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DIE

GLAUBWÜRDIGKEIT
DES

[RENÄISCHEN ZEUGNISSES
ÜBEE DIE

AUFS NEUE UNTERSUCHT


VON

Du. THEOL. U. PHIL. F. S. GUT JAHR


K. K. O. Ö. UNIVERSITÄTS-PROFESSOR IN GRAZ

FESTSCHRIFT
DER K. K. KARL -FRANZENS -UNIVERSITÄT IN GRAZ AUS ANLASZ DER
JAHRESFEIER AM 15. NOVEMBER 1903

GRAZ
LEUSCHNER & LUBENSKY'S
UNIVERSITÄTS -BUCHHANDLUNG
1904
'
2 5766

K K. UNIVERSITÄTS-BÜCHDRUCKEREI „STYRIA" IN GRAZ.


Vorwort.

Massuet 1
) faßt die Stimmen von Jahrhunderten zusammen,
wenn er über das Ansehen und die Bedeutung des heiligen Bischofs
Irenäus von Lyon folgendes Urteil abgibt: 2 ) Quaecunque ad auc-
toritatem scriptoribus ecclesiasticis comparandam praecipua sunt, ea
omnia sanctissimum hunc Lugdunensium episcopum, splendidissimum
quondam Galliae nostrae lumen, commendant. Si antiquitatem spec-

temus, vir apostolicus 3 ) fuit, vicinus apostolorum temporibus 4 ) et ab


apostolorum discipulis institutus; si doctrinam, omnium doctrinarum
curiosissimus explorator 5 ) exstitit, rectae semper catholicaeque doc-
trinae propugnator 6 ) strenuissimus et in Scripturae sacrae priorumque

Patrum lectione apprime, ut ubique clamant eius scripta, versatus;


si sanctitatem denique, vir omnino Spiritus sancti donis ac caelestibus
oruamentis instructus fuit, 7
) cuius scripta, ut Erasmi verbis utar,

spirant priscum illum evangelii vigorem ac phrasis arguit pectus

martyrio paratum, quem sanctissimi martyres Lugdunenses epistolis

suis magnifice commendant, quem denique morum integritas in Pon-


thini primi Lugdunensium episcopi locum suffecit.

Bei solcher Autorität des heil. Irenäus darf es nicht wunder-


nehmen, daß auch sein Zeugnis wie in der Frage nach dem Ursprung
der Evangelien überhaupt, so insbesondere in der Frage nach der

x
) Dom Rene Massuet aus der Kongregation der Mauriner, gestorben als
Professor der Theologie in Saint-Germain-des-Pres am 11. Jänner 1716.
2
)
Praefatio zur Ausgabe der Werke des heil. Irenäus. (Paris 1710. Ab-
gedruckt bei Migne, P. Gr., VII.)
3
)
Hieronymus, in c. LXIV Isa.
4
)
Basilius, Lib. de Spir. s., c. 29.
5
)
Tertullian, Lib. cont. Valent., c. 5.
6
)
Eusebius, Hist. eccl., III, 25.
7
)
Epiphanius, Haer. 31, 33.
A*

7
IV

Entstehung des vierten kanonischen Evangeliums bis zum 19. Jahr-


hundert als unbestrittene und unbestreitbare Instanz galt.

(
i egenwärtig erachten nicht wenige das Ansehen des Irenäus
als Zeugen der altkirchlichen Überlieferung für beseitigt und erfährt
dessen Aussage über die Johanneische Abfassung des vierten kanoni-
schen Evangeliums lebhaftesten, ja leidenschaftlichsten Widerspruch.
In dieser Hinsicht muß Johannes Kreyenbühl 1
) unbedingt die
Palme zuerkannt werden. Sein Urteil über das Ansehen des Irenäus
in der genannten Frage ist mit maßlos noch mild bezeichnet.
Kreyenbühl redet von „Irenäischer Fiktion", von „leichtsinniger
Flunkerei", von einem „Gespinst von Erfindungen, in das sich

Irenäus verwickelt", nennt ihn einen „Fabeldichter". Irenäus, „dessen


Angaben im Grunde allein in Betracht kommen", hat „die Geschichte
und Entstehung der Evangelien wesentlich gefälscht und verdunkelt".
„Seine Theorie vom viergestaltigen Evangelium ist ohne allen ge-
schichtlichen und wissenschaftlichen Wert." Auch sein Zeugnis für

den Johanneischen Ursprung des vierten Evangeliums ist „für die

geschichtlich-wissenschaftliche Erforschung des Ursprungs der Evan-


gelien ohne allen Wert und Belang". „Irenäus ist kein glaubwürdiger
Zeuge." „Man muß von allem Geiste wissenschaftlicher Kritik ver-
lassen sein, um dem Zeugnis des Irenäus für den apostolischen Ur-

sprung und Charakter des vierten Evangeliums irgend einen Wert


oder gar einen entscheidenden Wert beizumessen." „Irenäus von
Lyon setzt die ungeheuerlichen Verwirrungen in Szene, in denen er
den Apostel Johannes bis in die Zeit des Trajan in Ephesus leben
und dort das Evangelium schreiben läßt." Alles ist hinfällig, „was
Irenäus über den Verkehr des Papias und Polykarpus mit dem
Apostel Johannes in Ephesus, über den Aufenthalt desselben in
Ephesus und das von ihm verfaßte Evangelium mitteilt". „Durch zum
mindesten leichtsinniges und schwindelhaftes, wenn nicht geradezu
doloses Verfahren hat Irenäus dem wirklichen Verfasser das vierte
Evangelium endgültig entrissen, dem Apostel Johannes überantwortet

und dasselbe auf Jahrhunderte hinaus allem wahren Verständnis ent-

zogen und seinen Inhalt und seine Wirksamkeit zum größten Teil

*) Das Evangelium der Wahrheit. Neue Lösung der Johanneischen Frage.


I. Bd.. Berlin 1900.
V

vernichtet." J
) Das sind nur einige Proben der modernsten Beurteilung
des Irenäus.
Aber auch J. Reville 2 ) urteilt wenig günstiger. Zwar ist er

gerecht genug, um denselben als „le principal temoin u , als „le seul

qui merite d'etre pris en serieuse consideration", als „le plus illustre
defenseur de la tradition catholique primitive" gelten zu lassen.

Gleichwohl bricht auch er über dessen Leichtgläubigkeit den Stab:


„II ne brille pas precisement par un sens critique tres aiguise, il

gobe avec beatitude les traditions les plus stupides." „Est-il exagere

de dire, qu'Irenee ne brillait pas par l'esprit critique?" „On reste

abasourdi devant la credulite du brave homme." 3 )


Und selbst Harnack, 4 ) der es ohne weiteres als unwahrschein-
lich erklärt, dali Irenäus seine Mitteilungen „aus den Fingern ge-
sogen", hält dafür, daß die Autorität des Irenäus für die Johannes-
frage eliminiert sei und aus der Frage ganz verschwinden müsse.
Dem gegenüber fehlt es nun allerdings auch aus jüngster Zeit
nicht an berufenen und entschiedenen Verteidigern der Glaubwürdig-
keit des Irenäus. Es genügt an dieser Stelle den einzigen Theodor
Zahn namhaft zu machen.
Trotzdem dürfte es weder als allzu gewagt noch als über-
flüssig erscheinen, wenn im nachfolgenden die Glaubwürdigkeit des
Irenäischen Zeugnisses über die Johanneische Abfassung des vierten
kanonischen Evangeliums neuerdings einer eingehenden, vorurteils-

freien Untersuchung und Prüfung unterzogen werden soll, und dies

nicht nur des höchsten Interesses wegen, das der Gegenstand an sich
darbietet, sondern insbesondere auch mit Rücksicht darauf, daß die
namentlich seit Zahns Verteidigung gegen Irenäus geführten An-
griffe, soviel ich sehe, die gebührende Würdigung, wenigstens auf
katholischer Seite, 5 ) noch nicht gefunden, und wohl auch deshalb,
weil Zahns Darlegungen eines allseitigen und durchschlagenden Er-

!) Vgl. S. 5, 56, 57, 58, 71, 367, 368.


2
)
Le quatrieme Evangile. Son origine et sa valeur historique. Paris 1901.
3) Vgl. S. 10, 11, 12.
4 Die Chronologie der altchristlichen Literatur bis Eusebius, I. Bd.,
)

1897, S. 657.
5
)
Sieh A. Ehrhard, Die altchristliche Literatur und ihre Erforschung
von 1884—1900, 1. Abt., S. 113. Zeitschrift für katholische Theologie, 1900, S. 127 f.
VI

t'olges sich nicht erfreuen, ja wohl selbst sehr vornehm ignoriert


werden.

Mit dem Gesagten ist sowohl der Gegenstand der folgenden


Untersuchung umgrenzt und deren Zweck angedeutet, als auch von
selbst gegeben, daß diese Untersuchung unter vornehmlicher Berück-
sichtigung der neuesten einschlägigen Literatur, soweit sie mir zu-
gänglich war, geführt werden wird.
Hiezu sei nur noch bemerkt, daß es dem Verfasser keineswegs
darum zu tun war, durch neue und überraschende Forschungsresultate
zu glänzen, Lorbeeren der Originalität sind ja im benannten Gegen-
stande vielleicht wirklich nicht mehr zu holen, bis etwa neue Quellen

der Forschung sich erschließen. Aber immerhin glaubt er etwas mehr


bieten zu können, als eine bloße Übersicht über den augenblicklichen
Stand der Frage oder bloße Abwehr und etwas mehr als „eine neue
Auflage der crambe repetita", wenn auch einiger Vollständigkeit

halber manches gesagt werden muß, was andere bereits ausgesprochen.


So wagt er denn auch zu hoffen, daß seine Arbeit nicht für alle

ohne Nutzen und ohne Interesse sein werde.


Inhal t.

Seite

Vorwort III

I. Irenäus und das vierte kanonische Evangelium 1

II. Neueste Einreden gegen die Glaubwürdigkeit des Irenäischen Zeug-


nisses 4

IIT. Die Quellen des Irenäus 43


1. Irenäus und die kleinasiatischen Presbyter 44
2. Irenäus und Papias 50
3. Die Quellen des Papias. Papias und der Apostel Johannes .... 71
4. Irenäus und Polykarp 125
5. Polykarp und Johannes 148

IV. Papias, Polykarp und das vierte Evangelium 166

V. Der Verfasser des vierten Evangeliums 182


I.

Irenäus und das vierte kanonische Evangelium.


Unsere Untersuchung nimmt ihren Ausgang von zwei völlig
sicheren Tatsachen, die wir hier lediglich festzustellen brauchen,
nämlich 1. daß dem Irenäus das vierte kanonische Evangelium vor-
lag und 2. daß er dies Evangelium dem Apostel Johannes, dem Sohne
des Zebedäus, als Verfasser zuschrieb.
Erstere Tatsache ist durch fast zahllose wörtliche Zitate aus dem
vierten Evangelium gewiß. Wenige Proben genügen.

Irenäus (Advers. haereses): 1 ) Viertes Evangelium:


IT, 22, 6: Abraham pater vester VIII, 56. 57: 'Aßgadfj, ö JiavijQ
exultavit, ut videret diem meum, vpi6)v r)yaXXidoato, Iva stör) tr)v

et vidit et gavisus est. — Quin- fjfjsSQav tr\v e^fjv, xai slösv xai
quaginta annos nondum habes et sxdgrj. — Hsvtrjxovta strj ovjtco
Abraham vidisti? £%eig xai Äßoadjbt scooaxag;
III, 11, 1: In principio erat ver- I, 1 — 5: °Ev ägxfj fjv ° köyog xai
bum et verbumapud deum
erat 6 Xoyog fjv Jigog tbv iJsbv xai frsbg
et deus erat verbum. Hoc erat fjv 6 Xöyog, Ovtog fjv sv dgxfj Jigbg
in principio apud deum. Omnia Hdvta 1
tbv &sov. di avtov sysvsto,
per ipsum facta sunt, et sine ipso xai %(öoig avtov syevsto ovös ev
factum est nihil. Quod factum Ö ysyovsv. 'Ev avtcö £cor) fjv, xai
est, in ipso vita erat, et vita i) £cor) rjv tö g)(bg tolv dvfigojjzoyv.
erat lux hominum, et lux in te- Kai tö (füg sv tfj oxotla (palvst,

nebris lucet, et tenebrae eam xai r) oxotla avtö ov xatsXaßsv.


non comprehenderunt.
Tanto tempore vobis-
III, 13, 2: XIV, 9. 10. 7: Tooovtq) xqövcö
cum sum et me non cognovisti? us ff v\i(bv sIjlu, xai ovx syvcoxdg
Philippe, qui videt me videt et [is, <$>LXuzjzs; b soygaxcog s/lis soj-

patrem. Quomodo tu dicis: gaxsv tbv Jiatsga. jvöjg ov Xsysig'


ostende nobis patrem? Ego ösl^ov r)[ilv tbv Jiatsga; 'Eym sv
enim in patre et pater in me tcb jzatoi xai 6 jzatr)g sv s/wl

Über das Alter und den Wert der lateinischen Übersetzung des Irenäischen
x
)

Hauptwerkes vgl. Loofs, Die Handschriften der lateinischen Übersetzung des


Irenäus, 1890, S. 92.
1
:

Et amodo cognovistis eum iorir. Kai ä.idort yiVCböXBTS (VÖTOV


et vidistis. xai HovtüyjtTir atitöv.
IV, LO, 1: Scrutamini scripturas, V, 39. 40. 46: 'Egawäte ni;
in qiübus putatis vos vitam aeter- YQCL<pdg } ort vfiBlg öoxbItBj fr
nam habere; illae sunt, quae te- ativalg ^oyfyv aicbviov b%biv xai
stinionium perhibent de me. Et ixiirai i-iair al fiaQTVQOVOai TZBQl
non vultis venire ad me, ttt vitani ifiov. Kai oi> Oiki-ri- f-ÄOi-ir JZQÖg

haben tis. — Si enim crederetis in-, Iva Ei yäg


fcayfjv r/^iTs. —
Moysi, crederetis et mihi, de me i-.jinri-rsTs Mcovost, §möTeveve äv

enim ille scripsit. &jlloI' .an) yäo tfiov hteivog


§ygaipsv.
V, 13, 1: Vocavit voce magna XI, 43. 44: $(üvjj (isydhjß fxoav-
dicens: Lazare veni foras. Et yaosv Adgags, ösvqo b^co. Kai f£-

»wivit mortuus colligatus pedes fjX'&Bv ö Thth>))x(bg ösös^svog vovg


et manus institis. Solvite — il- jrödag xai vag XBigag xBtolatg. —
lum et dimittite abire. Avoate avtov xai äepsts vsvdyeiv.
V, 18, 2: In hoc mundo erat et 1, 10 — 12. 14: 9
Ev reo xöopcp /)y\

mundus per ipsum factus est et xai 6 KÖöfiog M avtov eysvsto,


mundus eum non cognovit. In xai 6 Zoolog avtov ovx syi'o.
sua propria venit et sui eum non Elg vä i'öia fjkv^sv, xai ol Idiot

receperunt. Quotquot autem re- avtbr ov icaQskaßov. "Oooi öi-

ceperunt eum, dedit illis pote- l&haßov avtbv, Mcoxbv avtolg i-g-

stastem, filios Dei fieri, bis, qui ovatav tsxva $sov yeveöfiai, tolg
credunt in nomine eius. Et — motsvovoiv eig tb övo/jba avtov. —
verbum caro factum est et habi- Kai ö Xöyog ociq^ sysveto xai
tavit in nobis, et vidimus glo- faxi'ji'ioasv sv fjiiiv, xai zihaod-
riam eius, gloriam quasi unigeniti fiE&a T))i> dö^av avtov, öö^av (oc

a patre, plenum gratia et veri- fiovoysvovg jzaoä jcatgög, jt///o//c

tate. ydoitog xai d/j/öftag.


V, 31, 1: Noli me tangere, non- XX, 17: Mi) [4,ov äjzvov ovjto
dum enim ascendi ad patrem; sed ydo dvaßB'ßrjxa xobg vor mate'Qa
vade ad discipulos et die eis [JLOV' JZOQEVOV ÖS TVQÖg tOVC ä()l/.-

Ascendo ad patrem meum et (fove fiov xai Bhzk avvoTg- Ara-


patrem vestrum. l

)
ßalvco jTobg rbi> jtav&oa fiov xai
natsga v(j,0)i>.

l
) Außerdem werden noch folgende Verse des vierten Evangeliums ganz
oder teilweise zitiert: I, 1-3 (V, 18, 2); I, 3 (I, 22, 1; II, 2, 5; III, 8, 3;
III, 21, 10); I, 6-8 (III, 11, 4); I, 10 f. (III, 11, 2); I, 13 (III, 19, 2); I, 14 (I, 9, 2;

III, 11, 3; 16, 8; 19, 1); I, 16 (III, 10, 3); I, 18 (III, 11, 6; IV, 20, 6. 11); I, 29 (III,

10, 3); I, 47. 49 (III, 11, 6); I, 50 (IV, 9, 2); II, 3-10 (III, 11, 5); II, 3 (III, 16, 7);

11, 19, (V, 6, 2); II, 21 fV, 6, 2); II, 23 (II, 22, 3); II, 26 (III, 9, 3); III, 18 (V, 27, 2);
III. 36 (IV, 37, 5); IV. 6 (III, 22, 2 ;
IV. 7 (III. 17, 2); IV, 35 (IV, 23, 1); IV, 41 (IV,
i 7 : IV, 50 (II, 22, 3); V, 2 (II, 24, 4); V. 5 (II, 23. 2); V, 6 ff. (II. 22, 3); V, 14
1 ;

Ebenso unbestreitbar ist die zweite Tatsache. Denn nicht wenige


der angeführten Stellen aus Evangelium werden in den dem vierten
Zitationsformeln direkt dem Johannes, dem Jünger des Herrn, zu-
geschrieben. Z.B.: Quemadmodum Joannes domini discipulus ait. ) x

SÜcut Joannes domini discipulus meminit. 2) lox'wi't)^ (jt,a dv)VJ)g avror /

m-üi arror yqdqxjDV bIq^xsl 8) Joannes domini discipulus sie in- —


choavit in ea, quae est seeundum evangelium doctrina. 4 ) Discipulus
domini ait. 8 ) Ipse (discipulus domini) docet/') Quemadmodum Joannes
domini discipulus conflrmat. 7 ) Testimonium perhibet Joannes domini
discipulus in evangelio dicens. 8 ) Quod (evangelium) est seeundum
10
Joannem.") Quae est seeundum Joannis evangelium. ) Joannes sie
signifieavit. 1
) Quemadmodum Joannes in evangelio commemoratus
12 13
.
) Joannes meminit. )

Daß aber Irenäus unter Johannes, dem Jünger des Herrn, in


der Tat den Apostel Johannes, also den Zebedäiden meint, ist daraus
klar, eben diesen Johannes zweimal ausdrücklich „Apostel"
daß er
benennt. 14 ) Ferner wird er anderen Aposteln gegenübergestellt, 15 ) den
Aposteln beigezählt, 16 ) zusammen mit dem Apostel Petrus genannt. 17 )

IV, 36. 6; V, 15,2); V, 28 (V, 13, 1); V, 43 (V, 25, 4); V, 46 f. (IV, 2,3; 10. 1);
VI, 69 (III, 11, 6); VII, 30
(III, 16, 7); VII, 38 (V, 18, 2); VIII, 34 (III, 8, 1); VIII, 36
III, 19, 1); VIII, 44 (V, 22, 2; 23, 2); VIII, 56 (IV, 5, 3); IX, 3 (V, 15, 2); IX, 7 (V,
15,3); IX, 11 (IV, 8,2); X, 34 (III, 6, 1); X, 35 (IV, 1,2); XI, 54 ff. (II, 22,3; IV, 5,2);
XI. 43 ff. (V, 13, 1); XII, 1 (II, 22, 3); XII, 27 (I, 8, 2); XIV, 11 (V, 18, 1); XIV, 6
IV, 7, 3); XIV, 28 (II, 28, 8); XV, 15 (IV, 13, 4); XV, 16 (IV, 4, 1); XVII, 12 (II,
20, 5); XVII, 5. 24 (IV, 14, 1); XIX, 11 (IV, 18, 3); XX, 20 (V, 7, 1); XX, 24 (I, 18, 3);
XX. 31 (III, 16, 5).

n II, 2, 5. — 2
) II, 22, 3. — 3) III, 22, 2. - *) m, n, l. _ 5) ni, 11, 3. —
«') III, 11, 4. - ">)
III, 16, 5. - 8) V, 18, 2. — ») III, 11, 7. - w) ni, 11, 9. - ") III,
8, 3. — 12
) IV, 2, 3. —
Arifühmngsformeln sind: Quemad-
13
) IV, 10, 1. — Andere
modum scriptura dicit (I, 22, 1); in evangelio dictum est (III, 16,8); quemadmodum
in evangelio scriptum est (IV, 20, 6). Viele Zitate des Evangeliums werden als
Worte des Herrn, des Logos oder ohne einführende Formel angeführt (II, 22, 6
U, 24, 4; III, 6, 1; III, 11, 1; IV, 5, 2; IV, 14, 1; V, 7, 1; V, 13, 1 u. s. w.).
u ) I, 9, 2: 'Ort rm> ov£vyi6)v wbxtbv ö änöovo/.og (sc. 'Icodvv^g,
de ov Tiegl
vgl. Anfang des Paragraphen) dfyrptev, dXXä negl vov xvgiov fiktiv 'Irjoov Xgiovov.

1,9.3: Eiy.ög jjv rngl ä/.'/.ov uoiy/j'vai vöv äjzöözo/.ov. Beide Male mit Bezug auf Joh. 1, 14.
15
) II, 22, 5 Quidam autem eorum non solum Joannem sed et alios apostolos
:

viderunt.
¥) III, 3, 4: Tooa'&urjv ni n.yomo/.oi y.cu ot ikiH i/tcj (ihrö)v foyov bi)kdßevav (mit
Bezug auf Johannes und Polykarp).
17
Cum Petrus simul cum Joanne vidisset eum (Act. 3, 2 ff.). Vgl.
) III, 12, 3:

III, 12, 1, wo
Petrus ausdrücklich Apostel genaunt wird. Außerdem wird derselbe
Johannes noch häufig als Jünger des Herrn erwähnt, z. B. I, 8, 5; I, 16, 3; III,
16, 8. oder bloß als Johannes angeführt, z. B. I, 9, 3; I, 26, 3; III, 16, 2; V, 33, 3.
rbrigens spricht Irenäus wiederholt von den zwölf Aposteln, z. B. I, 3,2; II,
10.4; 11.21. 1. 3; III, 13,2.
1*
Hiezu kommt die Aussage, die Irenäus mit vollster Gewißheit
und Bestimmtheit über die Abfassung des vierten Evangeliums durch
denselben Johannes, den Jünger des Herrn, macht: "Ensvca 'I(öüi>i>)}±,
6 naDijvijz ror xvglov, u ml kü vb tm?#og afaov ävaneocov, 1 ) xal
avröc, i^dcoxs rö svayyihov, h> 'E<p&oq) vqq l\aiag ötatQlß&v.*)
Die Frage, warum Irenäus Johannes meist nur als Jünger des
Herrn und nicht als Apostel bezeichne, lälit sich dahin befriedigend
beantworten, daß er sich damit eines Lieblings Wortes des Verfassers
des vierten Evangeliums bedient.'3 )
Schließlichnoch bemerkt, daß auch diese zweite Tatsache
sei
gegenwärtig wohl von keiner Seite, auch nicht seitens der Vertreter
der neueren kritischen Schule, in Zweifel gezogen wird. 4 )

IL

Neueste Einreden gegen die Glaubwürdigkeit des


Irenäischen Zeugnisses.
Nach Feststellung der obgenannten Tatsachen soll vorerst die
Frage erörtert werden, ob nicht etwa anderweitige besondere Um-
stände und gesicherte Ergebnisse der geschichtlichen Erforschung des
Urchristentums das Zeugnis des Irenäus von der Johanneischen Ab-
fassung des vierten Evangeliums im vorhinein als bedenklich oder
gar als unhaltbar erscheinen lassen.
Dies sucht neuestens wiederum Kreyenbühl mit r
merk-

i) Joh. 13, 23. 25.


2
)
III, 1,1. — Vgl. über den Aufenthalt des Apostels Johannes in Klein-
Asien noch II, 22, 5; III, 3, 4 und Ep. ad Florinum (Eus. V, 23). Vgl. hiezu II. 11, 1:
Hanc fidem annuntians Joannes, domini discipulus, volens per evangelii annuntia-
tionem auferre eum, qui a Cerintho inseminatus erat hominibus, errorem et multo
prius ab his, qui dicuntur Nicolaitae, qui sunt vulsio (ärcoa^aona) eius, quae falso
cognominatur scientia, ut confunderet eos.
3
)
6, 24; 11, 7. 8. 12; 12, 4; 13, 5. 22: 18, 1; 20, 2. 3. 4. 10. Vgl. Belser, Tübinger

Theologische Quartalschrift, 1902, S. 169 ff. Übrigens benennt er auch Petrus nur
ein einziges Mal änöozo/.og (III, 12, 1), selbst Paulus erhält in der Mehrzahl der
Fälle, wo er ihn nennt, dieses Epitheton nicht.

) Kreyenbühl, a. a. 0. S. 102: Der


4 johanneische Ursprung des vierten
Evangeliums steht dem Irenäus zweifellos fest. Harnack, a. a. 0. S. G68: Irenäus
meint unstreitig den Zebedäiden. Juli eher, Einleitung in das Neue Testament,
3. u. 4. Aufl., S. 319: Niemand zweifelt daran, daß Irenäus unter diesem Johannes

den Zebedäiden versteht. Für Irenäus ist die Abkunft des vierten Evangeliums
vom Apostel Johannes außer Zweifel. Vgl. Reville, a. a. 0. S. 9; Weizsäcker,
Das apostolische Zeitalter, 2. Auf 1 , S. 481; H. Holtzmann, Einleitung, 3. Auf 1.,

S. 472.
würdiger Sicherheit" darzutun. Wir haben uns also hier vornehmlich
mit ihm zu beschäftigen.
Kreyenbühl Aussage des Irenäus, Johannes
findet vor allem die
habe durch sein in Ephesus herausgegebenes Evangelium den Irrtum
des Cerinth und der Nikolaiten bekämpfen wollen, für bedenklich.
Die Prüfung der Glaubwürdigkeit dieser Nebenumstände gehört
nun allerdings nicht in den Rahmen der Aufgabe, die ich mir gestellt;
ich kann es mir aber nicht versagen, Kreyenbühls diesbezügliche
Ausführungen wenigstens zu registrieren, da sie immerhin zur Cha-
rakteristik seiner Methode einiges beitragen. Einer Widerlegung aber
bedarf es kaum, da Kreyenbühl selbst augenscheinlich wenig Gewicht
darauf legt und seine Behauptungen lediglich durch rhetorische Wen-
dungen und Gemeinplätze stützt.
Kreyenbühl gibt zu, daß Cerinth jedenfalls als einer der
1
)

frühesten Gnostiker angesehen werden müsse, da von ihm in den


klassischen Zeiten der Gnosis, während der Regierungszeit Hadrians
und der Antoninen nicht mehr die Rede sei, und wenn der Apostel
Johannes wirklich in Ephesus und bis in die Zeit Trajans gelebt
habe, 2 ) so sei es auch möglich, daß er sich mit Cerinth persönlich
auseinandergesetzt habe. Desgleichen sieht er sich, zum Geständnis
genötigt, daß der Verfasser der Apokalypse in Kap. 2 „sich höchst
wahrscheinlich gegen eine als Nikolaiten 3 ) bezeichnete gnostische
Ketzerei gewendet und daß vielleicht zu dieser Ketzerei der Gnostiker
Cerinthus in Ephesus gehört hat". Ferner anerkennt er die von Polykarp
überkommene und von Irenäus 4) erwähnte Mitteilung vom Zusammen-
treffen des Johannes mit Cerinth in einem ephesinischen Badehause
als Beweis, „daß schon ziemlich früh der Apostel Johannes, der so-
gar von denen, die ihn nicht Urheber des Evangeliums kennen als

und nennen, als Urheber der Apokalypse angesehen wird, mit ge-
wissen gnostischen Häresien in Verbindung gebracht wurde". 5 ) End-
lich gesteht er zu Habe Johannes auch, wie Irenäus gleichfalls über-
:

zeugt sei, zur Zeit des Domitian die Apokalypse verfaßt, 6 ) so stimmte
es ja leidlich zusammen, daß er zuerst in der Apokalypse die Niko-
laiten und nachher im Evangelium die Irrtümer des Cerinthus be-
kämpft habe.
Trotz solcher Zugeständnisse bezeichnet Kreyenbühl die An-
gaben des Irenäus als eine reine Unmöglichkeit aber er weiß gegen ;

dieses „Märchen" nichts vorzubringen als, 1. daß der Mann, der die

>) S. 54. - 2) Irenäus, II, 22, 5; III, 3, 4.


3 i Vgl. darüber Seesemann, Theologische Studien und Kritiken, 1893,
S. 47-82.
4
) in, 3, 4. - 5) S. 55. — «) V, 30, 3.
Apokalypse verfaßt, nicht zugleich das Evangelium verfaßt haben
konnte und *2. dies in einem Alter, welches den Charakter einer
Fiktion deutlich an der Stirn trägt und lediglich zu dem Zwecke
erfunden worden ist. um den Apokalyptiker unter Domitian auch zum
Evangelisten unter Trajan zu machen.
Eine nähere Auseinandersetzung und Begründung, warum der
Verfasser der Apokalypse nicht zugleich das Evangelium verfaßt
haben konnte und warum ein Alter von über neunzig Jahren den
(
'liar akter einer Fiktion deutlich an der Stirn trage und erfunden
sein müsse, hat Kreyenbühl sich und uns erspart. Wir haben des-
halb auch keinen Anlaß, uns auf diese Bedenken weiter einzulassen.
Ich kann mir aber zwei Bemerkungen nicht versagen. Kreyenbühl
weiß wohl doch, was Harnack, um von allen anderen zu schweigen,
bezüglich des Verfassers der Apokalypse und des vierten Evangeliums
dezidiert erklärt: „Ich bekenne mich zur kritischen Ketzerei, die
die Apokalypse und das Evangelium auf einen Verfasser zurück-
führt. Ich sehe in den christlichen Bestandteilen denselben Geist und
dieselbe Hand, die uns das Evangelium geschenkt hat." ) 1

Und bezüglich des Alters straft nicht der einzige Leo XIII.
Kreyenbühls Behauptung Lügen? Wie ganz anders urteilen ernste,
2
)

8
besonnene Forscher! )
Kreyenbühl weiß aber „noch andere und bedeutendere Gründe,
welche jenes Zeugnis (des Irenäus) als im höchsten Grade verdächtig
erscheinen lassen". 4 ) Wir wollen zwei derselben an dieser Stelle einer
kritischen Beurteilung unterziehen, auf die übrigen aber in einem
weiteren Abschnitte zurückkommen.
Kreyenbühl findet einmal des Irenäus „Theorie vom vier-
gestaltigen Evangelium ohne allen geschichtlichen und wissenschaft-

x
) A. a. 0. S. 675, Anm. 1. Harnack setzt allerdings voraus, daß die Apo-
kalypse die christliche Überarbeitung einer jüdischen Apokalypse ist. Vgl. dagegen
neuestens M. Kohlhofer, Die Einheit der Apokalypse (Biblische Studien, VII, 4),
1902, S. 39 ff. Über die für jede eingehendere Beobachtung unverkennbare Sprach-
verwandtschaft zwischen der Apokalypse und dem Evangelium vgl. A. Seh latter,
Die Sprache und Heimat des vierten Evangelisten, 1902.
2
)
Nach den Forschungen Jean Finots, von denen Tagesblätter jüngst
berichteten, gab es im Jahre 1897 in Serbien drei Personen im Alter von 135—140,
18 von 126-135, 123 von 115-125 und 290 von 105—115 Jahren; im Jahre 1890
lebten in den Vereinigten Staaten 3981 Hundertjährige, in London allein 21.
3
)
Vgl. Corssen, Zeitschrift für die neutestamentliche Wissenschaft und
die Kunde des Urchristentums, 1901, S. 218: „Die Angabe, daß Johannes bis
Trajan gelebt habe, bleibt auch unter der Voraussetzung, daß Jesus im Jahre 29
gekreuzigt sei, in den Grenzen des Möglichen." Vgl. auch Th. Zahn, Forschungen
zur Geschichte des neutestamentlichen Kanons, IV. Teil (1891), S. 263 i\

4
)
S. 55 f.
liehen Wert"; sie sei vielmehr
dogmatisch - polemische
„eine bloJJe
Aufstellung gegenüber der häretischen Gnosis, die auch in der Be-
handlung und Benutzung der Evangelien von der kirchlichen Glaubens-
regel abgewichen sei". Irenäus müsse einen schriftlichen Kanon kirch-
licher Evangelien haben. Diesen Kanon erreiche er nicht auf dem "Wege
geschichtlicher Forschung,sondern im Gegenteil, indem er die Ge-
schichte und Entstehung der Evangelien wesentlich verfälsche
und verdunkele. ) Mit dem Unwerte dieser tendenziösen Dar-
1

llung falle selbstverständlich auch sein Zeugnis für den Johannei-


schen Ursprung des vierten Evangeliums dahin; denn es sei ein inte-

grierender Bestandteil der dogmatisch-polemischen Kanonkonstruktion


und mithin für die geschichtlich -wissenschaftliche Erforschung des
Ursprungs der Evangelien ohne allen Wert und Belang. Man müsse
von allem Geiste wissenschaftlicher Kritik verlassen sein, um dem
Zeugnis des Irenäus für den apostolischen Ursprung und Charakter
des vierten Evangeliums irgend einen Wert oder gar entscheidenden
Wert beizumessen. 2 )
Das ist nun in der Tat ein Verdammungsurteil über die Glaub-
würdigkeit des Irenäus und über alle ihre Verteidiger, das an Schärfe
nichts zu wünschen übrig läßt.
Wie aber sucht Kreyenbühl diese schwerwiegende Aufstellung
im einzelnen zu erhärten ? Zunächst wird behauptet, des Irenäus
„Beweisführung" sei nichts anderes als eine geschmacklose und wert-
lose Allegorie sie sei nur ein Beweis dafür, wie schlecht es um eine
;

Sache stehe, die mit solchen Gründen bewiesen werden soll. Mit der-
selben Logik hätte Irenäus beweisen können, daß es fünf Evangelien
geben müsse, weil wir fünf Sinne haben. Der innere Wert seiner
Ausführungen liege natürlich nicht in seinen Deuteleien, sondern in
dem Bestreben, eine abgeschlossene Zahl kirchlicher und kanonischer
Evangelien festzuhalten und damit alle anderen Auffassungen des
Evangeliums als der kirchlichen Wahrheit widersprechend zu er-
weisen. Er nenne denn auch alle anderen, welche die Ansicht nicht
teilen, ohne weiteres frech, unwissend und aufgeblasen, und habe es

dabei insbesondere auf Marcion, die Aloger und Valentinianer ab-


gesehen. 3 )
Um zu sehen, mit welchem Rechte solche Behauptungen auf-
gestellt werden, sollen die Ausführungen des Irenäus, die und soweit

1
)
Hiezu muß wohl beachtet werden, daß Kreyenbühl mit uns dafür hält,
für Irenäus stehe die Vierzahl der Evangelien zweifellos fest sowie er vollends
vom apostolischen Ursprung und kanonischen Ansehen der Evangelien des
Matthäus. Markus und Lukas überzeugt sei. Vgl. S. 57 u. 102.
2
)
S. 56. 57. - 3) s. 56.
sie Ereyenbüh] im Auge hat und berücksichtigt, dem Wortlaute nach
folgen.
Nachdem Irenäus die Einheit und Einigkeit Gottes und dessen
1
)

Identität mit dem Weltschöpfer und dem alttestamentlichen Grotte


aus den vier Evangelien dargetan und ferner 2 ) gezeigt, wie sogar die
Häretiker für die Zuverlässigkeit der Evangelien Zeugnis ablegen,
da sie durch dieselben ihre Lehren zu bestätigen suchen, fährt er
fort 3
): Neque autem plura numero quam haec sunt, neque rursus
pauciora capit esse evangelia. 'Ejistdi)*) veGoaga xAijiava vov xöo/btov,

§v (o tau u\ slol y.a\ rtoaaoa zatJo/.ixä") jivsvfjtara, xaveojraQTai de i)

r/.y.h)oia Lii rrdoi/g vtjg yfjg, otvXog de xal ovYjQvyfia exx/j)oiag vö


svayyiXwv xal m>evfj,a ^corjg' eixövcog veooaQag e%etv avrrjv ozvXovg, 6 )
nai'vayööti' vsviowag vqv äfp&aQOlav xal dvafajzvQovvrag vovg äv&Qtb-
.jorg. Eg (hr (pavEQÖv, övi ö twv djzdvvcov vexvlvrjg Aöyog, ö xa$)'\-
uf-rog tm tcov %EQOvßi/Li xal ovve%ajv tä jzdvta, (pavsQOjftslg volg dr-
i/ofbrcotg, tdoxf-r fjf,uv T£tQdjbiOQq)ov ro evayyehov, evl de jivev^ati
avrt'/ötiti'ov.

Es sodann eine ins einzelne gehende Parallele zwischen


folgt
den Cherubgestalten der prophetischen Vision Ezechiels und den
vier Evangelien und weitere Kongruenzgründe für die Vierzahl der
Evangelien, über die Kreyenbühl hinwegsieht. Zum Verständnis dieser
Ausführungen ist es nun unbedingt notwendig, aus dem Zusammen-
hange den Standpunkt, von dem Irenäus ausgeht, und den Zweck,
den er verfolgt, recht im Auge zu behalten. Kreyenbühl reißt die
Stelle aus dem Zusammenhange, zieht, bewußt oder unbewußt, weder
den Standpunkt noch den Zweck des Irenäus in seinen Kalkül und
macht sich dadurch einer totalen Verdrehung des wahren Sach-
verhaltes schuldig. Seine Darlegung erweckt den Anschein, als sei es
dem Irenäus hier darum zu tun, die Vierzahl der Evangelien erst,
und zwar rein aprioristisch zu beweisen und als sei mit dem an-
geführten Zitate das ganze Beweismaterial des Irenäus erschöpft. In
diesem Falle freilich befände sich Kreyenbühl mit seinem Urteil ohne
Frage im Rechte. In Wirklichkeit aber verhält es sich völlig anders.
Um den Nachweis der Vierzahl der Evangelien handelt es sich für
Irenäus gar nicht. 7 ) Diese ist ihm durch die Überlieferung von den
Aposteln her vollkommen gewiß. 8 ) Man vergleiche doch, was Irenäus
~ij m, 9-11, 6. — 2) in, li, 7. — 3) m, 11, 8.
1
Die lateinische Übersetzung fügt enim bei.
5 Lat. Übers.: principales.
)

G
) Grabe: eixög Imiv. Massuet koniziert: iLxörog rtaoagag f/ofjv t/fw.
"') Vergl. J. Belser, Tübinger Theologische Quartalschrift, 1898, S. 222 f.
8
) Selbstverständlich meint Irenäus nicht, daß die Zusammensetzung des
/.'of Tij(>(\u<,(,<foi'. die allerdings längst vor ihm bestand, von allem Anfange
:

]
9

gleich in der Praefatio zum dritten Buche erklärt: Fiducialiter ac in-


stantissime resistes eis pro vera ac vivifica fide, quam ab apostolis
ecclesia percepit et distribuit filiis suis. Etenim dominus omnium
dedit apostolis suis potestatem evangelii. Daß aber Irenäus hier nicht
bloß von der mündlichen Überlieferung der Heilsbotschaft redet, er-

gibt sich den unmittelbar sich anschließenden Worten: ) Non


aus 1

enim per alios dispositionem salutis nosirae cognovimus, quam per


eos, per quos evangelium pervenit ad nos, quod quidem tunc prae-
dicaverunt, postea vero per dei voluntatem in scripturis nobis
tradiclerunt, fundamentum et columnam fidei nostrae futurum.
Hieran anschließend macht er die Verfasser der vier Evangelien
namhaft samt einigen Umständen ihrer Abfassung, und zwar als von
der ganzen damaligen Christenheit bekannte und zugestandene Tat-
sachen. Und zum Schlüsse des 11. Kapitels redet er wieder von den
genannten vier Evangelien, quae ab apostolis tradita sunt, vom
Evangelium, quod ab apostolis traditum est, und von den Aposteln,
qui nobis tradiderunt evangelium, und erklärt, daß nur diese von
den Aposteln überlieferten Evangelien wahr und zuverlässig sind.
Ferner ist Irenäus aber auch überzeugt, daß die Vierzahl der über-
lieferten Evangelien kein Zufall, vielmehr Fügung und Anordnung
Gottes ist: Cum omnia composita et apta Deus fecerit, oportebat et
speciem evangelii bene compositam et bene compaginatam esse, 2 ) wes-
halb er von jenen, die diese Zahl leugnen, sagt, daß sie tag olxovofiiag
vor d'sov beseitigen. 3 )
Das ist der doppelte Grund, warum
weder mehr Evangelien „es
als die genannten (praeter quam praedictae sunt) noch weniger geben

kann u Ausgehend nun von diesen für ihn zweifellosen Tatsachen,


.

sucht Irenäus die Vierzahl der Evangelien durch Analogien, und zwar
aus der Natur, aus den alttestam entlichen Typen und aus der Heils-
geschichte auch als innere Notwendigkeit, als "Wesensform des
Evangeliums (f/ idea vov svayyellov) einigermaßen zu illustrieren und
darzutun, wobei es ihm, wie wenigstens aus den Anfangsworten der
oben zitierten Stelle 4 ) sich zu ergeben scheint, in erster Linie darauf
ankommt, zu zeigen, daß es nicht weniger als vier Evangelien geben
könne.
Von diesem Standpunkte aus zieht also Irenäus an erster Stelle
folgende Parallele zwischen der natürlichen Welt und der Kirche
Es gibt auf der physischen Welt, auf der wir das natürliche Leben

an in der ganzen Kirche vorhanden gewesen sei; wohl aber hält er an der ex-
klusiven Dignität von den Zeiten der Apostel her fest. (Vgl. Harnack, Chrono-
logie, S. 695.)
') HI, 1,1.-- 2
) IU, 11, 9 in fine. - :i
) in, 11, 9 init. - ±) III 11, 8.
10

haben, Weltgegenden gleichsam als vier Säulen, die da* Weit-


vier
ende kragen, nnd es gibt vier Hanptwinde, die von den vier
Weltsänlen hör Leben hauchen und Leben fördern. Nun gibt es aber
auch eine Welt dos übernatürlichen Lebens, die über die ganze Erde
nach allen vier W eltgegenden ausgebreitete Kirche, und es ist an-
r

messen, daß auch sie vier Säulen habe, durch die sie getragen
und gestützt wird und die von jeder Seite her Unverweslichkeit hauchen
und die Menschen beleben. Da nun das Evangelium die Säule und
Bekräftigung der Kirche und der Hauch des Lebens ist, so ist es an-
gemessen, daß die Kirche vier Evangelien habe und sie könne
nicht weniger haben. Es fehle also den von den Aposteln überlieferten
und von Gott geordneten vier Evangelien auch nicht die innere An-
gemessenheit.
Irenäus bezweckt also hier nichts anderes, als durch einen Ver-
gleich, dem wohlfeiler Spott nichts von seiner Trefflichkeit und
Schönheit nimmt, den auch ein Augustinus zu wiederholen kein
Bedenken trug, ) die feststehende Vierzahl der Evangelien als an-
1

gemessen zu illustrieren. In ähnlicher Weise bringt auch Jesus selbst


die Wirksamkeit des Geistes durch einen Vergleich mit dem Winde
dem Nikodemus zur Anschauung, 2 ) und vergleicht Cyprian die vier
Evangelien mit den vier Flüssen des Paradieses. 3 )
Da nun die überlieferte Vierzahl der Evangelien so wohl an-
gemessen und zweckentsprechend ist, so ist es dem Irenäus ferner klar
(§£ <or daß der Logos selbst, der Schöpfer und Lenker des
(pavegöv),
ganzen Universums, der natürlichen und übernatürlichen Welt, als
er sich den Menschen offenbarte, uns das viergestaltige, aber von
einem Geiste beseelte Evangelium gegeben hat. Noch mehr. Irenäus
sieht das viergestaltige Evangelium durch die geheimnisvollen Lebe-
wesen, durch das Cherub -Viergespann jener großartigen Berufungs-
vision, in der Ezechiel an einem Bilde die Herrlichkeit und Wirksam-
und vorher-
keit des Bundesgottes, des Logos, schaute, 4 ) vorgebildet
verkündigt und jene prophetischen Symbole durch das von einem
Geiste beseelte viergestaltige Evangelium erfüllt. Wie nämlich jenes
Viergespann, jener Cherubwagen, auf dem der Bundesgott in seiner
Herrlichkeit über das Weltall dahinfährt, der die Herrlichkeit des
Bundesgottes nach allen Weltgegenden hinträgt, die Wirksamkeit
des Logos in der Heilsgeschichte, seine Tätigkeit zum Heile der

1
De Consensu evaiig., I, 3 (Migne, XXXIV, 1044).

Jol 3, 8.
:{
) Epist. ad fubaian. 10 (Migne, III, 1161). Vgl. weitere Beispiele bei Cor-
ne 1
y, Introductio, III, 1 1 f.

'
Ezech. 1. 5 ff. 10. Vgl. Ps. 79, 1; Apok. 4, 7.
li

Welt nach einer vierfachen Seite symbolisiere, ebenso werde durch


die vier Evangelien, auf denen Christus Jesus seinen Sitz hat, die
Herrlichkeit des Sohnes Gottes über die Erde getragen und allen
Völkern verkündet und komme in denselben die vierfache Wirk-
1
)

samkeit des Herrn, nämlich seine menschliche, göttlich-königliche,


priesterliche und prophetische Wirksamkeit zur Darstellung. 'Ottoia
o/V ij MQayfA,aveia vor vlov tov t'teov, toiavri/ xal vojv £cb(or t) fj,OQg)i}'

•/au ö.iot'a ij V(bv £(b(OV //om//), Toiovvog xal n /(loaxTi/o vov evayysUov.
TevQd/AOQ(pa ydo vä £eoa, verndfiooi/or xal vö svayyshov nah fj noayita-
2
vsia vor xvglov. )

Abgesehen von der Detail- Ausführung, über die jeder urteilen


mag wie er will, 3 ) haben wir es hier zu tun mit einer Schlußfolgerung
des Irenäus, deren Richtigkeit niemand bezweifeln sollte, der, den
Standpunkt des Irenäus teilend und am theistischen Gottesglauben
festhaltend, das Walten der göttlichen Providenz und Führung in der
Heilsgeschichte zu sehen vermag, sodann mit einer teilweisen typi-
schen Beziehung einer alttestamentlichen prophetischen Offenbarung
auf die kommende Heilsgnade der Menschwerdung und des uni-
versellen Gottesreichs auf Erden, 4 ) deren Berechtigung wir jenen
nicht erst zu beweisen haben, die nicht Christus selbst und seine
Apostel des Irrtums zeihen wollen, die mit dem Verfasser des zweiten
Petrusbriefes dafür halten: Ov äsXrjjLian äv$QCOJiov rjve/ßr] jioxh jzqo-
gyqtsla, ä/J.ä vjtö eMArjöav äyioi dsov
jzvsv^avoQ äyiov qtSQOpbSVQt
h
ävd(H07roi. ) Einer Wissenschaft freilich, die erklärt, daß sie Pauli Auf-
fassung und Auslegung nicht mehr mitmachen, nicht einmal in irgend-
welcher Weise einen doppelten Schriftsinn unterscheiden könne, 6 )
und von der wohl 2. Kor. 3, 14 f. gilt, mag das immerhin wertlose
und geschmacklose Allegorie sein. Für diese aber hat weder Irenäus
geschrieben noch einer der vielen, die ihm gefolgt sind, und mit ihr
haben auch wir in dieser Sache nicht zu rechten.
Aus all dem aber ergibt sich, nicht wie schlecht, sondern wie
gut es mit der Sache steht, die Irenäus verteidigt, und Harnack
]
) Matth. 28, 19. - 2) in, 11, 8.
3
) Vgl. hierüber Com. a Lapide, Prooemium in evangelia, Kap. 2., ins-
besondere auch die Bemerkung: Per quattuor cherubinos, quos vidit Ezechiel,
cap. I. et S. Joannes. Apok., c. IV, quattuor evangelistas significari docent patres
et interpretes unanimi consensu; Cornely, Introd., III, pag. 9ff.
*) Vgl. P. Schmalz], Das Buch Ezechiel, 1901, S. 43; J. Knab enbauer,
Commentarius in Ezechielem prophetam, 1890, S. 28 ff.
5 21.
) 1-
tt
) C lernen. Studien und Kritiken, 1902, S. 187. Vgl. dagegen über die alt-
kirchliche Auffassung Aug. Zöllig, Die Inspirationslehre des Origenes (1902),
S. 97 ff.
:

L2

befindet sich im vollsten Rechte, wenn er hierüber folgendermaßen


sich äußert 1
): Des Irenäus bekannte Ausführungen in III, 1 und
namentlich III, daß für ihn die Vier-
11 stellen es außer Zweifel,
zahl der Evangelien eine längst ausgemachte, feststehende Tatsache
gewesen. Man darf annehmen, daß er sie in Kleinasien bereits vor-
gefunden hat. übrigens hatte die Sachlage bereits Massuet 2 ) völlig
korrekt festgestellt: Id tantum vult, sapientissima dei providentia
constitutum, ut quattuor essent evangelia, nee plura nee pauciora.
Ouius quidem providentiae multas affert rationes, mysticas certe ra-
tiones, n o n demonstrationes, quibus probare contendat, rem ita
fieri absurda cogitatio meu-
debuisse, nee aliter potuisse (tarn
tern Irenaei subire nusquam potuit), sed quibus rem iam
faetam explicet ostendatque sapientissimo dei consilio ordinatam
fuisse. Im gleichen Sinne äußerte sich längst auch C. Tischendorf:
Wäre diese Darstellung (des Irenäus) damit vereinbar, daß zur Zeit
des Irenäus die vier Evangelien erst angefangen hätten, Ansehen zu
gewinnen? Müssen wir nicht vielmehr annehmen, daß damals bereits
ihr Ansehen ein althergebrachtes, ein vollkommen entschiedenes war,
und daß auch ihre Vierzahl wie etwas fest Abgeschlossenes vorlag? 3 )
Daß Irenäus hiebei polemisch interessiert war, daß es sein Be-
streben war, eine abgeschlossene Zahl kirchlicher und kanonischer
Evangelienschriften festzuhalten und damit alle anderen Auf-
fassungen des Evangeliums als der kirchlichenWahrheit widersprechend
zu erweisen, ist ohne weiteres zuzugeben, und macht Irenäus selbst
hieraus kein Hehl. Es galt ihm in der Tat, das viergestaltige Evan-
gelium, von dessen göttlicher Anordnung, von dessen apostolischer
Überlieferung er vollauf überzeugt war, das er im ausschließlichen
Besitz der kirchlichen Gemeinden ringsum wußte, gegen alle festzu-
halten, welche die Wesensform des Evangeliums aufheben und
,.

entweder mehrere als die genannten oder hinwieder weniger Gestalten


des Evangeliums einführen, die einen, um zu scheinen, mehr als die
Wahrheit gefunden zu haben, die anderen, um die Anordnungen Gottes
zu beseitigen". 4 Wie hätte sich da Irenäus nicht vom polemischen
;

!) A. a. 0. S. 082. — 2
) Dissertatio, III, p. 250.
:j
) Wann wurden unsere Evangelien verfaßt? 8. 10. Vgl. auch Th. Zahn,
-chichte des neutestamentlichen Kanons. I, S. 160 f. ; F. Godet, Einleitung in
das Neue Testament, deutsch bearbeitet von E. Reineck, II. Bd., S. 55; H. Boese,
Die Glaubwürdigkeit unserer Evangelien (1895), S. 25.
4
) III, 11,9. Vgl. III, 12,12; 1,27,2. Boese, a.a.O. S.231", sagt dazu mit Recht
Wenn man damals nicht schon seit Jahrzehnten in der ganzen Christenheit diese
Bücher Evangelien) den Aposteln zugeeignet hätte, mußte Irenäus dann
(die vier
nicht fürchten, daß die Gegner gegen seine Behauptungen Einsprache erheben
würden? Wenn die damalige Generation sich einer Zeit erinnern konnte, in
13

und apologetischen Interesse leiten lassen sollen, ohne zum Verräter


an seiner Überzeugung und an der Wahrheit zu werden Und wenn '?

er hiebei einen Marcion, die Aloger und Valentinianer etwas unsanft


anfaßt und sie als uäraioi, äu<iütu, to/.uijqoI benennt, hat er so un-
recht nicht. Oder hätte er sie etwa mit Lobsprüchen überhäufen sollen?
Doch Kreyenbühl sieht weiter. In der apologetischen Tendenz
der Beweisführung des Irenäus und insbesondere in seiner Polemik
gegen Marcion, die Aloger und Valentinianer sieht er nämlich die ge-
schichtliche Entstehung und Entwicklung der Evangelienschriften für
Irenäus bereits wesentlich verdunkelt. Er (Irenäus) weiß nichts davon
oder will nichts wissen, daß in der Kirche längere Zeit mehr als
vier Evangelien im Gebrauch gewesen sind. Er weiß nichts davon
oder, was wahrscheinlicher ist, er verschweigt absichtlich, welch
ein hartnäckiger und langer Kampf in der römischen Kirche um
die Anerkennung des vierten Evangeliums geführt worden ist, dessen
Johanneischen Ursprung Irenäus mit dogmatischer Sicherheit be-
hauptet. 1 )
Es ist sofort klar, welche Fortschritte Kreyenbühl hier macht.
Während eben von der Beweisführung des Irenäus für das vier-
er
gestaltige Evangelium behauptet hatte, sie sei eine geschmack- und
wertlose Allegorie, die nichts beweise, der vielmehr das Bestreben
zu Grunde liege, eine abgeschlossene Zahl kirchlicher und kanonischer
Evangelienschriften f e s t z uh alten und zu verteidigen, 2 ) sieht er
nunmehr nicht nur Entstehung und Entwicklung der Evangelien für
Irenäus wesentlich verdunkelt, so daß er nichts davon weiß, sondern
möchte ihn noch lieber zum Betrüger stempeln, der nichts davon
wissen will, davon absichtlich schweigt und, weil er einen schrift-
lichen Kanon Wahrheit haben muß, um die Gnostiker
kirchlicher
des Irrtums zu überführen, eben dadurch, soviel an ihm liegt, die
Geschichte und Entstehung der Evangelien wesentlich verfälscht und
verdunkelt.
Kreyenbühl begnügt sich hier aber nicht, Irenäus mit hämischen
Redensarten abzutun, er weiß auch „mit dogmatischer Sicherheit"
entscheidende Tatsachen, die Irenäus nicht weiß oder nicht wissen

welcher man
andere Männer als Verfasser dieser Bücher nannte oder in der man
dieselben erst entstehn sah, so war es doch leicht möglich, seine Aufstellungen
als Fabeln darzutun. Damit war aber das Fundament zerstört, auf welchem er
die letzten Bücher seines Werkes aufgebaut hat. Seine große Widerlegung der
Häresien wäre der Lächerlichkeit anheimgefallen.
*) A. a. 0. S. 56.
2
) Kreyenbühl Irenäus mit hohen Worten das kanonische Ansehen
S. 57 läßt
der synoptischen Evangelien preisen, und S. 102 heißt er nie vergessen, daß der
.Johanneische Ursprung des vierten Evangeliums dem Irenäus zweifellos feststeht.
14

will ot Irr wahrscheinlicher Behauptung ins


verschweigt, für seine
Feld zu führen. Freilich bescheidet er sich, die Tatsachen eben nur
zu nennen, ohne irgend welche Beweise beizufügen, ohne eine Quelle
zu nennen oder einen Gewährsmann sprechen zu lassen. Wir wären
demnach berechtigt, diese Tatsachen ebenso ohne weiteres zurückzu-
weisen, wie sie von Kreyenbühl behauptet werden. Nichtsdestoweniger
wollen wir uns die Mühe nicht verdrießen lassen, diese angeblichen
Tatsachen etwas genauer zu besehen und uns etwas näher mit den-
selben zu beschäftigen, nicht gerade, um Neues zu sagen, sondern um
zu zeigen, mit welcher Leichtfertigkeit Kreyenbühl seine Auf-
1 hingen macht.

Zuvor jedoch soll wenigstens kurz die nicht ganz unnötige und
unnütze Frage berührt werden, ob Irenäus die von Kreyenbühl vor-
geführten Tatsachen überhaupt wissen konnte. Ich antworte, ohne
einen Widerspruch zu befürchten: Er konnte sie wissen. Ja, ich
behaupte noch mehr: Er muJ3te sie wissen, wenn sie in Wahrheit
zweifellose Tatsachen sind. Irenäus war ja weder Troglodyte, zu dem
keine menschliche Stimme drang, noch Bewohner einer weltvergessenen
Insel, an der sich jeder Wellenschlag des geistigen Lebens brach, noch
misanthropischer Sonderling, der jedem Verkehr mit Menschen aus
dem Wege ging, noch apatischer Idiote, dem jedes Interesse und
jedes Verständnis für die religiösen Fragen der Zeit fehlte, vielmehr
in allem das Gegenteil. Sein Leben wickelte sich ab auf den wich-
tigsten Schauplätzen und Zentren des kirchlichen, religiösen Lebens,
in Kleinasien (Smyrna), Rom, Gallien, und er bekleidete durch lange
Zeit die einflußreiche Stellung eines Presbyters und Bischofs von Lyon.
Er stand in vielseitiger persönlicher Beziehung zu hervorragenden
Persönlichkeiten seiner Generation, nahm an
großen Streitfragen allen
der letzten Dezennien des zweiten Jahrhunderts, Passahstreit, Montanis-
mus, den lebhaftesten und tätigsten Anteil und war insbesondere einer
der ersten und erfolgreichsten Kämpfer gegen die Gnosis sowie einer der
gewichtigsten Zeugen und Verteidiger des neutestamentlichen Kanons.
Zudem war er ein Mann
Begabung und umfassender religiöser,
reicher
philosophischer und realistischer Bildung, wenn er auch an einen
Origenes oder Augustin nicht heranreicht. 1
) Alle diese angedeuteten
Lebensumstände machen es gewiß, dal.» Irenäus auch der Geschichte
der Evangelien sein lebhaftestes Interesse zuwandte und daß ihm hie-
für verläßliche Quellen offen standen.
Trotzdem behaupte ich weiter: Irenäus wußte nichts von den
Tatsachen, die Kreyenbühl vorführt, also konnte er sie auch nicht
l
) Vgl. Mass u et, Diss., II, 1: De S. Irenaei vita et gest.is. S. 174 ff'. : H. Ziegler,
[renäus, der Bischof von Lyon (1871), 8. UUl.
15

absichtlich Er wußte nichts von ihnen, weil sie tat-


verschweigen.
•hlich, so wie sie Kreyenbühl versteht, beziehungsweise nur ver-

stehn kann, Erfindungen unserer Tage sind. Wir haben nun dies im
einzelnen nachzuweisen, wobei wir uns genau an den Wortlaut der
Behauptungen Kreyenbühls halten wollen.
Kreyenbühl behauptet also: In der Kirche seien vor Irenäus
längere Zeit mehr als vier Evangelien als kirchliche Lehr- und Lese-
schriften ) im Gebrauche gewesen.
1
Diese etwas allgemein lautende
Aufstellung kann selbstverständlich nur dahin verstanden werden, es
seien längere Zeit in einzelnen Gemeinden der Kirche außer den vier
kanonischen Evangelien noch andere Evangelienschriften im offiziellen
öffentlichen, gottesdienstlichen Gebrauche gewesen. Denn privater
Gebrauch nichtkanonischer Schriften seitens einzelner Schriftsteller
sowie private Lesung zum Zwecke der Erbauung findet sich noch, als
der Bestand des Kanons längst kirchlich fixiert war. Klemens Alex.,
Origenes u. a. befolgten den Grundsatz, den man später auch förmlich
aussprach, 2 dali auch nichtkanonische Schriften, welche den Anspruch
)

erheben, von Propheten und Aposteln herzurühren, von den Voll-


kommenen ohne Schaden, ja sogar mit Nutzen gelesen werden können.' ) 3

Aber die Kirche gehn sie nichts an, vom Gottesdienst der Kirche
bleiben sie ausgeschlossen. 4 )
In welcher Zeit nun und in welcher kirchlichen Gemeinde wurden
außerkanonische Evangelien beim öffentlichen Gottesdienste gebraucht?
Gewiß nicht in der römischen Kirche zur Zeit der Abfassung des
Muratorianischen Fragmentes (nicht lange nach der Mitte
5
des 2. Jahrhunderts) denn sein Verfasser kennt nur vier Evan-
)
;

gelien, die im gottesdienstlichen Gebrauche waren. Auch nicht zur


Zeit, als Marcion nach Rom kam und daselbst seine eigene Kirche
gründete; 6 ) denn Marcion baute sein Evangelium auf die Kritik der in
der Kirche vorgefundenen Evangelien, 7 ) und zwar ohne jeden Versuch,

i) Vgl. a. a. 0. S. 110. — 2) Philaster, Haer. 88.


) Zahn, Grundr. d. Gesch. d. neutest. Kan., 1901, S. 17. Vgl. auch P. Dausen,
Der neutestamentliche Schriftkanon und Klemens von Alex., 1894, S. 10 ff.
4
) Vgl. Fragin. Murat. über den Pastor Legi eum quidem oportet,
Hermae :

se publicare vero in ecclesia populo neque inter prophetas completam nuraero


neque inter apostolos in finem temporum potest.
B Die bestimmte Aussage: Pastorem vero nuperrime temporibus nostris
)

in urbe Roma Henna conscripsit sedente cathedra urbis Romae ecclesiae Pio
episcopo fratre eius. läßt eine spätere Datierung nicht zu.
B
) Nach Harnack (a. a. 0. S. 720) kam Marcion 138/39 nach Rom und
gründete 144 seine Kirche.
M Tertullian. Adv. Marc. IV., 3: Ad destruendum statum eorum evan-
liorum, quae propria et sub apostolorum nomine eduntur vel etiam apostolicorum.
L6

die kirchliche und


Tradition über die Verfasser derselben anzufechten, 1
)

bis beute ist keine Spur vom Einfluß eines auJierkanonischen Evan-
geliums bei ihm nachgewiesen worden, woraus folgt, daß das Evan-
gelium der römisches Kirche um 140 aus unseren vier Evangelien
8
bestand. )

Sicherlichwurden auch nicht mehr als vier Evangelien in Klein-


ien gebraucht, als nach Harnack 3 ) Irenäus um 155 die Vierzahl
derselben daselbst vorfand.
Nicht anders stand es in der phrygi sehen Kirche zur Zeit
des Papias. Dieser bezeugt für seine Zeit das svayyekiov reVQd/AOQgxw
in Phrvgien, da sich schwerlich bezweifeln läßt, daß er seinen Stoff
den vier Evangelien entnommen, und Eusebius den Gebrauch eines
fremden Evangeliums bei ihm nicht gefunden und Berichte über un-
kanonische Evangelien bei ihm nicht gelesen hat/)
Nicht anders stand es in Syrien, weder zur Zeit der Ent-
stehung der altsyrischen Übersetzung der vier kanonischen Evangelien,
als deren terminus a quo die erste Hälfte des 2. Jahrhunderts und

*) Marcion verwarf die Evangelien nicht, weil sie nicht apostolisch, sondern
weil sie waren. Vgl. Godet, Kommentar zu dem Evangelium des
apostolisch
Johannes, Bd. (1903), S. 144.
I.

-) Zahn, Grundr. d. Gesch. d. neutest. Kam, S. 28 ff. Vgl. dessen Gesch. d. Kam,

I. S. 65lfF. 671— 680. Tertullian (Adv.Marc. 1, 1; IV,4; de came ehr. 2) berichtet, daß

Marcion nach einem seiner Briefe nicht bloß das Lukas-Evangelium, sondern auch
die anderen Evangelien der Kirche anfänglich zugelassen, sie aber verworfen habe,
als er ans dem Galaterbrief gesehen, daß ihre Verfasser judaisiert hätten. Vgl. Weiz-
säcker. Untersuchungen über die evangelische Geschichte, 2. Aufl., S. 230 Marcion :

hat auch die drei anderen Evangelien in der Hand gehabt. Harnack, a. a. 0.
8.668, A.: Daß der Politiker die vier Evangelien gekannt hat zu bezweifeln, wäre
ein Wagnis.
3
)
A. a. O. S. 682. Wir dürfen, wie noch gezeigt werden wird, wohl um
15 Jahre weiter hinaufgehn.
4
)
Harnack, a. a. O. S. 690, Anm. — Harnack behauptet freilich,
von einem
kanonischen Ansehen der vier Evangelien könne bei Papias noch nicht die Rede
sein, er benutze sie nur als autoritative Stoffsammlung. Doch sind die Argumente,
die Harnack hiefür vorführt, derartige, daß ich wenigstens mich wundere, daß sie
vorgebracht werden. 1. Papias habe nur einen Teil des Inhaltes der Evangelien
kommentiert, resp. das, was er als vä X6yia KVQiaxd für ihren Kern gehalten. — Also
ist auch bei allen neueren Kommentatoren, z.B. der Parabeln, der Reden des Herrn,

vom kanonischen Ansehen der Evangelien keine Rede? 2. Papias habe sich das
Urteil des Presbyters über die Unvollkommenheit des Markus-Evangeliums an-
geeignet. — Die bemängelte Unvollkommenheit ist doch nur eine formelle. Im
übrigen bezeugt der Presbyter: MäQXog ÖMQiß&q eygaipev, erklärt Papias: Oöd&>
fjfiOQTi Mdgxog und Harnack selbst sagt, der Presbyter habe das Markus-Evan-
gelium approbiert (S. 092). Ist endlich etwa auch bei Klemens Alex, vom kanonischen
Ansehen der Evangelien keine Rede, weil der den somatischen das pneumatische
gegenüberstellt (Eusebius, Ifist. eccl., VI, 14,7)? Behandelt er sie nicht trotzdem
:

17

als deren terminus ad quem ca. 170 betrachtet werden muß, da Tatian
sie bereits bei noch zur Zeit, als Tatian
seinen Landsleuten vorfand; 1
)

nach seiner Rückkehr in das syrische Heimatland 2 ) seine Evangelien-


hannonie (Diatessaron) in der syrischen Landessprache 8 ) schrieb. 4 )
Dem Syrus Vetus ist im jüngst entdeckten Syrus Sinaiticus, einer im
vierten Jahrhundert gemachten Abschrift der altsyrischen Evangelien-
übersetzung, ein treuer Zeuge wieder erstanden. 5 Tatians Diatessaron )

aber, das auf Grund der nach dem abendländischen Texte kritisch
revidierten altsyrischen Evangelien-Übersetzung zusammengestellt ist )
und deren einzige verarbeitete Quellen sowohl nach alten Nach-
richten 7 ) als auch nach der vorliegenden arabischen Übersetzung 8 )
uud dem armenisch erhaltenen Kommentare Ephräms 9 ) die vier

wie Irenäus ganz gleichwertig (Harnack, S. 686)? 3. Papias habe sich eine Er-
gänzung und Verdeutlichung der in den Evangelien enthaltenen Xöyia durch andern,
auch historischen Stoff gestattet. —
Damit tut er doch dem evangelischen Stoffe
keine Gewalt an, und wenn er auch außerkanonische Xöyia auf Grund gleich-
bleibender Überlieferung aufnimmt, so hält er sich an 2. Thessal., 3, 15.
') Vgl. A. Hjelt, Die altsyrische Evangelien - Übersetzung und Tatians
Diatessaron (Zahns Forsch, z. Gesch. d. neutest. Kam, VII, 1.), S. 8. 163. Wenn es
richtig ist, was Harnack für wahrscheinlich findet, daß die Evangelien sich in
Syrien zunächst als Einzel-Evangelien einbürgerten und nicht als festgefügter Vier-
Evangelien-Kanou, so bleibt doch die Tatsache bestehn, daß in der syrischen
Kirche vom Anfange an nur die kanonischen Evangelien im Gebrauche waren.
2 Nach Hjelt
)
(S. 19. 163) im Jahre 172/73.
3
)
Vgl. Hjelt, S. 22 f. und die dort verzeichnete Literatur. Zahn, Forsch.
z. Gesch. d. neutest. Kam, II, 298 ff.; Gesch. d. neutest. Kam, I, 409 ff.; Harnacks

These von einer griechischen Urschrift (Texte und Untersuchungen, I, S. 214 ff.
Chronol., S. 289) ist heute fast ganz verlassen.
*) Ca. 180.
*) Vgl.Hjelt, S. 76 ff.
6) Hjelt, S. 107-162. 164.

)
7
Eusebius,
Hist. eccl., IV, 29, 6 f. Kommentar über das Neue Testament
vom Xestorianer Jesudad (9. Jahrh.) in der Vorrede zu Markus. (Hjelt, S. 30.)
Ebedjesu bar Berika (f 1318) im Vorwort zu seinem Nomokanon (Hjelt, S. 36).
Beide hatten das Diatessaron in Händen. Jakob bar Salibi (f 1171) in seinem
neutestamentlichen Kommentar, Vorwort zu Markus: Tatianos, der Schüler
des Justinos, des Philosophen und Märtyrers, wählte aus den vier Evangelisten
angelien) und webte zusammen und machte ein Evangelium und nannte es
Diatessaron, und diese Schrift erklärte Mar Ephraim. Bar Salibi schrieb hier
Jesudad ab. (Hjelt, S. 40 f.)
s
) Tatiani evangeliorum harmoniae arabice. Nunc primum ex duplici codice
edidit et translatione latina donavit P. Aug. Ciasca (1888).
In wörtlicher lateinischer Übersetzung veröffentlicht von G. Moesing er
9
)

(1876) unter dem Titel Evangelii Concordantis Expositio facta a Sancto Ephraemo
:

Doctore Syro. Auf Grund dieser Übersetzung und der Homilien des Bischofs
Aphraates (4. Jahrh.) rekonstruierte Zahn den Text des Diatessaron (Forsch, z.
h. (1. neutest. Kam, I.).

2
18

kanonischen Evangelien sind, so zwar, daß die ausnahmsweise Mit-


verwerbung weniger außerkanonischer Text-Elemente ) gar nicht in 1

Betracht kommen, 8) wird mit Recht „ein imposantes Denkmal der


kirchlichen Überlieferung über das viergestaltige Evangelium" ge-
nannt/ ) 5

Nicht anders verhielt Abfassung des


es sich zur Zeit der
Petrus-Evangeliums, dessen geschichtliche Bedeutung vor allem
4 )

darin besteht, daLl es die um 150 bereits fest begründete Alleinherr-


schaft, der vier kanonischen Evangelien aufs neue beweist; 5 ) denn es

hat nicht nur diese zur Voraussetzung, sondern beruht so sehr auf den-
selben, dal! die Auswahl und Komposition des Stoffes im ganzen dem
Material entspricht, das unsere vier Evangelien bieten. 6 ) An dieser
Tatsache ändert nichts der Umstand, daß Pseudopetrus in frei schal-
tender Phantasie und wohl auch im Anschluß an die Pilatusakten 7 )

in einer ursprünglichen Form, die evangelische Geschichte fast bis


zur Unkenntlichkeit entstellte und ein derartiges antijüdisches, philo-
römisches und doketisch-gnostizierendes Machwerk schuf, 8 ) daß man
es in der Tat als eine starke Geschmacksverirrung bezeichnen muß,
wenn einzelne moderne Kritiker das Petrus-Evangelium mit demselben
Maße messen, wie die vier kanonischen Evangelien. 9 )

1
)
Jesu (Hjelt, S. 32. 136). Vgl. hiezu A. Jacob y,
Z. B. in der Taufgeschichte
Ein bisher unbeachteter apokrypher Bericht über die Taufe Jesu, 1902.
2
)
Nach Zahn (Forsch, z. Gesch. d. neutest. Kan., I, S. 263) stand der Umfang
der außerkanonischen Elemente zu dem der kanonischen im Verhältnis von eins
zu tausend.
Bardenhewer, Geschichte der altkirchlichen Literatur, I (1902), S. 256.
4
)
Ein bedeutender Teil des Petrus-Evangeliums wurde im Winter 1886/1887
;uis einem christlichen Grabe zu Akhmim in Oberägypten von U. Bouriant ans

Licht gezogen und 1892 zuerst veröffentlicht. Über weitere Ausgaben vgl. Barden-
hewer, a. a. 0. S. 396; Ehrhard, Die altchristl. Lit. u. ihre Erforsch., II, S. 132.
Abgefaßt wurde dieses Evangelium sehr wahrscheinlich um die Mitte des 2. Jahr-
hunderts in Syrien. Vgl. Bardenhewer, S. 395. Schubert, Die Komposition
des pseudopetrinischen Evangelienfragmentes (1893), S. 195, läßt es bald nach der
lütte des 2. Jahrhunderts, Kunze, Das neu aufgefundene Bruchstück des so-
genannten Petrus-Evangeliums (1892), S. 47, um 170 entstanden sein: Harnack,
Chronol., S. 719, und mit ihm Ehrhard setzen hiefür wohl mit Unrecht 110(100)
130 an.
5
)
Zahn, Das Evangelium des Petrus (1893), S. 75. Grundr. d. Gesch. d.

neutest. Kan., S. 30.


c
) Vgl. insbesondere das eben zitierte Werk Schuberts; Harnack, Theol.
Literaturztg., 1894, Sp. 17; Lüdemann, Theol. Li teraturber., XIII, S. 179; Wernle,
vnoptische Frage (1899), S. 251.
') Vgl. Schubert, S. 177 ff. ; Kunze, S. 43.

Vgl Schubert, S 170ff.


») Belser, Einl. (1901), 8. 785.
19

Nicht anders stand es zur Zeit der Entstehung des koptischen


Papyrus-Manuskriptes von Akhmim, 1 ) dessen Auferstehungs-
geschichte aus den vier kanonischen Evangelien mosaikartig zusammen-
2
gearbeitet ist. )

Auch in Alexandrien und Palästina kann es zu keiner


Zeit anders gewesen sein. Soweit die Forschungen eines Origenes
jenes wunderbar gelehrten, eifrigen und tätigen Geistes, der an Kraft
und Fleiß alle überragte, 3 ) reichen, war es von jeher wahr gewesen:
Eoolesia quattuor habet evangelia, quattuor tantum evangelia sunt
probata; 4 ) und die Möglichkeit, daß neben den vier Evangelien ein
fünftes in der katholischen Kirche gleiche Geltung und Anwendung
wie jene finde, war für Klemens Alex., Origenes und Eusebius
mindestens ebensosehr wie schon früher für Irenäus, eine unerträg-
liche Vorstellung. 5 )
Doch gehn wir ins einzelne. Kreyenbühl nennt unter den
Evangelienschriften, die nebst den kanonischen Evangelien längere
Zeit im kirchlichen Gebrauche war, an erster Stelle das Petrus-
Evangelium und behauptet wiederholt, aber ohne irgend
welche Begründung, Justinus Martyr habe dieses Evangelium
gebraucht. 6 )
Dagegen zählt Eusebius, dem die ganze altchristliche Literatur
bis auf seine Zeit zu Gebote stand, der insbesondere auch eine genaue
Kenntnis der Werke Justins besaß, 7 ) das Buch zu jenen Schriften,
die unter dem Namen von Aposteln von Häretikern verfaßt worden,
die nicht zu den kanonischen, nicht einmal zu den katholischen
Schriften gerechnet werden dürfen, und versichert, daß kein kirchlicher
Schriftsteller weder der älteren Zeit noch in seinen Tagen die darin

Hierüber berichtet C. Schmidt (Sitzungsberichte der kgl. preußischen


1
)

Akademie der Wissenschaften, 1895, S. 705 ff.) und verlegt den Ursprung der Schrift
vor die Mitte des 2. Jahrhunderts Harnack (Ein jüngst entdeckter Auferstehungs-
;

bericht, 1897) setzt sie in die Jahre 150—180.


2
) Bardenhewer, S.398.
3
)
Gregory, Textkritik, II (1902), S. 763. Vgl. Belser, Bibl. Zeitschr.,
I, S. 57.
4
)
Origenes, Hom. 1 in Luc.
*) Zahn, Das Ev. d. Matth. (1903), S. 25. Wenn Harnack (Chronol., S. 685 f.)
speziell die Anschauung des Klemens über das viergestaltige Evangelium auf eine
kleinasiatische Tradition, die von der papianischen nicht unabhängig sei, zurück-
führt, so stellt Zahn dagegen wenigstens das fest, daß bisher keine Spur davon
entdeckt worden, daß das Werk des Papias den Gelehrten Alexandriens bekannt
war. (Ev. d. Matth. S. 17.)
6Kreyenbühl bleibt sich nicht konsequent. Teils behauptet er die Benutzung
)

ohne weiteres (S.56. 78. 110), teils findet er sie wieder höchst wahrscheinlich (S. 78).
7
)
Vgl. Hist. eccl., IV, 16-18.
2*
20

enthaltenen Zeugnisse benutzt habe. 1


) Damit stimmt überein, was
Eusebius einem Briefe Serapions, Bischofs von Antiochien, 2 ) an
aus
die Christengemeinde zu Rhossus an der syrischen Küste mitteilt.
Dieser gestattete auf einer Visitationsreise auf Bitten einiger die
Lesung des Petrus-Evangeliums ((U'ayti'onxhntho), ohne es zu kennen
und näher zu prüfen. Er setzte voraus, daß die Freunde des Buches,
an »leren Spitze ein gewisser Markianos stand, rechtgläubige Christen
seien. Später aber erfuhr er, daß Markianos und seine Anhänger in
Bezug auf den Glauben nicht untadelig waren. Er ließ also nach dem
Buche fahnden und fand es in den Händen einer doketischen Sekte
in Antiochien. Nach genauer Prüfung verbot er dasselbe, weil es
mancherlei glaubensschädliche Zutaten enthalte, und erklärte: Wir
nehmen den Petrus und die anderen Apostel wie den Herrn Christus
auf; aber die fälschlich mit ihrem Namen überschriebenen Bücher
verwerfen wir, weil wir wissen, daß wir solche Schriften nicht über-
liefert bekommen haben. 3 )
Gleichwohl behaupten Credner 4 ) viele, wie z. B. Hilgenfeld, 5 )
seit
Harnack, ) Lods, 7 ) auch Kilm, 8 ) Funk, 9 ) Ehrhard, 10 ) die Abhängigkeit
Justins vom Petrus -Evangelium, namentlich mit Berufung auf das
Zusammentreffen Justins I. Apol. 35 (xai ydo öiaovQovveg avvov txädt)oai>
ij'i ßrjfiavog aal elnow kqivov f)/uv) und Dialog 97 (ka^^ov ßäkXoi'ti<-:)

mit dem Bruchstück des Petrus-Evangeliums, Vers 6 7 (eleyov ovqo)- —


(jLSV toi' vlöv tov freov xai ixdOiaav avvöv em xafieÖQav xQioeojg ksyov-
. . .

r;
T ötxalcog XQive, ßaoiXev tov Yaoa/yA) und Vers 12 (xai Xa^tov tßakor)
und in Hinsicht auf Dialog 106 (xai vö eIjisiv ^sTcovojLiaxtvai avxov

1
]
) Hist. eccl., III, 3, 2: Obö 6Xcag .'V y.aDohxalg "to/mv nagadedofiivcr öti }u)ti
:

ägzalov, fi/fßi v&v y.a<) ftfiäg vt,g fzx//i)oiaaTix6g ovyyQa<pevg valg ££ ai)T€yv avve-
ZQJjoavo fiagvvQlaig. Vgl. III, 25,6; Hieronymus, De vir. illustr., 1.

Nach Harnack, Chronol., zwischen 190/91-211/12. S. 723,


3
) Eueebius, Hist. eccl., VI, S. 12, 2ff. Die Identität des von Serapion —
bekämpften und unseres Petrus-Evangeliums wird allgemein anerkannt. 'Avttfwei-
ny.:'ol)< tdürfte wohl von der öffentlichen Vorlesung zum Zwecke der Erbauung
zu verstchn sein, aber keinesfalls vom Gebrauche beim Gottesdienste der Gemeinde
neben den kanonischen Evangelien oder gar statt derselben, wie Harnack (Chronol.,
S. i;84) meint. Vgl. Bardenhe wer, S. 393, Anm. Z ahn (Gesch. d. neutest. Kan., II,
742 ff. Ev. d. Petr., S. 2 ff, 76 f.) versteht den Ausdruck von der privaten Lesung,
die den Anhängern des Markianos gestattet worden.
4
Beiträge zur Einleitung (1832).
Zcitschr. f. wiss. Theol., 1893, II. Bd., S. 220 ff.

<••)
Chronol., S. 622 und öfters.
7
)
L'Evangile et l'Apocalypse de Pierre (1893), S. 59 f.

8) Katholik, 1893, S. 297.


'>)
Tüb. ^uartalschr., 1893. 2.

w) Altchristi. Lit.. 1000. S. 133.


21

Tlitgov, eva vwv djzoovökcov wxl yiyodyihu kv volc, an o u v // // o /' sv-


u na i v a nvov).
Doch mit der Behauptung der Abhängigkeit hielt ihre erfolg-
reiche Bestreitung gleichen Schritt, und haben neuestens insbesondere 1
)

4
Zahn, Schubert, ) Kunze, ) Belser, 5 ) Lippelt 6) und Bardenhewer 7 )
2
)
3

ihre Unhaltbarkeit, wie* mir scheint, mit durchschlagenden Gründen


dargetan.
Und selbst wenn Justin das Petrus-Evangelium gebraucht hätte,
wie ihm höchst wahrscheinlich die Pilatusakten 8 ) bekannt waren, so
stehn doch zwei Tatsachen fest: 1. daß Justin nicht einen einzigen
Zug aus dem Leben Jesu als in den djio(j,vr) aovsv/.iata
i
tcov djioavoXcov
vorhanden anführt, der sich nicht auch in unseren Evangelien findet,
und 2. daß er keinen einzigen unseren Evangelien fremden Zug durch
die bekannten Zitationsformeln als in den djiofxv7]inovevjj,ava enthalten
hinstellt. 9 ) Daraus aber ergibt sich, daß Justin das Petrus-Evangelium
in keinem Fall zu den äjiofjivrj^ovev^ata zählt und auf gleiche Stufe
mit den kanonischen Evangelien stellt.

1
)
Vgl. A. B al du s, Das Verhältnis Justins des Märtyrers zu den synoptischen
Evangelien (1895), S. 4. 99 f.
2) Das Ev. d. Petr., S. 42 ff. 66 f. Zahn erklärt den Einfall, daß Dial. 106 das
Petrus-Evangelium gemeint sei, schon aus chronologischen Gründen für unan-
nehmbar (Grundr. d. Gesch. d. neutest. Kan., S. 30. 33). Harnack, Chronol.,
S. 257 ff., setzt Justins Apologie auf 152/53, den Dialog auf 155—60 fest.
3
)
Die Kompos. d. pseudopetr. Evangelienfragm., S. 179 f.
*) Das Petrus-Evang., S. 31 ff. 47.
5
)
Einl., S. 785. Belser bemerkt noch mit Eecht: Eine Evangeliengeschichte
mit so ausgezeichneten Verdrehungen der geschichtlichen Tatsachen und so auf-
fallenden Entstellungen der Person Christi, wie Pseudo-Petrus sie bietet, kann der
namentlich in der Mitteilung von Tatsachen aus der Leidens- und Verklärungs-
geschichte ganz im Geleise der kanonischen Tradition wandelnde Justin nicht zu
Rate gezogen haben.
6
)
Quae fuerint Justini Martyris äjiof.iviiaovtvßaza (Dissert. philologicae
Halenses. Vol. XV, P.I, 1901.), p. 97. Vgl. dazu die Bemerkung p. 93: Sed ne illud
quidem affirmari potest, Justinum illa agrapha necessario ex evangelio suo hau-
sisse, cum etiam audiendo ea excepisse possit.
7) Gesch. d. altkirchl. Lit., I, S. 395 f.
8
)
I. Apol. 35. 48. Nach Ehrhard, Altchristi. Lit. (1900), S. 133, hat Harnack
(Chronol., S. 603—612) dieser Hypothese die Basis entzogen durch den Nachweis,
daß sich die Acta Pilati vor Eusebius nicht nachweisen lassen. Vgl. auch v. D o b-
schütz, Zeitschr. f. neutest. Wiss., 1902, S.89ff. Dagegen hält Mommsen, Zeitschr.
f. neutest. Wiss., 1902, S. 199. 205, wohl mit Recht dafür, daß die Pilatusakten ihrer

Grundlage nach recht alt sind, und fundamental dieselben sein dürften, die
schon dem Justinus vorgelegen haben.
9
)
Godet, Einl., H, S.40; Zahn, Gesch. d. Kam, I, S.463fF.; Grundr. d. Gesch.
d. neutest. Kan., S. 34.
09
__

unter den Evangelien, die längere Zeit in der Kirche im Ge-


brauche waren, nennt Kreyenbiihl ferner das Ägypter-Evangelium. ) 1

Doch wissen Altertums hievon nichts, vielmehr


die Schriftsteller des
berichten sie, daß dieses Schriftwerk ausschließlich von häretischen
Rieht ungen gebraucht wurde, so nach Klemens Alex, von den ägypti-
schen Enkratiten und den Valentinianern, 2 ) nach Hippolyt 3 ) von den
Naasenern, nach Epiphanius Außerdem be-
4
) von den Sabellianern.
zeichnet Ürigenes die Schrift ausdrücklich als häretisch, 5 Klemens )

Alex, bringt seine Geringschätzung wiederholt unzweideutig zum Aus-


druck: sie lasse sich mit den vier Evangelien nicht vergleichen, sie
6
gehöre nicht zur Zahl der überlieferten Evangelien. ) Das Urteil beider
ist von entscheidender Bedeutung, da sie sowohl der Entstehung des

Schriftwerkes nahe standen als auch als hervorragende Männer jener


Landeskirche angehörten, in der es nach Harn ack, 7 ) dem sonderbar
auch diesmal Ehrhard 8 ) zustimmt, ursprünglich als das einzige Evan-
gelium, später neben dem vierfachen Evangelium im Gebrauche ge-
wesen Übrigens ist auch nach den erhaltenen Fragmenten 9 )
sein soll.

der häretische Charakter des Buches zweifellos. 10) Vgl. die Stelle:
Ilri'iJai'outi'i)^ n)g ~alcö{ir)g jvöts yvcoöfirjöevai tä jzsqi ödv tjqszo, e(prj

o xvQiog' ,.'(') vav tö r/yg alöyvvrjg svövf^a jiaTrjorjts nah ötav yevrjtai zä
11
dro ev y.ai Hiezu be-
ro äggev fievä vrjg flyketag ovts aQQsv ovte fifjAv." )

12
merkt G. Esser: ) Damit ist über den Charakter dieses Evangeliums
entschieden und alle künstlichen Argumentationen Harnacks helfen
nicht über die Tatsache hinweg, daß dieses Evangelium die pythagorei-
sche Systoichienlehre in den Mund Jesu legte. Und ein Evangelium,
welches solch sonderbare Weltweisheit vorträgt, soll „ein wirkliches,

2
Entstand wahrscheinlich in Ägypten um die Mitte des 2. Jahrhunderts.
)

Vgl. darüber und über den Namen Bardenhewer, S. 386 ff.; Belser, Einl., S. 786;
788. Zahn, Gesch. d. Kan., II, 628 ff. Ehrhard versetzt nach Harnack das Evan-
gelium in die Zeit zwischen 100 — 130.
2) Strom., IQ, 9, 63 ff; 13, 93. Exe. ex Theodoto 67.

