprodukt aus dem Unbe-
ein Vierter die Phantasietätigkeit. Es können auch wussten ist der Traum. Er enthält in seinen Symbo-
Kombinationen von zwei oder mehreren Funktio- len verwertbare psychische Energie, die in der thera-
nen entstehen. peutischen Arbeit ans Bewusstsein angeschlossen
werden kann.
Wie bereits erwähnt, lagert die Hauptmenge der
8.1.2 Willensleistungen psychischen Energie im Unbewussten, und es ist eine
Frage von Lebensintensität, Schaffenskraft und geis-
So wird jegliche psychische Tätigkeit, besonders die, tiger Energie, ob wir in der Lage sind, sie von dort
die mit Interesse, persönlicher Sinnsetzung und Be- abzurufen, um sie bewusst zur Verfügung zu haben.
52 Kapitel 8 · Die Psyche als Energiesystem – Die Libidotheorie

gen. Sie bilden ein gemeinsames Polaritätenpaar und


Ausdrucksformen der Libido wechseln in der Psyche ständig ab. Es kann nicht da-
5 Reifung und psychophysische Entwicklung, rum gehen, die Regression als etwas Negatives oder
5 motorische Leistungen und körperliche Schlechtes zu verunglimpfen. Nur das blockierte Ver-
Arbeit, harren der psychischen Energie in der Regression ist
5 Leistungen der vier Bewusstseinsfunktionen pathologisch und führt zu neurotischen Symptomen
Denken, Fühlen, Empfinden und Intuieren, wie Depression oder Angst. Ansonsten ist die Regres-
5 kulturelle, wissenschaftliche, künstlerische sion eine notwendige schöpferische Pause, ein Atem-
und religiöse Schöpfungen, holen und Anlauf für die nächste Progressionsphase.
5 Emotionalität und Affekte, Ebenso wenig wie die Regression schlecht ist, ist
5 neurotische Symptome, die Progression per se gut. Eine unaufhörliche Pro-
5 Träume und Imaginationen. gression gibt es nicht. Sie kann nicht ad infinitum
linear ansteigen wie die Erfolgskurve einer Firma,
sondern verlangsamt sich bald und stößt an Gren-
zen, die eine Rückwärtsbewegung der Libido, näm-
8.2 Regression und Progression – lich die Regression, erfordern oder erzwingen.
Das Zurück- und
8 Vorwärtsfluten der Libido Beispiel
Unser gesamter Lebenslauf kann unter dem
Regression und Progression sind einem Gezeiten- Blickwinkel von Regression und Progression
strom vergleichbar, indem die Fließrichtung der Li- betrachtet werden. Aber auch im Kleinen er-
bido zyklisch wechselt. Auch im psychischen Ener- gänzen und lösen sich beide Libidotendenzen
giehaushalt gibt es »Ebbe« und »Flut« bzw. »volle« ab. Manchmal können wir an einem Tag ein
und »leere Kassen«, z. B. was unsere Motivation, un- Problem nicht lösen oder eine Entscheidung
ser Interesse und unsere Leistungsfähigkeit betrifft. nicht treffen, sodass wir erst einmal »darüber
schlafen« möchten. Und wunderbarerweise
Definition kann es geschehen, dass wir am nächsten
Regression und Progression Morgen verändert aufwachen. Auf einmal ist
Regression und Progression sind Bewegungen uns die Lösung klar, bzw. die Entscheidung
der Libido im psychischen Organismus. In der fällt nun leicht. Was ist geschehen? In der
Regression fließt die psychische Energie zum nächtlichen Regression ist uns ein breiteres
Unbewussten hin, die Progression dagegen ist Spektrum von im Unbewussten gespeicherten
eine Libidobewegung in Richtung Bewusstsein. Erfahrungen zugänglich geworden. Es hat sich
etwas in uns geklärt und geordnet, vielleicht
sogar ohne dass wir uns darüber deutlich
Die Regression ist mit einer Energieverarmung im Rechenschaft ablegen können. Mit den in der
Bewusstsein verbunden. Sie ist rückwärts gewandt Regression gewonnenen Informationen
und aktiviert Vergangenes, Vergessenes und Ver- können wir nun »in die Progression« gehen;
drängtes. Sie hat die Tendenz in die Vergangenheit d. h. problemlösendes und aktiv entscheiden-
und in die Tiefe des Unbewussten. des Verhalten ist jetzt möglich. Die innere
Die Progression dagegen ist eine Libidotendenz in Vorbereitung dazu kann – wie gesagt – weit-
Richtung Welteroberung und Realitätsanpassung. Sie gehend automatisch ablaufen.
vermag Wachstum in eine sich eröffnende Zukunft
durch Realisierung neuer Möglichkeiten zu fördern.
Das Leben und die psychische Entwicklung insge-
Der zyklische Wechsel von Regression und Progres- samt ist ein Wechsel von Fortschritt und (scheinba-
sion. Beide Tendenzen, Regression und Progression, rem) Rückschritt. Bekannt ist die Erfahrung, dass
sind wertvolle und sich ergänzende Libidobewegun- Krisen und Krankheiten, die uns zunächst einen
8.2 · Regression und Progression – Das Zurück- und Vorwärtsfluten der Libido
53 8

Rückschlag bedeuten und unsere bewussten Pläne,


z. B. die berufliche Karriere durchkreuzen, neue
Ressourcen mobilisieren können. Durch sie werden
letzten Endes Gewinn bringende Weichen gestellt,
die uns in irgendeiner Weise positiv verändern und
erweitern. Zugegebenermaßen ist aber bei manchen . Abb. 8.1. Das Taigitu-Zeichen
Schicksalsschlägen und Erkrankungen der Sinn so
ohne Weiteres nicht zu sehen.
Und doch kann z. B. eine depressive Verstim- der Umgebung und dem Einstudieren neuer Verhal-
mung, die als eine mögliche Form der Regression, als tensweisen auf der einen und dem Kraft-Schöpfen
ein Absinken der Libido ins Unbewusste verstanden und Energie-Tanken beim Muttertier auf der ande-
werden kann, dort unbewusste Inhalte anregen. Wenn ren Seite hin und her pendeln, so drückt sich darin
wir die Offenheit haben, diese Eindrücke schließlich ebenfalls diese universelle Gesetzmäßigkeit aus.
zu empfangen, kann ein neuer Zyklus entstehen. Oft
! Dieser zyklische Verlauf, wo jeweils nach
ist aber die Hilfe einer Therapie notwendig, in der z. B.
einer Weile ein Umschlag ins Gegenteil er-
durch eine intensive Traumarbeit die Zyklen von Re-
folgt, die so genannte Enantiodromie, ist
gression und Progression beschleunigt ablaufen.
nach den Vorstellungen Jungs ein Grund-
gesetz der Psychologie. Es ist auf die ver-
Regression schiedensten psychischen Prozesse an-
wendbar.
5 Fließrichtung der Libido »rückwärts« bzw.
»nach unten«, d. h. in die Vergangenheit Der Ausdruck Enantiodromie stammt von Heraklit,
und ins Unbewusste gerichtet. der lehrte, dass das Leben in Gegensätze eingespannt
5 Der Sinn der Regression ist das »Abholen« ist, die immer wieder ineinander umschlagen. Wir
von Energie oder Information aus dem erfahren dies z. B. im Kreislauf der Jahreszeiten.
Unbewussten, z. B. aus dem Reservoir des Wenn der Sommer weiter voranschreitet und sich
persönlichen Unbewussten, aus neuro- der heißeste Monat August nähert, ist schon längst
tischen Komplexen oder aus den Arche- eine innere Gegenläufigkeit entstanden, denn der
typen des tieferen Unbewussten. Sonnenhöchststand ist seit einiger Zeit überschrit-
ten und die Sonne steigt bereits wieder ab zum
Progression nächsten winterlichen Tief- und Wendepunkt. Und
5 Fließrichtung der Libido »vorwärts« bzw. im Winter ist es ähnlich. Der kälteste Monat Januar
»nach oben«, d. h. in Richtung größerer geht schon wieder mit aufsteigender Sonne einher.
Bewusstheit, Anpassung an die Außenwelt Die Chinesen haben dieses kosmische Gesetz mit
und Erweiterung der Fähigkeiten (z. B. Ver- der Polarität von Yin und Yang ausgedrückt und im
besserung der Orientierungsfunktionen). Taigitu-Zeichen anschaulich gemacht (. Abb. 8.1).
5 Der weitere progressive Fortschritt lebt von Jung (1971, GW 7, S. 79) griff diesen Gedanken
den in der Regression befreiten Energien. der Enantiodromie auf und erkannte darin eine psy-
5 Die Bewegung fährt nach einem Umkehr- chologische Allgemeingültigkeit. Er zeigte, dass al-
punkt wieder zur Regression zurück. les, was bis ins Extrem fortgeführt werde, in sein
Gegenteil hineinlaufe.

Die Enantiodromie. So macht die Libido ständig Beispiel


eine Pendelbewegung durch, wobei der scheinbare Ich möchte an dieser Stelle eine Illustration
Rückschritt nur den Anlauf für den nächsten Sprung eines solchen enantiodromischen Prozesses
verbessert. Schon im Tierreich ist der zyklische aus dem Bereich der Orientierungsfunktionen
Wechsel von Regression und Progression zu beob- 6
achten. Wenn Jungtiere zwischen der Erforschung
54 Kapitel 8 · Die Psyche als Energiesystem – Die Libidotheorie

geben, und zwar bezogen auf das Paar Denken der gleichzeitig die Enantiodromie einleitete,
und Fühlen. Eine progressive Erweiterung der die Tendenz ins Unbewusste und zum dort ver-
Denkfunktion verbannt die Fühlfunktion wäh- bannten Fühlen, wodurch nach einem weite-
renddessen ins Unbewusste. Das ist nur eine ren enantiodromischen Umschlag eine neue
Zeit lang möglich, dann wird die Umkehr er- Runde der Weltzuwendung möglich wird.
zwungen.
Wir stellen uns in einem Betrieb einen Vorge-
setzten mit gut entwickeltem Denken, aber Wir wollen diesen Lauf der psychischen Energie –
weniger differenziertem Fühlen vor. Mit Hilfe auch wenn es sehr vereinfachend und schematisch
des Einsatzes und der ständigen Verbesserung ist – in einer mathematischen Kurve darstellen
des Denkens ist er auf der Karriereleiter voran- (. Abb. 8.2). Die genannten Zyklen von Regression
geschritten. Er kann aber nur bis zu einer ge- und Progression sind einer wellenförmigen Sinus-
wissen Stelle vordringen, weil er mit wachsen- kurve vergleichbar. Der ansteigende Schenkel ver-
der Untergebenenzahl persönlich an eine sinnbildlicht die progressive Adaptation an die Au-
Grenze kommt. Durch die zunehmende Not- ßenwelt, die Aneignung und Bewältigung neuer
wendigkeit einfühlsamer Menschenführung Wissens- und Interessengebiete, die Verbesserung
8 wird er an einen kritischen Punkt geraten, der sportlicher, beruflicher und künstlerischer Fähigkei-
eine Differenzierung seines Fühlens erfordert. ten oder von Kompetenzen im sozialen Miteinander.
Oft sind äußere Schwierigkeiten, Konflikte, Dann – im oberen Scheitelpunkt der Kurve – er-
Scheitern und Depressionen nötig, um die Zu- zwingen die in der eigenen Seele liegenden Unbe-
wendung zum Unbewussten zu erzwingen. wusstheiten eine Umkehrung der Fließrichtung der
Und erst durch das Bewusstmachen verdräng- psychischen Energie. Diese Unbewusstheiten sind
ter Gefühle und die Aufarbeitung von persönli- nicht nur Hemmnisse, Fixierungen oder Komplexe
chen Komplexen kann der Mann aus unserem neurotischer Art, sondern können auch ungehobene
Beispiel einen besseren Zugang zu seinem Schätze des kollektiven Unbewussten und ein ent-
Fühlen bekommen und dann mit neuen Kräf- wicklungsmäßiges Noch-Nicht darstellen. Die Libi-
ten wieder an die Welt herangehen. Die Pro- do muss zu diesen Punkten in der Tiefe der Psyche
gression war an einen Endpunkt gekommen, hinunter – in der Graphik dargestellt durch den ab-
6 steigenden Schenkel der Sinuskurve, um einen neu-
en Anlauf holen zu können. Das ist das Wesen der

. Abb. 8.2. Der Zyklus von Regression und Progression


8.2 · Regression und Progression – Das Zurück- und Vorwärtsfluten der Libido
55 8

Zeitachse

Zunahme der Tiefe der Regression und der Höhe der Progression (Ausschläge nach
unten und oben) im Verlaufe einer normalen und gesunden Bewusstseinsentwicklung.

. Abb. 8.3. Vergrößerung der Amplitude von Regression und Progression

Regression, die den Schlüssel für den weiteren Fort- ge Hypertrophie der Krone beim Baum bzw. des Ich-
schritt bietet. Bewusstseins beim Menschen führt bei beiden zu
Dabei vergrößert sich mit der Zeit im Idealfall Labilität, Schieflage, Krankheit oder Sturz.
(bei einer ungestörten introspektiven Entwicklung Die Expansion nach vorwärts und rückwärts bzw.
oder bei einer erfolgreichen analytischen Therapie) nach oben und unten erfolgt also bei gesunder Ent-
die Amplitude der Kurve, d. h. die Ausschläge nach wicklung in der Regel parallel. Dies entspricht wohl
unten und oben vergrößern sich. Denn mit jedem dem Fragment Heraklits: »Der Weg aufwärts und der
Zyklus von erfolgreicher Regression und Progres- Weg abwärts ist ein und derselbe« (Fuhrmann 1991,
sion nehmen der Umfang der Bewusstheit und die S. 93).
Erforschung des Unbewussten zu (. Abb. 8.3). Mit zunehmender Einsicht ins eigene Unbe-
So wie ein Baum mit den sich in den Himmels- wusste und mit der Ausdehnung der Selbsterkennt-
raum ausbreitenden Ästen ein entsprechendes nis (positive Regression; Vergangenheitsaspekt) er-
Wachstum auf der Gegenseite, d. h. eine stärker wer- schließen sich unserem Ich ein erweiterter Spiel-
dende Verankerung im Erdreich braucht, so benö- raum, eine verbesserte Leistungsfähigkeit und viele
tigt auch das sich ausweitende Ich-Bewusstsein eine neue Möglichkeiten (positive Progression, Zukunfts-
solide Verwurzelung im Unbewussten. Eine einseiti- aspekt; . Abb. 8.4).

. Abb. 8.4. Regression und Progression


56 Kapitel 8 · Die Psyche als Energiesystem – Die Libidotheorie

8.3 Autoregulation Werte, sodass man nicht von einem statischen Gleich-
gewichtszustand auszugehen hat, sondern von ei-
Der menschliche Organismus einschließlich der nem sich dauernd verändernden. Deshalb sprechen
Psyche ist dem Prinzip der Autoregulation oder wir in wachsenden und sich entwickelnden Organis-
Selbststeuerung unterworfen und entwickelt sich auf men von einem Fließgleichgewicht.
dieser Basis. Wir wollen uns hier deshalb kurz mit
diesem Grundprinzip der Natur beschäftigen, weil
im autoregulativen System der Psyche auch die Träu- 8.3.2 Die Autoregulation der Psyche
me einen wichtigen Beitrag leisten.
Analog zum Körperlichen hat der Grundsatz der
Autoregulation auch für das psychische Wachstum
8.3.1 Die Autoregulation von übergeordnete Bedeutung. Der seelische Reifungs-
Systemen und Entwicklungsprozess, die menschliche Bewusst-
seinsentwicklung sowie der psychotherapeutische
Der Gesichtspunkt der Autoregulation stammt ur- Behandlungsprozess unterliegen diesem Prinzip.
sprünglich aus der Naturwissenschaft, ist aber in- Die Psyche in ihrer Gesamtheit von Bewusstsein
zwischen nicht nur auf biologische, chemische, phy- und Unbewusstem ist ein solches autoregulatives
8 sikalische und technische Prozesse angewandt wor- System. Auch der Körper gehört dazu, dessen Vor-
den, sondern auch auf wirtschaftliche, ökologische gänge ganz überwiegend unbewusst ablaufen. Psy-
und psychologische. Auf fast allen Gebieten hat heu- che und Körper bilden ein komplexes und ein-
te kybernetisches und systemisches Denken Eingang heitliches System, auch wenn wir gewohnt sind,
gefunden. Der dynamische Begriff des Prozesses hat Teilaspekte herauszugreifen und sie z. B. in den Wis-
weitgehend den statischen Begriff des Zustandes ab- senschaften der Physiologie, Psychosomatik und
gelöst (Dürr 1988). Nur über komplizierte Rück- Psychologie einzeln zu beschreiben.
kopplungsvorgänge können heute sich entwickelnde Auch in der Psyche ist das Ziel der Autoregulati-
und wachstumsartig sich verändernde Systeme ver- on die Aufrechterhaltung oder Herstellung einer
standen werden. Homöostase, d. h. eines momentanen Gleichge-
Dies gilt für alle Wachstums- und Evolutions- wichtszustandes. Bei der dynamischen Verände-
prozesse. Die Selbstorganisation ist dabei zur Schlüs- rungstendenz der Psyche kann es sich hierbei nur
selvorstellung für alles Lebendige geworden. Auch um ein stetig sich veränderndes Gleichgewicht, eben
auf das Universum als Gesamtes ist der Gedanke ei- ein Fließgleichgewicht, handeln. Es passt sich be-
nes sich selbst steuernden Entwicklungsprozesses ständig den Entwicklungsnotwendigkeiten an, denn
angewandt worden. die Psyche ist ähnlich wie eine sich entwickelnde
Pflanze oder ein in Wachstum oder Metamorphose
Homöostase und Fließgleichgewicht. Auf der kör- begriffenes Tier kein statisches und geschlossenes
perlichen und physiologischen Basis ist es für uns System, sondern ein sich gemäß dem inneren Ent-
heute selbstverständlich, autoregulative Vorgänge wurf dauernd veränderndes und evolvierendes.
bei biologischen Organismen zu erkennen und zu
beschreiben. Ein Beispiel sind die hormonalen Re- Die zwei Regulationszentren Ich und Selbst. Wir
gelkreise im Körper. Der Zuckerspiegel im Blut wird gehen von zwei selbstregulierenden Zentren in der
beim Gesunden in gewissen Grenzen konstant ge- menschlichen Psyche, vom Ich und vom Selbst aus
halten, indem u. a. über die Hormone Insulin und (7 Kap. 2). Die Steuerung durch das Selbst, die die
Glucagon bei zu hohem Anstieg oder zu tiefem Ab- archetypischen Wirkenergien einbezieht, ist dabei
sinken gegenreguliert wird. Es wird ein Gleichge- der Ich-Steuerung übergeordnet. Die Entstehung
wicht, eine Homöostase angestrebt. Komplizierter des Ich mit seinen Möglichkeiten einer bewussten
wird es, wenn wir berücksichtigen, dass Sollwerte flexiblen Anpassung, das zu allen äußeren und auch
sich im Laufe des Lebens verändern können, z. B. inneren Reizen Gegenmaßnahmen ergreifen kann,
Körpergewicht und -größe, aber auch viele andere bedeutet zwar einen enormen Sprung in der Evolu-
8.3 · Autoregulation
57 8

Das Ich und die Regulation


innerhalb des Ich-Bereiches

Respons des Ich


auf das Signal
(z. B. Introspektion,
Traumarbeit, usw.)

Selbstzentrum
Signal z. B. neurotisches
Symptom aus dem Un-
bewussten (Selbst)

. Abb. 8.5. Das autoregulative System der Psyche

tion und macht den Menschen auch für extreme wir erkranken und neurotische Symptome auftreten
Umweltbedingungen tauglich (in . Abb. 8.5 ist dies oder wenn sonst wie unser bewusster Lebensplan
veranschaulicht durch die Pfeile innerhalb des Ich). durchkreuzt wird. Und ohne die Einbeziehung des
Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Unbewussten, ohne den Dialog mit ihm, ist keine
das Einflussgebiet des Ich gegenüber dem viel um- Abhilfe zu erwarten.
fänglicheren Selbstbereich doch sehr begrenzt bleibt
(großer Regelkreis in . Abb. 8.5). Die Regulation durch das Selbst. Diesen Regelungs-
vorgang in der Psyche wollen wir am Beispiel eines
Beispiel neurotischen Symptoms klarmachen (. Abb. 8.5).
Wir können uns, wenn es kalt ist, warme Klei- Nehmen wir an, ein Mann erkrankt an einer Herzneu-
dung anziehen, können bei großer Hitze die rose. Die Anfälle von Herzangst sind ein Signal, dass
Klimaanlage einschalten und können uns aktiv das Ich-Bewusstsein in seinen Kreisen stört. Es stammt
gegen zu intensive Sonneneinstrahlung schüt- nicht aus dem Ich, sondern von außerhalb seiner
zen (alles Elemente einer bewussten Ich-Steue- Machtsphäre, aus dem Unbewussten. Wir können es
rung), was Tiere ohne Ich-Bewusstsein in dieser als eine Botschaft aus dem Selbst verstehen (linker
Form nicht können. Neben diesem aktiven re- großer Pfeil in . Abb. 8.5). Diese Störung durch das
gelnden Eingreifen bleiben die primären Re- neurotische Symptom kann das Ich nicht innerhalb
gelkreise der biologischen Basis (wie das Kon- seines Bezirks überwinden, sondern nur dann, wenn
stanthalten der Körpertemperatur durch es sich selbst erweitert, d. h. Kontakt mit dem Unbe-
Schwitzen und Veränderungen des Stoffwech- wussten aufnimmt und Informationen aus diesem
sels) natürlich erhalten, und sie stellen über- zulässt. Ist das Ich dazu bereit (z. B. durch verstärk-
haupt die unbewusst-regulierende Vorausset- te Introspektion, durch Bewusstmachung von bis-
zung für unser Leben dar. her Abgewiesenem, durch die Beachtung der eige-
nen Träume usw.), hat sich der Zweck des Reizes
erfüllt und der Regelvorgang ist erfolgreich abge-
Die automatische körperliche Steuerung ist aber nur schlossen (rechter großer Pfeil in . Abb. 8.5). In
ein Aspekt der Autoregulation durch das Selbst. unserem Beispiel könnte das dadurch der Fall sein,
Auch und besonders im psychischen Bereich sind dass sich der Patient einem bisher verschlossenen
wir auf die übergeordnete Steuerung und Sinnge- Bereich seiner Gefühle zuwendet, der symbolisch
bung durch das Selbst angewiesen und ihr unterwor- für »Herz« steht und den er nicht in sein Leben
fen. Unser Ich ist zunächst einmal machtlos, wenn hineingelassen hatte.
58 Kapitel 8 · Die Psyche als Energiesystem – Die Libidotheorie

Aus dieser Betrachtung wird deutlich, dass jede wie das körperliche Wachstum, das in den einzelnen
Neurose ihren Sinn hat, der aber innerhalb des Ich Reifungsschritten einem genetisch vorgegebenen
nicht erkennbar ist (deshalb erscheinen uns psychi- Programm folgt, wird auch die psychische und die
sche Störungen oft als sinnlos und überflüssig), son- Bewusstseinsentwicklung durch Gesetzmäßigkeiten
dern nur aus der Perspektive des Selbst. und eine in gewissem Rahmen typische Phasenabfol-
ge bestimmt.
Definition Diesen Gesamtvorgang der psychischen Ent-
Die Psyche als autoregulatives System wicklung bis hin zu den höchsten Stadien des Be-
Die Psyche ist ein sich selbst steuerndes Sys- wusstseins hat Jung in seinen verschiedenen Stadien
tem, dessen übergeordnete Steuerungszentra- herausgearbeitet und Individuationsprozess genannt.
le das Selbst ist. Es versucht durch unbewuss- Da sich hierbei das Ich zuerst selbst zentriert, d. h.
tes Material (Träume, neurotische Symptome, ein stabiles, unabhängiges Ich wird, und sodann dem
Einfälle usw.) Daten vom Unbewussten ans Be- imaginären Mittelpunkt der Psyche, dem Selbst zu-
wusstsein zu schicken. Greift das Ich das Kom- strebt, hat Erich Neumann (1974, S. 238) für diesen
munikationsangebot auf und versteht es die Werdevorgang auch den Terminus Zentroversion
Signale, kommt ein Veränderungsprozess in eingeführt. Er schreibt in diesem Zusammenhang
Gang, der das Ich und die Gesamtpsyche zu ei- über die Rolle des Ich-Komplexes:
8 nem neuen Fließgleichgewicht und einer Beru- »Das Bewusstsein ist zwar ein Abkömmling und
higung führt, bis weitere Signale eine erneute Sohn des Unbewussten, aber es ist ein Abkömmling
Adaptation notwendig machen. ganz besonderer Artung. … Die Eigenart des Ich-
Komplexes besteht aber einmal darin, dass er im
Unterschied zu allen anderen Komplexen die Ten-
denz hat, sich als Bewusstseinszentrum anzusetzen,
8.4 Der Individuationsprozess – mit dem die anderen Inhalte als Bewusstseins-
Etappen auf dem Inhalte verbunden werden; außerdem aber ist der
Entwicklungsweg Ich-Komplex ganzheitsgerichtet wie kein anderer
Komplex.
Der psychische Organismus befindet sich – mehr Die Zentroversion drängt dahin, dass das Ich
noch als der Körper – in dauernder Entwicklung nicht dabei stehen bleibt, Organ des Unbewussten zu
und Veränderung. Die homöostatische Regulation sein, sondern mehr und mehr Repräsentant der
muss sich diesen, sich stetig wandelnden Anforde- Ganzheit wird.«
rungen jeweils anpassen. Ausgehend von der embry-
onalen Entwicklung, bei der die psychischen Vor- Definition
gänge noch ganz unbewusst sind, werden dann vom Individuation bzw. Zentroversion
Säuglingsstadium ausgehend die verschiedenen psy- bezeichnen den Gesamtprozess der Ich-Ent-
chosexuellen Reifungsstufen durchlaufen, die Orali- wicklung, angefangen vom keimhaften Entste-
tät, die Analität, die Ödipalität und weiter bis zur hen des Ich über sein Erstarken und Wachsen
Pubertät und Adoleszenz. Damit endet aber die Be- bis zu seiner Annäherung an das Selbst und
wusstseinsentwicklung des Menschen nicht, im Ge- der Verwirklichung von Selbstanteilen im Ich.
genteil: wesentliche Phasen der Erweiterung und Auf das Letztere haben Neumann und Jung das
Differenzierung des menschlichen Bewusstseins set- Hauptgewicht gelegt (bewusste Zentroversion;
zen erst jetzt ein. Individuationsprozess im eigentlichen Sinne).
Dabei folgt nach den Hypothesen der Analyti-
schen Psychologie Jungs die Bewusstseinsentwick-
lung einem inneren Plan, der im Unbewussten be- Ich möchte im Folgenden zwei Etappen dieses Ent-
reit liegt und der über das autoregulative Zentrum wicklungsweges und psychischen Wachstumspro-
des Selbst den weiteren Fortgang in Wechselwir- zesses unterscheiden, die Ich-Werdung und die
kung mit den Umwelteinflüssen steuert. Ähnlich Selbst-Werdung (. Abb. 8.6).
8.4 · Der Individuationsprozess – Etappen auf dem Entwicklungsweg
59 8

. Abb. 8.6. Der Lebensbogen: Ich-Werdung und Selbst-Werdung

Der erste Abschnitt ist Thema der psychoanaly- dem Selbstzentrum, distanziert sich von ihm und
tischen Entwicklungspsychologie und mit den Na- bildet einen eigenen, exzentrisch gelegenen Schwer-
men Freud, Mahler1, Jacobson, usw. verbunden. punkt (. Abb. 8.7).
Dagegen hat sich Jung in erster Linie mit dem Diese erste Phase der Ich-Werdung reicht von
zweiten Abschnitt, dem Individuationsprozess im den frühesten Stadien eines gerade entstehenden
engeren Sinne (= Zentroversion im engeren Sin- Ich-Bewusstseins über die kindliche und jugendli-
ne), befasst. Zu diesem zweiten Teil gehört die che Entwicklung bis hin zu einem erwachsenen Ich.
Auseinandersetzung mit den archetypischen Be- Dies entspricht i. Allg. der ersten Lebenshälfte. Das
reichen des Unbewussten, u. a. ist das die innere Ich ist erstarkt, hat sich konsolidiert und seine Auf-
Beschäftigung mit dem tieferen Teil des Schattens gaben in der Welt bezüglich Berufsausbildung und
und mit dem Animus- bzw. Animabereich. Aber -ausübung sowie die Familiengründung wahrge-
auch die Differenzierung der bisher vernachlässig- nommen. Damit erschöpft sich langsam die Mög-
ten Orientierungsfunktionen muss hier geleistet lichkeit der Expansion und des Fortschreitens in die
werden. Außenwelt und das Ich gelangt hier an eine Grenze.

8.4.1 Ich-Werdung 8.4.2 Selbst-Werdung

Wir erinnern uns, dass das Ich aus dem Selbst ent- Die Phase 1 geht, nachdem sie sich totgelaufen hat,
standen ist (7 Kap. 2). Anfangs besteht noch eine in einen enantiodromischen Umkehrprozess über.
primäre Identität zwischen dem keimhaften Ich und Mehr und mehr wird der Kontakt nach innen
dem Selbst, und erst langsam löst sich das Ich aus gesucht, und die Sehnsucht nach psychischem
Wachstum wird größer. Hier setzt die Phase der
Selbst-Werdung ein, die meist ab der Lebensmitte
zu einem inneren Bedürfnis wird (. Abb. 8.6 und
1
Auch Mahler et al. (1980) haben den Begriff Individuation
. Abb. 8.8).
benutzt. Er datiert aber später und meint etwas anderes. Er
entspricht den frühen Stadien der Ich-Werdung und gehört
Von nun an geht es nicht mehr ohne die Berück-
also nach unserer Darstellung in die erste der beiden sichtigung des tieferen Unbewussten, also des kol-
Phasen. lektiven Unbewussten.
60 Kapitel 8 · Die Psyche als Energiesystem – Die Libidotheorie

Stadien der Ichwerdung

Selbstzentrum

Selbst

Das Ich wird »größer«, weiter in seiner Ausdehnung und entfernt sich vom Selbstzentrum

. Abb. 8.7. Die Phase der Ich-Werdung

8
Stadien der Erweiterung
des Ich

Selbst

Das Ich wächst weiter, zentriert sich aber gleichzeitig, d. h. es rückt wieder näher an das Selbstzentrum heran.

. Abb. 8.8. Die Phase der Selbst-Werdung

Beispiel dass er keine wirkliche Beziehung zu seiner


Zur Veranschaulichung soll von einem Ge- Frau aufgebaut hatte, die ihn verlassen wollte.
schäftsmann und Firmeninhaber berichtet Eine Veränderung und Verbesserung der Bezie-
werden, der sich bis Ende 30 ganz seinem Be- hung zur Partnerin »draußen« war nur über die
trieb gewidmet und ihn zu einem florierenden Auseinandersetzung mit seinem Animabereich
Unternehmen gebracht hatte. Dann kam es zu möglich, sodass er sich mehr nach innen wen-
einer Krise, die eine Umorientierung und einen den musste. Von seinen Ich-Funktionen waren
Übergang von der ersten Phase der Ich-Bil- bisher nur Empfinden und Denken ausrei-
dung in die zweite der Selbst-Werdung er- chend ausgebildet, sodass jetzt eine Differen-
zwang. Das Geschäft konnte ihm keine Befrie- zierung seines Fühlens und seiner Intuition
digung mehr geben, psychosomatische Be- anstand. In einem längeren schmerzlichen
schwerden setzten ihm immer mehr zu und Prozess entdeckte er sein Fühlen und seine
seine Ehe drohte zu scheitern. Er stellte fest, Empfänglichkeit für Musisches und fand zu
6 einer neuen Qualität von Beziehungsfähigkeit.
8.4 · Der Individuationsprozess – Etappen auf dem Entwicklungsweg
61 8

Dieser Fall demonstriert eine Möglichkeit, welchen


äußeren Ausdruck diese beiden Phasen der Ich- 5 Anpassung an die Innenwelt
Werdung und der Selbst-Werdung annehmen kön- 5 Auseinandersetzung mit dem kollek-
nen und wie es zum Umschlag von der einen in die tiven Unbewussten, insbesondere mit
andere kommen kann. Animus/Anima
5 Entwicklung der bislang zu undifferen-
! Während es zu einer gelungenen Ich-Bil-
zierten und unbewussten Orientie-
dung und -Konsolidierung (Ich-Werdung)
rungsfunktionen
gehört, die infantilen Fixierungen und die
Elternkomplexe aufzulösen, d. h. die bio-
graphischen Komplexe des persönlichen
Unbewussten zu bearbeiten und weitge- 8.4.3 Autoregulation und
hend zu überwinden, verlangt die Selbst- Individuation
Werdung die Auseinandersetzung auch
mit archetypischen Schichten.
Der gesamte Prozess der Individuation oder Zen-
Wie Jung gezeigt hat, ist zunächst die Konfrontation troversion ist der Autoregulation unterworfen. Der
mit dem Schatten notwendig und dann die Begeg- »innere Plan« der psychosexuellen Reifung und der
nung mit dem gegengeschlechtlichen Funktionsbe- späteren Stadien des Individuationsprozesses wird
reich des Animus bzw. der Anima. Der Schatten be- von der archetypischen Matrix des Unbewussten
herbergt noch viel Persönlich-Unbewusstes, reicht (und z. T. von der genetischen Matrix) initiiert und
aber auch ins kollektive Unbewusste hinein. Durch verwirklicht. Damit gibt es keinen starren Zustand,
die Beschäftigung mit Animus bzw. Anima führt die der einmalig homöostatisch eingestellt werden
Reise tiefer ins kollektive Unbewusste. Es kommt in könnte, sondern eine dynamische Folge von Fließ-
der weiteren Annäherung an das Selbstzentrum zu gleichgewichten, die – sowohl körperlich als auch
der typischen Wandlungssymbolik, die von Jung psychisch – ständige Nachregulierungen erfor-
(1973, GW 5) beschrieben wurde. dern.
Graphisch lässt sich das so darstellen, dass das Die Autoregulation ist also das oberste Prinzip
Ich in dieser zweiten Phase seinen Bewusstseinsum- des sich entwickelnden psychischen Organismus.
fang weiter vergrößert, es sich jetzt aber wieder auf Dabei gibt es sowohl »Sollwertverstellungen«, die
das Selbst zubewegt (. Abb. 8.8). Es nähert seinen vom Unbewussten – durch den Fortgang der artge-
Mittelpunkt dem des Selbst an, die Ich-Selbst-Achse mäßen Entwicklung und die Entfaltung des inneren
verkürzt sich. Planes –, als auch solche, die vom Bewusstsein aus-
gehen.
Die vom Unbewussten (von dem archetypisch
Die zwei Phasen der psychischen Entwick- festgelegten inneren Entwurf) kommenden Ent-
lung (= Individuationsprozess, = Zentro- wicklungsimpulse »stören« kontinuierlich das bishe-
version) rige Gleichgewicht und machen eine jeweils neue,
1. Phase der Ich-Werdung (Ich-Bildung und sich stets wiederholende Abstimmung zwischen den
-Konsolidierung beiden Bereichen Bewusstsein und Unbewusstes
5 Anpassung an die Außenwelt notwendig.
5 Auflösung infantiler Fixierungen Aber auch von außen und vom Bewusstsein wird
und Komplexe des persönlichen die Homöostase immer wieder irritiert und bedroht.
Unbewussten Anforderungen der Außenwelt, Leistungserwartun-
2. Phase der Selbst-Werdung (Individuations- gen, Anpassungsnotwendigkeiten oder freie Wil-
prozess im engeren Sinn, bewusste Zentro- lensakte stören den Status quo und veranlassen das
version) Ich-Bewusstsein zu Bemühungen und Reaktionen,
6 die ebenfalls auf das Gesamtsystem zurückwirken.
Veränderte Umweltbedingungen erfordern autono-
62 Kapitel 8 · Die Psyche als Energiesystem – Die Libidotheorie

me Ich-Entscheidungen und eine neue Realitätsan- seinsentwicklung, doch liegt hier auch die Wurzel
passung. neurotischer Fehlentwicklungen und weitergehen-
Der Einfluss des Bewusstseins ist ein Aspekt, der der Spaltungen.
nicht übersehen werden darf. Das Ich hat eine relati- An dieser Stelle greifen aber auch die vom Selbst
ve Selbständigkeit in der Psyche erworben und kann ausgehenden regulativen Mechanismen als reparati-
bis zu einem gewissen Grade willkürlich entschei- ve Versuche an. Dies kann durch Traumbilder ge-
den. Es kann z. B. eine bestimmte Entwicklungsrich- schehen, die ihre Signale an das Bewusstsein zu sen-
tung auswählen und sich zu selbstgewählten Priori- den versuchen (Pfeil rechts in . Abb. 8.9), oder in
täten und Werteinstellungen bekennen. Form störender psychischer Symptome, die das Ich-
Das bleibt nicht ohne Auswirkungen auf das Ge- Bewusstsein irritieren.
samtsystem. Das Ich, das aus dem Zentrum der Psy- Beides sind Appelle an das Ich-Bewusstsein, sei-
che, dem Selbst, entstanden ist und sich von diesem ne Einstellung zu überdenken bzw. eine Umorientie-
als Filialorgan losgelöst und ein Stück weit verselb- rung herbeizuführen. Reichen die Träume allein
ständigt hat, ist zwar auf der einen Seite ein Instru- nicht aus, weil ihre Signale nicht gehört werden, so
ment, das die bisher unbewusst und langsam ablau- können als Steigerung psychische oder körperliche
fenden Entwicklungsprozesse schneller in Angriff Symptome entstehen, die nicht mehr übersehen wer-
nehmen kann. Dies birgt aber auf der anderen Seite den können. Sie sind eine Ultima Ratio der Selbstre-
8 die Gefahr, dass das Ich in seinen eigenmächtigen gulation.
Entscheidungen vom »Plan« abweichen und sich
von der psychischen Mitte entfernen kann.
Dies ist letzten Endes die Ursache aller Dissozi- 8.4.4 Zusammenfassung
ationen und Fehleinstellungen des Ich-Bewusstseins
gegenüber dem Unbewussten. Die Fähigkeit zur In der Ich-Entwicklung ist zunächst eine Sonderung
Sonderung und Trennung vom Selbst kann das Ich- und Distanzierung vom Selbstzentrum notwendig,
Bewusstsein in einen Gegensatz zum Selbst treiben. denn nur durch die sich unterscheidende Gegenü-
In religiöser Terminologie ist das die »Sünde«, die berstellung zum Ganzen des Unbewussten ist über-
etymologisch mit »Sonderung« zusammenhängt. haupt so etwas wie die Entstehung von Bewusstsein
Durch diese Unterscheidung vom Selbst entsteht möglich. Erst dann kommt es zur Konsolidierung
zwar die notwendige Spannung für jede Bewusst- und Festigung des Ich, das seinen Platz gegenüber

Störungen von Außen

Einflüsse vom
Ich-Bewusstsein

Impulse vom Selbst Ich-Selbst-Achse

. Abb. 8.9. Autoregulation in der Psyche als Reaktion auf Außeneinflüsse


8.4 · Der Individuationsprozess – Etappen auf dem Entwicklungsweg
63 8

dem meerartig anbrandenden Umgebenden der und 7 Kap. 21) und das Ich-Bewusstsein darf nicht
Gesamtpsyche behaupten muss. Jung hat hier von mehr durch allzu viel Verdrängtes und durch biogra-
dem inselartig auftauchenden Bewusstsein gespro- phische Komplexe geschwächt werden.
chen, das erst nach und nach ein solider Kontinent
wird.
! In der Freiheit und Wahlmöglichkeit des
Ich entsteht mit der Zeit eine mehr oder
weniger große Entfernung vom Selbst. Die
Mitte geht verloren, begleitet von den Ge-
fühlen des Ursprungsverlustes und der
»Sehnsucht nach dem Paradies«.
Hier ist der Zeitpunkt – meist in der Le-
bensmitte –, wo eine Gegenbewegung ein-
setzt, eine Wendung Richtung Selbst. Dies
ist das Bewusstwerden der Zentroversion
bzw. der Beginn des Individuationsprozes-
ses im eigentlichen Sinne.

Diese Orientierung zum Zentrum der Gesamtpsy-


che hin erfordert eine Assimilierung von bisher
Unbewusstem und ist daher mit einer Ich-Erweite-
rung verbunden. Durch Integration von Elementen
aus dem tieferen Schatten- und dem Animus-Ani-
ma-Bereich sowie durch Differenzierung der vier
Ich-Funktionen wächst das Ich und verlagert sei-
nen Schwerpunkt in Richtung auf das Selbst
(. Abb. 8.8).
Jedes Schema idealisiert und typisiert. Es ent-
fernt sich damit von der Wirklichkeit. Dessen müs-
sen wir eingedenk bleiben, wenn wir hier um der
größeren Anschaulichkeit willen idealtypisch die
beiden prinzipiellen Prozesse der Ich-Werdung und
der Selbst-Werdung getrennt und gegenübergestellt
haben. In der Lebensrealität gibt es keine solche
scharfe inhaltliche und zeitliche Unterscheidung.
Einerseits können schon in der ersten Lebenshälfte
tiefere Inhalte des Unbewussten eingearbeitet wer-
den, wie andererseits – und das ist bei vielen Neuro-
sekranken der Fall – oft in der zweiten Lebenshälfte
die Assimilierung von persönlichen Komplexen und
die Lösung von infantilen Fixierungen nachgeholt
werden müssen.
Erst muss eine Ich-Stärke erarbeitet werden, die
Voraussetzung für die Blickwendung nach innen
und für die Selbst-Werdung ist. Eine Ich-Stärke hat
nur, wer gut angepasst ist an die Außenwelt und an
die eigene Innenwelt, d. h. die Orientierungsfunkti-
onen müssen schon relativ entwickelt sein (7 Kap. 3
9

9 Übertragung und Gegenüber-


tragung – Die psychische »Ehe«
zwischen Therapeut und Patient
9.1 Die therapeutische Dyade und der Behandlungsprozess – 67

9.2 Der erweiterte Übertragungsbegriff – 69

9.3 Projektion –
Aus sicherer Entfernung das Unbewusste betrachten – 71

9.4 Die Gegenübertragung – 72


66 Kapitel 9 · Übertragung und Gegenüber tragung – Die psychische »Ehe« zwischen Therapeut und Patient

Nachdem wir in den vergangenen Kapiteln die Strukturen der Psyche und die dynamischen Vorgänge in ihr
sowie ihre Entwicklungstendenz behandelt haben, wollen wir uns nun mit den Phänomenen befassen, die
sich zwischen zwei psychischen Systemen, nämlich dem des Therapeuten und dem des Patienten, abspielen.
In dem Beziehungsfeld der Therapie laufen die so bedeutsamen Mechanismen von Projektion, Übertragung
und Gegenübertragung ab, mit denen wir uns vertraut machen müssen, um später die Träume auch in dieser
Hinsicht verstehen zu können. Denn eine Verstehensebene der Träume ist ihr Übertragungsaspekt.

9
9.1 · Die therapeutische Dyade und der Behandlungsprozess
67 9

In jeder menschlichen Beziehung, in jedem Aus- miteinander in Wechselwirkung. Dabei sind die Phä-
tausch zweier Individuen treten zwei psychische Sys- nomene der Projektion, Übertragung und Gegenüber-
teme in Wechselwirkung. Hierbei kommt es zu einer tragung usw. nicht nur mit Libidovorgängen in der
gegenseitigen Einwirkung von psychischen Energi- eigenen Psyche (intrapsychische Vorgänge zwischen
en, sodass jede menschliche Interaktion auch unter Ich und Unbewusstem bei jedem Einzelnen) verbun-
energetischem Aspekt betrachtet werden kann. den, sondern auch mit einem energetischen Einfluss
Das wollen wir im Folgenden tun, aber ganz be- auf das Gegenüber (interpsychischer Einfluss). Daran
schränkt auf die therapeutische Beziehung. Wir müs- sind das Bewusstsein und das Unbewusste von beiden
sen uns dabei darüber im Klaren sein, dass die Therapiepartnern gleichermaßen beteiligt.
Behandlungssituation nur ein Spezialfall einer all- Für die Untersuchung von Übertragung und Ge-
gemeineren interpersonellen Dynamik ist und dass genübertragung und all der Phänomene, die sich
die der Übertragung und Gegenübertragung zu- zwischen Patient und Therapeut abspielen, möchte
grunde liegenden Vorgänge im Grunde überall wir- ich ein Schema zugrunde legen, das Therapeut und
ken, wenn zwei Menschen sich begegnen. Patient mit ihrem Ich-Bewusstsein und Unbewuss-
ten als vier Zentren darstellt, die miteinander in
Wechselwirkung treten (. Abb. 9.1). Dieses Vierer-
9.1 Die therapeutische Dyade und system, diese therapeutische Quaternio, ist abgeleitet
der Behandlungsprozess von dem, was Jung (1991, GW16) in seinem Werk
»Die Psychologie der Übertragung« Heiratsquater-
Die therapeutische Quaternio. In der Einzeltherapie, nio genannt hatte.
also in der therapeutischen Dyade, treten das psychi- Der Ausdruck »Heiratsquaternio« mit dem sym-
sche System des Behandlers und das des Patienten bolischen Motiv der Vermählung und Vereinigung

Therapeut Patient
Ich-Bewusstsein der Therapeuten (BwTh) Ich-Bewusstsein des Patienten (BwPat)

E F

B C

das Unbewusste des Therapeuten (UbwTh) das Unbewusste des Patienten (UbwPat)

. Abb. 9.1. Die therapeutische Quaternio


68 Kapitel 9 · Übertragung und Gegenüber tragung – Die psychische »Ehe« zwischen Therapeut und Patient

ist deshalb passend, weil sich in einem echten thera- Diese letzten beiden Ebenen sind für die Übertra-
peutischen Prozess die Dyadepartner auf eine Bezie- gungs- und Gegenübertragungsvorgänge besonders
hung einlassen müssen, die beide verändert aus dem wichtig; wir werden uns im Zusammenhang mit
Prozess hervorgehen lässt. Die therapeutische Bezie- dem Mechanismus der Projektion näher mit ihnen
hung ist keine einseitige und hierarchische Situation, beschäftigen (7 Kap. 9.3).
sondern kann nur auf einer partnerschaftlichen Ebe- Es ergeben sich also sechs Wechselwirkungsebe-
ne wirken, in der beide mit ihrer gesamten Psyche nen (A bis F). Berücksichtigt man, dass jede Achse
involviert sind. als Doppelpfeil zwei Richtungen hat, so sind es zwölf
In . Abb. 9.1 sind die intrapsychischen (inner- Einflusswege und Wirkrichtungen. Alle sind für die
halb eines der Partner) und die interpsychischen psychologischen Vorgänge im therapeutischen Pro-
(zwischen den Partnern) wechselseitigen Einfluss- zess wichtig, und einige spielen eine besondere Rolle
möglichkeiten durch Doppelpfeile angedeutet. Wir für die Phänomene von Übertragung und Gegen-
haben eine Konstellation von vier Zentren vor uns, übertragung.
nämlich dem Ich-Bewusstsein des Therapeuten,
dem Unbewussten des Therapeuten, dem Ich-Be- Die »psychologische Unschärferelation«. Wir ha-
wusstsein des Patienten und dem Unbewussten des ben in der Psychologie heute längst Abschied
Patienten. Jede der vier Instanzen kann mit jeder an- genommen von der Vorstellung, dass ein »distan-
deren in Beziehung und Interaktion treten. Dabei zierter Beobachter« den Patienten »objektiv« unter-
bedeuten die durch Buchstaben gekennzeichneten suchen und beurteilen könnte. Diese vereinfachen-
9 Ebenen in . Abb. 9.1 Folgendes:
A Die bewusste Beziehung zwischen Therapeut
de Annahme einer Subjekt-Objekt-Spaltung ist
heute nicht mehr möglich. Interessanterweise sind
und Patient (BwTh‒BwPat). Zu dieser Realbe- hier Tiefenpsychologie (aber auch systemische
ziehung gehören die wachbewusste Kontaktauf- Therapieansätze) und moderne Physik parallele
nahme, die Wahrnehmung des anderen über die Wege gegangen. So wie die Heisenberg’sche Un-
Sinnesorgane, die bewusste Einstellung und be- schärferelation im Bereich der Quantenmechanik
wusste gefühlsmäßige Haltung dem andern ge- besagt, dass jede Messung (= Beobachtung) den
genüber sowie der verbale Austausch. untersuchten Gegenstand beeinflusst und verän-
B Der Austausch zwischen dem Ich-Bewusstsein dert, sodass eine vom Betrachter unabhängige, »ob-
und dem Unbewussten innerhalb des Therapeu- jektive Messung« gar nicht möglich ist, so ist es
ten (BwTh‒UbwTh). Auf dieser Ebene ist dem auch bei der Interaktion zweier psychischer Systeme.
Behandler u. a. die Wahrnehmung eigener unbe- Wir könnten hier analog von einer »psychologischen
wusster Vorgänge möglich. Unschärferelation« sprechen. Der Therapeut mit
C Der Austausch zwischen dem Ich-Bewusstsein seiner Subjektivität, d. h. mit den Voraussetzungen
und dem Unbewussten innerhalb des Patienten seiner Gesamtpsyche, wirkt – bewusst oder unbe-
(BwPat‒UbwPat). Diese Achse entscheidet dar- wusst – auf sein Gegenüber und bestimmt dessen
über, wie gut der Zugang des Patienten zu sei- Reaktionen und das, was von dessen Psyche sichtbar
nem Unbewussten ist. wird, mit.
D Der Austausch von Unbewusst zu Unbewusst Deshalb würde auch die Therapie des gleichen
zwischen Therapeut und Patient (UbwTh‒ Patienten bei verschiedenen Behandlern jeweils
UbwPat). Hier kann z. B. eine »psychische Infek- völlig anders verlaufen, was wir uns natürlich nur
tion«, eine ungesteuerte gegenseitige Beeinflus- als Gedankenexperiment vorstellen können, weil
sung über das Unbewusste beider geschehen. solch ein Versuch nicht durchführbar ist. Aber
E Die wechselseitige Einwirkung zwischen dem schon die psychodynamische Einschätzung mehre-
Ich-Bewusstsein des Therapeuten und dem Un- rer Erstinterviewer kann in einem weiten Rahmen
bewussten des Patienten (BwTh‒UbwPat). unterschiedlich ausfallen, denn sie ist stark von der
F Schließlich die wechselseitige Einwirkung zwi- Optik des Untersuchers abhängig, von seinen Vor-
schen dem Ich-Bewusstsein des Patienten und dem lieben, seinen Theoremen, seinen blinden Flecken,
Unbewussten des Therapeuten (BwPat‒UbwTh). seinen Projektionen usw. So gibt es z. B. Analytiker,
9.2 · Der erweiterte Übertragungsbegriff
69 9

die in nahezu allen Patienten das »Narzisstische« möglich sind, nicht beschränken, sondern jede Form
erkennen und betonen, was ja auch einem Mode- von Projektion und alles vom Patienten auf den
trend in der Psychoanalyse entspricht. Und ebenso Behandler projizierte Material als Übertragung auf-
gilt die »psychologische Unschärferelation« für die fassen.
therapeutische Wirksamkeit des Behandlers, denn Wir kommen somit zu einer ganz übersichtli-
jeder Therapeut kann den Patienten nur so weit füh- chen und einfachen Formulierung und Definition
ren, wie er selber in der eigenen Selbsterkenntnis der Übertragung:
gelangt ist.
Definition
Der therapeutische Prozess. Das Bild eines Chirur- Die Übertragung
gen, der den Patienten ohne emotionale Beteiligung Übertragung ist die Projektion unbewusster In-
»operiert«, oder das eines Wissenschaftlers, der halte auf den Behandler. Die Übertragung ist
»neutral und objektiv« untersucht und beobachtet, damit ein Spezialfall der Projektion.
ist also heute nicht mehr zeitgemäß.
Der therapeutische Prozess ist eher einer chemi-
schen Reaktion vergleichbar, die beide Ausgangs- Auf diesen einfachen Nenner hatte Jung (1981,
substanzen erfasst und verwandelt. Patient und GW 18/1) die Übertragung gebracht. Die Besonder-
Therapeut gehen in einer gelungenen Behandlung heit besteht nur darin, dass sich die Projektion im
eine Verbindung auf psychischer Ebene ein, die bei- therapeutischen Feld abspielt und auf den Therapeu-
de Partner verändert und neu geschaffen aus dem ten richtet, während sonstige Projektionen auch auf
Prozess hervorgehen lässt. In jeder erfolgreichen andere Menschen, ja sogar auf Tiere, Pflanzen oder
Therapie hat sich auch der Therapeut ein Stück weit unbelebte Objekte zielen können.
gewandelt. Dieser allgemeine und erweiterte Übertragungs-
begriff ist unser theoretischer Boden für alles Folgen-
Definition de und auch für das Verständnis der Übertragungs-
Der therapeutische Prozess vorgänge bei der Traumarbeit. Mit ihm können
erfordert auf der psychischen Ebene eine andere Konzepte der Übertragung, wie z. B. der
echte Beziehung zwischen Therapeut und Freud’sche Übertragungsbegriff, integriert werden.
Patient Der Therapeut hat nicht die Position
eines distanzierten und »neutralen« Beobach- Der Freud’sche Übertragungsbegriff. Die Auffas-
ters und Behandlers gegenüber einem zu sung von der Übertragung ist bei Freud (1978) enger
behandelnden Objekt (Patient) inne, sondern gefasst. Sie bedeutet, dass die Erfahrungen, die an den
ist mit seiner »Subjektivität«, d. h. seiner un- Bezugspersonen der Kindheit – das sind in erster
verwechselbaren psychischen Ausstattung, Linie Mutter, Vater und Geschwister – gemacht wur-
voll am Prozess beteiligt. Aus einem thera- den, das Erleben des Patienten im therapeutischen
peutischen Prozess gehen beide Partner Raum prägen. Diese teilweise verdrängten oder sonst
verändert hervor. wie unbewusst gewordenen Beziehungsmuster wer-
den im Verlaufe der Therapie reaktiviert und auf den
Psychoanalytiker »übertragen«.
Es handelt sich hier also um spezielle Inhalte des
9.2 Der erweiterte persönlichen Unbewussten, die auf den Behandler
Übertragungsbegriff projiziert werden. Es sind dies vor allem die Eltern-
komplexe, also Mutter- und Vaterkomplex, sowie die
Definition der Übertragung. Wir arbeiten im Fol- sich auf die Geschwister beziehenden Inhalte. Der
genden mit einem allgemein und weit gefassten Patient kann so z. B. den Therapeuten unbewusst
Übertragungsbegriff. Der der Übertragung zugrun- wie seine Mutter oder seinen Vater erleben und wird
de liegende Vorgang ist die Projektion (7 Kap. 9.3). – ebenfalls unbewusst – mit der damaligen kindhaf-
Dabei wollen wir die Inhalte, die bei der Übertragung ten Reaktionsweise darauf antworten.
70 Kapitel 9 · Übertragung und Gegenüber tragung – Die psychische »Ehe« zwischen Therapeut und Patient

! Der Freud’sche Übertragungsbegriff ist Dann werden wir auch unser Augenmerk darauf
also ein Spezialfall unseres allgemeineren haben, dass nicht nur Inhalte aus dem persönlichen
Verständnisses von Übertragung. Er ist Unbewussten, sondern auch solche aus dem kollek-
begrenzt auf Inhalte des persönlichen tiven Unbewussten übertragen werden können.
Unbewussten und hierbei noch genauer Denn auch Archetypisches kann die Übertragung
auf gespeicherte Erfahrungen mit den bestimmen.
primären Bezugspersonen. Wird im Verlaufe der Therapie unbewusstes ar-
chetypisches Material aktiviert, dann wird es – wie
Weitere Übertragungsformen. Dies ist aber nur eine alles angeregte Unbewusste – auch projiziert. Ge-
Möglichkeit der Übertragung unbewussten Materi- schieht diese Projektion in der therapeutischen Situ-
als. Auch alle anderen Aspekte des persönlichen Un- ation und richtet sie sich auf den Behandler, spre-
bewussten können »in die Übertragung gehen«. Alle chen wir von archetypischer Übertragung.
unbewusst gewordenen Erlebniskomplexe der Bio- Die Möglichkeiten der Übertragung sind hier so
graphie können aktiviert und auf den Therapeuten vielfältig wie die Inhalte des kollektiven Unbewuss-
projiziert werden. ten. Im unbewussten Erleben des Patienten kann der
Behandler sowohl Züge eines halbgöttlichen Heilers
Beispiel und Weisen, eines Zauberers oder Dämons, einer
Eine Patientin, die in der Kindheit einen sexu- Hexe oder einer Fee oder einer sonstigen transhu-
ellen Missbrauch erlebte, kann voll unbe- manen und transpersonalen Gestalt annehmen.
9 wusster Angst und Erwartung manche Inter-
ventionen des Behandlers als Übergriff und
So träumte z. B. eine Teilnehmerin aus einer ana-
lytischen Selbsterfahrungsgruppe nach einer inten-
»Vergewaltigung« erfahren, ohne dass ihr das siven mehrstündigen Sitzung den Leiter als Schama-
ursprüngliche Trauma zunächst bewusst wird. nen, der mit der Gruppe um ein Feuer saß und ein
geheimnis- und wirkungsvolles Ritual durchführte.
In diesem Traum kommt die archetypische Übertra-
Darüber hinaus können auch Elemente aus den gung zur Geltung, die dem Gruppenleiter die Kräfte
frühesten Schichten des persönlichen Unbewussten, eines Medizinmannes zuschreibt.
aus dem perinatalen und embryonalen Unbewussten
auf den Therapeuten projiziert, d. h. übertragen
werden. In der Übertragung können Elemente aus
Ein Mensch z. B., der eine schwierige und lang- allen Bereichen des Unbewussten auf den
dauernde Geburt hatte mit einer vorübergehenden Behandler projiziert werden:
Einklemmung im Geburtskanal und einem kriti- 1. Projektion von Inhalten des persönlichen
schen Sauerstoffmangel, kann nicht nur in seinem Unbewussten
Leben eine Grundtönung von Einengung und angst- 5 Projektion von Erfahrungen mit den frü-
voller Spannung haben, sondern er kann solche Er- hen Bezugspersonen (Freud’scher Über-
lebnisqualitäten auch in der therapeutischen Bezie- tragungsbegriff); z. B. Vater- oder Mutter-
hung unterbringen, d. h. er überträgt unbewusste übertragung auf den Therapeuten,
perinatale Inhalte auf die Behandlungssituation. 5 Projektion von anderen Inhalten des per-
sönlichen Unbewussten (andere unbe-
Archetypische Übertragung. Der hier verwendete wusste biographische Komplexe, Traumen),
erweiterte Übertragungsbegriff im Sinne der obigen 5 Projektion von Frühengrammen (aus dem
Definition hängt eng mit dem erweiterten Verständ- perinatalen und embryonalen Unbewussten).
nis des Unbewussten zusammen. Gehen wir vom 2. Projektion von Inhalten des kollektiven
Unbewussten mit sowohl persönlichen (einschließ- Unbewussten
lich vorgeburtlichen) als auch kollektiv-archetypi- 5 Projektion archetypischen Materials
schen Inhalten aus, ergibt sich eine umfänglichere (archetypische Übertragung).
Möglichkeit der Projektion.
9.3 · Projektion – Aus sicherer Entfernung das Unbewusste betrachten
71 9
9.3 Projektion – Aus sicherer Der Projektionsmechanismus. Für die Projektion,
Entfernung das Unbewusste die als Mechanismus jeder Übertragung zugrunde
betrachten liegt, ist der hier gezeigte Ausschnitt aus dem Dia-
gramm der therapeutischen Quaternio von Belang
Was heißt projizieren? Projizieren ist das Hinausver- (. Abb. 9.2).
lagern unbewusster Inhalte in die Außenwelt, die als Wie kommt es zu einer Projektion? Hierbei ist
den anderen Menschen oder Dingen zugehörig wieder die energetische Betrachtungsweise hilf-
wahrgenommen und zunächst nicht als Eigenes er- reich. Voraussetzung für eine Projektion ist, dass ein
kannt werden. Sind wir uns z. B. unserer eigenen Ag- unbewusster Inhalt energetisch angeregt oder ak-
gressivität nicht bewusst, kann es sein, dass wir diese tiviert ist (z. B. durch äußere Auslöser, durch
projektiv am andern erleben und sie ihm zuschrei- Triebstau, entwicklungsbedingt, durch Impulse aus
ben. Das heißt, wir sind uns dabei der Tatsache nicht den archetypischen Wirkfeldern usw.). Dadurch
bewusst, dass es sich um etwas aus unserem eigenen drängt der Inhalt ans Bewusstsein. Wenn er nicht
Unbewussten handelt. Dabei wird keineswegs nur auf unmittelbarem Wege dorthin gelangen kann,
Verdrängtes projiziert, sondern alle Inhalte des Un- wird er projiziert.
bewussten, die eine Tendenz ins Bewusstsein haben. Dies ist in . Abb. 9.2 dargestellt (Pfeile 1 bis 3):
4 Pfeil 1: Die Verbindung zwischen dem Unbe-
Projektionen sind etwas Normales. In der Psychoa- wussten des Patienten (UbwPat) und dem Be-
nalyse werden Projektionen meist nur als ein frag- wusstsein des Patienten (BwPat) ist unterbro-
würdiger Abwehrmechanismus angesehen, hinter chen. Ursache dafür kann z. B. sein, dass der
dem sich Verdrängtes verbirgt. Projektionen sind Inhalt mit dem Bewusstsein nicht kompatibel ist,
aber nicht generell etwas Pathologisches, sondern dass er also als mit den ichhaften Wertungen un-
zuerst einmal etwas ganz Normales. vereinbar abgelehnt, abgewehrt und verdrängt
Es gehört zu den psychologischen Gesetzmäßig- wird.
keiten, dass wir unser Unbewusstes – das sagt ja schon In unserem Beispiel verdrängter Aggressivität kann
der Begriff »Unbewusstes« – nicht direkt, sondern der eigene aggressive Impuls nicht introspektiv er-
nur indirekt erkennen können. Und einer der meist- kannt werden, weil z. B. neurotische Fehlhaltungen
gegangenen indirekten Wege ist die Projektion. und Fehlwertungen bestehen, die es nicht erlauben,
dass Hass- und Wutgefühle der eigenen Person zu-
! Die Projektion ist ein Umweg über andere,
gehörig empfunden werden. Hier besteht eine neu-
um Kenntnis vom eigenen Unbewussten
rotische Dissoziation, eine Unterbrechung des Kon-
zu erhalten. Wir erfahren also unser Unbe-
taktes zum Unbewussten. Es muss sich aber nicht
wusstes häufig zuerst via Projektion.
immer um etwas Verdrängtes, sondern es kann sich
Das gilt auch für die tieferen, z. B. archetypischen auch um einen neuen Inhalt handeln, für den das
Elemente des Unbewussten. Sie kommen ja genuin Bewusstsein noch nicht offen und reif ist, sodass eine
aus dem kollektiven Unbewussten und drängen ans direkte Wahrnehmung nicht möglich ist.
Bewusstsein. Sie waren niemals vorher im Bewusst- 4 Pfeil 2: In jedem Fall stauen sich die aktivierten
sein, wie dies bei anamnestischen Inhalten der Fall unbewussten Inhalte und suchen einen anderen
ist, die sekundär verdrängt wurden. Weg der Energieabfuhr. Eine solche Möglichkeit
der Entlastung ist die Projektion.
! Das Arbeiten mit den Projektionen des
Die im Bewusstsein nicht zugelassenen Inhalte bah-
Patienten ist damit etwas viel Umfangrei-
nen sich via Projektion einen Umweg (Pfeil 2) und
cheres als nur das Auflösen von Verdrän-
werden am anderen wahrgenommen.
gungen und schließt auch die Assimilation
4 Pfeil 3: Diese Inhalte oder Eigenschaften scheint
von bisher nie gekanntem und nie bewuss-
der andere uns gegenüber zu zeigen. Bei einer
tem Material aus den Tiefenschichten der
abgespaltenen Aggressivität z. B. kann das Ge-
Psyche ein.
genüber schnell aggressiv oder bedrohlich erlebt
werden.
72 Kapitel 9 · Übertragung und Gegenüber tragung – Die psychische »Ehe« zwischen Therapeut und Patient

Therapeut Patient
Ich-Bewusstsein der Therapeuten (BwTh) Ich-Bewusstsein des Patienten (BwPat)

9 aktiviertes
Unbewusstes

das Unbewusste des Therapeuten (UbwTh) das Unbewusste des Patienten (UbwPat)

. Abb. 9.2. Der Projektionsmechanismus (Erläuterungen 7 Text)

! Durch diesen Vorgang der Projektion er- 9.4 Die Gegenübertragung


folgt zumindest eine Annäherung des
nicht kompatiblen Inhalts an das Bewusst- Durch die Vorgänge von Projektion und Übertra-
sein. Die Auseinandersetzung mit den ab- gung sind wir durch unser eigenes Unbewusstes ge-
gewehrten Eigenschaften am andern ist blendet, das wir bei der Wahrnehmung der Welt
der erste Schritt der Bewusstwerdung. ständig »vor der Nase« haben. Dadurch können Re-
alitätsverzerrungen mehr oder minder großen Aus-
Das Ich-Bewusstsein kann sozusagen aus sicherer maßes zustande kommen. Wir können das bei Pati-
Entfernung das verdrängte Element kennen lernen. enten in der Therapiesituation beobachten. Von
Im Feld von Übertragung und Gegenübertra- solch einer »Blendung« durch eigene innere Prozes-
gung hat der innere »Projektor« seinen Ort im Un- se ist aber auch der Therapeut nicht frei. Besonders
bewussten des Patienten, und der Therapeut bietet wenn viel störendes, unaufgearbeitetes Material in
sich als Projektionsleinwand an. In der Übertragung ihm ist, kann davon ein Teil seiner Gegenübertra-
auf den Behandler kann der Patient mit Hilfe des gung geprägt sein. Er hat dann seine »Brille« mit
Therapeuten all die Elemente seines Unbewussten charakteristischer Optik und Tönung auf, durch die
wahrnehmen, die sich sonst der unmittelbaren Ei- er den Patienten sieht.
generkenntnis aufgrund der neurotischen Dissozia-
tion verschließen. Was ist Gegenübertragung? In Analogie zum Be-
griff der Übertragung werden so unter Gegenüber-
! Wichtig: Auch außerhalb der Neurose fin- tragung zum einen alle spontanen Projektionen des
den laufend solche Projektionen statt. Therapeuten auf den Patienten verstanden. Darüber
9.4 · Die Gegenübertragung
73 9

hinaus gehören zur Gegenübertragung aber auch Definition


alle Reaktionen des Therapeuten auf den Patienten Die Gegenübertragung
und auf dessen Projektionen. Die Gegenübertragung des Therapeuten um-
Diese zwei Formen wollen wir wie folgt genauer fasst die eigenen Projektionen auf den Patien-
unterscheiden: ten und seine Reaktionen auf dessen Übertra-
1. Alle Projektionen, die der Therapeut aufgrund gung.
seiner Psychologie und aufgrund seiner Kom-
plexstruktur auf den Patienten macht, die also
nicht durch den Patienten ausgelöst werden. Die Gegenübertragung als diagnostisches Instru-
Das sind Störelemente der Therapie, die der ment. Die Gegenübertragung birgt demzufolge die
Therapeut bei sich bearbeiten muss. Diese Form Möglichkeit, als diagnostisches Instrument zu fun-
von Gegenübertragung könnte man besser als gieren.
Übertragung des Therapeuten bezeichnen. Projektionen sind keine rein psychologischen
2. Durch die Übertragung des Patienten, d. h. Hilfsvorstellungen oder Konstrukte von akademi-
durch dessen Projektionen beim Therapeuten schem Interesse, sondern sie haben eine energetische
ausgelöste bewusste oder unbewusste Reaktio- Realität. Sie bewirken immer etwas in dem, auf den
nen. Dies ist die Gegenübertragung im engeren projiziert wird. Es werden Energien mobilisiert und
Sinne. Ihre Beachtung in der Therapie ist außer- im anderen untergebracht.
ordentlich hilfreich und konstruktiv für den Ausgehend von dem aktivierten Unbewussten
Behandlungsverlauf. des Patienten können wir anhand der . Abb. 9.3 die

Therapeut Patient
Ich-Bewusstsein der Therapeuten (BwTh) Ich-Bewusstsein des Patienten (BwPat)

1
4
2

das Unbewusste des Therapeuten (UbwTh) das Unbewusste des Patienten (UbwPat)

. Abb. 9.3. Die Gegenübertragung als diagnostisches Instrument (Erläuterungen 7 Text)


74 Kapitel 9 · Übertragung und Gegenüber tragung – Die psychische »Ehe« zwischen Therapeut und Patient

möglichen Wege, die die psychische Energie nimmt, Das besondere dieser letztgenannten Gegenübertra-
verfolgen: gungsinhalte ist, dass wir hier das Wissen über die
4 Pfeil 1: Voraussetzung ist wieder, dass eine direk- Introspektion und den guten Kontakt zum eigenen
te Introspektion beim Patienten unmöglich ist Unbewussten erhalten.
(Unterbrechung der Verbindung vom Unbe-
! Es hat ein Kontakt vom Unbewussten des
wussten des Patienten zu seinem Bewusstsein).
Patienten zum Unbewussten des Thera-
4 Pfeil 2: Der Behandler kann – vorausgesetzt, dass
peuten stattgefunden, und das Bewusst-
er eine gewisse Bewusstheit erlangt hat, – eine
sein von letzterem fungiert wie ein Seis-
direkte Kenntnis von den Projektionen des Pa-
mograph, der von den unterirdischen Be-
tienten bzw. über die Vorgänge in dessen Unbe-
wegungen im eigenen Inneren Kenntnis
wussten erhalten. Sind seine (des Behandlers)
erhält.
Orientierungsfunktionen sehr differenziert,
können sie ihm rasch ein Wissen davon vermit- Werden diese Signale vom Therapeuten beachtet,
teln. Entweder geschieht das über seine Empfin- verfügt er über ein unschätzbares diagnostisches
dungsfunktion, die den Patienten direkt wahr- Instrument. Geht er ihnen nach, kann er an wert-
nimmt, über seine Intuition, über sein Fühlen volle, therapeutisch verwertbare Informationen
oder über seine denkerischen Überlegungen. über den Patienten und dessen unbewusste Vor-
Über diese Bewusstseinsorgane kann der Thera- gänge gelangen.
peut unbewussten Vorgängen beim Patienten Die aufgetretene Körperempfindung, z. B. ein
9 direkt auf die Spur kommen.
4 Pfeil 3 und 4: Oft erreicht den Therapeuten aber
Kopfschmerz (Empfindungsfunktion), wird sich
dann vielleicht durch eine aktuelle innere Span-
zunächst nur ein indirektes Signal. Der aktivierte nungssituation im Patienten erklären lassen. Der
unbewusste Inhalt des Patienten regt das Unbe- Einfall, das spontan aufgetauchte Bild (Intuitions-
wusste des Therapeuten an (3) und meldet sich funktion), erweist sich als voll zutreffend auf die
über diesen Umweg in seinem Bewusstsein (4). momentane unbewusste Dynamik im Patienten.
Ebenso können die Gefühle oder das Fühlen (Fühl-
Ein solches Signal erreicht ebenfalls über eine der funktion) sowie die aufgetretenen Gedanken (Denk-
vier Orientierungsfunktionen das Bewusstsein des funktion) auf eine neue Spur führen.
Therapeuten:
4 Über seine Empfindungsfunktion: er nimmt z. B.
plötzlich etwas in seinem Körper wahr, hat ein Die Gegenübertragung als diagnostisches
Druckgefühl, erlebt einen Schmerz, es treten Instrument:
Kopfschmerzen oder Müdigkeit auf, die Füße 5 Über das Unbewusste des Patienten wird
werden kalt usw. das Unbewusste des Therapeuten angeregt.
4 Über seine Intuitionsfunktion: er hat einen plötz- 5 Der Therapeut stellt eine Beziehung
lichen Einfall, ein Bild taucht vor seinem geisti- zwischen den aus dem eigenen Inneren
gen Auge auf; es kommt ihm etwas in den Sinn, empfangenen Signalen und dem
auch wenn es auf den ersten Blick in keinem er- Patienten her.
kennbaren Zusammenhang mit dem Therapie- 5 Er erhält somit über den Umweg des
gespräch steht. eigenen Unbewussten Kenntnis vom
4 Über seine Fühlfunktion: er erlebt einen nicht Unbewussten des Patienten.
erklärbaren Ärger oder eine plötzliche Traurig- 5 Voraussetzung ist, dass beim Therapeuten
keit, spürt Aggressivität oder Angst aufsteigen keine störenden eigenen Projektionen
usw. dazwischenkommen.
4 Über seine Denkfunktion: es tritt spontan ein 5 Seltener ist das direkte Erfassen der
Gedankengang, ein logisch-rationaler Bezug auf, unbewussten Inhalte des Patienten.
der etwas Zutreffendes über den Patienten aus-
sagt.
9.4 · Die Gegenübertragung
75 9

