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Eucharistische Realpräsenz

Wir haben uns für heute das Thema: Eucharistische Realpräsenz gewählt. Um die z.T.
verschiedenen Positionen zu verstehen, denke ich, ist es hilfreich, einen Rückblick auf die
Ausformung des Herrenmahls zu werfen. Die Einsetzungsworte geben manche Probleme auf.
Die authentischen Worte Jesu sind nicht eruierbar. Am nächsten kommt ihnen wohl die
paulinische Interpretation, obwohl ja Paulus kein Augenzeuge war. Es zeigen sich schon in
der Urkirche wesentliche Unterschiede bei den Mahlfeiern. So wurde in der frühen
jerusalemer Gemeinde nur Wasser getrunken, nicht Wein. Wenn wir der historisch- kritischen
Exegese vertrauen, kann nicht mit Sicherheit erkannt werden, wie Jesus das letzte Mahl
aufgefasst hat. War es ein Passahmahl nach jüdischer Interpretation oder ein Abschiedsmahl,
was wohl näher liegt. Für ein Passahmahl, das am Vorabend des Festes, also am Freitag
stattfand, wäre es einen Tag zu früh gewesen. Für ein Abschiedmahl mit einer
eschatologischen Bedeutung spräche Jesu Wort: Von dem Wein werde ich nicht mehr trinken,
bis ich im Reiche des Vaters bin. Die Evangelien –die synoptischen wurden um die Jahre 70,
das Johannesevangelium um die 90-ger Jahre geschrieben – waren bereits theologische
Interpretationen der jeweiligen Gemeinden. Außerdem kann eine historische Analyse nur
mehr oder weniger dichte Wahrscheinlichkeiten aufzeigen und die Abendmahlberichte sind
nicht auf dass Leben Jesu rekonstruierbar. Es haben sich unterschiedliche liturgische
Gestaltungen in unterschiedlichen Gemeinden herausgebildet. Wir können aber nicht, wie
auch Bultmann feststellt, hinter dem Kerygma auf den historischen Jesus zurückgreifen, d.h.
nicht hinter das Schriftzeugnis und diese Zeugnis ist nicht homogen. Wir können nur
gemeinsame Wurzeln feststellen mit unterschiedlichen Deutungsweisen. Es sind also nur
Zeugnisse des Glaubens.
Abendmahlberichte in der Evangelien:
Bei den Synoptikern steht die Passahmahlinterpretation im Vordergrund. Matthäus: Das Brot
ist mein Leib, der Kelch ist mein Blut des Bundes zur Vergebung der Sünden, eine
Beschränkung auf die Mahlgemeinschaft. In Anlehnung an das AT durfte bei dem Passahmahl
nicht übrig bleiben, allenfalls musste es verbrannt werden. Markus: Während des Mahles
nahm er Brot und Wein, sprach den Segen: das ist mein Leib und Blut und alle aßen und
tranken. Lukas: Erst wird der Kelch erwähnt, Dankgebet, teilt ihn unter euch, dann das Brot,
Dankgebet, esst zu meinem Gedächtnis. Johannes (13,1-38): Beim Mahl Fußwaschung als
Liebes- und Dienstbeweis, nur Rede vom eingetauchten Bissen (Judas) ohne Erwähnung von
Brot und Wein ( Joh 6,31 – 58 nach Brotvermehrung – Brot des Lebens -, nicht beim
Abendmahl Joh 13), Paulus: Gedächtnisfeier des Todes Jesu mit Brotbrechung als Gleichnis
des im Tode gebrochenen Leibes und dem Kelch mit Wein als Symbol für das vergossene Blut
als neuer Bund ( wie Exodus 24,8 ). Es wird als Erinnerungsmahl interpretiert für die Zeit von
Jesu Tod bis zum Eschaton des himmlischen Mahles ( 1Kor,11,26 ). In der Korinther
Gemeinde waren es zeitweise - was Paulus heftig kritisiert – Sättigungsmähler, bei denen erst
am Ende, wenn die Reichen übersättigt und die Armen hungerten, das Herrenmahl gefeiert
wurde. Sicher erscheint, dass Jesus aramäisch gesprochen hat und in dieser Sprache gibt es
kein „ das ist“ mein Fleisch, mein Blut. Wie kann er das dann ausgedrückt haben? Eine
weitgehend einheitliche Abendmahlfeier hat sich erst im 2. JH mit einer zunehmenden
Ämterstruktur durchgesetzt. Jedenfalls waren die Mahlgaben von Brot und Wein zum direkten
Verzehr gedacht. Eine Aufbewahrung wurde zunächst nicht beschrieben. Allerdings wurden
die Gaben schon bei Justin dem Martyrer (um 165) auch den abwesenden Kranken gebracht.