8) Phil. 5, 7.
4 —
) Haer. 62, 2.

) Hom. 1 in Luc:
5 Ecclesia quattuor habet evangelia, haereses plurima, e
quibus quoddam scribitur seeundum Aegyptios.
rl
) Strom., III, 9, 66; III, 13, 93.
7 Chronol., S. 615. 621.
)

8) Altchristi. Lit. (1900), S. 137.


,J
j Sieh bei Preuschen, Antilegomena (1901), S. 2.
10
) Vgl. Willmann, Gesch. d. Idealismus, I, 219 ff. 316; Eesch, Agrapha
(Texte u. Untersuch., V. 4), S. 429; Belser, Einl., S. 788; Dob schütz (Theol.
Literaturztg., 1896, S. 548): Diese ganz enkratitisch gefärbte Evangelienschrift
könne kaum zur offiziellen kirchlichen Literatur gehört haben.
" Klemens Alex., Strom., III, 13,92.
Katholik, 1898, S. 143.
23 _
selbständiges Evangelium gewesen sein und früher kanonisches An-
sehen" gehabt haben! 1
)

Endlich nennt Kreyenbühl noch das Hebräer-Evangelium.-)


Aber Th. Zahn weist neuestens wieder 3 ) in gründlicher und kaum
anfechtbarer Darlegung nach, daß es vom Hebräer-Evangelium, wohl
eine Überarbeitung und Erweiterung des aramäischen Urtextes des
Matthäus -Evangeliums, 4 ) bis 390, wo es Hieronymus in Bethlehem
übersetzte, 5 ) weder eine griechische noch lateinische Übersetzung
gab, daß es ferner, soweit unsere Kunde reicht, nur bei der Sekte der
Nazaräer im kirchlichen Gebrauche und deren einziges Evangelium
war,' ) und daß dasselbe frühestens Hegesippus, 7 ) Klemens Alex., 8 )
5

10
Origenes 9
) vereinzelt zitieren, ) ohne es den kanonischen Evangelien
11
der Kirche beizuzählen. )

J
) Wenn Harnack und nach ihm Kreyenbühl,
(Ckronol., S. 616 ff. 683)
8. 354, geltend macht, daß in Rom zur Zeit des Bischofs Soter (um 170) das vier-
fache Evangelium noch nicht in exklusiver Geltung stand, obwohl nicht zu
zweifeln sei, daß alle vier Evangelien daselbst vorhanden waren, weil Soter im
sogenannten zweiten Klemensbrief einen reichlichen Gebrauch vom Ägypter-
Evangelium gemacht habe, insbesondere Kap. 12, 2 sicher aus diesem herrühre
(in Bezug auf letztere Stelle stimmt ihm wiederum Ehrhard bei, S. 137);
nun so haben andere nachgewiesen, daß der zweite Klemensbrief mit Soter
(Eusebius IV, 23, 11) nichts zu tun habe (vgl. R. Knopf, Zeitschr. f. neutest.
Wiss., 1902, S. 266 ff.), daß nicht einmal dessen römischer Ursprung feststehe (vgl.
Ehrhard, Abhängigkeit des zitierten Logion vom Ägypter-
S. 78fF.) und daß die
Evangelium sei. (Vgl. Res ch, Agrapha, S. 195 ff.)
völlig abzuweisen B eis er, ;

Einl., S. 789 f. Bardenhewer, S. 388). Auch ist der Gebrauch einer apokryphen
;

Schrift in einer erbaulichen Homilie ebensowenig ein Beweis für deren kanonische
Geltung als in einem privaten Werke eines Schriftstellers.
2
)
S. 87.
3
)
Das Ev. d. Matth., S. 20 ff. (gegen Harnack, Chronol., S. 625 ff.).
4
)
Vgl. hierüber auch Wernle, Die synoptische Frage, S.250; B eiser, Einl.,
f.'
S. 763 ff.; Bardenhewer, S. 380
5
)
De vir. illustr., 2, 16; Comm. in Mich. (Vallarsi, VI, 520); Comm. in
Matth. (Vallarsi, VII, 77).
6
)
Eusebius, III, 27, 4 (ebayyeXlqi de vü %a#' 'Eßgatovg Xeyoiievcp
tiovo)

ZQiOfAevot,) ; Epiphanius, Haer. 29, 7, 9. Hieronymus, Contra Pelag., III, 2


und öfters.
7
)
Nach Eusebius, IV, 22, 8.

8) Strom., H, 9, 45.
u
) Hom. in Jerem. 15, 4, in Joan., II, 6; Hieronymus, De vir. illustr., 2: Quo
et Origenes saepe utitur.
,0
) Von der apokryphen Erzählung bei Ignatius, Smyr. 3, bekennt Eusebius,
nicht zu wissen, woher sie stamme (Hist. eccl., III, 36, 11). Vgl. B eis er, Einl.,
S. 774.
u) Hieronymus, Comm. Vocatur a plerisque Matthaei
in Matth. 12, 13:
authenticum. Daß Hieronymus selbst das Hebräer-Evangelium mit dem aramäischen
;

24

Wir können diese Erörterung nicht besser schließen, als mit den
Worten Zahns, des bedeutendsten Erforschers der Geschichte des
aeutestamentlichen Kanons: Daß jemals in einem Teil der
katholischen Kirche ein anderes Evangelium außer
unseren vier Evangelien regelmäßig im Gottesdienst
Lesen worden sei, ist nicht wahrscheinlich zu machen,
geschweige denn zu beweisen. ) 1

Kreyenbühl geht noch weiter. Er verweist auch auf den hart-


näckigen und langen Kampf, der in der römischen Kirche um die
Anerkennung des vierten Evangeliums geführt worden sei. Ist das
alles? Welche hartnäckige und lange Kämpfe meint Kreyenbühl?
AVer berichtet hierüber? Nicht nur Irenäus weiß hievon nichts, auch
Ivlemens Alex., Origenes, Eusebius machen nicht im geringsten dies-
bezügliche Andeutungen. Kreyenbühl meint doch nicht etwa die Zeit
der Abfassung des Muratorischen Fragmentes? Zur selben Zeit waren
jene hartnäckigen und langen Kämpfe ja jedenfalls schon beendet,
denn für den Muratorischen Fragmentisten ist die Abkunft des vierten
Evangeliums vom Apostel Johannes außer Zweifel 2 ) er denkt nicht
mehr an eine Verschiedenheit, er hat nur die Harmonie der vier
Evangelien im Auge. 3 ) Die vier Evangelien standen in der Sammlung
wie numeriert in der angegebenen Reihenfolge, diese Sammlung
bildete bereits ein abgeschlossenes und festbegrenztes Ganzes. 4 ) Man
hat allerdings hie und da im umständlichen Bericht des Fragmentisten
über den Ursprung des vierten Evangeliums eine apologetische Tendenz
finden wollen, als solle das Evangelium (und die Johannesbriefe) gegen
erhobenen Widerspruch verteidigt werden 5 ) oder als handle es sich,

Matthäus identifiziert habe, weder aus De vir. illustr., c. 3, Comm. in


ergibt sich
Matth. ad 2, noch aus Comm. in Matth. ad 6, 11 noch aus
5 (ipsum hebraicum),
der Auslassung am Schlüsse seiner seit 1897 bekannt gewordenen Homilien über
Ps. CXXXV (Anecdota Maredsolana opere et studio G. Morin, VIII, 2, p. 162.
Vgl. Zeitschr. f. wiss. Theol., 1898, S. 151), aber sicher hielt er den aramäischen
Matthäus für die Vorlage des Hebräer-Evangeliums.
*) Grundr. d. Gesch. d. neutest. Kan., S. 39. Ich kann es mir nicht versagen,

nachstehende These Boussets (Theol. Literaturztg., 1897, S. 70) beizufügen: Es


scheint mir nicht unwahrscheinlich, daß die Sammlung des Evangelienkanons in
Johanneisch-kleinasiatischen Kreisen, vielleicht zugleich mit der Veröffentlichung
des Johannes-Evangeliums, stattfand. Darauf deutet die einzige Nachricht, die wir
von diesem Vorgang haben, in der Tat hin (Acta Timothei ed. Usener). Vgl. dazu
Godet, Einl., II, S. 66f.; Zahn, Gesch. d. Kan., I, 913; Grundr. d. Gesch. d. neutest.
Kam, S. 40. B eiser, Einl., S. 729.
2) Juli eher, Einl. 4 ,
S. 319.

3) Karnack, Chronol., S. 684.


*) Godet, Einl., II, S. 48.
-
Vgl. Zahn, Gesch. d. Kan., I, 170. 222. 252; II, 32 ff. und öfters.
ÖS

Evangelium erst einzuführen. 1 ) Letzteres ist völlig ausgeschlossen,


las Evangelium jenen Schriften beigezählt wird, die in der römi-

schen Kirche unter einmütiger Anerkennung beim Gottesdienste gelesen


wurden, weil deren apostolischer Ursprung gewili war. In Bezug auf
erstere Tendenz erklärt auch Zahn, 2 ) die beiläufige Berücksichtigung
der gegen die Schriften des Johannes gerichteten Kritik setze nicht
voraus, daU es eine im Abendland verbreitete Partei dieser Richtung-
gegeben, sondern nur, daß diese Kritik in Rom bekannt geworden
sei. und er hat hiebei die Aloger im Auge. 3 )

Es gibt aber auch solche, die von einer derartigen Tendenz im


Fragment keine Spur entdecken können, 4 ) und selbst Harnack findet
in der Quelle des Fragmentisten nur eine auf einer Vergleichung

beruhende Zurückschiebung der synoptischen Evangelien hinter Jo-


hannes. v )

Kreyenbühl denkt wohl auch nicht an den Osterstreit, be-


6
ziehungsweise, da der zweite Osterstreit (um 190) ) hier nicht in
Betracht kommen kann, an die Streitverhandlung Polykarps mit
Anicet (154). Denn soweit uns hierüber Eusebius berichtet, 7 ) war
damals, ob es sich nun lediglich um das Osterfasten 8 ) oder nach wahr-
scheinlicherer Ansicht hauptsächlich um
den Tag der Osterfeier 9 ) han-
delte, weder von der Heiligen Schrift überhaupt noch vom Johannes-
Evangelium die Rede vielmehr berief sich Polykarp für die asiatische
;

Feier am 14. Nisan lediglich darauf, daß er es mit Johannes, dem


Jünger des Herrn, und mit den übrigen Aposteln immer so gehalten
habe, während Anicet geltend machte, er müsse den Brauch der
Presbyter vor ihm festhalten.
Es kann wohl auch schwerlich die Rede von der Zeit sein, als
nach Wilpert der Künstler, der in der ersten Hälfte des 2. Jahr-
hunderts die Wände der sogenannten cappella greca in der Katakombe

H. Holtzmann, Einl.
1
)
S. 126: Vom vierten Evangelium wird eine
:{
,

ganze Entstehungsgeschichte mitgeteilt, wie um seinen erst neuerdings erfolgten


Hinzutritt zum synoptischen Zyklus zu motivieren.
2) Gesch. d. Kam, I, S. 258.
3
) Gesch. d. Kam, II, S. 983.
4
)
Vgl. Wetzel, Die Echtheit und Glaubwürdigkeit des Evangeliums
Johannis (1899), S. Weiß, Einl., 3. Aufl.
129 ff.: B. (1897), S. 78, A.; Godet, Einl.,
II, S. 48; Hesse, Das Murat. Fragment (1873), S. 1231'.

Chronol., S. 685.
«) Eusebius, Hist. eccl., V, 24, lff.
7
)
Eusebius, IV, 14, 1; V, 24, 16f.
8
)
Zahn, Forsch, z. Gesch. d. neutest. Kam, IV, 286 ff.; VI, 106 f.; Achelis
in Haucks R.-E.3, V, 773.
VgL K.Bihlmeyer, Katholik, 1902, S. 314 ff.
26

der heil, Priscilla ausmalte, die Auferweckung des Lazarus nach Joh. 11,
K)ff, zur Darstellung brachte; 1
) oder als Ignatius (nach Harnack
von 110 117 seinen zweifellos echten 2
) Brief an die Römer schrieb.
der mit seines zahlreichen, dem vierten Evangelium charakteristisch
angehörenden Ideen nicht nur beweist, wie vertraut Ignatius selbst
mit dem vierten Evangelium war, sondern wohl auch einige Vertraut-
heit bei den Römern voraussetzt; 3 ) oder als Marcion (145) seinem
Evangelium aus dem vierten Evangelium, das er im kirchlichen Ge-
brauche vorfand, 13, 4 — 15. 34; 15, 19 einverleibte. 4 )
Doch Kreyenbühl die Zeit im Auge, als nach seiner
vielleicht hat
eigenen Darlegung das vierte Evangelium um 140 in Rom als evan-
gelische Lehr- und Erbauungsschrift in gno s tisch en Kreisen im
Ansehen stand, als die Valentinianer wenigstens 40 Jahre vor Irenäus
h im Besitze des Evangeliums befanden, dasselbe als Apostelwort
benutzten, an dasselbe als an ein Werk des Apostels ihre Lehren
anschlössen, von demselben zur Entwicklung ihres Systems einen
reichlichen Gebrauch machten, 5 ) dasselbe im Sinne ihrer Gnosis aus-
legten und mit den Formeln: 6 dirootoAog Aeyet, 6 jaa^vijg tov xvqi'ov
ßovXdfisvog ekveZv, BiQrjxev ö KVQioq Stellen aus demselben zitierten,
als Valentin selbst, das Haupt der Schule, 6 ) dasselbe kannte, stark
benutzte und hochschätzte, da dessen Äonen- und Syzygienlehre ohne
wesentliche Rücksichtnahme auf die Terminologie und Prinzipienlehre
tli^s vierten Evangeliums nicht zu verstehn ist? 7
) Nun mag es immerhin
vielleicht wahrscheinlich sein, daJi Valentin und seine Schule das
vierte Evangelium nicht als kanonische Schrift verehrte und ge-
brauchte, sondern einfach als und Quelle einer tieferen Er-
Mittel
kenntnis der christlichen "Wahrheit und als Anknüpfungspunkt, materia

*) Vgl. Köm. Quartalschr., 1894, S. 121 ff. Stimmen aus Maria-Laach,


XL VII, 55 ff.

-) Harnack, Chronol., 8. 882 ff.

-
Zahn, Gesch. d. Kam, I, S. 905; Boese, Die Glaubwürdigkeit unserer
Evangelien, S. 78.
1

*) Zahn, Gesch. d. Kam, I, 675 ff .; Einl., 2. Bd., 447.


Vgl. auch Irenäus, III, 11, 7: Hi qui a Valentine- erant, eo quod est
seeundum Joannem plenissime utentes.
•;
) Hielt sich in Rom auf ca. 135—160 (Harnack, Chronol., S. 291).

7) Vgl. 8. 101. 107. 108. 110. 113. 114. — Harnack (Chronol., S. 688, A.):
Das Zugeständnis, daJ3 Valentin in Rom die nachmals kanonischen Evangelien
kennen gelernt und sich angeeignet hat, fällt nicht schwer. Eine Bevorzugung des
Johannes-Evangeliums ist mindestens bei den Schülern unverkennbar. Bekanntlich
widmete der angesehenste Mann von der Schule Valentins, Herakleon (Klemens
Alex., Strom., IV, 9, 70 dem vierten Evangelium einen ausführlichen Kommentar
t. .

Orig., In Joann., VI, 8i und schrieb Ptolemäus dasselbe ausdrücklich dem


bei Johanne Brief an die Flora.. Epiph. Haer., 33, 3 ff'.).
o ;

27

und Bestätigung der lvligionsphilosophischen Spekulation, es bleibt 1

nichtsdestoweniger die Tatsache bestehn, daJJ dadurch für diese Zeit


in Rom der Gebrauch des vierten Evangeliums als kirchliche
Lehr- und Leseschrift, und zwar als der Kirche eigentümliche, authen-
tische und apostolische Schrift bezeugt ist. 2 ) Denn Valentin kam gar
nicht als Häresiarch nach Rom, seine etwaigen Sondermeinungen
führten nicht sofort zu Maßregelungen 3 ) und er dachte nicht daran,
sich von der wahren Gemeinde Gottes loszusagen 4 ) auch seine
Schüler wollten gar nicht aus der Kirche scheiden, sie wollten sich
bloß von den gemeinen Kirchenleuten unterscheiden und beklagten
sich, daß man sich ohne Ursache von ihrer Gemeinschaft fernhalte,
und sie, die doch dasselbe sagten und dieselbe Lehre hätten, Häretiker
wären. 5 ) Ihr e Gn sis wollt e eine christliche Gn osis sein. ,J

Wie Tertullian bezeugt, ließ Valentin die ganze kirchliche Bibel


äußerlich unangetastet, 7 ) und seine Schüler bekannten sich nach Irenäus
zu den heiligen Schriften mit Einschluß der alttestam entlichen. 8 ) Sie
bedurften keiner eigenen Bibel, sondern verstanden es, in die Bibel
der Kirche ihre Sondergedanken einzutragen und, was ihnen nicht
darin zusagte, sich zurechtzulegen. 9 )

!) Kreyenbühl, S. 111.
2
)
Vgl. Heinrici (Die Valentinische Gnosis und die Heüige Schrift): So
viel ergibt sich evident aus der Weise des Zitierens, daß die Valentinianer die
Schrift als eine allgemein anerkannte Autorität benutzten, dieselbe also dieses
Ansehen schon vor dem Emporkommen des Systems besessen haben muß . . .

Die Schriftbenutzung der Valentinianischen Gnosis bezeugt, daß das Evangelium


Johannis ... in der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts als apostolische Schrift
anerkannt und gebraucht wurde. (Godet, Kommentar 4 I, , S. 143, Anm.)
)
Harnack, Chronol., S. 292. Vgl. Tertullian, De praesc. 30: In catholicae
3

primo doctrinam credidisse apud ecclesiam romanensem donec ob inquietam . .


.,

semper curiositatem semel et iterum eiectus Contra Val. 4: Speraverat episco-


. . .

patum Valentinus.
4
)
Hilgenfeld, Zeitschr. f. wiss. Theol., 1890, S. 46. Vgl. Mead, Fragmente
eines verschollenen Glaubens, übersetzt von Ulrich (1902), S. 242: Valentin wollte
keineswegs den allgemeinen Glauben angreifen oder verlassen; er blieb aller
Wahrscheinlichkeit nach bis zu seinem Lebensende ein katholischer Christ.
(Mead meint, daß Valentin erst nach seinem Tode exkommuniziert wurde.) Epi-
phanius sage deutlich, daß man den Valentinus, solange er in Rom weilte, für
orthodox hielt.
5 Irenäus, Adv. haer., III,
) 15,2.
6 H. Lietz, Zeitschr.
)
f. wiss. Theol., 1894, S. 56.

7
)
De praesc. 38: Valentinus integro instrumento uti videtur Non ad . . .

materiam scripturas, sed materiam ad scripturas excogitavit. Vgl. hiezu Zahn,


Gesch. d. Kam, I, S. 724 ff.

8 Irenäus,
) I, 3, 6; III, 12, 12.
9
)
Zahn, Grundr. d. Gesch. d. neutest. Kam, S. 29: Die Valentinianer beriefen
sich nur neben den vier Evangelien auf eine Menge apokrypher, von ihnen selbst
28

l\re\enbühls sensationelle Entdeckung, das vierte Evangelium,


dessen mcIi Valentin und seine Schüler bedienten, habe den Gnostiker
Mo n andres zum Verfasser, sei mit dem evangelium veritatis !
)

identisch, habe aber später die GroJikirche der Gnosis ge-


dasselbe
stohlen und dem Apostel Johannes überantwortet, ist als grotesk-
komische Phantasie indiskutabel und wurde auch von der
Kritik einhellig zurückgewiesen.
Wer bezeugt also die langen und hartnäckigen Kämpfe in der
römischen Kirche um das vierte Evangelium? Justinus Martyr
mit seinen Werken? 8) Kreyenbühl scheint nicht daran zu zweifeln.
Wenigstens hält er es für gewiJi, 3 ) dali Justin das vierte Evangelium
entweder nicht gekannt oder, wenn er es gekannt, dann nicht als
apostolisch-Johanneisch anerkannt, seinen Verfasser also nicht als den
Apostel Johannes angesehen habe. Damit glaubt er den eigentlichen
Kern des Justinischen Zeugnisses für das vierte Evangelium, der bis
jetzt allen Schriftstellern über diesen Gegenstand ver-
borgen war, herausgeschält zu haben. Und wie beweist Kreyenbühl
also seine These? Justin nenne an keiner einzigen Stelle das Evangelium
ein Werk des Apostels noch zitiere er jemals aus diesem apostolisch-
Johanneischen Evangelium, obwohl er an mehr als hundert Stellen
die Synoptiker und das Petrus-Evangelium benutzt habe. Man könne
nicht unbewiesen annehmen und voraussetzen, Justinus habe dieses
apostolisch- Johanneische Evangelium in seinen Denkwürdigkeiten mit-
verstanden und mitbenutzt und in diesen Denkwürdigkeiten unsere
kanonischen Evangelien gemeint. Und wenn er das vierte Evangelium
unter seinen Denkwürdigkeiten vorgefunden und benutzt habe, so
bleibe die Tatsache erst recht unbegreiflich, daß er den Apostel, den
er als Verfasser der Apokalypse kenne und nenne, nirgends mit einer
Silbe als Verfasser des Evangeliums namhaft mache. Außerdem weiche
die ganze christlich-theologische Weltanschauung des Justin von der-
jenigen des vierten Evangeliums im hohen Grade ab; insbesondere
sei seine Logoslehre toto caelo verschieden von der Gedankenwelt

des vierten Evangeliums. 4 )


Über die angebliche Benutzung des Petrus-Evangeliums durch

verfaßter Schriften und auf eine, die höchsten und tiefsten Lehren enthaltende
evangelische Geheimschrift, um dadurch den Unwissenden zu imponieren. Vgl.
Zahn, Gesch. d. Kam, I, S. 153.
i)
Irenäus, II[, 11,9. Vgl. darüber Zahn, Gesch. d. Kam, 1, S. 748ff.
2
) Es kommen nur in Betracht Justins Apologie, verfaßt 152—53, und der
Dialogus c. Tryphone, verfaßt 155—60. (Harnack, Chronol., S. 278. 281.)

8) Vgl. S. 78 ff.

4) S. 546.
29

Justin wurde bereits das Nötigste gesagt. Im übrigen muß ich ge-
stehn, daß es mir gegenüber derartiger Verdrehung des Tatbestandes
schwer wird, die Ruhe zu bewahren und mich mit wenigen Gegen-
bemerkungen zu begnügen, zumal Kreyenbühl es nicht der Mühe wert
findet, auch nur eine einzige Stelle aus Justins Werken vorzu-
führen. Wie? Justin hat das vierte Evangelium nicht gekannt? Ich will
nicht auf Thoma 1
) verweisen, der behauptet, es gebe kein einziges
Kapitel des Johannes, dessen Spur sich nicht in den Schriften Justins
wiederfände, nicht auf Ottos Register, 2 ) nicht auf Luthardt 3 ) und
Zahn, 4 ) deren Ausführungen ja nach Kreyenbühl 5 ) in nichts zusammen-
fallen, nicht auf Mangold ) noch auf andere 7 ) außer Bousset, der
mit seinem Werke : „Die Evangelienzitate Justins des Märtyrers"
1S91), in Kreyenbühls Augen Gnade gefunden und der neuestens
auf Grund der äußerst exakten Forschungen von Resch 8 ) eingesteht:
„Daß Justin das vierte Evangelium ebenso wie die Syn-
optiker benutzt hat, scheint mir jetzt vollkommen
9
8 i eher." ) Oder wie? Justin hat es nicht als apostolisch- Johanneisch

anerkannt, weil er an keiner einzigen Stelle das Evangelium als


Werk des Apostels zitiert? Behandelt denn Justin das vierte Evan-
gelium etwa in anderer Weise als die Synoptiker ? Nennt er, der die
noptiker mehr als hundertmal zitiert, etwa auch nur ein einziges
Mal den Matthäus oder Markus oder Lukas, seinen Lieblings-Evan-
gelisten? Und doch erweckt Kreyenbühl diesen Anschein. Wie
nennt man dies? Wenn Kreyenbühl im besonderen mit Berufung auf
Bousset erstgenannte Schrift geltend macht, daß Justin nirgends
Johanneische Logien als Herrnworte zitiere, so möge ihm wiederum
Bousset sagen, wie ersieh nunmehr überzeugt habe, daß im Herrn-
wort Apol. I, 67 eine unzweifelhafte Beziehung auf Joh. 3, 4 f. vor-
liege. Und ferner, wer von allen, die sich mit Justins Verhältnis zu
den Evangelien eingehender beschäftigt, hat unbewiesen angenommen
und vorausgesetzt, daß er in seinen cmoftvrjftOvsvftaTa tcJbv djvoovoÄO))'
unsere kanonischen Evangelien gemeint? Kreyenbühl möge auch nur
einen nennen. Und wer von allen hat unbewiesen angenommen oder

1
)
Zeitschr. f. wiss. Theol., 1875, 3. 4.
2 S. Justini opera, S. 587
)
ff.

:}
) Der Johanneische Ursprung des vierten Evangeliums, S. 63 ff.

*) Gesch. d. Kan., I, S. 516 ff.

5 S. 545.
)

8
) Göttinger Gel. Anz. vom 5. und 12. Jänner 1881.
7
)
Z.B. Harnack, Chronol., S. 673.
8
)
Außerkanonische Paralleltexte zu den Evangelien, 4. Heft (Texte und
Untersuch., 4, 1896).
9 Theol. Literaturztg., 1897, S. 75.
)
30

vorausgesetzt, Justin habe das vierte Evangelium mitverstanden und


mitbenutzt? Wenn Justinus die Verfasser der d^ofivrj/iovsv flava ä na-
/.iiwj svayyikia genau als Apostel und Apostelscliüler bezeichnet, 1

wenn er Evangelium 8) mit den synoptischen, die er un-


das vierte
bestritten zu den drrounjuoi'hruara zählt, ohne irgend welche Unter-
scheidung nebeneinander, in einem Satzgefüge zitiert, 3 ) wenn er sich
für zweifellos Johanneisches, wie für die Menschwerdung des iwvo-
ro) navgt und des ££ arror köyog ausdrücklich auf die dno-
i)j:

tirtjUoi'i-riHira beruft 4 ist es dann unbewiesen angenommen, er


)

zähle das vierte Evangelium zu den (Ltoii i'tjftovevfiata?^) Ist es dann
eine bloße Voraussetzung, wenn Bousset weiter erklärt: Auch daii
Justin das vierte Evangelium zu den d jzo/li v ov evfii a t a r) (jl

rechnet, scheint mir im Widerspruch mit meinen früheren Aus-


führungen im höchsten Grade wahrscheinlich zu sein. Und
wenn endlieh der vielgereiste Justin von den djiOjbtvrjfAoi'SVjiiaTa bezeugt:
K(ü rfi 11/j'or /jyotiH'ij fjfiiQQ Jidvv(m> xavd JtöXeigr) äyQOvg {iFi>6i>vcor
&d t<) avtö avvikevaig ytverai xai rd äjvo(ivri[j,ov£V[jL ata tä>v dno-
OTÖXibv rd av y y o diu ava v m V jiqo (pr)Vü)v äv ay tvcboxstat^)
i)

und wenn er sie mit derselben Zitationsformel wie das Alte Testament
Ansehen spricht er denselben zu? Ist es dann unbe-
einführt, 7 ) welches
wiesenangenommen und vorausgesetzt, wenn Bousset, um ihn noch
einmal sprechen zu lassen, anerkennt, daß das Johannes -Evangelium
schon in anerkannte Schrift unter den
der Zeit Justins als

Synoptikern als viertes Evangelium allgemein Geltung


gewann? Zuzugeben ist allerdings, daß Justin vom vierten Evan-
gelium einen mäßigeren Gebrauch macht als von den Synoptikern,
aber ich weiß nicht, was dagegen eingewendet werden könnte, wenn
Zahn 8
) dies in dem esoterischen Charakter dieses Evangeliums einer-
seits und dem apologetischen Zweck und dem exoterischen Charakter
der erhaltenen Schriften Justins andrerseits vollkommen begründet
findet. „Wer den Heiden einen Begriff von der christlichen Sitten-
lehre geben wollte, konnte nicht viel aus den Reden in Johannes
schöpfen, sehr viel dagegen aus der Bergpredigt; und wer aus der
Übereinstimmung von Weissagung und Erfüllung einen Beweis für die
Wahrheit des Christentums führen wollte, war vor allem auf Matthäus

1
)
Dial. 103 (<'[
cprjfM bnb van) dnoOTÖÄaiv atvoü xat vätv Zxeivoig nagcMoXov-
{hjodvomv ovwevdzftcu)' Vgl. Apol., I, 66; Dial. 88.
2) 1, 20. 23. - :i
) Dial. 88, 13. — *) Dial. 48. 105.
•"')
Vgl. Resch, a. a. 0. zu Joh.l, 18 u. 6, 69.
"5 Apoi. :
r. <;t.

') Dial. 41). — Vgl. hie/u Trenkle, Einl., S. 265 ff.

Gesch. d. Kan., I, S. 684


31

und am wenigsten auf Johannes angewiesen. Dies beides aber war


1
Justins Fall." )

Wenn Kreyenbühl weiter die Tatsache unbegreiflich findet, daß


Justin den Apostel Johannes, den er doch als Verfasser der Apoka-
lypse nenne,-) nicht auch als Verfasser des Evangeliums namhaft
mache, so hätte er z. B. aus Schanz 3 lernen können, daß dies seinen )

Grand darin habe, daß Justin die Apokalypse zur Bestätigung eines
Zitates aus Isaias, den er auch mit Namen nenne, gebrauche, daß
aber eine ähnliche Veranlassung, den Johannes als Evangelisten zu
bezeichnen, nicht vorgelegen. Was endlich Justins theologische Welt-
anschauung und insbesondere seine Logoslehre anlangt, so ist sie
freilich nach der Auffassung Kreyenbühls von der Gedanken-
welt des vierten Evangeliums, und für jene, die diese Auffassung
teilen oder ihr nahekommen, toto caelo von der des Evangeliums ver-
mieden. Andere dagegen nehmen es als gewiß an, daß, wie über-
haupt die ganze Denk- und Ausdrucksweise Justins die Johanneischen
hriften zur Voraussetzung habe, so insbesondere die Menge der
Stellen werden müsse, welche der Johanneischen Logos-
beurteilt
lehre entsprechen, 4 ) ja daß Justins ganze Logoslehre ohne Frage aus
dem Johannes-Evangelium stamme. 5 ) Selbst L. Paul ) gesteht zu,
daß Justins Logoslehre (entsprechend der Johanneischen Logoslehre)
mit der vollen Hypostase des Logos des Sehers abschließe, und
J. A. Kr am er
weiß die Abhängigkeit Justins vom vierten Evan-
7
)

gelium nur durch die Annahme zu beseitigen, daß die Logos-Christus-


Stellen ursprünglich nicht in die Apologien hineingehören. Wenn aber
Justin in der Tat an Zweideutigkeiten leidet, 8 ) so darf nicht über-
sehen werden, daß es einer gewissenhaften Scheidung bedarf zwischen
dem, was der Philosoph, und dem, was der Christ Justin sagt. 9 )
Zu dem allem kann für die Kenntnis, den Gebrauch und die
Wertung des vierten Evangeliums seitens Justins dessen unmittelbarer

J) Vgl. auch B. Weiß, Lehrbuch der Einleitung, 3. Aufl. (1897), S. 45 f.


Das Johannes -Evangelium (1902), S. 8. Die von Kreyenbühl angezogenen Aus-
führungen Ab otts (Encycl. Bibl. s. v. Gospels)mögen auf sich beruhen.
2) Dial. 81.
Kommentar über das Evangelium des Johannes (1885), S. 8.
3
)

Vgl. B.Weiß, Das Johannes-Evangelium, S. 7 f.


*)
5
) B.Weiß, Einl., S. 45; Schanz, Komm. üb. d. Ev. d. Joh., S. 8; Godet,
Komm. z. d. Ev. d. Joh., 4. Aufl. (1903), I, S. 138; Cornely, Introd., III, p. 221;
Boese; a. a. 0. S. 33 ff.; Zahn, Gesch. d. Kau., S. 517 ff.
,;
Jahrbuch für protestantische Theologie, 1886, S. 661 ff.

7 Zeitschr. f. neutest. Wiss., 1901, S. 300 ff.


)
8
)
Vgl. Bardenhewer, S.230ff.
9
)
O. Craemer, Zeitschr. f. wiss. Theol.. 1896, S. 220.
32

Schüler Tatiao als vollgültiger Zeuge angerufen werden. Da die


häufige Übereinstimmung and die größte Verwandtschaft des Textes
der Evangelienzitate Justins wie einerseits mit dem westlichen Texte
des «weiten Jahrhunderts (Cod. D. Italareste), so andrerseits mit Tatians
Diatessaron und dem von diesem abhängigen syrischen Text eine
längst erkannte Tatsache ist, ) so scheint nichts gewisser, als dal)
1

Tatian ein Exemplar der griechischen Evangelien von Rom 2 ) in seine


Heimat mitbrachte und auf Grund dieses abendländischen Textes den
Vetos Svrus bearbeitete, ) und daß diese Evangelien keine anderen
;J

gewesen sein konnten als jene, die überall beim Gottesdienste im Ge-
brauche waren, keine anderen als Justins, des Meisters, äjiofjbvrjixov&v-
imTa ä y.a'/.HTiu t-iuiy/i/ja. Niemals wird es wahrscheinlich gemacht,
geschweige denn bewiesen werden können, daß dem nicht so sei. 4 ) Da
ferner die vier kanonischen Evangelien in exklusiver Geltung die
Quellen des Diatessaron sind, ) so beweist auch diese Tatsache die
r>

1
Zahn. Gesch. d.Kan., 1,387 ff. ; Forsch, z. Gesch. d. neutest. Kaii., I, S.112ff.,
BEL; Nestle, Einführung in das Griechische Neue Testament, 2. Aufl. (1899),
S. 177ff; Hjelt, a. a. 0. S. 164. Lippelt, a. a. 0.
Auch Harnack meint, Rom liege am nächsten (Chronol., S. (J83). Das
-)

Bedenken wegen der „Predigt des Soter" ist, wie bereits gezeigt wurde, gegen-
stände! ^

:J
) Bardenhewers Ansicht Vorlage und Quelle für das syrisch
(S. 257), als

abgefaßte Diatessaron sei wohl der griechische Text benutzt worden, verstärkt
noch unsere Schlußfolgerung.
4
) Vgl. Hamlyn Hill (The earliest life of Christ. The Diatessaron of Tatian,
1894, 8.22.): Wenn man auch annähme, Tatian habe Zutritt zu Dokumenten gehabt,
welche Justin nicht zur Verfügung standen, ist es wohl denkbar, daß Tatian, der
vermittels der Kommentare Lehre eingeführt worden
(Justins) in die christliche
sein muß, durch spätere Fälschungen einem solchen Grade beeinflußt wurde,
in
«laß er nicht allein diese letzteren in seine Evangelienharmonie aufnahm, sondern

die ersteren völlig von ihr ausschloß? Denn keine anderen Aufzeichnungen als un-
sere vier Evangelien finden sich in sein Diatessaron verwoben. Wir dürfen deshalb
schließen, es bleibt kein vernünftiger Zweifel mehr, daß die Apostelkommentare,
auf die Justin so oft verweist, unsere vier Evangelien waren. Lippe lt hat in
seiner schon wiederholt zitierten Schrift neuerdings den Beweis zu erbringen
versucht, die d.ioii n/iiov: nuara Justins seien eine Evangelien -Harmonie gewesen
und diese habe Tatian ins Syrische übertragen. Für unsern nächsten Zweck ist
die Frage belanglos. Aber allerdings erhält durch diese Annahme die Tatsache
eine sehr befriedigende Erklärung, daß Justin nirgends die Namen der Verfasser
seiner dnofJWtfWvt'öfLia nennt, während er doch 197mal die Verfasser alttestament-
licher Schriften namhaft macht. Vgl. S. 94ff. Bousset, Die Evangelienzitate, S. 51,
und Zahn (Gesch. d. Kan., I, 536 f.) haben diese Hypothese freilich laugst ab-
gelehnt.
6
) Vgl. auch Harnack, Chronol., S. 682. — Bereits in seiner Oratio ad
teeofl nach Harnack wohl später als ca. 155 verfaßt) zitiert Tatian Joh. 1, 5
alfl Schriftwort (cap. L8: VO&tö fniiv (loa FÖ .•
ioi/urroi').
33

gleiche Wertung derselben, beziehungsweise des vierten Evangeliums


seitens Justins. Vergebens bemüht sich Kreyenbühl ) darzutun, daJ3 1

Tatian trotzdem das vierte Evangelium nicht für apostolisch gehalten


habe, da nicht nur die Möglichkeit vorliege, daß das Diatessaron
häretisch gewesen, das heißt im Interesse und Geiste der enkratitischen
Gnosis ausgearbeitet worden sei, sondern sich auch Spuren davon fän-
den, daß Tatian es in Hinsicht auf die Geschichtserzählung und Chro-
nologie den übrigen Evangelien nicht gleichgestellt habe. ) Ephräm,
2

dessen höchster Ruhm in der Bekämpfung von Irrlehrern, wie Marcion


und Bardesanes, bestand, bezeugt durch seinen Kommentar zum Dia-
tessaron doch wohl, daß er wenigstens von offener Häresie nichts
gefunden. 3 )
Auch Theodoret von Cyrus macht Tatian keinerlei Zusatz
gegen die evangelische Wahrheit zum Vorwurf, sondern tadelt es nur,
daß er die Genealogien weggeschnitten habe und alles andere, was sonst
auf die Geburt des Herrn aus dem Samen Davids dem Fleische nach
hinweise. 4 ) Ebedjesu barBerika bezeugt ausdrücklich, daß Tatian
kein einziges Wort aus seinem eigenen hinzugefügt habe. 5 ) Und
wäre Tatians Werk in häretischer Tendenz abgefaßt, so diente es nur
zur Bestätigung des Irenäischen Wortes Tanta est circa evangelia
:

flrmitas, ut et ipsi haeretici testimonium reddant eis. 6 ) Hinsichtlich


der Einordnung des vierten Evangeliums in Tatians Diatessaron aber
will Kreyenbühl nichts wissen, oder was wahrscheinlicher ist, er weiß
nichts davon, wie nach Zahns epochaler Rekonstruktion des Dia-
tessaron Tatian, wie er mit Joh. 1, 1 beginnt 7 ) und wahrscheinlich
mit Joh. 21, 25 schließt, so sein Schema von dem Lebensgange
Jesu gerade hauptsächlich aus Johannes genommen, und
wie Zahns Forschungsresultat durch das von Ciasca edierte arabische
Diatessaron, das in der Regel sowohl betreffs der Anlage im großen
als in der Zusammensetzung im kleinen ein treues Bild des syrischen
Diatessaron bietet, im großen und ganzen in glänzender Weise bestätigt

1
)
S. 80 f.
2
)
Kreyenbühl beruft sieb biebei auf das Dictum Harnacks (Zeitschr. f.
Kircheugesch., 1881, S. 492): Tatian ordne das vierte Evangelium noch der syn-
optischen Stoffgruppierung völlig unter; er erzähle nacb Matthäus, die Johannei-
seben Perikopen würden, so gut es gehe, untergebracht; der Chronologie des
vierten Evangeliums habe also Tatian noch nicht getraut. Aber dieses Urteil
Harnacks ist längst überholt. Vgl. Chronol., S. 682.
3 Vgl. Hjelt, S. 21 f.
4
)
Haer. fabul., I, 20 (Migne, P. G., 83, Sp. 372).
5) Vgl. Hjelt, S.36.
6 Adv.
)
haer., HI, 11, 7.
7
)
Wird auch von Bar Salibi ausdrücklich bezeugt (vgl. Hjelt, S. 40).

3
;

M
Wird, BO zwar, dafl das von Zahn aufgestellte chronologische Grund-
Bchema Bioh nur in einem Punkte als nicht richtig erwies. Im einzelnen
aber steht er Evangelium kaum viel freier gegenüber
dem vierten
als den Synoptikern. Man wird demnach inskünftig das Zeugnis des
1
)

Justin für die Anerkennuno- und Benutzung des vierten Evangeliums


um die Mitte des 2. Jahrhunderts so wenig ganz ruhig außer Spiel
Lassen dürfen, daß es vielmehr fortan mit noch größerer Sicherheit
hiefür angerufen werden kann und muß.
Es bleiben nun etwa nur noch die von Epiphanius 2 ) sogenannten
A loger, die das vierte Evangelium als unj oh anneisch verwarfen und
es Cerinth zuschrieben und die Kreyenbühl wiederholt als seine Kron-
zeugen für die Streitigkeiten um das vierte Evangelium in der Groß-
kirche anruft, 3 ) und der „kirchlich gesinnte und gelehrte römische
Presbyter" Gaius (am Anfange des 3. Jahrhunderts), dessen letzten
Angriff auf das vierte Evangelium Hippolytus in einer eigenen Schrift
zurückgewiesen haben soll. 4 )
Die Aloger hielten sich nun freilich nicht in Rom auf, sondern
in Thyatira, und werden wir uns im übrigen noch an anderer Stelle
mit ihnen befassen; was aber den Gaius betrifft, der vielleicht weder
Presbyter 5 ) noch ein kirchlich gesinnter Mann 6 ) war, so weiß weder
Eusebius 7 ) noch wissen die von J. Gwynn edierten fünf Bruchstücke
aus den Capita Hippolyti adversus Caium 8 ) etwas von seinem Angriff

!) Hjelt, S. 62 f. 70; Bardenhewer, S. 255; Zahn, Gesch. d. Kan., II,


">54ff. — Wenn aber Kreyenbühl noch weiter geht und behauptet (S. 544 ff.),
Justin kenne tatsächlich das vierte Evangelium und seinen Verfasser genau, aber
den wirklichen Verfasser und den wirklichen Charakter des Evangeliums, er kenne
das vierte Evangelium als das ketzerische „Evangelium der Wahrheit" und halte
den Verfasser, den Gnostiker Menandros, für einen Erzketzer und der Johannei-
sche Christus sei mit dem Magier Menandros identisch, so können wir ihm nicht
mehr folgen.
2
)
Haer. 51, 3 ; vgl. Philastrius, Haer. 60. — Die Identität der Aloger mit den
von Irenäus (Adv. haer., III, 11, 9) geschilderten Irrlehrern scheint gewiß zu sein.
(Vgl. Zahn, Gesch. d. neutest. Kan., I, 225 ff. ; H a r n a c k, Das N. Test, um 200, S. 62
Holtzmann, Einl., S. 469; Belser, Einl., S. 309. Anders Hilgenfeld, Zeitschr.
f. wiss. Theol., 1889, S. 337 ff.)

3) S. 5. 354.
4) Kreyenbühl, S. 548.
"';
Eusebius gibt ihm diesen Titel nirgends.
Eusebius, Hist. eccl., II, 25, 6 nennt ihn zwar 6xxh]GLaOT ixög
°) üvyg, aber
Bar Salibi (sieh Anm. 8) bezeichnet ihn doch dreimal als Ketzer.
') Vgl. Hist. eccl., II, 25, 6; III, 28; 31, 4; VI, 20.
8
) Aus dem Cod. Rieh 7185, Brit. Museum, saec. 14., wahrscheinlich Ex-
zerpte aus dem syrischen Kommentar des Bischofs Bar Salibi; deutsch übersetzt
von Harnack Texte u. Untersuch., VI, 3, 121 ff.) und von Zahn (Gesch. d. Kan.,
II, 974 ff
35

auf das vierte Evangelium, letztere beweisen vielmehr, daß Gaius 1 )


seine Angriffe auf die Jolianneisclie Apokalypse beschränkte und da ;

ferner Hippolyt zur Widerlegung an einer Stelle das des Gaius


2
Johannes-Evangelium ) als Instanz vorführt, so ergibt sich, daß Gaius
mit Hippolyt in der Anerkennung des vierten Evangeliums einig
gewesen sein muß. 3 ) Hippolyts Apologie 4 ) richtet sich gegen die
Aloger. 6 ) Weiß Kreyenbühl auch von dem allem nichts?
Resultat: Vom hartnäckigen und langen Kampfe, der in der
römischen Kirche um die Anerkennung des vierten Evangeliums
geführt worden sein soll, ist schlechterdings nichts zu entdecken.
Ein gewaltiges Argument gegen die Glaubwürdigkeit des Irenäi-
schen Zeugnisses findet Kreyenbühl endlich auch darin, daß sich
Irenäus mit der Anerkennung der Apostolizität des vierten Evangeliums
eines schroffen und unlösbaren Widerspruchs mit dem synoptischen
Berichte schuldig mache und die Wahrheit der synoptischen Evangelien
preisgebe, deren kanonisches Ansehen er doch mit hohen Worten
preise. Sich stützend auf die Darstellung des vierten Evangeliums,
habe er ein eigenes Kapitel (II, 22) dem Nachweise gewidmet, daß
die Wirksamkeit Jesu nicht nur ein einziges Jahr gedauert, sondern
Jesu Lebenszeit alle Lebensalter umfaßt habe und seine Tätigkeit
eine mehrjährige (dreijährige) gewesen sei. Die Synoptiker dagegen
wüßten nur von einer einjährigen Wirksamkeit Jesu zu erzählen und
eine etwa dreijährige Wirksamkeit stehe im Widerspruche mit allen
anderen geschichtlichen Berichten. Die Sache werde nicht besser, wenn
Irenäus sich neben dem Zeugnisse des Evangeliums auf das Zeugnis aller
Presbyter berufe, die in Asien mit Johannes, dem Jünger des Herrn,
Umgang gehabt und ebenfalls erklärt hätten, Johannes habe (mündlich)
die Tatsache einer mehrjährigen Wirksamkeit Jesu bezeugt, er habe
bezeugt, daß Jesus in seiner Lehrwirksamkeit in das höhere Alter,
in die aetas senior eingetreten sei (II, 22, 4), ja, die auch von anderen
Aposteln dieselbe Tatsache vernommen hätten vielmehr mache Irenäus ;

dadurch alles unsicher, auch den apostolischen Ursprung des vierten


Evangeliums. Wie habe Johannes, der das Leben Jesu miterlebt, eine
dreijährige Wirksamkeit Jesu bezeugen können? Wie hätten die
Presbyter so etwas vom Zebedäiden gehört haben können? )
x
) In seinem Dialog mit Proclus (Eusebius, Hist. eccl., II, 25, 6).
2
)
Fragm. 5 (Joh. 14, 30).
3
)
Vgl. Harnack, a. a. 0. S. 128; Zahn, S. 983.
4
) Yjzeq tov xaza icoavrjv evayyehov zat ajioxahwipecog (Bunsen, Hippo-
lytus, I, 210).
5
)
Zahn, Gesch. d. Kan., II, S. 983.
6
)
S. 57. 58. 60. — Hiezu macht Kreyenbühl noch die liebenswürdige Be-
merkimg: Irenäus sei in diesem seinen Verhalten das Vorbild so vieler kirchlich
3*
36

nun freilich weder neu noch unwiderlegt. Da aber


dies ist
Kreyenbühl seine Behauptungen mit so selbstverständlicher Gewiß-
heit aufstellt, daß er nicht einmal einen Beweis hiefür für nötig
i dürfte eine neuerliche Beleuchtung der bezüglichen
klage wenigstens hinsichtlich einiger entscheidender Punkte am
Platze sein.
Im voraus sei auf eine, wie sich bald zeigen wird, nicht un-
wesentliche Ungenauigkeit Kreyenbühls aufmerksam gemacht. Ein-
mal nämlich läßt er den Irenäus auf Grund des vierten Evangeliums
nachweisen, daß Jesu Wirksamkeit nicht nur ein einziges Jahr
gedauert, sondern daß seine Lebenszeit alle Altersstufen umfaßt
habe. Gleich darauf läßt er ihn aber durch das Evangelium und die
Presbyter nicht bloß die aetas senior, sondern wiederholt auch eine
mehrjährige (dreijährige) Wirksamkeit
Jesu bezeugen. Damit
wird einerseits ein Gegensatz konstruiert, der gar nicht besteht, und
andrerseits werden zwei verschiedene Dinge durcheinander gemengt.
Weder bildet eine einjährige öffentliche Wirksamkeit einen Gegensatz
zu einer Lebenszeit, die alle Altersstufen umfaßt, noch ist die aetas
senior dasselbe wie mehrjährige Wirksamkeit.Die aetas senior läßt
sich gar wohl auch mit einer einjährigen Wirksamkeit vereinen und
muß von einer mehrjährigen Tätigkeit unterschieden werden. Irenäus
setzt denn auch in Wirklichkeit der einjährigen Wirksamkeit Jesu
eine mehrjährige und dem Alter von 30 Jahren ein höheres Alter
(aetas senior) entgegen.
Das Presbyterzeugnis wie die vermeintliche Aussage des vierten
Evangeliums über die aetas senior Jesu muß jedoch in einem andern
Zusammenhange noch einmal zur Sprache kommen. Wir sehen des-
halb an dieser Stelle hievon ab und halten uns hier ausschließlich
an die von Irenäus tatsächlich behauptete mehrjährige Wirksamkeit
des Herrn, um die von Kreyenbühl hieraus gezogenen Folgerungen
zu beleuchten, wobei präzis dessen oben skizzierte Darlegung be-
rücksichtigt werden soll.
Wir fragen nun zunächst Widerspricht die Annahme des Irenäus
:

von einer mehrjährigen öffentlichen Wirksamkeit Jesu in der Tat


allen anderen geschichtlichen Berichten? Kreyenbühl drückt sich, in
diesem Satze etwas allgemein aus. Versteht er „unter allen anderen
geschichtlichen Berichten" nur die synoptischen Berichte? Wenn ja
(dem Wortlaute nach ist dies nicht wahrscheinlich), so sei auf das
folgende verwiesen; wenn nein, welch andere Berichte außer den

gesinnter Nachfolger geworden, welche lieber die Geschichte leugnen und auf
den Kopf stellen als sich ein Jota von ihrem Aberglauben an die kirchliche
l hfilit-ferung rauben lassen.
37

synoptischen hat er im Auge ? Doch wohl die auJJerbiblischen Zeugnisse


aus der Urzeit des Christentums?
Und wirklich behaupten, abgesehen von den Gnostikern, die
diese Anschauung wie als Gemeingut teilten, *) nicht wenige christliche
Schriftsteller des Morgen- und Abendlandes seit Beginn des 3. Jahr-
hunderts eine einjährige öffentliche Wirksamkeit Jesu, so Klemens
Alex., Origenes (mit einigem Schwanken), Tertullian, Julius Africanus,
Ephräm, Hippolyt und andere. 2 ) Doch bezeugen ebensoviele eine mehr
als einjährige Tätigkeit, so eine zweijährige, z. B. Apollonius von

Laodicea, Epiphanius, Chrysostomus, Cyrillus Alex., eine dreijährige


bereits Melito von Sardes, Ignatius von Antiochia, 3 ) Eusebius, Cyrill
von Jerusalem, Theodoret von Cyrus, Hieronymus, 4 ) eine vierjährige
bereits Evodius, der Vorgänger des Ignatius. 5 )
Somit widerstreitet die Annahme einer mehrjährigen Wirksam-
keit Jesu mit nichten „allen anderen geschichtlichen Berichten".
Wir fragen weiter: Hat sich Irenäus mit seiner Annahme eines
schroffen und unlösbaren Widerspruches mit dem synoptischen Be-
richte schuldig gemacht und die Wahrheit der synoptischen Evangelien
preisgegeben? Gewiß, wenn der synoptische Bericht in der Tat nur
von einer einjährigen Tätigkeit Jesu zu erzählen weiß und eine mehr
als einjährige Wirksamkeit zweifellos ausschließt.
Dagegen fällt nun zwar schon der Umstand nicht unschwer in
die Wagschale, daß sämtliche Vertreter einer mehrjährigen Wirksam-
keit, denen doch auch der synoptische Bericht vorlag, sich eines
solchen Widerspruchs nicht im geringsten bewußt waren. Und Männer,
wie Eusebius, waren keine kritiklosen Leute. Doch soll hierauf eben-
sowenig ein besonderes Gewicht gelegt werden, als auf die keines-
wegs „nahezu ungereimte", 6 ) vielmehr, wie auch mich dünkt, sehr
wohl begründete Meinung, daß der Rahmen einer einjährigen Tätigkeit
Jesu schon für die Fülle der von den Synoptikern erzählten Begeben-

1
)
Irenäus, Adv. haer., I, 3, 3; II, 22, lff. ; Epiphanius, Haer. 51.
2
)
Vgl. über das Nähere: Na gl,
Die Dauer der öffentlichen Wirksamkeit
Jesu, Katholik, 1900, S. 200 ff. ; v. B ebb er, Zur
Chronologie des Lebens Jesu,
1898, S. 155 ff. B eis er, Zur Hypothese von der einjährigen Wirksamkeit Jesu,
;

Bibl. Zeitschr., 1903, S. 56 ff. Belser bestreitet wohl mit Recht Nagls Meinung,
die Annahme einer einjährigen Wirksamkeit gehe durch Klemens Alex, auf die
Gnostiker zurück. Im übrigen berührt uns die Frage nach der Quelle der Zeug-
nisse über die Dauer der Wirksamkeit des Herrn (vgl. Nagl, S. 417 ff.) hier nicht.
3) Ad Trall. (altera rec, X, 5).

4) Vgl. bei Nagl, S. 318 ff.


5
)
Vgl. Resch, Agrapha, 4. —
Vgl. auch Stephan Gobarus bei Migne,
P. G., 103, 1101.
6) Belser, Bibl. Zeitschr., S. 173.
38

lu'iton als zu enge erscheint, 1


) nur darf man nicht bloß nach der
Anzahl der Kapitel rechnen. Wohl aber fordert eine andere unleugbare
Tatsache eine nachdrücklichere Beachtung und "Würdigung, als sie
gemeiniglich rindet, die Tatsache der nicht selten nicht bloß summari-
schen, sondern auch absichtlich lückenhaften Berichterstattung, in der
die Synoptiker so manches verschweigen, was sie augenscheinlich und
erwiesenermaßen wußten.
Die Erklärung dieser Tatsache ist nicht Aufgabe unserer Unter-
siuliung; auch die Tatsache selbst braucht nicht erst im einzelnen,
erwiesen zu werden. 2 ) Gleichwohl soll hier, weil es im Gang der
Darlegung nicht entbehrt werden kann, neuerdings folgendes fest-
gestellt werden. Ist Luk. 4, 44 die meist unbeachtete, aber bestens
bezeugte und auch als lectio difficilior kaum als Korrektur zu beur-
teilende Variante: vrjg lovdalag echt, 3 ) so ist klar, daß Lukas von der
im vierten Evangelium berichteten anfänglichen Tätigkeit Jesu in
Jerusalem und Judäa, also auch von dem Joh. 2, 13 erwähnten Passah
Kenntnis hatte. 4 ) Ferner kann Luk. 13, 34 (Matth. 23, 37, vgl. auch
Luk. 19, 42) ohne Künstelei und Willkür unmöglich anders als dahin
verstanden werden, daß Jesus zu verschiedenen öfteren Malen die
Einwohner von Jerusalem für sich zu gewinnen versucht, also zu
verschiedenen öfteren Malen in Jerusalem seine Wirksamkeit entfaltet
hat, 5 ) wenn auch der synoptische Bericht im einzelnen hierüber
schweigt. Diese Tatsache nun dürfte im Zusammenhalt mit der Fülle
des ausdrücklich Erzählten denn doch eine mehr als einjährige Wirk-
samkeit Jesu in hohem Grade wahrscheinlich machen. Dazu kommt,
daß es bei den Synoptikern, zumal bei Lukas, nicht an positiven An-
gaben fehlt, welche diese Wahrscheinlichkeit zum mindesten noch
verstärken, wenn nicht zur Gewißheit erheben. Auch diese sind weder
unbekannt noch unbesprochen; trotzdem soll angesichts jüngster Ein-
reden nicht völlig über sie hinweggegangen werden.
i) Vgl. die Ausführungen bei Nagl, S. 494 f.; Kaulen, Einl. 4 , 3. Teil, S. 88.
2) Zahn, Einl., II, S. 161 ff. 208. 286. 324. 440 ff.; Nagl, a. a. 0.
Vgl. z. B.
S. 494 f.; Beyschlag, Stud. u. Kr., 1898, S. 79 ff.
3) Vgl. Zahn, Einl., II, 373. 389, Anm.
4
)
Vgl. überdies Westcott: Matth. 4, 12 und Mark. 1, 14 haben nur einen
Sinn unter der Voraussetzung einer Tätigkeit Jesu in Judäa, welche diese Bücher
nicht erzählen.
Vgl. Zahn, Einl, II, S. 442; H. Wendt, Das Johannes-Evangelium (1900),
5
)

S. 8 H. Zimmermann, Stud. u. Kr., 1903, 4; Godet, Komm. z. Ev. d. Joh. 4


ff.; ,

S. 71. Übrigens hatte bereits Strauß, Leben Jesu (1864), S. 249, anerkannt: Hier

sind alle Ausflüchte vergebens und man muß bekennen: sind dies wirkliche Worte
Jesu, so muß er öfter und länger, als es den synoptischen Berichten nach scheint,
in Jerusalem tätig gewesen sein. Vgl. noch weitere Gründe für Jesu Wirksamkeit
in Jerusalem bei Beyschlag, Stud. u. Kr., 1874, S. 673 ff.
39

Luk. 6, 1 versetzt fast mit Gewißheit in eine Osterzeit mitten


in der öffentlichen Tätigkeit Jesu, die nicht das Todespassah sein
9
kann. Ev oaßßdrco auch nach meinem Dafürhalten
devTSQOJVQobvQ) wird
von Chwolson ) treffend auf den ersten Sabbat nach dem sieben-
1

tägigen Passahfeste bezogen, welcher der wirklich erste von den sieben
Sabbaten nach Passah bis Pfingsten war und der zum Unterschiede
von dem in die Passahoktave fallenden groJßen Sabbat, 2 ) mit dem die
erstevon den sieben Wochen zwischen Passah und Pfingsten begann
und also sozusagen der erste erste Sabbat war, der zweite erste ge-
nannt wurde, um bei der Zählung nach Sabbaten nicht auf acht zu
kommen. 3) Und wäre devvsQOJiQcbvq), trotzdem eine nachträgliche Ein-
schiebung in die Mehrheit der Handschriften wegen seiner Dunkelheit
kaum denkbar ist, unecht, 4 ) so bleibt immer noch die reife Saat und
das Ährenpflücken der Jünger, was wohl auf dieselbe Zeit führt, 6 )
5
)

da die Annahme einer Sommersaat nicht geringen Bedenken unter-


liegt. 7 ) Dem Einwände Belsers, wenn es zur Zeit des Vorfalles Ostern
x
) Das letzte Passahmahl Jesu (1893). Vgl. Zimmermann, Stud. u. Kr.,
1903, 4.

2) Joh. 19, 81.


3
)
In ähnlichem Sinne erklärt den Ausdruck bereits Isidor vonPelusium
(Epist., 3, 110) von einem solchen Sabbat, während er in gewissem Sinne
der,
erster gewesen, in anderem Sinne die zweite Stelle eingenommen habe. Eustath.
(Vita Eutych., 95) bezeichnet mit devzsgojigcöv^ xvgtaxr) den Sonntag nach Ostern. —
Der Ausdruck ganzen Gräzität nicht.
findet sich weiter in der

)
4Fehlt in X^L, einigen Minuskeln und Versionen und wurde von namhaften
Kritikern teils getilgt (T regelles, Weiß u. a.), teils als zweifelhaft bezeichnet
(z. B. Westcott). —
Die Erklärung Belsers (Bibl. Zeitschr., 1903, S. 61), der das
Wort für zweifellos interpoliert ansieht, so daß es fernerhin aus der Diskussion
völlig auszuscheiden habe: Im Blick auf ev ezegq> aaßßdzq) 6, 6 habe einer 6, 1
ein ngcözq) an den Rand geschrieben und ein späterer über letzteres mit Rücksicht
auf 4, 31, wo gleichfalls ein Sabbat genannt sei, ein devzegq> gesetzt; ein dritter
endlich habe die Interpolation besorgt, indem er aus ngcozq) und devuegq) das
Monstrum devvegöJigoTov geschaffen, ist vielleicht, trotz des sehr komplizierten
Vorganges, an sich nicht ganz unmöglich. Freilich müßte odßßaotv 4, 31 gegen
den lukanischen Sprachgebrauch (vgl. 6, 1.6.7; 13, 14 ff.; 14, 1.3.5; 23, 54.56)
und gegen i)v öiödoxcov von einem einzelnen Sabbat gefaßt worden sein. Doch
bleibt noch immer die Frage unbeantwortet, wie dieses einzig dastehende „Mon-
strum" in die Mehrheit der Handschriften eindringen konnte.
5) Matth. 12, 1; Mark. 2, 23. «) Lev. 23, 10 f. —
7
) Vgl. Ewald, Das Hauptproblem der Evangelienfrage (1890), S. 52: Die
Zeit, da die Ähren reif waren, muß jedenfalls Frühling gewesen sein. Zahn,
Einl. II, 441 Schriftstellern, welche nirgendwo Beweise blödsinniger Gedankenlosig-
:

keit gegeben haben und welche sich mit den jüdischen Sitten und den natürlichen
Verhältnissen in Palästina so wohl vertraut zeigen, ist doch nicht zuzutrauen, daß
sie sich diese Szene im Herbst oder Winter vorgestellt haben. Sie wußten, daß der
Anfang der Ernte mit der Passahzeit zusammenfiel, daß also von da bis zum
40

gewesen wäre, 1
) so hätten sich weder
noch Jesus selbstdie Pharisäer
in Galiläa, sondern in Jerusalem aufgehalten, trägt Chwolsons Deutung
genügend Rechnung, da die Anwesenheit in Jerusalem während der
ganzen Passahoktave nicht gefordert wurde. 2)
Ferner kann Matth. 14, 13 ff., Mark. 6, 34 ff., Luk. 9, 12 ff. =
Joh. 6, 4 ff. nicht ohne weiteres bei Seite gelassen werden, wie dies
von Belser geschieht. Die Aussagen Mark. 6, 39: im reo %1<j)Q(]) '/oqvco
und Joh. 6, 10: yoovog noXvg führen, selbst abgesehen von
))v öi-

Joh. 6, 4, doch viel eher auf das Frühjahr als auf den Herbst; 3 ) dabei
ist das Frühjahr des Anfanges und des Endes der öffentlichen Wirk-
samkeit unzweifelhaft ausgeschlossen. "Weiter versetzt Matth. 17, 23 ff.
in den Monat Adar (ungefähr März), da dieser Monat der Termin für
die Zahlung der Doppeldrachme war, 4 ) und es erscheint mir keines-
wegs zweifellos, da!3 dieses Ereignis „mehrere Wochen vor dem
Leidenspassah" fiel, 5 ) da in jenen Wochen von einem Aufenthalt
Jesu in Kapharnaum wohl keine Rede sein kann. 6 ) Endlich wird
auch Lukas 13, 6 ff. von vielen Exegeten 7 ) nicht ohne Grand, wie
ich glaube, für eine mehrjährige Wirksamkeit angezogen.
Auf all dies hin kann mit vollster Sicherheit wenigstens so viel
festgestellt werden, daß die synoptischen Berichte nicht nur nicht
bloß von einer einjährigen öffentlichen Tätigkeit Jesu zu erzählen
wissen und eine mehrjährige ausschließen, daß sie vielmehr mit größter
Wahrscheinlichkeit eine mehr als einjährige Wirksamkeit postulieren.
Zugleich ist auch durch die Feststellung des wiederholten Auf-

Todespassah mindestens noch ein volles Jahr verstrichen sei. Vgl. noch Belser,
Tüb. theol. Quartalschr., 1899, S. 130: Die Annahme von Sommersaaten sei gesucht
und künstlich. 1900, S. 34, Anm. Solange Palästina bestand und bestehn wird, ist
:

die Zeit der Ernte der Monat April, nicht August. Bibl. Zeitschr., 1903, S. 167:
Er habe im Jahre 1893 selbst erfahren, daß in Palästina auch in den Frühlings-
monaten nicht selten reichlich Regen falle und Sommersaaten wohl gedeihen!
i)
Bibl. Zeitschr., 1903, S. 61 ff.

2
)
Vgl. Knabenbauer, Comm. in Lucam zu 2,43, S. 142.
3 Vgl. z. B. Knabenbauer, Comm. in Marcum zu 6, 39, und Stimmen aus
)

Maria-Laach, 1898, 9. Heft, S. 434.


4
)
Mischna, Trakt. Schekalim, I, 1 u. 3. Vgl. Schür er, Gesch. d. jüdischen
Volkes im Zeitalter Jesu Christi, 3. Aufl., II, S. 259.
5
)
Belser, Bibl. Zeitschr., S. 174.
8 Sepp-Haneberg, Das Leben Jesu, 4. Aufl., 2. Bd., S. 382, setzt das
Ereignis vor dem zweiten Osterfeste an. Vgl. auch Knabenbauer, Comm. in
evang. sec. Matth. zu 17, 23; danach konnte die Tempelsteuer auch zur Zeit des
Pfingst- und Laubhüttenfestes bezahlt werden.
7
) Vgl. G. L. Hahn, Das Evang. d. Luk., 1894, II, S. 221, und die dort ver-
zeichnete Literatur; L. Fonk, Die Parabeln des Herrn, 1902, S. 422; Beyschlag,
Stud. u. Kr., 1898, S. 80.
41

tretens Jesu in Jerusalem dem einzigen Argumente, das mit einigem


Gewichte gegen eine mehrjährige Tätigkeit des Herrn geltend gemacht
wird, Grund und Stütze entzogen. Ich meine das angebliche völlige
Schweigen der Synoptiker über Teilnahme Jesu an den Haupt- die
festen des jüdischen Kirchenjahres in Jerusalem, wie sie doch durch
das Gesetz des Moses allen männlichen Israeliten in aller Strenge
geboten war, 1 ) Sie schweigen in Wirklichkeit nicht. Jesus unterzog
sich dem Gesetze der Festbesuche; die Gründe, die hiefür auch B eiser
vorführt, 2 ) sind nicht zu widerlegen. 3 ) Und selbst wenn es wahr wäre,
was Na gl 4
) unter Berufung auf Biehm 5
) behauptet, es sei zweifelhaft, ob
dies Gesetz in der nachexilischen Zeit noch Geltung gehabt, so dispen-
sierte sich Jesus von der Teilnahme an den Hauptfesten seines Volkes
nicht. Nichts ist mir gewisser. Welch passendere Gelegenheit hätte
er gefunden für die Entfaltung seiner messianischen Wirksamkeit? Die
Synoptiker führen uns zwar Jesu Festbesuche nicht im einzelnen vor,
aber sie schweigen darüber nicht. Das durch Lukas und Matthäus
bezeugte wiederholte Auftreten Jesu in Jerusalem fällt, selbst ab-
gesehen vom vierten Evangelium, mit dessen Festbesuchen zusammen.
Wollte man
aber das Schweigen der Synoptiker über die einzelnen
Festbesuche Jesu pressen, dann wäre es auch um die einjährige
Wirksamkeit geschehen, da sie wenigstens vom Besuch des Oster-
und Pfmgstfestes dieses einen Jahres nichts zu erzählen wissen und
nur Reisen zum Laubhütten-, Kirchweih- und letzten Passahfeste von
Lukas angedeutet zu werden scheinen. 6 Und wie wollte man dann )

die oftmalige Anwesenheit Jesu in Jerusalem erklären?


Doch angenommen, eine einjährige Tätigkeit Jesu stünde nach
dem synoptischen Berichte völlig sicher, macht in diesem Falle —
Irenäus durch seine widersprechende, auf das vierte Evangelium und
das Zeugnis der Presbyter sich stützende Behauptung den apostolischen
Ursprung des Evangeliums unsicher? Ohne Zweifel, wenn die Presbyter
den Apostel Johannes und die übrigen Apostel von einer mehrjährigen
Wirksamkeit erzählen hörten. Aber Kreyenbühl irrt auch sehr, wenn

i) Exod. 23, 17; Deuteron. 16, 5. 16.


2 Bibl. Zeitschr., 1903, S. 61
) ff.

3Die Frage, ob nicht Jesus im Bewußtsein seiner Gottessohnschaft und


)

Messianität in besonderen Umständen sich an das Gesetz der Festbesuche nicht


gebunden erachtete und von der Festesanteilnahme Umgang nahm, möchte ich
unbedingt bejahen. Joh. 7, 2 ff. (11, 56) spricht entschieden dafür. Vgl. die richtige
Erklärung der Stelle bei Nagl, S. 490.
4 Katholik, 1900,
) S. 494.
5
)
Handwörterbuch 2 ,
I, S.448. Sepp behauptet dasselbe. (Leben Jesu, IV, 1.)
6
)9, 51; 13, 22; 17, 11. Vgl. Cornely, Introd., III, S. 291ff; Knaben-
bauer, Coram. in Luc, pag. 21; Hahn, a. a. O. I, S. 63 ff.
:

\2

er den Irenäus für eine mehrjährige Tätigkeit Jesu sich auf


das Zeugnis der Presbyter berufen läßt. Wofür Irenäus nebst dem
Evangelium die Aussagen der Presbyter, beziehungsweise des Apostels
Johannes und der übrigen Apostel anruft, ist etwas ganz anderes,
ist einzig und allein die aetas senior der Wirksamkeit Jesu, ist

nur die Tatsache, daß Jesus in einem höheren Alter sein Lehramt
ausgeübt habe. Und nochmals sei es gesagt: Die aetas senior hat an
sich mit der Dauer der öffentlichen Wirksamkeit gar nichts zu tun.
Eine mehrjährige Tätigkeit deduziert Irenäus ausschließlich
aus dem vierten Evangelium. Das genüge hierüber an dieser
1
Stelle. )

Trotzdem, man muß auch dieses zugeben, stünde es unter


der oben genannten Vo raussetzung schlimm genug um den
apostolischen Ursprung des vierten Evangeliums, wenn dieses eine ein-
jährige Wirksamkeit zweifellos positiv ausschlösse. Ist dies in Wirklich-
keit der Fall ? H. Holtzmann erklärt 2
) Fiele (im 4. Evangelium)
rö .T(io/a 6, 4 aus würde der äußere
und wäre 5, 1 = Pfingsten, so
Rahmen des Johanneischen und des synoptischen Lebens Jesu der
gleiche bleiben. Nun ist es niemandem unbekannt, wie 5, 1 tatsächlich
von nicht wenigen auf das Pfingstfest bezogen 3 ) und vb naaia 6, 4
nicht selten trotz der glänzendsten Bezeugung durch alle vor-
handenen Handschriften des Urtextes und durch alle Versionen aus
äußeren und inneren Gründen als unecht oder wenigstens als ver-
dächtig beurteilt wurde. 4 ) Danach ließe sich auch das vierte Evan-
gelium gar wohl mit einer einjährigen Tätigkeit Jesu vereinbaren, 5 )
und die gegenteilige Ansicht des Irenäus erschiene als rein subjek-
tive Exegese, die weder das Evangelium selbst tangierte noch auch
die Glaubwürdigkeit seines apostolischen Ursprungs beeinträchtigte.

i) Vgl. oben S. 36.


2) Einl. 3 , S. 429.
3
)
H. Holtzmann (Einl. 429, Anm.3) behauptet, daß diese Erklärung von den
meisten patristischen und reformistischen Exegeten vertreten werde. Vgl. Schanz,
Komm. üb. d. Ev. Joh., zur Stelle; Na gl, S. 494; B eis er, Bibl. Zeitschr., S. 189.
4
)
Westcott
bezeichnet die Lesart als „perhaps a primitive interpolation"
imd verteidigt sein Urteil ausführlich im Appendix (pag. 77—81) hauptsächlich auf
Grund der Zeugnisse der altern Väter und Kirchenschriftsteller. Vgl. auch B ebb er,
Zur Chronologie, S. 154 ff., und Katholik, 1899, S. 206 ff; B eis er, Bibl. Zeitschr.,
S. 170 f. Belser verweist insbesondere gerade auf Irenäus, der an der Stelle kein
Osterfest gefunden.
:>
) Vgl. darüber neuestens Belser, Zur Hypothese von der einjährigen Wirk-
samkeit Jesu; S. 55 160 ff. Ein Urteil über Belsers Er-
Bibl. Zeitschr., 1903, ff'.

örterungen braucht hier nicht abgegeben zu werden. Ich müßte fast in jedem
einzelnen Punkte widersprechen.
t8

Somit erweisen sich Kreyenbühls Behauptungen auch hier Punkt


für Punkt als haltlos.
Resultat: Die vorgeführten Einreden Kreyenbühls gegen die
Glaubwürdigkeit des Irenäischen Zeugnisses vom apostolischen Ur-
sprung des vierten Evangeliums sind „ohne allen Wert und Belang".

f III.

Die Quellen des Irenäus.


Wir treten nunmehr an die positive Untersuchung der Glaub-
würdigkeit des Irenäischen Zeugnisses vom Johanneisch-apostolischen
Ursprung des vierten Evangeliums heran. Es handelt sich hieb ei
wesentlich um die unparteiische gewissenhafte Beantwortung der
Frage, ob Irenäus die Wahrheit über den Ursprung des vierten
Evangeliums glaubwürdige Vermittlung wissen konnte, be-
durch
ziehungsweise wissen mußte, oder, mit anderen Worten, ob es eine
glaubwürdige, vom Evangelium selbst unabhängige Überlieferung
gab, aus der Irenäus sein Zeugnis schöpfte. Die Untersuchung soll
völlig voraussetzungslos geführt werden, und wir können dies, ohne
den positiv katholisch-gläubigen Standpunkt im mindesten zu ver-
leugnen, umso leichter tun, als es für uns weder bezüglich des kanoni-
schen Ansehens noch bezüglich der geschichtlichen Glaubwürdigkeit
des Evangeliums von ausschlaggebender Bedeutung ist, ob ein Apostel
oder Apostelschüler sein Verfasser ist. 1 ) Nur eines verneine ich im
voraus, nämlich, daß Irenäus etwa wissentlich und absichtlich über
die Abfassung des Evangeliums täuschen wollte, daß Irenäus also
ein Betrüger war. Auch dies kann ich mit umso größerem Rechte
tun, als solches gegenwärtig, soviel ich sehe, mit einer einzigen Aus-
nahme von keiner Seite behauptet wird, je weniger ferner Irenäus
ein Mann ist, um sich Überlieferungen aus den Fingern zu saugen, 2 )
je mehr er im Gegenteil von der vollen Zuverlässigkeit der Über-
lieferung, wie sie der ganzen Welt offenbar und in jeder Kirche für
alle, die die Wahrheit sehen wollen, ersichtlich, 3 ) durch die Abfolge

Gnadengabe der Wahr-


der Vorsteher der Kirche, die die zuverlässige
heit empfangen haben und bei denen die Reinheit und Unbescholten-
heit des Wandels wie die Unverfälschtheit und Unversehrtheit der

1
Vgl. C. A. Kneller, Stimmen aus Maria -Laach, 1897,
)
10, S. 459 ff.:

A.Schäfer, Erklärung des Hebräerbriefes (1893), S. 10.


) Vgl. Jülicher, Einl., 4. Aufl., S. 321; Harnack, Chronol..
2 S. 657.

) HI, 3, 1.
44

Lehre feststeht ) und bewahrt wird, 2 ) überzeugt ist und mit je


1

größerem Nachdruck er verlangt, daß man, was die Kirche gewährt,


mit höchstem Eifer ergreifen und die Überlieferung der Wahrheit
erfassen müsse/')

1. Irenäus und die kleinasiatischen Presbyter.


Die Abfassung des den Apostel
vierten Evangeliums durch
Johannes steht für Irenäus ebenso wie der apostolische Ursprung
der synoptischen Evangelien fragelos fest. In wiederholten und be-
stimmten Ausführungen, deren wir bereits Erwähnung getan, bezeichnet
er die Evangelien als von den Aposteln her überliefert. Aus welchen
Quellen schöpfte er dies? Welche Zeugen standen ihm hiefür zu Gebote?
Es sind vornehmlich die kleinasiatischenPresbyterund Apostel-
schüler, als deren Hörer er sich bekennt, auf die er sich wiederholt
beruft und von denen er Papias undPolykarp mit Namen nennt.
Zwar zitiert Irenäus nirgends ein ausdrückliches Zeugnis derselben
über den Johanneischen Ursprung des vierten Evangeliums, aber es
ist augenscheinlich, daß er sich wie in der übrigen katholischen
Lehre so auch in dieser Sache insbesondere auf ihre Mitteilungen
stützt. 4 )
Nun erhebt sich aber eine Eeihe von Fragen: In welchen Be-
ziehungen stand Irenäus zu den kleinasiatischen Presbytern ? Hatte er
persönlichen Verkehr mit denselben, so daß er sich direkt auf ihre
Zeugnisse berufen konnte, oder hat er, wie Kreyenbühl sich ausdrückt,
diesbezüglich nur leichtsinnig Sind die Zeugnisse der
geflunkert?
Presbyter zuverlässig oder ist Irenäus von ihnen getäuscht worden?
Diese Fragen haben wir nunmehr zu beantworten. Zu diesem Zwecke
können wir nicht umhin, sämtliche Presbyterzeugnisse, auf die sich
Irenäus ausdrücklich beruft, wenigstens mit deren Einführungsformeln
neuerdings namhaft zu machen und, soweit es notwendig erscheint,
auch dem Wortlaute nach vorzuführen. 5 )

i) IV, 26, 2. 4. 5.
2 III, 2, 2.
)
3
)
III, 4, 1. — „Et si de aliqua raodica quaestione disceptatio esset, norme,
oporteret in antiquissimas recurrere ecclesias, in quibus apostoli conversati sunt
et ab eis de praesenti quaestione sumere quod certum et re liquidum est?" —
Vgl. hiezu Bardenbewer, Gesch. d. altkirchl. Literatur, I, S. 513 ff.

4
)
Vgl. Corssen, Zeitschr. f. d. neutest. Wissenschaft u. d. Kunde des Ur-
christentums, 1901, S. 203.
5
)
Presbyteraussagen sind neuestens u. a. zusammengestellt bei
Diese
E. Preuschen, Antilegomena. Die Eeste der außerkanonischen Evangelien und
urchristlichen Überlieferungen (1901), 8. 63—71 (in deutscher Übersetzung S. 152
bis 169), und bei Funk, Patres apostolici, 2. Aufl. (1901), I, S. 378— 383.
:

45

Eine dreifache Gruppe ist zu scheiden. I. Gruppe ) Aussagen l

von Gewährsmännern, deren Beziehungen, sei es zu Irenäus, sei es


zu den Aposteln, in keiner Weise auch nur angedeutet werden und
daher für uns außer Betracht bleiben müssen:
1. c. I, praef. 2: Kaftcog vjtö vov xQeirvovog tj^kov SLQrjtai.
2. I, 13, 3: Ka&cbg ö kqslvvcov rj/nöjv eq)f) jzeoi vovvcov.
c
3. I, 15, 6: O frelog JiQSoßvvrjg y.al xi}ov$ vrjg äXr)$eiag ... 6
lho(f i/.i/g JZQ£ößvv)]g.
4. III, 17, 4: Sicut quidam dixit superior nobis de omnibus. . . .

5. III, 13, 3: Quemadmodum ex veteribus quidam ait.

6. IV, praef. 2: Hi, qui ante nos fuerunt et quidem multo nobis
meliores. 2 )
7. IV r
4, 2: Et bene, qui dixit.
8. IV, 41, 2: Quemadmodum et quidam ante nos dixit.
c
9. V, 17, 4: ßo scpr) tig tcbv jzooßsßrjxÖTcov.

IL Gruppe: 3 ) Aussagen von Presbytern, nach aus- die Irenäus


drücklicher Versicherung wenigstens zum Teile selbst aus ihrem Munde
gehört hat.
1. IV, 27, 1: Quemadmodum audivi a quodam presby-
tero, qui audierat ab his, qui apostoles viderant et ab
his qui didicerant.
Der Presbyter, den Irenäus selbst gehört zu haben versichert,
wird als unmittelbarer Hörer von Apostelschülern bezeichnet. Dali
auch die, qui didicerant, nicht persönliche Herrnjünger, 4 ) sondern
nur Apostelschüler sein können, scheint gewiß zu sein; 5 ) wir haben
es mit einer fehlerhaften Übersetzung (statt: et qui ab eis [illis] di-
dicerant) zu tun.
2. IV, 27, 1: Sicut dixit presbyter.
3. IV, 27, 2: Inquit ille senior.
4. IV, 28, 1: Valde insensatos ostendebant 6 )
presby-
teri eo s.

x
) Vgl. Harnack, Chronol., S. 334; Zahn, Forsch, z. Gesch. d. neutest.
Kan., VI (1900), S. 53 ff.

2
)
Harnack, Chronol., S. 384, Anm., folgert aus dieser Stelle, daß Irenäus
eine, beziehungsweise mehrere antignostische Werke gekannt habe.
3) Harnack, a. a. 0. S. 338ff.; Zahn, S. 64ff.
4
)
Wie Leimbach, Das Papiasfragment (1875), S. 12, und H. Delff, Stud.
u. Kr., 1892, S. 92, behaupten.
5
)
Harnack, S. 339; Zahn, S. 65 f.; Funk, Patr. apost. 2 , I, S. 378.
6
)
Harnack (S. 338) koniziert nach Erasmus und Feuardent gegen alle
Handschriften: ostendebat. Die beigebrachten Gründe werden von Zahn (S. 65)
als ungenügend bezeichnet. Vgl. Funk, S. 384. Jedenfalls erscheinen an dieser
46

5. TV, 30, 1: Sic u t et presbyter dicebat.


6. Talia qua e dam enarrans de antiquis
IV, 31, 1:

presbyter reficiebat nos.


7. IV, 3*2, 1: Huiusmodi quoque de duobus testamentis

senior a postolorum diseipulus disp utabat.