Mit dem Ende dieses Teil I haben wir uns die we-
sentlichsten theoretischen Voraussetzungen ange-
eignet, die für das Verständnis der kommenden
Teile wichtig sind. Mit diesem Rüstzeug können wir,
nachdem wir in Teil II die grundsätzliche Rolle des
Traumes für die Therapie besprochen haben, im
Teil III an die Methodik und Praxis der Traumarbeit
herangehen und uns die verschiedenen Ebenen,
auf denen ein Zugang zur Bedeutung von Träumen
gefunden werden kann, im Einzelnen anschauen.
10

10 Zur Neurobiologie des Träumens


10.1 REM-Schlaf und Non-REM-Schlaf – 80

10.2 Die Generierung der Träume im Gehirn – 81

10.3 Zur biologischen Funktion des Traumes –


der Mensch als träumendes Säugetier – 82
80 Kapitel 10 · Zur Neurobiologie des Träumens

10.1 REM-Schlaf Atemfrequenz und Blutdruck sind im Non-REM-


und Non-REM-Schlaf Schlaf am niedrigsten als Ausdruck einer generellen
vegetativen Umstellung im tiefen Schlaf.
Den Beginn der neurowissenschaftlichen Erfor- Interessant ist, dass ein gesamter Schlafzyklus, in
schung von Schlaf und Traum machten Aserinsky u. dem alle genannten Stadien einschließlich des REM-
Kleitmann (1953) mit der Entdeckung des REM- Schlafes durchlaufen werden, ca. 90 min dauert, wo-
Schlafes. Sie stellten in bestimmten Schlafphasen bei in der ersten Nachthälfte die Tiefschlaf- und ge-
rasche Augenbewegungen (rapid eye movements, gen Ende der Nacht die REM-Phasen dominieren.
REM) fest. Weckt man Personen in diesen Phasen, Wir kennen das 90-Minuten-Intervall auch aus Be-
so werden sie in der Regel über lebhafte Träume be- obachtungen des Aktivitätsgrades von rechter und
richten. linker Gehirnhälfte, wobei es hier in diesem 1½-
Der REM-Schlaf lässt sich durch eindeutige Stundenrhythmus zu einem vom Wachbewusstsein
Charakteristika von anderen Schlafphasen unter- kaum bemerkten Umschalten von der einen zur an-
scheiden, die als Non-REM-Schlaf zusammengefasst deren Hemisphäre kommt.
werden. Hierunter werden Schlafstadien verschiede-
ner Tiefe subsumiert, zwei Leichtschlafstadien in der Das Träumen im REM- und Non-REM-Schlaf. Da der
Einschlafphase (Non-REM I und II) und zwei Tief- REM-Schlaf so auffällig mit intensivem Träumen
schlafstadien (Non-REM III und IV), je nach Ge- einhergeht, wurde diese Schlafphase anfangs mit
hirnaktivität des EEG. dem Träumen gleichgesetzt. Im Schlaflabor werden
Im REM-Schlaf zeigt das EEG eine hochfrequen- 95% der Testpersonen beim Wecken aus der REM-
te Aktivität, wie sie ähnlich im Wachen vorkommt. Phase von regen Traumerlebnissen berichten, wäh-
Es treten nämlich neben langsamen Delta- und The- rend aus den Non-REM-Phasen nur in 5‒10% der
10 ta-Wellen besonders die schnellen Beta-Wellen auf, Fälle Träume erinnerlich sind, die noch dazu – da-
die zusammen mit den Alpha-Wellen für das Wach- von gleich mehr – einen anderen Charakter haben
EEG typisch sind. Deshalb sprach man früher auch (Klösch 2004, S. 41).
beim REM-Schlaf vom paradoxen Schlaf. Ein weite- In den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts
res Merkmal des REM-Schlafs ist, dass hier die Mus- wurde dann aber nachgewiesen, dass unter geeigne-
kulatur vollkommen entspannt ist – mit Ausnahme ten Versuchsbedingungen bis zu 70% der Proban-
natürlich von Atem- und Augenmuskulatur –, was den von traumähnlichen Zuständen in den Non-
offenbar deshalb sinnvoll ist, damit es in der Hektik REM-Stadien berichten können. Die bis dato gültige
eines Traumgeschehens nicht zu unbeabsichtigten Gleichung REM = Träumen war also so nicht mehr
Bewegungen des Körpers kommt. Ferner werden im aufrechtzuerhalten. Es wird offenbar in allen Schlaf-
REM-Schlaf die Genitalien bei beiden Geschlech- phasen geträumt. Bekannt sind ja z. B. die hypna-
tern stark durchblutet, mit der Folge einer Lubrifika- gogen Einschlafbilder und -sequenzen, die beim
tion (Feuchtwerden) der Scheide und eines An- Hinüberdämmern in den Schlafzustand auftreten;
schwellen der Klitoris bei der Frau bzw. einer Erek- doch auch in den tieferen Stadien außerhalb von
tion des Penis beim Mann. REM kommen Träume vor.
Der Non-REM-Schlaf zeigt eine andere EEG- In den meisten Ausführungen über Träume wird
Charakteristik der Großhirnrinde. Hier dominieren aber übersehen oder nicht genügend gewichtet, dass
in der Einschlafphase (Stadium I und II) die langsa- die Träume in den Non-REM-Phasen in der Regel
meren Theta-Wellen und in den Tiefschlafphasen III eine gänzlich andere Qualität haben, wodurch sie
und IV die sehr langsamen Delta-Wellen. Deshalb kaum noch die Bezeichnung als echte Träume ver-
hat man den Non-REM-Schlaf auch »slow wave dienen. Traumzustände in Non-REM sind im Allge-
sleep« genannt. Mit zunehmender Schlaftiefe werden meinen kürzer, rationaler, gedanklicher, logischer
die EEG-Wellen also langsamer und auch höher. aufgebaut, nicht so fantastisch, symbolisch, emotio-
Ebenfalls mit zunehmender Schlaftiefe sinkt in den nal und sinnlich (mit Vorherrschen des Visuellen)
Non-REM-Stadien die Herzfrequenz ab, die im wie REM-Träume, die auch subjektiv eine größere
REM-Schlaf unregelmäßig und oft schnell ist. Auch Bedeutung für den Träumer haben und von diesem
10.2 · Die Generierung der Träume im Gehirn
81 10

besser erinnert werden können. Non-REM-Träume sind daran beteiligt? Wie läuft die Erregungsausbrei-
sind also dem Wachdenken ähnlicher und entbeh- tung ab und welche Hirnbezirke sind ausschlagge-
ren meist gerade das, was wir als das spezifisch bend für das Träumen? Die aktuellen Forschungsbe-
Traumhafte ansehen, nämlich Symbolhaftigkeit, funde haben zwar viele erstaunliche Ergebnisse ge-
kreatives Fantasieren, sinnliche Intensität und emo- bracht, liefern aber ein relativ kompliziertes Bild, das
tionale Bedeutsamkeit bis hin zum Faszinosum sich wohl erst in der weiteren Erkundung des Träu-
(Klösch 2004, S. 42; Mertens 1999, S. 90). Auch die mens klären wird.
luziden Träume (7 Kap. 25), die sich durch besonde- In den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts wurde
re Klarheit und Eindringlichkeit auszeichnen, dabei entdeckt, dass der Pons (lat. pons: Brücke), einer
aber alle Freiheiten der Fantasie mit der Überschrei- Übergangsregion zwischen Rückenmark und Ge-
tung der physikalischen Gesetze im Traumerleben hirn und ein Teil des Hirnstamms, eine entscheiden-
zulassen, sind nahezu ausschließlich Produkte der de Rolle zufällt (. Abb. 10.1). Elektrische Stimula-
REM-Schlafphasen. tion dieser Region bei der Katze löst REM-Schlaf
Das Fazit, das wir hieraus ziehen können, ist, aus. Die pontinen Erregungen werden dabei über
dass der uns im Zusammenhang der Psychotherapie Teile des Thalamus zum okzipitalen Kortex, also
und des Arbeitens mit Träumen interessierende zum hinteren Bereich der Hirnrinde weitergeleitet.
Traum derjenige des REM-Schlafes ist. Bei allen Diese Entdeckungen konnten etwa 40 Jahre später
Traumbeispielen dieses Buches handelt es sich am Menschen bestätigt werden (Klösch 2004, S. 39).
höchstwahrscheinlich um solche aus den REM- Doch schon in den 70er-Jahren war von Hobson
Phasen. u. McCarley (1977) vom pontinen »Traumzustand-
Generator« gesprochen worden. Diese beiden ame-
rikanischen Forscher stellten auch die These auf,
10.2 Die Generierung der Träume dass der REM-Schlaf durch zwei verschiedene Kerne
im Gehirn in der Pons ausgelöst bzw. beendet wird. Die Neuro-
nen des ersten Kerns setzen bei Erregung den Neu-
Wie entstehen Träume im Gehirn? Welche Hirn- rotransmitter Acetylcholin frei, dessen Ausschüttung
strukturen, -verbindungen und Neurotransmitter während der gesamten REM-Phase aufrechterhalten

. Abb. 10.1. Gehirn mit Vorderhirn (darin Stirnhirn), Zwischenhirn (u. a. Thalamus) und Hirnstamm (u. a. Pons). (Aus Ehlert
2003)
82 Kapitel 10 · Zur Neurobiologie des Träumens

wird. Dann beginnen die Nervenzellen des zweiten 10.3 Zur biologischen Funktion
Kerns zu feuern und setzen den Neurotransmitter des Traumes – der Mensch
Serotonin frei. Dadurch wird die REM-Phase ge- als träumendes Säugetier
stoppt und der Non-REM-Schlaf setzt ein. Dieser
Zyklus wiederholt sich – wie schon erwähnt – ca. alle REM-Schlaf und Träumen sind stammesgeschicht-
90 min (Solms u. Turnbull 2004). lich alte Errungenschaften der Säugetiere. Man hat
Diese Befunde haben zwar einen entscheiden- bei allen Säugern außer den primitivsten, den Eier
den Beitrag zum Verständnis der Träume und ihrer legenden, REM-Schlaf nachgewiesen, sodass wir
neurobiologischen Grundlage geleistet, doch heute von einem evolutionären Alter der Fähigkeit des
ist die These, dass die Pons mit den beiden Kernen Träumens von 150‒200 Mio. Jahren ausgehen
der REM-on- und REM-off-Neuronen der aus- können. In der Evolution wurde zunächst der
schließliche Verursacher von Träumen ist, nicht Schlaf (niedere Tiere kennen keinen Schlaf) und
mehr haltbar. Untersuchungsergebnisse bei Läsio- ab der Stufe der Mammalia (Säugetiere) der
nen im Ponsgebiet zeigten in vielen Fällen, dass REM-Traumschlaf entwickelt. Offenbar bietet
Träume dennoch fortbestanden. Dies bedeutet, dass gerade das Träumen in der Weiterentwicklung der
die Pons nicht die alleinige Quelle oder »Generator« höheren Säugetiere einen entscheidenden evolutio-
der Träume ist. nären Vorteil. Vermutlich besteht dieser Nutzen
Nach Solms u. Turnbull (2004, S. 212 ff) sind in erster Linie in der gleich zu besprechenden
weitere Hirnregionen bzw. -strukturen maßgeblich Steigerung der Lern- und Gedächtnisleistung, ver-
am Träumen beteiligt. Die Autoren und Forscher bunden mit einer dadurch vergrößerten Informa-
sprechen von einem komplexen Funktionssystem, tionsverarbeitungskapazität und komplexeren
das in gemeinsamer Interaktion die Träume hervor- kognitiven Leistungen. Die höheren Formen des
10 bringt. Zu diesem Funktionssystem gehören das lim- Bewusstseins bei den Primaten bis hin zum
bische System, die mit dem limbischen System ver- menschlichen Ich-Bewusstsein mit seinen geistigen
bundenen Teile von Stirn- und Schläfenlappen sowie Fähigkeiten wären ohne die Gabe des Träumens
der Großteil des visuellen Systems. Ihrer Auffassung offensichtlich nicht möglich gewesen (Mertens
nach sind die notwendigen und hinreichenden Be- 1999, S. 97 f).
dingungen für das Auftreten von Träumen: erstens
die Vorderhirnerregung; zweitens die Integrität von Traum und Gedächtnis. Die Bedeutung des Schlafes
zwei Vorderhirnstrukturen, nämlich der okzipitotem- und insbesondere des Träumens für das Lernen und
poro-parietalen Verbindung (Verbindung zwischen die Gedächtnisbildung hat die moderne Hirnfor-
Hinterhaupts-, Schläfen- und Seitenlappen) und der schung unbezweifelbar nachgewiesen. Wir wissen
limbischen weißen Substanz des Vorderhirns. erst seit wenigen Jahren, dass während des Tages Ge-
Damit ergibt sich, dass die Erregungsausbrei- lerntes nur im Schlaf sicher ins Langzeitgedächtnis
tung beim Träumen weitgehend mit derjenigen überführt und damit konsolidiert wird. Schlafentzug
übereinstimmt, die man bei der Auslösung basaler z. B. verhindert diesen Vorgang, sodass die Lernleis-
Affekte und Emotionen, den so genannten Basis- tungen signifikant schlechter ausfallen (Spitzer 2002,
emotionen, findet. Dabei favorisieren Solms u. S. 21 ff).
Turnbull unter den Basisemotionen das dopaminer- An der Gedächtniskonsolidierung ist besonders
ge SUCH-System als primäre Antriebskraft der eine Struktur beteiligt: der Hippokampus im Zwi-
Träume. Dieses SUCH-System hat seine Quellzellen schenhirn (. Abb. 10.2). Dieses Hirnareal, das viel-
im Hirnstamm, die Erregungen über Teile des Hy- fältig mit dem Kortex verknüpft ist, aktiviert im
pothalamus u. a. zum Gyrus cinguli und zur Amyg- Schlaf die tagsüber gelernten Inhalte und präsentiert
dala senden (. Abb. 10.2). Früher wurde es auch als sie erneut der Hirnrinde. In dieser internen Nach-
Belohnungssystem bezeichnet. Es hängt mit Neu- verarbeitung (also ohne störende neue Außenreize)
gierde und Interesse zusammen und weckt eine po- werden die im Hippokampus nur temporär bewahr-
sitive Erwartungshaltung (Solms u. Turnbull 2004, ten Engramme in den Langzeitspeicher des Kortex
S. 130 f). überführt. Spitzer (2002, S. 125) drückt es bildhaft
10.3 · Zur biologischen Funktion des Traumes
83 10

. Abb. 10.2. Zwischenhirn und limbisches System mit Hippokampus, Amygdala und Gyrus cinguli. (Aus Ehlert 2003)

aus: »Der Hippokampus fungiert im Schlaf als Leh- Im REM-Schlaf und während des Träumens
rer des Kortex.« wurden von der Ratte demnach die gemachten Lern-
Diese Übermittlung der im Hippokampus vor- erfahrungen zur Konsolidierung des Gedächtnisses
übergehend gelagerten Gedächtnisinhalte in den si- erneut aktiviert. Dieser Befund zeigt nicht nur ein-
cheren Aufbewahrungsort der Großhirnrinde wur- deutig die neurobiologische Bedeutung des Träu-
de ursprünglich für den Tiefschlaf nachgewiesen. mens im Sinne der langfristigen Gedächtnisbildung,
Inzwischen konnte aber gezeigt werden, dass diese sondern ist gleichzeitig der erste experimentelle
Lernvorgänge sich auch und vielleicht sogar bevor- Nachweis auf Neuronenebene, dass Tagesreste
zugt im Traum abspielen. So wurden bei Ratten wäh- (7 Kap. 18) im Traum vorkommen; etwas, das dem
rend des wachen Lernens Aktivitätsmuster von Hip- Psychotherapeuten seit Freud von der praktischen
pokampusneuronen abgeleitet. Während der folgen- Erfahrung her schon lange bekannt ist.
den Traumschlafphasen wurden dann die gleichen
Muster wieder gefunden. Damit lag der Schluss Emotionale Verarbeitung im Traum. Als weitere
nahe, dass die Ratten von den im Wachen erlebten Funktionen des Traums werden heute in den Neuro-
Lernsituationen träumten. Spitzer (2002, S. 131) wissenschaften diskutiert: die emotionale Neube-
bringt es auf den Punkt: »Man kann nicht nur sagen, wertung von bereits bestehenden Inhalten bzw. ab-
dass die Ratte träumt, sondern auch, wovon.« gespeicherten Erfahrungen und die Ausbildung
84 Kapitel 10 · Zur Neurobiologie des Träumens

neuer Hirnverknüpfungen. In letzterem sehe ich das Emotionen die zentrale Rolle (. Abb. 10.2). Sie hat
materielle Substrat einer psychischen Veränderung. mit der Steuerung elementarer Affektzustände, z. B.
In diesem Kontext sind Forschungsergebnisse in- von Sexualität und Nahrungsaufnahme, also mit
teressant, die dafür sprechen, dass das Träumen für grundlegenden Triebaspekten zu tun. Ferner trägt
die emotionale Gesundheit und die Stressbewältigung sie zum Erkennen gefühlsbeladener Szenen und Ge-
essentiell wichtig ist. Traumdeprivation, d. h. Traum- genstände entscheidend bei. Besonders alte negative
entzug durch Wecken vor Einsetzen der REM-Schlaf- affektive Erfahrungen sind hier engrammiert. Alle
phasen, führt neben der Gedächtnisbeeinträchtigung Komponenten des limbischen System sind vielfach
zu gesteigerten aggressiven, sexuellen und Ess-Impul- mit dem übrigen Gehirn »verdrahtet«, sonst könn-
sen, zu verschlechterter Anpassungsfähigkeit in Form ten solche komplexen Funktionen nicht zustande
von Konzentrationsstörungen sowie zu Gereiztheit, kommen. So ist es auch beim Gyrus cinguli, der mit
Angst und Unruhe bis hin zu Wahnvorstellungen und seinen Verknüpfungen affektbetonte Gebärden und
Halluzinationen in manchen Fällen. Auch diese Be- Lautäußerungen ermöglicht und an Planung, Ent-
funde können als Beweis für die biologische Notwen- scheidung, Fehlerbehebung, dem Erkennen von Ge-
digkeit des REM-Schlafes angesehen werden (Mer- fahren und Problemen sowie dem Überwinden star-
tens 2002, S. 103 f; Klösch 2004, S. 42). ker Gewohnheiten beteiligt ist (. Abb. 10.2). Er fügt
Emotionalität und Traum stehen in einer engen auch der Schmerzwahrnehmung, die per se nicht
Verbindung miteinander. Es ist nicht nur so, dass wehtut, die typische unangenehme, emotional be-
eine begleitende emotionale Berührtheit Lernvor- wertende Schmerzqualität hinzu. Es ist also zwi-
gänge fördert – dies ist uns aus dem Wachzustand schen dem reinen sensorischen Reiz und der ge-
bekannt –, sondern darüber hinaus scheinen emoti- fühlsmäßigen Bewertung zu unterscheiden. Erst die
onal wirksame Hirnregionen den Traum ständig zu Kombination beider Mechanismen ergibt das, was
10 beeinflussen, wenn sie ihn nicht sogar motivieren, wir als Schmerz erfahren und fühlen (Roth 2001,
d. h. die Libido, die psychische Energie für die Her- S. 232‒254).
vorbringung des Traumes beisteuern. Mit bildge- Zur Pons und dem Hirnstamm ist noch anzu-
benden Verfahren, insbesondere der Positronen- merken, dass dieser innerste und tiefste Teil des Ge-
Emissions-Tomographie (PET), konnte gezeigt wer- hirns die Schaltstelle für lebenswichtige Funktionen
den, dass neben der Pons im Hirnstamm und dem wie Herz-Kreislauf-Regulation, Atmung und Schlaf-
schon im Rahmen der Gedächtnisspeicherung er- Wach-Rhythmus ist (. Abb. 10.2). Außerdem wird
wähnten Hippokampus diejenigen Hirnzentren, die bei Umweltreizen von hier aus die Aufmerksamkeit
mit der Entstehung von Affekten und Emotionen zu und Zuwendung zum Stimulus ausgelöst. Das in-
tun haben, hoch aktiv sind, nämlich das gesamte stinktgebundene Verhalten dieser Stufe hat ferner
limbische System mit der Amygdala und dem Gyrus mit Revier verteidigung, Dominanzstreben und
cinguli. Diese Regionen sind auch weitgehend mit Drohgebärden zu tun.
denen identisch, die für die Basisemotionen (z. B. Beim Träumen sind also hauptsächlich – das zei-
Lust, Wut, Furcht, Panik) verantwortlich sind. Damit gen die PET-Untersuchungen – die tieferen und pri-
zeigt das »träumende Gehirn« eine dem »emotiona- mitiveren – im Sinne von: stammesgeschichtlich äl-
len Gehirn« nahezu gleichartige Erregungsvertei- teren – Hirnareale eingeschaltet, während höhere
lung (Solms u. Turnbull 2004, S. 214 f). kortikale Bereiche weitgehend brachliegen. Die we-
Hierzu noch einige Erläuterungen. Das limbische nig aktiven oder ruhenden Teile des Gehirns sind
System mit seinen Bestandteilen erfüllt ganz funda- der visuelle Projektionskortex (ein Teil des visuellen
mentale Funktionen wie die Auslösung von Affekten Systems), weitere Areale, die sensorische Informati-
und Emotionen sowie die emotionale Bewertung onen verarbeiten, sowie der für höhere geistige
von Situationen, Menschen und Dingen und beein- Funktionen wie z. B. kritische Beurteilung und logi-
flusst damit letztendlich unsere Entscheidungen und sche Denkprozesse wichtige Stirnlappen (nach
Handlungen. Diese Vorgänge können sowohl be- Klösch 2004, S. 45; . Abb. 10.1).
wusst als auch unbewusst ablaufen. Dabei spielt die Worin besteht der Sinn der Aktivierung über-
Amygdala für die Entstehung und Regulation der wiegend stammesgeschichtlich älterer Hirnregionen
10.3 · Zur biologischen Funktion des Traumes
85 10

wie Pons, limbisches System und Hippokampus, die Der Traum kann hier die Funktion übernehmen, In-
mit instinktgebundenen Verhaltens- und Erlebens- stinktmechanismen bzw. archetypische Grundmuster
weisen in Beziehung stehen? Neben der Aufgabe des des kollektiven Unbewussten zu bahnen und die da-
Hippokampus, Erinnerungen fest einzuprägen, sol- ran beteiligten Verhaltensweisen einzuüben. Dadurch
len offenbar angeborene Muster für Lernzwecke ak- werden Erfahrungen der Vortage integriert und bes-
tiviert und so neue Bahnungen möglich gemacht sere Voraussetzungen für eine erneute Progression
werden. Erfahrungen aus der Außenwelt können so und vorteilhaftere Anpassung an die Außenwelt ge-
im Traum mit dem vererbten Instinktrepertoire ab- schaffen. Der Traum hat also die Aufgabe, weiterge-
geglichen werden. Für den Menschen bedeutet dies, hende Entwicklungsschritte im darauf folgenden
dass durch emotional besetzte Erfahrungen und Er- Wachzustand vorzubereiten. Dieser biologische Sinn
lebnisse der Vortage archetypische Muster ausgelöst der Träume erfüllt sich sogar dann, wenn die Träume
werden, mit denen diese Erfahrungen eingeordnet gar nicht erinnert werden. Die Automatismen kön-
und integriert werden können. Dadurch kann die nen auch unbewusst ablaufen, unbewusst eingeübt
Anpassung an neue Situationen verbessert werden werden und so »in Fleisch und Blut« übergehen.
(Stevens 1996). Das gilt z. T. auch für die Überwindung von
Darüber hinaus bietet die überwiegende Akti- Traumata durch die angesprochene emotionale Re-
vierung des »emotionalen Gehirns« im Traumschlaf aktivierung der Inhalte. Jeder kennt die Nachverar-
die Chance, ausgehend von Tageserlebnissen und beitung von belastenden Erlebnissen durch den
-eindrücken frühe affektive Muster und Engramme Traum, die mit der Zeit zu einer Befreiung von dem
zu reaktivieren, mit der Möglichkeit, zu einer emo- affektiven Ballast führt (7 Kap. 17.2.2). Zur Auflö-
tionalen Neubewertung und Neueinordnung zu sung schwerer Traumata und neurotischer Kom-
kommen. Besonders durch die Einschaltung der plexe ist im Allgemeinen aber die Bewusstmachung
Amygdala können so alte traumatische Erfahrungen der Träume und die Integration ihrer Signale in der
im Lichte frischer Erlebnisse und Erkenntnisse von bewussten Traumarbeit notwendig.
ihrer Verfestigung und einengenden Wirkung be-
freit werden, sodass eine Umstrukturierung in der
Persönlichkeit und ein psychisches Wachstum mög- Zur neurobiologischen Bedeutung des
lich werden. Träumens
5 Die Aktivierung des Hippokampus und
Beispiel seine Kommunikation mit der Gehirnrinde
In Träumen kommen häufig Fluchtreaktionen bewerkstelligt die Überführung von latent
angesichts einer Gefahr (z. B.: »angesichts des gespeicherten Gedächtnisinhalten in den
gefährlichen Tieres rannte ich um mein Le- Langzeitspeicher des Kortex.
ben«), aber auch Rivalität, Dominanzstreben 5 Die Aktivierung der tiefer gelegenen und
und Kampfsituationen (z. B.: »ich baute mich paläontologisch älteren Hirnregionen im
vor dem andern drohend auf«) vor. Das sind Traum bewirkt eine Anregung arche-
instinktgebundene, archetypisch verankerte typischer Muster bzw. instinktgebundener
Verhaltensweisen, die durch Tageserlebnisse Bereitschaften.
ausgelöst werden, wodurch diese angebore- 5 Durch die Aktivierung des »emotionalen
nen Bereitschaften aufgefrischt und den aktu- Gehirns« können traumatische Erfahrun-
ellen Bedürfnissen angepasst werden können. gen integriert und überlebte emotionale
Das Gleiche gilt für unzählige andere Situatio- Muster angesichts frischer Erfahrungen
nen wie auch für die sexuellen Träume Jugend- neu bewertet werden.
licher, die noch gar keinen Geschlechtsverkehr 5 Durch diese neuen Bahnungen, im Ab-
hatten. gleich mit Außenwelterfahrungen, werden
Lernprozesse gefördert und Persönlichkeits-
veränderungen möglich.
86 Kapitel 10 · Zur Neurobiologie des Träumens

Abschaltung des Frontalhirns. Der weitgehenden


Abschaltung des Stirnlappens (Frontalhirn) im
Traum entspricht die Erfahrung, dass dem Traum-
Ich im Vergleich zum Wach-Ich meist ein geringeres
Maß an kritischem Denkvermögen, Realitätsprü-
fung und logischer Erkenntnisfähigkeit zur Verfü-
gung steht (7 Kap. 21.1.2).
Aus diesem Grunde hatte Freud (1961) den
Traum »primär-prozesshaft« genannt. Irrationales,
Unlogisches und Phantastisches können – müssen
aber nicht – ohne Interventionen eines kritisch ur-
teilenden Traum-Ich dominieren. Je mehr sich aber
die Ich-Funktionen und besonders die Urteilsfunk-
tionen Denken und Fühlen (7 Kap. 3) differenzieren
bzw. je mehr der Träumer im Traum an Luzidität
(7 Kap. 25) gewinnt, umso mehr werden höhere Re-
flexionsprozesse am Traumgeschehen beteiligt sein.
Ob sich dies in einer andersartigen Erregungsvertei-
lung mit stärkerer Einbeziehung von Teilen der
Großhirnrinde wie z. B. des Stirnlappens ausdrückt,
ist nicht bekannt. Es liegen keine genauen interindi-
viduellen Vergleiche vor. Wir wissen also nicht,
10 ob möglicherweise bei einzelnen, in ihrer Bewusst-
seinsentwicklung sehr fortgeschrittenen Menschen
häufiger höhere Hirnregionen eingeschaltet werden.
Dazu und in Bezug auf die luziden Träume besteht
noch Forschungsbedarf.
Es stellt sich auch die Frage, ob die Bevorzugung
archaischer Hirnregionen und der weitgehende Aus-
schluss der jüngeren Hirnbereiche im Traum viel-
leicht nur die Bewusstseinsstufe der heutigen
Menschheit spiegelt. Möglicherweise ist das letzte
Wort der Natur und der Evolution diesbezüglich
noch nicht gesprochen. Wir wissen nicht, ob in einer
ferneren Zukunft ein Integrationsniveau erreicht
sein wird, wo als Normalfall auch der Kortex im
Traum weitergehend aktiviert ist.
11

11 Psychologische Aufgaben
und Struktur des Traumes
11.1 Die psychologische Funktion des Traumes – 88
11.1.1 Der Traum als Mischprodukt (Interferenzprodukt) – 88
11.1.2 Der Traum als Regulator – 89
11.1.3 Der Traum als Abbildung der intrapsychischen Dynamik – 90
11.1.4 Zusammenfassung – 90

11.2 Die Dramaturgie des Traumes – 91


88 Kapitel 11 · Psychologische Aufgaben und Struktur des Traumes

Nach den körperlich-biologischen Gründen des 11.1.1 Der Traum als Mischprodukt
Träumens und ihrer Bedeutung für Lernvorgänge, (Interferenzprodukt)
Regeneration und emotionale Aufarbeitung des
letzten Kapitels sollen nun der psychologische Zweck, Der Traum entsteht aus der Begegnung zwischen
der sich allerdings nicht streng vom physiologischen dem Bewusstsein und dem Unbewussten. Er enthält
trennen lässt, und die Bedeutung des Traumes im Signale und Symbole aus dem Unbewussten, ist aber
Regelkreis der Psyche in den Blick gerückt werden. selbst schon etwas, das ins Bewusstsein gekommen
In 7 Kap. 11.2 wird die normale Struktur des Trau- ist. Unbewusstes und Bewusstes interferieren im
mes unter die Lupe genommen. Der typische Traum- Traum miteinander.
aufbau dient der psychologischen Funktion des Das Traum-Ich, der Repräsentant unseres Ich-
Traumes und unterstützt sie. Wir werden in einem Bewusstseins im Traum, leuchtet beim Träumen ei-
späteren Kapitel (7 Kap. 22.1.2) sehen, wie diese nor- nen bestimmten Bereich im Unbewussten aus und
male Traumdramaturgie durch Komplexe verändert bringt das Empfangene und Wahrgenommene mit
wird. ans Tageslicht. Das Traum-Ich entspricht einer La-
terne in einer dunklen Umgebung, die uns verschie-
dene Dinge im Lichtkegel erkennen lässt, während
11.1 Die psychologische Funktion alles weiter Entfernte im Finstern, d. h. im Unbe-
des Traumes wussten, verbleibt (7 Kap. 20.1.1).
Nach dem bisher Ausgeführten stellt sich aus un-
Um die psychologischen Aufgaben des Traumes zu serer Sicht die Entstehung eines Traumes folgender-
beleuchten, sollen hier drei einander ergänzende maßen dar:
Thesen über den Traum aufgestellt und anschlie- Das Traum-Ich hat – ausgehend von der Bewusst-
ßend erläutert werden. Dabei wird auf die Kapitel seinsschwelle – die Tendenz, weiter ins Unbewusste
hingewiesen, in denen wir das jeweilige Thema aus- abzusteigen. Es kann – wenn sein Weg nicht durch
11 führlich behandeln werden. Komplexe gebremst oder aufgehalten wird – das per-
Diese drei Grundannahmen, von denen nach sönliche Unbewusste durchwandern und schließlich
unserer Meinung jede für sich gültig ist und die ver- bis ins kollektive Unbewusste gelangen (. Abb. 11.1).
schiedene Aspekte der Betrachtung widerspiegeln,
sind die Basis und die theoretische Voraussetzung Bewusstsein
für die Traumarbeit im hier dargestellten Sinne.
Ich

Bewusstseinsschwelle
Drei Thesen zur psychologischen Funktion
des Traumes
5 Der Traum ist ein Mischprodukt zwischen
dem Unbewussten und dem Bewusstsein Traum-Ich
(7 Kap. 11.1.1).
5 Der Traum ist ein Regulator in der Psyche,
er steht im Dienste der Autoregulation persönliches Unbewusstes
(7 Kap. 11.1.2).
5 Der Traum ist eine Abbildung der momen-
tanen intrapsychischen Dynamik
(7 Kap. 11.1.3).

kollektives Unbewusstes

. Abb. 11.1. Entstehung des Traumes


11.1 · Die psychologische Funktion des Traumes
89 11

Traum-Ich

Komplex

. Abb. 11.2. Entstehung des Traumes – Abstieg ins Unbewusste

In der Mehrzahl der Fälle wird das Traum-Ich tigt sich das Kapitel »Die Ich-Funktionen im Traum
aber zunächst an die neurotischen Komplexe des bio- – mit dem inneren Kompass auf Traumreise«
graphischen Unbewussten stoßen und von dort her (7 Kap. 21).
Bilder und Szenen aufnehmen (. Abb. 11.2). Wie Welche Aspekte des Unbewussten wir bei der
die Komplexe den Traum verändern und wie damit Traumarbeit im Traum erkennen, ob wir z. B. nur
in der Traumarbeit umgegangen werden kann, wird Biographisches und Verdrängtes oder auch Inhalte
im Kapitel »Die Komplexe im Traum« (7 Kap. 22) aus den tieferen Schichten des Unbewussten im
unterbreitet. Traum entdecken, hängt stark von unseren Konzep-
Oft sind es Vortagserlebnisse, die als Tagesreste ten über das Unbewusste ab. Je weiter unser Blick
im Traum erscheinen und die Thematik des Trau- hier eingestellt ist, je umfänglicher unser Konzept
mes angeregt bzw. ihn ausgelöst haben. Der genaue des Unbewussten ist, umso umfänglicher wird
Zusammenhang zwischen den Erlebnisresten und auch unser Traumverständnis sein. Im Kapitel »Er-
dem konkreten Traum wird im Kapitel »Tagesreste weiterte Theorie – erweitertes Traumverständnis«
– Baumaterial der Träume« (7 Kap. 18) untersucht. (7 Kap. 12), wird näher behandelt, welche Inhalte
Das durch den Traum aus dem Unbewussten aus welchen Schichten des Unbewussten in den
Mitgebrachte kann vom Ich mit Hilfe seiner vier Ich- Traum einfließen können.
Funktionen (Denken, Fühlen, Empfinden und Intu-
ieren) weiterverarbeitet und dauerhaft ans Bewusst-
sein angeschlossen werden, sodass es bewusster Be- 11.1.2 Der Traum als Regulator
sitz wird bzw. eine beständige bewusste Beziehung
dazu entsteht. Dies ist eines der Ziele des therapeu- Wir hatten im theoretischen Teil I aufgezeigt, dass
tischen Arbeitens mit Träumen. Die Ich-Funktionen die Psyche ein autoregulatives System ist. Informati-
sind schon im Traum in der Tätigkeit des Traum-Ich onsträger und Mittler dieser Selbstregulierung sind
aktiv. Wie sich die Ich-Funktionen im Traum zu de- vor allem die Träume, die eine ähnliche Aufgabe
nen im Wachbewusstsein verhalten, damit beschäf- haben wie die Hormone bei der Stoffwechselregula-
90 Kapitel 11 · Psychologische Aufgaben und Struktur des Traumes

tion. Die Träume enthalten in Bilder und Symbole mit äußeren Konflikten, mit Problemen in der Au-
umgemünzte psychische Energie und sind die trei- ßenwelt wie in Beruf oder Partnerschaft beschäfti-
bende Kraft der Autoregulation. Die Betrachtung des gen können und beschäftigen (Objektstufe). Oft sind
Traumes als Regulator in der Psyche führt zu den beide Betrachtungsweisen, die subjektstufige und
Methodikkapiteln 15.1.1 und 15.1.2 (7 Kap. 15 Die die objektstufige parallel anzuwenden; sie sind meist
Kompensation – der Traum als Anwalt des Unbe- beide gleichzeitig als Traumbedeutung gültig. Dies
wussten) und 17.1.1 bis 17.1.3 (7 Kap. 17 Kausalität wird der Inhalt des Kapitels »Subjektstufe und Ob-
und Finalität – Ursachen aus Vergangenheit und Zu- jektstufe – Der Traum zwischen innerer und äußerer
kunft). Wirklichkeit« (7 Kap. 16) sein.
Um regulierend auf das Ich-Bewusstsein einzu-
wirken, fügt der Traum dem bewussten Standpunkt
den des Unbewussten hinzu, d. h. er kompensiert das 11.1.4 Zusammenfassung
Bewusstsein. Außerdem ist es für den sich entwi-
ckelnden psychischen Organismus notwendig, Ziele Der Traum erfüllt eine wichtige Aufgabe im autore-
anzusteuern oder Richtungen vorzugeben. Dies wird gulativen System der Psyche. Er entsteht an der
durch die finale Orientierung des Traumes geleistet, Grenzfläche zwischen dem Unbewussten und dem
d. h. die Träume zielen auf einen Endzweck, auf die Bewusstsein. Durch ihn werden Information und
Erfüllung eines unbewussten Planes; sie haben einen psychische Energie zum Ich-Bewusstsein hin trans-
inhärenten, zukunftgerichteten Sinn (Finalität). portiert. Die Symbole sind dabei die Energie- und
Informationsträger.
Bewusstseinsorgan des Traumes ist das Traum-
11.1.3 Der Traum als Abbildung der Ich, das mit Hilfe der Dynamik von Regression und
intrapsychischen Dynamik Progression ins Unbewusste »taucht« und aus den
Komplexbereichen und schließlich – wenn die Kom-
11 Jung (1971, GW 8, S. 291) hatte den Traum als »eine plexbarriere überwunden wurde – aus den archety-
spontane Selbstdarstellung der aktuellen Lage des pischen Bereichen unbewusstes Material mit »an die
Unbewussten in symbolischer Ausdrucksform« be- Oberfläche« bringt. Unter Mitarbeit der vier Orien-
zeichnet. Es ist, als sollte das Ich die Vorgänge in der tierungsfunktionen wird dieses Material ans Be-
Psyche erkennen, die Entwicklungstendenzen, Kon- wusstsein assimiliert und integriert.
flikte, Potentiale und Friktionen, um sie im Sinne
! Der Sinn des Träumens liegt darin, eine
der Balancierung und Regulierung aufgreifen bzw.
Kommunikation zwischen Bewusstsein
lösen zu können. Denn das Ich kann – wenn es ein
und Unbewusstem anzuregen. Dadurch
Problem erkannt hat – in gewissem Umfang bewusst
wird ein seelisches Gleichgewicht wieder-
regulativ eingreifen.
hergestellt bzw. psychische Entwicklung
Dabei bedient sich der Traum in seiner Mittei-
und Wachstum ermöglicht.
lung an das Bewusstsein der Symbolsprache; er ar-
beitet mit Symbolen. »Das Symbol als Energie- Damit ist der Traum eine der wichtigsten treibenden
Gepäckträger der Psyche« ist Gegenstand des 13. Ka- Kräfte im Individuationsprozess, dem psychischen
pitels. Entwicklungsprozess und Bewusstwerdungsprozess
Da der Traum die innerpsychische Dynamik an- des Menschen.
hand von Bildern und Szenen der Außenwelt zeigt,
muss die subjektstufige Betrachtungsweise eingeführt
werden: Alle im Traum vorkommenden Personen, Psychologische Aufgaben des Traumes
Geschehnisse und Situationen können auf das Indi- 5 Unbewusste Inhalte, Information und
viduum zurückgeführt werden. Sie können als sym- psychische Energie werden aus dem Un-
bolischer Ausdruck für Vorgänge und Phänomene bewussten ins Bewusstsein transportiert.
in der eigenen Psyche angesehen werden. Das 6
schließt natürlich nicht aus, dass sich Träume auch
11.2 · Die Dramaturgie des Traumes
91 11

stückes verglichen, in dem mehr oder weniger


5 Dieser Informationsfluss steht im Dienste deutlich vier Phasen abgegrenzt werden können
der Autoregulation der Psyche. Die Informa- (. Abb. 11.3):
tion aus dem Unbewussten korrigiert, kom- 1. Das ist einmal die Exposition, die Ausgangslage,
pensiert und balanciert das Bewusstsein. die die handelnden Personen, die Örtlichkeit so-
5 Damit ist der Traum eine treibende Kraft, wie die Tages- und eventuell Jahreszeit vorstellt.
ein wichtiges Agens und Movens im Indi- 2. Es folgt die Verwicklung, d. h. eine Komplikation.
viduationsprozess. Eine Frage oder eine neue Intention werden ein-
geführt, die sich zu verwirklichen bzw. aufzulö-
sen suchen.
3. Dadurch kommt es zur Kulmination oder Peripe-
11.2 Die Dramaturgie des Traumes tie, d. h. zu einer krisenhaften Zuspitzung, zu
einem Spannungshöhepunkt des Traumdramas
Im Folgenden wollen wir uns die ungestörte, typische oder zu einem Umschlag der Handlung.
Traumstruktur anschauen. In dem Spannungsbogen 4. Die Lysis, eine in irgendeinem Sinne geartete
(. Abb. 11.3), den ein Traum aufbaut und der am Lösung oder Spannungsminderung, schließt
Ende zu einer Art Auflösung und zur Ruhe kommt, den Aufbau des Traumes ab.
wird psychische Energie transportiert. Wenn das Be-
! Die Traumstruktur
wusstsein die Traumsignale und die im Traum ent-
Der normale Traum ist aus vier Abschnitten
haltene Energie aufgreifen kann, erfüllt sich in vollem
aufgebaut, ähnlich dem klassischen Dra-
Sinne die psychologische Funktion des Traumes.
ma: aus Exposition, Verwicklung, Kulmina-
tion und Lysis.
Die typische Traumstruktur. Der normale, ungestör-
te Verlauf eines Traumes ist der einer kohärenten Wie wir später noch sehen werden, kann diese typi-
Erzählung. Sie geht von einer Ausgangslage aus, baut sche Dramaturgie des Traumes durch die Einwir-
dann spannungsreiche Momente ein, lässt es zu ei- kung von Komplexen verändert und gestört werden
ner Zuspitzung kommen und findet schließlich zu (7 Kap. 22.1.2).
einer in irgendeiner Weise befriedigenden Auflö-
sung oder Abrundung. Beispiel für einen normalen Traumaufbau. Am fol-
C. G. Jung (1971, GW 8) hat diese Dramaturgie genden kurzen Traumbeispiel soll dieser charakte-
des Traumes mit der eines klassischen Theater- ristische Aufbau demonstriert werden.

. Abb. 11.3. Die normale Struktur des Traumes


92 Kapitel 11 · Psychologische Aufgaben und Struktur des Traumes

Traumbeispiel 2
Ich bin tags mit dem Auto unterwegs und we-
gen einer Abkürzung durch ein Bahngelände
für Güterzüge gefahren. Als ich an das Tor kam,
war dieses zu. Auf einmal kommt die Polizei
mit Tatütata und verhaftet den Besitzer des
Geländes. Ich habe den Junior gefragt, warum.
Der meinte, wegen Hehlerei. Ich bin aufge-
wacht.

Die Exposition besteht in dem Satz: »Ich bin tags mit


dem Auto unterwegs und wegen einer Abkürzung
durch ein Bahngelände für Güterzüge gefahren.«
Die Startbedingungen des Traumes werden darge-
stellt: die Autofahrt, eine Zeitangabe (es ist Tag) und
die Ortsbeschreibung (Güterbahnhof).
Im nächsten Satz kommt es schon zur Verwick-
lung: »Als ich an das Tor kam, war dieses zu.« Der
Handlungsablauf erhält eine Wendung, die innehal-
ten lässt, Fragen aufwirft und eine Problemlösung
erfordert.
Im weiteren Traumverlauf entsteht eine kritische
Zuspitzung, die oftmals und auch hier eine überra-
11 schende Veränderung der Situation beinhaltet (Kul-
mination oder Peripetie): »Auf einmal kommt die
Polizei mit Tatütata und verhaftet den Besitzer des
Geländes.« Der Spannungsbogen hat jetzt seinen
Höhepunkt erreicht.
Die letzte Phase ist die Lysis, die entweder eine
befriedigende Lösung oder zumindest eine gewisse
Auflösung der Spannung mit sich bringt: »Ich habe
den Junior gefragt, warum. Der meinte, wegen Heh-
lerei. Ich bin aufgewacht.« Hier bedeuten die Worte
»wegen Hehlerei« eine Klärung und Aufklärung und
stellen eine Dämpfung der Erregung dar.
12

12 Erweiterte Theorie –
Erweitertes Traumverständnis
12.1 Der Einfluss des persönlichen Unbewussten auf
die Traumbildung – 94

12.2 Der Einfluss des kollektiven Unbewussten auf


die Traumbildung – 96

12.3 Das Energiereservoir in der Tiefe – 97


94 Kapitel 12 · Erweiterte Theorie – Erweitertes Traumverständnis

Die Ausweitung unseres Konzeptes vom Unbewuss- plex usw. bestimmen stark die Struktur der Träu-
ten hat unmittelbaren Einfluss auf das Verständnis me.
der Träume. Dadurch dass wir zu dem bisher schon Andererseits können in den Träumen aber auch
bekannten persönlichen Unbewussten (7 Kap. 12.1) erstaunliche Leistungen und Vorauskombinationen
als Hypothese noch das kollektive Unbewusste erscheinen, die aus dem unterschwellig Wahrge-
(7 Kap. 12.2) hinzunehmen, werden wir offen für nommenen aufgebaut sind. Das macht z. T. das vor-
mögliche Signale und Symbole in den Träumen aus ausschauende, prospektive Wesen der Träume aus.
diesem Bereich. Wir können dann verschiedene
Traumelemente als Ausdruck kollektiv-unbewusster
Prozesse verstehen. Das persönliche Unbewusste im Traum
Wir haben heute auch mehr Interesse an den un- 5 Verdrängtes Anamnestisches und
tersten Schichten des persönlichen Unbewussten, verdrängte biographische Traumen,
des perinatalen und des embryonalen Unbewussten, 5 die persönlichen, im Laufe des Lebens
und dessen Engrammen in den Träumen. entstandenen Komplexe,
Dadurch und vor allem durch die Mitberück- 5 die Schattenseiten der persönlichen
sichtigung der Konzepte der Archetypen und des Psyche, z. B. abgewehrte Triebregungen
kollektiven Unbewussten hat sich unser Spektrum, oder andere inkompatible Strebungen,
die Bedeutung der Träume zu erfassen, enorm er- aber auch ungelebte positive Potentiale.
weitert. 5 Die intelligente Kombination von unter-
Die hier besprochenen verschiedenen Dimensi- schwellig Wahrgenommenem kann zur
onen des Unbewussten sind daher nicht von rein Entdeckung neuer Zusammenhänge bzw.
akademischem Interesse, sondern haben Auswir- zum vorausschauenden Erkennen in der
kungen in der Praxis und hier speziell für das Ver- Außenwelt führen (Prospektivität).
ständnis der Träume und das Arbeiten mit den Träu-
men. Wie schon angedeutet: je umfänglicher das
Konzept des Unbewussten ist, desto größer werden
Beispiele zu den Inhalten des persönlichen
12 auch der Bedeutungsspielraum und die mögliche
Auslotbarkeit des Traumes. Denn unsere Theorien Unbewussten im Traum:
über das Unbewusste determinieren die Sinnerfas- 5 Verdrängtes: Ein typisches Beispiel sind
sung des Traumes, der ja ein Produkt und Ausdruck Missbrauchserlebnisse, die völlig aus dem
des Unbewussten ist. Bewusstsein ausgeschlossen wurden und
in den Träumen nach und nach wieder auf-
tauchen können (Beispiel 7 Kap. 26.2).
12.1 Der Einfluss des persönlichen Aber auch weniger spektakuläre verdräng-
Unbewussten auf die te Erinnerungen können durch die Träume
Traumbildung wieder lebendig werden.
5 Komplexe: Oft ist nicht erinnerbares belas-
Elemente des persönlichen Unbewussten im Traum. tendes Material zu neurotischen biogra-
Wie gehen die Elemente des persönlichen Unbe- phischen Komplexen verdichtet. In Traum-
wussten in die Traumbildung ein? serien werden solche Komplexe umkreist,
Einerseits können alle vom Bewusstsein abge- z. B. ein negativer Mutterkomplex. Hier
spaltenen traumatischen Erlebnisse mehr oder we- kommen peu à peu all die negativen Er-
niger deutlich in den Traum einfließen. Verdrängte fahrungen in die Träume, die mit der
oder vergessene anamnestische Details können so Mutter gemacht wurden. Beispielsweise
wieder auftauchen. Ebenso äußern sich moralisch wurden bei einer Patientin jahrelang an-
verworfene Regungen und mit dem Bewusstsein dauernde aggressive Auseinandersetzun-
nicht vereinbare Triebwünsche in den Träumen. Per- 6
sönliche Komplexe wie Vaterkomplex, Mutterkom-
12.1 · Der Einfluss des persönlichen Unbewussten auf die Traumbildung
95 12

Zu diesem Punkt der kreativen Problemlösung und


gen mit der Mutter in den Träumen aufge- intelligenten Neukombination im Traum, die weit
griffen und rekapituliert (weitere Beispiele die Möglichkeiten des Wachbewusstseins über-
7 Kap. 22.2.2). steigt, gibt es inzwischen eine Bestätigung aus der
5 Schattenaspekte und ungelebte Potentiale: universitären psychologischen Forschung. Es wurde
Schattenanteile in den Träumen reflektieren der Nachweis erbracht, dass Schlaf die Lösung von
nicht unbedingt verdrängte Handlungen. Es mathematischen Problemen fördert (Nature 427,
können auch Eigenschaften und Persönlich- 2004, S. 352–355). In einer Zahlenreihe sollte eine
keitsseiten sein, die noch nie bewusst waren versteckte Regel entdeckt werden. Diejenigen Ver-
und seit jeher in der Psyche ein »Schatten- suchspersonen, die zwischen Aufgabenstellung und
dasein« führten. Hierzu gehört der Fall einer Lösungsbeginn acht Stunden schlafen (und träu-
50-jährigen Patientin, in deren Träumen men) konnten, fanden doppelt so häufig das richtige
sich Unangepasstheiten, Dreistigkeiten und Ergebnis wie die Kontrollgruppe, was nichts mit der
lächerlich-peinliche Handlungsweisen häuf- allgemeinen Erholungswirkung des Schlafs zu tun
ten, die im Kontrast zu ihrem strengen und hat. Entscheidend war, dass die Aufgabe schon vor
korrekten bewussten Verhalten standen. Die- dem Einschlafen formuliert worden war, sodass sich
se Charakterzüge hatte sie nie gelebt, und in Schlaf und Traum eine unbewusste nächtliche
die Traumszenen waren keine verdrängten Rechenarbeit vollziehen konnte (vorausschauende
Reminiszenzen. Die Träume zeigten die Frau Momente in den Träumen siehe u. a. in 7 Kap. 17.3.2
heute mit diesen unangepassten Impulsen u. 7 Kap. 27.2).
und Taten, die damit auf Integration ins Be-
wusstsein drängten. Es können aber auch Engramme aus dem perinatalen und embryonalen
positive Fähigkeiten und Persönlichkeitsteile, Unbewussten. In den frühesten Schichten des per-
die abgespalten wurden, in den Träumen sönlichen Unbewussten haben wir es mit perinata-
vorkommen. (Schattenaspekte finden sich in len und embryonalen Elementen zu tun, die eben-
zahlreichen Traumbeispielen dieses Buches.) falls stark die Träume prägen können.
5 Vorauskombination: Manchmal werden im Besonders in fortgeschrittenen therapeutischen
Traum Entscheidungen getroffen, zu denen Prozessen finden sich in Träumen Engramme von
man sich bewusst noch nicht entschließen der Geburt und aus verschiedenen Phasen der
konnte. Deshalb gibt es ja auch das Bedürf- Schwangerschaft. Zum Beispiel haben Träume von
nis, über anstehende Fragen »noch eine extremer Einengung, einer klebrigen Masse im
Nacht zu schlafen«. Dem Unbewussten, das Mund oder solche von Luftnot und Einklemmung
viel umfänglicher ist als das Ich-Bewusst- oft mit dem Geburtsvorgang zu tun.
sein, stehen viel mehr Daten zur Verfügung. Nicht selten zeigen sich Engramme, die von
Es kann sie unbewusst rekombinieren und Abtreibungsversuchen herstammen, in Träumen
damit oft schneller und fundierter zu oder in unbewusst gemalten Bildern. Ich habe
Schlüssen kommen als das Ich. Ein berühm- wiederholt unbewusste Malereien aus Therapie-
tes Beispiel ist das des Chemikers Kekulé, prozessen gesehen, wo für den Betrachter ganz
der bei einem Nickerchen im Traum die deutlich (für den Malenden zuerst aber nicht) ein
Benzolformel fand, nachdem ihn bewusstes Embryo in einer Art Uterus zu sehen war, der
wissenschaftliches Grübeln nicht weiter- durch einen pfeilartigen oder spitzen Gegenstand
geführt hatte. Auch Einstein hat nach einer bedroht wurde. Anschließende Recherchen aus
längeren Phase der Inkubation und des Gesprächen mit der Mutter ergaben immer wieder
Schwangergehens mit den Fragestellungen bis dato nicht gewusste Schwangerschaftsabbruch-
seine spezielle Relativitätstheorie quasi versuche. Eine ähnliche Symbolik wie in solchen
über Nacht gefunden, indem er eines unbewussten Bildern kann auch im Traum auf-
Morgens mit der Lösung aufwachte. tauchen.
96 Kapitel 12 · Erweiterte Theorie – Erweitertes Traumverständnis

Elemente des perinatalen und embryona- Beispiele zu den Inhalten des kollektiven
len Unbewussten in den Träumen Unbewussten im Traum:
5 Engramme aus der Schwangerschaft, von 5 Archetypische Figuren: Auch wenn manche
Schwangerschaftskomplikationen und Traumgestalten sich nicht so deutlich wie
Abtreibungsversuchen, Märchenfiguren, z. B. als Zauberin oder Alte
5 Engramme des normalen oder komplizier- Weise ausweisen, wird doch ihr archetypi-
ten Geburtsverlaufs (Erstickungsgefühl, scher Charakter oft aus dem Zusammen-
Eingeschlossensein, extreme Drucksitua- hang spürbar.
tion mit dem Gefühl der Ausweglosigkeit, So im Traum einer Frau, der eine ihr unbe-
plötzlicher Durchbruch usw.). kannte und nie vorher gesehene Alte be-
gegnete, die ihr wertvolle antike Gold-
münzen übergab. Dieser Traum ist so zu ver-
stehen, dass die Patientin aus ihrer eigenen
12.2 Der Einfluss des kollektiven archetypisch-weiblichen Schicht etwas
Unbewussten auf die Traum- Wertvolles erhält; ein Zugewinn von psy-
bildung chischer Energie aus dieser Tiefe, durch die
sie – sofern sie den Traum realisiert – im
Elemente des kollektiven Unbewussten im Traum. volleren Sinn ihr weibliches Potential leben
Auch die Archetypen mit ihren Wirkfeldern kann. Konkret wirkte es sich hier so aus, dass
können – durch innere oder äußere Auslöser in- die Patientin jetzt immer öfter aus einem
itiiert – den Aufbau der Träume bestimmen. In weiblich-intuitiven Wissen heraus handeln
nahezu jeden Traum gehen Elemente des kollekti- konnte, was sie sich bisher verboten hatte.
ven Unbewussten ein. Besonders hoch ist der 5 Mythologische Motive, Märchen: Eine Patien-
Anteil und die Intensität des kollektiven Unbe- tin träumte sich mehrfach mit abgehackten
wussten in den so genannten Großträumen oder oder verstümmelten Händen. Es gab keiner-

12 archetypischen Träumen, die – wie der Name sagt


– über wiegend aus archetypischem Material be-
lei persönlich-biographische Assoziationen.
Es klingt hier – auch von der psychischen
stehen. Thematik – das Grimm´sche Märchen »Das
Mädchen ohne Hände« an, das die Patientin
bewusst nicht erinnerte. Gleichgültig ob es
Elemente des kollektiven Unbewussten in sich hier um eine unterschwellige Erinne-
den Träumen rung (Kryptomnesie) oder um ein spon-
5 Archetypische Figuren (die Archetypen tanes Zusammentreffen (Koinzidenz) mit
des Großen Weiblichen und des Großen diesem mythologischen Motiv handelt,
Männlichen wie Göttin, Fee, Hexe, Königin, dieses Bild ist ein adäquater Ausdruck für
Göttergestalten, Alter Weiser, Zauberer, die Handlungsunfähigkeit unserer in der
Herrscher; weitere archetypische Bilder Kindheit seelisch missbrauchten Patientin;
wie das göttliche Kind, der ewige Jüngling und diese Darstellung ist kollektives
usw.), Geistesgut.
5 mythologische Motive aus verschiedenen Eine andere Patientin (bei der kein sexueller
Kulturen und Völkern, Missbrauch vorlag) träumte, dass das Ejaku-
5 Signale aus der Evolution der Lebewesen lat des Vaters wie ein feiner goldener Regen
in Form von Tier- und Pflanzensymbolik. über sie kam. Die Parallele des in einen
Goldregen verwandelten Zeus, der damit
Danae befruchtete, liegt auf der Hand.
6
12.3 ·Das Energiereservoir in der Tiefe
97 12

Jahrmillionen und -milliarden der Evolution der Le-


5 Tier- und Pflanzensymbolik: Tiere und Pflan- bewesen auf unserer Erde – sehr limitiert ist, ist auch
zen sind – bezogen auf den Menschen – der Vorratsspeicher des persönlichen Unbewussten
Vorstufen der Evolution und repräsentieren gegenüber den Dimensionen des kollektiven Unbe-
damit etwas phylogenetisch Uraltes. Oft wussten kleiner, bescheidener und in seinen Ener-
sind es aber bestimmte Instinkte, die ein giereserven geringer.
Tier vor anderen auszeichnen. Hierin kann In der Neurosenbehandlung steht zwar das per-
dann das kollektiv-unbewusste Signal lie- sönliche Unbewusste als ichnähere und als komplex-
gen, wenn dieses Tier im Traum erscheint. führende Schicht manchmal lange Zeit an erster
Eine Bärin im Traum, die ja für eine außer- Stelle. Seine Bearbeitung ist auch notwendig, um den
ordentlich aggressive Verteidigung ihrer Weg zu den tieferen Schichten frei zu machen. Doch
Jungen bekannt ist, kann z. B. dieses in- für manche Wandlungsprozesse der Persönlichkeit
stinktgebundene Mutterverhalten veran- benötigen wir die »Fossilenergien« und die Urele-
schaulichen. mente der Tiefe. Das heißt es geht – vor allem in
Pflanzen stehen für Sprießen und Wachsen Analysen, in denen der Individuationsprozess im
und können im Traum das rein physiolo- Vordergrund steht – nicht ohne das kollektive Unbe-
gische Funktionieren des Stoffwechsels auf wusste, mit dessen Energien in der Traumarbeit um-
Zellebene symbolisieren. Das wäre die gegangen werden muss.
»vegetative Ebene« im Menschen, denn die Sehen wir das Unbewusste nur als Sammelgefäß
Grundzüge des Stoffwechsels (Metabolis- für biographische Reminiszenzen, Verdrängungen
mus) und der Molekülsynthese sind im und unbewusste individuelle Triebregungen an,
Pflanzen- und im Tierreich gleich. Beispiels- kann uns auch der Traum nur diese Ebene offenba-
weise gibt es überall den Zitronensäure- ren. Stehen wir dagegen auf dem Boden eines umfas-
zyklus und die Energiegewinnung über das senderen Konzeptes vom Unbewussten, ist es sofort
Molekül Adenosintriphosphat (ATP). einsichtig und nachvollziehbar, dass dann der Traum
Ein Patient träumte nach langer körperlicher bezüglich dieser neuen Bedeutungsmöglichkeiten
Krankheit, dass um ihn herum frisches, ge- eine Expansion erfährt.
sundes Grün üppig spross. Der Traum zeigte Um einen Vergleich zu gebrauchen: Ein Land-
die physische Regeneration und erneuerte strich, bei dem bisher nur das bodennahe Gestein
Vitalität an. mit seinen begrenzten Ressourcen bekannt war, er-
fährt eine Veränderung seiner Entwicklungsmög-
lichkeiten und seines potentiellen Wohlstands, wenn
in der Tiefe liegende Erdöl- oder Metalllagerstätten
12.3 Das Energiereservoir in entdeckt werden. Durch den Reichtum an Boden-
der Tiefe schätzen hat die Bedeutung dieser Gegend zuge-
nommen. So offenbart auch der Traum mit der Vor-
Die Energien des kollektiven Unbewussten. Das kol- stellung des kollektiven Unbewussten ganz andere
lektive Unbewusste ist ein Bereich in der Psyche, der und niemals versiegende Kraftquellen.
mächtige Energien birgt. Die Archetypen des kollek- Dabei ist das kollektive Unbewusste mit seinen
tiven Unbewussten haben einen hohen Energiege- Archetypen nicht nur in seltenen, intensiven und
halt und können bei Annäherung an das Bewusst- uns sofort sehr bedeutungsvoll erscheinenden Träu-
sein eine schier unerschöpfliche Fülle von emotional men gegenwärtig, sondern es spielt auch für die
getönten bildhaften Vorstellungen produzieren. scheinbar banalen Träume, für die Normal- und All-
Der Fundus des kollektiven Unbewussten geht tagsträume eine Rolle.
damit weit über den des persönlichen Unbewussten Denn die tiefer liegenden Schichten klingen in
hinaus. Ähnlich wie die Lebensspanne des persönli- den Traumbildern und Symbolen immer mit an.
chen Unbewussten (= die Lebensdauer des betref- Diese tieferen Ebenen werden erfahrbar, wenn die
fenden Individuums bis heute) – verglichen mit den Symbole nicht nur in ihren oberen Hüllschichten
98 Kapitel 12 · Erweiterte Theorie – Erweitertes Traumverständnis

gesehen, sondern bis in die Tiefe hin durchleuchtet


werden (7 Kap. 13 Das Symbol als Energie-Gepäck-
träger der Psyche). Gehen wir über die ichnahe Au-
ßenhaut der Symbole und die Assoziationen des
persönlichen Unbewussten hinaus, können die Sym-
bole bis zu ihrem archetypischen Kern hin transpa-
rent werden.

Beispiel
Träumt ein Patient, dass er einen freundlichen
Kontakt zu seiner Mutter hat (im Gegensatz
zum tatsächlichen, sehr gespannten Verhält-
nis), so hat die im Traum auftretende persönli-
che Mutter nicht nur auf die Außenwelt bezo-
gene und familiengeschichtliche Bezüge. Der
Traum gibt nicht nur frühere positive Erfahrun-
gen mit der Mutter wieder (persönliches Unbe-
wusstes) oder verweist auf eine jetzt anstehen-
de und mögliche Besserung der Beziehung zur
Mutter (Objektstufe), sondern er spiegelt auch
das kollektive Unbewusste im Sinne der Sub-
jektstufe (7 Kap. 16).