Alle Kirchen haben die Abendmahlpraxis über das NT hinaus weiterentwickelt. Die Exegese
zeigt diverse Ausformungen, sie steht vor einem „Dickicht der Quellen“. Bei der Vielfalt der
Hypothesen ist es unmöglich, sie auf eine Position zu zentrieren, d.h. die unterschiedlichen
Gestaltungen lassen sich nicht auf das Leben Jesu zurückführen. Der Ursprung der
Ausgestaltung war die Liturgie, nicht der historische Jesus.

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Im Mittelalter wurde die Verdinglichung des Eucharistieverständnisses so groß, dass nicht
mehr die ganze Feier im Rahmen der Gemeinschaft, sondern nur mehr die
Konsekrationsworte die Verwandlung bewirkten. Der in der Urkirche konstitutive
Gemeinschaftscharakter trat vollends in den Hintergrund. Der Priester feierte die Eucharistie
als Opfer praktisch alleine. Laien, das ganze Volk Gottes, waren letztlich nur Zuschauer. Und
doch war das Ziel des gesamten irdischen Auftretens Jesu die Verkündigung der Botschaft
vom Reich Gottes. In diesem kosmischen Horizont feiert Jesus das letzte Abendmahl. Dieser
Zusammenhang von Eucharistie und Reich Gottes-Verkündigung Jesu geht aus allen 4
Evangelien hervor, z.B. Mk 14,25: Ich werde nicht mehr von der Frucht des Weinstocks
trinken, bis ich es wieder trinke im Reiche meines Vaters. Es ist ein eschatologischer
Horizont, eine Vergegenwärtigung der missa coelestis in der missa mundi. Seit dem 2.
Vaticanum spricht auch die röm-kathol Kirche nicht mehr von einer Spende eines
Sakramentes, sondern von einer Feier. Eine Feier aber setzt immer eine Gemeinschaft voraus.
Schon Augustinus sieht in jedem Sakrament eine übersinnliche Gemeinschaftsfeier, eine
Teilnahme an den Gedanken Gottes, analog zu der Ideenlehre Platos. Sakramente sind in
erster Linie Verkündigung. Das Wort schafft die Kraft, die Vermittlung der Wirklichkeit. Ich
denke, mit dieser Vorstellung könnten manche ökumenische Differenzen entschärft werden.
Eine heute noch umstrittene Frage gilt der Dauer der Realpräsenz Christi in der Eucharistie.
Katholischerseits schien man mit der Transsubstantiationslehre eine definitive Klärung
erreicht zu haben. Diese wurde nach den Abendmahlstreitigkeiten zwischen Beringar von
Tour, Radramus, Rasbertus usw. um 1140 unter Papst Alexander III entwickelt. Substanz war
das Wesen eines Dinges, worunter die metaphysische Wirklichkeit verstanden wurde.
Verwandlung geschieht also nicht im sinnlichen, biologischen, sondern im metaphysischen
Bereich (Thomas). Der lutherischerseits entwickelte Begriff der Consubstatiation als
Realpräsenz in, mit und unter der Gestalt von Brot und Wein entspricht dem weitgehend. Nun
haben sich aber heute Begriffe wie Substanz deutlich geändert. Während man in der Antike
bis zu Thomas die philosophische Seinslehre für die Wesensbestimmung anwendete, wobei
Substanz das in sich Stehende (Aristoteles) bezeichnete, gilt Substanz heute nur als Materie.
Wir bezeichnen heute Substanz, was Thomas Accidens nannte. Deshalb ist heute der Begriff
Transsubstantiation nicht mehr haltbar. Nun wurden andere Begriffe wie Transsignifikation
und Transfinalisation entwickelt um dieses Manko zu ergänzen, was aber den eigentlichen
Vorgang auch nicht ausdrücken kann, nämlich den Symbolcharakter mit einer dinglichen
Realpräsenz zu versöhnen. Die ganze Frage der Realpräsenz trat erst im Mittelalter auf. Das
germanische Denken war vom sinnlichen Realismus geprägt; man konnte mit dem
Symbolbegriff nichts mehr anfangen. Zu dieser Zeit trat die memoria in den Hintergrund und
der Messe wurde ein Opfercharakter zugeschrieben, das vom Priester dargebracht wurde, oft
als neues Opfer reflektiert, was das einmalige und alleinige Opfer Christi unterlaufen würde.
Diese Sicht war aber nicht die offizielle katholische Lehrmeinung, obwohl es weitgehend so
reflektiert wurde.
