Bauinformatik: Andr Borrmann, Uwe R Ppel Und Markus K Nig
Bauinformatik: Andr Borrmann, Uwe R Ppel Und Markus K Nig
Inhalt
1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2
2 Grundlagen der Hard- und Software . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3
3 Mengen und Abbildungen als Grundlagen der Informatik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10
4 3D-Modelliersysteme und Geometrische Modellierung – Solid Modeling . . . . 16
5 Computer-Aided Drafting (CAD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24
6 Building Information Modeling . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28
7 Objektorientierte Softwareentwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41
8 Prozessmodellierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45
9 Geografische Informationssysteme (GIS) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49
10 Schlusswort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55
Zusammenfassung
© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2021 1
K. Zilch et al. (Hrsg.), Handbuch für Bauingenieure, Handbuch für Bauingenieure,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-21749-5_1-1
2 A. Borrmann et al.
den die neuen Techniken und Methoden in men für Ingenieure und Unternehmungen haben
Deutschland seit den 50er-Jahren in die Ingenieur- sich in Rechnernetzen zur Auftragsakquisition,
praxis umgesetzt. Inzwischen wurde mit dem für die Objektplanung, die Projektabwicklung und
Computer als Massenware eine neue vernetzte das Management herausgebildet. Vernetzte Rech-
Welt des „erweiterten Rechnens“, wie es Zuse nersysteme und globale Kommunikationsmittel,
nannte, erschlossen. Zwar basieren diese Systeme nutzungsfreundliche Betriebssoftware und fach-
nach wie vor auf dem dualen Zahlensystem mit den spezifische Anwendungssoftware, Softwareagen-
Zahlenwerten 0 und 1, wie es schon Leibniz 1679 ten in Netzen und Middleware für die Kommuni-
beschrieben hatte, und den Methoden der mathe- kation von Objekten verändern nachhaltig die
matischen Logik mit den Wahrheitswerten „wahr“ Arbeitsmittel und die Arbeitsorganisation des Bau-
und „falsch“ sowie den Operatoren „und“, „oder“ ingenieurwesens. Wissenschaft und Industrie sind
und „nicht“ der Booleschen Algebra, die Zuse in aufgerufen, zukunftsweisende Anforderungen an
seine technischen Systeme und 1945 in die erste die neuen Technologien zu stellen, diese durch
algorithmische Programmiersprache – der „Plan- Forschung und Entwicklung zu beherrschen und
kalkül“ – umgesetzt hat, doch bieten die jetzt das Berufsfeld durch Aus- und Weiterbildung zu
verfügbaren nutzungsfreundlichen Hard- und unterstützen.
Software-Betriebsmittel eine multifunktionale Ar-
beitsumgebung für vielfältige Aufgaben. Unter In-
genieuranforderungen der Planung und des Bau- 2 Grundlagen der Hard- und
ens, der Arbeitsplanung und der Bauorganisation, Software
der Baubetriebswirtschaft und des Baurechts, der
Nutzung und der Bestandsverwaltung sind dabei 2.1 Rechneraufbau und
besonders die Bereiche Betriebssystem
werden (RAM Random Access Memory). Über mierung auf dieser untersten Ebene kann mit Hilfe
die Kanäle des Bussystems, das die elektrischen eines sog. „Assembler“ vorgenommen werden.
Verbindungsleitungen für die Ansteuerung, die Der technologische Fortschritt in der Halblei-
Adressierung und den Transport bildet, werden terindustrie ermöglicht immer kleinere Chip-
die digitalen Informationen als endliche Impuls- Strukturgrößen und die Integration mehrerer
folgen nahezu mit Lichtgeschwindigkeit transpor- Rechenkerne in einem einzelnen Prozessorchip,
tiert. womit eine wesentliche Leistungssteigerung er-
Das Leitwerk veranlasst das Lesen, die Inter- reicht werden kann. Durch die Verwendung ent-
pretation und die Steuerung ihrer Ausführung im sprechender Materialien und Prozesstechnologien
Rechenwerk. Dabei wird die Adresse des aktuell kann die Anzahl der integrierten Transistoren auf
zu verarbeitenden Befehls im Befehlszähler no- einem einzigen Chip kontinuierlich erhöht wer-
tiert. Darüber hinaus übernimmt das Leitwerk die den („Gesetz von Moore“), wobei Begrenzungen
gesamte Steuerung der Zentraleinheit sowie die u. a. in Bezug auf die Größe von Atomen als
Ansteuerung des Hauptspeichers und der Ein-/ kleinste Material-Einheit, die Erhöhung der
Ausgabe-Einheiten. Schaltgeschwindigkeiten, den Energieverbrauch
Die zu verarbeitenden Operanden werden aus und die Wärmeentwicklung bestehen. Bedingt
dem Hauptspeicher in das Rechenwerk gelesen, durch die gegenwärtige Entwicklung schon mit
die arithmetischen oder logischen Befehle des der Atomgröße als kleinste Einheit stößt die wei-
Grundbefehlssatzes dort ausgeführt und die Re- tere Miniaturisierung an ihre Grenzen.
sultate anschließend in den Hauptspeicher ge- Neben Prozessoren mit einem einzigen Rechen-
schrieben. Das Rechenwerk übernimmt dabei kern sind auch Multicore-, und Manycore-Pro-
mit seinen sehr schnellen Registern die Funktion zessorarchitekturen mit einer Vielzahl von Rechen-
eines Zwischenspeichers. kernen verfügbar. Bei Hochleistungsrechnern wird
Das Funktionsprinzip eines solchen Rechen- im Wesentlichen zwischen Vektor- und Parallel-
automaten, der in sequenzieller Reihenfolge einen rechnern unterschieden. Nach der Taxonomie von
Befehl nach dem anderen mit den zugehörigen Flynn wird unterschieden in SISD, SIMD, MISD
Daten verarbeitet, geht auf von Neumann (Bauer und MIMD (SI: Single Instruction; MI: Multiple
1998) zurück und wird auch als „SISD-Prinzip“ Instruction; SD: Single Data; MD: Multiple Data)
(SISD Single Instruction, Single Data) bezeich- Architekturen. Neben SISD finden sich bei Vektor-
net. Bei der Programmierung werden sowohl die rechnern i. d. R. SIMD und bei Parallelrechnern
Daten als auch die Befehle des Programms im i. d. R. MIMD Architekturen. Eine Vektorpipeline
Hauptspeicher abgelegt. Die Befehle liegen dabei ist dabei in der Lage, mehrere arithmetische Ope-
in maschinenspezifischer Form vor. Die Program- rationen gleichzeitig auszuführen (Segmentation).
Bauinformatik 5
Ein wesentliches Klassifizierungsmerkmal von Pa- Die Aufgaben des Betriebssystems umfassen
rallelrechnern ist ferner der Speicherzugriffsart im Wesentlichen:
(uniform, nicht uniform), wobei man grundsätzlich
zwischen einem einheitlich adressierbaren Spei- • Verwaltung des Prozessors: Steuerung der Pro-
cher (Shared Memory) und einem verteilten Spei- grammausführung, Ausnahme- und Fehler-
cher (Distributed Memory) unterscheidet. behandlung, Unterbrechung, Synchronisation
Mit der beschriebenen Entwicklung steigen verschiedener Prozesse,
aber auch die Anforderungen an die Datenparal- • physikalische Verwaltung der Betriebsmittel
lelität (SIMD) und die Skalierbarkeit von Soft- des Rechners: Bereitstellung und Steuerung
ware und Anwendungen, um das Potenzial dieser von Arbeitsspeicher und Peripheriegeräten,
Hardwarelösungen überhaupt nutzen zu können. • Interaktion mit dem Nutzer: Organisation von
Parallele Architekturen ermöglichen es, inge- Ein- und Ausgabe, z. B. über Tastatur, Maus,
nieurrelevante Probleme schneller bzw. große Finger (Touch-Display) und Sprache sowie
Probleme überhaupt erst lösen zu können. biometrische Merkmale zur Personenerken-
Betriebssystem Die Programme des Betriebs- nung für die Entsperrung (Fingerabdruck,
systems (engl.: operating system), das auch die Iris-Scan, Foto etc.).
Peripheriegeräte des Rechners für den Anwender
in einen benutzbaren Zustand bringt, übernehmen Aktuelle Betriebssysteme nutzen allesamt fens-
die Nutzung, Verwaltung und Überwachung aller terorientierte Benutzungsoberflächen. Sie sind in
Hardwarekomponenten eines Rechners sowie der der Lage, mehrere Anwendungsprozesse (Multi-
darauf ablaufenden Rechen- und Organisations- Tasking) scheinbar gleichzeitig auf dem Rechner
programme. Das Betriebssystem wird nach dem ablaufen zu lassen. Als Mehrbenutzersysteme
Einschalten des Rechners automatisch gestartet. (engl.: multi-user) haben sie eine Verwaltung, die
Das Betriebssystem ist eine Ansammlung von den Nutzern als Missbrauchsschutz differenzierte
Organisations-, Verwaltungs- und Dienstprogram- Zugriffsrechte (Lesen, Schreiben, Ausführen) auf
men, die zum Betrieb eines Rechners erforderlich Daten und Ressourcen zuweist und in Rechnernet-
sind. Der Kern eines Betriebssystems besteht aus zen die gleichzeitige Nutzung der Rechnerressour-
einer Menge von Programmen, welche auf die Pro- cen durch viele Benutzer gestattet. Gegenüber Ein-
zessor- und Rechnerarchitektur abgestimmt sind. benutzersystemen (engl.: single-user) wird dabei
Diese dienen als Grundlage für alle anderen Be- allerdings die Person eines Systemadministrators
triebssystembausteine. Der Kern bietet eine Menge für den Betrieb und die Verwaltung erforderlich; er
von standardisierten Schnittstellen, an die sich die unterstützt die anderen Benutzer durch zentrale
übrigen Betriebssystem- und Anwenderprogram- Dienstleistungen wie Systemkonfiguration, Daten-
me koppeln. Er übernimmt die Organisation der sicherung und Beratung.
ablaufenden Prozesse, weist diesen Betriebsmittel Rechnernetze Arbeitsplatzrechner sind in aller
zu und stellt die Verbindung zu Dateisystem und Regel in Nah- oder Weitverkehrsnetze eingebun-
Peripheriegeräten her. Bei Verwendung eines ande- den. Ein Nahverkehrsnetz (LAN Local Area Net-
ren Prozessors sind deshalb grundsätzlich nur Än- work) ist auf ein kleines Gebiet der näheren Umge-
derungen am Kern notwendig. bung wie zum Beispiel ein Bürogebäude begrenzt
Die Benutzungsschnittstelle umgibt den Kern und besitzt üblicherweise eine sehr einfache Netz-
und erlaubt dem Benutzer durch Eingabe von werkstruktur. Weitverkehrsnetze (WAN Wide Area
Kommandos oder unter Verwendung der Fenster- Network) hingegen umspannen große Entfernun-
technik das Arbeiten mit dem Rechner. Mit der gen, können sich aus heterogenen Teilsystemen mit
Benutzungsschnittstelle wird die Benutzungs- Knotenrechnern zusammensetzen und sind mit
oberfläche definiert, über die der Nutzer auf stan- Hilfe von Überseekabeln und Satellitenverbindun-
dardisierte Weise auf die Funktionalitäten des Be- gen zu weltumspannenden Netzen ausgebaut. Da-
triebssystems zugreifen kann. durch entstehen oft mehrfach redundante Verbin-
6 A. Borrmann et al.
Abb. 3 Hauptspeicher
Organisationseinheiten strukturiert, die man „Datei- Auf jedem Speichermedium befindet sich da-
en“ nennt. Die über alle Geräte einheitliche Orga- bei ein entsprechendes Dateisystem, das alle Da-
nisation des Dateisystems hat große Ähnlichkeit teien und Dateiinhaltsverzeichnisse, auch „Ord-
mit dem Aufbau von Akten oder Büchern. Als ner“ genannt, in einer Baumstruktur hierarchisch
Begriffe sind entlehnt: Inhaltsverzeichnis (engl.: verwaltet. Diese Struktur sollte von der Größe der
directory), Akte oder Datei (engl.: file) und Satz Dateien und Verzeichnisse her in ihrer Tiefe
(engl.: record). grundsätzlich nicht beschränkt sein.
Jede Datei hat einen eindeutigen Namen, unter Das Betriebssystem muss die notwendige
dem sie geöffnet, umbenannt, kopiert, geschlos- Funktionalität bereitstellen, um dieses komplexe
sen oder gelöscht werden kann. Als Schutz vor Dateisystem möglichst effizient zu verwalten. Da-
unerlaubten Zugriffen dienen Lese- und Schreib- zu gehört u. a. die Bereitstellung von freien
rechte für einzelne Benutzer oder Benutzergrup- Hauptspeicherbereichen, die Verwaltung der
pen. Die physikalische Speicherung auf magneti- Speicherpuffer, der schnellstmögliche Zugriff
schen Datenträgern hat auch die Organisation auf die gespeicherten Daten und die Sicherung
verschiedener Dateiarten geprägt. Bei allen Lese- einer optimalen Transferrate zwischen Massen-
und Schreibvorgängen werden die Informations- und Hauptspeicher. Für den Benutzer werden ent-
objekte in größeren Datenpaketen zusammenge- sprechende Dienstprogramme mit grafischer Be-
fasst, die man „logische Sätze“ nennt und die in nutzungsoberfläche (Datei-Browser, z. B. Explorer
einem Strom (engl.: stream) zusammenhängend für Windows-Betriebssysteme) bereitgestellt, da-
gelesen und geschrieben werden. mit er durch das baumartige Dateisystem navigie-
Jedes Speichermedium bildet Informationen ren, nach Dateiobjekten suchen, Dateien kreieren,
auf einen wohl definierten physikalischen Zu- bearbeiten oder löschen kann.
stand eines ,geometrischen Ortes‘ ab. Die kleins- Internet Als Reaktion auf die Raumfahrterfol-
ten Speichereinheiten können geometrisch z. B. ge der Sowjetunion in den 50er-Jahren wurden in
eindimensional (z. B. auf einem Magnetband) den USA die Tätigkeiten der ARPA (Advanced
oder zweidimensional (z. B. auf einer CD oder Research Project Agency) zur Entwicklung des
im Speicherbaustein eines Memory-Sticks) ange- ARPANet vom amerikanischen Verteidigungs-
ordnet sein. Während in der frühen Zeit der ministerium forciert und bereits Mitte der 60er-
Computertechnologie bei der Verwendung von Jahre erste Rechnernetze aufgebaut und betrieben.