Die im Traum auftauchende Mutter ist nämlich eine


konkrete Ausgestaltung des zeitlosen und an sich
12 formlosen Mutterarchetyps. Damit kann das Traum-
symbol Mutter auch subjektstufig, d. h. bezogen auf
den Träumer selbst, das archetypisch Mütterliche im
Träumer meinen. Das sind seine eigenen mütterli-
chen Qualitäten (die in der archetypischen und so-
mit auch in der biologischen Matrix verankert sind),
zu denen jetzt ein besserer Bezug möglich zu werden
scheint.
Welche Bedeutungsebene jeweils vom Traum
»gemeint« ist, kann nur die genaue Analyse in der
Arbeit mit dem Träumer erhellen. Der Gewinn bei
diesem weiter eingestellten Blick in der Traumarbeit
lässt nicht auf sich warten. Die Aufsprengung eines
zu engen Korsetts bringt für den Behandler eine er-
freuliche Vertiefung des therapeutischen Gespräches
und für den Patienten ausgiebig Früchte. Dieser rea-
giert im Allgemeinen überrascht, berührt und oft
auch aufgehellt auf neue Angebote, die die archety-
pische und subjektstufige Ebene ansprechen. Wenn
das Geschick des Therapeuten vom Traum her die
richtige Frage findet, fühlt sich der Patient angespro-
chen und tief verstanden.
13

13 Das Symbol als Energie-


Gepäckträger der Psyche
13.1 Symbole – ein Steckbrief – 100

13.2 Symbol und Zeichen – 102


13.2.1 Symbolik und Semiotik im Traum – 103

13.3 Das Schichtenmodell des Symbols – 104

13.4 Erweiterter Libidobegriff –


Erweiterte Bedeutung der Traumsymbole – 107

13.5 Energiepaket Symbol – 108


13.5.1 Energietransfer – Die transzendente Funktion – 108
13.5.2 Die richtige Energiedosis – Die Schutzfunktion des Symbols – 111
100 Kapitel 13 · Das Symbol als Energie-Gepäckträger der Psyche

Im 7 Kap. 8 erfuhren wir zur Libidotheorie, dass sich 13.1 Symbole – ein Steckbrief
die Hauptmenge der psychischen Energie zunächst
im Unbewussten befindet und auch von dort ans Offenheit des echten Symbols. Ein echtes Symbol ist
Bewusstsein nachgeliefert wird. Es ist immer eine mehrdeutig, vielschichtig, vielsagend und enthält
Frage, wie wir Energie mobilisieren, damit wir sie Gegensätzliches. Es ist für unser rationales und auf
im Bewusstsein zur Verfügung haben, um unseren Eindeutigkeit ausgerichtetes Bewusstsein schwer ver-
Handlungs- und Erkenntnisspielraum auszudeh- ständlich, dass sich Symbole so wenig einengen lassen
nen. und sich einem festen Zugriff entziehen. Symbole ha-
Einen Transportmechanismus von Libido ins ben damit etwas Fluktuierendes, Dynamisches und
Bewusstsein stellen dabei die Träume mit ihren hinsichtlich ihrer möglichen Bedeutung Offenes.
Symbolen dar. Dies geschieht sogar ohne besondere Deswegen sind sie aber dennoch nicht in ihrer Aus-
Beachtung der Träume, dann allerdings nur in sage diffus. Sie enthalten ein Bedeutungsspektrum,
geringem Grade. Erst durch eine intensive Aus- das näher umrissen werden kann. Beispiele sind das
einandersetzung mit den Traumsymbolen und eine weiter unten aufgeführte Symbol Baum und das im
das Ich-Bewusstsein voll einsetzende Traumarbeit Unterkapitel 13.3 behandelte Symbol Rose.
kann mehr von den Energien nutzbar gemacht
werden. Etymologie des Wortes Symbol. Schon die Etymo-
Zunächst soll deshalb das Symbol definiert und logie weist darauf hin, dass ein echtes Symbol keine
in seiner Struktur und Schichtung untersucht wer- eindeutige Festlegung verträgt, sondern komplexer
den (7 Kap. 13.1 u. 13.3). Dabei muss das echte Sym- Natur ist. Der griechische Wortstamm σψμβαλλειν
bol, das in seinem Sinngehalt weit und umfassend (symballein = zusammenfügen, zusammenwerfen)
ist, von einem Zeichen mit fest umrissener Bewandt- lässt keine Ausschließlichkeit und Einengung zu,
nis abgegrenzt werden (7 Kap. 13.2). sondern entspricht der polaren Struktur des Symbols:
Die Träume kommen durch einen, vom Selbst Es kommen bei einem Symbol immer gegensätzliche
gesteuerten, autonomen Prozess zustande. Dabei Aspekte zusammen, die sich in ihm zu einer Einheit
wird über die Traumsymbole psychische Energie ins verbinden.
Bewusstsein transferiert. Fast alle kennen wir es, Historisch wird das Wort »symbolon« in der Be-
dass wir durch ein libidostarkes (= viel psychische deutung von Erkennungszeichen davon abgeleitet,
Energie enthaltendes) Symbol in einem Traum sehr dass im alten Griechenland zwei Teile, z. B. ein durch-
13 beeindruckt werden und dass es uns noch lange be- gebrochener Ring, zusammengefügt werden konnten
schäftigt. und ineinander passten, womit sich der Besitzer des
einen Teilstückes als Freund oder Zugehöriger zu der
Beispiel von ihm besuchten Familie auswies. Das ist die kon-
So träumte ein Patient von einer großen, bun- krete, anschauliche Ausgestaltung des σψμβαλλειν,
ten Schlange, wobei ihn das Traumbild lange des Zusammenfügens oder Zusammenwerfens. Auf
Zeit festhielt und er den inneren Drang ver- der übertragenen Ebene müssen wir aber das Wesen
spürte, sich weiter damit auseinander zu set- des Symbols als eine Vereinigung von zwei gegensätz-
zen. Er begann sich jetzt erstmals mehr für lichen Seiten im geistigen Sinne verstehen.
Schlangen und deren Lebensweise zu interes-
sieren. Hier ist die Anregung durch den Ener- Das gegensatzvereinigende Symbol. Deshalb wird
giegehalt des den Patienten faszinierenden ein echtes Symbol auch als gegensatzvereinigend be-
Symbols direkt erkennbar. Das Symbol bewegt zeichnet. Das Symbol entstammt einer Schicht der
etwas, und zwar auch auf der konkreten äuße- menschlichen Psyche, die noch nicht – wie wir mit
ren Ebene (über den Energietransfer zwischen unserem unterscheidenden Bewusstsein – die Ge-
Unbewusstem und Bewusstsein, der durch die gensätze auseinander gerissen und eindeutig defi-
transzendente Funktion vermittelt wird, mehr niert hat, sondern sich in einer frühen, archaischen
im 7 Kap. 13.5). Sprache ausdrückt. Es ist ähnlich wie bei den Urwor-
ten, die noch nicht auf einen Endpunkt der jeweili-
13.1 · Symbole – ein Steckbrief
101 13

gen Polarität eingeschränkt waren, sondern immer zung. Ein echtes Symbol ist im Gegenteil facetten-
das Gegenstück mit enthielten und umfassten. Sie reich, tief, mehrschichtig, entwicklungsfähig und
sind deshalb – wie z. B. das lateinische Wort altus wegweisend. Es wird auch als »schöpferisch« und »le-
(hoch, tief) – für unser heutiges diskriminierendes bendig« charakterisiert. Jung (1971, GW 8, S. 522)
Bewusstsein zwei- oder mehrdeutig. schreibt dazu:
»Ein Symbol umfasst nicht und erklärt nicht, son-
Beispiel dern weist über sich selbst hinaus auf einen noch jen-
Wir nehmen das Symbol Baum. Der Baum als seitigen, noch unerfasslichen, dunkel geahnten Sinn,
Symbol beinhaltet verschiedene Polaritäten. Er der in keinem Worte unserer derzeitigen Sprache sich
ist sowohl männlich wie weiblich, sowohl ne- genügend ausdrücken könnte. Ein Geist, der sich in
gativ wie positiv, hat den Lebens- wie den To- einem Begriff übersetzen lässt, ist ein seelischer
desaspekt in sich, ist sowohl geistig als auch Komplex innerhalb der Reichweite unseres Ich-Be-
materiell. Er umfasst in seinem Bedeutungsge- wusstseins. Er wird nichts hervorbringen und nicht
halt das Phallisch-Aufgerichtete, das Mütter- mehr tun, als wir in ihn hineingelegt haben. Ein Geist
lich-Spendende und -Bergende; er ist als Le- aber, der ein Symbol zu seinem Ausdruck erfordert,
bensbaum lebenerzeugend, nährend und ist ein seelischer Komplex, der schöpferische Keime
schützend und als Richtstätte, Kreuzigungsholz von noch unabsehbaren Möglichkeiten enthält.«
und Baumsarg der Todesbaum. Er schenkt ma- Das Symbol ist also kein Ersatz und Platzhalter
terielle Nahrung, doch er symbolisiert in sei- für etwas dem Bewusstsein Bekanntes und Bestimm-
nem Wachstum nicht nur die körperliche, son- bares, sondern steht genuin für sich. Es ist ein schöp-
dern auch die geistig-spirituelle Entwicklung. ferischer Ausdruck des Unbewussten mit einer Ent-
wicklungspotenz für das Individuum. Es hat eine
zukunftsweisende (= finale) Funktion. Darin liegt
In einem Traum kann ein einzelner Bedeutungsas- sein Sinn.
pekt des Baumsymbols betont sein. Dies können wir
aber nur aus dem Gesamtzusammenhang herausfin- Definition
den. Das Symbol
Woher wissen wir überhaupt von den vielen, Ein Symbol ist ein Energieträger in bildhafter
z. T. polar entgegengesetzten Bedeutungsmöglich- Form (z. B. als Traumelement) und dient dem
keiten eines Symbols? Wer legt seinen Sinngehalt Energieaustausch zwischen dem Unbewussten
fest? Um die Aussage eines Symbols zu erfassen, und dem Bewusstsein. Von seiner Struktur her
können wir den Fundus an Märchen, Mythen, Ritu- ist es polar und gegensatzvereinigend. Es hat
alen und religiösen Ideen der Menschheit studieren, verschiedene Bedeutungsebenen und -nuan-
in dem sich das intuitive Wissen über die Symbole cen und weist schöpferisch über sich hinaus.
ausdrückt (▶ Kap. 19.3). In der Mythologie verschie-
dener Völker gibt es beispielsweise die Baumgeburt,
die Geburt aus einem Baum heraus, wie andererseits Symbolintegration mit Hilfe der Orientierungs-
historisch in vielen Kulturen die Baumbestattung funktionen. Mit einem bedeutenden Symbol geht
vorkam, von der unser Holzsarg noch ein Relikt ist. ein großer emotionaler Gehalt (= viel psychische
In unserer christlichen Ikonographie findet sich so- Energie) einher, wodurch es unser Ich-Bewusstsein
wohl der Baum des Lebens im Paradies als auch das entsprechend beeindruckt oder sogar unvergesslich
aus dem Baum hergestellte Holzkreuz Jesu mit der wird. Dem Ich-Bewusstsein obliegt nun die Auf-
Todesbedeutung. Wir könnten die Aufzählung noch gabe, den Energiegehalt nutzbar zu machen und
lange fortsetzen. sich dem Symbol mit Hilfe der vier Orientierungs-
funktionen anzunähern und es mit ihnen zu um-
Der Sinn des Symbols. Ein Symbol ist also nicht ein- kreisen (7 Kap. 3). Dadurch erfolgt die Integration
eindeutig wie ein mathematisches »Symbol«. Sonst der im Symbol enthaltenen Libido ins Bewusst-
wäre es eine Art Vokabel mit festgelegter Überset- sein.
102 Kapitel 13 · Das Symbol als Energie-Gepäckträger der Psyche

Um ein Symbol so vollständig wie möglich mit Ein Zeichen oder Semion hat eine eng umrissene
unserem Bewusstsein zu erfassen, benötigen wir Bedeutung und unzweifelhafte Definition. Dem steht
nicht nur eine, sondern alle vier Orientierungsfunk- das echte Symbol gegenüber, das wir als lebendig,
tionen: Denken und Fühlen, Intuition und reale schöpferisch usw. charakterisiert haben. Als Zeichen
Wahrnehmung. Die Energieladung des Symbols mit einfacher Zuordnung wäre das Symbol tot.
kann all diese Funktionen stimulieren (zu den Orien- Das Zeichen hat seine Daseinsberechtigung, und
tierungsfunktionen im Traum siehe 7 Kap. 21). zwar sowohl in unserem wachen Leben als auch in
den Träumen. Es erfüllt z. B. in der zwischenmensch-
Der Bezug des Symbols zum Archetypischen. Das lichen Verständigung einen wichtigen Zweck. Wir
bisher Gesagte hat schon die Verwandtschaft des verwenden in unserem Alltag viele so genannte
echten Symbols mit einem Archetyp deutlich ge- »Symbole«, die im hier gemeinten Sinne reine Zei-
macht. Seine Komplexität, seine polare Struktur, sei- chen sind. Alle Logos, Erkennungs-, Firmen- und
ne Unauslotbarkeit und seine teilweise numinose Warenzeichen, Wappen und Ähnliches gehören
Gefühlsintensität weisen darauf hin. Ein echtes Sym- hierher. Beispiele für Zeichen in Träumen bzw. für
bol hat immer eine Beziehung zum archetypischen das zeichenhafte Verständnis von Trauminhalten
Bereich bzw. zu einem Archetyp. Manchmal ist es folgen auf den nächsten Seiten.
ein direkter bildhafter Ausdruck eines Archetyps.
Auch bei einem Symbol, das uns als eindeutiger Re- Beispiel
präsentant für etwas Bekanntes imponiert, ist zu Das Kreuz als Symbol und als Zeichen. Jedes
überlegen, ob sich in ihm nicht ein archetypischer Bildsymbol wird zum Zeichen reduziert, wenn
Hintergrund oder Kern verbirgt. eine feste Übereinkunft über seine Bedeutung
besteht. Das Emblem des Roten Kreuzes als ein
Beispiel unzweideutiger Fingerzeig auf die entspre-
Träumen wir z. B. von dem zweijährigen Sohn chende Institution ist ein solches Zeichen.
von Freunden von uns, also von einem uns be- Auch auf Stadtkarten steht das Kreuz semio-
kannten Kind, so ist dieses Kleinkind neben al- tisch für Friedhof oder Kirche.
len konkreten und objektstufigen Bezügen Das Kreuz ist aber darüber hinaus das zen-
auch ein bildhafter Ausdruck des Archetyps trale Bildsymbol für die christliche Religion. Auch
des inneren Kindes. Es kann den ewig jungen wenn es für viele an Tiefe und ursprünglicher
13 Kern mit all seinen künftigen Entwicklungs- Kraft verloren hat und nur noch stellvertretend
möglichkeiten in uns symbolisieren. für Kirche oder Christliches steht, ist in ihm
dennoch die Potenz eines echten Symbols ent-
halten.
! Ein Symbol hat Kontakt zu archetypischen
Schichten und Energiequellen. Ein Teil sei-
nes Energiegehaltes kann über die Orien-
Das lateinische Kreuz (links oben in . Abb. 13.1) ist
tierungsfunktionen ans Bewusstsein ange-
das Passionskreuz und dient den romanischen und
schlossen werden, obwohl es selbst nie
gotischen Kirchen als Grundriss. Das griechische
ausgeschöpft werden kann.
Kreuz (rechts oben in . Abb. 13.1) ist dagegen für
den Grundriss vieler byzantinischer und syrischer
Kirchenbauten bestimmend.
13.2 Symbol und Zeichen Das Bild des Kreuzes – besonders ausgewogen ist
das griechische Kreuz – enthält alle Qualitäten eines
Der Ausdruck »echtes Symbol« fordert die Frage gegensatzvereinigenden Symbols. Es verbindet Ho-
heraus, ob es auch »unechte Symbole« gibt. Wir ver- rizontale und Vertikale, die für die materielle und für
wenden hier den Begriff »Symbol« oder »echtes die geistige Daseinsebene stehen. Es hat die Form
Symbol« im Gegensatz zu einem Semion, zu einem eines vierstrahligen Mandalas, das von jeher als der
Zeichen. bestmögliche Ausdruck einer Struktur gilt, die Pola-
13.2 · Symbol und Zeichen
103 13

rakter und verweisen z. B. konkret auf Objekte der


Außenwelt oder auf bestimmte Punkte der Biogra-
phie, bei anderen wiederum mutet der Symbolcha-
rakter sofort und direkt an.
Traumelemente weisen sich u. a. dadurch als ech-
te Symbole aus, dass sie mit einem besonderen Ge-
fühlsgehalt verbunden sind, dass von ihnen beispiels-
weise eine geheime Faszination ausgeht oder sonst
eine intensive emotionale Tönung besteht. Sie schil-
lateinisches Kreuz griechisches Kreuz lern bei der Betrachtung gleichsam wie ein Diamant,
in dessen vielen Facetten sich das Licht bricht.
Wir müssen aber auch für möglich halten, dass
sich in manchen Traumbildern, die wir vorschnell
im Sinne eines Zeichens deuten wollen, tiefere, sym-
bolhafte Bedeutungsebenen verbergen. Eine gene-
relle Reduktion auf eingleisige Zuschreibungen geht
am symbolischen Wesen des Traumes vorbei, führt
Lebensrune Todesrune bei der Traumarbeit nicht weiter und beschränkt un-
nötigerweise unsere Möglichkeiten.
. Abb. 13.1. Das Bildsymbol des Kreuzes Aus dem Altertum und bis in die heutige Zeit
gibt es Traum-Nachschlagewerke, in denen vokabel-
rität und Vollständigkeit symbolisiert. Außerdem artige Übersetzungen von Traumbildern vorgeschla-
klingen im Kreuz Lebens- und Todesbedeutung an. gen werden. Hier werden die Symbole zu Zeichen
Und dies nicht nur durch die Assoziationen von mit einer Mono-Bedeutung degradiert.
Kreuzestod und Auferstehung, sondern auch da- Auch Freud (1961) hat oftmals zu sehr den se-
durch, dass sich im Kreuz Lebens- und Todesbaum miotischen Aspekt der Traumelemente in den Vor-
vereinigen (. Abb. 13.1, Lebens- und Todesrune). dergrund gerückt. Wenn er z. B. alle länglichen, stab-
Alle echten Symbole haben diese horizontale förmigen Gegenstände als Penis und alle taschen-
und vertikale Dimension im materiellen (Horizon- und hohlraumartigen Gebilde als Stellvertretung des
tale) und geistigen (Vertikale) Sinne, wie auch auf weiblichen Genitales ansah, so nutzte er in erster Li-
der einen Seite die lebensfördernden, günstigen und nie die Bedeutungsebene des Zeichens. Wir müssen
auf der anderen Seite die nefasten (»unrechten«), uns aber darüber im Klaren sein, dass das nur eine
ungünstigen Bedeutungsaspekte. Wir müssen nun Facette ist und dadurch das Symbol in keiner Weise
zwischen Symbolen in diesem tiefen und ursprüng- ausgeschöpft wird.
lichen Sinne des Wortes und solchen, die oberflä- Traumelemente, die zeichenhaft verstanden
chenhaft sind und nur noch eine Bedeutungsebene werden, haben einen nahen Bezug zum Ich-Be-
zulassen, unterscheiden. Hier ist die tiefe Schichtung wusstsein.
der Bedeutungsinhalte auf eine sichtbare Fläche re-
duziert. Es liegt dann kein echtes Symbol mehr vor, Beispiel
sondern ein Zeichen, ein Semion. Traumbilder als Zeichen
5 Eine Patientin träumte von dem Auto, das
sie und ihr Mann (in der Außenrealität) ge-
13.2.1 Symbolik und Semiotik meinsam angeschafft hatten. Für die Träu-
im Traum merin steht das Fahrzeug für »Gemeinsam-
keit« und »Gemeinsames« in der Ehe. Das
Die Unterscheidung zwischen Zeichen und Symbol bezieht sich auf die Zeichenebene dieses
muss auch bei den Träumen gemacht werden. Man- 6
che Traumelemente haben mehr semiotischen Cha-
104 Kapitel 13 · Das Symbol als Energie-Gepäckträger der Psyche

13.3 Das Schichtenmodell des


Traumsymbols. Das Auto in dieser Bedeu- Symbols
tung ist ihr ganz bewusst. Zeichen sind im-
mer ein bewusster Inhalt des Ich. Das eigent- Der »zwiebelschalenförmige« Aufbau des Symbols.
liche Symbol beginnt unterhalb dieser Wir können bei einem Symbol, wenn wir es – begin-
Ebene, indem es nämlich noch tiefere und nend mit der semiotischen Ebene – bis zu seinem
dem Ich vorläufig noch unbewusste Anteile archetypischen Zentrum hin durchleuchten, ver-
enthält (z. B. kann das Symbol Auto Auto- schiedene Schichten entdecken, die wir uns zwiebel-
nomie und das eigenverantwortlich zu schalenförmig angeordnet vorstellen können. Wel-
steuernde Lebensfahrzeug bedeuten). che der Lagen für die aktuelle Traumarbeit relevant
5 Eine andere Patientin träumte von dem ist, erhellt sich aus der jeweiligen Behandlungssitua-
Zimmer, das sie vor über 20 Jahren wäh- tion und dem, wo der Patient gerade steht. Oft kön-
rend der Ausbildung bewohnte. Es fiel ihr nen aber in der Traumarbeit mehrere Ebenen ange-
»die schwierige Zeit damals« ein, die belas- sprochen werden.
tenden Umstände dieser Lebensphase. Das
! Im Allgemeinen arbeiten wir uns von
ist der ichnahe Zeichenaspekt dieses Zim-
»oben« in die Tiefe des Symbols vor. Wir
mers, das auf einen bekannten Abschnitt
müssen zunächst die äußeren Hüllschichten
der Anamnese verweist. Nun hatte das Zim-
der aktuellen Verwicklungen, der anamnes-
mer im Traum aber »eine neue Türe und
tischen Assoziationen und der Anklänge an
neue Fenster«, womit ein symbolischer, für
Traumen und Komplexe abtragen. Erst
die Patientin heute bedeutsamer Gehalt an-
dann ist der Durchbruch zum kollektiven
klingt, der über das Bekannte hinausführt.
Unbewussten möglich (. Abb. 13.2).

Mit dem Erreichen des archetypischen Kerns des


Zeichen sind ichnah. Traumbilder, die zeichenhaft Symbols (4 in . Abb. 13.2), gelangen wir auch an die
genommen werden, sind also ein bestimmter Aus- Energien, die dort lagern. Der Träumer, der in der
druck für ein Detail der aktuellen Realität oder der Regression die verschiedenen Ebenen tiefenwärts
Biographie. Das Semion beschränkt sich auf diese durchschritten hat und mit seinem verstehenden Be-
ichnäheren Bedeutungen. wusstsein nachgefolgt ist, gelangt an das energeti-
13 ! Interpretieren wir ein Traumsymbol in die-
sche Zentrum des Symbols und kann die dort bereit-
gestellte Libido für seine weitere Entwicklung im
sem Sinne als Zeichen, so heißt das, dass
progressiven Sinne nutzbar machen.
wir uns auf seine bewusstseinsnahen Be-
deutungsaspekte konzentrieren, die Mate- Beispiel
rial aus der Aktualität oder aus der Anam-
Um die Schichten eines Symbols zu erfahren,
nese betreffen. Die tieferen Schichten des
können wir einmal einen Gegenstand der Au-
Symbols bleiben dann zunächst außer Be-
ßenwelt, der gleichzeitig Traumbild sein kann
tracht.
und immer auch Symbolcharakter hat, kontem-
Dazu schreibt Eschenbach (1978, S. 31): plieren. Wir nehmen z. B. eine Blume, eine
»Der zeichensetzende Anteil des Symbols, bzw. Rose, und lassen in der Konzentration auf sie
die Betrachtungsweise des Symbols als Zeichen sucht alles aufsteigen, was uns zu ihr in den Sinn
also im Wesentlichen das Beziehungsfeld zwischen kommt. Wer das einmal probiert hat, wird fest-
dem Ich und dem persönlichen Unbewussten und stellen, dass im Allgemeinen zunächst die zeit-
damit das biografische Entwicklungsfeld der Ich- lich nahe liegenden Assoziationen auftauchen,
Persönlichkeit.« dann zeitlich fernere Einfälle und schließlich
Demgegenüber lässt das echte Symbol weiter- allgemein gültige Daten aus Naturkenntnis,
führende Ebenen und letzten Endes das Archetypi- Kunst und mythologischer Folklore.
sche mit aufleuchten.
13.3 · Das Schichtenmodell des Symbols
105 13

Symbol als Zeichen Übergang zum


(Aktualität, Bewusstes) kollektiven Unbewussten
(Urkomplexe)

1 2 3 4

Symbol als Zeichen


(Biographie, Komplexe des archetypischer
persönlichen Unbewussten) Kern des Symbols

. Abb. 13.2. Das Schichtenmodell des Traumsymbols

Wir werden möglicherweise damit beginnen, dass Jeder sollte eine solche Übung einmal durchfüh-
wir uns vergegenwärtigen, wer uns die Rose ge- ren, um ausgehend von den aktuellen Assoziationen
schenkt hat und wie sie arrangiert worden ist. Dann die verschiedenen Stufen bis hin zum Symbolkern zu
können persönliche Erinnerungen an frühere Blu- erfahren. Dadurch wird die Außenfläche des in Fra-
mensträuße folgen, vielleicht an Gratulationssträuße ge kommenden Objektes transzendiert; es wird dia-
zu verschiedenen Anlässen, an das Hochzeitsbou- phan (durchscheinend). Es ereignet sich dann das,
quet, an die Rosen, die man auf das Grab eines An- was Neumann (1959, S. 36) folgendermaßen be-
gehörigen warf, und an die erste Rose, die man sei- schreibt:
ner Freundin schenkte. »Das Lebendigwerden der Dinge, einer Land-
Schließlich sind die biographischen Einfälle er- schaft oder eines Kunstwerkes, ebenso wie ihr
schöpft. Weitere Eindrücke folgen. Es könnten uns »Transparentwerden« ist ihre Verwandlung in das,
die Dornen und die negativen Aspekte in den Sinn was wir als Einheitswirklichkeit bezeichnen. Das Be-
kommen. Vielleicht fallen uns Lieder zum Thema trachtete wird in dem Sinne »symbolisch«, dass es
der Rose ein, »Das Röslein auf der Heide« oder »Es uns in einer neuen Weise anspricht, etwas Unbe-
ist ein Ros entsprungen«. Bilder von Liebe, Leiden- kanntes in ihm sich offenbart und es in seinem
schaft und Schönheit können assoziiert werden. Ganz-so-sein, wie es ist, zugleich auch noch etwas
Das Wesen des Pflanzenhaften mag uns aufgehen, ganz anderes ist, wobei die Kategorien »Sein« und
die Entfaltung aus einem Keim oder Samen. Wir »Bedeutsamkeit« ineinander fallen.«
entdecken das in der Rose enthaltene Mandala, die In der »Einheitswirklichkeit« sind Materielles
symmetrische, rosettenförmige Struktur. Endlich und Geistiges nicht mehr getrennt: bei unserem Bei-
erscheint die christliche Rose oder die Blume, die spiel verschmelzen die konkrete Rose und ihre sym-
der Buddha schweigend anstelle einer Lehrrede bolische Bedeutsamkeit ineinander.
hochhielt, dadurch das tiefste Geheimnis verkün-
dend. Beispiel
In der Traumarbeit können wir ebenfalls nach
Das Transparentwerden des Symbols. Damit ist die und nach die einzelnen Schichten eines Sym-
Rose zum Symbol und bis in seine Tiefenschicht hin bols erfassen, die in . Abb. 13.2 schematisch
transparent geworden. Wir können als Analogie in dargestellt sind.
der Rose durchaus die Entfaltung des Bewusstseins 6
bis hin zur Spiritualität erkennen.
106 Kapitel 13 · Das Symbol als Energie-Gepäckträger der Psyche

Wir wollen dazu ein Beispiel wählen, um diese Ebene 2. Hierzu gehört der biographische Be-
verschiedenen Ebenen anschaulich zu machen. zug, die traumrelevanten Daten der Anamnese
Wir nehmen das Traumbild »Bruder«. Im Traum mit den infantilen Fixierungen. Die persönli-
eines Patienten trat sein jüngerer Bruder auf. chen Komplexe auf dem Grund dieser Schicht
Dieses Traumsymbol wurde in der Traumarbeit schirmen den Durchgang und den Durchblick
näher beleuchtet. nach weiter unten ab (es handelt sich um eine
ebenfalls noch teilweise semiotische Ebene,
auf das persönliche Unbewusste bezogen).
1. Auf der ersten Ebene lieferte der Analysand ak- Ebene 3. Hier treten wir in das archetypische
tuelle Erinnerungen zu seinem Bruder, den er Wirkfeld ein, wobei die Urkomplexe (nach
vor wenigen Tagen getroffen hatte. Hier hatte Eschenbach 1996) als Kernelemente von kol-
sich eine für die beiden typische Konkurrenzsi- lektiver Gültigkeit zu den persönlichen Kom-
tuation wiederholt, auf die sein Traum Bezug plexen hin vermitteln und überleiten.
nimmt (1 in . Abb. 13.2). Ebene 4. Archetypische Tiefenschicht, die bis in
2. Dies führt zur zweiten Ebene, zur Biographie, die den Selbstbereich hineinreicht und die durch
durch eine dauernde Rivalität zwischen den Brü- mythologische Amplifikationen (7 Kap. 19.3)
dern charakterisiert ist, nachdem der Ältere zu gewinnen ist.
durch die Geburt des Jüngeren in seiner Allein-
stellung in der Familie entthront wurde und auf
den »Eindringling« mit Ablehnung reagierte (2 Die große Spannweite der Traumsymbole. So ver-
in . Abb. 13.2). dichtet sich im aktuell geträumten Symbol die ge-
3. Durch Abspaltung von Schattenelementen aus samte Vergangenheit, die vom gestrigen Tag über die
der eigenen Person, die als negative Eigenschaf- individuelle Lebensgeschichte und den eigenen Ge-
ten dem Bruder zugewiesen und auf ihn proji- burtsmoment hinaus in eine archaische Vorzeit hi-
ziert wurden, wurde der Urkomplex der Rivalität neinreicht.
aktiviert (3 in . Abb. 13.2). Das Symbol ist aber nicht nur gegenwärtige Ver-
4. Hierzu und zu der archetypischen Tiefenschicht gangenheit, sondern enthält auch als Kraftvektor
können mythologische Elemente aus verschie- Keime und Hinweise für die Zukunft. Wir werden
13 denen Kulturen und Zeiten zur Verdeutlichung dies unter dem Begriff der Finalität und der Sinnge-
herangezogen (= amplifiziert) werden, wie z. B. richtetheit des Traums und seiner Symbole sowie
das Kain-Abel- und das Osiris-Seth-Mytholo- seiner prospektiven Bedeutung noch eingehend be-
gem, das Motiv der feindlichen Brüder aus den handeln (7 Kap. 17).
Märchen usw. (4 in . Abb. 13.2). Nach dem tiefen Eindringen in das Bedeutungs-
zentrum eines Symbols kehren wir jeweils mit
Damit gehören zu unserem Schichtenmodell des reicher Fracht zurück, die eine progressive Erweite-
Symbols (. Abb. 13.2) folgende Ebenen: rung der bewussten Möglichkeiten einschließt. Erst
wenn das Symbol in dieser Weise diaphan und die
übereinander liegenden Schichten bis zur Tiefen-
Das Schichtenmodell des Traumsymbols dimension hin transparent geworden sind, indem
Ebene 1. Psychische Elemente, die aktuell, in ei- alles Frühere im Jetzt aufleuchtet und über es hi-
nem Bereich von Tagen oder wenigen Wochen nausweist, kann eine volle Nutzung der im Symbol
wirksam sind, z. B. Tagesreste und nur kurz zu- enthaltenen energetischen Potenz gelingen.
rückliegende Reminiszenzen, Aktualkonflikte
usw. (Semiotische Ebene des Symbols, auf die Rücknahme von Projektionen durch Symbolver-
Aktualität bezogen). ständnis. In dem eben angeführten Beispiel vom
6 Traumbild Bruder kann – in der Monate oder Jahre
dauernden therapeutischen Arbeit – die Erkenntnis
13.4 · Erweiterter Libidobegriff – Erweiterte Bedeutung der Traumsymbole
107 13

der Konflikte in der eigenen Psyche eine Rücknahme 13.4 Erweiterter Libidobegriff –
von Projektionen auf den Bruder einleiten. Erweiterte Bedeutung der
Damit kann das auf den Bruder projizierte Ener- Traumsymbole
giepotential zum Träumer zurückfließen und ich-
haft verfügbar werden. Die früher entstandenen Alle Traumbilder bestehen aus psychischer Energie,
Dissoziationen und die Abtrennung von Schatten- aus Libido. Aus dem Unbewussten heraus wird psy-
energien, wodurch eine neurosebedingte Schwächung chische Energie in Symbole und Bilder umgemünzt.
geschah, kann aufgehoben werden. Dadurch kann dieser Energiegehalt Anschluss an
Dazu ist aber ein solches »Durchsichtigwerden« das Bewusstsein gewinnen.
des Symbols bis zu seinem Grund notwendig. Erst Die Anwendung des erweiterten, nicht mehr nur
dann ist das Traumbild Bruder auch nicht mehr auf auf die sexuelle Triebkraft beschränkten Libidobe-
der Zeichenebene fixiert und einseitig negativ pola- griffes (7 Kap. 8) auf den Traum eröffnet ein größeres
risiert, wie es für den Patienten der Fall war, der nur Bedeutungsspektrum für das Verstehen seiner Bilder.
die momentane schlechte Beziehung zum Bruder im Die Traumbilder müssen jetzt nicht mehr auf sexuel-
Auge hatte. le Aussagen reduziert werden. Im Gegenteil, beim
In der therapeutischen Arbeit müssen auf der Verstehen der Träume können sämtliche menschli-
oberen Ebene die äußere Beziehung zum Bruder chen Phänomene berücksichtigt werden, die aus dem
und die realen Konflikte mit ihm durchgesprochen Reservoir der psychischen Energie gespeist werden.
werden (Objektstufe 7 Kap. 16.1.4). Diesem erweiterten Libidokonzept zufolge wer-
Auf der nächsten Ebene geht es darum, die abge- den nicht nur die trieb- und instinktgebundenen
spaltenen »Bruderanteile« aus dem eigenen Schatten Impulse – von denen der Sexus wiederum nur einer
ins Bewusstsein zu heben. Dazu gehört zuerst ein- ist –, sondern alle körperlichen, seelischen und geis-
mal die Bewusstmachung des biographischen Bru- tigen Regungen in Traumbilder umgesetzt. Von phi-
derkomplexes. Die folgende Stufe führt zum Riva- losophischer Seite ist z. B. von einem »Erkenntnis-
litätskomplex, einem Urkomplex, der nicht nur trieb« oder von einem »religiösen Trieb« gesprochen
gegenüber dem Bruder, sondern in vielfältigen worden, der ebenfalls im Prozess der Traumbildung
Situationen wirksam sein kann. Darüber gelingt der entsprechende Bilder und Dynamismen erzeugen
Anschluss an die tiefste Ebene, an den archetypi- kann. Neben den körpernahen Triebbereichen und
schen Kern des Symbols. Dort liegt das entsprechen- den dazugehörigen Affekten drücken sich also auch
de mythologische Material, z. B. das Kain-Abel-My- die Geistiges repräsentierenden Libidoformen durch
thologem, bereit. Traumbilder aus.
Neben der objektstufigen Bearbeitung der Bru- Der Traum kann eben alle Bereiche des menschli-
derbeziehung ist es von ausschlaggebender Bedeu- chen Lebens aufgreifen. Die Lebensenergie eines
tung, die innerpsychischen »Bruder«-Anteile mög- Menschen erschöpft sich ja auch nicht in seinen sexu-
lichst ins Bewusstsein zu heben (Subjektstufe ellen Aktivitäten, in der Unterhaltsbeschaffung und
7 Kap. 16.1.1), und zwar sowohl die aus dem per- Nahrungsaufnahme oder in den Macht- und Aggres-
sönlichen als auch die aus dem kollektiven Unbe- sionsinstinkten, sondern kann sich mannigfaltig in
wussten. musischer und geistiger Hinsicht ausprägen. Der
Die bisher negativ erlebten und jetzt mehr an- Mensch kann sich künstlerisch betätigen, kann gestal-
genommenen Schattenanteile werden dem Betref- ten, hat kulturelle Interessen, einen wissenschaftlichen
fenden einen Kraftzuwachs im Bewusstsein ermög- Forscherdrang und religiöse Sehnsüchte. Diese Ener-
lichen. Er wird z. B. potentielle Konkurrenten im gien werden auch in Form von Traumbildern und
Beruf nicht mehr länger unter Energieverlust be- Traumsymbolen einen adäquaten Ausdruck finden.
kämpfen müssen, sondern mit ihnen zum beider-
seitigen Wohl zusammenarbeiten können. Reduktive Deutung und symbolische Bedeutung.
Selbst eine direkt sexuelle Sprache im Traum muss
nicht ausschließlich auf dieser biologischen Ebene
aufgefasst werden.
108 Kapitel 13 · Das Symbol als Energie-Gepäckträger der Psyche

Beispiel rolle. All diese Signale – und eben auch die des rei-
feren Individuationsprozesses – finden sich im
Eine Patientin um die 50 träumte, dass sie bei
Traum. Der Traum ist sogar als Mahner und Anreger
einem früheren Chef eine Fellatio machte.
ein wesentlicher Motor dieses Entwicklungsge-
Wenn wir diesen Traum auf der konkreten se-
schehens.
xuellen Ebene im Sinne einer Wunscherfüllung
deuten, hieße das, dass die Patientin erotische ! Diese Überlegungen sollen uns davor
Ambitionen gegenüber diesem Chef (den sie schützen, die Traumerscheinungen zu
seit Jahren nicht mehr gesehen hat) hätte. reduziert zu verstehen. Die Träume und
Oder der Chef wird als Ersatzfigur für den Vater jedes einzelne Symbol beinhalten eine
aufgefasst, auf den sich das libidinöse Begeh- beträchtliche Bedeutungsvielfalt. Der
ren eigentlich richtet. aktuell gültige Sinn des Traumes und des
Symbols erschließt sich aber nur aus dem
Zusammenhang mit dem Leben des
Diese Auffassung des Traumes nennen wir reduktiv,
Träumers.
weil sie auf der konkretistischen Ebene verharrt.
Macht der Therapeut eine solche sexuelle oder ödi-
pale Deutung, besteht die Gefahr, dass er den Patien-
ten nur stärker auf dieser Ebene fixiert. Der Patient 13.5 Energiepaket Symbol
neigt vielleicht sowieso schon dazu, eine solche
Traumsymbolik in konkretistischer Manier auszu- Der Energiegehalt der Symbole. Ein Symbol hat ei-
agieren. nen ähnlichen Schichtenaufbau (. Abb. 13.2) wie
Wir können eine solche reduktive Deutung um ein Komplex (. Abb. 6.1), und in einem Symbol ist
die symbolische Betrachtung erweitern. Dabei reicht gleichermaßen wie im Komplex viel Energie kom-
es nicht, hinter dem Chef den Vater zu vermuten. primiert und gespeichert.
Das wäre eine zeichenhafte Auslegung des Traum- Die Energieladung des echten Symbols ist aber
symbols, die als Teilaspekt zutreffen kann. Wir kön- – wenn es nicht mit einem pathologischen Komplex
nen aber weiter in die Tiefe des Symbols vordringen. verquickt oder durch ihn behindert ist – nicht vom
Dann gelangen wir zu der subjektstufigen und sym- Bewusstsein abgekapselt. Es ist im Gegenteil ein psy-
bolischen Bedeutungsebene, die den Penis des Chefs chisches Gebilde, das einen geordneten Energieaus-
13 als eine phallisch-geistige Potenz sieht, zu der die tausch zwischen den Systemen des Unbewussten
Sehnsucht der Patientin geht und die sie letzten En- und des Bewusstseins möglich macht. Es vermittelt
des nur im Animusbereich ihrer eigenen Psyche fin- zwischen den Tiefenschichten und dem Ich.
den kann. Wenn sie sich dieses Dranges zur Selbst-
verwirklichung nicht bewusst wird, wird sie projek-
tiv versuchen, etwas von dieser Potenz über andere 13.5.1 Energietransfer – Die trans-
zu bekommen, und sie könnte es ganz auf der sexu- zendente Funktion
ellen Ebene suchen.
Eschenbach (1978, S. 27) bezeichnete das Symbol als
! Die Traumbedeutungen umfassen so ne-
»Formprinzip für die psychischen Energien des Un-
ben den körperlichen Aspekten die gesam-
bewussten«, die somit für das Bewusstsein kompati-
te Palette des geistig-kulturell-religiösen
bel und assimilierbar werden.
Ausdrucks.
Der geheimnisvolle Prozess der Symbolbildung
Besonders wenn die körperliche und psychosexu- in der Psyche wirft zwei grundsätzliche Fragen auf:
elle Entwicklung erfolgreich abgeschlossen ist und 4 Wer oder was in der Psyche ist für den Vorgang
infantile Fixierungen und persönliche Komplexe der Symbolproduktion verantwortlich?
weitgehend überwunden sind, spielt die geistig-psy- 4 Wie wird die noch ungeformte psychische
chische Evolution im Sinne des fortschreitenden Primärenergie in Bilder und Symbole umgewan-
Individuationsprozesses (7 Kap. 8.4) die Haupt- delt?
13.5 · Energiepaket Symbol
109 13

. Abb. 13.3. Die transzendente


Funktion und der Energietransfer
über das Symbol (I) Ich
symolisches Bild
im Ich (z. B. Kreuz)

Symbolbildung durch
Gegensatzspannung zwischen die transzendente
Bewusstsein und Unbewusstem Funktion auf der
Ich-Selbst-Achse

ungestaltete psychische Energie Selbst

(Der Einfachheit halber sind in dieser Graphik


Ich und Selbst als zwei Kreise gegenübergestellt)

Zur Veranschaulichung werfen wir hierzu einen


Blick auf . Abb. 13.3. len genutzt wird. Die transzendente Funktion
C. G. Jung (1971, GW 8) postuliert für den Pro- stellt über das Symbol eine Art Passage her, die
zess der Symbolentstehung die transzendente Funk- einen Energietransfer zwischen den Systemen
tion, die diese wichtige Aufgabe übernimmt. Darun- erlaubt. Das Symbol wird so zu einem vermit-
ter versteht er ein kreatives Prinzip in der Psyche, das telnden Bild zwischen den ansonsten getrenn-
den Spannungsgegensatz zwischen dem Unbewuss- ten Bereichen des kollektiven Unbewussten ei-
ten und dem Bewusstsein durch die Symbolbildung nerseits und des Bewusstseins andererseits.
überbrücken kann. Immer wenn Differenzen zwi-
schen der Einstellung des Bewusstseins und der des
Unbewussten bestehen, kann die transzendente Beispiel
Funktion aktiv werden. Sie kann diese Gegensatz- Ein Patient entwickelte aufgrund einer pietisti-
spannung, die wie bei einer elektrischen Spannung schen Erziehung eine körperfeindliche Einstel-
ein Energiegefälle beinhaltet, schöpferisch in Sym- lung (Standpunkt des Bewusstseins). Die tiefste
bole umwandeln und damit den Gegensatz transzen- Matrix des Unbewussten spiegelt dagegen die
dieren (. Abb. 13.4). gesunden Instinkte und natürlichen organi-
schen Vorgänge (Standpunkt des kollektiven
Definition Unbewussten). Dieser Gegensatz produzierte
Die transzendente Funktion im Patienten, der sich seiner Störung bewusst
Die transzendente Funktion ist ein schöpferi- war, einen Spannungs- und Leidenszustand.
sches Prinzip in der Psyche, das unbewusste
und bewusste Inhalte vereinigt, indem das
Energiegefälle zwischen dem Unbewussten und Im Rahmen der therapeutischen Gespräche wurde
dem Bewusstsein zur Produktion von Symbo- ein neurotischer Komplex aus dem persönlichen
6 Unbewussten deutlich, der sich biographisch durch
die krankhafte, auf übertriebene Sauberkeit und
110 Kapitel 13 · Das Symbol als Energie-Gepäckträger der Psyche

Ich Ich
Ich

Ich-Selbst-Achse

Selbst Selbst Selbst

1. Gegensatzspannung 2. Umwandlung der ungestal- 3. Entschlüsselung des


zwischen Ich und Selbst teten Energie in ein Symbol Symbols im Bewusstsein

. Abb. 13.4. Die transzendente Funktion und der Energietransfer über das Symbol (II)

Leistung ausgerichtete Haltung der Eltern gebildet elektrischen Pole ein Lichtbogen entsteht) in Form
hatte und den freien Austausch zwischen dem Ich- eines Traumsymbols überspringen kann.
Bewusstsein und den Tiefenschichten des Unbe- Neumann (1959, S. 50) hat dies treffend for-
wussten blockierte. Erst nach längerer Therapie war muliert:
13 der Weg so weit frei, dass ein heilsames Symbol – ge- »Das Auftreten der transzendenten Funktion
bildet von der transzendenten Funktion – zum Ich- ebenso wie des vereinigenden Symbols ist … auf
Bewusstsein durchkommen konnte. eine Spannung zwischen einem ichfesten Bewusst-
Der Patient träumte dann nämlich von einem sein und einem »geladenen« Unbewussten ange-
großen freundlichen Tier, halb Hund, halb Amei- wiesen. … Aber nur wenn diese Spannung ausge-
senbär, das sich ihm näherte und Körperkontakt zu halten wird, was immer einen Leidenszustand vor-
ihm aufnahm. Das Traum-Ich konnte das jetzt zulas- aussetzt, kommt es zur Geburt eines Dritten, das
sen und streichelte den neu gewonnenen Freund. die Gegensätze »transzendiert« oder übersteigt
Der Traum symbolisiert den nun möglichen gesün- und dabei Anteile beider Positionen mit einem
deren Kontakt zur eigenen Animalität. Unbekannten und schöpferischen Neuen ver-
bindet.«
Die transzendente Funktion als Mittel der Autore- Hieraus wird auch noch einmal deutlich, dass
gulation. Das oben genannte Beispiel zeigt, dass die die transzendente Funktion keine Funktion des Be-
Symbolbildung durch die transzendente Funktion wusstseins (wie etwa die besprochenen Orientie-
– wie der Traum überhaupt – im Dienste der Selbst- rungsfunktionen) ist, sondern aus der Tiefe vom
regulation der Psyche steht. Das Aushalten von Lei- Selbstbereich her wirkt.
den ist dabei notwendig, damit schließlich aufgrund
der Spannung der Funke (wie bei einer Bogenlam-
pe, bei der durch die unterschiedlich geladenen
13.5 · Energiepaket Symbol
111 13
13.5.2 Die richtige Energiedosis –
Die Schutzfunktion
des Symbols

Durch die Symbole können die ursprünglich unge-


stalteten und deshalb unfassbaren unbewussten
Energien kanalisiert und dem Bewusstsein dosiert
zugeführt werden.
Durch diesen kanalisierten Durchtritt der Ener-
gien über das Symbol und durch die zunächst be-
grenzten Verstehensmöglichkeiten des Ich ist der
Einzelne im Allgemeinen vor einer gefährlichen
Überflutung gesichert. Dennoch muss eine vorsich-
tige therapeutische Traumarbeit durch Einfühlsam-
keit die dosierte Überführung der Energien ins Be-
wusstsein unterstützen. Hierauf weist Eschenbach
(1978, S. 30) hin:
»Das Symbol selbst ermöglicht gerade über seine
kollektiv gültige Chiffre den Weg zum archetypi-
schen Kernelement. In diesem Mischungsverhältnis
aus bewussten und unbewussten Daten liegen
Schutzfunktion und therapeutische Möglichkeit des
Symbols, denn in diesem Beziehungsfeld werden die
Traumen der eigenen Lebensgeschichte aktiviert.
Die Schutzfunktion besteht in der Verschlüsselung
des initiierenden Inhalts und den darin enthaltenen
Aufforderungen zur stetigen Wandlung erstarrter
neurotischer Positionen, die erst im therapeutischen
Schutzraum aufgeschlüsselt werden können und
dürfen.«
14

14 Einleitung zum Anwendungsteil


14.1 Das Material – Zur Auswahl der Traumbeispiele – 116

14.2 Gute Arbeitsbedingungen –


Die Einstellung von Patient und Therapeut zum Traum – 116
14.2.1 Die Einstellung des Patienten – 116
14.2.2 Die Einstellung des Therapeuten – 118
14.2.3 Träume als roter Faden im Behandlungsprozess – 119
14.2.4 Die Bedeutung des Traums finden, ohne ihn zu deuten – 119

14.3 Die Arbeitsebenen – Der Weg der Traumarbeit – 119

14.4 Lohn der Mühen – Der Heilungsprozess – 121


116 Kapitel 14 · Einleitung zum Anwendungsteil

14.1 Das Material – Zur Auswahl Prozessträume zeigen jeweils ein bestimmtes Signal,
der Traumbeispiele einen neuen Aspekt des Problems bzw. beleuchten es
von einem anderen Blickwinkel.
In Werken über Träume findet man häufig heraus- So erfolgt durch oft monate- oder jahrelange
ragende und seltene Träume, die besonders positive Kleinarbeit ein Mürbewerden des Problems oder
Entwicklungswege dokumentieren und bedeutende Komplexes. Dann kann eine sprunghafte Verände-
Wandlungsereignisse und Veränderungen zeigen. rung eintreten. Ein Steinmetz – um einen Vergleich
Dies sind Träume, die wie Märchen aufgebaut zu gebrauchen – muss mit seinem Hammer viele
sind und wie diese erstaunliche Entwicklungspro- Male an einer gedachten Sollbruchlinie klopfen, bis
zesse ausdrücken können. Wenn Gretel die Hexe in schließlich mit einem letzten gezielten Schlag der
den Ofen stößt und sie damit den Hänsel vom Mut- Stein in zwei Teile zerfällt.
terkomplex befreit, können die Geschwister dem In diesen Normal- und Prozessträumen können
Bann der negativen Mutter entkommen und mit wir aber immer auch archetypische Spuren finden,
Schätzen beladen, d. h. mit neuer psychischer Ener- und in ihrem Hintergrund kann eine märchenhafte
gie, nach Hause zurückkehren. Lösung mitschwingen. Doch es kommt vorrangig
Dies könnte ein Mann träumen, dessen innere darauf an, das jeweilige aktuelle Bedeutungssignal
weibliche Seite, seine Anima, ihm hilft, sich aus dem des Traumes an das Bewusstsein des Patienten anzu-
negativ-mütterlichen Raum zu befreien. Eine Frau schließen. So sind als Beispiele in diesem Buch ganz
könnte analog träumen, dass sie den Frosch an die überwiegend »normale« Prozess- und Alltagsträu-
Wand wirft und ein strahlender Prinz heraustritt. me ausgewählt.
Das würde bedeuten, dass sie ihren bisher primitiven Diese Träume sind das tagtägliche Brot des Psy-
und tiergestaltigen Animus, der entsprechend unbe- chotherapeuten, wenn er ihnen Aufmerksamkeit
wusst gewesen ist, verwandeln kann zu einem zuwendet. Nur durch ein detailliertes – man könnte
menschlichen Antlitz. sagen »mikropsychologisches« – Aufzeigen der
Solche glücklichen Träume gibt es. Sie sind aber Traumarbeit kann ein realistischer Einblick in die
ebenso selten wie die großen Wandlungsmomente Behandlungspraxis gegeben werden. Dies soll in den
im Leben der Menschen. Sie bedürfen einer Vorar- folgenden Teilen des Buches versucht werden.
beit durch 100 oder 1.000 unvollständige oder vor-
bereitende Träume, die in mühevoller Kleinarbeit
solchen Großträumen den Weg bahnen. Oft werden 14.2 Gute Arbeitsbedingungen –
jahrelang Anläufe unternommen, Hindernisse zu Die Einstellung von Patient
14 durchdringen, d. h. Komplexe zu überwinden, bis und Therapeut zum Traum
solche träumerischen Großereignisse eintreten
können. 14.2.1 Die Einstellung des Patienten
Der Alltag des Therapeuten bei Neurosenbe-
handlungen sieht also anders aus und hat nur selten Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass viele
mit solchen bedeutenden Wandlungsträumen zu Menschen von Träumen wenig halten. Es hängt mit
tun. Im Vordergrund steht vielmehr die geduldige unserem naturwissenschaftlich ausgerichteten Welt-
Prozessarbeit an den Alltagsträumen. Diese zeigen bild zusammen, dass die Träume häufig als ein
kleine, vorbereitende Signale auf und führen erst nächtlicher »Leerlauf der Hirntätigkeit« gesehen
über eine Vielzahl winziger Schritte zu einer großen (oder magisch-abergläubisch genommen) werden,
und umfassenden Einstellungsänderung. Die Routi- aber von ihrer geistigen und psychologischen Qua-
ne des Psychotherapeuten besteht darin, sich diesen lität kaum Kenntnis genommen wird.
Normalträumen in aller Aufmerksamkeit und Ener- So ist es bei Patienten, die noch keine entspre-
gie zuzuwenden, um jeweils mit dem Patienten das chenden Vorerfahrungen haben oder sich selbst
aktuelle Signal herauszuarbeiten. Hier ist wiederhol- noch nicht für Träume und psychische Entwick-
tes Durcharbeiten eines Problems, Konfliktes oder lungsprozesse interessiert haben, manchmal not-
Komplexes notwendig. Die aufeinander folgenden wendig, zuerst an ihrer Einstellung dem Traum
14.1 · Das Material – Zur Auswahl der Traumbeispiele
117 14

gegenüber zu arbeiten. Wir sollten bemüht sein, ein Hier ist ein Überblick über mögliche Einstellun-
günstiges Klima und geeignete Arbeitsbedingun- gen, die uns beim Arbeiten mit Träumen begegnen
gen zu schaffen, in denen die Träume als aus- können:
sagekräftiges unbewusstes Material respektiert
werden. Um dieses Ziel zu erreichen, kann im ers-
ten Schritt die Haltung des Patienten dem Traum Einstellungen dem Traum gegenüber
gegenüber ins Bewusstsein gehoben werden. Durch 5 Geringschätzung, Bagatellisierung: Dies
die anschließende Traumarbeit wird der Patient entspricht der Einschätzung »Träume sind
dann zunehmend feststellen, dass an den Träumen Schäume«. Träume sind »nichts als...«,
»etwas dran« ist, und seine Einstellung kann sich z. B. zufällige Produktionen der nächtlichen
ändern. Hirntätigkeit, »Neuronen-Nonsens« oder
Datenreste der Vortagserlebnisse.
Beispiel 5 Überhöhung des Traumes: Dem Traum wird
Das nun folgende kasuistische Beispiel stammt eine magische Kraft zugesprochen, die Zu-
von einer Patientin aus der Anfangszeit ihrer kunft zu beeinflussen und die Traumereig-
Behandlung. Ihre Haltung den Träumen gegen- nisse Wirklichkeit werden zu lassen. Hier
über resümiert sie folgendermaßen: drückt sich eine abergläubische Furcht dem
»Früher habe ich mir oft morgens gesagt: was Traum gegenüber aus, bzw. dieser wird als
habe ich nur für einen Mist geträumt! Ich habe prophetisch genommen. Dem Traum wird
den Traum dann einfach weggeschoben. Heu- eine Orakelfunktion bezüglich positiver und
te frage ich mich schon öfter: warum träume negativer Ereignisse zugesprochen. Aller-
ich gerade das? Zum Teil sind meine Träume dings gibt es in seltenen Fällen auch echte
ganz realistisch, und ich träume von Personen, vorauswissende Träume.
die ich kenne. Einen Teil der Träume verbuche 5 Der Traum als Hilfe zur Selbsterkenntnis: Diese
ich aber unter Ulk. Ich sage mir: da hatte mein moderne Anschauung sieht den Traum psy-
Hirn etwas in die Ecke geschoben, das wird chologisch bzw. tiefenpsychologisch
wieder hervorgeholt und Revue passieren (7 Kap. 11.1).
gelassen. Das ist aber der geringste Teil der
Träume.«
Auf die Frage, ob die Träume, die sie als Ulk ver- Abwehr aus Angst vor dem Unbewussten. Die ers-
bucht, sie verunsichern, meinte sie: ten beiden Einstellungen sind Abwehrhaltungen
»Nein, sie verunsichern mich nicht, da ich mir und drücken eine Angst vor dem Unbewussten
sage: das war ja nur ein Traum. Da habe ich ein aus.
Hintertürchen. Es fällt mir schwer, mich mit ei- Der Traum repräsentiert ja das eigene Unbe-
nem Traum auseinander zu setzen. Ich weiß wusste. Auch hinter der Abwertung des Traumes,
nicht, was ich dazu denken, was ich davon hal- der rationalen Geringschätzung, verbirgt sich eine
ten soll. Ich schreibe die Träume zwar sorgfältig unbewusste Furcht, z. B. aufgrund einer nicht voll
auf, lege sie dann aber weg. Ich nehme mir bewussten magisch-abergläubischen Einstellung.
nicht die Zeit darüber nachzudenken.« Hier wird die unbewusste Angst durch eine Herab-
minderung kompensiert.
Viele Patienten mit therapeutischer Vorerfah-
Die verschiedenen Einstellungen dem Traum gegen- rung oder solche, die sich schon für Tiefenpsycho-
über. Wie diese Patientin kommt jeder Patient mit logie interessiert haben, haben eine adäquate
einer bestimmten Voreinstellung dem Traum gegen- Einstellung zum Traum. Sie schätzen ihn als Dia-
über in die Therapie, die bewusst oder teilweise un- logpartner und nehmen die Stimme des Traumes
bewusst sein kann. Es gilt, diese Haltung herauszu- ernst.
finden und offen zu legen, damit der Patient sich
damit auseinander setzen kann.
118 Kapitel 14 · Einleitung zum Anwendungsteil

14.2.2 Die Einstellung Unangenehmes in die Therapie einbringen zu


des Therapeuten können.

Bei einer bewussten oder unbewussten ängstlichen Das Erschrecken vor dem Traum des Patienten. Be-
Haltung des Patienten dem Traum gegenüber ist sonders Therapeuten am Beginn ihrer Behandlung-
die Position des Therapeuten, die er vermittelt oder spraxis, die Anfänger in der Traumarbeit sind, er-
durch sein Handeln dokumentiert, umso wichtiger. schrecken häufig über verschiedene Inhalte der
Wie der Therapeut zum Traum steht und welchen Träume des Patienten.
Wert er ihm beimisst, wird nicht nur aus seinen Das verrät, dass sie selber noch eine beinahe
Äußerungen, sondern auch durch sein nonverbales abergläubische Furcht vor einem möglichen Eintref-
Verhalten auf den Patienten wirken. fen der Träume, einer schlechten Prognose, einem
Der Therapeut kann aber bestimmte Bemerkun- unheilvollen Ausgang usw. haben. Meist hängt es
gen einfließen lassen, die dem Patienten helfen, ei- damit zusammen, dass sie den Traum zu konkretis-
nen neuen und besseren Zugang zum Traum zu tisch und zu wenig symbolisch verstehen. Deshalb
finden. sind Ausbildung, Wissenserwerb und Selbsterfah-
rung so wichtig für diejenigen, die therapeutisch mit
Träumen arbeiten wollen.
Hinweise des Therapeuten zum Traum
5 Der Therapeut kann dem Patienten nahe le-
gen, seine Träume aufzuschreiben. Allein da- Argumente für den Therapeuten, den
durch wird schon dokumentiert, dass die Traum als Grundlage der Therapie
Träume als bedeutsam angesehen werden. zu nehmen
5 Der Therapeut kann zu Beginn der Therapie Um zu einer positiven Einstellung dem Traum
äußern, dass er Wert auf die Träume legt, da gegenüber zu kommen und ihn als Fundament
sie einen wichtigen Kommentar von Seiten der Behandlung zu sehen, kann sich der Thera-
des Unbewussten des Patienten darstellen. peut Folgendes vor Augen halten:
Er kann z. B. sagen: »Wir wollen den Traum, 5 Die Erfahrung zeigt, dass die Träume,
die Stimme Ihres Unbewussten zu den wenn sie regelmäßig in der Therapie
Dingen, die wir hier besprechen, immer da- besprochen werden, wie ein roter Faden
zunehmen.« durch den Prozess führen. Es werden
5 Im Verlaufe der Therapie kann er immer wie- jeweils die Inhalte vom Unbewussten an-
14 der eine Bemerkung einfließen lassen, dass geboten, die »dran« sind.
er auf die Reaktion der Träume gespannt ist. 5 Durch den »roten Faden« der Träume ist
Zum Beispiel: »Wir wollen einmal sehen, was ein schonender Prozessverlauf möglich.
Sie nach diesem Gespräch träumen, wie die Nicht der Therapeut oder das Ich-Bewusst-
Reaktion des Unbewussten dazu ist.« sein des Patienten entscheiden allein über
die Themen, sondern vielleicht sogar in
erster Linie die Träume des Patienten.
Angstfreie Haltung dem Traum gegenüber. Damit Dadurch können Willkür und eine über-
der Therapeut eine echte Wertschätzung dem Traum fordernde Aktivität des Therapeuten ver-
gegenüber ausstrahlen kann, ist es natürlich not- mieden werden (Natürlich haben aktuelle
wendig, dass er selber mit seinem Unbewussten ver- Nöte des Patienten Vorrang in der Thera-
traut ist und ihm gegenüber eine angstfreie Haltung pie, sodass dann vorübergehend das
hat. Unbewusste zurückstehen muss und eine
Nur dann hat er auch vor den Träumen des Pa- Bewusstseinsarbeit Priorität hat).
tienten keine Angst. Diese Angstfreiheit des Thera-
peuten gibt dem Patienten die Sicherheit, auch Alp-
träume, peinliche Traumszenen oder sonst wie
14.3 · Die Arbeitsebenen – Der Weg der Traumarbeit
119 14
14.2.3 Träume als roter Faden im ! Es sollte immer darum gehen, die mögli-
Behandlungsprozess che Bedeutung des Traumes im Gespräch
mit dem Patienten zu erfassen. Das ge-
Therapeut und Patient können sich also der Füh- schieht durch eine gemeinsame Arbeit, die
rung durch die Träume anvertrauen. Im Allgemei- die Symbolsprache des Traumes zu ergrün-
nen werden erst nach einer Phase der Konsolidie- den sucht. Die Bedeutung – besonders
rung und Vertrauensbildung problematische Inhal- die archetypischer Symbole – ist dabei nicht
te von den Träumen aufgegriffen und angesprochen in einem einzigen Gedanken oder Gefühl
(eine Ausnahme sind psychosenahe Patienten). Der festzulegen, sondern hat immer viele Ebe-
Prozess reguliert sich über die Träume selbst. Vor- nen.
aussetzung ist eine Traumarbeit lege artis (gemäß
der Behandlungskunst), die jeweils versucht, das
aktuelle Bedeutungssignal des Traumes herauszu- 14.3 Die Arbeitsebenen –
arbeiten. Wir werden noch sehen, dass sich eine Der Weg der Traumarbeit
zu invasive Exploration zu Beginn der Therapie,
z. B. als intensive Anamneseerhebung, sehr belas- Die bisher behandelten Konzepte und die in den
tend und symptomverschlimmernd auswirken kann folgenden Kapiteln besprochenen methodischen
(7 Kap. 26.1). Zugangsweisen zum Traum führen – angewandt auf
In der kontinuierlichen Traumarbeit vervoll- die praktische Traumarbeit – zu spezifischen Ar-
ständigt sich langsam die Biographie. Nach und nach beitsebenen. Zum Beispiel führt das Konzept der
werden die Traumen und Komplexpunkte angesteu- Subjektstufe (7 Kap. 16.1.1) zur Arbeitsebene der
ert, und zwar erst in dem Moment, wenn das Be- Subjektstufe, d. h. zur subjektstufigen Traumarbeit
wusstsein des Patienten dazu reif und in der Lage ist, (7 Kap. 16.3). Da es viele solcher methodischen
die Inhalte zu verarbeiten. Ansätze gibt, kann ein Traum in der psychothera-
peutischen Behandlungspraxis unter verschiede-
nen Gesichtspunkten betrachtet und untersucht
14.2.4 Die Bedeutung des Traums werden, d. h. wir können etliche Arbeitsebenen
finden, ohne ihn zu deuten unterscheiden.
Welche Arbeitsebenen im praktischen Umgang
In den folgenden Kapiteln werden wir uns durch die mit dem Traum ergeben sich aus den theoretischen
verschiedenen methodischen Fragestellungen der Vorstellungen und methodischen Betrachtungswei-
Bedeutung des jeweiligen Traums annähern. Wir sen? Hier ist eine Aufzählung der in diesem Buch
vermeiden es dabei, den Traum zu deuten oder zu behandelten Ebenen:
interpretieren. Die Bedeutung eines Traumes zu ent- 4 Dem Grundgedanken der kompensatorischen
decken und zu erfahren ist etwas völlig anderes, als Funktion der Träume (7 Kap. 15.1) entspricht in
ihn aus einer – oft voreingenommenen – Theoriepo- der Praxis die Arbeitsebene der Kompensation
sition zu deuten. (7 Kap. 15.2).
Die Deutung eines Traumes beinhaltet nämlich 4 Die Konzepte von Subjekt- und Objektstufe
eine dominierende Aktivität des Therapeuten, der (7 Kap. 16.1) führen zur Arbeitsebene der Sub-
aufgrund seines Vorwissens und seines Denkgebäu- jektstufe (7 Kap. 16.3) und der Objektstufe
des zu wissen glaubt, wie der Traum zu übersetzen (7 Kap. 16.2).
sei. Das geht oft über den Patienten und über den 4 Die kausale und finale Betrachtungsweise des
Traum hinweg bzw. an ihnen vorbei. Große Zurück- Traumes, d. h. seine geschichtlich-anamnesti-
haltung ist erforderlich, um die Träume nicht im Sin- sche Bedingtheit und seine vorausweisende
ne der eigenen psychologischen Hypothesen zu ver- Funktion (7 Kap. 17.1), ergibt in der Anwendung
gewaltigen. auf die konkrete Behandlungssituation die Ar-
beitsebene der Kausalität (7 Kap. 17.2) sowie die
der Finalität (7 Kap. 17.3).
120 Kapitel 14 · Einleitung zum Anwendungsteil

4 Die Träume unter dem Blickwinkel von Vor- bare diagnostische und therapeutische Implikatio-
tagseindrücken und in Bezug zu aktuellen Ereig- nen hat.1 Auch bei der Anwendung der Komplex-
nissen zu sehen (7 Kap. 18.1), macht die Arbeits- theorie auf den Traum handelt es sich hinsichtlich
ebene der Tagesreste (7 Kap. 18.2) aus. vieler Einzelheiten um Neuerungen.
4 Die Methoden von Assoziation und Amplifika-
tion stellen praktische Umgangsmöglichkeiten Sowohl – als auch: additive Nutzung der Arbeits-
mit dem Traum dar, die als Hilfsmittel für die ebenen. Wie verhalten sich die einzelnen Arbeitse-
verschiedenen Arbeitsebenen eingesetzt werden benen zueinander? Schließen sie sich gegenseitig aus
können (7 Kap. 19). oder verhalten sie sich komplementär? Die Antwort
4 Legen wir den Fokus auf das Traum-Ich und ver- ist, dass sich die einzelnen Arbeitsebenen in der Re-
gleichen es mit dem Wach-Ich (7 Kap. 20.1), ge- gel ergänzen und das Gesamtbild der Traumbedeu-
langen wir zur Arbeitsebene des Traum-Ich tung abrunden. Jede der verschiedenen Betrach-
(7 Kap. 20.2). tungsweisen kann einen Aspekt zur Aussage des
4 Gehen wir mit dem Konzept der Orientierungs- Traumes beitragen, die so immer umfassender und
oder Ich-Funktionen (7 Kap. 3 u. 21.1) an den vollständiger wird. Zum Beispiel sind im Allgemei-
Traum heran, bewegen wir uns auf der Arbeits- nen subjektstufige und objektstufige Sicht des Trau-
ebene der Ich-Funktionen (7 Kap. 21.2). mes gleichermaßen gültig. Und die anderen Ebenen
4 Mit unserem Wissen über Komplexe und deren können weitere wertvolle Details zum Verständnis
Ausdruck im Traum (7 Kap. 6 u. 22.1) erschlie- des Traumes liefern.
ßen wir uns die Arbeitsebene der Komplexe Manchmal wird aber durch den jeweiligen
(7 Kap. 22.2) für die Traumarbeit. Traum eine gewisse »Hierarchie« nahe gelegt, d. h.
4 Die wichtigen Konzepte von Übertragung und bestimmte Arbeitsebenen sind zu bevorzugen. Sie
Gegenübertragung (7 Kap. 9) stellen in der Praxis sind »richtiger« als andere. Ihre Anwendung springt
weitere, sehr bedeutsame Arbeitsebenen dar gleichsam ins Auge. Es muss dem Fingerspitzenge-
(7 Kap. 23). fühl des Therapeuten und den spontanen Eingebun-
4 Schließlich erlaubt das Konzept der Luzidität gen des Patienten überlassen bleiben, welche Spur
(Luzide Träume 7 Kap. 25) in Träumen nach vorrangig verfolgt wird.
präluziden und luziden Momenten zu forschen, Ferner gibt es Situationen, in denen der Thera-
die für die Traum- und Entwicklungsarbeit ge- peut aktiv die Arbeitsebene vorgeben kann und so-
nutzt bzw. durch entsprechende Interventionen gar sollte, besonders wenn es um den Schutz des
gefördert werden können. Patienten vor belastendem unbewussten Material
14 geht. Hier kann eine Arbeitsebene gewählt werden,
Neue Zugänge zum Traum. Die Arbeitsebenen sind die den Patienten »auf den Boden zurückholt«, die
wie gesagt eine logische Folge der einzelnen theore- ihn wieder stärker in der Realität verankert und so
tischen und methodischen Vorstellungen, indem den aus dem Gleichgewicht Geratenen stabilisiert
diese in der Praxis auf den einzelnen Traum ange- (7 Kap. 29.4). Dann bieten sich die bewusstseins-
wandt werden. Dabei stellen die meisten dieser Ebe- näheren Arbeitsebenen wie die der Ich-Funktio-
nen bekannte Herangehensweisen an den Traum nen, der Tagesreste und der Objektstufe an, während
dar. Einige aber sind neu vom Autor entwickelt oder die tiefer greifenden und stärker das Unbewusste
weiterentwickelt worden. mobilisierenden Ebenen wie die der Komplexe,
Einzelne Arbeitsebenen sind auf den vorliegen- der Kausalität oder der Subjektstufe zurückstehen
den Seiten erstmals systematisch und bündig formu- müssen.
liert worden. Neu ist z. B. der Vergleich von Traum- Eine andere Möglichkeit, über die Wahl der Ar-
Ich und Wach-Ich und die therapeutische Nutzung beitsebenen ins Geschehen einzugreifen, hat der
der daraus resultierenden, sehr relevanten Impulse. Therapeut darin, die Arbeitsebene der Finalität zu
Eine völlige Innovation und bisher unveröffentlicht
ist der Zugang, das Augenmerk auf die Ich-Funktio- 1
Die Konzeptualisierung der Ich-Funktionen im Traum schließt
nen im Traum zu legen, was außerordentlich frucht- an mündliche Mitteilungen von Eschenbach an.
14.4 · Lohn der Mühen – Der Heilungsprozess
121 14

betonen und so regressiven Tendenzen oder einer Resultate kommen aber in ähnlicher Weise bei je-
selbstmitleidigen Fixierung des Patienten an die ei- der Art von tiefenpsychologischer Traumarbeit
gene Vorgeschichte entgegenzuwirken. Er öffnet da- zum Tragen. Also auch außerhalb der Patienten-
mit dem Patienten den Blick nach vorne und gibt behandlung, z. B. in Analysen und Prozessen, in
wirksame Entwicklungsanstöße. denen es nicht primär um das Kurieren von Neu-
rosen und Symptomen, sondern um eine allge-
Stimmt die Hypothese? Wie können wir überprü- meine Fortentwicklung, um die Erweiterung des
fen, ob die erarbeitete Bedeutung auf der jeweiligen Bewusstseins, um psychisches Wachstum und um
Arbeitsebene stimmig ist? Beweischarakter für die die Wandlung der Persönlichkeit (Individuation
Zugkraft einer Arbeitshypothese hat in erster Linie 7 Kap. 8.4) geht.
das Gefühl des Patienten, der innerlich spürt, dass Um dieser allgemeineren und umfassenderen
hier etwas zu- oder sogar genau den Kern trifft. Der Traumarbeit sprachlich gerecht zu werden, kann im
Therapeut erhält darüber hinaus Indizien für die Re- Folgenden – wie auch auf den bisherigen Seiten die-
levanz aus dem fortschreitenden Prozess und den ses Buches – für das Wort »Patient« immer auch das
Veränderungen in den folgenden Träumen des Pa- Wort »Träumer« gelesen werden.
tienten.
Wie realiter auf den einzelnen Arbeitsebenen
verfahren wird, wird in den jeweiligen Kapiteln be-
sprochen. Wir können aber schon vorwegnehmen,
dass sich auf jeder dieser Ebenen spezifische Fragen
zum Traum ergeben, die zusammen mit dem Patien-
ten erkundet werden. Zum Beispiel wird auf der Ar-
beitsebene der Kompensation, die als Erstes in Kapi-
tel 15 näher beschrieben wird, die Frage untersucht,
was ein Traum aktuell beim Träumer kompensieren
oder ausgleichen will. Der Patient wird mit diesen
Fragen konkret gefordert und aktiv einbezogen, und
er kann den Traum unmittelbar auf seine Lebens-
realität anwenden.

