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GESCHICHTE

Der «Steiner Aufstand» 1942


Das historische Beispiel wählen wir aus dem Bereich der «Inneren friedenen.Das von Steinen aus operierende
Einsätze der Schweizer Armee».1 Der hier erstmals auf Grund der Quel- Initiativkomitee «Reval» (Revision Alko-
len militärhistorisch aufgearbeitete grösste «Ordnungsdienst» im Zwei- holgesetz) versuchte, mit einem Volksbe-
gehren ans Ziel zu gelangen. Die gespann-
ten Weltkrieg ermöglicht die Analyse der Entscheide der verschiedenen te äussere Lage veranlasste den Bundesrat,
involvierten politischen und militärischen Stellen und gibt so Einblick die Abstimmung auf unbestimmte Zeit zu
in die Komplexität eines subsidiären Sicherungseinsatzes der Armee. verschieben, was die Initianten als Verfas-
sungsverletzung brandmarkten und zum
zivilen Ungehorsam aufriefen. Daraufhin
Hans Rudolf Fuhrer und Filip Vincenz * schaftssektor nahm mit 131 Bauernbetrie- weigerte sich eine bedeutende Anzahl
ben einen hohen Stellenwert ein, wobei Hausbrenner und Hausbrennauftraggeber
der Haupterwerb in der Viehzucht und der in einzelnen Gemeinden des Kantons
Eine «leidige» Geschichte 2 Milchwirtschaft lag. Der Obstbau erreichte Schwyz, die ausgefüllten Brennkarten ab-
im Vorfeld des Krieges eine gewisse Bedeu- zugeben.
«Bauern gelten auch dann, wenn sie, tung, verlor aber infolge des Preiszerfalls Die Reval-Initiative wurde schliesslich
wie in Steinen, einen ungerechten Auf- immer mehr an Terrain. Das gleiche am 9. März 1941 mit 452 873 gegen
stand im Krieg organisieren, viel weniger Schicksal ereilte auch die Tafelkirschen, 304 867 Stimmen verworfen.
als staatsgefährdend und sind keineswegs weshalb Obst und Kirschen vermehrt zu Im ersten Kriegsjahr wurde die Milch-
suspekt wie streikende Arbeiter oder gar Schnaps gebrannt wurden. kontingentierung aufgehoben, was den
demonstrierende Studenten.» 3 In der Volksabstimmung vom 6. April Bauern im Voralpenraum mit ihrer Gras-
Im Herbst 1942, mitten im Zweiten 1930 wurde die Konzessionspflicht der
Weltkrieg, ereignete sich in Steinen (SZ) Hausbrennerei beschlossen. In Gegenden 1
eine noch heute umstrittene Affäre, der mit einem hohen Anteil an Hausbrenn- Vgl. Zusammenstellung der «Inneren Einsätze der
Schweizer Armee 1860–2003» in http://www.antirep.
so genannte «Steiner Aufstand». Am 22. apparaten, namentlich in der Innerschweiz, ch/Texte/militaereinsaetze.html; Kurz, Hans Rudolf.
November 1942 verhinderten in Steinen, wurde die Vorlage deutlich verworfen. «Die Schweizer Armee im Ordnungsdienst 1856–
Kanton Schwyz,über 200 Bauern eine eid- Fortan mussten die Bauern über ihre 1970 – Eine Übersicht in Tabellenform.» Der Fourier
genössisch angeordnete Betriebskontrolle Brenntätigkeit und die Verwendung der 7. Juli 1966: S. 237–241.
2
einer Mais- und Futtermühle. Dem Auf- Brennerzeugnisse Aufzeichnungen führen. Meisterhans, Felix: «Die dumme Geschichte im
ruhr vorangegangen war die Verhaftung des Zudem wurde der gesetzlich festgelegte Krieg,» Tages-Anzeiger Magazin 30 (28.07.1973), S. 4.
3
Tschäni, Hans: «Die Bauern und der Staat,» Tages-
wegen Schwarzhandels von unbekanntem Übernahmepreis für Kernobstbranntwein Anzeiger Magazin 30 (28.07.1973), S. 3.
Ausmasse beschuldigten Mühlebesitzers um 25 % auf Fr. 1.50 je Liter gesenkt. Der 4
Auch wenn keine Geheimhaltungspflicht besteht,
N.,4 dessen Freilassung von den Aufrührern Innerschweizerische Bauernbund (IBB) so werden die Namen der direkt beteiligten Steiner
gefordert wurde.Angesichts der kriegswirt- machte sich zum Wortführer aller Unzu- Bürger nicht ausgeschrieben.
schaftlichen Massnahmen, die den Hand-
lungsspielraum der Bauern erheblich ein-
schränkten,entwickelte sich der Aufruhr zu
einer mehrstündigen gewaltsamen Aufleh-
nung gegen die staatliche Ordnung.
In jener Phase des Zweiten Weltkriegs,
in der man in der Schweiz annahm, dass je-
des Problem im Innern vom kriegführen-
den Ausland als Schwächezeichen der
Widerstandskraft aufgefasst würde, drängte
der Bundesrat die Kantonsregierung zur
schnellen Wiederherstellung und Aufrecht-
erhaltung von Ruhe und Ordnung. Im
Rahmen eines Ordnungsdienstes wurde
das verstärkte Infanterieregiment 24 be-
reitgestellt. Über das wahre Ausmass des
Schwarzhandels orientiert, gaben die Auf-
rührer den Widerstand auf und stellten sich
der Bundesanwaltschaft zur Einvernahme.
Ohne Waffengebrauch endete damit der
«Steiner Handel» – unspektakulär, aber als
Lehrbeispiel ausserordentlich vielseitig.

