Sie sind auf Seite 1von 77

Terry Rotter und der politische Gefangene

Kapitel 1: Das Haus der Waisen

Die Sonne ging auf. Ein alltäglicher Vorgang, sogar in Kreuzberg. Doch dieses Mal kündigten die
einfallenden Lichtstrahlen eine ganz bestimmte Person an. Zu ihren ungewöhnlichsten Eigenschaften
zählte mit Sicherheit, dass Terry diese Person mochte. Nicht wirklich ungewöhnlich und doch
erwähnenswert war der Umstand, dass sie zaubern konnte.

Zauberei war eigentlich keine große Sache. Alles nur eine Frage der Technik: Öffne ich die Dose mit
einem Dosenöffner oder schwinge ich den Zauberstab? Kaufe ich mir eine Alarmanlage oder belege
ich mein Haus mit einem Bannkreis? Aufwand und Ergebnis waren vergleichbar und dennoch übte
die Magie eine enorme Faszination auf Muggel aus, während magische Lehrbücher Nicht-Magier mit
Schimpansen verglichen. Auch diese schenkten Dimensionstoren und fliegenden Besen keine
Beachtung, denn man konnte sie weder fressen noch zur Fortpflanzung gebrauchen.

Terry streckte die Arme aus und gähnte. Sein Blick glitt hinüber zu seinen Bücherregalen. Die meisten
Bücher behandelten wissenschaftliche, politische oder magische Themen. Prosa, Lyrik und Dramatik
interessierten ihn nicht, sein Leben enthielt bereits genug davon, wenn auch nicht besonders gute. Er
lief zum Fenster und betrachtete den Sonnenaufgang. Rot und Orange kämpften um die
Vorherrschaft am morgentlichen Firmament. Terry erinnerte sich an den Notizblock, den ihm
Hermione geschenkt hatte. Er nahm ihn aus einem Schubfach und ergänzte den Eintrag
"Romantische Augenblicke" um einen weiteren Strich. Draußen schepperte etwas. Terrys
Aufmerksamkeit widmete sich der Straße zu. Dort ereignete sich ein Unfall: Jemand hatte eine Ampel
umgefahren. Diese fiel nun auf eine kleinen Gruppe Neonazis, was diversen Glatzen unerfreuliche
Dellen zufügte. Jene Begebenheit entsprach ebenfalls Terrys Vorstellung von Romantik, was einen
weiteren Strich für die Liste rechtfertigte. Hermione würde stolz auf ihn sein: Die Anzahl
romantischer Augenblicke forderte die Anzahl toter Schafe in Terrys Leben ernsthaft heraus.

Der Junge spazierte hinüber zu seinem Altar. Von Kerzen umgeben befand sich in einem Glaskasten
sein größter Schatz: Feuerwaffen. Er hatte sie "Avengers" getauft, zu Deutsch: "Rächer". Sie sorgten
stets dafür, dass Heinrich Himmler und dessen Anhänger - vor allem das Schulhaus Sifferin - nicht viel
zu lachen hatten. Schließlich verbrachten jene den Großteil ihrer Zeit damit, Kinder mit Muggel-
Eltern zu bekämpfen, was Terry nicht gut fand. Er selbst war zwar ein so genannter Reinblüter, genau
wie sein Kumpel Ron, doch Terrys Freundin stand unter akuter Bedrohung seitens der Sifferins.
Außerdem hatte Himmler, auch als dunkler Lord bekannt, Terrys Eltern ermordet. Und das nahm der
Junge seinem Großvater immer noch ein wenig übel. Vor allem aber hasste Terry die dunklen Magier,
weil sie ihre Zeit für ein scheinbar völlig sinnloses Ziel opferten: Eine Herrenrasse aus reinblütigen
Zauberern sollte die magische Welt bewohnen - und niemand sonst. Was mochte wohl dahinter
stecken? Gab es womöglich Kinogutscheine zu gewinnen, wenn man sich dergleichen ausdachte?

Als sich Terry über seine Waffen beugte, gewann er den vagen Eindruck, dass heute ein ganz
besonderer Tag war. Aber er erinnerte sich beim besten Willen nicht daran, weshalb. Plötzlich
tauchten zwei Eulen vor seinem Fenster auf.
"Albert, lässt du sie bitte herein?"
Terrys Wanderfalke wandte sich von der Morgenzeitung ab und drehte den Knauf. Die Eulen flogen
ins Zimmer und setzten sich auf das Fensterbrett. Terry erkannte einen der Vögel sofort: Es war die
Eule seiner Freundin Hermione! Niemand sonst würde einem Vogel die Haare kämmen und sie mit
rosa Schleifchen versehen. Die meisten Menschen hielten inne, sobald ihnen auffiel, dass Vögel keine
Haare haben. Die andere Eule musste Ron gehören, denn der Brief, den sie bei sich trug, war mit Blut
verschmiert und Ron war schrecklich anfällig für Unfälle - wohl der Preis für seine Unsterblichkeit.
Terry schnappte sich die Briefe und wies die Eulen auf das Futter in Alberts Käfig hin, welche sich
sogleich darüber her machten.
"Ich fühle mich dazu gezwungen, die meinerseits ungenehmigte Versorgung anderer mit meinem
Futter aufs Schärfste zu verurteilen!" beklagte sich der Falke sofort und flatterte wild mit den Flügeln.
"Reg dich nicht auf!" sagte Terry. "Ich kauf' dir neues Futter! Wie wäre es mit Rattensouflée* als
Entschädigung?"

* Eine Art Nationalgericht in Kreuzberg.

"Ich fühle mich geneigt, diesem Vorschlag zuzustimmen", meinte Albert, beruhigte sich und rückte
seine Brille zurecht. "Eines noch, mein alter Freund: Ich wünsche dir alles Gute zum Geburtstag!"
"Danke, Albert!"
Genau: Terry hatte Geburtstag, sein 15. Lebensjahr brach an! Somit war er nur noch gut 80 Jahre
vom Tod entfernt. Wobei Zauberer meist viel länger lebten als Muggel, was Terry sehr ärgerte, denn
er hielt das Leben für weit überschätzt. Er hatte notariell beglaubigen lassen, dass er auf keinen Fall
von lebenserhaltenden Maßnahmen profitieren wolle. Dies schloss die gewöhnliche Ernährung bei
einem Krankenhausaufenthalt mit ein, etwa im Falle eines Sehnenrisses.
Er öffnete Rons Brief:

Lieber Terry,
alles Gute zum Geburtstag!

Ich habe davon gehört, dass dich die Thorsleys rausgeworfen haben. Die waren bestimmt sauer, als
du letztes Jahr die Stolze Armee abgeschafft hast. Du lebst jetzt in einem Waisenhaus, nicht wahr? Ich
hoffe, es geht dir trotzdem gut.

Ich habe dir ja schon erzählt, dass wir Urlaub in Ägypten machen. Alec hat hier einen Ferienjob als
Botschafter. Die meiste Zeit über erklärt er den Ägyptern, wie überlegen er ihnen doch sei. Wir
mussten ihn schon drei Mal retten, er sollte nämlich gesteinigt werden.

Und auch ansonsten ist es hier echt cool. Hier gibt es Mumien, Skelette, Hohepriester, Alligatoren,
Flüche, Fallen in den Pyramiden und all' die anderen Klischeesachen, die man so von Ägypten
erwartet. Leider hat mich bislang jede einzelne davon umgebracht, aber man gewöhnt sich daran.
Besonders ärgerlich war es nur, als mein Körper in einem Alligator und mein Kopf auf einem Skelett
steckte. Meine Eltern waren ziemlich genervt, als sie mich wieder aufgesammelt hatten.

Trotzdem haben sie mir versprochen, dass sie mir für nächstes Jahr einen neuen Zauberstab kaufen
werden. Endlich keine Unfälle mehr wegen meinem zerbrochenen Stab. Ich fand die sowieso nie
witzig.

Wir sehen uns dann in London!

Alles Liebe,
Ron

Jungen sollten nicht so etwas wie "Alles Liebe" am Ende ihrer Briefe schreiben, fand Terry.
"Weidmanns Heil!" oder "Glück auf!" hätten es auch getan.

Die Tür öffnete sich. Eine Nonne trat ein.


"Herr Rotter, Sie schon wieder! Was machen Sie hier in meinem Büro?" fragte sie aufgebracht.
Terry war zunächst überrascht, aber dann erinnerte er sich daran, dass er sich in einem katholischen
Waisenhaus in Kreuzberg befand und erkannte Oberschwester Ilse. Man hatte ihn dazu verpflichtet,
zusammen mit den anderen Waisenkindern im Jungenschlafsaal zu wohnen. Aber von Männer-WGs
hatte er erstmal genug, die kannte er schon von der Zauberschule Rowlingstone. Die Thorsleys
hatten ihn tatsächlich raus geworfen! Nur, weil er dem nationalen Militärapparat ein Ende bereitet
hatte! Aber Neonazis wie die Thorsleys waren ziemlich uneinsichtig, was solche Dinge betraf. Und
nicht nur das, sie sahen eigentlich niemals etwas ein. Das wäre ja alles nicht so schlimm gewesen,
schließlich konnte es nie schaden, sich wo anders zu befinden als die Thorsleys - aber in zwei Wochen
wollte Terrys Lieblingstante Roberta bei seiner Pflegefamilie vorbeischauen. Und sie war die einzige
verbliebene Vertreterin seiner Familie, die Terry mochte.
"Das ist jetzt nicht mehr Ihr Büro", sagte Terry und verschränkte die Arme.
"Was glauben Sie eigentlich, wer Sie sind? Außerdem ist jetzt Zeit zum Beten!" Die Nonne stampfte
auf. "Los, ab zu den anderen in den Gebetsraum, sonst bekommen Sie heute kein Mittagessen!"
"Fahren Sie doch zur Hölle, wo Sie herkommen!" stellte Terry fest und spuckte auf den Boden.
Oberschwester Ilse lachte trotzig.
"ICH werde garantiert nicht in die Hölle kommen! Aber Sie, Herr Rotter! Bei dem sündigen Weg, den
Sie eingeschlagen haben, wird Ihnen die Himmelspforte für immer verschlossen bleiben!"
"Ach, da oben war ich schon. Ziemlich überbewertet. Und einen Gott gibt es da jetzt auch nicht
mehr."
"Ja, das glaube ich, wenn Sie da waren!"
"Sehen Sie."
Die Oberschwester begann zu schwitzen. Eine irrationale Angst, dass Terry die Wahrheit sagen
könnte, begab sich zu ihrem irrationalen Weltbild und fühlte sich dort erschreckend wohl.
"Ach ja, ich soll Ihnen ausrichten, dass der Teufel schon auf Sie wartet", fügte Terry hinzu und zog
eine Augenbraue hoch.
"Sie machen mir keine Angst mit Ihren Lügen!"
"Das ist keine Lüge. Den habe ich letztes Jahr im Sifferin-Gemeinschaftsraum kennen gelernt. Gestern
traf ich ihn im Speiseraum wieder. Er gratulierte mir zu meinem zweiten Etappensieg über den
dunklen Lord - der macht ihm nämlich Konkurrenz."
Oberschwester Ilse war sich nicht mehr sicher, ob der Junge lügte oder nicht. In jedem Fall stellte er
eine große Gefahr dar. Ilses Blick wanderte zu dem Altar, den Terry beschlagnahmt hatte.
"Was haben Sie mit dem Altar der heiligen Mutter gemacht!?"
"Ich habe meine Waffen hinein gelegt."
"Waffen in einem katholischen Waisenhaus?"
"Sie müssen eben mit der Zeit gehen. Und jetzt raus hier! Ich komme dann später zum Essen runter."
Die Oberschwester sagte so etwas wie "Pfff!", murmelte Dinge wie "Übermut kommt vor dem Fall!"
und verließ Terrys annektiertes Hoheitsgebiet. Sie wusste nicht, dass für gewöhnlich Terrys Übermut
vor dem Fall Anderer kam.

Als er Oberschwester Ilses Heiligenbilder, Kruzifixe und ihre Maria in den Müll warf, erinnerte sich
Terry an Rons Brief. Diesem war ein Päckchen beigefügt, das er nun öffnete. Es enthielt einen
Alligator. Genauer gesagt ein Alligator-Junges. Rons Notiz auf dem Geschenkpapier lautete: "So wie
ich dich kenne, wirst du gewiss eine Verwendung hierfür finden. Alles Gute zum 15. Geburtstag!"
Terry steckte das Tierchen in seine Manteltasche und kramte im Wühltisch der Erinnerung: Hatte er
seine Freunde schon einmal beschenkt? Hm, wer weiß? Aber wie hieß es doch so schön: In dubio pro
reo*.

* Lat.: Im Zweifel für den Angeklagten; Bill.: Das Brot ist voller Keks.

Zeit, sich Hermiones Brief zu widmen. In liebevoller Handschrift vermochte er, Folgendes mitzuteilen:

Lieber Terry,
alles Gute zum 15. Geburtstag!

Komm' ja nicht auf die Idee, das Waisenhaus in die Luft zu sprengen!

P.S. Ich hoffe, dir gefällt mein Geschenk. Wir sehen uns dann in London.

Hab dich lieb,


Hermione

"Ich würde doch niemals auf eine solche Idee kommen!", dachte Terry. "Na gut, ich hatte mir schon
vorgenommen, das Waisenhaus so ein bisschen zu beschädigen - aber nicht jetzt. Nach dem Essen
vielleicht."
Terry öffnete Hermiones Geschenk und sah sich mit einem "Magischen Wutball" konfrontiert. Der
Beschreibung auf der Rückseite zufolge war der Magische Wutball in der Lage, Aggressionen in
Glücksgefühle umzuwandeln, wenn man ihn in eine Hand nahm und drückte. Terry zog seinen
Pyjama aus und schlüpfte in seine urheberrechtlich geschützte Kleidung. Sie war durchgehend
schwarzer Färbung und umfasste eine Cargo-Hose, ein neues Longsleeve, ein T-Shirt, zwei
Wanderstiefel, einen Gürtel mit silberner Schnalle und einen Waffenhalfter. Leider war
Oberschwester Ilse der Ansicht gewesen, sie müsse Terrys Kurzmantel ihrem Gott opfern, weshalb
sich Terry nun mit einem neuen langen Mantel zufrieden geben musste, für den das Geld aus dem
Klingelbeutel gerade so ausgereicht hatte. Schließlich ließen sich darunter noch mehr Waffen
verstecken.
Man hatte die Kapelle umfunktioniert. Einige Sitzbänke waren verschwunden, lange Tische nahmen
ihre Stelle ein. Statt Jesus hatte man den Speiseplan ans Kreuz genagelt und der Beichtstuhl
verdiente nun mehr die Bezeichnung Toilette. Von der Kanzel wurde nicht mehr gepredigt, sondern
über die Einhaltung der Sitten und anderer willkürlich definierter Dinge gewacht. Außerdem hatte
jemand die Orgel aus dem Fenster geworfen, was keinem offenkundigen Zweck diente. Doch die
Ikonen und Heiligenstatuen waren geblieben. Sie betrachteten missbilligend das goldene Lamm auf
dem Altar, seines Zeichens Ergebnis großzügiger Spenden zur Bekämpfung von Kinderarmut.

Terry betrat den Raum. Albert saß auf seiner Schulter und ließ die Welt wissen, dass er die Kapelle in
ihrer jetzigen Form für dekadent und für eine unangebrachte Beleidigung religiöser Gefühle hielt.
Dann flog er über den Tisch, griff sich eine gebratene Ente von Terrys Teller und ließ sich auf dem
heiligen Johannes nieder, um sie zu verzehren.
Von seinem Platz aus hatte Terry einen guten Blick auf die anderen Waisenkinder, noch dazu einen
bequemen. Es war nicht schwer gewesen, Oberschwester Ilse zur Anschaffung eines Sofas für seine
Wenigkeit zu bewegen. Er hatte nur ihren diamentenen Rosenkranz neben ein Buch über
Wahrsagerei* legen müssen.

* Bekanntlich war Esoterik einer der zahlreichen Todfeinde der katholischen Kirche.

Ein Außenstehender hätte zur Ansicht gelangen können, die Schwestern unserer lieben Mutter*
wären weniger an ihrem Glauben interessiert gewesen als an weltlichen Besitztümern, aber das war
nur die halbe Warheit - sie interessierten sich sehr wohl dafür, dass alle anderen ihren Glauben
genauestens befolgten.

* Schwestern von Müttern sind Tanten, also waren die Schwestern unserer lieben Mutter Jesus
Tanten, was wohl nicht biologisch zu verstehen war.

Und auch gegen religiöse Utensilien gab es nichts einzuwenden, wenn sie schön funkelten und viel
Geld gekostet hatten. Der Papst und seine vatikanischen Kunstschätze hatten für sie schon immer ein
großes Vorbild dargestellt. Sie wussten: Ihre Mission war stets das Wichtigste in ihrem Leben - die
Kirche musste das erfolgreichste Unternehmen der Welt bleiben, koste es, was es wolle.

Mit einer Entenkeule in der Hand beobachtete Terry seine Mitwaisen. Nonnen patrouillierten entlang
der Bänke, um Abweichler des christlich normierten Essstils mittels Peitsche zu bekehren. Terry
fühlte sich hervorragend unterhalten, noch besser als von Himmlers letztem Bösewicht-Monolog.
Natürlich: Die Nonnen waren im Unrecht, aber die Waisen ließen sich diese Behandlung
widerspruchslos gefallen, also ging Terry davon aus, dass sie mit der Situation ganz zufrieden waren.
Eine Kämpfernatur wie er kam nicht auf die Idee, dass es auch Menschen geben könnte, die Furcht
empfanden.

Plötzlich geschah etwas: Ein Junge wollte seinen gesegneten Kompostbrei nicht essen. Schwester
Michael zog ihm das Hemd aus und peitschte seinen Rücken. Andere Waisen weinten leise, während
Terry laut lachte. Doch auf einmal zeigte der Junge auf die Peitsche und sie verschwand ins Nichts!
Terry stand auf. Ein Magier! Ein unentdeckter Magier mitten in der Muggeldimension! Allmählich
dämmerte es Terry: Er wusste, dass das Ministerium für Aberglauben die staatlichen
Überwachungssysteme nutzte, um unregistrierte Nachwuchszauberer zu entdecken. Doch die Kirche
hatte sich erfolgreich gegen jede Überwachung seitens des Staates zur Wehr gesetzt - schließlich
waren Kirche und Staat getrennt, was bedeutete, dass beide ungestört machen konnten, was sie
wollten. Es war gut möglich, dass das ganze Waisenhaus voller verborgener Magier steckte! Terry
pfiff Albert herbei und flüstete ihm etwas zu. Der Falke verschwand zwischen das durch die Orgel
zerbrochene Buntglas ins Freie.

Die Aktion des Jungen entfachte den Willen zur Rebellion, der in den Waisen geschlummert hatte. Sie
stellten sich den Nonnen entgegen und erhoben ihre Hände. Kollektive Magie entriss den
Kuttenträgern ihre Peitschen. Die Nonnen verließen panisch die Speisekapelle. Die Kinder jubelten.
Doch Terry wusste, dass es noch lange nicht vorbei war. Bei seinen nächtlichen Erkundungszügen
durch das Waisenhaus war ihm nämlich eine Räumlichkeit aufgefallen, die ihm damals zwar zugesagt
hatte, momentan aber eher beunruhigte. Und tatsächlich: Schwer bewaffnete Nonnen umkreisten
den Speisesaal und richteten Maschinengewehre* auf ihre Schützlinge. Eine wenig subtile Methode,
um auf konsequent-religiöse** Weise Meinungsverschiedenheiten zu klären.

* Kirchen hatten sich für die italienische Mafia als perfekt geeigneter Ort zur Aufbewahrung von
Schmuggelware erwiesen. Als Gegenleistung stellte sie ihr Interesse am Wohle hungernder Kinder
unter Beweis.
** konsequent-religiös, adj.: fundamentalistisch

Die Kinder drängten sich in der Mitte zusammen. Terry beobachtete Oberschwester Ilse dabei, wie
sie sich neben den Altar stellte und die Waisenkinder auf Zucht und Ordnung hinwies. Sie griff sich
ein kleines Mädchen aus der Menge, legte es auf den Altar und rammte ihr ein Kruzifix in die Brust,
was die Überlegenheit ihres Glaubens gegenüber dem Gesetz symbolisieren sollte. Terry hatte es
offenbar mit ungewöhnlich satanischen Christen zu tun - was auch immer diese Nonnen
repräsentierten, mit Nächstenliebe hatte es so viel am Hut wie ein chlorfrei gebleichter Pullover mit
einem Fisch der Gattung Gobiodon. Die Waisen betrachteten schockiert das ermordete Mädchen.
Terrys Blicke konnten vielleicht nicht töten, aber vielleicht hatten seine Waffen mehr Glück.

Er verlangsamte die Zeit. Die patentierten Effekte, welche jenen Zauber begleiteten - ein unnatürlich
helles Licht, starker Kontrast und der mystische Gesang eine Chores - passten sehr gut in die religiöse
Kulisse der Kathedrale. Überrascht stellte Terry fest, dass die Nonnen ebenfalls der Zeitlupe mächtig
und ihm somit in dieser Hinsicht ebenbürtig waren. Er wünschte sich, dass seine
Zeitbeeinflussungskräfte wenigstens einmal von Vorteil für ihn sein würden. Er rannte in den
Seitengang, welcher an die von Säulen getragene Kapelle angrenzte und feuerte auf seine
Widersacher, welche von dort aus die Waisenkinder bedrohten. Doch die Nonnen waren schneller als
der Kirchenaustritt des Autors und konnten seinen Kugeln ausweichen.
"Das sind Magier! Die fallen nicht unter das Kirchenrecht!" schrie Terry, als er bleiverteilend den
Gang entlang lief.
"Jeder fällt unter das Kirchenrecht!" schrie Oberschwester Ilse zurück. "Es ist das Wort Gottes!"
"Nein! Es ist durch einen Vertrag zwischen der katholischen Kirche und den Nazis entstanden!"
"Das Reichskonkordat ist gottgegeben! Unsere Kirche ist die Hierarchie Gottes! Wer getauft ist,
gehört uns!"
Terry steckte seine Waffen ein und nahm seinen Zauberstab in die Hand; er rannte direkt auf
Oberschwester Ilse zu.
"Wie gut, dass ich niemals getauft wurde! Protectere! Iacere! Entflamme! "
Der erste Zauberspruch erzeugte ein magisches Schutzschild um die Waisenkinder, der zweite
schleuderte die Nonnen gegen die Wand und der dritte setzte die Kluft der Oberschwester in Brand.
Terry verpasste seiner erfolglosen Missionarin außerdem einen heftigen Tritt. Sie prallte gegen das
Kreuz, an dem der Speiseplan hing. Die Nägel bohrten sich in ihre Handflächen und Füße. Das Feuer
breitete sich auf das Kreuz aus und schließlich auf einen Dachbalken.
"In nomine humanitas!", sagte Terry, steckte den Zauberstab ein, beendete die Zeitlupe und rannte
zu den Waisenkindern. Im Unterschied zu Jesus war Schwester Ilse nicht für die Sünden der
Menschheit gestorben, sondern für Ihre eigenen, so die Rechtfertigung, die sich Terry für Hermione
ausgedacht hatte. An den Wänden lehnten die bewusstlosen Nonnen, was der Junge mit einer
gewissen Befriedigung registrierte. Noch bevor er die Kinder erreichte, blieb auf einmal die Zeit
stehen. Terry selbst konnte sich noch bewegen, alles andere erstarrte. Ein Lichtstrahl durchbrach ein
Buntglasfenster und endete auf dem Boden vor Terry. Die Konturen einer menschenähnlichen
Gestalt erschienen im Licht. Glöcklein klangen und Englein sangen. Kein Wunder, denn die Gestalt
erwies sich als Engel. Diesmal handelte es sich nicht um die Baby-Version, sondern um ein
ausgewachsenes Exemplar.
"Hallo, Terry. Ich bin Tim, der Erzengel."
Terry ballte die Fäuste.
"Ich dachte, ich hätte alle von euch erledigt!"
"Nicht ganz. Du hast alle Engel des Herrn bezwungen. Ich jedoch diente niemals diesem
aufgeblasenen Sklaventreiber. Und es gibt noch andere, die sich ihm entgegenstellten."
"Skeptische Engel. Öfter mal was Neues. Na schön: Ich stehe momentan etwas unter Zeitdruck, also
was willst du von mir?"
"Zeit ist bedeutungslos. Alles ist vorherbestimmt. Was geschehen ist, hätte nicht anders geschehen
können und was noch geschehen wird, das kann nur auf eine Weise geschehen."
"Dann kannst du dir den Vortrag ja ersparen! Hm, obwohl: Du sprichst anscheinend vom
Determinismus. Gilt der auch für die magische Welt?"
"Gute Frage. Da sind wir uns nicht ganz sicher. Einiges scheint man zumindest vorhersagen zu
können, ich wusste zum Beispiel, dass du hier bist. Ich habe schon Richard Dawkins zu dem Thema
befragt, aber der konnte sich nicht mit meiner Existenz anfreunden."
"Da haben wir schon mal was gemeinsam. Egal: Komm zum Punkt!"
"Schwere Zeiten stehen die bevor, Terry! Ein mächtiges Wesen wird zurückkehren und nach dir
suchen! Seine Intentionen werden dir feindlich erscheinen, doch urteile nicht vorschnell!"
"War's das?"
"Ja, und nun gehe dahin, Terry Rotter. Möge die Aufklärung mit dir sein."
Der Engel verschwand und mit ihm der Lichtstrahl. Die Zeit nahm wieder ihren Lauf und Terry rannte
zu den Kindern.
"Folgt mir! Schnell!"

Vorbei an herabfallenden Dachbalken kämpften sich die Kinder durch Rauch und Flammen. Mit
Mühe und Not entkamen sie der Feuersprunst und entflohen durch das Eingangstor nach draußen.
Ein großes Problem kündigte sich an: Terry musste gut 50 Waisenkinder in die magische Dimension
schaffen, bevor sich noch mehr Zeugen blicken ließen und jemand die Feuerwehr verständigte. Doch
er hatte Glück: Albert hatte Gandalf noch rechtzeitig erreichen können. Ganze 30 fliegende
Postkutschen landeten vor der brennenden Kathedrale und wurden dabei sichtbar. Je zwei
Velociraptoren zogen eine Kutsche - offenbar hatte ihnen Ragrid, Rowlingstones Wildhüter,
ordentlich die Meinung gesagt, nachdem sie Terry und Ron letztes Jahr angegriffen hatten. Terry
erkannte Redetviel, den Botschafterdino. Während sich die Wagenlenker darum kümmerten, das
Gedächtnis der anwesenden Muggel zu löschen, forderte Terry die Waisen zum Einsteigen auf. Als
jeder seiner Aufforderung Folge geleistet hatte, gesellte er sich zu Redetviel.
"Hi! Wie ich sehe, habt ihr eure Berufung gefunden."
"Hallo Terry! Ich freue mich so sehr, dich wieder zu sehen! Wegen dir haben wir erkannt, dass
Aragorn* kein guter Führer war!"

* Ein Tyrannosaurus Rex. Bis zu seinem Ableben Nutznießer der Unterwürfigkeit der Raptoren und
wie diese geklont von Ragrid, der ein Freund exzentrischer Hobbys wie Biotechnologie oder
Wetttrinken war.

"Na ja, ich habe ihn mit Lichtschwertern in zwei Hälften geteilt..."
"Und dafür sind wir dir sehr dankbar. Wie Ragrid uns erklärt hat, können wir mit der Tätigkeit des
Wagenziehens der Gesellschaft etwas zurück geben. Dafür gibt es viel Futter, viel Freizeit und eine
Menge Dankbarkeit. Hin und wieder auch ein bisschen Todesangst der Fahrgäste, aber das verkraften
wir schon."
"Da bin ich aber froh."
"Sollen wir dich mitnehmen?"
"Nein, danke. Die Ferien sind noch nicht zu Ende und deshalb darf ich nicht in der Schule wohnen.
Wir haben Glück, dass Gandalf für die Waisenkinder eine Ausnahme von dieser blödsinnigen Regel
macht. Wie dem auch sei: Meine Lieblingstante hat vor, die Thorsleys zu besuchen und ich möchte
sie gerne wieder sehen, also werde ich wohl oder übel zu ihnen zurückkehren müssen. Hey, Sie da!"
Terry wandte sich an einen der Kutscher.
"Könnten Sie mir einen Gefallen tun und die Sachen aus meinem Zimmer retten? Es ist das erste von
links, ganz da oben!"
"Geht klar! Wo sollen wir sie hinbringen?"
Noch hatte das Feuer Terrys beschlagnahmtes Zimmer nicht erreicht, weshalb die Rettung seiner
Besitztümer für fliegende Dinosaurier und Postkutschen kein Problem darstellen sollte.
"Zu dem Haus ganz da hinten, bitte! Sie können es nicht verfehlen, es ist das einzige Einfamilienhaus
in Kreuzberg! Stellen sie die Sachen einfach in das Zimmer rechts im ersten Stock, wo das Fenster
offensteht."
Terry hatte schon damit gerechnet, dass etwas in der Art geschehen würde und daher sein Fenster
nicht verschlossen.

Kapitel 2: Tante Robertas großer Verdienst

Terrys Gehirn war sehr wählerisch: Es vergaß sofort alle Informationen, die es für unwichtig hielt.
Leider gehörten dazu auch Regeln menschlichen Zusammenlebens. Selbst kulturübergreifende
Verhaltensweisen, wie etwa das Begrüßungslächeln oder die Neigung, nicht mutwillig fremdes
Eigentum zu zerstören, waren an Terrys Begeisterung vorbei geschlittert. So stand er vor der
Eingangstür zum Haus seiner Pflegefamilie und wusste nicht, was er tun sollte. Er versuchte, sich an
Hermiones Vorgehensweise in einer ähnlichen Situation zu erinnern - genau: Sie klopfte an und
drehte den Knauf. Eine Verschwendung von Lebenszeit und Energie, fand Terry. Doch er befand sich
in einer schwierigen Lage: Er musste die Thorsleys darum bitten, ihm für den Rest der Ferien Asyl zu
gewähren. Und Nazis waren bekanntlich nicht die besten Freunde des Asylrechts. Terry klopfte an die
Tür.

Hermione verbrachte ihre Ferien zusammen mit ihren Eltern in Paris. Sie hatten lange für die Reise
sparen müssen, denn die Strangers übten eine Tätigkeit aus, die gesellschaftlich geächtet war. Viel
geächteter noch als Prostition und Drogenhandel, schließlich erkannte man Leistung an der Höhe des
Lohnes. Hermiones Eltern waren für die Gesellschaft völlig nutzlos, fast schon ein Klotz am Bein,
denn: Sie waren Sozialarbeiter. Sie verachteten ihre Mitmenschen, indem sie Gefängnisinsassen
wieder gesellschaftsfähig machten, indem sie alte Leute betreuten, indem sie sich für Asylbewerber
einsetzten und ähnlichen Unfug trieben. In der gesellschaftlichen Hierarchie wurden sie nur noch
durch Arbeitslose unterboten. Das alles gefiel den Strangers nicht. Und doch: Sie waren glücklich.
Nach 15 Jahren Ehe liebten sie sich wie am ersten Tag, sie freuten sich über ihren Urlaub in
Frankreich, sie waren stolz auf ihre Tochter. Dazu hatten sie auch allen Grund: Hermione war nicht
nur Jahrgangsbeste, seit sie in Rowlingstone zur Schule ging, sie war auch Trägerin eines
Ehrendoktortitels für ihre Theorie über die Interaktion verschiedener Dimensionen, verliehen von
den Brights, den letzten Wissenschaftlern der USA. Noch dazu hatte sie die soziale Ader ihrer Eltern
geerbt und setzte sich für die Werte der Humanität ein*.

* Zum Beispiel, indem sie - im Gegensatz zu Terry - niemanden ermordete.

Dies war ihr auch stets gelungen - nur in einem Fall hatte ihr Talent bislang versagt: Terry Rotter.

Seit zwei Jahren war sie nun schon seine feste Freundin. Klar, Terry hatte die Schule, ja die ganze
Welt, schon mehrmals vor dem Untergang bewahrt. Er eroberte das Dorf der Totprügler* zurück,
besiegte das Monster der fragwürdigen Kammer, erteilte den Sifferins Lektionen in Benimmfragen
und doch: Ihre Zweifel wuchsen.

* Ein Naturvolk im verbotenen Wald nahe Rowlingstone. Es verlieh Terry das "Freund der
Totprügler"-Armband als Zeichen der Anerkennung seiner Taten.

Hermione wusste, dass sie ihn liebte und sie wusste, dass Terry sie - auf seine eigene Art und Weise -
ebenfalls liebte. Trotzdem: Der Junge war einfach so schrecklich ideallos. Es kam ihr vor, als glaube
Terry an gar nichts. Sie fragte sich nun schon eine ganze Weile, warum sie ihn eigentlich liebte: War
es vielleicht sein kompromissloser Kampfgeist? Seine völlige Respektlosigkeit gegenüber allen
Autoritäten, die sie selbst so hoch schätzte? Seine modische Kleidung? Oder war er einfach nur der
Einzige, der ihr nahe genug gekommen war, geographisch betrachtet? Hermione wusste, dass Terrys
größter Fehler - sein Mangel an Glauben - ihn ins Verderben führen könnte. Vor allem Terrys
Besetzung des Reichstags in den letzten Sommerferien gefiel ihr nicht. Gut, man hätte keine 14-
jährigen zum Kriegsdienst einziehen dürfen, aber Geißelnahme gewählter Volksvertreter? Zwar ließ
Terrys Erfolg sie manchmal zweifeln, aber eigentlich war Hermione fest von der Idee des gewaltlosen
Widerstands überzeugt. Eines stand fest: Würde Terry das Waisenhaus sprengen - und Hermione
traute ihm das durchaus zu - dann würde sie ihn verlassen, um erst einmal gründlich über ihre
Beziehung nachzudenken, wie Frauen das halt so machen. Hermione aß ein Baguette und
betrachtete den Eifelturm, während ihre Eltern Wein tranken und der Melodie von Champs Elysée
lauschten. Der Kellner des salon de thé* betrachtete die Familie und schüttelte den Kopf.