Magnetbändern diese zum Lesen bzw. Schreiben ARPANet diente zur Erforschung eines katastro-
von Daten vorwärts- bzw. rückwärts gespult wer- phensicheren Computernetzes. Dabei wurde das
den mussten und damit Dateizugriffe streng se- flexible und fehlertolerante Netzwerkprotokoll IP
quenziell erfolgen mussten, findet man heute na- (Internet Protocol) zum Datenaustausch zwischen
hezu ausschließlich Speichermedien, die einen Rechnern entwickelt.
(mehr oder weniger) gleich schnellen Zugriff auf Auf Basis des ARPANet entstand schließlich
alle gespeicherten Daten (random access memo- das heutige Internet als „das Netz der Netze“. Das
ry) erlauben. Internet ist technisch sowie organisatorisch durch
Bauinformatik 9
den Zusammenschluss vieler Teilnetze gewach- übertragung ist ein Protokoll erforderlich, wo-
sen. Diesbezüglich existiert keine zentrale Ver- bei das bekannteste derartige Protokoll das File
waltung des Internet, sondern die Teilnetze wer- Transfer Protocol (FTP) ist. Bei peer-to-peer-
den unabhängig voneinander verwaltet. Diese Netzwerken verschmelzen die Rollen von
Dezentralisierung erstreckt sich auch auf die Fi- Client und Server. Mit der Cloud-Technologie
nanzierung, indem alle lokalen, regionalen oder (Speicherplatz und Softwaredienste im Internet
nationalen Institutionen die Kosten für den zuge- im Abonnement) kann auf Daten ortsunabhän-
hörigen Teil des Netzes tragen. gig zugegriffen werden
Für einen Zugang zum Internet bieten sich • WWW (World Wide Web). Ein weiteres Pro-
unterschiedliche Möglichkeiten an: tokoll zum Dateitransfer ist das Hypertext
Transfer Protocol HTTP, welches speziell
• DSL (Digital Subscriber Line) bzw. VDSL zum Übertragen von Hypertext-Dokumenten
(Very High Speed Digital Subscriber Line) im Internet entwickelt wurde. Es wurde aber
Anschluss: Klassische Kupfer-Telefonkabel bewusst für andere Zwecke der Datenübertra-
• Glasfaserkabel-Anschluss: Fiber to the home gung offengehalten. Mit Hypertext bezeichnet
(FTTH) man allgemein Texte, die Verweise (Links) auf
• Kabel-Anschluss: Netzwerke der Kabel-TV- andere Textstellen enthalten. Der Text ist damit
Internet-Telefon-Betreiber kein lineares Gebilde mit geradlinigem Verlauf
• Mobilfunknetze: Kabellose 4G -oder 5G-Mo- mehr – ähnlich einem Faden – sondern gleicht
bilfunktechnologie eher einem Netz, das sich an mehreren Stellen
• Internet über Satellit verzweigt und dem Leser die Wahl lässt, in
welche Richtung er weiterlesen möchte. Wenn
Das Internet bietet eine große Zahl von Diens- solche Verweise auch auf andere Medien, wie
ten, die für Ingenieurzwecke genutzt werden kön- Video, Audio oder Grafiken gehen, spricht
nen. Im Folgenden wird eine kleine Auswahl man von Hypermedia. Die Offenheit von
wichtiger grundsätzlicher Dienste beschrieben: HTTP ermöglicht auch deren Übertragung.
Da nun Hypertext-Verweise im Internet auf
• Elektronische Post (E-Mail). Sie ermöglicht beliebige andere Hypertext-Dokumente gehen
das im Vergleich zum Postversand enorm können, besteht mittlerweile ein Netzwerk von
schnelle und kostengünstige Verschicken von Hypermedia-Dokumenten, welches die gesam-
Nachrichten und beliebigen digitalen Doku- te Welt umspannt, eben das World Wide Web.
menten zwischen den Inhabern von E-Mail- Die Codierung der Hypermedia-Dokumente
Konten. Empfänger und Sender werden durch wird im Format HTML (Hypertext Markup
ihre jeweilige E-Mail-Adresse identifiziert. Language) vorgenommen, deren Wiedergabe
Diese besteht aus zwei Teilen in der Form loka- und Navigation auf dem Bildschirm erfolgt
lerTeil@domänen-Teil, getrennt durch das mit Browsern. Diese kommunizieren als
Zeichen „@“. Der Domänenteil identifiziert WWW-Client mit WWW-Servern per HTTP,
den Anbieter des E-Mail-Dienstes und der loka- holen die Daten auf den eigenen Rechner, stel-
le Teil das E-Mail-Konto des jeweiligen Teil- len sie auf dem Bildschirm dar und leiten Be-
nehmers bei diesem Anbieter. Neben der E-Mail nutzerinteraktionen an den Server weiter.
werden auch verstärkt soziale Netzwerke und Die Ingenieurtätigkeit kann mit dem Medi-
Messenger-Dienste zur Kommunikation ver- um des WWW nach Inhalt und Form sachlich
wendet. und adäquat unterstützt werden (Rüppel 1996).
• Dateitransfer. Der Dateitransfer basiert auf Bauwerkbeschreibungen und Bauprojekte las-
dem Client-Server-Konzept, wobei der Server sen sich deshalb besonders gut wegen der Ver-
ein Dateisystem bereitstellt, auf das der Client knüpfung der textlichen Projekt- und Tätig-
über das Netzwerk zugreifen kann. Zur Datei- keitsbeschreibung mit ergänzenden Fotos,
Plänen, Bildern, Grafiken sowie sprachlichen
10 A. Borrmann et al.
Grundsätzlich ist die Internet-Technologie ein Die wohl wichtigste theoretische Grundlage der
hervorragendes Medium zum schnellen und orts- Informatik ist die Mathematik. Deshalb kann es
unabhängigen Informationsaustausch, zur fach- nicht verwundern, dass drei zentrale Begriffe der
spezifischen Informationsrecherche sowie zur Mathematik – Mengen, Zahlen und Abbildungen
multimedialen Projektpräsentation. Neben diesen – für nahezu jede Fragestellung der Informatik
Nutzen des Internet haben sich auch einige nach- ebenfalls von grundlegender Bedeutung sind.
teilige Effekte und Gefahren gezeigt. Auch die Während die Darstellung, Speicherung und Ver-
folgende Liste der Nachteile ist bei weitem un- arbeitung von Zahlen bereits in 2.2 angesprochen
vollständig: wurde, wird hier die Bedeutung von Mengen und
So besteht mittlerweile mehr als die Hälfte des Abbildungen als Grundlage für Datenstrukturen
E-Mail-Verkehrs aus unerwünschter Werbung und Algorithmen beschrieben. Als Beispiele wer-
(spam), Betrugsversuchen (scam, phishing, etc.) den relationale Datenbanken vorgestellt, die als
oder Versuchen, den Empfängern Schadsoftware grundlegende Werkzeuge vielfältig im Bauwesen
(Viren, Trojaner, Keylogger, etc.) unterzuschie- Anwendung finden können.
ben. Elementare Kenntnisse der Mengenlehre wer-
den als bekannt vorausgesetzt. Für eine weiterge-
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hende Betrachtung der hier vorgestellten Konzep- filbreiten, die Menge S der Stegdicken und die
te sei z. B. auf (Ebbinghaus 1994; Kamke 1962) Menge T der Flanschdicken hinzugenommen. Ei-
verwiesen. ne „Profilkartei“ wird dann durch eine Relation
ρ PG x NH x PN x H x B x S x T
3.1 Mengen, Relationen und
relationale Datenbanken definiert.
Es ist nahe liegend, diese n-stellige Relation als
Man betrachte zwei (der Einfachheit halber end- Tabelle zu schreiben siehe Tab. 1, wobei nun
liche) Mengen PG als Profilgruppennamen und zusätzlich zur eigentlichen Relation ρ Attribut-
NH als Nennhöhen für Stahlbauprofile: namen für die Mengen PG, NH, PN, H, B, S und
T (im Beispiel die Überschriften der Spalten) ver-
PG ¼ fIPE, HEA, HEB, HEM g, geben werden. Die Attribute zusammen mit den
Wertebereichen der Spalten, also den jeweiligen
NH ¼ f80, 100, 120, 140, 700, 800, 900, 1000g:
Mengen, bilden das relationale Schema A(ρ) der
Relation ρ und definieren damit den Aufbau der
Dann ist das kartesische Produkt P ¼ PG x NH Tabelle „Profilmaße“.
die Menge aller aus PG und NH gebildeten Paare, Betrachtet man nun nicht nur ein Schema, son-
also dern eine endliche Menge von relationalen
Schemata, so entsteht ein Datenbankschema. Eine
P ¼ PG x NH ¼ fðIPE, 80Þ, ðIPE, 100Þ, ðIPE, 120Þ,
konkrete Belegung aller zum Datenbankschema
ðIPE, 140Þ, ðIPE, 700Þ, ðIPE, 800Þ, gehörenden Tabellen mit Daten heißt „(relationale)
ðIPE, 900Þ, ðIPE, 1000Þ, . . .g: Datenbank“. Zur Vervollständigung des Beispiels
soll dazu eine zweite Tabelle angelegt werden, die
Nun können die zwei Mengen PG und NH den Profilnamen mit der Querschnittsfläche A und
zueinander in Beziehung gesetzt werden. Es lässt dem Flächenmoment 2. Grades Iy in Beziehung
sich eine Relation ρ als Teilmenge der Produkt- setzt. Die dazu notwendigen Grundmengen seien
menge P definieren, also z. B. die Menge der in mit A und Iy bezeichnet. Als Attribute dieses rela-
einem Lager verfügbaren Profile. tionalen Schemas seien Profilname, Querschnitts-
fläche und Iy gewählt.
ρ ¼ fðIPE, 80Þ, ðIPE, 100Þ, ðIPE, 140Þ, Eine mögliche Belegung zu diesem Schema ist
dann durch Tab. 2 gegeben. Die Zeilen der Tabelle
ðHEA, 120Þ, ðHEB, 700Þ, ðHEB, 800Þg: heißen Datensätze, Spalten werden auch als
Schlüssel bezeichnet, wenn die entsprechenden
Diese zweistellige oder binäre Relation zwi- Daten ausreichen, um einen Datensatz eindeutig
schen zwei Mengen lässt sich leicht auf eine zu identifizieren. Nicht nur die Mengen, die eine
n-stellige Relation erweitern. Als weitere Mengen einzelne Tabelle definieren, auch Mengen in un-
seien z. B. die Menge PN der Profilnamen, die terschiedlichen Tabellen können zueinander in
Menge H der Profilhöhen, die Menge B der Pro-
Tab. 1 Profilmaße
Profilgruppe Nennhöhe Profilname Höhe Breite Stegdicke Flanschdicke
IPE 80 IPE80 80 46 3,8 5,2
IPE 100 IPE100 100 55 4,1 5,7
IPE 140 IPE140 140 73 4,7 6,9
HEA 120 HEA120 120 120 5,0 8,0
HEB 700 HEB700 700 300 17,0 32,0
HEB 800 HEB800 800 300 17,5 33,0
12 A. Borrmann et al.
Tab. 2 Statische Werte für Profile die Zuordnung der jeweiligen Zeilen über den
Profilname Querschnittsfläche Iy Profilnamen hergestellt wird. Formal wird dieser
IPE80 7,64 80,1 Verbund geschrieben als
IPE100 10,30 171,0
IPE140 16,40 541,0 Profilmaße , Profilname‘ Statische Werte:
HEA120 25,30 606,0
HEB700 306,00 256900,0 Eine weitere elementare Datenbankoperation
HEB800 334,00 359100,0 ist die Umbenennung einzelner Spalten oder gan-
zer Tabellen. Aus den beschriebenen Grundope-
Beziehung gesetzt sein. Zusammengefasst (und rationen lassen sich nun komplexere Datenbank-
etwas verkürzt dargestellt) ist damit eine relatio- anfragen zusammensetzen. Eine häufig genutzte
nale Datenbank nichts anderes als eine Menge von Operation ist die assoziative Anfrage, die für das
zueinander in Beziehung stehenden Mengen. Beispiel folgendermaßen lauten könnte:
Datenbankmanagementsysteme sind Benut- „Gib die Namen und die Querschnittswerte Iy
zungsoberflächen (engl.: user interface. kurz: UI) aller verfügbaren Profile, deren Stegdicke größer
für Datenbanken, die es erlauben, Datenbank- als 4,2 mm ist.“ Zur Beantwortung dieser Anfrage
schemata zu definieren, Lese-, Schreib- oder Än- sind offenbar die beiden Tabellen zu verbinden,
derungsoperationen für einzelne Datenelemente die entstehenden Zeilen hinsichtlich der Bedin-
oder ganze Datensätze bereitzustellen sowie Men- gung Stegdicke > 4,2 zu selektieren und aus den
genoperationen auf den Relationen der Datenbank verbleibenden Zeilen die Spalten „Profilname“
auszuführen. Die beiden elementarsten Operatio- und „Iy“ zu projizieren.
nen sind die Projektion und die Selektion oder Die meisten Datenbanksysteme erlauben eine
Restriktion, die jeweils für eine Relation (d. h. eine grafisch-interaktive Definition des Datenbanksche-
Tabelle) einer Datenbank definiert sind. Dabei mas, die Festlegung von Beziehungen zwischen
wählt die Projektion bestimmte Spalten der Tabel- einzelnen Tabellen sowie vom Nutzer konfigurier-
le aus. So stellt die an die im Beispiel definierte bare Formulare zur Erfassung bzw. Ausgabe von
Datenbank gestellte Anfrage „Gib die Profilhöhen Datensätzen. Anfragen an die Datenbank können
aller verfügbaren Profile“ eine Projektion dar. Ei- entweder interaktiv oder von anderen Programmen
ne Restriktion selektiert dagegen Zeilen der Ta- über eine Programmierschnittstelle, meist SQL
belle, die einer bestimmten Bedingung genügen. (Structured Query Language) erfolgen.
