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Berühmte TU-Absolventinnen Dr. Marie Frommer Obwohl nur einzelne Stationen des Lebenswege s der Architektin Marie

Berühmte TU-Absolventinnen

Dr. Marie Frommer

Obwohl nur einzelne Stationen des Lebensweges der Architektin Marie Frommer bekannt sind, geben diese Auskunft über eine ungewöhnliche Frau und dokumentieren beispielhaft Geschichte und Architekturentwicklung des 20. Jahrhunderts.

Marie Frommer wurde 1890 in Warschau, Polen geboren.

1912 begann sie ihr Architekturstudium an der Königlichen Technischen Hochschule Charlottenburg. Unter den 353 eingeschriebenen Architekturstudenten an der TH Berlin waren 6 Frauen. Die Einrichtung hatte vor dem l. Weltkrieg den Ruf erworben, eine der frauenfreundlichsten Technischen Hochschulen Deutschlands zu sein.

Die Wahl, Architektur zu studieren, war typisch für eine Frau dieser Generation, die eine technische Ausbildung anstrebte. Zum Beispiel studierten in Berlin über fünfzig Prozent der 55 weiblichen Studentinnen, die zwischen 1909 und 1918 immatrikuliert wurden, Architektur.

Sie ging wohl deshalb nach Dresden, weil sie das Studium in Berlin als „altmodisch und verstaubt" erlebte. Das Problem der Stadtentwicklung war in dieser Zeit kein Thema an der TH Berlin.

Unter dem Titel Flusslauf & Stadtentwicklung untersuchte sie Aspekte der Gestaltung von Städten, die durch ihre Lage an Flüssen geprägt sind. Beginnend mit geografischen und topografischen Ursachen für die Anlage ältester Siedlungen an Wasserläufen sowie der Gründung planmäßig angelegter Kastelle durch die Römer folgen Beschreibungen von Stadtentwicklungen zur Zeit des Mittelalters. Typische Grundrissgestaltungen von „Fluss-Städten", wie der Verlauf von Hauptverkehrs-wegen parallel zum Fluss, die Lage von Mittelpunkten der Stadt, wie Markt- und Domplätzen, oder die ästhetische Nutzung und Wirkung der Flussufer z.B. durch vertikale Akzente und Befestigungswerke bedeutender Baumeister werden gezeigt.

Bemerkenswert ist; dass die Autorin sich nicht mit der Feststellung der baulichen Resultate in den einzelnen Epochen begnügt, sondern politische, soziale und wirtschaftliche Hinter-gründe für Stadtentwicklungen beschreibt, die ebenso von gründlichen Studien lokaler Besonderheiten zeugen. So wurden für bestimmte Stadtentwicklungen exemplarisch verschiedene europäische Städte von Krakau/'Thorn und Stettin bis Venedig, Köln oder Paris vorgestellt.

Die Uferbebauung Dresdens aber wird zum Hauptuntersuchungsgegenstand ihrer Arbeit. Anhand der Planungen für den Bereich zwischen Zwinger und Elbe, beginnend bei Pöppelmann über Cuvillier, Semper bis Erlwein untersucht sie Aspekte der Berührung des Stadt- und Platzraumes mit dem Fluss. Insbesondere aber beschäftigt sie sich mit der Bebauung der Brühlschen Terrasse.

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Hier reflektiert sie Vorstellungen ihres Lehrers Gurlitt und kritisie rt den 1886-93 realisierten Bau der

Hier reflektiert sie Vorstellungen ihres Lehrers Gurlitt und kritisiert den 1886-93 realisierten Bau der neuen Kunstakademie, der mit seiner Monumentalität „die Terrasse zum Sockel hinab drückt".

In einem weiteren Abschnitt widmet sie sich Brücken im Stadtbild und verbindet hierin konstruktive Kenntnisse mit gestalterischen Qualitätsansprüchen.

Die Arbeit, mit der Marie Frommer 1919 als erste Frau an der Architekturabteilung der TH Dresden promovierte, fußt auf gründlichen Studien und beweist eine systematische Arbeitsweise. Gleichzeitig dokumentiert sie bis in die Gegenwart gültige stadträumliche und architektonische Gestaltungsansprüche. Nach dem Abschluss ihrer Dissertation kehrte Marie Frommer nach Berlin zurück und gründete 1926 ein eigenes Architektenbüro. Trotz ihrer guten Ausbildung und ihres offensichtlichen Ehrgeizes war dies eine mutige Leistung. Sie gestaltete Entwürfe und hatte die Überwachung (Kontrolle) bei entstehenden Bauten, wie z. B. Privathäusern, Wohnhäusern, Hotels, Läden und öffentlichen Gebäuden, einschließlich deren Inneneinrichtung und Ausstattung. Dabei versuchte sie, ihre Entwürfe stets mit neuen, bis dahin unüblichen Aspekten zu bereichern, wie durch Lichteffekte in Wohnbereichen, Clubs, öffentlichen Gebäuden und Spezialgeschäften sowie ungewöhnlichem Design. Ungeachtet dieser Hürden könnte es sein, dass Marie Frommer mit ihrer bekanntesten Arbeit „Hotel Villa Majestic" gerade deswegen beauftragt wurde, weil sie eine Frau war. Dieses Projekt, ein Wohnhotel in Berlin, war vorrangig geplant zur Beherbergung alleinstehender berufstätiger Frauen. Gerade diese Problematik war eine wichtige architektonische Aufgabe während der ersten Dekaden dieses Jahrhunderts in Deutschland.