* So heißen Cafés in Frankreich. Suchen Sie dort einmal ein "Café" auf, Sie werden sich in einem
mäßig romantischen Tabakladen wiederfinden.

Er konnte weder Wein noch Baguettes, weder französischen Schlagern noch dem Eifelturm etwas
abgewinnen. Er war der vollen Überzeugung, dass sein Heimatland all' diese Dinge nur noch anbot,
weil Touristen das so erwarteten.

Ein Oberlippenbart blickte auf Terry hinab. Onkel Valium war ein großer, dicker Mann, womit er
darauf hinweisen wollte, dass alle großen, dicken Männer dem Rest der Menschheit überlegen
waren. Er hatte seine grauen Haare blond gefärbt und sich in eine Gestapo-Uniform gequetscht,
deren verbotene Symbole er entfernt hatte.

Neben Onkel Valium tauchte Tante Ficus auf. Sie war so dürr, dass man sie unter einer Tür
durchschieben konnte. Tatsächlich hatte sie noch niemals jemand ein Haus auf eine andere Art und
Weise betreten gesehen. Ihr blond gefärbtes Haar sah noch unpassender aus als ihr brauner Pullover
vom türkischen Gemischtwarenhändler gegenüber. Ihr Gesicht glich dem einer Ziege, was als
Beleidigung jener Paarhufer angesehen werden durfte.

"Im dritten Roman schaffst du es also endlich, das Aussehen der Thorsleys zu beschreiben. Respekt",
sagte Friedrich Nietzsche. "Hat ja nur viel zu lange gedauert!"
"Ach was! Die Leute müssen sich nur die Dursleys von Harry Potter in Nazi-Form vorstellen und
darauf sind sie bestimmt schon alleine gekommen!" rechtfertigte ich mich und verschränkte die
Arme.
"...was dein Werk sehr eigenständig und einfallsreich macht! Moment mal: Wieso ist der Erzähler
plötzlich identisch mit dem Autor? Und wo ist Darwin abgeblieben?"
Ich befand mich nun in meinem Knusperhäuschen im verbotenen Wald nahe Rowlingstone, wo ich
bereits die ersten beiden "Terry Rotter"-Romane verfasste. Friedrich Nietzsche, notorischer Nörgler
und Hobbyphilosoph, saß mir gegenüber und betrachtete meinen dritten Roman. Er war nur von der
Welt der Toten zurückgekehrt, um mich zu kritisieren. Eine Ehre, auf die ich gerne verzichtet hätte.
Ich trug aus mir nicht näher bekannten Gründen schwarz-rote Haare und einen schwarzen
Stoffmantel, während Friedrichs Aussehen seinem Alter Ego von 1882 entsprach.
Ich trank einen Schluck Kaffee und antwortete:
"Den Erzähler und die Figur des Autors zu kombinieren hat sich im Kontext einer größeren
Übersichtlichkeit als sinnvoll erwiesen. Um deine zweite Frage zu beantworten: Darwin hat sich den
Brights angeschlossen. Die brauchen alle Unterstützung, die sie kriegen können."
"Wie du den Leser für deine wirre Ideologie vereinnahmen willst, ist das Letzte!"
"Ach, geh Übermenschen züchten und halt die Klappe!"
"Darf ich stören, meine Herren?"
Ein junger Mann mit naturblonden Haaren und rund 200 Jahre alter Kleidung stand in der Tür zu
meinem Lebkuchenhäuschen.
"Oh nein!" sagte Nietzsche. "Jetzt muss der auch noch die Anwesenheit in deinem üblen Machwerk
ertragen!"
Ich reichte Friedrich von Schiller die Hand. Er schüttelte sie und blickte Nietzsche an.
"Nein, sag' es nicht!" fauchte der und erhob entsetzt die Hände.
"Ich sei, gewährt mir die Bitte,..."
"Nein!"
"...in eurem Bunde der Dritte!"
"Willkommen", sagte ich und lächelte.
"Na super!", murmelte Nietzsche. "Als hätte ein Sprücheklopfer nicht gereicht!"

"Du! Was willst du hier!? Verschwinde!"


Onkel Valium ballte die Fäuste.
"Ich will Tante Roberta wiedersehen", antwortete Terry.
"Du bist hier nicht mehr willkommen und warst es auch nie! Was fällt dir ein, die Stolze Armee
abzuschaffen? Jetzt sind wir den Israelis hilflos ausgeliefert!"
"Ich wage zu bezweifeln, dass..."
"Warum bist du nicht in dem Waisenhaus bei Schwester Ilse? Dieser Pinguin hält es wohl auch nicht
mehr mit dir aus, was?"
"Das könnte man so sagen. Sie ist tot."
"Egal, war sowieso eine Feindin des deutschen Volkes!" schnaubte Valium.
"Endlich sind wir mal einer Meinung", bestätigte Terry.
"Aber du hättest trotzdem im Waisenhaus bleiben können! Da wird es ja wohl noch mehr Schwestern
geben!"
"Das, was von ihnen übrig ist."
"Wieso? Was hast du nun schon wieder angestellt?"
"Es hat sich als notwendig erwiesen, ein paar Nonnen zu erschießen, um das Leben von
Waisenkindern zu retten."
"Deine übertriebene Brutalität ehrt die arische Rasse! Ich habe sowieso nie an das Konkordat
geglaubt. Irgendwann hätte sich die Kirche gegen das dritte Reich gewandt!"
"Sie tut, was auch immer ihrer Macht und ihrem Einfluss dient.*"

* Nein, einseitiger geht es nicht mehr.

"Na schön, du hast Volksfeinde getötet. Ich denke, unter diesen Umständen darfst du bis zum Ende
der Ferien bei uns bleiben. Aber die Armee ersetzt du mir, dass das klar ist!"

Terry betrat das Haus der Thorsleys. Tante Ficus und Deadly sahen sich die Nachrichten an, um die
neuesten Anschläge auf Asylantenheime und jüdische Friedhöfe zu bejubeln und aßen dazu
Weißbrot. Sie registrierten Terrys Ankunft und widmeten sich wieder ihrer passiven Tätigkeit,
während sich Onkel Valium zu ihnen auf die Couch setzte. Die Thorsleys hatten ohnehin nicht damit
gerechnet, den Jungen so einfach loszuwerden. Von draußen hörte man Feuerwehrsirenen und das
Geräusch von Trümmern, die weggeschleppt wurden. In diesem Moment flimmerte das passende
Bild über die Mattscheibe, was den unzumutbaren Gang vor die Tür ersparte. Der Newsmoderator
trug ein blaues Sakko, eine schwarze Krawatte, braune Herrenschuhe und Boxershorts mit
rosafarbenen Herzchen darauf. Er trank einen Kaffee, während er live vor Ort berichtete:
"...hat sich hier in Kreuzberg, gluck, eine schwere Katastrophe ereignet, schlürf: Vom Waisenhaus der
Schwestern unserer lieben Mutter, gluck, ist nur noch Schutt und Asche übrig, gluck. Die
Hintergründe der Katastrophe sind sehr mysteriös, schlürf: Offenbar kann sich keiner der Anwohner
an den Brand erinnern, gluck, manche haben sogar ihr ganzes Gedächtnis verloren..."
"Diese Pfuscher..." murmelte Terry, als der Moderator die leere Tasse wegwarf.
"Auch wurden bislang nur die Leichen der Ordensschwestern gefunden, von den Waisenkindern fehlt
jede Spur. Neben mir steht Abgeordneter Weißglut von der Konservativen Partei. Herr Weißglut, auf
welche Weise gedenken Sie diese Tragödie politisch zu missbrauchen?"
"Also zunächst einmal", sagte Weißglut, "geht es darum, einen Schuldigen zu finden. Dieser ist
offenbar ein Waisenkind, am besten gleich alle. Offensichtlich haben sie zu viele brutale Filme
konsumiert und verbotene Spiele gespielt, wodurch sie zu bösen Menschen wurden. Sie ermordeten
die Nonnen barbarisch, brannten das Waisenhaus und die Kathedrale ab und flüchteten feige.
Deshalb sollte man die Produktion brutaler Filme verbieten und die Entwicklung verbotener Spiele -
ähm - auch verbieten. Ja, dieser Blödsinn dürfte mir einige neue Wähler einbringen."
"Danke, Herr Abgeordneter! Das war Alfred Teller für Kanal 3 1/3 live vor Ort, zurück ins Studio!"
"Danke Alfred", sagte eine Frau mit rotem BH, die vor einer grünen Wand stand. "Hier ist wieder
Francine, eure Nachrichtenmoderatorin für einsame Stunden. Mord und Totschlag machen nicht
einmal vor Nonnen halt, wenigstens kommen die Verantwortlichen meist hinter Schloss und Riegel.
Doch was, wenn sie dort wieder ausbrechen? So geschehen im Falle des Massenmörders Joe Black.
Ihm ist es gelungen, aus dem sichersten Gefängnis der Welt auszubrechen. Die
Sicherheitsvorkehrungen erfordern leider die Geheimhaltung des Gefängnisstandortes - gerade
einmal ein Fahndungsfoto hat man der Redaktion zugeschickt."

Auf dem Fernsehschirm erschien das Foto eines Mannes. Man erkannte sein von Narben
gezeichnetes Gesicht, seine fettigen, schwarzen Haare, seine schmutzigen Gefängnisklamotten und
seinen wütenden Gesichtsausdruck. Er wiederholte immer wieder die selbe Bewegung: Er riss den
Mund auf - wahrscheinlich schrie er - und streckte seine rechte Faust in die Luft. Ja, das Foto war
animiert, man hatte es also mit einer magischen Digitalkamera aufgenommen. Dieses kleine Detail
konnte beim Anblick des Moderatorinnen-BHs, der unter Blacks Foto eingeblendet wurde, leicht
übersehen werden.
"Die Polizei ruft die Öffentlichkeit dazu auf, nicht in Panik zu geraten, denn Black ist extrem gefährlich
und könnte praktisch überall sein. Es wäre durchaus möglich, dass er noch heute eure Kinder
auffrisst. Eine Notfall-Hotline wurde eingerichtet, damit Hinweise, die zu Blacks Festnahme führen
könnten, unverzüglich die Beamten erreichen. Die Nummer ist 666-Francine. Ein Anruf kostet 10
Euro pro Minute."
"Es ist nicht notwendig, uns zu sagen, dass der Kerl nichts taugt!" sagte Onkel Valium. "Wie der schon
aussieht! Schmutzig wie ein Araber!"
"Also, zumindest die Jungs von Al Kaida waren immer sehr reinlich", wandte Terry ein.
Herr Thorsley betrachtete seinen Ziehsohn: Er hatte einige offene Wunden an den Händen,
Holzsplitter steckten in seinem Gesicht. Diesen Umstand schien Terry für wenig interessant zu halten.
Außerdem sahen seine hochstehenden, schwarzen Haare unordentlich aus, nicht jedoch im Vergleich
zu denen Blacks. Auch wenn Terry es nicht offen zugeben würde - was seine Frisur betraf, war er ein
wenig eitel. Darum fuhr er, als er Onkel Valiums Blick bemerkte, mit den Händen durch seine Haare,
um sie zu entwirren. Das Blut, welches sich nun dort verteilte, machte sie vielleicht nicht
ordentlicher, unterstrich jedoch Terrys Persönlichkeit.
"Wann werden die Leute endlich lernen, dass zu Tode foltern die einzige Sprache ist, die Verbrecher
wie dieser Black verstehen!" stellte Onkel Valium fest, als er mit der Faust auf den Tisch schlug.
"Du sagst es!" bestätigte Tante Ficus.
Terry hätte früher Einwände erhoben. Irgendwann hatte er aber festgestellt, dass Widerspruch, egal,
auf welche Weise er vorgetragen wurde und durch welche Argumente man ihn stützte, bei den
Thorsleys niemals auf fruchtbaren Boden fiel. Andernfalls hätte er mit einer einfachen Frage
begonnen: Was genau war Joe Blacks Verbrechen?

Albert nutzte die Gunst der Stunde und klopfte mit seinem Schnabel an das Küchenfenster.
"Dein blöder Vogel ist da!" stellte Onkel Valium fest.
Terry unterdrückte es, seine Meinung kund zu tun, laut der ein sprechender, lesender, hoch
gebildeter Wanderfalke nicht mit dem Adjektiv "blöd" zu umschreiben war und begab sich in die
Küche. Er öffnete das Fenster und Albert flog hinein. Jener stellte ein Paket und einen Brief auf dem
Esstisch ab und setzte sich keuchend auf den Gewürzhalter.
"Es stünde dir gut zu Gesicht, deine Freunde darum zu bitten, keine weiteren zentnerschweren
Geschenke mit der Eulenpost zu schicken!", sagte Albert. "Vor allem, wenn ich die Eule spielen soll!"
"Ein Gentleman behält seine Sorgen für sich", meinte Terry und öffnete das Päckchen. Es enthielt
eine 2-Liter-Flasche Strohrum, auf der eine Notiz zu erkennen war:

Alles Gute zum 15.Geburtstag, Terry!

Ich schenke dir einen guten Tropfen aus meiner Sammlung. Nächstes Schuljahr brauche ich nämlich
nicht mehr so viel davon...

Prost,
Ragrid

Wenigstens hört der Brief mit Prost auf, dachte Terry. Aber was meint Ragrid damit, dass er nicht
mehr so viel Alkohol braucht? Hoffentlich ist er nicht krank.

Auf dem Umschlag des Briefes konnte Terry das markenrechtlich geschützte Rowlingstone-Logo
erkennen. Jedem Schulhaus war ein Tier und eine Farbe zugeordnet: Ein Faultier auf blauem Grund
für die Rebhuhnclaws, ein Stinktier auf gelbem Grund für die Haferschleims, ein Procompsognatus
Preasicus auf rotem Grund für die Griffamtors und eine Kaulquappe auf grünem Grund für die
Sifferins. Die Tiere versammelten sich um ein goldfarbenes "R", welches den Anfangsbuchstaben
Rowlingstones* und des Namens der Schularchitektin Joanne Keintee (für) Rowling darstellte.

* Sorry für das abgenutzte Wortspiel, Frau Rowling. Ein Geldbad wird Sie sicherlich trösten.

Naheliegend aber wahr: Jemand hatte den Brief an Terry addressiert. Ein guter Grund, den Umschlag
zu öffnen. Hier der genaue Wortlaut des Briefes:
ROWLINGSTONE-SCHULE FÜR MYSTISCHEN ESOTERIK-KRAM

Schulleiter: Gandalf der Rote


(Orden der Spinner, Erster Klasse, Großzügiger Hexenmeister, Obermacker, Internationale
Vereinigung der Zauberheinis)

Sehr geehrter Mr. Rotter,

das nächste Schuljahr wird wie gewohnt am 1. September beginnen. Der Rowlingstone-Express fährt
um elf Uhr vom Gleis 9 ab. Ich bitte Sie darum, auf dem Weg hierher nichts zu beschädigen oder zu
zerstören. Auch möchte ich Ihnen ans Herz legen, niemanden zu verletzen oder zu ermorden. Die
Vertuschungsaktion, welche die Waisenhaus-Geschichte erforderte, war nicht billig. Leider muss ich
Sie auch darauf hinweisen, dass das Ministerium Widerspruch gegen die Aufnahme magischer
Asylanten, namentlich der Waisenkinder, eingelegt hat.

Schüler der dritten Jahrgangsstufe sind dazu berechtigt, Schweinsdorf, die einzige Siedlung in der
Nähe der Schule, zu besuchen. Hierfür muss eine schriftliche Erlaubnis des gesetzlichen Vertreters
vorgelegt werden. Das Formular ist dem Brief beigefügt.

P.S. Die Befreiung der Waisenkinder kann ich persönlich nur befürworten, Terry. Du hast dir erneut
meinen Respekt verdient. Bitte nimm das Erlaubnisformular ernst - wenn deine Pflegeeltern es nicht
unterschreiben, kann ich dich nicht nach Schweinsdorf gehen lassen. Es gibt gute Gründe dafür, die
ich dir jedoch nicht näher erläutern kann. Ich bitte um dein Verständnis.

Möge die Magie mit dir sein,

Gandalf der Rote


Schulleiter

Terry begab sich ins Wohnzimmer und hielt Onkel Valium das Erlaubnisformular unter die Nase.
"Könntest du das bitte unterschreiben?"
"Zeig' mir das nach Tante Robertas* Besuch noch einmal.

* Natürlich handelte es sich bei Roberta um Terrys Tante und nicht um die von Onkel Valium. Eltern
neigten dazu, die Welt verwandtschaftstechnisch aus den Augen ihrer Kinder zu betrachten, selbst
wenn sie diese nicht leiden konnten.

Solltest du mich bis dahin nicht in ein Gummibärchen verwandelt haben oder dergleichen, dann
unterschreibe ich den Wisch!"
"Schade, das stand ganz oben auf meiner Liste."
Die Kutscher hatten tatsächlich sämtliche Besitztümer Terrys aus dem brennenden Waisenhaus
retten können. Dazu zählte auch der Waffenschrein und das von Kugeln durchlöcherte Foto
Himmlers. Terry richtete sein Zimmer ein, streichelte seine Avengers und fütterte Albert. Als der
Alligator, den ihm Ron geschenkt hatte, seine Zähne in Terrys Brust bohrte, erinnerte sich der Junge
an jenes Reptil in seiner Manteltasche. Er nahm es heraus und legte es zum lauthals protestierenden
Albert in den Käfig, bevor er die Beiden fütterte und totmüde auf sein Bett fiel. Er schlief sofort ein.

"Tante Roberta ist gleich da!" kreischte Tante Ficus. "Der Führer erwartet, dass du gewaschen,
gekämmt und gebügelt im Wohnzimmer erscheinst!"
Terry schreckte hoch und fiel aus dem Bett. Plötzlich steckten scharfe Zähne in seinem Zeigefinger. Er
schüttelte den Alligator ab und legte ihn zurück in Alberts Käfig.
"Ich nehme an, der Wind hat versehentlich die Käfigtür geöffnet?"
"Du bist ein kluger Junge, das wusste ich schon immer", antwortete der Falke.
Terry stellte fest, dass er bereits 20:00 Uhr war. Er bediente sich der zivilisatorischen Errungenschaft
der Körperpflege, reinigte mittels Zauberstab seine Kleider, zog sie an und machte sich auf dem Weg
nach unten. Albert schloss den Alligator im Käfig ein und flog dem Jungen hinterher. Auf der Treppe
wurden sie von Tante Ficus aufgehalten.
"Terry! Unternimm was mit deinen Haaren!"
"Die sind heute nicht so unternehmungslustig."
"Kämme sie! Streich' sie glatt! Mach einen Scheitel! Wenn dich der Führer so sehen könnte..."
"Meine Haare entsprechen in jeder Hinsicht meinen ästhetischen Bedürfnissen, danke!
"Und was macht dieser Vogel hier!?"
Tante Ficus sprang in die Luft und schnappte nach Albert. Beim dritten Versuch hielt sie ihn an den
Krallen fest.
"Terry! Entferne dieses Ding von mir!" kreischte Albert. Terry verschränkte die Arme und seufzte:
"Ich habe Deadlys Volksempfänger aus dem Fenster geworfen."
"WAS!?"
Tante Ficus huschte schneller nach oben, als Deadly bis eins zählen konnte.
"Albert - mich befällt eine dunkle Vorahnung. Sei so lieb und flieg zurück in mein Zimmer. Ich muss
bis Mitternacht reisefertig sein."
"Du wünscht, dass ich deine Koffer packe? Dann entginge mir jedweder Spaß, der mit hoher
Wahrscheinlichkeit durch das Aufeinandertreffen deiner Tante mit deiner Pflegefamilie entstehen
wird!"
"Rate mal, wie dieser Spaß enden könnte."
"Ich verstehe. Reisefertig bis Mitternacht."
Terry begab sich ins Wohnzimmer, während Albert den Rückzug antrat. Auf einmal ertönte ein Schrei
von draußen:
"Thorsley, Sie Weißbrot! Fahren Sie Ihre Karre von meinem Fuß runter, aber sofort!"
"Halt doch die Klappe, du Dönerfresser!"
Die Haustür öffnete sich und Tante Roberta trat ein. Sie zog Onkel Valium an einem Ohrläppchen
hinter sich her.
"...und dass du mir ja nie wieder solche Worte in den Mund nimmst! Hat dir deine Mutter nie
beigebracht, dass man Fremden nicht über die Füße fährt?"
"Sie hat ihm ja nicht einmal gesagt, dass man es vermeidet, seine Schwester zu heiraten", warf Terry
ein.
"Terry! Mein Schatz, mein süßer, kleiner Neffe!"
Ehe Terry "Hallo" sagen konnte, umschlossen ihn die dicken Arme seiner Tante, die Schwester seines
Vaters - mit den Thorsleys war Roberta alles andere als verwandt.
Als sie den Jungen losließ, begann Roberta auch schon damit, ihn zu loben:
"Wie ich hörte, hast du deinem Großvater ordenlich die Hölle heiß gemacht! Geschieht ihm Recht,
diesem Schuft!"
"Danke, Tante Roberta."
"Wo wir schon bei deinen großen Taten sind: Deutschland gehört gewiss nicht zu den Ländern, die
ein Militär haben sollten, man muss sich nur mal die Leute anschauen, die hier frei herumlaufen!"
Roberta zeigte auf die Thorsleys. "Wundervoll gemacht, mein Junge!"
"Danke, Tante Roberta!"
Endlich tauchte jemand auf, der Terrys Einstellung mochte und seine Taten guthieß.
"Soll ich deine Koffer auf's Gästezimmer bringen, Tantchen?" fragte Terry und lächelte. Er wirkte mit
dieser Mimik sehr fremdartig, als stünde er unter der Kontrolle von Außerirdischen, die versuchten,
ihren seelenlosen Androiden menschlich aussehen zu lassen, um mit seiner Hilfe strategische
Schwachstellen der Erdlinge auszukundschaften.
"Aber wo kommen wir denn da hin?", fragte Roberta und drückte Deadly die Koffer in die Hand.
"Dieser dicke Junge soll das Gepäck tragen, er sieht nicht so aus, als könnte es ihm schaden!"
Deadly war sich nicht sicher, wie er darauf reagieren sollte. Er hatte noch niemals in seinem Leben
gearbeitet oder jemandem einen Gefallen getan. Onkel Valium nahm ihm die Koffer ab und trug sie
hinauf ins Gästezimmer.
"Ah, Ficus! Immer noch die selbe schlechte Kopie einer Frau, wie ich sehe! Du hast dir wirklich Mühe
gegeben mit dem Hausputz, das muss man dir lassen! Die äußere Sauberkeit kann trotzdem nicht von
dem Schmutz im Inneren ablenken!"
"Wie immer bist du äußerst direkt", stellte Tante Ficus fest und wurde rot im Gesicht. Vor
Verlegenheit, nicht vor Wut, denn sie hatte Robertas Worte falsch verstanden und sie als
Kompliment aufgefasst.
Tante Ficus ging voran ins Esszimmer, die Anderen folgten ihr gemächlich. Roberta flüssterte Terry
"Ficus hätten sie nicht einmal beim Bund Deutscher Mädel aufgenommen" ins Ohr, worüber die
Beiden kicherten, bis sie sich nebeneinander an den Esstisch setzten.

Onkel Valium entkorkte eine Flasche Frankenwein, ein - abgesehen von der chinesischen Idee, Wein
überhaupt anzubauen, der aus den USA stammenden Methode, ein Kälteresistenzgen in die Reben
einzusetzen, dem Einsatz polnischer Erntehelfer und allgemein massivem ausländischen Einfluss -
urdeutscher Wein.
"Darf ich dich mit einem Gläschen Wein belästigen?" fragte Onkel Valium.
"Dein Versuch, höflich zu klingen, ist zwar armselig, aber ich danke dir. Eine Flasche sollte für den
Zeitraum genügen, den du brauchst, um mir deine erste rassistische Geschichte zu erzählen."
Herr Thorsley grinste dümmlich und schenkte Roberta den Wein ein, während Frau Thorsley in der
Küche das Essen servierfähig machte.
"Was ich dich schon immer mal fragen wollte...", sagte Terry zu Tante Roberta, "...woher kannst du
eigentlich Deutsch - du bist doch Engländerin?"
"Ach, das glaubst du mir sowieso nicht.*"

* Tante Roberta hatte einen Deutschkurs belegt, um Wilhelm Tell im Original lesen zu können. Auch
ich als Bayer habe nur darum Deutsch gelernt, um Schiller zu verstehen - und das, obwohl dieses
pathetische Weichei keineswegs den Aufwand wert war. Was bin ich froh, dass er gerade nicht hier
ist, um diese Fußnote zu lesen...

"Ist ja nicht die erste unglaubwürdige Stelle in diesem Roman!", warf Nietzsche ein.
"Wie du meinst", sagte Terry.
Onkel Valium stellte die Flasche ab und begab sich in die Küche.
"Bin gleich zurück!"
"Lass dir ruhig Zeit", sagte Tante Roberta. "Am besten, du kommst gar nicht wieder."
Terry schenkte sich auch etwas ein - genau genommen die ganze Flasche in den Hals, während seine
Tante an ihrem Glas nippte.
"Keine Sorge", sagte der Junge. "Die Thorsleys haben wahrlich genug Alkohol im Haus - unschwer zu
erkennen, dass sie ihn gegen ihr Gehirn eingetauscht haben."
Tante Roberta kicherte.
"Und - wie geht es meinem lieben Neffchen? Behandeln sie dich wenigstens gut?"
"Ja, ich kann den Thorsleys meist aus dem Weg gehen, dann gibt es auch keine Probleme."
"Das freut mich. War das schon immer so?"
"Nicht unbedingt... Vor zwei Jahren musste ich noch in einem Besenschrank wohnen. Wenn ich ihn
verließ, hat Onkel Valium seine Folterinstrumente an mir ausprobiert. Meistens habe ich aber nur
Deadlys Gang als Aggressionsventil gedient."
"Das klingt ja furchtbar! Aber warum schlagen dich Deadlys Freunde jetzt nicht mehr?"
"Hab' einen von ihnen umgelegt. Hatte anscheinend eine entmutigende Wirkung auf den Rest der
Gang."
"Na, da bin ich ja beruhigt. Trotzdem, das mit dem Foltern und dem Besenschrank gefällt mir ganz
und gar nicht..."
"Ich fand's auch nicht gerade berauschend."
Terry und Tante Roberta fühlten sich durch Deadlys Anwesenheit am anderen Ende des Tisches nicht
gestört. Tatsächlich hatte er die Hälfte des Gespräches über an seinen neuen Baseballschläger
gedacht und den Rest nicht verstanden.

Onkel Valium und Tante Ficus tischten das Essen auf - wie erwartet handelte es sich um
Schweinebraten mit Klößen und Sauerkraut, das deutscheste Essen der Welt. In diesem Kontext fiel
Tante Roberta der Esstisch auf, der geradezu hinausschrie: "Ich wurde aus einer alten, germanischen
Holzart gebaut." Die türkischen Holzfäller ließ er höflich unerwähnt.

"Krieg ich die Klöße, Mama?" fragte Deadly und versuchte, Rehaugen zu simulieren.
"Aber selbstverständlich, mein kleines Deadlylein, mein strammer Junge!"
Als Tante Ficus ihrem Sohn die Klöße reichte, fragte Terry:
"Könntest du mir bitte die Soße..."
"Niemals!" stellte Onkel Valium fest. "Ein wahrer Arier holt sich seine Soße selber! Hilfe verweichlicht
nur!"
"Wie wäre es, wenn ich stattdessen deinen Kopf mit der Schöpfkelle..."
"Wie laufen die Geschäfte, Valium?" unterbrach Tante Roberta.
"Ah, ganz hervorragend. Wir haben doppelt so viele Drogen an kleine Kinder verkaufen können, wie
letztes Jahr."
"Ihr habt was!?"
"Onkel Valium arbeitet für die italienische Mafia", erklärte Terry. "Inzwischen ist er ausgesprochen
stolz darauf und erzählt praktisch jedem davon."
"Das ist ja furchtbar!" erschrak Tante Roberta. Ein Kloß blieb ihr im Halse stecken. Terry schlug ihr ein
paar Mal auf den Rücken und sie konnte ihn wieder herauswürgen.
"Ich dachte, ihr hasst Ausländer! Die Italiener sind doch auch keine Deutschen!"
"Ja, aber Mussolini war uns eine große Hilfe. Das sind Ehrendeutsche!" erkärte Onkel Valium und biss
in ein Stück Schweinefleisch.
"Darauf bin ich auch sehr stolz!" fügte er hinzu.
"Worauf?", fragte Tante Roberta.
"Darauf, dass er Schweinefleisch isst", erläuterte Terry. "Drei Mal darfst du raten, warum."
Roberta starrte verdutzt drein.
"Juden dürfen kein Schweinefleisch essen. Das interessiert zwar nur besonders religiöse Juden, aber
Differenzierung und die Thorsleys sind wie Apfelsinen und tschechische Maulesel: Sie haben nichts
miteinander zu tun."
"Du sagst es, Terry", bestätigte Onkel Valium voller Stolz. "Auch an den Sabbat brauchen wir uns
nicht zu halten! Wir können arbeiten und essen, wann es uns passt!"
"Toll, ich auch", sagte Terry. "Aber deshalb fühle ich mich nicht dem Rest der Menschheit überlegen -
das tue ich aus anderen Gründen."
Es wurde eine Weile lang still, bis Roberta fragte:
"Versucht ihr eigentlich immernoch, Hitler zu klonen?"
Terry lachte laut auf.
"Nein, das haben sie aufgegeben! Die Thorsleys mussten leider feststellen, dass sie keinerlei Ahnung
von Genetik haben, noch von überhaupt irgend etwas!"
"Das Projekt hat sich als ineffizient erwiesen", erklärte Onkel Valium. "Wir haben uns entschieden,
erst einmal klein anzufangen."
Terry lachte erneut und schlug mit der Faust auf den Tisch.
"Ja, sie versuchen, eine Superschnecke zu züchten! So eine Art Überschnecke, die schneller kriechen
kann und noch mehr Schleim hinter sich herzieht, als Deadly!"
"Du machst dich wohl über uns lustig, du kleiner Vaterlandsverräter! Wie wäre es, wenn wir dich
wieder in dein altes Zimmer stecken würden? Ich habe auch noch ein paar ungetestete
Folterinstrumente!"
"Aber nur, wenn ihr mir auch eine von diesen Schnecken gebt!"

Tante Roberta wurde sehr ärgerlich. Sie hatte schon vor ihrem Besuch gewusst, dass von den
Thorsleys nicht viel zu halten war, aber das übertraf alles.
"Valium, jetzt reiß' dich gefälligst zusammen! Das soll hier ein friedliches Familienessen sein!"
"Dieser kleine Anarchist hat es doch nicht anders verdient! Das kommt alles nur von den versauten
Genen deines asozialen Bruders!"
Mit diesen Worten zog Tante Roberta ihren Zauberstab hervor, schrie "Transformare Valium in
Gummibärchen!" und feuerte einen Magiestrahl auf Onkel Valium ab. Eine gelbe Färbung kroch über
Valiums Haut und bedeckte ihn schließlich völlig.
"Was hast du getan!?", schrie Tante Ficus. "Beim heiligen Hitler: Du hast ihn in ein Schlitzauge
verwandelt!"
Valium wurde auf einmal wabbelig* und halbdurchsichtig.

* Noch wabbeliger als sonst.


Er fühlte sich, als hätte man ihn aus gemahlenen Tierknochen, Emulgatoren, Farbstoffen,
Aromastoffen und jeder Menge Zucker hergestellt. Sein Gesicht trug noch einige seiner
charakteristischen Züge, auch sein Körperumfang blieb gleich - aber davon abgesehen: Onkel Valium
hatte sich in ein gelbes Gummibärchen verwandelt. Er versuchte aufzustehen und fiel vom Stuhl. Mit
einem "Boink!" prallte er vom Boden ab und flog der Decke entgegen. Dort wiederholte sich der
Vorgang, bis er ein paar Meter weiter wieder vom Boden abprallte. Tante Ficus schrie, während sich
Deadly "Herr der Ringe 3" im Fernsehen ansah und bei der Stelle "Heil denen, die ihr Blut gegeben
haben, um ihr Land zu verteidigen!" jubilierend zustimmte. Onkel Valium hüpfte derweil in Richtung
Wintergarten. Dort durchbrach er kreischend die Ausgangstür und verschwand durch den Garten ins
nächtliche Kreuzberg. Tante Ficus rannte ihm hinterher und schrie: "Neiiiiin! Nicht mein
Ehemannnnn!"

"Mist!", stellte Tante Roberta fest. "Wenn das Ministerium für Aberglauben Wind davon bekommt,
schicken sie mich nach Achterbahn*! Ist nämlich nicht das erste Mal, dass ich Muggel verhexe..."

* In der Magiewelt gab es nur eine Strafe: Achterbahn, das Zauberergefängnis! Nur wenige Magier
wussten genau, was sich dort zutrug. Angesichts des Namens gingen sie davon aus, dass Gefangene
dort so lange Achterbahn fahren mussten, bis ihre kriminellen Neigungen verschwanden.

Terry und seine Tante standen im Wintergarten und sahen Onkel Valium nach.
"Das Erlaubnisformular für Schweinsdorf kann ich wohl vergessen. Na ja, ich war da schon so oft -
wusste gar nicht, dass ich dafür eine Erlaubnis brauche. Egal, Bürokratie liegt ohnehin außerhalb
meines Interessensbereichs."
"Hörst du mir überhaupt zu?"
"Natürlich", sagte Terry. "Das ist kein Problem: Ich übernehme die Verantwortung."
"Aber - die werden dir das niemals durchgehen lassen! Minderjährige werden bei uns viel schlimmer
bestraft als Erwachsene!"
"Ach, das ist kein Problem. Ich bin viel zu berühmt und habe die Welt schon viel zu oft gerettet, als
dass ich Schwierigkeiten bekommen könnte. Wahrscheinlich führen sie irgendwelche Sondergesetze
für mich ein, so wie sie es in der Muggelwelt für Prominente machen. Am besten, du machst dich
jetzt auf den Weg, nicht, dass du beschuldigt wirst. Und ich werde mich auch verdrücken, kann auf
das ganze Aufhebens verzichten."
"Viel Glück, mein Junge! Und vielen, vielen Dank! Du bist ein echter Goldschatz!"
Tante Roberta drückte, knuddelte und küsste Terry, wonach sie mit dem Fluch "Manifesto Besen" ihr
wischmobartiges Flugutensil herbeizauberte, sich darauf setzte, empor flog und aus Terrys Blickfeld
verschwand.