Ein Beispiel ist die Datenbankanfrage „Gib die Werden Daten nur kurzfristig benötigt, genügt
gespeicherten Daten der Tabelle ‚Profilmaße‘ für eine zeitlich begrenzte (transiente) Speicherung.
alle verfügbaren Profile, deren Höhe kleiner als In Datenbanksystemen werden jedoch meist In-
140 mm ist“. formationen gesammelt, die dauerhaft, d. h. per-
Die dritte elementare Datenbankoperation, der sistent auf geeigneten Datenspeichern (z. B. Fest-
Verbund, fasst zwei Relationen zusammen, die platten), abzulegen sind, wodurch sich das
bezüglich eines Attributs die gleichen Grundmen- Problem der Konsistenzerhaltung der Daten er-
gen besitzen, die also jeweils eine Spalte gleich- gibt. Eine Datenmenge heißt „konsistent“, wenn
artigen Inhalts aufweisen. Dazu müssen zunächst sie den Regeln und Restriktionen, die im model-
zwei Tabellen über die jeweilige Spalte zueinan- lierten Teilbereich der Realität gelten, entspricht.
der in Beziehung gesetzt werden. Im Beispiel Hierbei wird unterschieden zwischen logischer
bietet die Spalte „Profilname“ die Möglichkeit, und physikalischer Konsistenz. Die logische Kon-
einen Verbund zwischen der Tabelle „Profilmaße“ sistenz einer Datenmenge ist immer dann gege-
und der Tabelle „Statische Werte für Profile“ her- ben, wenn alle Daten definierten Integritätsbedin-
zustellen. Anschaulich gesprochen, hängt die gungen genügen. Diese dienen dem Schutz der
Operation Verbund die Tabelle „Statische Werte Datenmenge vor unplausiblen Werten und defi-
für Profile“ an der Tabelle „Profilmaße“ an, wobei nieren Regeln der gegenseitigen Abhängigkeit der
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Daten. Ziel der physikalischen Konsistenz ist es, Ein einfaches Beispiel ist die Rechenvorschrift
die fehlerfreie Speicherung und Erhaltung einer
Datenmenge zu garantieren. Hierbei werden Me- y ¼ x2 ,
chanismen zur fehlerfreien Datenübertragung und
zum Wiederherstellen (engl.: recovery) zerstörter die für jede Eingabe einer (reellen) Zahl x ein
Datenmengen benötigt. Ergebnis, nämlich das Quadrat von x, liefert. Of-
Die Gewährleistung der Konsistenz einer fensichtlich kann man nicht jedes beliebige Ein-
Datenmenge ist ebenso Aufgabe eines Da- gabedatum für diese Abbildung verwenden: Eine
tenbank-Managementsystems wie die Verwaltung Belegung von x mit dem Wert „November“ würde
konkurrierender Zugriffe. Zur Sicherstellung der z. B. kein sinnvolles Ergebnis liefern können. An
Datenkonsistenz kann es notwendig sein, mehrere diesem simplen Beispiel wird deutlich, dass eine
Datenbankzugriffe zu einer Transaktion zusammen- Transformation immer nur für einen bestimmten
zufassen, die entweder ganz oder gar nicht aus- Datentyp erklärt sein kann und selbst immer ein
geführt wird. Ein sehr naheliegendes Beispiel hier- Ergebnis eines wohl definierten Datentyps liefert.
für ist die Überweisung eines Geldbetrags von Transformationen können sehr komplex sein. So
einem auf ein anderes Konto. Der erste Datenbank- kann man z. B. eine Finite-Element-Berechnung,
zugriff („Vermindere Kontostand von A um Geld- die aus geometrischen und physikalischen Ein-
betrag g“) wird genau dann ausgeführt, wenn auch gabedaten Verschiebungen und Spannungen be-
der zweite Datenbankzugriff („Erhöhe Kontostand rechnet, ebenfalls als Transformation im Sinne
von B um Geldbetrag g“) durchgeführt wird. von „Abbildung“ verstehen. Prinzipiell lassen
Weitere Sicherungsmaßnahmen sind zu beach- sich alle im Weiteren betrachteten Transformatio-
ten, wenn mehrere Benutzer gleichzeitig auf die- nen in elementare Grundstrukturen zerlegen. Eine
selben Daten zugreifen wollen. Hierbei können Folge dieser Grundstrukturen, die einen konstruk-
sich (trotz einzeln korrekten Verhaltens) gegen- tiven Lösungsweg für ein gegebenes Problem dar-
seitige Störungen ergeben. Um diese zu vermei- stellt, wird dann Algorithmus genannt. Dabei ist
den, ist es erforderlich, durch geeignete Mecha- nicht nur die Art der Anweisungen, sondern eben-
nismen den konkurrierenden Datenzugriff zu so deren Ausführungsbedingung von entscheiden-
sequentialisieren. Dies bedeutet, dass sich das der Bedeutung für den Ablauf eines Algorithmus.
System bei gleichzeitigem Zugriff so verhält, als Bevor hierauf in 7 näher eingegangen wird, sollen
würde ein Benutzer nach dem anderen auf die zwei Werkzeuge – die Tabellenkalkulation und
Daten zugreifen. Moderne Datenbanksysteme die Computeralgebra – besprochen werden. Sie
verwenden dazu das Prinzip des transaktionierten ermöglichen eine Lösung zahlreicher Aufgaben
Zugriffs (Vossen 1995; Kemper 2006). im Bauingenieurwesen ohne die Verwendung
klassischer Programmiersprachen oder komple-
xer Werkzeuge zur Softwareentwicklung, lassen
3.2 Transformationen aber allgemeine Prinzipien der Modellbildung
deutlich werden.
Transformationen, auch „Abbildungen“ oder
„Funktionen“ genannt, sollen nun an einigen Bei-
spielen erläutert werden. Allgemein ist eine Trans- 3.3 Elementare Algorithmen und
formation eine Vorschrift, die aus gegebenen Ein- Datenstrukturen
gabedaten Ausgabedaten erzeugt (Abb. 4).
Hier werden am Beispiel zweier Sortierverfahren
elementare Programm- und Datenstrukturen und
der Begriff „Zeitkomplexität“ eines Algorithmus
behandelt. Ausgangspunkt sei die Sortierung
einer Zahlenfolge. Die folgenden Überlegungen
Abb. 4 Transformationen
14 A. Borrmann et al.
Oft werden Modulblöcke zu Prozeduren, Unter- ð3, 17, 30, 41Þ und ð12, 24, 35, 50Þ:
programmen oder Funktionen zusammengefasst,
die in Abhängigkeit von bestimmten Übergabepa- Man stelle sich nun unter beiden Listen jeweils
rametern wohldefinierte Aufgaben erledigen und einen Kartenstapel vor, bei dem jeweils das erste
Element (also 3 und 12) oben liegt. Eine neue
Bauinformatik 15
einer Menge von Knoten. Er ist dadurch gekenn- Feldelement z. B. nach einem Element i dadurch
zeichnet, dass es genau einen ausgezeichneten eingefügt werden, dass sein Wert an eine beliebige
Knoten – die Wurzel – gibt und dass jeder andere Stelle im Speicher geschrieben wird und lediglich
Knoten genau ein Vorgängerelement hat. Ein der Datenzeiger des Elements i angepasst wird.
Baum ist damit eine spezielle Relation. Eine mög- Diese Operationen können mit konstantem Zeit-
liche definierte Beziehung lautet: „Elemente ha- aufwand, also unabhängig von der Anzahl der
ben gleiches Vorgängerelement“. Feldelemente von F, durchgeführt werden.
Eine noch elementarere Datenstruktur ist durch
eine lineare Liste gegeben, die dadurch gekenn-
zeichnet ist, dass jedes Objekt (bis auf das letzte) 4 3D-Modelliersysteme und
genau ein Nachfolgeobjekt besitzt. Jede Zeile der Geometrische Modellierung –
Datenbelegung in Tab. 3 oder jede sortierte Teil- Solid Modeling
liste in Abb. 6 ist eine lineare Liste. Die Elemente
können entweder so gespeichert werden, dass alle 3D-Konstruktions- und Modelliersysteme ermög-
Elemente in ihrer Reihenfolge, d. h. sequenziell, lichen die interaktive Erstellung, Veränderung und
abgelegt werden (sog. Felder oder Arrays) oder Verwaltung von räumlichen geometrischen Model-
dass zusätzlich zu jedem Element ein Zeiger (oft len. Sie erlauben deren Visualisierung sowie die
auch Referenz genannt) auf die Adresse des Nach- Verknüpfung mit zweidimensionalen, zeichnungs-
folgeelements gespeichert wird. Im zweiten Fall orientierten Teilsystemen. 3D-Modelle erfordern
spricht man von einer „verketteten Liste“. wesentlich größeren Speicher- und Rechenauf-
Als Beispiel sei ein Feld F aus N Werten be- wand als ebene Modelle und verlangen vom Be-
trachtet, wobei jedes Feldelement eine Gleitkom- nutzer ein Umdenken durch die Loslösung vom
mazahl aufnehmen kann. In der sequenziellen traditionell zeichnungsorientierten Plan. Die un-
Speicherung (Abb. 7) stehen an einer i. A. durch gleich größeren Möglichkeiten von 3D-Systemen
das Betriebssystem vergebenen Adresse im Spei- lassen jedoch erwarten, dass diese Systeme, ähn-
cher der Wert F(1) und dann unmittelbar aufeinan- lich wie im Maschinenbau zu beobachten, auch im
der folgend die weiteren Werte von F. Im Gegen- Bauwesen immer stärker in den Vordergrund treten
satz dazu wird bei der verketteten Liste (Abb. 8) werden.
zusätzlich zum Wert von F(i) die Adresse N(i) des Bauingenieure erstellen, bewerten und bear-
nächsten Wertes F(i + 1) gespeichert. Der Vorteil beiten räumliche Strukturen. Deshalb nehmen
der erstgenannten Speichertechnik ist neben ihrer geometrische Objekte in der Bauinformatik eine
Kompaktheit die Möglichkeit, durch einfache zentrale Rolle ein. Hier werden Datenmodelle zur
Adressrechnung direkt auf das i-te Element F(i) Speicherung und Methoden zur Veränderung bzw.
zuzugreifen. Der Vorteil der verketteten Liste hin- Darstellung von geometrischen Objekten be-
gegen liegt in der Möglichkeit einer sehr ein- schrieben. Dabei ist für die Beschreibung eines
fachen Änderung der Daten. So kann ein neues geometrischen Modells gleichermaßen die Topo-
logie – das ist das Beziehungsgeflecht zwischen
Punkten, Kanten, Flächen und Körpern – und die
Geometrie, also die Beschreibung der Lage, des
Verlaufs und der Gestalt der topologischen Ob-
Abb. 7 Speicherbelegung einer sequenziellen linearen jekte von Bedeutung. Das Beziehungsgeflecht der
Liste
Abb. 8 Speicherbelegung
einer verketteten linearen
Liste
Bauinformatik 17
v4
f1 f2 f3 f4
e5
e6 e4
e1 e2 e3 e4 e5 e6
v1 e3 v3 v1 v2 v3 v4
e2
e1
v2
Abb. 9 Eine einfache BRep-Datenstruktur gefüllt mit Daten zur Beschreibung einer Pyramide. Der Vertex-Edge-Face-
Graf beschreibt die Beziehungen zwischen Knoten, Kanten und Flächen und damit die Topologie des Körpers
18 A. Borrmann et al.
Die topologischen Informationen müssen um mehrere Kantenzüge (Loops) verweisen, die die
geometrische Informationen ergänzt werden, um Flächen umranden. Durch das Zulassen mehrerer
den Körper vollständig zu beschreiben. Sind im Kantenzüge können Flächen mit Löchern be-
geometrischen Modell nur gerade Kanten und schrieben werden – eine notwendige Vorausset-
ebene Flächen zugelassen, dann werden aus- zung zur Modellierung von Aussparungen und
schließlich die Knoten mit geometrischen Infor- Durchbrüchen.
mation versehen, das sind die Koordinaten der Eine weitere Besonderheit liegt darin, dass die
zugehörigen Eckpunkte. Erlaubt der Geometrie- Kantenzüge nicht direkt auf Kanten verweisen,
Kernel auch gekrümmte Kanten und Flächen, sondern auf sogenannte CoEdges, die eine zur
muss diesen eine geometrische Beschreibung ih- jeweiligen Fläche konsistente Orientierung auf-
res Verlaufs bzw. ihrer Gestalt zugeordnet werden. weisen. Diese sind dann mit der eigentlichen Kan-
Als Datenstruktur zur Beschreibung der topo- te (Edge) verknüpft, die auf den Anfangs- und
logischen Information werden häufig Listen mit Endknoten verweist. Der untere Teil der Abbil-
flexibler Länge eingesetzt. Dabei verweist der dung zeigt die geometrischen Informationen, die
Körper auf die berandenden Flächen, die Flächen mit Flächen, Kanten und Knoten assoziiert wer-
auf die umlaufenden Kanten und jede Kante auf den können.
den Anfangs- und Endpunkt. Das sich ergebende Datenmodell ist äußerst
Mithilfe dieser Datenstruktur können jedoch mächtig, d. h. es können nahezu beliebige Körper
ausschließlich einfache Körper ohne Aussparun- beschrieben werden. Es wird direkt im ACIS-
gen und Hohlräume dargestellt werden. Sollen Austauschformat umgesetzt, das von einigen
komplexere Körper modelliert werden, ist eine BIM-Systemen unterstützt wird, und kommt in
Erweiterung des Datenmodells erforderlich. leicht abgewandelter Form auch im IFC-Da-
Abb. 10 zeigt das objektorientierte Datenmodell tenmodell zum Einsatz (siehe Abschn. 6.3.5).
des Modellierkernels ACIS (Spatial 2015), der in
verschiedenen CAD- und BIM-Applikationen Triangulierte Oberflächenbeschreibung
zum Einsatz kommt. Dabei wird zunächst zuge- Eine stark vereinfachte Variante der Boundary
lassen, dass ein Körper (Body) aus mehreren so- Representation besteht darin, die Oberfläche eines
genannten Brocken (Lumps) besteht, die nicht Körpers mithilfe eines Dreiecksnetzes zu be-
miteinander verbunden sind. Die Lumps selbst schreiben. Gekrümmte Flächen können dabei
werden durch mehrere Schalen (Shells) beschrie- nicht präzise beschrieben, aber durch eine Verfei-
ben – dies erlaubt die Modellierung von Körpern, nerung des Netzes mit der gewünschten Genau-
die einen oder mehrere Hohlräume beinhalten. igkeit angenähert werden. Die dreiecksnetzbasier-
Die Schalen bestehen aus einer beliebigen Zahl te Beschreibung von Körpern kommt häufig bei
von Flächen (Faces), welche jeweils auf eine oder visualisierungsnahen Anwendungen zum Einsatz,
Topology
Abb. 11 Digitale Geländemodelle werden in der Regel mithilfe eines triangulierten Oberflächennetzes beschrieben
aber auch beispielsweise bei der Beschreibung der ebenfalls auf einer triangulierten Beschreibung
Geländeoberfläche (Abb. 11) oder als Eingangs- von Körpern. Die verwendete Datenstruktur be-
größe für numerische Berechnungen und Simula- ruht aber im Unterschied zum Indexed Face Set
tionen. Nicht zu vernachlässigen ist der deutlich auf einer expliziten Angabe der Koordinaten für
erhöhte Speicheraufwand bei der Beschreibung jedes einzelne Dreieck, was zu größerem Spei-
gekrümmter Oberflächen im Vergleich mit einer cherbedarf führt. Bedingt durch die fehlende To-
analytischen Beschreibung. pologieinformation im STL-Format besteht die
Als zugrunde liegende Datenstruktur wird häu- Gefahr, dass die abgelegte Geometrie fehlerhaft
fig das sogenannte Indexed Face Set verwendet. ist, d. h. Lücken oder Überlappungen zwischen
Dabei werden die Koordinaten der Eckpunkte in den einzelnen Dreiecken auftreten.
einer geordneten und nummerierten (indizierten)
Liste gespeichert. Für die Definition der Dreiecke
wird dann lediglich auf die Indizes der Punkteliste 4.2 Implizite Verfahren
verwiesen. Auf diese Weise wird die mehrfache
(redundante) Speicherung der Punktkoordinaten Implizite Verfahren zur Geometriebeschreibung
und daraus resultierende Geometriefehler (Über- beruhen darauf, dass die Entstehungsgeschichte
lappungen, Spalten) infolge von Ungenauigkeiten des modellierten 3D-Körpers festgehalten wird.
vermieden. Sie werden daher auch als prozedurale Verfahren
Das Indexed Face Set ist eine Datenstruktur, bezeichnet. Sie stellen einen alternativen Ansatz
die aufgrund ihrer Einfachheit sehr robust und zu den oben beschriebenen expliziten Verfahren
schnell interpretierbar ist. Sie wird unter anderem dar, bei denen ausschließlich das Ergebnis eines
von den reinen Geometrieformaten VRML, X3D möglicherweise langen und komplexen Modellie-
und JT eingesetzt, aber auch vom BIM-Format rungsvorgangs festgehalten wird.