14.4 Lohn der Mühen –


Der Heilungsprozess

Wir verstehen das therapeutische Arbeiten mit Träu-


men als einen Prozess, der Heilungsvorgänge initiiert
und Entwicklungsschritte fördert. Die kontinuierli-
che Traumarbeit auf tiefenpsychologischer Basis löst
einen solchen Prozess in der Psyche des Patienten
aus und begleitet ihn. Anhand der Veränderungen
beim Patienten und seiner sich ebenfalls mit der Zeit
modifizierenden Träume können wir diesen Prozess
mitverfolgen (vgl. Teil IV, Behandlungsprozess und
technische Fragen).
Das prozesshafte therapeutische Arbeiten mit
Träumen ist eine Heilmethode. Es ist zwar in erster
Linie ein psychotherapeutisches (ärztliches oder
psychologisches) Verfahren, seine Wirkungen und
15

15 Die Kompensation – Der Traum


als Anwalt des Unbewussten
15.1 Methodik – 124
15.1.1 Traumbotschaften im Regelkreis der Psyche – 124
15.1.2 Die Kompensation des Bewusstseins – 126

15.2 Praxis – 127


15.2.1 Fragetechnik zur Kompensation – 128
15.2.2 Beispiele aus der therapeutischen Praxis – 128
124 Kapitel 15 · Die Kompensation – Der Traum als Anwalt des Unbewussten

15.1 Methodik Wie bei der physiologischen Regulation durch die


Hormone, die Botenstoffe des Körpers, kommt alles
15.1.1 Traumbotschaften im darauf an, dass das »Zielorgan« anspricht. Es müssen
Regelkreis der Psyche die entsprechenden »Rezeptoren« vorhanden sein
und funktionieren, damit es zu einer regelnden
Rückkopplung kommen kann.
! »Bei der in 7 Kap. 8.3 besprochenen Auto-
So ist es bei den Träumen von ausschlaggeben-
regulation der Psyche spielen die Träume
der Bedeutung, dass das Ich-Bewusstsein die Signale
eine erstrangige Rolle. Ähnlich wie die
empfängt und versteht. Das Ich sollte den Code des
Hormone als Botenstoffe bei der Stoff-
Unbewussten, die angebotenen Bilder und Symbole,
wechselregulation erfüllen die Träume ihre
aufnehmen und seinen Sinn entschlüsseln. Nur in-
psychologische Aufgabe als Boten oder In-
dem das Ich einen Informationsgewinn und einen
formationsträger. Sie transportieren Nach-
Wissenszuwachs erfährt, ist die Regulation im vollen
richten oder Botschaften von der zentralen
Sinne erfolgreich und kann zu einer Einstellungsän-
Instanz der Gesamtpsyche, dem Selbst, zur
derung führen (. Abb. 15.1).
zentralen Instanz des Bewusstseins, dem
Der spontane Regulationsversuch, der im bloßen
Ich. Auf diese wichtige psychologische
unreflektierten Träumen besteht und der seit undenk-
Funktion des Traumes ist schon hingewie-
lichen Zeiten wirksam ist, kann also durch die thera-
sen worden (7 Kap. 11.1).
peutische Praxis, durch das bewusste Arbeiten mit
Die Traumbotschaft will verstanden werden. Die den Träumen, unterstützt und intensiviert werden.
Informationen, die die Träume enthalten, dienen der Das unbewusste Träumen hat schon eine wich-
Aufrechterhaltung einer psychischen Homöostase. tige regulierende Funktion. Auf dieser unbewussten

bewusste Verarbeitung

Ich Einstellungs-
änderung

Träume als Botschaften

15 unbewusste
Verarbeitung

Selbst

. Abb. 15.1. Träume – Nachrichten aus dem Unbewussten


15.1 · Methodik
125 15

Ebene spielt sich das Träumen bei Säugetieren ab, die 4 Als Letztes kommt die Umsetzung der Traum-
damit ohne Einschaltung des Bewusstseins träu- signale. Es erfordert einen aktiven Willensim-
mend Instinktverhalten einüben. Schon Charles puls, das Erarbeitete im Leben zu verwirklichen
Darwin hatte bei höheren Tieren aufgrund ihrer Be- und somit den »Auftrag« des Traumes zu erfül-
wegungen und Laute im Schlaf auf lebhafte Träume len. Die Einsicht ist zwar der erste Schritt, reicht
geschlossen. Jeder Haustierbesitzer kann das beob- aber allein nicht aus.
achten und ist spontan davon überzeugt, dass Säuge-
tiere träumen. Auch wenn man Tiere natürlich nicht Das Traumthema wiederholt sich, bis der Hinweis
nach ihren Erlebnissen im Schlaf befragen kann, verstanden ist. Wurde der Sinn eines Traumes er-
können wir heute – aufgrund der verglichen mit fasst und umgesetzt, erlischt auch die Notwendigkeit
dem Menschen ähnlichen Abfolge der Schlaftiefe dieses Signals; der Traum hat seinen Zweck erreicht.
und -art (Schlafhierarchie) und anderer neuerer Da jedoch die Nachricht eines Traumes oft nur teil-
Forschungsergebnisse – von einer Traumtätigkeit weise oder gar nicht verstanden wird, kehrt das
bei den Säugetieren ausgehen (7 Kap. 10). Traumthema in gleicher oder ähnlicher Form immer
Beim Menschen wird mehr oder weniger das wieder.
Bewusstsein eingeschaltet, womit sich die Möglich- Dies ist in überdeutlicher Weise bei den Wieder-
keiten der Regulation vergrößern. Schon bei Perso- holungsträumen der Fall. Hier repetiert das Unbe-
nen, die nicht in Analyse sind oder sich nicht speziell wusste das Signal an das Bewusstsein. Wie die Be-
mit ihren Träumen beschäftigen, kommen Signale handlungspraxis zeigt, verlöschen die Wiederho-
aus ihren Träumen im Bewusstsein an, sodass eine lungsträume, wenn ihr Nachrichtengehalt vollständig
gewisse Veränderung bewirkt wird. Doch vielfach aufgenommen werden konnte.
wird der Traumsinn nur unvollständig oder gar nicht
verstanden, oder den Träumen wird sogar überhaupt Eine ständige Nachregulierung ist notwendig. Da
keine Beachtung geschenkt. Am effizientesten ist die sich das Ich mit seiner relativen Freiheit immer wie-
bewusste und verstehende Auseinandersetzung mit der aus der Mitte der Psyche und vom Selbst ent-
den Träumen. Hier, z. B. im therapeutischen Arbei- fernt, besteht eine andauernde Regulationsnotwen-
ten, wird der größtmögliche Nutzen aus den Träu- digkeit. Deshalb träumen wir; deshalb sind die Träu-
men gezogen. me für ein gesundes Leben unentbehrlich.
Das völlige Unterbinden des Träumens führt –
! Die psychotherapeutische Arbeit mit Träu-
wie Versuche mit Tieren gezeigt haben – zu ernsthaf-
men ist ein Katalysator und Reaktionsbe-
ter Schädigung. Zumindest das unbewusste Träu-
schleuniger, indem sie die Signale des Un-
men ist für die seelische und körperliche Gesundheit
bewussten vollständig zu erfassen sucht
notwendig. Doch für Menschen, die an psychischen
und sie umzusetzen hilft.
Symptomen leiden und/oder an einer Weiterent-
Dazu ist dreierlei notwendig: wicklung ihres Bewusstseins interessiert sind, emp-
4 Der Patient muss erst einmal seinen Träumen fiehlt sich die bewusste Auseinandersetzung mit
überhaupt Aufmerksamkeit schenken. Schon das den Träumen. Denn darüber kann das psychische
Merken und Erinnern der Träume hat einen ge- Gleichgewicht wieder hergestellt und die weitere
wissen, wenn auch nur partiellen Effekt. Bildlich Entfaltung gefördert werden. So erscheint ab einer
gesprochen: nur ein kleiner Teil der Rezeptoren gewissen Bewusstseinsstufe die Beschäftigung mit
spricht an und es erfolgt noch keine umfassende den Träumen unabdingbar.
Antwort. Da die Psyche ein sich entwickelndes und
4 Im Therapiegespräch über den Traum sollte der wachsendes, also dynamisches und kein statisches
Traum, der Code des Unbewussten, möglichst System ist, ist eine ständige Anpassung des Ich-
weitgehend entschlüsselt werden, d. h. der Sinn Bewusstseins an die vom Unbewussten initiierten
des Traumes sollte verstanden werden. Dann ist Veränderungen erforderlich. Schon von daher ist
die Absicht der Regulation erfüllt. Die Rezepto- dauernd eine neue Regelung und Abstimmung er-
ren haben sozusagen vollständig angesprochen. forderlich.
126 Kapitel 15 · Die Kompensation – Der Traum als Anwalt des Unbewussten

So müssen die verschiedenen Lebensalter mit GW 8) hat dies als die wichtigste und erste Funktion
ihren körperlichen Veränderungen auch eine ent- der Träume angesehen: die Kompensation.
sprechende altersadäquate seelische Haltung nach Das Wort Kompensation kommt von lat. com-
sich ziehen. Beispielsweise ist eine rein auf die Au- pensare = gegeneinander abwägen. Es hat die Be-
ßenwelt gerichtete Haltung ab der Lebensmitte nicht deutung von Ausgleichen, indem ein Ungleichge-
mehr passend, sondern sie sollte durch eine zuneh- wicht aufgehoben wird. Aufgrund der im letzten
mende Introversion und Selbsterkenntnis ergänzt Abschnitt erwähnten Entfernungsmöglichkeiten des
werden. In Träumen aus Midlife-Krisen können sol- Ich vom Unbewussten ist der Standpunkt des Ich-
che deutlichen Impulse beobachtet werden. Bewusstseins meist in irgendeiner Weise einseitig.
Er bedarf einer Stellungnahme des Unbewussten,
Der Dialog mit dem Unbewussten. Wenn wir unse- einer Ergänzung, Ausgleichung oder Gegenüberstel-
re Träume verstehen und mit einer Einstellungsän- lung. Erst beide Standpunkte, der des Ich-Bewusst-
derung im Bewusstsein darauf reagieren, ist der Re- seins und der des Unbewussten, ergeben ein voll-
gelkreis geschlossen. Der Reiz aus dem Unbewuss- ständiges und ausgewogenes Bild.
ten, z. B. als Traum, eröffnet den Regulationsvorgang. Hier helfen die Träume, die den Standpunkt des
Die Reaktion des Bewusstseins führt über eine Rück- Unbewussten vertreten. Sie komplettieren, kontras-
kopplung zu einem modifizierten neuen Reiz oder tieren und korrigieren die Einseitigkeit des Bewusst-
Traumsignal aus dem Unbewussten. Dieser Regel- seins. In dieser kompensatorischen Funktion liegt die
kreis ist wie ein ständig sich verfeinerndes Zwiege- Hauptbedeutung der Träume.
spräch, weswegen die Traumarbeit, die Auseinan-
dersetzung mit den eigenen Träumen, auch »Dialog ! Der Traum als Kompensation des Bewusst-
mit dem Unbewussten« genannt werden kann. seins stellt ergänzende Informationen zur
Verfügung oder vertritt sogar eine dem
Bewusstsein widersprechende Auffassung.
Träume sind im Dienste der Autoregula- Der Traum kompensiert das Bewusstsein,
tion der Psyche notwendig, d. h. er hebt den einseitigen Bewusstseins-
5 weil das Ich sich aufgrund freier Willens- standpunkt auf, setzt einen eigenen Stand-
akte von seiner Basis, vom Unbewussten punkt dagegen und regt so eine neue Syn-
entfernt (Dissoziation aufgrund einer vom these an.
Unbewussten abgekoppelten Ich-Entwick-
lung in unterschiedlichem Grade, von einer Beispiel
normalen Gegensatzspannung bis hin zu Die kompensierende Wirkung lässt sich bei fast
Neurose und Psychose). jedem Traum nachweisen. Wir führen hier zur
5 weil die Psyche ein sich entwickelnder,
15
Illustration ein Traumbeispiel aus der Anfangs-
dynamischer Organismus entsprechend zeit der Behandlung einer 32-jährigen Patientin
eines unbewussten Plans ist, dem sich das an, die der bei ihr notwendigen Persönlich-
Ich-Bewusstsein anpassen muss (Dissozia- keitsveränderung und damit der Analyse noch
tion aufgrund eines starren, nicht wand- recht zwiespältig gegenüberstand, was ihr aber
lungsbereiten Ich). kaum bewusst war. Der Traum greift das aber
auf und macht ihr ihre Haltung ganz deutlich.

15.1.2 Die Kompensation des Traumbeispiel 3


Bewusstseins Auf einem grünen Hügel war eine Gruppe ver-
sammelt. Auch meine Mutter war dabei. Das
Ausgleich der Einseitigkeit des Bewusstseins. Die Ziel war, die alte Welt zu verlassen und etwas
Träume wirken autoregulativ in der Psyche, indem 6
sie das Bewusstsein kompensieren. Jung (1971,
15.1 · Methodik
127 15

(Weitere Traumbeispiele zur Kompensation fin-


Neues anzufangen. Ich wollte mit, wollte aber den sich in 7 Kap. 15.2.2.)
die alte Welt nicht verlassen. Meine Mutter
meinte: »Wir gehen einmal mit, wir können Haben alle Träume eine kompensatorische Bedeu-
dann rechtzeitig abspringen, müssen ja nicht tung? Jung hat in seinen Schriften als Beispiele für
bis zum Schluss dabei bleiben.« die kompensatorische Bedeutung deutliche, ins
Auge fallende Träume genannt. Beispielsweise kann
ein von uns unterschätzter Mensch im Traum rie-
Wir wollen hier einmal dem Standpunkt des Be- senhaft überhöht dargestellt werden, um die einsei-
wusstseins (1) den dazu kompensatorischen des Un- tig abwertende Einschätzung im Bewusstsein zu
bewussten (2) gegenüberstellen. Als Drittes kann konterkarieren. Oder man träumt sich selbst bei ei-
sich eine Synthese (3) aus beidem ergeben. Damit ist ner kriminellen Tat, während man in seiner bewuss-
der Zweck der Kompensation und Regulation er- ten, zu selbstgerechten Selbsteinschätzung eine aus-
füllt, und eine neue Äquilibrierung, ein Ausgleich ist gesprochen reine Weste hat. Hier kompensiert der
entstanden. Traum als Stimme des Unbewussten unmissver-
1. Standpunkt des Bewusstseins: Bewusst war die ständlich das Selbstbild.
Patientin für die Therapie Feuer und Flamme, sie
wollte sich zu etwas Neuem hin entwickeln. Sie ! Manchmal scheinen die Träume aber mit
schien bereit, »die alte Welt zu verlassen«. dem bewussten Standpunkt identisch zu
2. Standpunkt des Unbewussten (Kompensation sein und ihn zu bestätigen. Die Kompensa-
durch den Traum): Der Traum zeigt ihre – ihr tion, der neue Informationsgehalt, ist nicht
noch weitgehend unbewusste – Ambivalenz, sogleich ersichtlich.
ihre Angst, sich vorbehaltlos etwas Neuem zu
verschreiben. Repräsentiert durch die Mutter ist Eine Wiederholung einer bewusst bekannten Tatsa-
da auch folgende Haltung in ihr: man kann ja che im Traum wäre sinnlos und erfüllt keinen auto-
mal ein Stück mitmachen und ist zu nichts ver- regulativen Zweck. Fast allen Träumen liegt aber ein
pflichtet; man kann ja jederzeit aufhören. autoregulativer Impuls zugrunde. Es erhebt sich so-
3. Synthese: Wenn die Patientin sich im Dialog mit die Frage, ob Träume, die etwas Bekanntes wie-
über den Traum beide Standpunkte vergegen- derholen, nicht doch in irgendeiner Form etwas
wärtigt und sie vor allem ihren unbewussten zur Neues darstellen.
Kenntnis nimmt, findet sie zu einer adäquateren In einem – in 7 Kap. 15.2.2 ausführlich bespro-
und gelasseneren Einstellung. Sie kann dann bei chenen – Traum träumte sich ein Patient als enga-
sich akzeptieren, dass sie auch Angst vor Verän- gierter und verantwortungsbewusster Vater. So war
derung hat, was ja auch angesichts des Unbe- er tatsächlich. Der Traum war aber notwendig, weil
kannten und des Abenteuers, das eine Psycho- der Patient bewusst im Zweifel über seine Kompe-
analyse darstellt, angemessen ist. Sie ist sich dann tenz war. Er brauchte sozusagen die Bestätigung vom
auch ihrer Tendenz bewusst, unverbindlich zu Unbewussten. Damit ist es auch hier berechtigt, von
bleiben. einem kompensatorischen Traum zu sprechen. Der
Patient benötigte diese Aufmunterung und Affirma-
Nach und nach wurden der Patientin so ihre Vorbe- tion seitens seines Unbewussten für sein psychisches
halte gegen ihre Wandlung (und damit gegen die Gleichgewicht. Der Traum erfüllte demnach einen
Behandlung) zugänglich. Sie wusste nun, dass sie regulativen Zweck.
befürchtete, sich von ihrem Freund wegzuentwi- Allgemeiner und umfassender als der Terminus
ckeln, und dass in ihr Seiten herauskommen könn- »kompensatorische Funktion« ist daher der Aus-
ten, die sie momentan nicht gutheißen kann. Ohne druck autoregulative Funktion des Traumes.
den Traum hätte ihr einseitiger und allzu euphori-
scher Bewusstseinsstandpunkt nicht korrigiert wer-
den können.
128 Kapitel 15 · Die Kompensation – Der Traum als Anwalt des Unbewussten

! Die autoregulative Bedeutung ist in nahezu 4 »Inwieweit widerspricht er damit dem, was Sie
jedem Traum nachzuweisen. Mindestens in bewusst denken, fühlen oder annehmen?«
einer Hinsicht beinhaltet der Traum eine 4 »Inwieweit stellt er damit Ihre bewussten Über-
neue Information, die für das Ich-Bewusst- zeugungen in Frage?«
sein zur Adaptation an die Außen- oder In-
! Patienten, die mit der kompensatorischen
nenwelt dienlich und wichtig ist.
Funktion des Traumes schon vertraut sind,
kann man auch direkt ansprechen: »Inwie-
15.2 Praxis fern kompensiert der Traum Ihre bewusste
Haltung? Was bedeutet der Traum kom-
pensatorisch, als Kompensation Ihres Ich-
Mit der Aussage des Traumes haben wir – wie bereits
Bewusstseins?«
erläutert – einen zweiten, dem Bewusstsein gegen-
überstehenden Standpunkt. Diesen Standpunkt des Träumt sich der Patient z. B. in einer Situation oder
Unbewussten gilt es in der Traumarbeit herauszu- mit einer Verhaltensweise, die für sein bewusstes Er-
schälen und dem Patienten vor Augen zu führen. leben unmöglich und verpönt ist, so muss er sich
Dann kann sich mit der Zeit das Bewusstsein des fragen, ob nicht sein bewusstes Selbstbild zu einsei-
Patienten ändern, d. h. seine allzu einseitigen oder tig und zu vorteilhaft ist.
neurotischen Einstellungen können sich korri- Dies kann mit den Fragen angeregt werden:
gieren. 4 »Warum träumen Sie das?«
Deshalb ist es ein Schwerpunkt in der Behand- 4 »Wo ist Ihr Bild von sich selbst zu einseitig? Wo
lung, in der tiefenpsychologischen (analytischen) sind Sie so wie im Traum?«
wie in der tiefenpsychologisch fundierten (analy- 4 »Inwiefern kompensiert der Traum Ihr zu einsei-
tisch orientierten), den Traum unter dem Aspekt tiges bewusstes Bild?«
der Kompensation zu betrachten. Diese wichtige
Arbeitsebene der Kompensation soll im Folgenden
an verschiedenen Traumbeispielen vorgestellt wer- 15.2.2 Beispiele aus der
den. therapeutischen Praxis

Kompensation von chronischem


15.2.1 Fragetechnik zur Minderwertigkeitserleben
Kompensation Träume, die aufmuntern und auffordern. Manch-
mal stellen die Träume den Träumer mit viel mehr
Unter dem Blickwinkel der Kompensation lässt sich Fähigkeiten, Interessen und Aktivitäten dar, als
der Traum des Patienten anhand folgender Fragen dieser sich in seinem wachen Leben zutraut und
15 untersuchen: realisiert.
4 Was will der Traum kompensieren? Das ist oft bei selbstunsicheren, depressiven
4 Inwieweit stellt der Traum mit seiner Aussage und ängstlichen Patienten der Fall. Dann können die
einen Gegenpol zum Bewusstsein des Patienten chronische eigene Unterbewertung, die Minder-
dar oder nimmt eine ergänzende Stellung dazu wertigkeitsgefühle und Gehemmtheiten durch die
ein? Träume kompensiert werden. Der autoregulative
4 Inwiefern korrigiert er damit die aktuelle Be- Sinn besteht darin, ein Gegengewicht gegen die
wusstseinslage des Träumers oder stellt sie in geringe Selbstschätzung und das mangelnde Selbst-
Frage? vertrauen zu schaffen und die starre, durch Rück-
zug und Vermeidung geprägte Fehlhaltung aufzu-
An den Patienten können folgende konkrete Fragen lockern.
gerichtet werden:
4 »Warum nimmt der Traum diesen Standpunkt
ein?«
15.2 · Praxis
129 15

Beispiel Traumbeispiel 7
Im Folgenden stelle ich einige ausgewählte Drei junge Männer und drei junge Frauen,
Beispiele von Träumen einer sehr selbstun- darunter ich, waren im Hallenbad. Danach
sicheren 35-jährigen Patientin mit einer ano- mussten wir Schnee räumen. Die drei jungen
rektiformen, depressiven und zwanghaften Männer wollten uns Frauen immer über-
Symptomatik vor. trumpfen.
Diese junge Frau hatte sich vor Beginn
der Therapie über viele Jahre ganz in ihre Woh-
Zur Realität der Patientin. Bei der Patientin war durch
nung zurückgezogen und lebte nahezu völlig
eine negativ-grüblerische und selbstentwertende
isoliert. Sie verließ nur selten das Haus und
Einstellung alles Lebenslustige und Extravertiert-
hatte ihr Leben auf einen leistungsbezogenen
Fröhliche seit der Kindheit unterdrückt. Im Bewusst-
Putzzwang und viel Rückzug ins Bett be-
sein dominierten bei ihr Kraftlosigkeit, Appetitlosig-
schränkt. Dass sie auch lebensbejahende
keit, Niedergeschlagenheit, Einsamkeit, Todessehn-
Seiten und vital-aktive Bedürfnisse hat, wurde
sucht und ein quälendes, strenges Pflichtgefühl.
ihr durch ihre Träume eindringlich bewusst
Seit vielen Jahren war sie auf keinem Fest gewe-
gemacht.
sen, und zu ihren Kontaktpersonen gehörten nur die
Selten liegt die kompensatorische Absicht
Eltern und wenige enge Verwandte, die sie bei selte-
der Träume so deutlich auf der Hand wie in
nen Besuchen sah. Seit über 10 Jahren war sie nicht
diesem Fall.
schwimmen gewesen, nicht nur wegen der allgemei-
nen sozialen Rückzugstendenz sondern auch, weil
sie sich ihres Körpers schämte und sich nicht im Bi-
Traumbeispiel 4 kini oder Badeanzug unter Menschen zeigen konnte.
Es war in X. An einem Fest nahmen viele Freun- Auch zu Cliquen und Gruppen Gleichaltriger hatte
de und Verwandte von meinen Geschwistern sie nie Zugang gefunden.
teil. Es war ein schönes Fest.
Was die Träume kompensieren. In den Träumen tut
die Patientin all das, was sie sich real nicht zutraut
Traumbeispiel 5 und was angst- und schambesetzt oder sonst wie ab-
Ich machte meinen Eltern mit viel Liebe ein gewehrt ist.
reichhaltiges Frühstück. Sie nimmt an einem Fest teil und erfreut sich da-
ran (Traumbeispiel 4), sie wendet sich mit Liebe dem
Thema Essen zu (Traumbeispiele 5 und 6), sie ist ge-
sellig in einer Eisdiele, gönnt sich ein Eis und lacht
Traumbeispiel 6 mit anderen (Traumbeispiel 6), und sie kann sich so-
Es war eine Gruppe von Menschen; ich war gar im Badeanzug in Anwesenheit von männlichen
dabei. Wir aßen Eis. Ein Italiener saß mit an Bekannten im Hallenbad zeigen (Traumbeispiel 7).
unserem Tisch und lehrte uns: »Wenn ihr Spaß Das ist ein erstaunlicher Kontrast zur tristen Le-
habt, kommt das Eis wieder aus eurer Nase bensrealität der Patientin. »Ein reichhaltiges Früh-
raus.« Und es war so. Wenn wir lachten, kam stück« war für sie ein Fremdwort, da sie morgens
das Eis wieder aus unserer Nase heraus. Mir entweder gar nichts aß oder sich mit einem trocke-
war das sehr peinlich. nen Brötchen abspeiste. Mit anderen zusammen
Mittags machte ich für ein Ehepaar noch einen kriegte sie fast gar nichts hinunter. Auch »etwas mit
Teig für Pfannkuchen. Ich tat dabei etwas Sekt Liebe tun« war der Patientin aufgrund der fordern-
hinein. den Zwänge fremd.

Wie kann der Therapeut mit diesen kompensatori-


schen Träumen umgehen? In der Regel ist den Pa-
130 Kapitel 15 · Die Kompensation – Der Traum als Anwalt des Unbewussten

tienten gar nicht bewusst, wie anders sie sich im Patienten und sein Gefühl der Unfähigkeit nur ver-
Traum verhalten. Sie haben ihre Träume selbstver- größern.
ständlich und unreflektiert hingenommen.
! Die Träume zeigen aber, was prinzipiell
! Schon der Hinweis des Therapeuten auf möglich ist – vielleicht erst in einer ferne-
die Diskrepanz zwischen dem bewussten ren Zukunft und nach einer längerdauern-
und unbewussten Leben hat einen Effekt den Therapie.
auf den Patienten.
Sie sind in diesem Sinne vorausblickend, prospektiv
Der Therapeut könnte beispielsweise sagen: »Es ist (7 Kap. 17.1.3). Die Träume bekunden, dass der Pa-
ja erstaunlich, was Sie im Traum alles können, wie tient das Potential hat, die dargestellten Kompeten-
bejahend und teilnehmend Sie da dem Leben gegen- zen zu verwirklichen.
über sind. Ist Ihnen eigentlich klar, wie anders Sie Und dass dieser Aufweis des Leistungsvermö-
sich im Traum verhalten können?« Nach einer sol- gens des Patienten über seine Träume aus dem eige-
chen Bemerkung wurde dies der Patientin mit einem nen Unbewussten kommt, ist mehr wert als alle rein
Lächeln bewusst, und sie war selber darüber über- vom Therapeuten ausgehenden, stützend gemeinten
rascht. Interventionen.
Der nächste Schritt besteht in der Frage an das
Bewusstsein der Patientin: »Was meinen Sie dazu,
dass der Traum Sie so anders darstellt? Was bedeutet Der Umgang mit positiv-kompensatori-
es, dass Sie im Traum aktiv, gesellig und lebenslustig schen Träumen bei Patienten mit negativer
sein können im Gegensatz zu Ihrem zurückgezoge- Selbsteinschätzung und Vermeidungsver-
nen, vereinsamten und bedrückten Lebensalltag?« halten
Diese Fragen sind eine Irritation für das Bollwerk 5 Bewusstmachung des Widerspruchs
ihrer negativen Selbsteinschätzung. Es kann jetzt der zwischen den Fähigkeiten im Wachleben
Patientin dämmern, dass ihre bisherige Lebenspraxis und im Traum.
nicht für alle Zeiten festgeschrieben sein muss. 5 Die Frage an den Patienten, was dieser
Ein weiterer Schritt in der Verwirklichung und Widerspruch (zwischen der bewussten
Umsetzung des Traumsinns liegt darin, dass der Selbsteinschätzung und den Fähigkeiten
Therapeut vorsichtig anklopft, wo denn die Patien- im Traum) wohl bedeutet.
tin aktuell ihren allzu engen Rahmen sprengen und 5 Die Anregung, die im Traum erlebten
Schritte hinaus ins Leben tun könnte. »Schauen Sie Fähigkeiten in sich zu erkennen und
einmal, wo Sie zu sehr im Bann Ihrer negativen stückweise umzusetzen oder zumindest
Selbstbeurteilung sind und wo Sie Chancen, mal die starre Fixierung auf das »Ich-kann-
etwas anders zu machen, außer Acht lassen. Wann
15
nicht« aufzugeben.
erleben Sie denn solche lebenslustigen Impulse in
sich? Was von den im Traum gezeigten Aktivitäten
könnten Sie denn am ehesten umsetzen?« Das verborgene Lebenslustige in der Patientin. Die
hier in dieser Fallvignette vorgestellte Patientin
Die positive Wirkung dieser Traumarbeit. In jedem konnte sich positiv mit ihren so überraschend an-
Fall führt die Gegenüberstellung von Traum und Be- dersartigen Träumen konfrontieren lassen.
wusstsein zu einer – wenn auch vielleicht nur vorü- Im Traum in der Eisdiele (Traumbeispiel 6) wird
bergehenden – Aufklarung der Stimmung, zu einem durch den Italiener eine lockere, südländische Le-
Aufkeimen von Hoffnung, zu einer Verwunderung bensauffassung angemahnt. In diesem Traum ver-
über sich selbst (»Das soll ich sein?«) und zu größe- hält sich die Patientin jungmädchenhaft und etwas
rer Initiativebereitschaft. albern.
Natürlich darf nicht die sofortige Realisierung Dies ist aber eine notwendige positive Regres-
der im Traum angedeuteten Möglichkeiten erwartet sion in eine kindhafte Zeit. Denn an dieser Stelle, wo
oder gefordert werden. Das würde die Kluft im damals durch Unterdrückung und Verbote die Ent-
15.2 · Praxis
131 15

wicklung abbrach, muss die Patientin anknüpfen. Der Patient beschäftigte sich aber in dieser Zeit
Dazu müssen erst einmal ihre infantilen und noch innerlich viel mit seinen Kindern und war voller
nicht angepassten Seiten herauskommen. Selbstzweifel, ob er ihnen mit der Trennung nicht zu
Im Gespräch darüber lugte in Mimik und viel zumuten würde. Er hatte sich die Entscheidung
Ausdruck der Patientin ein temperamentvoller nicht leicht gemacht. Die Ehe war seit Jahren sehr
Zug hervor. Die Spritzigkeit ihres Wesens und gestört, und die Spannungen waren dadurch für alle
ihre Lust zu unkonventionellen spontanen Hand- unerträglich. Jetzt, da er aktuell vor dem Auszug
lungen (»Sekt in den Teig«) hatte sich bisher kaum stand, fragte er sich, ob er ein guter Vater sei oder ob
hervorgewagt. Etwas davon blühte jetzt aus ihr he- er zu wenig an die Kinder denke.
raus.
! In diese Bewusstseinslage greift regulie-
Hinsichtlich der Umsetzung der in den Träumen
rend der Traum ein. Er kompensiert die
angemahnten Fähigkeiten war der erste Schritt, sich
Schuldgefühle und die Zweifel an seiner
zusätzlich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen.
guten Väterlichkeit und gibt eine trösten-
Auch dazu brauchte sie einige Monate, bis dieser
de, hilfreiche und belobigende Antwort.
Versuch unternommen wurde und gelang. Darüber
ergaben sich persönliche Kontakte zu einzelnen Denn der Traum zeigt den Patienten als einen enga-
Gruppenmitgliedern, sodass sich der Rückzug in die gierten, protektiven Vater. Er nimmt den Sohn mit
Wohnung und die bisherige Kontaktvermeidung all seiner Autorität in Schutz.
langsam abmilderten.
Wie kann der Therapeut mit diesem Traum arbei-
Kompensation von aktuellen Selbstzweifeln ten? Der Behandler kann von der Bewusstseinslage
Träume, die bestätigen und bestärken. Nicht nur des Patienten ausgehen und fragen: »Wir wollen ein-
bei chronisch sich unterbewertenden Menschen mal schauen, was der Traum zu Ihren Selbstzweifeln
kommen positiv-kompensierende Träume vor. Auch sagt. Wie sind Sie denn im Traum? Wie werden Sie
sonst können einzelne Träume den Akzent auf eine dort als Vater dargestellt?«
Unterstützung und Stärkung eines momentan ver- Für den Patienten war es auf den ersten Blick gar
unsicherten Ich legen. nicht ersichtlich oder er legte sich spontan darüber
Hier ist der Traum eines 30-jährigen Patienten, keine Rechenschaft ab, dass er sich im Traum als ver-
der in einem langdauernden Ehekonflikt lebte und antwortungsbewusster Vater verhielt. Erst das ge-
sich nach vielen Skrupeln zur Trennung entschlos- meinsame Gespräch rückte ihm das deutlich vor
sen hatte. Damit geriet er aber in Bedenken, ob er Augen. Er protegiert im Traum seinen Sohn und
seinen Kindern noch ein guter Vater sei. setzt sich für ihn ein. Sich dies klar zu machen, war
für den Patienten schon entlastend und ermuti-
Traumbeispiel 8 gend.
Mein Sohn kam zu mir und sagte, er hätte von Ohne seine eigene Meinung in den Vordergrund
der Lehrerin eine Ohrfeige gekriegt. Ich fragte: zu schieben, kann der Therapeut allein vom Traum
»Warum denn?« Er sagte, weil er eine Ausein- her dem Patienten sagen, dass er seinem Sohn zu-
andersetzung mit einer Klassenkameradin hört, ihn ernst nimmt, sofort handelt, die Lehrerin
hatte. Ich bin zur Schule gegangen und habe zur Rede stellt und dass er deutlich macht, dass er
die Lehrerin darauf angesprochen, dass sie das körperliche Züchtigungen in der Zukunft nicht tole-
als Pädagogin steuern könnte: »Wenn Sie noch rieren wird. Er stellt sich also voll vor den Sohn.
mal meinen Sohn schlagen, werde ich Ihnen
! Dieses zu erkennen, ist für den Patienten
das Leben zur Hölle machen, werde ich bis zum
eine positive Konnotation (mitschwingen-
Kultusministerium gehen.«
de Bewertung) aus dem eigenen Unbe-
wussten.

Es gab keinen spezifischen Traumauslöser in Bezug Es tat dem Patienten gut, dies zu erkennen, und er
auf Schulerlebnisse des 9-jährigen Sohnes. fand darin eine Unterstützung für eine schwere, aber
132 Kapitel 15 · Die Kompensation – Der Traum als Anwalt des Unbewussten

notwendige Lebensentscheidung. Ohne die Hilfe des Beispiel


Therapeuten hätte er aber diese Aussage des Trau-
Im Folgenden wird der Traum einer 37-jährigen
mes übersehen.
Patientin aus der Anfangszeit einer analyti-
Wir haben hier den Fall vor uns, in dem das Ich-
schen Therapie angeführt. Der Traum kam für
Bewusstsein – ausgesprochen oder unausgespro-
die Patientin völlig überraschend und wie aus
chen – die Frage stellt: »Bin ich ein guter Vater?«
heiterem Himmel. Sie war durch ihn sehr irri-
Und das Unbewusste antwortet darauf in bildhafter
tiert.
Form.
! Stützende, bestärkende Träume als Kom-
pensation von Selbstzweifeln Traumbeispiel 9
Träume können auf ein aktuell verunsi-
Ich bin eine riesenlange Treppe hochgestiegen.
chertes Ich-Bewusstsein reagieren und
Es war sehr anstrengend. Es war eine frei ste-
kompensatorisch stützend und bestärkend
hende Treppe in den Himmel hoch. Ich habe
eingreifen.
immer nur nach oben geschaut. Als ich oben
Dann ist es notwendig, dass sich der Pa-
war, hat eine Stimme gesagt: »Das Leben ist
tient die kompensierende Aussage klar
nicht so einfach.« Sie war hallend laut wie eine
vor Augen führt. Er sollte sich bewusst
göttliche Stimme. Durch die kraftvolle Stimme
machen, dass er im Traum positiv darge-
bin ich gestolpert. Ich weiß aber nicht, ob ich
stellt wird und dass der Traum einen
mich wieder gefangen habe oder gefallen bin.
Gegenstandpunkt gegenüber seiner ne-
gativen Selbsteinschätzung einnimmt.

Mit dem zuletzt besprochenen Traum kann natür- Die Patientin wusste nicht, worauf sich der Traum be-
lich noch auf anderen Bedeutungs- und Arbeitsebe- ziehen könnte, und war ratlos über seine Bedeutung.
nen umgegangen werden, was hier aber außer Acht Sie war zum Zeitpunkt des Traumes in einer
gelassen ist. mehrfachen Aufbruchsituation: Erstens hatte sie
ihren Mann verlassen und war mit dem Sohn in
Träume als Mahnung an das Bewusstsein eine eigene Wohnung gezogen, hoffte aber, dass
sich durch die Trennung die Beziehung zum Ehe-
Träume, die kritisieren und warnen. Im Vorherge- mann mit der Zeit wieder bessern könnte. Zwei-
henden wurden Träume vorgestellt, die ein von tens stand sie davor, sich mit einer Freundin
Skrupeln und Zweifeln geplagtes Ich ermutigen, zusammen beruflich selbständig zu machen. Drit-
stärken und unterstützen. Genauso häufig gibt es tens hatte sie gerade die analytische Therapie
aber Träume, die das Ich kritisieren, es in Frage stel- begonnen.
15 len, es ermahnen oder vor etwas warnen. Sie glaubte alles richtig und gut zu machen. Wo-
Träume sind kein losgelöstes Produkt des Unbe- rauf bezog sich der Traum?
wussten, sondern reagieren auf das Ich-Bewusstsein. Während die bisherigen Träume in diesem
Die Art der Kompensation, die im Traum zum Aus- Kapitel offen erkennbar im Kontrast zu einer evi-
druck kommt, hängt von der bewussten Einstellung, denten Bewusstseinslage standen und diese von den
von der Bewusstseinslage ab. Die regulativen und Patienten spontan mitgeliefert wurde, besteht in
kompensatorischen Impulse der Träume sind auf diesem Fall weniger Klarheit. Es ist nicht ohne wei-
das Bewusstsein genau abgestimmt, das durch den teres möglich, die Bewusstseinslage auf der einen
jeweiligen Traum spezifisch und gezielt angespro- Seite dem Kommentar aus dem Unbewussten
chen wird. (= Traum) gegenüberzustellen. Sondern hier liegt
nur der Traum vor, und es ist zunächst unklar,
worauf er sich bezieht. Das tatsächliche Verhalten
der Patientin, die Bewusstseinslage, muss erst heraus-
gearbeitet werden.
15.2 · Praxis
133 15

Wie kann der Therapeut mit dem Traum umgehen? tiv stärkste Moment war. Es genügt hier vom Thera-
Es muss herausgefunden werden, welche Inhalte peuten der Hinweis, dass der Traum die bisherige
und welche Ausrichtung des Bewusstseins durch Lebenshaltung moniert. Das bewirkt zusammen mit
den Traum kompensiert werden. dem Traum eine gewisse therapeutische Verunsiche-
Als erste Frage bietet sich an: »Wo stellen Sie sich rung.
etwas zu einfach vor? Worauf bezieht sich dieser Nachdem durch diesen Traum ein Hauptmotiv
Traum?« Nachdenklich fragte sich die Patientin, ob intoniert worden ist, kann man darauf vertrauen,
sie hinsichtlich des Ehemanns und der zukünftigen dass die folgenden Träume die Variationen des The-
Beziehung zu ihm zu optimistisch sei und zu naiv an mas und die detailliertere Ausgestaltung bringen
einen glücklichen Ausgang glaube. Vielleicht – so werden.
meinte sie – bezieht sich der Traum auch auf die be- Vorerst genügen allgemein anregende Fragen wie
rufliche Selbständigkeit. Sie hatte in den letzten Ta- z. B.: »Wo machen Sie das, dass Sie etwas anstreben,
gen viel darüber nachgedacht und Pläne gemacht. ohne sich umzugucken und ohne sich Rechenschaft
Waren diese zu hochfliegend? abzulegen, wo Sie hinwollen? Wo ist es so, dass Sie
Das mögen stimmige Aspekte der Traumbedeu- blind aufwärts streben?« Diese Denkanstöße führen
tung sein, doch letzten Endes greifen sie zu kurz. Die zu stärkerer Selbstbesinnung und Vergegenwärti-
Stimme, die die Patientin im Traum hört, klingt wie gung dessen, was die Patientin in ihrem Leben tut.
eine göttliche Stimme. Das Unbewusste spricht ex
cathedra (unfehlbar, mit quasi-göttlicher Autorität). Definition
Es ist ein großer Traum, der sich nicht nur auf Teil- »Große« kompensierende Träume
bereiche und Alltagsdinge beschränkt. Dieses Ge- Es gibt große Träume, die die bisherige Marsch-
fühl hatte auch die Patientin. richtung des Lebens, die Grundorientierungen,
Wir müssen es bei der Traumarbeit akzeptieren, die ein Mensch hat, in Frage stellen. Hier er-
wenn keine schnelle Antwort gefunden werden streckt sich die Kompensation, die durch den
kann. Vielleicht ist es der Sinn des Traumes, das Be- Traum zum Ausdruck kommt, nicht nur auf
wusstsein zunächst einmal zu verunsichern. Viel- einen kleinen Ausschnitt, sondern auf einen
leicht soll die Patientin beginnen, ihre bisherige Le- großen Bereich des Lebens.
bensorientierung und Grundeinstellung nicht mehr
als so selbstverständlich zu nehmen.
Einen Hinweis darauf, worum es gehen könnte,
erhalten wir aus der Symbolik des Traumes. Die Pa-
tientin steigt wie ein Hans-Guck-in-die-Luft nach
oben. Es ist eine zu einseitige Orientierung zum obe-
ren Raum hin, d. h. in Richtung Bewusstsein oder
zum Geistigen. Da besteht die Gefahr des »Sich-Ver-
steigens«.
Die beginnende Therapie erfordert aber zu-
nächst den «Abstieg nach unten«, ins Unbewusste.
Dazu ist die Patientin zwar vom Kopf her bereit und
für die Analyse sehr motiviert, doch scheint ihre
Haltung noch zu rational und zu sehr von verstan-
desmäßigen Überlegungen (»oben«) geprägt zu sein.
Möglicherweise wird diese generelle Einstellung im
Leben von dem Traum in Frage gestellt. Der Traum
kompensiert diese – der Patientin nicht voll bewuss-
te – Orientierung.
Die Patientin war durch ihren Traum sehr beein-
druckt, wobei die vox dei (Stimme Gottes) das affek-
16

16 Subjektstufe und Objektstufe –


Der Traum zwischen innerer
und äußerer Wirklichkeit
16.1 Methodik – 136
16.1.1 Das Konzept der Subjektstufe – Der Traum, das bist du – 136
16.1.2 Beispiele zur Subjektstufe – 137
16.1.3 Exkurs: Die »Entdeckung« der Subjektstufe – 138
16.1.4 Die Objektstufe – Träume wörtlich nehmen – 140
16.1.5 Beispiele zur Objektstufe – 141
16.1.6 Zur Bedeutung von Subjekt- und Objektstufe – 142
16.1.7 Das Geheimnis der Beziehung zwischen innerer
und äußerer Wirklichkeit – 145

16.2 Praxis Objektstufe – 147


16.2.1 Regeln zum Arbeiten mit der Objektstufe – 147
16.2.2 Beispiele aus der therapeutischen Praxis – 150

16.3 Praxis Subjektstufe – 152


16.3.1 Die Anwendung der Subjektstufe – 152
16.3.2 Beispiele aus der therapeutischen Praxis – 155
136 Kapitel 16 · Subjektstufe und Objektstufe – Der Traum zwischen innerer und äußerer Wirklichkeit

16.1 Methodik den als bildhafter Ausdruck für eigene Anteile,


eigene Kräfte und die eigene innere Dynamik ver-
Eines der wichtigsten theoretischen Konzepte mit standen.
weitreichender Auswirkung für die praktische
! In dieser Betrachtungsweise ist der Traum
Traumarbeit ist das der Subjektstufe. Es soll hier des-
eine symbolische Schilderung und Verbild-
halb genauer vorgestellt werden. Die Anwendung
lichung von Aspekten und Vorgängen in
der Subjektstufe hat sich in der psychotherapeu-
der eigenen Psyche. Alles wird auf den
tischen Praxis inzwischen breit durchgesetzt. Schon
Träumer selbst, auf das Subjekt, bezogen.
bei S. Freud finden sich andeutende Hinweise, dass
er dieses Prinzip kannte. Erst durch C. G. Jung wurde Alle Traumfiguren stellen Eigenschaften, Kraftpo-
die Subjektstufe zu einem Axiom in der Arbeit mit tentiale oder Komplexe des betreffenden selbst dar.
Träumen und auch in ihren geistigen Implikationen Alle Tiere sind Aspekte seines Körpers, seiner In-
ganz verwirklicht. Er führte den Terminus »Subjekt- stinktausstattung, seiner Triebbereiche, seiner Ani-
stufe« ein und lieferte das Fundament zur Arbeit auf malität. Auch alle anderen Elemente des Traumes
dieser Verständnisebene. Dies hat wiederum die sind danach Wesenszüge, Energiepotentiale oder
Psychoanalyse insgesamt befruchtet, wo eine ausge- Seinsmöglichkeiten des Träumers. Und selbst die
dehnte Tendenz zur Übernahme dieses Konzeptes Vorgänge, Bewegungen und Ereignisse des Traumes
zu beobachten ist. spiegeln entsprechende Vorgänge, Bewegungen und
Aber auch die Objektstufe ist für die Anwendung Ereignisse im Träumer selbst, d. h. sie spiegeln eine
und die Praxis der Traumarbeit von hoher Bedeu- Dynamik in seiner Psyche.
tung. Die Objektstufe beschäftigt sich mit der Veran- Die im Traum dargestellten Energiepotentiale
kerung in der Realität und den konkreten Beziehun- und Energiebewegungen sind allerdings meist unbe-
gen zu anderen Menschen oder Objekten. Erst auf wusst. Die Aspekte der eigenen Persönlichkeit und
dieser Basis kann an die innere Wirklichkeit des die innere Dynamik, die durch den Traum versinn-
Träumers herangegangen werden. bildlicht werden, repräsentieren überwiegend unbe-
Subjektstufe und Objektstufe sind einander er- wusste Anteile und Vorgänge. Dadurch ist der Zu-
gänzende Prinzipien. Sie verhalten sich wie innere gang erschwert, die Traumelemente als Eigenes zu
und äußere Wirklichkeit. Die Träume ergeben zu- erkennen.
meist auf beiden Ebenen einen Sinn.
Definition
Die Subjektstufe
16.1.1 Das Konzept der Subjektstufe Beim Traumverständnis auf der Subjektstufe
– Der Traum, das bist du werden alle Bestandteile des Traumes symbo-
lisch auf den Träumer bezogen. Sie stellen in
Die Subjektstufe ist das grundlegende Bedeutungs- bildhafter Form Anteile, Kräfte und Dynamis-
prinzip in der Traumarbeit der Analytischen Psy- men seines Unbewussten dar.
16 chologie C. G. Jungs. Sie gilt hier als die essentiellste
und tiefste Ebene des Traumverständnisses. Auf ihr
basieren letzten Endes alle anderen Bedeutungsebe- Subjektstufe und Intuition. Der subjektstufige
nen, wie noch zu zeigen sein wird. Zugang erfordert ein hohes Maß an Symbolver-
ständnis. Wir müssen von der Suggestion, dass es
Subjektbezogenes Symbolverständnis. Die Traum- sich bei den Traumbildern um Repräsentanten der
auffassung auf der Subjektstufe geht Hand in Hand konkreten Außenwelt handelt, absehen können.
mit einem symbolischen Verstehen der Träume. Wir fassen die Traumbilder auf der Subjektstufen-
Dabei werden die im Traum erscheinenden Per- ebene nicht mehr materiell-konkret, sondern geis-
sonen, Gegenstände oder Geschehnisse nicht kon- tig-symbolisch auf.
kretistisch genommen, nicht als konkrete Wieder- Dazu muss die Orientierungsfunktion der Intu-
holung der bekannten Außenwelt, sondern sie wer- ition entwickelt sein, denn sie ist die Ich-Funktion,
16.1 · Methodik
137 16

die per se symbolisch »denken« kann. Sie hat den Das Traumbild Mutter könnte hier eine unbe-
direkten Zugang zu den Symbolen und deren Bedeu- wusste Facette der Patientin sein, die sich nicht
tung. Ist dagegen die Empfindungsfunktion, die ja in festlegen will und die unverbindlich mitmacht.
unserer Kultur gegenüber der Intuition bevorzugt Es könnte aber auch der matriarchale Archetyp
ist, überlastig und dominierend, kann das Tor zur (Mutterarchetyp) der Patientin sein, der eine po-
Subjektstufe verschlossen oder der Eintritt erschwert sitive Stellungnahme abgibt und dem Ich aus
sein, da alles im Traum Erscheinende eher konkre- weiblicher Weisheit zuredet, das Unterfangen
tistisch und nicht symbolisch aufgefasst wird. doch einfach einmal vertrauensvoll zu beginnen.
Und dadurch nimmt diese archetypische Schicht
dem Ich die Angst.
16.1.2 Beispiele zur Subjektstufe
Beispiel 2
Beispiel 1 Im folgenden Traum eines 32-jährigen Patien-
Wir nehmen uns noch einmal das Traumbei- ten wollen wir uns nur auf die Tiere und den
spiel 3 aus 7 Kap. 15.1.2 vor, um die subjekt- Umgang des Ich mit ihnen beschränken, um
stufige Betrachtungsweise zu illustrieren: eine momentan wirksame subjektstufige Dy-
namik deutlich zu machen.

Traumbeispiel 10
Auf einem grünen Hügel war eine Gruppe ver- Traumbeispiel 11 (gekürzt)
sammelt. Auch meine Mutter war dabei. Das Wir (meine Frau und ich) hatten gemeinsame
Ziel war, die alte Welt zu verlassen und etwas Haustiere: ein schwarzes Wildschwein und ei-
Neues anzufangen. Ich wollte mit, wollte aber nen braunen Pitbull. Ich hab mit den Tieren im
die alte Welt nicht verlassen. Meine Mutter umzäunten Garten gespielt. Aus diesem Bu-
meinte: »Wir gehen einmal mit, wir können beln ist dann ein Machtkampf geworden. Die
dann rechtzeitig abspringen, müssen ja nicht Tiere versuchten, mich zu beißen; ich hab sie
bis zum Schluss dabei bleiben.« immer wieder weggeschubst. Ich hab einen
Knüppel genommen und die Tiere bewusstlos
geschlagen. Wenn das eine Tier kurz bewusst-
Bei der Besprechung dieses Traumes im Zusammen- los war, griff das andere mich wieder an. Die
hang mit der Kompensation hatten wir die subjekt- Bewusstlosigkeiten der Tiere wurden immer
stufige Sicht schon vorausgesetzt. kürzer, und ich war unwahrscheinlich er-
4 Die Gruppe, die aufbrechen will: Die Gruppe, schöpft. Der Pitbull war dann weg. Ich kämpfte
eine Reihe der Patientin unbekannter Leute, ist weiter mit dem schon ganz blutigen Wild-
ein Kollektiv und symbolisiert etwas aus ihrem schwein. Ich hatte jetzt in der einen Hand ei-
kollektiven Unbewussten. Hier, in einer tief un- nen Schuhamboss und in der anderen einen
bewussten Schicht, ist offenbar eine Bewegung Fäustel. Ich schlug dem Wildschwein immer
und Aufbruchsstimmung. Das entspricht einem wieder mit dem Fäustel auf den Kopf. Da war es
spontanen Entwicklungsimpuls aus dem Unbe- hinterher tot.
wussten.
4 Die alte Welt verlassen: Es geht hier nicht darum,
dass sich die Patientin äußerlich und räumlich Was verkörpern die Tiere subjektstufig? Die Traum-
irgendwo wegbewegen soll. Subjektstufig ist mit bilder selber wie auch die Assoziationen des Patien-
der alten Welt ihr bisheriger psychischer Zustand ten führen zum Thema der Aggressivität. Wild-
und ihre bisherige Lebenseinstellung gemeint, schwein und Pitbull verkörpern sehr ursprüngliche
von denen sie zu etwas Neuem aufbrechen soll. und instinkthaft-aggressive Impulse. Der Traum
4 Die Mutter: Auch die Mutter repräsentiert sub- zeigt, dass der Patient potentiell gefährliche Impulse
jektstufig einen Anteil von der Patientin selber. hat, die er etwas euphemistisch und verleugnend als
138 Kapitel 16 · Subjektstufe und Objektstufe – Der Traum zwischen innerer und äußerer Wirklichkeit

»Haustiere« hält und über die ihm jetzt die Kontrol- 16.1.3 Exkurs: Die »Entdeckung«
le entgleitet. der Subjektstufe
Im Behandlungsprozess entsprach das der
Beobachtung, dass der Patient stärker an seine Ag- Das heuristische Prinzip der Subjektstufe ist – wie
gressivität herankam. Er bekam sogar Angst, in erwähnt – von C. G. Jung begründet und in die ana-
seiner Freizeit unter Alkoholeinfluss in tätliche lytische Traumarbeit eingeführt worden. Annähe-
Auseinandersetzungen zu geraten. Die bisher rungen an die Subjektstufe finden sich aber schon
zurückgehaltene Aggressivität kam jetzt leichter an bei S. Freud.
die Oberfläche, und der Patient erlebte sich öfter
gereizt. Die Subjektstufe bei C. G. Jung
Jung widmete sich als Erster intensiv der Bedeutung
Wie geht der Patient mit diesen aggressiven Trieb- von Träumen auf der Subjektstufe. Die subjektstufi-
kräften um? Diese Frage ist gleichbedeutend mit: ge Annahme, dass alle Traumelemente auf den Träu-
Wie verhält sich das Traum-Ich gegenüber den mer zurückverweisen und Potentiale, Eigenschaften,
Tieren? Tendenzen, Funktionen, Fähigkeiten bzw. Fehlein-
Der Traum bildet eine subjektstufige Dynamik stellungen und Unzulänglichkeiten von ihm zeigen,
ab. Statt sich momentan zurückzuziehen (was mög- setzte er vollständig in der psychotherapeutischen
lich gewesen wäre) oder einen freundlichen Kontakt Praxis um, wie die vielen traumkasuistischen Bei-
zu den Tieren zu suchen, neigt das Ich zum Totschla- spiele in seinem Werk zeigen (siehe z. B. Jung 1971,
gen und Niederknüppeln. Es gäbe sicher ein geeig- GW 8 u. 1991, Traumanalyse).
netes Verhalten, die Tiere zu besänftigen oder zum Doch der selbstverständlichen und kontinuierli-
Gehorsam zu bringen (besonders als Herrchen dem chen Anwendung dieses genialen Konzeptes stehen
Pitbull gegenüber); somit scheint etwas vom Ich- nur relativ wenige theoretische Bemerkungen in sei-
Verhalten des Patienten diesen Triebimpulsen ge- nen Schriften gegenüber. Aber selbst diese spärli-
genüber nicht zu stimmen. chen Zitate lassen die weitreichenden Konsequenzen
Subjektstufig zeigt sich in der Reaktion des Ich dieser Bedeutungsebene erkennen.
die Tendenz, sich dieser schwer beherrschbaren Im- In »Die Psychologie des Unbewussten« hat Jung
pulse durch Verdrängung oder Abspaltung aus dem (1971, GW 7, S. 92) die heute übliche Terminologie
Bewusstsein zu entledigen. Ein solcher Kampf führt über Objektstufe und Subjektstufe mit folgenden
jedoch nur zur inneren Aufreibung und Erschöp- Worten eingeführt:
fung, und wenn er denn scheinbar gelingt, so ist die »Ich nenne jede Deutung, in der die Traumaus-
Frage, wo die psychische Energie des totgeschlage- drücke als mit realen Objekten identisch gesetzt wer-
nen Tieres bleibt. Vielleicht war es kein Zufall, dass den können, eine Deutung auf der Objektstufe. Die-
zu diesem Zeitpunkt die Neurodermitis des Patien- ser Deutung gegenüber steht diejenige, welche jedes
ten wieder aufflammte. Traumstück, zum Beispiel alle handelnden Perso-
nen, auf den Träumer selbst bezieht. Dieses Verfah-
! Das subjektstufige Verstehen dieses Trau-
16 mes hat den enormen Vorteil, dass sich der
ren bezeichne ich Deutung auf der Subjektstufe. Die
Deutung der Objektstufe ist analytisch; denn sie zer-
Patient seiner nicht hilfreichen Bewusst-
legt den Trauminhalt in Reminiszenzkomplexe, wel-
seinshaltung gegenüber den aus ihm auf-
che auf äußere Situationen bezogen sind. Die Deu-
steigenden aggressiven Impulsen bewusst
tung auf der Subjektstufe dagegen ist synthetisch,
werden kann.
indem sie die zugrunde liegenden Reminiszenzkom-
(Eine Vielzahl weiterer Beispiele zur Anwendung plexe von den äußeren Anlässen loslöst und als Ten-
der Subjektstufe findet sich verstreut in diesem Buch denzen und Anteile des Subjektes auffasst und dem
und besonders in 7 Kap. 16.3.2.) Subjekt wiederum angliedert. (Im Erleben erlebe ich
nicht bloß das Objekt, sondern mich selbst in erster
Linie, aber nur dann, wenn ich mir Rechenschaft
gebe über mein Erleben.) In diesem Fall sind also alle
16.1 · Methodik
139 16

Trauminhalte als Symbole für subjektstufige Inhalte ckelt, welche Hand in Hand geht mit der Unterschei-
aufgefasst.« dung von Subjekt und Objekt. Diese Unterscheidung
hatte die Einsicht im Gefolge, dass gewisse, früher
Die Traumbilder als Imagines. Ein erster Schritt zur naiv dem Objekt zugerechnete Eigenschaften in
subjektstufigen Auffassung ist schon das Faktum, Wirklichkeit subjektive Inhalte sind.«
dass alle unsere Vorstellungen nicht das betreffende Träumen wir also von einer uns bekannten Per-
Objekt in seiner Tatsächlichkeit reflektieren, son- son und glauben wir, diesen Menschen in seinem
dern nur das, was wir durch unser subjektives In- realen Sein und seinen Eigenschaften zu kennen,
strumentarium erfassen und aufnehmen können. dann können wir dies »primäre mystische Identität«
So sprechen wir von einer Imago (Plural Imagi- nennen, d. h. wir sind noch nicht unterschieden von
nes), z. B. der Vaterimago, und meinen damit ein ihm. Denn möglicherweise projizieren wir Aspekte
Bündel von Erfahrungen, Eindrücken und Wahr- von uns auf diesen anderen. Wir nehmen vieles pro-
nehmungen, die mit dem Vater verbunden sind. Da- jektiv am anderen wahr, was aus unserem Unbe-
durch wurde ein Vorstellungskomplex, die Vater- wussten stammt und mit uns zu tun hat. Es ist ein
imago, in uns geschaffen. Diese Imago kann erheb- psychologisches Gesetz, dass alles, was primär unbe-
lich von dem abweichen, wie der Vater »wirklich« ist wusst ist, uns zuerst über die Außenwelt als Projek-
bzw. wie er von anderen erlebt wird. Die Traumbil- tion entgegentritt (7 Kap. 9.3).
der spiegeln also nicht die Realität, sondern die
durch unsere subjektive Brille gefilterte Sicht der Re- Die Annäherung an die Subjektstufe bei Freud
alität. und in der neueren Psychoanalyse
Hierzu führt Jung (1971, GW 8, S. 294‒295) aus: Bei Freud hat zwar in der Wertigkeit und Häufigkeit
»Unsere Imagines sind Bestandteile unseres der Anwendung die Objektstufe eindeutig den Vor-
Geistes, und wenn unser Traum irgendwelche Vor- rang, doch gibt es auch bei ihm Textstellen, die einen
stellungen reproduziert, so sind dies in erster Linie subjektstufigen Standpunkt erkennen lassen. Dabei
unsere Vorstellungen, in deren Bildung die Gesamt- darf aber nicht übersehen werden, dass die anders-
heit unseres Wesens verwoben ist; es sind subjektive artige Konzeption des Unbewussten bei Freud (als
Faktoren, die im Traum nicht aus äußeren Gründen, aus Verdrängungen entstandenes, sekundäres per-
sondern aus den intimsten Regungen unserer Seele sönlich-biographisches Produkt) den Spielraum der
heraus sich so oder so gruppieren und damit den Subjektstufe begrenzt.
oder jenen Sinn ausdrücken. Die ganze Traum- In der »Traumdeutung« schreibt Freud (1961,
schöpfung ist im Wesentlichen subjektiv, und der S. 269):
Traum ist jenes Theater, wo der Träumer Szene, Spie- »Es ist eine Erfahrung, von der ich keine Aus-
ler, Souffleur, Regisseur, Autor, Publikum und Kriti- nahme gefunden habe, dass jeder Traum die eigene
ker ist. Diese einfache Wahrheit ist die Grundlage Person behandelt. Träume sind absolut egoistisch.
jener Auffassung des Traumsinnes, die ich als Deu- Wo im Trauminhalt nicht mein Ich, sondern eine
tung auf der Subjektstufe bezeichnet habe. Diese fremde Person vorkommt, da darf ich ruhig anneh-
Deutung fasst, wie der Terminus sagt, alle Figuren men, dass mein Ich durch Identifizierung hinter
des Traumes als personifizierte Züge der Persönlich- jener Person versteckt ist. Ich darf mein Ich ergän-
keit des Träumers auf.« zen. Andere Male, wo mein Ich im Traum erscheint,
Die Schwierigkeit, den Weg zur Subjektstufe zu lehrt mich die Situation, in der es sich befindet, dass
finden, liegt darin, dass »die naive Voraussetzung die hinter dem Ich eine andere Person sich durch Iden-
Imago ohne weiteres mit dem Objekt identifiziert«. tifizierung verbirgt. Der Traum soll mich dann
Jung (1971, GW 8, S. 298‒299) fährt fort: mahnen, in der Traumdeutung etwas, was dieser
»Unsere Mentalität ist noch so primitiv, dass sie Person anhängt, das verhüllte Gemeinsame, auf
erst in gewissen Funktionen und Gebieten sich aus mich zu übertragen. Es gibt auch Träume, in denen
der primären mystischen Identität mit dem Objekt mein Ich nebst anderen Personen vorkommt, die
befreit hat. ... Aus diesem anfänglichen Identitätszu- sich durch Lösung der Identifizierung wiederum als
stand hat sich allmählich die Selbstbesinnung entwi- mein Ich enthüllen. Ich soll dann mit meinem Ich
140 Kapitel 16 · Subjektstufe und Objektstufe – Der Traum zwischen innerer und äußerer Wirklichkeit

vermittels dieser Identifizierungen gewisse Vor- ! Gegenüber den psychoanalytischen Ansät-


stellungen vereinigen, gegen deren Aufnahme sich zen geht die Jung´sche Psychologie bei der
die Zensur erhoben hat. Ich kann also mein Ich in Subjektstufe von etwas Primärem und Ge-
einem Traum mehrfach darstellen, das eine Mal nuinem aus, nämlich von symbolisierten
direkt, das andere Mal vermittels der Identifizie- Anteilen der eigenen Psyche, die nicht von
rung mit fremden Personen.« äußeren Objekten abgeleitet werden kön-
nen. Sie können aber an äußeren Objekten
Die Subjektstufe bei anderen psychoanalytischen erkannt werden, weil sie unbewusst auf
Autoren diese projiziert werden.
Im gesamten Bereich der Psychoanalyse hat die Be-
tonung subjektbezogener Deutungsansätze im Ver-
laufe der Zeit zugenommen. So heben heute Thomä 16.1.4 Die Objektstufe –
und Kächele (1985) den auf die eigene Person bezo- Träume wörtlich nehmen
genen Bedeutungsaspekt bei Freud hervor und ver-
stehen die Traumfiguren als »Selbstdarstellungen Bei der Objektstufe werden die im Traum vorkom-
durch Identifizierung«. menden Personen, Gegenstände und Situationen als
Sie räumen aber ein (1985, S. 153): reale Objekte der Außenwelt genommen, die der
»Bisher hat die Wunscherfüllung am Objekt und Träumer kennt und zu denen er eine Beziehung hat
die Objektbeziehung im Traum in der Psychoanaly- (vgl. das erste Zitat Jungs in 7 Kap. 16.1.3).
se eine größere therapeutische und praktische Be- Die eigene Mutter im Traum »meint« dann auch
deutung erhalten als die von uns in den Mittelpunkt die persönliche Mutter. Taucht der Hund des Nach-
gestellte grundlegende These Freuds, dass sich der barn auf, geht es um dieses Tier und die Beziehung
Träumer immer auch selbst darstelle – oft mittelbar des Träumers zu ihm. Die im Traum erscheinenden
durch andere Personen.« Dinge, z. B. das eigene Auto oder die Möbel der
Auch Schultz-Hencke und andere Vertreter der Wohnung, repräsentieren beim Objektstufenver-
sog. Neopsychoanalyse hatten in der Subjektstufe ständnis diese Objekte unserer tatsächlichen Umge-
eine Bereicherung des Traumverständnisses gese- bung.
hen. Schultz-Hencke stellte besonders den Aspekt Der Traum bezieht dann seine Bedeutung ganz
des Traumes heraus, den er »Erlebnis der Auseinan- aus dem Umgang mit und der Beziehung zu diesen
dersetzung von Antrieben mit der Welt« nennt. Er bekannten Personen, Wesen, Gegenständen, Ört-
sah die subjektstufige Bedeutung darin, »gegenüber lichkeiten usw.
der Antriebsseite auf das steuernde Erlebniszent-
rum« hinzuweisen (Schultz-Hencke 1968, S. 115). Definition
Allerdings hat er in Anlehnung an Freud die anderen Die Objektstufe
Personen im Traum als Introjektionen verstanden, Bei dem Traumverständnis auf der Objektstufe
womit das Subjektstufige hier als etwas Sekundäres, werden die Traumelemente als mit den realen
16 aus der Objektwelt Abgeleitetes und nicht als eigenes Objekten der Außenwelt identisch angenom-
unbewusstes Potential verstanden wird. men. Die Bedeutung des Traumes auf der Ob-
Schultz-Hencke führte den Ausdruck subjektal jektstufe betrifft die Beziehung des Träumers
ein, um damit den Fall zu bezeichnen, dass ein Träu- zu diesen aus der Bewusstseinswelt vertrauten
mer die Bildsequenzen seines Traumes sofort auf Menschen, Dingen oder Gegebenheiten.
seine Person beziehen kann. Er ist gleichbedeutend
mit subjektstufig.
In diesem Sinne gebraucht auch Drewermann Die naive Sichtweise neigt sowieso dazu, den Traum
den Terminus subjektal und wendet das subjektstu- konkret aufzufassen. Jemand, der beginnt, sich mit
fige Interpretationsprinzip auf das mythologische seinen Träumen auseinander zu setzen, wird sich zu-
Material der Bibel und auch auf Märchen an (Dre- meist objektstufig annähern. Er wird sie als Hinweis
wermann 1984). in Bezug auf die faktische Außenwelt verstehen.
16.1 · Methodik
141 16

Sehr verbreitet ist auch die abergläubische Ein- 16.1.5 Beispiele zur Objektstufe
stellung, die Träume wörtlich zu nehmen und in ih-
nen eine orakelhafte Vorbedeutung für kommende Beispiel 1
Geschehnisse zu sehen. Das Zukunftsweisende der Der zuletzt erwähnte Traum vom Wildschwein
Träume erschließt sich aber nicht, wenn man ihre und Pitbull (Traumbeispiel 11 in 7 Kap. 16.1.2)
Handlung konkretistisch auf die Außenwelt über- hat auch objektstufige Bedeutungsaspekte.
trägt, sondern nur im symbolischen Verstehen.