Terry schlenderte die Treppen hinauf und betrat sein Zimmer. Albert hatte pflichtgemäß die
wichtigsten Sachen seines Futterspenders in einen Koffer gepackt.
"Hervorragend, Albert. Nun schnapp dir bitte deinen Käfig. Wir sollten hier lieber verschwinden,
bevor die MIA-Agenten anrücken. Mal sehen, wie lange ich es aufschieben kann, Robertas Taten in
meinem Namen rechtfertigen zu müssen."
"Terry Rotter übernimmt Verantwortung? Wer hätte das jemals... Oh - wir sollten uns besser
beeilen!" Albert sah aus dem Fenster. "Dein Onkel hüpft gerade in Richtung Brandenburger Tor - dort
findet eine Demo gegen Gummibärchen statt, wegen dem Tiermehl. Er könnte einen ziemlichen
Tumult verursachen."

Terry und Albert verließen das Haus der Thorsleys und bewegten sich, ohne ein festes Ziel zu haben,
den Kreuzweg hinunter. Straßenlaternen beleuchteten den Bürgersteig, gaben sich aber nicht viel
Mühe dabei. Die Ruinen der Waisenhaus-Kathedrale veranlassten Terry dazu, der Eintragung
"Romantische Augenblicke" in seinem Notizbuch einen weiteren Strich hinzuzufügen - das sollte
Hermione versöhnlich stimmen. Terry benutzte den Zauberstab, um seinen Koffer über den Boden
schweben zu lassen, während Albert seinen Käfig mit den Krallen festhielt, als er Terry hinterher flog.
"Sollten wir den Einsatz von Magie nicht lieber vermeiden?"
"Warum? Das ist der Hauptgrund, weshalb ich das Haus der Thorsleys verlassen habe - nun kann ich
bedenkenlos zaubern, so viel ich will. Höher könnte die Strafe ohnehin nicht mehr ausfallen, sollte ich
tatsächlich bestraft werden."
"Manchmal beunruhigt mich deine Art von Logik, Terry!"

Kapitel 3: Das Piratenschiff

Alberts Augen fixierten einen Punkt. Jener befand sich größtenteils hinter einem Baum im Garten von
Nummer 25 am Ende der Straße. Albert hatte einen guten Grund, ausgerechnet diesen Punkt
anzustarren: Er starrte zurück! Der Blick gehörte weder einer Katze noch einer Eule, was man noch
hätte akzeptieren können.
"Du wirst beobachtet!"
Terry blieb stehen und sah zu Albert hoch.
"Ich weiß."
Albert schüttelte den Kopf.
"Nein, ich meine nicht die staatliche Überwachung! Sieh mal, dort im Garten!"
Terry wandte seinen Blick dem ominösen Punkt zu. Es war zu dunkel, darum nahm Terry seinen
Zauberstab zur Hand und sagte "Licht!" - mit naheliegendem Ergebnis.
"Wow, den hätte ich hier niemals erwartet!"
"Siehst du auch, was ich sehe?"
"Ich bin mir nicht sicher. Es ist grün, nicht wahr?"
Albert untersuchte den Punkt genauer.
"Ja."
"Es hat ein Fell."
"Ja."
"Spring!"

"Spring, Beigebeard! Dein Leben ist verwirkt! Harr, harr! Nun wirst du für die Meuterei bezahlen!"
"Wir beide haben gemeutert, Schnürsenkel Bill! Du bist nicht der Kapitän dieses Schiffes, du bist ein
Pirat, genau wie ich!"
"Was, echt? Das könnte sogar sein, ich war ziemlich oft betrunken in letzter Zeit..."
Eine dritte Stimme mischte sich ein:
"Ich habe jetzt genug von diesem Theater! Das ist mein Schiff! Mit diesem Schiff habe ich 1492
Amerika entdeckt! Eine Nao, wie nur ich sie steuern könnte!"
"Kein Wunder: Das ist eine Karacke, du Doldi!"
Terry lag auf dem Rücken und betrachtete das jahrhundertealte Segelschiff, das mitten auf der
Straße ankerte. Beleuchtet wurde es von Fackeln, die auf der Oberfläche des Schiffes loderten. Direkt
über Terry befand sich eine Planke, auf welcher der Mann stand, den man Beigebeard genannt hatte.
Selbst von hier unten konnte Terry den Papagei auf seiner Schulter, den Piratenhut und das Klacken
den Holzbeines wahrnehmen.
"Ich werde doch wohl wissen, mit welchem Schiff ich Amerika entdeckt habe!"
"Du hast es nur wiederentdeckt, die Normannen waren hunderte Jahre schneller, die Ureinwohner
Jahrtausende! Außerdem ist das ganz klar eine Karacke!"
"Ist es nicht!"
Beigebeards Holzbein stampfte auf.
"Dann schauen wir uns mal die Fakten an! Wir haben hier: Ein Bugspriet mit Sprietsegel, den
Fockmast mit Rahsegel, den Großmast mit Großsegel und den Besanmast mit Lateinersegel. Zudem
möchte ich dich auf das Vorderkastell, das Achterkastell und die bauchige Form des Bugs und des
Rumpfes aufmerksam machen!*

* Wer auch nur ein Wort von dieser Beschreibung verstanden hat, darf sich als Seefahrtshistoriker
bezeichnen.

Welches Schiff mögen diese Merkmale wohl beschreiben?"


"Eine Karacke?", riet die Stimme von Schnürsenkel Bill.
"Genau! Außerdem wolltest du eigentlich nach Indien segeln und hast es ordentlich verpeilt!"
"Das ist nicht wahr!" protestierte Kolumbus. "Das mit dem neuen Seeweg nach Indien war nur ein
Vorwand! Jeder noch so unerfahrene Matrose wusste damals ganz genau, dass meine Route niemals
nach Indien führt! Ich wollte von Anfang an ein neues Land entdecken, um es auszubeuten, es zu
christianisieren und den ganzen anderen Blödsinn!"
"Ein Wunder, dass dir das gelungen ist, wo du doch nicht einmal weißt, dass dieses Schiff eine
Karacke ist."
Terry blickte sich nach dem Etwas im Garten um - es war verschwunden.
"Hey, ihr da oben!", rief er.
"Das ist eine Nao - WAS!?"
"Wer seid ihr? Was macht ihr hier? Wer bezahlt die Straßensanierungsarbeiten?"
Das Schiff hatte eine tiefe Kuve in den Straßenbelag gerissen. Kolumbus wandte sich Terry zu.
"Oh, ach ja! Dies hier ist das Kapitänsschiff*, Nottransporter für gestrandete Zauberer und
Zaubererinnen, äh, Zauberinnen, Magierinnen, was auch immer.

* Allgemein als "Santa Maria" bekannt. In den Originalquellen kommt dieser Name nicht vor.

Mein Name ist Chrisoph Kolumbus und ich bin dein Kapitän für heute. Das hier sind Beigebeard und
Schnürsenkel Bill, zwei Piraten, die versuchen, mein Schiff zu kapern. Außerdem sind sie meine Crew.
Steig einfach die Strickleiter nach oben, wir kümmern uns um das Gepäck! Übrigens...", Kolumbus
betrachtete Terrys Stirn. "Ein bisschen Mage-up und man sieht die Narbe nicht mehr. War nur Spaß:
Es ist uns eine Ehre, den großen Terry Rotter befördern zu dürfen!"
Terry zuckte mit den Schultern.
"Gut."
Während Terry auf das Schiff kletterte, ließ sich Albert mit seinem Käfig im Mastkorb des Ausgucks
nieder. Die beiden Piraten zauberten mittels "Manifesto Gepäck!" Terrys Utensilien herbei. Kolumbus
reichte dem Jungen die Hand und zog ihn hoch.
"Willkommen an Bord!"
"Danke. Ich habe eine Frage: Sind Sie nicht seit ein paar hundert Jahren tot?"
"Ja, doch."
"Also sind Sie ein Geist?"
"Ja, in materieller Form."
"Welch netter Zeitvertreib."
Terry sah sich um. Wahrhaftig: Dieses antike Segelschiff stand mitten in Berlin! Man konnte die
Überreste des Waisenhauses von hier oben aus erkennen. Wie hatte sich ein bedeutendes Stück
Geschichte ausgerechnet nach Kreuberg verirren können?
"Wo fahren wir hin?"
Die Piraten lachten.
"Du bist hier der Kunde! Die Fahrten sind Serviceleistungen des Ministeriums für Aberglauben. Wo
möchtest du hinfahren?"
"Ich wollte schon immer mal nach Spumoniland."
"Tja, so ein Pech. Der Zaubereiminister erwartet dich im Tropfenden Becher."
"Ich wusste es!"

Kolumbus schlenderte in Richtung Steuerrad. Plötzlich drehte er sich um und zeigte auf die Piraten:
"Worauf wartet ihr? Setzt die Segel, lichtet den Anker! Möglichst in umgekehrter Reihenfolge. Terry:
Bitte folge mir!"
Beigebeard drehte am Rad des Ankerspills, was den Anker davon überzeugte, das Wasser zu
verlassen. Schnürsenkel Bill brachte die Segel in Position, was sich mit Hilfe von Magie effizient
bewerkstelligen ließ. Kolumbus umfasste das Steuerrad, welches er mechanisch mit der Ruderspinne
verbunden hatte.
"Und ich?", fragte Terry.
"Moment."
Kolumbus drückte einen Knopf, welcher sich in der Mitte des Steuerrads befand.
"Du darfst mich in die Kajüte begleiten."
"Das Schiff steuert automatisch?"
"Ja... Wenn ich steuere, besteht nur die Gefahr, dass ich einen neuen Kontinent entdecke und seine
Einwohner ermorden lasse, um an ihr Gold zu kommen."
"Verständlich."

Kolumbus öffnete die Tür zur Kajüte und die Beiden stiegen die Treppe hinab.
"Heute wirft man mir die Kolonisierung Amerikas vor, aber damals war das ganz normal: Die Christen
wollten die Welt erobern und alle Nicht-Christen bekehren oder töten, was auch wirtschaftlich
sinnvoll war. Ich war im Vergleich dazu noch nett: Mir ging es nur um Gold, Macht und Abenteuer;
Spiel, Spaß und Schokolade. Na gut: So ein bisschen Christentum wollte ich auch verbreiten, aber
zum Glück habe ich ja inzwischen dazugelernt."
"Damit stehen Sie ziemlich alleine da. Aber sehen Sie die Sache so: Heute ist Amerika erobert, das
Gold ist weg und die Indianer veranstalten Hütchenspiele zu Ehren Manitus. Dafür gibt es inzwischen
eine Menge Schokolade. Außerdem: Stellen Sie sich einmal vor, was die Muggel auch heute noch mit
der magischen Welt tun würden, wenn sie ihnen bekannt wäre."
"Da hast du Recht. Danke, mein Junge!"

Sie betraten den Laderaum, den Kolumbus zur Kajüte umfunktioniert hatte, um sich steuerrechtliche
Vorteile zu verschaffen. Ein weiter Vorteil lag im größeren Platz, den der Laderaum gegenüber der
alten Kapitänskajüte bot. Terrys Gepäck hatte man bereits sicher verstaut. An den Wänden hingen
Seekarten, eine davon zeigte Nordamerika. Jemand hatte mit Tinte "Merke: Entdecken!" darauf
gekritzelt. Die Kajüte war mit Betten, Schränken und Cafétischchen* nebst zugehörigen Stühlen
ausgestattet.

* Tischchen, die typisch für deutsche Cafés sind. In den Salons du thés jenseits der Tourismuszentren
Frankreichs ist es üblich, Deutsche als Tischchen zu verwenden. Nicht so in antiken Segelschiffen.

Mit Kerzen bestückte Kronleuchter bestrahlten den Raum. Ein magisches Foto an der Wand machte
Terry auf sich aufmerksam. Es zeigte Kolumbus. Ein Mann mit blauer Uniform und Marinemütze legte
einen Arm um seine Schulter und lächelte versöhnlich.
Christoph zeigte auf den Mann und sagte:
"Das ist Kapitän Nemo."
"Der Kerl, der Kriegsschiffe versenkt? Ich lese ja nur selten Romane, aber den kenne sogar ich."
"Wieso Romane?"
"Er ist eine fiktive Figur, oder nicht?"
"Ich wünschte es...", murmelte Kolumbus und verdrehte die Augen.
"Nein, er ist ein Geist wie ich. Jules Verne hat sich einen Charakter ausgedacht, der seinem beachtlich
nahe kommt, aber das macht Nemo nicht minder lebendig, oder wie auch immer man das nennen
will. Zahlreiche Schiffsunglücke gehen auf sein Konto, einmal hat er die Nautilus als Eisberg getarnt,
um die Titanic zu versenken. Er argumentiert, dass sie eventuell Waffen hätte enthalten können, wie
will man das auch von außen feststellen?"
"Woher kennt ihr euch?"
"Er hat einmal mein Schiff versenkt, dachte, ich transportiere Sprengstoff. Tatsächlich war das
Knetgummi für die neue Abenteuerwelt in Spumoniland."
"Ach, das hätte jedem von uns passieren können."
"Ja, aber mir ist es passiert! Du hast gut reden!"
"Was erwarten Sie von mir? Soll ich auch Knetgummi mit einem Schiff transportieren, das Kapitän
Nemo für Sprengstoff hält? Bin doch kein Mitläufer."

Während Terry die Kajüte einer künstlerischen Betrachtung unterzog, setzte sich Christoph an eines
der Cafétischchen und schlug eine Zeitung auf. Terry erkannte Joe Black auf der Titelseite.
"Dieser Kerl muss ja echt wichtig sein, wenn sogar die Tagesbild über ihn berichtet."
Kolumbus und Terry lachten.
"Der war gut, Junge. Übrigens: Die Tagesbild heißt jetzt Daily Profit. Als man feststellte, dass die
meisten britischen Magier kein Deutsch können, erkannte man die Notwendigkeit eines neuen
Namens."
"Ich wunderte mich auch schon..."
"Mich würde interessieren: Was hat die Muggel-Presse über Black berichtet?"
"Das Übliche: Er ist böse und auf freiem Fuß. Darf ich den Artikel mal lesen?"
"Klar!"
Kolumbus reichte Terry die Zeitung. Die Buchstaben leuchteten kurz bläulich auf und gaben das
zugehörige Zischeln von sich.
"Wow! Das nervt vielleicht!"
Terry begann zu lesen:

Black noch immer nicht gefasst!

Joe Black, seines Zeichens böse, ist noch immer auf freiem Fuß. Niemand ist sicher vor dem ehemals
berüchtigsten Gefangenen Achterbahns! Der Zaubereiminister nahm heute Stellung zum Stand der
Dinge:
"Wir tun alles, einfach alles! Das Meiste davon hängt mit der Festnahme von Joe Black zusammen!
Wir bitten die magische Gesellschaft, ruhig zu bleiben! Verschließt die Fenster, bleibt zu Hause und
betet zu Merlin!"
Kornwallace Pfusch wurde von einigen Mitgliedern der Internationalen Vereinigung der
Zaubererheinis dafür kritisiert, den Muggel-Premierminister von der Krise unterrichtet zu haben.
"Also wirklich, Leute! Für so etwas kritisiert ihr mich? Warum kritisiert ihr nicht die ausufernde
Korruption in meinem Ministerium, meine Machtbesessenheit, oder dass mir die magische
Gesellschaft völlig egal ist?"
Während man den Muggeln erzählt, Black verfüge über eine Atombombe und sähe einem Islamisten
beträchtlich ähnlich, befürchtet die magische Gesellschaft ein Massaker, wie es Black vor 15 Jahren
anrichtete, als er 100 Menschen mit einem einzigen Fluch ermordete.

Terry begutachtete das Foto. Zwei Agenten der MIA hielten Black an den Armen fest, während ihm
Kornwallace Pfusch gegenüber stand und lachte. Black zeigte Pfusch den Mittelfinger.
"Gruselig aus, nicht wahr?
Terry gab Kolumbus die Zeitung zurück.
"Er hat 100 Menschen mit einem einzigen Fluch ermordet?"
"Ja", bestätigte Christoph und nickte. "Am hellichten Tag, von Zeugen umgeben - dümmer hätte er es
nicht mehr anstellen können. Der Kampf gegen Duweißtschonvonwemichrede war fast zu Ende, die
meisten seiner Anhänger stellten sich dem Ministerium, nur Black wollte nicht aufgeben. 10 Agenten
kreisten ihn in London ein. Black tötete sie und 90 Muggel, die in der Nähe standen und versuchten,
nichts zu verpassen."
"Mit welchem Fluch?"
"Warum?"
"Ich will ihn lernen. Scheint sehr effektiv zu sein."
"Das Ministerium gibt keine näheren Auskünfte über das Massaker. Schlechte Puplicity für die MIA.
Aber du hast Recht: Von einem solchen Fluch habe ich noch nie gehört."
"Was hat man den Muggeln erzählt?"
"Kometeneinschlag. Hat sich als schlechte Idee erwiesen, als einige Muggel wissen wollte, wo die
Überreste des Kometen verblieben sind. Letztendlich musste man sich eine umfangreiche Geschichte
über Tempelritter, Außerirdische und eine Regierungsverschwörung ausdenken. Das ist wenigstens
etwas, woran die Muggel glauben."
Beigebeards Stimme erklang von oben:
"Mitdenker auf 9 Uhr! Kanonen bereitmachen zum Feuern!"
"Bereit!", rief Schnürsenkel Bill.
Terry rannte nach oben. Die Piraten richteten eine Kanone auf einen Passanten, der auf das Schiff
zeigte und schrie. Kolumbus schlenderte an Deck und sagte beiläufig:
"Feuer!"
Die Kugel schlug direkt im Trendladen hinter dem Passanten ein, welcher ihr knapp ausweichen
konnte. Brennende Holzsplitter und zerissene Hip-Hop-Hosen verteilten sich auf Bürgersteig und
Straße. Jemand aus der fliehenden und kreischenden Menge schrie: "Ein islamistischer
Selbstmordattentäter!"
Kolumbus verschränkte zufrieden die Arme hinter dem Rücken.
"Es funktioniert einfach immer!"
Terrys Gesichtsausdruck war inzwischen flexibler: Es kannte nun mehrere Abstufungen von
Gleichgültigkeit. Die aktuelle Variante konnte man "Verwirrte Gleichgültigkeit" nennen.
"Erbitte nähere Erläuterung des soeben Geschehenen."
"Ganz einfach", erklärte Kolumbus. "Es gibt einige wenige Muggel, die nicht vollkommen ignorant
sind. Wir erkennen sie dadurch, dass sie mein Schiff entdecken."
"Und?"
"Ist doch klar: Es liegt nicht im Interesse der magischen Dimension, von Muggeln entdeckt zu
werden, also beschießen wir sie mit Kanonenkugeln. Diesen weichen sie für gewöhnlich aus."
"Was bringt das dann alles?"
"Sie sind durch diese Erfahrung so verängstigt, dass sie es den anderen Muggeln gleichtun und in
Zukunft alles ignorieren, was ihrem kleinen, erbärmlichen Weltbild widerspricht. Genial, nicht wahr?"
"Na ja. Das erklärt zumindest so Einiges."

Beigebeard ritt auf der Kanone und schrie "Juhu!", während sein Papagei "Polly will 'nen Keks!"
krächzte.
Mit einem Blick auf Beigebeards Holzbein sagte Terry:
"Ich habe mir etwas überlegt..."
"Ja?"
"Du und Schnürsenkel Bill - was macht euch zu Piraten? Ihr seid doch Kolumbus' Mannschaft."
"Manchmal versuchen wir immerhin, sein Schiff zu entern."
"Was sich erübrigt, da ihr euch schon darauf befindet, oder nicht?"
"Das gehört eben dazu. Um ganz sicher zu gehen, dass uns die Leute für Piraten halten, laden wir uns
illegal Musik aus dem magischen Netzwerk runter."
"Na gut: Ihr seid Piraten."

"Land in Sicht!" dröhnte Schnürsenkel Bills Stimme vom Ausguck herunter. Terry sah sich um: Das
Schiff hatte sich in die Seitengasse gequetscht, in welcher sich der Tropfende Becher befand. Viele
der anliegenden Gebäude hatten nun einen guten Grund, eine Renovierung zu fordern.
Kolumbus' nautische Antiquität legte an. Terry hörte das metallische Klirren des Ankers, der auf die
Straße fiel. Christoph blickte von der Reling aus den Tropfenden Becher an - eine unscheinbare
Hintergassenkneipe, wie sie im Buche stand*.

* Und zwar in diesem: "Terry Rotter: Die magische Welt". Gibt's für 99 € im Geschäft ihrer Wahl. Sie
werden es sogar in Fritzes Zubehörladen für Angler finden.
Über dem Eingang hing ein Becher, aus dem Schnaps tropfte. Darunter lag mit geöffnetem Mund
Barney Gamble, der örtliche Alkoholiker.
"Wir sind da."
Beigebeard und Schnürsenkel Bill fuhren die Strickleiter aus und ließen Terrys Gepäck hinunter
schweben.
"Wohl oder übel."
Terry schüttelte Kolumbus die Hand.
"Wie immer war es eine bereichernde Erfahrung, eine historische Persönlichkeit persönlich
kennenzulernen."
"Gleichfalls, Terry. Auf ein baldiges Wiedersehen."
Der Junge winkte den beiden Piraten und stieg die Strickleiter hinunter. Albert verließ den Ausguck
und flog in ein offenes Fenster des Tropfenden Bechers.

Im Eingang der Kneipe erschien auch schon Zaubereiminister Kornwallace Pfusch. Er trug genau die
selben Kleider, wie er sie letztes Jahr in Ragrids Flaschenhütte getragen hatte: Ein blauer
Seidenumhang mit weißen Sternchen darauf, ein passender spitzer Hut, garniert mit einem
schwarzen Pullover und einer ebensolchen Hose, beträufelt mit Himbeersoße, Sahne und gekrönt
von einer Kirsche. Inzwischen hatte er sich auch schwarze Stiefel zugelegt. Sein Gesicht ähnelte dem
Josef Stalins frappierend, so auch seine Auffassung von Politik, wie sich immer wieder zeigte.
Zumindest konnte man diesen Umstand erkennen, wenn man sich die Mühe gab, einem Politiker wie
Pfusch bewusst zuzuhören.
"Herzlich Willkommen, Terry!" sagte er und umarmte seinen Adressaten herzlich. "Ich bitte um
Verzeihung für die Speisereste auf meiner Hose, ein Verräter meinte, sie dort plazieren zu müssen,
als ich ihn nach Achterbahn schickte. Folge mir doch bitte hinein!"
"Wieso? Was du morgen kannst besorgen, das verschiebe nicht auf heute!"
"Das ist ein weit verbreiteter Irrtum."

Die Beiden betraten den Tropfenden Becher. Die Kneipe grüßte die Neuankömlinge freundlich und
ihre wenigen Gäste taten es ihr gleich. Plötzlich erschien der Wirt hinter dem Tresen. Terry schreckte
zurück.
"Wie haben Sie das gemacht?"
"Teleportation. Ohne die könnte ich den Laden nicht alleine führen und soweit kommt's noch, dass
ich jemanden einstelle."
"Warum?"
"Ich hasse Menschen, die für mich arbeiten wollen."
"Wie Sie meinen."
"Kann ich euch Beiden etwas bringen?"
Kornwallace kicherte.
"Nein danke, Wirt. Das erledigt Igor."
"Wer?"
"Das ist Doktor Frankenstones Gehilfe. Völlig unerwartet und wie aus dem Nichts wird er hier
auftauchen und uns Getränke und Knabbereien anbieten. Jene Begebenheit wird in keinster Weise
zur Handlung passen, aber recht amüsant sein, weshalb man darüber gerne hinwegsehen wird."
"Ausgezeichnet", stellte der Wirt fest und legte dabei seine Fingerspitzen aufeinander. "So lange er
nicht offiziell für mich arbeitet."

Terry und Kornwallace begaben sich in des Zaubereiministers Büro, welches sich - und ich bitte, nicht
näher darüber nachzudenken - hinten im Tropfenden Becher befand. Kornwallace wies Terry einen
Sessel zu und er selbst begnügte sich mit seinem Thron. Er legte die Füße hoch, und zwar auf den
Rücken eines Mannes.
"Wer...?"
"Ach, das ist nur ein Lobbyist", erklärte der Zaubereiminister und lächelte zufrieden. "Er vertritt die
Runen-abbauende Industrie."
Terry zog eine Braue hoch.
"Runen werden industriell abgebaut!?"
"Ja, mit Hilfe von Zwangsarbeitern, versteht sich. Das geht noch auf die vierte Kalkstein-Dynastie
unter Klonk zurück. Ich hoffe, du wirst mich nicht damit zitieren, aber wir alle wissen doch, dass
Trolle, sagen wir einmal, nicht die größten Kulturliebhaber sind."
"Mag sein."
"Tja, die Geschichte lief also mal wieder Amok, als sie historisch und kulturell bedeutsame Runen
ausgerechnet in ihrem Reich bunkerte. Als die Trolle sie entdeckten, wussten sie nichts weiter damit
anzufangen, als sie einzuschmelzen und Steine daraus zu formen."
"So weit, so sinnlos."
"Warte, es geht noch weiter: König Klonk ließ seinen Palast aus diesen Steinen errichten. Das
Quarzreich unter dem Fürsten Joe entschloss sich dazu, ebenfalls einen Palast aus Runenmaterial
besitzen zu müssen und es erklärte Klonk den Krieg. Die Quarz-Truppen konnten bis zu Klonks Palast
vorrücken, doch die Wände hielten selbst Stahlgeschossen stand. In weiser Voraussicht hatte Klonk
Munition aus dem Runenmaterial herstellen lassen und konnte so den Fürsten Joe im letzten
Moment aufhalten und in einer zunächst aussichtlos erschienenen Schlacht besiegen."
Terry legte seine Hände auf die Lehnen des Sessels.
"Sie wollen also damit sagen, dass Runen auf besonders widerstandfähigem Stein gemeißelt worden
waren, der aus diesem Grunde einen begehrten Rohstoff darstellt?"
"Genau. Runenstein ist sogar noch stabiler als Diamant, um ein Beispiel aus der Muggel-Welt zu
nennen."
"Beachtlich. Sie haben nicht zufällig die chemische Formel davon?"
"Die was?"
"Vergessen Sie's. Das erklärt aber noch nicht, warum Sie den Runenstein-Lobbyisten als
Fußschränkchen missbrauchen."
"Dafür muss ich dich in den grundlegenden Aufbau unserer politischen Ordnung einweihen:
Theoretisch ist die magische Welt eine Demokratie - es gibt ein Parlament, es gibt Parteien und
natürlich gibt es auch Lobbyisten. Dieses System ist allerdings noch sehr neu, es wurde erst nach dem
Tod des Ministers für internationale Quititsch-Spielregeln und der Ministerin für Hexenverbrennung
am Ende deines ersten Schuljahres eingeführt. Aus diesem Grunde existieren noch alte Traditionen,
welche der Demokratie grundlegend widersprechen, was allerdings niemanden zu stören scheint.
Eine dieser Traditionen ist die Alleinherrschaft des Zaubereiministers über die gesamte magische
Welt. In der Praxis hat das Parlament nur eine Unterhaltungsfunktion, die Politiker führen amüsante
Streitgespräche in unseren Talkshows und tragen noch amüsantere Wahlkämpfe aus. Dies alles tun
sie aus einem Grund: Ich gewähre jeder Partei einen Teil der Steuern, dessen Höhe sich nach der
Anzahl ihrer gewählten Abgeordneten im Parlament bemisst. Kein Wunder, dass ihre Programme
meist nur daraus bestehen, alle anderen Parteien verbieten zu wollen. Macht haben sie rein gar
keine. Hehe!"
"Und das Volk merkt das nicht?"
Kornwallace lachte und schlug mit der flachen Hand belustigt auf den Lobbyisten ein.
"Der war gut, mein Junge! Das Volk hat nicht die geringste, nicht die allergeringste Ahnung von
Politik! Die Leute könnten von einer eisländischen Frostbanane regiert werden und würden es nicht
bemerken! Das Volk unterliegt der Illusion, es habe sich eine Revolution zu ihren Gunsten ereignet,
gleichzeitig ist es so konservativ, dass es meint, einen starken Führer zu brauchen. Die
Unvereinbarkeit von beiden Elementen fällt dem Volk gar nicht auf! Ach, es ist einfach klasse,
Zaubereiminister zu sein! Ich kann hier tun und lassen, was ich will!"
"Aber ich dachte, das bayerische Kultusministerium..."
"Ja, ich setze Minister ein, die mir Arbeit abnehmen. Letztlich unterliegen aber auch sie meinen
Befehlen. Es gibt in der Muggel-Dimension ein Land, dessen Ordnung der unseren sehr ähnlich ist:
Bayern. Das hat mich zur Kooperation mit dessen Landesregierung bewegt. Erspart mir eine Menge
Arbeit. Bildungspolitik war noch nie mein Fall."
"Das hat man gemerkt. Wobei es jetzt auch nicht viel besser ist. Mir stellt sich dabei eine große
Frage: Warum erzählen Sie mir das? Ich bin bekanntlich nicht der größte Fan von Diktatoren..."
"Ich weiß. Und das führt uns auch sogleich zum nächsten Thema..."

Igor tauchte aus dem Nichts auf. Es handelte sich bei ihm um ein Lebewesen, das man aus
Körperteilen zumeist verstorbener Menschen zusammengesetzt hatte.
"Ah, Igor! Wir haben dich bereits erwartet. Stell den Rum-Kakao für Terry und den trockenen
französischen Rotwein* für mich einfach auf den Bürotisch."

* Ein wahrer Weinkenner muss über die Grundfertigkeit verfügen, die frappierende Ähnlichkeit des
Geschmacks von Wein und dem Geschmack verschimmelten Madenkompotts zu ignorieren.
Außerdem sollte er bei jeder sich bietenden Gelegenheit "Schmeckt wie Kork" oder "Bitterherbe
Fruchtigkeit" sagen.

"Ja, Meister!"
Igor tat wie ihm geheißen und verließ das Büro. Er kam zurück, nahm seinen Finger aus dem Wein
des Zaubereiministers und ging wieder.

Terry trank seinen Kakao, während Pfusch versuchte, die Blässe aus seinem Gesicht zu entfernen. Als
er den Gedanken verdrängt hatte, Terrys heiße Schokolade könnte auch einen Finger oder
Schlimmeres enthalten, sagte er:
"Wo waren wir gerade?"
"Sie wollten mir erklären, warum ich Sie nicht auf der Stelle erschießen sollte."
"Ach ja, genau: Joe Black ist aus Achterbahn ausgebrochen!"
"Das wissen die Leser doch schon."
"Ja, der Punkt ist nur: Joe Black ist ein wahnsinniger Massenmörder!"
"Das behaupten die Leute auch von mir."
"Er will dich ermorden!"
Terrys Gesichtszüge änderten sich kein bisschen.
"Will er mich speziell ermorden oder allgemein jeden und unter anderem auch mich?"
"Dich will er ermorden und niemanden sonst!"
"Sehr untypisch für einen Massenmörder. Na ja, noch einer, der mich ermorden will. Wen
interessiert's?"
"Du verstehst den Ernst der Lage nicht: Ohne den Schutz des Ministeriums und dem Schutz
Rowlingstones hast du keine Chance! Er ist ein sehr mächtiger und gefährlicher Magier!"
"Ach was. Warum gibt es eigentlich keinen Ärger wegen dieser Onkel-in-Gummibärchen-verwandeln-
Geschichte?"
"Jemand versucht dich umzubringen! Reichen dir die damit verbundenen Probleme nicht?"
"Gleiches Recht für alle ist nicht unbedingt Ihr Fall. Insofern können Sie sich die Strafe getrost
ersparen. Aber Sie könnten mein Erlaubnisformular für Schweinsdorf unterschreiben!"
"Nein, das mache ich nicht! Du sollst zu deiner eigenen Sicherheit in der Schule bleiben! Wenn es mir
gelingt, dich für die dunkle Seite der Politik zu gewinnen, könntest du eines Tages ein mächtiger
Verbündeter sein! Darum bin ich auch bereit, den Ärger, den du verursacht hast, zu vertuschen: Die
MIA hat sich um die Sache gekümmert. Alle Zeugen wurden einer Gehirnwäsche unterzogen und
dein Onkel kann sich an nichts mehr erinnern."
"Sie verwechseln da etwas: Das ist sein Normalzustand."
"Wie dem auch sei, Black ist..."
"...mir egal. Kann ich jetzt gehen?"
Kornwallace seufzte.
"Na schön: Igor wird dich auf dein Zimmer bringen."
"Endlich!"

Igor tauchte plötzlich neben Terry auf und verneigte sich.


"Folge mir, Terry Rotter!"
Igor öffnete die Tür und wies Terry mit einer Handbewegung an, nach draußen zu gehen. Terry
zuckte mit den Schultern und sagte:
"Ja, Meister!"