Danach bezeichnet Irenäus 1. seinen Lehrer fünfmal als Pres-
byter zweimal; 28, 1; 30, 1; 31, 1), zweimal als senior, wo-
{'27, 1

durch demselben wohl vielleicht ein überragendes Alter zugesprochen


wird, einmal als Hörer von Apostelschülern (27, 1) und einmal zugleich
als diseipulus apostolorum (32, 1). 2. Zweimal versichert er ausdrück-
lich, denselben selbst gehört zu haben (27, 1; 31, 1), einmal, daß

am Unterrichte noch andere teilgenommen (31, 1). In allen übrigen


Fällen wird vom persönlichen Hören nichts ausdrücklich gesagt, ist

aber allem Anscheine nach doch höchst wahrscheinlich. 3. Irenäus


hatte seinen Lehrer (beziehungsweise die Presbyter) teils einmal ge-
hört (27, 1. 2), teils zu wiederholten Malen (28, 1; 30, 1; 31, 1; 32, 1 —
beachte den Gebrauch des Imperfektums). 4. Im ganzen Abschnitt ist

wohl sicher nur von einem und demselben Sprecher oder Lehrer
des Irenäus die Rede. 1
)

Resultat: Sind diese Angaben des Irenäus verläßlich, und ich


sehe keinerlei Grund, daran zu zweifeln, vielmehr spricht der Um-
stand, daß Irenäus seine Behauptungen so bestimmt als möglich auf-
stellt und ferner die einzelnen Fälle aufs genaueste auseinanderhält,
durchaus für ihre Glaubwürdigkeit, dann hat Irenäus persönlich
teils einmal, teils wiederholt, teils allein, teils mit seinesgleichen Vo r-

träge und Unterweisungen eines alten Presbyters und


Apostelschülers, die dieser zuweilen auch in Gegenwart anderer
Presbyter, die seine Aussagen bestätigten, hielt, angehört.
Ob diese Unterweisungen förmlich Predigten waren oder nicht, 2
)

ist Auch tut es nichts zur Sache, wenn Irenäus bei Ab-
gleichgültig.
fassung seines Werkes auch schriftlich aufgezeichnete Predigten des
Mannes zur Hand gehabt hätte; 3) man könnte und müßte doch wohl
in erster Linie an von Irenäus selbst niedergeschriebene Predigten

Stelle noch andere Presbyter als anwesend, die die Aussagen des eigentlichen
Sprechers und Lehrers bestätigen. Das kann der Plural ostendebant sicherlich
bedeuten. Harnack hat darin entschieden unrecht, wenn er behauptet, es sei
überhaupt nur von einem Presbyter die Rede.
1
) Doch vgl. die Anmerkung 6. — Daß dieser Presbyter (also auch die übrigen)
in Asien zu suchen ist, scheint mir gewii> zu sein und wird auch von Harnack
(S. 339) angenommen.
2) Harnack, S. 338.
Harnack, S. 389.
47

des Presbyters denken; 1


) nur ist es entschieden zu leugnen, daß man
seine langen Zitate ohne solche nicht wohl verstehn kann. ) 2

Indes ist nicht zu leugnen, daß der zwischen 27, 1 und 32, 1
dem nächsten Wortlaut nach anscheinend sich ergebende Widerspruch
geeignet ist, die Wertschätzung der Angabe des Irenäus bezüglich
des Alters seines Lehrers herabzustimmen, falls nämlich, was anzu-
nehmen nicht unbedingt notwendig ist, an beiden Stellen von dem-
selben Presbyter die Rede ist. Wird dieser nämlich an letzterer
Stelle (32, 1) ausdrücklich als Apostelschüler, somit als Angehöriger
der zweiten Generation, hingestellt, so erscheint er an ersterer als
Hörer von Apostelschülern, also als ein Mann der dritten Generation.
Harnack 3) faßt in 32, 1 apostolorum discipulus im weiteren Sinne =
Schüler von. Apostelschülern. Die Ausdrucksweise des Irenäus sei un-
genau; sie zeige, daß Irenäus mit dem Prädikat Apostelschüler zu leicht
bei der Hand gewesen. Doch ist mir auch diese Erklärung etwas zu
ungenau und leicht, um sie für wahr zu halten. Es bleibt eine mißliche
Sache und ist schwerlich zu rechtfertigen, an einer durchaus klaren
und bestimmten Aussage solcherart zu deuteln. Und wenn wirklich
die Angabe des Eusebius 4 ) auf unsern Presbyter gehn sollte, so
hat auch Eusebius, der doch „gründlich" las, die Worte des Irenäus
buchstäblich genommen. Das Richtige dürfte wohl Zahn 5 ) getroffen
haben, wenn er zu erwägen gibt: Daß jener Presbyter von Apostel-
schülern etwas Bestimmtes gehört (27, 1), schließe keineswegs
aus, daß er selbst ein Apostelschüler gewesen, so gut wie diejenigen,
aus deren Munde er einzelnes, was die Apostel gelehrt, gehört habe.
Es handle sich hier nicht um ein ständiges äxoveiv tcvög, sondern
um ein einzelnes äxrjxorjevat vi Jiaod Tivog, könne natür- und letzteres
lich zwischen völlig Gleichstehenden stattfinden, es könne sogar der
ältere vom jüngeren eine diesem zugekommene Äußerung aus der
Vergangenheit empfangen. Zu allem Überflüsse verweist Zahn noch
auf Papias, der selbst von den JiQsoßvreQOi gelernt und doch wiederum
bei Schülern der jiQsaßvvsQOi nach deren Aussagen geforscht habe, 6 )
und auf Irenäus selbst, der mit starken Worten sein Schülerverhältnis
zu Polykarp betone und doch hinsichtlich einer bestimmten Erzählung
J
) Wie denn Eusebius (Hist. eccl., V, 26) in der Tat eines Irenäischen
jiß/.iov dicO.igecov diayögov Erwähnung tut.
2
)
Vgl. unten S. 56.
3 S. 339.
)
4
)
Hist. eccl., V, 8,8: xal ä7ioßvr}ßovf.vf.iüvoyv de unooxokixov uvog TiQeoßvxeQov,
TÜOVOfACl OLCOJlfj TKXQBÖGiyCeV, ßV)fJbOV&ÖSl §ffflytf06ig TS CtÜTOV i)ei'o)v yoaffojv .t«o«-
Ti'Diirai.
5
)
S. 66 ff. Vgl. Funk, 1. c. p. 379.
6
)
Eusebius, Hist. eccl., III, 39.
48

li auf andere Hörer Polykarps berufe, Erzählung 1


) weil er diese
eben von diesen und nicht von Polykarp selbst empfangen habe. 2 )
Zahn zieht daraus den Schluß auf die Gewissenhaftigkeit des Irenäus
in der Bezeichnung der Kanäle, durch welche ihm die apostolische
Tradition zugeflossen. Ich wüi3te nicht, was sich gegen die Darlegung
Zahns nur einigermaßen Stichhaltiges einwenden ließe und begreife
darum nicht, warum Harnack diese Interpretation „höchst wunderlich"
findet. Damit
Harnacks Behauptung, der Kleinasiate Irenäus habe
ist

es außer mit Polykarp) mit keinem Gliede der zweiten Generation zu


tun gehabt, wohl hinfällig geworden. 3 )
Wer jener Presbyter war, ist in den namhaft gemachten Zitaten
durch nichts angedeutet. Doch hindert nach meiner Überzeugung auch
und Eusebius V, 8, 8 an Papias
nichts, in Hinsicht auf 27, 1 oder,
trotz Harnack, an Polykarp zu denken, und zwar auch dann nicht,
wenn dieser Presbyter gegen die Marcioniten eiferte. 4 )

Gruppe: 5 ) 1.11,22,5: IldvTsg ol JtQsoßvtsQoi /jiaQWQOvoi r,


III.
o( xarä %r\v 'Aolav ^Icodvvrj rw zov kvqcov jnafirj'ufj ovtißeßh)}-
y.üreg, (avvolg) jiaQaösdcoxevai (ravvö vovtoy top 'Icodvvrjv. üagefieivs
yuo avtolg [a>s%qi Toaiavov xqövcop.
tcov Quidam autem eorum
non solum Ioannem, sed et alios apostolos viderunt et
haec eadem ab ipsis audierunt et testantur de huiusmodi
relatione.
Die Stelle enthält das Zeugnis von Schülern des Johannes und
anderer Apostel über die aetas senior der Wirksamkeit des Herrn.
Sie bedarf an anderer Stelle einer näheren Erörterung.

2. V, 5, 1: Aib y.al Xeyovoiv ol jiQeoßvvsQOi <o£> tcov äjio-

Es ist von der Entrückung des Henoch und Elias in das


Paradies die Rede.
3. V
Kai (xaQWQOvTcov avvajv*) exeivcov tcov xatf öipiv
;
30, 1:
töv 'Icodvvrjv scooaxÖTCOv.
Die Stelle handelt von der Richtigkeit der Zahl 666 in der
Apokalypse des Johannes (13, 18).
4. Quemadmodum presbyteri meminerunt, qui
V, 33, 3:
Ioannem discipulum domini viderunt, audisse .se ab eo,
quemadmodum de temporibus illis docebat dominus.
i) III, 3, 4. — 2) Vgl. Bey schlag, Stud. u. Kr., 1898, S. 91.
3) Vgl. übrigens Beyschlag, Stud. u. Kr., 1898, S. 88. 90.

4) Harnack, S. 338.

5) Zahn, S. 69ff. ; Harnack, S. 334fF.


ß
) Zahn: atofy.
49

Hier beruft sich Irenäus bei Schilderung der Herrlichkeit des


künftigen Gottesreichs auf ein Herrnwort, das die Johannesjünger
aus dem Munde ihres Meisters vernommen.
5. V, 36, 1: lQ; ol .-iQeaßvveQOt Xeyovoiv.
6. V, 36, 2: Dicuntpresbyteri, apostolorumdiscipuli.
Beide Stellen gehören einer längeren Erörterung über die ver-
schiedenen Grade der Seligkeit an.
Auch bei dieser .Gruppe ist die Bezeichnung der angerufenen
Gewährsmänner eine verschiedene. Einmal werden sie schlechthin
oi JiQSoßvtSQOi genannt (V, 36, 1), zweimal zugleich discipuli aposto-
lorum (V, 5, 1; 36, 2); einmal presbyteri, qui Joannem discipulum
domini viderunt (V, 33, 3), einmal solche, welche den Johannes von
Angesicht gesehen (V, 30, 1); einmal ist die Rede von allen Presbytern,
die in Asien mit Johannes, dem Jünger des Herrn, verkehrten, von
denen einige auch andere Apostel gesehen haben (II, 22, 5).
Doch ist es in Hinsicht auf den eschatologischen Inhalt aller
dieser Aussagen ohne weiteres klar, daß im fünften Buche deslrenäischen
Werkes von einem und demselben Presbyterkreis die Rede
ist. Ebenso ist es wohl als sicher anzunehmen, daß auch der Presbyter
und alte Apostelschüler des vierten Buches diesem Kreise angehört, 1 )
und daß dieser Kreis identisch ist mit „allen Presbytern" in Klein-
asien des zweiten Buches.
Aber ebenso verfehlt ist es zu behaupten, Irenäus habe die
gleichen persönlichen Beziehungen zum ganzen Presbyterkreis als
solchem gehabt wie zu jenem einen Presbyter und er habe die Aus-
sagen der (aller) angerufenen Presbyter ebenso persönlich aus ihrem
Munde gehört wie die Aussagen des einen Presbyters; wenigstens
deutet dies Irenäus in den vorgeführten Zitaten durch nichts an. Die
sämtlich mit dem Präsens eingeführten Zeugnisse erwecken ent-
schieden den Anschein, daß dem nicht so war. Wohl ist der eine
Presbyter des vierten Buches vom Kreise der asiatischen Presbyter
nicht zu scheiden, aber das Verhältnis des Irenäus zu den Aussagen
des einen Presbyters einerseits und des Presbyterkreises andrer-
seits ist ein durchaus verschiedenes. Insofern, aber nur insofern, hat
Harnack nicht unrecht, 2
) wenn
schweren methodischen
er es als einen
Fehler bezeichnet, den Presbyter des vierten Buches mit dem zitierten

*) Corssens Erklärung (Zeitschr. f. d. neutest. Wissenschaft, 1901, S. 203):

Der Presbyter des vierten Buches habe nichts zu tun mit den Presbytern, auf
die sich Irenäus als eine Mehrheit berufe, auf diese allein komme es an, ist eine
Behauptung, deren Beweis nicht einmal versucht wird. Kreyenbühl ignoriert
ihn vollständig!
2
) S. 338.

4
50

Presbyterkreise einfach zusammenzuwerfen. Freilich, wenn Harnack


diesen Vorwurf gegen Zahn erhebt, so ist er im Unrecht, da Zahn
daran gar nicht denkt. 1
)

Resultat: Von den Presbyterzeugnissen der III. Gruppe, soweit


sie vorgeführt wurden, sagt Irenäus nicht, daß er sie unmittelbar aus
dem Munde der Presbyter, von denen sie stammen, gehört habe.
Dazu sei noch festgestellt, daß die zitierten Presbyter dieser Gruppe
ausdrücklich und wiederholt als Apostelschüler und im besonderen
als Schüler des Apostels Johannes bezeichnet werden.

2. Irenäus und Fapias.


Aus welcher Quelle nun schöpfte Irenäus die Presbyterzeugnisse
der zuletzt vorgeführten Gruppe der Presbyter?
Die Beantwortung dieser Frage, die sich wesentlich um die
Beziehungen des Irenäus zu Papias 2 dreht, wurde einerseits auf Grund )

der Irenäischen Stelle V, 33, 3, beziehungsweise zugleich auf Grund


der Mitteilungen, die Irenäus diesem Zitate beifügt (V, 33, 4) und auf
Grund der weiteren Stelle II, 22, 5 versucht. Wir haben uns demnach
nunmehr mit diesen beiden Stellen zu beschäftigen und wenden uns
zunächst der ersteren Stelle zu.
Die Stelle, soweit sie hier in Betracht kommt, lautet im vollen
"Wortlaute :
(3) Quemadmodum presbyteri meminerunt, qui Joannem
discipulum domini viderunt, audisse se ab eo, quemadmodum de
temporibus illis docebat dominus et dicebat: Venient dies etc. Es
folgt die Schilderung der erstaunlichen Segensfülle im zukünftigen
Gottesreiche, von der wir vorläufig absehen. — (4) Tavta ös xai
Ilamag Icodvvov fikv äxovovrjg, IIoXvxdQJzov de svalgog yeyovoog, aQxalog
(h'i/ü, r/yodcpcog ijitfiaQTVQsl sv vfj TsvdQvr} rätv avvov ßtßklcov sgtl y&Q
covo) Tütvve ßtßUa ovvTsvayfXsva. ) Et 3
adiecit Haec autem
dicens:
credibilia sunt credentibus. Et Juda, in quit, proditore non credente

et interrogante : Quomodo ergo tales geniturae a domino perficientur ?


dixisse dominum: Videbunt qui venient in illa.
Harnack, 4) Reville 5 ) und Krey enbühl, 6 ) um vorerst diese
zu nennen, finden in dieser Stelle den Beweis, daß Irenäus das hier
mitgeteilte Presbyterzeugnis aus dem Werke des Papias, einer Quellen-

i) 0. S. 94.
Vgl. a. a.
2
)
Bischof von Hierapolis (Eusebius, Hist. eccl., II, 15, 2; III, 36, 2; Chronic,
ad a. Abr. 2114. Hieronym., De vir. illustr., 18). Über sein Werk vgl. unten S. 90-

Vgl. Bardenhewer, S. 538 ff.


3
)
Eusebius, Hist. eccl., III, 39, 1.

*) Chronologie, S. 336. — 5) A. a. O. S. 14. — 6) S. 60.


;

51

Sammlung mündlicher Überlieferungen, abgeschrieben habe. Sie kommen


zu diesem Resultate, indem sie den Schluß des Irenäischen Zitates (4)
unberücksichtigt lassen, Kreyenbühl und Reville ferner xai vor üajilag
ohne weiteres beseitigen und überdies über das Kompositum irnftag-
rvQSi hinweggleiten, Harnack weder xcu noch smfAaQTVQel pressen zu
dürfen glaubt.
Zur positiven Begründung seiner Ansicht stellt Harnack fest:
1. daß Irenäus hier ausdrücklich auf das Werk Papias verweise
2. daß bei Papias (nach dem Proömium) viele Erzählungen folgende
Einführungsformel gehabt haben müßten: habe erkundet von
„(Ich
solchen, die die Presbyter in Asien gesehen haben), daß diese Presbyter
bezeugen, die Apostel hätten folgendes als Herrnwort überliefert" —
dieser Einführungsformel entspreche aber genau die Einführung des
Zitates bei Irenäus. 3. Endlich macht er die Länge des Zitates und
das Präsens der Einführungsformel gegen eine mündliche Quelle
geltend. Aus all dem schließt Harnack, es könne nicht gezweifelt
werden, daß Irenäus nur sagen wolle, daß das Presbyterzeugnis kein
bloß mündliches sei, was es ursprünglich gewesen, sondern auch in
schriftlicher Eixation in dem Werke des Papias vorliege daß er es
;

selbst noch mündlich empfangen habe, sage er nicht deutlich, er lasse


nur den Schein entstehn.
Zahn 1 ) dagegen sieht gerade aus dieser Stelle deutlich, daß das
Presbyterzeugnis dem Irenäus nur auf direktem mündlichen Wege,
und zwar nicht von Papias, sondern von anderen Apostelschülern
zugekommen sei. Vor allem lasse das „auch" und das Verbum sm-
fiaQWQSi keinen Zweifel daran zu, daß das (schriftliche) Zeugnis des
Papias bestätigend zu demjenigen der von ihm verschiedenen Presbyter
und Apostelschüler hinzutrete, und der Nachdruck, mit welchem Irenäus
das Zeugnis des Papias als ein schriftliches bezeichne und dies noch
durch die weitere Bemerkung: „Es sind nämlich fünf Bücher von ihm
verfaßt", bestätige, beweise für jeden, der lesen könne, daß die vorher
mitgeteilte Aussage der Presbyter nicht schriftlich vorgelegen und
namentlich nicht von Irenäus aus dem Werke des Papias geschöpft
worden Mit diesem Resultate Zahns stimmt neuestens G.Heinrici 2 )
sei.

vollends überein: Oaß er (Irenäus) beide voneinander unterscheidet als

') S. 89 f.
) Das Urchristentum (1902), S. 102. Vgl. auch Beyschlag, Stud. u. Kr.,
2

1898, S. 98; J. Labourt, Revue Biblique, 1898, p. 70: On ne peut pas donner ä
zavza dt xai le sens de xai zama de. Ce sont deux systemes de conjonctions
absolument opposes. — Pourquoi ömfjLaQTVQel au lieu du simple ßagvvget, sinon
pour indiquer clairement que l'autorite de Papias est employee comme confirma-
tion d'une autre autorite bien distincte?
4*
52

voneinander unabhängige Zeugen, erhellt besonders deutlich aus den


Mitteilungen, für die er sich zuerst auf die Presbyter beruft, um dann
fortrufahren: dies bezeugt auch Papias. So konnte er als wahrheits-
liebendcr Mann nicht schreiben, wenn er die Nachricht der Presbyter
aus dem Buche des Papias geschöpft hätte.
Ich vermag nicht in allem der Darlegung Zahns zuzustimmen.
Ist es auch auf Grand des Wortlautes der Stelle gewiß richtig, daß
1 iv n aus zur Bekräftigung der mündlichen Presbyteraussage, sich auch
auf das schriftliche Zeugnis des Papias berufend, beide einander
gegenüberstellt und daß er erstere nicht erst aus dem Werke des
Papias geschöpft hat, so fragt es sich doch, ob Zahn im übrigen nicht
über das Ziel hinausgeschossen, und eine weitere Möglichkeit, die offen
steht, übersehen wurde, die Möglichkeit nämlich, daß Irenäus die
Presbyteraussage weder unmittelbar von dem zitierten Presbyterkreise
noch aus dem Werke des Papias überkommen, sondern durch münd-
lichen Bericht eines jenem Kreise angehörenden Gewährsmannes, der
sie nicht nur selbst aus dem Munde des Johannes, sondern auch aus

dem Munde anderer Schüler desselben, z. B. Polykarps, gehört, und


daß dieser Gewährsmann niemand anderer ist als Papias, der ja
ebensogut wie sein Freund und Altersgenosse Polykarp jenen Pres-
bytern beizuzählen ist. ) Irenäus sagt dies nicht, scheint aber doch
1

nicht undeutlich darauf hinzudeuten. Warum nennt er unter den an-


gerufenen Gewährsmännern Papias allein? Erweckt er damit nicht
wenigstens den Schein, daß er für diesen Fall keinen andern Namen
kennt? Warum bezeichnet er ihn hier mit Bedacht als dxovOTi)g
Icoävvov, als doyalog ävt/o und svatQog IIokvxdQJZov, wenn nicht um
ihn als völlig glaubwürdigen Zeugen hinzustellen? Und was im
höchsten Grade auffällt, warum erklärt er ausdrücklich, daß auch
Papias schriftlich (syyQdcpcog) die Überlieferung der Presbyter mit-
bezeuge (sjiifiaQTVQSt)? Was soll das mit so viel Nachdruck gesetzte
tyyQd<pcogneben der genauen Zitation des Papianischen Werkes, wenn
nicht dadurch der Gegensatz zur mündlichen Mitteilung des Papias
markiert werden soll? 2 ) Hiezu kommt, daß der Inhalt des Presbyter-
zeugnisses trefflich mit den chiliastischen Liebhabereien des Papias 3 )
harmoniert, während er verhindert, an Polykarp zu denken, was an sich
nicht unmöglich wäre. Ich glaube nicht, daß man dagegen mit Recht
einwenden könnte, bei dieser Auffassung müßte xai vor tyyndcpcog

*) Vgl. Bardenhewer, S. 155. 156.


2
) Vgl. die syrische Übersetzung zu 4 (nach Nestle, Die Kirchengeschichte
des Eusebius. Aus dem Syrischen übersetzt, 1901, S. 117): Das sagte auch Papias,

der (es) von Johannes hörte ... und in Schriften bezeugt er . . .

Vgl. Eusebius, Hist. eccl., III, 39, 12.


53

Im, wenn auch eine unbedeutende, nicht selten vorkommende sprach-


liche Ungenauigkeit zuzugestehn wäre. Damit scheint mir in der Tat
die Möglichkeit gegeben, daJ3 hier nicht von zwei voneinander völlig
unabhängigen Zeugnissen, des Papias einerseits und der von ihm ver-
schiedenen Presbyter andrerseits, die Rede ist, sondern von einem
und demselben Zeugnisse, aber nur in dem Sinne, dal] Papias dasselbe
etwa aus dem Munde des Johannes und von anderen Johannesschülern
gehört und sowohl mündlich dem Irenäus überliefert als auch schrift-
lich in seinem Buche niederlegte. Und dies umsomehr, als Irenäus
gerade an dieser Stelle den Papias doch nicht aus dem Kreise der
angerufenen Presbyter und Apostelschüler ausschließen kann, wo er
ihn ausdrücklich Hörer des Johannes nennt. Es genügt hier, dies be-
merkt zu haben, um später darauf zurückzukommen.
Weiter hält Zahn in vollem Gegensatz zu Harnack in Hinsicht
auf die Einführung der zitierten Stelle die Benutzung des Papiani-
schen Werkes von vornherein ausgeschlossen, da eine Konfundierung
der Presbyter des Papias mit den Presbytern des Irenäus eine Un-
möglichkeit sei. „Die Presbyter, welche den Johannes gesehen hatten",
stünden mit Papias, dem Hörer des Johannes und Freunde des Poly-
karp, geschichtlich ganz auf einer Linie. Nun aber habe Papias nach
seiner Vorrede Lehren und Erzählungen nicht seiner Altersgenossen
und Mitschüler, sondern seiner Lehrer, die er Presbyter nenne, in
seinem Werke niedergelegt und es verstehe sich von selbst, daß die
Generation, welche Papias um 125 oder auch 140 jüQsoßvvsgot nenne,
eine völlig andere sei als die, welche ein Irenäus um 185 von diesem
viel späteren Standpunkt aus mit demselben Namen bezeichne.
Die Einrede, die hier Zahn gegen Harnack macht, hat, soweit
sie sich ausschließlich auf die Einführungsformel unserer Stelle
gründet, volle Geltung nur unter einer zweifachen Voraussetzung.
War Papias in der Tat, wie dies Irenäus zweifellos meint, Schüler
des Apostel Johannes und waren die ol jiQeoßvveQOi des Papias, wie
Eusebius wiederholt betont, die Apostel, so ist es selbstverständlich,
daß Papias keine einzige Mitteilung einführen konnte: Die Presbyter
bezeugen, die Apostel hätten folgendes Herrnwort überliefert, und
als

daß die Presbyter des Irenäus, die den Apostel Johannes und andere
Apostel gesehen, mit den ol JZQSoßvtSQOt des Papias nicht identisch
sein können. Wären dagegen nach Harnack die ol siQBoßvtSQOi des
Papias als Generation nach den Aposteln von diesen zu scheiden, und
wäre Papias Schüler der Presbyter in diesem Sinne, gehörte er also
der dritten Generation an, so wäre es ebenso selbstverständlich, daß
Papias viele Mitteilungen in der von Harnack beschriebenen Weise
einführen und Irenäus unsere Stelle, für sich betrachtet, dem
54

Werke des Papias mit samt der Einführungsformel entnehmen konnte.


Diese Voraussetzung muß jedoch, weil noch unerwiesen, hier außer
Betracht bleiben.
Doch selbst ihre Richtigkeit zagegeben, ist Zahns Argumentation,
soweit sie sich auf unsere nur unter der weiteren
Stelle stützt,
Voraussetzung richtig, daß Papias, der auch von den Schülern der
Presbyter Mitteilungen empfing, alle von ihm gesammelten Über-
lieferungen ausdrücklich als Aussagen der Presbyter und nicht zum
Teil als Mitteilungen Zahn hält
von Presbyterschülern bezeichnete.
es allerdings für höchst unwahrscheinlich, daß Papias in jedem Fall
von Mitteilung einer auf indirektem "Wege ihm zugekommenen Aus-
sage seiner Lehrer die Mittelglieder der Tradition genau angegeben
haben sollte und daß daraufhin Irenäus Gewährsmänner und
die
Mitschüler des Papias, welche dieser natürlich noch nicht Presbyter
nennen konnte, seinerseits als Presbyter, die den Johannes gesehen,
charakterisiert haben sollte. Letzteres erscheine umso wunderlicher,
als Papias selbst, aus welchem Irenäus diese Angabe geschöpft
und in die Sprache seiner Zeit übertragen hätte, zu dieser Klasse
gehörte.
Ich bekenne jedoch, Bemerkungen
von der Richtigkeit dieser
nicht überzeugt zu sein, nicht einmal, wenn es sich um Benutzung
des Papianischen Werkes handelte, noch weniger, wenn Papias die
in Rede stehende, ihm auch indirekt zugekommene Presbyteraussage
dem Irenäus mündlich mitteilte. Wenn Papias das Presbyterzeugnis
nicht nur aus dem Munde des Johannes selbst gehört, sondern auch
mittelbar durch andere Schüler desselben vernommen hatte und das-
selbe mündlich weiter überlieferte, ist es in diesem Falle auch höchst
unwahrscheinlich, daß er sich auch auf die Schüler des Johannes, die
er selbstverständlich nicht als Presbyter bezeichnen konnte, berief?
Und warum sollte es so wunderlich sein, wenn Irenäus, als er diese
mündliche Mitteilung seinem Werke einverleibte, Papias und die an-
deren Johannesschüler von seinem Standpunkte aus als Presbyter,
die den Johannes gesehen, charakterisierte? Ich finde in diesem Falle
sowohl das eine wie das andere nicht nur möglich, sondern auch
wahrscheinlich, ja höchstwahrscheinlich. Wenn Papias die Aussage
des Johannes aus dem Munde des Johannes und durch Mitteilung
anderer Schüler desselben kannte, ist es dann nicht geradezu selbst-
verständlich, daß er seine Mitteilung einleitete: „Ich habe das aus dem
Munde des Johannes gehört und das sagen auch andere, die den Jo-
hannes gesehen" ? Und wenn Irenäus diese Mitteilung in seinem
Werke aufnahm, ist es nicht ganz natürlich, daß er sie von seinem
Standpunkte aus kurz also einführte: „Die Presbyter, die den
55

Johannes gesehen, sagen folgendes"? 1 ) So pflegt Irenäus ja doch,


um es noch einmal zu bemerken, die Apostelschüler und im besonderen
die Johannesschüler durchaus zu bezeichnen, einerlei, ob er sich im
Charakter derselben getäuscht hat oder nicht. 2 ) Dadurch findet auch
das Präsens der Einführungsformel seine befriedigende Erklärung. So
weit dürfte Zahn im Unrechte sein. Gleichwohl muß Zahn vollends
beigestimmt werden, wenn die weitere von ihm beigebrachte Tatsache
mit in Erwägung gezogen wird. Da nämlich Irenäus einerseits die
Presbyteraussage unserer Stelle, sei es mittelbar oder unmittelbar,
auf das Zeugnis der Presbyter zurückführt, die den Johannes gesehen
haben (einerlei ob dieser der Apostel war oder nicht); da er ferner
diesem Presbyterkreise nicht nur Papias, den Hörer des Johannes,
zuteilt, sondern auch Polykarp, den Altersgenossen oder Freund des
Papias und Schüler des Johannes, 3 ) den Irenäus selbst in seiner Jugend
gesehen, 4 ) und, was Harnack vergebens bestreitet, jenen Presbyter,
den Irenäus wiederholt selbst gehört hat und den er als Apostel-
schüler bezeichnet 5 ) (falls dieser nicht mit Papias identisch sein sollte);
da andrerseits die ol JiQsaßvvsQOi des Papias die Lehrer (mittelbar
oder unmittelbar) des Papias waren, 6 ) so können wohl die Schüler
der Presbyter des Papias, aber schlechterdings unmöglich die Presbyter
des Papias mit den Presbytern des Irenäus identifiziert werden. Dies-
bezüglich ist Harnack einem fundamentalen Irrtum verfallen, der die
ganze Situation auf den Kopf stellt. Übrigens wenn wirklich, viele
Erzählungen schon bei Papias die von Harnack formulierten Ein-
führungsformeln 7 ) gehabt hätten und dieselben aus den Zitaten des
Papias nicht herausgebrochen werden könnten und von Irenäus einfach
übernommen worden wären, wie kam dann Irenäus, dem das "Werk des
Papias vorlag, zu seinem wesentlich verschiedenen Presbyter-
begriff, da er mit Sicherheit Männer wie Polykarp 8 ) und seinen Freund
1
)
Noch leichter würde sich die Einführungsformel erklären, wenn es sich
um eine Mitteilung handelte, die Papias nur aus dem Munde von Johannesjüngern
empfangen und dem Irenäus mündlich überliefert hätte; dagegen spricht aber
wohl, allerdings nicht mit Notwendigkeit, der Umstand,
daß Papias an unserer
Stelle als ä%ovoxr\g 'Icoävvov bezeichnet wird.
2 Vgl. oben S. 50.
)
3
) Vgl. Bardenhewer, S. 155f.
*) Eusebius, Hist. eccl., V, 20, 4.
5 Vgl. oben S. 46.
)
6
)
Eusebius, III, 39.
7
) IIävxeg ol ngeoßmegoi ol [xavä vfyv 'AolavJ 'Iaävvx) xq> zov %vgiov (xa^xfi
(y.ai zolg cLioovöXoig) ovjLißeßXrjxÖTEg oder presbyteri qui Joannem discipulum domini
viderunt et audierunt oder ol ngeoßvzegoi za>v cmootöÄcov [la^zal oder ixelvoi ol
>:az* öipiv xöv 'Icoävvrjv togaxözeg. Harnack, Chronol., S. 656.
8 Vgl. Brief an Flormus bei Eusebius, V,
) 20, 4. 5,
56

Papias zu deu Presbytern zahlt? 1

)
Und woher weiß Harnack, daß
vieleKrzählungen bei Papias diese Zitationsformel gehabt haben müssen?
In den vorhandenen Fragmenten des Papianischen Werkes liegt nicht
ein einziges Beispiel hiefür vor. "Welche Einführungsformel Papias
für die gesammelten apostolischen Überlieferungen gebraucht, läßt sich
absolut nicht sagen, und es ist durchaus gegen die wissenschaftliche
Solidität, die Zitationsformeln des Irenäus einfach dem Papias unter-
zuschieben.
Das gegen die mündliche Überlieferung des Presbyterzeugnisses
aus der Länge desselben herbeigezogene allzu subjektive Argument
Harnacks bedarf kaum einer Widerlegung und wird von Zahn 2 ) unter
anderem hinlänglich beseitigt durch den Hinweis auf Irenäus, der in
seinem Brief an Florinus versichert, daß er sich dessen, was er in
jungen Jahren bei Polykarp gesehen und gehört, genauer erinnere
als späterer Erlebnisse und daß er die Vorträge Polykarps noch immer
wiederkäue, sowie durch die Tatsache, daß es sich hier um ein frei-
gestaltetes, sei es abkürzendes, sei es erweiterndes Referat handle.
In eingehender und gründlicher Weise hat sich neuestens
Corssen 3
) wiederum mit unserer Stelle beschäftigt. Aber auch seine
Ausführungen, die gleichfalls dem Nachweise der Abhängigkeit des
Irenäus vom Werke des Papias dienen, machen die Aufstellungen
Harnacks nicht haltbarer.
Corssen versucht zuerst, aus 33, 3 die Möglichkeit, daß Irenäus
aus dem Werke des Papias geschöpft, zu erweisen.
Corssen gesteht zu, die Stelle klinge freilich so, als wolle Irenäus
das Zeugnis des Papias neben das der Presbyter stellen, besonders
da er ihn einen Hörer des Johannes nenne. „Aber wenn Irenäus
sagen wollte, Papias berichte Selbstgehörtes, warum unterschied er
ihn von den Presbytern, die den Johannes gesehen hatten ? u Papias
sei doch in Wahrheit gar nicht Hörer des Johannes gewesen, wie

schon Eusebius bemerkt habe, vielmehr habe er in der Vorrede seines


Werkes ausdrücklich erklärt, daß er alles, was er von Johannes und
anderen Aposteln gewußt, von anderen erkundet habe. Wenn also
Papias dasselbe erzähle, was Irenäus von den Presbytern berichte, so
könne seine Erzählung auf niemand andern zurückgehn, als auf eben
diese Presbyter.
Ich muß dem mehrfach widersprechen. Einmal dürfte Corssen
den Sachverhalt etwas verrückt haben. Es fragt sich in erster Linie
nicht, ob nach Irenäus Papias Selbstgehörtes (nämlich von Johannes)

*) Vgl. Bardenhewer, S. 156.

2) S. 91 f.

3) Zeitschr. f. d. neutest. Wiss., 1901, S. 204 f.


57

berichte. Ob Papias das Presbyterzeugnis von Johannes selbst oder


von dessen Jüngern gehört, scheint mir keinen wesentlichen Unter-
schied zu machen. Vielmehr handelt es sich vor allem darum, ob
Irenäus neben und außer dem schriftlichen Zeugnis im Werke des
Papias auch noch ein mündliches Zeugnis, das er selbst gehört,
geltend mache, beziehungsweise geltend machen könne oder nicht,
oder ob er, ohne persönliche Beziehungen zu den angerufenen Pres-
bytern gehabt zu haben, das Presbyterzeugnis nur aus dem Werke
dos Papias kannte. Erst in zweiter Linie fragt es sich, ob im ersteren
Falle das mündliche Zeugnis von Papias völlig unabhängig ist oder
nicht, ob also Papias Selbstgehörtes berichte oder nicht.
Ferner stellt Irenäus wirklich, wenn dies recht verstanden wird,
das schriftliche Zeugnis des Papias neben das der Presbyter. Dies
ergibt sich allerdings nicht mit Notwendigkeit daraus, daß Irenäus
den Papias einen Hörer des Johannes nennt, da er ihn allenfalls ganz
wohl so nennen konnte, um ihn dadurch als einen Presbyter und
damit als einen glaubwürdigen Zeugen zu charakterisieren, wie er
ihn wohl im gleichen Sinne einen Gefährten des Polykarp und einen
alten Mann nennt. Wohl aber ist eine gewisse Gegenüberstellung zur
Bekräftigung des einen Zeugnisses durch das andere, durch nai —
x
^TifiaoTVQel zweifellos. )

So weit aber stimme ich Corssen bei, daß bezüglich unserer


Stelle Irenäus nicht sagen wollte, Papias berichte nur Selbstgehörtes;
nicht deshalb, weil er ihn, falls er dies hätte sagen wollen, von den
Presbytern, die den Johannes gesehen, nicht hätte unterscheiden
können. Auch wenn Papias nur Selbstgehörtes berichtete, konnte
Irenäus ihn von den Presbytern scheiden um die schriftliche ,

Fixation des selbstgehörten Zeugnisses der mündlichen Überlieferung


gegenüberzustellen. Wohl aber deshalb, weil in der Tat im entgegen-
gesetzten Falle sowohl die Einführung des Zitates als auch die Schei-
dung ihre einfachste und natürlichste Erklärung findet.
Ob Johannes, den Papias gehört, der Apostel war, wie Irenäus
versichert, oder ob Eusebius mit der gegenteiligen Behauptung im
Rechte ist, ist eine andere Frage, die hier weder entschieden werden
kann noch entschieden zu werden braucht, da sie nichts zur Sache tut.
Aus dem Gesagten folgt, daß ich auch darin Corssen nicht zu-
stimmen kann, es könnten die Erzählungen des Papias und der damit
übereinstimmende Bericht des Irenäus schlechterdings nur auf eben
die Presbyter, die den Johannes gesehen hatten, zurückgehn. Daß

l
) Vgl. hiezu Eusebius, Hist. eccl., III, 15, 2: 2vveni^aQ%votl de amq)
xai . . . Hamag.
68

die Presbyter, die den Johannes gesehen hatten, nicht mit den Pres-
bytern des Papias zu identifizieren sind, wurde bereits gezeigt.
In einer weiteren Erwägung sucht Corssen die "Wahrscheinlich-
Zeugnis dem Werke des Papias
keit darzutun, dai3 Irenäus das zitierte
entnommen habe. Irenäus behandle durch den Gebrauch des Präsens
in der EintVihrungsformel die Presbyterzeugnisse in derselben Weise
wie Schriftwerke als gegenwärtig. Diese müßten also doch wohl, sei
au einem, sei es an verschiedenen Orten, schriftlich niedergelegt
^vwesen sein, und es dürfte doch wohl wahrscheinlich sein, daß
mindestens in diesem einen Falle das Presbyterzeugnis sich bei Papias
gefunden habe. „Oder wollte Irenäus, der sein Werk vor 173 nicht
begonnen haben kann und vor 181 wahrscheinlich nicht begonnen
hat, zu verstehn geben, daß jene ungenannten Presbyter noch im
Fleische wandeln und von jedermann befragt werden konnten?" Hiezu
sei folgendes bemerkt. Die aufgeworfene Frage scheint mir eine
kaum glückliche zu sein, da es sich gar nicht darum handeln kann,
ob die Presbyter bei Abfassung des Irenäischen Werkes noch am
Leben waren oder nicht. Corssen hätte besser fragen sollen, ob
Irenäus habe zu verstehn geben wollen, daß man sich von der
Richtigkeit auch bei Papias, der dasselbe
des Presbyterzeugnisses
auch aufgeschrieben habe, überzeugen könne. Diese Frage ist aller-
dings entschieden zu bejahen und daraus erklärt sich die Angabe
des Fundortes des Zeugnisses. So gewiß ferner Jülicher 1
)
im Un-
recht ist, wenn er glaubt, Irenäus habe, als er diese Stelle nieder-

schrieb, gemeint, jene Presbyter seien noch am Leben, ebenso gewiß


ist aus dem einführenden Präsens weder an unserer Stelle noch an

anderen mit Notwendigkeit zu schließen, Irenäus habe aus einer


schriftlichen Quelle geschöpft. Die Erklärung für unsern Fall wurde
bereits gegeben 2 ) und es bedarf nicht einmal der umständlichen Er-
wägungen Zahns. 3)
Corssen folgert noch weiter aus V, 33, 4 (et adiecit
aber
dicens etc.) die Gewißheit der Abhängigkeit des Irenäus aus dem
Werke des Papias. Hier zeige sich deutlich, daß Irenäus eine schrift-

*) Göttinger gel. Anz., 1896, S. 847.


2 Sieh oben S. 55.
)

S. 93 f. Zahn läßt übrigens, wie mich dünkt, eine Schwierigkeit außer acht.
3
)

Zahn nimmt an unserer Stelle bekanntlich ein von Papias völlig unabhängiges
Presbyterzeugnis an, das Irenäus selbst yon den Presbytern gehört habe. Aber
wenn Irenäus bei den Presbytern des vierten Buches, die er selbst gehört, so
gewissenhaft in der Bezeichnung der Kanäle verfährt, durch die ihm die apo-
stolische Tradition zugeflossen (S. 67), warum sagt er es in unserem Falle nicht,
daß er das Zeugnis von den Presbytern persönlich gehört? Warum wird hier ein
anderer Maßstab angelegt?
59

liehe Quelle zitiere. „AVer setzte hinzu und sagte?" Dieses schließe
durchaus nicht an das Vorhergehende an, denn da spreche der Herr
in eigener Person. Es müsse diese Rede des Herrn in der Quelle
etwa so eingeleitet gewesen sein: Johannes erzählte uns, wie der
Herr die Jünger über das kommende Reich belehrte. Dann sei es
klar, dal] Johannes es gewesen, der die Bemerkung hinzugefügt, mit
der er den Übergang zu dem ungläubigen Judas gewonnen.
Nach Zahn *) läßt mier Irenäus den Papias zu der vorher re-
produzierten Aussage der Presbyter noch etwas hinzufügen, also
außer solchem, was mit der Aussage der Presbyter wesentlich iden-
tisch war, noch anderes mitteilen, was in jener Aussage nicht ent-
halten war, und zieht auch daraus den Schluß, daß Irenäus nicht aus
dem Werke des Papias geschöpft habe.
daß Zahn im Rechte ist. Abgesehen davon,
Ich glaube nicht,
daß diese Schlußfolgerung aus dieser Prämisse kaum stringent sein
dürfte, da es mir wenigstens unmöglich ist einzusehen, warum Irenäus
nicht aus dem Papianischen Werke geschöpft haben konnte, wenn
letzteres mehr mitteilt als die Presbyter, ist nach dem vorausgehen-
den Präsens eJii^aQWQel, das mit Bezug auf das vorliegende Werk
des Papias gebraucht ist, das Perfectum adiecit, wenn es in gleicher
Weise mit Bezug auf dasselbe Werk des Papias gebraucht wäre, im
höchsten Grade befremdend. 2 ) Ich stimme Corssen zu und meine,
daß in der Tat als Subjekt zu adiecit und wohl auch zu inquit
Johannes angesehen werden müsse. Aber den Schluß, den er hieraus
zieht, halte ich für verfehlt. Sind die Schlußworte nicht eine Be-
merkung des Papias, sondern eine Fortsetzung des Presbyterzeugnisses,
dann hat Irenäus diese Worte nicht bei Papias gelesen, sondern, da
von einer anderweitigen schriftlichen Quelle nicht die Rede sein kann,
sie aus dem Munde eines Presbyters (wohl des Papias) gehört. Wäre
nämlich ganze Zitat aus Papias abgeschrieben, warum leitete
das
Irenäus nicht das ganze Zitat als schriftliche Mitteilung des Papias
ein? Oder hätte er dann die Angabe des Fundortes, wenn er sie
schon machen wollte, nicht am Schlüsse des Zitates beifügen müssen?
Warum setzt er sie (nach Corssen) mitten in das Presbyterzeugnis
hinein? Oder wollte Irenäus absichtlich verschweigen, daß er auch
diese Schlußbemerkung aus Papias geschöpft? Aber welchen ver-
nünftigen Grund hätte er hiezu gehabt? Irenäus geht also unzweifel-

!) S. 89.
2 Nachträglich sehe ich, daß Corssen in einem weiteren Aufsatz (Zeitschr.
)

f. neutest. Wiss., 1901, 4, S. 291, Anm.) das gleiche Bedenken gegen Zahn geltend
macht und außerdem betont, daß adiecit dicens (Luk. 19, 11) eine Formel sei, die
zur Verbindung zwischen zwei Erzählungen desselben Autors diene.
60

hatt aber Papias hinaus und weil.) aus mündlicher Überlieferung (des
Papias) mehr zu berichten Papias schriftlich aufgezeichnet hat.
als
Da ferner, wie ich dies nicht bloß als möglich, sondern als im hohen
Grade wahrscheinlich nachgewiesen zu haben glaube, das Presbyter-
zeugnis vom Anfange an als mündliche Überlieferung des Papias
eingeführt wird, so ergibt sich folgender natürlicher Sinn von V,
33, 4:Zunächst erklärt Irenäus: Das bisher Gesagte (V, 33, 3, vavva dt-)
bezeugen nicht bloß die Presbyter (Papias) in mündlicher Überlieferung,
es hat dies auch Papias schriftlich aufgezeichnet und findet sich im
vierten Buche seines Werkes. Hieraufführt er das Presbyterzeugnis nach
der mündlichen Überlieferung fort, indem er statt der von Johannes
erzählenden Presbyter, mit adiecit dicens, den Johannes selbst redend
einführt. Daß diese Wendung eine Einleitung voraussetze wie ol

jtQsaßvTSQOi SXeyov, övi ganz und gar nicht


Icjodvvrjg sIjzbv l
) kann ich
rinden; audivisse se ab Ioanne heißt ja doch: sie hätten den Johannes
erzählen gehört, und warum sollte dem nicht ohne weiteres beigefügt
werden können: Et adiecit dicens, zumal im griechischen Texte statt
des verbum finitum wohl auch der Infinitiv gestanden haben kann.
Xoch weniger ist es mir erklärlich, wieso sich Irenäus hier verrate,
den Papias abgeschrieben zu haben daß wir von Papias nach dem ;

Proömium seines Werkes genau die von Corssen vorausgesetzte Ein-


leitung erwarten müssen, ist eine willkürliche Behauptung.
Corssen schließt mit Harnack: Irenäus hat schwerlich etwas
anderes sagen wollen als dieses: das Zeugnis der Presbyter ist ein
mündliches, es auch schriftlich, da Papias es auf-
existiert aber
geschrieben hat. So bezeugt denn auch Papias die Geschichte. Der
Schluß hat wohl richtig zu lauten das Zeugnis der Presbyter ist ein
:

mündliches und Irenäus hörte es aus dem Munde des Papias, der es
seinerseits aus dem Munde des Johannes und aus dem Munde anderer
Johannesjünger vernommen hatte; es existiert aber zum Teil auch
schriftlich, so weit es nämlich Papias auch aufgeschrieben hat. So
bezeugt denn auch Papias schriftlich einen Teil der Geschichte.
Das Ganze ist also eine einheitliche Geschichte; aber entnommen
der mündlichen Überlieferung und zum Teil auch schriftlich bestätigt
im Werke des Papias.
Resultat: an unserer Stelle von Papias abhängig,
Irenäus ist

das hier vorgeführte Presbyterzeugnis hat er aus dem Munde des


Papias gehört und kennt es zum Teil aus dessen Werk.
Ein eigentliches, dauerndes Schülerverhältnis zu Papias braucht
deshalb nicht angenommen zu werden, wenn es auch Hieronymus zu

) Corssen am zuletzt angeführten Orte.


:

61

bezeugen scheint. ) Gegen gelegentlichen persönlichen Verkehr des


1

Irenäus mit Papias lassen sich weder chronologische noch territoriale


Schwierigkeiten geltend machen. Hörte Irenäus in seiner Jugend den
Polykarp, so konnte er auch dessen Gefährten, den ungefähr gleich-
altrigen Papias hören. Auch die Entfernung zwischen Smyrna und
Hierapolis schließt einen persönlichen Verkehr nicht aus. 2 ) Ist die
Angabe des Armenier Sebeos (7. Jahrhundert), Irenäus habe sich
einmal auch in Laodikea aufgehalten, richtig, so dient auch sie als
Bestätigung. 3 )
Presbyterzeugnis V, 33, 3. 4 von Papias abhängig, so ist
Ist das
wohl zuzugeben, daJ3 auch die übrigen Zitate des fünften Buches die-
selbe Quelle haben, da sie inhaltlich zusammenhängen. Freilich ist
durch nichts gewiß, daß sie notwendig aus dem Werke des Papias ge-
schöpft sein müssen, es besteht nicht einmal dafür die höchste Wahr-
4
scheinlichkeit oder das stärkste Präjudiz. ) Möglich ist es immerhin. 5 )
Die zweite Stelle, auf Grund derer gleichfalls die Frage nach
der Quelle der Irenäischen Presbyterzeugnisse beantwortet, beziehungs-
weise die Abhängigkeit des Irenäus vom Werke des Papias behauptet
wird (II, 22, 5) lautet dem Quia autem
vollen Wortlaute nach 6
)

triginta annorum aetas prima indolis est iuvenis et extenditur usque


ad quadragesimum annum, omnis quilibet confitetur; a quadragesimo
et quinquagesimo anno declinat iam in aetatem seniorem, quam habens
dominus noster docebat, sicut evangelium xai jvdvtsq Ös ol JiQsaßvvsQot
(miqvvqovgiv ol xavd vtjv Äolav Tcodvv?] reo tov xvqlov fAarfhytfj ovfi-
!h)yj)Teg (avvolgy uagaösdcoKevat (vavvb vovro} %bv 'Icodvvrjv. Tlage-
fisive yäo avvolg jlisxql Toaiavov iqovcüv. Quidam autem eorum non
solum Joannem, sed et alios apostolos viderunt et haec eadem ab
ipsis audierunt et testantur de huiusmodi relatione.

Harnack findet es auch hier für wahrscheinlich, daß diese


„sonderbare (AaovvQia" der asiatischen Presbyter, die sich nur schrift-
lich fixiert denken lasse, aus dem Werke des Papias stamme, und
zwar aus dem einzigen Grunde, weil sie formell gleichartig mit V, 33, 3

!) Ep. 75, 3 ad Theodoram: Irenaeus, vir apostolicorum temporum et Papiae,


auditoris evangelistae Joannis, diseipulus.
2
)
Vgl. Ziegler, Irenäus (1871), S. 19. Zahn, Forsch, z. Gesch. d. neutest.
Kan., VI, S. 88. Doch erklärt Zahn, auf die Angabe des Hieronymus sei nichts zu
geben. Bardenhewer, S. 156.
3
)
Harnack (ChronoL, S. 324) findet die Nachricht nicht unglaubwürdig,
wenn das phrygische Laodikea gemeint sei.

4) Harnack, S. 337.
•"')
Vgl. Bardenhewer, S. 542; Zahn, Forsch, z. Gesch. d. neutest. Kan.,
VI, S. 92.

°) Nach P r e u s c h e n, S. 64 f.
62

eingeführt sei. Dieser Grund aber so wenig stichhaltig, daß selbst


ist

Krevenbühl ') davon nichts wissen will, freilich nur, um jenes Zitat als
eine pure Flunkerei des Irenäus zu erklären.
Weiter Harnack geht Corssen, 2 ) der in eingehender Er-
als
örterung auch auf Grund dieser Stelle die Abhängigkeit des Irenäus
vom Werke des Papias sicher beweisen zu können vermeint. Die
wesentlichen Ergebnisse Corssens sind im einzelnen diese. 1. Irenäus
stelle das Zeugnis der Presbyter über die aetas senior der Lehrtätig-
keit Jesu neben das Evangelium hin, als ob es zwei verschiedene
Zeugnisse wären, obwohl es für ihn das Zeugnis desselben Mannes
sei. 2. Irenäus und die Presbyter besagten dasselbe. Harnacks Meinung,

Irenäus behaupte, Jesus sei nicht 50 Jahre alt geworden (Joh. 8, 57),
die Presbyter dagegen bezeugten als Johanneische Überlieferung, er
sei bis zum Greisenalter gekommen, halte nicht stand. Die aetas
senior der Presbyter sei nicht die eigentliche senectus; auch Irenäus
schiebe ihnen eine solche Behauptung gar nicht zu, er meide den
Ausdruck im ganzen Abschnitte, er sei vielmehr, indem er drei Stufen
des menschlichen Alters unterscheide, Kindheit, Jugend und höheres
Alter, zufrieden, Jesus unter die älteren, den Fünfzigern nahestehenden,
einreihen zu können. In einem andern, als diesem relativen Sinne
hätten auch die Presbyter die aetas senior nicht gefaßt, dies lasse
sich positiv beweisen aus den Argumenten, mit denen Irenäus arbeite.
Diese Argumente nun seien unverträglich mit der Anerkennung der
kanonischen Geltung insbesondere des dritten Evangeliums sie seien ;

ein verzweifelter Versuch, die verschiedenen Anschauungen des dritten


und vierten Evangeliums zu vereinigen und Irenäus gerate mit sich
in flagrante Widersprüche. Er sage, das Johannes-Evangelium drücke
sich so aus, daß man annehmen müsse, Jesus habe das 40. Jahr längst
überschritten, das 50. aber noch nicht erreicht (II, 22, 6). Er nehme
ferner mit Lukas an, daß Jesus mit annähernd 30 Jahren zur Taufe
kam (5). Dann aber behaupte er, um beide Evangelien zu vereinigen,
zwischen der Taufe und dem Tode Jesu liege ein Zeitraum von an-
nähernd 20 Jahren (6) und dies trotz der Annahme, daß Jesus nach
seiner Taufe dreimal zum Passahfeste nach Jerusalem gereist sei und
daß diese Reisen in den drei auf die Taufe folgenden Jahren ausge-
führt worden seien und ohne entweder die Zeitangabe des Lukas zu
widerlegen oder zu behaupten, Jesus habe erst lange Zeit nach der
Taufe zu lehren angefangen. Eine solche Argumentation sei nur be-
greiflich auf einem Standpunkt, der an das Lukas-Evangelium noch
nicht gebunden sei, das heißt vom Standpunkt des Papias aus.

i) S. 60.

2) Zeitschr. f. d. neutest. Wiss., 1.901, S. 214-221.


;

63

Es daher sicher, daß Irenäus wie die Ansicht vom höheren Alter
sei

Jesu, so auch die Argumente hiefür dem Papias entlehnt habe, der
auf Lukas 3, 23 keine Rücksicht genommen. 3. Auch die Anschauung
des Irenäus vom Beginne der aetas senior gehe auf Papias zurück.
Irenäus rechne die Jugend bis zum
Jahre und setze eben in dieses
40.
Jahr die Neigung zum Alter (5) und den Anfang der Lehrzeit Jesu
(die Zeitbestimmung et oder aut quinquagesimo sei augenscheinlich
eine Interpolation). bekomme sein Raisonnement Sinn und
Nur so
Zusammenhang, so verstehe man, warum von diesem Jahre an das
höhere Alter gerechnet werde, und erst so könne man sagen, Jesu
Lehrzeit sei in dieses Alter gefallen, während unter der Voraussetzung,
daii Jesus im Alter von ungefähr 30 Jahren getauft worden sei und
gleich nach der Taufe zu lehren begonnen, seine Lehrtätigkeit zum
großen Teil in das Jugendalter falle, was doch gerade widerlegt werden
sollte. Diese Anschauung, die der Argumentation des Irenäus zu
Grunde liege, entspreche aber (wenn Irenäus auch mit runden Zahlen
operiere) den chronologischen Angaben folgender Notiz eines Ano-
nymus aus dem Jahre 810: l ) In commentariis Victorini inter plurima
haec etiam scripta reperimus. Invenimus in membranis Alexandri
episcopi qui fuit in Jerusalem, quod transcripsit manu sua de exem-
plaribus apostolorum. Ita VIII. Kai. Janu. natus est dominus noster
Jesus Christus Sulpitio et Camerino Coss. et baptizatus est VIII. Id.
Jan. Valeriano et Asiatico Coss., passus est X. Kai. Apr. Nerone III.
et Valerio Messala Coss., resurrexit VIII. Kai. April. Coss. supra scriptis,
ascendit in coelos V. Non. Mai. post dies XL. Coss. supra scriptis.
Joannes baptista nascitur VIII. Kai. Jul. et circumciditur Kai. Jul.
ad Mariam vero locutus est angelus VIII. Kai. Apr. sexto iam con-
ceptionis mense Elisabeth (in utero) habere dicens. Hiezu bemerkt
Corssen, aus Namen und Beinamen seien in den beiden ersten Fällen
zwei Konsuln gemacht und im zweiten Valerianus aus Valerius ent-
standen, sonst aber seien sie richtig und ergäben die Jahre 9, 46
und 58. Ferner hält er die Angaben der Monattage bei der Geburt
des Täufers und Empfängnis Marias für spätere Zusätze, meint aber,
daß man die Angabe der Konsulate als den Kern einer alten Nach-
richt anerkennen müsse, die dem Anonymus wirklich auf dem ange-
gebenen Weg zugekommen, da es nicht begreiflich sei, wie und warum
man in späterer Zeit auf die angegebenen Konsulate hätte verfallen
können; und da er sich nicht vorstellen könne, wie jemand, nachdem
das Lukas-Evangelium kanonische Geltung gewonnen, es hätte wagen

!
) Vgl. Harnack, Gesch. d. altchristl. Lit., I, S. 506; Dobschütz, Das
Kerygma Petri (Texte u. Untersuch., X, 1, S. 137).
64 _
können zn behaupten, Jesus sei unter Nero gekreuzigt worden. Frei-
lich sei es dabei ganz und gar unklar, was Alexanders ) Quelle ge- 1

wesen aber so viel gehe doch hervor, daß er diese Überlieferung auf
;

Apostel zurückführe exemplaria apostolorum). Das


i
alles weise geradezu
auf Papias Alexander einen Auszug aus Papias verfaßt
hin. „Sollte
und diesen Victorinus (von Pettau) benutzt haben?" Aus der Über-
einstimmung der der Argumentation des Irenäus zu Grunde liegenden
Anschauung und den chronologischen Daten Victorins ergebe sich
fast mit Gewißheit, daß wie Yictorin so Irenäus auf Papias zurückgehe.

Corssens Darlegungen erscheinen auf den ersten Blick frappierend


und überzeugend; und doch beweisen sie nicht, was sie beweisen
wollen.
Ad 1. Corssen hat sowohl recht, habe wenn er bemerkt, Irenäus
nicht sagen wollen, die Presbyter hätten bezeugt, Johannes habe
ihnen mündlich bestätigt, was er in seinem Evangelium schriftlich
niedergelegt, als auch, wenn er beifügt, in seiner Quelle sei über-
haupt vom Evangelium des Johannes nicht die Rede gewesen, soweit
nämlich das Presbyterzeugnis in Frage steht. Ja, Irenäus denkt nicht
ausschließlich an das vierte Evangelium, wenn er das Evangelium
und alle Presbyter die aetas senior Jesu bezeugen läßt, er hat eben-
sogut, wie noch gezeigt werden wird, das dritte Evangelium im Auge.
Im übrigen dürfte sich Corssen sehr irren. Es sind wirklich zwei
verschiedene Zeugnisse, auf die sich Irenäus beruft : einerseits das
Evangelium und andrerseits die mündliche Überlieferung
schriftliche
des Johannes und das Zeugnis anderer Apostel, von denen die Presbyter
das nämliche wie von Johannes gehört hatten. Letzteres ignoriert
Corssen mit Harnack an dieser Stelle.
Ad 2. Auch hier scheint Corssen in mehrfacher Hinsicht sich
zu irren.Einmal nämlich halte ich dafür, daß der Beweis der Ab-
hängigkeit der Irenäischen Argumente von Papias nicht gelungen ist.
Corssen geht von der Voraussetzung aus, daß Papias das Lukas-
Evangelium entweder noch nicht gekannt, oder was ziemlich auf das-
selbe hinauskomme, es anzuerkennen sich noch nicht verpflichtet
fühle. Aber ist dies so sicher, daß Corssen es ohne Beweis als Tat-
sache hinstellen darf? Wenn Klemens Romanus, wenn Ignatius und
Polykarp das Lukas-Evangelium gebrauchen, 2 wenn Justinus Martyr, )

was heute niemand bezweifelt, 8 ) dasselbe wiederholt anführt 4 ) und zu

!) Gründer der Bibliothek Jerusalem (Eusebius, Hist. eccl., VI, 20), gehört
in
der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts an. Vgl. Harnack, a. a. O. S. 505.
2
) Vgl. das Register bei Funk, Patres apost.
9) S. oben S. 29, 32, Anm. 4.

*) Vgl. z.B.Boese, a. a. O. S. 32f.


65

jenen Denkwürdigkeiten zählt, die im Gottesdienste aller Gemeinden


des Morgen- und Abendlandes mit den Propheten gelesen wurden und
es als yga^rj zitiert, 1
) wenn der Pontiker Marcion, der auch im
phrygischen Laodikea sich aufhielt, 2 ) als er seine eigene Kirche
gründete, gerade das in der Kirche vorgefundene Lukas-Evangelium
beibehielt, 3 ) wenn endlich der Prolog des Papianischen Werkes un-
leugbare Anklänge an die Vorrede des Lukas-Evangeliums enthält, 4 )
wie sollte Papias dassel.be noch nicht gekannt oder es anzuerkennen
sich noch nicht verpflichtet gefühlt haben? Hält aber diese Voraus-
setzung nicht stand, so trägt auch der Standpunkt des Papias nichts
zur Erklärung der Irenäischen Argumentation bei.
Ferner ist es eine bloße Behauptung, die Presbyter hätten Jesu
einen Anteil an der letzten Stufe des Alters zugeschrieben, wie ich
auch die flagranten Widersprüche in der Argumentation des Irenäus
bei Anerkennung des dritten Evangeliums nicht finden kann. Irenäus
polemisiert gegen die Aufstellung der Valentinianer: Jesu habe nach
Isaias 62, 2 nur ein Jahr gepredigt und nachdem er im 30. Lebens-
jahre zur Taufe gekommen, „um ihre 30 Äonen darzustellen", im
zwölften Monate gelitten. Er widerlegt die Behauptung von der ein-
jährigen Lehrtätigkeit Jesu zunächst durch seine Exegese der zitierten
Stelle aus Isaias und durch Aufzählung dreier Passahfeste, die Jesus
nach dem vierten Evangelium nach der Taufe feierte. „Daß diese drei
Osterzeiten nicht ein Jahr sind, wird jedermann zugestehn. Als falsch
also hat sich erwiesen Erklärung sowohl des Jahres als des
ihre
zwölften Monats." ) Sodann zeigt er die Unmöglichkeit dieser Be-
5

hauptung auf Grund der Angabe des Lukas-Evangeliums 3, 23 mit


Zuhilfenahme aprioristischer Argumente. Er beginnt mit einem An-
griff auf die Gegner. Mit 30 Jahren habe Jesus noch nicht das voll-
kommene Alter eines Lehrers gehabt. Da er aber in Jerusalem Lehrer
gewesen, so habe er auch das Alter eines Lehrers gehabt, um in
allem, auch im Alter ein vollkommener Meister zu sein und um auch
die Alten zu heiligen und auch ihnen ein Muster zu werden. 6 ) Übrigens
sei Jesus, als er zur Taufe gekommen, noch nicht volle 30 Jahre alt

gewesen, sondern ungefähr erst ins 30. Jahr gehend (Luk. 3, 23).
„Und von der Taufe an hat nur ein Jahr gepredigt, das 30. Jahr
er
vollendend hat er gelitten, wo er noch ein Jüngling war (adhuc

2
) Vgl. Bousset, Die Evangelienzitate Justins des Märtyrers, S. 17.
2
)
Vgl. Tertullian, Adv. Marc, 5, 11. 17.
3
)
Bardenhewer, S. 342; Zahn, Gesch. d. Kan., I, S. 680ff.
4
)
Belser, Einl., S. 742; Schaefer, Einl., S. 180; Holtzmann, Einl.,
96 f.
5
)
II, 22, 1-3. - «) U, 22, 4.

5
_ 5?

iuvenis existens) und noch nicht das vorgerücktere Alter hatte (et
qui necdum provectiorem haberet aetatem)?" 30 Jahre seien ja erst
die prima indolis iuvenis, diese erstrecke sich bis zum 40. Jahre, wie
jedermann zugebe; erst vom 40. und 50. Jahre beginne die Neigung
zum höheren Alter (aetas senior), in welchem Jesus gelehrt habe.
Für dieses höhere Alter der öffentlichen Lehrtätigkeit beruft sich
Irenäus nebst dem Evangelium auch auf das Zeugnis aller Presbyter. ) 1

Endlich bestätigt ihm das vierte Evangelium 8, 57 1. daß Jesus nicht


:

nur e i n Jahr gepredigt haben könne, die Zeit nämlich vom 30. bis
zum 50. Jahre werde niemals ein Jahr sein; 2. daß Jesus damals
nicht 30 Jahre alt gewesen, denn um 20 Jahre hätten sich die Juden
doch nicht geirrt und zu einem Dreißigjährigen hätte man gesagt:
du bist noch nicht 40 Jahre alt; und 3. Jesus habe damals bereits
das 40. Jahr überschritten, das 50. aber noch nicht erreicht gehabt,
darum hätten die Juden zu ihm gesagt: du bist noch nicht 50 Jahre alt.
Aus dieser Argumentation ist mir wenigstens völlig klar, daß es
dem Irenäus in erster Linie und hauptsächlich um den Nachweis zu
tun ist, Jesus sei älter als 30 Jahre geworden, er sei bei Beginn
seines öffentlichen Lehramtes kein iuvenis mehr gewesen. Diesen
Beweis erbringt er, sich auf den Standpunkt der Gegner stellend,
auf Grund von Lukas 3, 23; hiefür ruft er das Zeugnis aller Pres-
byter an und diese Tatsache findet er insbesondere auch durch Joh. 8, 57
bestätigt. Welches genaue Alter die Presbyter unter der aetas senior
verstanden, deutet Irenäus durch kein Wort an, hierüber hatte er
augenscheinlich keine Nachricht erhalten. Diese Frage muß also un-
bedingt offen bleiben, zumal wir nicht einmal den Wortlaut der Pres-
byter-Mitteilung kennen. Sicher scheint mir auch so viel zu sein, daß
die Presbyter Jesu ebensowenig als sie ihm das Greisenalter über-
haupt zuschrieben, an der höchsten Stufe des menschlichen Alters einen
Anteil zugeschrieben haben konnten. Hätten sie es wirklich getan,
so hätte dies Irenäus nach der ganzen Tendenz seiner Beweisführung
ausdrücklich gesagt, und wären seine aprioristischen, philosophisch-
exegetischen Deduktionen überflüssig gewesen. Wenn Irenäus seiner-
seits diese aetas senior im Hinblick auf Joh. 8, 57 auf mehr als
40 Jahre berechnet, so ist das seine Sache. Und wenn er mit Be-
ziehung auf die genannte Stelle sagt: die Zeit vom 30. bis zum 50.
Jahre wird niemals ein Jahr sein, so will er damit ganz offenkundig
durch rhetorische Exaggeration die Behauptung der Valentinianer von
der einjährigen Lehrtätigkeit Jesu ad absurdum führen.
Was ferner die flagranten Widersprüche anlangt, in die sich
Irenäus von seinem Standpunkte aus, das heißt, bei Anerkennung
i) II, 22, 5.
67

des dritten Evangeliums, wären sie in der


verwickelt haben soll, so
Tat flagrant, wenn die Voraussetzungen zuträfen, von denen Corssen
ausgeht. Sie treffen aber nicht zu, abgesehen davon, dal] man einem
Schriftsteller wie Irenäus eine derartig unsinnige Beweisführung gegen
die Gnostiker doch wohl nicht zumuten kann, ohne selbst einen
Nonsens zu behaupten. Irenäus kann sich unmöglich die erwähnte
dreimalige Reise Jesu zum Passahfeste nach Jerusalem in den drei
auf die Taufe folgenden Jahr en a usgeführt gedacht haben.
Er deutet dies auch durch nichts an, nicht einmal durch den Hin-
weis auf die jüdische Sitte, aus jedem Landstrich jedes Jahr nach
Jerusalem zu gehn und dort den Ostertag zu feiern; Irenäus zählt
vielmehr lediglich nach dem vierten Evangelium die Passah-
feste auf, die Jesus in Jerusalem gefeiert, das heißt soweit das vierte
Evangelium von solchen während der öffentlichen Tätigkeit
Jesu berichtet. 1
) Von
im vierten Evangelium berichteten
diesen
drei Osterzeiten sagt er, jedermann müsse zugeben, daß sie nicht ein
Jahr seien, und mit Rücksicht auf diese im vierten Evangelium aus-
drücklich berichteten drei Passahfeste Jesu macht er den Gegnern
den Vorwurf, daß sie, welche die Tiefen Gottes ergründet zu haben
behaupten, in den Evangelien nicht geforscht haben. Dazu kommt,
daß Irenäus wörtlich behauptet (II, 22, 4) Triginta quidem annorum :

exsistens, cum veniret ad baptismum, deinde magistri aetatem per-


fectam habens, venit Hierusalem, ita ut ab omnibus iuste audiret ma-
gister : non enim aliud videbatur et aliud erat, sed quod erat, hoc et
videbatur. Magister ergo existens, magistri quoque habebat aetatem.
Hieraus im Zusammenhalt mit der Berechnung des vollkommenen Alters
eines Lehrers ergibt sich mir zur Evidenz, daß Irenäus zwischen
der Taufe Jesu in seinem 30. Jahre (Luk. 3, 23) und seinem
öffentlichen Auftreten als Lehrer in Jerusalem, wo Jesus das
vollkommene Alter eines Lehrers hatte, einen längeren Zeitraum,
etwa von zwölf Jahren, einschob. 2 ) Damit stimmt durchaus, wenn
Irenäus Luk. 3, 23 dahin erklärt: Jesus aber war ungefähr ins 30. Jahr
gehend (qui inciperet esse tamquam triginta annorum), also dgxoßsvog
nicht vom Anfange der Lehrtätigkeit versteht, wie es auch gar nicht
verstanden werden muß. 3 ) Demnach widerspricht sich Irenäus keines-
wegs, wenn er trotz der drei Passah Jesus 40 Jahre überschreiten

!) Bratke, Stud. u. Kr., 1892, S. 741 f.


Vgl.

)
2
Ich halte es für völlig unrichtig, wenn v. Dobschütz (Das Kerygma Petri,
Texte u.Unters., XI, 1, S. 148 f.) Irenäus als Zeugen des zwölfjährigen öffentlichen
Wirkens Jesu aufführt. Vgl. auch Bratke, a. a. 0. S. 741.
3
)
Vgl. hiezu Bratke, S. 751 ff. ; Schanz, Komm. üb. d. Ev. d. heil. Luk.
zur Stella.
5*
68 _
läßt, er hat dabei keineswegs völlig vergessen, daß Jesus bei seiner
Taufe doch erst 30 Jahre alt gewesen sei und er mußte aber auch
keineswegs die Angabe des Lukas für die Taufe Jesu korrigieren.
Daß Tivnäus den genannten Zeitraum einschob, ist wieder seine Sache.
Aber auch diesbezüglich ist es unrichtig zu behaupten, er setze sich
dadurch in Widerspruch mit allen vier Evangelien. Ich will hier
Irenäus nicht gerade verteidigen, aber es läßt sich die Einschiebung
doch einigermaßen ohne bewußten Widerspruch erklären. Matthäus
und Markus reihen bekanntlich ihren Bericht über die öffentliche
Tätigkeit Jesu ausdrücklich an die Einkerkerung des Täufers an, ) 1

auch Lukas weicht hierin wohl nicht ab. Das vierte Evangelium
aber weil.) von einem länger dauernden Aufenthalt Jesu in Judäa zu
berichten, während dessen der Täufer noch nicht überliefert war. 2 )
Konnte nun nicht Irenäus etwa die nach der Taufe Jesu fortgesetzte
Tätigkeit des Täufers und den damit parallelen Aufenthalt Jesu in
Judäa auf längere Zeit berechnet haben? Freilich hätte er hiebei
übersehen, daß er die im vierten Evangelium berichtete erste Reise
Jesu nach Jerusalem in die Zeit seiner öffentlichen Lehrtätigkeit
herübergenommen. Aber das erscheint doch nur als Nebensache.
Eine ganz andere Erklärung der Irenäischen Chronologie des
öffentlichen Wirkens Jesu verteidigt v.B ebb er. 3 ) Bebber bemerkt, daß
die Anschauung des Irenäus über die aetas senior Jesu nur begreif-
lich sei, wenn die apostolische Tradition diesbezüglich keinen Zweifel
an ihrer Echtheit gestattete und nach seiner Überzeugung den gleichen
Glauben verdiente wie Lukas 3, 23. Er hält ferner für sicher, daß die
Lukasstelle korrumpiert Lukas habe das Alter Jesu bei seiner
sei.

Taufe auf 38 Jahre angesetzt; aber bereits im Originale sei, bevor


dasselbe veröffentlicht wurde, in der mit Buchstaben geschriebenen
Zahl AHdurch ein Mißverständnis des Librarius die Einerzahl (H)
gestrichen worden, was keineswegs unmöglich erscheint. 4 ) Bebbers
Erklärung setzt aber voraus, daß die Presbyter nicht bloß im all-
gemeinen die aetas senior Jesu, sondern ein ganz bestimmtes Alter
überliefert hätten, was jedoch Irenäus nicht im mindesten andeutet.
Ad 3. Auf den dunklen Pfaden, die hier Corssen betritt, durchaus
zu folgen, finde ich mich weder veranlaßt noch befugt. Ich. begnüge
mich mit folgenden Bemerkungen. Was haben die exemplaria aposto-
lorum mit dem Werke des Papias zu tun? Das Papianische Werk mit
den Erklärungen der X6yia xvoiaxd kann doch unmöglich mit diesem

i) Matth. 4, 12; Mk. 1, 14.


2
) 3, 22. darüber bezüglich Luk. oben
24. Vgl. S. 38.
3
)
Zur Chronologie des Lebens Jesu, S. 147 f.
4) Vgl. 1 Reg. 13. 1 Vulgata; Luk. 10, 1.
69

Ausdrucke bezeichnet sein. ) Außerdem, wie können die Angaben des


1

Anonymus im Werke des Papias gestanden haben, wenn Melito von


Sardes, der das Papianische Werk doch gekannt haben muiite, eine
dreijährige und Apollmaris von Laodikea eine zweijährige Wirksam-
keit lehrten? 2 ) Und hätte Eusebius im Werke des Papias diese An-
gaben gefunden, hätte er nicht Gelegenheit gehabt, daran seine be-
liebte Kritik an Papias auszuüben? Eine sehr alte Quelle wird damit
wohl charakterisiert sein, was die Konsulangaben bestätigen dürften.
Weiteres, meine ich, läßt sich überhaupt nicht feststellen. Sollte etwa
die vielgenannte Didaskalie der zwölf Apostel gemeint sein?
Wenigstens behauptet Jakoby, 3) daß die Diegese: 'Ex rcav äjvoövofo-
y.u)}> diard^ecov tzsqi trjg KTicpavslag tov kvqcov mit ihren genauen An-

gaben über Daten des Lebens Jesu jener Didaskalie irgendwie angehöre.
Damit glaube ich gezeigt zu haben, daß Corssen in der Tat nicht
bewiesen hat, was er beweisen zu können glaubte. Gleichwohl möchte
ich nicht leugnen, daß die Überlieferung über die aetas senior der
Lehrtätigkeit Jesu im aufgezeigten Sinne irgendwie auf Papias zu-
rückgelm könnte.
Damit entfallen aber auch alle weiteren Folgerungen, die Corssen
und andere aus der erörterten Stelle bezüglich der von den Presbytern
angenommenen Kreuzigung Christi unter Nero und bezüglich der Un-
glaubwürdigkeit der Presbyter überhaupt und der bodenlosen Leicht-
gläubigkeit und Kritiklosigkeit des Papias gezogen haben. Wenn man
aber auch dem Irenäus wiederholt zugemutet, er setze Jesu Kreuzigung
unter Claudius an, so hat bereits Zahn hierauf die entsprechende Ant-
wort gegeben. 4 )
Es erübrigt noch, den Inhalt des Irenäischen Presbyterzeug-
nisses V, 23, 2. 3 einer kurzen Erörterung zu unterziehen, da angeb-
lich auch er als Zeuge der Unglaubwürdigkeit des Papias und seiner
Gewährsmänner dienen soll. 5 ) Sein Wortlaut ist dieser: 6 ) Venient dies,
in quibus vineae nascentur, singulae decem millia palmitum habentes,
et in uno palmite dena millia bracchiorum, et in uno vero palmite
dena millia flagellorum, et in uno quoque flagello dena millia botruum,
et in uno quoque botro dena millia acinorum, et unumquodque
acinum expressum dabit viginti quinque metretas vini. Et cum eorum

*) v. Dobschütz (a. a. 0. S. 139) übersetzt den Ausdruck mit: Original-


Aufzeichnungen der Apostel.
2
)
Na gl, a. a. 0. S. 324. 320.
3 Ein bisher unbeachteter apokrypher Bericht über die Taufe Jesu 1902.
)
4
j Forsch, z. Gesch. d. neutest. Kan., VI, S. 63, Anm.
) Vgl. Reville, a. a. 0. S. 10 f.; Holtzmann, Einl., S. 196.
t;
) Nach Funk, Patr. apost.
;

70

apprehenderit aliquis sanctorum botrum, alius clamabit: Botrus ego


melior sum, me sume, per me dominum benedic. Similiter et granum
tritici etc.

Kreyenbühl 1
)
hält dafür, daß diese chiliastische Träumerei
des Papias keineswegs auf den Angaben der Presbyter, noch des
Apostels Johannes, noch Jesu selbst beruhe, sondern in jedem Fall
auf eine in das erste christliche Jahrhundert reichende jüdische
Apokalypse zurückgehe, sei es, daJ3 sie unmittelbar aus der Baruch-
Apokalypse geschöpft sei, oder sei es, daß eine gemeinsame Grund-
schrift anzunehmen sei, die etwas kürzer in Baruch 29, 5, etwas
länger in der Stelle des Irenäus enthalten sei. Wenn Papias hier
etwas den Presbytern zu verdanken habe, so sei es höchstens das
Mißverständnis, welches sie die genannte Stelle als eine Mitteilung
des Apostels Johannes und als ein Wort Jesu hat ansehen und als
ein solches dem Papias hat mitteilen lassen. Corssen 2) aber meint,
ohne einen Widerspruch befürchten zu müssen, folgende Alternative
aufstellen zu dürfen: Wenn der Apostel Johannes das erzählt hat,
so ist er nicht der Verfasser des Evangeliums; wenn er aber der
Verfasser des Evangeliums ist, so hat er das nicht erzählt.
Es sei trotzdem wie Kreyenbühl so auch Corssen zu wider-
sprechen gewagt. Corssen schließt, wenn ich nicht irre, von der Prä-
misse aus, daß der Verfasser des Evangeliums nicht auch der Verfasser
der Apokalypse sein könne, da speziell der Inhalt des Evangeliums
und Apokalypse 20, 4 unvereinbar seien. Auf diese Frage hier des
näheren einzugehn, haben wir umsoweniger Anlaß, als auch Corssen
es bei der bloßen Behauptung bewenden läßt; es sei nur noch einmal
daran erinnert, daß es auch unter den modernen Kritikern welche
gibt, die sich zur Ketzerei bekennen, daß das Evangelium und die
Apokalypse einen und denselben Verfasser haben. 3 ) Gegenüber Kreyen-
bühl erachte ich es für ausgeschlossen, daß Papias unmittelbar aus
der Baruch- Apokalypse 4 ) geschöpft hat. Nicht einmal die wenigen
Zeilen über die Fruchtbarkeit des Weinstockes enthalten völlig
genau den analogen Abschnitt im Presbyterzeugnisse, da Baruch
nur von einer tausendfältigen Fruchtbarkeit spricht. 5 ) Eher könnte

*) S. 64f.
2) A. a. O. S. 224.
3) Vgl. A. Klöpper, Zeitschr. f. wiss. Theol., 1899, S. 369 f.
4
)
Vgl. über sie Schür er, Geschichte des jüdischen Volkes, III, S. 223 ff.
Clemen, Stud. u. Kr., 1898, S. 227 ff.
5
) Die
Baruchstelle lautet: An einem Weinstock werden sein tausend Zweige,
ein Zweig wird treiben tausend Geschosse und ein Geschoß tausend Beeren und
eine Beere wird geben ein Kor Wein. Vgl. L. Atzb erger, Die christl.Eschatologie,
1890, S. 169.
71

eine gemeinsame Quelle zu Grunde liegen. Das Wahrscheinlichste 1


)

und Natürlichste wird aber immer bleiben die Anlehnung an eine


auf den alten Propheten 2 ) fußende mündliche Überlieferung. Was
aber Jesus anlangt, so sehe ich nicht ein, warum er sich nicht
gelegentlich auf jüdische Überlieferungen hätte beziehen können,
ohne sich dieselben im buchstäblichen Sinne zu eigen zu machen.
Wissen wir denn, in welchem Zusammenhang Jesu Wort gesprochen
ward? Wer wird nich^Zahn 3 ) beistimmen, wenn er dazu bemerkt:
Dai3 Jesus vieles gesagt hat, was oft beinahe wörtlich ebenso von
jüdischen Lehrern vor und nach ihm gesagt worden ist, beweisen doch
wohl Sammlungen jüdischer Parallelen zu den Evangelien von
alle

Lightfoot bis zu Wünsche. 4 Zahn macht insbesondere noch darauf


)

aufmerksam, daß dem corus bei Baruch an der Irenäischen Stelle


viginti quinque metretas vini entspreche und dies die gleiche Maß-
bezeichnung und Berechnung sei, welche im Neuen Testamente nur
bei Joh. 2, 6 zu finden sei.

3. Die Quellen des Papias. Papias und der Apostel Johannes.

Eine teilweise Abhängigkeit des Irenäus von Papias kann nicht


geleugnet werden. Unsere Untersuchung führt uns demnach nunmehr
zu Papias, um die Frage nach dessen Quellen, nach dessen Gewährs-
männern zu erledigen. Zu diesem Zwecke ist vor allem eine neuer-
liche eingehende Erörterung des vielbesprochenen Bruchstückes aus
der Einleitung des Papianischen Werkes, das uns Eusebius 5 ) erhalten
hat, notwendig.
Es kann nicht unsere Aufgabe sein, auf alle Einzelheiten des
Fragmentes unter Berücksichtigung der ganzen hoch gehäuften
Literatur einzugehn. Jedoch soll unter vornehmlicher Berücksichti-
gung der neuesten Literatur nichts, was für vorgesetzten Zweck der
Untersuchung irgend von Belang ist, übergangen werden.
Hiebei muß nebst dem griechischen Texte der syrischen
x
) Charles, The Apocalypse of Baruch, 1896, S. 54.
2
)
Vgl. Isaias 11, 6 ff.; 65, 17 ff.

3 z. Gesch. d. neutest. Kan., VI, S. 153, Anm.


) Forsch,
)
4
Papias scheint unsere Stelle allerdings ad verbum hingenommen zu
haben und darauf bezieht sich Eusebius (Hist. eccl., IV, 39, 12), wenn er sagt:
u y.ai fffovfiai ... tä ev vjioddyßaot Jigög avx&v (.ivGTixäg 'etQTjfieva [Ai] ovveoQaxÖTa.
Findet wenn noch im 20. Jahrhundert ein
aber Papias keine Entschuldigung,
Lehrer der Universität im wesentlichen dieselbe Idee verteidigt? Vgl. Rohling,
Der Zukunftsstaat, 1894; Auf nach Zion! 1901.
5 Hist. eccl., III, 39, 3.
)
4.
72

Übersetzung besonderes Augenmerk zugewendet werden.


1
)
ein
Eine besondere Berücksichtigung des jüngst durch zwei Ausgaben 2
)
und eine deutsche Übersetzung 3 ) erschlossenen syrischen Textes er-
scheint umso notwendiger, als einerseits die älteste griechische Hand-
schrift der Kirchengeschichte des Eusebius erst aus dem 10. Jahr-
4
hundert ) stammt, die bisherige handschriftliche Kollation gerade
bezüglich der Exzerpte, die für uns hauptsächlich in Betracht
kommen, einen derartig variierenden Text bietet, 5
) daß man wiederholt
zur Annahme zweier Rezensionen oder zweier Ausgaben seitens des
Eusebius selbst flüchtete 6 ) und andrerseits die syrische Übersetzung,
sehr bald nach dem Tode des Eusebius, 7 ) vielleicht noch zu seinen
Lebzeiten, s ) nach einigen sogar unter seinen Augen oder auf seine
Veranlassung entstanden ist 9 ) und ihre handschriftliche Überlieferung
in das höchste Alter hinaufreicht, 10 ) so daß sie für die Herstellung
des Originaltextes von größter Bedeutung ist. Dazu kommt, daß am

In der neuesten Ausgabe der Kirchengeschichte des Eusebius von Dr. Eduard
*)

Schwartz, 1. Hälfte, 1903, und danach im nachfolgenden mit 2 sigliert.


2 Histoire ecclesiastique d'Eusebe de Cesaree editee pour la premiere fois
)

par Paul Bedjan, 1897, und: The Ecclesiastical History of Eusebius in Syriac
edited from the manuscripts by William Wright and Norman McLean
(with a collation of the ancient Armenian version by Dr. Adalbert Merx), 1898.
3 Die Kirchengeschichte des Eusebius. Aus dem Syrischen übersetzt von
)

Eberhard Nestle. Die Übersetzung beruht auf Wrights Ausgabe.


4
)
Codex Mazarinaeus, Paris 1430 (= A nach Schwartz).
5
)
Schwartz, a. a. 0. S. 1: Es kann mit Bestimmtheit behauptet werden,

daß der Eusebianische Text der Exzerpte sehr häufig fehlerhaft ist.
6
)
Schon Strothius in seiner Ausgabe 1779. Vgl. Halmel, Entstehung
d. Kirch engesch. d. Eusebius, 1896; Holtzmann, Theol. Literat urb er., 1897, S. 141.