Unterschiedliche Auffassungen bestehen noch über die Dauer der Realpräsenz. Wenn man
von der statischen Seinsphilosophie ausgeht, wie es die römisch katholische Kirche tut, kann
sich nach der Verwandlung nichts mehr verändern. Konsekriertes Brot und Wein bleiben
selbstverständlich Fleisch und Blut Christi solange sie bestehen. Die logische Folgerung ist
dann eine ehrfurchtsvolle Aufbewahrung von Überresten im Tabernakel und begründet auch
den Sinn der Fronleichnamsprozession. Luther steht der Existentialphilosophie nahe, in der
der Mensch als Individuum und als Gemeinschaftswesen im Vordergrund steht. Er fasst das
Herrenmahl von der Communio her auf, wie es in der Urkirche der Fall war. Barth hat der
kathol. Kirche wiederholt das Festhalten an einer gottwidrigen analogia entis vorgeworfen,
wo es nur eine analogia fidei geben kann. Christus ist demnach nur während der
Gemeinschaftsfeier in dieser besonderen Weise, der sichtbaren Gestalt des Brotes und Weines
zugegen, einer Mahlgemeinschaft, die eine Prolepse der himmlischen Mahlgemeinschaft

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darstellt und er kann sich auch auf die Schrift berufen, z.B. wenn 2 oder 3 in meinem Namen
versammelt sind, bin ich mitten unter ihnen. Seit dem 2. Vaticanum steht auch
katholischerseits der Communiogedanke des Herrenmahls wieder im Vordergrund. Schon
Augustinus hat in seinen Confessiones über die Frage nach dem Ort Gottes reflektiert: er ist
überall und nirgendwo, was ausdrücken soll, er ist an keinem Ort dingfest zu machen, wo er
exklusiv zugegen wäre. Andererseits kann Gott als Geist nicht nur teilweise zugegen sein. Das
gilt ebenso für Christus. Er ist bei einer Abendmahlfeier als ganzer Christus zugegen im
Gotteshaus, in der Gemeinschaft, in jedem Einzelnen, im Priester und eben am dichtesten
sinnlich für uns erkennbar in der sichtbaren Gestalt von Brot und Wein. Wenn wir über das
Dasein Gottes bei uns Menschen nachdenken, wäre es doch eine zutiefst materialistische,
anthropomorphe Vorstellung, wenn wir annehmen würden, dass er nur außerhalb von uns
zugegen ist und sozusagen unsere Haut für ihn eine Barriere darstellen würde. Wenn der Geist
Gottes überall ist, dann auch in uns. Die sichtbaren Gestalten der Eucharistie sind für uns, die
wir als Personen aus einer untrennbaren Einheit aus Materie/Körper und Geist bestehen, die
sinnlich erfassbare metaphysische Wirklichkeit. Die menschliche Erkenntnis beginnt mit der
sinnlichen Anschauung, die er durch die Vorstellung internalisiert und im Denken erst auf den
Begriff bringt. Das ist bei Paulus die Mitte seines Denkens, nämlich die Einwohnung Christi
im Herzen der Seinen: „Nicht ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20).
Pneumatologisch formuliert das Johannes in der Brotrede (Joh 6,35 – 57): „Ich bin das Brot
des Lebens. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat ewiges Leben“. Eine rein
materialistische Interpretation wäre hier abwegig, sondern der Glaube an den sichtbaren Jesus
soll die Lebensmitte für jeden werden. Gottlieb Söhngens z.B. meint: Das Motiv der
Einwohnung gehört zu den fast vergessenen Wahrheiten des Christusglaubens. Das können
wir nur im Glauben erfassen. Die Gegenwart Christi wird durch die brüderliche Gemeinschaft
in Liebe bewirkt.

Facit: Wenn die katholische Seite seit dem 2. Vaticanum wieder den Communiocharakter des
Herrenmahls in den Vordergrund stellt und die Konsekration für den Verzehr in der
Mahlgemeinschaft sieht und wenigstens zunächst nicht zur Aufbewahrung im Tabernakel, die
lutherische Seite die augustinische Aussage der Ubiquität des Daseins Gottes rezipiert, die
dann in der sichtbaren Form von Brot und Wein lediglich die dichteste sichtbare Präsenz
darstellt, die auch Kranken und alten Menschen gebracht werden kann (wie schon bei
Hippolyth), die nicht mehr körperlich bei der Feier anwesend sein können, aber den Empfang
der Gaben wünschen, als geistige Gemeinschaft bezeichnet werden können, liegen die
Sichtweisen nicht weit auseinander. Kranke sind damit als Mitfeiernde geistig anwesend und
empfangen die Gaben lediglich später. Das müsste sich aus der Communiosicht zwangsläufig
folgern lassen, da sogar die Verstorbenen in diese Communio mit einbezogen gedacht werden.
Auch Wenz sieht das Zurücklegen der konsekrierten Hostien als Provokation für Katholiken
an, eine Praxis, die sich erst in der späteren lutherischen Tradition auch wohl als Identifikation
entwickelt hat und nicht sein sollte. Er teilt das gesegnete Brot eben restlos aus. Das gilt auch
für den Wein, wobei die benötigte Menge ja abzusehen ist. Auch in der Urkirche wurden die
Gaben restlos ausgeteilt. Vor allem sollten wir bedenken, dass wir alle metaphysischen Fragen
nicht mit letzter Sicherheit beantworten können und damit auch die eigene Ansicht nicht
verabsolutieren dürfen.