Missstimmung in der Steiner


Bevölkerung
Die Gemeinde Steinen zählte im Jahre Abstimmungspropa-
ganda des Reval-
1941 1652 Einwohner. Der Landwirt- Initiativkomitees zur
Volksabstimmung
*
PD Dr. phil. Hans Rudolf Fuhrer ist Dozent für vom 9. März 1941
Militärgeschichte an der Militärakademie/ETH Zü- Foto: Privatarchiv
rich und Hptm Filip Vincenz Berufsoffizier im LVb Franz Fries,
Panzer 3. Die Grundlage dieser Studie bildet die Briefumschlag des
Diplomarbeit des Letzteren. Reval-Initiativkomitees

Land Power Revue der Schweizer Armee Nr. 2, Beilage zur ASMZ 6/2005 25
wirtschaft eigentlich hätte gelegen kom- mit. Dieses von verschiedenen Stellen ge- Beamte davon ab, die Buchhaltungsbücher
men können. Doch wegen der bis dahin förderte Heimatbewusstsein blieb nicht sicherzustellen.
geltenden Regelung hielten die Bauern ohne Nebenwirkungen. Gegen «Bern», ge-
vorwiegend Schlachtvieh. Unter den gege- gen fremde Vögte und Zwänge führte man Die Betriebskontrolle und der
benen Umständen war es schwierig, in den Unabhängigkeitskampf im Geiste Aufstand vom 22. September
nützlicher Frist auf Nutzviehhaltung um- Stauffachers. Das KEA verfügte, dass sowohl in der
zustellen.Zudem trat mit der Rationierung Vor diesem Hintergrund entlud sich am Mühle als auch in der Sennerei eine Be-
des Fleisches im März 1942 eine neue 22. September 1942 die aufgestaute Wut triebskontrolle durchzuführen sei.Am Vor-
Schlachtviehordnung in Kraft.Diese unter- der Bauern. mittag des 22. Septembers trafen die beiden
band den direkten Verkehr zwischen Metz- Inspektoren, Dr. Oskar Walther, der Chef
ger und Bauer und ermächtigte den Staat, des Kontrolldienstes der schweizerischen
im Bedarfsfall das nötige Vieh aus den Stäl-
Der Widerstand gegen die Zentralstelle der Lebensmittelimporteure,
len der Bauern zu requirieren. eidgenössische Kontrollbehörde – und Willy Rhyner, Inspektor der Sektion
Die Anbaupflicht gemäss Plan Wahlen facts and figures für Milch und Milchprodukte, in Schwyz
entzog den Bauern einen Teil des Bodens, ein.Walter Stählin, ein Mitarbeiter der kan-
der bisher der Viehzucht gedient hatte. In In der gebotenen Kürze sollen zuerst die tonalen Zentralstelle, und der Ortspolizist
Steinen kam dem Ackerbau eine sehr un- aufständischen Ereignisse skizziert werden, begleiteten die beiden nach Steinen.
tergeordnete Rolle zu. Die vor dem Krieg um dann die Reaktionen aller Hierarchie- N. hatte auf Befehl der Untersuchungs-
bearbeiteten 266 Aren mussten bis 1946 auf stufen genauer analysieren zu können. organe seine Familie telefonisch aufgefor-
5707 gesteigert werden. Die Gemüsean- dert, den Kontrolleuren keine Schwierig-
baufläche erhöhte sich in der gleichen Die Verhaftung am 19. September keiten zu bereiten. Die Nachricht über die