Terry und Igor verließen des Zaubereiministers Büro und stiegen eine rustikale Wendeltreppe nach
oben. Oben tat sich ein langer, weißer Gang vor ihnen auf, der viele Türen an den Seiten besaß. Alle
bestanden aus schwarzem Edelholz, waren unbeschriftet und verzichteten auf eine Klinke.
"Die Räume führen zu den Programmierern dieser Dimension, nicht wahr?" fragte Terry. Eines von
Igors Augen fiel erstaunt auf den Boden.
"Woher weiß Terry Rotter davon?"
Igor hob das Auge wieder auf und setzte es an seinen Stammplatz.
"War nur so ein Gefühl. Eine Frage stellt sich mir aber doch: Wer, um alles in der Welt, hat diese
Dimension jetzt eigentlich erschaffen? Gott, der Autor, der Erzähler, die Natur oder die
Programmierer hinter diesen Türen?"
"Ach, weiß Terry Rotter es noch gar nicht: Der Autor ist nun mit dem Erzähler identisch."
"Immerhin eine kleine Vereinfachung."
"Der Autor hat diese Welt erschaffen und die Natur hat ihn erschaffen. Die anderen Figuren sind nur
Projektionen der Bewohner dieser Dimension: Wenn eine bestimmte Anzahl von Magiern ganz fest
an einen bestimmten Schöpfer glaubt, dann existiert er auch."
Terrys verwirrte Gleichgültigkeit kehrte zurück.
"Aber wer kommt auf die verblödete Idee, Programmierer könnten die magische Welt erschaffen
haben? Oder Gott, was noch absurder ist."
"Die Antwort auf Terry Rotters erste Frage lautet: Andere Programmierer. Seit das Spiel 'Merlins
Abenteuer', das erfolgreichste Computerspiel dieser Dimension, auf dem Markt ist, glauben die, alles
erschaffen zu haben. Um die zweite Frage zu beantworten: Gott gibt es schon seit Ewigkeiten. Einzig
das Zeitalter der Erleuchtung bedrohte seine Existenz. Trotzdem wäre er niemals verschwunden,
hätte Terry Rotter ihn nicht ermordet."
"Es ist in dieser Welt möglich, Irrglauben einfach zu töten?"
"So ist es."
"Wäre das in der Muggelwelt doch auch so einfach. Und wo ist jetzt mein Zimmer?"

Die letzte Tür des Ganges öffnete sich und helles Licht trat aus dem Raum hervor. Terry erkannte
Albert. Er flog auf seinen Freund zu, um sich auf seine Schulter zu setzen.
"Albert? Woher wusstest du..."
"Wandervögel haben einen zusätzlichen Orientierungssinn."
"Na schön, das reicht! Ich gehe schlafen!"

Kapitel 4: Sex und Gewalt

"Bei Kriegen geht es nicht wirklich um Religionen, Rohstoffe, um Macht oder etwa Geld. Nein, wie wir
aus den Veden der alten Brahmanen wissen, geht es dabei um das Streben nach mehr Kühen. Der
Leitspruch der Vereinten Nationen muss also lauten: Kühe raus aus den Köpfen!"
Bill Tür, Friedensnobelpreisträger

"Terry, Terry!"
Albert kreischte und flatterte wild durch das hinterste Gästezimmer des Tropfenden Bechers. Doch
erst als eine der Avengers auf den Boden fiel, erwachte Terry. Seine Augenlieder waren zu schwer,
als dass er sie hätte öffnen können.
"Was ist denn nun schon wieder los?", fragte er gähnend. "Wenn es Black ist, sag' ihm, er soll mich
später umbringen, wenn ich ausgeschlafen habe!"
"Es ist dieser ungezogene Alligator!", sagte Albert. "Er hat mich gebissen!"
"Schön, dann muss ich ihn nicht mehr füttern. Gute Nacht, Albert! Hey, Moment..."
Terry fühlte, wie etwas auf seinen Hals drückte und ihm das Atmen schwer machte. Seine Augenlider
gaben sich noch immer widerspenstig, so dass Terry versuchte, nach seinem Hals zu tasten.
Unerwartet war das Gewicht seiner Arme und Hände noch größer als das seiner Augenlider, weshalb
ihm auch dies nicht gelang. Terry versuchte deshalb zu raten, was da versuchte, ihn zu erwürgen.
"Hey, Albert: Wäre es eventuell möglich, dass eine Ratte auf meinem Hals schläft?"

Nietzsche schüttelte den Kopf. Er stand auf und lief zu Schiller hinüber, der eingeschlafen war. Ich rief
ihm hinterher, dass mir so etwas wirklich schon einmal passiert sei, aber Nietzsche hörte nicht zu.
"Wach auf, du Heulsuse!"
Schiller erschrak und fiel vom Stuhl.
"Oh, welch Elend! Der Tag bricht an und Nietzsche regiert die Stunde!"
"Erspar dir deine blöden Sprüche! Komm her und sag mir, was du vom Anfang des vierten Kapitels
hälst!"
"Ach, wie glücklich sind die Ausgeschlafenen! Ach, wie unglücklich bin ich!"
"Heul hier nicht herum und komm her, verdammt!"
"Wahrlich: Die Philosophen verderben die Sprache!"
"Aber etwas verwunderlich finde ich das schon", warf ich ein.
Nietzsche drehte sich zu mir um und ballte die Fäuste.
"Was!?"
"In 'Die fröhliche Wissenschaft' redest du von der Komödie das Daseins. So witzig scheinst du die
Welt nicht mehr zu finden..."
"Muss wohl daran liegen, dass die Menschen Gott künstlich am Leben erhalten, während sie mich
begraben!"
Schiller legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte:
"Keines Tempels heit're Säule zeuget, dass man Götter ehrt!"
Ich rückte meinen Stuhl zurecht.
"Weißt du noch, als du 1889 den Wahnsinnigen gespielt hast? Du hast geschrieben: 'Ich bin Gott und
diese Satire ist meine Schöpfung.'"
"Ja, ein Jahr später bin ich gestorben. Der Teil war weniger komisch. Aber vielleicht hatte ich Recht -
vielleicht kann man wirklich nur noch über alles lachen..."
Nietzsche senkte den Kopf und berührte mit einer Hand sein Kinn. Nach einer Weile sagte er:
"Guter Anfang."
Nietzsche öffnete die Tür, murmelte "Ich geh spazieren, muss nachdenken" und verließ mein
Lebkuchenhaus.

"Nein, das ist keine Ratte!", zischte Hermiones Stimme.


Terry lächelte.
"Ah! Meine Süße ist da! Aber ich glaube, du bringst da etwas durcheinander: Deine Hände befinden
sich viel zu weit oben an meinem Körper!"
Hermione drückte noch etwas fester zu und Terry keuchte:
"Ich rate mal wild drauflos: Du hast in einer Muggel-Zeitung von der Sache mit dem Waisenhaus
gelesen, glaubst, ich sei dafür verantwortlich und willst mich jetzt ermorden. Allmählich sollte ich
eine Liste mit Leuten anlegen, die mich umlegen wollen, sonst verliere ich noch den Überblick."
"Du hast Nonnen ermordet! Hilflose Nonnen!"
"Ah, so hilflos waren die nicht. Die hatten Maschinengewehre und die Oberschwester hat ein Kind
mit einem Kruzifix erstochen!"
"Blödsinn!"
"Ja, aber es ist trotzdem wahr! Irgendjemand musste den armen Kindern doch helfen! Und wer
könnte das besser als ich, außerdem war mir langweilig."
"Ich glaube dir kein Wort!"
"Aber die Waisenkinder sind Zauberer! Ich musste sie befreien und von Raptoren in die magische
Welt bringen lassen! Du wirst schon noch sehen, dass ich Recht habe, wenn du ihnen in Rowlingstone
begegnest!"
"Ja, aber bis dahin erwürge ich dich!"
"Halt! Das hier wird dich überzeugen..."
Terry versuchte seine Hand zu bewegen, um an die Liste zu kommen, auf der er die vielen
romantischen Augenblicke vermerkt hatte. Aber er war noch immer zu müde.
"Hermione! Die Liste!"
Endlich ließ das Mädchen von Terry ab.
"Welche Liste!?"
"In meiner rechten Manteltasche."
Hermione durchsuchte eine der Innentaschen von Terrys Mantel, in dem er geschlafen hatte.
"Nein, nicht diese!" sagte Terry. "Die andere!"
Hermione tätschelte eine andere Tasche.
"Diese?"
"Ja, genau!"
"Die Tasche direkt neben deiner Hand?"
"Ja."
Hermione schüttelte den Kopf, griff hinein und nahm den Notizblock heraus, den sie ihrem Freund
geschenkt hatte.
"Oh, wie nett: Du hast ihn noch nicht als Zielscheibe benutzt. Wie geht's weiter?"
Terry lächelte und sagte stolz:
"Ich habe alles so eingetragen, wie du es mir gesagt hast! Sieh doch!"
Hermione öffnete den Block und betrachtete die erste Seite.
"Ah, du bist ja ein richtiger Magnet für tote Schafe. Aber was hat das mit irgendwas zu tun?"
"Nein, nicht der Eintrag! Der nächste!"
"Hm, mehr romantische Augenblicke als tote Schafe. Beachtlich. Was willst du mir damit sagen?"
Terrys Lächeln verschwand.
"Was meinst du damit? Du hast gesagt, wenn ich ein Gespür für Romantik entwickle, dann werde ich
zivilisierter, kultivierter oder irgend so'n Quatsch."
"Ja, aber das gilt natürlich nur, wenn du nicht nebenbei Morde begehst!"
Hermione schleuderte die Liste in eine Ecke, sprang vom Bett und legte die Hände an die Hüfte.
"Das war aber nicht vereinbart!"
"Du Primitivling! Geh doch zurück in deine Höhle und wirf Speere auf Mammuts!"
"Mammuts lebten nicht in Höhlen, die haben dort nur überwintert. Außerdem sind sie ausgestorben.
Dazu kommt, dass ich keine Höhle besitze und auch keine Speere. Ansonsten würde ich es vielleicht
machen, wenn du das möchtest."
"Grrr, du Trottel! Du bist nicht gesellschaftsfähig und warst es nie! Es ist aus zwischen uns!"
Hermione rannte weinend aus dem Zimmer.
"Oh, wie melodramatisch! Ich weiß, du kommst wieder! Allein schon deshalb, weil du deine Tasche
hier vergessen hast!"
Doch Hermione kam nicht. Nach einer Weile rief Terry:
"Gott soll dich verfluchen und alle, die du je geliebt hast!"
Kurze Zeit später fügte er kleinlaut hinzu:
"Abgesehen von mir natürlich und auch nur, wenn Gott noch am Leben wäre. Obwohl, deine Eltern
sind eigentlich ganz in Ordnung und haben mit der Sache nichts zu tun... Ach, Mist!"

"Ahhh! Sie hat es schon wieder getan!" schrie Ron.


Er saß unten in der Kneipe und hielt sein Bein, oder das, was davon übrig war. Rons Mutter Rosaline
und sein Vater Karl saßen ihm gegenüber am Tisch und tranken einen Cocktail, während seine Brüder
Frank und Joe versuchten, einigen Gästen ihre explodierenden Bonbons anzudrehen. Ginny saß
derweil auf dem Schoß eines männlichen Gastes und streichelte mit den Worten "Du bist ja so
erwachsen!" seinen Bart. Hermione stürmte die Treppen hinunter. Ihre Laune war von traurig auf
wütend übergegangen. Sie baute sich vor Ron auf und verschränkte die Arme.
"Was soll sie schon wieder getan haben!?"
Ron wimmerte "Sie hat mir ein Bein abgebissen!" und zeigte auf ein Gepardenjunges, das unter dem
Tisch hockte und genüsslich sein Bein verdrückte.
"Das hat sie nicht!" protestierte Hermione. "Das würde Kitty niemals tun!"
"Aber du siehst doch, dass..." schrie Ron.
Rosaline gab ihm einen Stoß.
"Nun reiß dich zusammen, Junge! Das wächst wieder nach!"
"Aber es tut höllisch weh!"

Es gelang Terry, seinen Kopf zu drehen. Auf den Regalen waren Bücher aufgereiht, die sich nach
längerer Begutachtung als seine Schulbücher für das nächste Jahr entpuppten.
"Praktisch. Aber mit wem soll ich nächstes Jahr Sex haben, jetzt wo Hermione weg ist?"
Eines der Bücher sprang vom Regal und krabbelte auf das Bett zu. Der Einband bestand aus einem
rosafarbenen Fell. Terry erkannte große blaue Augen auf dem Buchrücken, als das Buch die
Bettdecke erreichte. Es zwinkerte Terry an, spitzte kurz seinen roten Schmollmund zwischen den
Seiten und kicherte mit einer weiblichen Stimme.
"Ich ziehe die Frage hiermit zurück!"

"Wo bleibt Terry?" fragte Ron.


Er hatte sich auf einen freien Tisch gestellt und beobachtete Kitty. Sein Bein war wieder
nachgewachsen.
"Ich habe mir gerade überlegt...", sagte Rosaline zu Hermione, "...dass du dir das Futter für dein
Kätzchen ersparen könntest, wenn Ron hin und wieder..."
"Denk nicht mal daran!" protestierte Ron und murmelte: "Die Wirkung von Terrys Machtspruch war
offenbar nicht von Dauer ... meine Mutter behandelt mich schon wieder wie einen
Sozialhilfeempfänger!"
"Terry liegt auf dem Bett", sagte Hermione. "Wird schon runterkommen, mir doch egal..."
Hermione nutzte die Gelegenheit, ihr Schluchzen wieder aufzunehmen. Kitty schnappte nach Ron,
doch er konnte rechtzeitig auf einen anderen Tisch springen.
"Was hast du?", fragte er.
"Ich habe Terry verlassen!"
Ginny stieg vom Schoß des Mannes herunter und umarmte Hermione, was sie mit mitfühlendem
Heulen unterlegte.
"Dieser Mistkerl!", sagte sie.
Hermione legte ihren Kopf auf Ginnys Schulter und fragte:
"Wie konnte ich ihn jemals lieben?"
"Wie konnte er dir so etwas antun?"
"Und vor allem: Worum geht es überhaupt?", fragte Terry lächelnd. "Hab ich was verpasst?"
Er lief die Treppe hinunter. Hermione verschränkte die Arme und schrie:
"Du weißt genau, was los ist!"
"Kann schon sein", meinte Terry. "Ich habe gerade mein Pflege-absurder-Geschöpfe-Schulbuch
davon abgehalten, mich zu vergewaltigen, was mich etwas verwirrte."

Auf einmal flitzte Terrys Alligator neben ihm die Stufen hinunter, dicht gefolgt von Albert, der
versuchte, ihn einzufangen. Das Reptil hielt kurz inne und analysierte seine Umgebung. Als es Kitty
entdeckte, war es nicht mehr zu stoppen. Auch seine geringe Körpergröße von etwa 30 Zentimetern
hielt den Alligator nicht davon ab, Hermiones Geparden durch die Kneipe zu jagen. Ron stieg
erleichtert vom Tisch hinunter, während die anderen Gäste schockiert auf ihre Tische hinauf stiegen.
"Terry!", kreischte Hermione. "Fang gefälligst dieses Untier ein!"
"Ah, jetzt verstehe ich: Du hast mich nur verlassen, damit ich dich wieder einfange! Muss wohl so ein
pupertäres Spielchen sein..."
"Ich rede von dem Krokodil!"
"Das ist ein Alligator, du Tierfamilienklassifizierungsamateurin! Die entwickeln und bewegen sich
langsamer, werden dafür aber viel älter als echte Krokodile."
Der Alligator biss Kitty ins Bein und sie jaulte. Albert gelang es, das Reptil einzufangen. Er trug es
zurück in Terrys Zimmer und sperrte es in seinem Käfig ein.
"Ha! Späte Rache kommt zuletzt!", stellte Ron fest und deutete erhaben auf den Geparden.
"...wobei mein Alligator eine beachtliche Geschwindigkeit an den Tag gelegt hat. Ich glaube, ich
nenne ihn ... Deserteur!"

Ginny lief zu dem Mann, auf dessen Schoß sie gesessen hatte und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Sie
küssten sich und der Mann verließ die Kneipe.
Ron übergab sich beim Anblick des Kusses auf Kitty und Terry verzog das Gesicht, als er sagte:
"Uaargh! Was sollte das denn sein? Umgedrehte Pedophilie!? Da lasse ich mich doch lieber von
meinem Schulbuch vergewaltigen, als mir so etwas nochmal anzusehen!"
"Du bist echt abartig, Ginny!", ächzte Ron.

"Die Axt im Haus erspart den Zimmermann", stellte Schiller fest. "Ich hoffe für dich, die Zensur ist
dahin wie der Adel."
Ich schrak auf.
"Sonst was?"
"Sonst hast du jetzt ein Problem..."
"Ach, das ist doch nur Satire. In einer Demokratie entscheidet das Volk, oder zumindest die Mehrheit
davon, was geschrieben werden darf. Das Volk und die Leute von der BPJM. Eigentlich nur die Leute
von der BPJM. Ach ja, und die Leute von den anderen Zensurbehörden für Radio und Internet. Aber
die werden das schon richtig verstehen."
"Zensoren und richtig verstehen? Sie zählen ihrer Scheren drei, selbst das gelingt nicht immer. Und
was ist Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn, Verstand ist stets bei wenigen nur gewesen!"
"Es ist der Staat, der die Freiheit der Kunst gewährleisten muss!"
"Und es ist der Staat, der bestimmt, was Kunst ist. Ja, der Staat muß untergehn, früh oder spät! Wo
Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet! Was ist es, was er heute tut, der Staat? Mit meinem
Werke ziert er sich, daran ersticken sollt er! Dieser Betrug, wie kann er sein?"
Schiller empörte sich mittels großzügigem Gesteneinsatz.
"Das ist einfach: Dein großer Fanclub besteht weitestgehend aus pseudointellektuellen Snobs und
dem Teil des Adels, der immernoch nicht an Erbkrankheiten zugrunde gegangen ist. Die haben deine
Bücher nie gelesen und wenn gelesen, nie verstanden."
"Donner und Doria! Was liest demnach das junge Blut, Hoffnung der Nation, Aufstand in den Adern?"
"Nichts, höchstens Harry Potter."
"Also nichts. Eine Schande, die Kunst ist die Tochter der Freiheit! So geht beides dahin."
"Hm. Ein Weichei bist du nicht gerade."
"Schrieb das einer?"
"Ich käme nie auf die Idee..."

Auf einmal verschwand Karl Grievly in einem der zahlreichen Hinterzimmer des Tropfenden Bechers.
Terry konnte gerade noch sehen, wie Karl ihm signalisierte, dass er ihm folgen solle. Nun brauchte
Terry eine überzeugende Ausrede.
"Ich glaube, ich habe gesehen, wie ein Sifferin in den Raum dahinten gegangen ist. Besser, ich
vergewissere mich."
"Wozu?", fragte Rosaline, die ihren Mann auf der Toilette glaubte.
"Es kann doch nicht angehen, dass sich ein Sifferin in meiner unmittelbaren Umgebung befindet und
lebt!"
Mit diesen Worten begab sich Terry in das Hinterzimmer zu Karl.
Rosaline zuckte mit den Schultern.
"Terry-Logik...", bemerkte Hermione und verzog das Gesicht.
Ginny nickte verständnisvoll.
"Darum hast du ihn also verlassen: Er hat einen notorischen Drang, seine Mitmenschen zu ermorden.
Aber findest du nicht, dass du ein wenig überreagierst, wenn du ihn deshalb gleich verlässt?"
"Bitte!?"
"Jeder hat doch so seine kleinen Ticks: Ron stirbt bei jeder Gelegenheit, ich treib's mit jedem und
Terry bringt andere Menschen um. Was ist denn schon dabei?"
Hermione schlug mit der Faust auf den Tisch. Sie stand am Rande der Verzweiflung.
"Es ist falsch! Es ist ethisch falsch! Gewalt sollte das letzte Mittel sein, Konflikte beizulegen und nicht
das erste!"
"Du nimmst mal wieder alles viel zu genau."
Hermione ließ resigniert den Kopf sinken und murmelte: "Die ganze Welt ist verrückt geworden..."

Terry betätigte den Lichtschalter. Das Hinterzimmer entpuppte sich als Weinkeller. Den
Höhenunterschied zum Speiseraum hatte Mr. Grievly hinter sich gelegt, indem er die Treppen
hinunter gefallen war. Terry folgte ihm, weniger sportlich, indem er einen Fuß vor den anderen
setzte.
"Was gibt's?"
Karl raffte sich stöhnend auf und flüsterte:
"Das Ministerium möchte nicht, dass du es erfährst, aber ich finde, du hast ein Recht darauf: Der
Mann, der aus Achterbahn ausgebrochen ist - Joe Black - er ist hinter dir her!"
"Ich weiß."
"Du weißt es schon? Aber woher?"
"Der Zaubereiminister hat es mir erzählt. Eine sehr unsinnvolle Vorgehensweise, wenn er offiziell
nicht möchte, dass ich davon erfahre, aber das ist eben Politik, nehme ich an."
"Es ist furchtbar, von einem Massenmörder verfolgt zu werden, nicht wahr? Du musst zutiefst
verängstigt sein, mein Junge..."
Karl tätschelte Terrys Schulter.
"Ach, muss ich das? Ich muss gar nichts, außer sterben. Und das möglichst nicht in nächster Zeit.
Obwohl, ist mir eigentlich egal."
"Das ist sehr ... mutig von dir, Terry! Aber unterschätze Black nicht! Er ist ein extrem gefährlicher
Magier!"
"Ach, das sagt man von Himmler auch. Und der ist ein unfähiger Trottel. Außerdem gibt es so viele
Leute, die mich umbringen wollen: Himmler, die Sifferins, Hermione, die katholische Kirche... - da
kommt es auf einen weiteren nun wirklich nicht mehr an."
"Nun gut. Dann wird es dir leicht fallen, mir etwas zu versprechen..."
"...ich soll mir das Blut aus den Haaren waschen? Schade, ich finde es sehr stilvoll. Aber gut, ich sollte
es mal wieder durch frisches Blut ersetzen."
"Nein! Wobei... ja, auch, nur ohne den Teil mit dem frischen Blut! Aber, worum ich dich bitten wollte:
Versprich mir, nicht nach Black zu suchen!"
"Warum sollte ich nach jemanden suchen, der mich umbringen will? Obwohl: Gute Idee! Ich könnte
ihm zuvorkommen! Aber vorher möchte ich mich davon überzeugen, dass er es tatsächlich auf mich
abgesehen hat und wirklich ein Massenmörder ist, ich hege nämlich begründete Zweifel an seiner
Schuld..."
"Versprich es mir! Nein, schwöre es bei Merlin!"
"Meine Nachforschungen haben ergeben, dass Merlin nur eine Sagengestalt war. Es ist sinnlos, bei
einer erfundenen Figur zu schwören."
"Dann schwöre bei Gott!"
"Auf Leichen zu schwören hat einen nekrophilen Touch, der mir nicht gefällt."
"Dann schwöre bei - woran auch immer du glaubst!"
"In Ordnung: Ich schwöre bei Nichts, dass ich nicht nach Black suchen werde."

Kapitel 5: Der Konservator

"Was soll das heißen, hier ist nicht Holland? Ich habe mich auf den Käse gefreut! Und was tragt ihr
hier für dämliche Klamotten?"
Bill Tür, amerikanischer Präsident, auf Staatsbesuch in Palästina

"Ah, endlich zurück im Rowlingstone-Express!"


Terry legte die Beine auf den Sitz gegenüber, bis sie Hermione von ihrem Schoß entfernte, und
schlürfte an einem Trinkhalm, der in einem Strohrum-Cocktail* steckte. Ron saß neben Hermione am
Fenster und betrachtete die Landschaft, wie sie stilvoll am Zug vorbeizog. Kitty machte es sich über
Hermiones Gepäckablage bequem, während Deserteur mit Albert im Käfig auf der Ablage gegenüber
verweilte. Terrys rechter Platz war leer, aber links neben ihm saß Professor V. J. Dracula, glaubte man
der Plakette an seinem Koffer. Er hatte sich in seinen schwarzen Umhang gekuschelt, in Kreisen
elitärer Blutsauger auch als Cape bekannt, so dass sein Gesicht nicht zu sehen war und ihn die
Sonneneinstrahlung unbehelligt ließ. Im Gegensatz zu Terry, der seine Sonnenbrille aufsetzte.

* Strohrum mit Eiswürfeln und einem Schirmchen darin.

"OK, wie zur Hölle komme ich hierher!? Gerade eben war ich noch im Tropfenden Becher und habe
mit Mr. Grievly gesprochen!"
Die Tür des Abteils öffnete sich und ein Servierwagen voller Süßigkeiten und Käfern erschien in Terrys
Blickfeld. Dahinter stand eine dicke Frau.
"Möchtet ihr etwas Süßes, Kinder?"
Terry lächelte großzügig. Er betrachtete es als soziale Tat, etwas zu kaufen.
"Ja, warum nicht. Aber nichts Lebendiges, wenn möglich."
Die dicke Frau wählte etwas vom Wagen aus und betrat das Abteil.
"Wie wäre es mit diesen?"
Auf einmal verwandelte sich das Gesicht der dicken Frau in mein Gesicht, in das Gesicht des Autors.
Terry versuchte seinen bescheidenen Mageninhalt bei sich zu behalten.
"Mir ist gerade der Appetit vergangen!"
"Entschuldige, Terry! Es ist nicht so leicht, als Autor frei herumzulaufen. Vor allem hier nicht. Die
Kinder wollen dann gleich alle ein Autogramm haben."
Einer der Käfer, die sich als Schokokäfer erwiesen, krabbelte von meiner Hand auf meine Schulter
und sagte:
"Ja, in deinen Träumen!"
Bei dem Käfer handelte es sich um einen Schokohirschkäfer mit dem Gesicht von Friedrich Nietzsche.
"Hey! Ich dachte, du wärst jetzt netter und würdest die Welt aus einer ironischen Perspektive
sehen!"
"Das tue ich doch!", quietschte der Nietzschekäfer. "Alles sehr ironisch hier, sehr witzig, vor allem du
als dicke Frau, aber das ändert die Lage nicht, dass du ein schlechter Schriftsteller bist!"
"Jetzt weiß ich, warum Hirschkäfer kurz vor dem Aussterben stehen!"
Hermione warf einen skeptischen Blick auf das Dicke-Frau-Ich und den Nietzschekäfer.
"Entschuldigt, ihr Zwei! Was macht ihr eigentlich hier?"
"Runter von meiner Schulter, du Ungezieferphilosoph! Was? Achso, oh ja: Ich bin hier, um euch zu
erklären, wie ihr so schnell vom Tropfenden Becher in den Rowlingstone-Express gekommen seid. Es
handelt sich um ein erzähltechnisches Stilmittel namens Handlungssprung. Es dient dazu, langweilige
und unwichtige Passagen zu überspringen, wie etwa euren Besuch in der Quantengasse, wo ihr eure
Schulbücher gekauft habt."
Ron starrte verdutzt mein Dicke-Frau-Ich an.
"Dann müssen wir uns die ja gar nicht mehr kaufen, oder?"
"Nein, das habe ich für euch erledigt."
"Ah, danke", sagte Ron.

Plötzlich ertönte ein flehendes Stöhnen von unter dem Servierwagen.


Hermione erschrak.
"Was ist das?"
"Ach, kein Panik! Das ist nur ein Sifferin, den ich auf dem Weg hierher überfahren habe. Er hängt
jetzt unter dem Wagen fest."
"Hervorragend", lobte Terry.
"Unfassbar!", meckerte der Nietzschekäfer.
Terry unterzog den Servierwagen einer genaueren Betrachtung.
"Wo ist eigentlich Darwin abgeblieben?"
"Der hängt in den USA bei den Brights rum und versucht, die Mehrheit der Bevölkerung davon zu
überzeugen, dass sie sich irrt und die Erde durchaus nicht erst ein paar tausend Jahre alt ist und
innerhalb von sechs Tagen erschaffen wurde. Aber ich habe einen Ersatz für ihn."
Ich riss eine Schokoschrecken-Packung auf, öffnete das Fenster und warf das giftige Tier hinaus,
bevor es mich beißen konnte. In der Packung befand sich außerdem eine magische Sammelkarte und
wie es der narrative Determinismus so wollte, zeigte sie Friedrich Schiller. Terry zog verdutzt die
Augenbraue hoch.
"Lebt der nicht in Flunder & Bluffs?"
"Er hatte keine Lust mehr, Stress mit Goethe. Schiller hat ihm vorgeworfen, seine negative Haltung
gegenüber der Kirche nicht klar genug zu äußern, während Brecht Schiller vorgeworfen hat, genau
den selben Fehler zu machen. Also ist er zu mir gekommen und muss sich nun mit Nietzsche
auseinandersetzen."
"Ihr seid schon ein verstrittener Haufen."
"Ja, aber die Kunst vereint uns."
Der Nietzschekäfer lachte.
"Oder das, was du als Kunst bezeichnest!"
"Wie auch immer. Hier, nehmt die Schokolade, die gibt es umsonst."
Ich verteilte Süßigkeiten unter den Kindern, verabschiedete mich, gab der dicken Frau ihren Körper
zurück und verschwand zusammen mit Schiller und Nietzsche zurück in mein Lebkuchenhaus.

"Das war krank", stellte Terry fest. "Ach ja: Black ist ausgebrochen, um mich umzubringen."
Ron erschrak und erstickte an einer von Kai Killers Bohnen aller Geschmacksrichtungen. Sogar
Hermione konnte ihre Sorge nicht ganz verbergen.
"Black sucht nach dir?", fragte sie. "Woher weißt du das?"
"Rons Vater hat es mir erzählt. Und der Zaubereiminister."
Hermione biss in ihre Hand, bis sie der Schmerz eines Besseren lehrte.
"Das ist ja furchbar!"
"Ach was."
Ron kehrte ins Leben zurück und sagte:
"Es ist vor Black noch niemals jemand aus Achterbahn ausgebrochen!"
Terry unterbrach sein Trinkhalm-Schlürfen, um Folgendes anzumerken:
"Wenn noch niemals jemand dort ausgebrochen ist, von wem weiß man dann von der niedrigen
Fluchtquote?"
Hermione schüttelte den Kopf.
"Von den Wächtern, von wem den sonst?"
"Von den Konservatoren?", fragte Ron. "Also, ich halte die nicht für zuverlässige Zeugen."
"Da seht ihr!", sagte Terry und dachte: "Jetzt habe ich mit diesem Unsinn sogar Recht! Ha!"

Schwarze Wolken zogen auf. Es begann zu regnen. Donner groll, Blitze zuckten - und das alles
innerhalb von 10 Sekunden.
"Das Wetter hier hat recht individuelle Vorstellungen von meteorologischen Zusammenhängen, wie
mir scheint", kommentierte Terry.
Etwas Böses kündigte sich an, wie in jeder Geschichte, in der ein Unwetter hereinbricht. Ron und
Hermione wurden still, nur Terry nahm sein Trinkhalm-Schlürfen wieder auf. Der Regen verwandelte
sich in Schauer. Ron beobachtete, wie ein Blitz in einen Baum einschlug und er in Flammen aufging.

Schlürf.

Auf einmal quietschten die Bremsen des Zugs und er kam zum Stillstand. Ein Koffer fiel auf Rons
Kopf. Die Lichter gingen aus.

Schlürf.

Dunkelheit. Angst. Langweile, was Terry anging.

Schlürf.

Der Wind wurde zum Sturm. Sein Pfeifen drang durch den Zug. Panikschreie unterstützen ihn. Kitty
sprang auf Ron.
Schlürf.

Die Tür des Abteils knarrte. Hermione schrie.


"Ruhe!"
Professor Dracula war endlich erwacht. Er stand mitten im Abteil. Ein rotes Leuchten ging von seinem
Zauberstab aus. Sein Gesicht war bleich, aber wach.

Schlürf.

Die Tür öffnete sich und eine Gestalt schwebte in das Abteil. Eine dunkelbraune Mönchskutte
umhüllte sie, ein undurchdringlicher Schatten ruhte auf ihrem Gesicht. Terry erkannte ihre Hand, die
wie tot und abgenagt aus den Ärmeln der Kutte hervordrang.
"Bleib wo du bist, unheilige Kreatur!", verlangte Professor Draculas feste Stimme.
Auf einmal nahm die Gestalt tief Luft und mit etwas Pech nicht nur die. Terry hörte Stimmen. Sie
waren schwer zu verstehen. Sie klangen wie:

"... Ausländer ... nehmen ... Arbeitsplätze ... weg ... verdammte ... Juden ..."

Schlürf.

Eine extreme Hitze breitete sich überall im Abteil aus. Sie ging bis in die Haut, kochte das Gehirn. Auf
einmal vergaß Terry das Pauli-Prinzip der Quantenmechanik, was ihm die Weiterentwicklung der
relativistischen Quantenfeldtheorie erschwerte, an der er momentan im Geiste arbeitete.

Er hörte die Stimme einer Frau. Sie schrie. Es war ein grässlicher, flehender, weinerlicher Schrei, fast
wie das Kreischen junger Hexen auf Waving-Flags-Konzerten, nur dass er Terry bekannter vorkam, als
habe er ihn schon öfter gehört. Ein fieses Bösewicht-Lachen gesellte sich dazu und ein grünes Licht
erschien in der Dunkelheit. Terry wollte jemanden umbringen, bestenfalls den Verantwortlichen.
Doch plötzlich: Schwärze und Lautlosigkeit machten ihm einen Strich durch die Rechnung.

"Terry, Terry! Geht es dir gut?"


Terry hörte Hermiones Stimme immer deutlicher. Sie hatte sich über ihn gebeugt und schüttelte ihn
an der Schulter. Das schlechte Wetter war verschwunden, die Sonne schien wieder. Professor
Dracula saß auf seinem Platz und wühlte in seinem Koffer, während Ron allmählich aus Kittys Rachen
hervorkroch.
"Hier, trinkt das!", forderte Professor Dracula. "Es wird euch helfen."
Er verteilte an jeden ein Reagenzglas, das mit einer roten Flüssigkeit gefüllt war.
"Was ist das?", fragte Hermione.
Professor Dracula schüttelte demonstrativ eines der Gefäße.
"Blut!"
"Igitt!"
Hermione wendete den Blick ab und verzog das Gesicht.
"Was habt ihr denn? Es wird euch helfen! Mich hält es sogar am Leben."
"Sie können doch nicht von uns verlangen...", protestierte Hermione.
"Also, runter damit!"
Terry steckte seinen Trinkhalm in das Reagenzglas und trank es genüsslich aus.
"Gar nicht mal schlecht."
Terry spürte, wie sich sein quantenmechanisches Gedächtnis regenerierte.
"Ja, ich weiß es wieder!"
Widerwillig nippten Ron und Hermione an ihrem Glas.
"Hey, das schmeckt ja gar nicht wie Blut!", bemerkte Ron, der den Geschmack seines Blutes sehr
genau kannte.
"Es schmeckt eher wie ein Himbeer-Milchshake", bestätigte Hermione.
"Ja, meine eigene Mischung", erklärte Dracula stolz.
Terry stand auf wie frisch gebacken.
"Nun gut: Wo ist der Konservator hin?"
"Woher weißt du, dass...", begann Ron zu fragen.
"Logisches Denken. Es ist sehr wahrscheinlich, dass es sich um die Wächter von Achterbahn handelt,
die nun versuchen, Black wieder einzusacken. Da er schließlich hinter mir her ist..."
"...suchen sie in deiner Gegenwart. Na toll, dann werden sie auch in Rowlingstone umhergeistern!"
Hermione seufzte.
"Früher oder später, ja. Also: Wo ist er?"
"Warum willst du das wissen? Ich habe ihn vertrieben, das reicht doch vorerst, oder nicht?", fragte
Dracula.
"Ich möchte seine Konsistenz untersuchen, vor allem seine Bleiverträglichkeit. Denn niemand löscht
ungestraft hohe Physik aus meinem Gedächtnis!"
Dracula zog eine Braue hoch.
"Die Konservatoren schweben wahrscheinlich bereits in Richtung Schule, aber..."

