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14 WOZ DIE WOCHENZEITUNG NR. 6 11.

FEBRUAR 2010

DIESSEITS UND JENSEITS


LESERiNNENBRIEFE DURCH DEN MONAT MIT Azem Maksutaj (2)

Freiwirtschaft I
«Fritz Schwarz (1887–1958): Geld muss
Gegen Betonpfosten?
fliessen», WOZ Nr. 1/10
WOZ: Sie hatten vorletztes Wochen- Ich bereite mich so um die sieben
Der Vorabdruck des einfühlsamen Vor- ende ihren ersten Ernstkampf seit Wochen auf einen Kampf vor. Viel
worts von Professor Ueli Mäder und Si- längerer Zeit. Wie geht es Ihnen? Krafttraining, Kämpfe mit Sparring-
mon Mugier zu Band 1 von «Segen und Azem Maksutaj: Es geht ganz gut. Ich partnern, jeden Tag Joggen. Das ist
Fluch des Geldes in der Geschichte der bin etwas müde, und meine Schulter wissenschaftlich durchgeplant, inklu-
Völker», dem Hauptwerk meines Vaters schmerzt. Aber ich bin zufrieden. Den sive Ernährung.
Fritz Schwarz, freut mich sehr. Der re- Kampf habe ich ja deutlich gewonnen. War das schon immer so?
daktionelle Kommentar hingegen er- Sind Verletzungen ganz normal in Überhaupt nicht. Als Jugendlicher bin
fordert einige Ergänzungen. Die Kauf- Ihrem Sport? ich einfach drauflosgerannt, so lange,
kraftinitiative der Freiwirtschafter von Eigentlich schon, aber bisher hatte bis ich fast kotzen musste. Und dann
1951 schlug folgenden Text für den No- ich immer Glück. Sogar meine Nase noch einen Kilometer, als müsste ich
tenbankartikel in der Bundesverfassung war nie richtig gebrochen, was eine dem Teufel davonrennen. Und zu Be-
vor: «Die mit dem Notenmonopol aus- Seltenheit ist unter Boxern. Ich habe ginn war es wichtig, in einer tiefen Ge-
gestattete Bank hat die Hauptaufgabe, sehr starke Knochen. Das kommt wohl wichtsklasse zu bleiben, also habe ich
den Geldumlauf des Landes zum Zwe- von der gesunden Ernährung und der wenig gegessen und kaum Wasser ge-
cke der Vollbeschäftigung so zu regeln, Landluft in meiner Kindheit. trunken. Das ist nicht gerade gesund.
dass die Kaufkraft des Schweizerfran- Und kleinere Verletzungen? Ist das heute anders?
kens, bzw. der Lebenskostenindex, fest Die gehören zum Alltag. Prellungen, Dass ich früher so trainiert habe, lag
bleibt. Der Bund erklärt die Banknoten Schnitte, so etwas gibt es auch im Trai- ja nicht an meiner Schule, sondern an
und andere gleichartige Geldzeichen ning. Und so, wie ich früher trainiert meiner Besessenheit. Ich kam hier als
als gesetzliche Zahlungsmittel.» habe, bin ich recht unempfindlich Fremder an, kannte die Sprache nicht
Im Grunde genommen eine Selbst- gegenüber Schmerzen geworden. Vor und hatte wenig Freunde. Also inves-
verständlichkeit, die aber von den wirt- kurzem hat ein Arzt bei mir drei ver- tierte ich alles in den Sport. Aber es
schaftlichen und politischen Eliten heilte Rippen festgestellt. Die sind mir hat sich schon verändert. Dass wir mit
vehement bekämpft wurde. So verbot damals gar nicht aufgefallen. Aber als Video arbeiten, um die Bewegungs-
Bundesrat Ernst Nobs die sonst vor er sie mir zeigte, wusste ich genau, in abläufe der Schüler zu filmen, zum
Volksinitiativen am Radio übliche «Dis- welchem Kampf die gebrochen sind. Beispiel. Azem Maksutaj: «Ich glaube, dass Jugendliche vor allem dann zuschlagen, wenn
kussion am runden Tisch» und hielt Das klingt fast so, als wäre Kick- Die meisten Leute kennen Kick- sie selber Angst haben.» Foto: Florian Bachmann
stattdessen eine bewusst irreführende boxen völlig harmlos? boxen nur aus dem Film. Tritt
Rede. Nachzulesen in Werner Schmids Nein, so meine ich das nicht. Ich weiss man im Training wirklich gegen
Biografie «Fritz Schwarz – Lebens- ja, dass dieser Sport gefährlich ist. Betonpfosten? Wie gehen Sie mit solchen denen es egal ist, ob sich ihre Schüler