Zeitperiode von 116 auf 475 Aren. Diese Josef N. betrieb in Steinen eine Mais- bevorstehende Kontrolle breitete sich wie
Umstellung ging keineswegs ohne Wider- und Futtermühle sowie eine Sennerei. In ein Lauffeuer aus. Man vereinbarte das
stände vor sich. beiden Betrieben verging er sich in den Glockengeläute der Stauffacher-Kapelle als
Der Plan Wahlen allein konnte die Ver- Jahren 1940 bis 1942 gegen Strafbestim- Alarmzeichen. Um 13.15 Uhr ein erstes
sorgung der Bevölkerung nicht garantie- mungen des Kriegswirtschaftsrechts.6 Die und um 13.45 Uhr ein zweites Mal rief die
ren, sondern es mussten: Grundnahrungs- Behörden entschlossen sich, eine Strafun- Glocke eine grosse Schar Aufständische und
mittel rationiert, die Verteilung organisiert, tersuchung durchzuführen und zur Ver- Neugierige zur Mühle und zur Molkerei.
die Preise kontrolliert, Subventionen für meidung von Kollusion den Angeklagten Nachdem der Dorfpolizist eingesehen
Grundnahrungsmittel ausgeschüttet und nach Aarau bringen zu lassen. Wegen der hatte, dass er alleine nichts auszurichten
der Schwarzhandel eingedämmt werden. drohenden Haltung des Müllers sah der be- vermochte, entfernte er sich, um Verstär-
Zur Bekämpfung von Letzterem schuf auftragte Polizeisekretär vorerst von einer kung anzufordern. In Schwyz erachtete
das eidgenössische Volkswirtschaftsdeparte- Verhaftung ab, konnte N. dann aber über- man den Einsatz des Polizeikorps mit 15
ment am 17. April 1942 die kriegswirt- zeugen, freiwillig mitzukommen. Die Un- Mann als untauglich. Auch Walther orien-
schaftliche Sektion zur Bekämpfung des tersuchung gegen N. sprach sich in Steinen tierte seine Auftraggeber und bat um Hilfe.
Schwarzhandels. Insgesamt wurden wäh- bald herum. Niemand war über das wirkli- Die Zentralstelle in Schwyz orientierte
rend des Zweiten Weltkrieges 235 000 che Ausmass des Schwarzhandels im Bilde, umgehend Landammann Knüsel und den
Verfahren eingeleitet. Allein im Kanton und man empfand die Inhaftnahme als Polizeidirektor, Regierungsrat Bürgi. Der-
Schwyz kam es zu 1056 Verurteilungen, behördliche Willkür. N. bekleidete wichti- weil wuchteten einige Rädelsführer die
was auf 1000 Einwohner 16 Gefängnisstra- ge Ämter in der Gemeinde und war allge- Bürotüre auf, packten Walther und stiessen
fen oder Bussen ergab. mein beliebt und angesehen. ihn die Treppe hinunter, wobei er sich
ernsthaft an einem Bein verletzte. Stählin
Die Verschwörung und die Mühle- entging diesen Tätlichkeiten, indem er sich
Die «Alten Eidgenossen» schliessung vom 20./21. September mit einem Sprung aus dem Fenster ins
Tags darauf wurde die Verhaftung nach Freie rettete. Kein Glück hatte auch Rhy-