Viele Städte bauten in den zwanziger Jahren Häuser zur Unterbringung von berufstätigen Frauen aller Alters-, Einkommens- und Sozialklassen. Um 1930 gab es ungefähr 900 000 alleinstehende, berufstätige Frauen in Deutschland. Marie Frommers "Hotel Villa Majestic" war teilweise ein Neubau, teilweise eine Rekonstruktion. Es wurde Wohn-Hotel genannt und wurde als typisch für Paris und London angekündigt. Alle möblierten Räume erhielten durch gegensätzliche Innenausstattung und unterschiedliches Dekor einen individuellen Charakter. Die öffentlichen Räumlichkeiten und diverse Gemeinschaft-sräume im Erdgeschoss waren ein Zentrum für bürgerliche Frauenaktivitäten in Berlin.

Das "Hotel Villa Majestic" lag in Berlin Wilmersdorf. Von dieser Lage im westlichen Teil der Stadt konnte man den Kurfürstendamm zu Fuß erreichen. Es war das Zuhause für Schriftstellerinnen, Künstlerinnen, Filmemacherinnen, Intellektuelle und Frauenrechtlerinnen, überhaupt für all diejenigen, die für ihre kreativen Impulse auf Berlin während der Weimarer Zeit bekannt waren. Als das Gebäude fertiggestellt war, wurde es in Frauenzeitschriften angekündigt oder, besser gesagt, „gefeiert", vor allem, weil eine Architektin es entworfen hatte.

1936 ist der Name Marie Frommer aus dem Adressbuch der Berliner Jüdischen Gemeinde verschwunden. Liegen die Gründe in einer beruflichen Neuorientierung oder bedeutet ihr Umzug nach London die Reaktion auf die politische Situation in Deutschland?

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1940 verlässt sie Europa. Ne w York wird von nun an ihre Wohn- und Wirkungsstätte.

1940 verlässt sie Europa. New York wird von nun an ihre Wohn- und Wirkungsstätte.

Die Zeitschrift „Progressive architecture - pencil points" vom Juli 1944 veröffentlicht einen Club, den Marie Frommer zusammen mit Paul Bry in New York City gestaltete. Ein ungewöhnlich schmaler, tiefer Raum wird mit einfachen, dabei wirkungsvollen Gestaltungs- mitteln gegliedert und durch Leuchten und Spiegelflächen in seiner Dimensionierung gesteigert.

Weitere Veröffentlichungen unterstreichen ihre erfolgreiche Tätigkeit als Architektin und Innenarchitektin. Ihre bis zum Möbeldetail konzipierten Läden in New York sind beeinflusst von der Sachlichkeit der Architektur der 20-er Jahre in Deutschland. Sie sind geprägt von interessanten Lichtstimmungen und ausdrucksvoller Material- und Farbwahl. Spannungsvolle Raumfolgen, Reduktion der Gestaltungselemente, zweckgerechtes, klares Design sind Charakteristika ihrer Handschrift, wie u. a. die Ende der 40-er Jahre gestaltete, in der Fachpresse viel beachtete Rechtsanwaltskanzlei Mansbach & Paley überzeugend beweist. Hier spricht ein sachliches, großliniges Konzept und Individualität bei Verwendung serieller Elemente für Marie Frommers Talent.

Bis zum Jahre 1946 arbeitete sie als Architektin des Staates New York mit folgender Geschäftsadresse 140 W 57th., N.Y C. 19.

In Amerika verbrachte sie auch ihre letzten Lebensjahre. Der genaue Zeitpunkt ihres Todes konnte nicht in Erfahrung gebracht werden.

Obwohl uns über M. Frommer nur wenige Fakten bekannt sind und wir über ein sehr geringes Fotomaterial verfügen, so können wir dennoch einschätzen, was es für Marie Frommer bedeutete, eine der ersten Frauen ihrer Generation gewesen zu sein, die Architektur studiert und diesen Beruf auch aktiv ausgeübt haben.

In den Städten, in denen M. Frommer gelebt und gewirkt hat, gibt es Zeugnisse ihres künstlerischen und architektonischen Schaffens.

Sowohl die Doktorarbeit von 1919 als auch Beispiele ihrer realistischen Projekte wecken Interesse an einer weiterführenden Beschäftigung mit der Architektin Marie Frommer.

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