Objektstufe immer beachten. Bei der psychothera- Erstens wirkt sich die vermehrte Aggressivität des
peutischen Traumarbeit sollte die konkrete Ebene Patienten auch im Umgang mit anderen aus, beson-
der Objektstufe in jedem Traum beachtet werden. ders wenn mit etwas Alkohol die Hemmung gemin-
Das heißt, dass bei den Traumbildern immer unter- dert ist.
sucht werden sollte, ob sie als Substitut für Dinge Zweitens taucht ja im Traum seine Ehefrau auf,
oder Personen der Realwelt stehen. Die objektstufige von der er getrennt lebt. Das »Gemeinsame« (im
Sicht ist meist ein bedeutsamer Aspekt der Gesamt- Traum hatten sie die Tiere gemeinsam) sind im Au-
bedeutung des Traumes. genblick unschöne Streitigkeiten, wobei der Patient
Jung hat wiederholt auf die Wichtigkeit der Ob- von sich die Überzeugung hat, dass er sich fair und
jektstufe hingewiesen, die unter bestimmten Voraus- sachlich verhält. Jedenfalls schreibt er böswilliges
setzungen, die vom Patienten, vom Prozessmoment Verhalten nur seiner Ex-Frau zu.
und der therapeutischen Beziehung abhängen, pri- Hier ergibt sich ein objektstufiger Bedeutungsas-
mär genutzt werden kann. Er hat sogar vor dem pekt bezogen auf das reale Verhältnis zu seiner Ex-
Übertreiben der Subjektstufe gewarnt, was m. E. als Frau, wobei aber die Tiere im Traum weiterhin sub-
Hinweis zu verstehen ist, dass das subjektstufige Ar- jektstufig aufgefasst werden. Der Traum korrigiert
beiten in ungeeigneter Hand gefährliche Auswir- den Patienten nämlich auf der Objektstufe – er kom-
kungen haben kann. pensiert also seine bewusste Auffassung –, indem er
ihm vermittelt, dass er sich seiner Frau gegenüber
Die Objektstufe dient der Analyse, die Subjektstufe auch als »Wildsau« verhält und die gespannte Kampf-
der Synthese. Es müssen immer beide Ebenen, Ob- bereitschaft eines Pitbulls verbreitet. Denn Wild-
jektstufe wie Subjektstufe, berücksichtigt werden. schwein und Pitbull gehören im Traum auch ihm zu.
Die Objektstufe mit ihren aktuellen und anam- Der Traum hat den objektstufigen Sinn, dass der
nestischen Bezügen erbringt viele Daten, die zur Patient sich seines Anteils an der Eskalation und
Analyse der Störungen oder Konflikte beitragen. dem Scheidungskrieg bewusst werden soll.
Doch erst die Anwendung der subjektstufigen Sicht
! Die Objektstufe bezieht sich häufig auf An-
kann nach dem analytischen Durcharbeiten des Ma-
gehörige. Wie im obigen Beispiel sind es
terials zu einer neuen Synthese führen. Deshalb hat
sehr häufig die nahe stehenden Personen
Jung die Arbeit auf der Subjektstufenebene synthe-
im Traum, in denen eine objektstufige Aus-
tisch genannt.
sage steckt. Damit ist aber nicht ausge-
! Objektstufe und Subjektstufe erschließen schlossen, dass auch die subjektstufige Be-
in gemeinsamer Kooperation die Bedeu- deutungsebene zutrifft.
tung des Traumes. Doch die Subjektstufe
erscheint uns – wie noch im Praxisteil de- Beispiel 2
monstriert werden soll – als das überge-
Es folgen zwei Träume einer 35-jährigen Pa-
ordnete und integrale Prinzip. Ohne die
tientin, die einen Liebeswahn entwickelt hatte,
Subjektstufe wären kaum die Sinngerich-
von dem sie sich dann in der ambulanten The-
tetheit und der persönliche Entwicklungs-
rapie bis auf Relikte weitgehend distanzieren
impuls des Traumes auszumachen.
konnte.
142 Kapitel 16 · Subjektstufe und Objektstufe – Der Traum zwischen innerer und äußerer Wirklichkeit

Der Beziehungswahn galt einem Englischlehrer, den Traumes kann sie jetzt versuchen, solche sich immer
sie an einem Spracheninstitut nur oberflächlich ken- wieder aufdrängenden Vorstellungen rund um den
nen gelernt hatte. Trotzdem hatte sie ihn in vielfälti- Englischlehrer zu ignorieren und sie nicht mehr in
ge, erotisch-angehauchte Phantasien eingewoben der Imagination auszumalen.
und ihn bei verschiedenen Gelegenheiten zu treffen Bei Patienten mit ungefestigtem Realitätsbezug
gesucht. wie im beschriebenen Fall (z. B. nach einer abge-
Hier die Träume, beide aus einer Nacht: klungenen paranoiden Psychose) ist es oft notwen-
dig, ganz auf die Objektstufe abzuheben, da dadurch
Traumbeispiel 12 der Kontakt zur Außenwirklichkeit verbessert wer-
Ich bin in das English-Language-Institut hinein- den kann. Die subjektstufige Bedeutung des Trau-
gegangen. Da bin ich dem Lehrer begegnet. mes muss in diesem Fall zurückstehen und unge-
Er sagt zu mir, dass er seine Ruhe haben will vor nutzt bleiben. Sie sollte zurzeit nicht in das Gespräch
mir und mich nicht mehr sehen möchte. einfließen.
(Weiteres zur objektstufigen Traumarbeit mit
schwergestörten Patienten und mehr Beispiele zur
Traumbeispiel 13 Objektstufe in 7 Kap. 16.2.2).
Ich bin mit meiner Tochter an den Strand ge-
gangen und wollte da schwimmen gehen.
Durch Zufall war auch der Lehrer da. Der hat 16.1.6 Zur Bedeutung von Subjekt-
mich total ignoriert. Er lag am Strand in einer und Objektstufe
Gruppe von Menschen. Ich habe dann auch so
getan, als sei er gar nicht da. Die Anwendung der Objektstufe auf Träume oder
anderes Material ist seit langem üblich. Wir sagten
schon, dass der erste unbefangene Zugang zum
Diese Träume mussten in diesem Fall primär auf der Traum konkret und objektstufig ist. Die Subjektstufe
Objektstufe behandelt werden, weil der Realitätsbe- erfordert dagegen einen Schritt von einer selbstver-
zug der Patientin noch fragil war (7 dazu auch ständlich erscheinenden Sicht weg und hin zu Ab-
Kap. 16.2). Auf dieser objektstufigen Ebene stellten straktionsfähigkeit und Symbolverständnis.
die Träume ein hilfreiches Therapeutikum dar.
Die Patientin konnte diese Träume konkret ob- Anwendungen der Subjektstufe. Da die Objektstu-
jektstufig verstehen und wurde auch vom Therapeu- fe von vornherein und primär selbstverständlich
ten darin unterstützt. Es ist gut, dass vom eigenen angewandt wird, müssen wir hier die Fruchtbarkeit
Unbewussten die Aufforderung kommt, es aufzuge- der Subjektstufe bei jeder Art von unbewusstem
ben, dem Lehrer in der Phantasie hinterherzulaufen. Material betonen.
Denn bisher hatte die Patientin diese lustvolle Ein- In einem weiten Bereich der Psychotherapie hat
bildung und die Hoffnung, dass er vielleicht doch an die Subjektstufe sich inzwischen ihren Platz bei der
16 ihr Interesse gehabt haben könnte, nicht ganz geop- Traumarbeit, bei der Besprechung von unbewussten
fert. Während – wie bei jedem Wahn – alle Überzeu- Malereien, bei der aktiven Imagination1, beim Ka-
gungsversuche von außen unwirksam sind, hat ein thathymen Bilderleben sowie in der Gestalttherapie
solcher Traumkommentar aus der eigenen Person und anderen Verfahren der humanistischen Psy-
viel mehr Kraft.
Der Patientin war die objektstufige Bedeutung 1
Die aktive Imagination ist eine von C. G. Jung entwickelte
des Traumes einleuchtend, und sie wurde dadurch Tagtraumtechnik, bei der im Liegen bei geschlossenen
recht nachdenklich. Durch den Traum wird ihr un- Augen gebildert wird, oft ausgehend von Träumen oder ohne
thematische Vorgabe. Dabei soll sich das Ich aber aktiv gegen-
missverständlich gesagt, dass die Beziehung zum
über den Erscheinungen des Unbewussten verhalten und mit
Lehrer ein Phantom ihrer Wünsche ist, dass er mit all seinen Ich-Funktionen darauf reagieren. Es soll einen ich-
ihr nichts zu tun haben will und dass sie mit solchen haften Dialog mit den unbewussten Gestalten führen, da nur
Phantasien aufhören soll. Mit Unterstützung des so die Inhalte wirklich assimiliert werden können.
16.1 · Methodik
143 16

chologie erobert. Aber auch für die Interpretation Beispiel


von Märchen, Mythen und anderem mythologischen Nehmen wir z. B. die Erzählung von Parzival,
Material sowie beim therapeutischen Sandspiel mit dem wir uns beim Lesen identifizieren kön-
kann die Subjektstufe mit großem Nutzen ange- nen. Mehr noch als die (objektstufige) Vorstel-
wandt werden. lung, verschiedene äußere Schwierigkeiten zu
überwinden und ein in der Außenwelt gesteck-
tes Ziel (das Finden des Grals) zu erreichen, be-
Anwendungen der Subjektstufe reichert uns die subjektstufige Sicht dieses
5 Tiefenpsychologische bzw. analytische »Entwicklungsromans«. Kampfgefährten und
Traumarbeit, Gegner sind dann eigene bewusst zu machen-
4 Unbewusstes Malen, de oder zu überwindende Eigenschaften, und
4 Aktive Imagination, der Gral entpuppt sich als innerer Schatz und
4 Katathymes Bilderleben, Wert, der – wenn wir ihn errungen haben – die
4 Oberstufe des Autogenen Trainings, Fülle des Lebens und die Herrschaft über das
4 Gestalttherapie, Psychodrama, Bibliothe- Reich (d. h. über unsere bewusste Persönlich-
rapie und andere Verfahren der humanis- keit) gewährleistet.
tischen Psychologie, Das Märchen Rotkäppchen, um ein anderes
4 Therapeutisches Sandspiel Beispiel zu wählen, können wir als ein Entwick-
4 Interpretation von Märchen, Mythen und lungsdrama an der Schwelle der Pubertät ver-
symbolischen religiösen Texten. stehen, wo u. a. die aufkommenden Impulse
der Sexualität integriert werden müssen. Die
Signalfarbe der roten Mütze deutet ein emotio-
Zugang zur Mythologie – Mythen und Märchen nal »heißes« Thema an. Hier ist das Abweichen
neu verstehen vom eingefahrenen Wege (Rotkäppchen ver-
Die Subjektstufe zeitigt gute Ergebnisse in der Her- lässt den Waldpfad) notwendig, um dem wach
meneutik, z. B. bei der Interpretation von Märchen werdenden Triebbereich (verkörpert im Wolf )
und anderen mythologischen Stoffen, die ja aus zu begegnen. Dass es sich bei diesen Triebener-
dem kollektiven Unbewussten der Völker stammen. gien des »Wolfes« (z. B. Sexualität, Aggressivi-
Die Mythologeme und Mythen können als psy- tät) um Potentiale aus der archetypischen ma-
chische Entwicklungsprozesse verstanden werden, triarchalen Schicht des Menschen handelt, die
die in Form von Heldenschicksalen oder Abenteu- ja mit unserer körperlichen, »animalischen« Ba-
ern, als Märchen oder Sagen usw. erzählt werden. sis in Zusammenhang steht, wird m. E. durch
Oft ist hier der subjektstufige Zugang am besten die nahe Beziehung zwischen Wolf und Groß-
geeignet, den Gehalt dieser Überlieferungen in mutter im Traum nahe gelegt. Die Großmutter
ihrer Tiefe auszuloten. Er erweist sich oft für als Symbol der Großen Mutter (d. h. des matri-
das Aufschließen der Bedeutung als der zentrale archalen Archetyps) wird vom Wolf verschluckt,
Schlüssel. der eine negative Facette desselben matriar-
Wie beim Traum entspricht die Vielzahl der Fi- chalen Archetyps (nämlich seine fressende und
guren verschiedenen Anteilen in der Psyche, wobei verschlingende Seite) darstellt. Es geht in die-
der Held oder die Hauptfigur meist mit dem Ich- sem Märchen subjektstufig also um die Ausein-
Bewusstsein gleichgesetzt werden kann. Wir sehen andersetzung des weiblichen Ich mit der matri-
dann beim Protagonisten der Erzählung psychologi- archalen Schicht des Unbewussten und um die
sche Prozesse und Wandlungen ablaufen, die typi- Einbindung der dort enthaltenen Energien, die
sche Stadien der Bewusstseinsentwicklung der offenbar nur mit Hilfe des »Jägers« – subjekt-
Menschheit repräsentieren und die als kollektive stufig ein hilfreicher Animusaspekt der Prota-
Muster für den Einzelnen gelten können. gonistin – möglich ist.
144 Kapitel 16 · Subjektstufe und Objektstufe – Der Traum zwischen innerer und äußerer Wirklichkeit

Die in solchen Mythen- und Märchenstoffen vor-


kommenden personae dramatis werden – wie ge- Die subjektstufige Traumarbeit
zeigt – subjektstufig als Persönlichkeitsanteile der 1. erstattet dem Individuum Energiebeträge
Hauptfigur verstanden, die auf ihrem Entwicklungs- zurück, die durch die Projektion auf die
weg diesen verschiedenen Facetten ihrer selbst be- Außenwelt und auf andere Personen ver-
gegnet und sie zu bekämpfen und zu überwinden loren gegangen sind,
oder einzubeziehen und zu integrieren sucht. 2. zapft neue und bisher noch unerschlossene
Durch diese symbolische und subjektstufige Ver- (archetypische) energetische Ressourcen
stehensweise ist für viele Menschen ein neuer Sinnzu- an, die vorher dem Ich nicht zur Verfügung
gang zur Mythologie, zu den Märchen der verschie- standen und die aus dem tieferen Unbe-
densten Völker und sogar zur Bibel eröffnet worden. wussten stammen.
Auf unbewusstem Wege haben allerdings diese »Träu-
me der Menschheit« – wie wir die Mythen auch nen-
nen können – schon immer gewirkt. Sie wurden vom 4 Beispiel zu Punkt 1. Der Patient des in 7 Kap. 16.1.2
Unbewussten der Menschen aufgefasst, da sie allge- erwähnten Traumes (Traum vom Wildschwein
meine Vollzugsmodelle und Vorbilder für psychische und Pitbull, Traumbeispiel 11) hatte seine Ag-
Prozesse und die seelische Entfaltung darstellen. gressivität weitgehend nach außen projiziert und
Aber auch die objektstufige Betrachtung all die- sie als von der Ex-Frau oder von anderen kom-
ser Bilderquellen macht Sinn, indem hier Schicksals- mend erlebt. Wenn er in den Tieren subjektstufig
wege, äußere Lebensumstände und typische Weltsi- seine eigenen aggressiven Impulse erkennt und
tuationen angeboten werden, zu denen der einzelne die Aggressivität nicht mehr außen (in der Pro-
Parallelen herstellen und sich trösten, bestätigen und jektion) bekämpft, kann er versuchen, einen
anleiten lassen kann. Es werden für ihn mögliche freundlichen Kontakt zu diesen Energien in sich
Auswege und Lösungsansätze offeriert. Er kann sich zu finden. Er kann diese aggressiven Energien
in der wichtigsten Figur der Handlung, im mythi- dann möglicherweise verwandeln und einen
schen oder Märchenhelden, wieder finden und in Kraftzuwachs erleben.
den weiteren Akteuren Familienangehörige oder an- 4 Beispiel zu Punkt 2. Ein anderer Patient träumte,
dere nahe stehende Personen entdecken. dass er eine afrikanische Maske fand, von der er
Doch hier erschöpft sich die Auswertung, denn wusste, dass nur sie die Kraft habe, seine kranke
der rein objektstufige Zugang bleibt zumindest par- Freundin zu heilen. Hier stößt der Träumer auf
tiell in der Projektion auf die Außenwelt stecken. einen Ritualgegenstand, der bei Heilungszere-
Erst die Subjektstufe, d. h. die Hereinnahme all der monien benutzt wird. Subjektstufig ist er damit
verschiedenen Elemente des symbolischen Stoffes in in die Nähe eines archetypischen Wirkfeldes ge-
das eigene Subjekt stellt den qualitativen Sprung dar, langt, dem Archetyp des inneren Heilers. Welche
der diese Elemente als psychische Energien in einem Energien davon ausgehen, spürte der Träumer
selbst erkennbar und wirksam werden lässt. schon an der Faszination, die im Traum von der
16 Eine Interpretation des Sterntaler-Märchens mit Maske ausging, die er unbedingt haben wollte.
besonderer Berücksichtigung der Subjektstufe findet Mit der Kraft dieses Archetyps kann er potentiell
der Leser in »Therapeutisches Arbeiten mit dem auch die mit seinem Animabereich (»Freundin«)
Ich«, Adam 2003. verbundene Neurose heilen.

Subjekt- und Objektstufe in der Traumarbeit ! Die Beispiele zeigen: Durch die Integra-
tionsarbeit am Traum mit Hilfe der Subjekt-
Dieser Umgang mit den Mythen gilt in gleicher Wei-
stufe können eine Ich-Erweiterung und
se für das Arbeiten mit dem Traum, der ja das urei-
ein Persönlichkeitswachstum angestoßen
gene Mythologem ist. Mit dem zentralen Konzept der
werden.
Subjektstufe kann der Traum in vollem Sinne für die
Selbsterkenntnis genutzt werden. Die subjektstufige Auf die technischen Fragestellungen, die Schwierig-
Traumarbeit hat weitgehende Implikationen. keiten und Klippen – besonders die Gefahr der In-
16.1 · Methodik
145 16

flation – sowie auf die Widerstände gegen die Sub- Synchronistische Geschehnisse. Dann können
jektstufe wird im praktischen Teil dieses Kapitels nämlich synchronistische Ereignisse auftreten. Das
noch eingegangen. sind Geschehnisse, die nicht kausal, sondern durch
einen inneren Sinnzusammenhang miteinander ver-
Subjekt- und Objektstufe: einander ergänzende bunden sind und gemeinsam in einem umgrenzten
Aspekte. Die aus dem empirischen Arbeiten herrüh- Zeitraum (synchron) auftreten (7 Kap. 24).
rende Wertschätzung der Subjektstufe verringert in Ein banales Beispiel ist, dass wir erstmals wieder
keiner Weise die Bedeutung und die Anwendungs- seit langer Zeit an jemanden denken, und in diesem
möglichkeiten der Objektstufe. Es wird im Gegenteil Moment ruft derjenige an. Dies kommt auch in dem
noch nachzuweisen sein, dass subjekt- und objekt- Ausspruch zum Ausdruck: Wenn man vom Teufel
stufiges Verständnis oft Hand in Hand gehen. spricht, kommt er herein.
Objektstufige Anwendungen können vielfach Synchronistische Ereignisse können auch Paral-
parallel zu einem subjektstufigen Grundverständnis lelphänomene im Traum und im realen Leben sein.
zum Zuge kommen. Dabei ist eine subjektstufige Das erscheint durch das Kausalitätsgesetz oft nicht
Gesamtsicht interessanterweise oft wegweisend für erklärbar. Die Synchronizität wird ja auch als ein
die objektstufige Arbeit. Viele konkrete realitätsbe- »Prinzip akausaler Zusammenhänge« (Jung 1971,
zogene Fragen und therapeutische, an der Außen- GW 8) angesehen, da es sich um eine Gleichzeitig-
welt des Patienten orientierte Interventionen werden keit handelt, die nicht über die uns bekannten phy-
uns nämlich durch das subjektstufige Verstehen sikalischen Kausalwege läuft.
nahe gelegt (näheres dazu 7 Kap. 16.3.2). Eindrucksvollere Beispiele der Synchronizität
sind – und so etwas kommt vor –, dass jemand vom
Tod eines nahe stehenden Menschen träumt, der in
16.1.7 Das Geheimnis der Beziehung diesem Moment tatsächlich verstirbt. Aber das sind
zwischen innerer und äußerer seltene Erlebnisse.
Wirklichkeit Synchronistische Phänomene erfordern nach
Jung meist eine besondere Spannung im Unbewuss-
Psychologische Erklärungsansätze ten. Daneben haben wir aber die Alltagserscheinung,
Das praktische Arbeiten mit dem Traum zeigt, dass dass praktisch jeder Traum auf die »parallelen Wel-
Subjektstufe und Objektstufe fast immer gemeinsam ten« von Innen und Außen angewandt werden kann.
gültig sind. Innere und äußere Wirklichkeit hängen Dies kann mit dem eben eingeführten Begriff der
also irgendwie zusammen. Wie ist diese Verbindung Konstellation verstanden werden.
denkbar?
Die Beziehung zwischen Innen und Außen in der
Konstellation. Ein psychologischer Erklärungsversuch Geistesgeschichte
besteht darin: Die innere Dynamik – wie sie im Schon immer wurde in der Geistesgeschichte der
Traum symbolisch deutlich wird – erzeugt ein ener- Menschheit, in vielen philosophischen oder religiö-
getisches Feld, das Auswirkungen auf die Umgebung sen Systemen, die Verbindung zwischen der Innen-
hat. Die Ereignisse und Vorgänge in der Psyche ha- und Außenwelt hergestellt.
ben somit einen konstellierenden Einfluss auf die Au- In der vedischen Philosophie gibt es das »tat tvam
ßenwirklichkeit. Äußere Vorkommnisse werden asi« (»Das bist du«)2, das uns die geheime Identität
durch die Dynamik im Unbewussten konstelliert. von unserer inneren Persönlichkeit mit unserem
Das kann allein darin bestehen, dass wir durch äußeren Geschick nahe legt. Hier wird eine Verant-
die unbewussten Vorgänge eine spezifische, selektive wortlichkeit des Individuums seinem Leben, Schick-
Wahrnehmung haben und damit andere Ausschnit- sal und seiner Welterfahrung, also seiner gesamten
te der Wirklichkeit erfahren. Die konstellierende äußeren Realität gegenüber postuliert. In Indien
Kraft kann aber noch weiter gehen, besonders bei
der Aktivierung von archetypischem Material in der 2
Chhandogya-Upanishad 6, 8–16, in Paul Deussen: Sechzig
Psyche. Upanishads des Veda, S. 392–394.
146 Kapitel 16 · Subjektstufe und Objektstufe – Der Traum zwischen innerer und äußerer Wirklichkeit

wurden die dem Aspiranten begegnenden Ereignisse solche Gegenstand der Psychologie ist« (Jung 1971,
und Erfahrungen nicht als Zufall abgetan, sondern GW 8, S. 304).
als ureigener Ausdruck seines Wesens verstanden.
Die Traumauffassung auf der Subjektstufe hält Das Entsprechungsverhältnis von Innen und Au-
dem Träumer analog dazu einen Spiegel vor Augen ßen. In Philosophie und religiöser Mystik war man
und sagt ihm: Dieser Traum – das bist du selbst. So sich vielfach der Entsprechung von Innen und Au-
wie im Hinduismus der Adept darauf verwiesen ßen bewusst. Dies war nicht nur die Lehrmeinung
wird, dass alles, was er erlebt und in seinem Leben der hermetischen Philosophie (»wie oben, so unten«;
erfährt, er selber ist, so wird bei der Subjektstufe die- Korrespondenz von Makro- und Mikrokosmos),
se Haltung auf den Traum angewandt. Der subjekt- sondern zieht sich durch große Teile der Geistesge-
stufige Ansatz nimmt eine Verantwortlichkeit des schichte vieler Völker.
Träumers für das Traumgeschehen und für seine in- Schon immer haben religiös oder philoso-
nere Welt an, die er eben selber ist. phisch inspirierte Geister »subjektstufig« gedacht.
In unserer Kultur hat Nietzsche eine Zuständig- Das gilt auch für die Ideenlehre Platons. Platon ord-
keit für die uns zustoßenden Phänomene und spezi- net die materielle Erscheinungswelt einer geistigen
ell für den Traum eingefordert. Im Aphorismus »Der Ideenstruktur unter und spricht von einem Teilha-
Traum und die Verantwortlichkeit« ruft er aus (Mor- beverhältnis der Erscheinungswelt an der geistigen
genröte, Nr. 128): Welt.
»In allem wollt ihr verantwortlich sein! Nur nicht Aber auch Aristoteles nimmt noch eine geistige
für eure Träume! Welch elende Schwächlichkeit, Morphé als Anordner und Formgeber der Materie
welcher Mangel an folgerichtigem Mute! Nichts ist an und denkt damit – wie die neuere Aristotelesfor-
mehr euer Eigen als eure Träume! Nichts mehr euer schung gezeigt hat – in dieser Hinsicht durch und
Werk! Stoff, Form, Dauer, Schauspieler, Zuschauer durch platonisch.
– in diesen Komödien seid ihr alles ihr selber!« Es zieht sich von den klassischen Griechen über
Dieses Ernstnehmenmüssen des Traumes als ei- viele Autoren eine Verbindungslinie bis zu Jung. Zu
genes Sein, diese Konsequenz und Verantwortlich- den Vorläufern von Jung zählt auch C. G. Carus, ein
keit, die die Subjektstufe impliziert, kann abschre- Philosoph, Arzt, Naturforscher und Tiefenpsycholo-
cken und irritieren. Es könnte die Neigung wach ge im 19. Jahrhundert. Er betonte noch einmal das
werden, zu einem bequemeren Weg auszuweichen, Primat des Geistigen. Für ihn lag beim Menschen
wo die Traumvorgänge lieber rein mit Äußerem in eine immaterielle Idee zugrunde, die sich mit dem
Verbindung gebracht werden und ein Stück Verant- Leben in Seelisches und Körperliches entfaltet (Ca-
wortung an die Objektwelt abgegeben werden kann. rus 1964).
Dann wird der Traum aus Tagesreminiszenzen, aus
zufälligen subliminalen Wahrnehmungen, durch Die »subjektstufige« Sicht Meister Ekkeharts. In
objektiv Zugestoßenes und draußen vorkommende der deutschen Mystik war es u. a. Meister Ekke-
Geschehnisse »erklärt« und rationalisiert. hart, der von einer »mystischen Identität« von
16 Mensch und Welt ausging. Das folgende Zitat ist
Subjektstufe und Philosophie. Jung wusste, dass die – wenn wir es in unsere psychologische Sprache
Subjektstufe an eine philosophische Fragestellung übertragen – ein konkretes Beispiel dafür, dass die
stößt und er sagte: innerpsychische Integration auf der Subjektstufe
»Man hat mir schon den Einwand gemacht, die eine sofortige Wirksamkeit für die Objektwelt hat,
Deutung auf der Subjektstufe sei ein philosophisches und es demonstriert die gleichzeitige Gültigkeit
Problem, und die Durchführung dieses Prinzips sto- beider Ebenen.
ße an die Grenzen der Weltanschauung und höre Hast du dich selbst lieb, so hast du alle Menschen
deshalb auf, Wissenschaft zu sein. Es scheint mir lieb wie dich selbst. Solange du einen einzigen Men-
nicht erstaunlich, dass die Psychologie an die Philo- schen weniger lieb hast wie dich selbst, so hast du
sophie rührt, denn das der Philosophie zugrunde dich selbst nie wahrhaft lieb gewonnen, – wenn du
liegende Denken ist eine psychische Tätigkeit, die als nicht alle Menschen so lieb hast wie dich selbst, in
16.2 · Praxis Objektstufe
147 16

einem Menschen alle Menschen: und dieser Mensch immer auf ihre Gültigkeit hin »abzuklopfen« und
ist Gott und Mensch« (Quint 1963, S. 214). besonders dann wichtig, wenn der Realitätsbezug
Dieser Ausspruch erläutert im Grunde das Jesus- des Träumers – wie z. B. bei ichschwachen Patienten
Wort »Liebe deinen nächsten wie dich selbst« und – unsicher ist und gefestigt werden muss.
betont die Erstrangigkeit der Subjektstufe. Sie ist die Zwar ist die objektstufige Sicht zuerst einmal die
Voraussetzung für die Fähigkeit des Liebens auf der naive Traumauffassung des Laien, der den Traum
Objektstufe. Nur wenn man sich selber liebt, kann nicht symbolisch und konkretistisch versteht, doch
man andere lieben. Zumindest besteht eine unmit- sie hat in vielen Fällen ihre große Berechtigung und
telbare Gleichzeitigkeit zwischen beiden Ebenen. für die Therapie eine eminent praktische Relevanz.
Es gibt zahllose Behandlungssituationen und
Von Novalis zu Heisenberg. Zum Ausklang stelle ich -phasen, wo primär objektstufig gearbeitet werden
noch einige Sätze des romantischen Dichters und muss (7 unten). Mit vielen Träumen sollte deshalb
Philosophen Novalis3 vor, dessen Intuitionen den – zumindest im ersten Schritt – objektstufig umge-
gleichen Sachverhalt treffen: gangen werden.
»Zur Welt suchen wir den Entwurf – dieser Ent-
wurf sind wir selbst« (S. 417). Traum und äußere Realität. Bei der Traumarbeit auf
»Wir werden die Welt verstehen, wenn wir uns der Objektstufe fragen wir, wie der Traum mit der
selbst verstehen, weil wir und sie integrante Hälften äußeren Wirklichkeit des Patienten zusammen-
sind« (S. 423). hängt. Wir forschen nach der Bedeutung des Trau-
»Das Äußere ist ein in den Geheimniszustand er- mes in Bezug auf die realen Lebensbezüge des Pa-
hobnes Innere – (vielleicht auch umgekehrt)« (S. 518). tienten. Was meint der Traum in Hinblick auf seine
»Die Welt wird Traum – der Traum wird Welt« Partnerschaft und auf seine sonstigen Beziehungen?
(S. 276). Was meint der Traum bezogen auf seine berufliche
Und als Letztes führe ich Heisenberg4 an, um Situation?
auch einen Vertreter der modernen Welt und der Die objektstufige Sicht wendet den Traum auf
Naturwissenschaft als Zeugen auftreten zu lassen für das Verhältnis des Patienten zu seiner Objektwelt
die geheimnisvolle Verbindung von innerer und äu- und seinen Objektbeziehungen an. Hier gehen wir
ßerer Wirklichkeit, die schon immer die Menschen davon aus, dass der Traum des Patienten einen direk-
beschäftigt hat: ten Kommentar zu Einstellungen und Handlungen
»Es sind die gleichen ordnenden Kräfte, die die in seinem äußeren Leben abgibt.
Natur in allen ihren Formen gebildet haben und die Traumaussagen, die sich ausschließlich auf die
für die Struktur unserer Seele, also auch unseres Objektstufe beschränken, gibt es nur selten. Immer
Denkvermögens verantwortlich sind.« aber gibt es bei den Träumen objektstufige Bezüge
und Auswirkungen auf die Außenrealität. So kann
beispielsweise in der finalen Ausgerichtetheit eines
16.2 Praxis Objektstufe Traumes auch die »Absicht« liegen, den Bezug zur
Objektwelt oder die Beziehung zu anderen Men-
16.2.1 Regeln zum Arbeiten mit der schen zu korrigieren.
Objektstufe Der Traum beschäftigt sich zwar nach meiner
Vorstellung, die auf den Konzepten der Analytischen
Die Objektstufe, die die Traumelemente und Traum- Psychologie beruht, primär mit der inneren Dyna-
personen konkret nimmt und sie mit den bekannten mik des Träumers, also der Welt der Subjektstufe. Da
Objekten der Außenwelt identisch setzt, ist eine ei- aber eine feste Verbindung zwischen Innen und Au-
genständige Arbeitsebene in der Traumarbeit. Sie ist ßen besteht und die innere Dynamik nach außen
projiziert wird, ergeben sich immer objektstufige
3
Novalis. Werke und Briefe in einem Band. Winkler-Verlag
Konsequenzen des Traumes. Deshalb gehen die Be-
München, o. J. deutungen von Objekt- und Subjektstufe Hand in
4
Heisenberg »Der Teil und das Ganze«, S. 124 Hand.
148 Kapitel 16 · Subjektstufe und Objektstufe – Der Traum zwischen innerer und äußerer Wirklichkeit

Wann sollte der Schwerpunkt der Traumarbeit auf Beispiel


der Objektstufe liegen? Bei manchen Patienten
Träumt eine Frau, die sich noch ganz über den
und in bestimmten Situationen ist es aber notwen-
Partner definiert und noch keinen Bezug zum
dig, das Augenmerk und den Schwerpunkt auf die
inneren Gegenüber (Animus) entwickelt hat,
Objektstufe zu legen. Beispielsweise dann, wenn der
von ihrem Mann, sollte in erster Linie objekt-
Traum grobe Fehlanpassungen an die Außenwelt
stufig gearbeitet werden. Die subjektstufig-
offenbart, wenn der Bezug zur Außenwelt über-
symbolische Sicht wird ihr noch so fremd sein,
haupt brüchig und schwach ist (wie z. B. bei frühge-
dass sie darauf nur mit Unverständnis reagie-
störten Patienten) oder wenn momentan eine Ver-
ren kann.
besserung des Realitätsbezuges notwendig ist. Hier
Die Bindung an und die Abhängigkeit vom
muss der objektstufige Bereich immer im Auge be-
Ehemann sind hier aufgrund fester Projektio-
halten werden.
nen ihrer – gänzlich unbewussten – Animusan-
Die Subjektstufe kann nur angegangen werden,
teile auf den Lebensgefährten noch ungemein
wenn die Erfordernisse der Realität ausreichend be-
stark. Sie hat z. B. die Fähigkeit, mit Zahlen um-
rücksichtigt worden sind und keine Gefahr grob un-
zugehen, mit Behörden schriftlich zu verkeh-
angepassten oder schädlichen Verhaltens in der Au-
ren oder eine Steuererklärung anzufertigen
ßenwelt besteht.
nicht bei sich entwickelt, sondern an den Part-
Die Betonung der Traumbedeutung auf der Ob-
ner delegiert. Das heißt, sie hat die entspre-
jektebene bindet den Patienten wieder fester an die
chenden Befähigungen ganz auf den Ehemann
Realität. Es ist notwendig, dass der Patient auf festem
projiziert, während sie bei ihr selbst schlafend
Boden steht, ehe er sich seiner inneren Dynamik zu-
und unbewusst sind.
wenden kann.
Ist das der Fall, sollten wir uns bei Träumen
vom Ehegatten zunächst vorrangig mit der rea-
Objektstufe vor Subjektstufe? Von verschiedenen
len objektstufigen Beziehungsebene beschäfti-
Autoren ist die Faustregel aufgestellt worden, dass
gen.
die Objektstufe vor der Subjektstufe komme, dass
Bei einer anderen, introspektiveren und
zuerst die Objektstufe auf ihre Anwendbarkeit hin
psychisch weiter entwickelten Frau kann dage-
zu überprüfen sei (Meier 1972; Dieckmann 1978).
gen der Ehemann im Traum ein Ausdruck für
Das gelte besonders, wenn wir von bekannten
ihren Animusbereich sein, also für ein Potential
Menschen oder Situationen träumen würden, mit
in ihrer eigenen Psyche. Der Traum wird mögli-
denen uns ein vitales Interesse verbindet, wohinge-
cherweise die Art des Kontaktes zum inneren
gen bei uns fern stehenden, indifferenten oder
(und erst in zweiter Linie zum äußeren) Gegen-
unbekannten Personen die Subjektstufe näher
über zum Thema haben. Dies gilt besonders
liege.
dann, wenn keine aktuellen Verwicklungen
Ich möchte diese Regel, die mit gewissen Ein-
oder Konflikte mit dem Partner bestehen, die
schränkungen als technische Anleitung ihren Sinn
16 hat, etwas abändern:
sonst den Waagebalken zugunsten der Objekt-
stufe verschieben würden.
! Nicht der Bekanntheitsgrad der Person
oder des Elements im Traum entscheidet
darüber, ob objekt- oder subjektstufig ge-
Projektion der Trauminhalte. Es ist also die Frage,
arbeitet werden sollte, sondern das Aus-
wie stark der Trauminhalt – egal ob vertraut aus der
maß der Projektion beim Träumer.
Außenwelt oder nicht – projiziert wird, wie zäh er
Das soll im Folgenden erläutert werden. projektiv in der äußeren Realität verankert ist. Die
Zähigkeit der Projektion auf der einen und die Fä-
higkeit zur subjektstufigen Introspektion auf der
anderen Seite sind im Therapiegespräch schnell er-
kennbar.
16.2 · Praxis Objektstufe
149 16

! Wir können also von Fall zu Fall entschei- Beispiel


den, ob ein Trauminhalt eher objektstufig
Wir dürfen uns von Träumen von psychosena-
oder eher subjektstufig zu verstehen ist
hen oder Borderline-Patienten, die (aufgrund
(oder auf beiden Ebenen parallel), und
der durchlässigeren inneren Grenzen) oft reich
sollten nicht mechanisch die Objektstufe
an archetypisch-mythologischem Material sind,
vorziehen, wenn es im Traum um nahe ste-
nicht verlocken lassen, auf die interessante Sym-
hende oder uns familiär verbundene Per-
bolik einzusteigen und dadurch die konkrete
sonen geht.
Alltagsbewältigung außer Acht zu lassen. Das
könnte dem Patienten noch mehr den festen
Das Verständnis des psychologischen Vorgangs der
Boden unter den Füßen entziehen. Oft sind die
Projektion führt uns von der Objektstufe zur inne-
Patienten so fasziniert von den inneren Bildern
ren Dynamik der Subjektstufe. Diese ist im Allge-
und blind für die realen Lebensbezüge, dass
meinen das Fundament und die tiefste Schicht der
durch die objektstufige Arbeit Libido vom eige-
Traumbedeutung, die allerdings – wie eben an dem
nen kollektiven Unbewussten abgezogen und
Beispiel gezeigt – nicht immer angesprochen oder
auf die Außenwelt umgeleitet werden muss.
angewandt werden kann. Nämlich dann nicht, wenn
die psychische Energie noch ganz in den Außenbe-
ziehungen gebunden, noch ganz auf die Außenob- Neuformulierung der Regeln zur Anwendung der
jekte projiziert und noch kein innerer Zugang ge- Objektstufe. Somit sind die Regeln, wann vorrangig
funden ist. In dem Fall wird das subjektstufige Ver- mit der Objektstufe zu arbeiten ist, neu zu formulie-
stehen zunächst »im Hinterkopf« des Therapeuten ren und auf folgende Bedingungen einzugrenzen:
bleiben.
! Realitätsbezug und Objektstufe
Auf der Objektstufe wird dann vorrangig
Die objektstufige Arbeitsebene ist darüber
gearbeitet:
hinaus ein ideales Instrument, um den Re-
alitätsbezug des Patienten zu festigen 1. Wenn der Trauminhalt oder die Traumper-
oder wiederherzustellen. Durch objektstu- son nur projiziert in der Außenwelt erfah-
figes Arbeiten wird der Patient mit der ren werden können (und nicht die entspre-
Außenrealität verbunden und seinen Ten- chenden inneren Anteile); wenn also die
denzen des »Abhebens« entgegengewirkt. Libido zäh projiziert an den entsprechenden
Objekten der Außenwelt haftet.
So sollte z. B. bei frühgestörten Patienten wie Border- – Das trifft bei großer Unbewusstheit und
line-Persönlichkeiten oder schweren polysympto- bei wenig Introspektionsfähigkeit des
matischen Neurosen, bei denen es am Realitätsbezug Träumers zu.
»hapert«, hauptsächlich auf der Objektstufe gearbei- – Das ist aber auch dann der Fall, wenn
tet werden. akute Krisen oder Auseinandersetzungen
Diese schwergestörten Patienten haben eine in Bezug auf die Inhalte oder die Per-
Vielzahl von pathogenen Komplexen, die naturge- sonen vorliegen, die im Traum vorkom-
mäß projiziert werden und dadurch die Lebensbe- men, z. B. wenn die Beziehung zu der
wältigung und Realitätsprüfung beeinträchtigen. geträumten Person im Moment emo-
Deshalb sollte hier intensiv auf die Außenwirklich- tional aufgeladen ist. Es liegt dann ein
keit, d. h. auf die konkreten Beziehungen, auf den Problem in der Außenwelt vor, das
Beruf und die sonstigen Lebensbezüge des Patienten durch den Traum aufgegriffen wird und
eingegangen werden. Die Träume werden hier so- primär bearbeitet werden kann.
lange objektstufig untersucht, bis alle darin vorkom- 2. Bei Patienten, deren Realitätsbezug aktuell
menden Realitätsbezüge geklärt und zurechtgerückt oder sogar chronisch schlecht ist. Das gilt
sind. Realitätsklärung und Ich-Stärkung haben hier für viele schwergestörte Patienten.
Vorrang.
150 Kapitel 16 · Subjektstufe und Objektstufe – Der Traum zwischen innerer und äußerer Wirklichkeit

16.2.2 Beispiele aus der in Bezug auf die reale Situation, die Trennung und
therapeutischen Praxis die dadurch ausgelösten Gefühle erzielt werden.

Ausschließliches Arbeiten mit der Objektstufe Assoziationen der Patientin. Die Patientin brauchte
Die folgenden Träume und der sich daran anknüp- die Behandlungsstunde, um sich auszusprechen und
fende Traumdialog sind Beispiele für die ausschließ- diesen ganzen inneren Ballast loszuwerden.
liche Traumarbeit mit der Objektstufe. Der erste Traum (Traumbeispiel 14) beziehe sich
Die Träume wurden an drei aufeinander folgen- darauf, dass sie sich darüber ärgere, dass ihr Ex-
den Tagen von einer 26-jährigen Patientin geträumt. Freund noch zwei Bilder von ihr habe. Sie befürch-
Diese hatte sich vor wenigen Wochen von ihrem tet, dass er – wenn er wieder eine neue Freundin
Freund, mit dem sie 8 Jahre lang zusammen war, ge- haben sollte – sich mit dieser über sie lustig machen
trennt. Sie stellte dann fest, dass sie sich tagsüber in werde. Das ist eine Projektion der Patientin auf den
Gedanken und nachts in den Träumen fast aus- Freund, die bearbeitet werden kann. Sie selbst könn-
schließlich mit diesem Thema beschäftigte, das sie te nämlich in solch einer Situation dazu neigen, sich
emotional nicht mehr losließ. über den Verflossenen lustig zu machen.
Zum zweiten Traum (Traumbeispiel 15) assozi-
Traumbeispiel 14 iert die Patientin Folgendes: Zur Mutter des Ex-
Ich habe mich mit meinem Ex-Freund getroffen Freundes habe sie anfangs eine gute Beziehung ge-
und meine Bilder, die er von mir noch hatte, habt. Als bei der Patientin eine neurologische Er-
recht aggressiv zerrissen. krankung festgestellt wurde, habe sich die Mutter von
ihr abgewandt. Sie vermutet, dass die Mutter dem
Ex-Freund von der Beziehung zu ihr abgeraten habe.
Traumbeispiel 15 Sie sei dem durch die von ihr ausgehende Trennung
Mein Ex-Freund und ich erzählen seiner Mutter, zuvorgekommen. Auch hier muss auf der realen Be-
dass wir wieder zusammen sind. Sie meint, ziehungsebene bearbeitet werden, dass die Patientin
dass sie das zu verhindern wüsste. in Bezug auf die Mutter des Freundes möglicherwei-
se einiges projiziert, denn sie selber lehnt sich mit der
diagnostizierten Multiplen Sklerose ab und möchte
Traumbeispiel 16 sich damit einem Partner nicht zumuten.
Ich blättere in einer Zeitung. Da ist das Bild von Auch zum letzten Traum (Traumbeispiel 16) be-
einer Disco dabei. Ich weiß, dass es der neue richtet sie Aktuelles zum Ex-Freund, Auseinander-
Aufenthaltsort meines Ex-Freundes ist, und setzungen aus der letzten Zeit, die ganz konkret
versuche, ihn in dem Bild zu finden. durchgegangen werden müssen.

An den realen Beziehungen arbeiten. Im Falle der


Die objektstufige Arbeit mit diesen Träumen. Hier vorgestellten Patientin müssen diese realen Dinge
16 ist der Ex-Freund trotz der (vorübergehenden) besprochen und zurechtgerückt werden. Die psychi-
Trennung von der Patientin so mit psychischer sche Energie, die Libido der Patientin ist so stark an
Energie besetzt, und sie ist durch dieses Thema dieses Thema und den realen Freund gebunden,
affektiv so absorbiert, dass sie ganz in der äußeren dass sie ihre Träume zurzeit nicht subjektstufig be-
Problematik und diesen Konflikten aufgeht. Sie trachten kann. Dem wird im Therapiegespräch
kann gar nicht zur Introspektion und der Subjekt- Rechnung getragen werden.
stufenebene vordringen, sondern ist ganz von der
Beziehung zum Ex-Freund, von dem Bruch und ! Ausschließliche Arbeit auf der Objektstufe
ihrer Zwiespältigkeit diesem gegenüber eingenom- Bei aktuellen Partnerschaftskonflikten,
men. Beziehungsschwierigkeiten oder Ehekrisen
Daher wird zunächst auf der Objektstufe gear- mit heftigen Auseinandersetzungen und
beitet. Eine gewisse Introspektion kann zurzeit nur 6
16.2 · Praxis Objektstufe
151 16

großer Affektivität kann es vorübergehend Dies sind die subjektstufigen Hypothesen, die
notwendig sein, sich ganz auf die Objekt- sich aufgrund der Traumtexte ergeben, die in die-
stufe zu beschränken. Die Träume, die sem Therapiegespräch aber ganz latent bleiben
dieses Thema aufgreifen, werden dann auf mussten.
der äußeren Realitätsebene behandelt.
Objektstufe im Klartext – Der Wink mit dem
Zu den (nicht angesprochenen) subjektstufigen As- Zaunpfahl
pekten dieser Träume. Auch wenn die subjektstufige Manchmal nehmen Träume so unverblümt zu einer
Ebene – wie in diesem Fall – nicht ins Gespräch äußeren Situation Stellung, dass die objektstufige
kommen kann, so ist sie dennoch eine Verstehens- Betrachtungsweise klar auf der Hand liegt.
basis, die unausgesprochen mitschwingt und zumin- Der nächste Traum gibt einen solchen deutli-
dest dem Therapeuten gegenwärtig sein kann. chen und unmissverständlichen Hinweis auf die re-
Die Träume spiegeln nämlich nicht nur die rea- ale Lage einer 53-jährigen Patientin mit einer schwe-
len äußeren Schwierigkeiten, sondern gleichzeitig ren Erschöpfungsdepression.
eine innerpsychische Dynamik. So gesehen ist der
Ex-Freund ein Aspekt des Animus (7 Kap. 7) der Pa- Traumbeispiel 17
tientin. Die Beziehung zum inneren Gegenüber ist Mein Mann und ich sind in den Bergen gewan-
bei ihr aber noch kaum vorhanden, und alle entspre- dert. Es war halb Tag, halb dunkel. Auf einmal
chenden inneren Anteile sind fest auf den Freund habe ich zu meinem Mann gesagt: »Mein Akku
oder andere männliche Gestalten projiziert. ist aus.« Ich habe geschrien: »Komm, hilf mir!«
Dann wird – wie bereits oben erläutert – die the- Dann habe ich zu ihm gesagt: »Dein Akku ist
rapeutische Arbeit an diesen realen Personen anset- ja auch aus.« Das habe ich 2- bis 3-mal gesagt.
zen und kann manchmal erst nach vielen Umwegen Es hat mich so erstaunt, dass es bei ihm auch
und langer Zeit beim Subjekt und seinen inneren so war.
Vorgängen ankommen.
Die Träume erzählen uns aber auch eine subjekt-
stufige Geschichte (die hier noch nicht von der Pati- Zur Bedeutung dieses Traumes. Dieser Traum
entin erfasst und realisiert werden kann). Sie berich- braucht nicht entschlüsselt zu werden, sondern seine
ten uns, dass zwischen ihrem Ich und dem Ani- Botschaft kann direkt verstanden werden.
muspotential eine aggressiv getönte Dissoziation Sie besagt, dass die »Batterie leer« ist, dass die
besteht (Traumbeispiel 14). Diese innere Entfrem- Kräfte der Patientin erschöpft sind. Eigentlich ihr
dung wird auf der äußeren Ebene durch den Bezie- ganzes Leben lang wurde die Patientin erst von der
hungsabbruch, die Trennung vom Freund ausagiert. Primärfamilie, die eine Landwirtschaft unterhielt,
Dies ist etwas, das wir sehr oft beobachten können: später von der eigenen Familie mit Pflichten und
Wird im Traum ein Zerwürfnis zwischen dem Aufgaben überhäuft. In den letzten 10 Jahren hatte
Traum-Ich und einer gegengeschlechtlichen Ani- sie bei ihrer Arbeitsstelle keinen Tag krank und nur
mus- oder Animagestalt abgebildet, so tendieren wenige Tage im Jahr Urlaub gemacht. Seit 10 Jahren
auch die realen Lebensverhältnisse des betreffenden pflegt sie zusammen mit den Geschwistern die fast
zu Beziehungsschwierigkeiten oder zumindest Strei- völlig bewegungsunfähige Mutter, seit einigen Jah-
tigkeiten. ren auch die Schwiegermutter.
Die Träume der Patientin zeigen subjektstufig fer- Leistung und Pflichtgefühl bestimmten das Da-
ner, dass eine Mutterfigur (negativer Mutterkomplex) sein der Patientin. Jetzt war es, nachdem sie jahre-
die Verbindung zum inneren Gegenüber zu hinter- lang ihre Bedürfnisse zurückgestellt und Ermü-
treiben sucht (Traumbeispiel 15). Und sie offenbaren dungssignale überhört hatte, zu einer schweren Er-
die Suche nach diesem gegengeschlechtlichen Seelen- schöpfungsdepression gekommen.
anteil (Traumbeispiel 16), eine Sehnsucht, die durch Mein Eindruck, dass sich hier eine jahrelange
die tatsächliche Distanzierung und Abwendung vom Überforderung rächt und es sich um eine langwieri-
Freund noch zusätzlich angefacht wird. ge depressive Erkrankung handelt, wurde durch den
152 Kapitel 16 · Subjektstufe und Objektstufe – Der Traum zwischen innerer und äußerer Wirklichkeit

Traum bestätigt. Der Traum sagt deutlich, dass 16.3 Praxis Subjektstufe
»nichts mehr geht«, weder bei ihr noch bei ihrem
Mann. Auch das entspricht der äußeren Situation. 16.3.1 Die Anwendung der
Der Mann war bei all den Belastungen mit einge- Subjektstufe
spannt und fühlte sich ebenfalls ausgepumpt.
Wenn wir auch in manchen Behandlungssituationen
Was ist der Sinn dieses Traumes? Warum träumt die und bei bestimmten Patienten – wie in 7 Kap. 16.2.1
Patientin das, was offensichtlich ist, und wie kann ausgeführt – der Objektstufe den Vorrang geben, so
mit dem Traum gearbeitet werden? kann doch in den meisten Fällen subjektstufig mit
Diese Frage kann direkt an die Patientin gerich- dem Traum gearbeitet werden. Ja selbst da, wo die
tet werden: »Warum träumen Sie das? Der Traum Objektstufe Priorität hat, können subjektstufige As-
sagt, dass Ihre Energien völlig erschöpft sind. Wissen pekte einfließen.
Sie das nicht auch so?«
Jetzt wird deutlich, dass sie ihr Ausgebrannt- Subjektstufenverständnis als Basis aller Bedeu-
sein nicht wahrhaben will, dass sie sich mit dem tungsebenen. Die Subjektstufe ist die essentielle
Krankenstatus nicht abfinden kann. Sie denkt im- Bedeutungsebene des Traumes (7 Kap. 16.1.6).
mer noch, dass sie in ein paar Tagen wieder weiter- Der Therapeut sollte sich immer einen Ein-
machen könne. Deshalb erscheint kompensato- druck über die subjektstufige Bedeutung verschaf-
risch ein Gegenstandpunkt des Unbewussten, die- fen. Schon während der Patient den Traum erzählt
ser Traum. oder der Therapeut ihn liest, kann dieser sich die
Der Therapeut kann so – mit Rückendeckung subjektstufige Ebene vergegenwärtigen und die
durch den Traum – der Patientin vermitteln, dass symbolisch-subjektstufige Bedeutung gleich mit-
wohl ein längeres Pausieren notwendig ist und es hören.
sich um eine ernsthafte und langwierige Erkrankung Das subjektstufige Verständnis des Traumes ist
handelt: »Ihr Traum sagt Ihnen eindeutig, dass die die Basis für alle Interventionen und Fragen. Der
Kraftreserven im Moment restlos aufgebraucht Behandler erhält aufgrund der subjektstufigen
sind.« Die Patientin ist dadurch entlastet, denn ohne Blickrichtung Anregungen und Hinweise zur
ihren Traum und das Gespräch darüber hätte sie sich Gesprächsführung. Er kann sogar ganz auf der
weiter unter Druck gesetzt und als Versagerin ge- objektstufigen Bedeutungsebene bleiben, wenn es
fühlt. erforderlich ist, sieht aber das ganze Gespräch
immer auch gleichzeitig mit den Augen der Sub-
! Objektstufiger Klartext im Traum
jektstufe.
Manchmal geben Träume unzweideutig
und unverschlüsselt einen Kommentar zur
Spektrum der Subjektstufe. Meist ist es aber mög-
momentanen äußeren Situation ab. Solche
lich, zumindest bestimmte Aspekte oder Ausschnit-
Träume sind unmittelbar objektstufig ver-
te der Subjektstufe anzusprechen.
stehbar.
16 Sie sind ein dringender Appell an das
Schon die Frage
4 »Was hat der Traum mit Ihnen zu tun?«
Ich, seine bewusste Auffassung zu über-
weist in diese Richtung.
prüfen und die Sicht des Unbewussten ein-
Kommen andere Personen im Traum vor, kann
zubeziehen. Sonst droht eine weitere Symp-
gefragt werden:
tomverschlimmerung.
4 »Inwieweit sind Sie diese Person selbst? Erken-
(Weitere Beispiele zur Objektstufe wurden schon im nen Sie sich darin wieder? Inwiefern sind Sie so
7 Kap. 16.1.5 vorgestellt.) wie diese Person im Traum?«

Die subjektstufige Fragestellung erschöpft sich aber


nicht bei den handelnden Personen im Traum, son-
dern kann sich auch auf andere Wesen wie z. B. Tie-
16.3 · Praxis Subjektstufe
153 16

re oder sogar Pflanzen beziehen, ja selbst auf unbe- Träumt ein Hundebesitzer z. B. von seinem
lebte Objekte. Hund, so ist im Sinne der reinen Objektstufe da-
Das Charakteristische einer Landschaft ist sub- mit auch dieses konkrete Tier gemeint.
jektstufig als ein Seelenbild und eine Stimmungslage 2. Relativierte Objektstufe:
zu verstehen. Dynamiken im Traum wie die einer Das Traumelement bzw. die Traumperson wer-
Wasserwelle, einer Explosion oder einer sonstigen den als Imago, als innerer Repräsentant des rea-
Veränderung sind symbolische Darstellungen einer len Objektes oder Person verstanden. Der Patient
inneren Dynamik. Eine Explosion z. B. könnte eine lernt zu unterscheiden zwischen dem eigenen
Komplexreaktion, einen Gefühlsausbruch aufgrund inneren Vorstellungs- und Erlebenskomplex be-
einer Komplexberührung verbildlichen, und ein züglich des Objektes (das, was er vom Objekt
überflutender Wasserschwall könnte eine psychische wahrnimmt und seine Beziehung zu ihm) und
Inflation, eine Überschwemmung des Ich-Bewusst- dem Objekt selbst (7 Kap. 16.1.3).
seins mit unbewusstem Material anzeigen. In beiden Bei der relativierten Objektstufe verschiebt sich
Fällen ist Vorsicht geboten und das Traumgespräch der Schwerpunkt vom Objekt langsam in Rich-
entsprechend auszurichten. tung Subjekt, nämlich hin zur Beziehung des
Träumers zu dem in Frage kommenden Objekt.
Spektrum Objektstufe-Subjektstufe. Es wurde auch Nicht das konkrete Objekt selbst, sondern die
schon erwähnt, dass die Träume oft auf beiden Ar- Einstellung oder das Verhältnis des Träumers zu
beitsebenen behandelt werden können. Objekt- und ihm machen das aus, was wir relativierte Objekt-
subjektstufige Sicht sind meist parallel gültig und stufe nennen. Ein im Traum vorkommender
erscheinen wie zwei zusammengehörige Pole. Hund z. B. (den ein Angstpatient real als ständi-
Zwischen diesen Polen spannt sich ein Spek- gen Weggefährten braucht) kann so im Sinne der
trum, das von der reinen Objektstufe über Zwi- relativierten Objektstufe für die Abhängigkeit
schenstadien zur reinen Subjektstufe reicht. Viel- des Patienten von solch einem begleitenden Ob-
fach können wir uns auf diesem Spektrum – begin- jekt stehen.
nend mit der Objektstufe – der Subjektstufe 3. Teilsubjektstufe:
annähern. Nur einzelne Teile des Traumes werden subjekt-
In diesem Spektrum gibt es folgende Stufen stufig verstanden, andere Traumteile werden
(. Abb. 16.1): objektstufig genommen.
1. Reine Objektstufe: Im Traumbeispiel 18 des nächsten Kapitels
Das Objekt oder die Person im Traum werden (7 Kap. 16.3.2) kann diese teilsubjektstufige Be-
naiv mit der äußeren Entsprechung identisch trachtungsweise angewandt werden, indem der
gesetzt. Hund subjektstufig als eigenes Triebpotential

Reine Objektstufe Reine Subjektstufe


Relativierte Objektstufe Teilsubjektstufe

Objektstufe Subjektstufe
ichstützende Psychotherapie

tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie

analytische Therapie (Psychoanalyse)

. Abb. 16.1. Spektrum Objektstufe–Subjektstufe


154 Kapitel 16 · Subjektstufe und Objektstufe – Der Traum zwischen innerer und äußerer Wirklichkeit

angenommen wird, die beiden auftretenden ! Indikation für die einzelnen Therapiever-
Frauen aber objektstufig als die dem Patienten fahren
vertrauten realen Menschen aufgefasst werden. Die volle Nutzbarmachung der Subjektstufe
4. Reine Subjektstufe: ist im Allgemeinen nur in der analytischen
Alle Elemente des Traumes werden im vollen Therapie möglich. Analytisch orientiertes
Sinne subjektstufig verstanden. und Ich-stützendes Arbeiten dagegen wird
Bezogen auf das Traumbeispiel 18 würden hier sich hauptsächlich mit der Objektstufe be-
auch die Freundin und die Ehefrau subjektstufig schäftigen müssen; die analytisch orientierte
genommen, nämlich als zwei Aspekte der Anima Therapie kann aber immer wieder subjekt-
des Patienten angesehen werden. stufige Elemente einbeziehen (. Abb. 16.1).

Arbeitsebene ist abhängig vom Realbezug des Eine Ich-stützende oder supportive Psychotherapie,
Traumes. Die Traumarbeit verschiebt sich umso wei- die sich ja ganz auf der Ich- und Realitätsebene be-
ter zur reinen Subjektstufe, je weniger reale Bezüge wegt, wird den Traum nur als konkreten Hinweis
und konkrete Auslöser der Traum hat. auf die Lebenswirklichkeit des Träumers nehmen
Sind Tagesreste (7 Kap. 18) auffindbar, lässt sich (Objektstufe). Wir erwähnten schon die Rückwir-
ein aktueller oder anamnestischer Kontext (7 Kap. 19.2) kung einer solchen objektstufigen Arbeit auf das
herstellen, bzw. wird im Traum direkt auf tatsächliche Ich, nämlich die Stärkung des Ich und die Festigung
Begebenheiten, Situationen und bekannte Personen des Realitätsbezuges als therapeutischen Effekt
angespielt, ist objektstufiges Arbeiten möglich (aber (7 Kap. 16.2.1).
evtl. auch subjektstufiges). Der Übergang zum subjektstufigen Fragen ist
verbunden mit dem Einbeziehen tiefenpsycholo-
! Sind keine solchen Anknüpfungen an die
gisch fundierter Elemente in das Gespräch (tiefen-
Außenwelt vorhanden, und erscheint der
psychologisch fundierte Psychotherapie bzw. analy-
Traum als ein reines Phantasieprodukt, be-
tisch orientierte Therapie).
schäftigt er sich z. B. mit unbekannten
Die volle Bearbeitbarkeit der Subjektstufe ist nur
Menschen und Situationen oder ist er gar
bei einer tieferen Regressionsfähigkeit des Patienten
märchen- oder mythenartig, dann bietet
gegeben und gehört im Allgemeinen in den Rahmen
sich per se die subjektstufige Betrachtung
einer analytischen Therapie (Psychoanalyse).
(7 Kap. 16.1.1) an. Voraussetzung ist je-
doch, dass der Träumer genügend Ich-Stär-
Subjektstufe als Kriterium des tiefenpsychologi-
ke (7 Kap. 29.4) hat, dieser Arbeitsebene
schen Arbeitens. Die Möglichkeit der Bearbeitung
standzuhalten.
der Subjektstufe ist damit das entscheidende Kriteri-
Welche Aspekte der Subjektstufe sind ansprechbar? um für tiefes analytisches Arbeiten. Das Verstehen
Der Therapeut muss sich überlegen, welche Aspekte der Tiefe eines Symbols auf subjektstufigem Niveau
der subjektstufigen Betrachtungsweise ansprechbar und die volle Akzeptanz der Subjektstufe sind gleich-
16 sind. Entsprechend kann er das Augenmerk auf Teile bedeutend mit entsprechend tiefer Regressionsfä-
des Traumes oder auf den Gesamttraum richten. higkeit.
Patienten lernen schnell, den subjektstufigen
! Deshalb ist das Charakteristikum einer
Ansatz aufzugreifen und ihre Träume danach zu be-
analytischen Therapie die volle Bewusst-
trachten. Wenn sie etwas Übung und Erfahrung da-
machung der Subjektstufe. Aber auch
mit haben, kann man direkt fragen:
in der tiefenpsychologisch orientierten
4 »Was heißt Ihr Traum subjektiv?«
Therapie sind immer wieder zumindest
Oder zu einzelnen Elementen des Traumes:
Teilaspekte der Subjektstufe aufgreifbar.
4 »Was bedeutet das bezogen auf Sie, auf Ihre Per-
son? Inwiefern sind Sie so? Wo verhalten Sie sich Vorsicht ist bei ichschwachen und psychosenahen
so? Gehen Sie so mit sich um, wie im Traum mit- Patienten angebracht, ebenso in Phasen der Labilisie-
einander umgegangen wird?« usw. rung bei sonst ichstabilen Patienten. Dann müssen
16.3 · Praxis Subjektstufe
155 16

Objektstufe und Realitätsbezug im Vordergrund ste- Traumbeispiel 18


hen, und die Subjektstufe muss sich dem unterord-
Ich bin mit meinem Hund in das Lokal gegan-
nen.
gen, wo meine letzte Freundin Bedienung war.
Die Subjektstufe »im Hinterkopf« des Therapeu-
Ich habe versucht, sie wieder ins Bett zu krie-
ten kann hier aber die realitätsbezogenen und ich-
gen. Sie sagte aber, dass ich doch nur Sex wol-
stützenden Interventionen motivieren. Die Subjekt-
le und sie sich nicht wieder darauf einlassen
stufe kann hier in die sorgfältige Beobachtung der
würde. Auf einmal wird mein Hund ganz tau-
Realitätsanpassung eingebettet werden. Der Schwer-
melig und fällt um. Ich bin schnell mit ihm zum
punkt ist dann auf das Traum-Ich und diejenigen
Tierarzt gegangen. Der hat ihm eine Spritze
Ich-Funktionen zu legen, die im Traum mangel-
gegeben, und der Hund war wieder in Ord-
oder fehlerhaft sind.
nung. Ich habe das meiner Frau erzählt, die
sagte: »Du spinnst wohl, dem Hund fehlt doch
16.3.2 Beispiele aus der therapeuti- gar nichts.«
schen Praxis
Die im Traum vorkommenden Frauen und der Hund
Von der Objektstufe zur Subjektstufe sind reale Wesen seines Lebens. Mit ihnen lässt sich
Wie sich im Gespräch über den Traum oft ein also zunächst objektstufig umgehen.
nahtloser Übergang von der Bearbeitung der Ver-
hältnisse in der Außenwelt zu denen in der Innen- Was ergibt die objektstufige Arbeit mit dem Traum?
welt, also von der Objektstufe zur Subjektstufe Was bedeuten oder bedeuteten der Hund, die ehe-
vollzieht, soll am folgenden praktischen Beispiel malige Freundin und die Ehefrau real für den Pa-
gezeigt werden. tienten? Dazu gab der Patient die folgenden (objekt-
Dabei wird auch deutlich werden, dass die ob- stufigen) Assoziationen.
jektstufigen Details (d. h. die auf die Außenrealität Reine Objektstufe: Die Beziehung zur Freundin
bezogenen Assoziationen zum Traumelement) zum liegt Jahre zurück und spielt heute de facto keine
Verständnis der Subjektstufe hinführen. Sie sind Rolle. Auch mit der Ehefrau gibt es keine aktuellen
auch für die Verstehensebene der Subjektstufe uner- Konflikte. Ebenso wenig gibt der Hund momentan
lässlich. Sie liefern nämlich die Informationen, die objektiven Anlass, in den Traum zu kommen; er ist
wir brauchen, um die subjektstufige Dynamik ver- z. B. nicht akut krank. Damit macht die Ebene der
stehen zu können. reinen Objektstufe für diesen Traum wenig Sinn.
Relativierte Objektstufe: Anders ist es mit der re-
! Die objektstufigen Daten führen zum
lativierten Objektstufe, d. h. mit der Beziehung des
Verständnis der Subjektstufe
Träumers zu den einzelnen Traumfiguren. In seinem
Die objektstufigen Angaben sind wichtige
Erleben und in seinen Phantasien spielen Frau,
Daten zum Verstehen der Subjektstufe.
Freundin und Hund eine große Rolle.
Denn die – vom Traum aufgegriffene – reale
Der Hund ist für den Patienten ein wichtiges be-
Beziehung des Träumers zu den Personen
gleitendes Objekt, und er hängt sehr an ihm. Da der
und Wesen seiner Umgebung wird vom
Hund schon 10 Jahre alt ist, hat er die Verlustangst,
Traum als Muster benutzt, um die innere
dass das Tier sterben könnte, obwohl er weiß, dass es
Beziehung zwischen dem Ich und den unbe-
als Mischling durchaus 14 oder 15 Jahre alt werden
wussten Anteilen zu veranschaulichen.
kann.
Die Freundin, die er vor einigen Jahren neben
Beispiel der Ehe hatte, arbeitet bis heute tatsächlich in einem
Damit kommen wir zum bereits angekündig- Lokal. Der Patient äußerte hier: »Mir kommen
ten Traum. Ein 57-jähriger Patient mit einer manchmal noch Gedanken, sie wieder anzurufen,
Angstsymptomatik träumt: obwohl ich selbst diesen reinen Sex eigentlich nicht
mehr will.«
156 Kapitel 16 · Subjektstufe und Objektstufe – Der Traum zwischen innerer und äußerer Wirklichkeit

Der Patient kam von sich aus auf seine Bezie- Deshalb fällt der Hund, seine Animalität, wie tot
hung zu diesen Traumgestalten und auf den Stellen- um; das Triebtier ist sozusagen beim Anbändeln
wert, den sie im realen Leben für ihn haben, zu nicht dabei. Und nicht der Hund ist gestört; ihm fehlt
sprechen (relativierte Objektstufe). Er kam auf den eigentlich nichts, wie seine Ehefrau, ein Aspekt sei-
Hund zu sprechen, der für ihn Treue, Schutz und ner Anima, ganz richtig weiß. Gestört ist die Bezie-
Vertrauen bedeutet; er kam auf die frühere Geliebte hung des Herrchens zum Hund, die Beziehung des
zu sprechen, zu der er nur aus sexuellem Interesse Ich zur Sexualität.
heraus eine Beziehung hatte, ohne sich auf eine Die beiden Frauen, die beide letzten Endes sub-
gefühlsmäßige Ebene einzulassen; er kam auf seine jektstufige Anteile im Patienten und Stimmen aus
Ehefrau zu sprechen, der gegenüber er wie vor einer seinem weiblichen Bereich darstellen, sind viel wei-
Hera alle Nebenbeziehungen verheimlichte und ser als sein Ich-Bewusstsein. Sie sagen zum einen
der gegenüber er große Schuldgefühle hatte und ganz deutlich, dass unbezogene Sexualität für ihn
hat. nicht mehr zeitgemäß ist, und zum anderen, dass
Insgesamt jedoch bringt der Traum auf der Ebe- dem Hund, der körperlich-animalischen Basis,
ne dieser objektstufigen Assoziationen nicht viel nichts fehlt. Nebenbei bemerkt könnte seine Frau auf
Neues. Auf die Impulse des Patienten zur unbezoge- der Objektebene tatsächlich eine so kluge Bemer-
nen Sexualität, auf seine früheren Nebenbeziehun- kung machen.
gen, auf das schlechte Gewissen seiner Frau gegen-
über und auf den Hund als angstmildernden Beglei- Wie kann der Patient zur subjektstufigen Ebene
ter war schon wiederholt in den Therapiestunden hingeführt werden? Ich habe im vorhergehenden
eingegangen worden. Abschnitt die subjektstufige Bedeutung vorwegge-
nommen und zusammengefasst. Im Therapiege-
Zur subjektstufigen Bedeutung des Traums. Die spräch wird der Patient jedoch langsam zur inner-
objektstufigen Fakten sind aber Voraussetzung, um psychischen Ebene hingeführt.
anschließend auf die Subjektstufenebene übergehen Dazu dient die Frage nach der Symbolik der
zu können. Denn der Traum benutzt diese Objekte Traumelemente. Der Therapeut kann den Patienten
und Bilder der Außenwirklichkeit, um innerpsychi- fragen: »Was bedeutet der Hund symbolisch? Was ist
sche Beziehungen zu veranschaulichen. Erst wenn der Hund – symbolisch gesehen – für ein Anteil in
wir wissen, wie der Patient real mit der Freundin Ihnen?«
umging, wie real die Beziehung zur Ehefrau aussieht
! Die Frage nach der Symbolik führt zur
und welche Bedeutung real der Hund für ihn hat,
Subjektstufe
können wir dies alles auf die innere Dynamik, auf die
Bezogen auf ein subjektstufig zu verste-
Subjektstufe, anwenden.
hendes Traumelement führt die Frage
! Die reale Beziehung zu seinem Hund ist ein weiter: »Was bedeutet dieses symbolisch?
Abbild der Beziehung zwischen dem Ich Welcher psychische Anteil ist das symbo-
des Patienten und seinem animalischen lisch von Ihnen?«
16 Triebbereich, und hier speziell der Sexuali-
Der Patient konnte dann sagen, dass ein Hund von
tät. Der Hund symbolisiert nämlich sub-
Instinkten beherrscht wird und nicht – wie der
jektstufig eine animalische Schicht im
Mensch – von einem bewussten Willen. Er näherte
Träumer selbst.
sich darüber der symbolischen und subjektstufigen
Wie der Patient den Hund als Antidot (Gegenmittel) Bedeutung des Traumbildes Hund an.
gegen die Angst einsetzt, so ist auch die Sexualität bei Der Therapeut kann jetzt anschließen: »Was ist
ihm ein solches Gegenmittel. Dabei ging beim Pa- mit Ihrer Beziehung zu Ihrer Instinkt- und Triebba-
tienten die sexuelle Initiative meist vom Kopf aus, sis?« Es kann dem Patienten anhand des Traumes
ohne dass primär ein erotisches Gefühl oder eine vermittelt werden, dass nicht der Hund, also sein
Erektion da waren. So war es auch – das konnte der Triebbereich, krank ist, sondern sein Ich-Bewusst-
Patient bestätigen – im Traum. sein und dessen Beziehung zum Animalischen.
16.3 · Praxis Subjektstufe
157 16

Denn dem »Hund« fehlt nichts, dieser reagiert nahme: ich bin ich, und der andere im Traum ist ein
nur mit »Taumeligkeit« auf den unangemessenen, anderer.
kopfgesteuerten sexuellen Impuls. Der Patient kann Viele Menschen haben aber von jeher die Ah-
gar keine gute Beziehung zu seiner Animalität ha- nung, dass auch die anderen Traumpersonen mit
ben, denn er bemerkt gar nicht, dass der »Hund« im einem selber zu tun haben und sich eigene Wesens-
Grunde gesund ist. Auch der Arzt im Traum stellt ja züge in ihnen verstecken. Sie tendieren ohne wis-
keine organische Diagnose, sondern gibt einfach senschaftliche Kenntnisse zur Subjektstufe. Viel-
eine Spritze, wie das Ärzte oft tun. Der Hund hat nur, leicht haben solche Träume wie das folgende Bei-
wie das häufig im Verhältnis zwischen Mensch und spiel, in denen die sonst eher geheime Verbindung
Tier der Fall ist, die Neurose seines Herrchens über- zwischen dem Ich und einer anderen Figur offenbar
nommen. Auch der Patient interpretiert bei sich ist und im Klartext ausgedrückt wird, zur Sicht des
kleine körperliche Anzeichen häufig hypochon- Traumes als in verschiedene Teile auseinander ge-
drisch falsch. tretenes Eigenes, d. h. zum Ansatz der Subjektstufe,
Auch an die Bedeutung der Ex-Freundin – sub- angeregt.
jektstufig ein Animaaspekt – kann der Patient he-
! Wissen um die Identität des Träumers mit
rangeführt werden: »Gibt es in Ihnen auch so eine
anderen Gestalten im Traum
Stimme, die sagt, dass sie keine pure Sexualität mehr
In manchen Träumen besteht ein direktes
will?«
Wissen darüber, dass der Träumer mit
Ja, diese Stimme ist im Patienten in den letzten
den verschiedenen Traumfiguren und
Jahren immer vernehmlicher geworden. Und da-
–elementen identisch ist. Solche Träume
durch, dass er jetzt die ehemalige Freundin subjekt-
sind klare Argumente für die Berechtigung
stufig als einen Standpunkt seines eigenen keimen-
der subjektstufigen Betrachtungsweise.
den Fühlens erkennen kann, wird diese Position
weiter gestärkt.
Schließlich kann der Patient durch entsprechen- Beispiel
de Fragen dahin geführt werden, dass er dieses Wis- Der folgende Traum eines 30-jährigen Patien-
sen einer »weiblichen« und erdverbundenen Seite in ten bietet sich für die Arbeit auf der Subjekt-
sich hat (symbolisiert durch die Ehefrau), dass sein stufe an und zeigt unverhüllt die Identität des
Sexualtrieb normal ist und er nur keine wirkliche Traum-Ich mit dem im Traum vorkommenden
Beziehung dazu hat. In den Traumworten der Ehe- Roboter.
frau: Er selbst »spinnt«, nicht der Hund.