Am 1. August 1941 fanden in Schwyz dem sonntäglichen Kirchgang zum Dorf- ner, der arg verprügelt und im Regen aus-
und auf dem Rütli in Anwesenheit des gespräch. Rädelsführer warben erfolgreich harren musste.
Bundesrats und des Generals Feiern zum Verbündete, um eine Kontrolle zu verhin- Einer der Rädelsführer telefonierte um
650-jährigen Bestehen der Eidgenossen- dern. Am Montagmorgen erhielt der Lei- 14.00 Uhr mit der kantonalen kriegswirt-
schaft statt. Vor allem die Rede General ter der kantonalen kriegswirtschaftlichen schaftlichen Zweigstelle und forderte unter
Henri Guisans vor dem Bundesbriefarchiv Zentralstelle Schwyz mit Ermächtigung Zurufen aus der auf über 200 Personen an-
in Schwyz fand bei der Innerschweizer des Chefs der Sektion für Getreideversor- gewachsenen Menge die Freilassung des
Bauernbevölkerung gute Aufnahme. Gui- gung des Kriegsernährungsamtes (KEA) Verhafteten, ansonsten es Tote gebe. Die
san sagte unter anderem: den Auftrag, den Mühlebetrieb von N. zu Beamten würden vorerst in den Gemein-
«Die alten Eidgenossen wussten, dass es gilt, schliessen und die Buchhaltung sicherzu- dearrest gesperrt, bis N. zurückkomme.
beizeiten zu handeln, wenn man stark sein und stellen. Ein Sohn des N. widersetzte sich Diesmal hätten die Steiner erst die kleine
der Zukunft vertrauensvoll entgegenblicken will. und drohte, alle Beamten, die sich in Stei- Glocke geläutet, nächstes Mal, wenn die
Das Losungswort war: Sein eigener Herr und nen blicken liessen, totzuschlagen. Er sei «Vögte» wieder kämen, würden sie die
Meister sein, keine fremden Vögte, Richter oder ledig und habe für keine Familie zu sorgen.
Amtspersonen dulden.»5 Es sei ihm daher völlig egal, ob er Kontroll- 5
Kurz, Hans Rudolf: Dokumente des Aktivdienstes
Der Anleihen aus der sagenhaft überstei- beamte oder Polizeiorgane erschiesse. Die (Frauenfeld: Huber, 1965), S. 114.
6
gerten autonomen Vergangenheit bediente Bevölkerung hätte zudem genug Munition Am 19. September 1942 gestand beispielsweise
sich auch das Schweizer Filmschaffen. und Waffen. Nachdem er seinem Missmut der verhaftete Direktor der Getreideflocken AG in
Lenzburg und der Hellmühle AG in Wildegg einem
1941 wurde der Spielfilm «Landammann gegen «Bundesbern» lautstark Ausdruck Untersuchungsbeamten der Sektion für Getreidever-
Stauffacher» an Originalschauplätzen im gegeben hatte, willigte er auf eine Betriebs- sorgung des Kriegsernährungsamtes KEA, am 3. Sep-
Raume Steinen und am Lauerzersee reali- schliessung ein. Mit Rücksicht auf die tember 1942 von Josef N. im Kettenhandel fünf Ton-
siert. Einige Steiner wirkten als Statisten überstandene Erregung sah der kantonale nen Hirse und 2,5 Tonnen Mais bezogen zu haben.