bild eines Volksfreundes», Neuauflage Das macht ja auch den Reiz aus. Aber (Lacht) Nein, natürlich nicht. Aber Jugendlichen um? ausserhalb des Trainings prügeln. Da
2009. ich kenne meinen Körper, weiss, wo Abhärtung ist ein wichtiger Teil, ge- Ich bringe ihnen bei, ihre Aggressionen fehlt jegliche Kontrolle. Und Kickbo-
An einer Veranstaltung zum 50. To- die Grenzen sind. In Las Vegas, nach rade an den Schienbeinen. Und das anders einzusetzen. Und versuche xen ist nicht Tennis: Wenn Kickboxer
destag von Fritz Schwarz im November meinem Kampf gegen Ruslan Karaev, Training ist hart: Ich habe jeden Mo- ihnen die Angst zu nehmen. Ich glaube, die Beherrschung verlieren, kann das
2009 führte der Wirtschaftshistoriker wollte ein Arzt unbedingt eine Com- nat rund ein Dutzend Schüler, die neu dass Jugendliche vor allem dann zu- tödlich enden. Wer sich dieser Verant-
Tobias Straumann in seinem Referat putertomografie machen lassen, da ich bei mir anfangen – fast ein Drittel sind schlagen, wenn sie selber Angst haben. wortung bewusst ist, der hat es nicht
«Wieso Fritz Schwarz recht hatte» aus: viele Schläge gegen den Kopf erhalten junge Frauen. Und nur wenige bleiben Wer bereit ist, im Ring von einem Knie nötig, auf der Strasse auf Schwächere
«Sie waren die ersten, die trotz heftigem hatte. Aber ich wusste, es geht mir gut. lange dabei. mit fünfhundert Kilo Schlagkraft in die loszugehen.
Widerstand des Bundesrates und der Der Kampf wurde zum zweit- Haben Sie überhaupt noch die Rippen getroffen zu werden, der ver- Interview: Etrit Hasler
Parteien freie Wechselkurse, Abschaf- besten Kampf der K-1-Liga gewählt. Zeit, selber die Trainings zu leiten? liert nicht so schnell die Beherrschung.
fung des Goldstandards und Sicherheit Das war eine harte Sache, ich musste Die nehme ich mir. Sehen Sie, das ist Im letzten Jahr erschien eine AZEM MAKSUTAJ (34) betreibt in Winterthur
der Kaufkraft des Frankens forderten, über Nacht im Spital bleiben. Ich hatte nicht wie Häuser bauen, wo man Pläne Studie, welche das Gegenteil behaup- eine Kampfsportschule, das Wing Thai
alles Dinge, die heute als selbstverständ- vor allem Schnitte, am Kinn und über zeichnen kann, die auch ein Stellver- tete: Kampfsportarten würden Gym, und gilt als der erfolgreichste
lich gelten.» dem Auge. Das blutet heftig, ist aber treter ausführen kann. Das sind junge aggressiver machen. Schweizer Kickboxer.
Nachdem im Kommentar zweimal völlig ungefährlich. Menschen, um die man sich einzeln Das habe ich auch gelesen, aber davon Ab dem 25. Februar läuft der biografische
von Antisemitismus die Rede ist, scheint Wie trainieren Sie für einen kümmern muss. Und das gilt nicht nur halte ich nichts, auch wenn es tatsäch- Dokumentarfilm «BEING AZEM» in Deutsch-
es mir richtig, zu erwähnen, dass Fritz Kampf ? für die sogenannten Problemfälle. lich viele unlizenzierte Schulen gibt, schweizer Kinos.
Schwarz als C. A. Looslis Verleger nicht
nur dessen Werk «Die schlimmen Ju-
den» (Titel ironisch gemeint!) heraus-
brachte, in Alfred A. Häslers Buch «Das WIKTOR JANUKOWITSCH Der Sieger der Präsidentschaftswahl in der Ukraine
Boot ist voll» positiv erwähnt wird, son-
dern auch Dankesbriefe der «Flücht- will eine Politik des Ausgleichs. Gute Beziehungen zur Europäischen Union sollen dem
lingsmutter» Gertrud Kurz und von Verhältnis zu Russland nicht schaden.
jüdischen Emigranten erhielt, denen
er geholfen hatte. Seine Korrespondenz
mit Professor Jonas Fränkel sowie der
fünfzig Dokumente umfassende Brief-
wechsel mit dem jüdischen Biografen

Der neue Mann von Welt


Emil Ludwig sind im Schweizerischen
Sozialarchiv ebenso öffentlich zugäng-
lich wie alle übrigen Dokumente aus
dem Nachlass, die ich dem Archiv 2009
übergeben habe.