7) Schon der des Griechischen höchst wahrscheinlich unkundige Ephräm

schöpfte vieles aus der Kirchengeschichte des Eusebius. Vgl. Theol. Literaturbl.,
1893, Sp. 472; Zahn, Forsch., VI, S. 113. 125; Protest. Real-Enzykl.3, V, 655.
8
)
Vgl. Nestle, a.a.O. S.V.; E. Lohmann, Der textkrit. Wert d. syr.
Übers, d. Kirchengesch. d. Eusebius, 1899, S. 12.
fJ
) Lohmann, S. 12: Nach Herr Prof.
einer persönlichen Mitteilung, die mir
Merx machte, hält er es für sehr wahrscheinlich, daß die syrische Übersetzung
von Eusebius selbst herrührt oder wenigstens sofort in seinem Auftrage an-
gefertigt worden ist. Auch Dr. Baumstark-Heidelberg stimme zu. Nestle
spricht sich wohl mit Recht dagegen aus.
10
) Die älteste Petersburger Handschrift (= 2> nach der Ausgabe von
Schwartz), datiert 773 griech. Ära =
462 n. Chr. Es fehlt ihr das ganze 6. Buch
und sehr viel vom 5. und 7. — Eine zweite Londoner Handschrift (= 2 b ) enthält
Buch 1 — 5 und stammt aus dem 6. Jahrhundert. 2 b verdient den Vorzug, weil
2*, wenn auch älter, durch die Hände mehrerer Abschreiber verderbt ist. Dazu —
2'
kommt noch eine armenische, aus dem Syrischen geflossene Übersetzung (= "),
ll,r

welche nach Moses von Choren durch Mesrop (f 441) veranlaßt wurde. Vgl. hier-
über Lohmann, S. 11 f.; Nestle, V f.
73

Übersetzer seine gute Kenntnis des Griechischen und seine Meister-


schaft in der Handhabung der syrischen Sprache gerühmt wird und
die Übersetzung selbst eine sinngetreue ist, die sich mehr der wort-
getreuen als der frei überarbeitenden nähert.
Aber auchÜbersetzungen Eufins (= R), Hieronynms' *) (=H)
die
und Nikephorus' ) (= N) können nicht unbeachtet bleiben.
2

Der griechische Text des Fragmentes und seine syrische Über-


setzung (in der deutschten Übertragung von Nestle) mitsamt den be-
merkenswertesten Textvarianten lauten:
Otix öxvrjoco öe ooi xai öoa Jiove Nicht verzichte ich dir herzu-
.lanä vtov jigsoßwigcov xahog setzen in diesen meinen Erklä-
efiaßov xai xakcog e^vr]/^övevoa, rungen auch dasjenige, was ich
Gvyxavavd£ai a ) valg eQ^veiaig, gut gelernt habe a ) von den Al-
faaßeßaiovftevog vizeg avvcbv dXrj- testen und gut in Erinnerung
tieiav. ov ydg volg vd jiokXd Xe- habe. Und ich bezeuge statt ihrer
yovotv e%aioov cqojisq ol jzoXXoi, (oder: für sie b ) die Wahrheit.
d/J.d volg vdh)\hfj dtddoxovocv, Nicht nämlich über die, welche
ovöe volg rdg dXXovoiag evvoXdg vieles sagen, freute ich mich, wie
u v))iiovevovoiv, dXXd volg rdg Jtaod viele, sondern über die, welche
vov xvoiov vy jziovet dedofievag h ) die "Wahrheit lehren auch nicht ;

xai djtavvfjg JiaQayivofievotg ) vrjg über diejenigen, welche erinnern


d/j]delag. an Gebote der Fremden, sondern
über diejenigen, welche über-
liefern, was von unserem Herrn
dem Glauben gegeben worden
ist und von der Wahrheit
(selbst) hergeleitet und ge-
kommen ist.
El de nov Kai JzaQr)xoXov$)]xcbg Auch nicht )
wenn ein
vig volg JVQ£oßvveooig d ) eXfioi, vovg Mensch kommt, der den Altesten
vcov jzoeoßvveooiv dvexQivov 6) X6- sich anschließt, verglich ich die
yovg, vi jivdoeag i] viüevoog elnev Worte der Altesten: des Andreas
i) vi <$i/AJzjzog rj vi 6cofiäg fj laxco- was er sagt, oder Petrus was er
£
ßog ) fj vi Icodvvrjg i) Mavfialog r\ sagt, oder was Philippus, oder
vig eveoog vcov vov xvgiov fia&r]- was Thomas, oder was Jakob, oder
vcov,ä ve 'Aoiovicov xai ö jiqeo- was Johannes, oder Matthäus,
ßvvegog Icodvvrjg ol vov xvgiov oder einer von den anderen
jnaftrjvai Xeyovocvß) ov ydg vd ex Jüngern unseres Herrn. Oder
vcov ßißXicov vooovvöv (jlb cbcpeXelv was Ariston d ) oder Johannes der
vjieXdjußavov öoov vd jvagd ^cbarjg Älteste. )

<l
covrjq xai {LievovGrjg.

J
) De vir. ill., 18. — 2
) Hist. eccl.
74

Nicht nämlich so meinte ich,


daß ich gewinnen könnte aus
ihren ") Büchern, als was aus
1
dem
lebendigen und beständigen Wort.
a)orrr <:..<:/ Aal. Exponere cum inter- a) .Tore om 2. — b) Mascid. 2. —
pretatdonibus suis R. — b) qui domini c) (sondern) selbst wenn Greßmann,
mandata memorabant R. — c) Fünf Theol. Literaturztg., 1901, S. G44. —
griechisohe Handschriften N Jianayi- d) Aristos 2 ,Hrm —
o) Die Ältesten
.

vofju vag — d) apostolosR. — ex-


AR. e) vu... Einfache Zufügung der Plural-
piscabar R considerabam H. — vi f) /) punkte würde auch im Syrischen „die
2ipaw löxcaßog N (111,20). — g) di-
F/ Ältesten" ergeben; /.r/ovoiv om 2. —
scipuli domini loquebantur H ceteri- f) ihren + 2'.

que discipuli dicebant R om N (II, 46).

Es Auslegung des voranstehenden Bruch-


folge gleich hier die
stückes durch Eusebius, ) die wiederum dem Wortlaute nach im
l

griechischen Text und in der syrischen Übersetzung vorgeführt wer-


den soll.
Im Anschluß an Irenäus V, 33, 4 bemerkt Eusebius, sei es, um
gegen die Behauptung desselben, Papias sei ein Schüler des Apostels
Johannes gewesen, zu polemisieren, oder sei es, um sie nur zu erklären,
zunächst folgendes:
Avtög ys jjtrjv ö JJajimag xatä Er aber Papias am Anfang
vö jiqooi/luov tcov avvov köycov seiner Worte zeigt nicht an, daß
d'/jjoarrjv fisv xoX avvÖJivrjv ovda- er gehört hat von den heiligen
ILLCog savvöv yeveoficu vcov isqöjv Aposteln oder sie gesehen hat.
äjioovoÄwv Biicpalvei, JiaQ£Mr]q)E- Daß empfangen hat Worte
er aber
vat de tä tfjg movecog Jiaqä vcöv des Glaubens von den Bekannten
exeivotg yi'cool^cov öiödoxst oV mv der Apostel, lehrt er in diesen
(frjoiv ki^scov. Worten, indem er sagte.

Hieran schließt Eusebius das eben wiedergegebene Papianische


Bruchstück. Diesem läßt er sodann folgende Erklärung folgen.
"EvOa xal ejiiotfjöai ä^tov ölg Hier aber ist es für uns er-

xa^aQi^fiovvTt avvq) tö Icodvvov forderlich zu verstehn, daß zwei-


övofjia, aiv tbv /aev JiQotsQOvIIitQq) mal er zählt den Namen des Jo-
xal 'Iaxojßqi xal Mavfiaiq) xal tolg hannes, den ersten mit Petrus
Aouiolg djzooto/.otg ovyxataXsysi, und Jakob und Matthäus und dem
oacpcijg Ör)?yCbv tbv svayye/uotrjv, Rest der Apostel rechnet er ihn,
1

vbv ö §vsgov lojdvvrjv, ötaotslAag indem er einfach auf den Evan-


tbv Aoyov, ktEQOig jzciQa vbv tcbv gelisten a ) anzeigt: der andere Jo-
djzoöTÖXcov u<jit)iwi> xatatdooei, hannes aber, ihn unterscheidet
jigotd^ag a'örov vbv 'Agiovleova, er durch das Wort, und in an-

i)
Hist. eccl., III, 39, 2. 5-7.
75

OCKfCog TB avvöv TlQSOßvTSQOV ovo- derer Weise zu der Zahl der


judget' cog xai dta vovvcov äjzo- Apostel setzt er ihn und setzt vor
dtixvvodai vijv iovogiav d/jjOij ihn den Ariston und ihn nennt
n'))' ovo xavä vqv Äalav ö ucovo- t
er deutlich „Altesten", so daß
uia xe/ni'joäai eiooxövcov, ovo ve wir von diesem anzeigen über
h 1
'Etpiocp yhvto&at fjivrjfjbaTa xai die Geschichte, da!3 sie wahr ist,

kxdtBQOv Icodvvov evi vvv Xeye- derer die sagten, daß es zwei in
oilar olg dvayxalov jzoog-
xai Asien gab, welche einemmit
fyeiv vöv vovv, eixbg yäo vbv dev- Namen hießen, und in Ephesus
veoov, el fn) vig ifteXot vbv jiqco- und beide bis
sind ihre Gräber,
ror,
1
n)v in övöfiazog cpeoofAevTjv heute heißen Johannes, indem
Icodvvov cmoxdkvxpiv eooaxevai. sich uns geziemt, daß wir in un-
xai b vvv de fj/Lilv örikov^evog serem Sinn schauen. Die Offen-
Ilajurlag vovg [iev vcov dnoovöXcov barung nämlich, welche des Jo-
köyovg jzaoä vcov avvolg Jiaoyxo- hannes heißt, wenn einer nicht
kovd))xovcov öjbto?*oyel jiaoeihrjcpe- annimmt, daß sie von Johannes
vcu, 'Aoiovlcovog de xai vovjzoeoßv- dem Evangelisten ist, ist es wahr-
veoov 'Icodvvov avvr\xoov eavvöv scheinlich, daß sie diesem andern
(frjoi yeveo&cu' ') dvofiaovl yovv h )
erschien. Und er aber, dieser
Jiol/.dxig avvcov {iviqiiovevoag ev Papias, über den wir jetzt kund-
votg avvov avyygdfifiaöiv viftrjöcv getan, bezeugt, daß er die "Worte
avvcov jzaoadöoeig. der Apostel von denen, die sich
ihnen empfangen
anschlössen,
hat, und b
) von Ariston und von

dem Ältesten Johannes. Er sagte


nämlich, daß er von ihnen ge-
hört habe und oft erwähnt er
sie mit ihrem Namen und in
seinen Büchern setzt er die Über-
lieferung, die er von ihnen em-
pfangen hat.
a) de und ai)vi)xoov — yeveoftai om a) Die Evangelisten Ih . — t>) om.
R. — b) Unde et E.

Die Auffassung des Inhaltes des Papianischen Fragmentes seitens


des Eusebius ist demnach nach dem griechischen Text im wesent-
lichen folgende: 1. Die Apostel seien nur indirekte Gewährsmänner
des Papias. Papias habe die Apostel weder gesehen noch gehört;
dieWorte des Glaubens und die Reden der Apostel habe er viel
mehr von ihren Vertrauten (jiaoä vcov exelvoig yvcoQificov[2]) und
ehemaligen Begleitern (jzciqü vcov avvolg nac\r\xo'kovüi}x6vcov[7]) em-
pfangen. Papias unterscheide deutlich zwei Johannes, den Apostel
2.

und Evangelisten und den Presbyter Johannes. 3. Papias nenne sich


70

einen anmittelbaren Hörer des Aristion und des Presbyter Johannes.


A utt allig erscheint hiebei, daß Eusebius Aristion und den Presbyter
Johannes nicht als vor xvqIov uaihjKu benennt.
1
Nach 2 dagegen läßt Eusebius den Papias bezeugen, er habe
die Worte der Apostel von deren ehemaligen Begleitern und
von Aristion und dem Presbyter Johannes empfangen, nach 2 a 2> rm R
nur von diesen beiden. Danach wären entweder Aristion und der
Presbyter Johannes auch, oder es wären nur sie Vertraute und Be-
gleiter der Apostel gewesen.
Hiemit stimmt, daß beide nicht das
Epitheton „Schüler des Herrn" haben. 2" enthält aber nach dem vor-
liegenden Wortlaut einen eklatanten "Widerspruch mit der unmittelbar
folgenden Aussage. Wenn Papias die Worte der Apostel von den
Begleitern derselben und von Aristionund dem Presbyter Johannes
empfangen hat, welchen Sinn soll dann die Behauptung haben, Papias
habe die beiden selbst gehört? Hatte er nicht auch die übrigen Be-
gleiter und Vertrauten der Apostel selbst gehört (1)? 2 kann also
hier unmöglich den richtigen Text bieten. J2 a 2> rm E ist mit der Aus-
sage des Papias schlechterdings nicht zu vereinbaren.
Alles übrige
über die Eusebianische Interpretation sowie das
Hauptsächlichste über die neuere und neueste Auslegung des Papiani-
schen Bruchstückes soll an geeigneter Stelle gesagt werden.
Wir beginnen nunmehr unsere Untersuchung des Fragmentes.
Es empfiehlt sich hiebei, mit dem Schlüssel des ganzen Fragmentes, 1
)

d. mit dem zweitletzten Absätze desselben den Anfang zu machen.


i.

Fassen wir vor allem den Fragesatz : %l Ävögeag — Matfialog ins Auge.
Da ist nun auf den ersten Blick klar, und es wird dies von allen,
von Eusebius angefangen bis heute zugestanden, daß Papias hier die
Namen von wenigstens fünf Aposteln nennt Andreas, Petrus, Thomas, :

Johannes und Matthäus. Es kann aber auch kaum ein Zweifel sein,
daß auch Jakobus und Philippus den Aposteln beizuzählen sind. 2 ) In
jedem Falle sind sämtliche unmittelbare Herrnschüler. Wir bleiben
im folgenden mit Eusebius bei dem Ausdrucke: Apostel. Ferner
scheint es gewiß, daß im Fragesatze von Aussagen die Rede ist,
welche genannten Apostel einst in längst vergangenen Zeiten
die
gemacht haben (vi emev). Weiteres wird noch zur Sprache kommen.
Auch über den Sinn des unmittelbar vorangehenden Satzes:
el Jiaor]zo?.ov^rjKd)g — /.öyovg 3
) ist, wenn derselbe für sich betrachtet

*) Leimbach, Das Papiasfragment, 1875, S. 12.


2
)
Vgl. Die Apostelverzeichnisse Matth. 10, 2 ff.; Mark. 3, 16 ff.; Luk. 6, 14 ff.;

Akt. 1, 13.
3
)
Die die Verbindung mit dem Vorausgehenden herstellenden Worte: el de
:'<><• y.ai bleiben hier noch unberücksichtigt.
77

wird, im wesentlichen ein Mißverständnis unmöglich. Zum wieder-


holten Male, so oft ehemalige Begleiter der ol JiQeoßovsoot kamen,
forschte 1
) den Aussagen der jiQFoßvvsQoi (tobg t(hv
Papias nach
ngsaßwegcov ävexQivov Xöyovg). Durch die Wiederholung vCov jiqsg-
Ivrigcov will Papias jeden Zweifel ausschließen, daß es ihm nicht
etwa um Aussagen der Begleiter der JiopoßvvsQOt, sondern um Aus-
sagen der jiosoßvveQOi selbst zu tun war.
Nun aber erhebt ^ich die Frage: In welcher Beziehung stehn
die beiden besprochenen Sätze zueinander und was ergibt sich
hieraus für die Bedeutung des Ausdruckes ol JZQEoßvtEQOt? Die Frage
wurde mit Recht als der Kardinalpunkt bezeichnet, um den sich die
ganze Differenz der Meinungen in der Auffassung des Fragmentes
dreht. 2 )
Bekanntlich stehn in der Beantwortung dieser Frage zwei An-
sichten sich schroff entgegen. Die einen fassen den Fragesatz: xi'*Av-
öotag etc. als appositioneile Ausführung von vovgrojv jiQsoßvTSQCOv AÖyovg
und halten demgemäß entweder die namentlich aufgeführten Apostel
für identisch mit den ol ßosößvveQOL 3 ) oder zählen sie diesen bei. 4 )
Nach den anderen ist der Fragesatz Objekt zu Tovg Xöyovg in dem
Sinne: Papias forschte nach den Aussagen der JiQsoßvrsQOi darüber, was
Andreas sagte. 5 ) Selbstverständlich sind danach die ol ßQeoßvvsQOt
. . .

die Generation nach den Aposteln. Lexikalisch und grammatisch ist


gegen diese Auffassung nicht viel einzuwenden; „die unnatürliche
Schwerfälligkeit" der Diktion ist wohl eingetragen. Auch die übrigen
geltend gemachten sachlichen Gründe 6 ) scheinen mir keineswegs von
solchem Belang zu sein, daß sie diese Auffassung an sich als ent-

)
Es soll vorläufig an der Lesart ävtxQtvov und an dieser von den
1

meisten angenommenen Bedeutung des Wortes (vgl. Akt. 4, 9; 12, 19; 23, 18 u. oft)
festgehalten werden. Noch sei schon hier bemerkt, daß Papias nicht ausdrücklich
sagt, wohin die ol 7[agi)y.oAovdt)xö'ueg kamen, auch nicht, daß er sie befragt habe.
2 Steitz, Stud. u. Kr.,
) 1868, S. 71.
3
)
So z.B. neuestens Cornely, Introd., III, pag. 214; Bardenhewer,
Altkirchl. Lit., I, S. 539; Belser, Einl., S. 35£; Tiefenthal, Die Apokalypse des
Johannes, 1892, S. 8 f.

4
)
Zahn, Forsch, z. Gesch. d. neutest. Kam, VI, 133 ff.; Poggel, Der 2. und
3. Johannesbrief, 1896, S. 32ff.; Godet, Einl., II, S. 11 f.; Wieseler, Zur Gesch.
d. neutest. Schriften, 1880, S. 115; A. Schaefer, Einl., 1898, S. 261; Knaben-
bauer, Comm. in Joannem, 1898, pag. 5; Funk, Opera apost. 2 I, pag. 351 f. ,

5
)
So nach Weiffenbach, Das Papias - Fragment, 1874; Lüdemann,
Jahrb. f. protest. Theol., 1879; Holtzmann, Einl. 3 , S. 471 ff; neuestens Harnack,
Chronol., S. 660; Wetzel, Die Echth. u. Glaubw. Evang. Joh., 1894, S. 171;
d.

Corssen, Zeitschr. f. neutest. Wiss., 1901, S. 206. 290, Anm.; Mommsen,


Zeitschr. f. neutest. Wiss., 1902, S. 156.
,;
) Vgl. Poggel, S. 33 ff.
;

78

schieden unrichtig darstellten, wenn


auch jeden unbefangenen Leser es
einigermaßen befremden muß, wieso Papias auf die Mitteilungen der
Begleiter der ngBOßfaegoi in der Frage nach Apostelaussagen ein
solches Gewicht legen konnte. ) 1

Wenn ich trotzdem gleichfalls ersterer Auffassung durchaus bei-


pflichte, so bestimmt mich hiezu nebst Eusebius, 2 ) der doch gründ-
lich und mit Kritik las und die Stelle genau so ausgelegt hat, 3 ) ins-
besondere die Tatsache, daß der ohne Variante überlieferte Text der
syrischen Übersetzung mit aller Deutlichkeit diesen Sinn wieder-
gibt, 4 der auch nach dem griechischen Text der einfachere und
)

natürlichere ist.

Daß Papias die Lehrer der apostolischen Generation nicht habe


als TtQSoßvteQOi bezeichnen können, um diesen bisher vielgebrauchten
Einwand zu erwähnen, hätte angesichts 1 Petr. 5, 1. Akt. 11, 30 und
Ignatius ad Phil. 5 5
)
(ad Trall. 3) niemals behauptet werden sollen, 6 )
umsoweniger, als Papias ganz augenscheinlich nicht auf die apostoli-
sche Würde seiner Gewährsmänner, sondern darauf das ganze Gewicht
legt, daß Augen- und Ohrenzeugen, als Schüler des Herrn
sie als
eine zuverlässige Quelle waren, und umsoweniger, als Papias das
Wort djTüovo/.og in keinem einzigen der erhaltenen Fragmente seines
Werkes gebraucht. 7 ) Aber auch die neuesten Einreden gegen unsere
Auffassung erweisen sich als wenig stichhaltig. So findet Harnack, 8 )
Eusebius habe in Bezug auf „Apostel", „Presbyter" bei Papias das,
was die Vorrede bietet, nicht ganz korrekt, respektive mit einem
Widerspruch behaftet, wiedergegeben (§ 7). Doch sei die Nachlässig-
keit verzeihlich, da es dem Eusebius auf diesen Punkt nicht ange-
kommen sei, sondern nur auf das angebliche Verhältnis des Papias
zum Apostel Johannes. Aber behauptete Harnack nicht wenige Zeilen
vorher selbst, Eusebius habe gründlich gelesen? Und hängt das
Verhältnis des Papias zum Apostel Johannes nicht etwa wesentlich
zusammen mit seinem Verhältnis zu den Aposteln? Es dürfte demnach

i) Funk, 1. c. pag. 352.


2) Vgl. auch E.
3
)
Vgl. noch einmal: llagnhr\q)bvai ös xa vrjg maxmg Jiagä %(bv txtivoig
(sc. Tolg i egoig äjioozö/.mg) yvog^acov dtödoxei (2) und: xovg xfov dnooTÖXcov Xöyovg
nagä töjv avTolg nagr\y.oXov^r\ a6xMv oftoXoyu 7raonh)(fivai
,
(7).
4
)
Ich verglich die Worte der Ältesten : Des Andreas, was er sagt u. s. w.
5
) ÜQOoepvyayv v$ eöayyeMq) 6g oagvu 'fqoov nai xoig dnooxoXoig (bg jzgsoßv-

t:<h'o) iv.Y.L 1)0 tag.


6
)
Näheres sieh bei Zahn, Forsch, z. Gesch. d. neutest. Kan., VI, S. 1 68 ff.
Leimbach, S. 63ff.; Belser, Einl., S. 35f.

') Vgl. Zahn, Forsch, z. Gesch. d. neutest. Kan., VI, S. 135, Anm. 2.
8 Chronologie, S. 059.
)
7<
79

der Widerspruch und die Nachlässigkeit nicht bei Eusebius zu suchen


sein. Wenn Harnack weiter bemerkt, er könne sich nicht davon
überzeugen, daß Papias „Apostel" und „Presbyter" identifiziert habe,
so hat er recht gelesen und ich stimme ihm hierin vollends bei freilich ;

nicht deshalb, weil Papias dann nicht nachträglich von 6 JTQeoßvTEQog


Itimwrjg hätte sprechen können, sondern nebst anderen Gründen, die
noch genannt werden sollen, gerade auch deshalb, weil er ihn so
nennt und trotzdem mit. Aristion zusammenstellt; noch weniger des-
halb, weil die Presbyter des Irenäus und Papias identisch seien,
was alsunmöglich bereits erwiesen wurde.
Im gleichen Sinne wie Harnack äußert sich Corssen: ) Papias 1

unterscheide in seinem Werke Presbyter und Apostel. Zwar könnte


man nach der Vorrede meinen, die Presbyter seien die Jünger Andreas,
Petrus etc., indem der Satz: Was Andreas oder was Petrus sagte, den
Ausdruck: die Worte der Altesten aufnehme und erläutere. Aber
das sei doch nicht wahrscheinlich, da diese durch die Bezeichnung,
Schüler des Herrn, vielmehr von den Presbytern unterschieden zu
werden schienen. Ganz unmöglich werde die Annahme, wenn man be-
denke, daß in dem Werke selbst von den Presbytern die Hede sei, die
den Johannes und andere Apostel gesehen hätten. Auch Mommsen 2 )

gibt Harnack vollkommen recht Hinsichtlich der den Aposteln zu-


:

geschriebenen Äußerungen habe Eusebius in völlig befriedigender


Weise den Nachweis geführt, daß Papias nicht, wie Irenäus behaupte,
unmittelbar von den Aposteln abhänge. Äußerungen der Apostel,
welche die Schüler und Nachfolger derselben, die kleinasiatischen
Presbyter der Epoche des Papias im Gedächtnis behalten, habe Papias
aus dem Munde ihrer Begleiter vernommen und als Kollek-
taneen für sein Werk aufgezeichnet. Es scheine in denselben jedes-
mal der Apostel namhaft gemacht zu sein, der die Äußerung getan
habe. Der Presbyter, dem der Apostel sie mitgeteilt und ebenso dessen
Begleiter, dem sie Papias entnommen, würden nicht mit Namen ge-
nannt, wohl aber dies gesamte Material den Jigsoßoregot beigelegt.
Hiezu seien mir folgende Bemerkungen gestattet: 1. Ich vermag
nicht einzusehen, wie durch die Bezeichnung: Schüler des Herrn, die
Apostel von den Presb}r tern unterschieden zu werden scheinen, werden
ja doch auch Aristion und der Presbyter Johannes nach dem von
Corssen als echt angenommenen griechischen Texte als solche be-
zeichnet; vielmehr beweist dieser Ausdruck, wie sich zeigen wird,
lediglich, daß die ol JTQSoßvvsQOt nicht ausschließlich die Apostel sein

') Zeitschr. f. neutest. Wiss., 1901, S. 206 f. 290.


2
) Zeitschr. f. neutest. Wiss., 1902, S. 156 f.
_ 80

können. Erregt es die Verwunderung, daß Mommsen, obwohl er er-


2.

klärt, „einem Schriftsteller wie Eusebius wird man es eben glauben


müssen' mit Corssen mit keiner Silbe erwähnt, wie Eusebius zweimal
4

ausdrücklich versichert, Papias habe die Worte des Glaubens von


den Vertrauten der Apostel, die Aussagen der Apostel von den Be-
gleitern der Apostel empfangen. 3. Nicht minder erstaunlich ist es,
daß Eusebius aus dem Proömium des Papianischen Werkes nachzu-
weisen sucht, Papias habe die Worte des Glaubens, die Worte der
Apostel nicht von den Aposteln selbst, sondern von ihren Vertrauten,
ihren Begleitern empfangen, wenn im Werke selbst ausdrücklich die
Presbyter, „die Schüler und Nachfolger" der Apostel als Gewährs-
männer für die jedesmal genannten Apostel zitiert werden und wenn
diese Presbyter als solche bezeichnet werden, die den Johannes und
andere Apostel gesehen hätten. Warum zitiert denn Eusebius hiefür
nicht lieber wenigstens eine von den vielen derartigen Anführungen
aus dem Werke des Papias? 1 ) 4. Endlich erscheint es nicht recht
begreiflich, aus welchem Grunde Eusebius das gesamte Material
gerade den Presbytern, den Schülern und Nachfolgern der Apostel,
in den Mund gelegt haben soll, wenn er aus ihrem Munde die
Äußerungen der Apostel gar nicht gehört hat. Ebensowenig verstehe
ich, warum nach Mommsen Papias die Namen der Presbyter ver-
schwiegen haben Kannte er ihre nicht? Hat er ihre
sollte. Namen
Begleiter niemals danach befragt, sondern denselben blindlings
Glauben geschenkt? Aber dagegen spricht jede Zeile seines Pro-
ömiums.
Ob Eusebius den Nachweis, daß Papias nicht unmittelbar von
den Aposteln abhänge, in völlig befriedigender Weise geliefert hat,
muß vorläufig dahingestellt bleiben; aber jedenfalls scheint mir schon
nach dem Gesagten Mommsen wie Corssen weder das Papianische
Fragment noch die Eusebianische Exegese desselben in befriedigender
Weise erfaßt und wiedergegeben zu haben.
Verschieden können auch die folgenden Worte des in Frage
stehenden Abschnittes: r) tig stsgog %(bv xvqlov jutadrjvöjv aufgefaßt
werden. Es zwar klar, daß hier die Reihe der Presbyter fortgesetzt
ist

wird, nach deren Aussagen Papias forschte, und daß die Presbyter
zweifellos als unmittelbare Herrnschüler bezeichnet werden. Aber
fraglich bleibt, ob Papias damit ausschließlich die Reihe der Apostel
fortsetzt, Rest der Apostel die Rede ist, oder ob er außer
also vorn
den Aposteln noch andere unmittelbare Herrnschüler inbegreift. Ist
die Frage im übrigen belanglos, so bestimmt sich doch nach ihrer

l
) Vgl. liiezu obon S. 55.
81

Beantwortung der Begriff der Papianischen JiQeößvTSQOL Im ersteren


Falle nämlich sind sie ausschließlich die Apostel, im letzteren die
unmittelbaren Herrnschüler mit Einschluß der Apostel. Desgleichen
kann nicht mit Unrecht die Frage aufgeworfen werden, ob die Worte
sich an das Vorhergehende anreihen oder ob sie mit dem nachfolgen-
den Satze korrespondieren, so daß tig entweder als Indefinitum =
irgend einer, oder als Fragepronomen zu fassen wäre. Die Beant-
wortung dieser Fragen Jiann jedoch auf Grund dieser Worte allein
nicht gegeben werden.
Bezüglich des Schlußsatzes dieses Abschnittes ä te keyovoiv, : —
läßt sich an und für sich betreffs seiner grammatischen Einfügung auf
Grund des griechischen Textes eine vierfache Möglichkeit feststellen.
1. Der Satz steht parallel mit dem Fragesatze: vi 'AvÖQsag etc. ) Beide
1

Sätze sind gleichmäßig vom Hauptsatze: tovg töjv ßQeoßvvsQCßv köyovg


(h'ty.oti'ov abhängig; nur setzt sich der Fragesatz in einem Relativsatz
fort, was nicht selten auch in der biblischen und profanen Gräzität vor-
kommt. 2 ) Der Wechsel des Pronomens
den Sinn gleichgültig, ist für
gibt jedoch dem letzteren Satze eine selbständigere Stellung und legt
wohl auf denselben einen besonderen Nachdruck. Der Wechsel des
Tempus scheidet zwischen Aussagen in der Vergangenheit vom Stand-
punkte des dvexQivov aus, keineswegs aber notwendig zwischen Aus-
sagen Verstorbener und Lebender.
Diese Auffassung des Satzes erscheint naheliegend und natürlich.
Aus ihr ergeben sich von selbst folgende Folgerungen: a) Aristion
und der Presbyter Johannes gehören in gleicher Weise wie die
namentlich aufgeführten Apostel und die übrigen Herrnschüler zu den
oi jzofoßvvEQOi, nach deren Aussagen Papias in vergangener Zeit
(vom Standpunkt der Abfassung seines Werkes) zu forschen pflegte
und um die es sich im ganzen Fragment handelt, b) Da aber Aristion
nicht zu den Aposteln, wohl aber zu den Herrnschülern zählt (die
Echtheit der Apposition: ol vov xvolov iiadi^vai, deren Richtigkeit nach
dieser Auffassung gar nicht bestritten werden kann, voraussetzt), so
sind die ol JiosoßvtSQOi des Papias nicht die Apostel allein, sondern
die Herrnschüler mit Einschluß der Apostel, und daraus erklärt sich
vielleicht von selbst der Ausdruck ol JiQsaßvTSQOi. c) Aristion und
der Presbyter Johannes waren zur Zeit, als Papias seine Nach-
forschungen anstellte, noch am Leben. Dies besagt das Präsens

J
) Vgl. z. B.A.Schaefer, Einl., S.261; Belser, EinL, S. 35; Tüb. Quartalsclir.,
1897, S. 151; Funk. 1. c, pag. 352 f. Knabenbauer,
; S. 6; Zahn, Forsch, z.

Gesch. d. neutest. Kan., VI, S. 141.


2
) Vgl. Blaß, Gramm, d. neutest. Griech. 2 S. 171;
, Kühner, Griech. Gramm.,
TT, S. 043. Cornely (Intr., III, pag. 214) hätte dies nicht leugnen sollen.
G
82

ktyovotv zwar nicht für sich, wohl aber in der Gegenüberstellung zum
vorausgehenden Aoriste efrrev. )
1
Daß die übrigen JiQsoßvTSQOi bereits
tot waren, dürfte im allgemeinen sicher sein, folgt aber keineswegs
aus dem Papianischen Bericht. Auch wenn diese alle noch lebten,
ihre Aussagen aber einer lange vergangenen Zeit angehörten, konnte,
beziehungsweise mußte Papias fragen: Was haben gesagt. 2 ) d) Der
Titel 6 JtQBaßvtSQog kann dem zweiten Johannes weder zum Unter-
schiede vom Apostel desselben Namens noch zum Unterschiede von
Aristion beigelegt sein, da die drei auf dieselbe Stufe gestellt er-
scheinen und den 01 jTQSoßvtSQoi beigezählt sind, er kann nur den
Sinn haben: JiQSößvteQOg per eminentiam; und da Johannes dies nicht
wegen seines hohen Alters sein konnte, weil ja auch Aristion als
Herrnschüler bezeichnet wird und also dem Johannes im Alter
schwerlich viel nachstand, auch nicht etwa wegen persönlicher Be-
ziehungen, in denen er zu Papias stand, auch diesbezüglich stand
ihm Aristion kaum nach, so dürfte er dieses Epitheton wohl führen
wegen seiner hervorragenden Stellung und seines besonderen An-
sehens, dessen er sich allgemein in den asiatischen Gemeinden er-
freute, e) Die Apposition ol unmöglich
tov xvqiov jLtafirjvai, die
einen andern Sinn haben kann als in der unmittelbar vorangehenden
Zeile, 3 ) erscheint, weil selbstverständlich, an sich überflüssig. Die
Beifügung hängt zusammen mit der selbständigen Stellung des Satzes.

x
) Da /Jyovoiv von dviy.oivov abhängt,als vom Standpunkt der durch
urr/jjivov bezeichneten Vergangenheit genommen werden muß, so kann es un-
möglich dahin verstanden werden, daß Aristion und der Presbyter Johannes zur
Zeit der Abfassung des Werkes oder der Niederschrift des Proömiums noch am
Leben waren (Cornely, Godet, Beyschlag, Stud. u. Kr., 1896). Ein zweiter
Grund, den Zahn dagegen geltend macht: Leute, die um 27—30 Jünger Jesu
gewesen, hätten nicht um 125—130 noch gelebt und gelehrt haben können, ist an
sich richtig. Aber es fragt sich doch, ob die Abfassung des Papianischen Werkes
sich in diesen Zeitraum verlegen läßt. Ich möchte es für nicht sehr wahrscheinlich
finden, daß Papias noch im 1. Jahrhundert seine Erkundigungen sammelte und
fast ein halbes Jahrhundert später sein Werk niederschrieb. Ob die bekannte
Notiz in der Kirchengeschichte des Philippus Sidetes: (ücuiiag ioxogel) mgi xw>
i)7i6 tov Xqlotov £y. vexocöv ävaozavTcov, mi tcog 'AÖQiavov £fav (vgl. Texte u.
Unters., V, 2, S. 176) dem Papias angehört, ist so ausgemacht nicht. Vgl. auch
Quadratus bei Eusebius, Hist. eccl., IV, 3, 2. — Unrichtig deutet Corssen
das Präsens dahin, Papias habe angenommen, daß beide noch am Leben waren,
als er seine Erkundigungen einzog. Hat er denn die Leute nicht danach gefragt?
2) Poggel, a. a. 0. S. 50.
y
) Vgl. Mommsen, a. a. 0. S. 157: Harnacks Versuch, der Bezeichnung
des Herrnschülers einen doppelten Wert beizulegen, ist sicher verfehlt sie kommt ;

nur den unmittelbaren Jüngern Jesu zu und kann am wenigsten in derselben


Periode in doppeltem, ja entgegengesetztem Wert aufgefaßt werden. Vgl. Zahn,
Forsch, x. Gesch. d. neutest. Kan., VI, 8, 138.
S3

Da Zahl der Herrnscliüler im vorausgehenden Satze dem Anscheine


die
nach bereits abgeschlossen ist, mußte die Apposition beigefügt werden,
und sie dient dazu, Aristion und den Presbyter Johannes dem Kreise der
obgenannten jiQeoßvtSQOt ausdrücklich zuzuzählen und jeden Zweifel
auszuschließen.
Dagegen läßt sich auf Grund der so aufgefaßten Stelle allein
über die Frage, ob der Presbyter Johannes etwa mit dem Apostel
desselben Namens identisch sei, keinerlei Entscheidung fällen, wenn
auch weder die Möglichkeit noch die Wahrscheinlichkeit von vorn-
herein geleugnet werden soll. Knabenbauer, Belser und andere,
die diese Auffassung teilen, halten es zwar für gewiß,
daß der als
7iQ8ößvT£Qog bezeichnete Johannes eben wegen dieses Epithetons
niemand anderer sein könne als der Apostel Johannes, und zwar ohne
z. B. der Schwierigkeit der zweimaligen Nennung des Apostels, die
Bardenhewer, Poggel und insbesondere Zahn eingehend würdigen,
auch nur Erwähnung zu tun. Indes kann ich ihrer Argumentation
nicht zustimmen. Belser verfährt insofern konsequent, als er unter
0/ svQSoßvtSQOt nur Apostel versteht. Würde aber in weiterer Kon-
sequenz nicht auch Aristion zu den Aposteln zu zählen sein, da ja
auch er zu den ol JiQsaßvtSQOi wie zu den fjuad^val tov kvqIov gehört?
Daraus, daJ3 Papias den Johannes als 6 jrosaßvvsQog bezeichnet, während
er diesen Titel dem Aristion de industria nicht gibt, kann unmöglich
mit Evidenz folgen, daß Aristion nur in einem weiteren Sinne Presbyter
war. Die Voraussetzung Belsers erweist sich als irrig. Wenn Eusebius
und Rufin die jiQsoßvvsQot als Apostel charakterisieren, so bedienen sie
sich dieses Ausdruckes a potiore. Aristion gehört nach der skizzierten
Auffassung der Stelle ebensogut zu den ol JZQSoßvvsQOt als der Pres-
byter Johannes, wie er denn auch in der armenischen Übersetzung
unserer Stelle und im armenischen Evangelienkodex von Etzschmiadim
Presbyter genannt wird. Belser kann also auf Grund seiner Auf-
fassung dieser Stelle nicht behaupten, das Papianische Fragment stehe
alsBollwerk da für die Begründung des Satzes Papias habe nur einen
:

Johannes gekannt, den Apostel Johannes. Nicht minder hinfällig


dünkt mich Knabenbauers Argumentation Aristion est discipulus,
:

Joannes presbyter et discipulus; presbyteri et discipuli sunt apostoli.


Ergo Joannes presbyter et discipulus non est alius nisi Joannes
apostolus. Dazu sei nur bemerkt, daß Knabenbauer einige Zeilen
vorher richtig erklärt: JiQsoßvtBQOi dicuntur apostoli et discipuli
domini.
Auch ein einstmaliges persönliches Verhältnis des Papias zu
Aristionund dem Presbyter Johannes ist bei dieser Auffassung durch
den Wortlaut des Fragmentes nicht ausgesagt, aber auch nicht po-
6*
__ 84 _
sitiv ausgeschlossen. 1
) Im Gegenteil ist ihre bedeutsame Hervor-
hebung sicherlich nicht allein dadurch motiviert, dah" beide Zeit-
genossen des Papias waren, sie müssen für ihn auch eine besondere
Bedeutung gehabt haben. Es macht den Eindruck, als ob Papias
nach den Aussagen von Männern fragte, deren Autorität für ihn etwa
B h wegen persönlichen Verkehrs mit denselben vor längerer oder
kürzerer Zeit eine ganz singulare war. Für die Zeit des ävinQivov
fand ein persönlicher Verkehr nicht mehr statt.
'2. Ferner ist es ohne weiteres möglich, den Satz als einen mit
rovg r(')r und unmittelbar von ävexQivov
.inf-ajrrtooir Xdyovg parallelen
abhängigen Relativsatz zu nehmen ) in dem Sinne: So oft ein ein- 2

stiger Begleiter der Presbyter kam, fragte ich 1. nach den Aussagen,
welche die Presbyter in der Vergangenheit gemacht, nämlich was
Andreas oder Petrus u. s. w. gesagt haben, und 2. nach dem, was
Aristion und der Presbyter Johannes in der Gegenwart sagen. Der
Unterschied der vorigen und dieser Auffassung scheint mir nur darin
zu bestehn, daß letztere den Aristion und Presbyter Johannes nicht
mit derselben Deutlichkeit wie die erstere unter die JiQSößvtSQOi sub-
summiert. Da aber auch in diesem Falle die Begleiter der jiQSoßv-
tsqol es sind, die befragt werden, so ändert dies am Sinne nichts
und nichts an den oben daraus gezogenen Folgerungen.
Wie naheliegend und natürlich nun die vorgeführte Erklärung
an sich erscheinen mag, so stehn ihr doch so gewichtige sonstige
Bedenken entgegen, daß ich ihr nicht zuzustimmen vermag. Einmal

1
)
So neuestens A. Schaefer, Einl., 262; Harnack, Corssen u. a.
2
)
Harnack, Corssen
(a. a. 0. S. 209). In einem späteren Aufsatze
S. 660;
(1901,4, S. 290) Corssen seine Auffassung dahin: der Relativsatz
rektifizierte
<"lt; —
/.iyoroiv hänge von vovg Xöyovq uin'yjjivov ab und sei in der Tat Apposi-
tion von Tobg nQeoßvtigcov ?>öyovg, so daß „das, was Aristion und Johannes sagen",
unmittelbar mit „den Worten der Presbyter'-' zusammenfalle; hingegen sei die
Frage vi 'Avdgiag nicht durch dvdxgivov bedingt und bilde das, „was Andreas u. s. w.
sagte", den Inhalt der Worte, d. h. Erzählungen der Presbyter. Doch glaube ich —
nicht, daß Corssen viel Zustimmung finden wird. Diese doppelte Auffassung von rovq
i( : >f .roiG irrX6yovg ist unglaublich. Und wie sollte sich 6 jroioßvTEQog und ol
:'()() r

voü kvqCov iiaüijTdi erklären? —


Die Annahme, es handle sich im Relativsatze nicht
mehr um das Befragen der Begleiter der Mgeoß'&veQOi, überhaupt nicht mehr um
ein indirektes Befragen, sondern um ein direktes Befragen des Aristion und des
Presbyter Johannes, so daß ein weiteres dvtxoivov einzuschalten wäre, halte ich
für reinste Willkür, oder Papias hätte sich in geradezu unmöglicher Weise aus-
gedrückt. Tiefenthal (a. a. 0. S. 10) scheint neuestens dieser Ansicht beizupflichten.
Wenigstens sagt er wörtlich: der Unterschied zwischen der mittelbaren und un-
mittelbaren Erkundigung liegt schon im Texte ausgedrückt, indem es von ersterer
heißt: Was Andreas oder was Petrus gesagt hatte elnev, und von letzterer: Was
sie sagen ktyovow.
85

nämlich ist es nicht recht erfindlich, was bisher, so weit ich sehe,
unbeachtet blieb, wie Papias die einstigen Begleiter der Presbyter
(das bedeutet doch wohl das Partizip Perf. JTaQ>)xokov&r]xcbg) hätte be-
fragen können, was Aristion und der Presbyter Johannes in der Gegen-
wart sagen. Ferner welche Garantie der Wahrheit, auf die doch
Papias den allergrößten Wert legt, boten nach dieser Auffassung die
Begleiter der Presbyter? Weiter findet der Schlußsatz des Frag-
mentes, insbesondere das- stark betonte jusvovörjg keine befriedigende
Erklärung. Endlich läßt sich kaum begreifen, wieso Eusebius aus-
drücklich versichern konnte, Papias sage, er habe den Aristion und
den Presbyter Johannes, den er vom Apostel unterscheidet, selbst
gehört. Geht Zahn, ) wie ich glaube, auch etwas zu weit, wenn er den
1

Eusebius behaupten läßt, Papias habe die beiden in seinem Werke


vielfach als seine persönlichen Lehrer namhaft gemacht, da
hiefür die Beweise fehlen, und wenn er seinerseits von einem Zeug-
nisse spricht, über welches sich weiter nicht streiten lasse so wird ;

man doch einem Eusebius, der gründlich las, glauben müssen, zumal
von einer bloßen Kombination wohl kaum die Rede sein kann. Es
wäre für einen Eusebius in der Tat ein schlechter Schluß, wenn er
die behauptete Tatsache entweder aus Ausdrücken wie eXsysv und
rraoadöoeig oder gar daraus geschlossen hätte, daß Papias die beiden
wiederholt namentlich zitiere. 2 )
3. Man könnte noch versucht sein, die beiden letzten Sätze
unseres Absatzes als ein von ävexQtvov abhängiges neues Satzgefüge
anzusehen, und zwar so, daß der vorletzte Satz als Fragesatz mit
einem aus dem Vorhergehenden zu ergänzenden Prädikat (rj vlg sIjtsv), —
der letzte Satz (ä te —
Xsyovaiv) aber als ein mit dem Fragesatz korre-
spondierender Relativsatz gefaßt würde. 3 )
Werden die beiden Sätze lediglich für sich betrachtet, so ist

diese Auffassung sprachlich ohne Widerrede durchaus zulässig. Ich


fragte: Welch anderer von den Herrnjüngern hat (dasselbe) gesagt,
was Aristion und der Presbyter Johannes sagen? ist grammatisch völlig
korrekt. Auch das Relativpronomen käme dabei zur vollen Geltung.
Au der nicht einmal notwendigen Ergänzung von vä avvd im Frage-
satze und an dem an das Relativum sich anschließenden us im Nachsatze
braucht kein Anstoß genommen zu werden. Aristion und der Presbyter
Johannes wären danach, und zwar schon nach dem Wortlaut der Stelle,
wenn auch nicht mit Notwendigkeit, so doch mit größter Wahr-
1
)
Forsch, z. Gesch. d. neutest. Kan., VI, 189.
2
)
Corssen, a.a.O. S. 208 f. —
Die zweimalige Nennung des Johannes
muß in einem andern Zusammenhang ihre Erörterung finden.
3 Nach Leimbach neuestens Cornely und Wetzel, a. a. O.
)
86 _
auch die einzigen unmittelbaren
3oheinliclikeit unmittelbare, vielleicht
Gewährsmänner des Papias und zählten, die Apposition ol vov xvqIov
uaihjrai als echt vorausgesetzt, zu dessen jrosoßvTSQOi.
Aber die beiden Sätze können nicht als ein neues Satzgefüge,
also Zusammenhang mit dem unmittelbar Vorausgehenden in
außer
Betraohi kommen. Sprachliche und sachliche Gründe sprechen dagegen.
Ziehen wir vorerst das Fehlen des Prädikates und evsQog in Erwägung:
AVerden beide Sätze als Satzgefüge für sich betrachtet, dann kann
das Prädikat im Fragesatze ohne größte Harte nicht fehlen, beziehungs-
weise aus dem Vorhergehenden ergänzt werden, um nichts davon zu
sagen, dal] der Satz besser mit xal als mit ij angeknüpft wäre. Und
was soll evsoog? Angenommen nämlich, Papias unterscheide zwischen
den namhaft gemachten Aposteln (= ol JiQSoßvTSQOt), deren Reihe
mit MarOcüog schlösse, und den nicht namhaft gemachten Herrnschülern
im weiteren Sinne (= ol vov xvqIov jua&rjTal), erscheint in diesem
Falle ereoog nicht völlig überflüssig? Oder hätte sich Papias nicht
wenigstens ausdrücken müssen: tlg tcöv svsqcov vov xvqIov /LiaihjTüJv
oder: tig evsQog vov xvqIov {.lav^rjTfjg? Wie konnte weiter Papias die
Apostelschüler gefragt haben, welche von den übrigen Herrnschülern,
mit denen sie keinen Umgang gehabt, dasselbe sagten, was Aristion
und der Presbyter Johannes sagen ? *)
Es muß danach angenommen werden, daß Papias diese Unter-
scheidung nicht machte, vielmehr mit ol vov xvqIov ixav^rjtal (= ol

jiQSoßvTSQOi) die unmittelbaren Herrnschüler mit Einschluß der Apostel


zusammenfaßte. 2 ) In diesem Falle ist evsQog unbeanständbar und es
ergibt sich folgender Sinn des Satzgefüges: Papias befragte einerseits
die Begleiter der Herrnschüler, namhaft gemachten Herrn-
was die
schüler gesagt haben, und andrerseits fragte er, wer von den nicht
namhaft gemachten Herrnschülern dasselbe gesagt habe, was Aristion
und der Presbyter Johannes sagen. Poggel nennt eine solche Unter-
scheidung mit Recht gesucht und gezwungen. Schon aus diesem
Grunde erscheint es mir unmöglich, die beiden Sätze als Satzgefüge
für sich zu fassen, und ich kann meine Verwunderung nicht unter-
drücken, daß die Vertreter dieser Auffassung mit völligem Still-
schweigen darüber hinweggehn.

*) P°gg e l> a a 0.
- ' S. 42. — "Weiteres sieh unten.
) Cornely,
2 1. c, pag. 214, faßt zig tvi-gog tcw %ov xvqIov fuiih)%Cov aus-
schließlich von den Aposteln (vgl. ab aliorum apostolorum diseipulis exquisivit
Papias, quis eorum eadem dixisset); bemerkt aber trotzdem einige Zeilen vorher:
Sequitur Papiam inter domini diseipulos latione sensu interque apostolos distin-
xisse; in fine enim duos diseipulos domini nominat, at uni tantum honorificam
juin irr ;'<,(,, id est apostoli appellationem attribuit. Das ist aber eine unmögliche

Distinktion in einem und demselben Satze. Vgl. Poggel, S. 41 f.


_ 87 __

Wird tig GVSQOg nor rod xvglov iiaOijro)!' als Fragesatz gefaßt,
80 kann er, soviel ich wenigstens verstehe, nur mit den voraus-
gehenden Fragesätzen zu einer Frageperiode zusammengeschlossen
gedacht werden, so daß der Relativsatz: ä ve —
ksyovoiv mit der ganzen
Periode korrespondiert und ol vov xvqiov fia^rjtal (= ol JtQSoßvTSQOt)
alle unmittelbaren Herrnschüler zusammenfaßt. Auf die hiebei durch
den Wechsel im Genus des Pronomens aufscheinende Inkonzinnität
braucht kein allzu großes Gewicht gelegt zu werden; jedenfalls ist
sie nicht entscheidend. Danach hätte Papias bei allen Schülern der
ngsaßvtSQOi wenigstens in erster Linie nach Presbyter-(Herrnschüler-)
Aussagen geforscht, die mit den Aussagen des Aristion und des Pres-
byter Johannes übereinstimmten, bei allen Presbytern kam es ihm
darauf an, zu erfahren, nicht bloß, was sie sagten, sondern mehr noch, ob
sie dasselbe sagten, was Aristion und der Presbyter Johannes sagen. ) 1

Der Sinn der ganzen von ävexoivov abhängigen Periode wäre


demnach: Papias fragte die einstigen Begleiter der jiQeößvvsQoi: Was
hat Andreas oder Petrus u. s. w. gesagt (nämlich Übereinstimmendes
mit den Aussagen des Aristion und des Presbyters Johannes), oder
welcher andere von den Herrnschülern hat dasselbe gesagt, was die
beiden sagen. Aber auch diese formell richtige Verbindung der beiden
Sätze mit dem Vorausgehenden scheint mir aus sachlichen Gründen
schlechterdings unmöglich. Die Folgerungen nämlich, die sich zum
Teile daraus ergeben, sind nicht nur ungereimt, sondern einfach un-
annehmbar. Warum befragte Papias die Begleiter der jzQSößvTSQOL,
welche Herrnschüler und was sie Übereinstimmendes mit den Aus-
sagen des Aristion und des Presbyters Johannes gesagt? Um die
Kenntnis seiner bereits gesammelten Presbyter- Aussagen zu ergänzen?
Es muß zugegeben werden, daß dies nebenbei ein Zweck gewesen
sein konnte. Aber was gewann Papias hiefür durch derartige Fragen?
Und welche Gewähr boten die Presbyterschüler für die Zuverlässigkeit
ihrer Antworten? Oder wollte Papias die Mitteilungen der Presbyter-
schüier durch die Aussagen des Aristion und des Presbyter Johannes
kontrollieren? Das gäbe einen guten Sinn. In diesem Falle wäre
aber die Fragestellung eine unmögliche. Oder fragte er so zur Kon-
trolle für sein Verständnis und sein Gedächtnis? 2 ) Ut hac ratione ad

maiorem certitudinem perveniret? 3 ) Aber nach Leimbach und Cornely


gehörten Aristion und der Presbyter Johannes zu den jüQsaßvtSQOt,
die Papias selbst gehört, von denen er unmittelbar gelernt und deren
Aussagen er gut gelernt und trefflich dem Gedächtnis eingeprägt
J
) Vgl.Leimbach, S. 62 f.

2
) Leimbach, S. 62f.
») Cornely, a. a. 0. S. 214.
ss
_ _
hatte. Wozu also die Kontrolle und seine Auf-
für sein Gedächtnis '

fassung? Welchen Gewinn konnte er im besten Falle erhoffen? Oder


wollte Papias, was der Wortlaut zunächst nahelegt, die Aussagen des
Aristion und des Presbyter Johannes durch die Berichte der Pres-
byterbegleiter kontrollieren? Aber in diesem Falle hätte Papias die
Aussagen der unmittelbar referierenden Herrnschüler, die ihm un-
bedingte Autoritäten waren, für die er selbst die Wahrheit verbürgen
zu können erklärt, durch mittelbar überkommene Aussagen, er hätte
primäre, völlig zuverlässige Quellen durch sekundäre, minder zuver-
lässige, und mit Leimbach und Cornely die Identität der Presbyter
mit dem Apostel Johannes angenommen, er hätte die unmittelbaren
Aussagen des Apostels Johannes durch mittelbar ihm zugekommene
Aussagen desselben Johannes kontrolliert.
Es dürfte nach all dem kaum etwas gewisser sein als die Alterna-
tive: Entweder ist es unmöglich, r) vig etc. als Fragesatz zu nehmen,
oder Aristion und der Presbyter Johannes waren keine Herrnschüler
und keine Presbyter im Sinne des übrigen Fragmentes. Letzteres er-
scheint aber wiederum nur möglich, wenn ol top xvqIov [la&riiai
unecht und 6 JTQSoßvtEQog in einem andern Sinn als ol JZQeoßvvsQOi
zu fassen wäre. Die Auffassung von Leimbach und Cornely ist daher
entweder unhaltbar oder das Resultat, zu dem sie führt, ist gerade
das Gegenteil dessen, was bewiesen werden soll.
4. Geht es schwerlich an, wenn es auch nicht ganz unmöglich

ist, ä zs als vergleichende Konjunktion zu nehmen, so daß sich der


Sinn ergibt: Oder irgend ein anderer der Herrnschüler wie Aristion
und der Presbyter Johannes. In diesem Falle wären keyovoiv und
ol vov xvqiov /aa^val zu streichen und fielen auch die Aussagen der

beiden in die Vergangenheit. Selbstverständlich wäre der Presbyter


vom Apostel Johannes streng zu scheiden. Diese Auffassung hat
übrigens in neuerer Zeit keinerlei Anklang gefunden, so daß über
sie hinweggegangen werden kann.
Der griechische Text unserer Stelle gibt also nach meinem
Dafürhalten keinen völlig befriedigenden Sinn. Dagegen scheint mir
auch hier die syrische Übersetzung den richtigen Weg zu
weisen. Sie bietet für ävmoivov des griechischen Textes: „ich ver-
glich", hat also augenscheinlich, worauf bereits Zahn, ohne die Sache
weiter zu verfolgen, aufmerksam gemacht, ovvsxQtvov gelesen. Daraus
nun ergibt sich für unsere Stelle ein doppelter Sinn, je nachdem
nämlich der Relativsatz ä tb —
/.eyovoiv entweder als parallel mit
dem vorausgehenden vi 'AvÖgeag etc. oder als unmittelbar von gvve-
xqivov abhängig genommen wird. Im ersteren Fall will Papias sagen:
Tch habe die erkundeten Reden der Presbyter, nämlich einerseits,
89

waa Andreas u. s. w. einst gesagt hat, und andrerseits, was Aristiun


und der Presbyter Johannes in der Gegenwart sagen, miteinander
verglichen. Diese Auffassung ist von der oben unter 1. und 2. vor-
geführten wesentlich kaum verschieden. Es gilt also auch von ihr
das dort Gesagte. Ein persönlicher Verkehr des Papias mit Aristion
und dem Presbyter wird nicht angedeutet, beide sind aber jiQsaßv-
tfooi und Herrnschüler, die Apposition ol vov kvqiov fiafyrjTai er-
scheint als überflüssig. ^Möglicherweise hat 2 die Stelle so verstanden
und deshalb die Apposition weggelassen und außerdem statt ä ve,

t) n Es gelten von
gelesen. dieser Auffassung aber auch die oben
geltend gemachten Bedenken.
Im letzteren Falle erhalten wir folgenden Sinn: Ich habe die
von den einstigen Begleitern der Presbyter überkommenen Aussagen
der Presbyter, nämlich was Andreas u. s. w. sagte, mit dem, was die
Herrnschüler Aristion und der Presbyter Johannes sagen, verglichen.
Danach waren die Herrnschüler Aristion und der Presbyter Johannes,
wenn auch nicht mit absoluter Gewißheit, so doch mit höchster Wahr-
scheinlichkeit unmittelbare Lehrer des Papias. Bezüglich der Persön-
lichkeit des Presbyter Johannes läßt sich kein sicherer Schluß ziehen.
Diese Auffassung ist sprachlich ohne Frage möglich. Das Frage-
pronomen nach övi'szolvov im griechischen Texte x ) macht ebensowenig
Schwierigkeit, als z. B. nach olda 2 ) oder dtddoxcOj 3 ) und der Wechsel
des Pronomens ist ebensowenig ungrammatisch als bei anderer Lesung.
Ja, wenn wir durchaus ein vorangegangenes Befragen der Presbyter-
begleiter seitens des Papias annehmen wollen, erscheint umsomehr
das Fragepronomen im ersten Satze ebenso selbstverständlich als das
Relativum im zweiten wo
Aussagen handelt, in
Satze, es sich um
deren Besitz Papias bereits sich befindet und von einem Befragen
keine Rede ist. Das eine wie das andere findet im Wechsel des
Pronomens seinen natürlichen Ausdruck.
Ich halte mit der Lesart övvskqcvov diese Auffassung für die
allein richtige. Sie erhält ihre volle Bestätigung, um auf anderes
später zurückzukommen, schon durch folgende zwei Erwägungen.
1. Papias, der zu Beginn des Fragmentes seine Wahrheitsliebe und
die Wahrheit seiner Mitteilungen so sehr betont, konnte unmöglich
die Berichte der Presbyterbegleiter seinem Werke einverleiben, ohne
sie auf ihre Zuverlässigkeit zu erproben. Diese Probe nun stellte er
durch besagten Vergleich an. Die selbstgehörten Aussagen der Herrn-

*) Nach Nestles Übersetzung scheint übrigens im Syrischen das Eelativum


zu stehn.
2
)
Joh. 13, 18 (olda, zivag egi/Jcätt ijr).

3 Hebr. 12.
) 5,
;

90

schüler Aristion und Johannes waren der Mahstab, nach welchem er


die Mitteilungen der Presbyterbegleiter beurteilte und prüfte, bevor
er sie in seine Kollektaneen aufnahm. 2. Nur nach dieser Auffassung
gibt der Schlußsatz des Fragmentes einen völlig befriedigenden Sinn.
Papias erklärt hier, er sei bei Sammlung seiner Kollektaneen der
Meinung gewesen, mehr Nutzen zu haben jraod gcbot]g cpcovTJg yjü
fßsvovorjg als aus der Lesung der Schriften seiner Gewährsmänner. )
1

Die Aussage kann schon aus dem Grunde unmöglich auf die Schriften
der Apostel gehn, weil Papias wiederholt der Zeugnisse der apostoli-
schen Schriften sich bediente, 2 ) sie geht auf die Begleiter der Presbyter.
Ihren Schriften zieht Papias die lebendige Stimme vor, weil er sich
durch den beschriebenen Vergleich von der konstanten, gleich-
bleibenden Überlieferung ((jtevovcffj g) überzeugen kann, die ihm die
beste Gewähr der Wahrheit bietet.
Aus der bisherigen Erörterung des Papianischen Bruchstückes
ergeben sich mir folgende gesicherte Resultate: 1. Die oi JiQsoßvtBQOi
des Papias sind die unmittelbaren Herrnschüler mit
Einschluß der Apostel und 2. Aristion und der Presbyter
Johannes, unmittelbare Herrnschüler, waren mit höchster
Wahrscheinlichkeit unmittelbare Lehrer des Papias.
Wir wenden uns nunmehr der Erklärung des Anfanges des
Papianischen Proömiums zu, um wiederum Satz für Satz insoweit
ins Auge zu fassen, als es unsere Untersuchung erfordert. Papias geht
daran, seinem Werke spjyrjoeig Xoyimv xvqicmojv 3 ) eine Einleitung
voranzuschicken, um den Freund, dem er es zueignet, über Inhalt
und Quellen zu unterrichten. Er spricht von den Xöyia xvQiaxd, 4 ) die
er auslegen will und gedenkt hiebei
Reihe der schriftlich in in erster
den Evangelien vorliegenden Aöym, die vor allem das Objekt für seine
Erklärungen bieten sollen. Bis hieher liegt die Einleitung allerdings
nicht vor. Doch ergibt sich die Richtigkeit des Gesagten aus den
bekannten Nachrichten, die Eusebius aus dem Papianischen Werke
über die Niederschrift der Aoyia durch Matthäus und Markus erhalten
hat 5
) und die nicht unwahrscheinlich der Einleitung des Werkes

J
) Vgl. die syrische Variante: aus ihren Büchern.
2
) Eusebius, Hist. eccl., IIT, 39, 16: xi xQ7]zcu ßciQxvQiaig
:
dm) vfjg 'I&dwov
.rooTtoag imoxo/Sig y.(d äitö %r\g Iltzoov o^oioig.
8) Vgl. über den eigentlichen Titel Zahn, Forsch, z. Gesch. d. neutest. Kan.,
VI, S. 131, Anm.; Gla, a. a. 0. S. 13.
4
) Papias meint wohl nur Aussprüche des Herrn
ad Phil. 7, 1), (vgl. Pol.

und zwar wahrscheinlich hauptsächlich eschatologischen Inhalts. Vgl. Gla, S. 28 ff.


Zahn, EM., IT, S. 254f.; Hilgenfeld, Zeitschr. f. wiss. Theol., 1901, S. 153 f.

"
, Hist. eccl., III, 39, 15.
91

angehören, 1 ) und ist dies gegenwärtig auch die Ansicht der bedeu-
tendsten Forscher. 2 )
Nach ohne Widerrede wenigstens möglichen Ausführungen
diesen,
fährt Papias zu Anfang des noch vorhandenen Bruchstückes also fort:
Er werde aber kein Bedenken tragen, auch das seinem exegetischen
Werke einzuverleiben, was er an außerevangelischen Herrnworten und
Tatsachen 3 ) einst, vor langer Zeit, von den jiQSößvvsQOi gut gelernt
und trefflich seinem Gedächtnisse eingeprägt habe, indem er dafür
oder für Wahrheit verbürge.
sie die

Ob Papias von den jiQSoßvvsQOt (Plural der Kategorie) unmittelbar


oder nur mittelbar gelernt, läl3t sich auf Grund der gebrauchten
Präposition jzaQci allein mit Sicherheit nicht entscheiden, wenn ersteres
auch sehr wahrscheinlich und von den meisten angenommen wird. 4 )
ist

Die Frage muß vorläufig unerledigt bleiben. 'Yjveq avvcbv kann sich
vielleicht auf öoa beziehen, wenn auch der Philologe in diesem Falle
5
.leoi vovrcov vorziehen dürfte. ) Richtiger erscheint indes in Über-
einstimmung mit 2 die Beziehung auf die JiQeoßvtSQOt. Daß Papias
für die Herrnschüler oder an ihrer Stelle die Wahrheit verbürgt,
scheint mir so wenig anstößig, als wenn z. B. Paulus seine Wahr-
auch den Grund an, warum
haftigkeit beteuert. 6 ) Papias führt ferner
er, um Stoff für sein Werk zu sammeln, bei den Herrnschülern Be-

lehrung gesucht. Es sei ihm zu tun gewesen, die Wahrheit zu er-


fahren. Deshalb habe er im Gegensatz zur großen Menge seine Freude
nicht an den Vielschwätzern gehabt, sondern an den Lehrern der
Wahrheit, nicht an den Verkündern fremdartiger Lehren, sondern an
jenen, welche die vom Herrn gegebenen Glaubensvorschriften predigen
und von der Wahrheit selbst hergekommen sind.

J
) Bardenhewer, S. 543.
2
)
Vgl. Harnack, Chronol., S. 665f. ; Zahn, Forsch, z. Gesch. d. neutest.
Kan., VI, S. 133.
3
)
Es wurden wohl auch die außer evangelischen löyia erklärt; anderweitiges
diente zur näheren Erläuterung. Daß
mündliche Überlieferung lediglich zum
die
besseren Verständnis der evangelischen Herrnworte neben der Erklärung des
Papias herangezogen wurde, halte ich für unmöglich. Wie hätte sich in dem Falle
Papias wegen ihrer Aufnahme rechtfertigen können, da sie ja von besseren Männern
als er selbst war, deren Ansehen das eigene weit überragte, vermittelt wurde?
Hierin scheint mir Weiff enbach entschieden im Eechte zu sein. Vgl. übrigens
Eusebius, III, 39, 11.
4
)
Vgl. z. B. Harnack, Chronol., S. 659; Bardenhewer, S.Belser,
540;
Einl.,S.35: Ganz unzweifelhaft versichert Papias, selbst ein Hörer und Schüler von
Aposteln gewesen zu sein. Zahn, Forsch, z. Gesch. d. neutest. Kan., VI, 123.
5
)
Vgl. lTim. 1, 7; Tit. 3, 8.
6
)
Vgl. Gal. 1, 20; 1 Tim. 2, 7.
92

Wer diese Vielschwätzer und Verkünder fremdartiger Lehren


waren, ist hier belanglos. Augenscheinlich hat Papias Leute im Auge,
wie sie der Verfasser der Pastoralbriefe wiederholt zeichnet. Die Ver-
kiinder der Wahrheit sind fraglos Lehrer, die vom Herrn, der Wahr-
heit selbst, gesandt sind ) und den Herrn
l
selbst gehört haben, Jesu
unmittelbare Schüler. Ilaod rar xvglov steht parallel mit d?r' avvfjg
rijg Die Lesart JKwaytyro/Litroig, die ich nicht nur nach 2
ä/jjthiag.
und der Mehrheit der griechischen Handschriften, sondern auch aus
dem Grunde dadurch die sonst tatsächliche
für die richtige halte, weil
Wiederholung eines und desselben Gedankens vermieden wird, rückt
die Annahme, daß die Herrnschüler unmittelbare Lehrer des Papias
gewesen, der Gewißheit sehr nahe; doch bringt sie ebensowenig
darüber eine sichere Entscheidung als die Anknüpfung des eben be-
sprochenen Abschnittes an den folgenden nach dem griechischen
Texte (ei de nov xal). So wahrscheinlich es auch ist, daß hier Papias
gegensätzlich von einer unmittelbaren Quelle zu einer neuen, mittel-
baren Quelle überleitet, so ist es doch unstreitig auch möglich, das
Folgende als nähere Erklärung zum Vorausgehenden zu nehmen. 2 )
_lf hätte in diesem Falle die Bedeutung: nämlich und xai stünde mit

Beziehung auf andere Leute, die zu Papias kamen.


Wenn mich nicht alles täuscht, so bringt auch hierin 2 die Ent-
scheidung. Enthält 2 hier auch in der Tat, wie Zahn bemerkt, eine
sonderbare Variante: Auch nicht, so scheint doch über ihren Sinn
kein Zweifel zu sein. Nachdem Papias im ersten Abschnitte erklärt
hatte, er nehme keinen Anstand auch das seinem Werke einzuverleiben,
was er von den JzoeoßvTSQOi gut gelernt, fügt er bei Er habe auch :

nicht Bedenken, jene Mitteilungen der jiQeaßvveQOi aufzunehmen, die


er von Begleitern derselben erhalten und durch Vergleichung mit den
Aussagen des Aristion und des Presbyter Johannes auf ihre Wahrheit
geprüft habe. 3 ) Ist diese Interpretation richtig und ich wüßte nicht,
wie die Worte anders verstanden werden könnten, dann ist ohne
Zweifel evident, daß Papias sowohl unmittelbar als auch mittelbar
von den JioeoßvteQOt =
Herrnschülern gelernt hat.
Corssen, Mommsen, Reville kommen freilich zu einem
ganz andern Resultate. Nach Corssen 4 ) ist Papias erst im dritten
Grade Zeuge von Aussprüchen und Erzählungen der Apostel. Indem

x
) "Vgl. Irenäus, III*, 5, 1: Apostoli discipuli veritatis. Joh. 14, 6.
2) Kühner ad Xenoph. Mem. 2, 11.
Vgl.
3Wenn Greßmann (sieh oben S. 74) liest: (sondern) selbst wenn, so
)

ändert dies am Sinne nichts. Den aufgezeigten Zusammenhang hat bereits


-

Weiffenbach aus dem griechischen Text im wesentlichen richtig herausgelesen.


4) Zeitschr. f. neutest. Wiss., 1901, S. 206 ; 1902, 244.
93

er JiQSößvteQOi von den Apostelschülern faßt und den mit el de jzov


yjxibeginnenden Abschnitt nur als Erklärung des vorausgehenden
gelten läßt, gewinnt er drei Stufen Apostel, Presbyter und Nachfolger :

der Presbyter ; die letzteren seien die alleinigen Gewährsmänner des


Papias sowohl über Apostelworte als auch über die Aussagen des
Aristion und des Presbyter Johannes. Beide Voraussetzungen Corssens
haben sich als irrig erwiesen. Es sei nur noch bemerkt: Wenn erst
die Nachfolger der Presbyter und wenn diese allein die Gewährs-
männer des Papias sind, in welchem Lichte erscheinen dann die Ein-
gangsworte des Papianischen Fragmentes? Wie konnte Papias ohne
Kontrolle für so späte Zeugen, die zudem in keiner Weise etwa als
kirchliche Autoritäten, vielmehr nur als „Nachfolger" (jzaQ^xokovfrr)-
KÖvsg) der Presbyter erscheinen, Bürge sein für die Wahrheit der
von ihnen erkundeten Apostelaussprüche. Wie stimmt die sonstige
Gewährsmänner? Zu gleichem Resultate gelangt
Charakteristik der
Mo mm sen, indem er über den ersten Abschnitt des Papianischen
1
)

Fragmentes ohne weiteres hinweggleitet, was Eusebius, „dem man


eben glauben maß", „in seiner gründlichen Weise", wie noch
gezeigt werden wird, nicht getan hat; nur sieht er in Aristion
und dem Presbyter Johannes, die Papias selbst gehört, nicht mehr
Referenten apostolischer Worte, sondern selbständige christliche Autori-
täten, von denen jener die Rede Jesu erläutere, dieser unter anderem
über die Entstehung beider ersten Evangelien sich äußere, ohne ein
Wort darüber zu verlieren, wie er sich mit dem Satze : ävexQivov
Tobg %G)V JZQeoßvveocov Xoyovc, . . . ä ve — Xeyovotv auseinandersetzt
und was er sich unter selbständigen Referenten denkt. Reville 2 )
aber läßt ei de jzov xai einfach vornehm beiseite. Wie heißt man
das? Auf solche Weise dürfte es sicherlich gelingen, jeder beliebigen
Aufstellung den Schein der Wahrscheinlichkeit zu geben, aber der
Wahrheit wird so nicht gedient.
Wie und welche Papias unmittelbar gehört
viele Herrnschüler
hat, wird nicht ausdrücklich gesagt. Es können ihrer nicht viele ge-
wesen sein; denn war Papias mit Polykarp ungefähr Altersgenosse,
so kann er nicht viel vor 70 geboren sein und kann seine Lernzeit
nicht vor 80 angesetzt werden. Damals waren sicher die meisten der
unmittelbaren Herrnschüler tot. Als sicher aber muß nunmehr an-
genommen werden, daß Aristion und der Presbyter Johannes
zurZahl d er Herrnschüler, diePapias persönlich gehört
hat, zu zählen sind. Daß sie die einzigen waren, erscheint mir
unannehmbar ; dann hätte sie Papias wohl gleich zu Beginn des ersten

') A. a. 0. S. 156 f. - 2
) S. 15.
94

Abschnittes als seine Lehrer genannt. Doch waren sie seine Haupt-
gew ährsniänner und zur Zeit des GwsxQivov auch wohl noch am Leben,
darum führt er nur ihre Namen auf.
Nach den Ergebnissen unserer bisherigen Untersuchung über das
Papianische Proömium ist nun sein Inhalt kurz folgender. Papias
hatte einst, wohl schon Jugend, in Asien Unterweisungen
in früher
von Herrnschülern (Presbyter), insbesondere von den Herrnschülern
Aristion und dem Presbyter Johannes angehört und dabei manches
außerevangelische Herrnwort und manche außerevangelische Daten,
deren "Wahrheit die Autorität der Lehrer verbürgte, vernommen und
getreu seinem Gedächtnisse eingeprägt. Und wenn in späterer Zeit, als
er vielleicht schon Bischof in Hierapolis war, ehemalige Begleiter der
Herrnschüler zu ihm kamen, so ergriff er jedesmal die Gelegenheit,
sich nach den Aussagen der Herrnschüler zu erkundigen, um nebst
dem Selbstgehörten auch diese Mitteilungen seinem Werke, zu dessen
Abfassung er sich indessen entschlossen, einzuverleiben. In seiner
Wahrheitsliebe wollte er sie aber nicht ungeprüft hinnehmen. Darum
verglich er die überkommenen Aussagen der Herrnschüler (der Apostel
und anderer Herrnschüler) sorgfältig mit den treu im Gedächtnisse
bewahrten Aussagen seiner Lehrer, die wohl noch am Leben waren,
des Aristion und des Presbyter Johannes, um sich auf solche Weise
der gleichbleibenden mündlichen Überlieferung zu vergewissern. Diese
erschien ihm nämlich als eine zuverlässigere Quelle als etwaige schrift-
liche Aufzeichnungen des einen oder andern Presbyterbegleiters. Das
gibt sicherlich einen trefflichen Sinn.
Mit diesen Resultaten, die mich nicht bloß zweifellos möglich,
sondern auch, um nicht mehr zu sagen, höchst wahrscheinlich dünken,
kehren wir zur Exegese zurück, die Eusebius vom Papianischen Bruch-
stücke gibt, um zu fragen, wie Eusebius zu den Ergebnissen seiner
Erklärung kam. Wenn ich nicht sehr irre, durch folgende Auffassung:
1. Eusebius versteht völlig richtig unter den JiQBößvTSQOi des Papias

den Kreis der unmittelbaren Herrn jünger (ol tov kvqIov f,ia$r)vai).
2. Er sieht aber, wie Papias einerseits behauptet von den jiQsoßvreQOt

selbst gelernt zu haben (erste Hälfte des Fragmentes), andrerseits aber


wiederum daß er die Aussagen der jzQsoßvtSQoe mittelbar durch
sagt,
ihre einstigen Begleiter empfangen habe (zweite Hälfte). 3. Er faßt
die jTQsaßvteQOt, deren Aussagen Papias mittelbar empfangen und die
Papias zum Teil mit Namen anführt, ausschließlich als Apostel, als

apostolische Herrnschüler. l
) 4. So unterscheidet er zwischen den
nichtapostolischen Herrnschülern, die Papias selbst gehört und

i) Vgl. Hist. ecoL, Iir, 39, 5.


95

den apostolischen Herrnschülern, die er nicht selbst gehört hat.


5. Zu den nichtapostolischen Herrnschülern zählt Eusebius vor allem
und hauptsächlich den Aristion und den Presbyter Johannes. Er wird
in dieser Annahme bestärkt durch die Tatsache, daß Papias diese
beiden in seinem Werke oftmals mit ihren Namen nennt und die von
ihnen vermittelten Überlieferungen zitiert.

Hieraus nun klar, warum Eusebius sagen kann, Papias deute


ist

nicht an, daß er von den Aposteln gehört oder sie gesehen, vielmehr
lehre, er habe die Worte des Glaubens von den Vertrauten der Apostel

und die Worte der Apostel von den Begleitern derselben empfangen
und behaupte, die Herrnschüler Aristion und den Presbyter Johannes
selbst gehört zu haben. Ebenso ist klar, warum er den Presbyter
Johannes vom gleichnamigen Apostel unterscheiden zu müssen glaubt.
Desgleichen erklärt sich hieraus von selbst, warum Eusebius den
Aristion und den Presbyter Johannes nirgends ausdrücklich als Herrn-
schüler bezeichnet.
Hiezu sind einige Bemerkungen nicht überflüssig. Z ahn ) findet es 1

schwer begreiflich, wie Eusebius die Anknüpfung der zweiten Hälfte des
Papianischen Fragmentes an das Vorausgehende und das, was Papias
im ersten Satze über sein Verhältnis zu den Presbytern sage, völlig zu
übersehen oder doch tatsächlich ignorieren vermocht. 2 ) Nach unserer
Darlegung hat Eusebius weder das eine noch das andere getan. Es
möchte aber auch noch folgendes Beachtung verdienen. Wenn Eusebius
das eine Mal sagt, Papias lehre, er habe die Worte des Glaubens
(= des Herrn 3 ) von den Vertrauten der Apostel empfangen, hat er
hiebei nicht etwa die erste Hälfte des Bruchstückes im Auge und
sind ihm die yvcbgcßoi nicht etwa die nichtapostolischen Herrnschüler,
vornehmlich Aristion und der Presbyter Johannes? Der Ausdruck
yvd>Qi[ioi schließt ja gewiß nicht die Herrnschülers chaft aus. Und wenn
Eusebius das andere Mal sagt, Papias bezeuge, er habe die Worte
der Apostel von den Begleitern derselben erhalten, so denkt er
offenbar an die zweite Hälfte. Ich kann mich nicht davon überzeugen,
daß Worte der Wahrheit = Worte der Apostel und ol volg dnooTÖlotg
yi'djoijuoL = ol äjc. JiaQTjKoXov^rjKÖvsg sein müßten. Ferner, bezieht
Eusebius die Aussage der ersten Hälfte des Fragmentes auf Aristion
und den Presbyter Johannes, so kann er mit vollstem Rechte sagen,
Papias behaupte, die beiden selbst gehört zu haben und seine Ver-
sicherung hat mit nichten, wie Corssen diktiert, 4 ) aus der Reihe der

*) Forsch, z. Gesch. d. neutest. Kan., VI, S. 122.


2
)
Vgl. auch Bardenhewer, S. 539 f.

3 Vgl. Fragment, 3: nagä tov xvqIov t[j niovei dedofjUvag.


)
4 A. O. S. 244.
) a.
96

Argumente auszuscheiden. Durch den mit yovv angeknüpften Zusatz


will Eusebius seine Versicherung keineswegs beweisen, wohl aber
bekräftigen; yovv hat hier die Bedeutung: also, bei so bewandten
Umständen. ) Endlich leugnet Eusebius vom Standpunkte seiner
1

Scheidung zwischen apostolischen und nichtapostolischen Herrn-


schülern nicht mit Unrecht die Identität des Apostels und des Pres-
byter Johannes in Hinsicht darauf, daß Papias den Presbyter
Johannes außerhalb der Reihe der Apostel und nach Aristion ansetze
und ihn ausdrücklich 6 jToi-nJrrtoog benenne. In Bezug auf letzteres
ist er wohl der Meinung, daß Papias einen einzelnen Apostel eben

nur Apostel und nicht Presbyter habe nennen können.


Hat nun Eusebius in der Tat das Papianische Bruchstück im
dargelegten Sinne verstanden, so stimmt er mit den von uns selb-
ständig gewonnenen Resultaten im folgenden vollkommen überein:
1. Die oi jToeößvvsQOi des Papias sind unmittelbare Herrnschüler (ol

xov xvoiov sowohl apostolische als auch nichtapostolische.


/LiaftrjTal),

2. Papias hat die mündlichen heilsgeschichtlichen Überlieferungen, die

er seinem Werke einverleibte, teils direkt, teils indirekt von Augen-


und Ohrenzeugen empfangen. 3. Zu den unmittelbaren Gewährs-
männern gehören vor allem Aristion und der Presbyter Johannes.
4. Endlich stimmt Eusebius wohl auch in der Auffassung des ävsxotvov,

beziehungsweise in der Lesung des ovvexqivov mit uns überein. Da-


gegen weicht Eusebius von unserer Auffassung darin ab, daß er
zwischen nichtapostolischen und apostolischen Herrnschülern streng
unterscheidet und nur erstere als unmittelbare, letztere als ausschließ-
lich mittelbare Gewährsmänner des Papias gelten läßt, weshalb er auch
konsequenterweise den Apostel Johannes vom Presbyter desselben
Namens unterscheiden muß. Die Unterscheidung zwischen apostolischen
und nichtapostolischen Herrnschülern steht aber, um es gleich zu sagen,
unleugbar auf schwachen Füßen und findet im Wortlaut des Fragmentes
keine Stütze. Es ist schlechterdings durch nichts angedeutet, daß ol
.TOSoßvTsooi das eine Mal =
apostolische, das andere Mal nicht =
apostolische Herrnschüler gefaßt werden müßte, vielmehr muß ol jiqso-
Jrrsooi ebenso wie ol xov xvqlov (.lafirjxal im ganzen Bruchstücke im
gleichen Sinne genommen werden, wenn die Erklärung nicht jeden
Boden verlieren soll. Ferner hat Eusebius allem Anscheine nach die
Möglichkeit nicht in Betracht gezogen, daß Papias, wenn er schon Aus-
sagen der Apostel mittelbar empfing, doch auch einige derselben per-
sönlich gehört haben konnte. Endlich sind es zum Teile doch nur Stroh-
halme, an die er sich zur Bekräftigung seiner Auffassung klammert.
J
) Vgl. Passow, Handwörterbuch der griechischen Sprache. 2 knüpft den
Zusatz einfach mit „und" an. Vgl, oben S. 75.
97

Erweisen sich demnach wesentliche Gesichtspunkte der Eusebi-


anischen Auffassung als wenig stichhaltig, ja als willkürlich, dann
ergibt sich allerdings noch nicht, daß der Apostel Johannes mit dem
gleichnamigen Presbyter identifiziert werden müsse, aber immerhin
rät die gegenteilige Ansicht in bedenkliches Wanken.
Damit sind wir bei der Frage angelangt, um die es sich für uns
in der Erörterung des Papianischen Proömiums vor allem handelt:

Behauptet Irena us ) mit Recht, daß Papias ein Hörer des


1

Apostels Johann es 'gewesen oder substituiert Eusebius


auf Grund des Papianischen Bruchstückes richtig an
dessen Stelle einen vom Apostel verschiedenen Pres-
1 •
v ter Johannes?
Diese Doppelfrage wird von der neueren kritischen Schule fast
einhellig zu Gunsten des Eusebius erledigt. Für Harnack, Reville,
Corssen, Mommsen, Krüger, 2
) Delff, 3
) Bousset 4 ) und andere gilt es
wie als gesichertes Resultat der historischen Forschung, daß Irenäus
sich ohne Zweifel geirrt habe, wenn sich auch die Entstehung seines
Irrtums nicht nachweisen lasse, und daß Papias kein Schüler des
Apostels Johannes, sondern Schüler des Presbyter Johannes gewesen
sei. Wir lassen im zunächst Folgenden den angeblichen Irrtum des
Irenäus über das Verhältnis des Papias zum Apostel Johannes noch
beiseite und beschäftigen uns präzis mit der Untersuchung der
Frage, ob der ö JiQSößvtSQog 'Icodvvrjg des Papianischen Fragmentes
in der Tat, wie Eusebius behauptet, vom Apostel Johannes streng
zu unterscheiden ist oder nicht. Beides ist nicht eins und dasselbe.
Papias konnte den Apostel Johannes gehört haben und doch auch
Schüler eines vom Apostel zu unterscheidenden Presbyter Johannes
gewesen sein. Diese Frage kann aber auf Grund des Papianischen
Fragmentes allein, das nur darüber keinen Zweifel zuläßt, daß Papias
Herrnschüler selbst gehört hat und daß zu diesen (wenigstens mit
höchster Wahrscheinlichkeit) der 6 JioeößvTEQog Icodvvrjg zu zählen
ist, nicht beantwortet werden. Hiefür bedarf es vorerst der Erledigung

einer zweifachen Voruntersuchung, an die wir insoweit herantreten,


als sie für die beregte Frage notwendig und hinreichend erscheint.