IFC unterstützt (Abschn. 6.5). Das ebenfalls sehr In CAD- bzw. BIM-Systemen wird häufig ein
weit verbreitete Geometrie-Format STL basiert hybrider Ansatz verfolgt, d. h. es werden zum
20 A. Borrmann et al.
einen die einzelnen Modellierungsschritte in einer Viele 3D-CAD- und BIM-Systeme haben al-
Konstruktionshistorie aufgezeichnet, gleichzeitig lerdings die grundlegende Idee der Anwendung
wird daraus fortwährend eine explizite Geo- von booleschen Operationen übernommen, erwei-
metriebeschreibung generiert, um diese auf den tern ihre Funktionalität aber signifikant, indem sie
Bildschirm darstellen zu können. als Operanden beliebige zuvor vom Anwender
modellierte 3D-Körper erlauben. Damit entsteht
4.2.1 Constructive Solid Geometry eine mächtige Funktionalität zur intuitiven Mo-
Ein klassisches Verfahren zur prozeduralen Be- dellierung von komplexen dreidimensionalen Ob-
schreibung von 3D-Geometrie ist die Methode jekten. Im BIM-Bereich spielt vor allem die De-
der Constructive Solid Geometry (CSG). Dabei finition von Abzugskörpern zur Modellierung von
werden vordefinierte Grundkörper wie Würfel, Aussparungen und Durchbrüchen eine wichtige
Zylinder und Pyramide mithilfe der booleschen Rolle.
Operationen Vereinigung, Schnitt und Differenz
miteinander kombiniert. Daraus entsteht ein Kon- 4.2.2 Extrusions- und
struktionsbaum, der den 3D-Körper eindeutig be- Rotationsverfahren
schreibt (Abb. 12). Die Abmessungen der Grund- Viele CAD- und BIM-Systeme bieten die Mög-
körper sind in der Regel parametrisiert, sodass sie lichkeit, 3D-Geometrie durch die Anwendung
leicht für den konkreten Anwendungsfall ange- von Extrusions- und Rotationsverfahren zu erzeu-
passt werden können. gen (Abb. 13). Die grundlegende Idee dabei ist,
Zwar kann mithilfe von CSG ein relativ großes dass ein 3D-Körper durch das Entlangziehen einer
Spektrum von Körpern erzeugt werden. Dennoch 2D-Geometrie (i. d. R. eine geschlossene Fläche)
wirkt der Zwang zur Nutzung der Primitivkör- entlang einer vom Nutzer vorgegebenen 3D-
per in der Regel zu einschränkend. Das pure Kurve (Pfad) erzeugt wird.
CSG-Verfahren ist daher heute nur noch selten Bei einem geraden Pfad spricht man von einer
im Einsatz, wird aber unter anderem vom Extrusion, bei gekrümmten Kurven von einem
IFC-Datenmodell für den Datenaustausch unter- Sweep. Dabei wird durch entsprechende Einstel-
stützt. lungen festgelegt, ob das 2D-Profil parallel zu
Abb. 12 Das CSG-Verfahren beruht auf der Kombination von Primitivkörpern mithilfe der booleschen Operation
Vereinigung, Schnitt und Differenz aus Bungartz et al. (2002), S. 64
Bauinformatik 21
seiner Ausgangsebene geführt wird oder ob es vollziehbarkeit der Modellierungsschritte, die ein-
während des Vorgangs so gedreht wird, dass es fache Modifizierbarkeit der übertragenen Geo-
immer senkrecht zur Kurve liegt. Im Bauwesen metrie (durch Editieren der Konstruktonsschritte)
spielen Extrusionsverfahren eine besonders wich- auf der Empfängerseite sowie einen deutlich gerin-
tige Rolle für die Beschreibung von Trägern mit geren Umfang an zu übermittelnden Daten. Ein
konstantem oder variablem Querprofil. Analog wesentliches Problem der Nutzung einer impliziten
zur Extrusion funktioniert die Erzeugung eines Beschreibung beim Datenaustausch liegt jedoch
Rotationskörpers durch Rotieren einer 2D-Fläche darin, dass vom Zielsystem alle vom Ausgangs-
um eine vom Nutzer definierte Achse. system verwendeten Operationen zur Geometrie-
Beim Lofting werden vom Nutzer mehrere erzeugung und -bearbeitung unterstützt und in glei-
Querprofile definiert und im Raum hintereinander cher Weise ausgeführt werden müssen. Dies führt
positioniert. Die Querprofile können sich dabei in zu einer enormen Erhöhung der Komplexität
Form und Abmessungen stark voneinander unter- bei der Implementierung einer entsprechenden
scheiden. Das CAD- bzw. BIM-System erzeugt Schnittstelle durch die Softwarehersteller.
aus diesen Angaben einen Körper, der alle Quer- Das Editieren von Konstruktionsschritten er-
profile durchläuft. Zwischen den Profilen werden fordert bei den impliziten Verfahren immer eine
entsprechende Interpolationen angewendet. automatisierte Rekonstruktion des Bauteils. Auch
Auf Extrusions- und Rotationsverfahren beru- wenn hierbei in der Regel keine manuelle Inter-
hende Geometriebeschreibungen bilden einen fes- aktion durch den Anwender erforderlich ist, so
ten Bestandteil vieler BIM-Tools wie auch des kann dieser Prozess bei komplexen Bauteilen sehr
Datenaustauschformats IFC. rechenintensiv sein. Darüber hinaus kann es vor-
kommen, dass durch das Editieren eines Kon-
struktionsschritts die folgenden Konstruktions-
4.3 Vergleich von expliziten und schritte nicht fehlerfrei durchgeführt werden
impliziten Verfahren können und ebenfalls editiert werden müssen.
Bei den expliziten Repräsentationen ist das
In Hinblick auf den Datenaustausch haben impli- direkte Editieren der Geometrie möglich. Hier-
zite Verfahren eine Reihe von Vorteilen gegenüber durch wird beispielsweise ein zielgerichtetes Ma-
expliziten Repräsentationen, darunter die Nach- nipulieren von Kontrollpunkten ermöglicht, um
22 A. Borrmann et al.
x0 ¼ x þ T x , y 0 ¼ y þ T y , z0 ¼ z þ T y
v0 ¼ v S
Abb. 15 Zusammenge-
setzte affine Transformation
0 1
v 0 ¼ v Rx , v 0 ¼ v Ry , v 0 ¼ v Rz a11 a12 a13 0
B a21 a22 a23 0C
B C
mit M¼B C:
@ a3l a32 a33 0A
0 1 fx fy fz 1
1 0 0 0
B C
B 0 cos θ sin θ 0C
B C In Abb. 15 ist ein Beispiel für die Zerlegung
Rx ¼ B
B
C,
C einer Rotation eines Rechtecks um den Punkt
B 0 sin θ cos θ 0C
@ A p dargestellt. Die Eckpunktkoordinaten des
0 0 0 1 Rechtecks werden zunächst durch eine Translati-
0 1 on so verschoben, dass das Bild von p im Ur-
cos θ 0 sin θ 0 sprung liegt, dann erfolgt eine Rotation um den
B C Winkel Θ und schließlich eine Translation zurück
B 0 1 0 0C
B C
Ry ¼ B
B
C,
C
in p.
B sin θ 0 cos θ 0C
@ A
0 0 0 1 4.5 Projektionen
0 1
cos θ sin θ 0 0
B C Soll ein räumliches geometrisches Modell auf
B sin θ cos θ 0 0C
B C einem Bildschirm oder auf Papier dargestellt wer-
Rz ¼ B
B
C:
C den, so ist dazu eine Projektion aller räumlichen
B 0 0 1 0C
@ A Koordinaten auf eine Projektionsebene, also eine
0 0 0 1 Abbildung von 3D-Koordinaten (xv , yv, zv, 1) auf
2D-Koordinaten (xs, ys), nötig. Als Beispiel wird
Allgemeinere Transformationen lassen sich hier eine geeignete Transformation für eine Zen-
nun als Hintereinanderausführung dieser elemen- tralprojektion hergeleitet. Der Einfachheit halber
taren affinen Transformationen realisieren. Da bei sei eine Situation wie in Abb. 16 angenommen,
vielen praktischen Anwendungen der geometri- bei der sich das Projektionszentrum im Ursprung
schen Modellierung sehr viele Vektoren (z. B. alle eines kartesischen Koordinatensystems (xv, yv, zv)
Koordinaten der Knoten eines Körpermodells) zu befindet und die Projektionsebene im Abstand
transformieren sind, rechnet man sinnvoller Weise d parallel zur (xv, yv)-Ebene liegt. Stellt man sich
erst durch Matrizenmultiplikation die Matrix der als Betrachter in den Ursprung und blickt durch
Nettotransformation aus und unterwirft dann alle die Projektionsebene auf das geometrische Mo-
Koordinaten v der Multiplikation mit dieser Ge- dell dahinter, so findet man die Koordinaten eines
samtmatrix. Punktes P(xv, yv, zv) auf der Projektionsebene im
Durchstoßpunkt P0 (xs, ys). Zur Bestimmung von
v0 ¼ v M1 M2 M3 . . . Mn ¼ vM (xs, ys) betrachte man die Situation aus der Sicht
der yv- und der xv-Achse.
ist die Nettotransformation und hat die allgemeine Nach dem Strahlensatz kann man nun aus
Form Abb. 17 ablesen, dass
24 A. Borrmann et al.
xs xv ys yv 0 1
¼ ; ¼ : 1 0 0 0
d zv d zv B0 1 0 0C
B C
T persp ¼ B
B0 1CC:
@ 0 1
dA
Für die homogenen Koordinaten gilt also 0 0 0 1
xv y Auf ähnliche Weise kann für eine Parallelpro-
ðxs , ys , d, 1Þ ¼ , v , d, 1
zv =d zv =d jektion die Transformationsmatrix
¼ ðxv , yv , zv , zv =d Þ 0 1
1 0 0 0
B0 1 0 0C
oder B C
T par ¼B C
@0 0 0 0A
ðxs , ys , d, 1Þ ¼ ðxv , yv , zv , 1Þ T persp 0 0 0 1
5 Computer-Aided Drafting
(CAD)
5.1 Grundbegriffe
struktions- und Entwicklungstätigkeiten eingesetzt mit wird ein Prinzip genutzt, das als sehr allgemei-
wird“. nes Architekturmodell für komplexe Software
Dagegen stand im Bauwesen bis vor wenigen Anwendung findet.
Jahren noch die Unterstützung und Rationalisie- Der innerste Kern dieses Schalenmodells
rung von reinen Zeichentätigkeiten im Mittel- (Abb. 26) ist dabei ein Baustein, der elementare
punkt. Es zeigen sich in letzter Zeit jedoch erheb- Grafikbefehle in Befehle für die Ein-/Ausgabe-
lich erweiterte Möglichkeiten, wenn (räumliche) Geräte (z. B. Bildschirm und Plotter) umsetzt.
Bauwerke virtuell als dreidimensionale Objekte Dieser sog. „Gerätetreiber“ ist unabhängig vom
im Computer abgebildet werden. Sie können dann speziellen Anwendungsbereich des Gesamtpro-
als Kern eines Bauwerkmodells dienen, in dem gramms und kann damit unverändert für verschie-
neben topologisch geometrischen Daten Informa- denste Anwendungen eingesetzt werden. Ähnlich
tionen gespeichert und verändert werden, die vom verhält es sich mit den umliegenden Schalen. So
statischen Modell bis zu Daten über die aktuelle können die Funktionen eines grafischen Kernsys-
Nutzung des Objekts reichen können (siehe tems gleichermaßen von einem CAD-Programm
Abschn. 7). wie von einem Postprozessor für ein Berech-
Daher wird heute das computergestützte Er- nungsprogramm genutzt werden. Erst die äußere
stellen von reinen Bauplänen, das in diesem Ab- Schale stellt die fachspezifische Anwendung dar,
schnitt behandelt wird, als Computer-Aided Draf- die ihrerseits wieder auf ein fachunabhängiges
ting (Computergestütztes Zeichnen) bezeichnet, CAD-System aufsetzen kann (Abb. 18).
um es deutlich gegenüber dem 3D-Modell-basier-
ten Bauwerksentwurf abzugrenzen.