Subjektstufe im Klartext Traumbeispiel 19


Wissen um die Identität von Träumer und anderen Ich bin dagelegen, war eine Art Roboter. Ich
Traumfiguren. Es gibt Träume, die uns das subjekt- habe mich selbst gesehen mit einem Knopf am
stufige Verständnis direkt nahe legen. Sie sind mit Körper, wo man ein- und ausschalten konnte.
dem unmittelbaren Wissen verbunden, dass ich als Ich habe jemandem demonstriert, wie das
Träumer gleichzeitig die andere Person im Traum bin. geht. Bei kurzem Einschalten gab es eine kurze
Auch wenn es eine logische Unmöglichkeit ist, kommt Bewegung.
so etwas doch immer wieder in Träumen vor. Dann
hat der Träumer das »Gefühl« oder das direkte Wis-
sen, dass der oder die andere er selbst ist, auch wenn In diesem Traum ist der Patient gleichsam doppelt
die Gestalt anders aussieht oder ein anderer ist. vorhanden: als Roboter und als er selbst in seiner
Solche Träume schaffen einen Übergang zu den gewohnten Rolle, in der er den Roboter betrachtet
viel häufigeren Träumen, in denen ein derartiger und steuert. Gleichzeitig weiß er, dass er aber auch
Zugang zu den anderen Traumelementen, ein sol- der Roboter ist.
ches Wissen um die Identität mit ihnen, nicht be-
steht. In diesen besteht die selbstverständliche An-
158 Kapitel 16 · Subjektstufe und Objektstufe – Der Traum zwischen innerer und äußerer Wirklichkeit

Warum besteht nicht immer das Wissen um die Patienten hinweist, kann dieser Zusammenhang im
Identität mit den anderen Traumfiguren? Wenn aus Gespräch auch voll ins Bewusstsein gehoben wer-
subjektstufiger Sicht der Träumer alle Personen und den.
Objekte des Traumes selber ist, warum ist einem Sonst müssen Widerstandsphänomene respek-
dann nicht immer die Identität mit anderen Traum- tiert werden. Meist gibt der Traum selbst Hinweise,
personen klar? Und warum ist in diesem Traum nur ob ein Inhalt assimilierbar ist oder nicht. In diesem
die Identität zwischen Traum-Ich und Roboter und Fall erhält der Therapeut vom Traum her grünes
nicht die zwischen Traum-Ich und der weiteren an- Licht.
wesenden Person bewusst? Warum ist in den meis-
! Hintergrundwissen für den Therapeuten
ten Träumen überhaupt kein Wissen vorhanden,
Macht der Traum eine so deutliche Aus-
dass ich der ganze Traum selber bin?
sage wie in diesem Fall, bedeutet das, dass
Bezogen auf den obigen Traum liegt die Antwort
diese subjektstufige Sicht voll besprochen
darin, dass die Erkenntnis, der Träumer sei in ir-
werden kann. Das Bewusstsein des Patien-
gendeiner Hinsicht wie ein Roboter, zur Bewusst-
ten ist reif für die Einsicht, wenn der Traum
werdung ansteht. Sie ist bereits relativ ichnah und
eine solch direkte Sprache wählt. Hier
liegt vor allem ichnäher als die anderen geheimen
heißt das, dass die Botschaft, dass sich der
Identitäten im Traum.
Patient in bestimmter Hinsicht wie ein Ro-
Die sonstigen, viel häufigeren Träume, in de-
boter verhält, relativ bewusstseinsnah ist,
nen der Zusammenhang zu den dem Traum-Ich
bewusst werden soll und vom Ich verkraf-
begegnenden Elementen nicht direkt auf der Hand
tet werden kann.
liegt, spiegeln offenbar die Tatsache, dass diese
Elemente dem Träumer sehr unbewusst sind; sie Klärung der Traumfakten. In einem ersten Schritt
sind ichferner. bietet es sich an, sich den Traum im Detail zu
Der hier behandelte Traum mit einem Aspekt der vergegenwärtigen. Ich ließ mir vom Patienten durch
Subjektstufe im Klartext stellt also einen Kontrast dar Nachfragen verdeutlichen, dass der Träumer im
zu den Träumen mit deutlich vom Traum-Ich unter- Traum doppelt vorhanden war, dass er bei der
schiedenen, ichferneren Gestalten und Objekten. Er Demonstration neben dem Bett stand und dass der
verwendet einen Kunstgriff, ein eindringliches Sig- Roboter bis auf den Knopf an der Schulter aussah
nal, um das Bewusstsein mit dem zu integrierenden wie er selbst. Er sei auch stolz darauf gewesen, so
Inhalt vertraut zu machen. In solchen Träumen wird etwas dem Anderen vorführen zu können.
man direkt mit der Nase auf das gestoßen, was als
! Verdeutlichung der Traumszene
eigener Anteil bewusst werden soll.
Bei der Traumbesprechung ist es zuerst
notwendig, die Traumszene ganz zu klä-
Die Ausgangslage des Bewusstseins zu diesem
ren, bis der Therapeut sie sich plastisch
Traum. Der Patient, der ansonsten ein gutes Sym-
vorstellen kann. Das ist die Basis für alles
bolverständnis hatte und der den Sinn seiner Träu-
weitere Arbeiten und das subjektstufige
16 me oft intuitiv erfasste, konnte sich erst auf diesen
Fragen.
Traum keinen Reim machen. Das lässt sich als Wi-
derstand verstehen, der aber nur milde ausgeprägt Bei einem archäologischen Fund ist es auch vor-
war und im Dialog leicht überwunden werden dringlich, den Gegenstand aus dem Erdreich her-
konnte. Vielleicht ist der Traum deshalb so deutlich auszupräparieren, von Auflagerungen zu befreien
geworden, weil der Patient hier vor einer wichtigen, und das Material in seiner Tatsächlichkeit zu asser-
zur Bewusstwerdung drängenden Erkenntnis zu- vieren, zu sichern und aufzubewahren. Erst dann
rückscheute, nämlich dass er selber in irgendeiner kann darangegangen werden, die Bedeutung des
Weise roboterhaft ist. Fundes zu verstehen, z. B. eine Hieroglyphenschrift
zu entziffern und zu übersetzen.
Wie kann mit diesem Traum gearbeitet werden? Da Bleiben Unschärfen und Unklarheiten bei einem
der Traum so deutlich auf die Roboterhaftigkeit des solchen Klärungsversuch des Traumgeschehens be-
16.3 · Praxis Subjektstufe
159 16

stehen, dann haben diese eine Bedeutung. Hier war Ausdruck in seiner Bedeutung geklärt und
es z. B. unklar, wer der oder die weitere Anwesende verstanden werden. Erst dann kann der
war. Das weist auf eine hohe Unbewusstheit bezogen Träumer diesen Inhalt auf sich beziehen
auf diese (innere) Figur hin. und sich fragen, in welcher Hinsicht dieses
Ich hebe dieses Klären der Fakten im Traum be- Traumdetail auf ihn zutrifft.
sonders hervor, weil ich aus meiner Supervisionstä-
tigkeit erfahren habe, dass dies nicht selbstverständ- Hier ist also zuerst mit dem Patienten im Gespräch
lich ist. Oft glaubt der Behandler schon zu verstehen, zu klären, was ein Roboter symbolisch ist. Für den
wie der Patient es meint und fragt nicht nach. Oder Patienten war das Wesentliche des Roboters das Me-
er ergänzt Fehlendes und Unverständliches automa- chanische. Es sei eine Maschine, die mechanische
tisch, ohne sich dessen bewusst zu sein. Hier ist eine Handlungsabläufe verrichten kann.
hohe Aufmerksamkeit und Selbstkritik erforderlich. Das kann der Therapeut aufgreifen: »Wo gibt es
Fragt der Therapeut dann bei Unklarheiten nach, ist Mechanisches bei Ihnen? Wo gibt es bei Ihnen Ver-
er oft überrascht, dass der Patient die Auslassungen haltensstereotypien?«
ganz anders ergänzt. Jetzt kam der Patient auf seine Arbeit zu spre-
chen, die er nicht liebe, die Mittel zum Zweck sei,
! Kleine Änderungen oder geringfügiges
nämlich Geld zu verdienen. Als Besitzer eines
Missverstehen des Traumes können sich
Restaurants könne er und müsse er »wie auf
dabei als großer Bedeutungsunterschied
Knopfdruck« sein schlechtes Befinden zurück-
auswirken.
stellen und seine Gefühle und Launen einem rei-
Es ist also notwendig, das Traummaterial erst einmal bungslosen Funktionieren opfern. Manchmal
zu sichern. Entweder liegt uns eine Aufzeichnung wünsche er sich, wie der Roboter Data im Raum-
des Patienten vor, oder wir schreiben selber mit. Die- schiff Enterprise zu sein, der durch Gefühle nicht
ser Traumtext muss dann noch auf diejenigen Punk- behelligt werde.
te hin abgeklopft werden, die für den Behandler so Dies ist ein interessanter Einfall, denn der Robo-
nicht nachvollziehbar sind. Erst dann haben wir eine ter Data versucht, menschliche Eigenschaften wie
Basis und das Ausgangsmaterial für das weitere Ar- Humor und Lachen zu erringen. Auch der Patient,
beiten. der offenbar oft roboterhaft reagiert, muss in man-
cher Hinsicht mehr Menschliches und Gefühlshaftes
Welche subjektstufigen Fragen ergeben sich vom in seinem Leben entwickeln.
Traum her? In medias res der Bedeutung des Trau-
mes zielt die Frage: »Im Traum werden Sie als Robo- Zusammenfassung der subjektstufigen Bedeutung
ter dargestellt. In welcher Hinsicht sind Sie wie ein dieses Traumes. Dem Patienten wurde im Gespräch
Roboter?« bewusst, dass er vielfach dazu tendiert, wie ein Ro-
Zu dieser Frage fiel dem Patienten zunächst nichts boter zu funktionieren. Dies gilt im privaten noch
ein. Nicht einmal die Präzisierung half: »Wo sind Sie stärker als im beruflichen Bereich. Er ist da bemüht,
auf ein robotermäßiges Funktionieren reduziert?« wie auf Knopfdruck den für ihn negativen Gefühls-
Dann ist es ratsam, erst einmal eine Stufe zu- bereich abzuschalten.
rückzugehen und zu erfragen, was ein Roboter ist, Das war bisher ein Schutzmechanismus, weil die
was der Patient unter einem Roboter versteht. Wofür verdrängten negativen Gefühle mit seiner sehr trau-
ist der Roboter ein bildhafter Ausdruck? matischen Biographie in Verbindung stehen. Diese
Gefühle drohten ihn zu überwältigen: deshalb der
! Was bedeuten die Elemente eines Traumes Knopf zum Abschalten und das stereotype Verhal-
symbolisch? ten. Eine Zeit lang kann der Patient wie ein Roboter
Für das subjektstufige Verstehen eines funktionieren, und er ist sogar stolz darauf (wie er im
Traumes sollte als Erstes das vorkommende Traum zum Ausdruck bringt), doch die nicht zuge-
Symbol bzw. der vorkommende bildhafte lassenen Gefühle hatten eine Depression erzeugt
6 und ihn letzten Endes zur Therapie geführt.
160 Kapitel 16 · Subjektstufe und Objektstufe – Der Traum zwischen innerer und äußerer Wirklichkeit

Kompensation. Der Traum ist auch unter dem As-


pekt der Kompensation zu verstehen (7 Kap. 15). Er ist von einer 26-jährigen Patientin mit MS,
Dem Patienten war bisher das Mechanisierte seines die zudem eine Essstörung hat und sich zu dick
Tuns und die Tatsache, dass er Triggerpunkte (Aus- vorkommt. Objektiv hat sie aber kaum Überge-
löser) hat, aufgrund derer er sich als Mensch sus- wicht. Von diesem Thema, das bei ihr überwer-
pendiert und roboterartig wird, nicht bewusst. Die tig ist und sie den ganzen Tag beschäftigen
Triggerpunkte bestehen in wunden Stellen, die – kann – vor allem im Sommer, wenn sie sich bei
wenn sie zufällig berührt werden (wie der Knopf an leichter Bekleidung durch das schlanke Ausse-
der Schulter im Traum) – bei ihm ein »Zumachen« hen anderer Frauen besonders minderwertig
bewirken. fühlt – handelt auch der Traum.
Der Traum in seiner Eindringlichkeit und Direkt-
heit kompensiert den Mangel an Bewusstheit darüber
und führt dem Patienten vor Augen, wie er ist. Traumbeispiel 20
Ich war irgendwo. Hinter mir saßen Bekannte,
Inwiefern führt der Traum den Patienten weiter? die über mich abfällig redeten, dass ich so aus-
Da er im Grunde kein Roboter sein will, sollte der einander gegangen, in die Breite gegangen sei.
Patient darauf achten, wann er roboterhaft wird und Ich bin zu denen und habe sie zur Rede ge-
welche Gefühle er damit unterdrückt. Er kann den stellt. Ich fand es nicht gut, dass sie so ober-
roboterartigen Anteil seiner Persönlichkeit nur über- flächlich, nur vom Äußeren her über mich ur-
winden, wenn er sich all seinen Komplexen und den teilten.
dazugehörigen unangenehmen Emotionen stellt.

Subjektstufenarbeit und Rücknahme Die Patientin ist tatsächlich ständig auf der Hut, dass
der Projektion schlecht über sie geredet werden könnte, dass man
sich über ihr – ihrer Meinung nach – unförmiges
! Andere Traumpersonen sind unsere »Pro-
Äußeres lustig machen könnte. So fühlt sie sich auch
jektionen«
von Arbeitskollegen leicht in die Enge getrieben,
Die Arbeitsebene der Subjektstufe beim
wenn nur irgendein Wort fällt, das sie als Anspielung
Traum kann auch dazu dienen, Projektio-
auf ihr vermeintliches Dicksein verstehen kann.
nen zu erkennen und zurückzunehmen.
Von dieser objektstufigen Betrachtung her bringt
Ähnlich wie man im Traum eigene Anteile an ande- der Traum nichts Neues. Die angesprochenen The-
re Traumpersonen delegiert (die in der Subjektstu- men waren schon wiederholt Gegenstand der The-
fenarbeit erst wieder als eigene Anteile erkannt wer- rapie. Dieser Traum bringt nur einen Erkenntnis-
den), so wird man auch im täglichen Leben projektiv gewinn, wenn er subjektstufig behandelt wird.
Eigenes anderen »in die Schuhe schieben«, d. h. bei
einem selbst nicht ins Bewusstsein zugelassene We- Wie kann mit diesem Traum subjektstufig gearbei-
16 senszüge nur an anderen wahrnehmen. Am Traum tet werden? Die Bekannten im Traum konnten nicht
können solche Projektionen plausibel gemacht und als real bekannte Personen identifiziert werden. Es
in Aha-Erlebnissen peu à peu aufgelöst werden. waren nur im Traum Bekannte. Es sind also – sub-
jektstufig – innere Bekannte, Aspekte der eigenen
Beispiel Psyche, die dem Ich-Bewusstsein nicht völlig fremd,
Hier ist ein kurzer, scheinbar banaler Traum, andererseits aber von ihm unterschieden, d. h. noch
wie er oft vorkommt. Nur auf der Subjektstufen- nicht völlig bewusst gemacht und integriert sind.
ebene erhält er seine umfassende Bedeutung So kann der Therapeut nun fragen: »Ist diese
und macht im Rahmen des Behandlungspro- Art, abschätzig zu urteilen, vielleicht etwas Ihnen Be-
zesses Sinn. kanntes? Kennen Sie das von sich? Inwiefern haben
6 Sie solche Anteile in sich? Werten Sie sich z. B. selber
schnell ab?«
16.3 · Praxis Subjektstufe
161 16

Die Patientin konnte erkennen, dass sie eine wahrnimmt, und sie bekam einen Zugang zu ihren
solche Ecke in sich hat. Sie hat etwas Überkriti- negativen Wertungen sich selbst und anderen gegen-
sches und denkt leicht negativ. Sie mag sich selber über.
nicht, wenn nach ihren Maßstäben nicht alles per-
fekt ist. Die Übertragungsebene. Wie noch genau darge-
stellt werden wird (7 Kap. 23), werden solche Traum-
! Die abschätzigen Bekannten sind subjekt-
inhalte (wie hier die abfällig urteilenden Bekannten)
stufig also ein Aspekt von ihr selbst. Dieser
immer auch auf den Therapeuten projiziert. Wenn
Aspekt wird aber normalerweise auf die
eine Vertrauensbeziehung gewachsen ist, können
Umgebung projiziert. Die Patientin wittert
diese negativen Übertragungsinhalte vorsichtig an-
solch ein Verhalten ständig außen.
gesprochen werden: »Geht es Ihnen hier auch
Diese subjektstufigen Fragen trafen ins Schwarze des manchmal so, dass sie sich fragen, ob Sie von mir
Problems. Die Patientin war sehr berührt und wein- negativ beurteilt werden?«
te. Es war für sie ein sehr belastendes Thema, was ihr Dadurch konnte sich die Patientin klarmachen,
in diesem Gespräch emotional nahe kam. dass sich bei ihr ab und zu solche Befürchtungen in
Sie hat allerdings auch eine gesunde Seite diesem Bezug auf den Therapeuten einschleichen. Vielleicht
Komplex gegenüber, indem sie von ihren bewussten würde ich denken – so konnte sie einräumen –, dass
Vorsätzen her nicht so oberflächlich werten will. sich bei diesem leidigen und an sich lächerlichen
Dies kann positiv konnotiert, d. h. positiv angemerkt Thema bei ihr nichts verändern würde, dass sie nicht
und damit bestärkt werden. Doch der Komplex (sich genügend Fortschritte mache usw.
minderwertig zu fühlen und sich negativ zu bewer- Wenn ihr dann in der Arbeit am Traum deutlich
ten) ist sehr tief sitzend und setzt sich oft gegen die wird, dass sie selbst solche kritischen Gedanken hat,
bewussten Absichten durch. kann sie am lebendigen, konkreten Fall ihr Projizie-
Er setzt sich auch in der Weise durch, dass die ren und den Ursprung solcher Gedanken in sich
Patientin diese Abwertungen durch Projektion von erkennen. Dann ist sie ein Bewusstseinsschrittchen
außen kommend erlebt. Die eigenen – weitgehend weiter.
unbewussten – negativen Gedanken kommen als
Bumerang von außen in Form von Befürchtungen Die Realisierung der Subjektstufe im konkreten
und Misstrauen bezogen auf andere Menschen zu Lebensalltag
ihr zurück. Von der subjektstufigen Hypothese zum Beweis im
Alltag. Das subjektstufige Verstehen eines Traumes
! Die Einsicht in die Subjektstufe macht die
bleibt zunächst eine Hypothese. Erst wenn der Pa-
Rücknahme der Projektionen möglich
tient den subjektstufigen Inhalt in seinem täglichen
Die subjektstufigen Inhalte der Träume
Leben wieder erkennt, wenn er ihn konkret im Den-
spiegeln häufig Projektionen wider, die auf
ken, Fühlen und Erleben erfahren kann, hat er einen
die Außenwelt gemacht werden. Das volle
wirklichen Zugang zu dieser inneren Energie be-
subjektstufige Verstehen des Traumes geht
kommen.
dann mit einer Aufhebung der Projektions-
Das heißt bezogen auf das vorangegangene
tendenz nach außen einher. Wenn der Pa-
Traumbeispiel: Wenn die Patientin realisiert, dass die
tient diese Inhalte als eigene erkennen
Bekannten, die abfällig urteilen, ihre eigenen negati-
kann, muss er sie nicht mehr projizieren.
ven Selbstbewertungen, also Aktivitäten von ihr
Natürlich gelingt die Rücknahme einer lange einge- selbst sind, und wenn sie diese Wertungen konkret in
schliffenen Projektionstendenz nicht durch ein ein- sich dingfest machen kann, sich sozusagen in flag-
zelnes Traumgespräch. Aber es wurde hier ein An- ranti ertappen kann, ist die Theorie in die Praxis um-
fang gemacht, und jeder subjektstufig bearbeitete gesetzt.
Traum ermöglicht einen weiteren Schritt in diese
Richtung. Zumindest schwante nun der Patientin,
dass sie die Welt durch die Brille ihres Komplexes
162 Kapitel 16 · Subjektstufe und Objektstufe – Der Traum zwischen innerer und äußerer Wirklichkeit

! Die Realisierung Traumerzählung den größten Raum ein und rief


Die subjektstufige Hypothese wird erst auch die stärkste Emotionalität bei der Patientin
fruchtbar, wenn sie vom Patienten konkret hervor.
umgesetzt wird. Dazu sollte sie mit Bei- Um den Anschluss an die subjektstufige Bedeu-
spielen aus seiner aktuellen Erfahrung be- tung des Traumes zu finden, wäre es aber wenig
legt werden. Sie wird wirksam, wenn sie hilfreich, wenn der Therapeut vorpreschen würde:
sowohl eingesehen als auch im Leben ver- »Diese Frau im Traum, die sich nicht kümmert,
wirklicht, in greifbare Realität umgemünzt das sind Sie selber.« Denn als Traum-Ich nimmt sich
wird. Es ist also erforderlich, dass die sub- die Patientin der Kinder an. Und mit dieser Seite
jektstufige Hypothese in einem doppelten von ihr (dass sie für ihre eigenen Kinder gut sorgt)
Sinne realisiert wird. ist sie auch bewusst identifiziert. Nicht bewusst
ist ihr bisher, dass sie auch einen Anteil in sich hat
Beispiel – im Traum subjektstufig dargestellt durch die ver-
Dies soll am folgenden Traumbeispiel verdeut- nachlässigende Mutter –, der nicht die Verantwor-
licht werden. Es ist der Traum einer 41-jährigen tung für die Kinder übernehmen will. Die »Kinder«
Patientin, Mutter von einer erwachsenen und im Traum stehen einerseits objektstufig für reale
drei fast erwachsenen Töchtern. Vor kurzem Schutzbefohlene und andererseits subjektstufig
war die Patientin nach einer Zeit der Trennung für kindhafte Elemente in der Patientin selbst,
– eine Tochter war bei ihr, zwei waren beim die der Pflege bedürfen und behütet werden müs-
Vater geblieben, eine ist bereits verheiratet sen.
und außer Haus – wieder mit ihrem Mann und Die subjektstufige Hypothese sollte nicht als
drei Töchtern in einen gemeinsamen Haushalt Deutung dem Patienten übergestülpt oder suggeriert
gezogen. werden. Sondern die Bedeutung des Traumes wird
gemeinsam mit dem Patienten erarbeitet. Der Pa-
tient kann so die Bedeutung auf der Subjektstufen-
Traumbeispiel 21 (gekürzt) ebene aus eigener Kraft realisieren, d. h. einsehen
Mehrere Frauen sind da, zum Teil haben sie die und durch aktuelle Erfahrungen konkretisieren.
Gesichter meiner Töchter. Eine Frau hat drei
! Gemeinsames Erarbeiten der subjektstufi-
kleine Kinder, eins davon im Kinderwagen. Die
gen Bedeutung statt Deutungen des The-
Frau kümmerte sich nicht um die Kinder. Wir
rapeuten
waren beim Einkaufen im Supermarkt. Ich habe
Der Therapeut sollte in der Regel dem Pa-
mich um die Kinder gekümmert, den Kinder-
tienten die Subjektstufe nicht übersetzen,
wagen geschoben und mich auch um die an-
d. h. er sollte nicht deuten. Dagegen kann
deren Kinder gekümmert. Ich habe ein paar
durch Fragen, die auf einer subjektstufigen
Mal zu der Frau gesagt: »Die tun sich doch weh.
Hypothese beruhen, gemeinsam mit dem
Willst du nicht nach denen gucken?« Sie sagte:
Patienten die Bedeutung erarbeitet wer-
16 »Nee, lass sie doch einfach«. ...
den. Der Patient trägt damit entscheidend
zum Herausfinden der Bedeutung des
Traumes bei und füllt sie mit konkretem
Beim Aufwachen war bei der Patientin noch ein Är-
Inhalt.
ger auf diese Frau spürbar, die sich nicht um ihre
Kinder kümmerte, die darauf wartete, dass jemand Die Frage lässt dem Patienten die Richtung, wie der
kommt und Ordnung schafft. Trauminhalt zu verstehen ist, offen. Darüber hin-
aus gibt die Frage im Unterschied zur kategori-
Wie kann dieser Traum subjektstufig realisiert schen Deutung dem Patienten die Möglichkeit, aus
werden? Das Hauptsignal des Traumes scheint in derzeit nicht überwindbaren Widerstandsgründen
der Frau mit den kleinen Kindern zu liegen, auf die ganz zu verneinen und sich dem Trauminhalt zu
wir uns jetzt konzentrieren wollen. Sie nimmt in der verschließen.
16.3 · Praxis Subjektstufe
163 16

In unserem Beispiel kann gefragt werden: »Wo Sie ein Gefühl dafür? Wissen Sie um diese Seite in
verhalten Sie sich aktuell so, dass Sie darauf warten, sich und wie gehen Sie mit dieser Seite um?«
dass jemand kommt und alles in Ordnung bringt?« Erst jetzt konnte die Patientin die volle subjekt-
Denn darüber ärgerte sich ja die Patientin im Traum stufige Bedeutung realisieren. Es wurde ihr klar, dass
und nach dem Aufwachen am meisten. Oder man sie aus Pflichtgefühl vom Ich her alles in die Hand
fragt: »Wo gibt es so eine Seite wie diese Frau in Ih- nimmt, um sich mit dieser etwas chaotischen Seite
nen, über die Sie sich ärgern? Wo lassen Sie etwas in sich nicht auseinander zu setzen. Sie kompensiert
schleifen, wo gucken Sie aktuell nicht nach dem also durch Ordentlichkeit eine innere Unzuverläs-
Rechten, wo Sie eigentlich die Dinge in die Hand sigkeit und Nachlässigkeit. So sympathisiert sie auch
nehmen könnten?« insgeheim mit der Unordentlichkeit der Familie und
Der Patientin fiel dazu ein, dass es in der wieder kann dem nicht Einhalt gebieten, weil sie den äuße-
zusammengefundenen Familie zurzeit noch nicht ren Konflikt ebenso wie den inneren scheut.
gut laufe. Eigentlich müsste sie einen Familienrat Dass diese Einsicht wirklich angekommen war,
einberufen, damit die Aufgaben verteilt werden kön- zeigt sich in der Äußerung der Patientin: »Ja, deshalb
nen. Sie scheue sich aber davor, weil das schwierig fühle ich mich gleich angegriffen und schuldbe-
werde. Sie habe Angst vor Auseinandersetzungen, wusst, wenn jemand auf eine nicht getane Arbeit im
Reibereien und Spannungen. Sie hatte gehofft, dass Haushalt hinweist, z. B. dass noch nicht geputzt wor-
die Dinge sich von alleine regeln würden. Damit hat den ist.« Die unbewusste nachlässige Frau in ihr
die Patientin die subjektstufige These, dass sie die fühlt sich getroffen. Weil sie diese nicht integrierte
Frau im Traum selber ist, an einem konkreten Bei- Seite in sich hat, ist sie empfindlich.
spiel realisiert. Der Traum als innere Dynamik ist ihr
! Realisierung des subjektstufigen Inhalts
jetzt zugänglich geworden.
Der Inhalt des Traumes, der subjektstufig
Aber nicht nur in der Familie hat die Patientin
verstanden werden soll, muss in der Bezie-
Angst vor Streitigkeiten. Auch im Traum scheut sie
hung des Patienten zur Außenwelt und
die Auseinandersetzung mit der Frau. So kann der
letzten Endes in seinem inneren Erleben,
Therapeut einhaken: »Ja, außer einem zaghaften
im inneren Umgang mit sich selbst, aufge-
Hinweis, dass die Kinder sich wehtun, regeln Sie lie-
funden werden. Erst durch dieses Konkret-
ber alles selber, als mit der Frau wegen der Vernach-
werden am lebendigen Beispiel wird die
lässigung (ein Kind ist noch im Kinderwagenalter!)
Subjektstufe vom Patienten realisiert.
in einen intensiven Dialog zu treten.« Hier kam her-
aus, dass die Patientin auch zu Hause lieber alle Ar- Wir sehen an diesem Beispiel, wie verwoben Sub-
beiten selber mache, anstatt den Missstand aufs Ta- jektstufen- und Objektstufenarbeit sind und dass wir
pet zu bringen. Sie rege sich aber innerlich dabei auf immer wieder von einer Arbeitsebene zur anderen
und sei unzufrieden. pendeln können.
Der Patientin fiel nun überhaupt erst auf, wie sie
sich im Traum der allzu unbekümmerten Frau ge- Wie kann die Integration des subjektstufigen In-
genüber verhält. Und sie konnte sich in ihrem be- halts gefördert werden? Die Arbeit auf der Subjekt-
wussten Handeln wieder erkennen, nachdem der stufenebene geht aber noch weiter. Ist der subjekt-
Traum ihr ihre Art und Weise des Umgangs mit an- stufige Inhalt erst einmal im eigenen Inneren
deren gespiegelt hatte. identifiziert (hier die nachlässige oder chaotische
Nachdem ihr deutlich gemacht wurde, dass sie Schattenseite der Patientin) und gefühlsmäßig
durch ihr Verhalten, den anderen alles abzunehmen nahegerückt, beginnt erst die Auseinandersetzung
(der Familie in der Außenrealität wie auch der Frau und Integration dieses Inhalts.
im Traum), diese anderen damit geradezu verführt, Wie kann die Patientin diese abgespaltene und
es sich bequem zu machen, konnte nun wieder zur ungeliebte Schattenseite assimilieren, d. h. voll be-
subjektstufigen Betrachtung der nicht adäquat sor- wusst machen und damit integrieren? Denn dass sie
genden Frau übergegangen werden: »Haben Sie ei- abgespalten und ichferner ist, wird daran deutlich,
nen Bezug zu der nachlässigen Frau in Ihnen, haben dass diese mit dem Bewusstsein inkompatiblen Ei-
164 Kapitel 16 · Subjektstufe und Objektstufe – Der Traum zwischen innerer und äußerer Wirklichkeit

genschaften nicht am Traum-Ich auftauchen – dieses


verhält sich ordentlich –, sondern delegiert an eine
der Traumfiguren.
! Die relative Ich-Ferne der subjektstufigen
Inhalte, die im Traum als andere Personen
auftreten
Die Inhalte und Eigenschaften, die nicht
als Attribut des Traum-Ich erscheinen,
sondern an andere Personen im Traum
delegiert sind, sind im Allgemeinen ich-
ferner und weiter weg vom Bewusstsein
als solche, die dem Traum-Ich zugehörig
sind. Diese ichferneren Inhalte sind nicht-
integrierte Energien, die durch Subjekt-
stufenarbeit »zurückgeholt« und dem Be-
wusstsein assimiliert werden können.

Als Erstes war es wichtig, dass die Patientin einen


Zugang dazu bekam, dass sie diese unordentliche
Seite in sich ablehnt. Sie konnte sich eingestehen:
»Ich mag diese Seite nicht; ich mag mich nicht, wenn
ich keine Lust zum Arbeiten habe und nichts auf die
Reihe bekomme.«
Dann kann die Anregung erfolgen, dass sie sich
für diesen Part in sich mehr interessieren und dem
positiv und wohlwollend begegnen könnte. Denn
wenn sie ihn ablehnt, wird sie die Tendenz haben,
ihn auszublenden.
Der Therapeut kann vorschlagen: »Sie hätten
sich z. B. im Traum mehr für die Frau interessieren
können, warum sie sich so verhält. Es muss einen
Grund haben, vielleicht aus Überforderung. Dass sie
ihre Kinder vernachlässigt, ist in gewisser Weise ein
Symptom, ein Hilferuf. Genauso könnten Sie sich für
diese Seite in sich interessieren.«
Durch solche Interventionen wird nicht nur das
16 Ich-Bewusstsein, sondern auch das Unbewusste an-
geregt. Die nächsten Träume könnten Näheres über
diese abgelehnte Seite zeigen. Der Prozess der Annä-
herung an diesen Inhalt wird gefördert. Die Traum-
beispiele zur Subjektstufenarbeit ließen sich endlos
vermehren. Wir wollen es aber hierbei belassen, da
in den folgenden Kapiteln immer wieder auch die
Dimension der Subjektstufe angesprochen wird. Sie
ist die Basis für viele andere Aspekte der Traum-
arbeit.
17

17 Kausalität und Finalität –


Ursachen aus Vergangenheit
und Zukunft
17.1 Methodik – 166
17.1.1 Woher und wohin? – Kausale und finale Betrachtungsweise
der Träume – 167
17.1.2 Träume als Entwicklungsratgeber – Final-orientierte Traumarbeit – 168
17.1.3 Der Blick in die Zukunft – Die Prospektivität im Traum – 170

17.2 Praxis Kausalität – 171


17.2.1 Signale aus der Vergangenheit – 171
17.2.2 Beispiele aus der therapeutischen Praxis – 172

17.3 Praxis Finalität – 177


17.3.1 Entwicklungswege erkennen – Der final-prospektive Aspekt
der Traumarbeit – 177
17.3.2 Beispiele aus der therapeutischen Praxis – 178
166 Kapitel 17 · Kausalität und Finalität – Ursachen aus Vergangenheit und Zukunft

17.1 Methodik Beispiel


Wenn wir zum Bäcker gehen, um Brötchen zu
Das Kausalitätsprinzip, nach dem alles Geschehen
kaufen, ist die Ursache dieses Spazierganges
durch Ursache und Wirkung verknüpft ist, ist zwar
weder in der Muskelphysiologie des Körpers
in unserem wissenschaftlichen Denken noch im-
noch in einem äußerlich sichtbaren kausalen
mer der fast unbestrittene Herrscher, doch viele
Anlass zu finden, sondern einzig in der geis-
Wissenschaften kommen heute ohne das dazu po-
tigen Vorstellung eines Frühstücks mit Bröt-
lar ergänzende Prinzip, das der Finalität, nicht
chen. Die motivierende Ursache, das Frühstück
mehr aus. Was bedeutet Finalität im Vergleich zu
mit Brötchen, ist dabei noch gar keine Jetzt-
Kausalität? Was ist mit dem finalen Gesichtspunkt
Realität, sondern eine zukünftige Zielvorstel-
gemeint?
lung.

Definition
Kausalität und Finalität Kausalursache und Finalursache. Schon Aristoteles
Von Kausalität sprechen wir, wenn wir psychi- kannte diese Finalursache (causa finalis), die er ne-
sche Gegebenheiten (wie z. B. Träume oder ben andere Ursachen, wie die bekannte Kausalur-
Symptome) unter dem Aspekt der bedingen- sache (causa efficiens), stellte.
den Ursachen aus der Vergangenheit (Kausal- Während die finale Betrachtungsweise früher im
ursachen) betrachten. Weltbild der Menschheit selbstverständlich war, ist
Unter Finalität dagegen wird eine Entwick- sie besonders seit dem 19. Jahrhundert im Zuge der
lungstendenz verstanden, deren Ursache sozu- materialistisch-mechanistisch ausgerichteten Na-
sagen in der Zukunft liegt und die von dort ins turwissenschaften weitgehend verloren gegangen.
Jetzt hineinwirkt. Genauer: das potentiell Er- Doch seit einiger Zeit wird die Notwendigkeit er-
reichbare, das Anzustrebende, der angepeilte kannt, den finalen Gedanken wieder einzuführen, so
Endzweck ist eine Wirkursache, die im Hier und z. B. in der Evolutionstheorie wie überhaupt in der
Heute Einfluss nimmt und eine motivierende Biologie, in der Quantenphysik und in der Kosmo-
Kraft entfaltet (. Abb. 17.1). logie.

Wozu? Wohin?
Wie geht es weiter?

Finalität
17

Kausalität
Woher? Warum?
Aufgrund welcher
Ursachen?

. Abb. 17.1. Kausalität und Finalitä


17.1 · Methodik
167 17

Kausalursachen Traum Finalursachen

Gegenwart
Wirkfaktoren aus der Vergangenheit: Wikfaktoren aus der »Zukunft«:
Biographisches, Traumata, Komplexe angestrebte Veränderung, Ziel

. Abb. 17.2. Kausal- und Finalursachen des Traumes

Beispiele aus der Biologie. In der Evolution ist z. B. 17.1.1 Woher und wohin? – Kausale
das Entstehen eines solch komplizierten Organs wie und finale Betrachtungsweise
das des Säugetierauges nicht allein durch kausale Ur- der Träume
sachen wie Mutation, Selektion usw. erklärbar.
Wahrscheinlichkeitsrechnungen haben ergeben, Der Traum hat einerseits kausale Ursachen und ver-
dass eine solche Höherentwicklung nahezu unendli- folgt andererseits einen finalen Zwecksinn. So wie
che Zeiträume benötigen würde. Ohne eine teleolo- ein Kind zwei Elternteile hat, Mutter und Vater, so
gische, d. h. zweck- und zielgerichtete Entwicklungs- hat der Traum als Eltern und Ursache seines Entste-
tendenz als wesentlichen Faktor in der Stammesge- hens die beiden Prinzipien Kausalität und Finalität.
schichte kommen wir mit unseren wissenschaftlichen Die Kausalität stellt die Daten der Vergangenheit
Erklärungsversuchen nicht zurecht. und die materielle Grundlage bereit. Die Finalität
Schon die Umwandlung einer Raupe in einen dagegen liefert den geistigen Sinn und lässt eine po-
Schmetterling – um ein anderes Beispiel zu wählen tentielle Zukunft anklingen (. Abb. 17.2).
– ist nicht aus einer noch so gründlich untersuchten
Anatomie oder Biochemie der Larve abzuleiten. Die Die Kausalursachen der Träume. Zunächst beschäf-
kausal orientierte Erforschung der materiellen tigen wir uns mit den Kausalfaktoren der Träume.
Struktur, ja nicht einmal die vollständige Genanalyse Was sind die Entstehungsbedingungen und Gründe
könnte das Geheimnis der Metamorphose erschöp- der Träume bezogen auf die Kausalität? Dies ist die
fend lüften. uns vertraute Fragestellung nach den zeitlich frühe-
ren Ursachen.
Finalität und Autoregulation. Auch bei der Autoregu- In diesem Sinne kann nachgewiesen werden,
lation in der Psyche müssen wir die »Zweckursache«, dass Träume kausal bedingt sind
die auf ein Endergebnis zielt, im Auge behalten. Das 4 durch frühere Traumen (Geburtstrauma, Unfäl-
Ziel der Regulation ist ja eine Homöostase, ein jeweils le, Demütigungen, Gewaltanwendungen, Krän-
angepasster Gleichgewichtszustand. Damit ist auch in kungen usw.),
der Psyche ein finales oder teleologisches Prinzip 4 durch in der Anamnese entstandene biographi-
wirksam, das zukunfts- und zielorientiert ist. sche Komplexe, infantile Fixierungen, unbe-
Darüber hinaus ist der Individuationsprozess, der wusste Konflikte oder verdrängte Affekte.
die Ganzheit und Vollständigkeit des Menschen an-
strebt, offenbar im Unbewussten als immanenter Es gibt viele Ursachen in der Biographie, die eine
Plan vorgegeben. Die Individuation ist kein zufälli- Markierung im Unbewussten hinterlassen und da-
ges, von wechselnden kausalen Faktoren getriebe- mit in späterer Zeit Träume veranlassen. Wenn wir
nes, sondern ein hochgradig sinnerfülltes und an die Träume nach anamnestischen Engrammen
einer Zielvorstellung orientiertes Geschehen. durchsuchen, betreiben wir eine solche kausale Ur-
Der Traum ist dabei in diese final gerichteten sachenforschung. Wir finden so analytisch-diagnos-
Bewegungen in der Psyche eingebettet, indem er sei- tisch eine Reihe von pathogenen Faktoren, die das
ne homöostatische, balancierende oder entwick- heutige Krankheitsbild des Patienten mitbedingen
lungsfördernde Funktion ausübt. und die sich in den Träumen ausdrücken.
168 Kapitel 17 · Kausalität und Finalität – Ursachen aus Vergangenheit und Zukunft

Es ist ein wichtiger Teil der Psychotherapie und 17.1.2 Träume als
der Traumarbeit, diesen psychogenetischen Mo- Entwicklungsratgeber –
menten nachzugehen. Final-orientierte Traumarbeit

Die Finalursachen der Träume. Die Kausalität ist Der finale Gesichtspunkt bei der Traumbetrachtung
aber nur eine Seite der Medaille. Wir können nicht ist deshalb so wichtig, weil er nicht bei einer Diagno-
nur fragen, wodurch Träume entstehen, sondern se und Bestandsaufnahme des Status quo stehen
auch Folgendes berücksichtigen: bleibt, sondern die progressiven und zukunftsge-
4 Wozu sind die Träume gut? richteten Tendenzen befreit. Die finale Traumarbeit
4 Wohin führen sie? ermöglicht konkrete Veränderung, Entwicklung
4 Welchen Sinn haben sie? und Wandlung.
! Kausales und Finales sind gleichermaßen
Diese letzteren Fragestellungen führen zur Finalur-
zu beachten! Beide Blickrichtungen, die
sache. Wir untersuchen dann, welchen Zweck die
kausale wie die finale, gehören aber beim
Träume verfolgen und welchen Sinn sie haben. Es ist
Arbeiten mit den Träumen zusammen.
die Frage nach dem »Um-zu«, nach dem Zweck und
Jede für sich birgt nur die halbe Wahrheit.
dem Ziel der Träume.
Beim Auswerten vieler Träume lassen sich fol-
gende Finalursachen erkennen: Beispiel
4 Korrektur eines zu einseitigen oder von seiner Wir wollen uns hier einen kurzen Traum einer
natürlichen Basis zu weit entfernten Bewusst- 36-jährigen Patientin anschauen, die in ihrer
seins (Kompensation des Bewusstseins), ganzen Kindheit durch wenig verständnisvolle
4 Entwicklungsanstoß hin zu einem vom Unbe- Eltern sehr geschädigt worden ist und deren
wussten anvisierten Ziel, letzten Endes hin zu Träume fast ausnahmslos mit der Vergangen-
mehr Ganzheitlichkeit und Vollständigkeit (In- heit zu tun haben und ihr Hängenbleiben in
dividuationsprozess). dieser traumatischen Zeit zeigen. Bei genauer
Beachtung der Träume findet man aber immer
finale Momente, die wie ein Ariadnefaden ei-
Die kausale Betrachtungsweise der Träume nen Ausweg aus dem Labyrinth versprechen.
5 fragt nach den früheren Ursachen und
Bedingungsfaktoren,
5 ist retrospektiv, blickt in die Vergangenheit, Traumbeispiel 22
5 führt über die Regression zu den Fixie- Ich war zu Hause in X. Mir ging es nicht gut.
rungspunkten und Komplexen, Meine Verwandten waren da. Ich ging mit ih-
5 ist analytisch-diagnostisch. nen in einen Keller, um Bücher zu holen, damit
sie lesen und etwas lernen konnten.
Die finale Betrachtungsweise der Träume
5 fragt nach dem Sinn, dem Zweck und dem
17 Ziel der Träume,
5 ist prospektiv und antizipierend, blickt in
Die Erinnerungen an die damaligen Empfindungen
und Gefühle, die mit den Träumen mehr und mehr
die Zukunft, zu Tage traten, sind nur die eine Seite der an den
5 bewirkt eine Progression, das »Wagen« Traum anschließenden Arbeit.
neuer Möglichkeiten, Der zweite Teil des Traumes ist nur symbolisch
5 ist synthetisch-therapeutisch. und final zu verstehen. Er führt über die Stagnation
und Depression hinaus. Hier klingt nämlich an, dass
im Keller (ein häufiger Symbolausdruck für das Un-
bewusste) »Wissen« lagert, das nutzbar gemacht
werden kann. Die tröstliche Botschaft des Traumes
17.1 · Methodik
169 17

ist, dass zwar zunächst ein Hinuntersteigen in den Die reine diagnostische Analyse birgt die Gefahr,
Keller notwendig ist, dass dort aber Wissensschätze in der Regression stecken zu bleiben und die Progres-
lagern, die Lernen und Horizonterweiterung verhei- sion zu versäumen. Diese wird erst durch die finale
ßen. Dabei sind die »Verwandten« subjektstufig Betrachtung der Träume ermuntert. In diesem Sinne
lern- und wachstumsfähige Aspekte der Patientin ist die final-orientierte Traumarbeit synthetisch und
selbst. therapeutisch.

Die Analyse der kausalen Ursachen ist nur der erste Die Zielvorstellungen der Träume. Betrachten wir
Schritt. In der Biologie bringt uns – wie wir gesehen den Traum final, nehmen wir an, dass seine Ursache
haben – eine noch so gründliche Untersuchung und in der Zukunft liegt (die im Unbewussten als Idee
Entschlüsselung der materiellen Strukturen dem bereitsteht). Wohin soll der Patient sich entwickeln?
Verständnis von Entwicklungsprozessen, z. B. der Welche Bewusstseinsveränderung wird vom Traum
Embryogenese, keinen Schritt näher. angestrebt und soll vom Patienten verwirklicht wer-
Ebenso genügt auch in der Psychotherapie eine den? Das Unbewusste und der Traum »wissen«
noch so sorgfältige »Mikroskopierung« der Anam- demnach um einen Entwicklungsplan und ein an-
nese und ihrer historisch-genetischen Komplikatio- zustrebendes Ziel und stoßen zu solcher Entwick-
nen allein nicht, um eine etwaige Einstellungsände- lung an.
rung des Ich, einen anstehenden Entwicklungsschritt
! Das umfänglichste Ziel dabei ist die Ver-
oder gar die Wandlung der Persönlichkeit einzulei-
vollständigung der Persönlichkeit, die
ten.
Ganzwerdung oder Individuation
! Die reine Beschäftigung mit der Kindheit (7 Kap. 8.4). Die Träume weisen den Weg
kann sogar eine zusätzliche Fixierung an dorthin, wobei aber im einzelnen Traum
diese bewirken. Eine echte Vergangen- nur ein Teilziel, eine kleine Etappe, ein win-
heitsbewältigung ist nur möglich, wenn ziger Bewusstwerdungsschritt im Zentrum
die finalen Ausblicke des Traumes, die über stehen kann.
die neurotische Fesselung an die Biogra-
Die Angst des Patienten vor der Analyse. Viele Pa-
phie hinausführen, beachtet werden.
tienten kommen mit einer gewissen Angst in die
Erst der finale Ansatz ermöglicht die Per-
Therapie, dass sie dort »in Einzelteile zerlegt und
sönlichkeitssynthese. Zum kausalen Ansatz
nicht wieder zusammengesetzt werden«. Am An-
der Traumbearbeitung muss sich der finale
fang von Behandlungen werden wir dieser Befürch-
hinzugesellen. Denn in diesem liegen die
tung von Patienten immer wieder begegnen, dass sie
zukunftsgerichteten Entwicklungsmöglich-
zwar durch die Analyse vielleicht viel über sich wis-
keiten verborgen. Er weist über eine reine
sen werden, aber was damit anfangen? Die Vergan-
Ist-Analyse und Diagnose der Wirkfaktoren
genheit sei doch nicht mehr zu ändern.
hinaus zu einer dynamischen Diagnose und
Der reinen Kausalanalyse fehlt in der Tat der
einer Prognose des Prozessverlaufes. Durch
Sinnzusammenhang gemäß dem Faust-Zitat (Goe-
ihn wird nach dem vergangenheitsorien-
the, Faust I, Schülerszene):
tierten Zergliedern eine Synthese- und Auf-
Wer will was Lebendiges erkennen und be-
bauleistung angeregt.
schreiben,
Erst unter dem Blickwinkel der Finalität wird ver- Sucht erst den Geist herauszutreiben,
ständlich, wieso der Traum regressiv zu den Pro- Dann hat er die Teile in seiner Hand;
blemzonen in der Psyche wandert und Unbewältig- Fehlt leider nur das geistige Band.
tes aufgreift. Er tut es deshalb – und das ist die finale
Tendenz der Psyche, ihre nach vorne gerichtete »In- Die Frage nach dem Wozu, nach dem Sinn. Die Fra-
tention« – um die Komplex- und Fixierungsstellen ge nach dem Woher und Warum des Gewordenseins
zu überschreiten, sie aufzulösen, zu transzendieren des Patienten reicht also nicht aus. Es muss die Frage
und zu überwachsen. nach dem Wozu und Wohin der Schicksalsmomente
170 Kapitel 17 · Kausalität und Finalität – Ursachen aus Vergangenheit und Zukunft

hinzukommen. Das ist die Frage nach dem Sinn der Träume sind aber auch prospektiv, d. h. voraus-
neurotischen Störung oder der Krankheit. schauend, zukunftsgewandt. Sie geben Anstöße und
Im Falle der Patientin des obigen Traumbeispiels legen uns die weiteren Schritte unseres Weges nahe.
heißt das: Was ist der Sinn ihres Leidens und ihrer Dabei kann in ihnen ein Ziel als schon erreicht, eine
Neurose? Welchen Erkenntnisgewinn kann sie da- Veränderung als schon bewerkstelligt dargestellt
raus ziehen? Was kann sie daraus lernen? Was soll werden. Sie nehmen damit eine mögliche Entwick-
ihr durch ihre Störung bewusst werden? lung vorweg und halten uns klar den noch unge-
Ebenso sollte die Frage nach den zurückliegenden nutzten Spielraum vor Augen. Diese Vorwegnahme
Ursachen und Auslösern der Träume ergänzt werden eines künftigen Zustandes durch den Traum nennen
durch die Frage nach ihrem aktuellen Zweck und ihrer wir Antizipation.
Zielrichtung. Erst diese Fragen, die mit der Frage Ferner gibt es selten auch präkognitive Träume,
nach dem Sinn zusammenfallen, geben den Blick frei die wir im naturwissenschaftlichen Weltbild nicht
auf das mögliche Entwicklungsziel, durch alle Schwie- erklären können. Sie kommen aber weniger in Pati-
rigkeiten, Krisen und Traumen hindurch. entenbehandlungen vor, weil hier diese in jedem
Die Patientin unseres Beispiels kann sich auf- Mensch angelegte hellsichtige Schicht der Intuition
grund ihres Traumes konkret fragen, was sie aktuell zumeist durch persönlichen unbewussten Ballast
aus ihrer Beeinträchtigung lernen kann, welches Be- verstellt ist.
wusstsein sie jetzt entwickeln sollte. Welches Wissen
(»Bücher«) sollte sie sich zugänglich machen? Dabei Definition
geht es aber nicht in erster Linie um ein intellektuel- Die Prospektivität der Träume
les Wissen, sondern um ein Wissen aus dem Unbe- Zum finalen Gesichtspunkt des Traumes gehört
wussten. seine Prospektivität. Träume sind ebenso sehr
Andererseits reicht die vorwärts gerichtete Blick- prospektiv, wie sie retrospektiv sind. Das heißt
richtung allein auch nicht aus. Und gerade bei der die Träume haben den Blick auch in die Zu-
finalen Fragestellung werden die Fixierungsstellen, kunft gerichtet, sind auf künftige Veränderun-
die »Macken« der Persönlichkeit (z. B. durch ent- gen hin orientiert und können diese in den
sprechende Träume) verstärkt ins Blickfeld kom- Traumbildern vorwegnehmen, antizipieren.
men. Diese rückwärts gewandten Momente müssen
berücksichtigt, besprochen und dadurch bewusst
gemacht werden. Das Konzept der Finalität ist eng mit dieser Prospek-
tivität verbunden. Jung sprach in Bezug auf die Zu-
! Das Vorwärtsschreiten in der Entwicklung
kunftsgerichtetheit der Träume von ihrer prospekti-
ist – wenn neurotische Komplexe vorliegen
ven Funktion als einer bedeutsamen Aufgabe (Jung
– nur über den Umweg zu diesen zurück
1971, GW 8).
möglich.
! Kausalität und Finalität gehören zusam-
17.1.3 Der Blick in die Zukunft – men wie Retrospektivität und Prospektivi-
Die Prospektivität im Traum tät, wie Analyse und Synthese, wie Regres-
sion und Progression. Sie bilden keinen
17 Retrospektivität und Prospektivität. Träume haben
Antagonismus, sondern ergänzen sich ge-
genseitig.
ein Janusgesicht. Sie blicken zurück in die Vergan-
genheit, aber gleichzeitig auch nach vorne in die Zu- In der folgenden Übersicht sind die verschiedenen
kunft. Aspekte der kausalen und finalen Betrachtungswei-
Dass Träume retrospektiv sein und Zurücklie- se, wie sie auf den zurückliegenden Seiten vorgestellt
gendes aufgreifen können, ist uns geläufig. Das ge- wurden, noch einmal zusammengefasst:
hört zur kausalen Betrachtungsweise der Träume, zu
ihrer Bedingtheit durch Traumen und anamnesti-
sche Relikte.
17.2 · Praxis Kausalität
171 17

nahme, dass sie möglicherweise eines Tages wieder


Die kausale Betrachtungsweise ist ein Konzert besuchen kann, sondern sogar eher
5 retrospektiv, noch um die symbolische Ebene; um das Allein-
5 analytisch, gehen-können im übertragenen Sinne.
5 regressionsfördernd. Auch die Symbolik der Musikveranstaltung ist
prospektiv und vorausweisend. Musik ist mit Gefühl
Die finale Betrachtungsweise ist verbunden. Das Fühlen war aber bei dieser Patientin
5 prospektiv, noch unterentwickelt. Der Anstoß, zum Konzert zu
5 synthetisch, gehen, Musisches zu pflegen und dem Fühlen Raum
5 progressionsfördernd. zu geben, ist hier also sehr förderlich.

Zukunftorientiertes Probehandeln im Traum. Der 17.2 Praxis Kausalität


Traum, der im Gegensatz zum Bewusstsein den frei-
en Zugriff auf das Unbewusste hat und dem so eine 17.2.1 Signale aus der Vergangenheit
viel größere Anzahl von Daten zur Verfügung steht,
kann in einer Art imaginativen Probehandelns mög- Alles, was im Verlaufe des Lebens erfahren wurde und
liche Entwicklungen durchspielen. Diese können in aus irgendeinem Grund im Unbewussten liegen ge-
Form prospektiver Elemente im Traum anklingen. blieben ist, kann in den Träumen wieder auftauchen.
Damit wird aber nicht prophetisch die Zukunft Dieser Blickwinkel in die persönliche Vergan-
vorweggenommen. Es wird nur eine Prognose abge- genheit führt uns zu der Arbeitsebene der Kausalur-
geben und eine mögliche Progression aufgezeigt, die sachen bei der Traumarbeit. Folgen wir der Spur
eintreffen kann, wenn es dem Bewusstsein gelingt, solcher Signale im Traum, gelangen wir zu abgespei-
das Antizipatorische des Traumes zu ergreifen, um- cherten Engrammen aus den verschiedensten Le-
zusetzen und zu verwirklichen. Eine Bewusstseins- bensphasen. Diese unbewussten Engramme wurden
aktivität ist unbedingt erforderlich, sonst versickern u. a. dann gebildet, wenn Erlebnisse für das Bewusst-
die Impulse und Anregungen des Traumes unge- sein zu traumatisch waren, als dass sie dort aufge-
nutzt. nommen und festgehalten werden konnten. Sie wur-
den also verdrängt und bilden fortan das Reservoir
Beispiel des persönlichen Unbewussten, aus dem sich die
Bei vielen Patienten, die durch ihre neurotische Träume bedienen können.
Störung sehr behindert und eingeschränkt Wir hatten schon ausgeführt (7 Kap. 17.1.1),
sind, können wir bei genauer Betrachtung ihrer dass als Kausalursachen für die Träume unbewusste
Träume feststellen, dass der Spielraum hier viel Erinnerungen an traumatische Erlebnisse, persistie-
größer ist. Darin liegt das Prospektive und Anti- rende unbewusste Konflikte und im Laufe des Le-
zipatorische, die Gesundungstendenz. bens entstandene Komplexe in Frage kommen.
So träumte z. B. eine Angstpatientin, die
! Oft ist es eine aktuelle Konfliktsituation
ohne Begleitung kaum ihre Wohnung verlas-
des Patienten, die den entsprechenden
sen, geschweige denn öffentliche Veranstal-
Wurzelkonflikt aus der Biographie anrührt
tungen besuchen konnte, dass sie alleine zu
und dadurch das dazugehörige anamnesti-
einem Konzert geht.
sche Material in den Träumen aufruft. Es
handelt sich bei solchen Träumen um eine
Regression und den Versuch, an den Aus-
Der Traum schildert eine künftige Möglichkeit, die
gangspunkt der Störung zurückzugehen
– der Patientin bewusst gemacht – sie aus dem nega-
und sie zu lösen.
tiven Bann des »Ich-kann-nicht« befreien oder diese
Unfähigkeit zumindest etwas in Frage stellen kann. Der Traum als Fährte verdrängter Traumen. Unter
Dabei geht es nicht nur um die konkrete Vorweg- dem Aspekt der anamnestischen Arbeitsebene sind
172 Kapitel 17 · Kausalität und Finalität – Ursachen aus Vergangenheit und Zukunft

die Träume wie Fährten im Schnee, die auf ihre Her- ! Die anamnestische Fragestellung an den
kunft zurückverfolgt werden können. Traum kann also zu im Unbewussten fest-
Wir folgen den Spuren in die individuelle Ver- sitzenden Affekten und zu traumatischen
gangenheit, die uns zu Problemstellen, belastenden Begebenheiten führen. Schon die alleinige
Momenten und Fixierungspunkten in der Lebensge- Bewusstmachung stellt einen Wert dar;
schichte führen, wo der Träumer in irgendeiner Wei- hierin kann bereits etwas Heilendes und
se innerlich hängen geblieben ist. Oft können wir so Lösendes liegen. Oft muss aber das Fragen
zu den schweren Verletzungen gelangen, die dem zu dem weiterführenden Sinn übergehen,
Patienten in der Kindheit, Jugendzeit oder später zu- zu der Frage, was der Traum final bezwe-
gefügt wurden oder zustießen. cken will, welchen Entwicklungsanstoß er
dem betreffenden geben will.
! Diesem anamnestischen Ariadnefaden fol-
gen wir in der Traumarbeit. Der analytische
Die folgenden Traumbeispiele folgen solchen bio-
Weg an den Ursprungsort, wo Traumen
graphisch-anamnestischen Fährten, wodurch man
entstanden oder wo damals möglicherwei-
immer wieder zu überraschenden Entdeckungen
se falsche Weichen gestellt wurden, die
und bisher unbekannten Zusammenhängen ge-
heute durch Bewusstmachung korrigiert
langt.
werden können, hat die Psychoanalyse be-
rühmt gemacht.
17.2.2 Beispiele aus der therapeu-
Beispiel tischen Praxis
Wie gehen wir dabei vor, wenn wir die Träume
auf anamnestische Einflüsse abklopfen wollen? Anamnestisches im Traum
Wir wollen das am Beispiel eines kurzen Trau- Am folgenden Traumbeispiel wird klar, warum ein
mes einer Patientin darstellen. Traum Anamnestisches und längst Vergangenes in
die Aktualität hereinholt. Es handelt sich um die 53-
jährige Patientin mit einer schweren Erschöpfungs-
Traumbeispiel 23 depression aus 7 Kap. 16.2.2, die über ihre Träume
Ich habe einen kleinen Hund. mehr und mehr an die tieferen Wurzeln ihres Versa-
genszustandes kam.

Die Einfälle der Patientin gehen dahin, dass sie ein Traumbeispiel 24
Hundefreund sei, aber keinen Hund habe. Beim Mein Mann und ich sind in ein geschlossenes
Nachfragen, ob sie zu irgendeinem Hund einmal Stadion oder Bad gegangen. Wir haben einen
eine Beziehung aufgebaut habe, fällt ihr ein, dass sie Karton dabei gehabt mit all unseren Wertsa-
sich im Alter von etwa 5 Jahren mit dem Spitz des chen. Man konnte nichts mit reinnehmen, des-
Nachbarn angefreundet hatte. Der Hund wurde ihr halb haben wir ihn in einem Häuschen am Ein-
später sogar ganz überlassen. Doch weil er so laut gang deponiert.
17 kläffte, gab ihr Vater ihn ohne Vorwarnung weg. Er
war einfach eines Tages nicht mehr da, und die Pa-
Als wir wieder rausgegangen sind, haben
die gesagt: »Der Karton ist geholt worden von
tientin hörte nie wieder von ihm. Dieser Hund war Ihren Kindern. Jeder hat einen Teil mitgenom-
ihr Ein und Alles gewesen. men.« Ich habe noch gesagt, dass das nicht
Dieser Traum und die Besprechung förderten sein kann, dass ich nur einen Sohn habe, und
tief in ihr liegende Gefühle von Trauer und Allein- der würde nie etwas nehmen, was er nicht dür-
sein zutage. Merkwürdigerweise richtete sich ihr fe. Man sagte mir aber: »Da hinten laufen sie
Ärger nicht gegen den Vater, sondern sie hatte allei- noch.« Ich habe gesehen, dass es meine zwei
nig Hass auf eine Nachbarin, die sich über das Bellen 6
beschwert hatte.
17.2 · Praxis Kausalität
173 17

Für den Vater galten nur die Brüder etwas; denen


Brüder waren, als sie noch klein waren. Jeder kaufte und ermöglichte er alles. Bei der Geburt der
hatte die Hälfte, ein Paket, unter dem Arm. In Patientin war der Vater enttäuscht, dass es wieder ein
dem Karton waren meine ganzen wertvollen Mädchen war. Die ganze Kindheit über habe sie da-
Sachen gewesen; das, was man in Sicherheit ran gedacht, sich das Leben zu nehmen. Über Leis-
bringen muss, Sparbücher, Wertsachen, Papie- tung versuchte sie, wenigstens ein bisschen Aner-
re usw. Ich habe gedacht, dass ich jetzt nichts kennung zu erlangen.
mehr habe. Ich habe nicht hinterhergerufen,
habe mich nicht gewehrt, bin einfach nur da- Was ist die aktuelle Bedeutung der anamnestischen
gestanden. Ebene? Warum knüpft der Traum an diese Zeit an?
Wozu braucht die Patientin heute das Wiedererin-
nern dieser Kindheitsphase?
Der Traum gab der Patientin Gelegenheit und mach- Die Entwertung der eigenen Person und die Ent-
te es notwendig, dass sie auf Dinge zu sprechen kam, wertung des Weiblichen wurde damals grundgelegt,
die sie eigentlich ruhen lassen wollte, »weil man ja während demgegenüber die Brüder und alles Männ-
doch nichts mehr daran ändern könne«, und die sie liche wertgeschätzt wurden. Im Traum tragen die
längst erledigt glaubte. Es war ein sehr aufwühlendes Brüder alles Wertvolle fort. Diese Wertungen der
Gespräch unter Tränen, doch hinterher war sie froh damaligen Umgebung und besonders auch des Va-
und entlastet, über diese schwierige Zeit der Kind- ters hatte die Patientin übernommen und unbewusst
heit gesprochen zu haben. bis in die heutige Zeit beibehalten. Das soll ihr voll
bewusst werden.
Die anamnestischen Bezüge des Traumes. Die Fra-
ge nach dem Alter der Brüder im Traum führte zu Die anamnestischen Bezüge ermöglichen den
dem in diesem Zusammenhang wichtigen Lebensal- Übergang zum Ich-Verhalten und zur Subjektstufe.
ter von ihr. Die Brüder waren im Traum etwa 8 und Der Patientin sollte darüber hinaus bewusst werden,
10 Jahre alt. Damals war sie dann selber 12 Jahre alt, dass sie heute – wo sie längst nicht mehr dem Ein-
da die Brüder 4 bzw. 2 Jahre jünger sind. fluss der Eltern unterliegt – diese Haltung dem
Weiblichen und sich selbst gegenüber aufrechterhält.
! Hinweise auf ein früheres Alter im Traum
Auch dieses zeigt der Traum sehr deutlich.
Altersangaben, indirekte Hinweise auf eine
Ein anamnestisch bedeutungsvoller Traum
frühere Zeit oder ein Jüngersein des
schließt die subjektstufige Arbeitsebene keinesfalls
Träumers im Traum sind Signale, dass eine
aus. Nach der Katharsis steht die Frage an, was die
therapeutische Regression in jenes Alter
Patientin heute zu solch einer negativen Selbstein-
erfolgen muss, dass aus jener Zeit Momen-
schätzung beiträgt.
te warten, die bewusst gemacht werden
Dazu schauen wir uns ihr Verhalten im Traum
wollen.
an. Wie geht das Traum-Ich mit seinen Wertsachen
Dazu kann der Therapeut fragen: »Was war, als Sie um? Daraus resultieren die Bemerkungen an die Pa-
12 Jahre alt waren?« Hier brach es aus der Patientin tientin: »Sie verstauen Ihr Wertvollstes in einem ein-
heraus, dass sie zu vielen schweren Arbeiten heran- fachen Karton und stellen ihn irgendwo ab, als sei
gezogen wurde. Die Eltern hatten eine Landwirt- alles nichts wert. Und Sie unternehmen nichts – wie
schaft, in der sie mithelfen musste; sie musste auf die Sie ja selber schon im Traum merken –, um diese
Brüder aufpassen, obwohl es noch eine ältere Dinge zurückzubekommen, als seien sie keinen Ein-
Schwester gab. satz wert. So geht man doch nicht mit seinen Wert-
Obwohl nie auf Hausaufgaben geachtet wurde sachen um. Gehen Sie so mit Ihren Werten um? Wo
und sie diese erst spät abends nach der Feldarbeit sind Sie so nachlässig dem gegenüber, was in Ihnen
machen konnte, war sie die Beste in der Volksschule. wertvoll ist?«
Sie durfte aber nicht aufs Gymnasium, im Gegensatz Denn die Patientin erlebt sich ja aktuell in ihrer
zu den Brüdern, die in allem vorgezogen wurden. Depression besonders wertlos. Sie entwertet sich
174 Kapitel 17 · Kausalität und Finalität – Ursachen aus Vergangenheit und Zukunft

gänzlich, da sie zurzeit nicht arbeiten kann, seelisch muss ihr etwas genommen werden, damit sie sich
und körperlich ramponiert ist und auch für den weiterentwickeln kann.
Haushalt und schriftliche Erledigungen keine Kon-
zentration aufbringt. Diese bis heute beibehaltene Kausalursachen und Subjektstufenarbeit
Einstellung, sich nur über Leistung zu definieren Oft kommt durch den Traum Anamnestisches zur
und all ihre menschlich wertvollen Eigenschaften Sprache, das der Patient als unwichtig und nicht er-
»in einem Pappkarton abzustellen«, kann ihr auf- wähnenswert angesehen hat. Unter der Optik des
grund ihres eigenen Traumes vor Augen geführt augenblicklichen Prozesses ist dieses biographische
werden. Sie ist mitverantwortlich für ihren heutigen Faktum aber jetzt belangvoll und taucht deshalb im
Zustand und kann somit an ihrer Einstellung etwas Traum auf. Es ist als früheres Geschehnis per se be-
ändern. deutsam oder ist symbolisches Anschauungsmateri-
al, das die Möglichkeit bietet, einen subjektstufigen
Wertsachenverlust – Symbolik der verloren gegan- Sachverhalt konkret zu illustrieren.
genen Libido. Der Traum symbolisiert auch den Ver-
lust der Libido (7 Kap. 8), d. h. er symbolisiert die Beispiel
Depression der Patientin. Denn eine Depression ist Dazu das folgende Fallbeispiel: Es geht um
durch den Mangel an psychischer Energie, durch das eine 39-jährige Patientin, die über den Tod ih-
Fehlen von Vitalität und Aktivität gekennzeichnet. rer vor zwei Jahren verstorbenen Freundin
Geld und materielle Werte im Traum sind ein noch nie gesprochen hatte. Nun, da sie an ei-
häufiger Ausdruck für die psychische Energie. Der ner bedeutsamen Entwicklungsschwelle stand
Traum zeigt dabei, dass die Patientin an dem Ener- (nämlich in sich selber die Lebensfreude zu
gieverlust nicht ganz unbeteiligt ist, denn ihre Hal- verwirklichen, die im Traum durch die lebens-
tung, ihre geringe Selbstwertschätzung trägt dazu lustige Freundin symbolisiert wird), träumte
bei. sie:

Ausblick des Traumes. Subjektstufig sind die Brü-


der, die die Schätze der Patientin davontragen, Ani- Traumbeispiel 25
musfacetten, d. h. junge männliche Anteile ihrer Ich habe von meiner verstorbenen Freundin
Psyche. Gelingt es ihr, eine bewusstere Beziehung zu geträumt. Ich wollte zum Tanzen mit ihr, es war
diesem Animusbereich aufzunehmen, könnten ihr aber noch nicht klar, ob sie mit kann. Ich bin
die dort lagernden Energien zurückerstattet wer- dann nicht gegangen, weil ich mich alleine
den. Konkret heißt das, dass sie die Projektion des nicht getraut habe. Nachher habe ich von mei-
Wertvollen auf das Männliche – z. B. auf die Brüder ner Freundin erfahren, dass sie alleine beim
oder auf ihren Mann – zurücknehmen und ihre ei- Tanzen war und dass es ihr gut gefallen hat.
gene männliche Seite (ihren Animus) entwickeln
muss. Das ist eine Aussicht für die Zukunft und ent-
spricht der finalen und prospektiven Bedeutung der Der anamnestische Bezug. Hier berichtete die Pati-
Träume, die in 7 Kap. 17.1.2, 17.1.3, 17.3.1 und 17.3.2 entin erstmals von einer ihr wichtigen Freundin, die
17 ausführlich behandelt wird.
Zu dieser Neuorientierung gehört auch, dass die
sie seit der Kindheit kannte und die vor zwei Jahren
auf tragische Weise ums Leben kam. Sie war nie auf
Patientin falsche Werte über Bord werfen muss. Sie den Friedhof zu ihr gegangen und konnte nicht trau-
hatte bisher ihren Wert nur auf Leistung aufgebaut. ern, was zeigt, dass sie dieses Ereignis bis heute nicht
Diese Gleichung wird ihr heute durch die Depressi- verarbeitet, sondern nur weggeschoben hatte. Denn
on unmöglich gemacht; etwas vom Unbewussten im Bewusstsein hatte sie seit langem gar nicht mehr
wehrt sich dagegen. Insofern ist das Abhandenkom- an sie gedacht.
men ihrer bisherigen Werte (mit der einseitigen Aus-
richtung auf Leistung) sinnvoll. Das ist eine der Die subjektstufige Bedeutung der Freundin im
scheinbar paradoxen Aussagen des Traumes – es Traum. Warum hat die Patientin diesen Traum gera-
17.2 · Praxis Kausalität
175 17

de jetzt? Warum taucht die eigentlich tote Freundin sen sich auch die Verdrängungen gegenüber der
im Traum lebendig auf? Auf diese Fragen kann die realen Freundin. Die Patientin kann erstmals die
subjektstufige Blickrichtung eine Antwort geben. Trauer nachholen und die gemeinsame Zeit mit der
Um dem näher zu kommen, müssen wir die Pa- Freundin im Bewusstsein besser würdigen.
tientin fragen, was diese Freundin für ein Mensch
! Anamnese und Subjektstufe
war und welche Beziehung sie zu ihr hatte: »Wie war
Der therapeutische Prozess, wie er sich
die Freundin, welche Eigenschaften hatte sie? Und
an den Träumen spiegelt, holt jeweils die-
welche Bedeutung hatte Ihre Freundin für Sie?«
jenigen anamnestischen Ereignisse ins
Es kam heraus, dass die Freundin ein sehr le-
Bewusstsein, die ein äußeres Pendant zu
bens- und unternehmungslustiger Mensch war und
dem aktuellen inneren Schritt sind. Mit der
die Patientin mitriss. Mit ihr hatte sie viele fröhliche
Verbesserung des Innenbezuges (Subjekt-
und angeregte Stunden verbracht. Subjektstufig geht
stufe) fällt auch die Notwendigkeit der
es also um die lebensbejahende, aktive Seite in der
Verdrängung äußerer Geschehnisse fort
Patientin.
(Objektstufe).
! Die subjektstufige Bedeutung eines be-
Wie kann durch die Traumarbeit die Intention des
kannten Anderen im Traum
Traumes unterstützt werden? Es ist wohl deutlich
Um die subjektstufige Bedeutung einer
geworden, dass es dem Traum um die Reanimation
vertrauten anderen Person im Traum zu
(Wiederbelebung) der durch die Freundin symboli-
erschließen, kann erfragt werden, welche
sierten lebensbejahenden Seite der Patientin geht.
Eigenschaften, Wesenszüge und Qualitä-
Wie kann hier das konkrete Arbeiten mit dem Traum
ten dieser Mensch hat. Was ist das Charak-
aussehen?
teristische an ihm, und welche Bedeutung
Der Traum demonstriert, dass die Kommunika-
hat er für den Träumer?
tion, innen wie außen, verbesserungsbedürftig ist.
Was will der Traum der Patientin aktuell vermitteln? So können wir als Therapeuten fragen: »Warum klä-
Das, was die Patientin damals mit der Freundin le- ren Sie im Traum nicht mit der Freundin, ob sie mit-
ben konnte – Ausgehen, Tanzen, Fröhlichsein – ist kann? Warum halten Sie nicht den Kontakt zu ihr?
zusammen mit dem Tod der Freundin auf der Stre- Sie könnten doch anrufen und nachfragen.« Diese
cke geblieben. Die innere lebenslustige Seite der Pa- Interventionen in Frageform sind noch ganz auf die
tientin, die wenigstens durch Anhängen an die Welt des Traumes bezogen, die ganz ernst und real
Freundin zum Zuge kam, sank wieder ganz in die genommen wird.
Vergessenheit. Im nächsten Schritt können wir auf die Verhal-
Es ist kein Wunder, dass der Traum diesen Per- tensweisen der Patientin in der Welt draußen zielen.
sönlichkeitsanteil gerade zu diesem Zeitpunkt in Damit betreten wir die Arbeitsebene der Objektstu-
Form der Freundin »reanimiert«. Denn die Wieder- fe: »Wo machen Sie das so in der Beziehung zu an-
belebung dieses aktiven, bejahenden Wesens und deren Menschen? Geht es Ihnen da auch oft so wie
sein volles Zulassen standen jetzt im Behandlungs- im Traum? Wo ist Ihnen in letzter Zeit ein ähnliches
prozess an. Missverständnis wie im Traum passiert?«
Deshalb fällt der Patientin – mit Hilfe des Trau- Die Überleitung zur Subjektstufenebene ist dann
mes – die Freundin ein. Sie hatte den Tod der Freun- nicht mehr schwierig: »Kennen Sie das bei sich, dass
din und die schöne Zeit mit ihr verdrängt und Sie den Impuls haben, etwas zu unternehmen, und
gleichzeitig damit die entsprechende positive We- es dann nicht realisieren? Dass Sie da innerlich in
sensseite in sich unterdrückt. zwei Lager gespalten sind?« Die Patientin bejahte,
Da die Patientin gerade an der Schwelle steht, dass sich bei ihr dann gleich Zweifel, Hemmungen
diesen Aspekt von sich zu entwickeln und in ihrem und Gegenargumente einstellen.
Leben zuzulassen, kommt ihr jetzt folgerichtig diese »Klären Sie das im inneren Dialog? Bleiben Sie
anamnestische Einzelheit in den Sinn. Gleichzeitig da am Ball?« Nein, der Impuls, etwas zu unterneh-
mit dem verbesserten Bezug zu der inneren Seite lö- men, versande in der Regel in ihrer Unsicherheit.
176 Kapitel 17 · Kausalität und Finalität – Ursachen aus Vergangenheit und Zukunft

Zuletzt kann die noch nicht gelebte positive ! Im therapeutischen Prozess werden die zu-
Seite der Patientin z. B. folgendermaßen angeregt sammengehörigen Momente der inneren
werden: »Haben Sie schon die Erfahrung gemacht, und äußeren Wirklichkeit simultan reakti-
dass Sie auch etwas alleine unternehmen können viert. Das Wiederanknüpfen an die potente
wie die Freundin im Traum? Wo und wann sind Seite der Patientin ist unlösbar mit der
Sie so lebensbejahend und aktiv wie die Freun- Wiedererinnerung des anamnestischen
din?« Faktums verbunden.
Durch solche Anregungen kann der Patient
meist an den Bereich in sich anknüpfen, wo solche »Traumatische« Träume
Kräfte sitzen, auch wenn sie im Alltag bisher noch Wie wir an den vorangegangenen Beispielen gese-
beiseite geschoben werden. hen haben, prägen biographische Reminiszenzen –
ob bewusst erinnerbar oder ins Unbewusste ver-
drängt – sehr viele Träume. Während in die meisten
Arbeitsschritte der Traumarbeit von Träume nur einzelne, oft aus dem Zusammenhang
der Traumrealität zur äußeren Realität gerissene Elemente aus der persönlichen Vorge-
und weiter zu Subjektstufe und Umset- schichte einfließen, gibt es Träume, die – manchmal
zung: wort- und bildgetreu – traumatische Erlebnisse
1. Traumrealität. Zuerst ganz in den Traum komplett wiederholen.
hineingehen und von dessen Realität her Mit solchen »traumatischen Träumen« wollen
das Verhalten des Traum-Ich hinterfragen. wir uns hier kurz beschäftigen. Meist datieren die
2. Äußere Realität, Objektstufe. Wie verhält belastenden Geschehnisse nur wenig Zeit zurück,
sich der Träumer in solchen Situationen in und die Betreffenden stehen noch unter dem Schock
der Außenwirklichkeit? oder der Nachwirkung solcher Vorfälle.
3. Innere Realität, Subjektstufe. Wie ist der Die Ereignisse, die zu solchen »traumatischen
entsprechende Innenbezug, die innere Träumen« führen, sind Schock- und Schreckerleb-
Kommunikation und der innere Umgang? nisse wie z. B. miterlebte Katastrophen, Autounfälle,
Dabei wird die Traumsituation symbolisch beobachtete Gewalttätigkeiten, zugefügte Verletzun-
genommen. gen, Vergewaltigungen usw.
4. Veränderung, Wandlungsimpuls. Zuletzt Die Träume lassen solche Begebenheiten Revue
kann die Anregung erfolgen, die durch den passieren, wodurch versucht wird, sie kathartisch zu
Traum problematisierte Beziehung innen verarbeiten. Die traumatisierenden Vorfälle können
wie außen zu verbessern. z. T. jahrelang in den Träumen wiederauferstehen.
Sie laufen oft wie ein Film in immer gleicher Weise
ab. Umso bedeutsamer ist es, wenn sich nach einiger
Solche Arbeitsschritte können im Fall der beschrie- Zeit im Traum kleine Veränderungen des real Pas-
benen Patientin dazu beitragen, dass die abgespalte- sierten einschleichen, die auf einen Verarbeitungs-
ne Wesensseite – verkörpert im Traum durch die prozess hinweisen.
Freundin – wieder mehr in das bewusste Leben ein-
Beispiel
17 gegliedert wird. Durch den Schock über die Nach-
richt vom plötzlichen Tod dieses sehr nahe stehen- Ein 49-jähriger Mann musste mit ansehen, wie
den Menschen war der sowieso labile Innenbezug ein Mensch vor seinen Augen starb. Er war in
der Patientin zur eigenen Lebensfreude gekappt und seiner Firma beim Kopieren, als er einen dump-
alles thematisch Dazugehörige verdrängt worden. fen Schlag hörte, dann einen Mitarbeiter auf
Was sie damals außen verlor (= der Tod der Freun- dem Boden liegen sah, dem das Blut aus Mund
din), musste ihr wie ein Menetekel des bereits im und Nase schoss. Auch der Notarzt, der nach
Gange befindlichen inneren Verlierens erschienen ca. 20 Minuten kam, konnte ihm nicht mehr
sein. 6
17.3 · Praxis Finalität
177 17

oft auch nur Andeutungen oder fragmentarische


helfen. Er wusste von diesem Kollegen nur, Ausschnitte, die von der persönlichen Vorgeschichte
dass er ein trockener Alkoholiker war, der an her in solche Träume eingewoben werden.
Epilepsie litt.