Ruth Binde, Zürich
Von Ulrich Heyden sitzer der Kohle- und Stahlbetriebe im heute. Das Donezk-Becken wurde zum
Osten des Landes, allen voran Januko- Schmelztiegel verschiedener Völker, das
Freiwirtschaft II Im zweiten Anlauf hat Wiktor Januko- witschs wichtigster Sponsor, der mehr- prägte auch Janukowitsch. Nach einer
witsch es nun doch noch geschafft. Er, fache Milliardär Rinat Achmetow, sind Volkszählung von 2001 sind 56 Prozent
«Fritz Schwarz (1887–1958): Geld muss der Zwei-Meter-Mann mit der ruhigen am Absatzmarkt Russland, aber auch der BewohnerInnen des Donezk-Ge-
fliessen», WOZ Nr. 1/10 Stimme, der auf Zuspitzungen verzich- am EU-Markt interessiert. Über einen biets UkrainerInnen und 38 Prozent
Heute habe ich in Bern die neue WOZ tet, hat bei der Stichwahl am 7. Februar Nato-Beitritt müsse die Bevölkerung in RussInnen. 74 Prozent der Bevölkerung
gekauft und mit Freude den Hinweis mehr WählerInnen für sich gewinnen einem Referendum entscheiden, sagte bezeichnen Russisch als ihre Mutter-
auf das Buch von Fritz Schwarz gele- können als die Populistin Julia Timo- Janukowitsch erst jüngst wieder. Seine sprache. Es gibt auch kleine nationale
sen. Schwarz hat als «Prediger in der schenko, die keine Gelegenheit auslässt, eigene Position ist dabei unklar. Nach Wiktor Janukowitsch. Minderheiten wie Griechinnen, Tataren
Wüste» das Geldsystem kritisiert. Wie sich als «Opfer von Banditen» zu stili- Meinungsumfragen sind allerdings zwei und Weissrussinnen.
recht er hatte, zeigen die Reaktionen auf sieren und Emotionen zu schüren. Drittel der UkrainerInnen gegen einen baubetriebe. Achmetow ist auch Spon- Vielleicht hat es mit der Biografie
die Finanzkrisen: Bei der letzten Präsidentschaftswahl Beitritt zur Militärallianz. sor des Fussballklubs Schachtjor Do- in einem Schmelztiegel der Kulturen
In den dreissiger Jahren bekämpften 2004 unterlag Janukowitsch, der Ar- nezk und Besitzer des Fernsehkanals zu tun, dass der Wahlsieger Polarisie-
die Freiwirtschafter mit Schwarz voran beitersohn aus dem ostukrainischen Dank an die Orange Revolution Ukraina. rungen meidet. So gibt sich Januko-
die staatliche Deflationspolitik: Die Na- Donezk-Gebiet, in der dritten Wahlrun- Der heute 59 Jahre alte Januko- Janukowitsch hatte in den letzten witsch im Sprachenstreit, ob Russisch
tionalbank zog Noten ein und häufte de Wiktor Juschtschenko, dem Orange- witsch hat als Fabrikarbeiter angefan- Jahren eifrig an sich gearbeitet. Mit landesweit zur zweiten offiziellen Lan-
Gold auf. Löhne wurden gesenkt, die Revolutionär und ehemaligen Direktor gen. In Jugendjahren wurde er zweimal Hilfe US-amerikanischer Imageberater dessprache neben dem Ukrainischen
Preise sanken. Da alle auf noch tiefere der ukrainischen Nationalbank. Die verurteilt, einmal wegen Diebstahls und feilte er an seinem politischen Stil. Von werden soll, vorsichtig. Das Problem
Preise hofften, wurde Geld gehortet, Emotionen schlugen damals hoch, denn einmal wegen Körperverletzung. Mit 26 Wahlfälschungen wurde nichts mehr müsse so gelöst werden, dass sich der
was die Krise weiter verschärfte – bis der dem damaligen Ministerpräsidenten Jahren hat er die Leitung eines Fuhr- bekannt. Aus einem grobschlächtigen russischsprachige und der ukrainisch-
Bundesrat im Herbst 1936 die Bindung Janukowitsch waren bei der Stichwahl parks übernommen und sich danach Politiker wurde ein Mann von Welt, der sprachige Teil der Bevölkerung «kom-
ans Gold aufhob. Ein Aufatmen ging im November 2004 Wahlfälschungen immer wieder betonte, wie wichtig ihm fortabel fühlen».