5.3 2D-Konstruktionssysteme
Polygonzugs oder einer Fläche), linienförmig Zur grundlegenden Funktionalität eines CAD-
(z. B. Kanten, Polygonzüge, Kurven), flächenför- Systems gehört weiterhin die Möglichkeit, geo-
mig (z. B. Rechtecke, Polygone, Kreisflächen) metrische Operationen auszuführen. Dazu zählt
oder Textbausteine. z. B. die Bildung des Schnittpunkts zweier Stre-
Zeichnungselemente können mit elementbezo- cken, das Errichten des Lotes auf einer Geraden
genen Attributen versehen werden. Für Punkte oder die Definition einer Tangente an einen Kreis.
sind dies Punktsymbole und Farben, für Linien Konstruktionsfunktionen manipulieren vorher er-
Strichstärke, Strichfarbe und Linientyp, für Flä- stellte Zeichnungselemente. Sie verändern so-
chen Schraffuren, die Farbe und die Füllart. Texte wohl die rechnerinterne Datenstruktur als auch
erhalten die Schrifthöhe, den Zeichensatz, die ihre Darstellung am Bildschirm.
Farbe und die Richtung als Attribute. Mit Konstruktionsfunktionen können Objekte
verschoben, verdreht, gespiegelt, verzerrt, kopiert
5.3.2 Grundlegende Funktionalitäten oder booleschen Mengenoperationen (siehe
von CAD-Systemen Abschn. 4.2) unterworfen werden. Schließlich er-
CAD-Systeme bieten die Möglichkeit, durch eine lauben Hilfsfunktionen die Definition von Raster-
interaktive Benutzeroberfläche Zeichnungsele- linien, stellen Linealfunktionen zur Übernahme
mente zu definieren, zu modifizieren und zu orga- der x- bzw. y-Koordinate eines identifizierten
nisieren. Zur Definition eines Grafikprimitivs ist Punktes bereit oder ermöglichen die Messung
dieses aus einem Katalog auszuwählen, mit Attri- von Abständen, Winkeln und Flächenwerten.
buten zu versehen und auf der Zeichnung zu po-
sitionieren. Die Veränderung oder das Löschen 5.3.3 Planstruktur und Folientechnik
eines Objekts erfordert seine Identifikation im Ein Plan wird aus Ansichtsfenstern (engl.: view-
Datenmodell des CAD-Systems. Das „Ankli- ports), die im CAD-System getrennt verwaltet
cken“ eines Zeichnungselements löst dazu die werden, zusammengesetzt (Abb. 19). Ansichts-
Suche nach allen Datenelementen aus, die sich fenster können sich selbst wieder aus Folien
innerhalb eines Suchkreises mit einem definierten (engl.: layers) aufbauen, die jeweils eine Menge
Fangradius um die Fadenkreuzposition befinden. von Zeichnungselementen enthalten und „über-
Weitere häufig verwendete Möglichkeiten der einander gelegt“ werden. Durch Aktivieren und
Identifikation bieten Lassofunktionen, mit denen Deaktivieren von Folien können Inhalte (Zeich-
z. B. alle innerhalb eines Rechtecks befindlichen nungselemente) aus- bzw. eingeblendet werden.
Elemente ausgewählt werden. Des Weiteren kann eine Folie „aktuell“ gesetzt
Abb. 19 Planstruktur
Bauinformatik 27
Abb. 22 Makrobefehl
Abb. 23 Bemaßungsarten
anfällig. Da jedoch die Grundlage für die Bema- spricht man von einer „Assoziation“ von Kon-
ßung durch Geometrie und Topologie des in ei- struktionselementen oder von „assoziativer Geo-
nem Plan dargestellten geometrischen Modells metrie“, wenn die Veränderung eines Elements
gegeben ist, stehen einem CAD-System die für automatisch die Änderung der assoziierten Ele-
die Bemaßung notwendigen Daten zur Ver- mente nach sich zieht. Als Beispiel zeigt Abb. 24
fügung. Problematisch ist aber das Layout von das Ergebnis der Modifikation eines Rechtecks
Maßketten, die übersichtlich, klar zuordenbar auf die Bemaßung und Schraffur bei assoziativer
und ohne Überschreibung anderer Zeichnungsele- und nicht-assoziativer Geometrieverwaltung.
mente anzubringen sind. Da sich diese Forderun- In Abb. 25 ist ein Installationsmakro zu einer
gen nur schwer vollautomatisch realisieren lassen, Wand assoziiert. Die Position des Makros wird
wird die Bemaßung meist interaktiv vorgenom- dazu relativ zum Wandanfang über einen Anker-
men. Der Benutzer gibt dazu an, welche Zeich- punkt definiert und ändert damit seine Lage, wenn
nungselemente vermaßt werden sollen und wo die das geometrische Objekt, das die Wand darstellt,
Maßketten anzuordnen sind. Maßketten können verschoben oder verdreht wird.
durch die Identifikation von Knoten des geometri-
schen Modells (siehe Abschn. 4.1) oder die An-
gabe von Schnittlinien und die damit festgelegten 6 Building Information Modeling
Schnittpunkte mit Zeichnungselementen definiert
werden (Abb. 23). Unter einem Building Information Model (BIM)
versteht man das digitale Abbild eines existieren-
5.3.6 Verknüpfungen von den oder sich in Planung befindlichen Bauwerks
Zeichnungselementen, (Borrmann et al. 2021). Dementsprechend be-
Assoziation schreibt Building Information Modeling im enge-
Wenn Strukturelemente einer Zeichnung modifi- ren Sinne den Vorgang zur Erschaffung eines
ziert werden sollen, so ist es wünschenswert, dass solchen digitalen Bauwerkmodells mit Hilfe ent-
sich z. B. Maßketten und Schraffuren automatisch sprechender Softwarewerkzeuge. Im weiteren
den neuen Abmessungen anpassen. Dazu dürfen Sinne wird der Begriff Building Information Mo-
die Zeichnungsobjekte nicht autonom verwaltet deling jedoch auch verwendet, um einen Prozess
werden, sondern müssen über geeignete Daten- zu charakterisieren, der die Verwendung eines
strukturen miteinander verknüpft sein. Allgemein digitalen Bauwerkmodells über den gesamten Le-
Bauinformatik 29
benszyklus eines Bauwerks – also von der Pla- der Verwendung von Zeichenbrettern u. a. in der
nung, über die Ausführung bis zur Bewirtschaf- deutlich vereinfachten Überarbeitung von Plänen
tung und schließlich zum Rückbau – vorsieht (Löschen statt Radieren), der erhöhten Genau-
(Eastman et al. 2008) (Abb. 26). igkeit und der erleichterten Wiederverwendbar-
keit (Kopieren). Allerdings wird bei derartigen
Programmen das Potenzial einer computerge-
6.1 2D vs. 3D vs. BIM stützten Modellierung von Bauwerken nur ansatz-
weise genutzt. So können beispielsweise In-
Konventionell wird die Planung von Bauwerken konsistenzen zwischen Grundriss und Schnitten
mit 2D-Plänen realisiert, die das Bauwerk voll- vom Computer nicht erkannt werden, keine
ständig beschreiben und die rechtsverbindliche 3D-Visualisierungen erzeugt oder baustatische
Grundlage für die Ausführung bilden. Diese Berechnungen durchgeführt werden.
Herangehensweise bei der Modellierung von An dieser Stelle setzt eine seit Ende der 1990er
Bauwerken rührt von der traditionellen Entwurfs- entwickelte und zunehmend an Bedeutung gewin-
arbeit her, die durch Verwendung eines Zeichen- nende, neue Generation von Planungswerkzeugen
bretts geprägt war. Die erste Generation von an, die auf einem Bauwerksinformationsmodell
Computerprogrammen zur Unterstützung des (engl.: Building Information Model, BIM) basie-
Entwurfsprozesses nahm diese Methodik auf und ren. Augenfälligstes Merkmal ist die dreidimen-
ermöglichte das Erstellen von digitalen Zeichnun- sionale Modellierung des Bauwerks, die das Ab-
gen, was auch als Computer-Aided Drawing leiten von konsistenten 2D-Plänen für Grundrisse
(CAD) bezeichnet wird. und Schnitte ermöglicht. Wesentlich dabei ist
Die Vorteile der Verwendung dieser CAD- aber, dass BIM-Entwurfswerkzeuge im Unter-
Programme wie bspw. Autodesk AutoCAD und schied zu reinen 3D-Modellierern einen Katalog
Bentley Microstation, die in großen Teilen der mit bauspezifischen Objekten anbieten, der vor-
Baubranche eingesetzt werden, liegen gegenüber
30 A. Borrmann et al.
Entwurf
Raumprogramm
Planung
Gewerkekoordination
Variantenstudien
Kostenermittlung
Konzeptionelles Design
Simulationen, Berechnungen
Rückbau
Ausführung
Umbau
Building Information Model Bauablaufsimulation
Recycling
Baufortschrittskontrolle
Revitalisierung
Baustellenlogistik
Abrechnung
Bewirtschaftung
Facility Management, Wartung, Betriebskosten
Abb. 26 Building Information Modeling beruht auf der durchgängigen Nutzung und verlustfreien Weitergabe eines
digitalen Gebäudemodells über den gesamten Lebenszyklus
definierte Bauteile wie Wände, Stützen, Fenster, Die Modellierung eines Bauwerks mit Bauteil-
Türen etc. beinhaltet. objekten erlaubt neben der Generierung von
Die Arbeit mit diesen Bauteilen ist notwendig, DIN-gerechten Plänen vor allem auch die Anwen-
damit die aus dem BIM abgeleiteten Pläne tat- dung unterschiedlichster Analyse- und Simu-
sächlich auch den geltenden, in DIN 1356-1 be- lationswerkzeuge. Eine Evakuierungssimulation
schriebenen Normen entsprechen [DIN 1356]. benötigt beispielsweise genaue Informationen
Zur Veranschaulichung soll das 3D-Modell einer darüber, bei welchen Elementen es sich um
Tür und die zugehörige symbolische Darstellung (zu öffnende) Türen handelt und wo sich Treppen
in einem Bauplan betrachtet werden (Abb. 27): befinden, um eine entsprechende Ableitung von
Ein einfacher Schnitt durch den 3D-Körper der Fluchtwegen vornehmen zu können. Ein pures
Tür würde nicht zur gewünschten Plandarstellung 3D-Modell wäre hierfür nicht brauchbar. Ähn-
führen, bei der ein Viertelkreis die Aufschwing- liches gilt für statische Berechnungen, die dank
richtung markiert. Um eine solche Darstellung zu der im BIM hinterlegten Informationen zur Funk-
erzielen, ist es notwendig, dass die Entwurfssoft- tion von Bauteilen (tragende/nicht-tragende Wand)
ware „weiß“, dass es sich bei diesem Objekt um und den verwendeten Materialen (E-Modul, Fes-
eine Tür handelt, um entsprechende Regeln für tigkeit etc.) einen deutlich verringerten Aufwand
ihre Darstellung anwenden zu können. Dieser An- zur Aufbereitung des Eingangsmodells benötigen.
satz der objektorientierten, bauteilbezogenen Mo- Da BIM-Tools im Unterschied zu reinen
dellierung, der in allen BIM-Tools realisiert wird, 3D-Modellierern die Bedeutung von Bauteilen
gewinnt noch weiter an Bedeutung, wenn man die kennen, spricht man in diesem Zusammenhang
unterschiedlichen Plan-Darstellungen in Abhän- auch von semantischer Modellierung. Bei der se-
gigkeit vom gewählten Maßstab in Betracht zieht. mantischen Modellierung nach dem objektorien-
tierten Paradigma (siehe Abschn. 8.3) werden zu-
Bauinformatik 31
nächst alle denkbaren Bauteiltypen als sogenannte gelegt wird, wie die Daten des zu beschreibenden
Klassen erfasst. Diese Klassen besitzen Attribute, Produkts aufgebaut sein müssen und welche Be-
die ihre Eigenschaften reflektieren, und können ziehung sie zueinander haben sollen. Wird dieses
Beziehungen zu anderen Klassen besitzen. Produktdatenmodell mit den Daten eines konkre-
Ein konkretes Beispiel ist die Klasse Wand mit ten Produkts gefüllt, so entsteht das Produktmo-
den Attributen Länge, Breite, Höhe und Position dell.
sowie einer Beziehung zur Klasse Öffnung. Die Zu den kommerziell verfügbaren Softwarepro-
Klasse Öffnung wiederum besitzt ebenfalls die dukten, die eine bauteilbezogenen Entwurf unter-
Attribute Länge und Breite und Position sowie stützen und damit zu den Building Information
zwei sogenannte Subklassen Türöffnung und Modelers gezählt werden, gehören u. a. Autodesk
Fensteröffnung, die wiederum Beziehungen zu Architecture, Autodesk Revit, Graphisoft Archi-
den Klassen Tür bzw. Fenster besitzen. Wichtig CAD, Nemetschek Allplan, Tekla Structure,
ist, die abstrakte Beschreibung auf Klassenebene Bentley Architecture und Digital Project von
konzeptionell von der konkreten Ausprägung, al- Gehry Technologies (Abb. 28 und 29).
so dem Modell eines bestimmten Bauwerks, zu
trennen. Während die Bauteilklassen zusammen
das Datenmodell formen, repräsentieren die ein- 6.2 Parametrische Modellierung
zelnen Objekte eines Bauwerkmodells konkrete
Ausprägungen dieser Klassen. Dabei werden den Seit einiger Zeit unterstützt BIM-Werkzeuge die
Attributen konkrete Werte zugewiesen und die parametrische Modellierung, die das Erstellen
Beziehungen mit Referenzen auf andere Objekten und vor allem das Ändern von Building Informa-
besetzt. tion Models weiter vereinfachen. Als Parameter
In diesem Zusammenhang verwendet man in gelten dabei die Attribute der Bauteile, also bei-
der Bauinformatik auch die Begriffe Produktmo- spielsweise die Höhe, Breite, Länge, Position und
dell und Produktdatenmodell. Ein Produktdaten- Ausrichtung einer Wand. Das Besondere an der
modell bildet dabei das Schema, durch das fest- parametrischen Modellierung ist, dass zwischen
32 A. Borrmann et al.
Abb. 29 Autodesk Revit stellt vordefinierte Zwangs- dieses Constraint sorgt dafür, dass das betreffende Bauteil
bedingungen zur Verfügung, beispielsweise zur Fixierung genau in der Mitte positioniert bleibt
eines Abstandes (Schloss-Symbol). EQ steht für „equal“ –
bedingungen selbst zu definieren. Als Parameter dig. Um die Funktionstüchtigkeit der Abläufe
stehen in diesem Fall alle geometrischen Abmes- nicht zu gefährden, ist ein schrittweiser Übergang
sungen zur Verfügung und Abhängigkeiten kön- sinnvoll. Entsprechend unterscheidet man bei der
nen mit Hilfe von Formeln definiert werden. Umsetzung von BIM verschiedene technologi-
Diese Form von Parametrik wird i. d. R. nicht sche Umsetzungsformen.