17.3 Praxis Finalität


In den folgenden Nächten hatte der Patient immer
wieder den gleichen Traum, in dem er den anderen 17.3.1 Entwicklungswege erkennen –
da liegen sah, aus dem das Blut herausstürzte. Er be- Der final-prospektive Aspekt
richtete: »Ich sehe alles wieder, das Chaos, und dass der Traumarbeit
die Leute nicht wissen, was sie tun sollen.«
Diese mit dem Vorgefallenen identischen Alp- Nachdem wir in der praktischen Traumarbeit in den
träume, die in einer Nacht bis zu dreimal erschienen, vorausgegangenen 7 Kap. 17.2.1 und 17.2.2 den Blick
führten den Patienten auch zur psychotherapeuti- zurück gerichtet hatten zu den vergangenheitsbezo-
schen Behandlung. Er musste über seine Gefühle, genen Ursachen, wenden wir ihn hier vorwärts zu
Ängste, seinen Schock und über all die schrecklichen den möglichen zukunftsbezogenen Entwicklungs-
unabweisbaren Bilder sprechen, die ihn bis in die zielen. Wir schalten von der kausalen Arbeitsebene
Träume hinein verfolgten. auf die finale Arbeitsebene um.
Etwas von dem erlebten Trauma hatte sich in Eng verbunden mit der finalen Sicht ist der
ihm festgesetzt und musste abreagiert werden. Al- Traumsinn, der – manchmal über den Umweg
lein das Erzählen brachte eine gewisse Entlastung. der retrospektiven (= zurück-blickenden) Aufarbei-
Schon in der dritten Sitzung konnte er mitteilen, tung der Kausalursachen – auf Veränderung, Be-
dass sich die Träume eine Nuance verändert hatten. wusstseinserweiterung und Gesundung hinzielt
Er sah jetzt das Unglück nicht mehr direkt wie in den (7 Kap. 17.1 u. 17.1.1–17.1.3).
Träumen davor, sondern jetzt erzählte ihm jemand
im Traum von dem Vorfall. Es war also eine gewisse Die final-orientierten Fragen der Traumarbeit. Wie
Distanz zu dem Erlebten eingetreten. Kurze Zeit spä- erreichen wir die finale Aussage des Traumes? Wie
ter traten die Träume überhaupt nicht mehr auf. erfassen wir seinen, auf Selbstverwirklichung und
psychisches Wachstum zielenden Sinn? Wie erken-
Träume als Abreaktion. Zu den hier vorgestellten nen wir die prospektiven, vorausweisenden Momen-
»traumatischen Träumen« passt die Vorstellung te im Traum? Wie arbeiten wir mit dem Patienten
Freuds (1978), dass es sich dabei um einen einge- das Antizipatorische (das Vorwegnehmende) eines
klemmten Affekt handelt, der in der Therapie nach- Traumes heraus?
erlebt und »abreagiert« werden muss. Dazu eignen sich bestimmte therapeutische Fra-
Das ist der kausale Faktor, der diesen Träumen gen an den Patienten über seinen Traum:
zugrunde liegt. Der Zusammenhang liegt hier ganz 4 »Wozu träumen Sie das?«
deutlich auf der Hand. Bei Träumen, in denen weiter 4 »Was ist der Sinn des Traumes?«
zurückliegende Traumen oder Belastungsmomente 4 »Welche Absicht verfolgt der Traum?«
aus der Biographie anklingen, besteht ein ähnlicher 4 Jung formulierte auch: »Wozu dient der Traum?
Kausalzusammenhang. Doch ist hier die Verbin- Was soll er bewirken?«
dung nicht immer so direkt und vordergründig in
den Träumen erkennbar. ! Finalität und Sinn des Traumes
Zwar wirken auch hier viele Engramme aus der Der final-prospektive Aspekt des Traumes
Anamnese, die einen noch nicht bewältigten Affekt wird durch die Frage aufgegriffen, welchen
oder konflikthafte Gefühle enthalten, in die heutige Sinn der Traum jetzt für den Träumer hat,
Traumproduktion hinein, aber in der Regel nicht so welchen Zweck er mit seinem Erscheinen
plastisch und eindringlich wie bei den Träumen, die aktuell verfolgt oder welche Wirkung er
kurz zurückliegende Traumen wiederholen. Es sind beabsichtigt.
178 Kapitel 17 · Kausalität und Finalität – Ursachen aus Vergangenheit und Zukunft

Die Traumbeispiele in dem folgenden Unterkapitel Wie auch in den nächsten Träumen wird hier
nehmen die Heilung einer psychischen Störung vor- direkt (Juckreiz) und indirekt (fehlende Unabhän-
weg (Antizipation), betonen die Entwicklungsmög- gigkeit und Selbstsicherheit) auf die Symptomatik
lichkeiten (Prospektivität) und fordern zielstrebig zu verwiesen.
Verhaltens- und Einstellungsänderungen auf (finale
Intention). Traumbeispiel 27
Es ging um das Rotwerden. Jemand hat mir er-
klärt, dass das ganz normal ist. Er erklärte es an
17.3.2 Beispiele aus der therapeu- einem Gegenstand mit – wie bei einer Erdbee-
tischen Praxis re – rotgesprenkelter Oberfläche. Ich war rich-
tig erleichtert, dass mir jemand anderes sagt,
Verheißungs-volle Träume – Antizipatorisches im dass Erröten normal sein kann.
Traum
Unter Antizipation verstehen wir die Vorwegnahme
einer möglichen Veränderung in der Zukunft. Der zweite Traum ist deutlich und unverschlüsselt.
In den folgenden Träumen wird in seltener Klar- In ihm wird etwas aus einem vorhergehenden The-
heit eine Zusicherung vom Unbewussten gegeben, rapiegespräch aufgegriffen, in dem die Normalität
dass eine Befreiung von der Symptomatik möglich des Errötens als Phänomen, das bei allen Menschen
ist. Die drei Träume wurden kurz hintereinander in- vorkommt, betont und die Patientin ermuntert wor-
nerhalb einer Woche geträumt. Beim Aufwachen den war, in den jeweiligen Situationen zu ihren Ge-
hatte die Patientin jeweils ein Gefühl der Beruhi- fühlen von Erregtheit, Unbehagen usw. zu stehen.
gung, das sie den ganzen Tag über begleitete. Es han- Denn ihre hektischen Flecken im Gesicht kommen
delt sich um eine 36-jährige Frau mit Erythrophobie dann, wenn sie nach außen hin »cool« sein und eine
(Errötungsfurcht), psychogenem Pruritus (Juckreiz), ausgelöste Gefühlsregung (z. B. dass sie etwas stört
großer Selbstunsicherheit und Gefühlen des Abge- und Unwille bei ihr erzeugt) nicht wahrhaben will.
lehntwerdens in Gruppen. Von dieser Aufklärung therapeutischerseits war of-
fenbar in ihrem Unbewussten etwas angekommen,
Traumbeispiel 26 das verstärkend von diesem aufgegriffen wird.
Es juckt am Bauch. Ich gucke: da ist ein Faden,
eine Kordel, die aus dem Bauch heraushängt. Traumbeispiel 28
Ich habe daran gezogen. Sie ist ganz leicht Ich habe mit meiner Gymnastikgruppe wieder
rausgegangen. einen Ausflug gemacht. Ich hatte dabei ein
sehr selbstbewusstes Auftreten.

Die Patientin erlebte diesen ersten Traum so, dass sie


sich von etwas befreie, dass es ihr gelinge, etwas Stö- In der Gymnastik- und Freizeitgruppe hat die Pati-
rendes aus sich zu entfernen. entin ihre Hauptschwierigkeiten. Es ging so weit,
Wir können auch die nahe liegende Assoziation dass sie wähnte, dass man hinter ihrem Rücken über
17 der Nabelschnur heranziehen – die Kordel steckte
oberhalb des Nabels ein Stück weit in der Bauchde-
sie schlecht rede und sie ausgrenze. In unmissver-
ständlicher Sprache entwirft dieser dritte Traum ein
cke. Wir hätten es dann mit einer »Abnabelung« zu Gegenbild zu ihrer Unsicherheit, Verlegenheit, ihren
tun, der Aufgabe einer »Abhängigkeit«. Auf die Fra- Unterlegenheits- und Minderwertigkeitsgefühlen.
ge, wovon sie denn abhängig sei, fiel der Patientin Das steht im Gegensatz zu ihrem momentanen Erle-
als Erstes ein, dass sie in Gruppen nicht ihre Mei- ben in der Gruppe und ist kompensatorisch und
nung sagen könne, vor allem nicht nein zu etwas prospektiv zu werten. Der Traum wirkt auch sugges-
sagen könne und leicht rot werde, wenn sich aller tiv ihren Zweifeln und Gedanken entgegen, ob sie
Augen auf sie richteten. aus der Gruppe austreten solle.
17.3 · Praxis Finalität
179 17

Das Antizipatorische in den Träumen. Die Träume Entwicklungsmöglichkeiten auf der Spur –
dieser Patientin sind unverblümt antizipatorisch. Sie Prospektives im Traum
nehmen vorweg, So offen und unversteckt wie in den vorangegange-
4 dass sie etwas, das zentral bei ihr sitzt und sie nen Träumen bieten sich die antizipatorischen (vor-
stört (= ihre »Komplexe«), aus sich heraus ent- wegnehmenden) oder prospektiven (vorausblicken-
fernen kann (erster Traum), den) Elemente nur selten an. In vielen Träumen ist
4 dass sie ihr Erröten gelassener und als etwas das Vorausweisende nicht so vordergründig; es ist
quasi Normales nehmen kann (zweiter Traum) im Prinzip aber immer da. Doch meist ist es verbor-
und gener und muss im Dialog über den Traum heraus-
4 dass sie eine für sie bisher ungeahnte und unbe- gearbeitet werden.
kannte Selbstsicherheit in Gruppen gewinnen Zur Veranschaulichung eignet sich der folgende
kann (dritter Traum). Traum einer 29-jährigen Patientin, die an einer Ess-
störung (bulimische Anorexie) litt. Damit zusam-
Diese Antizipationen sind aber nicht als propheti- menhängend fehlte ihr ein natürliches Verhältnis zu
sche Aussage zu verstehen, die selbstverständlich ihrem Körper. Sie benötigte dringend einen besseren
und garantiert eintreten werden. Sie sind nur eine Kontakt zum Gesunden und zur Natur, vor allem zur
Zusicherung, dass das Ergebnis möglich und wahr- Natur in ihr.
scheinlich ist. Die Träume haben sich ja im Rahmen
einer Therapie ereignet, und Voraussetzung für den Traumbeispiel 29
Erfolg ist, dass die Patientin weiterhin gut mitarbei- Ich träumte, dass ich einer Therapeutin erzähle,
tet. In diesem Fall war die Patientin tatsächlich we- dass ich in einen Bauern verliebt bin. Ich sitze
nige Monate später von der lästigen Symptomatik in der Scheune in einem Krankenbett. Ich sage,
weitgehend frei, und sie bewegte sich sicher in gesel- dass der Bauer mich nicht will, da er glaube,
ligen Runden. dass ich sowieso wieder in die Stadt zurückge-
he. Die Therapeutin ermuntert mich, es den-
! Mehr oder weniger weitreichende Antizi-
noch mit dem Bauern zu versuchen. Er sei auch
pation in den Träumen
unsicher. Ich habe einen großen Weidenkorb
Ein Traum kann antizipatorisch mehr oder
voller schöner großer Mohrrüben. Da ich sagte,
weniger weit vorausgreifen. In den »durch-
dass ich nichts zum Lebensunterhalt beitragen
schnittlichen« Prozessträumen sind es viel-
könne, meint die Therapeutin, dass ich die
fach die kleinen Schritte und Schrittchen,
Mohrrüben verkaufen könne. Damit würde ich
die antizipiert werden. Die Traumarbeit
für mich und den Bauern Geld verdienen.
kann diese finalen und prospektiven Ten-
denzen hervorheben.
Die Antizipation kann sich aber auch –
Dem Regressiven des Traums wird durch Prospekti-
wie im obigen Beispiel – auf die Befreiung
ves widersprochen. Der Traum ist eine Mischung
von der psychischen Störung, auf die Hei-
aus regressiven und progressiven Momenten. Das
lung beziehen. Ein antizipatorischer Traum
Regressive besteht darin, dass die Patientin in einem
kann darüber hinaus einen Plan für einen
Krankenbett sitzt, dass sie zweifelt, sich als nicht ge-
langen Zeitabschnitt oder sogar für einen
wollt erlebt und dass sie sich unfähig sieht, etwas
Lebensentwurf anbieten. Das ist zwar sel-
zum Lebensunterhalt beizusteuern.
ten, kommt aber z. B. in Initialträumen
Dieses Regressive, das mit lange bestehenden
(7 Kap. 27) und in manchen archetypi-
Komplexen und Störungen zusammenhängt, das
schen Träumen vor.
also retrospektiv und kausal bedingt ist, bleibt aber
im Traum nicht unwidersprochen. Daran kann sich
das therapeutische Verhalten orientieren. Besonders
in diesem Fall einer nicht gefestigten, sondern sehr
irritablen Patientin wäre es falsch, sich auf die Ele-
180 Kapitel 17 · Kausalität und Finalität – Ursachen aus Vergangenheit und Zukunft

mente der Unfähigkeit, des Nichtkönnens und des mine, d. h. Lebenskräfte. Wir können das z. B. in
Krankseins zu konzentrieren. der Form ansprechen: »Wo besitzen Sie solch ein
Die Regression darf hier zu diesem Zeitpunkt gesundes, lebenskräftiges Potential? Und warum
nicht gefördert werden. Es sollte im Gegenteil das nutzen Sie es nicht? Sie müssen im Traum erst
Positive und Prospektive aufgegriffen werden, sonst dazu aufgefordert werden, etwas daraus zu ma-
würde man die Patientin weiter verunsichern. Denn chen.«
es handelt sich um eine sehr instabile und schon mit
dem Alltag oft überforderte Frau. In diesem Traum werden Selbstzweifel und Versa-
gensängste durch prospektive Momente kompen-
Wie kann final-prospektiv mit dem Traum gearbei- siert. Das Ansprechen dieser prospektiven und final
tet werden? Dazu können wir schauen, welche pro- ausgerichteten Elemente stärkt und stabilisiert die
spektiven Ansätze im Traum zum Ausdruck kom- Patientin nicht nur, sondern lenkt auch ihre Ener-
men, was der Traum final bei der Patientin bewirken gien in die Progression und weg von einer hier im
soll und welche der negativen Elemente durch den Moment nicht angezeigten Regression.
Traumzusammenhang in Frage gestellt werden.
4 Der Bauer als Bodenständiges, Gesundes. Im Das Prospektive im Traum aufspüren. Deshalb ist es
Traum klingt final die innige Beziehung zum – und das gilt nicht nur für regressiv-fixierte Patien-
Bauern, d. h. zum Bäuerlichen, Natürlichen an, ten – in der Traumarbeit essentiell wichtig, die pros-
denn die Patientin möchte ja den Bauern zum pektiven Tendenzen des Traumes aufzuspüren. Der
Partner. Wir können hier fragen, was der Bauer Patient sollte stets diese positiven Ansätze in sich er-
symbolisch bedeutet und inwiefern sie einen kennen und versuchen, sie in seinem konkreten Le-
besseren Kontakt zu einer natürlicheren Lebens- ben zu realisieren.
weise bekommen muss. Das gilt besonders hin- Auch da, wo wir erst kausal-analytisch arbeiten
sichtlich ihres eigenen Naturhaften, d. h. in Be- und die Traumelemente mit der Lebensgeschichte in
zug auf den eigenen Körper. Verbindung bringen müssen, sollte anschließend
4 Die ermunternde Therapeutin. Wir können beto- über die prospektiven Tendenzen des Traumes der
nen, dass die Therapeutin ihre Skrupel und Ein- Weg in eine bessere Zukunft gebahnt werden. Jede
sprüche nicht gelten lässt, sondern konstruktive Sitzung kann mit dem Ausblick auf mögliche Verän-
Vorschläge macht. Auch das ist – subjektstufig derungen und Verbesserungen abgerundet werden.
gesehen – eine prospektive Seite von der Patien-
! Das Prospektive im Traum
tin selbst. Wo ist die Therapeutin in ihr, die ge-
Die prospektiven Tendenzen im Traum
sund und realistisch denkt und handelt? Die
sollten vom Therapeuten aktiv aufgesucht
Patientin muss lernen, auf diesen Anteil in sich
und angesprochen werden. Wir können
zu hören und ihn stärker zu beachten.
fragen, wo der Patient etwas derartig Pros-
4 Das Krankenbett ist fragwürdig. Es ist vom Traum
pektives in sich erlebt. Wo und wie könnte
her nicht erkennbar, wieso die Patientin im
er es in seinem Alltag verwirklichen?
Krankenbett ist, denn es wird nicht gesagt, dass
sie krank ist. Ihr war auch keine Erkrankung im Die prospektiven Traumelemente symbolisch ver-
17 Traum bewusst. Dies gilt es aufzugreifen: »War-
um sitzen Sie im Krankenbett? Sie sind doch
stehen. Oft müssen die prospektiven Momente des
Traumes symbolisch genommen werden. Es geht
anscheinend gesund im Traum. Warum stehen meist nicht um eine konkretistische Umsetzung des
Sie nicht auf und werden aktiv? Wo verhalten Sie Traumgeschehens, sondern wir fragen, inwiefern
sich so in Ihrem Leben, dass Sie sich aufs Kran- der Patient in einem übertragenen oder symboli-
kenlager zurückziehen?« schen Sinne so verändert und wachstumsorientiert
4 Mohrrüben als pralle, gesunde Natur. Auch das denken und handeln kann, wie es im Traum vorge-
schöne Bild des Korbes mit den Karotten kann schlagen wird.
hervorgehoben werden. Er ist ein Besitz der Pa- Bezogen auf den letzten Traum ging es ja z. B.
tientin. Hier ist eine Nahrungsbasis voller Vita- nicht darum, dass sich die Patientin konkret mit ei-
17.3 · Praxis Finalität
181 17

nem Bauern liiert, sondern dass sie einen Kontakt Worin liegt die finale Ursache des Traumes? Was
zum »Bäuerlich-Naturhaften« in sich bekommt. So soll der Traum bei der Patientin bewirken? Welchen
sind auch die anderen Traumdetails in erster Linie »Fingerzeig« will er ihr geben? Wenn wir so fragen,
symbolisch aufzufassen. gehen wir von der zukünftig zu erreichenden Verän-
derung aus, die den Traum motiviert. Und das ist die
! Prospektivität im Traum – das potentiell
vor uns liegende Finalursache (7 Kap. 17.1 u. 17.1.1).
Erreichbare
Bei der gegenteiligen Fragestellung würden wir nach
Die prospektiven Anteile im Traum signali-
einer zurückliegenden Kausalursache suchen.
sieren, was bestenfalls in der Behandlung
Wir gehen hier einmal von der Hypothese aus,
erreicht werden kann. Sie sind aber keine
dass der Traum durch das Bild des zurückgebunde-
Garantie dafür, dass das gewünschte Re-
nen Daumens etwas bei der Patientin erreichen will.
sultat, welches im Traum symbolisch avi-
Eine solche Hypothese muss natürlich immer durch
siert wird, auch tatsächlich eintritt. Man
das Traumgespräch und die Assoziationen der Träu-
darf die Hände nicht in den Schoß legen.
merin bestätigt werden. Wie sich im Gespräch he-
Der Patient darf nicht in der Siegesgewiss-
rausstellte, konnte der Traum als Aufforderung an
heit des Geträumten in seinen Bemühun-
die Patientin verstanden werden, ihren Daumen, ein
gen erlahmen. Ein eventuelles Versprechen
Druck- und Machtinstrument, zurückzunehmen.
des Traumes wird nur eingelöst, wenn har-
Zur Annäherung an den Sinn des Traumes kön-
te therapeutische Arbeit erfolgt.
nen wir fragen, was der Daumen symbolisch bedeutet:
Die Winke in den Träumen auf Veränderung und »Was ist der Daumen? Wozu ist er gut? Wofür steht er
Besserung werden von den Patienten durchgängig symbolisch? Was fällt Ihnen zu Daumen ein?«
als wohltuend erlebt und stimmen sie hoffnungsvoll. Die Patientin betonte die Wichtigkeit des Dau-
Deshalb ist es so wichtig, diese Hinweise ins Be- mens, seine Oppositionsstellung zu den übrigen Fin-
wusstsein zu heben und den Patienten auf die ange- gern, die spezifisch menschlich ist und sicheres Grei-
kündigten Möglichkeiten aufmerksam zu machen. fen sowie eine feine Koordination ermöglicht. Der
Nur so kann das Prospektive im Traum seine volle Daumen ist weiter der muskulär stärkste Finger.
positive therapeutische Wirksamkeit entfalten. Man spricht von ihm in Wendungen wie »den Dau-
men drauf haben« oder »den Daumen drauf halten«.
Ein final gemeinter Fingerzeig im Traum Es bedeutet Einfluss und Kontrolle auszuüben,
Die Finalität im Traum kann sich zwar auf große Macht zu haben und zu dominieren. Mit dem Dau-
Entwicklungslinien und breite Themen wie z. B. in men kann eben kräftig Druck erzeugt werden.
den Initialträumen (7 Kap. 27) beziehen, doch oft Bei der finalen Betrachtungsweise gehen wir da-
geht es dem Traum um ein kleineres Etappenziel, um von aus, dass das Traumbild in irgendeiner Weise
eine ganz konkrete und umschriebene Verände- sinnvoll ist und etwas bezweckt. Deshalb nehmen
rung. wir an, dass der Arzt im Traum eine heilsame Ab-
Dies scheint der Fall zu sein bei dem folgenden sicht hat, wenn er den Daumen zurückbindet. Wir
Traumbeispiel, das von einer 37-jährigen Frau in ei- unterstellen der unbewussten Figur des Arztes – es
ner Ehekrise stammt: ist ja nicht das Traum-Ich, sondern subjektstufig ein
unbewusster Aspekt der Patientin – Weisheit in sei-
Traumbeispiel 30 nem Tun.
Ich habe einen Unfall gehabt, habe mich am Die Patientin hatte durch den übermäßigen Ein-
Daumen verletzt. Ich war beim Arzt. Der muss- satz ihres »Daumens« an der Partnerschaftsproble-
te mir den Daumen verbinden. Er hat ihn so matik Anteil. Sie übte durch überzogene Erwartun-
verbunden, dass er in die falsche Richtung, gen Druck aus und wollte beim Mann alles kontrol-
nach hinten, stand. Ich habe mich gewundert, lieren. Sie hatte selbst bei dem, was der Mann
dass der das so verbindet. ausgeben durfte, den Daumen drauf. Auch der Mann
trug seinen – wenn auch ganz andersartigen – Part
zu dem Ehekonflikt bei.
182 Kapitel 17 · Kausalität und Finalität – Ursachen aus Vergangenheit und Zukunft

Die Maßnahme im Traum, den Daumen zu- Appell des Traumes: Arbeite an deinen
rückzubinden und Druck und »Opposition« in Beziehungen
gewisser Weise bei ihr zu unterbinden, erweist sich Finalität und Objektstufe. Beim nächsten Traum
somit als sinnvoll. Das finale Signal des Traumes liegt der Schwerpunkt der finalen Bedeutung ganz
könnte sein, den »Daumen« vorübergehend ruhig auf der Objektstufe. Zumindest ist die Umsetzung
zu stellen. Im Traum war dieser medizinischen des Traumes im realen Kontakt mit ihrer Arbeitskol-
Maßnahme ein Unfall vorausgegangen. Real gab es legin der von der Träumerin zunächst zu leistende
vorher zwischen den Eheleuten den bisher hef- Schritt, wie im Folgenden einleuchten wird. Der
tigsten Zusammenprall, der beide verstört zu- Traum – es ist der einer 42-jährigen Chefsekretärin
rückließ. – greift ihren Berufsalltag auf:
! Die »Intention« des Traumes Traumbeispiel 31
Wenn gesagt wird, dass der Traum eine be-
Meine Kollegin geht in Urlaub. Ich habe relativ
stimmte Intention habe und dem Bewusst-
viel Arbeit übertragen bekommen, u. a. musste
sein etwas vermitteln wolle usw., dann ist
ich meterlange Rosenbeete gießen. Der Chef
dies nur eine umgangssprachliche Aus-
meiner Kollegin hat mich noch so vollgelabert,
drucksweise für die Finalität des Traumes.
dass ich versäumt habe, der Kollegin einen
Der Traum peilt teleologisch (ziel- und
schönen Urlaub zu wünschen. Das hat mich so
zweckorientiert) etwas an, was auch eine
aufgewühlt, dass ich im Traum fast geweint
gewisse Zielgerichtetheit des persönlichen
habe. Sie kam dann aber noch einmal vorbei.
Prozesses impliziert.
Ich drück ihr die Hand, wünsch ihr schöne Tage,
Weil das Unbewusste als Entstehungsort der Träume merk auf einmal an der Hand, dass es die
einen breiteren und weiseren Überblick über die Schwiegermutter ist, die ich dann auch vor
Entwicklungsnotwendigkeiten des einzelnen hat, ist mir sehe.
es gut, ihm die Führung auf diesem Weg zu überlas-
sen. Für uns Therapeuten heißt das, dass wir uns auf
die Träume des Patienten ganz und gar verlassen Der Kontext zu dem Traum. Bei der Kollegin handelt
können, sofern wir ihre Signale verstehen. Sie gelei- es sich um ihre Mitstreiterin, mit der sie seit Jahren
ten uns und die Patienten sicher durch die Etappen zusammen in einem Raum arbeitet, wobei sie sich
der Therapie hindurch. im Urlaub gegenseitig vertreten.
Beim letzten Traum lag die finale Hauptaussage Die Schwiegermutter ist schon vor einigen Jah-
auf der symbolischen und der Subjektstufenebene, ren gestorben. Diese sei zuletzt krank, pflegebedürf-
die sich dann auch positiv auf der realen Ebene in tig und etwas böse gewesen. Man habe ihr nichts
der Außenwelt auswirken. Die Patientin soll den recht machen können. Der Patientin fällt dann ein,
Machtanspruch in sich zurücknehmen (der Dau- dass sie in Bezug auf ihre Schwiegermutter immer
men wird an seinem Einsatz gehindert). Das hat ei- das Gefühl gehabt habe, dass sie sich zu wenig um
nen günstigen Einfluss auf die Beziehung zum Ehe- diese kümmere und keine wirkliche Beziehung zu
partner. ihr habe. Als die Mutter ihres Mannes tot war, hatte
17 Dabei wurde diese therapeutische Vorkehrung
(das Zurückbinden des Daumens) von einer un-
sie ein etwas schlechtes Gewissen.

bewussten Seite in ihr – im Traum durch einen Das Gemeinsame an Kollegin und Schwiegermut-
Arzt – veranlasst. Dieser Arzt stellt eine heil- ter. Der letzte Einfall animierte mich, nach eventuel-
verständige und weise Facette von ihr selbst dar. In len Gemeinsamkeiten zwischen Arbeitskollegin und
der Übertragung kann sie natürlich diesen inne- Schwiegermutter zu fragen. Es muss ein Zusammen-
ren Aspekt auf den Therapeuten projizieren, d. h. hang bestehen, da die Figuren im Traum ausge-
in der Übertragung ist der Therapeut dieser tauscht werden.
Arzt. Das Einzige, worauf die Patientin kam, war, dass
die Kollegin auch deutlich älter als sie selbst ist. Bei-
17.3 · Praxis Finalität
183 17

de gehören der Muttergeneration an. Der Traum legt Die Aufgabe ist es, das Rosenbeet zu pflegen, ein
nahe, dass die Beziehung zur Mitarbeiterin durch symbolischer Ausdruck für Beziehungspflege und
ein ähnliches Problem belastet ist, wie es die zur Harmonie. Man denke nur an den Buchtitel »I never
Mutter ihres Mannes war. promised you a rosegarden». Ein Rosenbeet will wie
eine Beziehung gehegt und gepflegt werden, damit
! Austausch von Personen im Traum
etwas erblühen kann.
Werden im Traum verschiedene Personen
von einem Moment auf den anderen aus-
Kausalität und Finalität ergänzen sich. Der Traum
getauscht oder gibt es ein Changieren zwi-
dokumentiert auch das Ineinandergreifen von ver-
schen ihnen, heißt das meist, dass zwi-
gangenheitsorientierten, kausalen Momenten
schen beiden Figuren eine Gemeinsamkeit
(Schwiegermutter) und vorwärtsgerichteten, finalen
besteht, dass sie z. B. durch das gleiche
Motiven (besserer Kontakt zur Arbeitskollegin). Das
Problem miteinander verbunden sind.
halbverdrängte Schuldgefühl gegenüber der Schwie-
Die Frage, wie die augenblickliche Beziehung zu ih- germutter, das über 5 Jahre zurückweist, wird be-
rer Kollegin ist, wurde von der Patientin obenhin mit nutzt, um eine final wünschenswerte Entwicklung
»gut« und »keine Schwierigkeiten« beantwortet. zu begründen.
Wäre da nicht der Traum, würde man an dieser Stel- (Weitere im Traum liegende Bedeutungsaspekte
le aufgeben. Gestützt auf den Traum können wir sind hier außer Acht gelassen.)
aber insistieren: »Warum werden im Traum Kollegin
und Schwiegermutter verglichen? Könnte es sein,
dass Sie eines Tages ein Versäumnis gegenüber der
Kollegin bereuen werden, ähnlich wie bei der
Schwiegermutter?«
Nach einigem Besinnen und Zögern wurde sich
die Patientin klar, dass sie zur Kollegin doch eine
große innere Distanz hat. Sie sind zwar freundlich
zueinander, doch eine offene, menschliche Bezie-
hung ist es nicht. Manchmal ärgert sich die Patientin
über die andere Sekretärin, da diese beruflich vieles
nicht »blicke« und nicht schnell genug schalte. Auf-
grund einer uneingestandenen Abschätzigkeit hält
sie die andere auf Abstand.

Die finale Aussage des Traumes. Hier greift der


Traum ein. Die Patientin lebt an der Mitarbeiterin,
mit der sie so viel Zeit zusammen verbringt, im
Hier und Jetzt der Situation am Arbeitsplatz vor-
bei. Sie lässt sich nicht auf einen wirklichen Kon-
takt zum anderen Menschen ein. Das soll sich – so
die »Absicht«, die Finalität des Traumes – verän-
dern.
Dazu wird sie an den etwas missglückten Bezug
zur Schwiegermutter erinnert und gemahnt. Von
dieser Beziehung her ist ein Schuldgefühl auf ihrer
Seele liegen geblieben. Das soll sich in der jetzigen
Situation nicht wiederholen. Dass sie gegenüber der
Kollegin etwas versäumt hat, kommt wörtlich im
Traum vor.
18

18 Tagesreste –
Baumaterial der Träume
18.1 Methodik – 186
18.1.1 Träumen vom Vortag – Die Tagesreste – 186
18.1.2 Die Traummanufaktur im Unbewussten – 188

18.2 Praxis – 189


18.2.1 Nichts Neues? – Der Traum als scheinbare Wiederholung
eines Ereignisses – 189
18.2.2 Die Bedeutung der Tagesreste in der praktischen Traumarbeit – 191
186 Kapitel 18 · Tagesreste – Baumaterial der Träume

18.1 Methodik Beispiel

18.1.1 Träumen vom Vortag – Der 44-jährige Patient, dessen Traum ich hier
Die Tagesreste vorstelle, wollte seinen Traum eigentlich gar
nicht erzählen. Er brachte ihn mit der Bemer-
kung vor: »Da ist nur etwas im Traum erschie-
Ist der Traum eine bloße Aneinanderreihung von
nen, was auch bei der Arbeit so gewesen ist.
Tagesresten? Dieser Standpunkt wird zwar ver-
Das hat wohl weiter keine Bedeutung.«
schiedentlich vertreten, es stellt sich jedoch die Fra-
ge, ob der Traum schon damit hinreichend erklärt
ist, dass man in ihm eine Reihe von Tagesresten wie- Traumbeispiel 32
der erkennt. Die Sekretärin meines Chefs und eine andere
Das Faktum, dass in den meisten Träumen Ta- Mitarbeiterin mit roten Haaren waren dabei. Die
gesreste aufzufinden sind, ist unbestritten. Jedem, Frau mit den roten Haaren hat abfällig zu mir
der Träume beachtet, wird auffallen, dass Vortagser- gesagt: »Ihr Kollege ist schon wieder krank.«
lebnisse oder Eindrücke aus den zurückliegenden
Tagen, eben die so genannten Tagesreste, in den
Traum eingehen. Dieses ist so evident und so häufig, Folgende Tagesreste sind in den Traum eingegangen:
dass viele Menschen, die sich noch nicht tiefer mit Real ist, dass der Kollege des Patienten wieder er-
dem Traum beschäftigt haben, ihn als eine pure Wie- krankt ist. Die Mitarbeiterin mit den roten Haaren,
derholung der vorausgegangenen Erlebnisse zu er- die eine »giftige Hexe« sei, hat in der Tat wiederholt
klären suchen. abfällige Bemerkungen über die Zusammenarbeit
Ich habe diese schon sagen hören: »Es hat mit mit dem Kollegen gemacht, z. B. dass diese nicht lan-
dem Traum nichts weiter auf sich. Ich habe das nur ge gut gehen werde. So negativ getönt war auch die
deshalb geträumt, weil ich dieses gestern so erlebt Äußerung der Rothaarigen im Traum. Sie wollte da-
habe.« Damit glauben sie, dass der Traum befriedi- mit zum Ausdruck bringen, dass es mit den beiden
gend verstanden und erhellt ist. nicht klappe.
Dazu ist vom Standpunkt der hier vorgestellten Dieser Traum arrangiert Einflüsse aus den letz-
tiefenpsychologischen Traumtheorie zweierlei anzu- ten Tagen zu einer Szene, die sich tatsächlich so ab-
merken: gespielt haben könnte. Es ist ein scheinbar banaler
1. Träume sind fast nie eine reine Rekapitulation Traum, der dem Patienten nichts sagte. Wir werden
des Geschehenen oder Erlebten. Die Erinne- aber gleich nachweisen, dass in ihm sehr wohl eine
rungsdetails, die Tagesreste, machen zum einen kompensatorische und symbolische Aussage steckt.
meist nur einen kleinen Teil des Traumes aus.
Zum anderen sind sie oft verfremdet und modi- Warum benutzt der Traum diese Tagesreste? Die
fiziert. Manchmal erfährt man die Abweichung Frage, warum der Traum diese realen Reminiszen-
des Traumes von der Realität erst durch gezieltes zen auswählt, beantwortet sich mit dem Verstehen
Nachfragen, wobei sich dann herausstellt, dass es des Traumes auf der Subjektstufe. Das Unbewusste
in vielfacher Hinsicht deutliche, zumindest aber hat diese Bruchstücke aus dem Vortagserleben zur
winzige Unterschiede gibt. Diese Abweichungen Illustration eines subjektstufigen Zusammenhangs
sind von Bedeutung. aufgegriffen.
2. Sollte der Traum tatsächlich eine exakte Wieder-
18 holung von Vorgefallenem sein, dann liegt darin ! Die Tagesreste dienen hier als Vorlage
oft ein Informationsgehalt an das Bewusstsein. für eine symbolische Aussage. Als reine
Beispielsweise kann die wiederholte Szene des Wiederholung des gestern Abgelaufenen
Vortages eine symbolische Aussage beinhalten, machen sie keinen Sinn. Sie sind nicht per
die zur Kompensation eines Bewusstheitsman- se bedeutsam, sondern als Ausdrucks-
gels dem Ich angeboten wird. mittel zur Veranschaulichung einer unbe-
wussten Dynamik im Patienten.
18.1 · Methodik
187 18

Was bedeutet der Traum subjektstufig? Es ergeben ! Ein subjektstufig verstandener Traum, der
sich vom Traum her folgende Fragen an den Patien- scheinbar nur reale Tagesreste aufgreift,
ten: »Haben Sie eine solche rote Hexe in sich? Gibt hat wiederum objektstufige Konsequen-
es in Ihnen eine Instanz, die sich abwertend über den zen, indem der Träumer aufgrund der neu-
Kollegen und die Zusammenarbeit mit ihm aus- en Einsicht bewusster und verändert auf
lässt?« die Umgebung reagieren kann.
Hier stutzte der Patient im Wortwechsel über
den Traum und war bass erstaunt. Denn er fand so- Fazit des Traumbeispiels. Auch dieses Traumbei-
fort einen Zugang zu dieser Seite in sich und war spiel hat gezeigt, dass der Traum nicht ein Abbild des
freudig überrascht, dass dem Traum doch noch ein Bewusstseins ist, sondern als ein Spiegel der Vorgän-
Sinn abgewonnen werden konnte. ge in der Gesamtpsyche angesehen werden kann. Er
»Ja, in mir stichelt immer etwas gegen den Kolle- benutzt zwar Tagesreste, bietet damit aber jeweils
gen. Ich habe mir auch gesagt: wenn der sich noch dem Ich-Bewusstsein einen Teil des Unbewussten
etwas leistet, kündige ich ihm die Zusammenarbeit.« an, der im Sinne einer Balancierung und Regulation
In dieser Gefahr ist er, und davor warnt ihn der im Moment notwendig ist.
Traum, indem er ihm seine innerpsychische Situa-
! Auch Träume, die nur aus Tagesresten
tion vor Augen hält. Er ist in Gefahr, sich von dieser
aufgebaut sind, können eine symbolische
»rothaarigen Hexe« in ihm, einem negativen Ani-
Aussage oder eine kompensierende Be-
maaspekt, dominieren zu lassen und seine männli-
deutung haben
che Identität zu verlieren. Von seinem Ich-bewuss-
Träume sind fast nie eine reine oder zufälli-
ten männlichen Standpunkt aus hatte er nämlich
ge Wiederholung von Vortagserlebnissen.
eine gute Kooperation zu diesem Kollegen aufge-
Auch Träume mit vorherrschenden Tages-
baut, der im Gegensatz zum etwas zwanghaften und
resten kompensieren das Bewusstsein; in
pflichtbesessenen Patienten eine chaotisch-kreative
ihnen stecken meist neue Signale ans Be-
Seite hat. Zum Erstaunen des Umfeldes hatte sich
wusstsein.
aber eine fruchtbare gemeinsame Leistung ergeben.
Darüber hinaus zeigen die Träume ent-
Durch das Traumgespräch wurde dem Patienten
weder signifikante Unterschiede zur real
diese mindernde Stimme in ihm deutlicher. Er konn-
erlebten Szene, oder der angebotene Aus-
te ihr jetzt bewusst Widerstand entgegensetzen.
schnitt aus der Wirklichkeit birgt eine sub-
Ohne den Traum wäre er bei nächster Gelegenheit
jektstufige oder symbolische Bedeutung,
versucht gewesen, dieser destruktiven Seite in sich
die dem Bewusstsein nahe gebracht wer-
nachzugeben. Er hatte nun eine konkrete Hand-
den soll.
lungsanweisung, auf diese unterschwellige Stimme
in sich zu achten und sich nicht von ihr beherrschen Emotionale Verarbeitung im Traum. Eine Ausnah-
zu lassen. me davon bilden Träume, die nach einem Schock,
Katastrophenerlebnis, Unfall bzw. nach einer beob-
Rückwirkung der Traumarbeit auf die Außenwelt. achteten oder selbst erfahrenen Gewalttat das Ge-
Dieser aus Tagesresten aufgebaute Traum und seine schehene ständig wiederholen. Solche »traumati-
Bearbeitung sind auch ein Beispiel dafür, dass das schen Träume« (7 Kap. 17.2.2) dienen der emotiona-
subjektstufige Erfassen der Traumbedeutung nicht len Verarbeitung und Integration des Geschehenen.
ein theoretisches, akademisches Spiel im Innenraum Auch bei aktuellen Konflikten, z. B. mit dem
der Psyche ist, sondern sofortige und unübersehbare Partner oder im Beruf, bei intensiven Problemen
Konsequenzen für die Außenrealität hat. Der Patient und einschneidenden Geschehnissen können ver-
ist – erhellt durch die subjektstufige und für ihn völ- stärkt Eindrücke des Vortages im Traum vorkom-
lig plausible Sicht – nun ein Stück mehr davor gefeit, men. Hier trifft die verbreitete Anschauung zu, dass
die Basis mit dem Kollegen zu gefährden. Er kann im Traum »Probleme verarbeitet« werden. Das ist
jetzt dem Kollegen wie auch der Mitarbeiterin an- aber nur eine von mehreren Verstehensmöglichkei-
ders begegnen. ten bei dem vielschichtigen Phänomen Traum.
188 Kapitel 18 · Tagesreste – Baumaterial der Träume

18.1.2 Die Traummanufaktur im lebnisse in der Außenwelt können die unbewusste


Unbewussten Dynamik beeinflussen bzw. aktivieren. Beispielswei-
se werden Komplexe durch spezifische Auslöser an-
Verursachen die Vortagsereignisse den Traum? Die geregt oder angestoßen. Und dieses energetisch an-
in den Traum eingegangenen Tagesreste werden oft geregte Unbewusste kann über einen Traum versu-
auch als »Traumauslöser« oder »auslösende Ursa- chen, Zugang zum Bewusstsein zu finden. Somit
che« des Traumes bezeichnet. besteht eine Wechselwirkung zwischen Außenerleb-
Durch diese Sicht werden aber m. E. die tatsäch- nissen und innerer unbewusster Dynamik.
lichen Verhältnisse auf den Kopf gestellt. In der tie-
fenpsychologischen Sichtweise und Empirie spricht Beispiel
alles dafür, dass es sich genau anders herum ver- Durch eine Zurücksetzung, Niederlage oder
hält: Demütigung wird der (seit langem bestehen-
de) Minderwertigkeitskomplex einer Person
! Nicht die Tagesreste sind Ursache des Trau-
aktuell stimuliert. Der nächste Traum kann
mes, sondern sie werden nur sekundär als
dann aus diesem aktivierten Herd heraus ent-
geeignete Ausdrucksmittel für die Traum-
stehen und die Dynamik zwischen dem Ich
botschaft verwendet.
und diesem Komplex des Unbewussten zeigen;
Auch das letztgenannte Traumbeispiel demonstriert, dabei kann er als Baumaterial Elemente der
dass die banalen Eindrücke der zurückliegenden Tage real erlebten Szene einfügen.
nicht der Grund dieses Traumes sein können. Der
Sinn und das Entstehungsmotiv für den Traum liegen
vielmehr in der aktuellen unbewussten Dynamik, die Dieser punktuellen Stimulation durch Außenerleb-
dem Träumer vor Augen geführt werden soll. nisse steht aber der eigengesetzliche Rhythmus und
die autonome Entfaltungstendenz des Unbewussten
Die Tagesreste als Baumaterial der subjektstufigen gegenüber. Im Verlaufe der körperlich-psychischen
Traumaussage. Deshalb erscheint es angemessener, und geistig-psychischen Entwicklung werden arche-
den Entstehungsgrund für den Traum woanders zu typische Kraftfelder mobilisiert. Von diesem Werde-
suchen als in den Vortagsereignissen. Geeigneter und Individuationsprozess erhält unser Bewusstsein
erscheint die Annahme, dass die »Traummanufak- u. a. durch die Träume und ihre Signale Kenntnis.
tur« im Unbewussten sich des verschiedensten Ma- Bei der Bildung der Träume wird dabei vom Unbe-
terials bedient, auch das der kurz zurückliegenden wussten Material aus dem bekannten Erfahrungs-
Erlebnisengramme, der Tagesreste, um einen sym- gut, und das sind eben auch die Tagesreste, zusam-
bolischen und meist subjektstufigen Sinn auszudrü- mengesucht.
cken.
Selektive Wahrnehmung aufgrund des aktivierten
! Die Tagesreste sind nicht die Ursache des
Unbewussten. Dass der Traum überhaupt Tagesres-
Traumes!
te verwertet und nicht nur auf älteres und allgemei-
Nicht die Tagesreste sind die Traumursache
nes Erfahrungsgut aus der Realwelt zurückgreift,
im Sinne einer einseitigen Kausalität,
könnte damit zusammenhängen, dass das aktuell
sondern der Grund der Traumentstehung
aktivierte Unbewusste schon in den wachbewussten
und Traumauslösung liegt im Unbewuss-
Wahrnehmungsvorgang hineinwirkt. Es erfolgt –
18 ten. Bei der Komposition des Traumes
unbewusst – eine Libidobesetzung derjenigen Ob-
wählt das Unbewusste diejenigen Tages-
jekte, die symbolisch der momentanen Dynamik des
reste aus, die für die symbolische Aussage
Unbewussten entsprechen. Schon während des
des Traumes passend sind.
Wachbewusstseins werden somit bestimmte Erle-
Wechselwirkung zwischen Tagesresten und dem benssequenzen vom Unbewussten »markiert« und
Unbewussten. Der Traum entsteht zwar im Unbe- als symbolisches Material für den nächsten Traum
wussten, doch einschneidende oder bedeutsame Er- reserviert.
18.2 · Praxis
189 18

Dabei kann der Energiebetrag, die »Markie- Form gestrige Ereignisse wiederhole, oder identifizie-
rung«, zu schwach sein, um sich direkt bis ins Be- ren zumindest einzelne Bruchstücke vom Vortag und
wusstsein durchzusetzen. Das heißt, der betreffende meinen den Traum damit verstanden zu haben.
Ausschnitt aus der Wirklichkeit wird entweder sub-
liminal wahrgenommen oder vom Bewusstsein als Zum Umgang mit diesem Problem. Dann ist bei sol-
nicht wichtig eingestuft. Er wird aber abgespeichert chen Träumen, die real Passiertes aufgreifen, folgen-
und kann als Tagesrest in einen der folgenden Träu- de Frage an den Patienten geeignet, seine wegwi-
me eingehen. schende oder bagatellisierende »Erklärung« zu er-
schüttern und zu irritieren: »Warum träumen Sie
Beispiel das, wenn es Ihnen bewusst ist? Was Ihnen bewusst
Nehmen wir an, dass bei einem Mann im Unbe- ist, brauchen Sie ja nicht zu träumen.«
wussten momentan der Animabereich
! Denn der Traum ist nicht ein Abbild des
(7 Kap. 7), der gegengeschlechtliche Funk-
Bewusstseins, sondern ein Spiegel der Vor-
tionskomplex, energetisch angeregt ist. Im
gänge in der Gesamtpsyche. Dabei bietet
Wachleben wirkt dann dieser unbewusste Hin-
er ja jeweils den Teil des Unbewussten dem
tergrund ständig mit und kann – auch ohne
Ich-Bewusstsein an, der im Sinne einer
Wissen des Bewusstseins – Eindrücke von Frau-
Balancierung und Regulation im Moment
en auswählen und abspeichern, die geeignet
notwendig ist. Das gilt auch für Träume,
sind, die innere Animadynamik im nächsten
die scheinbar nur aus Tagesresten be-
Traum abzubilden. Dieser Mann kann dann von
stehen.
weiblichen Gestalten träumen, die er tags zu-
vor gesehen oder getroffen hat. Und dabei Außerdem weicht der Traum bei genauerem Hinse-
geht es möglicherweise nicht um die Realbe- hen meist von dem real Erlebten der Vortage ab, wo-
ziehung zu diesen Personen, sondern um eige- bei diese Unterschiede für das Verständnis des Trau-
ne Animaaspekte. mes wichtig sind und ihm eine neue Bedeutung
verleihen.

So war es auch in dem zuletzt erwähnten Traumbei- Beispiel


spiel 32 aus 7 Kap. 18.1.1. Die Sekretärin im Betrieb, Der folgende Traum eines 39-jährigen Patien-
die »rothaarige Hexe«, die sich abfällig über seinen ten wiederholte nach seiner Meinung nur et-
Kollegen äußerte, ist ein passender Ausdruck für ei- was real Geschehenes:
nen im Patienten momentan aktiven Animaaspekt
und wird deshalb als Baumaterial für den Traum
verwendet. Traumbeispiel 33
Ich war in der Familie wie früher. Ich sah mich
im Gespräch mit meiner Mutter. Ich habe sie
18.2 Praxis gefragt, ob ich bei ihr bleiben kann. Die Reak-
tion war nein, es gehe nicht.
18.2.1 Nichts Neues? – Der Traum als
scheinbare Wiederholung
eines Ereignisses Die Tagesreste. Der Patient, dem der Auszug bei sei-
ner Partnerin bevorsteht, fragte vor kurzer Zeit seine
Wie schon erwähnt (7 Kap. 18.1.1), haben wir es bei Mutter, ob er vorübergehend wieder bei den Eltern
Patienten, die sich neu der Traumarbeit nähern, wohnen könne. Er habe das als »Test- oder Scherz-
manchmal mit dem Problem zu tun, dass sie den frage« gemeint, wobei ihm schon klar gewesen sei,
Traum als »bloße Tagesreste« hinreichend erklären dass die Mutter das nicht wolle. Diese habe dann
wollen und keine weitere Bedeutung in ihm sehen. Sie zwar nicht direkt nein gesagt, aber ausweichend und
äußern, dass der Traum exakt oder in abgewandelter mit vorgeschützten Ausreden reagiert. Das hatte den
190 Kapitel 18 · Tagesreste – Baumaterial der Träume

Patienten enttäuscht und verprellt. Er brach den Muttern«. Er hat das nachfühlbare Bedürfnis, bei
Kontakt zur Familie wieder ab. einer mütterlichen Figur unterzuschlüpfen. Insofern
So weit die aktuellen Erinnerungsreste aus der war die reale Frage an die Mutter auch ein Gutteil
Realität, die Tagesreste, die in den Traum eingegan- ernsthaft gemeint. Zumindest gibt es den unbewuss-
gen sind. Zum lebensgeschichtlichen Kontext gehört ten Wunsch, wieder kindhaft unter den Fittichen der
noch, dass es beinahe 20 Jahre her ist, dass er in der Mutter sein zu können.
elterlichen Familie gelebt hat. Technisch ist es an dieser Stelle wichtig, dass wir
dem Patienten helfen, einen Zugang zu diesem nicht
Die Unterschiede zwischen den Tagesresten und voll eingestandenen Bedürfnis zu finden. Wir kön-
dem Traum. Bei genauerem Hingucken gibt es zwei nen ihn fragen, ob ihm dieser Wunsch unterzukrie-
feine Unterschiede zwischen dem real Erlebten und chen bewusst ist und wie dieser sich in seinen Phan-
der Traumszene: tasien auswirkt. Der Patient soll sich mit dieser
4 Im Unterschied zu ihrem Verhalten in der Au- Sehnsucht verstanden und angenommen fühlen.
ßenrealität gibt die Mutter im Traum eine viel Dann ist er dieser infantilen Tendenz auch nicht
weniger unverbindliche und sogar entschieden mehr blind ausgeliefert.
verneinende Antwort. Es ist aber noch etwas Zweites in diesem Traum
4 Zweitens ist der Patient im Traum zwar ein Er- sichtbar, nämlich das Nein der Mutter, das viel härter
wachsener, aber deutlich jünger als zum jetzigen und kompromissloser ausfiel als die Ablehnung der
Zeitpunkt (wie sich auf Nachfragen ergab). Die- persönlichen Mutter. Im objektstufigen Sinne unter-
ses differierende Alter im Traum weist auf eine streicht die abweisende Mutter im Traum (noch
Regression hin. deutlicher als in der Außenwirklichkeit) die Not-
wendigkeit, sich von diesem Elternteil abzulösen.
Damit hat der Traum die Realszene erheblich abge- Der Traum traut dem Patienten offenbar zu, dass er
wandelt. Der symbolischen Aussage des Traumes auch ohne seine Mutter zurechtkommt.
entspricht die modifizierte Traumszene offenbar Die subjektstufige Betrachtung des Traumes för-
besser als das tatsächliche Geschehen. Und nur der dert weitere Bedeutungsaspekte zutage. Aus dieser
Traum, nicht die »draußen« abgelaufene Szene, ist Sicht ist das Nein der Mutter im Traum ein Nein der
zur Herausarbeitung der subjektstufigen Bedeutung mütterlichen Schicht im Patienten, einer negativen
des Traumes relevant. Deshalb ist es so wichtig, sich Komplexschicht, die ihm im Bezug zu sich selbst
die Unterschiede gegenüber den vorausgegangenen Mütterlichkeit, Fürsorge und Zuwendung verwei-
Erlebnissen bewusst zu machen. gert. Diese innere negative Mutter wird auf die äuße-
re projiziert. Diese innere Mutter wurde aber in der
! Die Unterschiede zwischen Erlebtem
Biographie auch durch die reale Mutter genährt, die
(Tagesreste) und Traum sind wichtig
sich dem Patienten gegenüber vielfach unmütterlich
Wenn ein Traum nach den Angaben des
und unbeholfen verhielt.
Patienten genau ein reales Vorkommnis
An dieser Stelle war (nachdem der anamnesti-
wiederholt, kann untersucht werden, ob
sche Bereich oft genug durchgesprochen worden
es nicht doch Abänderungen im Traum
war) die subjektstufige Frage angebracht: »Sind Sie
gegenüber der Realität gibt. Denn nur die
sich selbst gegenüber so negativ eingestellt, dass Sie
von der Außenrealität abweichende Dar-
sich Positiv-Mütterliches verweigern?«
stellung im Traum ist die Grundlage für das
Wie so oft traf auch hier die subjektstufige Fra-
18 symbolische und subjektstufige Verstehen
gestellung ins Schwarze. Sie öffnete beim Patienten
des Traumes.
gleichsam Schleusen, dem nun eine Fülle von Bei-
Zur objekt- und subjektstufigen Bedeutung dieses spielen einfiel, wo er sich selbst bis in die heutige Zeit
Traumes. In der momentanen Situation, einer Part- hinein eine »genügend gute Bemutterung« versagt
nerschaftskrise, in der eine räumliche Trennung hatte.
zwischen der Gefährtin und ihm vereinbart wurde, So stecken in dem kurzen Traum zwei wichtige
hat der Patient eine regressive Tendenz »zurück zu und scheinbar paradoxe Aussagen: Einerseits soll er
18.2 · Praxis
191 18

seinen regressiven Hang »zurück zu Muttern« auf- Während es bei Patienten, die den Traum mit
geben und sich von seiner realen Mutter ablösen dem vorher Erlebten wegrationalisieren wollen
(Objektstufe), andererseits ist er aufgefordert, die (»Der Traum wiederholt ja nur, was ich gestern er-
negative Beziehung und seine mangelnde Mütter- lebt habe und hat weiter keine Bedeutung«), not-
lichkeit sich selbst gegenüber zu erkennen und zu wendig ist, das Schwergewicht auf die Details im
ändern versuchen (Subjektstufe). Traum und dessen subjektstufige Bedeutung zu
legen, kann bei Patienten, die unter dem Eindruck
»schrecklicher Träume« stehen, im ersten Schritt
18.2.2 Die Bedeutung der Tagesreste therapeutisch gerade das Gegenteil wichtig sein,
in der praktischen Traumarbeit nämlich den Traum als ein Aufgreifen von Tages-
resten zu sehen. Das geschieht durch die Verbindung
Es ist immer ratsam, bei der Besprechung eines der Traumbilder mit der Realität, mit den Ein-
Traumes nach den Tagesresten zu fahnden. Wir kön- drücken der Vortage. Damit verlegen wir die Be-
nen fragen: »Wodurch wurde der Traum ausge- tonung weg vom Traum und hin zur Außenwelt, was
löst?«, wohl wissend, dass die Tagesreste und die re- den Patienten entängstigt.
zenten Erlebnisse nicht die eigentliche Ursache des
! Bei Alpträumen nach Tagesresten forschen
Traumes sind, sondern eher seine Bauteile
Bei Träumen mit erschreckendem und
(7 Kap. 18.1.2). Wir können sie aber im vereinfach-
»grässlichem« Inhalt hat das Aufsuchen
ten Sprachgebrauch als »Auslöser« bezeichnen.
der Tagesreste und die Verbindung der
Traumbilder zu ihnen einen angstmildern-
Welche Funktionen erfüllt das Gespräch über die
den therapeutischen Effekt.
Tagesreste? Abgesehen davon, dass wir über die Ta-
Die Patienten stehen meist ganz unter
gesreste und den Abweichungen davon im Traum
dem Einfluss und Bann der inneren Sym-
besser zur objekt- und subjektstufigen Bedeutung
bolik und können dadurch auch den wa-
des Traumes finden, erfüllt das Gespräch über die
chen Bezug zur Außenwelt ein Stück weit
Tagesreste noch weitere Zwecke:
verlieren. Durch den Anschluss des Trau-
4 Bei Alpträumen entängstigt es den Patienten.
mes an die aktuellen Wahrnehmungen
4 Einen instabilen Patienten verankert es stärker in
wird die Verankerung in der Realität wie-
der Realität.
der gefestigt.
4 Es ergeben sich erste Hinweise auf die Bedeu-
tung des Traumes. Aber nicht nur bei Alpträumen, sondern auch bei
Patienten, die noch wenig Erfahrung im Umgang
Entängstigung mit ihren Träumen oder die noch viel Angst davor
Besonders bei Träumen mit erschreckenden und haben, ist es nützlich, nach der »auslösenden Situa-
ängstigenden Bildern ist der Anschluss an die auslö- tion« und nach Vortagsresten zu fragen.
senden Reize in der Realität hilfreich. Träumt z. B. Damit wird generell ein entängstigender Brü-
ein Patient von Mord und Zerstückelung der Leiche, ckenschlag zwischen der Welt des Traumes und der
können wir fragen: »Haben Sie so etwas im Fernse- Außenwelt getätigt. Es bedeutet in jedem Fall eine
hen oder Kino gesehen, oder haben Sie gerade einen Entlastung des von inneren psychischen Inhalten
Krimi gelesen?« bedrohten Patienten, seinen Traum mit äußeren Er-
Wenn dem Patienten dann einfällt, dass gestern lebnissen in Verbindung zu bringen. Dies sagt zwar
oder in den letzten Tagen über etwas Entsprechendes noch nichts über die Bedeutung des Traumes aus, ist
in den Medien berichtet wurde, entschärft und rela- aber eine wichtige Verknüpfung mit und Anknüp-
tiviert das die Wucht der inneren Bilder. Es ist für den fung an die vertraute Realität.
Patienten entlastend sich klarzumachen, dass so et-
was real in der Welt vorkommt und dass er gerade in Stärkung der Realitätsfunktion
den Nachrichten davon gehört hat. Der Eindruck der Die Verbindung des Traumes mit realen Auslösern
Grausigkeit des inneren Erlebens wird gemildert. hat auch den therapeutischen Nebeneffekt, das Ich
192 Kapitel 18 · Tagesreste – Baumaterial der Träume

mit seinen Funktionen zu festigen. Die Wahrneh-


mungs- und Erinnerungsfunktion werden dadurch
geschult. Das führt zu mehr Bewusstheit bezüglich
der äußeren Wahrnehmung und der Realitätsfunk-
tion.
Das Anbinden der Traumelemente an in den
letzten Tagen real Gesehenes, Gehörtes oder Erlebtes
hat nämlich immer einen stärkenden Einfluss auf die
Realitätsfunktion. Besonders bei ichlabilen Patien-
ten sollte man sich deshalb die Frage nach den Tages-
resten und »Auslösern« zur Regel machen.
In den meisten Fällen können wir dabei rezente
Eindrücke auffinden. Nur bei rein archetypischen
Träumen, deren Symbolik ganz aus der Tiefe des kol-
lektiven Unbewussten stammt, können Tagesreste
vollkommen fehlen.

Tagesrest und Traumbedeutung


Für den geschulten Behandler ergeben sich aus den
Tagesresten schon Hinweise auf die Bedeutung des
Traumes, besonders wenn wir nach der Symbolik
der Tagesreste und nach anderen Bedeutungsebenen
fragen (7 Kap. 18.1.1).
Denn im Traum wird oft deshalb eine gestrige
Szene aufgegriffen, weil sie am besten die momenta-
ne innere Dynamik des Patienten darstellen kann.
Ein Streit mit einer Person, der vor dem Traum erlebt
wurde, kann so z. B. einen inneren Konflikt symbo-
lisieren usw. Insofern lohnt es sich immer, nach der
auslösenden Situation zu forschen und sich dann zu
überlegen, was sie im übertragenen Sinne oder in-
nerpsychisch bedeutet.

18
19

19 Assoziation und Amplifikation –


Wege zur Traumentschlüsselung
19.1 Fokussiertes Assoziieren: Umkreisen statt Abschweifen – 194
19.1.1 Das Assoziieren mit den einzelnen Orientierungsfunktionen – 196

19.2 Die Herstellung des Kontextes – 196

19.3 Aus dem Allgemeingut der Menschheit schöpfen –


Die Amplifikation von Symbolen – 197
194 Kapitel 19 · Assoziation und Amplifikation – Wege zur Traumentschlüsselung

19.1 Fokussiertes Assoziieren: ihm zurück und findet weitere Verknüpfungen


Umkreisen statt zu ihm.
Abschweifen
Beispiel
Von Freud her ist die Methode der Assoziation be- Der Unterschied wird am besten an einem kon-
kannt, die hilft, der Bedeutung der Traumelemente kreten Fall deutlich. Eine 42-jährige Patientin
auf die Spur zu kommen. Man lässt dazu seinen Ein- träumte Folgendes:
fällen freien Lauf, ohne irgendetwas als unpassend
oder zu peinlich zu verwerfen.
Dieses freie Assoziieren birgt aber nach der Traumbeispiel 34
Traumauffassung Jungs die Gefahr, zu weit vom Ich bin dabei, einen Laden, einen Friseursalon
Traum wegzuführen. Durch ein solches Wegassoziie- einzurichten, muss aber erst das verstaubte
ren entsteht eine Assoziationskette, die uns zwar auch alte Mobiliar rausbringen. Es ist mir unange-
zu wichtigen unbewussten Komplexen leitet, sich nehm zumute, weil ich den Beruf nicht gelernt
aber nicht unbedingt der spezifischen Bedeutung habe. Ich bin mir aber sicher, dass ich das trotz-
dieses einmaligen heutigen Traumes nähert (Jung dem schaffe. Ich muss noch einen verstaubten
1971, GW 8). Ohrensessel rausbringen, bevor ich anfangen
kann, da sauber zu machen.
! Es gilt also, um die aktuelle Traumaussage
nicht zu verfehlen, die Methode des freien
Assoziierens hin zu einem fokussierten As-
Das Wegassoziieren (Assoziationskette). Spontan
soziieren, das immer am Traumbild orien-
fiel der Patientin zum Thema Friseur eine Kette von
tiert bleibt, abzuwandeln (. Abb. 19.1).
Assoziationen ein, die zwar wichtiges biographisches
Das Wegassoziieren springt »vom Hölzchen aufs Material hervorbrachten, sich aber immer weiter
Stöckchen« und immer weiter vom ursprünglichen vom Traum entfernten. Es fand das Wegassoziieren
Traumelement weg. Das fokussierte Assoziieren statt, das in der rechten Seite der . Abb. 19.1 sche-
umkreist das Traumbild, kehrt immer wieder zu matisch dargestellt ist.