Terry schnappte sich seinen Koffer von der Gepäckablage und holte sein schwarzes Snowboard
heraus. Er rannte zu einer Wagontür, öffnete sie, warf sein Board hinaus, bereute es und sprang. Er
landete kurz vor dem Aufprall auf seinem fliegenden Untersatz, um sofort an Höhe zu gewinnen und
den Wolken entgegen zu fliegen. Er pfiff seinen Wanderfalken herbei. Nach einer halben Minute
landete Albert auf Terrys Schulter.
"Wo..."
"Die Kreaturen, die du suchst, befinden sich einen Kilometer weiter nördlich."
"Danke, Albert."
Terry bahnte sich seinen Weg über Wälder und an Vogelschwärmen vorbei, nur Albert konnte einem
Spatzen nicht mehr ausweichen, wodurch er sich die Suche nach einem Mittagessen ersparen
konnte. Mit seiner Beute in der Klaue flog er Terry hinterher.
"Ich bin dann weg, wenn du mich nicht mehr brauchst", sagte er. "In Oldfarmersville gibt es ein
Honigblüten-Erntedankfest und für Wanderfalken ist der Eintritt kostenlos."
"Oh, schön! Also, man sieht sich, Albert!"
Terrys gefiederter Freund machte einen Abflug in Richtung Erntedankfest, während sich der Junge
mit einem garstigen Anblick auseinandersetzen musste.

Vor Terry erschienen gut 50 Konservatoren. Sie hielten sich in einer Schlechtwetterzone auf, die sie
auf ihrem Weg begleitete. Gelegentlich wurde einer von ihnen vom Blitz getroffen. Terry zog seine
Avengers.

Eines der Wesen entdeckte den Jungen. Es tippte einem Kollegen auf die Schulter, der sich umdrehte
und ebenfalls Terry anglotzte. Vermutlich zumindest, schließlich waren die Augen der Konservatoren
nicht zu sehen, falls sie überhaupt welche hatten. Aufgrund ihrer kollektiven Intelligenz, oder
aufgrund ihrer kollektiven Dummheit, was Terry dachte, bemerkten auf einmal alle dunklen
Gestalten, dass sich zwei von ihnen umgedreht hatten und taten es ihnen gleich. Im Chor gaben sie
ein Geräusch von sich, dass etwa so klang:

"Kreuuuuchzlschluchzzzz! Stööööhnohstirbbbb! Verseucheeee!"


Terry lachte.
"Eure rhetorischen Fähigkeiten sind wirklich beachtlich! Mit ein wenig Übung könnt ihr vielleicht
sogar Horst Köhler Konkurrenz machen!"
"Niiiieeeemalchz!"
"Ja, das befürchte ich auch."
Die Kreaturen aktivierten ihre Rachen-Saugpumpen und flogen auf Terry zu, der versuchte, sein
Lachen einzustellen. Die dunkelbraunen Gestalten brachten den heftigen Regen und die
Gewitterwolken mit sich. Terry richtete seine Waffen auf die Konservatoren und feuerte. Das Blei
durchlöcherte die Kutten, die Wesen darin schien es jedoch nicht zu verletzen.
"Na schön, probieren wir es damit!"
Terry aktivierte die Feuerball-Funktion seiner Avengers. Die Kutten verbrannten, ohne zu
verbrennen, so ähnlich wie Dornbüsche, und erlöschten schließlich wieder.
"Hey, sterbt endlich! Das kratzt allmählich an meinem Selbstbewusstsein!"
Terry schaltete auf Mini-nukleare-Detonationen, musste aber einem Konservator ausweichen, in dem
er an Höhe gewann und auf seinen Kopf sprang. Terry duckte sich unter der epischen Saugkraft eines
anderen Wesens hindurch und beschleunigte. Als sich die Konservatoren umdrehten, um Terry zu
verfolgen, hatte er bereits genug Abstand gewonnen, um seinen Angriff wieder aufzunehmen. Die
kleinen Atombomen ließen die Wesen erst verbrennen, dann verfaulen. Das schien ihnen aber nicht
viel auszumachen und sie gingen schon wieder in die Offensive.
"Ich fühle mich bedrängt... Wisst ihr: Es gibt ein Gesetz gegen Stalking!"
Die Konservatoren umstellten Terry, sogar von oben und unten, was der Vorteil einer Luftschlacht
war. Terry aktivierte Säuremunition und Schnellfeuer. Er gab eine Salve auf jede einzelne Gestalt ab,
was sehr beeindruckend aussah, denn Terry musste sich dazu innerhalb von Sekunden mit seinem
Board um 1080° drehen und die Arme während der Drehung in verschiedene Postitionen bringen,
wobei er zusätzlich sehr gut Zielen musste und gelegentlich auf dem Kopf stand. Deshalb griff er auf
den Zeitlupen-Trick zurück, obgleich er schon ahnte, dass die Konservatoren ebenfalls diese Technik
beherrschten. Allerdings versuchten sie gar nicht, auszuweichen. Terry konnte die Regentropfen
dabei beobachten, wie sie neben ihm zur Erde fielen und sah, wie sich die Blitze langsam und
wirkungslos in seine Feinde entluden. Die bösartigen Wesen lösten sich in Säure auf, nur um sich
sofort wieder zu regenerieren.

"Ich gebe zu: Jetzt habe ich ein kleines Problem! Kein Die-Konservative-Partei-ergreift-die-Macht-
Problem, aber ein Problem..."
Die Gestalten sogen wieder etwas ein, von dem Terry inzwischen wusste, dass es sein Verstand war.
Die Stimmen ertönten erneut:

"... Traditionen ... bewahren ... Sonntags ... in ... die ... Kirche ... gehen ... Maibaumfest ..."

Gerade als Terry die letzten kleinen Rätsel der Evolutiontheorie löste, bemächtigte sich eine
unerträgliche Hitze seinem Verstand. Er hörte wieder die Schreie, sah das grüne Licht und fragte sich,
wie oft er diese blöde Vision noch ertragen musste, als er plötzlich bewusstlos wurde. Unendliche
Stille umgab ihn, kein Lichtstrahl war zu sehen. Terry fühlte sich ... tot.

Kapitel 6: Tod eines Hauptcharakters

"Aua, das muss weh tun! Hättest wohl nicht gedacht, dass es wirklich jemanden gibt, der ohne Schuld
ist, nicht wahr?"
Bill Tür zu Jesus Christus

Der Rowlingstone-Express hielt am Bahnhof von Schweinsdorf. Hermione blickte ungläubig aus dem
Fenster, während Ron versuchte, seine Hand aus Kittys Maul zu ziehen.
"Wo sind wir denn hier?", fragte sie und wurde auf ein Schild aufmerksam. "Schweinsdorf? Aber der
Zug hat doch noch nie hier gehalten! Soweit ich weiß, gibt es hier nicht einmal einen Bahnhof!"
"Du musst eben mit der Zeit gehen", sagte Ron. "Dinge ändern sich."
Professor Dracula sammelte seine Sachen ein.
"Aber Schweinsdorf ist mehrere Kilometer von der Schule entfernt! Jetzt müssen wir unsere Koffer
den ganzen Weg über schleppen, anstatt sie gleich bei Rowlingstone abzuladen!"

Die Kinder nahmen widerwillig ihre und Terrys Koffer von der Ablage und stiegen aus. Schweinsdorf
entpuppte sich als Ansammlung von Fachwerkhäusern, alten Springbrunnen, Spielplätzen und sogar
Kirchen, wohl um den Tourismus anzukurbeln. In der magischen Dimension gab es keine Religionen,
die Zauberer hielten es für sinnvoller, die Wahrheit in Kristallkugeln zu suchen.
"Niemand hat unsere Erlaubnis sehen wollen!", beschwerte sich Hermione.
Ron zog mit Müh und Not seine und Terrys Koffer hinter sich her.
"Die verlangen sie bestimmt später noch."
"Wozu? Jetzt waren wir doch schon alle in Schweinsdorf!"
"Also, Hermione...", ächzte Ron. "Kaum ist Terry für ein paar Stunden verschwunden, glaubst du
schon, ihn ersetzen zu müssen."
"Terry! Ich hoffe, ihm ist nichts zugestoßen!"
Sie liefen um eine Kurve. Rowlingstone lag an der Spitze eines Berges und der Weg schlängelte sich
beschwerlich nach oben.
"Dem stößt doch niemals etwas zu. Und wenn doch, dann ersteht er wieder von den Toten."
"Er ist nicht du, Ron! Es war pures Glück, dass er Gott besiegen konnte. Diesmal gibt es vielleicht kein
Jenseits!"
"Ach, es gibt so viele Jenseitsversionen, da wird doch noch eines übrig sein. Warum interessiert dich
das überhaupt, ihr seid doch nicht mehr zusammen?"
"Deshalb muss ich meinem Ex-Freund noch lange nicht den Tod wünschen!"
"Die meisten Frauen tun das."
Eine Fledermaus flog an Ron und Hermione vorbei. Sie schleppte mühevoll Professor Draculas Koffer
hoch zum Schloss.

Währenddessen in der Hölle. Der Teufel spitzte seine Hörner und betrachtete einen Neuzugang.
"Ich wusste, dass du irgendwann hier auftauchst", sagte er. "Hast wohl nicht damit gerechnet, dass
es wirklich ein Leben nach den Tod gibt, was?"
Der Papst traute seinen Augen kaum. Aber da stand er nun: Belzebub, Satan, der Teufel! Vernichter
des Guten, Verführer der Gläubigen, Verwalter einer gewaltigen unterirdischen Bürokratie. Der
heilige Vater nahm seine Mütze ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
"Das kann nicht wahr sein!", sagte er. "Die Wissenschaft negiert diesen Ort!"
Satan lachte. Der Papst hörte die Schmerzensschreie all jener, die zu Lebzeiten an Gott geglaubt
hatten und es für sinnvoll hielten, seine widersprüchlichen Gebote zu brechen. Diese Definition traf
auf alle gläubigen Christen zu.
"Einen Vertreter der gehobenen Klerikerkaste hier zu empfangen ist immer der Höhepunkt des
Tages. Ihr glaubt kein Wort von dem, was ihr predigt, bis ihr hier auftaucht."
"Lass mich das übernehmen", sagte eine männliche Stimme. Eine sakrale Figur erschien im Schatten.
Das Licht des Höllenfeuers beleuchtete sie flackernd.
"Jesus Christus!"
Der Messias lachte sein bösartigstes Lachen, wobei ihm die langen Haare ins Gesicht fielen.
"Verdammt..."
Er strich sich die Haare aus dem Gesicht und setzte seine Dornenkrone auf, damit sie blieben, wo sie
waren.
"Na, wen haben wir denn da? Judas!"
Der Papst zitterte.
"Nein, nein, das kann nicht sein!"
Jesus zeigte drohend auf seinen weltlichen Vertreter.
"Du Verräter! Deine Kirche gibt nur hohle Phrasen von sich, mit ihrem Lametta und ihrem Firlefanz!
Und die Sache mit meinem Leib und meinem Blut! Ihr glaubt tatsächlich, Hostien und Wein würden
sich in eurem Körper in mein Fleisch und mein Blut verwandeln! Und dann fresst ihr mich auf wie
Kanibalen! Ihr habt einen an der Waffel, dass es nicht mehr schön ist! Dann kommt einer von euch
auf die Idee, zu behaupten, er vertrete mich auf Erden! Diese Anmaßung! Und handelt er nach
meinen Worten? Hilft er den Armen? Predigt er Vergebung und Versöhnung?"
Der Papst murmelte etwas.
"Sprich lauter, du Wurm!"
"Du hast aber auch gesagt, dass du das Schwert bringst und nicht den Frieden!"
"Diese Bibelstelle stammt nicht von mir. Und diese Frauen-sind-Sklaven-Passagen auch nicht.
Außerdem habe ich nichts gegen Homosexuelle, oder glaubst du etwa, ich wäre so ein konservativer
Idiot wie du?"
Der Papst begann zu heulen.
"Aber wie sollte ich das wissen?"
"Tja, so ein Pech, nicht wahr? Und jetzt wirst du bis in alle Ewigkeit brennen und mit den Zähnen
knirschen!"
Ein Gongschlag ertönte durch die Hölle.
"Oh", sagte Jesus. "Ich muss gehen. Aber ich komme wieder! Dich foltere ich höchstpersönlich!"
"Ich bitte um Vergebung!", winselte der Papst.
"Ha! Das kannst du voll vergessen! Ich vergebe nur Leuten, die es ernst meinen! Und nun muss ich
los, meine Genossen von der Kommunistischen Partei warten schon auf mich."
Der Papst begann zu schreien:
"Neeeeeeein!"
"Das haben Reagan und McCarthy auch gesagt. Hahaha!"
Jesus verließ das Willkommens-Pentagramm. Der Papst fiel auf die Knie.
"Aber, aber... wieso bin ich hier? Ich habe doch nie wirklich an Gott geglaubt!"
"Willkür sollte dir doch bekannt sein, von deinen Bibelstudien. Ach nein, du hast ja auch diesen
ganzen Unsinn von wegen Bildsprache da hinein interpretiert... Ich sei nur ein metaphorisches Wesen
und so weiter, ha! Diese modernen Pseudo-Christen erwartet eine schöne Überraschung, wenn sie
hier auftauchen!"
"Ich will nicht ins ewige Höllenfeuer!"
"Ach, wenn doch nur Terry hier wäre, um das zu sehen. Er fände es bestimmt sehr amüsant."

Endlich hatte Hermione Kitty und ihren Koffer im Mädchenschlafsaal Griffamtors gebunkert und
begab sich nun auf den Weg in die große Halle. Sie traf Ron vor dem Bild des dicken Mannes, der den
Eingang des Gemeinschaftsraums bewachte.
"Hi, Ron! Bei Ludmillas verwunschender Kaffeetasse, was bin ich froh, dass wir diesen Gewaltmarsch
endlich hinter uns haben."
"Du sagst es... Ich bin gespannt, was uns Gandalf über die Konservatoren erzählen wird. Und vor
allem, ob es etwas Neues über Terry gibt."
"Ach, Terry! Ich mache mir so große Sorgen um ihn!"
Hermione fiel Ron in die Arme.
"Es ist bestimmt alles in Ordnung. Terry ist doch viel zu arrogant, um einfach zu sterben."
"Oh Ron, ich danke dir, dass du versuchst mich aufzuheitern!"
Ein paar Sekunden später spürte Ron einen Widerstand in seinem Mund, ausgelöst durch Hermiones
Zunge. Sie ließ ihn los.
"Also echt, Hermione! Ich hätte nicht gedacht, dass du dich Ginny auf ihrem Sex-mit-jedem-Feldzug
anschließen würdest. Gut, die meisten Jungs hoffen darauf, dass ein neuer Trend aus der Sache wird.
Aber ich glaube das ehrlich gesagt nicht."
"Tut mir Leid, Ron. Ich weiß nicht, was über mich gekommen ist. Ich glaube es liegt daran, dass du so
eine bemitleidenswerte Kreatur bist. Du hast keine Freunde außer Terry und mir, weil du immerzu
stirbst. Deine Neigung zum Mortalen hält die anderen Mädchen davon ab, sich mit dir anfreunden zu
wollen und dabei bist du so ein netter Kerl. Es ist so ungerecht!"
"Äh, ja. Danke Hermione."
"Nein wirklich: Wenn du mit mir schlafen willst, ich habe kein Problem damit."
"Was!?"

"Daniel?"
Richard Dawkins, ein Evolutionsbiologe aus Großbritannien, stand vor einem Rednerpult, um erste
Schritte für eine neue Aufklärung vorzuschlagen. Das alte Lagerhaus, in dem sich die letzten, noch
nicht auf dem Scheiterhaufen verbrannten, Wissenschaftler der Vereinigten Staaten versammelten,
befand sich in einer namenlosen Kleinstadt irgendwo in Florida. Die Wissenschaft war zu einer
revolutionären Bewegung geworden in den christlich-fundamentalistischen USA. Der Philosoph
Daniel Dennett starrte mit offenem Mund in Richtung Eingangstür. So auch die anderen Mitglieder
der Brights-Bewegung. Was sich vor ihren Augen abspielte, erschütterte ihren Verstand zutiefst.
"Ja, Richard. Ich sehe ihn auch."
Charles Darwin, von fast allen Anwesenden als größter Wissenschaftler aller Zeiten verehrt, stand im
Türrahmen und strich sich durch den Bart, um die Zeit der allgemeinen Verblüffung zu überbrücken.
"Ich bin ein bisschen spät, tut mir Leid", sagte er schließlich. "Ich war gezwungen, den Inquisitoren
auszuweichen, die in Helikoptern über das Land fliegen, um über die Einhaltung des Technik-Verbots
zu wachen."
"Nun ist es passiert", stellte Daniel fest. "Wir sind alle verrückt geworden!"
Richard nickte.
"Ich sagte doch, wir hätten nicht so lange mit den Christen diskutieren dürfen!"
"Ich bin sicher, es gibt eine ganz natürliche Erklärung dafür", hakte James Randi ein. "Eine
Massenhalluzination, das muss es sein! Wir sind alle so verzweifelt, dass wir unseren Messias
herbeifantasieren."
Charles setzte sich auf seinen magischen Besen und flog nach vorne zum Rednerpult. Er stieg ab und
streckte Richard die Hand entgegen. Dawkins ergriff sie sofort.
"Irreal oder nicht, es ist eine große Ehre für mich, Sie kennen zu lernen! Sie waren mein Kindheitsidol
und sind mein Vorbild bis heute! Krieg ich ein Autogramm?"
"Aber natürlich. Ich hörte, du hast mich gut vertreten, mein Sohn", sagte Darwin und schüttelte die
Hand seines wohl eifrigsten Nachfolgers und größten Fans. Dann wandte er sich an die Zuhörer.
"Warum wundert ihr euch alle so? Ich habe doch prophezeit, dass ich am siebten Tag auferstehen, in
den Himmel der Vernunft fahren und irgendwann auf die Erde zurückkehren würde, um die
Menschheit von der Religion zu erlösen."
Randi blickte zu Boden und schämte sich.
"Natürlich war das nur ein Witz. Allerdings wird euch die Wahrheit auch nicht viel besser gefallen.
Zunächst einmal: Es gibt mindestens zwei Paralleldimensionen."
"So weit, so logisch akzeptabel", kommentierte Daniel.
"In einer dieser Dimensionen befinden wir uns jetzt."
"Gut...", meinte Richard.
"Die andere Dimension nennt sich: Die Magische Welt (®)!"
Ein entschiedenes "NEEEEIIIIN!!!" ertönte durch das Lagerhaus.
Darwin lachte.
"Ja, das habe ich auch zuerst gedacht. Aber wenn ich nach meinem Tod nicht in dieser Welt als Geist
hätte weiterexistieren können, wäre ich heute nicht hier. Außerdem basiert auch diese Dimension
auf Naturgesetzen, obgleich die ein wenig eigenwillig sind. Eines von ihnen macht sich immer über
mich lustig."
Das Publikum stöhnte bei der Erwähnung von Naturgesetzen erleichtert auf.
"Wie dem auch sei: Nun bin ich hier, um euch zu helfen! Also lasst uns ein paar Inquisitoren in ihren
unmündigen Hintern treten!"
Jenes Kommentar löste große Begeisterung aus. Die und einen Szenenwechsel.

Ron zog es vor, erst einmal nicht auf Hermiones Angebot einzugehen, bis die Sache zwischen ihr und
Terry geklärt wäre. Sie setzten sich an den langen Tisch ihres Hauses und sahen sich um. Einige neue
Schüler hatten sich zu den Nicht-Sifferins gesellt und Hermione war sofort klar, dass es sich um die
Waisen handeln musste, die Terry vor einem furchtbaren, christlichen Schicksal bewahrt hatte und
fragte sich, ob etwas, vor dem man bewahrt werden konnte, überhaupt die Bezeichnung Schicksal
verdiente. Gandalf stand vor dem Rednerpult und sah aus, als würde er in Kürze seine Ansprache
halten. Hinter ihm befand sich wie gewohnt der Esstisch der Lehrkräfte, diesmal mit Graf Dracula, der
versuchte, Professor Pimpf davon zu überzeugen, dass er sein Blut ohnehin nicht brauche. Von der
Decke des Saals fielen diesmal bunte Blätter herab und fahles Licht erzeugte einen herbstlichen
Effekt. Gandalf erhob seine Hände und signalisierte damit seinen Wunsch nach Ruhe. Diesmal war
seine Geste von eher geringem Erfolg gekrönt, weshalb er eine Tafel unter seinem Umhang hervor
holte und mit einer Kreide höchst unangenehme Töne auf ihr erklingen ließ. Diese Methode hatte
noch niemals ihre Wirkung verfehlt: Die Schüler kreischten und hielten sich die Ohren zu. Dann
waren sie still und Gandalf begann zu sprechen.

"Willkommen zu eurem ersten oder einem weiteren Jahr in Rowlingstone (Primzahlen nicht mit
eingeschlossen)! Ich muss euch ein paar Dinge sagen, sehr ernste Dinge. Diese Dinge handeln von
sehr schlimmen Dingen, die sich hier hoffentlich nie zutragen werden, von den Dingen abgesehen,
die dazu dienen, die Dinge zu vermeiden, die sich hier hoffentlich nie zutragen werden. Bei den
unvermeidlich-schlimmen Dingen handelt es sich um Konservatoren. Sie werden dieses Jahr
irgendwo in der Nähe der Schule umherschweben und euch Angst einjagen. Manchen von euch
werden sie wahrscheinlich den Verstand aussaugen. Diese Maßnahme dient der Vermeidung eines
weitaus schlimmeren Dinges, wie ich zumindest hoffe. Deshalb müsst ihr den Konservatoren
möglichst aus dem Weg gehen. Sie werden sich nicht von euch austricksen lassen, etwa indem ihr so
tut, als wäret ihr Sifferins und hättet ohnehin keinen Verstand. Am besten, ihr haltet euch
ausnahmsweise mal an das, was euch die Schülersprecher sagen, selbst wenn es von Alec stammt
und mit seiner Frisur zusammenhängt."
Die Schüler zitterten. Schon wieder hatte es jemand oder etwas auf sie abgesehen. Das wurde
allmählich zur Tradition. Gandalf räusperte sich und fuhr fort:
"Und nun zu etwas völlig anderem: Ich möchte euch zwei neue Lehrer vorstellen! Zunächst einmal
haben wir hier Professor Dracula, euer neuer Missbrauch-der-dunklen-Künste-Lehrer! Professor
Dracula, bitte stehen Sie auf!"
Vlad wischte sich das Blut von Professor Pimpf vom Mund und erhob sich. Mäßig begeisterter
Applaus war die Folge, nur Ron und Hermione freuten sich besonders über Draculas Ernennung zum
Lehrer, schließlich hatte er ihnen den Verstand, wenn nicht gar das Leben, gerettet. Man fragt sich,
ob der Verlust des ersten oder des zweiten schlimmer wäre.
"Lehrer Nummer zwei ist ein Mann, den ihr schon alle kennt. Er ersetzt einen Mann, dessen Namen
der Leser noch nie gehört hat und der nie wieder genannt wird, weshalb ich mir die Mühe erspare.
Hier ist der neue Pflege-absurder-Geschöpfe-Lehrer Rubeus Ragrid!"
Ragrid erhob sich. Seine Ähnlichkeit mit einem großen Affen war augenscheinlich. Wer ihn nicht
näher kannte, verspürte meist den Drang, ihn mit seiner Flinte zu erlegen. Es sei denn, er war
Tierrechtler, dann wollte er ihn meist freikaufen. Die Schüler jedoch applaudierten besonders
ausgelassen und freuten sich auf einen Lehrer, den sie ausnahmsweise nicht verabscheuten, wie
etwa Professor Snake, der von Gonekel davon abgehalten wurde, Dracula mit einem Todesfluch zu
belegen, damit er dessen Posten einnehmen konnte.
"Das hätten wir uns eigentlich denken können", stellte Ron fest. "Wer sonst steht unter genügend
Drogeneinfluss, um uns ein Schulbuch kaufen zu lassen, das den Drang verspürt, uns zu
vergewaltigen?"
Hausmeister Filz betrat den Speisesaal und rannte nach vorne zu Gandalf. Er flüsterte ihm etwas zu
und der Direktor verlor augenblicklich seine gute Laune. Als die Schüler seinen ernsten
Gesichtausdruck wahrnahmen, verstummten sie.
"Meine letzte Ankündigung ist die unerfreulichste. Mr. Filz hat mich soeben davon in Kenntnis
gesetzt, dass die sterblichen Überreste eines eurer Mitschüler unweit der Schule gefunden wurden.
Eine Gruppe Konservatoren kreiste über ihnen. Wahrscheinlich sind sie für seinen Tod
verantwortlich."
"Oh nein!", kreischte Hermione.
Ron tätschelte ihren Rücken.
"Das ist garantiert nicht Terry! Wird irgendein Sifferin sein oder so."
Gandalf versuchte seine Tränen zu unterdrücken.
"Die Überreste des Schülers wurden identifiziert. Es handelt sich um Terry Rotter."
"...oder auch nicht", murmelte Ron.
Alle Schüler bis auf die Sifferins stöhnten schockiert auf. Terrys Erzfeinde stöhnten auch auf,
allerdings aus Erleichterung.
Gandalf konnte kaum noch sprechen.
"Er ... er war ... er hat das Leben von jedem von uns schon mehrmals gerettet, Sifferins
ausgenommen. Und er ist aktiv für das Wohl der Magischen Welt eingetreten, vor allem indem er
seinen Großvater, den dunklen Lord, und dessen Anhänger bekämpfte. Seine Methoden waren
strittig, doch sein Erfolg unbestreitbar. Wir verlieren mit Terry einen der populärsten Charaktere
unserer Dimension. Sein Einsatz für das Gute ist unerreicht, so wie auch seine Intelligenz, sein
Zynismus und seine Gewalttätigkeit."
Hermione lag in Rons Armen und weinte. Ron glaubte noch immer nicht an den Tod seines besten
Freundes. Leute wie Terry sterben nicht einfach so. Sie sterben erst, wenn sich mit ihren Geschichten
kein Geld mehr verdienen lässt. Gandalf schluchzte und fuhr fort:
"Der ... der Tradition gemäß wird Terry morgen in einer Feuerbestattung beigesetzt.
Selbstverständlich sind alle Schüler herzlich dazu eingeladen. Es steht jedem frei, eine Grabesrede zu
halten, nur den Sifferins nicht, denn auf ihre Kommentare zu diesem Ereignis können wir, glaube ich,
alle gerne verzichten. Terrifico grandiosum ex mortis!"
Mit einem Schwung von Gandalfs Zauberstab änderten die Schulflaggen an den Wänden ihre Farben
in schwarz und das Himmelsgewölbe an der Decke wurde in tiefe Nacht getaucht. Kerzen flogen
durch den Raum und eine Totensymphonie ertönte. Falls ein Anwesender es geschafft hatte, bislang
noch nicht deprimiert zu sein, so war er es spätestens jetzt.

Nietzsche tippte angespannt mit einem Zeigefinger auf den Holztisch, auf dem meine Tastatur stand.
"Du lässt deinen Hauptcharakter sterben?", fragte er geduldig.
Ich blickte ihn vorsichtig an und antwortete:
"Ja. Warum? Ist doch überraschend. Damit hätte keiner gerechnet. Eine plötzliche Wendung,
dadurch zeichnet sich gute Dramatik aus."
"Du lässt den einzigen Charakter sterben, den du halbwegs gut ausgestaltet hast?"
Diese Kritik machte mich ein wenig unsicher. Ich fragte Schiller, was er davon halte. Nachdem er
einen Bleistift zerbrochen hatte, sagte er:

"Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken,


Verderblich ist des Tigers Zahn,
Jedoch der schrecklichste der Schrecken,
Das ist der Mensch in seinem Wahn!"

Bei dem Artikel "der" zeigte Schiller verurteilend und mit zitterndem Zeigefinger auf meine
Wenigkeit.
"Na schön... Aber er ist nun einmal tot! Und dabei bleibt's!"

Für die Bestattungsfeierlichkeiten wählte man die Wiese hinter dem Schulgarten aus. An jenem
historischen Ort hatten Hermione, Ron und Terry den dunklen Lord in ihrem ersten Schuljahr in die
Knie zwingen können. Man schmückte die Wiese mit rosenbehängten Pfählen, die man im Halbkreis
um einen Scheiterhaufen anordnete. Vor diesen stellte man ein Rednerpult, schon das dritte in
diesem Kapitel, was purer Zufall ist. Ein Bild von Terry - er versuchte auf diesem, Spongo zu erwürgen
- klebte auf der Vorderseite des Pults. Allmählich trafen die Schüler ein, alle waren gekommen, auch
die Sifferins, obgleich jene die Veranstaltung als Freudenfest betrachteten. Die geretteten Waisen
waren noch nicht ganz entchristianisiert und knieten daher vor dem Scheiterhaufen und beteten
andächtig. Die anderen Schüler verstanden diese Geste nicht und vermuteten, dass sie Terry als ihren
Gott verehrten - in der Welt der Magie gab es zwar keine Religionen, aber es gab viele Magier, die
sich für Götter hielten und gehalten wurden. Ein kühler Wind strich über den Ort und dunkle Wolken
verteilten sich am Himmel, beides eher ungewöhnlich im Sommer, aber trotzdem. Ron hielt
Hermione in den Armen, doch sie riss sich los und rannte zum Scheiterhaufen vor. Sie kletterte nach
oben - der Bretterhaufen war gut zwei Meter hoch, damit niemand die brennende Leiche sehen
musste - und warf einen Blick auf den Toten.

Es war Terry.

Sein Gesicht war maskenhaft, seine Mimik gleichgültig, insofern nicht ungewöhnlich für ihn. Er wirkte
fast lebendig. Statt seiner schwarzen Uniform hatte man ihm eine weiße Kutte angezogen, das hätte
Terry bestimmt nicht gefallen. Hermione stieg wieder hinunter, beinahe wäre sie ohnmächtig
geworden und gestürzt. Ron half ihr beim Abstieg. Sie begaben sich in die erste Reihe. Den
Waisenkindern fiel auf, dass sich die Professoren unter die Schüler gemischt hatten, wo sie doch im
Speisesaal einen Extraplatz beanspruchten. "Der Tod macht uns alle gleich", sagte einer von ihnen.
Wie sich die Tradition anmaßte, zu verlangen, hielt der Bestatter die Eröffnungsrede, obwohl er den
Verstorbenen gar nicht kannte.

Er begab sich zum Rednerpult. Seine Kleidung wirkte befremdlich, schließlich hatte Terry zu Lebzeiten
auch eine Bestatteruniform wie diese getragen. Der Unterschied bestand allein in einer rituellen
Kapuze, die das Gesicht des Bestatters in Schatten tauchte. Sie sollte die Neutralität des Todes
symbolisieren - am Ende starb jeder, egal ob er reich oder arm gewesen ist, schön oder hässlich,
liberal oder konservativ, vor allem konservativ. Was das Leben nach dem Tod betraf, gab es in der
Welt der Magie seltsame Regeln. Einige Magier wurden zu Geistern, andere nicht. Das schien sich
danach zu richten, ob jemand eine gute Figur als Geist abgeben würde. Peefy etwa war ein
klischeehafter Poltergeist, der beinahe gliederlose Nick ein komisch-aristokratischer Geist - solche
Leute hatten eine gute Chance. Terrys Chancen, als Geist auf die Erde zurückzukehren, waren gleich
Null, wenn nicht gar minus Eins. Seine Geisterkugeln würden schließlich nicht einmal ihre Ziele
treffen.