von BIM-Produkten angeboten, sondern lediglich
von reinen 3D-Modellierern ohne Unterstützung 6.3.1 Little BIM vs. BIG BIM
für das semantische Modellieren, darunter bei- Die mögliche Unterscheidung wird mit den Be-
spielsweise SolidWorks, Catia und Siemens NX griffen „BIG BIM“ und „little bim“ vorgenom-
(s. Abb. 30). Eine Ausnahme bildet hierbei Digital men (Jernigan 2008) – Abb. 31. Dabei bezeichnet
Project von Gehry Technologies, bei dem ein voll- little bim die Nutzung einer spezifischen
parametrischer Modellierkern um einen bauspezi- BIM-Software durch einen einzelnen Planer im
fischen Bauteilkatalog mit entsprechender Se- Rahmen seiner disziplinspezifischen Aufgaben.
mantik erweitert wurde. Mit dieser Software wird ein digitales Gebäude-
modell erzeugt und Pläne abgeleitet. Die Weiter-
nutzung des Modells über verschiedene Software-
6.3 BIM-Umsetzungsvarianten produkte wird jedoch nicht realisiert. Ebenso
wenig wird das Gebäudemodell zur Koordination
Der Umstieg von der herkömmlichen zeichnungs- der Planung zwischen den beteiligten Fachdiszi-
gestützten auf die modellgestützte Arbeit macht plinen herangezogen. BIM wird in diesem Fall
Änderungen an den unternehmensinternen und also als Insellösung innerhalb einer Fachdisziplin
unternehmensübergreifenden Prozessen notwen- eingesetzt, die Kommunikation nach außen wird
34 A. Borrmann et al.
weiterhin zeichnungsgestützt abgewickelt. Zwar Einsatz kommen, die den Datenaustausch zwi-
lassen sich mit little bim bereits Effizienzgewinne schen Produkten verschiedener Hersteller ermög-
erzielen, das große Potenzial einer durchgängigen lichen. Zwar bieten einzelne Softwarehersteller
Nutzung digitaler Gebäudeinformationen bleibt eine erstaunliche Palette von Softwareprodukten
jedoch unerschlossen. für das Bauwesen an und können damit eine große
Im Gegensatz dazu bedeutet BIG BIM die Bandbreite der Aufgaben in Planung, Bau und
konsequente modellbasierte Kommunikation zwi- Betrieb abdecken. Allerdings wird es auch wei-
schen allen Beteiligten über alle Phasen des Le- terhin Lücken geben, bei denen Produkte anderer
benszyklus eines Gebäudes hinweg. Für den Hersteller zum Einsatz kommen müssen. Die He-
Datenaustausch und die Koordination der Zusam- terogenität der Softwarelandschaft ergibt sich da-
menarbeit werden in umfassender Weise Internet- rüber hinaus insbesondere aus der Vielzahl der
plattformen und Datenbanklösungen eingesetzt. beteiligten Fachdisziplinen und der Verteilung
der Aufgaben über verschiedene Unternehmen.
6.3.2 Open vs. Closed BIM Eines der umfangreichsten und am weitesten
Orthogonal dazu steht die Frage, ob ausschließ- verbreiteten herstellerneutralen Datenformate ist
lich Softwareprodukte eines Herstellers eingesetzt das Format Industry Foundation Classes (IFC).
werden und für den Datenaustausch entsprechen- Das Datenmodell beinhaltet umfangreiche Daten-
de proprietäre Schnittstellen genutzt werden, oder strukturen zur Beschreibung von Objekten aus
ob offene, herstellerneutrale Datenformate zum nahezu allen Bereichen des Hochbaus. Es wurde
Bauinformatik 35
Open BIM
Es werden Softwareprodukte little open BIM big open BIM
verschiedener Hersteller und
offene Formate für den
Datenaustausch eingesetzt.
Closed BIM
Es werden Softwareprodukte little closed BIM big closed BIM
eines einzelnen Herstellers und
proprietäre Formate für den
Datenaustausch eingesetzt.
Abb. 31 Je nach Umfang der BIM-Nutzung und Art des Informationstausches unterscheidet man little BIM von BIG
BIM und Open BIM von Closed BIM
2013 in den ISO-Standard 16739 überführt und und verknüpfte zusätzliche Informationen beinhal-
bildet die Grundlage einer Vielzahl nationaler tet. Die Fachmodelle können zu einem verknüpften
Richtlinien zur Umsetzung von Open BIM. Koordinationsmodell zusammengefügt werden.
Wesentlich dabei ist, dass die Fachmodelle ihre
6.3.3 BIM-Reifegradstufen Identität sowie Integrität behalten.
Die Bauindustrie kann die den Umstieg auf ein Durch die Verknüpfung von zusätzlichen Infor-
durchgängiges modellgestütztes Arbeiten im Sinne mationen können sogenannte nD-Modelle, bei-
von BIG Open BIM nicht in einem Zug bewältigen, spielsweise für die Bauablaufplanung (4D) oder
stattdessen ist eine schrittweise Einführung dieser Kostenkontrolle (5D) erzeugt werden. Aktuell wer-
neuen Technologie sinnvoll. Im Rahmen der in den weitere BIM-Reifegradstufen entwickelt, die
2017 erschienenen ISO EN DIN 19650-1 „Organi- im Wesentlichen auf dem Ansatz eines integrierten
zation of information about construction works“ Gesamtmodells, offenen Datenstandards und Inte-
wird die BIM-Reifegradstufe 2 beschrieben gration von weiteren Anwendungsfällen und Tech-
(Abb. 32), welche auch als Basis für die BIM-Um- nologien (z. B. Internet of Things) basiert.
setzung in Deutschland vorgesehen ist (ISO 19650).
Diese Reifegradstufe 2, die seit April 2016 bei- 6.3.4 BIM-Anwendungsfälle
spielsweise in Großbritannien für öffentliche Bau- Die BIM-Anwendungsfälle beschreiben, auf wel-
projekte vorgeschrieben ist, basiert auf einer ge- che Weise BIM-Modelle im Projekt genutzt wer-
meinsamen Datenumgebung (engl. Common Data den. Die Festlegung der BIM-Anwendungsfälle
Environment), die einzelne digitale Fachmodelle ist notwendig, damit die erstellten Modelle die
36 A. Borrmann et al.
iBIM
BIMs
BSIM
BRIM
AIM
SIM
FIM
IDM, IFC, IFD
2D 3D
Proprietäre Proprietärformate ISO-Standards Austauschformate
CAD Formate COBie
Abb. 32 Die BIM Maturity Ramp der britischen BIM lichen bauvorhaben verbindlich umgesetzt werden. Abbil-
Task Group definiert vier verschiedene Reifegradstufen. dung nach (Bew und Richards 2008)
In Großbrittanien muss Level 2 seit 2016 für alle öffent-
damit einhergehenden Anforderungen hinsicht- • das häufige Auftreten von Änderungen auch in
lich Geometrie und Attributierung erfüllen. Die späten Planungsphasen.
Tab. 4 listet die üblichsten BIM-Anwendungsfälle
auf. Es wird aber darauf hingewiesen, dass diese Aus diesen Randbedingungen resultiert der
Auflistung nicht abschließend ist und projektspe- Zwang zu intensivem Informationsaustausch zwi-
zifisch zusätzliche BIM-Anwendungsfälle defi- schen den Beteiligten. Herkömmlich wird dieser
niert werden können. Informationsaustausch durch das Verschicken
Die Auswahl der umzusetzenden BIM-An- von Plänen realisiert, auf denen ggf. Änderungen
wendungsfälle geschieht durch den Auftraggeber entsprechend markiert sind. Diese Vorgehenswei-
anhand einer Aufwand-Nutzen-Analyse im kon- se führt jedoch zu enormen Aufwand beim Emp-
kreten Projekt. fänger, der diese Änderungen erneut in sein eige-
nes Software-System einpflegen muss. Daher
6.3.5 Datenaustausch und setzte sich bald die Erkenntnis durch, dass der
Interoperabilität: Die Industry Austausch digitaler Daten zu einem deutlichen
Foundation Classes (IFC) Produktivitätsgewinn führen kann.
Charakteristisch für die Planung von Bauwerken ist Vor allem aber die Heterogenität der eingesetz-
ten Software-Lösungen verhindert bislang einen
• die große Zahl beteiligter Fachplaner aus un- durchgehend digitalen Datenfluss und führte da-
terschiedlichen Domänen, zu, dass sich sogenannte Automatisierungsinseln
• die Verteilung der Planungsaufgaben über ver- („Islands of Automation“, Hannus) bildeten, die
schiedene Unternehmen (Planungsbüros) hin- zur Realisierung einer Teilaufgabe im Planungs-
weg, prozess zwar ausgezeichnet geeignet waren, je-
• die Heterogenität der eingesetzten Software- doch nur wenig bis gar keine Unterstützung für
Lösungen, den Austausch mit anderen Programmen boten.
• die starken Abhängigkeiten von Planungsent- Partiell entschärft wurde dieses Problem im
scheidungen untereinander, Laufe der 1990er-Jahre dadurch, dass einzelne
Hersteller bilaterale Schnittstellen aufbauten, die
Bauinformatik 37
es ermöglichten, Daten zwischen den Program- Um den oben genannten Problemen zu begeg-
men zweier Hersteller auszutauschen. Problema- nen, gründete sich Anfang der 1990er-Jahre die
tisch blieb jedoch, dass (1) der Aufwand einzelner Internationale Allianz für Interoperabilität (IAI),
Hersteller zur Pflege proportional zur Anzahl eine internationale Non-Profit-Organisation, die
der Marktteilnehmer stieg, sich (2) sogenannte sich 2003 in buildingSMART umbenannt hat. Ihr
Pseudo-Standards wie das von Autodesk ent- ist es gelungen, ein herstellerunabhängiges Daten-
wickelt Format DWG etablierten, was den „Be- format zur umfänglichen Beschreibung von Bau-
sitzern“ dieser Standards weitreichende Einfluss- werksmodellen zu schaffen, das den Namen In-
möglichkeiten auf den Markt bescherte, und dustry Foundation Classes (IFC) und liegt zum
(3) sich i. d. R. auf den Austausch von Geometrie Zeitpunkt der Drucklegung (2022) in der Version
beschränkt wurde, wodurch die im vorangegan- 4.3 vorliegt. Er beinhaltet eine umfangreiche
gen Abschnitt angesprochene Semantik von Bau- Sammlung von Definitionen aus nahezu allen er-
teilen, die für eine sinnvolle Weiterverwendung denklichen Bereichen des Hochbaus (Abb. 33).
notwendig ist, verloren ging. Zukünftig sollen auch Modelle für andere Bau-
Das Problem der mangelnden Interoperabilität werkstypen wie Brücken, Staudämme etc. hin-
existiert daher nach wie vor und verursacht enor- zukommen.
me Kosten: 2004 führte das US-amerikanische buildingSMART hat es sich zur Aufgabe ge-
Institut für Standards und Technologie (NIST) macht, ein (plattformunabhängiges) Basismodell
eine Studie durch, die die im Jahre 2002 bei Pla- zur gemeinsamen Datennutzung im Bauwesen zu
nung, Ausführung und Betrieb anfallenden Mehr- erstellen, welches den Datenaustausch und die
kosten infolge mangelnder Interoperabilität zwi- gemeinsame Datennutzung in der Bauindustrie
schen den eingesetzten Softwaresystemen mit (engl.: AEC, Architecture, Engineering and
15,8 Milliarden US-Dollar abschätzte (Gallaher Construction) und im Facilities Management
et al. 2004). (FM) unterstützt. Dabei entspricht die Art der
38 A. Borrmann et al.
Abb. 33 Datenaustausch
auf Basis eines neutralen
offen Austauschformats
Beschreibung des Datenmodells der IFC (mit der Auf der semantischen Seite unterstützte das
Beschreibungssprache EXPRESS) weitgehend IFC-Format die folgenden hierarchischen Struk-
dem STEP-Standard und profitiert dadurch von turen:
den Erfahrungen der Automobilindustrie im Um-
gang mit Produktdatenmodellen (ISO 10303-P1 • räumliche Strukturierung
1994). • funktionale Strukturierung
Die IFC definieren ein integriertes, objektori- • Aggregation/Dekomposition von Bauteilen
entiertes und semantisches Modell aller Kom-
ponenten, Attribute, Eigenschaften und Bezie- Durch die Möglichkeit, generische Platzhalter-
hungen innerhalb des Produktes Gebäude. Sie objekte (IfcProxy) und dynamische Eigenschaf-
sammeln grundsätzlich alle Informationen bezüg- tenlisten (Property Sets) einzusetzen, ist das
lich Entwurf und Entstehungsgeschichte, Daten IFC-Format sehr flexibel und leicht an die Bedürf-
über den gesamten Lebenszyklus bis hin zum nisse eines spezifischen Bauherrn bzw. Projekts
Rückbau (buildingSMART 2020). anpassbar.
Das IFC-Format erlaubt die Beschreibung und Die Architektur der IFC sieht einen hierar-
Überragung hochwertiger digitaler Bauwerks- chischen, modularen Ansatz vor, der das Modell
modelle. Es verwendet eine objektorientierte Mo- in vier Schichten (Layer) strukturiert, deren De-
dellierung und setzt eine strikte Trennung von taillierungsgrad von unten nach oben zunimmt
Geometrie und Semantik um. (buildingSMART 2008) – Abb. 34. Das heißt,
Die unterstützten Geometrierepräsentationen Elemente aus höheren Schichten bauen auf Ele-
umfassen: menten aus unteren Schichten auf:
Resource Layer: Diese „low-level“ Schicht
• triangulierte Oberflächennetze enthält Objektklassen beispielsweise zur Be-
• Boundary Representation (mit ebenen Flächen schreibung des geometrischen Modells, die unab-
oder mit NURBS-Flächen) hängig von ihrem Anwendungsbereich sind und
• Constructive Solid Geometry von anderen Klassen höherer Level genutzt wer-
• Sweep- und Extrusionsgeometrie den.