Wir beginnen mit der Untersuchung über den Aufenthalt


des Apostels in Kleinasien, beziehungsweise
Johannes
in Ephesus. Der ephesische Aufenthalt des Apostels Johannes
ist seit dem Ausgange des 1. Jahrhunderts auf das bestimmteste be-

!) V, 33, 4.
2
)
Theol. Literaturztg., 1895, 443.
3
) Stud. u. Krit., 1892, 1.
4
)
Offenbarung des Johannes (Meyers Kommentar, XVI 5 ), S. 44tf.
98

zeugt und können die hiefür vorliegenden Berichte bis jetzt nicht als
erschüttert angesehen werden. ) Die Nachrichten von seiner "Wirksam-
1

keit in Kleinasien sind so gut, wo nicht besser beglaubigt, als sonst


irgend eine geschichtliche Überlieferung aus dem Altertum. Nur durch
gewaltsame Eingriffe lassen sie sich erschüttern und die Tendenzen,
auf die ihr Entstehn zurückgeführt werden muJ], wenn sie erdichtet
sein sollten, sind Postulate. 2 ) Es genügt hier, an das Zeugnis der
A p o k a 1 y p s e des Johannes, des Justin us Martyr und des P o 1 y-
k r a t e s von Ephesus zu erinnern. Des Irenäus und Polykarp soll an
einer andern Stelle eingehend gedacht werden.
Bezüglich der Apokalypse bemerkt Weizsäcker 3 ) mit vollstem
Rechte, die Apokalypse des Johannes und das in derselben erkennbare
Verhältnis desselben zu Ephesus und zur Kirche von Asien sei ein
für sich genügender Beweis. „Ist die Apokalypse vom Apostel selbst
verfaßt, so ist sein Aufenthalt in Ephesus von selbst bewiesen. Ist
sie von einem andern auf den Namen des Apostels geschrieben, so
kommen wir auf das gleiche Ergebnis, weil niemand eine solche
Darstellung wagen konnte, wenn Johannes nicht in Ephesus gewesen
war." Wer in Domitians Zeit als Prophet an die sieben Gemeinden
in der Provinz Asien schreibt und wer von diesen Gemeinden als
Prophet anerkannt wird, der genießt eine Stellung, wie sie gerade
in der Provinz Asien ursprünglich nur ein Paulus oder ein Apostel
Johannes gehabt haben. 4 )
Ebenso unbestreitbar ist das Zeugnis Justins, der längere Zeit
5
in Ephesus sich aufhielt und wohl auch daselbst gläubig wurde. )
Justin nun bezeugt in seinem Dialogus c. Tryphone (c. 81), dessen
Schauplatz fragelos in Ephesus zu suchen ist: 6 ) „Bei uns hat ein
Mann, mit dem Namen Johannes, einer der Apostel Christi, in der
ihm gewordenen Offenbarung geweissagt." 7 )
Ebensowenig wird es gelingen, im Briefe des Polykrates von
Ephesus an den Papst Viktor 8 ) etwas anderes zu finden, 9 ) als eine

2
) C.Weizsäcker, Das apostolische Zeitalter 3 1902, S. 480.
,

Heinrici, Das Urchristentum, 1902, S. 121. Vgl. auch


2) Wen dt, Das
Johannes -Evangelium, 1900, S. 196 ff. Zahn, Forsch, z. Gesch. d.
; neutest. Kan.,
VI, S. 75 ff. — 3
) A. a. O.
)
4 Soltau, Unsere Evangelien, 1901, S. 124. Vgl. auch
\V. B. Weiß, Das
Johannes -Evangelium, 1902, S. 4, Anm.; Godet, Einl., II, S. IB.
r,
j Vgl.Bardenhewer, a. a. O. S. 192.
6
) Harnack, Chronol., S. 281. Vgl. Eusebius, Hist. eccl., IV, 18, 6.

T) Vgl. Eusebius, Hist. eccl., IV, 18, 8.


8) Eusebius, Hist. eccl., III, 31, 3; V, 24, 2 ff.
») Vgl. Bousset, Die Offenbarung Johannis, 1896, 8. 48 f.; H. Del ff, Stud.
u. Kr.. 1892, S. 91 ff.
99

Bestätigung des Aufenthaltes des Apostels Johannes in Ephesus. "Wohl


zählt Polykrates unter den Säulen Asiens an erster Stelle Philippus
und nicht den Ephesus entschlafenen Johannes auf. Aber tut er
in
dies nicht augenscheinlich, weil Philippus vor Johannes gestorben
war? Wohl nennt er Johannes nicht ausdrücklich Apostel. Aber warum
sollte er es auch, wenn niemand daran zweifelte? Und bezeichnet er
ihn nicht deutlich genug als solchen, wenn er ihn den Jünger des
Herrn nennt, der an der. Brust des Herrn geruht? ) Oder sollte Poly- 1

krates es für möglich gehalten haben, daß jemand an der Brust des
Herrn gelegen, ohne einer der Apostel zu sein? 2 ) Und auf wen andern
konnte er zielen, wenn er Johannes unter den Leuchten Asiens als
IsQSvg vi) nkxakov JisyoQexcbg, das heilit als Hohenpriester und viel-
leicht in Hinblick auf den aQXisgevg vrjg 'Aoiag 3 ) als Metropolit Asiens
bezeichnet, 4 ) als auf den Apostel Johannes? Vergebens ist auch die
Mühe, gegen die Glaubwürdigkeit des Polykrates seinen angeblichen
Irrtum betreffs des Philippus von Hierapolis geltend zu machen, wie
dies namentlich von Harnack 5 ) geschieht. Denn einmal ist es keines-
wegs so gewiß, daß Polykrates sich in der Tat einer Verwechslung
des Diakons Philippus 6 ) mit dem Apostel desselben Namens schuldig
gemacht hat. 7 ) Und sodann, wäre der Irrtum erwiesen, 8 ) so ließe er
sich ebenso leicht erklären, als eine Verwechslung des hochangesehenen
Apostels Johannes mit einem unbekannten gleichnamigen Presbyter
unerklärlich wäre. 9 )

*) Joh. 13, 25.


2) Jülicher, Einl. 4 S. 324.
,

3
)
Mommsen, Römische Geschichte, V, 3 19 f.
4
)
Belser, Einl., S. 399; Weizsäcker, S. 482. Anders Tiefenthal, Die
Apokalypse, S. 16 f.
r

>) ChronoL, S. 669.
G
) Akt 6, 5; 8, 5; 21, 8.
7
)
Belser, Einl., S. 268; Hergenröther-Kirsch, Kirchengesch. 4 I,
Vgl. ,

S. 93: B.Weiß, Johannes -Evangelium, S. 4, Anm. — Auch Eusebius (Hist. eccl.,

III, 31, 5) scheidet gegen Gaius den Diakon vom Apostel. Übrigens hatte der

Diakon zu Cäsarea in Judäa ein Haus (Akt. 21, 8), der Apostel Philippus aber
hielt sich zuletzt in Hierapolis in Phrygien auf und wurde daselbst begraben
(Eusebius, Hist. eccl., III, 31, 3; V, 24, 2). Der Diakon hatte vier Töchter, vir-
gines prophetantes (Akt. 21, 9), der Apostel nur drei, von denen eine ev äylq*
.ii'truaTi rro/.iTCvoaiii'rij in Ephesus lebte. (Eusebius, Hist. eccl., 111,31, 3). Vgl.
Hilgenf eld (Zeitschr. f. wiss. Theo!., 1898, S. 320): Die prophetischen Töchter des
Apostels hat der Redaktor der Apostelgeschichte 21 9 dem Evangelisten Philipp ,

beigelegt.
8
)
Wie z.B. auch Bardenhewer, S. 449, und Zahn, Forsch, z. Gesch. d.
neutest. Ivan., S. 162 f., Einl. II, 573 annehmen.
9
)
Vgl. Beyschlag, Stud. u. Kr., 1898, S. 97 ;
Zahn, Forsch, z. Gesch. d.

neutest. Kan., VI, S. 216 f. Über die Glaubwürdigkeit des Polykrates vgl. Del ff,
7*
_ 100
_
Dazu kommt, daß über den Aufenthalt des
die Überlieferung
Apostels Johannes auch an und für sich nicht im geringsten unwahr-
scheinlich ist. War
etwa der Kirche Kleinasiens um einen aposto-
es
lischen Begründer zu tun und setzte sie deshalb die Überlieferung
über Johannes in Szene? Aber besaß sie nicht Paulus und konnten
die von ihm gegründeten und treu mit ihm verbundenen Gemeinden ein
Interesse haben, sein Andenken auszutilgen und eine neue Autorität
auf seinen Platz zu setzen, die niemals in ihrer Mitte gewirkt hätte? ) 1

Gegen den asiatischen Aufenthalt des Apostels Johannes führt


neuestens insbesondere Reville wiederum das argumentum e silentio
ins Treffen, 2 ) obwohl er selbst ein anderes Mal 3 ) behauptet, es sei
dies Argument stets anfechtbar. Er ist jedoch hierin nicht glücklicher
als seine Vorgänger. Reville beruft sich auf das Schweigen des ersten

Petrusbriefes, dessen Abfassung er auf 80 ansetzt. Aber er muü


selbst zugestehn: II y a, en effet, encore des historiens qui en
maintiennent l'authenticite et qui la fönt remonter par consequent
avant la venue presumee de Jean en Asie. Er legt dem Schweigen
der Pastor albriefe, deren Abfassung er ohne irgend welchen
Beweis nicht dem Paulus selbst, sondern dessen Schülern zuschreibt,
eine große Bedeutung bei: Elles ne contiennent meme pas la plus
lointaine allusion a l'espece de primaute apostolique exercee par
l'apötre Jean... Un pareil silence de la part des disciples de Paul...
est il concevable ? Aber wenn auch die Unechtheit dieser Briefe ebenso
gewiß wäre, als sie unbewiesen ist, 4 ) so könnte die Fiktion doch
nur auf die vorjohanneische Zeit gehn, so daß auch in diesem Falle, wie
im Falle ihrer Echtheit, Johannes darin gar nicht vorkommen kann.
Reville beruft sich auf den Brief des Klemens von an die Eom
Korinther aus den letzten Jahren des ersten Jahrhunderts II est de :

tonte evidence que pour Clement il n'y a plus d'apötre vivant au


moment ou il ecrit Jean n'existe pas pour lui, quoique, si la tra-
. .

dition ecclesiastique etait fondee, ce meme Jean füt, au contraire, a


cette epoque, la grande autorite des eglises grecques d'Asie, avec les-
quelles la ville de Corinthe etait en constants rapports de voisinage.
Aber wenn auch Klemens die Einsetzung und Ordnung des kirchlichen
Vorsteheramtes auf die Apostel zurückführt, 5 ) so ist es mir wenigstens

O.
a. a. Dieser Bischof, der Nachfolger von sieben Vorgängern,
:
die seine Ver-
wandten waren, muß uns ein glaubwürdiger Zeuge sein.
») Heinrici, a. a. 0. S. 121. 123.

2) A. a. 0. 8. 6 ff.

3 Origines de l'Episcopat, S. 151.


)

*) Vgl. Zahn, Einl., I« S. 459ff.; Godet, Einl., I (1894), S. 345 ff.


*) Kap. 42. 44.
10]

absolut nicht de tonte evidence, wie deshalb keiner der Apostel mein
für Klemens am Leben war, als er dies niederschrieb. Klemens konnte
also schreiben, wenn noch alle am Leben waren. Es galt ihm ja
nicht, vom Leben oder Tod der Apostel zu berichten, sondern lediglich
von Anordnungen, die von ihnen getroffen worden und darum aposto-
lische Autorität hatten. Wenn Klemens ferner die Leiden und den
Märtyrertod des Petrus und Paulus als yevvata vjioöeiy^ava vorführt, ) l

nicht aber der Leiden Johannes gedenkt, warum sollte deshalb


cles

Johannes für Klemens nicht existiert haben? Ist es nicht augen-


scheinlich, daii von allen Aposteln die beiden Apostelfürsten, in
Sonderheit Paulus, deshalb namentlich vorgeführt werden, weil sie mit
der Korinthischen Gemeinde in persönlicher Beziehung gestanden, 2 )

wie aus demselben Grunde von den neutestamentlichen Persönlich-


keiten außer Christus im ganzen Briefe nur noch Apollos 3 ) genannt
wird? Und ferner, da Klemens an der genannten Stelle (K. 5) nur
Männer vorführen will, die scog fiavdtov iföXrjöav, muß man nicht mit
besserem Rechte daraus schließen, daß Johannes damals noch am
Leben war und auch deshalb nicht genannt wird? Auffallen könnte
auf den ersten Blick nur das eine, daß nicht Johannes von Ephesus,
sondern vielmehr die römische Kirche ordnend in die Verhältnisse
Korinths eingegriffen. Aber auch dieser Umstand findet seine volle
Erklärung darin, daß Johannes damals möglicherweise als Verbannter
auf Patmos weilte und vor allem, daß Rom hier faktisch den
Primat ausgeübt. 4 ) Reville beruft sich endlich mit Harnack 5 ) auf das
Schweigen des Ignatius von Antiochien in seinen Briefen, speziell
im Epheserbrief und des Polykarp in seinem Schreiben an die
Philipper, indem er mit nicht wenig Pathos die Argumente eines
Lützelberger, Keim, Schölten und anderer wiederholt, ohne auch nur
mit einem Worte zu verraten, daß Grimm, Schwegler, Krenkel, Steitz,
Luthardt, Hilgenfeld, Cornely und andere ihre Haltlosigkeit längst
nachgewiesen. 6 ) Übrigens, wie erklärt Heville das Schweigen des

i) Kap. 5.
2
)
Vgl. über Petrus in Korinth, Eusebius, Hist. eccl., II, 25, 8: Koqlvüicov
fatfoxonog tyyQ&qxoq 'Pco^ialoig ößiXä>v, (hde nagtox^oiv "Aßqxo (IIsTQog xal IlavXog)
xai eig vrjv ^iietegav Köqwüov q)VTevoavüeg fifiaq öfxoicog eöiöa^av.
3
) 47, 3.
*) Vgl. v. Scherer, Der 1. Klemensbrief an die Korinther, 1902, S. 279ff.;

Harnack, Theol. Liter aturz., 1876, Sp.l02f.; Ehrhard, Altchristi. Lit., 1900, S. 76.
&
j Chronol., S. 674, Anm. Vgl. auch Kreyenbühl, S. 70.
8
) Vgl. Bousset, Die Offenbarung Johannis, S. 36: Das Schweigen kann
nicht in Betracht kommen. — Wenn im Epheserbrief, Kap. 12, Paulus, aber nicht
Johannes genannt wird, so erklärt sich dies genügend daraus, daß Ignatius in
Paulus ein Vorbild im Martyrium sah. (Vgl. Schanz, Komm. üb. d. Ev. d. Joh., S. 3. 1
102

Ignatius und Polykarp über den Presbyter Johannes, wie falls dieser,
Reville annimmt,ja die Stelle des Apostels einnahm und Polykarp
dessen Schüler war?
Eine eingehendere Würdigung verdient eine nach ausdrücklicher
Angabe aus dem Papianischen Werke stammende Nachricht, der auch
heute noch mancherseits ) volles Gewicht beigelegt wird und durch
1

die der ephesisehe Aufenthalt des Apostels Johannes abgetan sein


soll. Eine neuerliche Untersuchung hierüber erscheint auch aus dem
Grunde nicht überflüssig, als die Meinungen bezüglich der Echtheit
des Zeugnisses und seines Inhaltes nicht wenig auseinandergehn. Ich
meine die im Cod. Coislinianus 305 (saec. X oder XI) der Chronik
des Georgios Hamartolos (9. Jahrhundert) enthaltene Notiz: 2 )
IJcLiiag ydo ö leganoXecog sjiloxojrog avvöjitrjg vovvov yevofievog, n>
to) dewioq> ~/.öyv) vcbv xvgiaxcbv Xoylcov cpdaxsi, övi (Icodvvrjg) vtcö
lovdaico r dv //0£#ry, 3 ) und das in Bezug auf Johannes völlig über-
einstimmende Exzerpt des Codex Baroccianus aus einer kirchen-

geschichtlichen Epitome (600 800), der die XQtotcavtxr] lavoQia des
Philippus von Side (430) zu Grunde liegen soll: 4 ) TLcmmag sv vü)
devTSQO) Aoyq) Xsysi, övt 'Icodvvrjg 6 fteoXöyog xal Idxcoßog ö
ddeXcpbg avvov vjzö lovdalcov dvyQefirjoav.
Diese Nachricht nun wurde und wird von manchen nicht nur
als echt Papianisch angesehen, sondern auch auf den Märtyrertod des
Apostels Johannes bezogen, der nur in Palästina erfolgt sein könne. 5 )

B.Weiß, Komm.,S.3; Beyschlag, Stud.u.Kr., 1898, S.93; G o d e t, Einl. II, 13 f.)

Übrigens hält es ja selbst Harnack (S. 675, Anm.) für überwiegend wahrscheinlich,
daß Ignatius in seinem Epheserbrief den Zebedäiden zu den Aposteln rechne,
mit denen die Epheser zusammengewesen seien. (Kap. 11, 2.)
!) Holtzmann, Einl. 3 S. 470f.; Kreyenbühl, S. 366; Bousset, Die
,

Offenbarung Johannis, S. 47 f.
2
)
Funk, Patr. apost., S. 368 f.; Zahn, Forsch, z. Gesch. d.
Sieh neutest. Kan.,
VI, 147 ff; Preuschen, Antileg., S. 58.
3 Es sei auch die Umrahmung hergesetzt. Vorausgeht: Merä
)
de AofUTiavov
ni/.evae Nigovag ixog tV, ög ävaxakeoäßevog 'Io&dwrjv ix xfjg vr)oov am'Avmv
olxevv §v 'J-jftoo). tifh'og xöxe negUbv xqy ßiqt ix x(bv öcadexa ßaftqTcyv xal ovyygaipä-
1
inrog tö xax ävxöv ira/yi/.iov ßagxvgiov xaxi^Ccoxat. Es folgt: Hkr)Q(öaag ö^Xadi)
[xexii xov äöekcpov xr\v xov Xgioxov Jiegl avxtov jtoöooijolv xal ztjv eavxCov öfioXo-
yiav TiBQt xovxov xal ovyxaxuDioiv elnfov yäg 6 xvgiog Jigög avxovg. Nach dem
Herrnwort Mark. 10, 38 f., folgt weiter: xal tfxöxtog' äövvaxov yäg fieöv ipetioao&ai.
ovt() dl y.ru 6 .-io/.i\uai)iig 'i>gr/wr)g iv xf\ xaxä MaxftaJov igfjufveCq (XVI, 6) öia-

J; ,'taiomai, Cyg ort (.uf.iaQxnoiiy.hv loxlrvijg ix {im Preuschen) xtbv öiadözorv if)v

änooTÖXcav tnoar)fMLwdfisvog xovxo \ii\\a'i) \\xivai.


*) C. D. de Boor, Texte u. Untersuch., V, 2, S. 170 ff.
5
) Hiefür kann aber nicht das syrische Märtyrerverzeichnis von 412 an-
gerufen werden, das bloß die Feier der Apostel Johannes und Jakobus in
Jerusalem auf den 27. Dezember ansetzt. (Vgl. Erbes, Zeitschr. f. Kirchengesch.,
103

Die Wahrheit der einen wie der andern Autstellung soll untersucht
werden. Fragen wir zunächst, aus welcher Quelle kann die Nachricht
geschöpft sein, wenn von ihrem Inhalte abgesehen und angenommen
wird. daß sie, wie sie vorliegt, tatsächlich in der Chronik des Georgios
und der Epitome gestanden. Keine der folgenden Möglichkeiten ist
ausgeschlossen 1. Beide Mitteilungen
: gehn unabhängig voneinander
auf dieselbe Urquelle zurück. Georgios schöpfte unmittelbar, der
Epitomator mittelbar (c^urch Philippus Sidetes) aus Papias. Ersteres
erscheint keineswegs unmöglich, da das Papianische Werk bestimmt
noch einem Photius, Okumenius und Theophylakt und nach Gallandis
Angabe (Biblioth. vet. patrum, I, 1765, LXVII) noch 1218 vollständig
in der Manuskriptensammlung der Kirche zu Nismes in Frankreich

bewahrt wurde. ) 2. Oder beide gehn unabhängig voneinander auf


1

Philippus Sidetes zurück. 3. Georgios schöpfte aus der Epitome


oder einer ähnlichen Bearbeitung des Philippus. Im ersteren Falle
muß das, was beide übereinstimmend berichten, nämlich: 'Iwdvvrjg
r.id 'Iovdakov änjotdr] oder etwas sehr Ahnliches bei Papias zu lesen

gewesen sein. Eine Entscheidung über die den Jakobus betreffende


Nachricht ist unmöglich. Es kann sowohl Georgios den Text des
Papias verkürzt, beziehungsweise nur die auf Johannes bezügliche
Nachricht in seine Chronik aufgenommen, oder, was vielleicht minder
wahrscheinlich ist, Philippus dieselbe erweitert haben. Daß etwa der
Epitomator oder gar erst der Exzerptor diese Erweiterung vor-
genommen, halte ich ohne weiteres, ohne Widerspruch zu fürchten,
für ausgeschlossen. Jedenfalls ist 6 #£oAöyog Zutat des Philippus,
da dieses Epitheton vor dem vierten Jahrhundert sich schwerlich
nachweisen läßt 2
) und im Irenäischen Zitat zu Anfang des Exzerptes
dem Johannes dasselbe Epitheton beigesetzt ist. Doch spricht zumal
die gleichlautende Bezeichnung des Papianischen
ungewöhnliche
Werkes (koyicov xvQtaxcbv) im Coisl. und Barroc. (im Anfang des Ex-
zerpts) nicht für die unmittelbare Benutzung des Papias durch Georgios.
In den übrigen Fällen muß Georgios bei Philippus, beziehungsweise
beim Epitomator den Text des Barroc. gelesen und verkürzt haben,
da, wie eben gesagt wurde, eine Erweiterung durch den Epitomator
oder Exzerptor undenkbar ist. Unentschieden bleibt wiederum, ob

1901, S. 200f.).Es kann aber auch gegen den Märtyrertod des Johannes in Palästina
nicht geltend gemacht werden (Godet, Einl., II, S. 8), die Notiz des Coisl. be-
zeichne den Papias als Augenzeugen des Todes des Apostels, nenne Ephesus und
Asien u. s. w. Dies hätte nur Beweiskraft, wenn die Notiz in ihrer Gänze Papianisch
wäre, was sicherlich nicht der Fall ist.
) Vgl. Gla,
J
a. a. 0. S. 13 f., Anm. Vgl. auch Bickell, Zeitschr. f. kath.
Theol., 1879, S. 803.
2
) Zahn, a. a. 0. S. 149.
104

die auf Jakobus gehende Notiz bei Papias zu lesen war oder von
Philippus bei gefugt wurde. Die Nachricht über Johannes muß bei Papias
gestunden haben.
Anders verhalt es sich, wenn die Aussage des Coisl. : avTÖjrrtjg
rorroe ysvöfievoc, als Papianisch mitberücksichtigt und in dem Sinne
genommen wird, daß Papias Augenzeuge der über Johannes berichteten
Tatsache gewesen sei.
1
) Dann wäre es selbstverständlich, daß Georgios
in seiner Quelle den Text des Barocc. ('Ieodvvrjg xal laxcoßog ävflQS-
Dijoar) nicht gelesen haben kann, sondern in dieser Verbindung nur
gelesen hat: 'Ioiävinjz öttö 'lovdai(0)> (b'tjnhi))). Damit stimmte gut
überein, daß er in dem auf das Zitat folgenden, wohl ihm angehören-
den Raisonnement, wenn er auch auf Jakobus Bezug nimmt (fisvä tov
äde/jfor) und im Martyrium beider die Erfüllung von Mk. 10, 38 f.
sieht, doch nur eigentlich die Angemessenheit des Martyriums des
Johannes zeigen will, weil Gott nicht lügen könne, und auch nur
diese durch Origenes bezeugen läßt. 2 ) Daraus würde weiter folgen,
daß Georgios fast sicher seine Mitteilung direkt aus Papias geschöpft
hat. Ganz ausgeschlossen ist es freilich nicht, daß Georgios aus einer
andern, unbekannten vermittelnden Quelle geschöpft haben
könnte. Aber auch dadurch dürfte das Resultat nicht geändert werden,
daß im zweiten Buche des Papianischen Werkes tatsächlich etwas zu
lesen gewesen wie 'Icodvvrjg vjio lovdalcov dvrjQeftr). Die den Jakobus
:

betreifende Nachricht könnte in einem andern Zusammenhange bei


Papias gestanden haben. Doch ist diese Auffassung der zitierten
Worte Zahn, Funk, Preuschen be-
nicht eben wahrscheinlich.
ziehen tovtov auf Johannes, so daß avTÖJiTrjg tovtov dem dxovoTrjg
tov Icodvvov im Anfang des Exzerptes entspricht. Daß bei dieser Be-
ziehung statt tovtov vielleicht besser avTov stehn sollte, fällt wohl
kaum ins Gewicht.
Ungleich schwieriger gestaltet sich die Untersuchung, wenn hiebei
zugleich der Inhalt der Nachricht und der Zusammenhang beim Coisl.
ins Auge gefaßt wird. Kann Papias von einem gewaltsamen Märtyrer-
tod des Johannes berichtet und geschrieben haben: Icodvvrjg imö
'lovdalcov dvrjoe&r) =
Johannes wurde von den Juden umgebracht?
Und kann Georgios nach der Umrahmung der zitierten Stelle dies
geschrieben haben? Ist nicht die Stelle im Coisl. interpoliert? Wir
beschäftigen uns vorerst mit letzterer Frage. Eine Interpolation wird
von Holtzmann und G o d e t entschieden verneint, während sie von
De Boor und nach ihm von Zahn, Funk und Poggel aus dem-
selben Grunde entschieden bejaht wird. De Boor führt im wesent-

1
Vgl. Cornely, Introd., III, S. 213; Godet, Einl., II, S. 8.
2
) Vgl. De Boor, a. a. 0. S. 177.
;

_ 1()5
_
liehen folgendes aus. Das Papianische Zitat der Chronik finde sieh
ausschließlich im Cod. Coisl. 305. Dieser sei allerdings die älteste
Handschrift, die den Namen des Georgios an der Spitze trage
trotzdem biete er nicht die ursprüngliche Fassung der Chronik, son-
dern eine Bearbeitung derselben, welche namentlich auch mit einer
nicht geringen Belesenheit in der patristischen Literatur sie erweitere.
Dies nun auch an unserer Stelle aus doppeltem Grunde anzunehmen.
sei

Einmal sei es von vornherein wahrscheinlicher, daß die eine Be-


arbeitung die Stelle eingeschoben, als daß alle übrigen sie ausgelassen
hätten. Zweitens zeige die Fassung der anderen Handschriften, die
vom Apostel Johannes nur berichten: sv stQrjvr) dvsjiavoavo, und
daran anschließen: jzeoi ov nah ö JioXv'i'oTcoQ Evosßtog sv tfj sxxhj-
den Verzug der Einheitlichkeit, während die
oiaariyjj iaroola (p)oi)>,
Erzählung des Coisl. in sich inkonsequent sei, da sie an den Bericht
vom Märtyrertod des Johannes ({jLaQTvoiov xavrjt-lwvai) und an die
Belege hiefür Zeugnisse aus Eusebius, Hippolyt und Cäsarius anschließe,
die alle das Gegenteil besagen. Daraus scheine mit Sicherheit hervor-
zugehn, daß der Bearbeiter des Coisl. nach dem Inhalt der neuen
von ihm eingeführten Stücke den Bericht der übrigen Handschriften:
kv slQfivQ dvsjiavoavo in ^aoTvolov xavrj^lcovat umwandelte, ohne zu
beachten, daß er damit einen Widerspruch mit der weiteren Dar-
stellung hervorgerufen.
Gegen diese Argumentation erheben doch nicht wenige
sich aber
Bedenken. 1. Kann dem Interpolator unbedenklich zugeschrieben
werden, was dem Georgios als unmöglich abgesprochen wird? 2. Wenn
der Bearbeiter des Coisl. nicht geringe Belesenheit in der patristi-
schen Literatur bekundet, so mußte abgesehen von den von ihm
er,

selbst in der weiteren Darstellung beigebrachten Zeugnissen, doch


auch die einstimmige Tradition vom friedlichen Tode des Apostels
Johannes kennen, und erscheint deshalb die behauptete Textesänderung
und Einschiebung ganz unglaublich, außer er hätte, was keineswegs
unmöglich ist, die Aussage: f^aQtvQlov Kartj^lcotat sowie das Papiani-
sche Zitat im Sinne des Origenes x ) gefaßt. Diese Auffassung konnte
aber auch Georgios gehabt haben. Nur scheint es mir in diesem Falle
mehr als wahrscheinlich zu sein, daß die ganze fragliche Stelle mit
Einschluß des Zitates aus Origenes an unrichtiger Stelle steht
und unter Domitian anzusetzen ist. 3. Der Anzahl der Handschriften
des gekürzten Textes vermag ich nicht eine entscheidende Bedeutung
zuzumessen, da ja alle diese Handschriften auf eine zurückgehn

*) Vgl. auch Aphraates, 21. Homilie; Brief des Polykrates an Viktor (wo

Johannes iiäorro genannt wird); Barocc, 7. Exzerpt (lltegog y.al 'loldagog . . .

lixaoxvoiioav und dazu die Bemerkungen De Boors, S. 139).


106

können und mir Auslassung der Stelle, die der allgemeinen Über-
die
lieferung zu widersprechen schien, viel natürlicher und wahrschein-
licher dünkt als der entgegengesetzte Fall.
Es wäre demnach immerhin möglich, daß die Stelle des Coisl.
von Georgios selbst herrührt, nur sollte sie an einem andern Orte
stehn. Aber wie dem auch sei, an der Sache ändert es wenig, ob
die Stelle als interpoliert aufgefaßt wird oder nicht; im ersteren Falle
tritt eben der Interpolator an Stelle des Georgios, nur kommt zu den

bereits vorgeführten Möglichkeiten noch die weitere hinzu, daß der


Interpolator auch aus dem Barocc. geschöpft haben könnte. Im übrigen
bleibt das Schlußresultat dasselbe: Im zweiten Buche des Papias stand
wenigstens zu lesen, was Coisl. und Barocc. übereinstimmend berichten:
'Icodwrjg r.To 'Iovöalcov «r/yotVI//. De Boor geht noch weiter und möchte
behaupten, daß die Worte des Exzerptes bei Papias gestanden hätten.
Zahn dagegen erklärt, nur das, worin beide übereinstimmen, könne
auf Papias zurückgeführt werden.
Ganz anderer Meinung ist Harnack. Selbst den günstigsten
Fall angenommen, daß der Text des Barocc. bei Philippus Sidetes
gestanden hätte, so sei es ausgeschlossen, daß Papias berichtet haben
konnte: Icodwijg vjtö 'Iovöaicov ävrjQS^]. 1 )
Ferner ist Harnack durch De Boor nicht davon überzeugt, daß
das Exzerpt aus dem byzantinischen auf Philippus fußenden Kompen-
dium selbst die Quelle für den Text der Chronik des Georgios sei;
denn erstens sei der Barocc. ein blutjunger Kodex 2 ) und zweitens
könne Georgios keine Quelle vor sich liegen gehabt haben, in der
gestanden, Johannes sei von Juden ermordet 3 ) worden, denn sonst
hätte er nicht schreiben können, Origenes stimme mit dem Bericht
des Papias überein. Georgios selbst könne in seiner zu supponieren-
den Zwischenquelle nur gelesen und demgemäß geschrieben haben,
wie bereits Lightfoot gezeigt: Ilajzjziag cpdoxsi, ön 'Io)dvvr)g
. . .

ffiev vjtö vöw 'Pebfialcövßaoüecog Katedtxdo§r] slg IldtfÄOv, 4 ) 'Idxcaßog


di-/ vjiö 'IovÖalcov apygeftr]. 5 ) Durch einen Zufall seien in einem Exem-
plar des Georgios die eingeklammerten Worte ausgefallen und so
seien sie im Coisl. nicht erhalten, während ein anderer aus dem
folgenden die Lücke erkannt, aber sie auf die übelste Weise durch

1
)
Harnacks Gründe hieher werden noch zur Sprache kommen.
2
)
So meint es De Boor nicht.
3
) 'Aviioiih/ mußte nicht in diesem Sinne gefaßt sein.
4
)
Oder kürzer etwa: fiev ir Härmo fuaoTvmioi v.
B
) Zahn (S. 147, Anm.) läßt Lightfoot annehmen, daß die eingeschlossenen
Worte in der Vorlage des Georgios ausgefallen seien. Funk referiert ungenau.
Mir war Lightfoots Abhandlung unerhältlich.
107

Hinzufügung der Worte: yjü 'IdxObßos 6 döekg>ög avtOV ergänzt habe.


"Wie diese Ergänzung bis zum Barocc. geraten, sei freilich nicht zu
sagen. Was Papias wirklich geschrieben, müsse dahingestellt bleiben.
Auch Harnacks Konjektur scheint mir unhaltbar zu sein. Georgios
schrieb eine Chronik. Angelangt bei Nerva, berichtet er unter den
Ereignissen seines Regierungsjahres die Zurückberufung des Johannes
aus Patmos und daran anschließend den Aufenthalt und Tod desselben
in Ephesus. In diesern. Zusammenhange hat der längst verstorbene
Jakobus keinen Platz. Er hatte übrigens den Märtyrertod des Jakobus,
des Bruders des Johannes, bereits berichtet. 1 ) Georgios konnte den
Jakobus etwa nebenbei erwähnen, wie er es nach dem Coisl. tut,
aber eine selbständige Nachricht über seinen Tod halte ich an dieser
Stelle für unmöglich. Völlig anders verhält es sich mit dem Exzerpt
im Barocc, das eine Sammlung Papianischer Nachrichten enthält.
Ich muß demnach sowohl eine Interpolation als eine Lücke im Coisl.
für nicht erwiesen und nicht erweisbar halten.
Aber kann Papias geschrieben haben: Johannes wurde von
Juden umgebracht? De Boor hält es mit Holtzmann für sichere Tat-
sache: „Es kann in Zukunft kein Zweifel mehr darüber walten, daß
Papias wirklich überliefert, daß der Apostel Johannes von Juden
erschlagen worden sei." 2 ) Harnack hält es wegen Joh. '21 und
wegen des Schweigens eines Irenäus und Eusebius und vieler anderer,
die den Papias gelesen, bezüglich des Apostels Johannes für ganz
unmöglich. Es sei auch nicht wahrscheinlich, daß Papias etwa den
(nach Harnack vom Apostel zu unterscheidenden) Presbyter Johannes
gemeint habe. Denn da seine Leser, Irenäus voran, diesen für den
Apostel gehalten hätten, so müßte sein gewaltsamer Tod in der
älteren Literatur verzeichnet sein. In gleicher Weise, doch viel ein-
gehender argumentiert Zahn, indem er, die Meinung mancher berück-
sichtigend, gleichfalls zwischen dem Lehrer des Papias, dem langlebenden
Johannes von Ephesus, dem Apokalyptiker und dem Apostel Johannes,
dem Sohn des Zebedäus, unterscheidet. Ersteren könne Papias nicht
gemeint haben, weil es unwahrscheinlich sei, daß die Juden in Ephesus
3
diesen Greis zu einem Märtyrer gemacht haben sollten, ) und weil
es dann unbegreiflich wäre, daß die ganze kleinasiatische Tradition
nur von einem friedlichen Tode dieses Johannes zu sagen wüßte. Die
Kirche von Asien hätte ihren größten Heiligen ohne jeden denkbaren

!) III, 119, 21 (Migne, P. G., 110, 426); IV, 131 hatte er die Verbannung
des Johannes erzählt.
2
)
A. a. O. S. 177. Vgl. auch Bousset, Die Offenbarung Johannis, S. 47 f.

3 Dieses Argument
) verfängt angesichts des Martyriums Polykarps
(Eusebius, Hist. Eccl., IV, 15, 41) allerdings nicht.
108

Ghrund der Märtyrerkrone beraubt. Aber auch letzteren könne Papias


nicht gemeint haben. Hätte er nämlich von diesem einen gewalt-
samen Tod berichtet und hätte er ihn deutlich, sei es als Apostel, sei
als Bruder des Jakobus bezeichnet, so wäre es unverständlich, wie

die Leser seines Werkes, Eusebius sogut wie Irenäus, daran festhalten
konnten, daß der nicht als Märtyrer gestorbene Johannes von Ephesus
mit dem von den Juden getöteten Apostel identisch sei. Wie hätte
auch diese Tradition entstelm können? Und vor allem, wie hätte
Eusebius diese Waffe unbenutzt lassen können in seinem Kampfe (?)
gegen den apostolischen Charakter des Apokalyptikers, des Lehrers
des Papias, wenn Papias selbst sie ihm gereicht hätte. Hier liege ein
argumentum omnium vor, gegen welches man vergeblich
e silentio
streite. Ungefähr dieselben Argumente führt auch Poggel bezüglich
des Apostels Johannes ins Feld.
Ich muß aber gestehn, daß mich weder die Ausführungen
Harnacks noch jene Zahns vollends befriedigen, insofern sie mir
nicht alle Möglichkeiten in Bezug auf den Presbyter Johannes in
Betracht zu ziehen scheinen, um zu schweigen von den Darlegungen
Poggels, der lediglich den Apostel Johannes berücksichtigt. Be-
züglich des Apostels Johannes ist es freilich ganz ausgeschlossen,
daß Papias unmißverständlich von seinem, sei es in Jerusalem, sei
es in Ephesus erfolgten gewaltsamen Märtyrertod berichtet haben
kann. Wie hätte namentlich Eusebius, der doch den Märtyrertod
eines Polykarpus, *) eines Jakobus von Jerusalem, 2 ) eines Simon, des
Nachfolgers des Jakobus 3 ) so umständlich erzählt, darüber völlig
schweigen können? Holtzmann bemerkt dazu vergeblich, Eusebius
habe diese Nachricht des Papias unter die jzaQado^a und ßv&ixcbvsQa
gerechnet. Poggel entgegnet: Selbst wenn Eusebius diese Nachricht
zu den {lwOixojteüci rechnete, so hätte er sie doch als Zeugnis aus
des Papias Mund anführen können dafür, daß dieser sich nicht als
Schüler des Apostels Johannes habe ausgeben wollen, und er hätte
sich nicht die Mühe geben brauchen, dies aus dem Proömium nach-
zuweisen. 4 )
Auch Bezug auf den Presbyter Johannes bin ich nicht
in
anderer Meinung, wenn Irenäus und die anderen Leser des Papias
tatsächlich ihn für den Apostel ansehen, oder wenn er als Apoka-
lyptiker vom Apostel zu unterscheiden wäre. Aber bleibt nicht
noch die weitere Möglichkeit, daß der Presbyter Johannes, falls er

i) Hist. Eccl., IV, 15.


2) II, 28. - ») III, 32.
4
) Gegenüber
Holtzmann, der den Tod des Johanne« in Jerusalem erfolgt
sein läßt, befindet sich Poggel im vollsten Hecht.
:

109

existierte,weder der Apostel noch der Apokalyptiker, sondern nichts


weiter als der Lehrer des Papias gleich Aristion war? Und konnten
nicht in diesem Falle Irenäus und andere Leser über ihn hinweg-
gesehen haben, selbst wenn Papias von seinem Märtyrertod berichtete,
wie sie ja auch von Aristion keine Notiz nahmen? Doch ändert sich
das schließlich e Resultat auch unter dieser Voraussetzung nicht.
Eusebius wenigstens konnte auch in diesem Falle nicht schweigen,
außer er hätte sich des stärksten Argumentes gegen die Identifizierung
des Presbyter Johannes mit dem gleichnamigen Apostel begeben, oder
man müßte annehmen, daß er das zweite Buch des Papias nicht ge-
lesen hätte. Es bleibt also Von einem gewaltsamen von Juden voll-
:

zogenen Märtyrertod, sei es des Apostels Johannes oder sei es eines


vom Apostel zu unterscheidenden Presbyter Johannes konnte Papias
nicht berichtet haben.
Wenn nun aber Papias einerseits nicht geschrieben haben kann
Johannes wurde von Juden umgebracht, andrerseits in seinem
zweiten Buche etwas wie: leodvvtjg imö 'Iovdalcov dvyosfir), gestanden
haben muß, welcher Ausgleich bietet sich dar? Nach Poggel geht
die Nachricht des Coisl. auf Philippus Sidetes zurück, Philippus aber
habe bei Papias unrichtig gelesen und Johannes mit Jakobus ver-
wechselt. Ersteres ist wahrscheinlich, letzteres halte ich zwar nicht
für ganz unmöglich, aber doch für höchst unwahrscheinlich. Aus-
geschlossen ist selbstverständlich jede Verwechslung, wenn der Text
des Barocc. bei Papias zu lesen gewesen wäre. Stand aber berichtet:
Idxcoßog (oder auch, wie Poggel anzunehmen scheint, Idxooßogö 'Icodvvov)
'•.16 lovdalcov dvyge'äri, so scheint es mir psychologisch unerklärlich,
wie Philippus statt 'Idxojßog hätte l(odvvr]g lesen können, da ihm doch
das Martyrium des Jakobus so lebhaft gegenwärtig war, daß er sofort
die Notiz hierüber, die, wie schon gezeigt wurde, nur von Papias
oder Philippus herstammen kann, beifügte. Einen andern Weg schlägt
Godet ein. Papias habe in der Absicht, die Erfüllung des Herrn-
wortes Mk. 10, 39 (Matth. 20, 23) darzutun, mit Eifer einen Unfall
des Johannes benützt, der von Juden verschuldet war und das Ende
des greisen Apostels beschleunigte, um darin die Erfüllung der Weis-
sagung zu sehen. An sich enthält diese Annahme nichts Unwahr-
scheinliches, nur müßte Papias diesen Unfall unmißverständlich
gezeichnet haben, denn sonst könnten wenigstens, ja wenn Jakobus
mitbenannt war, mußten seine Leser dvfjQedrj auf einen gewaltsamen
Tod beziehen und wäre ihr allseitiges Schweigen unbegreiflich.
Wieder anders denkt sich Zahn die Lösung. Ausgehend von der
Annahme, daß Papias nur geschrieben habe: 'Icodvvrjg vjzö 'Iovdaicov
di't/oHhj, verteidigt Zahn die These, die von mancher Seite Beifall
_ 11G
_
fand, 1) dal.) diese Nachricht nur auf Johannes den Täufer gehn könne,
von welchem nicht selten so geredet werde. Und hätte Papias beide
Namen genannt, so wäre auch diese Zusammenstellung eines auf
Christus hinweisenden Propheten und von Christus zeugenden
eines
Apostels, welche gleiches Schicksal gehabt, nicht befremdlich; und
wiire im Barocc. Papianisch, so hätte Papias auch
ihre Reihenfolge
dadaroh angezeigt, dal.) er den Täufer Johannes meine, der Apostel
Johannes mülite an zweiter Stelle stehn, da er später gestorben.
Zahns Erklärung ist sicherlich, soweit sie den Papias betrifft, weder
unmöglich noch unwahrscheinlich. Ich w ill sie auch keineswegs be- r

streiten, doch sei es gestattet, einigen Bedenken Ausdruck zu geben.


Welcher Leser hätte wohl bei der Zusammenstellung des Johannes
and Jakobus an den Täufer und nicht vielmehr an den Apostel ge-
dacht, zumal da von Herodes nicht die Rede ist, außer, was aber wohl
möglich ist, der Zusammenhang hätte jeden Zweifel ausgeschlossen?
Ob der Reihenfolge der Namen die zugeschriebene Bedeutung zu-
kommt, möge auf sich beruhen. Wenn Zahn beifügt, der nackte
Name Johannes bezeichne in den Evangelien stets den Täufer, nie
den Apostel, und soviel er sehe, sei es in der altchristlichen Literatur
nicht wesentlich anders, so dürfte dies ohne Einschränkung kaum
richtig sein. Im vierten Evangelium trifft das allerdings zu, aber
hier ist eine Verwechslung unmöglich, da ein zweiter Johannes nicht
genannt wird. Auch im synoptischen Berichte ist jedesmal durch
den Zusammenhang eine solche ausgeschlossen. 2 ) Auch in der alt-
christlichen Literatur ist es kaum anders. 8 ) Selbst die von Zahn
beigebrachten Belege aus Pseudocypr. c. Jud. 2 und Commod. apol.
lassen über den Täufer nicht den geringsten Zweifel.
Es scheinen mir aber noch weitere Möglichkeiten in Betracht
zu kommen. Ich habe oben Lightfoots und Harnacks Konjektur ab-
gelehnt; doch ist der ihr zu Grunde liegende Gedanke jedenfalls
beachtenswert. Konnte nicht Papias selbst zur Erklärung von Mk. 10, 38 f.
in der Tat etwa geschrieben haben: Uäxcaßog vjiö Uovdalcov dvrjQsd't]
9
y.a'i Imdwffg ev nät/ia) E/naQTvoi]Osi', und Philippus Sidetes die Stelle
in seine Kirchengeschichte übernommen und, was gut zur anerkannten
Weitläufigkeit seines Werkes 4 ) stimmen würde, das Zeugnis des

i) Vgl. Funk, a. a. 0. S. 367; C. A. Kneller, Zeitschr. f. kath. Theol.,


1902, S. 360.
2) Vgl. Matth. 4, 12; 9, 14 u. oft (Täufer); dagegen Mark. 9, 37; Luk. 9, 49
(Apostel).
3 Ign. ep. ad Smyrn. Irenaeus Adver. haer., I, 21, 2; III, 9, 1:
) 1, 1; T, 3, 5;
III, 10, 1; III, 10, 3; III, 10, 6.
4
)
Vgl. De Boor, a. a. 0. S. 173.
111

Origenes 1
) seineiii wesentlichen Inhalte nach beigefügt haben? Es
ist ja in Hinsicht auf den Schlui3 unseres Exzerptes im Barocc. nicht
bloß gewiß, daß Philippus auch direkt aus Papias und nicht etwa
nur aus Eusebius geschöpft hat, sondern auch unbestritten, daß er
Origenes auch sonst benützt hat. 2 ) Und ist es ferner etwa unmöglich
oder unwahrscheinlich, daß zuerst der Epitomator die Stelle irrtüm-
licherweise so formulierte wie sie im Barocc. vorliegt, indem er

bnö 'Iovdalcav auch mit kfiaq'CVQ'qoBV verband; und daß endlich der
Kxzerptor auch noch das Zitat aus Origenes wegließ, während Georgios
(oder sein Interpolator), dem es um Johannes zu tun war, aus der
Epitome nur den Johannes betreffende Notiz des Papianischen
die
Zitates, die er von dessen Verbannung verstand und nur den Johannes
betreffenden Teil des Zitates aus Origenes aufnahm? Ich halte auch
folgende Auffassung nicht für ausgeschlossen. Wie Georgios (oder
sein Interpolator) (h'tjoithj wahrscheinlich von der Verbannung auf
Patmos faßte, so konnte auch Papias wörtlich: "Icodvvtjg vjtö lovöaicov
(h'tjoHhj von der durch den Zusammenhang unmißverständlichen,
durch Juden veranlaßten Verbannung des Johannes auf Patmos ge-
schrieben haben. 'Ainjohi))) bedeutet ja nicht in jedem Falle: „er
wurde umgebracht", sondern auch: er wurde beiseite geschafft. 3 )
Philippus konnte sodann ohne Beachtung des Zusammenhanges die Notiz
über Jakobus und das Zitat aus Origenes beigefügt haben, und daraus
sowohl der Text des Barocc. als auch jener des Coisl. entstanden
sein. Oder Papias setzte selbst die weitere Bemerkung: 3ikr)Q(baac,
dij/MÖij ^Lsvä vov döskcpov etc. mit dem Schriftzitat bei, 4 ) Philippus
verleibte sodann die ganze Papianische Auslassung seinem Werke ein
und erst der Epitomator oder Exzerptor formulierte daraus den
Text des Barocc, während Georgios die ganze Stelle dem Philippus
entnahm.
Wie immer die Sache sich verhalten mag, so viel ist evident,
daß die als Päpianisch bezeichnete Nachricht des Georgios und des
Exzerptes in keinem Falle gegen den asiatischen Aufenthalt des
Johannes angerufen werden kann, und daß Godet nicht mit Unrecht
sagen kann: Es wird der gegenwärtigen Kritik als eines ihrer kühnsten
Wagnisse anzurechnen sein, daß sie den Versuch gemacht hat, in
dieser Stelle den Beweis dafür zu finden, daß Johannes sein Leben
in Palästina und nicht in Kleinasien geendet habe.

*) In Matth., T. XVI, c. 6, ed. De la Eue, III, 719.


2
) Vgl. Schluß des Exzerptes 4 (bei De Boor) und Origenes in Luk., T. V,
pag. 81, ed. Lommatzsch (De Boor, S. 176).
8
) Vgl. Passow.
4
) Vgl. De Boor, S. 178.
112

Die zweite Untersuchung betrifft die oft behauptete und ebenso-


oft Existenz eines vom Apostel zu scheidenden
vorneinte
gleichzeitigen klein asiatischen Presbyter Johannes-
Gegen Johannes wird zunächst das Schwei-
die Existenz des Presbyter
gen der Kirehonschriftsteller vor Eusebius unter angeblichen Um-
ständen, wo sie einen Doppelgänger des Apostels Johannes hätten
nennen müssen, geltend gemacht. ) Man beruft sich auf Dionysius 1

von Alex., der als erster aus inneren Gründen Zweifel an der
Abfassung der Apokalypse durch den Apostel Johannes äußerte
und, da er sie dem in der Apostelgeschichte genannten Johannes
Markus nicht zuschreiben konnte, die Ansicht aussprach, irgend ein
anderer kleinasiatischer Johannes sei der Verfasser gewesen und hiebei
sich auf die angebliche Existenz zweier Johannesgräber in Ephesus
beruft. 2 ) Man schließt daraus: Dionysius habe keinen nennenswerten
Johannes in der apostolischen oder nachapostolischen Zeit gefunden,
den er hätte als Verfasser anführen können, er habe also von einem
Presbyter Johannes nichts gewußt. 3 ) Man beruft sich auf das
Schweigen der Ignatianischen Briefe, der Smyrnäischen Leidens-
geschichte Polykarps, des Irenäus, Tertullian, Origenes und insbe-
sondere auf den Lokalzeuge absolut glaubwürdigen Polykrates
als

von Ephesus, der nur den Apostel in Kleinasien kenne, nur von diesem
einen berichte, daß er in Ephesus begraben sei, und unter den
fisydXa aror/tla der kleinasiatischen und ephesischen Kirche mit
keinem Worte des Presbyters erwähne, obgleich er ihn nicht hätte
übergehn können, da er doch Männer wie Thraseas, Sagaris, Papirius,
Melito aufzähle. Poggel beruft sich auch auf die Aloger, die die
Schriften des Johannes dem Cerinth zugeschrieben, während ihnen
doch der Presbyter Johannes so nahe gewesen wäre.
Ich halte die ganze Argumentation ex silentio für wenig stich-
haltig. Ja, wenn das Schweigen der Genannten in der Tat unter
Umständen geschah, wo sie hätten reden müssen, dann ist freilich
nichts dagegen einzuwenden. Aber sind derartige Umstände wirklich
vorhanden? Geht man nicht von keineswegs selbstverständlichen, viel-

2
) Vgl. Poggel, S. 8 ff. ; Bardenhewer,
538 Abgesehen von Papias weißS. :

auch nicht ein einziger Schriftsteller der drei ersten Jahrhunderte etwas von einem
Presbyter Johannes, welcher von dem Apostel Johannes zu unterscheiden wäre.
2
)
Eusebius, Hist. Eccl., VII, 25: *Eöti iih> ofyv xai etegog 'Iodvvrjg (außer
dem Apostel) iv talg nocuiot xöw dfiootöÄcov . . . ei öl otivog 6 ygdipag toxiv, obv.

äv qpatrjv oi)di yäg d.(pl%$ai dg vqv Aniav yiyganTai ."AXXov öi tlvcl ofßai . .

> v £v 'Ao(q ytvo/u tvojv


< > i.ril xal Ät5o paaiv &v 'Eqpioq} yevdofiai [AvrjßUTa,
Kai iy.i'u kjov 'Ie&dwov /.i'yinDai.
3
)
Vgl. z. B. Knabenbauer, Comm. in Joan., S. 4; Zahn, Forsch, z. Gesch.
«1. neutest. Kan.. VT, S. 119.
_ 113^

mehr selbstkonstruierten,unerwiesenen Voraussetzungen aus, so daß


eine petitio principii unterläuft? Es lohnt sich der Mühe, etwas ge-
nauer zuzusehen.
Was vorerst Dionysius Alex, betrifft, so möchte ich nicht einmal
unbedingt zugeben, daß er vom Presbyter Johannes gänzlich schweige.
Wenn er nämlich erklärt, er sei der Meinung JioXkovg öficovv/iiovg
I<advvx} r<o (LToorö/jo yeyovivai (was Poggel kaum richtig übersetzt:
9

die den Namen des Apostels getragen haben könnten) und glaubt,
daß nicht Johannes, sondern irgend ein anderer von denen, die sich
in Asien aufgehalten (tcov sv lAola ysvo^svcov)^ die Apokalypse
geschrieben habe, scheint er nicht nebst dem Apostel Johannes von
mehreren anderen desselben Namens gewußt zu haben und konnte er
unter ihnen nicht auch an den Presbyter Johannes gedacht haben,
zumal, was er mit qxxötv kaum als bloßes G-erede oder als Vermutung
noch weniger als bescheidene Hypothese seinerseits hinstellt, er von der
Existenz zweier Johannesgräber in Ephesus zu wissen vorgibt? Doch
angenommen, Dionysius schweige gänzlich vom Presbyter Johannes,
so wäre daraus ein Schluß auf seine Nichtexistenz doch wohl nur
unter der Voraussetzung gerechtfertigt, daß dieser, falls er existierte,
ein so berühmter Mann gewesen wäre und den Namen 6 JiQsaßvtSQog
als so allgemeines Kognomen geführt hätte, daß Dionysius von ihm

und seinem Ehrentitel unter allen Umständen hätte wissen müssen.


Woher wissen wir, daß diese Voraussetzung wirklich zutrifft,
daß" dieser Johannes den Titel 6 JiQeoßvvsQog als Ehrenkognomen

führte? Eusebius berichtet ja ausdrücklich, Papias nenne ihn wie


Aristion häufig mit Namen (övo^aovl). Wenn nach Eusebius Papias
ihn an einer Stelle als 6 JiQSößvvsQog redend einführt, so kann er
es auch bloß mit Beziehung auf den unmittelbar vorhergenannten
Namen tun. Wie, wenn der Presbyter Johannes, falls er existierte,
gar nicht jener berühmte Mann war, zu dem man ihn gemacht,
sondern gleich Aristion lediglich für Papias als dessen Lehrer Be-
deutung hatte und Papias ihm den Titel 6 jiQBoßvvsQog, wie dies seit
Eusebius von vielen angenommen wird, nur zum Unterschiede vom
gleichnamigen Apostel oder auch zum Unterschiede von Aristion bei-
gelegt hätte? 1 ) Mußte auch in diesem Falle Dionysius von ihm wissen
und wenn er von ihm wußte, mußte er ihn etwa als Verfasser der Apo-
kalypse nennen? Mir wenigstens will es scheinen, um es gleich hier
zu sagen, daß der Papianische 6 jvQsoßvTSQog 'Icodvvfjg, wenn er vom
gleichnamigen Apostel zu scheiden ist, seine Berühmtheit erst durch
Eusebius erlangt, der ihn zum allfälligen Apokalyptiker avancieren läßt.

J
) Vgl. A. Schäfer, Einl., S. 262.
114

Wenn Poggel Dionysius wisse nichts vom Pres-


ferner meint,
byter Johannes, weil er sonst ohne Zweifel den ihm durch die Über-
schrift vom zweiten und dritten Johannesbrief gebotenen Presb3'ter
benutzt hätte, er schreibe aber diesen Brief dem Apostel zu, so ist
dieser Schluß schon deshalb hinfällig, weil der Verfasser der Briefe
sich gar nicht als Johannes, sondern lediglich als 6 JiQfoßvVFQog ein-
führt; und wer der kirchlichen Überlieferung darin glaubt, daß der Ver-
fasser dieser Briefe Johannes geheißen, muß derselben Überlieferung
auch darin glauben, daß sie diesen Johannes als den Apostel ansieht. ) 1

Welche sind weiter für Ignatius und den Verfasser der Smyrnäi-
schen Leidensgeschichte die zum Reden zwingenden Umstände, wenn
sie nicht einmal des Apostels Johannes Erwähnung tun? Welche sind

es für Iren aus, der das Werk des Papias in den Händen hatte, für
Klemens Alex, und Origenes, auch des Aristion, des zweiten
die ja
Lehrers des Papias mit keiner Silbe gedenken? Und was die Aloger
betrifft, so haben sie wohl nur aus Bosheit die Johanneischen Schriften

dem Cerinth zugeschrieben. Was hätten sie übrigens gewonnen, wenn


sie diese Schriften dem Apostel Johannes absprachen und dem Herrn-
schüler Johannes zuschrieben?
Gegen von Eusebius behauptete Existenz des Presbyter
die
Johannes wird ferner insbesondere von Zahn das ausgesprochene
Interesse des Eusebius an der von ihm vertretenen Auffassung der
Papianischen Stelle geltend gemacht. „Wir haben Zeugnisse genug,"
sagt Zahn, „daß es dem Eusebius ein dringendes Anliegen war, die
Apokalypse aus ihrer damals in der griechischen wie in der lateinischen
Kirche noch wenig erschütterten kanonischen Geltung zu verdrängen."
Der Presbyter Johannes verdanke also sein Dasein lediglich der Auf-
fassung des Papianischen Bruchstückes durch Eusebius, die ihm seine
Gegnerschaft gegen den auf die Apokalypse sich stützenden Chiliasmus
Zahns Ausführungen haben jedoch mich wenigstens von der
diktiert. 2 )
Wahrheit seiner Behauptung nicht überzeugt. Es ist wahr, daß Eusebius
sich einmal vernehmen läßt: §v vfj Iomvvov Xsyojbtevy crnoxalmpei,'6 )
daß er die Apokalypse mit einem et cpavslrj unter die vöfra rechnet 4 )
und dazu bemerkt: ijv nveg äfterovoiv, daß er über sie berichtet: 5 )
rrjg <3' äjTOxaXwpeoyg slg exdtsoov evi vvv jzaQa rolg Jiokkolg jTeoiilKSvat
ij Ö6£a, daß er das Urteil des Gaius, der sie dem Cerinth zuschreibt/')

J
) Zahn, Forsch, z. Gesch. d. neutest. Kan., VI, 116.
2
) Vgl. auch Belser, Einl., S. 34; Bardenhe wer, S. 538.

8) Hist. eccL, in, 18, 2. Vgl. III, 39, 6.

*) III, 25, 4. — 5) III, 24, 18.


6
) III, 28, lff. Brandscheid, Handbuch der Einleitung ins Neue Testament,
IR9B. S. 27. verteidigt zwar noch die Ansicht, Gaius beziehe sich auf eine Schrift.
115

und ausführlich die Kritik des Dionysius Alex, mitteilt; ) aber nicht 1

minder wahr ist es, daß er auch die zahlreichen Zeugnisse für die
unbedingte Anerkennung der Apokalypse als eines Werkes des Apostels
Johannes anführt, so des Justinus, 2 ) des Irenäus, 3 ) des Origenes, 4 ) des
Theoph. von Antioch., 5 ) des Melito von Sardes, 6 ) des Apollonius, 7 )
8
daß er ferner von der Schrift sagt: ) §tsqoi de syxQivovöiv volg
öfio/.oyoruH'oi^ daß er selbst sie unter die öjaoAoyoviLisva zählt mit
9
einem f7 ys (pavelrj, ) d-aß er wiederholt von der Verbannung des
Apostels Johannes nach Patmos und von seiner Rückkehr als einer
durchaus glaubwürdigen Überlieferung spricht, 10 ) daß er ohne Be- sie
11
denken als kanonische Schrift zitiert, ) daß endlich die Apokalypse
im Cod. Sinaiticus Aufnahme fand, der trotz der Leugnung Zahns
doch wahrscheinlich jenen 50 Handschriften zuzuzählen ist, die Kon-
stantin unter der Leitung des Eusebius ausfertigen ließ. 12 )
Ich halte demnach Zahns ungünstiges Urteil über Eusebius in
unserer Sache für nicht ganz begründet, vielmehr dürfte festzustellen
sein: 1. Daß Eusebius als gewissenhafter Historiker und Bibelkritiker
die Meinungen betreffend die Abfassung der Apokalypse pro und contra
aus Vergangenheit und Gegenwart vorführt, 2. daß er es freistellt, die
Schrift unter die allgemein anerkannten oder unter die vö$a zu zählen,
und 3. daß er für seine Person am apostolischen Charakter derselben
nicht zu zweifeln scheint. Damit steht keineswegs im Widerspruch,
stimmt vielmehr ganz zusammen, wenn Eusebius bei Besprechung des
Papianischen Bruchstückes, nachdem er aus demselben die Existenz
des Presbyter Johannes aufgezeigt, bemerkt: slxög yäq %bv öbvvsqov,
el fJtrj tlq, efteAoi vbv jtqcotov, %i]v . . . äjioxdXvijm> soQaxsvai. Allerdings ist

zuzugeben, daß Eusebius die angeblich von Papias bezeugte Existenz


des Presbyter Johannes für nicht unwichtig im Streite über die Ab-
fassung der Apokalypse ansah, aber doch nur insofern, als er auf
Grund dessen auch für den Fall der Leugnung der apostolischen
Abfassung einen bestimmten Verfasser nennen konnte. Desgleichen
istohne weiteres einzuräumen, daß der Chiliasmus, der sich auf die
dem Apostel Johannes zugeschriebene Apokalypse (20) stützte, für
Eusebius ein Stein des Anstoßes war, daß er ferner den Papias wegen

welche Cerinth nach dem Muster


der Johanneischen Apokalypse gefälscht und
für die echte des Johannes ausgegeben habe. Doch vgl. Zahn, Gesch. d. Kan.,
II, 973 ff.
!) VII, 25. — 2) IV, 18, 8. - 3) V, 8, 5-7. — *) VI, 25, 9. — ») IV, 24, 1. —
6
) IV, 26,
2. -
*) V, 18, 14. 8) HI, 25, 4. —
») III, 25, 2. - -
w) HI, 20, 9; III,
23, 1. Chronik ad ann. Abr. 2109, 2113. Demonst. evang., III, 5, 65.
11
) Demonst. evang., VIII, 2, 31.
12
) Eusebius, Vita Const., IV, 36f. Vgl. hiezu Brandscheid, a. a. O. —
S. 39; Gregory, Textkritik des Neuen Testamentes, I, 1900, S. 22.

8*
116

iner ohiliastischen Liebhabereien als oqpööoa ofuxQÖg cor vöv vovv


bezeichnet und von ihm bemerkt, er berichte nvä jLtvfttxcÖTSQa, 1
) aber
ist doch wohl auch zu beachten, daß Eusebius hier die Apokalypse
es
des Johannes gar nicht meint, wie dies auch Zahn zugibt, sondern
ausdrücklich sagt, Papias erzähle solches cbg ht nagadöoscog äyoäcpov 2 )
Big axrvbv ijxorra und er habe die apostolischen Überlieferungen miß-

verstanden. Und selbst angenommen, Papias stütze seine chiliastische


Anschauung ausschließlich auf die Apokalypse, mit der er sich sicherlich
beschäftigte, 3 ) so trifft doch nur die Aus-
das Urteil des Eusebius
legung des Papias, aber keineswegs notwendig auch die Apokalypse
selbst, und von dieser Auslegung sagt Eusebius, daß Papias auch
andere, wie den Irenäus, zur gleichen Ansicht verleitet habe.
Ich vermag weiter nicht zu finden, daß Eusebius absichtlich
den Schein zu erwecken suche, als ob es eine von Papias unab-
hängige Überlieferung von einem doppelten Johannes gäbe, während
er sich doch nur an eine Vermutung des Dionysius und an eine diesem
zu Ohren gekommene Nachricht vom Vorhandensein zweier Gräber in
Ephesus, die beide als Johannesgrab benannt wurden, halte. Denn
einmal müssen die Worte des Eusebius: (bg xal ötä tovtcov nicht
dahin gefaßt werden: nebst anderen
Beweisgründen, beweist auch
das Papianische Fragment die Wahrheit der Erzählung von den zwei
Johannes in Ephesus; vielmehr ist es möglich und liegt es sogar
näher, die Worte dahin zu verstehn, daß Eusebius im Fragment auch
den Beweis für die Wahrheit jener Erzählung fand, so daß also xal
nicht zu diä tovtcov, sondern zum ganzen Satze gehört. Andrerseits will
es mir nicht einleuchten, daß Eusebius sich bezüglich der zwei Johannes-
gräber in Ephesus ausschließlich an Dionysius halte. Denn angenommen,
daß Eusebius mit toov eIq^xotcov den Dionysius mit einer Mehrheit
jener, auf die er sich beruft ((paöiv), zusammenschließen konnte, so
folgt daraus noch nicht, daß er nur auf den einen Dionysius sich
stützt. Es bleibt ja noch en vvv, das sich bei Dionysius nicht findet,
wie dieser auch von keiner loToola redet. Ferner spricht Dionysius
gar nicht von zwei bestimmten Johannes, vielmehr meint er, daß es
außer dem Apostel viele Johannes in Asien gegeben habe und daß
irgend einer von diesen die Apokalypse verfaßt habe und dafür, daß
es in Asien mehrere Johannes gegeben habe, fügt er die Erzählung
mancher von den zwei Johannesgräbern bei. Eusebius geht also tat-
sächlich nicht unweit über Dionysius hinaus und es erscheint un-

i)
Hist. eccl., III, 39, llff.
2
)
Syr.: Aus Überlieferung ohne Buch.
3
)
Andreas v. Cäsarea in der Vorrede seines Kommentars zur Apokalypse
(Zahn, S. 118, Anm. 2).
117

gerechtfertigt, einen Eusebiusohne weiteres zum absichtlichen Fälscher


zu stempeln. Warum sollte es denn unmöglich sein, daß ihm noch
andere Quellen zu Gebote standen, wenn wir sie auch nicht kennen?
Wenn Zahn betont, Eusebius gründe seinen Widerspruch gegen
Iren aus auf die Auslegung einer einzigen Zeile der Vorrede des Papias,
er habe aber an den vielen Stellen, an denen Papias den Presbyter
Johannes zitiere, nichts gefunden, was er zur Stütze seiner Meinung
hätte anführen können, so kann bemerkt werden, daß er jedenfalls
,

auch nichts gefunden, was gegen seine Meinung sprach. Wenn Zahn
ferner, indem er sich auf die Auslassungen des Papias über die
Apokalypse und die Entstehung des vierten Evangeliums, auf die Er-
klärung von Joh. 19, 39 und den Gebrauch des ersten Johannesbriefes
bezieht, daß im Werke des Papias sehr viele Ge-
darauf verweist,
legenheiten sich fanden, sich über Johannes von Ephesus zu äußern,
und Eusebius an allen diesen Stellen nichts, was er gebrauchen konnte,
gefunden, so fragt es sich, ob Papias bei diesen Gelegenheiten in der
Tat sich des näheren über die Persönlichkeit des Johannes äußerte, da
die angezogenen Zeugnisse wenigstens ausdrücklich hievon nichts ent-
halten. Und wenn Papias, was auch ich als höchst wahrscheinlich an-
nehme, sich hierüber ausgesprochen und als Verfasser der Apokalypse,
des vierten Evangeliums und des ersten Johannesbriefes den Apostel
Johannes genannt hat, so folgt auch daraus nichts gegen die Existenz
eines Presbyter Johannes, wie denn auch Eusebius selbst am asiatischen
Aufenthalt des Apostels Johannes *) und an der Abfassung des vierten
Evangeliums durch ihn festhält.
Nicht einmal die Tatsache, daß Eusebius in seiner Chronik 2 ) den
Papias ebenso wie Polykarp als Schüler des Apostels Johannes be-
zeichnet und in seiner späteren Kirchengeschichte die Apostelschüler-
schaft des Papias leugnet, ohne seine Anschauung über Polykarp zu
korrigieren, erscheint mir als evidenter Beweis gegen die Existenz
des Presbyter Johannes. Ist es denn unmöglich, daß Eusebius bei
Abfassung seiner Chronik das Werk des Papias noch gar nicht ein-
gesehen hatte und im Berichte über Papias einer Überlieferung folgte, 3 )
von deren Unrichtigkeit er eben durch die Lektüre des Papianischen
Werkes überzeugt zu sein glaubte?
Poggel macht ferner geltend, daß Eusebius mit seiner Ent-
deckung, abgesehen von Hieronymus, unbeachtet geblieben sei und
daß kein Schriftsteller es der Mühe wert gehalten habe, das Urteil
des Eusebius zu widerlegen. Auch dieses Argument verfängt nicht.

i) Vgl. Bai densp erger, Theol. Literaturztg., 1902, Sp. 71.


2
)
Ad ann. Abr. 2115 (ed. Schoene, II, p. 163).
3
)
Eiorivaiog y.cu (l/./.oi iotoqovoiv.
118

Angenommen, Poggels Bemerkung entspräche der Wahrheit, so müßte


erst nachgewiesen werden, daJ3 der Presbyter Johannes in jedem Falle

hätte erwähnt, beziehungsweise das Urteil des Eusebius hätte wider-


legt werden müssen. Hiezu aber wäre nur unter bestimmten, nicht
notwendig zutreffenden Voraussetzungen, die wir bereits erwähnt und
die auch hier ihre Geltung haben, ein Anlaß vorgelegen. Es ist jedoch
nicht völlig richtig, daß die Entdeckung des Eusebius unbeachtet
blieb ; vielmehr bezeugen auch außer Hieronymus wenigstens einige
im Anschluß an Eusebius die Existenz des Presbyter Johannes, so
der Verfasser der apostolischen Konstitutionen, der den Presbyter
Johannes als Nachfolger des Apostels einführt, ) Kosmas der Indien- 1

fahrer, 2 ) Philippus Sidetes, 3 ) Nikephorus Kallistus 4 ) und Salomon von


Baßra. 5 ) Wahr ist allerdings, daß auch nach Eusebius, soviel ich sehe,
niemand die Aposteljüngerschaft des Papias ausdrücklich leugnet, wohl
aber die meisten sie mit Unzweideutigkeit behaupten, darunter
aller

auch solche, die dem Eusebius in der Annahme der Existenz des
Presbyter Johannes folgen. Dies mag nun in der Tat nur Beachtung
verdienen und vom Werte sein in den Fällen, wo es von solchen
geschieht, die Papias selbst gelesen haben und die sich nicht direkt
von Irenäus beeinflußt zeigen. Aber vergeblich wird man die Bedeu-
tung der Zeugnisse eines Hieronymus, der doch sonst die Kirchen-
geschichte des Eusebius blindlings ausschreibt, 6 ) oder des Philippus
Sidetes, der zweifellos Eusebius wie Papias in den Händen hatte,
hinwegzuleugnen oder abzuschwächen versuchen. Auch Maximus Con-
fessor, Apolinarius (Apollinaris) von Laodikea und der Verfasser des
Argumentum in evang. secundum Joannem bezeugen die Apostelschüler-
schaft des Papias, trotzdem sie sich durchaus von Papias abhängig
zeigen. 7 ) Diese Überlieferung hat also das „fast kanonische Ansehen"
des Eusebius (Zahn) nicht im geringsten zu erschüttern vermocht. 8 )
1
1
)
VII, 46: Trjg dt *Eq>6oov Ttßödeog vnö YlavXov, 'Icoävviig de vti ifiov
Tcaäwov.
2
)
Topographie christl., VII (Montfaucon, Coli, nova, II, 292).

3) Cod. Barocc, Exe. 6 (De Boor, S. 170).


4 Hist. eccl. (II, 46; III, 20), IV, 14: 'jEycb de oi/iat xbv demegov 'Ißidvvqv
)

elvcu töv fr 'Fjfiooi noeoßvxtoov omo xa?.ov^evov.


5 In seiner „Biene", Kap. 48. Vgl. Zahn, Forsch, z. Gesch. d. neutest. Kan.,
)

VI, S. 125: Johannes, welchem er (der Apostel Johannes) das Priestertum und den
Bischofsitz nach sich übertrug. ... Es bestattete ihn (den Apostel) Johannes, der
Schüler des Evangelisten.
6
)
Vgl. v. Sychowski, Hieronymus als Literarhistoriker, 1894, S. 60 ff.
7
)
Vgl. die Texte und das Nähere bei Funk, Patr. apost., I, S. 360ff.
8
)
Auch Corssen, a. a. gesteht zu: Kaum ein kirchlicher
0. 1901, S. 207,
Schriftsteller zitiert den Namen Papias ohne einen Zusatz, der sein enges Ver-
hältnis zu dem Apostel ausdrückt.
119

Aus all dem ergibt sieh: 1. Der ephesische Aufenthalt des


Apostels Johannes ist unbestreitbar. 2. Papias konnte nicht nur ein
Schüler des Apostels Johannes sein, sondern höchst wahrscheinlich war
er es auch. 3. von Eusebius auch auf Grund des Papiani-
Gegen die
schen Bruchstückes behauptete Existenz einQS vom Apostel Johannes
verschiedenen kleinasiatischen Presbyters gleichen Namens liegt in
Hinsicht auf die "Überlieferung keine begründete Einrede vor.
In Bezug auf den Presbyter Johannes , stellt sich aber weiter
alsTatsache heraus, daß der Nimbus, mit dem die neuere Kritik ihn
umgeben, eitler Rauch ist. Er mag in der Tat existiert haben, aber
die hervorragende Persönlichkeit von ungewöhnlicher Bedeutung, zu
der man ihn gemacht, war er nicht. Kreyenbühl *) hat in dem Punkte
entschieden Recht, wenn er ihn ein pures X, eine fiktive Größe nennt.
Nichts nötigt und berechtigt, diesen Presbyter für eine Säule der
2
Kirche zu halten. ) Ferner erscheint es mir als zweifellos, daß der
Presbyter Johannes der Überlieferung, falls er existierte, kein Herrn-
schüler, sondern nur Schüler des Apostels Johannes war. 3 )
Ich gehe aber, um zu Papias zurückzukehren, noch weiter und
daß der ö JiQsaßvvsQog 'Icodvvrjg im Papianischen
behaupte,
Bruchstücke nicht der gleichnamige Presbyter der Über-
lieferung sein kann, vielmehr niemand anderer als der
Apostel Johannes ist, und daß sich hierin Eusebius geirrt hat. 4 )
Es läßt sich hiefür aus inneren genügender BeweisGründen ein völlig
erbringen. Der überlieferte griechische Text der in Frage kommenden
Stelle, der keine Variante zeigt und mit dem die lateinische Wieder-

gabe des Hieronymus und Rufinus übereinstimmt, benennt Aristion


und den 6 JiQSoßvtSQog 'Icodvvrjg als ol tov kvqcov [la^xai. Beide
waren also unter der Voraussetzung der Echtheit dieser "Worte un-
mittelbare Herrnschüler. Die Worte in derselben Periode im ver-
schiedenen Sinne zu fassen ist Willkür. 5 ) Auch Eusebius dachte nicht
anders, da er, um
noch einmal zu wiederholen, ausdrücklich betont,
es
Papias sage, daß er die Worte des Glaubens von den Vertrauten der
Apostel, die Worte der Apostel von deren Begleitern empfangen, den
Aristion und den Presbyter Johannes aber selbst gehört habe. Eusebius
stellt also den Aristion und den Presbyter Johannes unzweideutig auf

dieselbe Stufe wie die Apostel, auf die Stufe der unmittelbaren Augen-
und Ohrenzeugen des Herrn. Waren nun beide unmittelbare Herrn-
schüler und wäre der 6 jiQsaßvteQog 'Icodvvrjg eine vom Apostel

i) S. 10. — 2) Corssen, a. a. 0. 1901, S. 211; Mommsen, a. a. 0. S. 158.


3 Vgl. Const. apost., VII, 46.
)
4
) Bardenhewer, S. 540: Dieser Presbyter Johannes (des Eusebius) hat
gar nicht existiert. — 5
) Vgl. oben S. 82.
_ 1 20

Johannes verschiedene Persönlichkeit, dann lebten um die Wende des


1, Jahrhunderts, das heiJit nicht bloß zur Zeit, als Papias selbst die
Presbyter hörte, sondern noch als Papias aus dem Munde von Presbyter-
schülern Aussagen der Presbyter überkam, gleichzeitig mit dem Apostel
Johannes noch zwei Augen- und Ohrenzeugen der evangelischen Ge-
schichte im äußersten Menschenalter, von denen noch dazu einer mit
dem Apostel denselben Namen geführt hätte. Ein solches Zusammen-
treffen für diese Zeit ist kaum für möglich, geschweige für wahrschein-
lich zu nehmen. Ich vermag daran nicht zu glauben. Ferner kämen
Aristion und der 6 jTQsaßvvsQog Icodvvrjg in ganz gleicherweise
lediglich als nichtapostolische Herrnschüler und als Lehrer des Papias
in Betracht. Warum nennt er aber dann nur den einen Presbyter, da
dies beide waren und Johannes weder in Bezug auf das Alter noch
hinsichtlich des Verhältnisses zu Papias, noch auch, wie sich dies eben
ergeben hat, durch eine ungewöhnliche Bedeutung und Stellung in
der kleinasiatischen Kirche etwas vor Aristion voraus hatte ? Etwa bloß
im Unterschiede vom Apostel Johannes? Aber das wäre doch die
schlechteste Distinktion. Zählt denn nicht Papias auch den Apostel
Johannes ausdrücklich zu den jiQsoßvvsQOi. Oder sollte Papias mit
demselben Begriffe in derselben Periode, in der nur von
ein und derselben Kategorie der Herrnschüler die Rede ist, eine
wesentlich verschiedene Bedeutung verbunden haben, um den Herrn-
schüler ö JiQBoßvvsQOQ, von den Herrnschülern ol JiQSößvveQOi zu unter-
scheiden ? Das ist für einen vernünftigen Menschen einfach unmöglich.
Wer immer unbefangen das ausschließlich dem Johannes gegebene
Epitheton 6 jiosoßvveQog ins Auge faßt, kann darin nur eine Benennung
sehen, mit der Papias den Johannes vor allen anderen siQsaßvTSQOt
ausgezeichnet, und dieser jiQSoßvTSQog xar' E^o%r}v kann nicht ein völlig
bedeutungsloser Presbyter, er kann niemand anderer sein als der
hochgefeierte Hohepriester Asiens, der Apostel Johannes.
Wir haben aber noch weitere Möglichkeiten zu berücksichtigen.
Im syrischen und armenischen Texte fehlen die Worte: ol tov kvqlov
fia^vai und auch Nikephorus 1
) ignoriert sie. Der Syrer (und wohl auch
Nikephorus) sah also in Aristion und dem Presbyter Johannes Apostel-
schüler, was ganz deutlich aus der Wiedergabe von Euseb., III, 39, 7
2 3
sich ergibt. ) Diese Auffassung des Syrers teilen auch neuere Gelehrte. )

l
) Hist. eccl., IT, 46. — 2 Vgl. oben S. 76. Vgl. auch Euf ins Übersetzung
)

dieser Stelle: Papias apostolorum se verba ab his, qui secuti eos fuerant, Aristione
videlicet et Johanne presbytero adserit suscepisse.
3
) Eenan (L' Antichrist, p. 345) und Abbot (Expositor, 1895, p. 333 f.

konizieren: ol [t&v] ror Ttvgiov [fia'ifofT&v] iinD^TCit; Bacon, Journal of bibl.


literat. 1899, S. 17*>>: ol vo&vcw ina'hiTai. Vgl. auch Ehrhard, S. 114.
121 _
Mo mm sen 1
) streicht die Worte als unecht, indem er beide weder
als Herrn- noch als Apostelschüler, sondern als selbständige Autoritäten
faßt. In beiden Fällen kann der Titel 6 JiQeoßvtsoog dem zweiten
Johannes nur zur Unterscheidung vom gleichnamigen Apostel bei-
gelegt sein. 2 )
Ich möchte dagegen, um anderes beiseite zu lassen,
nur auf
folgendes hinweisen. Kannte und bezeichnete Papias Aristion und den
Presbyter Johannes als Ap£>stelschüler, wie konnte er auf ihre eigenen,
selbständigen Aussagen so großes Gewicht legen und sie auf dieselbe
Stufe stellen, wie die Aussagen der Apostel? 3 Wie konnte
)
er ihre
Aussagen zum Maßstabe der Kontrolle nehmen für die Aussagen der
übrigen Apostelschüler? Was brauchte ferner Papias in diesem Falle
den Presbyter Johannes vom gleichnamigen Apostel erst ausdrücklich
zu unterscheiden ? War der Unterschied nicht selbstverständlich ? War
eine Irrung möglich, wenn der Apostel schon gestorben, oder nie in
4
Asien war? Die Sache verhält sich nicht besser bei Corssens Auf-
)

fassung. Corssen hält Aristion und den Presbyter Johannes gleich den
übrigen JiQeoßvrsQOi für Apostelschüler, nur meint er, daß Papias in
seiner Kritiklosigkeit beide tatsächlich Herrnschüler genannt habe. 5 )
Aber wenn Papias die Apostelschüler als JüQsoßvtSQOi bezeichnete,
was soll dann 6 JiQSoßvrsQog in derselben Periode beim Herrnschüler
Johannes? Das wäre mehr als Kritiklosigkeit.
Waren aber nach Mommsen Aristion und der Presbyter Johannes
weder Herrn- noch Apostelschüler, sondern selbständige Autoritäten,
die Papias, der erst um 140 — 160 geschrieben, selbst hörte, also
Zeitgenossen der einstigen Begleiter der Presbyter, Angehörige der
zweiten Generation nach den Aposteln, so muß einerseits wiederum
gefragt werden, wie hätte Papias die Aussagen dieser zeitgenössischen
selbständigen Autoritäten auf die gleiche Stufe mit den Aussagen
der Apostel stellen können, welche Garantie der Wahrheit ihrer Mit-
teilungen boten sie, kann man dem Papias ohne
und andrerseits, wie
den Vorwurf der Stupidität die Absicht zuschreiben, er habe diesen
Presbyter Johannes vom Apostel und Evangelisten unterscheiden
wollen? Und wenn nach Mommsen auch Aristion die gleiche Stellung
mit Johannes eingenommen haben dürfte, warum gab Papias nicht

i) Zeitschr. f. neutest. Wiss., 1902, 158.


2) Mommsen, a. a. 0. S. 157; Corssen, 1901, S. 208.
Vgl.
)
3 Bousset,
Vgl. Die Offenbarung Johannis, S. 37, Anm. 1: Das n veu ver-
knüpft die Aussagen von Aristion und dem Presbyter unmittelbar mit denen
der übrigen Apostel als Aussagen gleicher Instanz.
4 Vgl. Beyschlag, Stud.
)
u. Kr., 1898, S. 92.
5) Vgl. a. a. , 1901, S. 208. 290; 1902, S. 243 f.
I 22

beiden den Titel JiQS<jßvT8Q0i? Übrigens wie soll man es verstehn,


wenn Mommsen die Schüler und Nachfolger der Apostel als klein-
asiatische ngsaßvtSQOi der Epoche des Papias bezeichnet, andrerseits
die kleinasiatischen Presbyter Aristion und Johannes als selbständige
christliche Autoritäten und nicht Referenten apostolischer Worte hin-
stellt"?So reiht sich Unwahrscheinlichkeit an Unwahrscheinlichkeit
und Widerspruch an Widerspruch. Ich vermag demnach weder der
Emendation der fraglichen Stelle noch ihrer Streichung beizustimmen.
Die AVorte: ol vor xvqiov /nad t)Tai sind vielmehr echt und vont

unmittelbaren Herrnschülern zu fassen. Papias hat beide selbst gehört,


sie gehören in die Kategorie der ol JiQeoßvveoot-, von denen Papias

zu Beginn seines Vorworts spricht eine Täuschung über ihre Persön-


;

lichkeit seitens des Papias ist darum ausgeschlossen. Der 6 JVQeoßvt8Qog


'Ianim/g niemand anderer als der Apostel Johannes. Diesen Ehren-
ist

titel gibt ihm Papias, weil er wegen seiner hervorragenden Stellung


in der asiatischen Kirche allgemein so benannt wurde. 1 )
Hiezu sind nur noch zwei Fragen zu beantworten: 1. Wie erklärt
sich die zweimalige Nennung des Apostels Johannes und 2. wie der
Umstand, daJ3 Johannes das erste Mal unter den übrigen Aposteln
ohne weiteres auszeichnendes Epitheton aufgezählt, das zweite Mal
aber mit dem Titel ö jzqsg ßvvsQ og ausgezeichnet wird?
Die Beantwortung der ersteren Frage erschien nicht wenigen,
die im Presbyter Johannes den gleichnamigen Apostel erkannten, so
schwierig, daß sie teils zur Textänderung griffen und in rj tl 'Ioodvvrig
eine Interpolation oder eine in den Text gedrungene Glosse sahen, 2 )
teils an dieser Stelle eine vom Apostel verschiedene Persönlichkeit,
wie Johannes Markus annehmen zu müssen glaubten. 3 ) Erscheint letz-
tere Annahme ausgeschlossen, 4 so ist erstere an sich sicherlich nicht
)

unmöglich, 5 ) wenn sie auch Corssen einen Gewaltstreich nennt, der

JDie Einrede Corssens (a. a. 0., 1901, S. 208), der unbekannte Aristion
)

könne unmöglich auf eine Stufe mit den Uraposteln gestellt werden, erledigt sich
hienach von selbst. Aristion und der Apostel Johannes sind als unmittelbare Herrn-
schüler und als Hauptgewährsmänner des Papias aneinander gereiht. Dem Umstand,
daß der 6 3iQeoßvT6Qog 'Iadvwjg dem Aristion nachgesetzt erscheint, kommt keinerlei
Bedeutung zu. Vgl. Zahn, Forsch, z. Gesch. Daß Papias
d. neutest. Kan., VI, S. 123.
die Überlieferungen beide anders bewertet, als die ihm mittelbar zugekommenen
Aussprüche der Apostel, ist im entgegengesetzten Sinn, als dies Corssen (209)
meint, richtig. Beide sind ihm primäre, nicht sekundäre (Mommsen) Quellen.
2) J. Haußleiter, Theol. Literaturbl., 1896, Sp. 465 f.

3) M. Krenkel, Der Apostel Johannes, 1871, S. 170 ff.

4
)
Vgl. Weiffenbach, a. a. O. S. 117.
6) Zahn (Forsch, z. Gesch. d. neutest. Kan., VI, 145 f.) findet sie, ohne sie

zu akzeptieren, für wahrscheinlich genug. Vgl. Bardenhewer, S. 539.


