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Die Zeit – Wissen, ein Wissenschaftsmagazin, veröffentlichte in der Juni/Juli 2008

Ausgabe Nr. 4 ein Interview mit dem Soziologen Ronald Hitzler, mit dem Titel
„Die Leute können mit Observation gut leben“. Das Interview behandelt die
Frage, wie Bürger mit der Preisgabe privater Daten und dem damit verbundenen
Verlust an Privatsphäre umgehen.

Der Soziologe Ronald Hitzler ist der Auffassung, dass wir widerstandslos unsere
Daten freigeben. Dies begründet er, indem er darauf hinweist, dass trotz der
Warnungen der Datenschützer wir wohlwissend unsere Daten vom Staat und von
der Privatwirtschaft sammeln lassen.

Weiterhin stellt er die These auf, dass sich die Vorhersage, dass wir auf dem
besten Weg zu einem totalitäreren Überwachungsstaat sind, nicht erfüllt habe.

Hitzler meint sogar, dass es nicht unwahrscheinlich sei, dass wir bald mit
bestimmten Geräten am Flughafen durch unsere Kleidung sehen lassen müssen.

Folglich sei der stärkere islamistische Terror Schuld, weshalb wir willig und
begierig mit jedem verfügbaren Mitteln dagegen steuern.

Der Soziologe weist weiter darauf hin, dass wir keinerlei Hemmungen haben.
Denn er glaubt nicht daran, dass die Kundenkarten in Supermärkten verwendet
werden, nur um ein paar Cent zu sparen, sondern einzig alleine nur um etwas
Privates freizugeben.

Diese These unterstützt er ebenfalls mit der Aussage, dass wir uns gerne vor den
neuesten Medien „entblößen“. Meistens seien es die Jugendlichen, die kein
Problem damit haben, sich in „Deutschland sucht den Superstar“ oder in einem
YouTube Video zu präsentieren und über ihre sexuellen Fetische zu erzählen, so
Hitzler.

Am Ende des Interviews weist er deutlich darauf hin, dass wir überwacht werden
wollen, da wir nach Aufmerksamkeit und Sicherheit streben. Selbst von einer
Überwachungskamera aufgenommen zu werden, sei für uns tröstlich, wenn wir
schon nicht bei einer Castingsendung gefilmt werden.

Nach diesen Antworten vom Soziologen Hitzler frage ich mich, ob die Leute
wirklich observiert werden wollen? Observation allgemein, ist ein diskutables
Thema. Deshalb möchte ich nun, so kritisch wie möglich, die zentralen Gedanken
des Soziologen erörtern.

Angefangen mit der Aussage, dass wir unsere Daten widerstandslos hergeben.
Dieser Aussage kann ich nur teilweise zustimmen. Ronald Hitzler nennt hier keine
konkreten Beispiele, welche Daten er meint. Natürlich ist es den meisten
Menschen bewusst, dass sie beim Einkauf mit der Kundenkarte das
Einkaufsverhalten preisgeben oder unser Profil auf Social Network Seiten wie
Facebook teilweise frei zugänglich sind. Widerstand ist hier nicht zu erkennen.
Jedoch haben wir normalen Bürger auch unsere Grenzen. Der neue
Personalausweis mit Fingerabdruck, der eingeführt werden sollte, konnte nicht
durchgesetzt werden. Ich persönlich, wie viele andere Menschen auch, will mein
Fingerabdruck nicht auf einem Ausweis gespeichert haben. Je mehr persönliche
Daten auf einem Ausweis sind, desto größer ist der Schaden bei einem Verlust
oder Missbrauch des Ausweises. Dies würde ebenfalls bedeuten, dass der Staat
meinen Fingerabdruck gespeichert hat, was ich nicht befürworten kann.

Das wäre ein Schritt zum totalitären Überwachungsstaat, was zum Glück nicht
Bestandteil unserer Regierungsform ist. Zumindest stimmt diese Vorhersage
noch nicht. Aber jüngste Ereignisse veranschaulichen uns, dass wir uns in die
Richtung bewegen. Es wurden über Wikileaks.org, eine Webseite die staatlich
interne Daten veröffentlicht, über tausend geheime Dokumente vom
Afghanistankrieg veröffentlicht. Und der Stapel an geheimen Dokumenten häuft
sich. Wenn selbst nicht einmal eine Weltmacht wie Amerika es schafft, Privates
für sich zu behalten, wie sollen es dann gewöhnliche Bürger mit dem Staat
aufnehmen?