Bauinformatik 39
Core Layer: In der zweiten Schicht wird der dungsbereichen (AEC ¼ Architecture, Enginee-
Kernel (der Kern) und dessen Erweiterungen, die ring, Construction) gemeinsame Verwendung
„Core Extensions“ definiert. Sie beschreibt die finden und somit Interoperabilität (d. h. vollständi-
grundlegende Struktur des IFC Objektmodells; gen Modellaustausch) zwischen den Domänen
ihre Konzepte werden in den folgenden Layern gewährleisten.
referenziert und weiter spezialisiert. Domain Layer: In dieser Schicht findet die
Interoperability Layer: Dieser enthält Sche- Spezialisierung für den konkreten Anwendungs-
mata, die Konzepte und Objekte definieren, die bereich statt.
innerhalb von mindestens zwei AEC-Anwen-
40 A. Borrmann et al.
Die Industry Foundation Classes stellen ein Stattdessen werden BIM-Projekte heute nach dem
Schema dar, mit dem Produktinformationen eines Prinzip des Fachmodell-basierten Arbeitens abge-
Bauwerks beschrieben werden können . Das mit wickelt (Abb. 35). Dabei erzeugen die Fachplaner
Hilfe der IFC definierte Modell eines konkreten jeweils eigene, voneinander unabhängige Modelle,
Bauwerks kann in Form einer Datei (IFC Physical die regelmäßig miteinander abgeglichen werden.
File, STEP Part 21) gespeichert oder in einer Zur Abstimmung und Koordination werden die
geeigneten Datenbank abgelegt werden. Daten auf einer gemeinsamen Projektplattform,
Das IFC-Format wird von vielen Softwarepro- dem Common Data Environment vorgehalten.
dukten beim Import und Export unterstützt und ist Hier werden die Teilmodelle mit einem entspre-
in vielen Ländern als verbindliches Format für chenden Ausarbeitungs-Status versehen. Das Prin-
den Datenaustausch mit öffentlichen Auftrag- zip des Fachmodell-basierten Arbeitens ist in der
gebern vorgeschrieben Norm ISO EN DIN 19650 spezifiziert (ISO 2017).
Eine wichtige Rolle bei der Zusammenführung
6.3.6 Fachmodell-basiertes Arbeiten und Koordination der Teilmodelle spielt die Kol-
BIM-gestützte Zusammenarbeit bedeutet nicht, lisionskontrolle. Dabei werden die geometrischen
dass alle Projektbeteiligten kontinuierlich an einem Elemente der Teilmodelle mithilfe entsprechender
vollumfassenden Gesamtmodell arbeiten. Die ist Softwarewerkzeuge auf räumliche Überlappun-
aus technischen Gründen sowie aus Gründen der gen überprüft. Ziel ist es, evtl. aufgetretene Pla-
Haftung und des Urheberrechts nicht realisierbar. nungsfehler zu identifizieren. Treten Konflikte
Bauinformatik 41
Abb. 36 Spiralmodell
42 A. Borrmann et al.
ches im nächsten Durchlauf als Basis eines wei- festgehalten. Dieses spezifiziert auf fachlicher Ebe-
teren Entwicklungszyklus dienen kann. Wesentlich ne, also aus Anwendersicht, den Anforderungs-
für diese Vorgehensweise ist dabei die Gliederung und Aufgabenkatalog für das zu erstellende Soft-
der Entwicklungsaktivitäten in kleine Einheiten waresystem.
sowie die koordinierte Verzahnung von Aktivitäten Für das als Beispiel gewählte Tragwerk bedeu-
auf Basis unterschiedlicher Spezialisierungsgrade. tet dieser Analyseprozess, dass zunächst ein me-
Zur Strukturierung und Spezifikation des Soft- chanisches Modell zu wählen ist, das eine
waresystems in den Phasen Analyse und Entwurf Abstraktion der realen Struktur – z. B. als Mehr-
können objektorientierte Modellierungsmethoden feldträger – erlaubt. Weiterhin sind Annahmen zur
verwendet werden ((Booch 1994), Object Mode- Geometrie des Trägerquerschnitts und zu mögli-
ling Technique (OMT) (Rumbaugh et al. 1993), chen Lasten zu treffen. Der Analyseprozess legt
Unified Modeling Language (UML) (RSC bei diesem Beispiel weiterhin die Art der ge-
1997)). Sie unterscheiden sich hinsichtlich ihrer wünschten Ergebnisse und insbesondere die zur
Notation und der zur Abbildung des Problemrau- Berechnung zu verwendenden mathematischen
mes zu erstellenden Teilmodelle. Alle Modellie- und numerischen Methoden fest, ohne sich jedoch
rungsmethoden versuchen dabei durch sukzessive bereits um eine konkrete softwaretechnische Um-
Erhöhung des Spezialisierungsgrades eine durch- setzung zu kümmern.
gängige Lösung – von der Analyse bis zur Pro- Aufbauend auf diesem Fachkonzept wird ein
grammierung – anzubieten. Speziell für die Softwarekonzept entwickelt, dessen Aufgabe es
Implementierung des Softwaresystems ist es er- ist, einen ersten Lösungsentwurf für das zu erstel-
forderlich, dass die innerhalb der Modellierungs- lende System anzubieten. Von zentraler Bedeu-
methode gewählten Ansätze durch die verwende- tung ist dabei das Objektmodell (Abb. 38), dass
te Programmiersprache (z. B. C++, C# und Java) die Objekte und ihre Beziehungen erfasst. Die
unterstützt werden. Einige der genannten Konzep- Objekte selbst werden durch ihre Attribute und
te werden im Folgenden am Beispiel der Entwick- Verarbeitungsmethoden beschrieben. Die Attribu-
lung von Software zur Berechnung eines Mehr- te kann man mit Hilfe der verfügbaren Methoden
feldträgers erläutert (Abb. 37). verändern.
Für die Strukturierung des Objektmodells ste-
hen drei Beziehungstypen zur Verfügung:
7.1 Analyse und Entwurf
• Die Generalisierung bzw. Spezialisierung er-
Ziel der Analysephase ist es, eine Problemstellung möglicht es, Gemeinsamkeiten bzw. Unterschie-
aus der realen Welt zu verstehen und geeignet zu de zwischen verschiedenen Objekten auszudrü-
modellieren. Zu diesem Zweck werden mit Hilfe cken. Hierbei werden generelle Eigenschaften in
von Szenarien relevante Abläufe und Strukturen Form von Attributen und Methoden einem über-
analysiert und mit potenziellen Nutzern der zu ent- geordneten Objekt (z. B. „Querschnitt“) zuge-
wickelnden Software diskutiert. Die hierbei erar- ordnet. Durch Vererbung können nun diese ge-
beiteten Ergebnisse werden in einem Fachkonzept nerellen Eigenschaften an andere untergeordnete
Abb. 38 Objektmodell
eines Mehrfeldträgers
Objekte (z. B. „Standardprofil“ oder „Freide- Neben dem Objektmodell, welches die stati-
finiertes Profil“) weitergegeben werden. Inner- sche Struktur beschreibt, lassen sich mit Hilfe
halb dieser Objekte findet dann durch Er- weiterer Modelle andere Aspekte des Software-
weiterung der vererbten Eigenschaften um systems ausdrücken. Wichtige Gesichtspunkte
objektspezifische Eigenschaften (wie eine Lis- sind dabei Zustandsänderungen, die mit Hilfe
tenstruktur zur Aufnahme der Eckpunkte des des dynamischen Modells wiedergegeben wer-
polygonal berandeten Querschnitts für das Ob- den, und Datenflüsse, die mit Hilfe des funktiona-
jekt „Freidefiniertes Profil“) die Spezialisierung len Modells in der Notation nach OMT modelliert
statt. werden können. Welche Modelle zur Beschrei-
• Assoziationen drücken Beziehungen zwischen bung der verschiedenen Blickwinkel auf ein Soft-
verschiedenen Objekten aus. Das Objekt „Frei- waresystem letztlich zur Verfügung stehen, hängt
definiertes Profil“ unterhält z. B. eine Bezie- von der verwendeten Modellierungsmethode ab.
hung zum Objekt „Geometriemodell 2D“, Während die Phase der objektorientierten Ana-
d. h. zur Beschreibung eines freidefinierten lyse dazu dient, den Problemraum zu erfassen und
Profils ist ein zweidimensionales Geometrie- zu strukturieren, ist es Aufgabe des objektorien-
modell nötig. Diese Assoziation wird verwen- tierten Entwurfs, die in der Analysephase erzeug-
det, um die benötigte geometrische Beschrei- ten Modelle zu einem Softwareentwurf weiter-
bung des Profilquerschnitts in die zum Objekt, zuentwickeln. Hierzu sind neben Konzepten für
„Geometriemodell 2D“ zugehörige Objekt- implementationstechnische Details (wie die Um-
struktur auszulagern. setzung der Objektbeziehungen) vor allem der
• Die Aggregation stellt eine besondere Form Entwurf der Benutzungsschnittstelle, der Entwurf
der Assoziation dar. Eine Aggregation ist die der Anbindung an eine Datenbank und der Ent-
Zusammensetzung eines Objekts aus einer wurf für die Einbindung der Softwarekomponen-
Menge von anderen Objekten. Umgangs- ten in bestehende Softwaresysteme erforderlich.
sprachlich lässt sich Aggregation durch die Ergebnis dieser Arbeitsschritte ist ein durch die
Formulierung „besteht aus“ ausdrücken. Im Modelle der gewählten Modellierungsmethode
Beispiel besteht also ein Feld des Mehrfeld- vollständig beschriebenes Softwaresystem.
trägers aus einem Querschnitt, einer Belastung Zur Unterstützung des Entwurfsprozesses bie-
und weiteren im Beispiel nicht näher aus- tet sich die Nutzung bereits existierender Teillö-
geführten Objekten. sungen an. Hierzu gibt es eine große Auswahl an
44 A. Borrmann et al.
Standardbibliotheken, z. B. für die Datenstruktu- fassen von Attributen und Methoden zu Klassen
rierung die Standard Template Library (STL) lässt sich eine bessere Abbildung der realen Welt
(Josuttis 1996), für die Entwicklung von zur platt- bei der Umsetzung in die Programmiersprache
formübergreifenden Entwicklung grafischer Be- erreichen. Eine Klasse ist also die allgemeine Be-
nutzeroberflächen das Qt-Toolkit (Blanchette schreibung eines Objekts, nach der konkrete Ob-
und Summerfield 2008) oder für numerische Be- jekte der Klasse (sog. „Instanzen“) erzeugt wer-
rechnungen der linearen Algebra (z. B. LAPACK den können. Im Beispiel sind das Knoten mit
++). Diese bieten jeweils für bestimmte Anwen- konkreten Koordinaten und je einer Identifikati-
dungsfelder fertige und wohldefinierte Lösungs- onsnummer.
ansätze, die in geeigneter Weise in den eigenen Für jede Klasse kann zwischen öffentlichen
Entwurf integriert werden können. (engl.: public) und privaten (engl.: private) Daten
und Methoden unterschieden werden. Private Da-
ten und Methoden können dabei nur von Metho-
7.2 Objektorientierte den der Klasse selbst manipuliert werden. Zugrif-
Programmierung fe von anderen Klassen geschehen kontrolliert
über Methoden, die im öffentlichen Bereich der
Nachdem das Softwaresystem vollständig be- Klasse zur Verfügung gestellt werden, also die
schrieben wurde, ist es die Aufgabe der Program- Schnittstelle der Klasse nach außen definieren.
mierung, das Ergebnis des Softwareentwurfs in ein Dieses Konzept des kontrollierten Zugriffs auf
ablauffähiges Programmsystem umzusetzen. Hier- Attribute und Methoden wird als „Kapselung“
zu eignen sich besonders objektorientierte Pro- bezeichnet. Im Beispiel der Klasse knoten kann
grammiersprachen (z. B. C++, Java, C#), da diese also nur über die öffentlichen Methoden werteset-
spezielle Sprachkonzepte zur Verfügung stellen, zen (. . .) und verschieben (. . .) auf die privaten
durch welche die in den vorangegangenen Phasen Datenspeicher x und y zugegriffen werden.
entwickelte komplexe Objekt- und Beziehungs- Klassen lassen sich, wie in der Analyse gezeigt,
struktur effizient umgesetzt werden kann. Abb. 39 zu Klassenhierarchien anordnen. Ein wichtiger
zeigt exemplarisch einen Programmausschnitt für Mechanismus dabei ist die Vererbung. Abgeleitete
einen Knoten der Querschnittsbeschreibung des Klassen (z. B. „Standardprofil“ oder „Freidefinier-
Mehrfeldträgers bei der Umsetzung in eine C++- tes Profil“ aus Abb. 38) erben dabei Daten und
Klasse (Breymann 1993; Stroustrup 1998). Methoden der übergeordneten Klasse („Quer-
Im Folgenden werden einige zentrale objekt- schnitt“). Zusätzlich dazu enthalten sie jedoch
orientierte Programmierkonzepte am Beispiel von i. d. R. weitere Daten und Methoden. Die Möglich-
C++ vorgestellt. keit der Vererbung in einer objektorientierten Pro-
Wichtigstes Merkmal einer objektorientierten grammiersprache erlaubt es damit, dass im Objekt-
Programmiersprache wie C++ ist das Klassenkon- modell verwendete Konzept der Generalisierung
zept. Dabei können elementare Datentypen (oder bzw. Spezialisierung direkt abzubilden.
bereits bestehende Klassen) zu sog. „Klassen“ Als sehr nützliches Merkmal der objektorien-
zusammengefasst werden. Im Beispiel werden tierten Modellierung und Programmierung er-
die Koordinaten x und y sowie die Identifikations- weist sich der Polymorphismus. Er gestattet die
nummer id als Attribute oder Daten der Klasse unterschiedliche Implementierung einer Methode
knoten zusammengefasst. Die Klasse verfügt zu- gleichen Namens mehrmals. Erst im Kontext des
sätzlich über Methoden (wertesetzen(. . .), ver- aufrufenden Objekts wird dann zur Laufzeit die
schieben(. . .) und info( )) zur Manipulation und entsprechende Methode aus der zugehörigen
Bearbeitung der Attribute. Durch das Zusammen- Klasse ausgewählt.