Der Bestatter begann mit seiner Ansprache. Seine Stimme klang ungewöhnlich tief. Andächtige Ruhe
breitete sich unter den Zuhörern aus.
"Wir sind heute hier zusammen gekommen, um einen ganz besonderen jungen Mann die ewige Ruhe
zuteil werden zu lassen. Natürlich ist jeder auf seine Weise etwas Besonderes, dieser junge Mann
aber noch mehr als alle Anderen, vor allem in der Rückschau, jetzt wo er tot ist. Er war extrem
intelligent, gutaussehend, freundlich und hilfsbereit zu seinen Anhängern und voller Vergebung für
seine Feinde."
An dieser Stelle musste sogar Hermione lachen.
"Ja, ein Knabe wieder dieser ist noch nie über Merlins grüne Erde gewandelt, so superklasse war er.
Einfach perfekt, ein Traum, minderjährige Mädchen lagen ihm zu Füßen - oder in der jeweiligen
Position, welche das Fortpflanzungsritual erforderte."
"Dieser Bestatter ist ganz schön zynisch...", merkte Ron an und schüttelte den Kopf. "Muss wohl mit
seinem Beruf zusammenhängen."
"...ein Junge von wahrhaft säkularer Größe, von einem Mut ohnegleichen, von einer Standhaftigkeit,
die die Herzen erhebt und erschüttert..."
Gandalf wandte sich an McGonekel und sagte: "Ich finde, er trägt ein wenig dick auf, du nicht auch?"
Silenzia zog eine Augenbraue hoch.
"Kann man wohl sagen. Er hält sich auch nicht an die Standart-Rede des Ministeriums, was ich
prinzipiell für eine gute Idee halte, aber..."
Der Bestatter schien den Einwand gehört zu haben und sagte:
"Das ist nicht der Zeitpunkt, zum Todestag Terrys mit den sonst üblichen Worten zu sprechen oder
ihm mit den traditionellen Beileidsbezeugungen aufzuwarten."
Diese Erklärung schien Gandalf und McGonekel einzuleuchten oder sie zumindest zufrieden zu
stellen.
"...der glänzendste Junge, den die Erde jemals getragen hat, sinkt in Trümmer dahin und hinterläßt
nur noch ein Andenken an die Größe der Zeit, die diese satanischen Mächte zerstörten..."
"Wovon redet der Mann da?", fragte Ginny.
"Worum wir sooft im Glück an diesem Abend den Jungen baten, das ist heute im Leid und in der
Gefahr für uns alle eine viel tiefere und innigere Bitte an ihn geworden: Er soll uns bleiben, was er
uns ist und immer war: Unser Terry!"
Mit diesen Worten steckte der Bestatter das Holz an. Schon bald stand der Scheiterhaufen in
Flammen. Viele Schüler weinten, selbst die meisten Sifferins wagten es nicht, ihre Freude zum
Ausdruck zu bringen, mit einer Ausnahme: Spongo sprang auf und ab, er klatschte, jubelte und
pfeifte. Das tat er so lange, bis er von einem Geschoss getroffen wurde und zu Boden sank. Alle
Augen richteten sich auf den Bestatter. Er hielt eine Handfeuerwaffe in der Hand.
"In diesem Kulturkreis ist es nicht angemessen, auf einer Bestattungsfeier so offen seine Freude
kundzutun. Das zeugt von mangelndem Respekt."
Der Bestatter nahm seine Kapuze ab und fügte hinzu:
"Außerdem habe ich schon lange nicht mehr versucht, Spongo zu ermorden. Ich habe das richtig
vermisst!"
Hermione traute ihren Augen kaum.
"Terry, du lebst!"
"Natürlich lebe ich. Alte Angewohnheiten wird man nur schwer los."

Kapitel 7: Kristallklare Wahrheit und Kristallkugeln

"Dieser dämliche Planet!"


Bill Tür, erster Mann auf dem Mars

Nach Terrys Bestattung waren alle Augen auf ihn gerichtet. Er genoss nun die volle Aufmerksamkeit.
Selbst Spongos Forderung, ihn in den Krankenflügel zu bringen, vermochte dies nicht zu ändern.
Endlich wagte es Hermione, die große Frage zu stellen:
"Wie ist es möglich, dass du lebst?"
Terry ließ seine Avenger mit einer schwungvollen Drehung im Halfter verschwinden und antwortete:
"Ich wurde geboren."
Ron versuchte, auf Terrys Denkweise einzugehen und präzisierte die Frage:
"Wenn du hier bist, wer liegt dann auf dem Scheiterhaufen?"
Terry grinste.
"Rate mal."
"Ein Sifferin?"
"Sehr gut, Ron. Ich sehe, du kennst mich."
Starren. Fragendes, verwirrtes Starren.
"Na schön. Dann werde ich die Sache mal erklären: Entgegen meiner Erwartung und wider meine
Erfahrung verlor ich den Kampf gegen die Konservatoren. Sie saugten fast meinen gesamten
Verstand aus, so dass ich am Ende nur noch das Bedürfnis hatte, zum christlichen Glauben zu
konvertieren. Ich verlor die Kontrolle über mein Board und stürzte in die Tiefe. Wie der Zufall so
wollte, befand sich dort unten ein Sifferin auf dem Schulweg. Es gelang mir, auf ihm zu landen, was
meinen Schaden in Grenzen hielt und seinen maximierte. Als ich wieder zu mir kam, untersuchte ich
die Leiche. Der Sifferin trug in seiner Tasche eine Maske - eine Kopie meines Gesichts. Vermutlich
plante er, Kinder mit Muggel-Eltern zu ermorden und das Verbrechen so aussehen zu lassen, als habe
ich es begangen. Es blieb das Problem mit meinem malträtierten Verstand. Ich sah mich also
gewungen, ein wenig von seinem Blut zu trinken, was komischerweise keinen Effekt hatte, von einer
gewissen Befriedigung abgesehen. Dann jedoch entdeckte ich ein Reagenzglas in seinem Rucksack,
das mit V. J. Dracula beschriftet war. Auch darin befand sich Blut, das ich auch noch trank. Nun
plötzlich kehrte mein gesamter Verstand zurück, schätze ich mal. Ich wollte gerade zur Schule
aufbrechen, dann erinnerte ich mich an Andy Kaufman*. Ich dachte mir, warum nicht? Ich könnte
mich selbst bestatten! Eine solche Chance bekommen die Wenigsten. Also setzte ich dem Sifferin
seine Maske auf, hatte er ohnehin vor, und warf seine Leiche heimlich auf Mr. Filz. In dieser
Dimension hat man's nicht so mit Aufklärung, auch nicht mit der Feststellung der Todesursache oder
auch nur des Todes. Den Rest könnt ihr euch ja denken."

Diese Enthüllungen hatten zunächst einmal Stille zufolge. Wer Terry bislang noch nicht für
wahnsinnig gehalten hatte, der tat es jetzt. Aber das waren ohnehin nicht viele. Nur einer musste mal
wieder seinen Senf dazu abgeben.
"So ist es", sagte Nietzsche. "Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass dir auch nur ein Leser diesen
Krampf abkauft? Das ist schon keine konstruierte Handlung mehr, das ist... pure Provokation!"
"Ach, Handlung. Die wird zu Lebzeiten gnadenlos überschätzt."
"Wer dich bislang noch nicht für wahnsinnig gehalten hat, der tut es jetzt!"
"Tja, ich würde mir auch nicht Nachts begegnen wollen, andererseits ist das eher unwahrscheinlich."

Ron brach als erster das ungläubige Schweigen.


"Wie ist der Sifferin an das Reagenzglas gekommen?"
Professor Dracula trat langsam einen Schritt nach vorne.
"Nun...", sagte er. "Es wäre eventuell möglich, dass er es mir am Bahnhof aus meiner Tasche
gestohlen hat, als ich gerade der örtlichen Fledermaushöhle einen Besuch abstattete - aus reinem
Forschungsdrang. Und ohne meine Tasche. Die musste ich zurücklassen, weil ich... weil ich sie
vergessen hatte. Nicht etwa, weil ich mich in eine Fledermaus verwandelte oder dergleichen - ein
absurder Gedanke. Haha."

Die Friedhofsgesellschaft löste sich auf. Die Schüler gingen schlafen, sich betrinken oder beides. Die
Lehrer ebenfalls. Crêpes und Goil lieferten Spongo derweil im Krankenflügel ab. Nur Terry und
Hermione verblieben noch eine Weile auf der Ruhestätte des Sifferins, für dessen Namen sich
niemand interessierte. Wer im Faschismus nicht zum Märtyrer taugt und stirbt, braucht nicht zu
erwarten, betrauert zu werden.

Die Waving Flags trafen ein und spielten ein langsames Lied, wobei die Punk Rocker versuchten, nicht
einzuschlafen. Der Wind wurde kälter, es begann zu regnen. Hermione sah Terry in die Augen.
"Du hattest Recht", sagte sie. "Die Waisenkinder haben mir alles erzählt. Wie sollte ich auch erahnen,
dass Nonnen zu so etwas fähig sind?"
"Du hättest nur ihre Bedienungsanleitung lesen müssen. Steht alles schon in der Bibel. Nur die Sache
mit der Orgel finde ich nach wie vor obskur."
Hermione schluchzte.
"Ich dachte, ich liebe dich nicht mehr. Ich wollte dich für immer verlassen."
Leiser Donner erklang.
"Doch als Gandalf sagte, du wärest tot - für mich brach eine Welt zusammen."
"Tja, ich bin wie der Krieg: Ich komme immer wieder, auch wenn niemand mehr mit mir rechnet."
"Als ich dich da stehen sah - lebendig, so wie früher. Es war wie ein Wunder."
Terry ging auf Hermione zu und streichelte ihr durchs Haar.
"Du musst nichts mehr sagen, ich..."
"Doch dann musste ich erfahren, dass du deine eigene Bestattung inszeniert hast! Wie konntest du
mir das nur antun!?"
Hermione stieß Terry fort und begann zu weinen.
"Ich... ich... fand's irgendwie originell und..."
"Du Mistkerl!"
"Es tut mir Leid, Hermione! Ich habe einfach nicht darüber nachgedacht..."
"Ja! Genau das ist dein Problem! Du verschwendest deine Intelligenz für blöde Sprüche und um dich
zu profilieren und andere herabzusetzen, anstatt dass du sie für deine Mitmenschen einsetzt! Ich
hasse dich!"
Hermione lief zur Schule und Terry blieb im Regen stehen. Der Drummer kippte vom Hocker und
schlief auf der nassen Wiese ein.

Professor McGonekel korrigierte gerade ein paar Aufsätze, als Hermione an die Tür klopfte. Eigentlich
hatte das Schuljahr noch gar nicht richtig angefangen; Silenzia hatte einige Arbeiten vom letzten Jahr
nicht korrigiert und den Schülern einfach ihre Standard-Note gegeben, damit sie jetzt etwas zu tun
hatte. Grundprinzipiell waren Professoren stets auch Wissenschaftler, die etwas erforschten. In
speziellen Fällen, in etwa 90 % der Fälle, hatten sie dafür aber keine Zeit, weil sich die Kultusminister
weigerten, neue Lehrkräfte einzustellen, um die dafür vorgesehenen Finanzmittel in ihren eigenen
Taschen sicher aufbewahren zu können. Falls die Professoren doch einmal Zeit für ihre
wissenschaftlichen Arbeiten fanden, stellten sie fest, dass sie nicht mehr wussten, wie man das
macht und mussten sich durch Tricks neue Aufsätze zum korrigieren beschaffen, damit sie sich
einreden konnten, an diesem Umstand unschuldig zu sein, was sie auch waren. All das hinderte
Hermione nicht daran, McGonekels Büro zu betreten.

Dort befand sich immernoch allerlei Griffamtor-Merchandising: Sofabezüge in rot-gold, Tische in rot-
gold, Fensterscheiben in rot-gold und das Maskottchen des Hauses, ein Procompsognathus triassicus,
schlief in seinem rot-goldenen Käfig.
McGonekel blickte von ihrem Schreibtisch auf.
"Ah, Ms. Stranger! Sie kommen sicherlich, um Ihren neuen Stundenplan zu besprechen."
Hermione wischte sich schnell eine Träne von der Wange.
"Ja. Ist das so möglich?"
Silenzia öffnete eine Schublade und nahm Hermiones Stundenplan heraus, um sich davon zu
überzeugen, dass er wirklich noch der Selbe war.
"Nun ja", sagte sie. "Auf einer metaphysischen Ebene sollte das alles kein Problem darstellen, aber in
der Realität..."

Einer der Gitarristen verwandelte sich in Nietzsche, während ich die Gestalt des anderen Gitarristen
annahm.
"Terry?", fragte ich.
Der Junge hob langsam den Kopf.
"Ach, ihr schon wieder. Was ist denn?"
"Du hälst die Handlung auf! Du kannst doch nicht ewig da stehen bleiben! Diesem Kapitel fehlt
mindestens noch die Szene mit Professor Threelooney!"
"Ach, schreib die ohne mich", meinte Terry frustriert.
"Aber wir brauchen..."
Unsere Diskussion wurde durch laute, verzerrte Klänge unterbrochen. Nietzsche schlug in die Saiten
der E-Gitarre.
"Yeah!"
Ich musste schreien.
"Friedrich, wir haben hier etwas Wichtiges..."
"Ein Fluch dem Christentum! Juhu!"
"Nietzsche! Wenn du nicht sofort aufhörst, sage ich Hölderlin, dass er heute nicht zu kommen
braucht!"
"Was, Hölderlin? Mein Lieblingsschriftsteller?"
"Es sollte eine Überraschung sein. Aber jetzt hast du sie dir verdorben!"
"Hölderlin kommt! Yes! Dammdamm! Ich bin ab sofort ganz brav!"
"Sehr gut. Also, Terry: Das Klassenzimmer für Wahrsagerei befindet sich dort oben im Elfenbeinturm
der Esoterik."
"Wenn's denn sein muss..."

Terry quälte sich die Stufen des Esoterik-Turms hinauf. Sein Kopf fühlte sich schwer an, seine
Gleichgültigkeit war auf einem Tiefpunkt angelangt. Es musste doch möglich sein, Leute umzubringen
und anderen Leuten dadurch nicht die Laune zu verderben. Wenn das auch noch ethisch irgendwie
hinzubiegen wäre, dann könnte er Hermione vielleicht wieder für sich gewinnen.
Er öffnete die Tür. Eine Wolke aus Dampf strömte aus dem Zimmer und umhüllte ihn. Er duftete nach
Gras, gemischt mit diversen süßlichen Kräutern.
Terry fühlte sich auf einmal richtig gut. Nicht nur gleichgültig gut, wie es ihm hin und wieder
zugestoßen war. Dazu gesellten sich Halluzinationen, was er zumindest vermutete. Eine weiße Wolke
flog auf ihn zu und landete vor seinen Füßen. Sie bat ihn, aufzusteigen. Er tat, wie ihm geheißen und
wurde an seinen Platz geflogen. Auf dem Weg betrachtete er das Klassenzimmer. Es erinnerte ihn an
eine Mischung aus Teehaus, New-Age-Laden und Treibhaus. Überall standen Pflanzen, die in den
verschiedensten Farben leuchteten. Diverse okkulte Gegenstände sammelten sich in Regalen, die
unkoordiniert im Raum standen. Die Schüler saßen auf kleinen Hockern an kleinen Tischen. An einem
von ihnen saß Ron und starrte grinsend auf die Eingeweide eines Tieres. Die Wolke setzte Terry ab.
Überall Nebel. Ein roter Vorhang zog sich auf und dahinter erschien Professor Threelooney. Sie trug
ein buntes Hemd, diverse Ringe, einen Schottenrock und lila gefärbte Haare.

"Willkommen zu Wahrsagerei! Mein inneres Auge sagt mir, dass alle Schüler anwesend sind.
Vielleicht sagen mir das auch meine normalen Augen. Auf jeden Fall bin ich Professor Threelooney
und werde euch dieses Jahr unterrichten. Denn ihr habt Wahrsagerei erwählt, oder besser gesagt:
Wahrsagerei hat euch erwählt!"
"Was für ein Unsinn!", flüsterte Hermione. Sie war aus dem Nichts aufgetaucht und saß nun neben
Ron. Dieser schreckte kurz auf und meinte:
"Hermione! Wenn ich nicht unter Drogen stehen würde, dann könnte ich schwören, du wärest
gerade noch nicht hier gewesen!"
Terry schwankte lächelnd hin und her.
"Ihr werdet auf den Tischen vor euch Tierkadaver entdecken. Keine Panik: Es handelt sich nur um die
Überreste von Piggis."

Die Schüler stöhnten erleichtert auf. Bei Piggis handelte es sich um die Schweine der magischen
Dimension, daher auch die sprachliche Ähnlichkeit zum englischen "Pig", was durchaus nicht auf
meine Einfallslosigkeit zurückzuführen ist. Piggis dienten in der Welt der Magie als Nahrungsmittel.
Man hielt sie in riesigen Fabrikhallen, wo man ihnen gesetzlich 0,5 Meter Lebensraum pro Exemplar
einräumte. Das entsprach der Hälfte ihrer durschnittlichen Körpergröße. Piggis galten gemeinhin als
dumm, was es leicht machte, sie zu essen. Dessen ungeachtet hatten Hexenmeister - die Forscher
der magischen Dimension - schon vor langer Zeit herausgefunden und mit unzähligen Methoden
bewiesen, dass Piggis tatsächlich sehr intelligent waren und auch über ein hoch entwickelten
Bewusstsein verfügten. Sie fühlten also, wann ihr Tod bevorstand und fürchteten sich davor. Einige
von ihnen bauten sogar ihre Futtermaschinen um, so dass sie mehr Futter produzierten. Das alles
interessierte weder die Hexenmeister noch den Durschnittsmagier. Piggis galten gemeinhin als
dumm.

Professor Threelooney schwankte und drehte ihren Kopf um 360°, bevor sie sagte:
"Ich möchte euch bitten, in die Tierkadaver zu blicken und zu versuchen, die Zukunft aus ihnen zu
lesen."
"Das ist nicht nur Schwachsinn, das ist pervers!", protestierte Hermione und sprang auf.
Ron versuchte, in ihre Richtung zu blicken.
"Das sagst du nur, weil du noch zu wenig von diesem Nebel eingeatmet hast!"
"Währenddessen mache ich vage Andeutungen, die eure Zukunft betreffen. Angelina: Du wirst
sterben. Ron: Du wirst auch sterben..."
"...soweit nichts Neues", meinte Ron.
"...Ms. Stranger: Zeigen Sie mir mal Ihre Eingeweide!"
Hermione wurde bleich im Gesicht.
"Ich werde Ihnen doch nicht meine Eingeweide zeigen!"
"Ich meine die von dem Piggi auf deinem Tisch, du dummes Mädchen!"
Hermione sprang auf und schrie:
"Sie blöde Hippy-Tante! Kaum zu glauben, dass der Staat, oder was das hier sein soll, Geld dafür
ausgibt, dass Sie uns verdummen!"
Terry lachte und Professor Threelooney steckte ihre Nase in die Gedärme des Piggis. Sie schrie auf:
"Der Grinch! Der Grinch!"
Ron fuhr erschreckt zurück.
"Der grüne Kerl, der Weihnachtsgeschenke klaut?"
"Ja!", stöhnte Threelooney. "Aber er ist noch viel schlimmer, als ihr glaubt!"
Terry erinnerte sich an die Gestalt, die er in dem Garten am Ende des Kreuzwegs gesehen hatte. Sie
sah genau so aus wie die fantastische Figur des Grinch, die ihre Zeit damit verbringt, amerikanischen
Kindern ihre Weihnachtsgeschenke zu stehlen, vor allem dann, wenn ihre Eltern nicht genug Geld
hatten, welche zu kaufen.
"Und was bedeutet der?", fragte Ron.
"Mr. Rotter wird sterben!"
"So wie alle hier?"
"Nein, er wird wirklich sterben!", kreischte Professor Threelooney. "Und zwar schon dieses Jahr!"
"Na ja, halb so wild", meinte Terry. "Ich hatte eine erfülltes Leben, hab vielen Sifferins das Ihrige
genommen. Wie sterbe ich denn?"

Professor Threelooney ging ein paar Schritte zurück, bis sie vor einem kleinen Tisch stand, auf dem
eine Kristallkugel lag. Offenbar kochte sie Wasser darin, denn weißer Nebel machte sich im Inneren
der Kugel breit.
"Ich sehe... ich sehe..."
Hermione lief auf die Kugel zu. Sie hob sie auf und schmetterte sie Professor Threelooney an den
Kopf, was Selbige dazu veranlasste, bewusstlos zu Boden zu sinken.
Die Schüler stöhnten schockiert auf. Nur Terry applaudierte.
"Klasse Hermione, wir lieben dich! Zumindest die wichtigen Leute in diesem Raum."

Hermione rannte wütend aus dem Zimmer. Terry lief ihr hinterher, wankte jedoch etwas, weil der
Drogen-Nebel ihm noch immer zusetze.
"Schatz! Jetzt bleib doch stehen!"
In der Mitte der Wendeltreppe hielt Hermione inne und verschränkte die Arme. Terry ergriff ihre
Schulter.
"Warum hast du überhaupt Wahrsagerei gewählt? Du hast mir doch letztes Jahr schon gesagt, dass
nichts davon zu halten ist."
"Nun ja..."
"Du hast es auf eine Konfrontation angelegt, nicht wahr? Ich bin ja so stolz auf dich!"
Hermione schüttelte Terry ab und wollte gehen.
"Warte: Ich habe eine Idee", meinte er. "Und es kommen keine Leichen darin vor!"
Hermione drehte sich zu Terry um.
"Welche?"
"Wir nähern uns einander an! Du wirst ein wenig gewalttätiger und ich ein wenig friedvoller."
"Das wird kaum ausreichen."
Terry seufzte.
"Was schlägst du vor?"
"Du wirst dir eine philosophische Rechtfertigung für deine Gewalt suchen müssen. Anders kannst du
mich nicht überzeugen."
"Na toll", murmelte Terry. "Eine Geisteswissenschaft... Das ist ja noch nicht einmal eine echte
Wissenschaft!"
"Diese Meinung wirst du bald ändern. Bis du eine überzeugende Begründung vorweisen kannst,
werde ich mit Ron schlafen."
Hermione entfernte sich einen Schritt von Terry, weil sie eine heftige Reaktion erwartete.
Andererseits hatte sie Terry noch nie angeschrien, überhaupt schrie er so gut wie nie. Er zog es vor,
seine Gesprächspartner ganz ruhig und sachlich auf ihr nahendes Ableben hinzuweisen. Auch diesmal
schrie er nicht, er lächelte sogar.
"Das ist ja süß von dir! Es wundert mich, dass ich noch nie auf die Idee gekommen bin, dir das
vorzuschlagen."
"Was? Du hast nichts dagegen?"
"Dagegen? Nein, wieso denn? Ich schlafe doch auch mit jedem Mädchen, dass sich in den Mädchen-
Schlafsaal verirrt. Und Ron - der arme Kerl findet nicht so leicht eine Freundin mit seinem ständigen
Ableben."
Terry umarmte seine momentan-nicht-Freundin, während sie überlegte, ob sie an jenem Morgen
wirklich aufgewacht war, oder das alles nur träumte. Schließlich verabschiedeten sie sich und
Hermione schloss sich den anderen Schülern auf ihrem Weg zum Speisesaal an. Terry begab sich
derweil zurück nach oben. Er wollte Hermiones Werk vollenden und das Klassenzimmer abbrennen,
bevor er mit diesem Philosophie-Zeug anfing.

Während Terry mithilfe seiner Avengers eine brennbare Flüssigkeit auf dem Boden verteilte,
erwachte Professor Threelooney. Terry beobachtete, wie sie von einer unsichtbaren Macht empor
gerissen wurde. Sie schwebte über dem Boden. Hinter ihren Augen waberte weißer Nebel, ihre Haut
war plötzlich grau und faltig. Sie lachte schrill. Ihre Stimme schien von überall zu ertönen. Blitze
zuckten und wurden vom Klassenzimmer-Nebel reflektiert.
Terry gähnte.
"Was sind Sie denn jetzt?"
"ICH KOMME AUS DEM REICH DER TOTEN UND..."
"Aber Sie waren doch nur bewusstlos!?"
"OH, ÄHM. ICH KOMME AUS DEM REICH DER BEWUSSTLOSEN UND ICH BIN HIER, UM DIE SEELEN
DER STERBLICHEN ZU VERSCHLINGEN!"
"Aha. Sonst noch was?"
"JA! ICH BIN AUCH HIER, UM EINE GRAUENVOLLE PROPHEZEIUNG ZU MACHEN!"
"Wo ist da der Unterschied zu dem, was Sie sonst tun?"
"NA, ÄHM. DIESE PROPHEZEIUNG WIRD EINTREFFEN!"
Terry zog eine Augenbraue hoch.
"Ist das so?"
Der Threelooney-Unbewusstlose verdrehte die Augen.
"MIT HOHER WAHRSCHEINLICHKEIT. ALSO: DER DUNKLE LORD IST ZURÜCKGEKEHRT! ER..."
"Aber das ist er doch schon lange! Wo ist denn da der Informationsgehalt?"
"DAS WAR NUR DIE EINLEITUNG! ER IST NOCH IMMER ZU SCHWACH, UM SELBST DEN KAMPF
WIEDER AUFZUNEHMEN. DAS ALTENHEIM HAT VIEL VON SEINER ENERGIE VERBRAUCHT. DOCH
EINER SEINER DIENER WIRD SICH BALD ZU ERKENNEN GEBEN UND IHN WIEDERBELEBEN..."
"Aber er ist doch gar nicht tot, oder?"
"DANN WIRD ER IHN EBEN WIEDER MIT ENERGIE VERSORGEN, SO DASS DER DUNKLE LORD ALS
KÖRPERLICHES WESEN ZURÜCKKEHREN KANN!"
"Schon besser. Man sollte immer auf eine korrekte Ausdruckweise achten, auch wenn man so ein
vergammeltes Viech ist wie Sie."
Die unbewusstlose Threelooney seufzte.
"DAS WAR DIE PROPHEZEIUNG. FALLS DU NICHT NOCH EINE BLÖDE BEMERKUNG ABGEBEN WILLST,
WÜRDE ICH JETZT GERNE..."
"Moment!"
"WAS IST?"
"Sie sollten eine andere Hautcreme verwenden. Sie sehen ja aus beerdigt und nicht ausgegraben."
"ES REICHT! ICH FRESSE DEINE SEELE AUF!"
Das Threelooney-Monster öffnete den Rachen und flog auf Terry zu.
"Friss das hier!"
Terry stellte seine Avengers auf Bleikugeln und durchlöcherte das Esoterik-Monster. Es fiel qualmend
zu Boden. Terry nahm seine Vorbereitungen für die Turmverbrennung wieder auf. Die Leiche
verwandelte sich in Professor Threelooney und erwachte.
"Oh, das war merkwürdig, sogar für meine Verhältnisse. Junge, was tust du da?"
Terry zog seinen Zauberstab und sagte: "Entflamme!"
Ein kleiner Feuerball schoss aus dem Stab und löste sich auf dem Boden auf.
"Seltsam."
"Ha! Das liegt an meinem Gewürznebel! Er dient nämlich auch als Löschmittel! Bislang ist es noch
keinem Schüler gelungen, meinen Turm abzubrennen!"
"Schade. Na ja. Man kann nicht alles haben."
Mit diesen Worten verabschiedete sich Terry und gesellte sich zu seinen Mitschülern im Speisesaal.

Kapitel 8: Seitenauge

„Wenn es aussieht wie eine Ente und spricht wie eine Ente, dann ist es keine Ente, denn Enten
können nicht sprechen.“

Bill Tür, Sprachwissenschaftler

Nach dem Essen begab sich Terry nach draußen, vor das Schloss, wo seine erste Pflege-absurder-
Geschöpfe-Schulstunde stattfinden würde. Der Regen hatte sich gelichtet, was er für sehr originell
hielt, und es bildete sich eine Lichtung, wo nunmehr kein Regen fiel. Seine Feuchtigkeit hatte
einsehen müssen, dass sie nicht zum Sommer passte, weshalb die Gesellschaft von ihr erwarten
durfte, anderswo ihr Unwesen zu treiben. Der Boden brachte seine beständige Nässe zum Ausdruck,
indem er Terrys Stiefel übel verunstaltete, was den Junge dazu veranlasste, zumindest seine Haare in
Ordnung zu bringen, um nicht gänzlich in den Dienst der Unästhetik zu treten.

Ragrid verließ seine Behausung und trat vor seine Klasse. Stolz schweifte sein Blick über die Schüler,
die nunmehr seiner Obhut schutzlos ausgeliefert waren.
"Mir nach!", sprach er und begab sich schnellen Fußes in den nahen Wald, gefolgt von der Lichtung.
Er verließ den Wald wieder, die Worte sprechend "Ach, ich Dorsch! Dort drüben müss ma hin!", um
sogleich Kurs auf den nahen See zu nehmen. Die Schüler versammelten sich vor Ragrid, der sich am
Ufer positionierte, und warteten gespannt auf die ersten Anordnungen ihres neuen Lehrers.
"Hallo Klasse! Ich bin Ragrid, euer neuer Pflege-absurder-Geschöpfe-Lehrer! Willkommen! Bitte
schlagt euer Buch auf, wir brauchen es zwar nicht, aber ich möchte sehen, wie ihr euch dabei
anstellt!"

Man erinnere sich an die Beschaffenheit von Terrys Buch, dessen Gelüste der Junge noch hatte
abwehren können. Ergebnis jener wertvollen Erfahrung war Terrys Missachtung von Ragrids
Anweisung, sein Buch loszubinden. Den anderen Schülern mangelte es an vergleichbarer
Lebensweisheit, was einige nicht-jugendfreie Szenen zur Folge hatte, deren nähere Beschreibung gar
schändlich wäre und nunmehr unterlassen bleiben muss. Es sei zusammenfassend erwähnt, dass die
erste sexuelle Erfahrung vieler Schüler nicht an ihr erträumtes Ideal heranreichte. Nur Ron ließ sich
zu einer Bemerkung hinreisen, die seine Freude zum Ausdruck brachte, überhaupt in den Genuss
einer solchen Erfahrung gekommen zu sein, namentlich: "Boah!"

"Was macht ihr denn da? Ich bezweifle, dass mein Fach das Richtige ist für so etwas!", stellte Ragrid
fest und schüttelte den Kopf. "Ihr müsst ihm eine runter hauen, dem Buch! Also denne!"
Terry war Ragrids Hinweis zuvor gekommen und hatte bereits sein Schulbuch verprügelt. Es winselte
und er band es los. Gehorsam ließ es sich öffnen.
"Züchtigung nennen die das!", offenbarte Ragrid. "Die Muggel mit Kreuzen und Kutten, die machen
das ständig. Die züchtigen sich sogar selbst. Das ist ehrenvoll. Wer das besonders oft tut, wird sogar
"heilig" gesprochen, dann ist er so eine Art Über-Muggel. Aber, ich weiß nicht... Vielleicht sollten wir
ihnen lieber ein paar dieser Bücher schenken."

Terry gesellte sich zu Ron und Hermione, aber sie drehte ihm den Rücken zu. Spongo, Crêpes und
Goil rannten um Terry herum, mit ihren Jacken über ihren Köpfen, während sie die Sauggeräusche
der Konservatoren nachahmten. Spongo unterlegte die Aktion mit dem Ausspruch: "Na, willst du
nicht ohnmächtig werden wie letztes Mal, Terry? Hehehe!"
"Nein, aber ich will einen Sifferin umlegen wie letztes Mal, Spongo. Hehehe!"
Bevor Terry seine Ankündigung in die Tat umsetzen konnte, sagte Ragrid:
"Ich brauche einen Freiwilligen. Jeder, der sich melden will, führe sich wie ein Idiot auf... Ah, Mr.
Efeu! Kommen Sie zu mir nach vorne, bitte!"

Ragrid schnappte sich Efeu und zog ein großes Buschmesser aus seinem Mantel hervor. Während
Spongo schrie, schnitt ihm Ragrid in den Arm und hielt diesen über das Wasser. Blut tropfte hinein.
Auf einmal sprang ein Hai aus dem See und schnappte nach Spongos Arm, doch Ragrid warf den
Jungen rechtzeitig zurück zu seinen Mitschülern. Der Hai stand auf seiner Schwanzflosse neben
Ragrid und leckte seine Flügel ab. Sie waren gefiedert und ebenfalls grau. Der Hai konnte sie im
Wasser an seinen Körper drücken, wobei sie kaum auffielen.
"Das ist Seitenauge...", erklärte Ragrid, "...mein fliegender Fisch!"
Der Hai grinste und zeigte dabei seine drei Zahnreihen.
"Das Erste, was ihr über fliegende Fische wissen solltet, ist, dass sie sehr traditionsbewusst sind. Ihr
müsst ein genaues Prozedere einhalten, wenn ihr euch den Tieren vorstellt."
"Und wenn wir einen Fehler machen?", fragte Ron und trat einen Schritt zurück.
"Nun ja. Das ergibt sich dann von selbst. Ihr müsst nämlich euren Kopf in das Maul des Fisches
stecken. Damit beweist ihr euer Vertrauen. Denkt aber daran, dass euer Kopf mindestens 10
Sekunden im Maul bleiben muss und ihr nicht versuchen dürft, ihn vorher wieder von dort zu
entfernen, ansonsten... Aber dazu kommen wir später."
Die anderen Schüler schlossen sich Ron an und gingen ebenfalls einen Schritt zurück.
"Also, wer will zuerst?"
"Nur ein Verrückter würde das tun!", flüsterte Hermione Ron zu, während Terry hinter ihr stand und
die Hand hob.
"Ah, Terry! Ich sehe, auf dich ist Verlass, wenn Mut gefragt ist."
Hermione seufzte.
Terry lief nach vorne zu Ragrid. Der Hai öffnete sein Maul.
"Du musst einfach nur deinen Kopf hinein stecken."
Die Griffamtors riefen Terry zurück, während ihn die Sifferins anfeuerten. Terry steckte den Kopf
zwischen die Zahnreihen des Hais. Hermione klammerte sich an Rons Arm.
Der Hai zwinkerte mit einem Augenlid und Ragrid sagte: "Du kannst ihn wieder heraus nehmen."
Terry setzte den Vorschlag in die Tat um und der Fisch beugte sich nach vorne, so dass Terry
aufsteigen konnte, was er auch sogleich tat. Der Hai breitete seine Flügel aus. Terry klammerte sich
an seine Rückenfedern.
"Ist das so gedacht, dass man auf seinem Rücken fliegen kann?"
Ragrid drehte sich um und ihm wurde gewahr, dass der Junge auf dem fliegenden Fisch saß.
"Was? Nein! Das ist viel zu gefähr..."

Mit diesen Worten hoben die Beiden ab und flogen den Sternen entgegen. Diese waren momentan
nicht zu sehen, aber zweifellos vorhanden. Ragrid rief ihm noch etwas hinterher, doch Terry hörte
ihn nicht mehr, als er sich am Hai festkrallte und versuchte, dessen Flugakrobatik zu ignorieren. Der
Wind raschelte im Gefieder des Untiers, während ein Sumpfdrache versuchte, sich aus seinem Maul
zu befreien. Auf einmal begaben sie sich in den Sturzflug, direkt auf den See zu. Kurz bevor sie die
Oberfläche erreichten, bremste der Hai ab, änderte die Flugrichtung und gleitete über das Wasser.
Terry griff nach oben und riss einen Ast von einem Baum nahe des Ufers ab. Er baute sich blitzschnell
eine Angel daraus. Diese Fähigkeit hatte er sich von Al Gyver in Afghanistan angeeignet, wo
bekanntlich viele Seen und Meere zum Angeln einluden. Der Hai kehrte um und steuerte auf die
Schüler zu. Als er über sie hinweg flog, warf Terry seine Angel aus. Er holte sie wieder ein und
entdeckte eine Sifferin-Schuluniform am Haken. Ein Blick nach unten informierte ihn davon, dass ein
halb nackter Spongo Efeu panisch zwischen den Schülern umher rannte und versuchte, nicht gesehen
zu werden.
"Knapp daneben. Hatte eigentlich auf seinen Hals gezielt."
Der Hai seufzte mitleidig. Ähnliches war ihm auch schon passiert.
"Interessant, die menschliche Psyche. Gerade eben wurde Spongo von seinem Schulbuch
vergewaltigt und jetzt ist ihm peinlich, mit Unterwäsche gesehen zu werden."
Terry ließ die Uniform in den See und die Angel auf Goil fallen. Er breitete die Arme aus und genoss
den Flug.