Das heutige Problem ist ebenfalls das Internet und die Leichtsinnigkeit der Leute.
Egal ob wir nach einem Kleidungsstück suchen, ein Problem oder eine Krankheit
haben, alles wird heute im World Wide Web eingetippt. Das diese Daten aber von
Google und Co. gespeichert werden, ist vielen gar nicht bewusst. Wenn man die
kompletten Daten, die eine Person „freiwillig“ im Internet veröffentlicht,
zusammenfassen würde, so könnte man eine Enzyklopädie wie Wikipedia nur für
uns Menschen erstellen, wo man nur noch unseren Namen eingeben müsste um
komplette Daten über uns zu erhalten. Eine totalitäre Staatüberwachung in ferner
Zukunft finde ich nicht unwahrscheinlich.

Ich bin mir jedoch sicher, dass für die Sicherheit jeder Mensch gerne ein Stück
Privatsphäre aufgibt. Jedoch muss man auch hier unterscheiden können, welche
Art von Privatsphäre gemeint ist. Sich am Flughafen mit speziellen Geräten durch
die Kleider sehen zu lassen, finden wohl die wenigsten schlimm. Was kann da
schon passieren? Mein Körper wird wohl kaum als Nacktmodel auf ein Poster
übertagen. Jedoch bin ich der Auffassung, dass die wenigsten abgehört werden
wollen, wenn sie mit Familie und Freunden übers Telefon reden. Sicherheit hin
oder her. Ebenfalls will ich nicht auf öffentlichen Bahn- und Flughafentoiletten
überwacht werden, nur weil der Verdacht auf Terrorismus liegt. Da gehe ich
lieber das kleine Risiko ein gesprengt zu werden.

Dass wir Menschen überhaupt keine Hemmungen mehr haben sollen, finde ich zu
weit hergeholt. Natürlich geben wir freiwillig unser Einkaufsverhalten über die
Kundenkarte preis, jedoch erhalten wir hierfür eine Gegenleistung in Form von
barem Geld. Mir fällt kein anderer Grund ein, weshalb sich sonst jemand den
Aufwand machen sollte, mit einer Kundenkarte zu bezahlen. Mit
Hemmungslosigkeit und Beachtungsnot hat das weniger zu tun. Und das sich
heute einige unter uns gerne vor den neuesten Medien entblößen, ist völlig
korrekt. Jedoch liegt die Betonung auf „einige“! Denn nicht alle Menschen tun
dies. Jeder strebt nach etwas Aufmerksamkeit und Anerkennung. Und die
heutigen Medien bieten das ideale Werkzeug hierfür. Natürlich gibt es den einen
oder anderen Spinner der sich in der Öffentlichkeit zum Affen macht und Sachen
ausplaudert, die eigentlich niemanden angehen, jedoch ist dieser Personenkreis
zu minimal, als das man es verallgemeinern kann.
Dem Soziologen Ronald Hitzler kann ich nur minimal zustimmen. Natürlich
stimmt es, dass wir nach Beachtung und Aufmerksamkeit streben und uns
deswegen gerne mal frei öffentlich mit den neuesten Medien präsentieren. Aber
Hitzlers Antworten gehen zu sehr ins Extreme. Er spricht von totaler Hemmungs-
und Widerstandslosigkeit gegenüber Veröffentlichung privater Daten. Ich weiß
nicht, welche Masse Hitzler hier anspricht, aber ich persönlich bin davon weit
entfernt. Ich stelle mich vor keine Kamera hin oder lade Videos mit meinen
sexuellen Bedürfnissen auf YouTube hoch, nur um an Beachtung zu gewinnen.
Ich lasse mir ebenfalls keine Kundenkarte in die Hand drücken, nur damit die
Privatwirtschaft weiß, was ich eingekauft habe.

HÜSEYIN ÖZGÜL