durch das Land. Dass ich zehn Monate nachgewiesen worden. Nach Massen- gute Beziehungen zum Westen sind. Als gewählter Präsident steht Januko-
später als erstes Kind meiner Eltern zur protesten und einem Gerichtsbeschluss Mit Imageberatern In einem Interview mit der spanischen witsch nun unter doppeltem Druck. Die
Welt kam, ist vielleicht ein Zufall … kam es deshalb zu einer dritten Wahl- aus den USA feilte Zeitung «El País» gestand Janukowitsch WählerInnen erwarten schnelles Han-
Ganz anders heute: Sofort pumpten runde. Während der Orange Revolu- kürzlich sogar ein, dass die Ukraine in deln zur Lösung der Wirtschaftskrise;
die Banken Geld in die Wirtschaft, um tion stand Wiktor Janukowitsch nicht Janukowitsch an puncto Pressefreiheit und Demokratie die Industrieproduktion geht zurück
Zusammenbrüche zu verhindern. Nie- nur als Wahlfälscher in der Kritik, son- seinem politischen der Orange Revolution «viel zu verdan- und die Lebensmittelpreise steigen. Der
mand sieht heute in einer Deflation dern auch als Ziehsohn des autoritären ken» habe. Internationale Währungsfonds und die
die Lösung der Probleme. Die Banken und korrupten Präsidenten Leonid Stil. Doch ein Manko bleibt: Wiktor Ja- Weltbank wollen der Ukraine weitere
versuchen zu verhindern, dass eine De- Kutschma, der Janukowitsch 2002 zum nukowitsch hat seine besten Wahlergeb- Kredite nur gewähren, wenn die Regie-
flation oder eine zu starke Inflation die Premier ernannt hatte. nisse bei dieser Präsidentschaftswahl rung die Staatsausgaben kürzt. Kom-
Wirtschaft zerstört. Fritz Schwarz wür- mit sechzig bis neunzig Prozent im Os- men die Kredite nicht, müsste die Re-
de das freuen. Nato-Referendum ten und im Süden der Ukraine erreicht. gierung den Staatsbankrott ausrufen.
Und der Boden? Dass er ein «Mann Moskaus» sei, In den Wahlbezirken der Zentral- und Findet Janukowitsch keinen Weg,
Gar nicht freuen würde sich Fritz hat der jetzige Wahlsieger in den letzten stetig weiter nach oben gearbeitet. In die Westukraine erhielt er nur zwischen die sozialen Probleme zu lindern,
Schwarz darüber, dass Gemeinden und Jahren immer entschiedener von sich Politik stieg Janukowitsch erst 1996 ein. zwanzig und dreissig Prozent. könnte ein Teil der Wahlberechtigten
Kantone versuchen, mit dem Verkauf gewiesen. Sein Ziel sei die «Integration Er wurde stellvertretender Vorsitzender zu den Nationalisten und Rechtsradi-
von Land ihre Finanzen zu sanieren. Es der Ukraine in die EU» und gute Bezie- der Donezker Gebietsverwaltung, spä- Soziale Dauerkrise kalen überlaufen. Nach Meinungsum-
kommt etwas Geld in die Kasse, aber in hungen zur Nato, liess er erst kürzlich ter Gouverneur von Donezk. In dieser Janukowitsch ist im Donezk-Becken fragen verlangen bereits über sechzig
ein paar Jahren braucht die Gemeinde verlauten. Die Beziehungen zu Russland Zeit entwickelte sich offenbar auch sein gross geworden, dem Ruhrgebiet der Prozent der UkrainerInnen nach einer
wieder Land, das sie teuer wieder kau- dürften aber nicht unter der Öffnung enges Verhältnis zu Achmetow, einem Ukraine, ganz im Osten des Landes. Die «starken Hand». Die populistische Ju-
fen muss. Aber das müssen dann nicht zum Westen leiden. Ähnlich denken Tataren, der in den chaotischen neun- Stahlbetriebe und Kohlebergwerke, die lia Timoschenko könnte sich in diesem
die heutigen Politiker tun. auch die ostukrainischen Industriellen, ziger Jahren reich wurde. Ihm gehören hier im letzten Drittel des 19. Jahrhun- politischen Klima wieder für die grosse
Eduard Muster, Ecublens die Janukowitsch unterstützten. Die Be- zahlreiche Stahlfirmen und Maschinen- derts entstanden, prägen die Region bis politische Bühne empfehlen. ◊