Bauinformatik 45
• Aktivität: Eine Aktivität ist ein zeitverbrau- Aufgaben mit Terminverfolgung definiert und
chendes Element und beschreibt die Durchfüh- auf Basis eines Mail-Systems verteilt.
rung einer in sich abgeschlossenen Aufgabe. • Strukturierte Prozesse: Strukturierte Prozesse
• Zustand: Ein Zustand ist ein passives und zeit- werden für wiederholt auftretende Vorgänge
loses Element und besitzt Attribute sowie Be- mit planbaren Situationen verwendet.
dingungen. • Semistrukturierte Prozesse: Semistrukturierte
• Ereignis: Ein Ereignis ist das Eintreten eines Prozesse stellen eine Mischform dar: Es gibt
definierten Zustandes. keine detaillierten Ablaufregeln, jedoch sind
• Beziehung: Verbindungen zwischen Prozess- definierte Eingangs- und Ausgangsinformatio-
Elementen. nen für die Arbeitsvorgänge in einer definier-
• Ressource: Ressourcen sind die zur Durchfüh- ten Gruppe erforderlich.
rung einer Aufgabe erforderlichen Mittel
(z. B. Material und Personal). Eine für Bauprojekte geeignete Prozess-Ka-
tegorie ist der strukturiert vorgegebene Ablauf
Für die Kombination der Prozess-Elemente zur mit der Möglichkeit von Ad-hoc-Modifikationen.
Beschreibung der Abfolge stehen im Wesentli- Hier kann trotz vorstrukturierter Prozesse flexibel
chen die folgenden Komponenten zur Verfügung: auf Besonderheiten im Sinne von dynamischen
Abweichungen, die während der Durchführung
• Nebenläufigkeit: Zwischen den einzelnen Pro- eines Bauprojektes auftreten, reagiert werden.
zessen besteht keine kausale Beziehung: sie
können unabhängig voneinander ausgeführt
werden. 8.2 Analyse, Modellierung und
• Parallelität: Die Prozesse werden gleichzeitig Simulation
durchgeführt. Anfang und Ende der parallelen
Prozesse müssen synchronisiert werden. Zur Erstellung von Prozessdefinitionen wird die
• Konkurrenz: Die Aktivität eines Prozesses be- Prozessmodellierung als Formalismus mit ent-
einflusst einen anderen Prozess. sprechenden Ausdrucksmitteln verwendet. Bei-
• Synchronisation: Nebenläufige Prozesse wer- spiele für in Software-Systemen implementierte
den zeitlich aufeinander abgestimmt, d. h. ein Methoden zur Prozessmodellierung sind:
Gleichlaufpunkt wird modelliert. Grundsätz-
lich können Prozesse synchron, d. h. in zeit- • UML: Aktivitäts-, Sequenz- und Zustandsdia-
licher Übereinstimmung, oder asynchron, gramm (Grässle et al. 2000)
d. h. zeitlichen voneinander unabhängig, ab- • Business Process Modell and Notation
laufen. (BPMN, Object Management Group-Standard,
• Verzweigung: Alternative und/oder Abfolgen omg.org)
von Prozessen, die an Bedingungen geknüpft • Ereignisgesteuerte Prozess-Ketten (EPK)
werden. (Keller et al. 1992)
• Netzplantechniken (Seeling 1996)
Prozesse können in verschiedene Typen klas- • Workflow-Graphen (van der Aalst et al. 2002)
sifiziert weiden. Hierzu wird folgende Kategori- • Petri-Netze (Reisig und Rozenberg 1998)
sierung vorgenommen:
Ein Klassifizierungsmerkmal zur Eignung ei-
• Ad-hoc Prozesse: Ad-hoc-Prozesse werden als ner Modellierungsmethode stellt der Formalisie-
kurzlebige Arbeitsschritte realisiert. Bei gängi- rungsgrad dar. Der Grad der Formalisierung gibt
gen Projektkommunikationssystemen zeigt an, inwieweit die Syntax und Semantik der Mo-
sich ein solcher ad-hoc-Prozess häufig als Do- dellierungselemente festgelegt sind, was gerade
kumentenumlauf: Zu den Dokumenten werden beim Übergang vom Prozessmodell hin zum aus-
Bauinformatik 47
rung, da aufgrund der aktuellen Markierung die stützung der Aufgaben, die bei der Analyse, Mo-
möglichen Schaltungen der nachfolgenden Tran- dellierung, Simulation sowie bei der Ausführung
sitionen bestimmt werden (Abb. 41). und Steuerung von Workflows erfüllt werden müs-
Planungsprozesse im Bauwesen können mit sen: Mit einem Workflow-Management-System
den Elementen der Petri-Netze wie in Tab. 5 dar- (WfMS) werden Workflows definiert, erzeugt und
gestellt beschrieben werden. deren Ausführung verwaltet. Solch ein System ist
Darüber hinaus wurden zur Prozessmodellie- in der Lage, die Prozessdefinitionen zu interpretie-
rung höhere Petri-Netze und spezielle Erweiterun- ren, mit den Teilnehmern zu kommunizieren und –
gen entwickelt. In (Oberweis 1996) wird ein wenn nötig – andere Applikationen aufzurufen.
spezieller Netztyp vorgestellt, um komplexe Da- Spezielle zur Überwachung und Steuerung der
tenstrukturen zu erfassen. Van der Aalst definiert Prozesse ist der Einsatz eines Laufzeitsystems
in (van der Aalst 1998) ein Workflow-Netz (kurz (Workflow-Engine) erforderlich. Hierbei handelt
WFNetz) als die Spezialisierung eines Petri- es sich um eine spezielle Software-Komponente,
Netzes, das vier verschiedene Transitionstypen welche die einzelnen Arbeitsschritte gemäß des im
vorsieht: automatisch ablaufende, nutzerbasierte, Prozessmodell definierten strukturellen und zeitli-
nachrichtenbasierte und zeitbasierte Transitionen, chen Ablaufs in Aufgaben überführt und diese den
um spezielle Vorgänge charakterisieren zu kön- Projektbeteiligten in Form von Aufgabenlisten zu-
nen. weist. Das Laufzeitsystem überwacht darüber hi-
naus den Ausführungsstatus der sequenziell oder
nebenläufig ablaufenden Aktivitäten und unter-
8.3 Ausführungsunterstützung stützt die Projektbeteiligten in Entscheidungssitua-
tionen, die sich durch alternative Verzweigungen
Die Ausführung der modellierten und verifizierten der Prozesse ergeben. Gegebenenfalls ist eine In-
Prozesse während eines Bauprojekts wird mit Sys- teraktion mit externen Fachanwendungen notwen-
temen der Software-Kategorie „Workflow-Ma- dig, um die verschiedenen Aktivitäten auszufüh-
nagement“ unterstützt. Workflow-Management ren. Abweichungen vom Prozessmodell, die sich
beschäftigt sich mit der softwaretechnischen Unter- erst während der Durchführung der Prozesse erge-
Bauinformatik 49
Mülldeponien) sowie Einzelobjekte (z. B. Brunnen auf die Visualisierung oder die Datenhaltung ge-
oder Bohrlöcher) innerhalb von Flächen und Flä- legt (Bill und Fritsch 1991).
chenbegrenzungen. Alle Objekte besitzen eine Ein GIS kann sehr vielseitig verwendet wer-
geometrische Repräsentation bzw. einen direkten den. Im Rahmen der Bau- und Umweltplanung
geometrischen Bezug. Entsprechend werden alle dienen GIS als grundlegende Werkzeuge zur Pla-
Systeme zur Erfassung, Verwaltung, Fortführung, nung, Prognose, Beurteilung und Entscheidungs-
Analyse, Generierung neuer Informationen und findung bei Bauprojekten oder Raumplanungs-
Ausgabe raumbezogener, komplexer und lo- verfahren; sie werden häufig mit CAD/BIM und
gisch-inhaltlich zusammenhängender Sach- und auch mit fachspezifischen Planungstechniken ge-
Geometriedaten (der realen Welt) als Geogra- koppelt. GIS sind z. B. in den folgenden Teil-
fische Informationssysteme bezeichnet (Diaz bereichen der Bau- und Umweltplanung zu finden
1998). (Ebbinghaus et al. 1992):
Je nach Anwendung werden GIS z. B. unter-
schieden in Netzinformationssysteme (NIS) zur • Bodenkunde, Hydrogeologie (z. B. Fernerkun-
Planung von Versorgungsnetzen (Strom, Wasser, dung zur Bodenfeuchtesimulation),
Gas usw.), in Kommunale Informationssysteme • Ver- und Entsorgung,
(KIS) für die Stadtplanung sowie Umweltinfor- • Bebauungsplanung,
mationssysteme (UIS) zur Unterstützung umwelt- • Umweltqualitätsmanagement,
relevanter Problemstellungen. Zur Unterstützung • Landschafts- und Umweltplanung sowie
bautechnischer Ingenieuraufgaben werden GIS, • Umweltüberwachung (z. B. Grundwasserüber-
im städtischen Bereich insbesondere Kommunale wachung).
Informationssysteme, benötigt. Dabei sind die
Anwendungsbereiche Kartografie (z. B. Flächen-
nutzung), Objektverwaltung (z. B. Eigentumsfra- 9.2 Strukturen und Modelle
gen) und Geländemodellierung für Infrastruk- räumlicher Daten
turen (z. B. Trassenplanung) von zentraler
Bedeutung. In Abb. 42 sind die Aspekte eines Die Datentypen eines GIS gliedern sich in Raster-
Kommunalen Informationssystems dargestellt. daten, Vektordaten und Sachdaten. Die gleichzei-
Abhängig vom Fachgebiet wird der größerer Wert
Abb. 43 Pixelgraphik
Abb. 44 Vektorgrafik
tige Verarbeitung dieser Datentypen wird als „hy-
bride Datenverarbeitung“ bezeichnet. Sachdaten sind nichtgrafische, d. h. alphanume-
Rasterdaten bestehen aus einzelnen Bildpunk- rische Daten wie Zahlen und Texte.
ten (Pixel; Abb. 43). Die Qualität von Rasterdaten In Tab. 6 werden Vektor- und Rastersysteme
ist vorgegeben durch die Feinheit des eingestell- hinsichtlich ihrer Vor- und Nachteile, gespeicher-
ten Bildpunktrasters. Pixelelemente sind durch ten Grundelemente, Verknüpfung mit Sachdaten
Löschen und Neuzeichnen beliebig veränderbar. und Eignung für Planungsaufgaben einander ge-
Eine Skalierung von Pixelgraphiken ist i. d. R. mit genübergestellt.
Qualitätsverlusten behaftet. Zum Beispiel kann
bei einer Vergrößerung der Pixelgrafik die Anzahl
der Bildpunkte nicht erhöht werden. Der Spei- 9.3 Datenerfassung
cheraufwand von Pixelgraphiken ist wesentlich
größer als der von Vektorgraphiken, da jeder Bild- Die verwendete Art der Daten ist abhängig vom
punkt in einer Informationseinheit mit Attributen Erfassungsverfahren. Bei der Digitalisierung von
gespeichert werden muss. Papiervorlagen mit Scannern werden mittels
Vektordaten bestehen aus grafischen Elemen- elektro-optischer Verfahren Rasterdaten erzeugt,
ten, die durch mathematische Kurven beschrieben die z. T. mit geeigneter Software und manueller
werden (Abb. 44). Auf die so erzeugten Vektor- Nachbearbeitung in Vektordaten umgewandelt
elemente können die geometrischen Grundfunk- werden können. Des Weiteren lässt sich die Digi-
tionen (Verschieben, Rotieren, Spiegeln usw.) talisierung auch per Hand durch Abtasten einer
angewendet werden. Vektorgraphiken sind unab- maßstäblichen Vorlage mit einem Zeigegerät
hängig von der verfügbaren Auflösung der Hard- (z. B. Digitalisiertablett) durchführen. Bei der Er-
ware, d. h., sie können beliebig skaliert werden. fassung mittels fotogrammetrischer Verfahren
Mit geeigneten Gerätetreibern lassen sich Vektor- werden Luftbildaufnahmen mit Scannern digitali-
graphiken der jeweiligen digitalen Auflösung der siert, oder die Rasterdaten werden direkt erzeugt.
Ausgabegeräte (Bildschirm, Drucker, Plotter) an- Im Rahmen der manuellen Erfassung werden die
passen. Koordinaten der Vektordaten eingegeben. Gene-
52 A. Borrmann et al.
rell haben Vektordaten zwar die höhere Aus- 9.4 Kopplung von Sach- und
sagekraft und bieten reichhaltigere Möglichkeiten Lageinformationen
der Verarbeitung und Auswertung, sie erfordern
aber bei der Erzeugung einen größeren Ressour- Die in einem GIS enthaltenen Informationskom-
ceneinsatz als Rasterdaten (Bartelme 1995). ponenten, die elementar oder zusammengesetzt
Der Aufbau eines GIS-Datenbestands beginnt sein können und die sowohl quantitative (geo-
bei der topografischen Datenaufnahme (Pillmann metrische) als auch qualitative (thematische)
1992). Dies kann durch Messungen in situ oder in Komponenten aufweisen, werden als „raumbezo-
Form von digitalisierten Karten und Luftbildern gene Objekte“ bezeichnet (Göpfert 1987). In Ab-
geschehen (Stahl 1995). Als Ergebnis entsteht das hängigkeit vom räumlichen Bezug der Daten ha-
Digitale Geländemodell (DGM), das durch Ob- ben sie unterschiedliche Dimensionen für die
jektbildung und Generalisierung geprägt wird. Aspekte Geometrie und Thematik.
Danach folgt die kartografische Bearbeitung, in Bei geometrisch zweidimensionalen Systemen
der die grafischen Objekte des DGM mittels einer werden die Koordinaten mit x- und y-Werten in
Signatur klassifiziert werden. Dieses Modell dient der Ebene gespeichert. Wird zu dieser Lage die
als Basis, um weitere benutzerspezifische Infor- Höhe z als Attribut zusätzlich gespeichert, so
mationen einzufügen. Das hieraus resultierende, spricht man von „geometrisch zweieinhalbdimen-
benutzerspezifische Geländemodell kann zur sionalen Systemen“.
strukturierten Verwaltung der benötigten Informa- Werden x-, y- und z-Koordinaten in hinreichen-
tionen benutzt werden. In Abb. 45 ist der Daten- der Dichte vollständig für Gebiete abgespeichert,
fluss zur Erstellung eines GIS-Datenbestands dar- ist das GIS geometrisch dreidimensional (Bill
gestellt. 1996). Dabei ist zu unterscheiden zwischen einem
Bauinformatik 53
Wir haben deshalb versucht, aus der heutigen buildingSMART (2020) Industry foundation classes, ver-
konkreten Anwendung heraus einige grundlegen- sion 4, documentation. http://www.buildingsmart-tech.
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de und etablierte Prinzipien aufzuzeigen. Dies Bungartz H-J, Griebel M, Zenger Ch (2002) Einführung in
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