Assoziationen

Traumelement Traumelement

19
Fokussiertes Assoziieren Wegassoziieren (Assoziationskette)

. Abb. 19.1. Fokussiertes Assoziieren und Wegassoziieren (Assoziationskette)


19.1 · Fokussiertes Assoziieren: Umkreisen statt Abschweifen
195 19

Die freie Assoziationskette hatte folgende Glie- 4 dass sie kein Interesse am Friseurberuf habe,
der: dass sie sich aber vorstellen könne, sich eines Ta-
4 »Ich frisiere mich ungern, weil die Pflege meiner ges selbständig zu machen;
langen Haare aufwendig ist.« 4 dass Frisieren und Friseursalon symbolisch für
4 »Als Kind war ich stolz auf meine langen Haare sie Verschönerung bedeute.
und durfte damit bei den Jungs Winnetou spie-
len.« Mit diesen Informationen, die z. T. symbolisch auf-
4 »Mit 14 Jahren, als das mit dem Cousin begann, gefasst werden müssen, erhellte sich mehr und mehr
habe ich mir die Haare abschneiden lassen.« (Zu die Bedeutung des Traumes.
der Zeit wurde sie von ihrem viel älteren Cousin Bei der Patientin steht momentan eine Verselb-
sexuell genötigt und missbraucht.) ständigung und »Verschönerung« an, die vom Traum
4 »Auch in der nicht funktionierenden Ehe habe ich her möglich erscheint, auch wenn noch einiges Ver-
immer kurze Haare gehabt, um den Mann nicht staubtes und Überaltertes bei ihr auszuräumen ist.
sexuell zu reizen, da er mich immer bedrängte.« Dazu muss man wissen, dass die Patientin Ängste
hat, die sie bisher in vieler Hinsicht unselbständig
So assoziierte die Patientin linear weiter. Sie kam auf gemacht und behindert haben. Weiterhin hatte sie
ihre langen Haare, dann auf das Abschneiden mit sich bisher eher hässlich gemacht und z. B. eine not-
14 Jahren, darüber zum Missbrauchserlebnis und wendige Zahnsanierung nicht durchführen lassen.
schließlich zur Ehe, wo sie sich ähnlich benutzt Bisher traute sie sich nicht, selbstbewusst und attrak-
fühlte. tiv zu sein.
Jetzt jedoch konnte sie sagen, dass als nächste
! Bei der hier vertretenen Auffassung von
Verschönerungsaktion der Zahnarztbesuch anstehe.
Traumarbeit können wir ein solches Weg-
Auch auf die »innere Verschönerung« kam sie zu
gleiten eine Zeit lang zulassen, doch dann
sprechen. Seit langem sei es ihr Bedürfnis, sich mehr
sollte man den Patienten zum Ausgangs-
mit Malen, Lesen, Musikhören und sonstigen schö-
punkt zurückholen. Denn das biographi-
nen Dingen zu beschäftigen, was bis dato in ihren
sche Durcharbeiten mag interessant und
negativen Stimmungen untergegangen sei.
wichtig sein, doch wenn wir nicht zum
Ein interessantes Detail des Traumes ist der Oh-
Traum zurückfinden, geht das aktuelle
rensessel. Bei der Mutter gab es früher einen solchen
Traumsignal ungenutzt vorüber.
Ohrensessel, in den sich die Patientin als Kind gerne
Im Falle der hier vorgestellten Patientin waren die hineinflüchtete und versteckte. Außerdem steht der
belastenden anamnestischen Einzelheiten im Übri- Ohrensessel für Ausruhen und Faulsein. Hier signa-
gen schon wiederholt angesprochen worden. lisiert ihr der Traum, dass sie ihre Trägheit überwin-
den (den Ohrensessel rausschmeißen) muss. Der
Das fokussierte Assoziieren. Die eben gehörten Ein- Ohrensessel, der früher eine positive Schutzfunktion
fälle führen nur weiter, wenn wir mit diesem Hinter- erfüllte, ist jetzt abzuwerfender Ballast. Auch hier
grundwissen zum Traum zurückkehren und erneut führte das konzentrische Umwandern des Traumbil-
vom Traumdetail ausgehen (. Abb. 19.1, linke Seite). des Ohrensessel zur – von der Patientin sofort ak-
Wir können der Patientin dabei auf die Sprünge zeptierten – Bedeutung.
helfen, indem wir gezielter mit unseren Fragen das
Traumelement umkreisen. Was ist aktuell mit Ihren ! Das Augenmerk ist darauf zu legen, dass
Haaren? Könnte Sie sich selbst als Friseuse vorstel- die Assoziationen punktuell mit dem
len? Was ist ein Friseursalon im symbolischen Sin- Traum bzw. seinen Elementen zu tun ha-
ne? Was geschieht beim Friseur? usw. ben. Dann gewinnen wir gerichtete, zen-
Bei diesem fokussierten Assoziieren kam u. a. trierte oder fokussierte Assoziationen.
heraus, Schweift der Patient in seinen Assoziatio-
4 dass sie sich aktuell überlege, ihre Haare zu kür- nen zu weit ab, kann das eine Form des
zen, um die Pflege zu erleichtern; Widerstands gegen die Traumaussage sein.
196 Kapitel 19 · Assoziation und Amplifikation – Wege zur Traumentschlüsselung

19.1.1 Das Assoziieren mit den 4 Intuitionsfunktion. Die Frage der Intuition ist –
einzelnen Orientierungs- wie gesagt – die Frage nach dem Einfall. So können
funktionen z. B. Kindheitserinnerungen durch das Traum-
element ausgelöst werden. Die Frage nach der In-
Die Assoziationen sind nicht nur »Einfälle«, d. h. tuition ist aber auch die nach dem Symbol: »Was
Inhalte der Intuition, auch wenn das Wort »Einfall« bedeutet dieses symbolisch?« Damit wird die geis-
oft generell für Assoziation benutzt wird. Ein echter tige Funktion der Intuition angesprochen.
Einfall stammt aus der »Einfallsfunktion«, der In- Wenn der Patientin zur Verschönerung beim
tuitionsfunktion (7 Kap. 3.1.4). Friseur die »schönen Künste« und die »innere
Verschönerung« (durch Persönlichkeitsarbeit)
! Aber nicht nur die Intuition, sondern alle
einfallen, hat sich ihre Intuition eingeschaltet.
Ich-Funktionen, also auch Empfindungs-,
Auch der »Ohrensessel der Kindheit« ist ein Ein-
Fühl- und Denkfunktion, können Assozia-
fall zu dem Traumelement Ohrensessel.
tionsmaterial beibringen.

Wenn der Therapeut fragt »Was fällt Ihnen dazu


ein?«, wird zwar die Orientierungsfunktion der In- 19.2 Die Herstellung des
tuition mit ihren Einfallsmöglichkeiten nahe gelegt, Kontextes
es ist aber gar nicht sicher, dass der Patient aus dieser
Funktion heraus antwortet. Er kann auch mit ande- Das auf die reale Außenwelt, auf die tatsächlichen
ren Orientierungsfunktionen Assoziationen liefern. Verhältnisse des Träumers bezogene und begrenzte
Bestimmte Frageformulierungen des Therapeu- Assoziieren nennen wir die Kontextaufnahme. Dies
ten können gezielt die Weiche zur einzelnen Funk- ist ein wichtiger Schritt beim Umgang mit den Träu-
tion stellen: men. Bei der Erfragung des Kontextes ordnen wir
4 Empfindungsfunktion. Um auf die Empfin- die Traumelemente in den Lebenszusammenhang
dungsfunktion zu zielen, kann man nach dem des Träumers ein.
Faktenwissen bezüglich des Traumelementes Wir fragen: Was haben die Elemente und Situa-
fragen: »Was wissen Sie real über das fragliche tionen des Träumers mit seinem realen Leben zu
Objekt?« Des Weiteren steuert die Empfindungs- tun? Gibt es für die Traumfakten und -geschehnisse
funktion Angaben über die materielle Beschaf- Analoga in seiner Biographie oder seinem jetzigen
fenheit des Objektes bei. Leben? Nur aus diesem Kontext heraus lassen sich
Bezogen auf den Ohrensessel des letzten Trau- die Träume verstehen. Vieles im Traum erhält durch
mes können wir fragen: »Wie sah er aus, welche diesen Bezug zum Leben des Träumers eine spezifi-
Farbe hatte er, wie groß war er?« usw. sche, unverwechselbare Nuance.
4 Fühlfunktion. Die Fühlfunktion kann mit der
Frage »Was fühlen Sie zu dieser Stelle des Trau- Beispiel
mes?« auf den Traum gerichtet werden. Oder: Wir bleiben beim letzten Traumbeispiel. Zum
»Was sagt Ihre Fühlfunktion jetzt zu dieser Kontext, zum faktischen Hintergrund der
Traumsituation?« Patientin gehört hier,
Im letzten Traumbeispiel hatte die Patientin 5 dass es schon länger »ihr Traum« ist, sich
schon im Traum ein Unbehagen (Fühlfunktion!), beruflich selbständig zu machen;
dass sie ohne Ausbildung einen Friseursalon er- 5 dass sie zurzeit eine Umschulungsmaßnah-
öffnet. Nun kann erforscht werden, was die Fühl- me macht und später eventuell die Mög-
funktion im Wachbewusstsein dazu beibringt. lichkeit hat, ein Geschäft zu übernehmen;
19 4 Denkfunktion. Entsprechend kann das Denken 5 dass sie sich gerade in einer Umzugssitua-
aufgerufen werden: »Was denken Sie dazu? Was tion (Tagesrest zum Traum) befindet;
denken Sie zu dieser Passage des Traumes, über 5 dass sie niemals den Beruf einer Friseuse
sich, wie Sie im Traum sind und über die auftau- ergreifen würde usw.
chenden Elemente?«
19.3 · Aus dem Allgemeingut der Menschheit schöpfen
197 19

Auf dem Boden dieses Zusammenhangs zwischen wusste mit den verschiedenen Archetypen angelegt
realem Leben und den Traumelementen werden die- – sind die symbolträchtigen Produktionen der Völ-
se besser in ihrer Bedeutung verstehbar. Es ist z. B. ker (wie Märchen, Mythen usw.) von allgemein gül-
unabdingbar zu wissen, dass für die Patientin der Fri- tiger Aussage und können damit als Vergleichsmate-
seurberuf nicht in Frage kommt. Denn dadurch ist es rial ebenso herangezogen werden wie naturwissen-
eindeutig, dass der Friseursalon im Traum nur sym- schaftliche Erkenntnisse.
bolisch und nicht konkret verstanden werden kann.
Definition
! Die Aufnahme des Kontextes
Amplifikation
Bei der Aufnahme oder Herstellung des Kon-
Mit der Methode der Amplifikation holen wir
textes ist der Zusammenhang der Traum-
objektive Informationen zu einem Traumsym-
elemente mit dem realen Leben des Träu-
bol heran, d. h. Daten, die allen zugänglich und
mers, seinen Absichten und Plänen usw.
Wissensbestand der Menschheit sind. Damit
zu klären. Die Kontextaufnahme umfasst
erhalten wir zusätzliches Belegmaterial für die
die subjektiven – d. h. auf das betreffende
Symbolbedeutung. Wir erweitern, amplifizie-
Individuum begrenzten – Informationen,
ren das Symbol (lat. amplificare: erweitern,
die aus der Aktualität oder aus der Biogra-
unter verschiedenen Gesichtspunkten be-
phie herrühren.
trachten).
Das Parallelmaterial zum Traum finden wir
19.3 Aus dem Allgemeingut in erster Linie in den Mythologien der Völker,
der Menschheit schöpfen – aber auch in anderen Wissensgebieten.
Die Amplifikation von
Symbolen
Die durch die Amplifikation gewonnenen Beiträge
Kontextaufnahme und Amplifikation. Um die Be- gehören zum kollektiven Bewusstsein (das sind die
deutung eines Symbols oder Traumbildes zu ergrün- oben genannten Wissensgebiete der gesamten
den, müssen wir also als Erstes Daten aus dem alltäg- Menschheit), im Gegensatz zu dem persönlichen
lichen Umfeld des Traumdetails heranziehen. Diese Material bei der Kontextaufnahme, das dem indivi-
Aufnahme des Kontextes ist aber nur die eine Hälfte duellen Bewusstsein des Einzelnen angehört.
der zu leistenden Arbeit. Als Zweites kommt die
! Je mehr der Akzent des jeweiligen Traum-
Amplifikation (Jung 1976, GW 9/1) zum Zuge.
symbols auf dem persönlichen Unbewuss-
Denn den »subjektiven Assoziationen« (Herstel-
ten liegt (d. h. je mehr Biographisches und
lung des Kontextes) stehen die »objektiven« gegen-
Außenweltbezogenes sich in dem Traum-
über. Das sind solche, die nicht persönlich gefärbt
symbol verdichtet), desto wichtiger ist die
oder dem Einzelnen vorbehalten, sondern gleichsam
Kontextherstellung. Liegt der Symbol-
Allgemeingut der Menschheit sind. Zu ihnen gelan-
schwerpunkt dagegen stärker im kollekti-
gen wir über die Methode der Amplifikation.
ven Unbewussten (d. h. das Traumsymbol
hat archetypische Qualität und es gibt
Die Methode der Amplifikation. Wir amplifizieren,
kaum anamnestische oder aktuelle Bezü-
indem wir all das heute zugängliche Wissen hinzu-
ge), dann rückt die Methode der Amplifi-
nehmen, das sich um das Traumsymbol zentriert.
kation in den Vordergrund.
Das sind objektive Daten, die in den Handbüchern
und Lexika über Symbolik, Märchenkunde, Mytho- Die beiden Methoden, die der Kontextaufnahme
logie, Religionsgeschichte, aber auch in denen ande- und die der Amplifikation, sind in . Tabelle 19.1 ge-
rer Wissenschaften bis hin zur Naturwissenschaft genübergestellt.
nachgeschlagen werden können. Zur Amplifikation, zur Bedeutungsanreicherung
Aufgrund der archetypischen Struktur der Psy- eines im Traum auftretenden Tieres ist es z. B. not-
che – in jedem Menschen ist das kollektive Unbe- wendig, dessen Vorkommen in der Folklore der Völ-
198 Kapitel 19 · Assoziation und Amplifikation – Wege zur Traumentschlüsselung

. Tabelle 19.1. Kontextaufnahme und Amplifikation

Kontextaufnahme (individuelles Bewusstsein) Amplifikation (kollektives Bewusstsein)


individueller Kontext = subjektive Assoziationen kollektiver Kontext = objektive Assoziationen

4 Tagesreste, Aktuelles 4 Archetypisches Material aus Märchen, Mythologie,


Religionshistorie, Symbolkunde

4 Anamnestische Daten 4 Material aus der Völkerkunde

4 Subjektiver Bedeutungsgehalt der Symbole 4 Naturwissenschaftliches Material, z. B. aus Ethologie,


Biologie, Medizin usw.

4 Symbolschwerpunkt liegt im persönlichen 4 Symbolschwerpunkt liegt im kollektiven Unbewussten


Unbewussten

ker, in Märchen, Sagen, Ritualgebräuchen usw. zu Vielmehr sind nun kollektive Einfälle erforder-
kennen. Aber auch der heutige zoologische Wissens- lich, Assoziationen, die der gesamten Menschheit
stand einschließlich der Verhaltensforschung kann zur Verfügung stehen. Wir müssen mythologisches
einen wichtigen Beitrag zum Verständnis dieses Material herantragen, wie z. B. den Paradiesmythos
Symbols liefern. Gerade die heute sich immer mehr der Bibel, die Schlange des Äskulap, die Kundalini-
komplettierenden Befunde über die Natur eines Le- schlange, die Nagas Buddhas, also Schlangenmotive
bewesens, von seinem Brunst-, Brutpflege-, Jagd- und -mythen aus allen Kulturen und Völkern.
und Revierverhalten sowie von seinen hervorste- Aber auch naturwissenschaftliche Kenntnisse
chenden Fähigkeiten und Wesensmerkmalen kön- und Forschungsergebnisse können weiterhelfen, den
nen entscheidende Hinweise zum Sinn des Traumes Traumsinn zu entschlüsseln, wie z. B. das Wissen
beisteuern. über die Häutung von Schlangen, ihre erstaunlichen
Sinnesorgane wie ihr Wärmeradar oder ihre Überle-
Beispiel Traumsymbol Schlange. Träumt ein Patient benskünste. Welche Bezüge jeweils relevant und aus-
von Schlangen, so nehmen wir im ersten Schritt den schlaggebend sind, kann nur der Traumzusammen-
persönlichen Kontext auf und fragen, was für eine hang klären.
Beziehung der betreffende zu Schlangen hat, was für
Erlebnisse ihn mit Schlangen verbinden, ob er aktu- Ein Schlangentraum. Eine Patientin, 38 Jahre alt,
ell etwas mit Schlangen zu tun hat und ob sie eine träumte:
Rolle in der Vergangenheit gespielt haben. Kommt
dazu viel affektiv betontes Material, steht eine Aufar- Traumbeispiel 35 (gekürzt)
beitung im Zusammenhang mit dem persönlichen Ich gehe auf dem Gehweg. Da ist plötzlich eine
Unbewussten im Vordergrund. riesengroße Schlange. Als ich vorbeilaufe, rich-
Manchmal gibt es aber keine Assoziationen aus tet die sich auf (sie ist dicker als mein Arm) und
der Gegenwart und keine belangvollen Erinnerun- beißt mich in die rechte Hand. Sie umschlingt
gen. Dann rückt die Amplifikation in den Vorder- dann meine linke Hand und fängt an, sie zu
grund. Denn es ist ersichtlich, dass das Traumsym- verschlingen. Ich war total geschockt. Ich hatte
bol nicht aus den Schichten des persönlichen Unbe- eine eklige Wunde, eitrig, wie vergiftet, an der
19 wussten stammt, sondern tiefer ins kollektive rechten Hand. Jetzt kamen alle Leute, um mir
Unbewusste hineinreicht. Hier ist die Schlange ein zu helfen. Sie schwätzten durcheinander. Ich
archetypisches Symbol und kann durch die indivi- hörte, dass es ein Python sei, 4–5 Jahre alt, ein
duelle Kontextaufnahme nicht hinreichend verstan- seltenes und wertvolles Tier. Es war 5–6 m lang.
den werden.
19.3 · Aus dem Allgemeingut der Menschheit schöpfen
199 19

Kontext. Zu diesem Traum gab es fast kein persönli- Die Erdschlange, die oft synonym mit dem Dra-
ches Material und auch keinen aktuellen Auslöser. chen zu sehen ist, kann auch den Mutterdrachen
Die Patientin mag Schlangen und hat eine un- symbolisieren. Das ist der negative, verschlingende
komplizierte Beziehung zu ihnen, hat aber seit Jah- Teil des Mutterarchetyps. In den mythischen Dra-
ren nichts näher mit ihnen zu tun gehabt. Die Kon- chenkämpfen versucht der Held diesen Aspekt (der
textaufnahme erbringt nichts Aufschlussreiches. eigenen Psyche) zu überwinden.
Biologisch repräsentiert die Schlange als kalt-
Amplifikation. Es können hier nur wenige Aspekte blütiges Wirbeltier die Reptilienstufe der Evolu-
des reichen amplifikatorischen Materials zur Schlan- tion. In unserem Hirnstamm als ursprünglichstem
ge herangezogen werden. Teil des Gehirns ist das Reptiliengehirn noch ver-
Im Traum wird direkt gesagt, dass es sich um treten. Die elementarsten Triebe und Instinkte so-
eine Pythonschlange handelt, die in Realität nicht wie alle basalen Lebensvorgänge haben hier ihre
giftig ist. Der Name ist abgeleitet von dem Python Wurzel.
der griechischen Mythologie, eine Schlange, die in
einem Erdspalt bei Delphi hauste. Apollo besiegte Zur Bedeutung des Traumes. Das hier in der Amp-
sie, und seither war Delphi die berühmte Orakelstät- lifikation herangezogene Material umkreist die
te. Die Pythia, die Priesterin, die von Apollo das Ora- mögliche Bedeutung des Traumbildes. Die Patientin
kel empfing, wurde nach diesem Python benannt. begegnet einem tief unbewussten Aspekt ihrer Trieb-
Hier in Delphi hat sich die Kraft der chthonischen haftigkeit und einem archetypischen Wirkfeld. Wie
(dunklen, in der Erde wohnenden) Schlange in fast immer ist auch in diesem Traum die Schlange
Weisheit und in die Gabe der Prophetie verwandelt. ambivalent. Sie hat eine giftige, verwundende und
Schlangen sind nicht nur oft giftig und verwun- verschlingende Seite, hat aber als Pythonschlange
den den Menschen, sondern stehen mythologisch den mythologischen Bezug zu Weisheit und Voraus-
auch mit Heilung in Beziehung. Bekannt ist die schau und als aufgerichtete, erektive Schlange eine
Schlange des Asklepios, des Gottes der Ärzte. Am Stab Potenz zu Heilung und Bewusstwerdung.
des Äskulap (das lateinische Pendant zu Asklepios) Bei solchen archetypischen Symbolen ist es oft
ringelt sich die Schlange hoch. Heute werden aus nicht möglich, die Bedeutung genauer zu fassen.
Schlangengift Heilmittel gewonnen. Jede eingleisige Deutung würde nur einengen und
In vielen Märchen und Mythen sind Schlangen das Entwicklungspotential des Symbols zerstören.
Schatzhüter. Sie sind Wächter der Schwelle und be- Es genügt ein Umkreisen. Damit lässt man in der
wachen eine Kostbarkeit. Eine Begegnung mit einer Traumarbeit der Entwicklung der psychischen Ener-
Schlange lässt so auf einen hinter ihr verborgenen gie Spielraum.
Schatz – oder psychologisch ausgedrückt: auf ein
noch unerschlossenes Libidopotential – schließen. ! Verwandtschaft von Traum und Mythos
Eschenbach1 unterscheidet zwischen der aufge- Das Hinzuziehen von mythologischem
richteten (»erektiven«) und der kriechenden Schlan- Material mittels Amplifikation ist deshalb
ge. Die erektive Schlange hat die Beziehung zum möglich und sinnvoll, weil jeder Mensch
Geistigen, zu Bewusstwerdung und Heilung. Zu den über sein kollektives Unbewusstes eine
vertikal sich orientierenden Schlangen gehört die Verbindung zu solchem Material hat. Auch
Baumschlange des Paradieses und die am Stab sich wenn Patienten nachweislich nie von den
hochringelnde Äskulapschlange. Auch die Kundali- entsprechenden Mythen gehört haben,
nischlange, die bei der Erweckung der Kundalini- können sie trotzdem – wie viele Beispiele
energie die Chakren hochsteigt, zählt dazu. Demge- zeigen – verwandte Träume produzieren.
genüber ist bei der kriechenden Schlange das Erd- Offenbar hat das kollektive Unbewusste
hafte, Dunkle und Unbewusste betont. bei jedem die Fähigkeit, aus einem gemein-
samen Fundus zu schöpfen. Es kommt in
den Träumen wie in den Mythen zu univer-
1
Mündliche Mitteilung. sell gültigen symbolischen Darstellungen.
20

20 Das Traum-Ich –
Auf der Reise ins Unbewusste
20.1 Methodik – 202
20.1.1 Vom Wach-Ich zum Traum-Ich – 202
20.1.2 Der Vergleich zwischen Wach-Ich und Traum-Ich – 205

20.2 Praxis – 207


20.2.1 Wach-Ich und Traum-Ich – Traumarbeit mit einem ungleichen Paar – 207
20.2.2 Beispiele aus der therapeutischen Praxis – 209
202 Kapitel 20 · Das Traum-Ich – Auf der Reise ins Unbewusste

20.1 Methodik Nach allen Erfahrungen mit Träumen können


wir in der Tat resümieren, dass zwischen Wach-Ich
20.1.1 Vom Wach-Ich zum Traum-Ich und Traum-Ich eine Kontinuität besteht. Es han-
delt sich um ein und dasselbe Bewusstseinsorgan,
Wie ist das Verhältnis von unserem bewussten Ich im das sich aber als Traum-Ich mit anderen Eigen-
Wachzustand zu dem Ich im Traum, dem Traum- schaften umgeben und »einkleiden« kann als das
Ich? Stehen sie in einer bestimmbaren Beziehung Wach-Ich.
zueinander, sind sie vielleicht sogar identisch, oder
bestehen zwischen ihnen charakteristische Unter- Die Unterschiede von Wach-Ich und Traum-Ich. Das
schiede bzw. ein wie auch immer gearteter Gegen- Traum-Ich mit seinen Fähigkeiten und Leistungen
satz? ist oft in charakteristischer Weise modifiziert. Es
Wir kennen Träume, in denen das Traum-Ich die weicht mehr oder weniger stark von unserem wa-
uns vom wachen Zustand her bekannten Eigen- chen Ich, unserem Ich-Bewusstsein ab, mit dem wir
schaften, Fähigkeiten, Zielvorstellungen und Reak- identifiziert sind.
tionsweisen beibehält. Es gibt aber auch Träume, in
! In solchen Differenzen steckt immer ein
denen wir uns gänzlich anders verhalten und nach
wesentliches Signal. Diese Abweichungen
dem Aufwachen unser Traum-Ich mit Befremden
sind für die Traumaussage – wie wir in
und verwundertem Kopfschütteln wie ein andersar-
7 Kap. 20.1.2 noch sehen werden – von
tiges Wesen betrachten.
entscheidender Bedeutung.
Beispiel Durch Abaissement vom Wach-Ich zum Traum-Ich.
Beispielsweise träumte eine Patientin, dass sie Wie kommen die Veränderungen im Erleben und
mit zwei Freundinnen zusammen äußerst ag- Verhalten des Traum-Ich zustande?
gressiv Passanten angriff und verletzte. Sie war Der Vorgang, der die Funktionsweise des Ich
entsetzt über ihren Traum und konnte sich beim Übergang in den Traum verändert, ist das
nicht erklären, wie sie etwas träumen könne, Abaissement. Abaissement meint ein Absinken des
was so fernab von ihrem Bewusstsein liege. Bewusstheitsgrades und eine Bewegung in Rich-
tung Unbewusstes. Es ist der Beginn der Re-
gressionsbewegung, die sich schließlich innerhalb
Hier hat das Traum-Ich einen deutlich anderen Cha- des Unbewussten in tiefere Regionen fortsetzen
rakter als das Ich des Wachzustandes. Das Traum- kann.
Ich ist drastisch verändert, ein eher untypischer Fall, Abaissements sind auch vom Wachzustand her
der eine gefährliche Situation anzeigt. Die Regel sind bekannt, z. B. im Nachlassen der Bewusstseinsspan-
dagegen mikroskopische Abweichungen, die oft nur nung bei der Müdigkeit, in Trancezuständen oder
durch sorgfältige Recherche aufgefunden werden bei organisch bedingten Bewusstseinstrübungen.
können und die den Träumer kaum oder nur im the- Durch das Abaissement im Schlaf, durch den
rapeutischer Dosis irritieren. Übergang des Ich zum Traum-Ich, wird das Be-
wusstsein im Traum gegenüber dem im Wachen
Die Kontinuität von Wach-Ich und Traum-Ich. Von i. Allg. unschärfer und diffuser. Somit können die
Siebenthal (1953) hält den Terminus Traum-Ich für Wachheit und Klarheit der Ich-Funktionen im
überflüssig, da es sich beim Wach- und Traum-Ich Traum abnehmen.
um ein und dasselbe identische Ich handele, das im Durch das abgeblendete Bewusstseinslicht des
Traum nur anders erlebe und dabei sich selbst auch Traum-Ich besteht aber auch eine größere Chance,
anders erlebe. Aber gerade das Erleben der Anders- dass unbewusste Inhalte aus der unmittelbaren Um-
artigkeit setze die Identität des Ich voraus (Von Sie- gebung vom Traum-Ich auf- oder wahrgenommen
20 benthal 1953, S. 239/240). Auch Dieckmann (1978,
S. 102) sieht das Traum-Ich ausdrücklich als zum
werden.

Ich-Komplex gehörend an.


20.1 · Methodik
203 20

Definition Der Pfeil 1 veranschaulicht dabei das Abaisse-


Das Traum-Ich ment. Das Traum-Ich selber kann in einer weiteren
Das Traum-Ich ist ein durch Abaissement modi- Regressionsbewegung tiefer ins Unbewusste vor-
fiziertes Ich. Mit der Abnahme der Bewusst- dringen, vom persönlichen Unbewussten bis ins kol-
seinshelligkeit beim Übergang vom Ich zum lektive Unbewusste (Pfeil 2).
Traum-Ich können die im Tagesleben verfügba-
! Die Inhalte des wachen Ich – das sind die
ren hochdifferenzierten Fähigkeiten – das be-
Inhalte, mit denen wir bewusst identifiziert
trifft auch das Niveau der vier Orientierungs-
sind – sind nicht unbedingt identisch mit
funktionen – z. T. verloren gehen.
denen des Traum-Ich.
Das Traum-Ich kann aber auf der anderen
Seite im Kontakt mit dem Unbewussten eine Das Traum-Ich kann sich anders definieren; es kann
Erweiterung erfahren. Es ist aufnahmebereiter sich mit anderen Inhalten identifizieren. Es kann
für das nächstliegende Unbewusste und kann umgebendes Unbewusstes in sich aufnehmen. Und
Elemente, die dem Ich-Bewusstsein bisher un- es kann sich auf andere Inhalte beziehen, zu anderen
bekannt waren, als zu sich gehörig aufnehmen, Inhalten Kontakt aufnehmen. Es kann Unbewusstes
also inkorporieren. Und es kann umliegende wahrnehmen, was das Wach-Ich mit seiner aus-
unbewusste Inhalte wahrnehmen und mit ih- schließlichen Ausrichtung auf Bewusstes nicht ver-
nen in Beziehung treten. So können z. B. ver- mag.
einzelte, im Wachbewusstsein noch schlafende
Funktionsleistungen und prospektive Möglich- Beispiel
keiten im Traum-Ich verwirklicht sein. Beispielsweise kann das Traum-Ich, das sich
durchs Unbewusste bewegt und damit auch
mit dem Schatten (7 Kap. 4.2) in Berührung
Die folgende . Abb. 20.1 stellt dar, wie der Ich-Kom- kommt, seinen Charakter gegenüber dem
plex beim Absinken unter die Bewusstseinsschwelle 6
zum Traum-Ich wird.

. Abb. 20.1. Wach-Ich und Traum-Ich


Bewusstsein

Wach-Ich

Abaissement
1 Bewusstseinsschwelle

Traum-Ich

weitere Regression
des Traum-Ich 2 persönliches Unbewusstes

kollektives Unbewusstes
204 Kapitel 20 · Das Traum-Ich – Auf der Reise ins Unbewusste

Wach-Ich stark verändern, indem es sich Ele- Beispiel


mente aus dem Schatten zu Eigen macht und Beispielsweise kann das Wach-Ich neue Infor-
dessen Eigenschaften annimmt. Das Traum-Ich mationen aus dem kollektiven Bewusstsein
kann sich somit z. B. unangepasster, infantiler, aufnehmen und sich selbst dazu in Beziehung
triebhafter, aggressiver und insgesamt unge- setzen (in der . Abb. 20.2 sind das die Elemen-
hemmter verhalten; es lebt all die Attribute te außerhalb des Ich-Kreises). Das geschieht
aus, die vom wachen Ich in den Schattenbe- u. a. beim Lernen eines Wissensgebietes.
reich verdrängt wurden. Es ist dann mit ande-
ren Inhalten identifiziert als das Wach-Ich. Das
Das Traum-Ich kann dagegen Elemente aus dem Feld
Traum-Ich kann aber andererseits durch seinen
des umgebenden Unbewussten (des persönlichen
Blick ins Unbewusste dort bereitliegende Ein-
und des kollektiven Unbewussten) erkennen und da-
sichten, kombinatorische Zusammenhänge so-
mit in Interaktion treten (in der . Abb. 20.2 sind die-
wie andere Inhalte gewahren, die dem Wach-
se Inhalte außerhalb des Traum-Ich abgebildet).
Ich nicht direkt zugänglich sind.

! Zusammenfassend können wir festhalten,


In der . Abb. 20.2 sind die Inhalte, mit denen wir im dass Tagesbewusstsein und Traumbe-
Wach-Ich und im Traum-Ich identifiziert sind, in- wusstsein zwei verschiedene Formen des
nerhalb der Kreisgrenzen dargestellt. Schon diese gleichen Ich sind. Während das Tagesbe-
können – wie gesagt – differieren. Ferner unterschei- wusstsein (Wach-Ich) – bildlich gesprochen
den sich Wach-Ich und Traum-Ich in ihrem Bezo- – als Sonne über dem Horizont steht, sein
gensein auf wachbewusste bzw. unbewusste Inhalte. Umfeld erhellt, die Objekte auf sich be-
Diese liegen in der Graphik außerhalb der jeweiligen zieht und zentral um sich gruppiert, ent-
Ich-Grenzen. spricht das Traum-Ich dem untergegan-
genen Gestirn, das sich – in der antiken
Vorstellung – nachtwandernd unter der
Erdebene weiterbewegt.

. Abb. 20.2. Unterschied von


Wach-Ich und Traum-Ich Bewusstsein

Wach-Ich

Traum-Ich

20
Unbewusstes
20.1 · Methodik
205 20

Wie das Wach-Ich das Zentrum des Bewusstseinsfel- ihren jeweiligen Haltungen, Handlungen
des ist, so ist das Traum-Ich das zentrale Bewusst- und Reaktionsweisen auffinden, sind wir
seinsorgan des ihm begegnenden und umgebenden dem Unbewussten auf der Spur. Am
Unbewussten. Die Grenze zum umgebenden Unbe- Traum-Ich treten unbewusste Elemente in
wussten ist aber nicht so scharf. Das Traum-Ich kann Erscheinung, die sich in ihrer Andersartig-
die nah gelegenen Elemente des Unbewussten in keit und Auffälligkeit gegenüber dem
sich aufnehmen und mit diesen Inhalten identisch Wach-Ich zur Bewusstwerdung anmelden.
werden, was seine uns unvertrauten »ichfremden«
Tendenzen und Einstellungen erklärt. Es ist aber Ichnähe des am Traum-Ich erkennbar werdenden
auch in der Lage, tiefere Schichten aufzusuchen. Es Unbewussten. Der Vergleich zwischen Wach-Ich
kann in tieferen Regressionen mit archetypischen und Traum-Ich ist ein Einstieg in die unbewusste
Gestalten in Beziehung treten. Dimension des Traumes. Durch den Vergleich
stoßen wir auf unbewusstes Material. Diese mit
! Der Traum ist bewusst werdendes und be-
dem Traum-Ich assoziierten Anteile des Unbewuss-
wusst gewordenes Unbewusstes in symbo-
ten sind meistens relativ bewusstseinsnah. Sie sind
lisch-bildhafter Sprache, das vom Traum-
in der Regel viel ichnäher als das an anderen Figu-
Ich aufgefasst wird.
ren im Traum zum Ausdruck kommende Unbe-
Der Übergang vom Wach-Ich zum Traum-Ich kann wusste. Das wird an der folgenden Fallvignette er-
mit dem Eintauchen in einen dunklen Waldsee ver- sichtlich.
glichen werden. Während wir von außen keinen
Einblick unter die Wasseroberfläche haben, können Beispiel
wir – darin untergetaucht – die nähere Umgebung Ein 23-jähriger Patient, der als Monteur in ei-
unter Wasser sehen. nem Team in einer Maschinenfabrik arbeitet,
So kann auch das Traum-Ich ein Stück weit ins träumt Folgendes:
Unbewusste schauen. Und manchmal ist es ihm er- Er ist im Traum der übergeordnete Chef
laubt, in größere Tiefen zu tauchen und einen Blick und verhält sich »großkotzig«, wie er es an
zu den Gründen zu tun. Das ist in den archetypi- anderen nicht leiden kann. Er lädt alle Unter-
schen Träumen der Fall, in denen das Traum-Ich bis gebenen in ein Hotel ein, um den anderen zu
ins kollektive Unbewusste vorgedrungen ist und ar- zeigen, was er sich alles leisten kann, und be-
chetypische Gestaltungen schauen kann. nimmt sich dabei sehr großspurig.

20.1.2 Der Vergleich zwischen Wach- Bewusst verhält sich der Patient anders. Als Team-
Ich und Traum-Ich führer gibt er sich kollegial, partnerschaftlich und
demokratisch. Er kann es nicht ausstehen, »den Chef
Eine aufschlussreiche Methode, mit den Träumen zu heraushängen zu lassen«.
arbeiten, ist es, Wach-Ich und Traum-Ich miteinan- Am Traum-Ich wird aber eine ihm teilweise un-
der zu vergleichen. Wie bei einem Bilderrätsel, wo bewusste Tendenz erkennbar. Erst der Dialog über
im Doppel kleine Änderungen retuschiert sind und den Traum und seine Introspektion ergeben, dass
die »Fehler« gefunden werden müssen, können wir der Patient phasenweise eine solche Reaktionsweise
das Verhalten unseres wachen Ich-Bewusstseins wie im Traum zeigt. Zwar nicht am Arbeitsplatz,
dem des Traum-Ich entgegenhalten und die Unter- doch unter »Kumpeln«, die im Gegensatz zu ihm alle
schiede herausstellen. Abitur haben, muss er manchmal sein Minderwer-
! Der Vergleich von Wach-Ich und Traum- tigkeitsgefühl kompensieren, indem er etwas arro-
Ich offenbart das Unbewusste gant über technische Zusammenhänge spricht, wo er
In der Diskrepanz, die wir im Vergleich zwi- mit seinem Wissen auftrumpfen kann.
schen dem Wach-Ich und dem Traum-Ich in Anhand des Traumes fand der Patient relativ
6 rasch einen Zugang zu dieser latenten Verhaltens-
206 Kapitel 20 · Das Traum-Ich – Auf der Reise ins Unbewusste

weise, die nicht allzu weit in seinem Unbewussten zu Traumbeispiel 36


Hause ist. Das am Traum-Ich zum Ausdruck kom-
Zwei ehemalige Klassenkameradinnen und ich
mende Unbewusste ist im Allgemeinen ichnah, wie
wollten spät nachts ins Kino. Ich schminkte
dieses Beispiel demonstriert (weitere Beispiele bietet
mich ein bisschen, und dann fuhren wir los. Für
das Praxiskapitel, 7 Kap. 20.2.2).
den Film hatten wir uns noch nicht entschie-
! Das am Traum-Ich erkennbare Unbewuss- den. Was während der Autofahrt passierte, war
te ist relativ bewusstseinsnah grauenvoll. Wir drei überfielen in der Stadt
Die Elemente des Unbewussten, die am Menschen und verstümmelten sie mit Messer
Traum-Ich sichtbar werden, sind im Allge- und Händen auf grauenvolle Weise. In einem
meinen bewusstseinsnäher als diejenigen, Kaufhaus rissen wir einer sich verzweifelt weh-
die an den anderen Personen oder ande- renden Frau die Eingeweide heraus und schnit-
ren Gegebenheiten des Traumes zum Aus- ten ihr die Hände ab. Obwohl natürlich alle zu-
druck kommen. Letztere sind ichferner und sammenhalfen und uns aufhalten wollten, war
können erst mit Hilfe der Subjektstufe auf unser grauenvolles Schaffen unaufhaltsam.
den Träumer bezogen werden. Die Aspek-
te dagegen, die im Traum direkt dem
Diesen Traum berichtete eine 35-jährige Patientin,
Traum-Ich zugehörig sind, sind in aller Re-
die völlig mit altruistischen Idealen identifiziert ist
gel ichnäher und somit leichter bewusst zu
und »keiner Fliege etwas zuleide tun kann«. Ihre Ag-
machen und zu integrieren.
gressivität ist massiv verdrängt und bahnt sich im
Manchmal fällt die Andersartigkeit des Traum-Ich Rahmen einer inflationären Episode in diesem
– wie im vorangegangenen und im folgenden Bei- Traum einen Weg nach oben.
spiel – direkt ins Auge. Unsere Reaktionsweisen im Von ihrem wachen Ich her ist es für sie unvorstell-
Traum befremden, erschrecken, erstaunen oder bar, jemanden auch nur verbal anzugreifen. Aller-
überraschen uns. In anderen Träumen sind vielleicht dings war durch die bisherige Therapie der Verdrän-
auf den ersten Blick keine Besonderheiten erkenn- gungsmechanismus etwas gelockert, und die Patien-
bar, und wir müssen schon genauer hinschauen und tin stand mitten in einer Auseinandersetzung mit
gezielter nachfragen, um die minimalen Differenzen diesen ihren »Schattenseiten«. Was im Traum als un-
zum Wachbewusstsein festzustellen. kontrollierter Durchbruch innerhalb einer kritischen
In jedem Fall sind die ausfindig gemachten Ab- Verschlechterungsphase mit grenzwertig psychoti-
weichungen ein Hinweis auf unbewusstes Material. schem Zustand hervorkommt, äußerte sich in der
Die uns überraschenden Handlungsweisen des Folgezeit gemäßigter in einem etwas stärkeren Durch-
Traum-Ich sind Tendenzen unseres Unbewussten, lässigwerden für ihre eigenen aggressiven Regungen.
die hier ans Tageslicht kommen. Bei labilisierten Ihre Wut ihren Eltern gegenüber und anderen Perso-
oder psychosenahen Patienten, bei denen Teile des nen, von denen sie sich ausgenutzt fühlte, wurde ihr
Unbewussten das Bewusstsein okkupieren und immer mehr bewusst, und sie konnte in milder Form
somit eine bedrohliche Inflation besteht, kann das schon etwas davon in den Beziehungen zulassen.
Traum-Ich stark alteriert sein. Dies ist aber die große Das Traum-Ich verhält sich in diesem Traum
Ausnahme von der Regel, dass im Traum-Ich eher drastisch anders als das Wach-Ich. An diesem Alp-
relativ bewusstseinsnahes Material auftritt. traum wird das Maß der aggressiven Energien deut-
lich, die verdrängt werden mussten. Der Traum zeigt
Beispiel kompensatorisch das ins Unbewusste Gedrängte.
Wir greifen auf das schon kurz erwähnte Bei- Für die Patientin selber war die Eruption im
spiel vom Anfang des 7 Kap. 20.1.1 zurück, wo Traum begreiflicherweise so ängstigend, dass sie
eine Patientin von einer ihrem Bewusstsein zeitweise wieder ihre Kontrolle und Verdrängung
20 fremden Aggressivität träumte. Hier ist der
Traum ausführlich:
verstärken musste. Das ist auch gut so, denn im
Traum steckt eine Warnung, die ein Therapeut nicht
überhören darf. Er sollte jetzt darauf achten, dass die
20.2 · Praxis
207 20

Patientin nicht durch zu viel unbewusstes Material völlig wesensfremd und wie zu einem reißenden
überfordert und überwältigt wird. Denn bei einer Werwolf geworden ist, haben wir es sonst mit mode-
solchen dramatischen Diskrepanz zwischen den raten Abweichungen des Traum-Ich vom Wach-Ich
Standpunkten des Ich-Bewusstseins und des Traum- zu tun. Wie schon erwähnt, sind im Normalfall die
Ich besteht die Gefahr einer psychotischen Dekom- Elemente des Unbewussten, die am Traum-Ich sicht-
pensation. bar werden, viel bewusstseinsnäher als diejenigen,
Erleichtert wird das andersartige Traum-Ich- die an den anderen Personen oder Gegebenheiten
Verhalten durch die Gruppensituation im Traum, des Traumes zum Ausdruck kommen (7 Kap. 20.1.2).
wodurch das Traum-Ich wie ein Mitläufer erscheint. Diese sind ichferner und können erst mit Hilfe der
Die ganze Gruppe repräsentiert das, was wir in un- Subjektstufe auf den Träumer bezogen werden, was
serer Terminologie den Schatten (7 Kap. 4.2) der oft schwierig ist, gerade weil sie außerhalb der Reich-
Träumerin nennen, ja sogar den archetypischen weite des bewusst Denkbaren liegen.
Schatten, d. h. tiefere Schichten des kollektiven Un- Demgegenüber sind die Aspekte, die im Traum
bewussten. direkt dem Traum-Ich zugehörig sind, wegen ihrer
Denn in dem eben behandelten Traum sind so- Ich-Nähe im Allgemeinen leichter bewusst zu ma-
wohl das Traum-Ich wie auch andere Personen von chen und zu integrieren. Deshalb ist es in der Traum-
einem unbegreiflichen Verhalten betroffen, das aus arbeit sinnvoll, die Aufmerksamkeit zunächst auf
archetypischer Sicht an die ekstatisch wütenden das Traum-Ich zu richten. Das hier zutage tretende
Menäden des Dionysos erinnert. Die Klassenkame- unbewusste Material ist für den Patienten leichter
radinnen sind subjektstufig unbewusste Anteile in verdaubar.
der Psyche der Patientin, die ebenfalls massive ag- Zu diesem Zwecke klären wir folgende Fragen:
gressive Impulse vertreten. Hier liegen Aspekte der 4 Wie erlebt sich der betreffende in seinem Traum?
Aggressivität, die tiefer unbewusst sind und noch Wie fühlt er, wie denkt er und wie handelt er im
lange Zeit für die Integration brauchen werden. Traum?
4 Was ist gegenüber seinem wachbewussten Leben
anders? Inwiefern weicht das Traum-Ich vom
20.2 Praxis Wach-Ich ab?

20.2.1 Wach-Ich und Traum-Ich – Der Therapeut sollte dabei den Patienten aktiv dar-
Traumarbeit mit einem auf ansprechen, ob er sich im Traum anders verhält
ungleichen Paar als in der Außenwirklichkeit. Denn allzu oft nimmt
der Träumer seine Reaktionsweise im Traum unkri-
Der Vergleich offenbart das Unbewusste. In der tisch und selbstverständlich hin, ohne sich die Ab-
Diskrepanz, die wir im Vergleich zwischen dem sonderlichkeiten oder Abweichungen klarzuma-
Wach-Ich und dem Traum-Ich in ihren jeweiligen chen.
Haltungen, Handlungen und Reaktionsweisen auf- Wir können ganz konkret fragen:
finden, sind wir dem Unbewussten auf der Spur 4 »Wie erleben Sie sich im Traum?«
(7 Kap. 20.1.1). 4 »Wie präsentieren Sie sich dort?«
Am Traum-Ich treten gegenüber dem Wach-Ich
neue, unbewusste Elemente in Erscheinung, die sich Und gezielt bezogen auf einzelne Situationen:
in ihrer Andersartigkeit und Auffälligkeit zur Be- 4 »Würden Sie sich in Ihrem bewussten Leben ge-
wusstwerdung anmelden. Der Vergleich zwischen nauso verhalten?« Oder:
Wach-Ich und Traum-Ich ist ein erster Eintritt in die 4 »Angenommen, Sie wären real in der gleichen
unbewusste Dimension des Traumes. Situation, wie würden Sie sich dann verhalten?«

Das am Traum-Ich erkennbare Unbewusste ist rela- Möglicherweise wird dem Patienten erst jetzt die
tiv bewusstseinsnah. Abgesehen von dem eben an- Besonderheit seines Tuns im Traum auffallen. Ent-
geführten eklatanten Beispiel, wo das Traum-Ich weder findet er eine erstaunliche Leistungsstei-
208 Kapitel 20 · Das Traum-Ich – Auf der Reise ins Unbewusste

gerung und neue Fähigkeiten oder eine Inadä- gung mit dem Traum-Ich besonders an. Das ist bei
quatheit und »Ich-Fremdheit« bei seinem Traum- der supportiven Therapie und der tiefenpsycholo-
Ich. gisch fundierten Psychotherapie der Fall. Aber auch
bei einer analytischen Arbeit können wir mit dem
! Die Arbeit am Traum-Ich ist im Allgemei-
Ausschnitt des Unbewussten anfangen, der sich in
nen relativ unproblematisch, für den Pa-
der Unterschiedlichkeit des Traum-Ich gegenüber
tienten zumutbar und gut verträglich
dem Wach-Ich präsentiert und sich damit als leich-
Die auf das Traum-Ich bezogene Traumar-
ter »verdaubarer Happen« des Unbewussten er-
beit beschäftigt sich mit überschaubaren
weist.
und ichnahen Anteilen des Unbewussten.
Sie ist deshalb relativ unproblematisch. Es ! Überbrückung des Gegensatzes zum Un-
handelt sich hierbei um Energiebeträge, bewussten. Die Bewusstmachung des Ge-
die vom Ich-Bewusstsein assimiliert wer- gensatzes zwischen Wach-Ich und Traum-
den können und die in der Regel keine Ge- Ich ist gleichbedeutend mit der Bewusst-
fahr einer Überflutung mit unbewusstem werdung des Gegensatzes zwischen
Material beinhalten (Ausnahmen beach- Ich-Bewusstsein und dem (ichnäheren) Un-
ten!). bewussten. Wenn diese Spannung zwi-
Die Arbeit mit dem Traum-Ich ist somit schen den Systemen bewusst geworden
die erste Annäherung an das Unbewusste. ist, können eine fruchtbare Wechselwir-
Sie ist eine »Politik der kleinen Schritte«. kung und ein Dialog beginnen, der zu ei-
Die subjektstufige Arbeit mit den anderen ner neuen Synthese zwischen den beiden
Figuren und Szenen im Traum ist dagegen Standpunkten und zu einer Assimilierung
viel heikler, weil hier u. U. enorme Energien des unbewussten Inhalts führt
ins Ich einströmen können, was bei vielen (. Abb. 20.3).
Patienten oder zu bestimmten Situationen
In den nächsten Abschnitten soll das durch Traum-
kontraindiziert ist (7 Kap. 16.3.1).
beispiele illustriert werden.
Bei einer psychotherapeutischen Arbeit, die vom
Bewusstsein ausgeht und sich in einem ersten Schritt
dem Unbewussten nähert, bietet sich die Beschäfti-

. Abb. 20.3. Traumarbeit als


Vergleich von Wach-Ich und Traum-Ich
Wach-Ich

Neues Wach-Ich

Traum-Ich

Synthese durch Traumarbeit


20 Assimilierung unbewusster Inhalte
in das bewusste Wach-Ich
20.2 · Praxis
209 20
20.2.2 Beispiele aus ! Ganz in die Realität des Traumes hinein-
der therapeutischen Praxis gehen, ihn ernst und real nehmen!
Um das Verhalten des Traum-Ich zu unter-
Das Traum-Ich als untätiger Zuschauer suchen, sollten sich Therapeut und Patient
Im folgenden Traum einer 38-jährigen Frau verhält den Traum als erlebte Realität vorstellen
sich das Ich im Traum ausgesprochen passiv. Da sich und sich Rechenschaft darüber ablegen,
die Patientin in solch einer Situation »draußen« ob das Verhalten des Traum-Ich adäquat ist
(brennende Häuser) anders verhalten würde, zeigt und wie ein situationsgemäßes Verhalten
ihr der Traum symbolisch eine unbewusste Tendenz, ausschauen würde.
die auch im Wach-Ich in irgendeiner Weise aktuell
zum Ausdruck kommen muss. Der Therapeut kann konkret fragen:
4 »Wieso reagieren Sie nicht im Traum?«
Traumbeispiel 37 4 »Warum rufen Sie nicht die Feuerwehr?«
Ich war bei meinen Eltern. Es kamen ganz viele 4 »Warum gehen Sie nicht näher hin, um zu gu-
frühere Schulkameraden von mir. Sie haben cken, ob etwas zu helfen ist?«
mich besucht. Es gab ein großes »Hallo!« und
»Schön, dass man sich mal wieder sieht!«. Dadurch wurde der Patientin erst bewusst, wie un-
Hier im Ort haben zwei Häuser gebrannt. angemessen sie sich im Traum verhält. Im Wachbe-
Unsere Gruppe und noch viele andere Leute wusstsein hätte sie – wie sie im Gespräch über den
haben zugeguckt, konnten aber nichts ma- Traum sagte – natürlich schnell und umsichtig ein-
chen, weil die Häuser schon fast bis auf die gegriffen.
Grundmauern abgebrannt waren. Wir haben
uns unterhalten, wieso es gebrannt hat, ob Was bedeutet das abweichende Verhalten des
da noch Leute drin sind und ob die verletzt Traum-Ich? Etwas, was ihr unbewusst ist, soll der
sind. Patientin durch diesen Traum vermittelt werden.
Die nächsten therapeutischen Fragen führen die
Patientin zur Erkenntnis dieser unbewussten Anteile
Wie verhält sich das Traum-Ich in diesem Traumbei- hin:
spiel? Das Traum-Ich, ja die ganze Gruppe und alle 4 »Wenn Sie sich in Realität anders verhalten wür-
Anwesenden im Traum sind abwartend und be- den, warum sind Sie dann so passiv im Traum?«
schränken sich aufs Zugucken. Dies erinnert etwas 4 »Was will Ihnen der Traum damit sagen?«
an die »Gaffer-Haltung«, die manche Menschen an- 4 »Wo schauen Sie denn aktuell bloß zu und lassen
gesichts von Unfällen oder Katastrophen zeigen. Das das erforderliche Eingreifen vermissen?«
Traum-Ich redet sich darüber hinaus ein, dass nichts
! Diskrepanzen zwischen Ich und Traum-
mehr zu machen sei. Das steht im krassen Gegensatz
Ich weisen auf unbewusste Tendenzen hin
zu der Überlegung, dass noch Überlebende oder
Würde sich der Patient in der gleichen
Verletzte in den brennenden Häusern sein könnten.
Situation wachbewusst nach seiner Mei-
Hier liegt also eine resignative Passivität vor.
nung ganz anders verhalten als das Traum-
Ich, weist diese Diskrepanz auf eine unbe-
Die therapeutische Arbeit. All dieses sollte zuerst
wusste Tendenz in ihm hin. Der Traum ist
einmal auf der Ebene des Traumes besprochen
dann symbolisch zu verstehen. Es kann
werden. Therapeut und Patientin gehen sozu-
überprüft werden, worauf sich dieses ab-
sagen gemeinsam in den Traum hinein und fragen
sonderliche Verhalten symbolisch bezieht.
sich, wie ein angemessenes Handeln aussehen
Wo verhält sich das Ich-Bewusstsein aktu-
würde.
ell so fehlangepasst wie das Traum-Ich?

Am Anfang der Stunde, noch vor Erzählen des Trau-


mes, hatte die Patientin von ihrem zunehmenden
210 Kapitel 20 · Das Traum-Ich – Auf der Reise ins Unbewusste

Alkoholproblem berichtet. Da sie jetzt aber keinen Dieser vom eigenen Unbewussten ausgehende
Zusammenhang dazu herstellte und auf nichts zum Appell ist für die Patientin plausibler und weit wir-
Traum Passendes kam, wollen wir uns hier einmal kungsvoller als irgendwelche Ermahnungen des
die Symbolik des Traumes anschauen. Angesichts Therapeuten. Nur durch Selbsterkenntnis entsteht
der brennenden Häuser, also konfrontiert mit dem eine echte Motivation, etwas zu verändern.
Vorgang des Brennens, reagiert das Traum-Ich mit Es hat mich in diesem Fall selber überrascht,
Passivität. Umgangssprachlich wird ja häufig artiku- dass mit einer einzigen Traumbearbeitung das Trin-
liert: »Wo brennt’s denn?« Ebenso wird von »bren- ken bei der Patientin aufhörte. Sie hatte allerdings
nenden Problemen« gesprochen. Dementsprechend auch noch keine wirkliche Abhängigkeit entwickelt,
halfen der Patientin die Fragen auf die Sprünge: »Wo sondern befand sich auf der Stufe des Problemtrin-
brennt es aktuell bei Ihnen? Gegenüber welchen kens wegen einer fortgesetzten Ehekrise – offenbar
brennenden Themen sind Sie untätig?« eine weitere symbolische Dimension des brennen-
den Hauses.
Definition
Metaphern im Traum Weitere Aspekte des Traumes. Andere Aspekte des
In Träumen werden oft Sprachmetaphern in Traumes wie die Schulkameraden, die 20 Jahre in die
konkrete Bilder umgesetzt. Werden diese Biographie zurückweisen (im Traum gibt es hier ein
Traumbilder, die als Metaphern oder Allegorien großes Hallo und Grüßen: es »grüßt« sozusagen et-
anschauliche Vergleiche darstellen, rücküber- was aus dieser Zeit in die Gegenwart hinein), und die
setzt, gelangt man zu einem Bedeutungsas- Beziehung zu den Eltern, die ihr Haus im gleichen
pekt des Traumes. Ort haben, müssen hier außer Acht bleiben. Auch
Beispielsweise kann ein Brand im Traum auf den finalen Sinn des Traumes, dass etwas Über-
auf ein »brennendes« Problem hinweisen. Das lebtes in der Beziehung zum Elternhaus untergehen,
Versagen der Beine im Traum kann annoncie- »verbrennen« muss (und in dem Zusammenhang
ren, dass »nichts mehr geht«, und das Ziehen könnte man an die Aufbruchsstimmung der Patien-
der Notbremse in einem Zug ist als Redewen- tin vor 20 Jahren anknüpfen), kann hier nur kurz
dung (»die Notbremse ziehen«) vertraut und hingewiesen werden.
direkt verstehbar.
Das Traum-Ich – Ein Alter Ego
Gegenüber dem zuletzt behandelten Traum können
Jetzt wurde der Patientin klar, dass das brennendste in anderen Träumen in noch viel deutlicherer Weise
Thema im Moment ihr wachsender Alkoholkonsum am Traum-Ich verpönte und abgewehrte Eigen-
war. Es machte ihr ernsthaft Sorgen, dass sie dieses schaften an die Oberfläche kommen. Dann trägt das
Problem nicht mehr in den Griff bekam, dass sie im- Traum-Ich Züge einer Schattenpersönlichkeit, eines
mer öfter trank und bei angebrochener Weinflasche Alter Ego, das im Bewusstsein nicht zugelassen, an-
nicht mehr aufhören konnte. Im weiteren Gespräch dererseits dem Bewusstsein so nahe gerückt ist, dass
wurde ihr auch deutlich, dass sie ihr Problemtrinken es zur Integration ansteht.
zwar klar gesehen und auch selbstkritisch bemerkt Unter Schatten (7 Kap. 4.2) verstehen wir ja all
hatte, dass sie in einen Kontrollverlust hineinzurut- die Positionen, die mit dem Bewusstsein und seinen
schen drohte, jedoch ohne dass bei ihr die Alarmglo- Wertungen nicht vereinbar und deshalb ins Unbe-
cke geläutet und sie handelnd eingegriffen hätte. wusste abgedrängt sind.
Anhand der Traumbesprechung wurde ihr diese Im hier abgedruckten Traum eines Teilnehmers
inadäquate Gleichgültigkeit angesichts einer klar wahr- (Alter: Ende 20) einer Selbsterfahrungsgruppe tra-
genommenen, gefährlichen Entwicklung bewusst. ten im Traum-Ich Seiten zutage, von denen er im
Indem der Unterschied zwischen Traum-Ich-Verhal- Wachen keine Ahnung hatte und an die er »nicht im
20 ten und einer natürlichen und angemessenen Reakti-
onsweise hervorgehoben wird, erhält der Traum einen
Traum« gedacht hätte.

eindringlichen Aufforderungscharakter.
20.2 · Praxis
211 20

Traumbeispiel 38 antwortung z u übernehmen – sowohl zu Hause als


auch im Beruf –, sodass ihm sein eigenes Verhalten
Ich bin mit einer Gruppe an einem breiten,
im Traum unverständlich vorkommt.
schönen, saftigen Flussufer. Mein 5 Wochen al-
ter Sohn ist im Kinderwagen, der oben auf dem ! Das Traum-Ich als Alter Ego
anderen Ufer steht. Im Traum-Ich können Persönlichkeits-
Der Fluss steigt plötzlich auf halbe Höhe züge ausgelebt werden, die mit dem Be-
an, was ich registriere. Dann kommt plötzlich wusstsein nicht kompatibel sind. Das
eine große Welle, die alles unter Wasser setzt. Traum-Ich trägt dann Attribute aus dem
Ich schwimme für mich dahin, unterhalte mich Schatten, der diese verpönten, ungelieb-
dabei mit dem Leiter der Freizeitgruppe, der ten und verbannten Inhalte aufgefangen
sich unsinnigerweise um seine Schuhe küm- und aufbewahrt hat. Das Traum-Ich ist da-
mert, die er sich anziehen will. mit ein Alter Ego, ein deutlich anderes als
Ich will zu einer höhergelegenen Hütte. Ich das Ich.
bin froh, als ich meine 3-jährige Tochter dort Die im Traum-Ich sich offenbarenden
schlafen sehe. Bei meiner Frau habe ich ge- Schattenanteile sind aber noch relativ be-
dacht, dass sie schon alleine ans Ufer schwim- wusstseinsnah gegenüber tieferen Schat-
men kann, da die Strömung nicht so stark ist. tenaspekten, die im Traum z. B. in Form an-
Der Kinderwagen steht auch da. Meine Frau derer gleichgeschlechtlicher Personen dar-
hat ihn wohl rübergeschoben. Ich sehe, wie je- gestellt und erst mit Hilfe der Subjektstufe
mand den Kinderwagen klauen will, wache auf den Träumer rückbezogen werden kön-
dann auf. nen.

Der Traum konfrontiert den Klienten mit unbe-


Wir wollen uns hier auf das Traum-Ich und seine Be- wussten Tendenzen, die der bewussten Selbstein-
ziehung zu den anderen Personen im Traum konzen- schätzung weit entgegenliegen. Nun ist es bei seiner
trieren und weitere Betrachtungsmöglichkeiten – übermäßig starken Fixierung auf Pflichterfüllung
wie die Übertragung, das objektstufige Beziehen auf und Für-andere-da-sein verstehbar, dass widerspre-
die Therapiegruppe usw. – weglassen. chende Bedürfnisse aus dem Bewusstsein verbannt
wurden und hier beim Traum-Ich auftauchen. Es
Was ist das Auffallende und Merkwürdige am Ver- sind dies die verdrängten freiheitsliebenden We-
halten des Traum-Ich? Der Traum stellt den Träu- senszüge, die das Gebundensein an Kinder, Frau und
mer als einen Vater hin, der seinen 5-wöchigen Job einmal abschütteln wollen.
Säugling allein am anderen Flussufer stehen lässt Es scheint das Hauptsignal des Traumes zu sein,
und auch nicht reagiert, als der Fluss anzuschwellen sich diese im Schatten des Bewusstseins liegenden
beginnt. Bei der Flutwelle unternimmt er keine An- Wünsche einmal einzugestehen. Es war für den jun-
stalten, seine Kinder oder seine Frau in Sicherheit zu gen Vater – die Geburt des Sohnes lag tatsächlich nur
bringen. wenige Wochen zurück – entlastend und entkramp-
Der junge Mann musste sich das mit Erstaunen fend, diese auf der Strecke gebliebenen Bedürfnisse
bei der Untersuchung des Traumes eingestehen, hielt im Bewusstsein zuzulassen.
er sich doch im Bewusstsein für einen verantwor- Dadurch wurde seine einseitige Bewusstseins-
tungsvollen und treu sorgenden Vater. Im Traum ist haltung (ein nur guter Vater sein zu müssen) wohl-
er zwar erleichtert, als er später die Familie unver- tuend aufgelockert, denn sie hatte zu einer Anspan-
sehrt vorfindet, doch er hatte keinen Handlungsim- nung und diffusem Unbehagen geführt. Mit dem
puls zu ihrer Rettung gezeigt. wohlwollenden Eingeständnis sich selbst gegenüber,
Diese unbewusste Darstellung steht im Kontrast dass es in ihm auch andere Strebungen gibt, kann er
zur Bewusstseinslage, wo er natürlich sofort geeigne- in einer ausgeglicheneren und versöhnteren Weise
te Maßnahmen ergriffen hätte. Er ist damit identifi- seinen Funktionen in Familie und Beruf nachkom-
ziert, ein gutes Familienoberhaupt zu sein und Ver- men und bewusster aufgrund der aktuellen Notwen-
212 Kapitel 20 · Das Traum-Ich – Auf der Reise ins Unbewusste

digkeiten Verzicht üben. Bisher hatte er sich gegen- ner Anima (7 Kap. 7). Die Frau handelt konstruktiv
über der fordernden Umgebung keine »egoistischen« und stellt die Einheit der Familie wieder her. Das
Gedanken und Impulse erlaubt. zeigt, dass in der weiblichen Seite des Träumers eine
auf Beziehung und Zusammenhalt zielende Tendenz
Was trägt die Subjektstufe zur Bedeutung dieses besteht. Auf diese positive Kraft sollte der Therapeut
Traumes bei? Da es sich bei dieser Selbsterfahrungs- oder Gruppenleiter hinweisen. Damit wertet er den
gruppe um sehr introspektionsfähige und differen- Teilnehmer auf und stärkt ihn, sich mit seinen
zierte Mitglieder mit relativ guter Ich-Stärke (Tätige schwierigen Schattenanteilen auseinander zu setzen,
im sozialen Bereich) handelte, konnte auch die Sub- was ein Muss für jede umfänglichere Selbsterkennt-
jektstufenebene weitgehend bearbeitet werden. Hier nis ist.
nur einige Andeutungen. Noch tiefer unbewusst als die Traumpersonen ist
Im Großen und Ganzen zielte die subjektstufige die unpersönliche, also nicht in Form von Menschen
Betrachtung der anderen Männer im Traum syner- symbolisierte Dynamik der Flutwelle. Ihre Plötzlich-
gistisch in die gleiche Richtung wie die Analyse des keit weist auf einen Komplex hin (7 Kap. 22.1.2).
Traum-Ich. Hier kommen Energien aus einem tief unbewussten
Der Leiter, der sich unsinnigerweise nur um sei- und hochbrisanten Affekt- und Komplexbereich,
ne Schuhe kümmert, und der Kidnapper am Ende was an dieser Stelle aber nur erwähnt und nicht wei-
des Traumes sind – subjektstufig gesehen – Schat- ter vertieft werden kann.
tenfiguren, also unbewusste Seiten des Träumers. Sie
! Der Vergleich der objektiven Realität
reflektieren tiefer gelegene Teile des Unbewussten,
außen mit der subjektiven Realität innen
die nicht so leicht einzusehen, zu realisieren sind wie
Die Gegenüberstellung zwischen dem Ver-
die Schattenaspekte des Traum-Ich. Durch diese
halten des Wach-Ich und dem des Traum-
Traumgestalten war der Patient u. a. aufgefordert,
Ich oder – noch umfassender – zwischen
sich seine Eifersucht auf den Neugeborenen bewusst
dem Ich-Bewusstsein und dem Gesamt-
zu machen, der die Mutter, seine Frau, zurzeit ganz
traum macht einen bestehenden Gegen-
in Anspruch nahm. Daher im Traum die Tendenz –
satz zwischen dem Bewusstsein und dem
personifiziert durch den Dieb –, den »süßen Knopf«
Unbewussten deutlich.
– so der Ausdruck des stolzen Vaters – zu entfernen.
Dadurch kann sich das Leiden an der
Der Traum kompensiert durch diese Traumfigur –
Gegensatzspannung im Betreffenden erst
noch drastischer als beim Traum-Ich – die zu positi-
einmal vergrößern. Aber nur wenn diese
ve oder lichte Selbsteinschätzung.
Spannung bewusst ausgehalten wird,
Auch der Leiter als Verantwortlicher für die
kann es mit der Zeit zu einer Lösung, ei-
Gruppe stellt in seiner Demonstration einer kaum zu
nem Ausgleich und einer Änderung der
überbietenden Egozentrik einen scharfen Gegensatz
Ich-Einstellung im Sinne einer neuen Syn-
zum bewussten Altruismus des Träumers dar.
these kommen. Diese Integration beider
Bisher wurde das Kind objektstufig gesehen, als
Gesichtspunkte ist oft erst nach einer län-
der reale Sohn, den der Gruppenteilnehmer besitzt.
geren Periode des Leidens und Ausbrütens
Auf der Ebene der vollen Subjektstufe ist auch dieses
des scheinbar unvereinbaren Gegensatzes
Neugeborene als ein eigener Anteil, als etwas Neues
möglich (. Abb. 20.3, 7 Kap. 20.2.1).
und Entwicklungsfähiges in ihm zu verstehen. Der
Gesamttraum zeigt, dass der Träumer dieses symbo-
lisch äußerst wichtige und positive Potential in sich
nicht genügend hegt und hütet. Das Gruppenmit-
glied hatte mit diesen Bedeutungsaspekten des Trau-
mes einige »schwere Brocken zu verdauen«.
20 Bei seiner Frau handelt es sich im Traum sub-
jektstufig um ein Animapotential, d. h. um einen
Aspekt seiner unbewussten weiblichen Psyche, sei-
21

21 Die Ich-Funktionen im Traum –


Mit dem inneren Kompass auf
Traumreise
21.1 Methodik – 214
21.1.1 Analyse der Ich-Funktionen im Traum – 214
21.1.2 Veränderungen der Ich-Funktionen beim Traum-Ich – 219
21.1.3 Die Bedeutung der Funktionsanalyse für die Traumarbeit – 220

21.2 Praxis – 221


21.2.1 Die Arbeitsebene der Ich-Funktionen – 221
21.2.2 Beispiele aus der therapeutischen Praxis – 225
214 Kapitel 21 · Die Ich-Funktionen im Traum – Mit dem inneren Kompass auf Traumreise

21.1 Methodik im Folgenden noch genauer sehen werden – zu ei-


nem Absinken und zu unbewussten Einflüssen
Der »innere Kompass« der vier Orientierungs- oder kommen (7 Kap. 21.1.2).
Ich-Funktionen Denken, Fühlen, Empfinden und
Intuieren ist nicht nur für unser Leben in der Außen- Diagnostische und therapeutische Möglichkeiten.
welt, sondern ebenso für die Welt des Traumes gül- Gleichartigkeit (was die Funktionskonstellation an-
tig. Er begleitet nicht nur unser Wach-Ich, sondern betrifft) wie auch Andersartigkeit der Ich-Funktio-
auch unser Traum-Ich. Beide benutzen dieses Orien- nen beim Wach- und Traum-Ich bieten Ansatzpunk-
tierungssystem, unabhängig davon, dass die Welt te für die Funktionsdiagnostik wie für den therapeu-
des Traumes mit ihren phantastischen Möglichkei- tischen Umgang mit den Funktionen:
ten die der Außenrealität weit übersteigt. 4 Die Gleichheit der Funktionskonstellation beim
Dieser Sachverhalt ist ein Ausdruck der prinzipi- Wach-Ich und Traum-Ich lässt es zu, diese Funk-
ellen Identität von Wach-Ich und Traum-Ich bei al- tionskonstellation anhand der Träume zu dia-
len Unterschieden, die beim Übergang in die Traum- gnostizieren (7 Kap. 21.1.1).
form zustande kommen können. Das Traum-Ich ist 4 Die Unterschiede in der Qualität der Funktionen
ja ein durch das Absinken des Bewusstseinsgrades durch das Abaissement lassen Differenzierungs-
verändertes Ich, in das mehr oder weniger unbe- lücken und Schwächen der einzelnen Funktio-
wusste Anteile eingegangen sind. Nur darin liegt die nen diagnostizieren (7 Kap. 21.1.2).
Andersartigkeit; Kontinuität und Identitätsgefühl
bleiben bestehen. Aus dem letzten Punkt ergeben sich therapeutische
Ansätze, die Funktionen einzuüben und zu differen-
Gleichheit und Unterschiede der Ich-Funktionen zieren.
von Wach-Ich und Traum-Ich. Die grundsätzliche
Gleichheit von Wach-Ich und Traum-Ich betrifft
auch die extravertierte oder introvertierte Einstel- 21.1.1 Analyse der Ich-Funktionen
lung der Ich-Funktionen (7 Kap. 3.2). Das bedeutet, im Traum
dass bei jemandem, bei dem z. B. Denk- und Emp-
findungsfunktion introvertiert und damit Fühl- Das Unterscheiden der einzelnen Orientierungs-
funktion und Intuition extravertiert sind, dies auch funktionen. Um mit den Orientierungs- oder Ich-
im Traum bei den entsprechenden Funktionen des Funktionen diagnostisch und therapeutisch arbeiten
Traum-Ich so ist. Die Funktionskonstellation ist zu können, müssen wir sie zunächst klar erkennen
also unveränderlich und zeigt sich beim Traum-Ich und unterscheiden lernen. Das ist nicht so einfach,
in gleicher Weise wie beim wachen Ich-Bewusst- wie es klingt, denn der Sprachgebrauch macht keine
sein. exakte Trennung zwischen diesen vier psychologi-
schen Funkti