123

nicht einmal eine Diskussion zuläßt; freilich niüilte bereits Eusebius die
Interpolation vorgefunden haben, da seine Auslegung des Papianischen
Bruchstückes darauf basiert, alle Zeugen des Eusebianischen Textes die
Worte bieten und eine Fälschung seitens des Eusebius unmöglich
angenommen werden kann. Sie ist jedoch unnötig. Die Antwort, die
Zahn und Poggel auf die Frage geben ) indem sie ävikQtvov lesen 1

und im Sinne von erforschen, befragen fassen, kann im wesentlichen


nicht beanstandet werden.
Poggel beantwortet die Frage dabin: 2 ) Der Beginn der Nach-
forschungen, die Papias während eines längeren Zeitraumes und bei
einer Reihe von Personen anstellte, fiel in eine längst vergangene
Zeit (vom Standpunkt der Abfassung des Werkes) etwa 90 95. Papias —
traf nun mit Apostel- und Herrnjünger- Schülern zusammen, die den
Unterricht und Herrnjünger etwa noch in Jerusalem
der Apostel
oder auf den Missionsreisen genossen hatten, und die ihm aus einer
mindestens 30 Jahre hinter ihnen liegenden Zeit Mitteilungen über
Äußerungen der Apostel, darunter auch des Johannes machen konnten.
Also mußte Johannes erwähnt werden unter der Zahl der Apostel,
von denen die jiaQ^xokov&rjKÖveg berichten konnten, was sie damals in
der Vergangenheit sagten (eljzev). Später erhielt Papias in Hierapolis,
nachdem er inzwischen Schüler des Johannes und Aristion, die
beide noch lebten, gewesen war, auch Mitteilungen, was Johannes und
Aristion jetzt noch lehrten (XeyovGtv), und zwar von jüngeren jvaQrj-
xo/.ovfrrjxöveg, von Schülern derselben. In ähnlicher Weise stellt sich
Zahn den Sachverhalt vor: „Die erste Klasse von Fragen (vi "Avögeag
etc.) pflegte Papias an Leute zu richten, welche in Palästina Gelegen-

heit gehabt hatten, Apostel wie Andreas und Petrus, Matthäus und
Johannes zu hören, ehe sie in die Heimat des Papias kamen die andere ;

Art von Fragen (ä vs 'Aqlgtlcov etc.) richtete er an Leute, welche


ebenso, wie er selbst in früherer Zeit, aber noch länger oder bei
anderen Gelegenheiten als er selbst, die Lehrer des Papias, den Apostel
Johannes in Ephesus und den Jünger Aristion, wahrscheinlich in
Smyrna, hatten lehren und erzählen hören. In beiderlei Fragen kam
derselbe Johannes vor. 3 )

*) Bardenhewer S. 539 sagt kurz: Unter Voraussetzung einer gewissen


Nachlässigkeit des Ausdruckes läßt sich die Wiederholung auch aus den besonderen
persönlichen Beziehungen des Berichterstatters zu diesem Apostel erklären.
2) A. a. 0. S. 49 ff.
3
)
Neue — An einer
andern Stelle (Forsch.
kirchliche Zeitschrift 1901, S. 206.
z. d. neutest. Kan., VI, S. 146) bezeichnet Zahn letztere Leute näher als
Gesch.
solche, welche mit den in Asien lebenden Jüngern Johannes und Aristion zur
Zeit der Erkundigungen des Papias in regelmäßigem Verkehr standen, so daß
Papias sie fragen konnte: Was sagen (jetzt) Johannes und Aristion?
124

Diese Erklärung befriedigt jedoch nicht


Poggel macht
völlig.

aioh zunächst einiger Ungenauigkeiten und Widersprüche schuldig.


Er bezieht .iotf auf den Beginn der Nachforschungen des Papias bei
den Presbyterschülern, während Papias es mit e/ia'd'ov JiciQa vCov
TtQSößvriQCDV verbindet. Ferner läßt er, wie es wenigstens den Anschein
hat, zur Zeit der Nachforschungen des Papias nur noch den Aristion
und den Apostel Johannes am Leben, die übrigen Herrnjünger aber
bereits 30 Jahre verstorben sein, während er an einer andern Stelle ) 1

nach Wi eseler 2 ) es einfach als petitio principii bezeichnet, wenn


Eusebius das §/ia&ov JiaQa xcov jiQSößvveQCov bloß auf Aristion und den
Presbyter Johannes beziehe. Endlich klingt es sehr unwahrscheinlich,
wenn Poggel den Papias inzwischen, nach teilweise schon ge-
machten Erkundigungen auch seitens der Begleiter des Johannes, also
erst nach 90 —
95 zum Schüler des Johannes und Aristion macht —
Zahn läJit viel richtiger Papias zuerst die Presbyter selbst hören und
erst später deren Begleiter befragen und wenn er den Papias, nachdem
dieser inzwischen Schüler des Johannes gewesen und als solcher
doch wohl von demselben über alles Aufschluß erhalten konnte, was
er von den älteren JiaQi]xoXovi})]xÖT£g noch nicht gehört hatte, trotz-
dem gleich darauf noch dessen jüngere Begleiter befragen läßt. Doch
abgesehen davon, bleibt bei Poggel und Zahn die schon einmal er-
wähnte Schwierigkeit bestehn, daß das Partizip Perfekti JiaQ7]KO-
/.ovärjxöveg das eine Mal von älteren, vor mehr als 30 Jahren (nach
Poggel) gewesenen Presbyterschülern, das andere Mal von jüngeren,
mit Aristion und dem Presbyter Johannes noch im regelmäßigen
Verkehr stehenden Schülern verstanden werden müßte. Das wäre nicht
bloß ein „stilistisches Ungeschick" des Papias, sondern, wie mir scheint,
eine Unmöglichkeit. Wird aber das Perfektum beidemal im gleichen
Sinne von einstigen Presbyterbegleitern genommen, wie konnten
diese berichten, was Aristion und der Presbyter Johannes jetzt noch
sagen ?
Desgleichen findet durch diese Erklärung die zweite aufgeworfene
Frage keine Beantwortung. Merkwürdigerweise wurde diese Frage,
soviel ichüberhaupt noch nicht berührt und doch bereitet
sehe,
auch sie nicht geringe Schwierigkeit. Wenn Papias berichtet, wie
er seinerseits die Apostelschüler befragte, warum benennt er den
Apostel Johannes nicht gleich bei der ersten Klasse seiner Fragen
als 6 JiQEößvtEQog 'Icodvvrjg, da jener diesen Titel ja schon längst
fuhren mußte.

i) S. 12 f.
2
) Zur Geschichte der neutest. Schritt, 8. 120, Anm.
125

Eine wirklich allseitig befriedigende Lösung scheint sich mir


dagegen aus der Lesung avvixQU'ov ) zu ergeben. Da nämlich bei 1

dieser Lesung im Papianischen Berichte nicht die Rede ist vom


Befragen der rraotjy.oAonhjy.oreg einerseits nachdem, was die jtosö-
ßvtSQOi einst gesagt haben und andrerseits nach dem, was Aristion
und der Presbyter Johannes noch jetzt sagen, sondern vom ver-
gleichenden Gegenüberstellen der von den jiaQifAoXovdi)x6veo, mit-
geteilten Äußerungen der Apostel aus alter Zeit und der selbst gehörten
Aussagen des Aristion und Presbyter Johannes, so ist nicht nur die
zweimalige Nennung des Apostels Johannes von selbst gegeben, es
entfällt auch die oben beregte Schwierigkeit bezüglich des Partiz.
Perf. Endlich beantwortet sich auch, wie ich meine, die zweite Frage
ganz natürlich. Reproduziert Papias das eine Mal die Mitteilungen ehe-
maliger Apostelschüler über Aussagen, die die Apostel, darunter auch
Johannes einst in Palästina oder auf ihren Missionsreisen gemacht,
Johannes unter den übrigen Aposteln
so ist es selbstverständlich, daß er
ohne den Ehrentitel 6 JiQSößvvsQO^ den er damals noch nicht führte,
aufzählt; gibt er aber das andere Mal die Aussagen wieder, die er
selbst in Asien vom Apostel Johannes gehört, so ist wiederum von
selbst einleuchtend, daß er ihm den Ehrentitel beilegt, mit dem ihn

um 80 90 ganz Asien zu benennen pflegte.
Hiemit verlassen wir vorläufig Papias und kehren wieder zu
Irenäus zurück, um sein Verhältnis zu Polykarp sowie Polykarps
Beziehung zum Herrnjünger Johannes einer kritischen Prüfung zu
unterziehen.

4. Irenäus und Polykarp.


Wir beantworten zunächst Fragen: "Was beweisen die An-
die
gaben des Irenäus über seine persönliche Beziehung zu Polykarp?
Konnte nach den vorliegenden chronologischen Lebensdaten beider
Irenäus ein Schüler des Polykarp gewesen sein? Mit beiden Fragen
beschäftigten sich neuestens in eingehendster Weise vornehmlich
Zahn 2) und Harnack, 3 ) und zwar in durchgängigen Gegensätzen.
Wir haben es also hier in erster Reihe mit diesen zu tun, doch
werden in einzelnen Details auch andere Forscher Berücksichtigung
finden.
Harnack stellt über das Verhältnis des Irenäus zu Polykarp
folgendes als sicheres Ergebnis seiner Untersuchungen fest: Irenäus
habe den Polykarp nur als heranreifender Knabe wiederholt ge-
i) Vgl. oben S. 88.
2
) Forsch, z. Gesch. d. neutest. Kau., IV, 209-283. 290f. 303-308; VI", S. 27 ff.
3
)
Harnack, Chrono!.. S. 320ff.
sehen and predigen gehört, er sei aber niemals, auch später nicht,
sein Schüler gewesen und habe auch keinen Umgang mit ihm gehabt.
Folgen wir der Beweisführung Harnacks, die auch Ehrhard
für wahrscheinlich findet und der Bardenhewer 2 ) beistimmt, im
1
)

einzelnen:
1. Polykarp sei am
Februar 155 als Märtyrer in Smyrna
23.
gestorben. Damals habe Polykarp 86 Jahre gezählt, sei somit 68/69
geboren.
2. Irenäus habe nach eigener Aussage (im Briefe an Florinus 3 )
als —
Knabe von zirka 12 15 Jahren (en Jialg (ov) in Asien den be-
reits /jtu.Tnojg jiQdoooi'Ta iv vy ßaoihxf} avkfj und deshalb wenigstens
10 — 15 mehr) Jahre älteren Florinus gesehen.
(wahrscheinlich
Zur selben Zeit behaupte Irenäus auch, den Polykarp mehrmals
gesehen und predigen gehört zu haben. Irenäus spreche hier lediglich
von seiner Jugendzeit. Daß Polykarp damals auch ihn gesehen, ihn
angeredet oder gar belehrt habe, kurz, daß er Schüler Polykarps
gewesen, sage Irenäus nicht. Da nun Florinus um das Jahr 190 als
römischer Presbyter zum Valentinismus abgefallen und es ganz aben-
teuerlich und unwahrscheinlich sei anzunehmen, daß er mit 80 Jahren
der Häresie sich zugewendet habe, man höchstens 60 70 Jahre zu- —
gestehn könne, was schon eine prekäre Annahme sei (natürlich könne
er sehr wohl erst 40 —
50 gewesen sein), so sei Florinus frühestens
zirka 120 geboren (natürlich sei es wahrscheinlich, daß seine Geburt
später falle). Hieraus folge, daß Irenäus nicht vor 130 135 geboren —
sei. Der äußerste, aber eben nicht wahrscheinliche terminus a quo
für das Geburtsjahr des Irenäus sei also 130, als äußerster terminus ad
quem ergebe sich (mit Rücksicht auf den Tod Polykarps) ungefähr das
Jahr 142.
3. Ergebnis werde bestätigt durch das Empfehlungs-
Dieses
schreiben, das die lugdunensischen Märtyrer dem Irenäus an Eleutherius
mitgegeben, als dieser im Jahre 177/78 nach Rom gegangen. 4 ) Diese
Empfehlung sei auf alle Fälle etwas wunderbar und spreche nicht
für die Demut der Confessores; sie sei aber geradezu unverständlich,
wenn Irenäus damals (nach Zahn) bereits ein Greis von 63 Jahren
gewesen wäre und sich bereits durch langjährige Schriftstellerei in
der Kirche bekannt gemacht hätte. Man gehe schon weit, wenn man
ihn damals einen Mann von 45 — 50 Jahren sein lasse. Diese Stelle

i) Altchristi. Literatur, 1900, S. 263 f.


") S. 496.
3
)
Eusebius, Hist. eccl., V, 20, 4 ff. Nach Harnack ist der Brief nicht
vor 189/90 geschrieben.
4
)
E useb u s,
i Hist. eccl., V, 4, 2.
127

mache ganz unwahrscheinlich, dal.) Irenäus vor zirka 128 (als


es also
äußerste Grenze) geboren sei.
4. Damit erscheine es auch unmöglich, „sv vf/ ßaoi/.ixtj atUfJ* mit

Zahn (nach Dodwell und Grabe) auf den jetzt sichergestellten Besuch
Hadrians Asiens 129 ) zu beziehen; denn dann müßte Florinus zirka
1


85 90 Jahre alt zum Valentinismus abgefallen sein. Dagegen stimme
mit dem Geburtsdatum des Irenäus zirka 142 überraschend gut, wenn
wie es wahrscheinlich, aber nicht gesichert sei) Antoninus Pius zwischen
Anfang 154 und November 155 eine Reise in den Orient gemacht
habe und nach dem Berichte des Malalas auf dem Rückwege auch
in Asien gewesen sei. Der Aufenthalt in Asien fiele auf 154.
5. Daß Irenäus den Polykarp später nach 10 oder 20 Jahren noch

einmal gesehen habe und förmlich im längeren Zusammenleben sein


Schüler geworden, sei zur Not noch möglich, aber schon aus dem Grunde
ganz unwahrscheinlich, weil Irenäus, der gegen Florinus die Autorität
des Polykarp ins Feld führe, lediglich von seinen Jugenderinnerungen
zehre und nur diese geltend mache. 2 ) Wäre er später noch einmal
als Mann Polykarps Schüler gewesen, so hätte er sagen müssen: Das

und das hat mir Polykarp gesagt, so bin ich von ihm unterrichtet
worden. Selbst diese geringste Möglichkeit, daß Irenäus als Mann
Schüler des Polykarp gewesen, werde dadurch, daß er in seinem
Briefe an Viktor 3 ) sein persönliches Verhältnis zu Polykarp nicht
erwähne und besonders durch die Art ausgeschlossen, wie er in seinem
großen "Werke von ihm spreche. Abgesehen von einer beiläufigen
Erwähnung Polykarps als eines svaiQog des Papias, 4 ) nenne er ihn nur
an einer einzigen Stelle 5 ) und hier bemerke er über sein persönliches
Verhältnis zu ihm lediglich : bv xal f^jiBig so)QdKa^Bv ev vfj jtqüjti]

fjifojt' ohne sich je sachlich auf ihn zu berufen und seine


ijhy.iq,

Autorität auf Grund des eigenen Gedächtnisses in einzelnen Fällen


anzuführen.
6. Hieraus ergebe sich entweder, daß Irenäus kurz vor 142 ge-
boren sei und den Polykarp als Knabe wahrscheinlich 154 gesehen
und gehört habe, oder, falls die Geburt desselben auf 135 — 142 oder,
als äußerste, ganz unwahrscheinliche Grenze, auf 130 angesetzt werde,

müsse man mit dem Zufall rechnen, daß der Asiate Irenäus plötzlich
in eine andere Gegend Asiens auf viele Jahre verschlagen worden
sei, oder den Polykarp überhaupt nur bei einem mehrwöchentlichen

1
)
Vgl. E. Schür er, Geschichte des jüdischen Volkes, 3. und 4. Aufl., I,

1901, S. 680 f., und die dort verzeichnete Literatur.


2) Vgl. Keville, a. a. O. S. 13.
3
)
Eusebius, Hist. eccl., V, 24.
*) V, 33, 4. - 5) in, 3, 4.
128

Besuoh in Smvrna gehört


Auf andere Weise lasse es sich nicht
habe.
erklären, daß Irenäus als Jüngling und Mann dem Polykarp nicht
nahegetreten sei, wenn dieser noch am Leben gewesen. Nun sei
aber ein bloßer Zufall sehr unwahrscheinlich, da Irenäus es als eine
auffallende Tatsache einführe, da!3 er den Potykarp überhaupt noch
sehen habe, und sie damit begründe, daß Polykarp so alt geworden
sei. Damit sei die Möglichkeit ausgeschlossen, daß Polykarp, nach-
dem ihn Irenäus als Knabe gesehen, noch 10—15 Jahre weiter-

gelebt habe.
7. Gegen das angegebene Geburtsdatum des Irenäus könne Adv.
haer., V, 30, 3 nicht geltend gemacht werden, wo Irenäus sage, die
Johanneische Apokalypse sei ov jtoö jtoaXov xqvvov, äkkä G%edbv em
njg fjjKfTHjng yeveäg geschaut worden. Die Stelle sei für die Bestim-
mung des Geburtsjahres des Irenäus überhaupt nicht heranzuziehen.
Irenäus sage lediglich, daß zwischen der Abfassungszeit der Apoka-
lypse (zirka 96) und der Gegenwart, in der er schreibe (zirka 185),
fast nur ein Zeitraum liege, der ein Menschenleben gerade noch zu
umspannen vermöge. Der terminus ad quem sei nicht das Geburts-
jahr des Irenäus, sondern der vvv xaioog, und em vrjg fjixeveQag yeveäg
könne unmöglich heißen: In meinem Geburtszeitalter, sondern nur:
In unserem Zeitalter.
8. Die besonderen Angaben im Anhang des Moskauer Ms. des

Martyriums Polykarps böten weder für das Verhältnis des Irenäus zu


Polykarp noch für die Chronologie eine Ausbeute. Die Bezeichnung
des Irenäus als fjLad^vrjg tov TIokvxdQJzov, ög Kai ovvejiohvevaaTO vco
Elgrjvalq) sei natürlich nicht zu pressen und nicht als bessere Kunde
über das Verhältnis des Irenäus zu Polykarp zu verwerten. Die Aus-
sage über die "Werke des Irenäus, in denen des Polykarp Erwähnung
geschehe, övi jrao' avvov e^a^dev, sei belanglos, weil sie leicht aus den
auch uns bekannten Schriften habe abstrahiert werden können, wenn
auch efia&ev ungenau sei. Die Nachricht, Irenäus habe in Rom viele
gelehrt, sei unglaubwürdig, weil keine Quelle angegeben werde und
weil sie mit der Tatsache streite, daß Irenäus 177/78 dem Eleutherius
als Unbekannter empfohlen werde; 1 ) sie scheine Irenäus, III, 3, 4 nach-

gebildet. Es sei unannehmbar, daß Polykarp 154 und Irenäus 155


in Rom viele gelehrt hahe. Die Geschichte von der Stimme, die
Irenäus am Tage und zur Stunde des Martyriums Polykarps gehört,
sei zurückzuweisen, obwohl sie aus den Schriften des Irenäus ge-
schöpft sein wolle, weil sie an sich nicht glaubwürdig sei und ein
besonderes Verhältnis des Polykarp zu Irenäus voraussetze, was dem

') Vgl. auch Ehrharri, a. a. (). S. 204.


129

Zeugnisse des Irenäus selbst widerstreite. Sie sei wahrscheinlich


in einem argumentum zu Irenäischen Schriften gestanden. So bleibe
nur noch die doppelt bezeugte Nachricht übrig, daß Irenäus zur Zeit
des Martyriums des Polykarp in Rom gewesen sei. Diese Nachricht
sei nicht unbedingt zu verwerfen, da es durch die große Tradition

nicht nahegelegt gewesen, Irenäus mit Rom zusammenzubringen,


freilich auch nicht unbedingt glaubwürdig, da sie mit Unglaubwürdigem

verknüpft sei. Sei Ireni^us damals in Rom


gewesen, so spreche nichts
dagegen, daß er als heranwachsender Jüngling bei seiner Übersiedlung
nach Gallien dort hingekommen sei. Jedenfalls sei aber der Aufent-
halt nicht so beschaffen gewesen, daß 177/78 an ihn hätte erinnert
werden müssen oder können. Persönliche Beziehungen zur römischen
Gemeinde hätten bis dahin entweder ganz gefehlt oder wären sehr
unbedeutende gewesen. Eine Lehrtätigkeit des Irenäus in Rom sei
vollständig ausgeschlossen.
So weit im wesentlichen Harnack, dessen Darlegungen ich wegen
der Wichtigkeit der Sache etwas eingehender vorführen zu sollen
glaubte. Es folge nun eine nähere Beleuchtung seiner Aufstellungen:
Ad 1. Bezüglich des Todesdatums Polykarps ist der alte Streit
zwischen 155 (156) und 166 zwar noch nicht endgültig entschieden,
doch haben sich neuestens nach wiederholter, sorgfältiger Prüfung
des vorhandenen Beweismaterials so viele und so bedeutende Forscher
für den 23. Februar 155 ausgesprochen, ) daß dieser Datierung un- 1

bedenklich zugestimmt werden kann. Über Polykarps Geburtsjahr


wird in einem andern Zusammenhange die Rede sein.
Ad 2 und 4. Es erscheint hier notwendig, den Brief des Irenäus
an Florinus, auf den sich Harnack bezieht, seinem vollen Wortlaute
nach, soweit er für uns in Betracht kommt, herzusetzen. Irenäus
schreibt: Tavva vä ööyfiara ol vtqö f/ftcov jzQsoßvtsQOc, ol xai volg äjzo-
ovöXoig ov^cpoiTTjöavTsg, ov Jiaosdojxdv ooi. slöov yäq ob, jvatg sxi cbv,

h> v[j y.dvco 'Aoia, ka^uigcog jzodooovva sv rf/ ßaoiXixfj avXfj xai jvblqco-
(asvov Evdoxi u£iv
t
nao 1
avtcp. ^äXXov yäo vä vövs dia^ivrjiLLOvsvco vcbv
'ivayyog yivofievcov (al yäo ex Jialdcov f^ad^östg ovvav^ovoat vfj ipv%fj,

ivovvvai avvrj), movs [is dvvaoftai eIjibXv xai vojzov sv co xafis^ö^Evog


ÖisXsysvo 6 iiaxäoiog HoXvxaonog, xai tag jvooödovg avvov xai tag
f-Ioööovg xai vov yaoaxvfjoa vov ßlov xai vrjv vov ocb^atog lösav xai

*) Harnack. Chrono!, S. 334f.: Lightfoo t, The apostolic fathers.


Vgl. nebst
P. II 2 (1889), 1, S. 646ff.; Zahn, Forsch, z. Gesch. d. neutest. Kan., VI, S. 94 f.;
Funk, Patr. apost., I, p. XCIX seq.; Tübinger Quartalschr., 1902, S. 158; Corssen,
Zeitschr. f. d. neutest. Wiss., 1902, S. 61 ff.; Ehrhard, a. a. 0. S. 86 f. — Trotzdem
verteidigt Hilgenfeld, Ignatii Antiocheni et Polycarpi Smyrnaei epistolae, 1902,
36 ff., mit Entschiedenheit den 26. März 165. Vgl. auch Eeville, S. 12.

9
_ 130

tag öia/.tgetg äg t.iott-iro jzgög rb .T/fy/ioc, xal r>))> iterd 'Icodvvov


aeraraoroog >)r tf>g d.it)yye/./.ev xal rijr fierd vcbv XouzCov tcov eooa-
y.ünor rbr xroior, xal d>g ä.ii-iwtjuih'evev tovg löyovg avtöjv, xal
negi vor xvqIov vlva %v § jtciq' btslvaw äxqxösi, xal jtsqi vm> öv-
rdiieior arror, xaX ksq\ rf/g öiöaoxa?Jag, ibg jraod twv amom&v
trjg £toijg ror köyov 7iaQedr)<p<bg b üolvxaQJiog dm)yyelkev Jidvra
arfufora raig yoayaTg. Tavta xal vöve öid vb ekeog tov freov ro ejr'
euoi yeyovög anovöakog fjxovov, vjrouvijuavi^ouevog avvd ovx ev ydovy,
d/.Ä' i-r r>i eiuj xaobia- xal dsl diu n)i> ydoiv tov §eov yvyolcog avvd
draiiaorxihiuu xal bvvaaai öia aaQTVQaö'äat e^iJiQoodev rov deov ort
t

et n roiorroi' dxijxoet exeivog b fiaxdoiog xal djioövohxbg JiQsoßv-


zegog, dvaxgd^ag äv xal eucpod^ag xd cbva avtov xal xavd vb
nrnjihg avvw eijzcbv ,,cb xale free, slg oiovg u^e xaiQOvg vevi)-
u
Qfjxag, Iva vovvcov dveyw\iai ', Jieg)evyet äv xal vbv töjiov, ev q> xafie-
£6fievog i) eovcog tcov tolovtcqv dxrjxoei Aoycov. xal ex vcov h,mo%o'k(bv
öe avtov d)v djieoteiXev ijtoc talg yeivvocboatg exxlrjolaig emörrjol^cov
amdg, Tj vmv döeXcpolv tial, vovdevcbv avvovg xal nootQeji6[ievog, övva-
rai yaveocöfrrjvai.
Was nun die Ausführungen Harnacks auf Grund dieses Briefes
anlangt, so muß ich ihm zum Teil mit Labourt und G-watkin 2 1
) )

fast in allen Einzelheiten widersprechen. In Bezug auf das hier ge-


zeichnete Verhältnis des Irenäus zu Polykarp ohne weiteres zuzu- ist

geben, daß Irenäus in der Tat zunächst von seiner Jugendzeit spricht.
Die Worte: MäXXov ydo rd töte öiafJivrifjiovBvco tcov evayyog yivopievcöv,
al ydg ex Jialdaw (Aa&rjoeig ovvav^ovoat tfj ipvyf/ evovvvai avvfj lassen
hierüber keinen Zweifel. 3
) Auch auf
Beschränkung der Ausdrücke die
Jialg und ex jvaldcov auf genau 12 bis 15 Jahre möchte ich kein all-
zugroßes Gewicht legen, obwohl Jialg fragelos auch ein höheres Alter
bezeichnen kann und nicht selten bezeichnet 4 ) und obwohl ich nicht
einsehe, warum es unstatthaft sein solle, sich hier der bekannten
Irenäischen Klassifikation von fünf Menschenaltern 5 ) zu erinnern.
Wahr ist es endlich auch, daß Irenäus sich nirgends ausdrücklich als

Revue biblique, t. VII (1898), p. 59 ff.


i)

)
The Contemporary Beview, 1897, p. 221 f.
2

3 Zahn (S. 37
) f.) sieht in diesen Worten einen Beweis, daß Polykarp
von der frühen Jugend an bis in sein junges Mannesalter hinein in der Umgebung
Polykarps gelebt habe. „Da Erinnerungen mit den Jahren nicht zu wachsen,
sondern abzunehmen pflegen, so kann das Wachstum der ^ladiiotig nur darin be-
standen haben, daß immer neue Belehrungen zu den ersten hinzukamen." Vgl.
dagegen Corssen, Zeitschr. f. neutest. Wiss., 1903, S. 160.
4 Vgl. Labourt, p. 65; Gwatkin, S. 225; Lightfoot, The apostolic
)

fathers, II, 1, S. 448.

6) TI, 22, 4 f.
131

Schüler des Polykarp bezeichnet, wenn immerhin „uad/jöetg" auf ein


Schülerverhältnis gedeutet werden könnte. Und doch scheint mir
Harnack einmal sehr zu irren, wenn er Irenäus nicht als Schüler
Polykarps gelten läßt. Irenäus ruft dem Florin gemeinsame Jugend-
Erinnerungen an Polykarps Unterricht ins Gedächtnis, und zwar sind
os augenscheinlich Erinnerungen aus einem vertrauten und länger

dauernden Zusammensein mit dem gemeinsamen Lehrer. Ich kann


diesbezüglich nur folgenden Ausführungen G-watkins voll und ganz
zustimmen The picture is drawn from the life, and Irenaeus takes
:

for granted that Florinus is as familiär with it as himself. A touch


of colouring there may be, but any serious exaggeration would de-
feat its purpose. It is a boy's picture, if you
but a boy's picture will,

of a master whose every habit he has had time to learn thoroughly,


not of a mere preacher, from whom he heard sermons, but with
whom he had no further intercourse at all. How many of our own
old teachers could we picture like this? Every
seems to speak detail
of close Observation and long continued intercourse in the time which
Irenaeus chooses to describe as „when he was with Polycarp in
Asia". Take the last point — Polycarp's energetic repudiation of heresy.
Irenaeus cannot have invented this. He must have seen Polycarp do
things of the and that often enough to make him sure that
sort,

Florinus would recognise the picture. And was the blessed Polycarp
in the habit of crying out, and stopping his ears, and running away
with his wonted exclamation, in the middle of his sermons? The
whole passage seems to imply that Irenaeus heard from him, not
sermons only, but discussions and private teachings It is doubtless . . .

true that Irenaeus does not teil Florinus that he was a disciple of
Polycarp. But why should he? Either Florinus was perfectly aware
of the fact, or eise he was not especially if it was untrue. If he
knew it quite well, these details of it would be an impressive and
emphatic appeal if he did not, they must be tedious, or worse than
;

tediouSo A recital of the fact would have suggested to us that he


did not know it, or at least needed. a reminder. So far, then, it would
seem that Irenaeus and Florinus were both disciples of Polycarp.
In völliger Übereinstimmung mit Gwatkin bemerkt auch
Labourt: 1 ) Quand on relit attentivement la lettre a Florinus, on se
persuade, qu'Irenee a eu avec Polycarp e des rapports durables et
intimes. Certes Irenee ne dit nulle part expressement sf^a^ov siaqä
IIo?.vxdQJZOV. Mais combien plus eloquente et plus explicite cette
page affectueuse ou il detaille, pour ainsi dire, la vie de son maitre

*) S. 67 f.
9*
132

aime; ou U fait revivre aux yeux de Florinus la physionomie veneree


du vieillard, a Fun et l'autre peut-etre ils devaieut la foi.
qui
Es dürfte sich Harnack aber auch täuschen, wenn er Irenäus
hier nur von der frühen Jugendzeit sprechen läßt, und Zahn im vollen
Rechte sein, wenn er ein Zusammenleben des Irenäus mit Polykarp bis
ins junge Mannesalter behauptet. Jedenfalls ist letzteres nicht aus-
geschlossen. Irenäus sagt ja durchaus nicht, daß er nur evi jralg &v
den Polykarp gehört, sondern lediglich, daß er noch als Knabe
den Fl o rinn 8 bei Polykarp gesehen. ) Er redet ferner von 1

fjta'&tfostg ir'/. naiÖCOV und endlich, wenn ich nicht irre, vermischt
er mit den gemeinsamen Jugenderinnerungen auch Züge aus seinem
späteren Zusammensein mit seinem Lehrer.
Desgleichen scheint mir Harnacks Berechnung des Geburtsdatums
Florins und damit auch des Irenäus auf höchst unsicherem Grunde
zu ruhen. Denn 1. läßt sich die Tatsache des Abfalls Florins nicht
im Sinne Harnacks für die Bestimmung seines Geburtsjahres ver-
werten. Die Behauptung, Florin habe sich nicht als Achtzigjähriger
der Häresie zuwenden können, ist schon an und für sich viel zu sub-
jektiv, als daß sie zum Beweise dienen könnte. Labourt 2 ) verweist
nicht ganz unzutreffend auf den hundertjährigen Hosius, der bis
dahin einer der hervorragendsten Verteidiger der Nizäischen Ortho-
doxie gewesen und einwilligte ä communiquer avec Ursace et Valens. 3 )
Sodann aber ist die Ausscheidung aus der Kirche von der Hinwen-
dung zu heterodoxen Anschauungen wohl zu trennen. Selbst wenn
es wahr wäre, daß Florinus, als Irenäus seinen Brief über ihn an
Papst Viktor 4 schrieb, noch Presbyter in Rom war und Florinus etwa
)

1
)
Ilaig Hl <')v ist nicht mit
nagä IIokv%dQJiq> zu verbinden. Vgl. die syrische
Übersetzung: Ich sah dich, als ich noch ein Knabe war, bei Polykarp.
2) S. 61. — 3 ) Vgl. Wetzer und Weites Kirchenlexikon 2, VI, 293 f.

4
Der Brief lautet nach der Übersetzung eines syrischen Bruchstückes in
j

der Zeitschr. f. neutest. Wiss., 1903, S. 162f. Und Irenäus, Bischof von Lyon, der
:

an Viktor, Bischof von Rom, wegen des Florinus, eines gewissen Presbyters, der
sich um die Verirrung des Valentinus bemühte und eine verwerfliche Schrift ver-
faßte, folgendermaßen schrieb: Und nun, was das betrifft, daß vielleicht ihre
Schriften euch entgangen sind, sie, die sogar uns zu Gesicht gekommen sind, so

will ich euch kundtun, daß ihr entsprechend eurem eigenen Ansehen aus der
Mitte entfernt die Schriften, die seit (ihrer) Ankunft euch tadeln, weil sich der
Schreiber brüstet, daß er einer von euch sei. Sie bringen aber vielen
(Leuten) Schaden, die schlicht und ohne Frage als von einem Presbyter die
Schmähung gegen Gott aufnehmen. Scheltet aber den, der sie schrieb, daß er
durch sie nicht allein denjenigen Schaden bringt, die ihm nahestehn, indem
er ihren Sinn in den Stand setzt, Gott zu lästern, sondern auch denjenigen, die
bei uns sind, Schaden bringt durch seine Schriften, indem er falsche Ansichten
über Gott in ihnen wirkt. Vgl. Zahn, Forsch, z. Gesch. d. neutest. Kam, VI, S. 82f.
133

nach erfolgter Zensurierung und nach Verlust des Presbyterates ca. 190
formell aus der Kirche schied, so hatte sich Florinus doch schon
längere Zeit, ohne die Gemeinschaft mit der Kirche zu lösen, mit der
Valentinischen Gnosis beschäftigt und sich in dieser Richtung auch
schriftstellerisch betätigt. Eusebius sagt ja ausdrücklich: 1 ) ElQ7)vaZog
öiaqtÖQOvg emovoXäg ovvvdtTsi . . . f-j-tygdij)ag vy\v Ugbg <PkcoQivov jzbqI
itovaoyiag /} jtsqc vov 10) slvat vor d'SÖv MOW)ti)v 7.ax6)v. Tavvrjg ydg
öv avftig vjioavQo^sror
1

roi v>)g yvcöfirjg ovrog eößxsc JiQoaom^str' öl

rf/ y.avd Ovalsvvlvov jzkavg (Lat.: qui cum postea in errorem Valentini
abreptus fuisset) xal vö liegt öydoäöog ovvvdvtevai vo) Elgrjvalcp gjiov-
öao ua.
t
Danach ist ein dreifaches, durch den Brief an Florinus, die
Schrift Ileol öydoäöog und das Schreiben des Irenäus an Viktor
markiertes Stadium der von
fortschreitenden Heterodoxe Florins
heterodoxen Velleitäten bis zum förmlichen Anschluß an Valentin und
zur formellen Ausscheidung aus der Kirche festzustellen. Darüber
mögen, ja müssen wenigstens einige Jahre vergangen sein. Dazu
kommt, daJ3 die Schriften Florins bereits in Gallien Verbreitung ge-
funden hatten, was auch nicht über Nacht geschehen sein konnte.
Hieraus ist aber nun klar, daß der allenfalls 190 erfolgte formelle
Abfall Florins sich seit längerer Zeit vorbereitete, so daß selbst ein
Alter von 80 Jahren schlechterdings nichts Abenteuerliches und An-
stößiges an sich hat; und daß der Brief an Florin mit dem Brief an
Viktor unmöglich derselben Zeit angehörte, daß er vielmehr als
Warnungsschreiben, trotzdem er heterodoxe Meinungen Florins zum
Ausgangspunkte hat, 2 ) jahrelang zurückliegen kann und zurück-
liegt. 3 ) Hieraus erklärt sich aber auch zur Genüge, warum Irenäus

den Florin in seinem großen ketzerbestreitenden Werke niemals


nennt, und die Annahme Harnacks, der Brief sei erst nach dem Ire-
näischen Hauptwerke geschrieben, erweist sich als unhaltbar. Die
Voraussetzung Harnacks trifft indes kaum zu es erscheint vielmehr ;

höchst unwahrscheinlich, daß Florinus zur Zeit des Briefes an Viktor


noch Presbyter der römischen Kirche war. Zahn bemerkt wohl richtig,
daß Florinus in seinen Schriften sich rühme, dem Presbyterium
der römischen Kirche anzugehören, 4 ) und wenn Eusebius bereits c. 15
des fünften Buches von der Zeit des Eleutherius berichtet: Ol 6 em 1

Po')iir)g rjxfia&v, d)v fjyelvo <PX(üQTvog, JioeoßvTSQiov trjg exxXrjoiag omo-


Jieocbv, und erst c. 22 die Thronbesteigung Viktors meldet, so kann

!) Hist. eccl., V, 20, 1.


2
)
Eusebius, Hist. eccl., V, 20, 4.
3
)
Zahn, Forsch, z. Gesch. d. neutest. Kan., VI, S. 31.
4
) Forsch, z. Gesch. d. neutest. Kan.. VI, S. 33. Aus der Einleitung des Briefes
ist diesbezüglich kein sicherer Schluß zu ziehen.
134

c. 15 wohl kaum eine vorausgreifende Einleitung zum folgenden sein;


und andrerseits, da Irenäus erst von Viktor die Zensurierung Florins
verlangt, kann hier auch nicht von der Exkommunikation Florins
die Rede sein, was übrigens gar nicht im Ausdruck djiojzeocov liegt,
sondern nur von einem freiwilligen Verzicht auf die Stelle eines
Presbyters. 1 )
Corssen äu!3ert sich zur Sache ungefähr: 2 ) Auf Grund des
syrischen Brieffragmentes sei es ausgeschlossen, daß sich Florin selbst
als Valentinianer bekannt habe, da er sich seiner Zugehörigkeit zur
römischen Gemeinde rühme. Er sei also zur selben Zeit noch Pres-
byter und offenbar der Meinung gewesen, ein guter Katholik zu sein.
Auch habe man in Rom in seiner Schrift noch nichts von Ketzerei ge-
merkt. Ferner sei, da der Syrer in der Überschrift des Briefes nur von
einer Schrift des Flormus rede, vermutlich gar keine stufenmäßig fort-
schreitende Entwicklung bis zur offenkundigen Ketzerei anzunehmen.
Jedenfalls habe man kein Recht zur Annahme, Harnack auf-
die
stelle, daiS Florin unter Viktor, dessen Thronbesteigung er noch er-
lebte, zum Valentinismus Mit dieser Voraussetzung
abgefallen sei.

falle auch Harnacks Folgerung. Ferner weiß Corssen kein sicheres


Mittel, zu entscheiden, wann Irenäus zuerst gegen Florin aufgetreten
sei, und es sei recht gut denkbar, daß er seinen Brief an ihn schon

vor Abfassung seines Hauptwerkes habe erscheinen lassen. Daraus,


daß Florinus im Hauptwerke nicht genannt sei, lasse sich nichts
schließen. Eine Maßregelung Florins könne erst unter Viktor ge-
schehen sein. So sei der Versuch, den Streit zwischen Irenäus und
Florinus für die Chronologie des Irenäus auszunutzen, als gescheitert
anzusehen. Ich finde keine Ursache, meine Ausführung auf Grund
der mir erst nachträglich zu Gesicht gekommenen Darlegung Corssens
zu rektifizieren, zumal im wesentlichen keine Differenz besteht.
2. Auch der von Harnack und anderen angenommene Alters-


unterschied von mindestens 10 15 Jahren zwischen Irenäus und
Florinus ist nicht zu erweisen. Die Annahme stützt sich auf die Worte
im Irenäischen Brief an Florinus: EIöov ydg ob jzalg In (bv ev vfj rAvco
'Aola jzagä IIo/.vxdQJvq) ka^JiQcbg JiQdaoovta sv vfj ß aotXixfj

Die Ansicht Zahns (Forsch, z. Gesch. d. neutest. Kan., VI, S. 33 ff.; IV,
i)

303 ff.), Florinus sei zur Zeit des Briefes an Viktor bereits gestorben gewesen
und es habe sich nur um die Schriften Florins gehandelt, halte auch ich nach
dem Wortlaute des Briefes für unbegründet, wenn ich auch Zahns Argumentation
zu würdigen weiß. Auch daraus, daß die Angaben des Eusebius über Florin unter
den Nachrichten aus der Zeit des Eleutherius stehn, folgt nicht, daß er unter
Eleutherius starb. Richtig dagegen ist, daß Florin nicht unter Eleutherius ex-
kommuniziert und seines Amtes entsetzt worden war.
2) A. a. 0. 1903, S. 163f.
135

ac/jj aal JiBiQ(b(iBVOV evdoxifASlV juuj arru). Was nun besagt Äuu.iuu)^
xoäööcoi' von Florinus? Gwatkin 1
) antwortet: Florinus was a pro-
mising official when Irenaeus was still a boy, und bemerkt weiter:
Half a dozen years are quite enough to make the difference between
a boy at school and a man wlio is out in the world and getting on
in it . . We are not yet compelled to believe that Irenaeus was more
than a few years younger. Auch Labourt denkt an ein Amt, das
Florinus bekleidete, und hält einen Altersunterschied von 5 6 Jahren —
für genügend. Harnack meint, die Aussage könne auf ein Amt
nicht bezogen werden, fragt aber seinerseits unbefriedigt: Heißt Xüjlc-
.70^);: noch mehr als „in vorzüglichen äußeren Verhältnissen sein" ?

Mich dünkt, daß es etwas ganz anderes heiße. Wie aber ist h> vfj
ßaoih'/S) av/Sj zu verstehn? Von der zufälligen kaiserlichen Residenz
oder vom kaiserlichen Hofstaat? Beides hätte höchst wahrscheinlich
die Anwesenheit des römischen Kaisers in Smyrna zur Voraussetzung.
Da aber nicht bekannt ist, daß zwischen 130 bis 153 ein römischer
Kaiser in Asien war da ferner, wie auch Harnack zugibt, eine Orient-
;

reise des Antoninus Pius 154 —


157 nicht gesichert ist, noch weniger
ein Aufenthalt in Asien, geschweige in Smyrna, ) und es, auch wenn
2

man Lightfoot und Zahn, die diesen Zeitpunkt der Begegnung des
Irenäus mit Florin als einen zu späten erklären, nicht zustimmt, un-
möglich angeht, d'asseoir sur un fondement aussi peu sür les bases d'une
chronologique serieuse, 3 ) so bleibt nur übrig entweder die von Harnack
nicht berührte Hypothese Lightfoots, der die Stelle auf ein Amt beim
Prokonsul Antoninus Pius (um 135), dem nachmaligen römischen
Kaiser, bezieht, 4 ) oder an den Sitz der Provinzverwaltung überhaupt
zu denken, oder die Annahme Zahns vom Aufenthalt Hadrians in
Asien, deren "Wahrscheinlichkeit durch die Gegengründe Harnacks nicht
aufgehoben wird. Damit sind aber gleichwohl nicht alle Schwierig-
keiten der Stelle beseitigt, auf die Harnack mit Recht aufmerksam
macht: Durch die Stellung zwischen den beiden Bestimmungen jzagä
no?.vxdQJiq) und jzeiQo'jpievov svöoxifxetv mag? avtco werde XaftJiQcbg jzodo-
oovva sv ßaoiXmfi avkfj enge mit dem Verhältnis Florins zu Polykarp
vT]

verbunden, während doch eine innere Verbindung schwerlich habe


existieren können. Harnack fügt bei, eine Lösung dieser Schwierig-
keit sehe er nicht. Diese Ausdrucksweise ist bei der bisherigen Auf-

!) S. 222.
2
)
Vgl. Jul. Die Provinzen bereiste
Capitolinus, Antoninus Pius IL, 6:

dieser Kaiser nicht, da das Gefolge eines Kaisers, auch des sparsamsten, für
die Provinzialen lästig sei.
3
) Labourt, p. 63.
4
)
Vgl. Zahn, Forsch, z. Gesch. d. neutest. Kan., IV, 276.
136

r'assung der Stelle in der Tat in hohem Grade befremdend. Irenäus


ruft dem Florin gemeinsame Jugend-Erinnerungen an genossenen länger
dauernden Unterricht seitens Polykarps ins Gedächtnis zurück, und es
ist im folgenden nur vom Unterrichte an einem bestimmten Orte die

Eede. ) Andrerseits macht die Stelle entschieden den Eindruck, als


1

ob Irenäus den Florinus bei Polykarp b> rfj ßaöifanfj avlfj gesehen
hätte kafißg&g ngaOGOvra und TveiQcbfiSvov evöoxifielv jiaQ avvo).
1
Dem-
nach dürfte die Aussage anders gefaßt werden müssen und ich
wenigstens bin überzeugt, daß auch hier die syrische Übersetzung 2 )
den Sinn derselben richtig wiedergibt: Ich sah dich bei Polykarpus . .

im Hof der Basilika, und herrlich führtest du dich 3 )


und beeifertest dich, daß du eine Probe bei ihm gebest. Ob nun
der Syrer den vorliegenden griechischen Text paraphrasieren wollte,
oder etwa, was nicht unmöglich ist, h> vy ßaöihxfjg avXfj gelesen hat,
wird sich nicht entscheiden lassen. Jedenfalls verstand er die Stelle
von einem Lokale, sei es die avki) einer Privatbasilika oder sei es
ein Gebäude, das aus unbekanntem Grunde avXrj ßaGifaxrj genannt
wurde, in welchem Polykarp Unterricht zu erteilen pflegte, dem auch
Irenäus und Florinus anwohnten, wobei Irenäus Zeuge war des vor-
trefflichen Verhaltens und des besonderen Eifers Florins. Die eine
wie die andere Auffassung gibt den besten Sinn und beseitigt alle
Schwierigkeit; auch laßt sich die Möglichkeit weder der einen noch der
andern geschichtlich bestreiten. 4 ) Selbstverständlich bietet die Stelle

J
) Vgl. besonders: &aze fxe övvaoDai tijieZv aal zöv töjiov, iv q> xafte^öfjievog
dieXtytzo ö ßavAoiog no?.vxaQJzog xai zag JiQoööovg atzov xai zag tioödovg . . . xai
zag öiaXi^eig äg inoulzo tzoög zö jiXfjdog.
2) Nach Nestle.
3
)
Zu Bedeutung von laßngüg Jigäooeiv vgl. Passow, II, 1, S. 1065.
dieser
)
4Kam auch der Ausdruck Basilika für christliche Kirche erst seit Anfang
des 4. Jahrhunderts in Gebrauch, so ist doch die Existenz von Privatbasiliken vor
und in der Kaiserzeit nicht nur im Okzident, sondern auch im Orient (weist ja
schon der Name auf griechischen Ursprung oder wenigstens auf griechische Vor-
bilder hin) ebenso sicher als ihre frühe Benutzung zu gottesdieüstlichen Ver-
sammlungen der Christen keinem Zweifel unterliegt. So erzählen die pseudokl.
Rekognitionen (X, 71), daß Theophilus von Antiochien die Basilika seines Hauses
zur Kirche hergab, in qua Petro apostolo constituta est cathedra et omnis multi-
. . .

tudo cotidie ad audiendum verbum conveniens credebat sanctae doctrinae. Der


apokryphe Charakter der Rekognitionen kommt hier nicht in Betracht. Der Ver-
fasser beurkundet durch seine Äußerung tatsächlich, daß wenigstens zu seiner
Zeit die Umwandlung von Privatbasiliken in Kirchen stattfand. Vgl. F. X. Kraus,
Real-Enzyklopädie des christl. Altert., I, S. 112 ff.; Kuhn, Allgem. Kunstgesch.,
I, S. 252f.; Jakob in Wetzer
Weites u. Kirchenlexikon, s. v. Basilika. — Bezüglich
der zweiten Auffassung schreibt mir Prof. Dr. Ad. Bauer: „Ich schließe aus
der Stelle, daß es an mehreren Orten des griechischen Asiens solche Gebäude
gegeben hat, die als ßaaiXixai ar/.ai benannt wurden. Sie mögen ursprünglich
;

137

so verstanden keine chronologische Stütze weder für das Geburtsdatuni


des Irenäus noch für den Altersunterschied zwischen Irenäus und Florin.
Jedoch läßt sich aus dem ganzen Briefe nicht völlig ungerechtfertigt
ein zweifacher Schluß ziehen. Einmal nämlich kann der Altersunter-
schied zwischen Irenäus und Florinus kein bedeutender gewesen sein
denn der Brief gibt sich als Schreiben eines Mitschülers, das an ge-
meinsame Jugend -Erinnerungen, an gemeinsam erhaltene Belehrungen
anknüpft. Irenäus spricht zu Florinus wie der Bruder zum Bruder,
die längere Zeit zu den Füi3en desselben Lehrers, desselben Vaters
gesessen. Sodann macht es der ältliche Ton des Briefes höchst wahr-
scheinlich, dai3 Irenäus wohl nahezu ein Greis, das ist etwa 60 Jahre
alt war. ) Nicht viel älter wird auch Florinus gewesen sein, wenn
1

man es schon annehmen will, daß er älter war, wozu aber eine Not-
wendigkeit gar nicht vorliegt. Wird die Abfassung des Briefes auf

185 1^0 angesetzt, was sicherlich hoch gegriffen ist, und war Irenäus
bei seinem Zusammensein mit Florinus ein Knabe von 12 15 Jahren, —
so fällt die Begegnung beider etwa auf 137 140, beziehungsweise —

auf 142 145, die Geburt des Irenäus auf 125 130. —
Wir wollen auch hier Corssens Untersuchung 2 ) nicht un-
berücksichtigt lassen. Corssen sieht, ohne 2 in Betracht zu ziehen, in
Florinus einen hohen Hofbeamten und faßt ßaotXixr) avXr\ vom kaiser-
lichen Hof. Doch stimmt er im übrigen weder Zahn noch Harnack
bei. Hadrian habe allerdings um 130 die Provinz Asien bereist. Auch
die Vermutung von der Anwesenheit des Antoninus Pius in Syrien
154 bestätige sich ihm und es wäre denkbar, daß Pius auf dem
Rückwege nach Smyrna gekommen sei, obwohl sich hierüber nichts
behaupten lasse. Selbst die Schwierigkeit, die der Annahme Harnacks
entgegenstehe, daß nämlich in diesem Jahre kein rechter Raum bleibe
für ein Zusammentreffen zwischen Florinus und Polykarp, da in dieses
Jahr auch die Reise Polykarps nach Rom falle, wenn Anicet frühestens
154 zur Regierung gekommen und Polykarp 155 gestorben sei, werde
behoben, wenn nach den Ausführungen von Erbes 3 ) Anicet schon

königliche (Ptolemäische, wie die ovoä ßaoiXi'ÄYi auf Thera, und Seleukidische) oder
kaiserliche (seit Augustus) Bauten gewesen sein und auch als Sitz der Hofhaltung
oder des Statthalters gedient haben. Diese Bezeichnung kann dann aber auch auf
diesen ähnliche Bauanlagen übertragen worden sein, die weder von Fürsten er-
richtet noch als Eesidenz dienten, wie wir „Kaiserhof" in diesem weiteren Sinne
gebrauchen."
1
)
Gwatkin, S. 224: That Irenaeus was old seems clear from the way he
begins, by saying how much better he remembers the lessons of his childhood,
and how he loves to ruminate on them. This is hardly the language of a man
very much under sixty.
2) A. a. 0. S. 164 ff. - 3) Zeitschr. f. Kirchengesch., XXIf. S. 9, Amn. 2.
138

15'J den päpstlichen Stuhl bestiegen habe. Aber es sei doch ganz
undenkbar, daß ein hoher Hofbeamter unter Hadrian oder Pius es
hätte wagen dürfen, vor den Augen des Kaisers die Versammlung
der Christen aufzusuchen. Corssen hält also dafür, es sei an einen
Aufenthalt des Hofes in Smyrna nicht zu denken. Die Partizipien
iafUlQ&g .lodonoi'va und JTFincöfievor svöoxtfislv könnten nicht prä-
dikativ mit tldoi' verbunden werden, sondern stünden attributiv. „Sie
bilden in der Sache einen wirkungsvollen Gegensatz, Irenäus hat
den Florin bei Polykarp gesehen, wo er, ein angesehener Hof beamter,
sich um die gute Meinung des armen Bischofs bemühte." Somit
könne man aus der Angabe des Irenäus durchaus keinen Schluß aut
die Zeit machen, in der er den Florin bei Polykarp gesehen. Corssen
trifft also schließlich mit dem oben auf anderem Wege gefundenen

Resultat durchaus zusammen, aber die von Harnack beregte Schwie-


rigkeit dürfte er nicht gelöst haben.
Ad Die Ausführungen Harnacks, betreifend das Schreiben der
3.

lugdunensischen Märtyrer, 1 ) sind der Hauptsache nach begründet.


Freilich hat Labourt 2 ) nicht unrecht, wenn er dagegen bemerkt:
Cette conclusion (bezüglich des Mangels der Demut der Confessores)
n'est surprenante que si l'on veut y trouver l'expression d'un certain
dedain des confesseurs ä l'endroit des fonctions presbyterales ou de
la personne d'Irenee. Or pareille Interpretation n'est pas necessaire.
Le billet s'entend tres bien dans ce sens: „Le porteur de cette lettre,
Irenee, est tres vertueux et merite toute notre consideration. Et nous
tenons, sa saintete en si haute estime, que nous n'avions pas cru ne-
cessaire, pour vous en donner une juste idee, de vous faire part tout
d'abord de son titre de presbytre." Appreciation tres flatteuse pour
Irenee. Diese Gegenbemerkungen treffen jedoch nur eine Nebensache,
nicht aber die Hauptsache, auf die es Harnack ankommt. Harnack
behauptet ja, wenn ich ihn recht verstehe, daß gerade diese „appre-
ciation tres flatteuse", daß die Lobeserhebungen, die der Empfehlung
dienen unmöglich machen, daß Irenäus damals ein Greis
sollten, es
mit weithin berühmtem Namen gewesen. Hierin bin auch ich derselben
Meinung und in diesem Sinne bietet das Schreiben in der Tat eine
chronologische Handhabe, 3 ) trotzdem Labourt eine solche nicht finden

x
) Eusebius, Hist. eccl., V, 4, 2: Tavxä oot %ä ygdßfAazu jiQotTQbipäfu Da
7Öj' döi'/.cföv i) u(7)v
t
y.al xoivovöv Elorjvalov diaxofdoai, xai TcagaxaP^ovf^ev exeiv of
ai)TÖv fr cragaDion, tfaXowty» ovxa zr)g dia-Ofy.yg Xqiotov. tl ydo ijöii/uv töjiov Zivi

()iy.aioovv rQv M(ji:iou<nl)at, ä>g TtQsaßvTeQov iKKXqolag, o.no iariv i.i'avro), iv TiQcbroig

uv nriofDiiu (Ja. — 2
) S. 62.
3
) Vgl. Ehrhard. a. a. O. S. 263: Der Ton der Empfehlung macht es in der
Tat sehr unwahrscheinlich, daß Irenäus damals schon 62 bis 63 Jahre alt war.
139

kaim. Wenn Labourt noch weiter gegen Harnack bemerkt, Irenäus


hätte als 35 jähriger Presbyter nicht der Überbringer eines Briefes,
in welchem er unter anderem ohne Zweifel wegen seiner Reden oder
ausgezeichneten Schriften so sehr empfohlen werde, er hätte nicht
Bote solcher Unverschämtheiten sein können, so sagt Harnack seiner-
seits von ecrits remarques keine Silbe, und es fragt sich wohl, ob
nicht der Inhalt des Briefes gerade in dem Falle als impertinences
bezeichnet werden müßte, wenn Irenäus damals bereits im Greisenalter
gestanden wäre. Auf ein sehr jugendliches Alter muß indes nicht
geschlossen werden, immerhin wird er zirka 50 Jahre gezählt haben.
Ad 5 und Harnacks Argumente scheinen mir insoweit zu-
6.

treffend zu sein, als sie sich dagegen richten, daß Irenäus später,
nach 10, 20 Jahren, noch einmal im längeren Zusammenleben mit
Polykarp förmlich dessen Schüler geworden sei sie beweisen aber;

nichts gegen ein bis ins junge Mannesalter dauerndes Schülerver-


hältnis (auch nichts dagegen, daß Irenäus den Polykarp später noch
einmal oder wiederholt gesehen). "Wenn nämlich Harnack zunächst
geltend macht, Irenäus zehre nur von Jugend -Erinnerungen und er
hätte in diesem Falle nicht nötig gehabt, gegen Florin einzig und
allein diese ins Feld zu führen, so antwortet ihm Gwatkin mit
Fug und Hecht: ) It would be answer enough to say that these are
1

the memories he teils us he remembers best. But they are also the
memories which appealed best to Florinus. An appeal of this kind
is necessarily to his earliest memories of Polycarp, and not to any

later ones. Übrigens führt Irenäus nicht nur die gemeinsamen Jugend-
Erinnerungen ins Feld. Verweist er Florin am Schlüsse seines Schrei-
bens nicht ausdrücklich auf die Briefe, die Polykarp teils an benachbarte
Gemeinden schrieb, um sie zu stärken, teils an einzelne Brüder, um
sie zu ermahnen und aufzumuntern, und aus denen erwiesen werden

könne, welchen Abscheu Polykarp gegen jede von der apostolischen


Tradition abweichende Irrlehre gehabt? Konnte nicht Irenäus, um
die Autorität Polykarps gegen Florin geltend zu machen, auf dessen
Briefe ein ungleich größeres Gewicht legen, als auf den privaten
Unterricht späterer Jahre? Mußte er nicht hievon eine nachhaltigere
Wirkung auf Florinus erwarten als von einem Appell an einen Privat-
unterricht, von dem dieser vielleicht nichts wußte?
Wenn ferner Irenäus im Briefe an Viktor über sein Verhältnis
zu Polykarp schweigt, so genügt es mit Gwatkin 2 ) zu sagen: We
must not be too sure of this, for we have not got the whole of the
letter. His argument, however in the past preserved, is not about

i)
S. 223f. - *) S. 224.
1 10

Polyoarp or himself, but about Victors predecessors and Polycarp ;

onlv comea in because Anicetus discussed the Eastern question with


him. There was no occasion to obtrude on Victor the personal re-
collectiona which might be effective with Florinus.
Daß Irenäus in seinem großen Werke sich in keinem einzigen
Falle sachlich auf Polykarp berufe, ist insofern richtig, als Polykarps
Name bei sachlichen Anführungen nicht genannt wird. Es mag dies
immerhin als befremdend bezeichnet werden. Aber 1. wird es sich
schwerlich beweisen lassen, daß jener Presbyter, den Irenäus in seinem
Werke wiederholt zitiert, nicht etwa doch Polykarp gewesen sein
kann. 1 ) 2. Wollte man diese Tatsache pressen, so könnte man mit
gleichem Rechte behaupten, Irenäus habe den Polykarp überhaupt nie-
mals, auch nicht in seiner Jugend, gehört. 3. Sicherer als aus etwaigen
Zitaten des Lehrers wird der Schüler erkannt aus dem entscheidenden
Einfluß, den der Meister auf sein Denken, sein Leben, seine Tätigkeit
genommen. Nun läßt sich ein derartiger bestimmender Einfluß Poly-
karps auf Irenäus mit Sicherheit nachweisen. Zieglers 2 ) detaillierte
Ausführungen, wie Irenäus ganzen kirchlichen Richtung
in seiner
und Wirksamkeit dem Vorbilde Polykarps treu geblieben, hätten nicht
ignoriert werden sollen. Volle Beachtung verdient auch, was wiederum
Gwatkin zu diesem Gegenstande bemerkt: A teacher's influence
is far too subtle a thing to be measured by the number of a disciple's

express references to him. One consideration may help us. Polycarp


is one of the least intellectual of writers. His influence was the in-
fluence of saintliness, not of intellect. It may be doubted whether
such a man troubled himself much about interpretations at all.

4. Iren., V, 33, 4 und 4 schließen ein länger dauerndes Schüler-


III, 3,

verhältnis des Irenäus zu Polykarp so wenig aus, daß sie vielmehr


dasselbe zu beweisen scheinen. Erstere Stelle, wo Irenäus den Papias
unter anderem einen Freund Polykarps nennt, um seine Glaub-
würdigkeit zu charakterisieren, ohne daß sonst die geringste Not-
wendigkeit zur Nennung Polykarps vorliegt, macht es gewiß, daß
Polykarp für Irenäus eine unbedingte Autorität gewesen sein und
für ihn eine besondere persönliche Bedeutung gehabt haben muß.
Nicht anders verhält es sich mit letzterer Stelle. Was zunächst die
von Harnack zitierten Worte für sich anlangt, so schließt ecoQaxa
ebensowenig ein länger dauerndes Verhältnis aus als die Zeit-
bestimmung sv vf) TiQÖnr) rjftcöv fjfoxlq,. 'Ecbgana hat keine andere
Bedeutung als eine Zeit vorher ol thv Xqiovöv ecoQaKOVeg und kann
ganz wohl eine Reihe von Jahren zusammenfassen. Von Jigtivr) yfaxia

*) Vgl. oben S. 48. - 2


) A. a. 0. S. 19 ff'.
:

141

wird auch Harnack nicht behaupten wollen, daß es nicht ein über
die Kindheit hinausgehendes Alter etwa bis zum 25. Jahre bezeichnen
könne, da fj/.iy.ta vorzugsweise gerade vom jungen Mannesalter ge-
braucht wird. ') Bis dahin konnte Irenäus Schüler Polykarps gewesen
sein. Und das genügt vollkommen. 2
) Darin stimme ich mit Harnack
überein, daß Irenäus nicht etwa als Mann von 40 Jahren Schüler
Polykarps gewesen sein konnte. Dieses Alter kann jiQcbvr) ifiixia
nicht bedeuten. Auch cü-e weitere Aussage über das Alter Polykarps
inutoki) yao jzaQefieive xal jvdw yrigakiog e&ftde tov ßiov, schließt . . .

dies vollends aus. Wenn es auch gewiß unrichtig ist, daß Irenäus hier
zur Begründung der auffallenden Tatsache, daß er den Polykarp noch
gesehen, sich auf dessen hohes Alter berufe, und wenn auch Gwatkin
und Labourt mit Recht bemerken, Irenäus sage nicht, daß Polykarp
so alt war als er ihn kannte, sondern als er starb, so dürfte doch
auch Corssen 3 ) irren, wenn er behauptet, die Erklärung, daß Polykarp
so alt geworden, beziehe sich gar nicht auf den unmittelbar voran-
gehenden Relativsatz, sondern auf den Unterricht und die Bestellung
Polykarps zum Bischof seitens der Apostel, und der Relativsatz ent-
halte nur eine ganz beiläufige und für den Zusammenhang belang-
lose Bemerkung, die wie eine Parenthese eingeschaltet sei und auf
das Alter des Irenäus keinen Bezug habe. Die Aussage über das Alter
Polykarps geht wegen ihrer Stellung im Satzgefüge begründend so-
wohl auf das eine wie das andere. Natürlich folgt daraus nicht, daß
der Tod Polykarps unmittelbar auf das Zusammensein mit Irenäus
folgte, aber eine ganze Reihe von Jahren bis dahin anzunehmen,
macht nicht einmal Harnacks „Zufall" möglich. Im übrigen muß die
Stelle in ihrem Zusammenhange gewürdigt werden. Gegenüber den
Gnostikern, die ihrerseits im Besitze der reinen und unverfälscht
überlieferten Wahrheit zu sein sich rühmten, 4 ) will Irenäus zeigen,
wie die wahre apostolische Glaubensüberlieferung durch die wohl-
bekannte Abfolge der Vorsteher der Kirche von den Aposteln her
bis zu seiner Zeit verbürgt sei. Zu diesem Zweck nun führt er vor
allem namentlich die Reihe der Vorsteher der größten, ältesten, von
den beiden vornehmsten Aposteln Petrus und Paulus zu Rom ge-
gründeten Kirche vor, angefangen von Linus, dem die heiligen Apostel
die Verwaltung des Bischofsamtes in die Hand gegeben, Anakletus
und Klemens, der die Apostel noch sah, mit ihnen verkehrte,
ihre Predigt hörte und ihre Überlieferung vor Augen hatte, bis auf

*) Vgl. Pas so w, Joh. 9, 21: fjlwiav tyji, was Chrysostomus paraphrasiert:


oox ton jtaidlov oi)de dzekiig,
2
) Vgl. Zahn, Forsch, z. Gesch. d. neutest. Kan., VI, 36 f.
A. a. O.. 1903, S. lfUf. — *) Irenäus, TU, 2, 1. 2.
142

Eleutherius, den Vorsteher der Kirche zu seiner Zeit, Und nachdem


er auf Grund des Briefes des Klemens an die Korinther dargetan,
wie die apostolische Überlieferung einen Gott als Urheber von allem
und als Täter unseres Herrn Jesu Christi lehre, schließt er: In dieser
Ordnung und Abfolge ist die apostolische Überlieferung in der Kirche
und die Verkündigung der Wahrheit auf uns gekommen. Und das ist
der vollkommenste Beweis dafür, daß ein und derselbe lebendig-
machende Glaube es sei, der in der Kirche von den Aposteln bis
jetzt bewahrt und in Wahrheit überliefert wird. ) Daran anschließend, 1

gedenkt Trenäus im besonderen auch des Polykarp, der nicht bloß von
Aposteln unterrichtet war und mit vielen, die Christum gesehen,
verkehrt hatte, sondern auch von den Aposteln in Asien, in der
Kirche zu Smyrna als Bischof aufgestellt worden, „den auch wir ge-
sehen haben in unserem ersten Alter, denn er lebte lange und schied
hochbejahrt, mit Ablegung eines ruhmvollen und glänzenden Zeug-
nisses aus dem Leben, —
auch er hat allezeit dieses gelehrt, was er von
den Aposteln gelernt hat". Zeugnis dafür geben in Asien alle Kirchen
und die bisherigen Nachfolger Polykarps. Nachdem Irenäus ferner
den Besuch Polykarps bei Anicet erwähnt und wie er damals durch
die Verkündigung der von den Aposteln empfangenen Wahrheit viele
Häretiker bekehrt und seinen von den Aposteln erlernten Abscheu
vor Verfälschern der Wahrheit gezeigt, verweist er endlich auf den
Brief Polykarps an die Philipper, woraus sowohl das Gepräge seines
Glaubens als die Botschaft der Wahrheit ersehen werden könne. 2 )
In diesem Zusammenhange gedenkt Irenäus in seinem großen Werke
des Polykarp.
Daraus nun scheint mir sofort folgendes klar zu sein: 1. daß
es dem Irenäus an dieser Stelle gar nicht darauf ankam, einzelne
Aussprüche Polykarps zu zitieren, 3 ) er vielmehr nur die Tatsache
feststellen wollte, wie Polykarp in der Lage war, die apostolische
Tradition aus dem Munde der Apostel selbst zu kennen, und
wie er als Eiferer für die apostolische Überlieferung und treuester
Hüter derselben nach apostolischem Vorbilde jede häretische Ab-
weichung perhorreszierte und jeden Fälscher der Wahrheit von sich
wies; 2. daß Irenäus auch für seine Person dem Polykarp vor allen
anderen eine ganz besondere Bedeutung beimißt, da es sonst doch
einigermaßen unerklärlich wäre, warum er gerade seiner in so aus-

i) III, 3, 1-3. - 2) nr 5
3, 4.
3
) Gwatkin, S. was bound to say more, or
224: I cannot see that Irenaeus
to explain here precisely how much more he may have known of Polycarp. The
words do not suggest any later intercourse —
rather the contrary; but tbey do
not deny it.
143

f uhrlicher und auszeichnender Weise gedenkt; und 3. daß Polykarp


für Irenäus augenscheinlich nicht allein wegen seines hohen Alters
von solcher Bedeutung ist, sondern vornehmlich, weil auch er das
Glück hatte nicht bloß als Knabe, sondern auch noch in seiner jrocor/y
ij/jyJa ihn zu sehen, das heißt sein Schüler zu sein, was er mit einer

gewissen Ostentation in dem Satze: oi> xal reisig etc. hervorhebt.


So beweist denn diese Stelle so wenig, daß Irenäus kein Schüler
Polykarps war, daß sie^ mir vielmehr eine sichere Instanz für das
Gegenteil zu sein scheint.
AdHarnack hat nach meinem Urteil sicher unrecht, wenn
7.

er, absehend von einer Untersuchung über den Umfang des Begriffes

ysvsd, den Irenäus ganz allgemein sagen läßt: Zwischen der Zeit der
Abfassung der Apokalypse (ca. 96) und der Gegenwart, in der er
schreibt (ca. 185), liege fast nur eine ysvsd, d. i. fast nur ein Zeitraum,
den ein Menschenalter gerade noch zu umspannen vermöge. Das bei-
gesetze fyuevsQa macht diese Auffassung unmöglich. Durch 7}fj,svsQa ist
die ysvsd zweifellos subjektiv näher bestimmt als die ysvsd einer Mehr-
heit bestimmter Personen, zu der der Sprechende oder Schreibende
gehört.
Es fragt sich nun, wodurch
unserem Falle die fjjLisvsQa
ist in
ysvsd, der Irenäus angehören muß, näher bestimmt? Durch den vvv
y.aioög als terminus ad quem? Ich halte es nicht für möglich, da ich
mich nicht überzeugen kann, daß dieser Ausdruck nach dem Zu-
sammenhang, in dem er gebraucht wird, präzis den gegenwärtigen
Moment bezeichnet, in dem Irenäus schreibt; er steht vielmehr im
Gegensatz zur Zukunft und ist gleichbedeutend mit unserem „Gegen-
wart". ) Und selbst angenommen, der Ausdruck habe die ihm von
1

Harnack beigelegte Bedeutung, welches ist der terminus a quo der


fj/^sTega ysved? Unmöglich ohne weiteres die Abfassung der Apo-

kalypse. Eher könnte man an den Beginn des Jahrhunderts, in welchem


Irenäus lebte, denken. 2 ) Aber abgesehen davon, daß, wie Harnack
zugibt, es sich nicht belegen läßt, daß ysvsd saeculum (Jahrhundert) —
gebraucht werde, ist es nicht recht begreiflich, wieso Irenäus das
2. Jahrhundert bezeichnen können.
als tjfisvsQa ysvsd hätte
So bleibt inTder Tat nichts übrig, als mit Zahn die fj^svsga
ysvsd durch die Geburt des Irenäus und seiner ungefähren Alters-
genossen bestimmt sein zu lassen, was übrigens auch die Etymologie

2
) Vgl.: 'Hf.ieig ovv ovx äjzoxivdvvevofMv Jiegi tov övö^ciTog tov 'Avtizqiotov
d^o(faivöf,ievoi, ßsßaicoTixcög, ei yäg cdet ävacpavdöv zq> vvv y.aigq> yi)QVTTeodai tov-
Ovöe yäo
''

vo/aci avzov, dt >


txetvov äv igoedi] tov Kai ttjv ' AnoyAXvipiv fooay.örog.
.too noXkov XQQvov tooddij.
2 Pene sub nostro saeculo.
) Vet. Lat. :
.141
__

und Grundbedeutung von yevsd fordern dürfte. Demnach kann


oyj-doi 1
t.ii rijg ijut-rnja*: ysvsäq nichts anderes besagen als: fast zu
unseren Lebzeiten, wenig vor unserer Lebensperiode. 1

Bezüglich der Aussage: od jtqö jtoaXov xqövov ist Zahn mit


Harnack der Ansicht, daß die Gegenwart des Irenäus (ö vvv xaioog)
selbstverständlich der Endpunkt sei, von welchem aus er rückwärts
rechnend die Zwischenzeit seit der Abfassung der Apokalypse eine
nicht allzulange Zeit nenne. Ich kann nicht beistimmen. Wird näm-
lich 6 vvv xaiQÖg im oben dargelegten allgemeinen Sinn gefaßt, so
ist der Ausdruck wegen seiner Unbestimmtheit als terminus unbrauch-

bar; nimmt man ihn aber präzis von der Zeit, in der Irenäus
schreibt, wie hätte Irenäus, „ein Mann von so sicherer Schreibweise"
(Zahn), einen Zeitraum von 90 Jahren als eine nicht lange Zeit be-
zeichnen können?
Diese Frage wird durch die Bemerkung Harnacks, dies sei Sache
des Irenäus, nicht beseitigt, sie kann aber noch weniger mit Zahn
unberührt bleiben. Wenn Zahn mit Recht erklärt, jenes gxeööv könne
unmöglich ein halbes Jahrhundert decken, sollte dann ov jtqö jtoXXov
XQÖvov beinahe ein ganzes Jahrhundert decken? Mir scheint es
gewiß, daß Irenäus auch hier vom Beginn seiner Lebenszeit rück-
wärts rechnet, so daß ov jtqö jtoXXov xqövov mit axsööv sjtI rrjg
2
^fierigag yeveäg inhaltlich zusammenfällt. ) Trotz alledem stimme
ich mit Harnack darin überein, daß die Stelle zu einer annähernd
genauen Bestimmung des Geburtsdatums des Irenäus nicht heran-
gezogen werden kann. 3 ) So viel muß aber als sicher angenommen
werden, daß es nach 130 nicht anzusetzen ist. Wenn Zahn meint,
nach dieser Stelle allein würde man eher 105 als 120 als Geburts-
jahr des Irenäus anzuerkennen geneigt sein, so ist dies durch nichts
begründet, insbesondere, da er selbst zugesteht, daß oxsdöv (ebenso
wie ov jtqö jtoXXov xqövov) ein relativer Begriff sei und Irenäus hier
das Interesse habe, die Abfassungszeit der Apokalypse seiner Gegen-
wart so nahe wie möglich zu rücken.

x
) Vgl. Akt. 13, 36; Dionys. Halic, III, 15: 'Em vijg i)fitvtgag ysveäg.
2
) Diese Auffassung teilt, wenn ich ihn recht verstehe, auch Labourt,
der sich hierüber folgendermaßen äußert (S. 66 f.): A notre avis o%tdöv inl vfjg

flfierägag yt-veäg peut tres bien se rapporter ä la date de naissance d'Irenee . . .

C'est trop peu estimer l'exactitude d'Irenee que de lui faire designer sous l'ex-
pression or tiqö twXX&ü yoövor l'espace de temps compris entre 96 et 185. Cette
designation est evidemment tres large; mais eile ne semble tolerable que si Irenee
se refere a la date de sa naissance S'il en est autrement et si nous admettons
. . .

les dates proposees par Harnack, ob .100 cto?.?.üv y/jörov devient un monstre
chronologique.
8) Vgl. Ehrhard, a. a. O. S. 264.
145

Auch mit dieser Stelle beschäftigte sich -jüngst eingehender-


weise Corssen, ) und zwar um namentlich auf Grund des Begriffes
1

yeved und der verschiedenen Verwendung desselben, wenn möglich,


das ungefähre Geburtsjahr des Irenäus zu bestimmen. Die Ergebnisse
seiner Untersuchung seien nachträglich hier beigefügt. Corssen hält
es mit Zahn für gewiß richtig, daß die nach einem bestimmten
Menschen benannte yeved ein von seiner Geburtszeit abhängig ge-
dachtes Zeitmaß sei, glaubt es aber bestreiten zu müssen, daß yeved
gleichbedeutend mit Lebensdauer genommen werden könne, wenn auch
in vielen Fällen beide Begriffe tatsächlich dasselbe bedeuten. H
e
fjfie-

ri-oa yeved bezeichnean unserer Stelle nicht sowohl die Generation


speziell des Irenäus als seiner Zeitgenossen überhaupt. Wo yeved auf
eine einzelne Person oder einen Kreis von Personen eingeschränkt
werde, sei die Dauer derselben sehr verschieden, je nachdem sie auf
ältere oder jüngere bezogen werde, und Leute von der wenn ältere
Generation ihrer Zeitgenossen sprechen, so werde dabei als Zeitmaß
die längste Spanne des menschlichen Lebens überhaupt unterschoben.
Auf diese Weise werde der Begriff der yeved gleich dem des lateinischen
saeculum, das als spatium vitae humanae longissimum partu et morte
definitum 2 ) gefaßt werde. Dies nun sei auch der Gebrauch, den Ire-
näus von dem Worte mache, und Harnacks Auffassung erscheine
durchaus gerechtfertigt. Irenäus spreche also in diesem Sinne von
der Generation seiner Zeitgenossen, gehöre aber selbst zu den älteren
Leuten dieser Generation und darum rede er von fi^eteqa yeved.
Wenn es demnach auch unmöglich sei, aus unserer Stelle eine Zeit-
bestimmung für die Geburt des Irenäus zu gewinnen, so werde
man doch sagen dürfen, daß dieselbe sicher dem Jahre 96 näher
liege als dem Jahre 185, und erscheine ein so später Ansatz wie 142
ausgeschlossen.
Corssens Darlegung sucht einigermaßen dem ^pteveqa gerecht
zu werden und weicht im Schlußresultate kaum viel von meiner
Ansicht ab; im übrigen befriedigt auch sie nicht. Es bleibt die
Schwierigkeit des ov jcqö jvoXaov %qövov, die nicht berührt wird.
'H rj/Ltevega yeved bezeichnet, wenn
doch in erster
nicht speziell, so
3
Linie die Generation des Irenäus. ) Die aus Eusebius (III, 32, 7. 8)
und Klemens (V, I) beigebrachten Beispiele scheinen mir nicht ab-
sonderlich zu stimmen. Wenigstens an letzterer Stelle (Xdßco/Liev vfjg
yeveäg fj^cöv vä yevala vjzodeiyfAata) hindert nichts, yeved von der
Lebenszeit des Klemens zu fassen, da der Märtyrertod des Petrus
!) Zeitschr. f. neutest. Wiss., 1903, S. 155 ff.
2
)
Censorinus, De die natali, c. 17.
r
3 Vgl. wenige Zeilen vorher: Hi((lg (Irenäus) ovx dmoxwöwGdofjb&v.
)

10
146

und Paulus, von dem ja vornehmlich die Rede ist, in die Lebenszeit
Klemens fiel.
l
)

Ad
Die zweimalige Angabe im Anhang der Vita Polycarpi nach
8.

der Moskauer Handschrift, 2 ) Irenäus sei Schüler Polykarps gewesen,


mag immerhin nicht als bessere Kunde über das Verhältnis des Irenäus
zu Polykarp hingenommen werden, ist aber nach dem bisher Gesagten
durchaus richtig und deshalb keineswegs belanglos. Sie beweist
wenigstens das eine, daß Pionius aus den auch uns bekannten
Schriften dasselbe wie wir gelesen hat. Es ist "Willkür zu sagen, die
Bezeichnung des Irenäus als /naö^rt/g IIoXvxdQJZov sei nicht zu pressen
und H/(u7fr .nuj' arrov sei ungenau.
Ob Irenäus in Rom als Lehrer aufgetreten, mag dahingestellt
bleiben.Aber weder der Umstand, daß keine Quelle für diese Nach-
richt angegeben wird, noch die Tatsache, daß Irenäus mehr als
20 Jahre später dem Eleutherius empfohlen wird, noch die den Tag
und die Stunde des Martyriums Polykarps betreffende Anekdote, die
Pionius aus den Schriften des Irenäus geschöpft haben will, noch
Irenäus, III, 8, 4 schließt eine gelegentliche Lehrtätigkeit vollständig
aus. Dagegen ist der doppeltbezeugte Aufenthalt des Irenäus zur Zeit
des Märtyrertodes Polykarps 155 sicherlich unbestreitbar und kann
keine willkürliche Erfindung sein. Z ahn sagt diesbezüglich mit Recht:
Wer von Irenäus nur aus der Kirchengeschichte des Eusebius oder
unbestimmter Überlieferung wußte, kannte ihn als Schüler des Polykarp
von Smyrna und als Presbyter und Bischof von Lyon und wußte im
besten Falle von einem kurzen Aufenthalt in Rom als Abgesandter
der Lugdunenser im Jahre 177, also in viel späterer Zeit, lange nach
dem Tode Polykarps. Hiezu kommt, daß sowohl was Irenäus in seinem
Hauptwerk 3 ) vom Aufenthalt Polykarps in Eom und namentlich von
dessen wohl damals sich ereignenden Zusammentreffen mit Marcion 4 )
berichtet 5 ) als auch was er in seinem Brief an Viktor 6 ) von der Be-
gegnung Polykarps und Anicets erzählt, allem Anscheine nach auf
Autopsie beruht. 7 ) Ist aber der Aufenthalt des Irenäus in Rom 155

i) Iren., III, 3, 3; Phil. 4. 3; Origen. in Joan. V, 36. Vgl. Eusebius, Hist.


eeci, III, 15; III, 4, 9.

3) Bei Funk, Patr. apost, 2


,
I, S. 343 f.
3) III, 3, 4,
4
)
Hier., De vir. ill., c. 17.
B
Kai airvbg dt Ifo/.o/jto.io; MaQTtlcovt tlotl eig otpiv avvq) i?.0övzi xcä </)'/-

mini, „:\nyiv6oxug fjfmg" ; d:u7jjil)»i' „imyi/mhoKG) %öv jiqcotötoxov tou Savavä. Man
vergleiche damit, wie Irenäus jene andere Nachricht Polykarps vom Zusammen-
treffen des Johannes mit Cerinth einleitet: Eiovv ot dwrfltoötEg avzov.
(;
j Eusebius, Hist. eccl., V, 24, 16.
7
) Bihlmeyer, Kath.. 1902, S. 319, Anm.
147

als sichere Tatsache festzuhalten, so dürfte sich einmal mit größter


Wahrscheinlichkeit ergeben, daß Irenäus der Begleiter Polykarps auf
seiner Romreise zu Papst Anicet war und von Rom nach kaum 1
)

allzulang dauerndem Aufenthalt wohl über Auftrag Polykarps nach


Gallien sich begab sodann aber ist sicher, daß Irenäus damals un-
;

möglich ein Knabe von 15 Jahren gewesen sein konnte, vielmehr


mindestens zirka 25 Jahre gezählt haben mußte. Somit bietet die
Vita Polycarpi doch einen nicht zu unterschätzenden Beitrag wenig-
stens zur Chronologie cles Irenäus. 2 )
Resultat. Harnacks Datierung der Geburt des Irenäus und
seines Zusammentreffens mit Florin bei Polykarp hat sich keines-
wegs als stichhaltig erwiesen. Irenäus kann ganz wohl 125 bis 130 (als
äußerste Grenze) geboren sein und als Knabe von 12 bis 15 Jahren 137
bis 140, beziehungsweise 142 bis 145 Florin bei Polykarp gesehen haben.
Da aber der Bericht über jenes Zusammentreffen sich durchaus nicht
als Erinnerung eines unreifen Knaben gibt, vielmehr ein bereits ver-

ständiges Alter voraussetzt, so dürfte die Begegnung des Irenäus mit


Florin mit gutem Rechte mindestens auf das 15. Lebensjahr, das ist
in die Zeit 140 bis 145 angesetzt werden müssen. Ferner hat sich er-
geben, daß ein länger dauerndes Schülerverhältnis des Irenäus zu
Polykarp nicht zu bezweifeln ist, um davon zu schweigen, Irenäus
habe Polykarp möglicherweise überhaupt nur bei einem mehrwöchent-
lichen Besuch in Smyrna gehört. Hiezu genügt die Zeit bis 150 voll-
auf. Ist endlich die Nachricht des Armeniers Sebeos, Irenäus habe sich
einmal in Laodikea aufgehalten, 3 ) wie auch Harnack 4 ) zugibt, nicht
unglaubwürdig, so hindert nichts, diesen Aufenthalt mit einem kürzeren
oder längeren Verweilen des Irenäus bei Papias in Hierapolis in Be-
ziehung zu bringen. So mögen wohl ein bis zwei Jahre vergangen sein.
Kehrte Irenäus sodann wieder zu Polykarp zurück und begleitete er
ihn 154 (152) 5 ) nach Rom, so konnte er, da er damals 25 Jahre kaum
überschritten hatte, immer noch sagen: Ich habe Polykarp in Jigcoty
rjhxla gesehen. Andrerseits ist auch der Zufall abgetan, den Harnack
ins Feld rücken läßt. Ich befinde mich also insofern in Übereinstim-
mung mit Zahn, als auch ich es für unmöglich erachte, daß Irenäus
nach 130 geboren sein könne. Hiefür macht Zahn 6 ) mit Recht auch
die Tatsache geltend, daß Irenäus nach einem vielleicht schon viel-

') Vgl. Hergenröther-Kirsch, a. a. O. I, S. 202.


2
)
Vgl. Boese, a. a. 0. S. 21.
3
)
Patres apostol., ed. Gebhardt 2
, I, 2, S. 101.
4 Chrono!, S. 324.
)

5) Sieh oben S. 137 f.


f<
) Forsch, z. Gesch. d. neutest. Kan., VI, S. 28.