Der Hai landete wieder bei den Schülern und ließ seinen Fluggast absteigen. Hierauf stellte er sich auf
seine Schwanzflosse und wartete auf Vorschläge.
"Klasse, Terry!", ließ sich Ragrid vernehmen, während er in die Hände klatschte. "Vor allem, dass du
noch lebst."
Spongo, halb nackt, war sehr eifersüchtig auf Terrys Erfolg und hielt es für sinnvoll, dem fliegenden
Fisch entgegen zu hasten und seinen Kopf in dessen Maul zu stecken.
"Nein, Spongo, nicht!", rief Ragrid und wedelte mit den Armen.
"Wieso?", ertönte Spongos Stimme aus dem Maul. "Ist Terry etwa der Einzige, der das kann? Ich
glaube kaum!"
"Nein, du machst das falsch! Schnell, zieh den Kopf raus!", schrie Terry.
Efeu reagierte schneller auf den Befehl, als er denken konnte. Als der Hai enttäuscht Spongos Kopf
verfehlte, biss er ihm ersatzhalber eine Hand ab.
"Ahhh! Neiiin! Warum nur!?"
Terry brach sein Lachen ab, um zu sagen: "Damit er dir den Kopf abbeißt. Das hier ist aber auch ganz
amüsant."
"Warte nur, bis mein Vater davon erfährt!"
Terry nahm sein Lachen wieder auf. "Dein Vater? Diese Witzfigur? Hätte der mir nicht Leid getan in
all seiner Unfähigkeit, wäre er schon letztes Jahr an Bleivergiftung gestorben."
Spongo schlug wütend mit seinem Armstummel auf den Waldboden, bis er merkte, dass seine Faust
nicht mehr daran befestigt war, was seinen Schrei zu einer höheren Lautstärke ermutigte.
"Dann ist eben dein Lieblingsaffe dran, dieser Halbaffe Ragrid!"
"Hey, ich habe schon seit ein paar Minuten nichts mehr getrunken!"
"Wir müssen Spongo zu Madam Pommes bringen!", unterbrach sie Hermiones Stimme. Terry putzte
seine Ohren.
"Bitte?"
"IN DEN KRANKENFLÜGEL!"
"Wieso?"

Während sich die anderen Schüler ihrem nächsten Fach widmeten, verbrachte Terry die Zeit in der
Schulbibliothek. Er suchte nach philosophischen Büchern, die ihm ermöglichten, seine
Gewaltausschreitungen gegenüber Hermione zu rechtfertigen. Nachdem er die letzte versteckte Ecke
des verbotenen Abteils begutachtet hatte, gelangte er zu dem Schluss, dass die Bibliothek kein
Philosophie-Abteil enthielt. Die Aufseherin erklärte ihm, dass in der Magischen Welt Philosophie
nicht existiere und dass es Bücher zu dieser Thematik nur in der Muggel-Abteilung gäbe.
"Es gibt hier weder Wissenschaft noch Philosophie? Wenn Sie mir die Frage gestatten: Denkt hier
niemand über etwas nach?"
"Wozu? Vielleicht funktioniert dann die Magie nicht mehr."
"Das erklärt zumindest, warum es hier bis vor kurzem noch Hexenverfolgung gab."

Terry schritt durch das Muggel-Abteil der Bibliothek. Die Aufseherin* hatte sich die Mühe gemacht,
den Raum mit Muggel-Artefakten auszustatten.

* Bibliothekare: Ihre Aufgaben bestehen darin, Bücher in Regale zu stellen, sie aufzulisten, so zu tun,
als würden sie ihren Inhalt kennen und Brillen zu tragen, um intelligent auszusehen. Ihr Wortschatz
erlaubt folgende Äußerungen: "Psst!", "Kann ich Ihnen helfen?" und "Shakespeare?"

Auf einem Lesetisch stand ein Aufsteller, der "Die Evolution des Muggels" zeigte. Diesem zufolge
stammten Gorillas und Schimpansen von Muggeln ab. Unter der Zeichnung war eine Statistik zu
erkennen, welche darauf hindeutete, dass Muggel weniger intelligent waren als australische
Flughunde. Neben dem Aufsteller hatte die Aufseherin eine Plastikfigur postiert. Sie erinnerte an eine
Kreuzung aus Mensch und Mehlwurm und hieß "Muggel 2050". Sie sollte vermutlich den nächsten
Schritt der Evolution darstellen.
"Na ja", meinte Terry. "Ist zumindest wahrscheinlicher als die Schöpfung der Welt in sechs Tagen."
Er gelangte zu einem Regal, das mit "Filosofi" beschriftet war. Dort fand Terry einige Kinderbücher
und Romane über Kühlschränke. Offenbar war den Magiern nicht klar, um was es sich bei der
Philosophie handelte. Er wandte sich dem nächsten Regal zu: "Kochbücher". Dort fand er endlich die
Schriften Schopenhauers, Hegels, Marx' und co. Er schnappte sich die "Enzyklopädie der
philosophischen Wissenschaften" von Hegel und setzte sich neben den Mehlwurm an den Lesetisch.
Nach zwanzig Minuten klappte er das Buch zu. Mit den Worten "Das ist der größte Blödsinn, der
jemals geschrieben wurde" warf er das Buch ins Kaminfeuer. Er blätterte ein paar Bücher von
Schopenhauer durch. "Als Zweck unseres Daseins ist in der Tat nichts anderes anzugeben, als die
Erkenntnis, daß wir besser nicht da wären. - Der Mann gefällt mir. Aber es ist noch nicht ganz das
Richtige. Schopenhauers Philosophie zufolge kann man nicht einfach jemanden umbringen. Wie
unvernünftig." Terrys Blick fiel auf "Über die Reaktion in Deutschland" von Michail Bakunin. "Ah,
mein Lieblingsthema... Die Lust der Zerstörung ist gleichzeitig eine schaffende Lust. - Das ist es!" Terry
schnappte sich alle Bücher des Anarchisten und setze sich an den Lesetisch.

"Jetzt kommen wir der Sache näher!", sagte Nietzsche. "Das willst du als Nächstes verkaufen, wie?
Du missionierst wie ein Erzbischof!"
Nietzsche stand vor mir und verwies mit ausgestrecktem Zeigefinger auf mein Auge. Schiller saß mir
gegenüber und schrieb "Würde der Frauen Teil 2: Denn sie sind nicht Nietzsche."
Ich warf ein Wollknäuel auf Schiller und er blickte auf.
"Was sagst du dazu?", fragte ich. "Missioniere ich hier jemanden?"
Schiller zuckte mit der Schulter.
"Ich habe mich nie mit Kleinigkeiten abgegeben. Ich hab' hier bloß ein Amt und keine Meinung."
Damit widmete er sich wieder seiner Arbeit.
"Ja, dein Amt besteht darin, mir Recht zu geben!", meinte Nietzsche.
"Ach, so lass er mich!", entgegnete Schiller. "Es kann der Frömmste nicht in Frieden bleiben, wenn es
dem bösen Nietzsche nicht gefällt. Und nun: Gib Gedankenfreiheit!"
"Da hörst du", sagte ich lächelnd. "Ich missioniere gerade einmal so viel wie ein Schweigemönch."
Nietzsche lief empört in Richtung Ausgang.
"Ach, macht doch, was ihr wollt!", sprach er und schlug die Tür hinter sich zu.

"Macht doch, was ihr wollt!", stellte Terry fest. "Einfach toll, dieser Bakunin, nicht wahr? Was meinst
du dazu?"
"Ich meine, du bist verrückt!", sagte Hermione. "Du kannst doch in der Welt der Magie nicht dem
Irrationalen den Krieg erklären! Das Irrationale ist das Fundament dieser Dimension! Ohne
Unvernunft funktioniert Magie nicht!"
"Vielleicht wäre das auch besser so. Wie dem auch sei: Wenn ich für die Freiheit kämpfe, dann darf
ich auch gegen die Sifferins kämpfen, denn sie vertreten Gehorsam, Ehre, Tradition – das ganze blöde
Zeug."
Terry stand neben Hermione und den anderen Schülern im Missbrauch-der-dunklen-Künste-
Klassenzimmer. Sie warteten auf Professor Dracula. Jener hatte den Raum komplett neu gestaltet. Es
war ihm sogar gelungen, die Säulen durch Felsen zu ersetzen. Assoziationen an eine
Fledermaushöhle erwachten, inklusive zugehöriger Flattertiere, mit Kürbisgesichtern, Skeletten,
Laternen, satanischen Symbolen und Nu Metal als Hintergrundbeschallung. Ein Blick durch die
Fenster zeigte Nebel, Mondschein und die schwarze Nacht, obwohl es hellichter Tag war. Sogar ein
Friedhof lag neuerdings vor der Schule.

Efeu tauchte auf. Seine Hand war bandagiert, er humpelte, Crêpes und Goil stützen ihn auf seinem
Weg zu den anderen Schülern. Hin und wieder wimmerte er, vor allem in der Nähe der Sifferin-
Mädchen. Diese sprachen ihm kurz ihr Beileid aus, wollten aber nicht weiter mit ihm reden*, denn
auch der weibliche Teil der Sifferins kannte kein Mitgefühl und war komplett verdorben.

* Dies erfordert einen Blick in die Psyche des gemeinen Faschisten (=böse): Spongo, einstmals starker
Führer der Sifferins, wirkt nun schwach und kränklich. Er verliert hierdurch Macht, bis es die anderen
Sifferins vergessen, was immer sehr schnell geschieht.

Spongo machte den Fehler, die Sifferin-Mädchen mit echten Mädchen zu verwechseln und glaubte,
Heulsusen-Simulation sei ein Paarungsritual. Er probierte sein Glück bei Verena Trittbrett,
Ringhüterin der Sifferins beim Quititsch. Als Spongos Weichteile mit Verenas Fuß Bekanntschaft
machten, ließ er sie von Crêpes und Goil in eine versteckte Ecke des Raumes ziehen, um sich gar
schändlich an ihr zu vergehen. Terry fand das äußerst amüsant.
„Ha, jetzt vergewaltigen die sich schon gegenseitig! Die glauben wohl, es würde ein mächtiger
dunkler Magier dabei rauskommen, aber die sind doch eh schon alle miteinander verwandt. Ich tippe
eher auf Mutanten-Nachwuchs.“
„Terry!“, schrie Hermione und schlug ihm auf den Arm. „Das kannst du nicht zulassen!“
„Wieso sollte ich das nicht können? Gibt es in dieser verrückten Dimension ein physikalisches Gesetz,
das mich dazu zwingt, einzugreifen?“
„Ja: Das kinetische Gesetz meiner Faust!“
„So gefällst du mir schon besser. Na gut, dann werde ich mal Zivilcourage vortäuschen.“

Terry schlenderte gemächlich in die Ecke des Klassenzimmers, wo Spongos Mitläufer versuchten,
Verena die Kleidung vom Leib zu reißen. Sie befanden sich hinter einem schwarzen Vorhang, wo
Professor Dracula seine Voodoo-Utensilien aufbewahrte.
„Hey, Abschaum!“, begrüßte sie Terry.
„Was willst du hier?“, fragte Spongo. „Verschwinde! Du weißt doch, dass wir das immer so machen!“
„Genau!“, sagte Verena. „Und jetzt macht weiter, ihr strammen Jungs! Reißt mir die Kleider vom
Leib!“
Terry grinste. „Ja, ich weiß, dass ihr alle total pervers seid. Aber Hermione hat mir gesagt, dass ich
diese seltsame Vergewaltigung verhindern soll. Aus welchem Grunde sollte ich die Chance nicht
nutzen, Sifferins zu verprügeln und auch noch von meiner Freundin dafür gelobt zu werden?“
„Wie du willst: Schnappt ihn euch!“, befahl Spongo.
„Immer noch die selbe masochistische Veranlagung, was?“
Goil griff einen Schädel aus der Voodoo-Truhe und schleuderte ihn auf Terry. Eine Kugel schmetterte
ihn aus der Bahn. Crêpes rannte auf den Feind zu und hatte im nächsten Moment die Stahlkappe von
Terrys Stiefel zwischen den Zähnen. Auf einmal tauchte Goil neben Crêpes auf und hielt Terry einen
grünen Kristall unter die Nase.
„Kryptonit! Was du sagen nun?“
„Goil? Du kannst sprechen? Das wusste ich gar nicht. Ja, Kryptonit, schön. Ist meiner Bildung
sicherlich zuträglich. Im Gegenzug möchte ich dich mit meiner Faust bekannt machen. Leider kennst
du sie schon, aber wir wissen doch beide, wie vergesslich du bist.“
Nachdem Terry Crêpes und Goil in den Papierkorb gestopft hatte, stellte er sich Spongo.
„Welche von deinen Händen hat der Hai doch gleich abgebissen? Ah, da ist ja der Gips. Gut, dann ist
zur Abwechslung die andere Hand dran.“
„Nein! Ich mache dir einen Vorschlag: Du kriegst Verena und ich darf verschwinden.“
Aus dem Papierkorb tönte Goils Stimme:
„Rassendurchmischung!“
„Wieso? Terry ist auch ein Reinblüter. Also, was meinst du?“
„Hm. Eine Vergewaltigung einer Erzfeindin auf freiwilliger Basis. Würde Hermiones Weigerung, mit
mir zu schlafen, kompensieren. Nun...“
„Ja, davon träume ich schon lange, mein starker Held!“, sagte Verena und leckte sich die Lippen.
„Ach ne, lieber nicht. Meine Aura ist jetzt schon viel zu dunkel. Ich denke, ich stopfe euch lieber in die
Biomülltonne zu den Rattenknochen.“

Terry kehrte zu Hermione zurück.


„Hast du sie gerettet?“
„Ja.“
„Was hast du mit Spongo gemacht?“
„Hab ihn in die Biomülltonne gestopft.“
„Wo ist das Mädchen?“
„In der Biomülltonne.“
„Terry!“
„Was willst du denn noch alles? Ich habe sie doch gerettet, oder nicht?“

Die Tür von Draculas Büro an der Front öffnete sich und er betrat den Raum. Die Schüler stellten sich
so auf, dass sie alle gut sehen konnten, denn das Zimmer war seiner Stühle beraubt worden. Dracula
erhob die Stimme:
„Herzlich willkommen zu Missbrauch der dunklen Künste! Ihr seid nun keine blutigen Anfänger mehr
– leider -, deshalb mute ich euch heute etwas mehr zu: In diesem Schrank befindet sich Humphrey
Bogart. Unter uns gesagt: Es handelt sich um eine Kreatur, die sich angeblich für Humphrey Bogart
hält und auch so aussehen könnte. Das Problem besteht darin, dass sie in ihrer natürlichen Form
unsichtbar ist, wir wissen also nicht, ob sie wirklich eine Ähnlichkeit mit dem Muggel-Schauspieler
hat. Mir ist auch nicht bekannt, wer auf diese Idee gekommen ist. Auf jeden Fall verwandelt sich
diese Kreatur in das, wovor ihr am meisten Angst habt, sobald sie euch erblickt. Ihr könnt sie nur
loswerden, wenn ihr an das schönste Ereignis in eurem Leben denkt und dabei „Lächerlich!“ sagt,
während ihr mit euren Zauberstab auf den Bogart zielt. Haben das alle verstanden?“
„Ja“, murmelten die Schüler.
„HABEN DAS ALLE VERSTANDEN?“
„JA!“
„Vorbildlich. Bitte stellt euch alle in einer Reihe auf. Wir beginnen mit... Ron Grievly.“
Ron schlich vorsichtig in Richtung Schrank und nahm seinen Zauberstab in die Hand. Er bereitete sich
darauf vor zu sterben, tat also gar nichts, denn er war immer darauf vorbereitet, zu sterben.
„Bist du bereit?“
„Habe ich denn eine andere Wahl?“
Professor Dracula öffnete den Schrank mit einem Wink seines Zauberstabs. Der Bogart verwandelte
sich in alles: In Türen, Fenster, Kaninchen, Skelette, Ameisen – einfach in alles.
„Lächerlich!“, sagte Terry.
„Nein, das muss Ron sagen“, erklärte Dracula.
„Ich weiß. Wollte das nur mal feststellen.“
„Lächerlich!“, schrie Ron und alles zog sich in den Schrank zurück, wonach sich die Tür verschloss.
„Sehr gut“, lobte Dracula und klatschte in die Hände. „Hermione, du bist an der Reihe!“
Als Hermione vor dem Bogart stand, verwandelte er sich in eine große „0“, hinter der ein „P“ stand.
Sie konnte die schlechte Zensur schnell besiegen und Thomas Tropf lief nach vorne.
„Wovor hast du Angst?“, fragte ihn Dracula.
„Professor Snake!“, murmelte Thomas.
„Gut, ich sage dir, was du machen könntest...“
Dracula flüsterte ihm etwas zu und Thomas grinste. Die Schranktür öffnete sich und heraus trat
Profesor Snake in Strapsen und mit Gummipeitsche.
„IIIIIIIEEEEEEHHH!“, lautete die einhellige Meinung der Klasse, worauf lautes Gelächter folgte.
„Lächerlich!“
Terry trat vor.
Der Schrank öffnete sich. Alle Augen blickten gespannt auf die Stelle, wo sich zuvor stets der Bogart
befunden hatte. Doch nichts war zu sehen.
„Merkwürdig“, kommentierte Dracula. „Vielleicht hat er sich davon geschlichen. Wovor hast du am
meisten Angst, Terry?“
„Hm. Ich denke, ich habe vor nichts Angst.“
„Du musst doch vor irgend etwas Angst haben! Vor dem dunklen Lord vielleicht?“
„Nein.“
„Vor den Konservatoren?“
„Nö. Ich finde schon einen Weg, die zu besiegen. Man stirbt nur ein Mal und ich habe das schon
hinter mir.“
„Ok... Könnte vielleicht jemand anders sein Glück versuchen, damit wir den Bogart wieder finden?“

Kapitel 9: Der letzte Sonntag

"Heißes Feuer? Eine pure Hypothese! Außerdem: Was bedeutet 'heiß'? Ist es dasselbe 'heiß', welches
für das Naturvolk der Pyromanen 'gefroren' bedeutet? Hier: Ich stecke meine Hand in das Feuer.
Wenn es wirklich heiß wäre, dann UAHHHH!"

Bill Tür, postmoderner Philosoph

"Welcher Tag ist heute?", fragte Terry. Er und seine zwei Freunde schlenderten die Treppe hinauf, in
der Hoffnung, unbeschadet den Gemeinschaftsraum zu erreichen. Eines der Wandgemälde spuckte
auf Ron, welcher dieses Geschehnis höflich ignorierte.
"Sonntag", sprach der Bespuckte.
"Der letzte Sonntag", fügte Hermione hinzu.
Terry zog eine Augenbraue hoch.
"Warum der letzte?"
"Das Ministerium für Aberglauben schafft den Sonntag ab. Sie glauben, dieser Tag sei unvereinbar
mit den Normen und Traditionen der magischen Schicksalsgemeinschaft ®."
"Inwiefern?", fragte Ron, als er sich den Speichel des Gemäldes von der Schulter wischte. Hermione
neigte den Kopf zur Seite.
"Es handelt sich um eine Entscheidung des Ministeriums. Ich denke, es schafft vor allem deshalb
neue Gesetze, damit die Bürger und diese Kreaturen, die immer Alda sagen und trotzdem wählen
dürfen, nicht meinen, es wäre untätig."
"Macht nichts", meinte Terry und gähnte.
"Warum?"
"War sowieso ein sinnloser Tag."
"Dann ist jeder Tag sinnlos."
"Exakt."

"Sieh nur, der fette Mann!", kreischte Hermione und zeigte auf den Eingang zum Griffamtor-
Gemeinschaftsraum.
"Warum soll ich mir einen fetten Mann anschauen?"
"Das sollst du nicht, das ist ja gerade das Problem."
"Hast du gerade deine Tage, oder... Ah, jetzt sehe ich, was du meinst: Der fette Mann ist
verschwunden und in seinem Gemälde stecken Granatsplitter. Außerdem brennt es, sowie auch der
Rest der Wand. Das Feuer greift auf die Treppe über, auf der wir stehen. Wenn das so weiter geht,
könnte diese Situation eine tragische Wendung nehmen."
"Kinder: Springt!", rief Gandalf. Er rannte die Stufen nach oben, Terry und Hermione sprangen
beiseite und Ron hüpfte in der Hektik von der Treppe und fiel nach unten. Gandalf richtete seinen
Zauberstab auf die brennende Wand und schrie: "Poseidon!" Ein Wasserstrahl löschte die Flammen.
"Keine Panik. Ich habe alles unter Kontrolle", stellte Alec Grievly fest, der Vertrauensschüler
Rowlingstones. Wahrscheinlich gab es noch andere Vertrauensschüler, aber die erforderten seiner
Ansicht nach keine Erwähnung in diesem Buch. "Alle schönen Mädchen dürfen sich nun an meiner
Schulter ausweinen. Der unwürdige Rest darf mir die Schuhe küssen."
"Warum habe ich ausgerechnet dich zum Vertrauensschüler ernannt?", fragte Gandalf, während er
Alec auf die Schulter tippte.
"Die Anderen sind noch weniger dazu geeignet, eine verantwortungsvolle Position einzunehmen."
"Da könntest du sogar Recht haben. Hm, diese Diskussion kommt mir bekannt vor. Was soll das sein:
Ein Running-Gag?"
Hermione raffte sich auf.
"Wo ist der fette Mann? Ich hoffe, ihm ist nichts passiert."
"Abgesehen davon, dass er tot ist und in einem Gemälde wohnt?", gab Terry zu bedenken.
"Ja."
"Dort!", rief Gandalf und zeigte auf ein anderes Gemälde links von der Treppe.
"Wo denn?", fragte Ron keuchend. Er war die Stufen wieder hinauf gerannt.
Hermione folgte Gandalfs Finger.
"Hinter der Wildsau!"
"Wo? Ich sehe ihn nicht.", sagte Ron.
Terry zog seine Waffen.
"Das haben wir gleich."
Er feuerte in Richtung Wildschwein. Das Tier rannte mit einem "Oink!" ins Bild hinein und versteckte
sich dort hinter einem Baum. Der fette Mann kam zum Vorschein. Er lag auf dem Boden und ließ sich
Bier in den Mund laufen aus einem Fass, das sich ebenfalls hinter dem Wildschwein befunden hatte.
"Warum sollte jemand ein Bierfass malen, nur um dann ein Schwein darüber zu pinseln?", fragte
Terry ohne Hoffnung auf eine Antwort.
Als der fette Mann bemerkte, dass er beobachtet wurde, drehte er den Zapfhahn zu.
"Oh. Grüß Gott, Herr Direktor! Ja mei. Des war so schrecklich und da war so ein Fass Bier und in der
Panik, da konnte ich nicht..."
"Was ist passiert?", fragte Gandalf.
Inzwischen hatten sich weitere Schüler und Lehrkräfte auf der Treppe versammelt. Frank und Joe
schleppten gerade ein Fass Wein an und stimmten ein Liedchen.
"Er war es! Er ist da gewesen! Er ist gekommen!"
"Wer? Joe Black?"
"Ja mei! Genau der! Er hat das Oktoberfest zerstört mit einem Messer! Aber ich habe ihn nicht
durchgelassen! Dann hat er eine Granate auf mich geworfen! Das Oktoberfest! Mein Hintergrund!
Und mei Zweitlatzhosen waren auch noch in dem Gemälde!"
Wie gut, dass ich noch nie zuvor erwähnt habe, dass der Hintergrund des Eingangsgemäldes zum
Griffamtor-Gemeinschaftsraum das Oktoberfest war. Sonst wäre das jetzt gar keine Überraschung
gewesen.
"Geschickt", bestätigte Nietzsche.
Danke.
"Und schrecklich klischeehaft."
Gandalf fühlte sich dazu verpflichtet, etwas zu sagen: "Die Schule sofort absperren! Alle Schüler in
ihre Gemeinschaftsräume! Die Lehrer kommen mit mir! Wir durchsuchen jeden Winkel der Schule!
(Ja, das klang veranwortungsbewusst. Ich sollte meiner Pflicht nachgekommen sein). Danach gehen
wir alle nach Schweinsdorf und betrinken uns. Alle außer Terry, weil ihm seine Nazi-Pflegeeltern
seltsamerweise nicht die Erlaubnis erteilten, mitzukommen."
Die Professoren sahen sich gegenseitig an, um sich zu vergewissern, dass Gandalf gerade tatsächlich
etwas in Klammern gemurmelt hatte.
Und der nächste Streich folgt sogleich. Vorher noch ein Klischee: Nach einer Action-geladenen
Feuerflucht folgen belanglose Zusammenfassungen des Schulalltags:

Missbrauch der dunklen Künste stand bei den Schülern hoch im Kurs. Sie genossen die spannenden
Kämpfe gegen zähnefletschende Monster, Professor Draculas erbärmliche Versuche, seinen
Vampirismus zu verbergen und die Schreie der Sifferins, denen er gelegentlich in den Hals biss.

Pflege absurder Geschöpfe dagegen verkam zur langweiligsten Schulstunde aller Zeiten. Ragrid sah
sich einer Anzeige von Spongos Vater ausgesetzt, der zu Folge er den Jungen in Seitenauges Maul
gestopft habe. Er ließ seine Schüler jetzt nur noch ungefährliche Aufgaben erfüllen, wie zum Beispiel
die Zucht von Seuchenrotzwürmern. Es handelte sich um schleimige Würmer mit einem
Dauerschnupfen, die ständig spuckten und rotzen. Sah man sie falsch an, bissen sie zu und infizierten
den Pfleger mit einem tödlichen Virus. Für Ragrids Verhältnisse jedenfalls waren diese Tiere harmlos.

Giftkunde, ohnehin unerträglich, verschlimmerte sich noch weiter, als Professor Snake von seinem
Bogart-Auftritt als Transexueller hörte. Er hatte einen tiefen Abgrund inmitten seines
Klassenzimmers eingerichtet, in dem sich ein Lava-Bad befand. War ein Schüler unaufmerksam oder
hatte Snake gerade Lust dazu, riss er ihm das Herz heraus und ließ ihn auf einer Trage in die Lava
hinab, um dann sein glühendes Herz freudig zu bejauchzen.

Wahrsagerei war eine Stunde, der Hermione freiwillig fern blieb. Professor Threelooney schien es
nicht weiter zu stören, dass eine Schülerin versucht hatte, sie zu erschlagen. Das musste öfter
vorkommen. Das Gleiche galt für Terrys Versuch, ihren Esoterik-Turm abzubrennen. Sie schockierte
ihre willenlosen Sekten-Schüler mit kryptischen Prophezeihungen wie "morgen wird die Sonne
aufgehen", sie sich stets bewahrheiteten. Die Sifferins fanden das überaus faszinierend und die
Haferschleims fragten wöchentlich, wie sich die Börsenkurse entwickeln würden. Bei jedem
Glückstreffer verneigten sie sich ehrfürchtig vor Professor Threelooney. Die Rebhuhnclaws taten
derweil gar nichts, was ihrem gewöhnlichen Arbeitseifer entsprach.

Quititisch. Ja, das gab es auch noch. Aber warum sollte ich viele Worte darüber verlieren? Das Spiel
wurde schon in Teil 2 langweilig. Anfangs konnte man ihm eine gewisse Originalität nicht absprechen,
aber der humoristische Effekt verflog schnell. Welchen Zweck hat Sport ohne sinnlose Gewalt und
ohne Kinder, die sich gegenseitig zerlegen? Mal ehrlich. Vielleicht bekommt Quititisch noch einen
Kameo-Auftritt, aber grundprinzipiell ist der Zug abgefahren. Bin ich Rowling, dass ich in jedem
blöden Buch mein fiktives Spiel breittreten muss? Oh, stecken wir diesmal einen Drachen rein, dann
wird's nicht so öde. Das treibt die Handlung doch überhaupt nicht voran! Das ist fast so überflüssig,
als wenn ich hier erzählen würde, was ich alles nicht in mein Buch einbaue.

Eines schönen Tages. Ron und Hermione hatten sich mit Süßigkeiten aus Schweinsdorf eingedeckt,
die sie am sichersten Ort der Welt bunkerten: Mitten im Gemeinschaftsraum ihres Hauses. Um ihre
Frustration über deren unerklärliches Verschwinden ("Deserteur hat sie gefressen!") abzubauen,
entschieden sich die drei Freunde dazu, mal wieder dem Unterricht beizuwohnen, welcher
gelegentlich durch interessantere Geschehnisse unterbrochen wurde, wie zum Beispiel irgendetwas.

Auf ihrem Weg zu Pflanzenkunde trafen Terry, Ron und Hermione auf eine Gruppe Sifferins. Unter
ihnen waren auch Crêpes und Goil. Eine Palme leckte mit einem Blatt über Goils Stirn und er sprang
erschrocken beiseite. Der Garten vor dem Gewächshaus war für allerlei Überraschungen gut, viele
von ihnen nicht einmal tödlich. Zwei rote Rosen sprangen vor Hermione auf und ab und sagten
"Nimm uns, nimm uns!", als Crêpes mit seinem Zauberstab auf Terry zielte.
"Dafür wirst du bezahlen!", sagte er.
"Wofür?", gähnte Terry.
"Na, für, ähm, für Spongo!"
"Wieso? Was denn bezahlen? Seine Kaution?"
"Nein! Dafür, dass er verletzt wurde!"
"Was kann ich denn dafür, wenn er so blöde ist?"
"Na, du bist sein Erzfeind!"
"Schön. Ich habe gerade keine Lust, euch die Grundprinzipien des logischen Denkens beizubringen.
Verschwindet oder ihr seid Geschichte. Und wir reden hier von dem Teil der Geschichte, den jeder
vergessen wird, weil er entweder unerheblich ist oder weil er die Ehre der Nation belastet."
Hermione zog an Terrys Mantel.
"Was denn?"
Sie flüsterte ihm etwas zu, das in etwa so oder genau so klang: "Bis du deine philosophische
Gewaltrechtfertigung gefunden hast, erwarte ich von dir, dass du friedliche Lösungen anstrebst!"
"Frauen! Ihr und eure kulturelle Konditionierung auf Weicheiertum! Wenn es nach mir ginge, würde
man euch im Alter von acht Jahren mit einem Gewehr in die Gosse oder auf ein Hip-Hop-Konzert
schicken und sehen, ob ihr überlebt."
Ein Wedel-Strauch wedelte rauschend. Das brachte Terry auf eine Idee, wenn auch aus Gründen, die
niemand nachvollziehen konnte: Er holte seinen magischen Wutball heraus. Goil tippte Crêpes auf
die Schulter.
"Warum schlagen wir ihn denn nicht?"
"Ich weiß nicht. Ich schätze, wir müssen warten, bis ein Auslösendes Moment auftritt. Wir können
ihn nicht einfach schlagen."
"Das verstößt gegen die Regeln der Narrativik", bestätigte ein Sonnenblümchen.
Terry ging langsam an den Sifferins vorbei und drückte dabei seinen Wutball.
"Du bist voll doof!", sagte Goil provokant.
"Oh ja!", bestätigte Crêpes. "Ich hatte Sex mit deiner Mutter!"
"War das nicht deine Mutter?", fragte Goil.
"Ich sage das doch nur, um ihn zu ärgern!"
Crêpes trat Goil ans Schienbein.
Terry war auf gleichgültige Art wütend. Langsam wurde er jedoch richtig wütend. Diese Dummheit
war schlichtweg unerträglich. Jetzt musste einer der Beiden nur noch einen postmodernen
Philosophen zitieren und Terry würde ausrasten.
"Ich weiß was!", flüsterte Crêpes Goil zu.
"'Vielleicht muss man die Geschichte selbst als chaotische Formation ansehen, in der Beschleunigung
der Linearität ein Ende setzt und die Turbulenz, die von der Beschleunigung erschaffen wird, die
Geschichte definitiv vom Ende her deflektiert.' - Baudrillard"
Terry drückte seinen Wutball noch fester. Crêpes zitierte weiter:
"Sollten wir sagen, dass Vize-Diktion nicht so weit geht wie Kontradiktion, in der Hinsicht, dass sie nur
Besitztümer betrifft?' - Deleuze."
Terry zerquetschte den Wutball beinahe und murmelte: "Noch ein sinnloser Satz von diesen
französischen Psychopathen und..."
"Das Problem des turbulenten Flusses kann nicht gelöst werden, weil die Konzepte von Flüssen (und
von Frauen) so formuliert wurden, dass sie zwangsweise etwas Unartikuliertes hinterlassen.' -
Irigaray."
Terry zerschmetterte den Wutball auf Goils Schädel, zog seine Waffen und feuerte auf die Sifferins.
Hermione warf sich auf ihn, gerade noch rechtzeitig, sonst hätte er tatsächlich lebensnotwendige
Organe getroffen. Die Sifferins flüchteten panisch. Normalerweise verprügelte sie Terry nur und
versuchte nicht ernsthaft, sie umzubringen. Französische Intellektuellen-Ersatz-Versuchsobjekte
jedoch erwiesen sich als extrem jugendgefährdend.

Hermiones Gepard Kitty erschien hinter einem Hecken-Busch, seines Zeichens Ergebnis eines
Ragrid'schen Klonexperimentes. Er zerrte einen wimmernden Sifferin hinter sich her und legte ihn
schließlich stolz vor sein Frauchen, eine Belohnung erwartend. Hermione beugte sich hinunter und
streichelte ihre Raubkatze.
"Das hast du ganz lieb gemacht, Kitty! Du bist so ein braves Kätzchen, so ein braves Kätzchen!"
"Hey!", beschwerte sich Terry. "Warum wird die Katze dafür gelobt und ich davon abgehalten,
Sifferins anzugreifen?"
"Du bist jetzt besser still, Terry! Du hast schon genug Unheil angerichtet! Beinahe hättest du sie
wirklich erschossen!"
"Na und? In einer gerechten Welt bekäme ich eine Ehrenmedaille dafür! Terry Rotter - Verteidiger
von allem, was nicht faschistisch ist. Oder religiös, esoterisch, postmodern etc. Verteidiger von zwei,
drei Leuten, könnte man sagen."
Ron applaudierte, während Terry mit stolzgeschwellter Brust wie die Statue eines germanischen
Kriegshelden possierte. Währenddessen fauchte Kitty Terrys Manteltasche an. Plötzlich sprang
Deserteur daraus hervor und rannte Kitty hinterher.
"Terry!", kreischte Hermione. "Tu doch was!"
"Keine Zeit, muss possieren."
Hermione versuchte den Alligator einzufangen. Er verschwand hinter einem Heckenbusch.
"Terry, bei Ludmillas verwunschener Kaffeetasse!"
"Hey, Ron: Kannst du noch ein paar Schüler hier anschleppen? Sag ihnen, sie sollen mir ein Loblied
singen. Die Waisenkinder dürfen mich auch anbeten."
"Geht klar, Terry!"
Ron lief in Richtung Gewächshaus.

Als Ron mit ein paar Schülern zurückkehrte, hatte Hermione Deserteur bereits eingefangen.
"Hier, Terry: Dein Untier!"
"Du schmust mit einem Geparden und nennst meinen Alligator ein Untier?"
"Mein Gepard greift wenigstens niemanden an, auch nicht dein blödes Viech!"
Hermione rümpfte die Nase, während Terry überhebliche Posen durchprobierte.
"1. Ich habe das Blödsviech letztes Jahr besiegt. Dieses Determinativkompositum* ist also schon
vergeben.
2. Du glaubst nur, dass dein Gepard niemanden angreift. Ich kann mich zum Beispiel nicht daran
erinnern, den Weihnachsmann hier in letzter Zeit gesehen zu haben."

* Oh ja: Ich weiß was und ihr wisst es wahrscheinlich nicht. Küsst den Boden unter meinen Füßen.

Terry spürte Hermiones Faust auf seiner Schulter.


"Warum sollte er auch hier sein!?"
"Ruhe, Weib! Ron ist da."
"Hier, das sind alle, die ich auftreiben konnte", sagte er mit Verweis auf das Rudel Schüler in seinem
Schlepptau.
"Gut gemacht, Ron. Hol dir einen Keks im Speiseraum."
"Juhu!"
Ron rannte in die Schule und die Kinder bildeten einen Kreis um Terry.
"Schön, dass ihr gekommen seid. Ich möchte, dass ihr..."
Plötzlich tauchte das Gesicht von Professor Wurzel hinter einem schleckenden Palmenblatt auf.
"Mr. Rotter! Sie schon wieder! Ich habe Ihnen doch gesagt, dass Sie meinen Unterricht wenigstens
nicht stören sollen, wenn sie ihm schon nicht beiwohnen!"
"Aber Professor Wurzel: Es gibt Wichtigeres auf der Welt als Ihren Unterricht. Die Kinder könnten
mich zum Beispiel anbe..."
Terry wurde unterbrochen durch eine Durchsage. Schall sprang über die Mauern und erreichte sein
Gehör:
"Terry Rotter zu Professor Dracula bitte. Terry Rotter bitte. Zu."
"Schade", meinte Terry und stieg von einem Rebhuhnclaw herunter. "Damit ihr nicht umsonst
gekommen seid, dürft ihr mich zu Professor Dracula tragen. Ich schlage vor, dass diese Aufgabe die
schönen Rebhuhnclaw-Weibchen hier übernehmen."
Die angesprochenen Mädchen erschraken.
"Aber...", meinte Eines. "Das wäre doch Arbeit, oder!?"
"Oh ja", bemerkte Terry. "Ich vergaß. Gut, dann machen das die Mädels von den Haferschleims. Also
los, ihr reichen Snobs!"
Kichernd machten sich die perlenbehängten Mädchen an die Arbeit. Sie hoben Terry über ihre Köpfe.
"Mr. Rotter! Sie sind der lebende Beweis dafür, dass die menschliche Arroganz keine Grenzen
kennt!"
"Danke, Professor. Und nun: Hob, hob! Tragt mich hinfort."
Glücklich lächelnd kam Ron zurück, mit einem Keks in der Hand.
"Ron!", grummelte Hermione und legte ihren Arm auf seine Schulter.
"Ja?"
"Schlaf mit mir. Jetzt!"
"Darf ich erst meinen Keks aufessen?"
Während Hermione Ron zum Mädchenschlafsaal zerrte, um ihre Wut auf Terry sexuell zu
verarbeiten, ließ sich Terry von schönen Mädchen zu Draculas Fledermaushöhle tragen.
"Hey, hier darf man mich tagsüber nicht anfassen... Hab ich aufhören gesagt?"
Es gab Mädchen, die lachten immer. Eine Tendenz, die sich je nach Größe der Freundinnenschar
verstärkte. Einer zunehmend geringwertigen Bevölkerungsgruppe gefiel dies jedoch gar nicht:
Betrunkenen Skeletten. Eines davon hielt sich die Ohren zu und torkelte aus dem Klassenzimmer. Die
Mädchen setzten Terry ab und entfernten sich nach je einem Abschiedskuss. Sollte Terry den
Schmuck, den er ihnen stahl, einem wohltätigen Zweck zuführen oder Hermione zur Versöhnung
schenken? Vielleicht gab es philosophische Bücher zum Thema, dann würde er zwei Fliegen mit einer
Klappe schlagen. Obwohl Terry Fliegen mochten, sie boten Spinnen gute Nahrung.

Terry betrat das Zimmer. Professor Dracula kitzelte einen lachenden Kürbis und trank dazu einen
Blut-Punsch. Als er den Jungen erblickte, stand er auf.
"Ah, Terry! Schön das du gekommen bist!"
Ein Blitz zuckte draußen und erhellte kurz den Raum. Allein die fluoreszierende Beleuchtung
typischer Metal-Schuppen diente Professor Dracula als gewöhnliche Lichtquelle: Farbenfrohe
Leuchtstäbe tauchten das Missbrauch-der-dunklen-Künste-Klassenzimmer in schwaches Licht.
"Man hat mich getragen."
Dracula ordnete die Aussage unter Gewöhnliche-Magische-Welt-Bemerkung ein. Man sollte diese
Dinge nicht weiter beachten. Eine Überzeugung, welche die meisten Zauberer teilten.
"Gut. Setz dich doch, es dauert nicht lange. Möchtest du einen Blut-Punsch?"
"Womit ist er denn gepunscht?"
"Mit Blut."
"Umso besser."
Dracula füllte ein Weinglas mit der roten Flüssigkeit und reichte es Terry.
"Und was ist es, das nicht lange dauert?"
Dracula lachte.
"Eine wichtige Szene. Eine Schlüsselszene sogar. Professor Snake wird gleich hier eintreffen und
etwas Mysteriöses tun. Es handelt sich um eine Vorausdeutung für die Enthüllung am Ende."
"Ist sie spannend?"
"Oh ja!", sagte Dracula begeistert.
Terry konfrontierte ihn mit seinem skeptischen Blick. Es gab kein Entrinnen vor dem kritischen
Rationalismus, der in Terrys Augen funkelte.
"Nein, die Enthüllung am Ende ist vorhersehbar. Lächerlich geradezu. Man fühlt sich als Leser nicht
ernst genommen, veralbert könnte man sagen."

Professor Snake betrat den Raum. Er dirigierte einen Kessel mit seinem Zauberstab und platzierte ihn
auf einem Tisch in der Ecke des Zimmers.
"Im Namen des Bösen: Es ist vollbracht."
Dracula stand auf und schüttelte Snake die Hand, der wie immer und Terry schwarze Kleider trug.
"Danke Satanus."
Snake und sein böser, grüner Ring blickten sich verschwörerisch um und fielen schließlich auf Terry.
Satanus breitete seinen Arm aus, um seinen anklagenden Finger auf den Jungen zu richten.
"Rotter! Wegen dir liegen sechs Sifferins im Krankenflügel. Rechtfertige dich!"
"Es ist nicht meine Schuld! Na ja, zumindest auf eine metaphysische Art und Weise ist es nicht meine
Schuld, denn: Sie zitierten postmoderne Philosophen aus Frankreich! Ich musste einfach versuchen,
sie zu erschießen!"
"Doch nicht etwa Deleuze oder Irigaray?"
"Genau das Gezücht meine ich."
"Ich wusste doch, dass ich sie hätte kreuzigen sollen, als ich die Gelegenheit dazu hatte."
Satanus seufzte.
"Und ich dachte, ich hätte Crêpes und Goil lange genug gefoltert. Böse ist gut, aber dumm und böse
ist schlecht. Ich werde sie nun mit größerer Sorgfalt zur Rechenschaft ziehen. Gut gemacht, Terry. Du
vertrittst zwar einige fragwürdige Positionen, aber du tust dies auf eine so abartige, blutdürstende
Art und Weise, dass ich fast schon wieder stolz auf dich sein müsste."
Snake und sein Ring blickten noch einmal hin und her, um dann hastig zu verschwinden. Professor
Dracula begab sich zu dem Kessel, füllte eine Schöpfkelle und trank sie aus.
"Hervorragend", meinte er. "Nur wenige Menschen beherrschen die Fähigkeiten, die notwendig sind,
ob so einen Trunk zu brauen."
"Ich nehme an, Snake hat versucht, Sie umzubringen, um an Ihren Posten als Professor von
Missbrauch der dunklen Künste heranzukommen?", fragte Terry beiläufig, bevor er wieder an seinem
Blutpunsch schlürfte.
"Ja", bestätigte Dracula. "Mehrmals. Um deine nächste Frage zu beantworten: Er hat es vorerst
aufgegeben, da bin ich mir ziemlich sicher."
"Und ich werde erst am Ende des Schuljahres erfahren, was es mit diesem Trunk auf sich hat, weil es
zur unfassbar spannenden Auflösung gehört."
"So ist es."

Kapitel 10: Die Schlacht von Karthago

"Ich hab Recht, das steht schon in der Verfassung!"


Bill Tür, amerikanischer President

"Das war wirklich eine Leistung, Ron!"


"Es war nicht meine Schuld! Hättest du mir nicht diesen Fluch verpasst..."
"Das habe ich aus gutem Grund getan!"

Ron und Hermione lagen nebeneinander im Bett des Mädchens. Sie waren nackt. Leider hat die
Katholische Kirche im Zweiten Vatikanischen Konzil* beschlossen, nackte Kinder zu verbieten.

* Die große demokratische Revolution der Kirche: Jetzt dürfen auch modern gesinnte Katholiken alles
tun, was der Papst sagt.

Besondere Brisanz erhält die Situation dadurch, dass die Kinder Magier waren, was ebenfalls
verboten wurde. Ohnehin ist es sehr wahrscheinlich, dass sie dieses ganze Kapitel verbieten werden,
insofern lesen Sie die Stelle am besten noch einmal rückwärts. Drücken Sie jetzt auf Stop. Nun
drücken Sie auf Wiedergabe und stellen sich die Szene mit Bettdecke oder mit einem schwarzen
Zensurbalken anstelle pikanter Stellen vor, die ohnehin noch nie erlaubt waren, schon gar nicht bei
Kindern, ob sie nun zu ihrer biologischen Grundausstattung gehören oder nicht.

Hermione hatte einen Verhütungs-Fluch bei Ron angewandt, eine ungemein praktische Methode,
wenn sie nur mit dem Stoffwechsel des Mannes vereinbar wäre. Der muss jedoch sofort sterben,
wenn ihm die Frau nicht alle Wünsche erfüllt**.

** Ob das wohl funktioniert?

Und so musste auch Ron während der Tätigkeit sterben, die bei normalen Mädchen in Hermiones
Alter Kichern auslöst, so wie bekanntlich alles bei Mädchen in diesem Alter Kichern auslöst, aber man
kann sich anhand der Umstände trotzdem ausdenken, was wohl gemeint ist, weil das ja klar ist. Wie
es auch Paare in der Muggel-Welt handhaben, ließen sich die Beiden jedoch nicht durch so eine
Lappalie davon abhalten, es sofort wieder zu versuchen, diesmal mit größerem Erfolg und ohne
schwarze Balken, die Ron in Hermiones Truhe warf.

"Rassenhygiene. Eine fabelhafte Idee. Man sollte alle Rassen von den Sifferins reinhalten."
Terry werkelte an der philosophischen Rechtfertigung für seine Anti-Sifferin-Feldzüge, als ihm
Gandalf einen Tee einschänkte. Sie saßen an einem Tisch bei eitel Sonnenschein, Blümchen,
Vogelzwitschern und dem ganzen Zeug im magischen Garten des Direktors. Karl Marx, Gandalfs
Phönix, leistete ihnen Gesellschaft. Der Direktor ergriff das Wort:
"Das war nicht unbedingt der Grund, warum ich dir davon erzählt habe - eigentlich habe ich so etwas
wie Rassenhygiene niet erwähnt. Das Thema ist vielmehr Joe Black und seine Anwesenheit hier."
"Ja, aber das Thema ist so langweilig."
Karl Marx rümpfte die Nase.
"Versucht er nicht, dich zu ermorden?"
"Das mag ja sein, aber tun so viele heutzutage."
"Auf jeden Fall frage ich mich...", fragte Karl, "...wie er die Schule betreten konnte. Sie ist schließlich
durch diverse magische Blockaden gesichert. Mehrere Unpässlichkeitsflüche liegen auf dem
Gebäude."
"Ah", meinte Terry und streckte sich, "Ich fragte mich auch schon, wie dieses seltsame Gribbeln in
meinen kleinen Zeh kommt."

Karl aß einen Pfefferminz-Keks zu seinem Tee. "Ich habe mal im Drehbuch nachgesehen", meinte er.
"Da steht, Black könne sich verwandeln."
"In was denn?", fragte Gandalf.
"In einen Regentropfen. Vielleicht tropfte er in die Schule, verwandelte sich zurück und versuchte,
den Griffamtor-Gemeinschaftsraum zu betreten, um Terry zu ermorden."
"Zeig mal her!"
Gandalf schnappte sich das Drehbuch aus Karls Hand, das er gerade aus seiner geräumigen
Kommunisten-Westentasche gezogen hatte. Er blätterte es durch und wandte sich perplex an Terry:
"Hast du wirklich mit allen Mädchen aus deinem Haus geschlafen? Ich muss dich offiziell darauf
hinweisen, dass dies verboten ist. Laut dem entsprechenden Schulgesetz von 1357 dürfen männliche
und weibliche Schüler erst nach der Ausführung des Keuschheitsritus miteinander sexuell verkehren -
und diverse andere seltsame Dinge. Hast du heute schon einen Ketzer* verbrannt?"

* In der Magischen Welt ist "Ketzer" die Bezeichung für Kritiker des Kultusministeriums. So auch in
Bayern.
"Es könnte sein, dass sich ein Mädel vor mir versteckt, aber das halte ich für unwahrscheinlich. Ich
habe sogar mit Rons kleiner Schwester geschlafen. Auf der anderen Seite gibt es glaube ich
niemanden, der das nicht von sich sagen könnte."
Karl räusperte sich nervös.
"Steht das da drin?"
"Nein", meinte Gandalf. "Ich wollte das nur wissen. Terry Rotter und der politische Gefangene ist ein
Buch und kein Film, dazu gibt es natürlich keine Drehbücher."
Das Drehbuch musste das einsehen und verschwand plötzlich aus Gandalfs Händen.
"Machst du morgen beim Quititsch-Turnier mit?", fragte Karl, um vom Thema abzulenken.
Terry tauchte einen Keks in seinen Tee und sprach: "Welches Turnier?"
Gandalf schreckte erstaunt auf.
"Ich dachte, du wärst der Schnapper des Griffamtor-Teams!? Du bist der wichtigste Spieler und weißt
nichts davon?"
"Das macht nichts. Ich habe seit einem Jahr kein Quititsch mehr gespielt."
Gandalf verschluckte Karls Pfefferminz-Keks und hustete.
"Inwiefern soll das bitte, würg, die Problematik relativieren?"
Er spuckte den Keks auf eine Fee, die gerade vorbei flog. Diese protestierte lauthals, also ziemlich
leise für menschliche Ohren, und sprang in den Gartenteich.
"Ich gehe mal davon aus, dass es zu einem Zwischenfall kommen wird. Ein normales Spiel wäre zu
langweilig."
"Ja, das sagst du!", meinte Gandalf. "Aber seit wann richten sich die Naturgesetze nach deiner
Meinung!?"
"Seitdem ich ein Magier bin."

Die Römer siegten in Karthago. Ein Ereignis, das allenfalls von Anhängern des New Historicism
angezweifelt wird. Die zweifeln jedoch ohnehin alles an, von ihrer eigenen intellektuellen
Überlegenheit abgesehen und vom Holocaust, weil man sonst ihre verqueren Gedankengänge
durchschauen würde. Insofern können wir feststellen, dass die Schlacht von Karthago zwar
stattgefunden hat, dies aber schon lange her ist und auch nichts mit diesem Kapitel zu tun hat.

Am nächsten Tag schlenderte Terry gelangweilt in Richtung Mannschaftskabine der Griffamtors. Er


blickte nach oben zu den Zuschauern. Sie applaudierten und klammerten sich abwechselnd an ihren
Sitzen fest. Jenseits von Gandalfs magischem Garten herrschte nämlich kein eitel Sonnenschein,
sondern ein wütender Sturm, begleitet von grauen Wolken, die sich drohend aufbäumten. Der
eiserne Wind raste über das Quititsch-Spielfeld. Als Ron Terry entdeckte und ihm zuwinkte, erfasste
Ron ein Windstoß und schleuderte ihn aufs Spielfeld, wo ein Blitz in seinen Kopf einschlug.

In der Kabine wurde Terry von einem bleichen Al Brandy begrüßt, der ihn mit offenem Mund
anstarrte.
"Terry! Warum warst du nicht beim Training!? Oh, ich weiß: Du hast alleine trainiert, um dich ganz
auf deine individuelle Entwicklung zu konzentrieren! Du bist vorbereitet, wir können die
Rebhuhnclaws leicht schlagen, nicht wahr?"
"Nein. Ich habe schon ewig kein Quititsch mehr gespielt."
Brandy war nicht in der Lage, solche Äußerungen wahrzunehmen. Seine persönliche Dimension
bestand aus Quititsch. Er nahm alle Menschen so wahr, wie es ihrem Verhältnis zu Quititsch
entsprach. Al konnte sich historische Persönlichkeiten nur merken, indem er sich einredete, dass sie
auch begeisterte Quititsch-Spieler waren, und nicht nur berühmte Zauberer. Es gab niemanden, der
keine Verbindung zu Quititsch hatte oder das Spiel nicht mochte. Vor allem traf dies auf seinen
wichtigsten Spieler zu: Terry.
"Sehr gut, Terry!", stöhnte Al erleichtert auf. "Ich wusste, auf dich ist Verlass."
Die anderen Spieler hatten sich vorgenommen, Terry böse anzusehen und ihm Vorwürfe zu machen.
Es gelang ihnen jedoch nicht. Es war einfach keine gute Idee, so etwas mit Terry zu tun, wenn man
darauf bestand, dass Gliedmaßen ein elementarer Bestandteil eines Körpers waren.

Die Teams betraten das Spielfeld und die Menge jubelte. Sie kam jedoch nicht gegen den Sturm an
und die Mannschaften konnten den Applaus nicht hören, was die ohnehin lustlosen Rebhuhnclaws in
ihren blauen Faultier-Trickots weiter demotivierte. Die Griffamtor-Spieler dagegen erstrahlten in
ihren roten Mannschaftsfarben und kleine Dinos fauchten kampfbereit auf ihren Hemden. Madam
Lutsch griff zu ihrer Trillerpfeife, verstärkte sie magisch und blies hinein.

Ein Sumpfdrache landete im Garten und schnupperte an einem Löwenzahn. Er musste niesen. Dann
legte er seinen Kopf auf einen Stein am Gartenteich, um sich auszuruhen. Eine Fee, welche sich dort
badete, schreckte auf. Sie wechselte ein paar Worte mit dem Drachen und setzte sich schließlich auf
seinen Kopf, wo sie ein Lied anstimmte. Ein wütender Blick fing die Szene ein.
"Die machen das mit Absicht! Ich weiß es!"
"Nur die Ruhe, Richard."

Die US-Regierung hatte die Brights-Zentrale niedergebrannt, weil jene, so die offizielle Begründung,
böse war. Nun versammelten sich die letzten Wissenschaftler der Vereinigten Staaten im Anwesen
von Richard Dawkins in Oxford, England. Er sah gerade hinaus in seinen Garten, wo sich allerlei
Wesen aus der Magischen Welt versammelten. Hier, wo niemand an sie glaubte, fühlten sie sich
sicher.
Daniel Dennett tätschelte die Schulter seines alten Freundes.
"Sieh es positiv."
"Ja?"
"Ja."
"Ich meinte: Inwiefern?"
"Jetzt haben wir noch mehr zu erforschen."
"Aber niemand will es noch hören! Die Leute glauben, jetzt wo es auf einmal wirklich diese
magischen Kreaturen gibt, hätte die Wissenschaft verloren und die Magie gewonnen. Dabei sollten
wir auch die Magie erforschen. Wenn wir das nicht tun, dann wird sie niemand in unserer Welt
nutzen können! Außerdem regt es mich auf, dass auf einmal die Naturgesetze nicht mehr richtig
funktionieren. Das kann doch gar nicht sein!"
"Es hätte schlimmer kommen können."
"Wie?"
"Stell dir mal vor, hier würden auch noch Götter auftauchen."
Die Wangen des Zoologen färbten sich rot und etwas zerrte an seinem Hosenbein.
"Mr. Dawkins?"
Es war ein Kobold. Er hielt ein bedrucktes Blatt Papier in der Hand.
"Ah, - Seppi, nicht wahr?", stöhnte Richard resigniert.
"In der Tat. Ich habe es durchgerechnet und das Ergebnis mit meinen Studien aus der magischen
Dimension verglichen."
"Und?"
"Zumindest die Memetik scheint auch bei uns zu gelten."
"Ha! Das sind ja wundervolle Neuigkeiten! Vielleicht gibt es bei euch auch Naturgesetze. Vielleicht
sind die nur ein wenig anders und - genau, das Mädchen, das uns letztes Jahr besuchte! Ihre Theorie,
wie war die noch, dass die Gesetze von zwei Dimensionen unter Umständen verschmelzen könnten.
Ich fand das damals sehr hypothetisch, aber heute - glaubst du, sie wusste Bescheid, Dan?"
Daniel nickte.
"Könnte sein."
Seppi, der Kobold, ergriff das Wort:
"Ich habe mal eines unserer Naturgesetze kennengelernt, das war, glaube ich, beim 400sten
Internationalen Arithmantik-Wettbewerb. Das Gesetz hatte lange, blonde Haare und..."
Richard verließ das Zimmer.
"Was ist mit ihm?"
"Er braucht ein wenig Zeit. Wo ist eigentlich dieser riesige Steintroll geblieben?"
"Ich glaube, der sitzt draußen im Vogelbad. Er hat das Zimmer durch dieses riesige Loch in der Wand
verlassen."
"Oh."

Terry hatte sich auf einen der sechs Türme gesetzt, welche das Spielfeld umgrenzten. Dort hielt er
Ausschau nach dem goldenen Schnaps, während er einen Schokoriegel aß. Neben ihm hockte der
Schnapper der Rebhuhnclaws und tat es ihm gleich. Air Jordan kommentierte das Geschehen durch
sein Knochophon:

"Die Griffamtors sind äußerst aktiv dabei. Auch die Rebhuhnclaws scheinen sich zu rühren, obwohl
mir die Kuckis* dies noch nicht bestätigen konnten.

* Kugelförmige, beflügelte Pelzknäuel, die als intelligente Überwachungskameras dienen.

Trotz der ungleichen Verteilung von Bewegungsenergie herrscht Gleichstand, denn durch ihre
hervorragende Mannschaftsverteilung, alle Rebhuhnclaws schweben direkt vor den Ringen, können
sie ihren Nachteil ausgleichen. Diese unglaublichen Faulpelze, so etwas habe ich noch niemals
gesehen."
"Jordan!"
"Professor McGonekel. Und hier tut sich plötzlich etwas: Ein Sack mit unbekanntem Inhalt - die
Kuckis erzählen mir gerade, dass es sich um Reis handelt - liegt auf einem der Begrenzungstürme. Er
liegt dort oben sehr unsicher, wahrscheinlich wird er bald hinunterfallen."
Das Puplikum hielt den Atem an.
"Beim heiligen Merlin! Was ist das!? Konservatoren! Konservatoren auf dem Spielfeld!"

Drei Kreaturen mit dunkelbrauner Kutte flogen in Terrys Richtung. Er wickelte den restlichen
Schokoriegel in die Verpackung und warf ihn hinunter. Das Papier wurde vom Wind direkt in einen
Mülleimer navigiert.
"Das war toll", meinte der Rebhuhnclaw-Schnapper.
"Alles kühle Berechnung", sagte Terry und gähnte. "Du solltest fliehen, da kommen drei Monster auf
uns zu."
"Wenn's sein muss."
Während der Rebhuhnclaw das Feld räumte, sprang Terry auf sein Snowboard. Als er sich sicher war,
dass es die Konservatoren auf ihn abgesehen hatten, flog er so schnell wie der Sturm in Richtung
Schweinsdorf. Die Konservatoren hetzten ihm nach und stöhnten dabei böse Worte:

"Weißwürscht mit Bretzeln! Kartoffelbrei! Wiener Schnitzel!"

Terry konterte:

"Ente süß-sauer!"

Die Konservatoren zischten beleidigt und flogen noch schneller, während Terry "Ist ja fast wie bei den
Thorsleys" murmelte. Als er über Schweinsdorf hinweg flog, erkannte er unter sich erhobene
Zeigefinger, die sich panisch in über den Kopf geworfene Hände verwandelten. Schreie gesellten sich
hinzu.

Nach gut einer Stunde erreichte Terry ein Dimensionstor. Er warf einen Blick über die Schulter, um
sicher zu gehen, dass die Konservatoren ihn noch verfolgten und passierte es. Die Reaktionen der
Muggel-Welt auf die Monster und den fliegenden Jungen waren auch nicht viel anders als die der
magischen Dimension. Hastig fliehende Statisten gibt es eben nicht nur in Filmen, sondern auch in
Büchern. Und ich muss sie nicht einmal bezahlen.

Über dem Dover-Kanal erreichte Terry den Teil Europas, der sich freiwillig so bezeichnete, und
glaubte ein erschöpftes Kulchen hinter sich zu vernehmen. Er flog daher ein wenig langsamer und
genoss die Aussicht auf französische Baguette-Plantagen. Nach insgesamt sechs Stunden erreichte er
endlich Rheinland-Pfalz, ein Bundesland im Südwesten Deutschlands mit dem Wahlspruch "Wir
machen's einfach", der eine verblüffende Ähnlichkeit mit Terrys Lebensmotto aufwies. Einer der
Konservatoren war erschöpft zusammengebrochen und musste von seinen Kollegen getragen
werden. Sie zischten sich etwas zu, das wie "Freund, wir sind der Heimat nahe" klang. Nach ein paar
Kilometern begannen die Konservatoren auf einmal zu singen:

"Gott mit dir, du Land der Bayern, deutsche Erde, Vaterland!"

"Wo sollte alles Böse auch sonst herkommen?", stöhnte Terry und schüttelte den Kopf

Nun begannen die Konservatoren im Kanon zu singen:

"Gott mit ihm, dem Landesvater! / Gott erhalte uns den Herrscher"

"...bringt mich endlich um oder haltet die Klappe!", schrie Terry und begann mit dem Landeanflug.

Er hatte sein Ziel erreicht: Den Laacher See in der Vordereifel, einzig aktiver Vulkan des Landes. Auf
dem Einbruchkrater befand sich Wasser, auf dem Terry landete. Die Konservatoren hielten
verunsichert inne und schwebten gut zehn Meter schräg über Terry. Der Junge übernahm die Rolle
des Fremdenführers:
"Willkommen über dem Laacher See im schönen Kreis Ahrweiler. Der letzte Ausbruch des Vulkans
liegt rund 12 000 Jahre zurück. Er setzte eine Energie von 500 Hiroshima-Bomben frei, was einem
Wert von sechs auf der VEI-Skala entspricht. Der Ausstrom von CO2-Blasen hat sich Anfang des
Jahres vervierfacht. Ein weiterer Ausbruch steht also kurz bevor. Nun die Frage an euch Beide:
Welches Gestein wurde bei der letzten phreatomagmatischen Eruption des Vulkans ausgestoßen?"

Die Konservatoren, am Ende ihrer Kräfte, überlegten. Terry entfernte sich heimlich vom See,
während sich die drei Kuttenträger berieten. Er kam direkt unter einer Wolke zum Stillstand und
blickte auf den Vulkan hinab.

"Verstand nicht genuuuug", stöhnte einer der Konservatoren.


Das Wasser brodelte und verdunstete rapide.
"Verstand aussaugen!", schlug ein anderer vor.
Der See verdampfte und hüllte die Monster in Nebel ein.
Terry holte seine magische Kamera hervor und filmte die Szene. "Den lade ich bei YouDupe hoch,
dann steigt mein Karma. Zumindest habe ich das irgendwo gelesen und hier weiß man ja nie."
"Ich kenne die Antwort", sagte einer der Konservatoren, als die Monster mit Asche bedeckt wurden.
Der Eruptionslärm war höllisch. Satan stieg aus dem Vulkan hervor und nickte rhythmisch mit dem
Kopf.
"Sie lautet Teddybär."
"Falsch!", schrie Terry, während sich die Konservatoren in der ausströmenden Lava auflösten.
"Schade, und ihr hattet noch zwei Joker."
Der Teufel schüttelte Terry begeistert die Hand. "Eine klasse Show, fantastisch! Und zwei seltene
Exemplare für meine Seelensammlung!"

Das Quititsch-Spiel endete unentschieden, weil einer der Schnapper fehlte und der andere zu faul
war, den Schnaps zu fangen. Die Schüler, von den Sifferins abgesehen, und die Lehrer, von Professor
Snake abgesehen, machten sich große Sorgen um Terry. Nicht groß genug allerdings, um den
Unterricht abzusagen. Zumindest Gandalf war sehr wütend auf die übrigen Konservatoren und
vertrieb sie vom Schulgelände in den Verbotenen Wald.

Ron und Hermione küssten sich, als sie das Missbrauchszimmer betraten.
"Meinst du, es geht Terry gut?", fragte sie und klammerte sich an Rons Arm.
"Er dürfte wohl der Einzige sein, der einen Kampf gegen grässliche Riesenmonster genießen könnte.
Aber Terry traue ich das zu."
Als alle Schüler auf ihren Plätzen saßen und es zwei Mal auf dem Gothik-Friedhof vor dem Fenster
blitzte, betrat Professor Snake den Raum. Thomas Tropf kramte schnell seinen Erste-Hilfe-
Teufelsaustreibungskasten heraus, doch leider zu spät. Snake hatte ihn schon mit einem magischen
Strahl aus seinem Zauberstab erwischt und beförderte den Jungen in einen Käfig, der über der Klasse
hing.
"Darum sollte man Professor Dracula vernichten!", schrie Snake und die Schüler schreckten auf.
"Da fehlen Einleitung und Hauptteil", protestierte Hermione.
"Und dich sollte man auch vernichten!", fügte Snake hinzu. "Was fällt dieser Schauergestalt ein, euch
freundlich zu behandeln! Früher hat man unartigen Schülern einfach die Gedärme raus gerissen und
sie den artigen Schülern zum Mittagessen serviert! Dann hat man den Rest ihrer Leichen geschändet
und wieder geschändet und noch mal geschändet - es ist wirklich eine Schande, dass diese
Weichkekse das verboten haben! Wenn man Schüler nicht ordentlich foltert und quält und zerhackt
und ihre Augen auffrisst, dann wird nie was aus denen werden!"
Ron zitterte verängstigt. Snake packte ihm am Kragen.
"Du! Was fällt dir ein, Furcht zu zeigen!"
"Binde ihn auf die Folterbank!", befahl er Hermione.
Während Hermione ihren Freund mit entschuldigendem Blick auf Draculas mittelalterlicher
Folterbank festschnürte, begann Snake die Stunde.
"Heute beschäftigen wir uns mit Vampiren!"
"Aber wir sind noch nicht mal bei Kuschelbären!", protestierte Thomas in seinem Käfig.
Snake setzte den Käfig unter Strom und fuhr fort:
"Vampire sehen wie normale Menschen aus, bis sie sich in Fledermäuse oder Wölfe verwandeln. Ihr
erkennt sie daran, dass sie euer Blut trinken. Ihr könnt ihnen auch einen Spiegel vor das Gesicht
halten und man wird sie nicht darin erkennen. Besiegen könnt ihr sie mit Symbolen einer Muggel-
Religion oder mit Knoblauch. Am effektivsten ist Tageslicht. Es gibt allerdings Vampire, auf die nur
einige dieser Eigenschaften zutreffen, weil der Autor sonst stärker auf die Handlung hätte acht geben
müssen."
"Was soll ich jetzt mit ihm machen?", fragte Hermione. Ron blickte resigniert einem weiteren Tod
entgegen.
"Stell dir vor, Mr. Grievly hätte dich mit einer anderen betrogen", sagte Snake.
"Das hat er nicht. Aber ich betrüge ihn, weil ich noch mit Terry zusammen bin."
"Erlöse ihn von der Bürde der Fortpflanzungsfähigkeit!"
"Nicht schon wieder Sado-Maso!", beschwerte sich Ron und versuchte die Fesseln zu lösen. "Das
haben wir doch vorhin erst gespielt."
"Aber nicht absichtlich!", meinte Hermione.