10*
148

jährigen Presbyterat der Nachfolger des 177 verstorbenen Bischofs


Pothinus gewesen, was nach dem damaligen Kirchengebrauch ein
jüngeres Alter ausschliefe. Corssen ) verweist auch noch auf ein 1

weiteres subjektives Moment. Wenn Irenäus selbst für den Herrn


ein höheres Alter verlange, damit
Lehrer habe auftreten er als
2
können, ) das er auf annähernd 50 Jahre bestimme, so wäre das
unter der Voraussetzung, daß er selbst schon mit etwa 35 Jahren
das Bischofsamt übernommen, psychologisch unbegreiflich. Corssen
schließt seine Untersuchung zur Chronologie des Irenäus mit dem
Satze : Wir werden als sicher annehmen dürfen, daß Irenäus wohl
vor, nicht aber nach 130 geboren sein kann, und ich freue mich,
meine längst gemachten Ansätze hier nachträglich bestätigt zu finden. 3 )

5. Polykarp und Johannes.


Über dasVerhältnis Polykarps zu Johannes äußert sich Harnack: 4 )
„Eine Täuschung darüber, daß Polykarp sich auf seinen Verkehr mit
einem Johannes in seinen Predigten wirklich bezogen und diesen
Johannes zu den Herrnschülern gerechnet hat, ist bei Irenäus nicht
anzunehmen. Allein daß dieser Johannes der Zebedäide gewesen ist,
darüber kann er sich sehr wohl getäuscht haben (vorausgesetzt,
daß es einen andern hervorragenden Johannes in Asien
gegeben hat); ja eine solche Annahme ist deshalb sogar wahr-
scheinlich, weil er ja auch den Papias einen Hörer des Zebedäiden
genannt hat, während Eusebius, der diese Aussage an dem Werke des
Papias kontrollierte, nichts davon in demselben hat finden können."
Diese, übrigens keineswegs neue Aufstellung Harnacks haben wir hier
auf ihre Wahrheit zu prüfen. Ich glaube nun gegen Harnack und
andere im vorhergehenden bereits nachgewiesen zu haben, daß die
Voraussetzung eines zweiten hervorragenden Johannes in Asien
neben dem Zebedäiden unhaltbar, daß ferner der ö siQsaßvvsQoglcodvvrjg
bei Papias niemand anderer als der Apostel Johannes ist und sich
Eusebius diesbezüglich in seiner Erklärung des Papianischen Pro-
ö m i u m s geirrt hat, daß endlich irgend ein anderer Presbyter dieses
Namens nur ein ganz bedeutungsloser Mann und nicht einmal Herrn-

i) A. a. 0., 1903, S. 166. - 2


) II, 22, 5.
8
) K. Bihlmeyer (a. a. 0. S. 319, Anm.) macht noch aufmerksam, daß
Irenäus in seinem Briefe an Viktor (Eusebius, Hist. eccl., V, 24, 14) gerade bis
Xystus hinaufgehe, und es ist seine Frage keineswegs unbegründet, ob Irenäus
damit nicht etwa sagen wolle, daß er selbst den Pontiflkat des Xystus (ca. 116—125)
noch miterlebt habe.
4) Ohronol., S. 657.
L49

schüler,sondern nur Apostelschüler gewesen sein könnte. So könnten


wir uns füglich umsoeher mit der Ablehnung der Behauptung Har-
nacks begnügen, als Harnack selbst anderswo ) zugesteht, es müsse
1

offen ob sich Irenäus in seinen Erinnerungen an Polykarp


bleiben,
der Verwechslung zweier Herrnschüler namens Johannes schuldig
gemacht habe. Gleichwohl wollen wir einer eingehenden Prüfung des
Gegenstandes auf Grund des gesamten vorliegenden Materials nicht
aus dem Wege gehn.
Beruhen Aussagen des Irenäus über die Beziehungen Poly-
die
karps zum Apostel Johannes auf Irrtum, so hat er entweder den
Polykarp mißverstanden und einen weiter unbekannten Johannes mit
dem Apostel verwechselt oder Polykarp irrte in Betreff der Persönlich-
keit seines Lehrers Johannes. Beide Fälle müssen Berücksichtigung
finden, können aber unter einem erwogen werden.
Stellen wir vorerst übersichtlich zusammen, was Irenäus über das
Verhältnis Polykarps zur apostolischen Zeit zu berichten weiß, w obei
r

nur jene Stellen angeführt werden sollen, in denen ausdrücklich von


Polykarp die Rede ist. Es ist folgendes. I. Advers. haer. 2 ) Irenäus weiß,
daß Polykarp von den Aposteln gelernt, daß er einer der Apostelschüler
war, von den Aposteln unterrichtet wurde und mit vielen verkehrte,
die Christum gesehen hatten daß er von den Aposteln zum Bischof
;

in Smyrua eingesetzt worden; daß er bei einem Besuche in Rom unter


Anicet viele Häretiker zur Kirche Gottes bekehrte, indem er beteuerte,
einzig und allein diese "Wahrheit von den Aposteln empfangen zu
haben, die er der Kirche überlieferte. IL Epist. ad Florinum. 3 ) Irenäus
zählt den Polykarp zu den jzQsaßvtSQOi vor ihm, welche auch mit den
Aposteln verkehrt hatten (4); er nennt ihn (MixdQiog nah äuoGToXiKbc,*)
xoeößvTSQog (7); er erinnert sich genau, wie Polykarp oftmals von
seinem Verkehr mit Johannes und den übrigen, die den Herrn gesehen
hatten, erzählte und wie er über ihre Reden und über das, was er von
ihnen, den Augenzeugen des Wortes des Lebens, über den Herrn, über
seine Wunder und seine Lehre gehört, berichtete (6), und für dies
alles macht er den Florin zum Mitzeugen und will ihn gerade dadurch
5
für die wahre Lehre wiedergewinnen. III. Brief an Viktor. ) Irenäus

erinnert den Papst Viktor daran, wie einst Polykarp in offizieller


Verhandlung gegenüber Anicet zu Gunsten der asiatischen Osterfeier
ohne Widerspruch zu finden, sich darauf berufen, daß er mit Johannes,

i) Chrono!, S. 668.

2) in, 3, 4.
3
)
Eusebius, Hist. eccl., V, 20, 4 ff.

4
)
Vgl. zu diesem Ausdruck Tertullian, Adv. Marc, 4, 2: Lucas apostolicus.
5
)
Eusebius, V, 24, 16.
:

L60

dem Jünger des Herrn, und den übrigen Aposteln, mit denen er
zusammengelebt, es stets also gehalten habe.
Und nun ziehen wir diese Aussagen des Irenäus völlig unbefangen
und voraussetzungslos in Betracht, achten wir dabei darauf, mit welcher
Gewißheit und Bestimmtheit sich Irenäus äußert, mit welcher Über-
einstimmung er seine Aussagen bei verschiedenen Gelegenheiten
wiederholt; fassen wir ferner ins Auge, daß er nach ausdrücklicher
Erklärung wenigstens zum Teile seine Mitteilungen aus dem Munde
Polykarps selbst (II) gehört hat, zum Teile dies mit höchster Wahr-
scheinlichkeit angenommen werden muß (III), umsomehr als er die
Nachrichten, die er nur vom Hörensagen weiß, wie die Begegnung
des Johannes mit Cerinth genau als solche kennzeichnet, zum Teile
dieselben Nachrichten als allgemein bekannt und anerkannt hinstellt (I);
übersehen wir auch nicht, daß Irenäus den Polykarp nicht bloß von
seinem Verkehr mit Johannes, sondern auch mit den übrigen, die den
Herrn gesehen hatten, die Apostel und Augenzeugen des Wortes des
Lebens gewesen waren, erzählen gehört hat; achten wir endlich ins-
besondere auch darauf, daß Irenäus mit seinen Ausführungen gegen-
über Florin und Viktor seinen Zweck gänzlich verfehlt hätte, wenn
die angerufenen Tatsachen dem geringsten Zweifel unterlegen wären
welche Schlußfolgerung ergibt sich aus all dem mit Notwendigkeit?
Nicht diese, daß Irenäus tatsächlich es als Ohrenzeuge weiß, daß
Polykarp selbst seinen Lehrer Johannes ausdrücklich als Apostel
bezeichnete oder wenigstens unzweideutig als solchen zeichnete, und
daß seitens des Irenäus ein Irrtum diesbezüglich, eine Verwechslung
in der Person des Johannes nicht vorliegen kann?
Die Richtigkeit dieser Schlußfolgerung wird durch weitere Er-
wägungen durchaus bekräftigt, die auch an sich schon einen Irrtum
in Betreff des Johannes als höchst unwahrscheinlich, wenn nicht als
unmöglich erscheinen lassen. Einmal nämlich ergeben sich aus der
Annahme, Irenäus habe für seine Person die Aussagen des Polykarp
über seinen Lehrer mißverstanden und in seinem jugendlichen Alter
den Herrnjünger Johannes, von dem Polykarp gesprochen, mit dem
Apostel verwechselt, unannehmbare Konsequenzen. Sagte er denn
dem Polykarp niemals, für wen er jenen Johannes halte? Fragte er
ihn niemals, wer jener Herrnjünger sei, von dem er ihm so viel er-
zählte? Ferner hatte Irenäus keine Mitschüler bei Polykarp? Unter-
redete er sich niemals mit ihnen über das, was sie mit ihm von
Polykarp gehört? Hörten nicht auch andere die Vorträge des „Lehrers
Asiens", des „Vaters der Christen" ? *) Waren auch diese alle im

J
) Martyrium Polycarpi, XIII, 21 (Eusebius, Hist. eocl., IV, 15, 26;.
151

gleichen Irrtum befangen? Verkehrte weiter Irenäus einzig und allein


mit dem Presbyter Polykarp ? Traf auch mit anderen
er nicht vielmehr
Presbytern zusammen, die gleichfalls wie Polykarp den Johannes,
den Jünger des Herrn, gesehen und gehört hatten? 1 ) Sprachen diese
niemals mit ihm über ihren und Polykarps gemeinsamen Lehrer?
Hatten auch diese sich über die Person ihres Lehrers geirrt? Oder
war ihnen im Laufe weniger Dezennien die Erinnerung an die Person
des Herrnjüngers Johannes so gänzlich entschwunden, daß sich ihnen
an die Stelle des Herrnjüngers der Apostel Johannes einschob? Hier
verlieren wir uns in der Tat bereits ins Widersinnige. Diese Sachlage
ändert sich kaum, wenn Irenäus diese Presbyter nicht selbst gehört,
sondern ihre Aussagen nur mittelbar überkommen hätte, außer man
wollte Gewährsmänner des Irenäus zu Lügnern und Betrügern
die
stempeln. Oder sollte Irenäus etwa erst in hohem Alter infolge ein-
tretender Gedächtnisschwäche dem Irrtum über das, was er in seiner
Jugend von Polykarp über Johannes gehört, verfallen sein, so daß er
sowohl in seinem Brief an Viktor als auch im Schreiben an Florinus
und in seinem großen Werke den Apostel an die Stelle des Herrn-
jüngers setzt? Aber rühmt sich nicht Irenäus im Briefe an Florinus,
daß er das, was er in seiner Jugend gehört, besser wisse als spätere
Ereignisse? Und wie erklärt sich dann das 30 Jahre ältere auf die
ephesische Tradition zurückgehende Zeugnis Justins von der Ab-
fassung der Apokalypse durch den Apostel Johannes, die den Aufenthalt
des Apostels in Asien fast bis zur Jahrhundertwende zur unbestreitbaren
Voraussetzung hat? Wie erklärt sich die auf selbständiger Quelle
beruhende Erzählung des Kl e mens Alex. 2 ) von der Wirksamkeit
des Apostels Johannes nach seiner Rückkehr von Patmos? Verweilte
der Apostel Johannes bis zum Ende des Jahrhunderts in Asien, so
mußte ihn Polykarp gehört haben. Endlich, um weitere Zeugnisse zu
übergehn, wie erklärt sich das Zeugnis des Eusebius, der nicht
bloß Irenäus „gründlich" las, dem auch noch
gesamte christliche die
Literatur der früheren Jahrhunderte zu Gebote stand und „dem man
eben glauben muß" (Mommsen)? Zählt nicht auch Eusebius trotz des
Presbyter Johannes, den er im Papianischen Proömium gefunden zu
haben glaubt, Polykarp zu den Schülern des Apostels Johannes? 3 )
Nennt nicht auch er ihn rcbv djvoaröXcov öfMXsvrjg? ) Berichtet nicht 41

auch er, augenscheinlich mit Bezug auf den Apostel Johannes, daß

!) Vgl. oben S. 149.


2 Quis dives salvus, p. 42.
)
3
) Chronik, Ad annuni Abrah. 2115 (ed. Schöne, pag. 163). Vgl. Hist. eccl.,
IV 7
15, 46. Vgl. Z
4 Hist, eccl., III, 36,
)
1.
162

Polykarp rt)r xavä -ucnrar nor advojivcor xcü <umiQEV(üv


faotfuqfslaq TtQÖg

rar kvqIov rijr Litoy.om'})' überkommen habe? Ist auch einem Eusebius
durch Irenäus dieser Irrtum aufgedrängt worden?
Gwatkin, der an der Existenz eines Herrnjüngers Johannes
neben dem gleichnamigen Apostel festhält, kommt zum gleichen
Resultate und fügt noch folgende Erwägung bei, 1 ) die wohl subjektiver
Art, aber trotzdem keineswegs für nichts zu erachten ist. He (Polycarp)
hold familiär intercourse (öwavaOTQO(pi]v) with John and with many
others who had seen Christ, and used to teil the störies he had heard
from them about the Lord and about his miracles and about his
teacliing. There must liave been a great difference, perhaps
in the stories themselves, and certainly in the telling of them,
between the Lord's own apostle and the eider John, who
did not belong to the inner circle of the disciples. One was many
times an eye-witness of what the other could teil only
from hearsay. It is hard to suppose that Polycarp' s discourses did
not often enough show plainly which of the two Johns had been his
teacher. Did he never teil how the Baptist pointed out the lamb of
God? Or did he leave out the crucifixion from his teacher's Gospel?
Es ergibt sich also: Liegt ein Irrtum vor, so hat sich dessen
nicht Irenäus, sondern schon Polykarp schuldig gemacht, nicht Irenäus,
sondern bereits den Herrnjünger mit dem Apostel
Polykarp hat
Johannes verwechselt, oder man müßte das Unmögliche annehmen,
daß Irenäus ein abgefeimter Betrüger war.
Wenden wir uns also nunmehr Polykarp zu. „Durch das absolut
glaubwürdige Zeugnis des Irenäus ist es erwiesen, daß Polykarp sich
gerühmt hat, mit Johannes und mit anderen, die den Herrn gesehen
haben, zusammengewandelt zu sein, und niemand zweifelt daran, daß
Irenäus unter diesem Johannes den Zebedäiden versteht." 2 ) Nicht
minder sicher erscheint es aber nach dem eben Gesagten, daß Polykarp
als seinen Lehrer diesen und keinen andern entweder ausdrücklich

genannt oder wenigstens unzweideutig gezeichnet haben muß. Nun


erhebt sich die Frage Konnte Polykarp seinen Lehrer, falls er nicht
:

der Apostel, sondern nur Herrnschüler war, verwechselt haben? Ich


antworte auf diese Frage mit dem entschiedensten Nein. Sehen wir vor-
erst von der Anwesenheit des Apostels Johannes in Asien ab. Eine
solche Verwechslung hätte bei Polykarp nur entweder eine bewußte
oder unbewußte sein können, das heißt, Polykarp wußte entweder,
daß sein Lehrer der Herrnschüler und nicht der Apostel war, und dann

i) A. a. O. S. 225 f.

2) Juli eher, Einl.4, S. 319.


153

war er, wenn und Erzählungen, deren Ohren-


er in seinen Predigten
zeuge Irenäus wurde, vom Apostel Johannes sprach, ein Betrüger;
oder er wuJite es nicht, dann war er selbst ein Betrogener. Ersteres ist
zu monströs, als daß es einer Widerlegung bedürfte und wurde auch
von niemand behauptet; aber auch letzteres ist eine Unmöglichkeit.
War der Herrnjünger Johannes Polykarps Lehrer und stand Polykarp
mit ihm längere Zeit, Jahre hindurch im vertraulichen Verkehr, ) so 1

konnte er sich über dessen Person nicht getäuscht haben. Ahnliche


Fragen, wie wir sie bei Irenäus aufgeworfen, kehren hier wieder.
Fragte Polykarp seinen Lehrer niemals nach seinem näheren Ver-
hältnis zum Herrn ? Sagte er ihm niemals, für wen er ihn halte ? Kam
dieser niemals selbst darauf zu sprechen? Erzählte er niemals von
den Aposteln und insbesondere auch vom Apostel Johannes? Und
trotz alldem hätte Johannes den wahren Sachverhalt sorgfältigst
geheim zu halten und Polykarp zu täuschen gewußt? Glaube das,
AVer will.Mir erscheint eine solche Annahme ebenso wie Gwatkin als
eine Verleugnung der menschlichen Natur.
War ferner Polykarp der einzige, der mit dem Herrnjünger
Johannes gewandelt? Hat außer Polykarp niemand ihn erzählen gehört
vom Herrn und von seinen Wundern und seiner Lehre ? Bezeugt nicht
Irenäus eine Mehrheit von Presbytern, die mit Johannes, dem Jünger
des Herrn, bis zur Zeit Trajans in Asien zusammen waren? 2 ) Sind
diese alle Weise wie Polykarp über dessen Person ge-
in gleicher
täuscht worden ? Verkehrte Polykarp einzig und allein mit dem Herrn-
jünger Johannes? Rühmte er sich nicht, auch noch mit anderen, die
den Herrn gesehen hatten, zusammen gewandelt zu sein ? 3 ) Kannte
keiner von ihnen den Apostel Johannes? Konnte oder wollte keiner
von diesen seinen Irrtum über die Person seines Lehrers berichtigen?
Wie erst, wenn nach Mommsen, Corssen und anderen Johannes
gar kein Herrnschüler, sondern nur Schüler der Apostel war? Erscheint
in diesem Falle die Annahme einer Verwechslung mit dem Apostel
durch Polykarp nicht doppelt unmöglich ? Und vollends, ist eine solche
Annahme nicht ganz und gar widersinnig, wenn die unleugbare Tat-
sache des Aufenthaltes des Apostels Johannes in Asien mit in den
Kalkül gezogen wird ? Der Apostel Johannes kann nicht vor zirka 70
nach Asien gekommen sein. Fragen wir hier nicht, wie lange sein

*) Vgl. Brief des Irenäus an Viktor (Eusebius, V, 25, 16) bezüglich der
asiatischen Osterfeier: Ovze ö 'AvlxrjTog %6v IIoXvadQJiov Titloav idvvavo \x/r\ Trjgelv,

äre /Lierä 'Icoävvov xov ßadrjTov zov kvqiov tj/liöjv nal töv Xomcbv dnoazöXcov olg
ovvdit'UQiipLv, äel Tf>Tr)Qr)xÖTa.
2 II, 22, 5.
)

8) Eusebius, Hist. eccl., V, 20, 4. 6.


164

Aufenthalt und Leben in Asien währte. Kinige Zeit muß ohne Wider-
rede zugestanden werden. Ferner wird niemand glauben wollen, daß
der feurige Apostel in dieser Zeit seines apostolischen Berufes gänzlich
vergessen und nicht die geringste öffentliche Tätigkeit entfaltet habe,
vielmehr konnte er nicht nur, wie Jülicher *) sich ausdrückt, er mußte
auch zwischen 70 und 100 das Christentum in Asien zum mächtigen
Aufschwung gebracht und der dortigen Kirche auf lange hin den
Stempel seiner Persönlichkeit aufgedrückt haben. Bei diesem Sach-
verhalt könnte immerhin angenommen, nicht zugegeben, werden, Poly-
karp habe den Apostel Johannes selbst nicht mehr gesehen. Aber
waren alle Augen- und Ohrenzeugen der Wirksamkeit des Apostels
schon tot, Polykarp zum Jünglinge, zum Manne heranreifte, seine
als

Tätigkeit als Lehrer Asiens, als Vater der Christen begann und sich
als Schüler des Apostels Johannes und anderer, die den Herrn
gesehen, ausgab, trotzdem er nur Schüler des Herrnjüngers oder
richtiger des Apostelschülers Johannes war? Schwiegen sie alle zu
diesem Irrtum Polykarps? Oder besser, approbierten sie ausdrücklich
seinen Irrtum, indem sie nicht nur seine untadlige Heiligkeit in den
höchsten Lobsprüchen priesen, sondern ihn auch öiödoxakog djiooro-
?uy.6g nannten? 2 ) Aus diesem Grunde allein ist nichts sicherer als
daß Polykarp weder ein Betrüger noch ein Betrogener sein konnte,
daß er vielmehr war, wofür er sich ausgab, Schüler des Apostels
Johannes. Der Presbyter Johannes aber existierte entweder niemals
oder er sinkt zur gänzlichen Bedeutungslosigkeit hinab. Wir gelangen
also hier zum gleichen Resultate, zu dem eine anderweitige Betrachtung
bereits führte.
Es fragt sich aber noch, ob nicht chronologische Schwierigkeiten
die Aussagen des Irenäus über das Schülerverhältnis Polykarps zum
Apostel Johannes unsicher und eine Verwechslung des Apostels mit
einem Presbyter Johannes wahrscheinlich machen, wie dies wieder
neuestens namentlich Wetz el 3 ) in bestimmter Tendenz darzutun sich
bemühte. Wir können heute darüber hinweggehn, wenn Wetzel auch
auf Grund des von Eusebius (richtiger von Hieronymus) berichteten
Todesdatums Polykarps (166) 4 ) dies erweisen will, und umsomehr,
wenn durch Erbes Untersuchung über den Regierungsantritt Anicets 5 )
die Schwierigkeit sich beseitigen läßt, die Polykarps Romreise 154
bisher gemacht hat. 6 ) Wetzel meint aber auch, daß selbst mit der

!) EM., S. 340.

2) Vgl. Martyr. Polycarpi. Eusebius, Hist. eccl., IV, 15, 6. 13. 30. 39. 40. 46.

3) A. a. O. S. 168 ff.

*) Vgl. Harnack, Chrono!., S. 346 f. -- 5


) Sieh oben S. 137.

*) Vgl. Harnack, Chronol., S. 345f.; Bihlmeyer, Katholik, 1902, S. 324.


155

Annahme, daß Polykarp 155 gestorben und 69 geboren sei, für den
Verkehr Polykarps mit dem Apostel Johannes nicht viel gewonnen
sei, daJ3 vielmehr auch unter dieser Voraussetzung alles dafür spreche,
daß Irenäus den Apostel mit dem Presb} ter verwechselt habe. Zu r

diesen Ergebnissen kommt Wetzel hauptsächlich durch folgende Er-


wägungen: 1. Irenäus behaupte, 1 ) Polykarp habe nach eigener Aus-
sage mit dem Apostel Johannes und den übrigen Aposteln (fievä tCov
lomcbv djioovÖAcov), also wenigstens mit drei Aposteln, Umgang gehabt
und mit ihnen wiederholt das Passah gefeiert. Dies könnte nur in den

Jahren 80 90 geschehen sein. Es sei aber äußerst unwahrscheinlich,
daß damals noch drei wirkliche Apostel gelebt hätten und daß diese
dreiApostel so nahe nebeneinander gewesen sein sollten, daß Poly-
karp mit allen dreien hätte Umgang haben und wiederholt das
Passah feiern können. Folglich könnten die „übrigen Apostel" keine
Apostel im Sinne der Zwölf, sondern nur im weiteren Sinne, d. h. Leute
gewesen sein, Kinder gesehen und
welche Jesus vielleicht nur als
gehört und sich später der Verkündigung des Evangeliums zugewendet
hätten, solche Leute habe es am Ende des 1. Jahrhunderts noch viele
geben können. Wolle man nicht die ganze Nachricht des Irenäus
überhaupt als ungenau ansehen, so sei es das Natürlichste, auch
Johannes nur als Apostel im weiteren Sinne zu fassen. 2. Irenäus
berichte weiter, Polykarp sei von Aposteln auch zum Bischof von
Smyrna eingesetzt worden. 2 ) Nun könne Polykarp unmöglich vor
Anfang des 2. Jahrhunderts Bischof geworden sein. "Wie viele Apostel
im strengen Sinne des Wortes könnten aber damals noch gelebt
haben? Hier sei die Ungenauigkeit des Irenäus handgreiflich. Selbst
die Einführung Polykarps in sein Amt durch eine Mehrheit nicht-
apostolischer Augenzeugen sei schwer zu glauben. Daß ein solcher,
der Presbyter Johannes, im Anfang des 2. Jahrhunderts noch in Klein-
asien gelebt und ihn eingesetzt habe, könne man glauben, mehrere
kaum, da selbst diejenigen, die Jesus nur als Kinder gesehen, damals
schon über 80 Jahre und jedenfalls seltene Erscheinungen gewesen
sein müßten.
Wetzeis Ergebnisse entbehren unter der Voraussetzung der
Richtigkeit des auch von ihm rezipierten Geburtsdatums Polykarps
nicht des Scheines der Wahrscheinlichkeit, abgesehen vom Wider-
spruche, daß er S. 169 behauptet, Apostel im oben angegebenen
weiteren Sinne habe es am Ende des 1. Jahrhunderts noch viele
geben können, dagegen S. 170 dieselben am Anfang des 2. Jahr-
hunderts nur mehr seltene Erscheinungen sein, ja nur einen einzigen

i) Eusebius, Hist. eccl., V, 24, 16. - 2


) III, 3, 4.
156 _
Augenzeugen noch leben läßt Die unter der genannten Voraus-
setzung aufscheinenden chronologischen Schwierigkeiten bestehn in
der Tat und können weder, wie dies nicht selten geschieht, ignoriert
noch weggeleugnet werden. Auch Zahn ) erklärt es für unglaublich, 1

da13 —
um 80 90 in Asien noch viele Jünger und mehrere Apostel als
Lehrer tätig waren, und hält die Einsetzung Polykarps in das bischöf-
liche Amt durch eine Mehrheit von wirklichen Aposteln unter der
genannten Voraussetzung für vollends ausgeschlossen und für eine
durch kein mögliches Mißverständnis und Verwechslung zu erklärende
und zu entschuldigende Unwahrheit. Diese Schwierigkeiten beseitigt
indes Wetzel nicht, ja dürfte dieselben noch vermehren. Denn 1. ist es
an sich schwer zu glauben, daß Irenäus die vielen, die vielleicht nur
als Kinder den Herrn gesehen, als Apostel bezeichnet habe. 2 ) Ganz
unmöglich aber ist diese Annahme in Hinsicht darauf, daß er einmal
die Apostel ausdrücklich von den vielen,
Christum gesehen, die
unterscheidet, ) ein anderes Mal die einen wie die anderen zum Kreise
3

der Autopten zählt, aus deren Mund Polykarp so viele Einzelheiten


über das Leben und die Lehre des Herrn vernommen hatte. 4 ) 2. Waren
die „übrigen Apostel" Leute, die als Erwachsene den Herrn gesehen
hatten und dessen Schüler gewesen waren, so könnte Johannes, falls er
und Herrnschüler war, an und für sich allerdings ein Apostel
existierte
in diesem Sinne gewesen sein; aber damit ist für den Umgang Poly-
karps mit ihm und den übrigen Aposteln wenig und für seine Ein-
setzung in das bischöfliche Amt durch eine Mehrheit von Aposteln
gar nichts gewonnen. Denn wie
auch in diesem Sinne
viele Apostel
können damals noch zugleich, so nahe nebeneinander, gelebt haben?
Es spricht demnach einerseits nicht alles, sondern nichts dafür, daß der
Apostel mit dem Presbyter Johannes verwechselt wurde, und andrer-
seits trägt die Annahme der Verwechslung unter der obengenannten
Voraussetzung nichts zur Lösung der Schwierigkeiten bei. Da ferner
von einer Ungenauigkeit des Irenäus oder Polykarp, aus der über-
haupt kein Schluß gezogen werden könne, bei der Bestimmtheit der
wiederholten übereinstimmenden Aussagen keine Rede sein kann,
so bleibt zur Behebung der Schwierigkeiten in der Tat nur der Weg
übrig, den Zahn durch seine Untersuchung über das Geburtsjahr Poly-
karps angezeigt hat.
Zahn 5 ) Grund der bekannten, im unbedingt glaub-
konstatiert auf
würdigen Bericht der Smyrnäischen Gemeinde über Polykarps Mär-

J) Forsch, z. Gesch. d. neutest. Kan., VI, 99 f.


2) Vgl. Zahn, Forsch, z. Gesch. d. neutest. Kan., VI, 6 ff., 74 f. — 3
) III, 3, 4.

*, Euse Mus, Hist. eccl., V, 20, 4. 6.

5) Forsch, z. Gesch. d. neutest. Kan., VI, S. 95 f.; IV, 262.


:

__ 157
_
tvrertod Polykarp dem Prokonsul auf die
erhaltenen Antwort, die
Aufforderung, Christum zu lästern, gab: ) 'Oyöoijxorrd xal £f ex>) 1

fovkevco 2) avvCo xai oööbi' ue t)dtyjjo?r, daß Polykarp zur Zeit seines
t

Todes 86 Jahre Christ war, also vor 86 Jahren durch die Taufe in
die Zahl der Knechte Christi aufgenommen worden war.
Hierin stimme ich vollkommen bei. DaJ3 Polykarp nicht von
seinem Lebensalter überhaupt, sondern von den Jahren des Dienstes
Christi redet, Ferner halte ich es für höchst
ist unbedingt sicher. 3 )
wahrscheinlich, um nicht zu sagen, für gewiß, daß der nächstliegende,
natürliche Sinn der Worte Polykarps nicht der ist: Ich bin als Christ,
richtiger, von christlichen Eltern geboren und jetzt 86 Jahre alt, 4 )
sondern vielmehr Es sind 86 Jahre, seit ich durch die Taufe Christi
:

Diener bin. Die Geburt von christlichen Eltern macht weder nach
der Natur der Sache, trotz 1. Kor. 7, 14, noch nach altchristlichem
Sprachgebrauche zum Diener Christi, sondern die Taufe. Fiunt, non
nascuntur christiani, bezeugt Tertullian. 5 ) Harnack meint allerdings,
daß die von ihm ohne Angabe eines Grundes bevorzugte Lesart
mehrerer Handschriften e,%co öovXevcov aww 6 ) sei ersterer Auffassung
:

günstig, ja fordere sie fast, und verweist hiebei auf das Wort des
Polykrates 7
) 'Eyw E^xovraund die Antwort tcevve e%cov ev xvgiq)
8
des Papylus: ) 'Ajzö vEovrjvog $eg) öovXevg). Aber weder gibt diese
Lesart einen* andern als den von Zahn festgestellten Sinn, noch
müssen die übrigen angezogenen Zitate im Sinne Harnacks gefaßt
werden. 9 ) Über die von Zahn 10 ) beigebrachten Belege und na-
mentlich über das klassische Beispiel des als Kind heidnischer Eltern
geborenen und in Alexandria Christ gewordenen Hilarion, der, in
seinem 80. Lebensjahre stehend, seiner Seele zurief: Septuaginta
11
prope annos servisti Christo et mortem times?, ) geht Harnack
mit anderen stillschweigend hinweg, indem er sich begnügt, Zahns
Voraussetzungslosigkeit zu bezweifeln.
1
)
Martyr. Polycarpi, 9, 3.
2
)
Nach den besten Zeugen: Moskauer Handschrift Eusebius, ; Hist. eccl.,
IV, 15, 20; Chronol. Pasch., 481, 12; Kuf.Z
3
)
Vgl. Bardenhewer, S. 148, Anm. 2; Funk, "Wetzer und Weites
Kirchenlex., s. v. Polykarp.
4
)
Harnack, Chronol., S. 342. — 5) Apol. 18.
6
)
Lat. : Octogesimum iam et sextum annum aetatis ingredior, nomini eius
probatus et serviens semper.
7
)
Eusebius, Hist. eccl., V, 24, 7.
8 Martyr. Carpi, Papyli etc. (Texte u. Unters., III), 34.
)
9
)
Vgl. Zahn, Forsch, z. Gesch. d.neut.Kan, VI, S.214 u. Anm.l; S.96, Anm.l.
!<>) Forsch, z. Gesch. d. neutest. Kan., IV, S. 262; VI, S. 96, Anm. 1.

n ) Hieronymus, Vita Hil., 2. 45. Vgl. Anal. Hierosol., ed. P. Kerameus,


V. 134 f. : §ßÖ0fjWf)X0VTCt i'tij fiSoö/.i rang T(p Xoioto>.
158

Eine andere Frage ist es, ob nicht etwa Polykarp ein Kind
christlicher Eltern war und als Säugling getauft wurde und also
die Jahre seines Dienstes Christi nicht tatsächlich mit seiner Lebens-
dauer nahezu zusammenfallen. An und für sich wird sich diese Frage
nicht unbedingt verneinen lassen. Es fehlt nicht an sicheren Bei-
spielen von Kindertaufen in der urchristlichen Zeit, ) und die be- 1

stimmten Zeugnisse eines Cyprian 2 ) und Origenes 3 ) gelten nicht bloß


für ihre Zeit. Aber sehr wahrscheinlich ist es nicht. Kindertaufen
waren damals jedenfalls nicht die Regel, 4 ) und es mag Harnack 5 )
wohl im Rechte sein, wenn er die allgemeine Praxis der Kindertaufen
erst nach der Mitte des 2. Jahrhunderts gelten läßt.
Zahn 6 ) bemüht sich, bezüglich Polykarps durch ein dreifaches
Argument positiv das Gegenteil nachzuweisen. Nach Irenäus 7 ) 1.

sei Polykarp als Heide (Jude) geboren und unter dem Einflüsse der
Predigt von Aposteln bekehrt, zum Glauben und zur Taufe geführt
worden (vjtö änoovokcov Polykarp blicke um
{lafrrjTsv'd'eig)
8
). 2.

HO ) auf eine Zeit zurück, da er mit den Presbytern von Smyrna,


9

den Mitverfassern seines Briefes an die Philipper, Gott noch nicht


kannte. 3. Die Vita Polycarpi des Pionius berichte nicht unglaub-
würdig, daß der aus einem östlichen Lande (Syrien ?) stammende
Polykarp als Knäblein (jzaiödQiov) von Sklavenhändlern in Smyrna
an eine reiche Christin namens Kallisto verkauft und von dieser
anständig und im christlichen Sinne erzogen worden sei. Da aber
nicht erwähnt werde, daß er ein Christenkind gewesen, was doch als
Motiv für den Ankauf des Knaben seitens der Kallisto nicht ver-
schwiegen sein würde, so werde er ein Heidenkind gewesen sein.
Danach setzt Zahn Polykarps Taufe auf 69 (155 86) an damals — ;

10

müsse Polykarp mindestens 10 12 Jahre alt ) gewesen sein, so daß
seine Geburt bald nach 55 falle. Im Alter von 30 35 Jahren (85 90) — —
!) Vgl. Acta Justini (ed. Otto, Corp. Apol., III), c. 4. Weitere Beispiele bei
Katschthaler, Theol. dogm., IV, S. 220.
2
)
(Migne, P. 1., III, pag. 1018): A baptismo nemo prohibetur,
Epist. 59, 2
quanto magis prohiberi non debet infans, qui recens natus.
3
)
L. V, in ep. ad Kom., c. 9 (Migne, P. gr., XIV, pag. 1047): Ecclesia ab
apostolis traditionem suscepit, etiam parvulis dare baptismum.
4) Vgl. Tertullian, De baptismo, c. 18 (Migne, P. 1., I, pag. 1221).

)
Die Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten Jahr-
5

hunderten, 1902, S. 280. Vgl. auch Schlecht, Die Apostellehre, 1901, S. 69. 75.
«) Forsch, z. Gesch. d. neutest. Kam, IV, S. 251 ff.; VI, 96 ff.

*) III, 3, 4 (Eusebius, Hist. eccl., IV, 14, 3).


8
) 2: Polykarp war nicht bloß „ein Jünger von den Aposteln".
9) Ep. ad Phil. 11, 3.
10
) Vgl. VI, S. 98, Anm. 1.
159

habe er die Stelle eines Bischofs von Smyrna erhalten, ) womit gut 1

stimme, wenn Polykarp um 110 aus den Briefen des Ignatius wie aus
seinem eigenen Briefe als ein weit über die Grenzen seiner Gemeinde
und sogar seiner Provinz hinaus verehrter Bischof und Lehrer ent-
gegentrete. Bei seinem Tode sei er ein hoher Neunziger gewesen.
1
-')

Zahn verweist diesbezüglich auf die starken Ausdrücke der nächst-


stehenden Zeugen über das außerordentliche Alter, in welchem Poly-
karp starb. 3 ) Auf Grund dieser Ansätze stellt Zahn fest, daß nach
Irenäus im Jahre 69 mehrere wirkliche Apostel in Smyrna als
Prediger aufgetreten seien und auf die Bekehrung Polykarps einen
entscheidenden Einfluß gehabt hätten. 4 ) Dagegen läßt er bei seiner
Bestellung zum Bischof außer dem Apostel Johannes nur noch andere
oder wenigstens einen andern Jünger Jesu beteiligt sein. 5 )
Im wesentlichen nun, worauf es hier ankommt, wird es schwer
sein, Zahns Ausführungen zu widerlegen, in allen Einzelheiten freilich

ist es kaum möglich zuzustimmen. So kann es nicht befriedigen, wenn

Zahn den Ausdruck djioavoXoi in einem und demselben Satze 6 ) im


verschiedenen Sinne faßt, das eine Mal von eigentlichen Aposteln, das
andere Mal nebst dem Apostel Johannes von anderen Herrnjüngern. 7 )
Eine solche Interpretation einer wörtlich gleichlautenden Aussage
desselben Satzes trägt nicht den Stempel der Wahrscheinlichkeit.
Im übrigen sei folgendes bemerkt.
Ad 1 und 3. Zahn hat gewiß mit der Behauptung recht, daß das
absolut gebrauchte ißad'svvrjvrj nach altkirchlichem Sprachgebrauche
weder besage, Polykarp sei Schüler der Apostel gewesen, noch bloß,
er sei von Aposteln belehrt worden, habe irgendwelchen Unterricht
von denselben empfangen, 8 ) sondern vielmehr, Polykarp sei von Aposteln
durch Unterricht und die Spendung der Taufe zum Jünger Christi ge-
macht worden. Die von ihm gebrachten Belege sowohl aus dem Neuen
Testamente als aus der altchristlichen Literatur 9 ) lassen hierüber keinen

!) Vgl. hiezu VI, S. 84, Anm. 3, und 100, Anm. 1.


2
)
Zahn findet Polykarp auch Apok. 2, 8 ff. Vgl. Ein!., II, 8. 603.
3
) Irenäus, III, 3, 4: Tlävv yi]ga?.eog. — Mart. Polyc. 7, 2: @avfjt,a£6vTC0V tv>v
naoövTcyv t>iv i)/jy.iav ai)rov. Vgl. 9, 2.
4
)
Vgl. zum Aufenthalt des Andreas u. Philippus in Asien Zahn, Einl., II, S. 569,
und J. Haußleiter, Zwei apost. Zeugen für das Johannes -Evangelium, 1904, S.51ff'.
5
)
Forsch, z. Gesch. d. neutest. Kan., IV, S. 261, läßt er auch damals noch
mehrere Apostel in Kleinasien unter den Lebenden weilen.
6 Irenäus,
) III, 3, 4.
7
)
Forsch, z. Gesch. d. neutest. Kan., VI, S. 100. Konsequent verfährt dies-
bezüglich Zahn, Forsch, z. Gesch. d. neutest. Kan., IV, S. 261.
8
)
Vet. Lat.: doctus. Ruf.: eruditus est. 2: War ein Schüler von den Aposteln.
9
)
Forsch, z. Gesch. d. neut. Kan., IV, S. 260; VI, S. 96, Anm. 2. Vgl. insbeson-
dere Matth.28, 19; Akt. 14, 20. Sieh auch Tourn ely, Migne, Curs.theol., XXI, p.486.
160

Zweifel, auch wenn uathjrai in der Zeit nach der Apostelgeschichte


als Bezeichnung der Christgläubigen 1 ) nicht mehr zu belegen sein
sollte. 2
) Damit ist das eine gewiß, daß Polykarp nicht als Säugling
getauft wurde, daß sein Christusdienst nicht mit dem Lebensalter
zusammenfiel, daß er vielmehr, als er durch die Taufe Diener Christi
wurde, in einem Alter gewesen sein mußte, wo er den Gebrauch seiner
Vernunft hatte, also in einem Alter von etwa 8 10 Jahren. Damit —
ist aber doch wohl kaum auch erwiesen, daß Polykarp von heidnischen

Kit orn geboren war; ebensowenig beweist die Legende, falls sie hierin
glaubwürdig ist, daß er nach einem heidnischen Vorleben erst durch
den Unterricht der Apostel zum Christusglauben im engeren Sinne
gebracht wurde, zumal sie ja ausdrücklich von einer christlichen Er-
ziehung durch Kallisto zu erzählen weiß. 3 ) Wenn Harnack gegen
Zahn geltend macht, Polykarp sei doch nicht von den Aposteln „be-
kehrt" worden, bekehrt im Sinne Zahns könne er nur von einem
einzigen sein, wenngeborner Christ schon war, so ist
er es nicht als
das freilich eine wenig besagende Phrase und wenn er weiter erklärt, ;

daß Aposteln gegenüber jeder Christ, der ihr persönlicher Schüler


geworden, ja der nur mit ihnen verkehrt habe, nicht nur ein /iatfyr/yg
4
sei, sondern auch von ihm das /LiafirjteveG&at gelte, ) so ist den Worten

der rechte Sinn genommen. Aber ich kann nicht umhin, Harnack bei-
zustimmen, wenn er ausführt, daß jLia&7]TsveG$cu im Sinne von „zum
Jünger Christi gemacht werden", in jener Zeit ohne Schwierigkeit
auf die Taufe und den TaufUnterricht auch solcher bezogen werden
konnte, die in christlichen Familien geboren waren, aber erst als

Heranwachsende getauft wurden. Das scheint mir jedoch am ge-


wonnenen Resultate nicht das mindeste zu ändern. Ob Polykarp
von heidnischen oder christlichen Eltern geboren wurde, ist Neben-
sache. Diener Christi wurde er erst durch die Taufe im heranwach-
senden Alter.
Ad 2. Demnach ist es auch vom geringen Belange, wenn Zahn
in der Interpretation vom 11, 3 des Philipperbriefes Polykarps geirrt
haben sollte. Polykarp schreibt an der den Philippern:
zitierten Stelle
'Eyät de ovöev totovto evorjoa ev v^üv ovde rjxovoa, ev olg xexomaxev
ö (.laxdotog IlavXog, oittveg eate r; ev ägxfj exxXrjola 5 ) avtov. Ilegl
vfjiojv yäo ev Jidoaig Talg exxXrjoiaig xav%ätai, ai fiövai töte fteov ejie-

») Akt. 9, 10. 19. 25. 26. 38; 11, 26. 29 und oft.
2
)
Harnack, Die Mission, S. 287, Anm. 2.
3 Vita Polyc. (ed. Duchesne), 3: Ilaidevovaa xv\v iv xvgiq) naidelav.
)

*) Chronol., S. 343.
h
) Hilgenfeld, Ignatii Antiocheni et Polycarpi Smyrnaei epistolae et
Ifartyria, 1902.
:

161

yv(bxetoav
%
fj/ielg ös ovjzcö tyi'ioy.t-ttu-i'. Auf einen zweifachen Gegensatz
ist wohl zu achten. 1. Polykarp redet zu den Philippern seiner
hier
Zeit von jener Generation der Philipper-Gemeinde, die Paulus selbst
zum Glauben geführt hatte und deren er in vielen seiner Briefe an
die damaligen christlichen Gemeinden rühmend gedenkt. ) An dieselbe 1

Generation der Philipper- Gemeinde (aber natürlich nicht an ganz


denselben Zeitmoment) erinnert Polykarp auch 3, 2 mit den Worten
Ovte yäg r/(b ovve d'AAag öfioiog ifjbol ötivavat zaraxokovfr'tjöai vtj aoqtlq,

ror fiaxaglov xal £vd6t-ov IlavXov, og ysvöfjisvog iv natä jtqooco-vjj,iv

,iov voji' vove (b'docbjicov idlda^ev ängißcog Kai ßeßalcog vov jzsqI äkr)-
freiag köyov, og eygmpev £mavoMig. 2 ) Danach wird der
y.al äjzcov i\iuv
gegenwärtigen Generation der Philipper-Gemeinde, an die Polykarp
seinen Brief richtet, die Generation der Zeitgenossen des Paulus
(ol vove avöoomot) ausdrücklich, und zwar als bereits dahingestorben,

gegenübergestellt. Selbstverständlich muß dies nicht in dem Sinne


genommen werden, daß von der früheren Generation kein einziges
Individuum mehr am Leben und daß vom gegenwärtigen Geschlechte
keines noch geboren war. Eine Beziehung auf Polykarp enthält diese
Gegenüberstellung schlechterdings nicht. 2. Gegenüber den Gemeinden,
in denen Paulus das Lob der seinerzeitigen Philipper-Gemeinde ver-
kündete und die damals allein Gott erkannt hatten, stellt Polykarp
fest: Wir hatten Gott damals noch nicht erkannt. Was man immer
dagegen sagen mag, der nächstliegende und natürliche Sinn dieser
Aussage des Bischofs von Smyrna ist doch dieser: Wir Smyrnäer
hatten damals Gott noch nicht erkannt, Smyrna war im Gegensatze
zu den bezeichneten Gemeinden damals noch keine christliche Ge-
meinde. Es braucht nicht eigens erwähnt zu werden, daß jene Gene-
ration der Smyrnäer gleichfalls im Gegensatze zum lebenden Ge-
schlechte als bereits dahingestorben gedacht ist. Natürlich redet
Polykarp auch hier nicht von den einzelnen Individuen, so daß auch
diese Stelle nicht beweist, daß alle Smyrnäer der früheren Generation
ungläubig und schon tot waren, aber auch nicht, daß keiner der

!) Vgl. 1. Thess. 2, 2; aber auch 1. Thess. 1, 7f.; 4, 10. 1. Kor. 16, 5; 2. Kor.
1, 16; 2, 13; 7, 5; 8, 1; 11, 9. Köm. 15, 26. An den letzteren Stellen ist allerdiügs
von den mazedonischen Gemeinden überhaupt die ßede. Vgl. Phil. 4, 15. Oder —
bezieht Polykarp etwa 2. Thess. 1, 3—4 auch auf die Philipper? (Funk, Patr. ap.,
I, S. 340; Zahn, Einl., I. S. 379). Dann wäre hier vom mündlichen Lobe die Rede

und kämen die Briefe Pauli gar nicht in Betracht. Daß Polykarp hier zunächst
den Brief Pauli an die Philipper (1, 3 ff.) im Auge habe, kann ich nicht verstehn,
da ja doch ausdrücklich die Gemeinden, in denen Paulus sich der Philipper rühmte,
der Philipp er- Gemeinde gegenübergestellt werden.
2
) Vgl. auch 1, 2: 'H ßeßafa vfjg .Tiozecog v(iön> gi'ta fg cujxaiov y.aray/r /./.<>-
KH'tl '/0(U'()l'.

11
162
_
lebenden Sinyrnäer damals schon
geboren oder gläubig gewesen
sein konnte. So weit kann über den Sinn der Stelle kaum ein Zweifel
sein. ) Es läJ3t sich aber auch kaum leugnen, daß das im Schlui3satze
1

von 11, 3 gebrauchte Subjekt f/ft^u einigermaßen auffallend erscheint.


Ausgeschlossen ist, daß Polykarp damit ausschließlich sich selbst be-
zeichnen wollte. 2 ) Zahn meint, Polykarp fasse sich hier mit den
Presbytern von Snryrna zusammen und will in der Aussage einen
Beweis finden, daß Polykarp und seine Presbyter zur Zeit, als Paulus
der Philipper sich rühmte, bereits am Leben, aber noch keine Christen
waren. Doch spricht 1. der Zusammenhang an unserer Stelle dagegen.
Als Gegensatz zu der Philipper-Gemeinde und den übrigen Gemeinden,
die Gott erkannt hatten, kann hier nicht Polykarp mit seinen Pres-
bytern gedacht sein. 2. Dagegen dürfte auch direkt 6, 1 mit der
Ermahnung an die Presbyter sprechen. 3. Spricht dagegen der Ge-
brauch der ersten Person Pluralis im ganzen Brief. Wo Polykarp in
der ersten Person der Mehrzahl redet, bezieht er sich entweder auf
3
alle Gläubigen oder auf sich und die ganze Gemeinde von Smyrna,* )

oder er faßt sich mit den Presbytern in Philippi zusammen. 4 ) Immerhin


ist die Frage nicht ganz unberechtigt, ob nicht doch Polykarp an
dieser Stelle auch auf sich selbst Bezug nimmt, mit den Smyrnäern
auch sich selbst inbegreift, so daß er in der Tat auch sagen wollte,
er habe damals Gott noch nicht gekannt. Die Möglichkeit dieser
Interpretation wird sich schwerlich leugnen lassen, beweisen läßt sie
sich freilich ebensowenig. Nichts hinderte sie als richtig anzuerkennen,
wäre Polykarp ein geborner Smyrnäer gewesen, was allem Anscheine
nach nicht der Fall war. Es bleibt also nichts übrig, als auf das
Argument, das Zahn dieser Stelle entnimmt, zu verzichten.
Ziehen wir aus dem gewonnenen Resultate, das mindestens alle
Wahrscheinlichkeit für sich hat, die Folgerungen. War Polykarp 155
seit 86 Jahren Diener Christi, wurde er durch die Taufe Diener
Christi, erfolgte die Taufe erst im heranwachsenden Alter, wofür 10
Jahre mehr als genügen, so mußte er zirka 60 geboren sein, wurde
zirka 69 getauftund konnte 90—95 als 30— 35jähriger Mann in das
bischöfliche Amt eingesetzt worden sein. 5 ) Damit schwindet alle

*) Vgl. Harnack, Chrono!, S. 344, Anra.: Zahn, Forsch, z. Gesch. d. neutest.


Kau., IV, S. 253.
2) Vgl. 1, 1; 3, 1.2; 9, 1; 11, 1.3.4; 12, 1; 14, 1.
8 fjzioto/.äg lyvarior
) Vgl. 2, 2; 3, 3; 5, 2; 6, 2. 3; 7, 2; 8, 1. 2; 13, 2 (xäq
väg Ttefup&eloas i'nur (vgl. dagegen 3, 1; 13, 1, wo vom Schreiben der Philipper
an Polvkarp die Rede ist); 14. 1: dveOTQdqpr) nrl)' fifjbtbv aut'u:rT0)g.
l
) 4. 3; 5, 1.
5
) Vgl. Ignatius ad Magn. 3, 1 vom Bischof Damas: ()v ^gooturjCfÖTCtg n/r
<paivo[i£v7)V niiTtor/.l/v rdfw. Vgl. dazu die Bemerkung Funks. Patr. apostol., 1,
1G3

weitere Schwierigkeit in den Aussagen


des Irenäus über das Ver-
hältnis Polykarps zu den Aposteln. Freilich darf nicht aulier acht
bleiben, welche Bedeutung Irenäus, wie die urchristliche Zeit, mit
dem Ausdruck Apostel verbindet.
Der Ausdruck djvöavoXog ist schon in den neutestamentlichen
Schriften nicht durchaus im engeren Sinne von den Zwölfen und
Paulus gebraucht. 1
) Doch ist zu beachten, daß an keiner neutestament-
lichen Stelle das Wort.ausschlieJ31ich so gebraucht ist, daß die Apostel
im engeren Sinne ausgeschlossen wären. In 2. Petr. 2 ) und Jud. ;j

bezeichnet das Wort wohl nur Klemensbrief ver- die Zwölf. Der 1.

steht unter Apostel nur die Urapostel und Paulus. 4 ) Der Barnabas-
brief spricht nur von den Zwölfen. 6 ) Das Kerygma Petri hat nur die
Zwölf im Auge, wo es von den Aposteln spricht. In dem Dutzend
von Stelleu, an denen bei Ignatius das Wort Apostel vorkommt,
findet sich keine einzige, die einen weiteren Gebrauch des Wortes
wahrscheinlich macht, dagegen mehrere, an denen nur die Beziehung
auf die Urapostel möglich ist. Bei Polykarp wird es schwerlich
anders stehn als bei Ignatius. Hermas und die Didache gebrauchen
den Ausdruck im weiteren Sinne. 6 ) Abgesehen etwa von der Didache
c. 11, 3 —
6 gilt also auch von der urchristlichen Literatur, daß
der Ausdruck djröaroAog nicht in dem Sinne gebraucht wird, daß die
Zwölf und Paulus ausgeschlossen würden. Bei Irenäus ist es nicht
anders. Er spricht wiederholt von zwölf Aposteln; 7 ) er redet aber
auch von den Aposteln, die das Evangelium geschrieben haben; 8 ) er
faßt die zwölf Apostel und 70 Jünger als alle Apostel zusammen, 9 )
unterscheidet aber auch die zwölf Apostel von den 70 Jüngern; 10 ) er
rechnet mit Paulus auch Barnabas zu den Aposteln. 11 ) Indem er die
Ansicht der übrigen Apostel (außer den Verfassern der Evangelien)
über Gott untersucht, führt er Petrus, Philippus, Paulus und Stephanus
namentlich auf; 12 ) um die Lehre der Apostel über unsern Herrn Jesus
Christus aufzuzeigen, zitiert er Johannes, Matthäus, Paulus, Markus,
Lukas. 13 ) Dagegen nennt Irenäus keinen der Herrnjünger im weiteren

S. 233, und Zahn, Forsch, z. Gesch. d. neutest. Kan., IV, S. 233; VI, S. 100, Anm.
Auch Athanasius von Alex, bestieg im Alter von 32 Jahren den bischöflichen
Stuhl. Lüdtke im Kirchenlex., I, Sp. 1534.
L
) Akt. 14, 4. 14 wird Barnabas neben Paulus als Apostel bezeichnet.
Wohl
im weiteren Sinne steht der Ausdruck 1. Kor. 9, 5 f., vielleicht mit Chrysostomus
und vielen auch 1. Kor. 15, 7. Rom. 16, 7. Vgl. Cornely, Kommentar zu den
Stellen; Feiten, Apostelgeschichte, S. 251; Harnack, Die Mission, S. 230ff.
2) 3 2
}
.
- 3) 17. _ 4) 42? iff. ;
47, 4. Vgl. 5, 3; 44, 1. - 5
) 8, 3. Vgl. 5, 9.
6
) Harnack, Die Mission, S. 235 f.
') H, 20, 4; H, 21, 2; III, 12, 1; III, 13, 2. - «) III, 5, 1. - 9
) II, 21, 1 a. E.
") HI, 13, 2; III, 24. 2. - ») III, 12, 14. - «) III, 22. - M) m, 16. 17.

11*
164

Sinne t'ür sich allein Apostel; vielmehr ist ihm Lukas der Schüler
und Begleiter der Apostel, ) der Gefährte und Mitarbeiter des Paulus, 2 )
1

Markus der Schüler, Dolmetscher und Begleiter des Petrus. 3 ) Es ist


also wohl gewiß, daß Irenäus allerdings hervorragenden Predigern
der apostolischen Zeit zusammen mit eigentlichen Aposteln den Titel
Apostel gibt, sie aber niemals für sich also benennt. Hieraus aber
ergibt sich einerseits, daß Irenäus auch in seinen Aussagen über das
Verhältnis Polvkarps zu den „Aposteln" von Aposteln nicht mit
Ausschluß der eigentlichen Apostel sprechen konnte, und andrer-
seits, daß seine Aussagen aufrecht bleiben, wenn Polykarp auch nur

unter dem bestimmenden Einfluß eines Apostels (Johannes) und eines


andern Jüngers Jesu oder auch nur eines apostolischen Mitarbeiters
durch die Taufe zum Diener Christi wurde, wenn er auch nur mit
einem Apostel und einem oder dem andern Herrnschüler wiederholt
das Passah feierte, wobei nicht im geringsten angenommen werden
muß, daß sie bleibend nahe nebeneinander sich aufgehalten, und
wenn bei seiner Bestellung zum Bischof von Smyrna auch nur ein
Apostel und ein anderer Herrnschüler (apostolischer Mitarbeiter) be-
teiligt war. Ja, ich kann mich nicht einmal überzeugen, daß Irenäus
nicht schreiben konnte: vjzö äjzooTÖ?*cov f.ia&r]Tsvä£ig, imb djioovöh'))'
xavaovaäslg sjzloxojzog, wenn
überhaupt nur an einen Apostel er
dachte. Kann nicht der Plural die Kategorie bezeichnen? 4 ) Es
spricht aber auch nicht das mindeste dagegen, daß um 69 und noch
wenig später nebst dem Apostel Johannes noch ein oder der andere
etwa Andreas, 6 ) Philippus, wenn auch vorüber-
wirkliche Apostel, 5 )
gehend, sich in Kleinasien aufhielt und predigte, wie es auch kaum
zweifelhaft sein kann, daß selbst bis zur Jahrhundertwende noch ein
nichtapostolischer Herrnschüler (Aristion?) daselbst gelebt haben
konnte. 7 )

i) I, 23, 1. - 2
) III, 14, 1. - 3) in, i? i ;
in, io, 6.
4
)
Tertullian, De praesc, 32, berichtet nur von einem Apostel. Vgl.
Matth. 2, 20 und dazu Zahn, Kommentar, S. 110; Knabenbauer, Kommentar;
Blaß, Grammatik des neutest. Griech., § 23, 5.
5
)
Irenäus, II, 22, 5.
6
)
Vgl. B eis er, Einl., S. 268, und die daselbst zitierte Aussage des Epi-
phanius von Jerusalem (Epiph. monachi et presbyteri edita et inedita, p. 56, ed.
Dressel, 1843): 'Avöoiag >)i y.al 'Iojavvrig diövgißov eig "Eqpeoov y.al iöiöaoxov. —
Doctrina Adaei (Cureton, Ancient Syriac documents), 1864, S. 23 f.: Die ersten
Nachfolger der Apostel überlieferten bei ihrem Tode ihren Schülern alles, was
sie von den Aposteln einst erhielten, alles was Jakobus geschrieben hatte von
Jerusalem und Andreas aus Phrygien. Vgl. Zahn, Forsch, z. Gesch.
. . .

d. neutest. Kam, I, S. 93; VI, S. 221. Vgl. auch Wetzer und Weites Kirchen-
lexikon.
7
)
Vgl. Zahn, Forsch, z. Gesch. d. neutest. Kam, VI. 8. 101
1 65

Noch eine Schwierigkeit anderer Art rindet Reville 1

)
in

Iren., III, 3, 4, indem er unter Verweisung auf seine Schrift: Les


origines de l'episcopat (1894) emphatisch prononciert : II suffit d'etre

tant soit peu verse dans de l'espiscopat pour


l'histoire des origines
savoir que 1'institution d'un eveque pour Asie en l'eglise de Smyrne,
er
a la fin du I siecle, est un grossier anachronisme.
Es mögen diesbezüglich folgende Bemerkungen genügen. Reville
weiß es noch immer nicht, daß seine Schrift der Versuch der Repri-
stinierung einer längst überwundenen und als unhaltbar erwiesenen
Methode ist, 2 ) und er scheint die deutsche Kritik nicht zu kennen,
die seine Argumentation als unglaublich oberflächlich bezeichnete, 3 )
die ihm vorwirft, er operiere mit vielen unbewiesenen Analogien, leide
an präokkupierter Konstruktionssucht und wissenschaftlich angreif-
barer Leichtgläubigkeit, 4 ) er müsse insbesondere, um sich nicht in
den grellsten Widerspruch zu verwickeln, dem Texte der von ihm
für echt gehaltenen Ignatianen Gewalt antun und die starken Aus-
drücke des Ignatius mit dem Eifer entschuldigen, der ihn für die
Einführung der bischöflichen Gewalt beseelt habe, so daß seine Aus-
führungen keiner Widerlegung bedürften. 5 ) Im übrigen sei auf einige
Resultate verwiesen, zu denen neuere besonnene und hervorragende
Forscher verschiedener Richtung in der in Rede stehenden Frage
gelangten. Harnack 6 ) kommt zum bestimmten Ergebnis, daß die
von Ignatius vorausgesetzte Organisation der kleinasiatischen und der
antiochenischen (syrischen) Gemeinden schon seit geraumer Zeit dort
eingebürgert gewesen sei. Der monarchische Episkopat erscheine in
Kleinasien überall vollkommen durchgeführt und sichergestellt. 7 ) Nicht
anders urteilt Zahn: 8 ) Der monarchische Episkopat war zur Zeit der
Apokalypse in Asien fest begründet, wie uns dies für die Zeit 110 die
Briefe des Ignatius bezeugen. F. Segna 9 ) weist klar nach, daß nach

i) S. 14.
2
)
Vgl. v. Dunin-Borkowsky, Die neueren Forschungen über die Anfänge
des Episkopates, 1900, S. 157 ff.
3
)
Dunin-Borkowsky, S. 159, Anm. 13.
*) Loofs, Theol. Literaturztg., 1896, S. 206 ff.

5
)
Dunin-Borkowsky, S. 160.

6) Chronol., S. 395 f.
7
)
Vgl. Harnack, Die Mission u. s. w., S. 334, Anm. 2: Die Tendenzen, die
Ignatius in seinen Briefen zum Ausdrucke bringt, forderten, daß überall Bischöfe
gewählt werden, und wir haben allen Grund zur Annahme, daß die bereits be-
stehende Praxis in Syrien und Asien seinen Tendenzen entsprochen hat. Vgl. auch
Texte u. Unters., XV, 3, S.31, wo Harnack den Diotrephes (3. Joh. 9) den ersten (?)
monarchischen Bischof gewesen sein läßt, dessen Namen wir kennen.
8) Einl., II, S. 603 f.- Vgl. Forsch, z. Gesch. d. neutest. Kan., VI, S! 99.
9
)
De ecclesiae Christi constitutione et regimine, 1900, S. 236 ff.
166

Ignatius die drei Stufen der Episkopen, Presbyter und Diakone schon
seit längerer Zeit in der Kirche bestanden und zu ihrem innersten
^'esen gehörten. 1 )
Resultat: Irenäus hatte länger dauernde persönliche Beziehungen
zu Polykarp, und Polykarp war ein Schüler des Apostels Johannes. Die
dagegen vorgebrachten Argumente erweisen sich als unhaltbar. Damit
findet aber auch auf einem andern "Wege das Ergebnis der Untersuchung
über das Verhältnis des Papias zu den JiQeoßvtsQOL seine Bestätigung.
War Papias ein do^alog ch't'jQ, evalgog IIokvxdQJiov und dessen unge-
fährer Altersgenosse, so ist es nicht bloß möglich, daß er Hörer un-
mittelbarer Herrnschüler war, unter denen in erster Linie der Apostel
Johannes in Betracht kommt, sondern es ist vielmehr im Zusammen-
halt mit den Aussagen, die er über sie macht, ausgeschlossen, daß
er es nicht war. Papias war also in der Tat, wie es Irenäus bezeugt,
Hörer des Apostels Johannes, selbst an und für sich einerlei, ob der
6 JTQeoßvvsQog 'Icodvvyg des Papias der Apostel war, was ich wenigstens
nicht im geringsten bezweifle, oder ein Apostelschüler.

IV.

Papias, Polykarp und das vierte Evangelium.


In diesem Abschnitte liegt uns die Beantwortung zweier Fragen
ob: 1. War das vierte Evangelium zur Zeit des Papias und Polykarp
vorhanden, und kannten und gebrauchten beide dasselbe? 2. Und
wenn, hielten sie den Apostel Johannes für seinen Verfasser?
Die erste Frage muß in Bezug auf Papias mit voller Sicher-
heit bejaht werden. Alle ernst zu nehmenden Forscher stimmen
hierin überein und erbringen hiefür eine Reihe von Argumenten.
Es Das mit Joh. 14, 2 sich
seien hier 2 ) folgende zusammengestellt: 1.

deckende von den Irenäischen Presbytern, das heißt wohl von Papias
bezeugte Herrnwort: EiQTjxevai tbv xvqlov, ev tolg vov Jiavgög ptov
/bioväg elvcu Jio?J>dg.
3
Nach Harnack ist damit sichergestellt, daß
)
4
)

Papias das vierte Evangelium gekannt hat. Wenn aber Kreyenbühl 5 )


i) Vgl. auch Hilgenfeld, Zeitschr. f. wiss. Theol., 1890, S. 245; A. Brühl,
Der 1. Brief des Klemens von Eom, 1883, S. 48ff.; W. Scher er, Der 1. Klemens-
brief, S. 241ff.; Belser, Apostelgesch., S. 84ff.; E. v. Scherer, Handbuch des
Kirchenrechtes, 1(1885), S. 25, Anm. 12 Zeitschr. f. kath. Theol., 1903, S.62ff.l81ff.
;

2
)
Über das lateinische Argumentum zum Evangelium wird später die
Rede sein.
3) Irenäus, Adv. haer., V, 36, 2.

*) Chronol., S. 658; Zahn, Forsch, z. Gesch. d. neutest. Kan., VI, S. 105.


5) S. 62.
167

leugnet, daJ3 dies Herrnwort notwendig dem vierten Evangelium ent-


nommen sein müsse und darum auch als kein authentisches Zeugnis
für das Vorhandensein und die Anerkennung des Evangeliums an-
gesehen werden könne, so bemerkt Gorsse n mit Recht: Gegen- 1
)

über der Tatsächlichkeit der Übereinstimmung der Presbyter mit dem


vierten Evangelium hat die vage Möglichkeit ihrer Abhängigkeit von
einer andern Quelle nicht eben allzuviel Überzeugungskraft in sich. In
schärferer Weise entgegnet H. Holtzmann: 2 ) Die Betonung einer
gänzlichen Verschiedenheit des Zusammenhanges, in welchem jenes
Wort beim Evangelisten und bei den Presbytern vorkommt, wird nur
auf denjenigen einen Eindruck machen, welcher überhaupt dem ur-
sprünglichen Zusammenhange einer Stelle irgend welche entscheidende
Bedeutung für die in Sachen der Schriftbenutzung und des Schrift-
beweises übliche Praxis des Urchristentums beimißt. 2. Das direkte und
bestimmte Zeugnis des Eusebius, 3 ) daß Papias den ersten Brief des
Johannes in seinem Werke zitiert habe. Da nämlich dieser Brief,
wie die grolie Mehrzahl der Erklärer richtig gesehen, sich vom
Evangelium nicht trennen läßt, vielmehr im innigen Zusammenhange
mit ihm steht, so zwar, daß man nicht nur den Brief dem Verfasser
des Evangeliums zuschreibt, 4 ) sondern ihn auch nicht selten als Be-
gleitschreiben zum Evangelium auffaßt, 5 so muß das Evangelium )

zur Zeit des Papias vorhanden gewesen sein und Papias dasselbe ge-
kannt haben. 6 ) 3. Die Reihenfolge, in der die ersten drei Apostel im
Proömium des Papias aufgeführt werden: Andreas, Petrus, Philippus.
Diese Reihenfolge, die sich sonst nirgends findet, erklärt sich am natür-
lichsten aus der Bekanntschaft mit dem vierten Evangelium, 7
) wenn

i) A. a. 0., 1901, S. 214.


2 Theol. Literaturztg., 1902, S. 6.
)
3
)
Hist. eccl., III, 39, 17: KexQ^xai o° ö amög fuiQxvgiaig änb vfjg 'lodvvov
jiQOTsgag imoTO/.fjg.
4
)
Harnack (Chronol., S. 658,habe sich von dem Rechte,
Anm. 1) erklärt, er
den zweiten und dritten Brief vom ersten abzutrennen und einem andern Ver-
fasser zuzuweisen, so wenig je überzeugen können wie von der Zertrennung des
ersten Briefes und des Evangeliums. Vgl. Holtzmann, Einl. 3 S. 4771; Jülicher, ,

Einl., S. 1941, und viele andere.


5
)
Vgl. die Literatur bei Holtzmann, Einl., S. 471; Cornely, Introd., III,
S. 663, Anm.; Trenkle, Einl., 1897, S. 239.
6
)
Auch Kreyenbühl sieht sich Bezug-
zum Geständnis genötigt, daß die
nahme des ersten Briefes auf das Evangelium feststehe, der Brief ohne das
Evangelium nicht zu verstehn sei und daß daraus folge, daß der Brief und das
Evangelium zur Zeit der Abfassung des Papianischen Werkes in Asien vorhanden
gewesen sein muß (S. 66. 139). —
Die Benutzung des Evangeliums ist damit
freilich noch nicht über jeden Zweifel erhaben (B eis er, Einl., S. 280).
7
)
Corssen, 1901, S. 214.
m _
man nicht ein Spiel des Zufalls Die Bezeichnung annehmen will. 1
) 4.

Christi als aurt) fj ä/.ijOi-ta, die eine spezifische Johanneische Prägung


hat.-) 5. Das Zeugnis, dal3 Papias Joh. 19, 38 f. zum Gegenstand einer
seiner £$*}"/ i'ioi-t* gemacht hat. 3 )
Was Polykarp betrifft, so bezeugt auch er, wenn nicht mit der-
selben, doch mit genügender Sicherheit das Vorhandensein des
so
vierten Evangeliums. Harnack 4 ) ist überzeugt, da!3 durch das Zitat
in Polykarps Philip perbrief, 5 ) c. 7, 6) das Vorhandensein des Briefes
und damit des Evangeliums für die letzte Zeit Trajans zu konstatieren
sei, und Holtzmann ) räumt ein, daß wir aus dem Erscheinen des
7

Trabanten (erster Johannesbrief) bei Papias und Polykarp auf das


Vorhandensein des fertigen Sternes schließen können. Man könnte
sich allerdings auch hier auf die mündliche Überlieferung berufen,
doch gilt das oben angeführte Urteil Corssens in diesem Falle im er-
höhten Maße. Dieses Zusammentreffen bei Papias und Polykarp kann
kein zufälliges sein. Wenn aber Kreyenbühl 8 ) einerseits findet,
daß das Zitat selbst nicht mit wissenschaftlich zwingender Beweis-
kraft auf den ersten Brief des Johannes und damit auf das Evan-
gelium hinweise, sondern es eine bloße Vermutung sei, daß Polykarp
an jener Stelle 1. Joh. 4, 2. 3 im Auge gehabt, daß es nichts anderes
sei, als die solenne Streit- und Verfluchungsformel, welche alle groß-
kirchlichen Kreise und Ketzerbestreiter in der einen oder andern
Form verwendet, und insbesondere wenn er andrerseits beweisen

*) Wetzel (S. 163) denkt an einen beabsichtigten Zufall!


2) Joh. 14, 6; 3. Joh. 12. Vgl. Lüde mann, Jahrb. f. prot. Theol., 1879, S. 565;
Zahn, Gesch. d. Kan., I, S. 902.

3) Sieh Zahn, Einl., II, S. 457 f., über die Nachricht Conybeares aus den
Solutiones des Armeniers Vardan Vardapet: Es ist aber gewiß, daß Aloe (Joh. 19,39)
eine Art von Weihrauch ist, wie berichtet wird . . . von Papias.
*) Chronol., S. 655.
5
)
Seine Echtheit darf nach den Untersuchungen von Lightfoot (The apost.
fathers, II), Zahn (Forsch, z. Gesch. d. neutest. Kan., IV, S. 249n\) und Harnack
(Chronol., S. 381n\) als gesichert gelten. — Seine Abfassung setzt Harnack (S.404ff.)
in die letzten Jahre Trajans (110—117) oder vielleicht einige Jahre später, nachdem
er die frühere Datierung (130) fallen gelassen. Vgl. Bar den he wer, S. 153. —
Kreyenbühl bemerkt gegen Harnack: Wie in aller Welt soll denn der Brief
des Polykarpus den Beweis leisten, daß der erste Johannesbrief und das Evangelium
in der letzten Zeit Trajans vorhanden gewesen sei, wenn Harnack selbst den Zeit-
raum für die Abfassung des Briefes nicht genauer als für die Jahre 110 bis 154
zu fixieren vermag (S. 67). Kreyenbühl ist über S. 387 des Harnackschen Werkes
nicht hinausgekommen!
6) 1. Joh. 4, 2. 3 (2. Joh. 7).
7
)
Einl.», S. 469. — Vgl. Schäfer, Einl., S. 177 f., 180f.; Godet, Komm. z.

d. Ev. d. Joh., I, S. 150; Zahn, Gesch. d. Kan., II, S. 905.


S. 67. 134ff.
L69

will,daß eine Abhängigkeit Polykarps vom ersten Johaunesbriet' gar


nicht stattgefunden haben könne, weil die Johannesbriefe in die Mitte
des Jahrhunderts 150 bis 160 anzusetzen seien, so wird ihn wohl in-
dessen die Kritik seiner Hypothese vom Ursprung des vierten Evan-
geliums, dem alle seine Aufstellungen sich anpassen, belehrt haben,
wo das „Kartenhaus 1
', von dem er wiederholt spricht, und wo die
„Phantasie", die er bei anderen sucht, zu finden ist. Eine Bezug-
nahme Polykarps auf die Johannesbriefe läßt sich nicht leugnen. 1 )
Damit ist freilich noch nicht positiv zur Evidenz dargetan, daß auch
das Evangelium zur Zeit des Philipperbriefes bereits vorhanden war
und daß es Polykarp gekannt haben muß. Dieser Schluß könnte mit
zwingender Notwendigkeit doch nur unter der Voraussetzung ge-
zogen werden, daß der erste Johannesbrief tatsächlich ein Begleit-
schreiben zum Evangelium gewesen und also zugleich mit demselben
an die Gemeinde übersandt wurde, oder wenigstens unter der Vor-
aussetzung der Priorität des Evangeliums, was allerdings höchst wahr-
scheinlich, 2 ) aber keineswegs unbedingt sicher ist. 3 )
Doch selbst davon abgesehen, läßt sich die Bekanntschaft Poly-
karps mit dem vierten Evangelium mit genügender Sicherheit feststellen.
Denn einmal kann der Umstand, daß Polykarps Philipperbrief die
Benutzung des vierten Evangeliums vermissen läßt (Anklänge fehlen
nicht gänzlich) 4 ) nicht als argumentum e silentio geltend gemacht werden.
Es müßte zuvor erwiesen werden, daß Polykarp in diesem Briefe vom
Evangelium Gebrauch machen mußte. Dieser Beweis ist nicht zu er-
bringen, umsoweniger, als der Umfang des Briefes nicht eben bedeutend
ist. Ferner hat Polykarp außer dem Philipperbrief noch andere Schreiben

verfaßt. Irenäus spricht in seinem Brief an Florin ausdrücklich von


einer Mehrheit von Briefen Polykarps an Gemeinden und einzelne
Brüder. In seinem Brief an Polykarp bittet Ignatius 5 ) von Troas aus,
die nach Osten hin gelegenen Gemeinden brieflich aufzufordern, Boten
und Glückwünsche an die wieder beruhigte Kirche von Syrien ab-
zusenden, und es ist nicht zu zweifeln, daß Polykarp der Bitte des
Freundes nachkam. Alle diese Briefe, in denen Polykarp gar wohl

!) Vgl. B. Weiß, Komm., S. 6.


2
) Vgl. z. B. Weizsäcker, Das apostol. Zeitalter, S. 539 f.; B eis er, Einl.,
S. 369 ff., 374 ff., wo insbesondere auch auf das Zeugnis des Muratorianischen
Kanons hingewiesen wird.
3) Vgl. B. Weiß, Eiiü.3 , S. 444.

)
4 Vgl. Funk, — Insbesondere kann der wiederholte
Patres apostol., Index.
Gebrauch des charakteristischen Johanneischen Ausdruckes evzo?^ (im Evangelium
elfmal, im ersten Briefe vierzehnmal) als Bezeichnung für die Lehre Christi (2, 2;
3, 3; 4, 1; 5, 1) kein zufälliger sein.
5) Kap. 8, 1.
17Q

vom vierten Evangelium Gebrauch gemacht haben kann, sind ver-


loren gegangen. Weiter bemerkt Zahn mit Recht, die Art, wie 1
)

Ignatius-) in unzweideutiger Weise auf das Evangelium Bezug nehme, 3 )

beweise, daß dieses zur Zeit seines Verkehrs mit Polykarp den dortigen
(Gemeinden bekannt war. Endlich bezeugt wohl auch das Martyrium
Polycarpi durch mehrfache Anlehnungen 4 das Vorhandensein und )

den Gebrauch des Evangeliums in Smyrna. Zudem kann mit Recht


behauptet werden: War das Evangelium zur Zeit Trajans in Klein-
asien vorhanden, kannte und benutzte dasselbe Papias und Ignatius,
so erscheint es unglaublich, daß Polykarp, der Zeitgenosse und Freund
beider, vom selben weder Gebrauch machte noch Kenntnis erhielt.
Schwieriger gestaltet sich die Beantwortung der zweiten Frage,
insofern die uns erhaltenen Werke weder des einen noch des andern
ein direktes Zeugnis enthalten, daJ3 sie die Abfassung des vierten
Evangeliums dem Apostel Johannes zuschrieben, und bezüglich Poly-
karps auch anderweitig eine derartige Nachricht nicht vorliegt. 5 ) Die
Untersuchung kann sich demnach, insbesondere bei Polykarp, ledig-
lich auf Konjekturen stützen. Trotzdem ist es mir nicht zweifelhaft,
daß sich auch auf diesem Wege ein befriedigendes Resultat ge-
winnen läßt.
Bei Papias steht die Sache verhältnismäßig günstig. Hier fehlt
auch nicht ein direktes äußeres Zeugnis, das jedenfalls Beachtung

i) Forsch, z. Gesch. d. neutest. Kan., VI, S. 105; Gesch. d. Kan., I, S. 903 ff.
2
)
Die Echtheit der sieben ursprünglichen Briefe des Ignatius steht heute
endgültig fest. Vgl. Ehrhard, a.a.O., 1900, S. 91f. und die dort verzeichnete
bezügliche neueste Literatur.
3
)
Funk, a a. 0., Index; Trenkle, Einl., S. 258f. Die Berührungen
Vgl.
der Ignatianen mit dem vierten Evangelium sind derartig sicher und zahlreich,
daß Hilgenfeld versichert (vgl. Godet, Komm. z. d. Ev. d. Joh., I, S. 153), die
ganze Theologie der Ignatianischen Briefe fuße auf dem Evangelium des Johannes.
Auch v.Goltz (Texte u. Unters., XII, 3) sieht sich genötigt, dieselben anzuerkennen;
und wenn er die Bekanntschaft des Ignatius mit dem Evangelium trotzdem leugnet,
so kann er sie nur durch die Möglichkeit erklären, daß Ignatius in früheren Jahren
sich in Kleinasien aufgehalten habe und mit dem ,, Johanneischen Kreis" in Ver-
bindung getreten Er muß sich
sei. aber von G. Krüger (Theol. Literaturztg.,
1895, S. 443) die richtige Bemerkung gefallen lassen, es handle sich dabei offenbar
um eine bloße Behauptung. Auch Bousset (Theol. Literaturztg., 1897, Sp. 75)
weiß keinen andern Ausweg, als die Annahme einer möglichen Schulsprache vor
dem Johannes-Evangelium.
4
)
Funk, Index.
5 Die von Feuardent entdeckten, von Viktor von Capua dem Polykarp
)

zugeschriebenen Fragmente (abgedruckt bei Lightfoot, The apost. fathers, II, vol. 3,
S. 421 f.) können nicht verwertet werden, wenn auch Zahn (Gesch. d. Kan., I,

S. 782 f.) ihre Echtheit durchaus nicht für unmöglich hält. Vgl. Lightfoot, a. a. O.

S. 419f.; Harnack, Gesch. d. altchristl. Lit., 2, S. 73; Bardenhewer, S. 154f.


171 __

verdient. Ich meine das Argumentum zum vierten Evangelium aus


einer lateinischen Evangelienschrift des 9. Jahrhunderts, dem Cod.
Alex. 14 der Vaticana, das also lautet: 1
) lncipit argumentum se-
cnndum Johannem. Evangelium Johannis manifestatum et datum
2
est ecclesiis ) ab Johanne adhuc in corpore constituto, sicut Papias
nomine Hieropolitanus, discipulus Johannis carus, in exotericis id est
in extremis quinque libris retulit. — Descripsit vero evangelium dic-
tante Johanne recte. Verum Martion 3
) haereticus, cum ab eo fuisset
improbatus, eo quod contraria sentiebat, abiectus est ab Johanne. Is
vero scripta vel epistolas ad eum pertulerat a fratribus, qui in Ponto
t'uerunt.

Das Urteil über diese Nachricht geht weit auseinander. Während


die einen sie in ihrer Gänze entweder als indiskutabel bezeichnen 4 )
oder ignorieren oder wenigstens ihre Glaubwürdigkeit bezweifeln, 5 )
halten andere die erste Hälfte für unbedingt glaubwürdig, 6 ) lehnen
aber bestimmt die zweite Hälfte ab, 7 ) teils wagen sie hierüber
teils

kein Urteil abzugeben. 8 ) Reifliche Prüfung führte auch mich zur


Überzeugung, daJ3 die Angabe des ersten Teiles des Argumentum,
daß Johannes noch zu seinen Lebzeiten den Gemeinden in Klein-
asien sein Evangelium übergeben habe, Glauben verdient und direkt
oder indirekt auf Papias zurückgeht, wenn sich auch der Papianische
Wortlaut nicht feststellen läßt. Nichts spricht dagegen. Das bedenk-
liche in exotericis hat schon Lightfoot, dem Harnack, Funk, Zahn,
neuestens auch Corssen zustimmen, richtig als Korruptel aus in ex- :

egeticis, und id est in extremis als Glosse zu in exotericis erkannt. 9 )


Das Zitat ist keineswegs „minderwertig, weil weder der Titel des

) Der Text findet


J
sich wiederholt abgedruckt, so neuerlich z.B. bei J.Word s-

worth, Nov. Test.,I, 4, S. 491 (nach Thomasius), Funk, Patr. apostol., I, S. 373 f.;
Preuschen, Antileg., S. 62; Harnack, Chronol., S. 308f. — Nach Tischen-
dorf (Wann wurden unsere Evangelien verfaßt? S. 218) und Aberle (Tüb.
Quartalschr., 1864, S. 10) ist das Argument selbst älter als Hieronymus.
2
)
In Asia Cod. Toi. (sieh Wordsworth, a. a. 0. S. 490).
3 Archinon Cod. Toi.
)
4
)
Vgl. Corssen,
a. a. 0., 1901, S. 223 f.

5) Harnack,
Chrono!, S. 664f.; Schaefer, Einl., S. 284.
6 Zahn, Gesch. d. Kan., I, S. 898f.; Einl., II, S. 458; Forsch, z. Gesch. d.
)

neutest. Kan., VI, S. 127; B eis er, Einl., S. 259 f.; Funk. Neuestens auch K. Hörn,
Abfassungszeit, Geschichtlichkeit und Zweck vonEvang. Joh., Kap. 21, 1904, 198 f.;
J. Haußleiter, Zwei apostolische Zeugen für das Johannes -Evangelium,
1904, S. 33.
7
)
Zahn, Preuschen, B eis er. — 8) Funk.
ü
) B eis er und Reville (S. 20) möchten im Ausdruck lieber einen dem
Werke des Papias gegebenen Nebentitel sehen, im Anschluß an Corssen (Mon-
archianische Prologe, S. 115), der seine Ansicht indes aufgegeben hat.
i7ä

Werkes des Papias noch der Fundort der Nachricht genauer an-
gegeben ist-. ) Das Werk des Papias ist durch quinque libris genug-
1

sam gekennzeichnet, 3 eine nähere Angabe des Fundortes kann


)

bei der Knappheit des Argumentum nicht vermißt werden. Auch die
Anonymität des Argumentum muß nicht eine Instanz gegen seine
Glaubwürdigkeit sein. Die Aussage: ab Johanne adhuc in corpore con-
stituto ist schon in Hinblick auf 1. Makk. 1, 7, 3 ) Matth. 27, 63, 4 ) Eus.,
Hist. eccl., III, 18, l 5 ) keineswegs, wie Harnack sich ausdrückt, „in
dieser Form einfach Unsinn", da niemand werde behauptet haben,
daß der tote Johannes das Evangelium publiziert habe. Dazu kommt,
daß Papias durch diese scheinbar selbstverständliche Wendung mit
Rücksicht auf Joh. 21, 24 ganz wohl das Bedenken abwehren konnte,
als sei das Evangelium etwa von den Freunden des Johannes nach
seinem Tode herausgegeben worden. 6 ) Übrigens kennen wir weder
den Wortlaut des Zitates noch den Zusammenhang, in welchem
Papias die Mitteilung gebracht hat. Eusebius hierüber schweigt, Wenn
so kann er die Notiz absichtlich unberücksichtigt gelassen haben,
weil sie keine erwähnenswerte Besonderheit bot. 7 ) Endlich ist auch
zu beachten, daß die Notiz augenscheinlich einer griechischen Quelle
entnommen ist, 8 ) das Werk des Papias im 9. Jahrhundert noch vor-
handen war 9 ) und daß Joh. 21, 24 damit in überraschender Weise
10
übereinzustimmen scheint. )
Kann demnach die Glaubwürdigkeit dieses ersten Teiles des Argu-
mentum nicht wohl bestritten werden, und ist es ferner auch gewiß,
daß sein Verfasser vom Apostel Johannes redet, so muß doch noch, wie
Harnack richtig bemerkt, gefragt werden, welchen Johannes Papias
gemeint habe. Diese Frage kann aber aus dem Argumentum allein
nicht beantwortet werden, auch hierin befindet sich Harnack im
Rechte. Wenn Belser 11 ) ohne weiteres behauptet: Wenn etwas gewiß

*) Harnack, S. 665.
2
)
Vgl. Irenäus, V, 33, 4; Eusebius, Hist. eccl., III, 39, 1.

3
)
Aiuliv CA)MdvÖQog) ai)volg ttjv ßaoildav ai)%ov hl fövrog amov.
4
)
'Exelvog 6 x'/Avog elnev ho Jc&v.
5 'Ev tovto) Ttavexti Xöyog tbv ä.TÖoTo/.ov iiiia xai ibayythoxi^v "hoävvnv 'in
)

rr> ßUp evbiazQifiovxa . . . y.aradiyjioDi'ivai. Berührt sich hier Eusebius nicht auf-
fallend mit dem Argumentum?
•) Vgl. Belser, EM., S. 26t; Zahn, Gesch. d. neutest. Kam, S. 900. Eine
andere gleichfalls ansprechende Erklärung gibt Lightfoot (vgl. Funk, S. 373).

7) Belser, S. 265; Zahn, Einl., II, S. 447. Übrigens vgl. Anm. 5.

)
In adhuc in corpore constituto
8 =
eti &v oco^azt xafteoxönog (oder öviog,

Hebr. 13, 3) schimmert das griechische Original durch (Corssen).


'>) Vgl. oben S. 103.
i°) Vgl. Belser, S. 366, Anm. 5; Zahn, Einl., II, S. 488 f.
") A. a. 0. S. 368.
173

ist, ist es daß Papias den Apostel Johannes, den Johannes xar
dies,
b'Soyi)v im Auge hat, so unterscheidet er nicht zwischen Papias und
dem Verfasser des Argumentum. Wenn dagegen J. y. B ebb er 1
) difc
Nachricht dahin versteht, Papias
daß «las Evangelium von erzähle,
dem Johannes veröffentlicht und übergeben worden sei, der noch (zur
Zeit des Papias) am Leben war (= vjtü *Lcodvvov von i'n n> ocbfxati
jhrog), d. h. vom Presbyter Johannes, so ist, auch in dem Falle, daß
der Presbyter Johannes des Papias, den Bebber offenbar meint, vom
Apostel verschieden wäre, und abgesehen von der umständlichen,
sonderbaren Bezeichnung desselben — warum nennt Papias ihn nicht
deutlich 6 ^of-olotsQog? —
damit gar nichts gewonnen. Ist es nicht
auch beim Presbyter selbstverständlich, daß er noch am Leben war,
wenn er das Evangelium den Gemeinden übergab? Und sollte wirklich
der Jünger des Herrn den Apostel noch überlebt haben?
"Was den zweiten Teil des Argumentum anlangt, so ist die Nach-
richt, Papias habe das Evangelium nach dem Diktate des Johannes

niedergeschrieben, nicht so ganz unwahrscheinlich, daß Jülicher 2 )


sie kurzweg eine junge Fabelei nennen kann, die kaum Erwähnung

verdient, zumal sie auch anderweitig bezeugt ist. 3 ) Wird etwa vom
Papias abgesehen, so hat die Notiz sogar alle Wahrscheinlichkeit für
sich. 4 ) Die weitere Mitteilung über Johannes und Marcion ist freilich

eine chronologische Unmöglichkeit, wenn man unter Johannes den


Apostel versteht. Nach Funk liegt hier wahrscheinlich eine Ver-
wechslung des Apostels mit einem Schüler desselben vor. Übrigens
berührt uns hier dieser Teil des Argumentum nicht, da ja der Ver-
fasser nicht im mindesten zu verstehn gibt, daß er auch diese Nach-
richten aus Papias geschöpft habe, wie Zahn und Funk durchaus
richtig gesehen haben. Es ist also sicherlich ein Trugschluß, wenn
Corssen 5 ) nur die Alternative gelten lassen will, entweder müsse man

*) Zur Chronologie des Lebens Jesu, S. 77.


2) Einl., S. 323.
3
)
Catena, Patr. gr., ed. Corderius (1630): (Joannes) evangelium discipulo suo
Papiae . .(Funk, a. a. O. S 374f.). Corssen (Zeitschr. f. neutest. Wiss.,
. dictavit
1901, S. 224;Monarchian. Prologe, S. 116 f.) hält es für sehr wahrscheinlich, daß eine
Verwechslung von Papias und Prochorus, welcher genau das von sich behaupte,
stattgefunden habe. Es fragt sich aber, ob nicht vielleicht Prochorus die auf Papias
gehende Überlieferung für sich in Anspruch genommen hat. Vgl. die Subskription
in der Evangelienhandschrift 1230 (Soden, Die Schriften des Neuen Testamentes,
I, 1, S. 299): TB/.og vov xaza Ia. tvayy&foov eyoa(f/rj öta ngoyogov [m öi)%ov
/
oVtqv.
Vgl. auch 0. 307) Biog fomvvov des Dorotheus in der Evangelienhand-
(a. a. S.

schrift 530: (IcdavvTjg) vo ayiov evayyeXiov tygmjH y.ai e^edcoKsv ev E<peo(Q öta Taiov
iov ji vodo/ov y.ca öiaxovov.
4
)
Vgl. Funk, Patr. apostol,, S. 374, Anm.
*) A. a. O. S. 224. . ,.
_ 1U
an der Glaubwürdigkeit beider Teile festhalten oder beide als un-
glaubwürdig verwerfen, und er seinerseits das ganze Argumentum
über Bord wirft.
Corssen 1 ) begnügt sieh aber damit nicht, er versucht auch
den Nachweis zu liefern, daß im Werke des Papias überhaupt nichts
über die Entstehung des vierten Evangeliums gestanden und daß also
Papias hierüber nichts gewußt haben könne. Corssens Beweisführung
ist diese. 1. Wenn Papias das vierte Evangelium kannte und benutzte

(was sehr wahrscheinlich, ja beinahe gewiß sei), so war eine Bemerkung


über seine Entstehung durch die Natur seines Werkes nicht nur nicht
ausgeschlossen, sondern sogar nahegelegt. Er habe ja auch die Über-
lieferung des Presbyter Johannes über das Markus- und Matthäus-
Evangelium mitgeteilt und er behaupte doch, mit Männern in Ver-
bindung gestanden zu haben, die Träger einer solchen Überlieferung
über das Johannes-Evangelium hätten sein müssen, wenn anders es
eine solche gegeben. 2. Nun schweige aber hierüber Eusebius, III, 39,
der den Papias sorgfältigst gelesen habe und doch hätten die Um-
;

stände der Entstehung des Johannes-Evangeliums für ihn genau so


interessant sein müssen, wie der von ihm mitgeteilte Bericht über
das Matthäus- und Markus-Evangelium. 3. Noch schwerer wiege das
Schweigen eines zweiten Zeugen, des Irenäus, zumal da dieser von
solchen gewußt, die behaupteten, das vierte Evangelium könne nicht
von dem Apostel geschrieben sein. 2 ) 4. Vollends werde das Schweigen
beider, wenn man ihre Zeugnisse miteinander kombiniere, zu einem
zwingenden Argument. Mit äußerster Kürze spreche sich Irenäus über
die vier Evangelien aus, doch wisse er von Matthäus und Markus
Nebenumstände, von Johannes sage er nichts, was aus einer besonderen
Überlieferung stamme. Eusebius, III, 39 berichte von Markus und
Matthäus dasselbe und schweige über Johannes. Beide schöpften also
aus derselben Quelle, Eusebius aber nenne Papias ausdrücklich als
seinen Gewährsmann. Folglich habe Papias von der Abfassung des
Johannes-Evangeliums nichts zu erzählen gewußt.
Es sei hierauf folgendes erwidert. Ad 1. Die Voraussetzung, von
der Corssen ausgeht, mag gelten; sie ist nur eine Bestätigung der
Glaubwürdigkeit der diesbezüglichen Nachricht im oben besprochenen
Argumentum. Ad 2. Das Schweigen des Eusebius beweist tatsächlich
nichts. Nicht deshalb, weil Eusebius für Schriften, die ihm als zweifellos
galten, keine Zeugnisse sammelt —
hier handelt es sich gar nicht um
die Echtheit des Evangeliums, und außerdem beruft sich Eusebius
ja doch für den ersten Johannes- und den ersten Petrusbrief, die er

i)
S. 222f. - 2) in, 11, 9.
: ,

175

beide zu den ouo/.oyorui-ra zählt, 1


) auf den Gebrauch durch Papias 2 ) —
sondern deshalb, dem Eusebius an der zitierten
weil es
Stelle ebensowenig als dem Papias in seinem Werke um
die Geschichte der Entstellung der Evangelien an sich
zu tun war. Es ist augenscheinlich, daß Papias auch bezüglich des
Matthäus- und Markus-Evangeliums nicht die Umstände ihres Ur-
sprunges, etwa wer ihr Verfasser, welches die Veranlassung ihrer
Abfassung gewesen, berichten wollte, Besonderheiten sondern
welche die Evangelien selbst betreffen. Daß Matthäus sein
Evangelium ißgatöt öta/JxT(o verfaßt habe und daß in schon lange
vergangener Z*eit jeder, so gut er konnte, es bei den Gemeindever-
sammlungen griechisch redender Gläubigen mündlich ins Griechische
übersetzte, 3 ) daß Markus die Reden und Taten des Herrn dxQcßcog
aber ov vd^ei niedergeschrieben und wie sich dies erklären lasse, das
und nichts anderes wollte Papias seinen Zeitgenossen, denen das
Markus- und das griechische Matthäus-Evangelium vorlagen, über-
liefern und zu wissen geben. Auch Eusebius wollte nur diese Be-
sonderheiten der beiden Evangelien, III, 39 wiedergeben, nachdem
4
er zuvor an anderer Stelle ) Weise über
bereits sich in ausführlicher
ihre Entstehung geäußert hatte. In Bezug auf das Johannes-Evan-
gelium mag Papias wirklich keine derartige Besonderheit bemerkt
haben; aber was berechtigt, daraus zu schließen, daß er von seiner
Entstehung nichts gewußt habe ? Und wenn sich Papias etwa mit
einer gelegentlichen Bemerkung über die Abfassung und Veröffent-
lichung des Evangeliums durch Johannes, wie sie der Nachricht des
Argumentum zu Grunde Hegt, begnügen mußte und begnügen konnte,
zumal da er annehmen mußte, daß die Leser seines Werkes über die
zeitlich und räumlich so nahestehende Entstehung des Evangeliums
nicht ununterrichtet sein konnten 5 ) welchen Anlaß hätte Eusebius
gehabt, eine derartige selbstverständliche und niemand unbekannte
Nachricht, und noch dazu unter ausdrücklicher Berufung auf Papias,
zu reproduzieren (wenn man nicht annehmen will, daß er sie über-

i) in, 24, 17; III, 3, 1 (in, 3, 4). Vgl. in, 25, 2. - 2) m, 39, 17.
3
) Das ist wohl der Sinn des aüvä cog i)v dvvavög txaoxog
f)Ofxi)vevaev d'

(vgl. Zahn, Einl., II, S. 256f.), nicht aber, wie auch Corssen und Harnack
meinen, es habe eine Menge von Übersetzungen des hebräischen Matthäus-
Evangeliums gegeben. Ganz unverständlich aber ist es mir, wenn Corssen
(8. 226) den Papias hier eine Vielheit von Evangelien bezeugen lätft, und daß
aus den vielen ein Evangelium des Markus ausgesondert wurde. Vgl. Bey-
schlag, Stud. u. Krit., 1898, S. 86. Pölzl. Kommentar zum Matthäus-Evan-
;

gelium 2 s. xm.,

*) m, 23. 24.
5
) Sieh B. Weiß, Komm. üb. d. Jolianne.s-Evang., S. 6.
176

sehen), insbesondere nachdem er bereits detaillierte Mitteilungen über


die Entstellung der übrigen Evangelien, so auch des Johannes-Evan-
geliums, gebracht hatte? 1
) Ad 3. Auch das Schweigen des Irenäus
fällt keineswegs entscheidend ins Gewicht, selbst wenn mit Corssen
angenommen würde, Irenäus habe alle Presbyterzeugnisse ausschließ-
lich aus Papias geschöpft. Trifft letzteres zu und führt Irenäus trotz-

dem denPapias nur ein einziges Mal 2 ) namentlich auf, warum befremdet
sein Schweigen in unserem Falle ? Schweigt denn Irenäus nicht auch
bei seinen Mitteilungen über das Matthäus- und Markus-Evangelium
von Papias? Und doch ist Corssen überzeugt, daß er diese Mitteilungen
aus Papias geschöpft habe. Warum hat sein Schweigen in dem einen
Falle ein anderes Gewicht als im andern? Warum mußte endlich
Irenäus Leugnung des Johanneischen Ursprungs des
angesichts der
vierten Evangeliums durch die Aloger seinen Gewährsmann nennen,
da ja Corssen 3 ) selbst diese als Zeugen dafür anruft, daß die allgemeine
Meinung Johannes für den Verfasser hielt? Ich meine, das Schweigen
des Irenäus erklärt sich zur Genüge daraus, daß es bei der Ge-
wißheit der apostolischen Überlieferung und der allgemeinen Über-
zeugung wie den übrigen Evangelien so auch bei Johannes nicht
bei
erst der ausdrücklichen Berufung auf irgend welchen Zeugen bedurfte.
Ad 4. Zur Würdigung dieses „zwingenden" Argumentes ist es not-
wendig, das Zeugnis des Eusebius, III, 39 (nur dieses kommt hier in
Betracht) und das Zeugnis des Irenäus, III, 1, 1 über die Evangelien
des Matthäus, Markus und Johannes 4 ) nebeneinander herzusetzen,
wobei festgestellt sei, daß Irenäus für seine Nachrichten keine Quelle
nennt, während Eusebius ausdrücklich Papias als Gewährsmann nam-
haft macht.

Irenäus, III, 1, 1. Eusebius, Hist. eccl., III, 39,


15. 16.
c
O fisv öij Marfialog ev xolg Maxfraiog {isv ovv sßoaldi dta-
c
'Eßoaioig vjj idta öiakextco avxtiv ?JxT(p xd Xoyia Gvveyodtyaxo. Hq-
yau yoa(prp> egrjveyxsv svayysklov, jnyvsvGf- (Y aovä <bg f/dvvavo exa-
xov Ilexoov xal xov Tlavkov sv OXO Q.
e
Po')/jir} Evayye/u^o^evow xal fte-

iihhovtoyv xr\v £xxh]Otav.


Msxä ÖE XT)V XOVXCOV S^OÖOV MaQxog [ikv £Q[jLr}VEVvrig IUxqov
Mäoxog, ö /uav\)xr)g xal bq^t)vbv- yF)>6fj,evog, öoa tfAvrjfiovsvoev, dxoi-

xqg Tlivgov x(0 avxbg xd vjzo ßc&g fyoarppv, ov fiivtoi xd^ei xa

i) III, 24, 7. - 2
) V, 33, 4.

») A. a. 0. S. 200.
4
) Über Lukas zu reden haben wir keine Veranlassung.
177

r.io ror KVQtov i) /.:y<)irra // .i(j(ty-

i)u7i> nagadedcoKfi'. tli-rra. Onrs yan JJXOVGBV vor xv-


Qlov orn 7COQr)X0XoV&r}0SV (irro),

VÖTGQOV <)(',
(5$ m/ ///', ID'nx;) U.S.W.

Kvglov 6 y.al tjvi vb avfj'd'og aovov


dvojveocbv y.al aötög tb Evayyi-
Idov i^idcoxsv kv K(/i oco dtaroi-
:

ßcor. Dazu IIT, 11, 3: Gegen


Cerinth und die Nikolaiten.

Eine unbefangene, gründliche Prüfung der beiderseitigen Zeug-


nisse führt zu folgenden Ergebnissen: 1. Irenäus berichtet über die
Entstehung, beziehungsweise Herausgabe der schriftlichen Evangelien ) 1

in ihrer chronologischen Abfolge. Die Mitteilungen des Eusebius


(Papias) dagegen enthalten, wie schon gezeigt wurde, charakteristische
Details über die Beschaffenheit der Evangelien, bei Markus noch mit
einer ausführlichen apologetischen Erörterung der hervorgehobenen
Besonderheit. Irenäus und Eusebius verfolgen also eine wesentlich
verschiedene Tendenz. Die Folgerung hieraus bezüglich des Schweigens
des Eusebius über das vierte Evangelium wurde bereits gezogen. Auch
wenn Papias eine gelegentliche Mitteilung über die Entstehung des
Johannes-Evangeliums enthielt, konnte sie Eusebius unberücksichtigt
lassen, da es ihm darum gar nicht zu tun war. 2 ) 2. Beide berichten
über Matthäus und Markus auch inhaltlich keineswegs dasselbe. Man
vergleiche doch die beiderseitigen Berichte Satz für Satz. Bei Matthäus
treffen sie lediglich bezüglich des hebräischen Dialektes zusammen.
In gleicher Weise stimmen beide in der Wiedergabe der Tradition
über Markus im einzigen eQfirjvevvfig IlevQov und darin überein, daß
sie sein Evangelium auf die Predigt des Petrus zurückführen. 3 ) In
allem übrigen haben sie schlechterdings nichts gemeinsam. 3. Ferner
teilt Eusebius fragelos alles, und zwar wörtlich mit, was er im Werke

des Papias über das Matthäus- und Markus-Evangelium gefunden. 4 )


*) Eine andere Meinung über MavfraZog e&p>eyx£v etixxyy. sieh beiCornely,
Introd., III, S. 78.
2
) Vgl. Schanz, Komm. üb. d. Ev. d. Joh., S. 8.
8
) B eis er (Tüb. Quartalschr., 1898, S. 221 ff.) hält die Abhängigkeit des
Irenäus hinsichtlich seiner Angabe über das zweite Evangelium von Papias für
evident, obwohl er findet, daß Irenäus abweichend von Papias die Dolmetscher-
dienste in die Zeit der gemeinsamen Tätigkeit Petri und Pauli zu Eom (?) ver-
lege, und iyygdqxxtg nagadedor/.ev gar nicht von der Ablassung des Evangeliums,
sondern von der Überlieferung oder Fortpflanzung der Lehrreden Petri nach
dessen Tod in einer schriftlichen Urkunde versteht.
4 Vgl. die Einführung der Zeugnisse: ÜQOO'd^aoßev valg JigoexTefteloaig
)

aoTov ((O)v(ug naoädooiv. /}>' jzegi Mägxov . . . fy.Ti'ftrirat diä vvötmv. aiegl (W voto

12
178

Hieraus folgt daß Irenäus seine Nachrichten über die


mindestens,
Entstehung des Matthäus- und Markus-Evangeliums nicht nur und
nicht in erster Linie aus derselben Quelle wie Eusebius, aus dem
Werke des Papias geschöpft haben kann. Wahrscheinlich hat er
aber aus Papias überhaupt nicht geschöpft. Damit ist klar, warum
er den Papias nicht als seinen Gewährsmann nennen konnte. 4. Was
im besonderen das Johannes-Evangelium anlangt, so steht der Bericht
des Irenäus auf derselben Linie wie der Bericht über Matthäus und
Markus und ist es nicht richtig, daß er hier keine Nebenumstände
weiJ3. Sind die genaue Angabe des Ortes der Abfassung und die An-

gabe der Gegner, gegen welche er sich richtet, keine besonderen


Nebenumstände? Die Quelle, aus der Irenäus seine Nachricht ge-
schöpft, ist bei Johannes ebensowenig als bei Matthäus und Markus
genannt. Es ist möglich, daß er sie gar nicht aus Papias geschöpft
hat. Daraus folgt aber keineswegs, daß Papias über den Ursprung
des Evangeliums uns nichts gesagt hat. Dem Irenäus standen andere,
ebenso zuverlässige und ergiebige Quellen, z. B. in Polykarp, zu
Gebote. Warum hätte er gerade auf eine etwa nebenbei gemachte
Bemerkung des Papias sich berufen müssen? Es ist aber auch möglich,
daß er sie nicht nur aus Papias geschöpft hat, und im Zusammen-
halt mit der glaubwürdigen Angabe des Argumentum ist es gewiß,
daß er weit über Papias hinausgeht. In diesem Falle liegt wiederum
wie bei Matthäus und Markus der Grund zu Tage, warum er Papias
nicht als Gewährsmann nennen konnte. Ohne die Unwahrheit zu sagen,
hätte er ihn ohne die Angabe der übrigen Quellen nicht nennen
können.
Somit beweist das Schweigen des Irenäus und Eusebius weder
an sich noch im Zusammenhalt mit ihren Zeugnissen, daß Papias in
seinem Werke über die Entstehung des vierten Evangeliums nichts
berichtet habe. Und selbst in dem angenommenen Fall, daß das Werk
des Papias tatsächlich nichts über die Entstehung des vierten Evan-
geliums enthalten hätte, ist es noch immer nicht bewiesen, daß Papias
hierüber nichts gewußt habe. Warum hätte er eine allgemeine bekannte
Tatsache registrieren müssen? Zudem halte ich es für völlig aus-
geschlossen, daß Papias, der Bischof von Hierapolis, der bei seinen
Nachforschungen über die koyia KVQiaxd einen so vielseitigen Ver-
kehr unterhielt, über den Ursprung eines während seiner Lebenszeit
und in seiner Nähe entstandenen Evangeliums, das er kannte und
benutzte, nichts gewußt haben sollte. So erscheint denn die Unter-
suchung darüber, ob Papias in seinem Werke über die Entstehung
Mavdmov xavi? elgrjzai, und die Bemerkung: xama fiev ovv lo%6Q7)xai t@ Ilamrj.
rrfoi too MdQXOV.
179

des vierten Evangeliums etwas berichtet habe oder nicht, doch imr
als Nebensache.
Von wesentlichem Belange dagegen bleibt die Frage: Wen
hielt Papias für den Verfasser des Evangeliums? Harnaok be- 1
)

antwortet die Frage dahin: So gewiß Papias die Johanneischen


Schriften benutzt und Apokalypse
einem Johannes vindiziert
die
habe, so wenig lasse es sich entscheiden, welchen Johannes er ge-
meint habe. Von Papias aus endige die Johannesfrage mit einem non
liquet. „Papias hat die Johanneischen Schriften gebraucht, aber ob als
Schriften des Zebedäiden, wissen wir nicht." Für den tatsächlichen
Verfasser des Evangeliums hält Harnack seinerseits den vom Apostel
zu unterscheidenden Presbyter Johannes.
Harnacks Behauptungen erweisen sich aber, soweit Papias in
Frage kommt, als durchaus haltlos. Denn 1. ist es unmöglich, daß
Papias das Evangelium irgend einem andern als' dem Apostel
Johannes, etwa dem gleichnamigen Presbyter, als Verfasser zu-
geschrieben haben kann. Diesbezüglich befindet sich Corssen 2 ) un-
bedingt im vollsten Rechte, wenn er unter anderem folgendes aus-
führt. Angenommen, Papias habe das Evangelium etwa dem Presb3^ter
Johannes zugeschrieben sollte Eusebius, der doch gründlich und mit
:

Kritik las, hievon nichts gemerkt haben und würde Eusebius nicht
mit Begierde die Gelegenheit ergriffen haben, den nach seinem Ur-
teile beschränkten Mann noch weiter zu diskreditieren? Denn darüber

könne kein Zweifel sein, daß Eusebius eine solche Meinung für eine
ebenso schlimme Ketzerei wie die chiliastischen Träumereien des
Papias gehalten haben würde. Es könne und müsse deshalb auf das
bestimmteste erklärt werden, daß Papias ebensowenig wie Irenäus
und Polykrates noch irgend sonst einer aus dem 2. Jahrhundert den
Presbyter Johannes für den Verfasser des Evangeliums gehalten habe,
und daß die Ansprüche des Presbyter Johannes auf die Unterschrift
des vierten Evangeliums als beseitigt gelten könnten. 2. Wenn Papias
das vierte Evangelium ebenso wie die übrigen kanonischen Evangelien
als autoritative Stoffansammlung gebrauchte, 3 ) so muß eres doch

wohl für apostolisch angesehen haben. 4 ) Da nun nach ihm selbst die
Bestreiter des Evangeliums bezeugen, daß es den Namen des Apostels
Johannes getragen, so kann Papias nicht wohl einen andern für
den Verfasser desselben gehalten haben. 3. Auch ist die Zusammen-
stellung des Matthäus und des Apostels Johannes im Papianischen

i) ChronoL, S. 668. 673. 677.

2) A. a. 0. S. 213 ff.
3) Harnack, ChronoL, S. 663 f. 690, Anm.
4
)
Vgl. B eis er, EM., S. 734.

12*
180

Proömium schwerwiegendes positives Argument, daß Papias den


ein
Apostel Johannes als Evangelisten kannte, und es muß sehr Wunder
nehmen, daß Harnack, der doch sonst auf das kritische Urteil des
Eusebins so großes Gewicht legt, hier die Bemerkung desselben:
mit/ dög ()>)/.o)i> töv {-rayyb/jort'jr einfach ignoriert.
Es kann somit gewiß gelten, daß Papias das vierte Evan-
als
gelium nicht nur kannte und benutzte, sondern dasselbe auch dem
Apostel Johannes zuschrieb.
Das gleiche gilt auch bezüglich Polykarps zum mindesten in-
sofern, als das Gegenteil schlechterdings nicht einmal mit einiger
Wahrscheinlichkeit sich erweisen läßt. Es gibt allerdings Forscher,
die aus der Benutzung des ersten Johannesbriefes durch Polykarp nicht
bloß auf Bekanntschaft mit dem vierten Evangelium,
sondern auch
ohne weiteres auf die Anerkennung desselben als einer apostolisch-
Johanneischen Schrift schließen. ) Auf solche Schlußfolgerung soll
1

verzichtet werden selbst die Priorität des Evangeliums als zweifellos


;

vorausgesetzt, entbehrt sie der zwingenden Beweiskraft. Wohl hätte


dieses Argument unter der eben genannten Voraussetzung seine un-
bedingte Geltung, wenn der erste Johannesbrief als Schrift des
Apostels Johannes bezeichnet wäre, da die Identität des Verfassers
des Briefes und des Evangeliums nicht einmal mit irgendwelcher
Wahrscheinlichkeit sich leugnen läßt, oder wenn wenigstens die Stelle
ausdrücklich als Schriftzitat angeführt wäre, was nicht der Fall ist.

Freilich beweist, um es gleich zu sagen, der entgegengesetzte Schluß


noch weniger. Trotzdem hat die Schlußfolgerung im Zusammenhalt
mit anderen Tatsachen seine volle Berechtigung. Ich meine folgendes.
Die apostolischen Väter pflegen die kanonischen Schriften im all-
gemeinen nicht mit den Namen ihrer Verfasser zu zitieren. Polykarp
gebraucht den ersten Johannesbrief in völlig gleicher Weise wie alt-
testamentliche Schriften, wie die synoptischen Evangelien und die
Apostelgeschichte, wie die Mehrzahl der Paulusbriefe, wie den ersten
Petrusbrief. 2 ) 11, 2 wird außerdem 6, 2 des ersten Korintherbriefes
ausdrücklich mit: xafrax; JJavkog dtödoxsi, 12, 1 Ps. 4, 5 zusammen
mit Ephes. 4, 26 als heilige Schrift (xafiwg ev talg ygayalg slQrjtai)
eingeführt, 2,3 und 7,2 werden synoptische Texte (Mt. 5, 3. 10;
6, 13; 7,1.2. Luk. 6, 20; 6,36—38. Mk. 14, 38) als Herrnworte
(lIjibv 6 zvQiog dtddoKOJv, xadojg sIjvsv ö xvQiog) zitiert. Nach dieser

Analogie dürfte kaum ein Zweifel mehr möglich sein, daß auch der

) Boese, a. a. 0. S. 59: Wenn Polykarp dieses Schreiben kennt und ver-


J

wertet hat, so hat er auch das Johannes -Evangelium gekannt und als Werk seines
Lehrers betrachtet.
2
) Vgl. die Schriftzitate bei Funk, Patr. apostol., Index.
.161

Johannesbrief für Polykarp als kanonische Schrift galt Dazu


erste
kommt noch insbesondere, daß der erste Johannesbrief am gleichen
Orte mit Mt. 6, 13; 26,41 (Mk. 14, 88) benutzt wird. Ferner gaU
nach der Anschauung in der ältesten Kirche der apostolische Ursprung
einer Schrift als das äußere Kriterium ihrer Kanonizität, ) und es l

wird Polykarp nicht anders gedacht haben. Endlich hat die Priorität
des vierten Evangeliums vor dem Johannesbrief wenigstens die höchste
Wahrscheinlichkeit für sich. Im Zusammenhalt m aller dieser Tatsacli«
kann Anerkennung des vierten Evangeliums als einer apostolisch-
die
Johanneischen Schrift auch bei Polykarp mit Grund nicht geleugnet,
geschweige das Gegenteil behauptet werden. Dieses Ergebnis bekräf-
tigen ähnliche Erwägungen wie sie oben für Papias geltend gemacht
wurden. Eusebius rechnet das Evangelium ebensogut wie den ersten
Johannesbrief als Werk des Apostels Johannes zu den öjLtoXoyovuf i>a.->
Dem Bischof von Snryrna mußte eine zu seinen Lebzeiten und in
seiner nächsten Nähe entstandene Schrift und deren Verfasser nicht
minder bekannt sein als einem Papias in Hierapolis. Polykarp
hätte als treuer Hüter der apostolischen Tradition sicherlich nicht
geschwiegen, wenn ein Fälscher das vierte Evangelium unter dem
Namen des Apostels verbreitet hätte. Wer immer leugnen möchte,
daß Polykarp das vierte Evangelium und seinen apostolischen Ver-
fasser gekannt, der müßte zuvor positiv die Haltlosigkeit aller vor-
geführten Argumente nachweisen. Bis dahin muß es dabei bleiben,
daß Polykarp so gut wie Papias das vierte Evangelium als Werk des
Apostels Johannes ansah, wie es der ganzen Folgezeit als solches galt.
Die bisher gemachten Einwände genügen nicht. Die etwas spär-
liche Verwertung der Johanneischen Schriften und namentlich des
vierten Evangeliums im Briefe Polykarps an die entlegene Gemeinde
zu Philippi erklärt sich zur Genüge daraus, daß sich Polykarp hier
wohl kaum auf dieselben als auf bereits bekannte und anerkannte
Schriften beziehen konnte. Hieraus folgt aber keineswegs, Polykarp
habe auch in seinen Briefen an die benachbarten Gemeinden und
einzelne Brüder von denselben keinen ergiebigeren Gebrauch gemacht.
Wenn Polykarp im genannten Schreiben nebst den heiligen Büchern
nicht selten auch nichtkanonische Schriften, wie den ersten Brief
des Klemens an die Korinther und die Briefe des Ignatius, benutzt,
so ist die Art und Weise, wie er aus den letzteren, stets ohne
siezu nennen, einzelne Ausdrücke und Wendungen seinen eigenen
Gedankenreihen einflicht, doch sehr verschieden vom Gebrauch zu-

*) F. Leitner, Die prophetische Inspiration, 1896, S. 60. 62; Kaulen,


Ein!. 4 , I, S. 81.
2) Hist. eccl., Ilf, 14, 2; IIE, 25. 1.
182

sammenhängender und oft weitläufiger Schriftzitate, zum


die Teil
allerdings ohne weiteres in den Text verflochten werden, zum Teil
aber genugsam als Schriftworte gezeichnet
daß der sind, sei es,

Verfasser genannt wird, ) sei es, daß sie als Herrnworte oder direkt
1

als Schriftworte angeführt, 2 ) oder sei es, daß sie durch ein vor-

gesetztes (tvo/iovetiovreg oder siöötsg 2 ) den Lesern als bekannt voraus-


gesetzt werden. Und hätte Polykarp auch denselben Gebrauch von
den kanonischen und einzelnen außerkanonischen Schriften gemacht,
so folgt doch nur, daß ihm das kirchliche magisterium ebenso wie die
heiligen Schriften als Quellen der christlichen Erkenntnis und der
christlichen Lebensnormen gegolten haben 4 ) und daß er auch in den
Schülern und Nachfolgern der Apostel Organe des Heiligen Geistes
gesehen hat.

V.

Der Verfasser des vierten Evangeliums.


Es erübrigt nur noch, die Prüfung einiger gegenwärtig im
Vordergrunde stehender Hypothesen einerseits über die Entstehung
der Überlieferung von der Johanneisch-apostolischen Abfassung des
vierten Evangeliums und andrerseits über den angeblich wahren Ver-
fasser desselben. Wir wollen uns hiebei ganz auf den Standpunkt
ihrer Vertreter stellen.
Der modernen protestantischen Forschung gilt es als ein un-
widerlegliches Ergebnis der inneren Kritik, daß das nicht nach 110
geschriebene Evangelium nicht vom Apostel Johannes verfaßt sei. 5 )
Weder Papias noch habe für seinen apostolischen Ur-
die Folgezeit
sprung ein äußeres Zeugnis gehabt die Überzeugung hievon habe ;

sich ohne irgendwelche Kenntnis seines tatsächlichen Ursprunges


nur auf das Selbstzeugnis des Evangeliums gegründet. 6 ) Sie hält
weiter teils dafür, daß das vom Presbyter Johannes, dem Herrn-
schüler, verfaßte Evangelium nachträglich für ein Werk des Apostels
ausgegeben und somit der Apostel und der Presbyter absichtlich
identifiziert worden sei, wofür 21, 24 immer ein starkes Indizium
bleiben werde, ) teils spricht sie sich dahin aus, daß ein unbekannter,
7

enthusiastischer Schüler und Verehrer des in Asien wirkenden

i)
11, 2. - 2) 2, 3; 6, 3; 7, 2; 12, 1. - 3) 1, 3; 2, 3; 4, 1 ; 5, 1; 9, 2.
4 Vgl. Ignatius ad Philad., 5,2: Ilgooqwyuv eüayyeMq)
)
tcp d>g oclqxI 'Itjöov

y.al tulg ö.noox6Xoig fog JiQtaßvzegiq) £xx?.r)oCag.


5
)
Harnack, Chronol., S. 680.
6
)
Corssen, a. a. 0. S. 227, und andere.
7) Harnack, S. 680.
183

Johannes unter dessen Namen das Evangelium geschrieben und auf


Johannesgrund nur sein Gebäude kunstvoll ausgebaut habe. ) 1

Was nun zunächst Corssens Hypothese anlangt, deren


detaillierte Darlegung noch aussteht, so enthält sie an und für sich,
rein prinzipiell betrachtet, nichts Unmögliches. So manchem un-
benannten Buche wurde lediglich auf diesem "Wege der Name seines
Verfassers gegeben. Und doch ist sie in unserem Falle im höchsten
Grade unwahrscheinlich. Denn 1. erscheint es mir wenigstens schier
unfaßbar, wie Papias, um bei diesem zu bleiben, da Corssen ihn aus-
Gewährsmann nennt, keine geschichtliche Kenntnis
drücklich als seinen
über die Entstehung gehabt haben sollte. Konnte er etwa keine Nach-
richt hierüber haben? Man könnte allenfalls zustimmen, wenn es sich
um eine Persönlichkeit handelte, die zeitlich, und räumlich weit vom
Ursprung des Evangeliums entfernt gewesen wäre. Nun aber handelt
es sich um einen Mann, der nicht nur Zeitgenosse des Verfassers des
Evangeliums war, da es ja nach Harnack eine geschichtliche Tatsache
ist, da!3 dieses nicht nach ca. 110 geschrieben worden und vor ca. 80

nicht geschrieben sein kann, nicht nur dem Verfasser räumlich so


nahe stand, da wir diesen nirgend anderswo als in Asien suchen
können, 2 ) sondern auch in seiner Wißbegierde nach eigener Aussage
den lebhaftesten Verkehr unterhielt.
Oder verzichtete Papias im vorhinein auf jede äußere Beglaubi-
gung? Man könnte auch dies vielleicht für denkbar halten, wenn es
sich um einfache Gläubige oder um ein nichtssagendes Schriftwerk,
das^keiner Beachtung wert geschienen, handelte. Aber Papias war
Bischof einer Gemeinde, und es handelte sich um den vom Herrn
übergebenen Glauben und eine Schrift, die den Anspruch erhebt,
eine entscheidende Urkunde der evangelischen Geschichte zu sein,
die den Nachweis der Gottheit und Messianität Jesu erbringen will, 3 )
die sich gleichwertig den synoptischen Berichten an die Seite stellt 4 )
und darum das höchste Interesse erwecken mußte und, wie die Be-
nutzung derselben schon durch Papias und Ignatius beweist, auch
tatsächlich fand. Ist es unter solchen Umständen möglich, daß Vor-
steher kirchlicher Gemeinden, die Wächter des Glaubens,
bestellten
ein solches Schriftwerk in Empfang und Gebrauch nahmen, ohne
sich über seineHerkunft die vollste Gewißheit verschafft zu haben?
Oder aber wußte der Verfasser des Evangeliums das Geheimnis seiner

)
1
Juli eher, Einl., S. 339. Die etwas modifizierten Aufstellungen von
Soltau, Unsere Evangelien, S. 103 ff., und Wen dt, Das Johannes -Evangelium
(Quellen-Scheidungshypothesen), haben wenig Anklang gefunden.
2
)
Jülicher, S. 328; Harnack, S. 686, Anm. 3.

3) 1, 18 i 20, 31. — '*)


3, 24.
184

Abfassung vor jedermann zu wahren? Konnte er es, wenn er es wollte,


auch am Orte, wo er schrieb? Und warum wollte er dies um jeden
Preis? Lauter unglaubliche Dinge!
'2. Angenommen, Papias hätte tatsächlich keinerlei geschichtliche
Kenntnis über den Ursprung des Evangeliums gehabt, so konnte sein
Glaube an die Johanneisch - apostolische Abfassung desselben sich
doch nur auf 21, 24 gestützt haben, welche Stelle, hier einerlei, ob
sie ganz oder zum Teil echt oder unecht ist, wohl jedenfalls in den
tUn Gemeinden übergebenen Abschriften enthalten war, da sämtliche
Handschriften sie bieten. Die übrigen Selbstzeugnisse des Evan-
geliums lassen ja nach dem Urteil der modernen Forschung nicht
einmal einen sicheren Schlul3 auf einen Augenzeugen, geschweige auf
den Apostel Johannes zu. ) Aber 21, 24 für sich allein zwingt
1

nicht, auf den Apostel Johannes zu schließen. Dali der Lieblingsjünger


des Herrn, welchem hier ohne Zweifel die Abfassung des Evangeliums
zugeschrieben wird, der Apostel Johannes sei, läßt sich nur durch
eine nicht so ganz einfache Verbindung und Vergleichung von Stellen
aus dem vierten Evangelium und den Synoptikern erkennen. Be-
trachtet man das vierte Evangelium für sich, so ist es sogar un-
möglich, auf Johannes zu schließen, da dieser nirgends genannt
wird. Durch das vierte Evangelium allein wird man am ehesten auf
Nathaniel geführt, da Jesus diesem ein so schönes Zeugnis ausgestellt
und dieser c. 21 wieder mit Namen vorgeführt wird. 3 ) Selbst
hat, 2 )
Lazarus wäre nicht völlig ausgeschlossen. 4 ) Andrerseits scheinen die
von niemand geleugneten Eigentümlichkeiten des vierten Evangeliums
im Zusammenhalt mit den in mehrfacher Hinsicht abweichenden syn-
optischen Berichten so sehr einen nichtapostolischen Verfasser nahe-
zulegen, daß sie, freilich mit Unrecht, der modernen Kritik geradezu
als unangreifbare Instanz seiner Unechtheit gelten. Wie hätte also
Papias, dem die synoptischen Berichte als apostolische Schriften
vorlagen, lediglich aus dem Selbstzeugnisse des vierten Evangeliums
ohne geschichtliche Kenntnis seiner Entstehung auf den Apostel
Johannes schließen können oder müssen? Und wie hätte auch die
Folgezeit ohne äußeres Zeugnis denselben Schluß machen müssen,
und zwar mit solcher Einmütigkeit, daß, abgesehen von den wenigen
Alogern um 170, von Papias und Polykarp an hierin niemand einer
andern Meinung war? Wenn Papias das vierte Evangelium kannte
und benutzte und als apostolisch -Johanneisch ansah, und es kann
J
) Vgl. insbesondere Harnack, Chronol., S. 676 zu 19, 35.
2) 1, 47ff.
3) Vgl. Wetzel, S. 183; Jülicher, Einl., S. 325f.
4
)
Vgl. 11, 3. 5 und 21, 2 (xal ä/./.oi tv. ta~»v /.laflyTow avxov ovo).
185

dies mit Grund nicht im mindesten bezweifelt werden, so ist mir


nichts gewisser, als daß er seinen Verfasser auf Grund sicherster und
glaubwürdigster Bezeugung und Beglaubigung kannte.
3. Gründete sich trotz alledem die Überzeugung des Papias von

der apostolisch- Johanneischen Abfassung des vierten Evangeliums


doch nur auf das Selbstzeugnis desselben, so war dies nur unter
der Voraussetzung möglich, daß Papias nicht nur die Person des
Apostels kannte, sondern auch mit dem Lehrinhalte und der Lehr-
weise desselben durch langen, persönlichen Verkehr so völlig vertraut
war, daß er, als er das Evangelium zu Gesicht bekam, über den
Verfasser nicht im geringsten Zweifel sein konnte, und sein Zeugnis
wird zum unumstößlichen Beweis der Johanneisch.en Abfassung des
Evangeliums.
Übrigens gibt es tatsächlich ein geschichtliches Zeugnis, das
4.

bis an den Ursprung, bis an die Zeit und den Ort der Entstehung
des Evangeliums hinanreicht. Der Beweis hiefür kann in vollkommen
befriedigender Weise aus dem 21. Kapitel geführt werden, a) Es muß
als daß das ganze Kap. 21 (einerlei, ob es
durchaus sicher gelten,
vom Verfasser des Evangeliums selbst oder von einem andern her-
rührt) dem Evangelium beigefügt wurde, bevor dasselbe weiteren
Gemeinden übergeben wurde, da sämtliche Handschriften ohne Aus-
nahme dieses Kapitel enthalten. ) Zahn 2 ) bemerkt hiezu: War dies
1

(die Übergabe des Evangeliums ohne Kap. 21) einmal geschehen, so


konnte keine Macht auf Erden verhindern, daß das Evangelium ohne
Kap. 21 gelesen und vervielfältigt wurde. Was man diesem Urteil
entgegenhalten könnte, wäre nur die phantastische und keiner Wider-
legung werte Vorstellung von der Bildung des Evangelienkanons durch
eine Behörde, welche Recht und Macht gehabt hätte, alle bereits ver-
breiteten Abschriften eines Evangeliums einzuziehen und zu vernichten
und an deren Stelle die kanonische Rezension zu setzen. 3 ) b) Ferner
ist es gewiß, daß V. 24: ovtög eariv ö pia^vr/g ö juaQWQcbv Kai ygäipac,
auf den Jünger, bv rjydjza 6 'fyöovg, bg xal dvejzeosv ev deljivq) em vö

J
) Nur in wenigen Handschriften fehlt V. 25.
2) Einl., n, S. 484.
) Nach C. Erbes (Zeitschr. f. Kirchengesch., 1901, S. 9) wurde Kap. 21 im
3

Jahre 153 als Denkmal der Versöhnung des Ostens und Westens verfaßt. Das
besagen nämlich die 153 Fische, welche nach V. 11 gefangen wurden. Dazu be-
merkt Kn eil er (Zeitschr. f. kath. Theol., 1902, S. 358): Die Deutung der 153 Fische
ist nur als Kuriosität bemerkenswert. Ebenso braucht man wohl kein Wort zu

verlieren über die Datierung von Joh. 21; nach 150 noch etwas ins Evangelium,
und zwar in alle Handschriften einzuschmuggeln, ist ein Unternehmen, an dem
auch der unverschämteste Fälscher verzweifeln müßte. — Diesen verzweifelten
Ausweg betrat auch Kreyenbühl, S. 366, aas guten Gründen.
186

ori'jOo^avTüv (V. 20) zurückgeht, und auch, daß jtsqI vovtcov und
ravra sowie /) jnaorvoia avroö sich nicht bloß auf 21, 1 23, sondern —
auf das ganze Evangelium bezieht. Es wird also hier der Jünger, den
der Herr lieb hatte, als Zeuge für die "Wahrheit des Evangeliums an-
gerufen und als dessen Verfasser bezeichnet und die Zuverlässigkeit
seines Zeugnisses durch eine Mehrheit (olda/isv) bestätigt, c) Weiter
ist es wohl unmöglich zu leugnen, daß wenigstens 246: xal oida^ev,
öri ä/.>jO/)g tont' uaQWQia avvov nicht vom Verfasser des Evan-
fj

geliums herrühren kann. Die Person des hier Schreibenden (oiöa^ev)


ist von der Person, deren Zeugnis als wahrhaftig bestätigt wird, zu

deutlich verschieden, 1
) und
Worte kann doch nur
die Echtheit dieser
durch Gemeinplätze verteidigt werden. B e 1 s e r behauptet, daß wohl
1, 1 —
23, aber nicht mehr in V. 24 der Evangelist das Wort führe. 2 )
Aber ist es wahrscheinlich, daß das Evangelium mit vi JiQÖg ob
geschlossen haben kann? 3
) Viel konsequenter spricht sich Zahn 4
) dahin
aus, daß auch 21, 1 — 23 Leute, die dem Lieblingsjünger des Herrn
nahegestanden, mit seiner Genehmigung oder geradezu in seinem
Auftrage, was er ihnen gewiß mehrmals, aber gewiß noch einmal,
ehe Feder ansetzten, erzählt habe, niedergeschrieben hätten,
sie die

so daß es inhaltlich und wesentlich auch der Form nach dem Evan-
gelisten angehörte. Ja, es steht auch der Annahme nichts entgegen,
daß der Evangelist diesen Abschnitt selbst diktierte. Das yodipag
vavva macht keine unüberwindliche Schwierigkeit. Sehr gefällt die
Ansicht Wetz eis, 5 ) der 24 a dem Evangelisten, 246 aber den ersten
Empfängern des Evangeliums zuweist. Damit fällt in der Tat die
Schlußfolgerung, die Holtzmann 6 ) und zum Teile auch Harnack
einerseits aus dem unlösbaren sachlichen und sprachlichen 7 ) Zusammen-

hange von 1 21, 23 und aus der engen Verbindung von 23. 24,
andrerseits aus der Tatsache, daß V. 24 nicht vom Evangelisten ge-
schrieben sein könne, gegen die Johanneische Abfassung des Evan-
geliums gezogen haben, in nichts zusammen. Nach Wetzel hätten wir
also in V. 24 zwei Zeugnisse für den Johanneischen Ursprung des
Evangeliums, ein Selbstzeugnis des Verfassers (24 a) und ein Zeugnis
der ersten Empfänger (24 b). Ich halte seine Ansicht für die richtige.
d) Endlich wird niemals die Ansicht jener, die im V. 24 das Präsens

i) Vgl. Belser, Tüb. Theol. Quartalschr., 1898, S. 234f„ und Einl., S. 367;
K. Hörn, a. a. 0., S. 76.
2
)
Vgl. auch Corluj', Komm., p. 446.
3
)
Holtzmann, Komm., S. 230.
4 Einl., n, S. 487. Haußleiter, Zwei
Vgl. apostolische Zeugen, S. 40 f.
)

*) A. a. O. S. 19. - 6) Komm., S. 230.


7
) Vgl. dagegen Haußleiter, S. 39f.
187

fiaQTVQCOvim Zusammenhalt mit dem nachstehenden Aorist ygäipag


dahin verstehn, daß der als Zeuge angerufene und als Verfasser
des Evangeliums Kap. 21
bezeichnete Lieblingsjünger zur Zeit als

dem Evangelium beigefügt wurde noch am Leben war und also


seine Zeugentätigkeit noch fortdauerte, als unrichtig bewiesen werden
können. Harnack findet zwar ixaQWQcbv von anderen, nicht vom
Verfasser, gedankenlos und unrichtig beigesetzt, weil der Abschnitt
21, 20 —
23 augenscheinlich den Tod des Jüngers, den der Herr lieb
hatte, voraussetze. Aber wenn letzteres so augenscheinlich ist, wie
konnten dann jene „anderen" dies so ganz und gar übersehen? Wie
konnten dies alle jene übersehen, denen gerade der Abschnitt 20 23 —
zum unwiderleglichen Beweis des Gegenteils dient? 1 ) Nach meinem
Urteile läßt sich weder die eine noch die andere Auffassung stringent
beweisen, beziehungsweise widerlegen. Es tut dies auch wenig zur
Sache. Will man nämlich jj.agtvQCOv etwa von dem im Evangelium
niedergelegten und also fortdauernden Zeugnisse fassen und an-
nehmen, 20 — 23
nach dem Tode des Verfassers des Evangeliums,
sei
des Lieblingsjüngers, auf Grund wiederholt gemachter Mitteilung,
zur Berichtigung einer umlaufenden Sage, dieser Jünger werde nach
einem ihm vom Herrn gegebenen Versprechen vor der Parusie nicht
sterben, oder besser zur Beseitigung des Ärgernisses, das man am
Tode des Apostels wegen der Verheißung des Herrn nahm, hinzu-
gefügt worden, so reicht das Zeugnis der „anderen" für die Ab-
fassung des Evangeliums durch den Lieblingsjünger immerhin bis an
sein frisches Grab, da das Bedürfnis einer solchen Berichtigung nur bei
seinem eben erst erfolgten Tode sich aufgedrängt haben kann. 2 ) Aus
dem Gesagten ergibt sich unwiderleglich, daß zum mindesten 24 b,
wenn nicht der ganze Vers, als geschichtliches Zeugnis zu
gelten hat, das die ersten Empfänger, wohlvertraute Freunde des
Verfassers, 3
) dem vollendeten Evangelium vor Übergabe desselben
an die Gemeinden beigefügt haben. V. 25, der für unsern Zweck
nicht in Betracht kommt, mag wohl der Schreiber 4) in Nachahmung
von 20, 30 für seine Person als Schlußbemerkung beigesetzt haben.
J
) Vgl. die ausführlichen Erörterungen von Zahn, S. 488 ff.; Godet, Komm.,
S. 153; AI. Schaefer, Belser, Tüb. Theol. Quartalschr., 1898, S. 234f.;
Einl., S. 286;
Einl., S. 367 ff.; J. Haußleiter, a. a. 0. S. 32ff.; H. Hörn, a. a. 0. S. 35-81.
2) Vgl.Beyschlag, Stud. u. Kr., 1898, S. 116.

)
3 Nach Haußleiter, a. a. 0. S. 51 ff. die
Apostel Andreas und Philippus.
Leider kann ich auf diese sehr ansprechende Hypothese, die allerdings die
Abfassungszeit des Evangeliums gegenüber dem traditionellen Ansatz in
etwas verschiebt, nicht näher eingehn, da mir Haußleiters Abhandlung erst bei
Korrektur der letzten Bogen zukam.
4
)
Nach Haußleiter, S. 45, ist es Andreas.
188

Und dieses Zeugnis beweist, daß Zeugen da waren, die zeitlich


und räumlich unmittelbar bis zum Ursprung des Evangeliums hinan-
reichen, daß sie von der Abfassung des Evangeliums wissen und
seinen Verfasser kennen und den Jünger, den der Herr lieb hatte,
als solchen bezeugen. Durch dieses Zeugnis ist nun an und für sich

allerdings die apostolisch-Johanneische Abfassung des Evangeliums


noch nicht erwiesen, insofern nämlich, wie oben bereits gesagt
wurde, nach dem vierten Evangelium allein der Lieblingsjünger des
Herrn nicht absolut notwendig der Apostel Johannes sein muß,
obwohl selbst Harnack daran nicht zweifelt. ) 1

Aber da die Zeugen einmal da sind und reden, redeten sie nur in
den Schlußworten des Evangeliums? Redeten sie nicht auch in den Ge-
meindeversammlungen vom Evangelium und seinem Verfasser? Redeten
sie nichts hierüber zu den Presbytern der benachbarten Gemeinden?

Sagten sie nichts davon den Überbringern des Evangeliums an die aus-
wärtigen Gemeinden? Und wenn es begreiflich und, ich möchte sagen,
selbstverständlich ist, daß sie in ihrem dem Evangelium beigefügten
Zeugnisse den Namen des Verfassers nicht nennen, da er selbst sich
niemals nennt, 2 ) was hinderte sie, bei mündlichen Mitteilungen seinen
Namen zu nennen? Und ferner, gab es denn in Asien, wo der Apostel
Johannes zwischen 70 bis 100 nicht bloß gewirkt haben kann, sondern
gewirkt haben muß, niemand, der nicht gewußt hätte, wer der Jünger
sei, den der Herr lieb hatte, zumal wenn „er sich offenbar weniger

seiner Zugehörigkeit zu dem Kreise der Zwölf gerühmt, als dessen,


daß er als Jünger in besonderem, unlöslichem Liebesverhältnis zu
dem Herrn gestanden habe" ? 3) Setzt denn nicht V. 24 geradezu die
Person des Lieblingsjüngers als jedermann und überall bekannt voraus?
Wie kann man bei alldem behaupten, Papias und mit und nach ihm
das ganze christliche Altertum habe, ohne irgendwelche geschichtliche
Kenntnis seines Ursprunges gehabt zu haben, das vierte Evangelium
lediglich auf Grund des Selbstzeugnisses desselben dem Apostel
Johannes zugeschrieben? Wahrhaftig, difficile est, satyram non scribere.
Gegenüber dem vorgeführten unzweideutigen äußern Zeugnisse
steht der Bestreitung des apostolisch-Johanneischen Ursprungs des
vierten Evangeliums nur ein Weg offen die Annahme eines Betruges,
:

der eben durch dieses Zeugnis, sei es seitens des Verfassers selbst,
sei es durch Leute, die sich im dunklen „Wir" (21, 24) verbergen, in

1
)
der Jünger, den der Herr lieb hatte, der (vom Apostel zu scheidende)
Daß
kleinasiatische Presbyter Johannes sei (Bousset, Die Offenbarung Joannis, S. 47),
ist wirklich eine Ungeheuerlichkeit, die keiner Widerlegung bedarf.
2) Vgl. Haußleiter, a. a. 0. S. 41.
3) Juli eher, Einl., S. 340.
189

Szene gesetzt worden. ) Letzteres vertritt H arnack, ersteres Jülicher,


1

um nur diese Namen zu nennen. Die Prüfung ihrer wesentlichen dies-


bezüglichen Ausführungen ist unsere letzte Aufgabe.
Harnack sieht, nachdem er I r e n ä u s und P o y k a r p als l

Zeugen ausgeschaltet, in dem bei Papias gefundenen, vom Apostel


Johannes bestimmt geschiedenen Presbyter Johannes von Ephesus,
einem Palästinenser, hellenistisch gebildeten Juden und im weitem
Sinne Herrnjünger, den Verfasser des vierten Evangeliums'2 ) ebenso wie
der Johanneischen Briefe. Dieser habe das Evangelium zwischen ca. 80
und ca. 110, wahrscheinlich zunächst für einen kleinen Kreis nahe-
stehender Schüler und unter Anlehnung an Überlieferungen, die er vom
Apostel Johannes erhalten, geschrieben. Als das Evangelium nach
seinem Tode in die Öffentlichkeit gedrungen, sei anfangs noch gewalit
worden, daß es kein schriftstellerisches Werk des Zebedäiden sei.
Von Leuten, die sich in einem dunklen „Wir" (21, 24) verbergen,
sei es nachträglich, und zwar geraume Zeit vor 150 geflissentlich als
Werk des Apostels ausgegeben, somit der Apostel und der Presbyter
absichtlich identifiziert worden. Das Evangelium selbst wolle gar nicht
vom Zebedäiden, nicht einmal von einem Augenzeugen, geschrieben
sein, wie sich aus 2. und 3. Joh. 1, 1, wo der Papianische Presbyter
Johannes aufscheine, und namentlich aus Joh. 19, 35 sicher ergebe. 3 )

Die energischeste Bestreitung des Evangeliums durch die rechtgläubigen


Aloger (wahrscheinlich ca. 165) beweise, daß noch am Schlüsse des
zweiten Drittels des 2. Jahrhunderts in Asien sein apostolischer Ur-
sprung nicht festgestanden habe. 4 )
Dagegen muß folgendes bemerkt werden: Der 6 Jioeoßv-
j-i-oo^ des zweiten und dritten Johannesbriefes ist in der Tat der
Papianische 6 JiQsoßvvsoog l(odvvr]Q, d. i. der Apostel Johannes. Diese
Bezeichnung kann nur auf eine einzigartige Persönlichkeit gehn,
die durch ihr ehrwürdiges Alter oder durch eine alle übrigen
überragende Stellung und Bedeutung oder durch beides als jiqsg-
ßvveooQ xav' s$oyjjv niemand unbekannt war; sie beim Apostel
ist

Johannes ebenso von selbst verständlich als sie bei einem der vielen
asiatischen Presbyter unbegreiflich wäre. Es ergibt sich dies aber

') Vgl. Soltau, Zeitschr.f.neutest.Wiss., 1901, S. 147: Das bestimmte Zeugnis


21, 24 ließ von jeher keine andere Alternative zu, als apostolischen Ursprung
oder tendenziösen Betrug. Vgl. Haußleiter, a. a. 0. S. £0.
2
)
Die Hypothese wurde bereits vor ca. 30 Jahren vom Juristen F. v.
Uechtritz (Studien eines Laien über den Ursprung, die Beschaffenheit und
die Bedeutung des Evangeliums nach Johannes, 1876) verfochten.
3) Chrono!, S. 659. 675ff. 679f. Vgl. zu 19,35 auch Klöpper, Zeitschr. f.

wiss. Theol., 1899, S. 377 f.


*) S. 670.
;

190

auch aus dem Inhalte der Johanneischen Briefe. Es ist der Apostel
der hier spricht. In den Ansprachen des ersten Briefes, sagt Weiz-
säcker, 1
) kommt die volle Autorität des Apostels lebendig zur An-
schauung, und im dritten Briefe erhält man nicht das Bild eines un-
bekannten Presbyters, vielmehr jenes eines großen Apostels, des
Kirchenhauptes von Asien. 2 )
Ob die Aloger rechtgläubige Christen oder eine häretische
Sekte waren kann ununtersucht bleiben. Waren sie nach Irenäus, 3 )
Epiphanius 4 ) und Hippolyt ) Häretiker, so beweist ihr Wider- r>

spruch gegen das Evangelium selbstverständlich nichts. Waren sie


rechtgläubige Christen, wie auch Zahn, ) Kreyenbühl 7 ) u. a. annehmen,
so dürfte ihre Bestreitung des Evangeliums etwas ganz anderes be-
weisen. Wenn es wahr ist, daß ihr Angriff trotz des ungeheuren
Erfolges 8 ) (?) sich nicht verbreitete, vielmehr schnell niedergeschlagen
wurde, 9
) wenn Aloger trotz des tiefen Eindruckes (?),
die Partei der
den ihr Widerspruch machte, ) verschwand, nachdem sie eben erst 10

aufgetaucht war, 11 ) so ist diese Tatsache fürwahr eines der stärksten


Argumente für die längst festgegründete allgemeine Überzeugung
vom apostolischen Ursprung des Evangeliums. 12 )
Was Joh. 19, 35 (xai 6 scoQaxcog /ns/jtaQtvQ7]xev xai äkr)$Lvr/ avvov
Eovlv t) jitaQTVQla' xaxelvog olösv öu äXr)$rj Xsysc, Iva xai vjLtelg motev-
0)]te) anlangt, so sei davon abgesehen, wie neuere und neueste Ver-
treter der traditionellen Exegese,nach der hier kein anderer als der
Lieblingsjünger des Herrn, der Apostel Johannes, sprechen kann,
an gewichtigen Argumenten beibringen, z. B. daß diese Erklärung
unleugbar grammatisch zulässig sei und einen trefflichen Sinn gebe
daß sxelvog ein Lieblingswort des Evangelisten sei; daß auf sein
Selbstbewußtsein (olösv) sich nur berufen könne, der es eben habe;
daß der Evangelist, wenn er sich vom Augenzeugen unterscheide,
l
) Das apostol. Zeitalter, S.542. Weizsäcker meint freilich, die Ermahnungen
schienen einer Sammlung überlieferter Sprüche des Apostels entnommen zu sein.
*) Hilgenfeld, Zeitschr. f. wiss. Theol., 1898, S. 3i9f.
3) in, 11, 9. — 4) Haer. 51, 3.
5) Refut., 42. 55. - Vgl. Bey schlag, Stud. u. Kr., 1898, S. 95.
6) Gesch. d. Kan., I, S. 220. 244f.
7
)
S. 5 und öfters.
8
)
Harnack, Das Neue Testament um 200, S. 92.
9
) Harnack, Chronol., S. 695.
i°) Zahn, Gesch. d. Kan., I, S. 221.
u ) Zahn, a. a. 0. S. 262.
12
) Vgl. Bey seh lag, a. a. O. S.95: Es benimmt dem Widerspruch der Aloger
allen historischenWert, daß sie das Johannes -Evangelium nicht als Werk eines
Nichtapostels abgelehnt, sondern es sinnloserweise dem ephesischen Antipoden
des Apostels, dem Cerinth, zugeschrieben haben.
:

191

doch hätte schreiben müssen: damit wir glauben; daß auch nach
der Auffassung Harnacks sich jedenfalls ergebe, daß der Lieblings-
jünger, der unter dem Kreuze stand, der Gewährsmann des Evan-
gelisten, und zwar sein noch leb end er Gewährsmann sei, und der
Evangelist doch unmöglich bei Lebzeiten des Apostels und mit
Berufung auf sein Zeugnis ein Evangelium habe erscheinen lassen
können, dessen „innerer Befund" nach Harnack „den apostolischen
Ursprung ausschließt".^) Aber eine philologische Autorität möge hier
zu Wort kommen, die einen unbedingt wahren Ausspruch getan hat.
F. Blaß 2 ) sagt: Ob sxelvog =
einem betonten er sein und also auch
den Schreiber bezeichnen kann, wird sich schwerlich jemals so aus-
machen lassen, daß die Gegenpartei sich gefangen geben müßte. Dann
freilich eignet sich der Vers sehr schlecht als Grundlage des Beweises
gegen die Autorschaft des Johannes. Denn ein wissenschaftlicher
Beweis muß doch überall vom Sichern ausgehn wo bleibe sonst ;

die Wissenschaft und was würde sie noch von Sophistik oder dem
Gerede Halbgelehrter unterscheiden? Nach kritischer Beurteilung des
Verses schließt Blaß Es möchte also klar und mehr als klar sein
:

Wer auf diesen Vers noch ferner eine H/ypothese über den Ursprung
dieses Evangeliums bauen sollte, der baute auf Sand, auf Flugsand
sogar, und es bedürfte keiner Stürme und keiner Platzregen, damit
dieser Bau einstürzte. 3 )
In Bezug auf die sonstigen Ausführungen Harnacks möchte ich
nur nachstehendes zu beachten geben. 1. Wenn nach Harnack nicht
nur der Kreis der Jünger, für welche das Evangelium zunächst ge-
schrieben wurde, zu Lebzeiten seines Verfassers (zwischen 80 und 110),
sondern auch noch nach seinem Tode, als es veröffentlicht wurde,
weitere Kreise wußten, daß dasselbe kein Werk des Apostels war,
wie dann denkbar, daß bald darauf die Kirche von Ephesus
ist es
und die übrigen kleinasiatischen Gemeinden durch einige unter dem
dunklen „Wir" sich bergende Leute zur Überzeugung gebracht wurden,
dasselbe sei ein Werk des Apostels? Lebte denn keiner mehr aus dem
Kreise der Jünger des wirklichen Verfassers, keiner mehr von jenen

i) Vgl. Steitz, Stud. u. Kr., 1861, 2; Beyschlag, Stud. u. Kr., 1898, S. 105;
Dechent, Stud. u. Kr., 1899, S. 446ff; Belser, Einl., S. 307f.; Wetzel, a. a. 0.
S. 12 ; B. We i ß, Komm. üb. d. J ohaimes -Ev., S. 503, Anm. J ü
; 1i c h e r, Einl., S. 326. —
Zahn, Einl., II, S.474f. 481, bezieht txelvog auf Christus. Wetzel, S. 10, stimmt bei.

Vgl. auch J. Haußleiter, a.a.O. S. 27. Vgl. auch die Ausführungen Kreyen-
bühls, S. 167 ff., mit dem Schlußergebnis: Allen Mißverständnissen gegenüber ist
das Selbstzeugnis des Verfassers allerdings im Sinne Kreyenbühls vollständig
gesichert.
2) Stud. u. Kr., 1902, S. 129.
3
)
Vgl. dagegen die Ausführungen Haußleiters, a. a. O. S. 25 ff.
192

weiteren Kreisen? Und schwiegen oder besser logen sie alle ohne
Ausnahme? Und Papias, der unleugbar persönliche Beziehungen zum
6 nQSößvtBQog l(odwr)g, den er nach Harnack bestimmt vom Apostel
unterschied, hatte und zur Zeit der Abfassung und Veröffentlichung des
Evangeliums, wo dasselbe noch nicht als apostolisch gegolten, im
vielseitigen Verkehr mit Eifer die Kollektaneen zu seinem Werke
sammelte, sollte er vom wahren Sachverhalt nichts erfahren haben?
oder schwieg auch er, als einige obskure Presbyter die Schrift zum
Werke des Apostels stempelten? Ja, approbierte er ausdrücklich ihren
Betrug, indem er auch seinerseits das Evangelium dem Apostel zu-
schrieb? Und Polykarp, der zur Zeit der Abfassung des Evangeliums
vielleicht noch Schüler des Johannes (hier einerlei, ob des Apostels
oder des Presbyters) und zur Zeit der Veröffentlichung des Evan-
geliums als Bischof von Smyrna dem Orte der Entstehung so nahe
war und also den Verfasser kennen mußte, schwieg auch er, der
treueste Hüter der apostolischen Überlieferungen, der sich nicht
scheute, Marcion den Fälscher der evangelischen Wahrheit, den Erst-
geborenen des Teufels zu nennen, ) und approbierte auch er jenen
1

Betrug? Es bleibt in der Tat keine andere Wahl: Entweder waren


sie alle, jene Schüler des ephesischen Presbyters und jene weiteren
Kreise und Papias und Polykarp und Ignatius und Polykrates, eine
Bande abgefeimter Betrüger, der es gelungen, nicht nur die klein-
asiatischen Zeitgenossen, sondern durch 17 Jahrhunderte die ganze
christliche Welt zu täuschen, oder der Apostel Johannes war der
Verfasser des Evangeliums. 2. Wenn es einerseits wahr wäre, was
Harnack behauptet, daß Papias den Presbyter Johannes bestimmt
vom Apostel und wenn es weiter kein äußeres
unterscheide, 2 )
Zeugnis gibt, daß jemals eine Verwechslung beider stattgefunden,
sondern alles, was dafür gehalten wurde, sich als Schein auflöst,
der aus der gänzlich vagen und gar nicht einmal ernst gemeinten
Verantwortung des Eusebius entstanden ist; 3 ) ja wenn es feststeht,
daß es mit der Tradition von den zwei asiatischen Johannes nichts
ist, weil ihre Zusammenschiebung zu einer Person dort nicht so rasch

hätte vollzogen sein können; 4 wenn andrerseits auf das bestimmteste


)

erklärt werden muß, daß Papias ebensowenig wie Irenäus und Polykrates
noch irgend einer aus dem 2. Jahrhundert den Presbyter Johannes für
den Verfasser des Evangeliums gehalten hat; 5 ) wenn vielmehr, wie

!) Vgl. auch Brief an die Phil., 7, 1.

2) Vgl. auch Hilgenfeld, Zeitschr. f. wiss. Theol., 1898, S. 319.


3
)
Corssen, a.a.O., 1901, S. 211. Vgl.Wei z sack er, Das apost. Zeitalter, S.481
4
)
Juli eher, Einl., S. 824.

\ Corssen a. a. 0., 1901. S. 211.


198

wir gesehen haben, Papias das Evangelium dem Apostel zuschrieb,


und wenn auch nach Harnack ) die kleinasiatische Kirche (Poly- 1

krates) und wahrscheinlich auch Apollinaris von Hierapolis und


Justinas, der längere Zeit in Ephesus geweilt haben muß, derselben
Überzeugung sind: wie und wann sollte dann ohne Widerspruch der
Apostel an die Stelle des Presbyters gerückt, beziehungsweise der
Presbyter zum Apostel gestempelt worden sein?
Und wie geschehen können, wenn Harnack es
erst hätte dies
offen läßt, daß der Apostel jemals in Asien war? Hat nicht wahr-
haftig Godet 2) ein wahres Wort gesprochen, wenn er erklärt: Will
man ihr (der Hypothese Harnacks) nicht alle Wahrscheinlichkeit zum
Opfer bringen, so meine ich, muß man sie unter die Zahl der ver-
zweifelten Versuche verweisen, die eine in höchste Verlegenheit ver-
setzte Kritik erfindet, um, es mag kosten, was es wolle, das gewollte
Resultat zu erlangen. Und hat B eyschl ag 3
) unrecht,wenn er nach
eingehender Prüfung der Hypothese zum Resultat kommt: Harnacks
Versuch, den apostolischen Ursprung des vierten Evangeliums zu be-
streiten und einen andern Johannes als Verfasser aufzustellen, ist
hinfällig von Anfang bis zu Ende?
Juli eher 4) läßt einen unbekannten Schüler und Verehrer des
Johannes, des Lieblingsjüngers des Herrn, der so viele Jahre in
Ephesus wie eine feste Säule unter seinen Brüdern gestanden,
zwischen 70 und 100 das Christentum zu mächtigem Aufschwung
gebracht und der dortigen Kirche auf lange hin den Stempel seiner
Persönlichkeit aufgedrückt hatte, nach dessen Tode auf dessen
Grunde das vierte Evangelium geschrieben und unter dessen Namen
veröffentlicht haben. In der Überzeugung, daß er das Christusbild,
das er gezeichnet, genau so wiedergebe, wie er es vom Johannes
empfangen, habe er dem subjektiv wahren: Dieser ist der Jünger,
der davon zeugt, das objektiv bedenkliche: und der dies ge-
schrieben hat, steigernd hinzugefügt. Wer jener Lieblingsjünger
war, will Jülicher nicht entscheiden. Jedenfalls habe nur ein Jünger
Johannes bis ins höchste Alter hinein in Asien gewirkt. Schließlich
wird zugegeben, daß der letzte Grund zur Bevorzugung des „unfaß-
baren" Presbyters vor dem Zebedäiden, dem Apostel Johannes,

i) Chronol., S. 673 f.
2
)
Komm. z. d. Ev. d. Joh., I, S. 215.
3
) Stud. u. Kr., 1898, S. 107. Vgl. noch Weizsäcker, Das apostol. Zeitalter,
S. 482: Wäre der Verfasser der Johann eis chen Schriften der Presbyter gewesen,
so wären sie nicht um ein Haar leichter zu erklären, als wenn sie vom Apostel
Johannes stammten.
*) Einl., S. 338 ff.
13
194

schwinde. Der große Unbekannte Baurs und seiner Schule ist also
wiedererstanden.
Jülichers Hypothese mag vielleicht beim ersten Anblick mehr
den Schein der Möglichkeit bieten als die eben beurteilte, trotzdem
ist sie in gleicher Weise jeder Wahrscheinlichkeit bar. Sie ist ja
von ersterer nicht gar wesentlich verschieden: an Stelle der be-
trügenden Schüler dort, tritt hier der betrügende Meister. Auch unser
Urteil bleibt dasselbe und es genüge, durch einige weitere Erwägungen
dasselbe zu begründen.
Nehmen wir an, Jülichers unbekannter Johannesschüler habe
existiert, sei nach Keim in der Tat der herrlichste Mann im Blüten-
kranze der nachapostolischen Zeit gewesen, habe als Stern erster
Größe alle Schriftsteller jener Zeit weit überstrahlt und sei als solcher
im stände gewesen, das unvergleichliche vierte Evangelium, eine der
bedeutendsten und großartigsten Schriften des Urchristentums, ) zu 1

schaffen —
obwohl sich sonst keine Spur seines Daseins finden
läßt. Nehmen wir ferner an, der Lieblingsjünger, unter dessen
Autorität jener Unbekannte sein Evangelium vom Anfange an stellte,
sei schon gestorben gewesen — obwohl 19, 35 (oldsv, Xeyei) und nach
anderen auch 21, 24 ihn als lebend voraussetzt, worüber Jülicher
hinweggeht. Nehmen wir weiter an, jener Unbekannte habe es gewagt,
gegenüber den damals sicher allgemein in Asien verbreiteten und
allerorts in den kirchlichen Versammlungen vorgelesenen synoptischen
Berichten, statt sich denselben möglichst zu akkommodieren, um den
Erfolg seines Betruges zu sichern, ein so vielfach abweichendes Bild
des Lebens und der Lehre Jesu zu bieten, und zwar auf die Gefahr
hin, sofort als Fälscher und Betrüger erkannt und verurteilt zu

werden — obwohl er nichts Zweckwidriges hätte tun können 2 ) und


auch dies ein psychologisches Rätsel wäre. Nehmen wir endlich an,
er habe das Geheimnis seines Betruges jederzeit und vor jedermann
zu bewahren gewußt —
obwohl dies vor allem gegenüber Polykarp,
der mit Johannes bis zu dessen Ende zusammenlebte, einfach ein
Ding der Unmöglichkeit ist. Nehmen wir also alles das gläubig an,
obwohl es ganz unglaublich klingt. Wie aber will Jülicher uns
glauben machen, die kleinasiatischen Gemeinden und ein Polykarp,
Papias, Ignatius und Polykrates hätten dieses Evangelium lediglich
auf die Aussage des Verfassers hin, eines „wenig bekannten, vielleicht
noch jungen christlichen Theologen", ohne weiteres als Werk des
Lieblingsjüngers anerkannt, so daß bis 170 uns kein Widerspruch

l
) W. Wrede, Charakter und Tendenz des Johannes-Evangeliums, 1903, S.71.
8) Vgl. Beyschlag, Stud. u. Kr., 1874, S. 671.
195

dagegen bekannt ist und „die Verlegenheit, in die Gnostiker, Monta-


nisten, Doketen die Kirche durch ihre fortwährende Berufung auf
Johannes brachten, nach ein paar Jahrzehnten nicht entfernt so viel
wog wie der Name des Johannes". ) Hören wir, was Jülicher über die
1

Beschaffenheit des vierten Evangeliums und über den Anteil, den der
unbekannte Verfasser an seinem Inhalte und seiner Form hat, 2 ) sagt.
Einerseits wird zwar behauptet: der Verfasser habe den Gott-Christus,
Christus als die Wahrheit, den Weg, das Leben, das Brot u. s. w.
nicht erst geschaffen, sondern als Johanneische Schöpfung (?) vor-
gefunden, auf Johannesgrund habe er nur sein Gebäude kunstvoll
ausgebaut; er greife die Grundzüge der wirklichen Geschichte nicht
an, er gestalte das Zeugnis, das mündliche Evangelium des Lieblings-
jüngers nur weiter aus gewesen, daß er das Christus-
; er sei überzeugt
bild genau so wiedergebe, wie er es von Johannes empfangen; er
habe das Evangelium so entworfen, wie er es des „Alten" würdig
erachtet. Andrerseits aber wird festgestellt: der Evangelist habe bei
Ausführung seines Planes nicht immer ängstlich auf die Überlieferung
seines Johannes geschaut; die Reden Jesu seien großenteils, die
kühnen Umgestaltungen der Leidensgeschichte nicht minder sein
Werk; er habe mit souveräner Art die Reden und Gebete Jesu kon-
struiert, seine Stoffe frei geschaffen, sich den Gang des Lebens und
der Wirksamkeit Jesu zurecht gelegt; das spezifisch Johanneische
sei in seinem Kopfe erzeugt und geboren worden sein Evangelium ;

sei so beschaffen, daß sein Verfasser nicht der Lieblingsjünger sein


könne, dies sei ein unangreifbarer Satz; der Evangelist sei sich des
großen Abstandes zwischen seiner Darstellung des Evangeliums und
der anderen ihm wohlbekannten Evangelien bewußt und habe sich
vorgenommen, diese halb zu verbessern, halb zu verdrängen; der
ganze Rahmen des öffentlichen Lebens Jesu sei im vierten Evan-
gelium ein anderer wie bei den Synoptikern; von den Reden Jesu
seien kaum noch einige Satzstücke gemeinsam, ein Jesus, der ab-
wechselnd in der Weise von Matth. 5 7 und in der von Joh. 14 16— —
predige, sei eine psychologische Unmöglichkeit. Dazu will wohl er-
wogen werden, daß auch Jülicher ausdrücklich betont, daß das Zeugnis
des Jüngers Johannes, sein mündliches Evangelium, obwohl er schon
gestorben war, in seinen Gemeinden weiterlebte.

x
) Vgl. Schanz, Komm. üb. d. Ev. d. Joh., S. 10: Wenn
etwas die Väter an
der Echtheit des vierten Evangeliums hätte zweifelhaft machen können, so wäre
es die Begünstigung durch die Gnosis gewesen. —
Vielleicht ist der Angriff der
Aloger, wenn sie wirklich rechtgläubige Christen waren, gerade aus der Tatsache
zu erklären, daß die Gnostiker sich mit Vorliebe des Evangeliums bedienten.
2) S. 329 ff.
13*
196

Und nun Wenn


schon ein Schüler des Johannes es
frage ich:
gewagt hätte, dieses Evangelium, wie es Jüiicher nach seiner Ent-
stehung und Beschaffenheit zeichnet, unter die Autorität des Lieblings-
jüngers des Herrn zu stellen und unter seinem Namen zu veröffent-
lichen, wer findet es im geringsten begreiflich, daß die kleinasiatischen
Gemeinden und ihre Vorsteher dasselbe auf die bloße Aussage eines
wenig bekannten jungen Theologen hin, ohne weitere Bürgschaft, daß
hier der Apostel Johannes rede, als Evangelium des Apostels hätten
hinnehmen und anerkennen können, jene Gemeinden, denen bisher die
synoptischen Evangelien die geistige Nahrung boten, in denen das
mündliche Evangelium des Johannes noch fortlebte, die vom größten
Teile des neuen Evangeliums während 30 Jahre nie etwas gehört,
die von Polykarp, dem Lehrer Asiens, zu nichts mehr angehalten
wurden, als zum treuen Festhalten an der apostolischen Über-
lieferung ?

Und weiter, wer findet dies möglich bei jenen Gemeinden, die
den Brief des Paulus in ihren Händen hatten, in dem es heißt: sl

ng vfxäg evayyeXi&tcu jiclq* ö JzaoeMßeve, äväüejua eavco, eäv ^/jielg rj

äyye?,og s^ ovoavov svayysU^rjtai v/jcIv jrao' ö evrjyyeXiGä[XE$a vjAiv,

äväftefJLa eotco? ]

) Wer Gemeinden, wo
findet dies glaublich bei
nach Tertullian 2 ) wenig später der Verfasser der bekannten Acta
Pauli et Theclae, 3 ) mochte er auch versichern, diese kleine Erzählung
aus Liebe zu Paulus verfaßt zu haben, nachdem er der Fälschung
überwiesen worden, genötigt wurde, sein Presbyteramt niederzulegen?
Und doch handelte es sich in dieser Schrift nur um eine Geschichte,
deren Held Paulus war. Nein, das kann der Ursprung des vierten
Evangeliums unmöglich gewesen sein. Die Anerkennung eines so
entstandenen Evangeliums als einer apostolischen Schöpfung wäre
unter solchen Umständen wirklich ein Wunder erster Größe. Nur
die jeden Zweifel ausschließende Gewißheit, daß hier ein Augenzeuge
und Apostel rede, kann allein hiefür die befriedigende Erklärung
5
geben. )

Wir sind am Ende unserer Untersuchung. Ihr Fazit ist dieses:


1. War Irenäus ein Schüler Polykarps und hatte er vorübergehend
persönliche Beziehung zu Papias (oder schöpfte er auch nur aus
dessen Werke) gehörten Polykarp und Papias zum Kreise der jzqeg-
;

ßvveooL des Irenäus, die den Herrnschüler des Johannes noch gesehen
und mit ihm in Asien kürzere oder längere Zeit zusammen waren,

!) Gal. 1, 8. 9. — 2
) De baptismo, 17.
3
) Vgl. hiezu Corssen, Zeitschr. f. d. neutest. Wiss., 1903, S. 22ff.
*) Godet, Komm. z. d. Ev. d. Joh., S. 191.
'•
Vgl.Beyschlag, Stud. u. Kr., 1875, S. 478; 1898, S. 107 f.
197

und ist deshalb ihrerseits ein Irrtum in der Person ausgeschlossen;


kannten Papias und Polykarp das vierte Evangelium und schrieben
sie es dem Apostel Johannes als Verfasser zu —
und dies alles wurde
teils als sicher, teils wenigstens in solchem Grade wahrscheinlich nach-

gewiesen, daß das Gegenteil sich als haltlos und unerweisbar heraus-
stellte: so folgt daraus allein schon, daß Irenäus die "Wahrheit über

die Entstehung des vierten Evangeliums wissen konnte und wissen


mußte, da ihm die zuverlässigsten Quellen ersten Ranges unmittelbar
zu Gebote standen. Und da niemand ohne grenzenlose Bosheit Irenäus
zu einem Betrüger stempeln kann, so wollte er auch die Wahrheit
sagen. 2. Hiezu kommt das bis an den noch lebenden (oder eben erst
verstorbenen) Verfasser hinanreichende positive äußere Zeugnis 21, 24,
welches auf das bestimmteste das Evangelium dem Jünger, den der
Herr lieb hatte, das ist dem Augenzeugen und Apostel Johannes, zu-
schreibt, mit dem, abgesehen von den Selbstzeugnissen des Evan-
geliums, die gesamte kirchliche Überlieferung vor und nach Irenäus
übereinstimmt und das von einer unbefangenen Kritik unmöglich
weder übersehen noch auf einen tendenziösen Betrug seitens des
Evangelisten oder anderer zurückgeführt werden kann.
Das Irenäische Zeugnis von der apostolisch-
Johanneischen Abfassung des vierten kanonischen
Evangeliu ms bleibt demnach gegen jede Einrede
aufrecht. Eine unvoreingenommene und voraussetzungslose Prüfung
macht jeden Zweifel über dessen Glaubwürdigkeit verstummen. Man
mag dies Ergebnis ignorieren, man mag daran welche Kritik immer
üben, widerlegen kann man es nicht.
Ich weiß nun gar wohl, daß hiemit das Johanneische Problem
nicht erschöpft ist, daß man gegenwärtig in der Behandlung dieses
Problems auf den „inneren Befund" des Evangeliums, der die aposto-
lische Abfassung ausschließen soll, durchaus das Schwergewicht zu
legen pflegt. Die Prüfung dieses inneren Befundes liegt nicht im
Rahmen unserer Untersuchung. Vielleicht ist es gegönnt, darauf ein-
zugehn, wann Harnacks Charakteristik der Johanneischen Schriften
vorliegtund Grills ) Untersuchungen vollendet sein werden.
1

Ich kann aber nicht umhin, zum Schlüsse diesbezüglich folgende


Sätze anzufügen. 1. Perspicuum est, in quaestionibus rei historicae,
cuiusmodi origo librorum, historiae testimonia valere prae ceteris,

eaquae esse quam studiosissime et conquirenda et excutienda. 2 )

J
) Untersuchungen über die Entstehung des vierten Evangeliums, 1902.
) Leo XIII., Lit.
2 encycl. de studiis scripturae sacrae, 1893. Vgl. Westcott
(Ä General Survey, Einl.) In erster Linie müsse die Geschichte ihr volles Zeugnis
:

abgegeben haben, ehe man von der inneren Kritik Gebrauch machen könne.
198

2. Auch hervorragende Forscher der neueren und neuesten Zeit 1 )


linden in den inneren Schwierigkeiten des Evangeliums keine Instanz
gegen seine apostolische Abfassung, sie kommen vielmehr immer
wieder zu dem Resultat, daJ3 bei Annahme Johanneischer Abfassung
sich die Schwierigkeiten am leichtesten lösen. 2 )
"Wenn "Weiz- 3.

säcker 3
vernehmen läßt:
)
sich „Keine Macht des Glaubens und der
Philosophie kann groJB genug vorgestellt werden, um die Erinnerung
des wirklichen Lebens (Jesu) so auszulöschen und dieses Wunderbild
eines göttlichen Wesens an ihre Stelle zu setzen ; hierin liegt stets
die Entscheidung der Frage (über den Ursprung des vierten Evan-
geliums), alles andere, was aus dem Inhalt des Evangeliums hinzu-
kommt, ist untergeordnet" so ist sofort klar, daß die Johanneische
:

Abfassung des Evangeliums keineswegs voraussetzunglos, vielmehr


in ganz bestimmter axiomatischer Voraussetzung geleugnet wird. 4 )
G o d e t 5 ) aber fügt bei Die ganze Ausführung macht für das un-
:

befangene Auge nur den Eindruck eines schlimmen Tendenzprozesses.

!) Vgl. Beyschlag, Stud. u. Kr., 1874, S. 607 ff., 1875, S. 413ff; Godet,
Komm. üb. d. Ev. d. Joh., I, 1903, S. 158ff; Zahn, Einl., II, S." 549 ff.; Knaben-
bauer, Komm., 1898, S. 27 ff., u.a.
2
)
Vgl. E.Haupt, Stud. u. Kr., 1893, S.250; J.Haußleiter, Zwei apostolische
Zeugen, S. 50.
3
)
Das apostol. Zeitalter 3 , 1902, S. 517. — Vgl. auch Holtzmann, Einl. 3 ,

S. 446. 450. 452; Komm., S. 6.

*) Vgl.Beyschlag, Stud. u. Kr., 1875, S. 478 f.


5) Komm, zu d. Ev. d. Joh., I, S. 182.
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Gutjahr, F.S. - Die glaubwürdigkeit de;


Irenaischen Zeu«^nipses.

PONTIFICAL INSTITUTE
OF MEDIAEVAL STUDIES
59 queen's park
Toronto 5, Canada

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