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War die Verhaftung des Müllers
ohne Offenlegung der Ursache der
unmittelbare Auslöser des Aufruhrs,
so hatte sich mittlerweile die Wut
der Bauern auf den Staat
als Ganzes verlagert.

ten ihren Kopf herhalten mussten.Trotz des


ausgehandelten Kompromisses schien die
Gewaltbereitschaft der Aufrührer noch im-
mer vorhanden zu sein.

Aufruhrszene vor dem Wohnhaus von N.


Foto: Bundesarchiv Bern,Aktendossier der Bundesanwaltschaft, E4321(A), 1983/32, Band 102 Analyse und Wertung der Hand-
lungen der Verantwortlichen
grosse Glocke läuten, die man bis nach Sat- ihrem Kommandanten den Auftrag erhal- Jede Wertung von Entscheiden in der
tel höre. Dann könnten die «Eidgenössi- ten, das Geschehen zu beobachten, aber Vergangenheit darf unseres Erachtens nicht
schen» erleben, wie Urschweizer zusam- keinesfalls einzugreifen. Als sie erschienen, ausschliesslich aus heutiger Sicht erfolgen.
menstünden. wurden sie ausgehöhnt: «Die haben uns noch Wir müssen uns bemühen, uns in die da-
gefehlt; sie sollen nur Militär holen; wir schiessen malige Situation zu versetzen und auf
dann schon zurück. Unsere Karabiner und die Grund des Wissensstandes der Handelnden
Einer der Rädelsführer telefonierte Munition sind bereit!»7 Die Soldaten wurden und der Situation die Anordnungen zu be-
um 14.00 Uhr mit der kantonalen von der Menge jedoch nicht weiter be- urteilen. Diese Tugend des Historikers ist in
lästigt. jüngster Zeit teilweise in Vergessenheit ge-
kriegswirtschaftlichen Zweigstelle und Bis 17.15 Uhr reduzierte sich die Men- raten. Das bedingt eine relativ detaillierte
forderte unter Zurufen aus der auf ge auf etwa 80 Mann, weil zu Hause auf Schilderung der Umstände.
viele Bauern die Stallarbeit wartete. Die
über 200 Personen angewachsenen Verbliebenen widersetzten sich immer Unterlassungen der Gemeindebehörde
Menge die Freilassung des noch der Freilassung Rhyners und Stählins. Nachdem dem Vertreter der kantonalen
Ein Meinungsumschwung trat erst ein, als kriegswirtschaftlichen Zentralstelle am 21.
Verhafteten, ansonsten es Tote gebe. die Ehefrau von N. auf Anraten von Regie- September 1942 der Zugang zur Mühle
rungsrat Bürgi zur Menge sprach. Sie hielt verweigert worden war, unterrichtete die-
den Leuten vor, ihr Vorgehen schade ihrem ser den Gemeindeschreiber von Steinen,
Um 14.30 Uhr erschien der Gemeinde- Ehemanne, und sie ersuchte sie, die Beam- den Bezirksrat Etter und den Präsidenten
präsident bei der Mühle und bemühte sich ten freizulassen. Die Rädelsführer waren der örtlichen Bauernvereinigung über die
auch um die Freilassung des Müllers – ver- jedoch nicht bereit, diese Aufforderung Gründe der Verhaftung von N. und ersuch-
geblich. Aus einiger Entfernung schauten bedingungslos anzunehmen. Franz Wiget, te sie, die Bevölkerung aufzuklären. Dies
Soldaten der Landwehr Radfahrerkompa- ein angesehener Steiner Bauer und ehe- jedoch unterblieb.
nie 36 dem Treiben zu, griffen aber nicht ein. mals Präsident des Reval-Initiativkomitees, Der Gemeindepräsident beteiligte sich
handelte mit Regierungsrat Bürgi einen am Aufruhr des folgenden Tages nicht,
Der Regierungsrat erhandelt einen Kompromiss aus. Letzterer sicherte der wurde jedoch zwischen 13.15 und 13.45
Kompromiss Menge zu, er werde sich dafür einsetzen, Uhr durch den Dorfpolizisten über die
Etwa um 15.00 Uhr trafen Landam- dass die Bestandesaufnahme hinausgescho- Zusammenrottung orientiert. Der Ge-
mann Knüsel und Polizeidirektor Bürgi bei ben werde, bis N. freigelassen sei. Dafür meindepräsident war zugleich Wirt des
der Mühle ein. Sie galten als Bauernführer, solle die Menge nun die Beamten freilassen Gasthauses zum Löwen, das in einer Ent-
Knüsel war Landwirt und Bürgi Viehhänd- und auseinander gehen. Um 18.20 Uhr fernung von etwa 150 Metern zur Mühle
ler. Ihre Versuche, die Menge zu be- liessen die Aufrührer die drei Beamten in lag. Er hielt den Dorfpolizisten für gefähr-
schwichtigen, nützten vorerst nichts. Im- Begleitung der Regierungsräte abziehen, det, weshalb er ihm riet, nicht zum Schau-
merhin konnten sie die Aufrührer dazu worauf sich die Menge zerstreute. platz des Aufruhrs zurückzukehren. Be-
veranlassen, die Beamten wenigstens ins zirksrat Etter fürchtete ebenfalls um dessen
Trockene zu bringen und Walther ärztlich Der Aufruhr wird zur Demonstration Sicherheit. Zudem warnte Etter aus Furcht
versorgen zu lassen. Der Versuch der Ma- gegen «Bundesbern» vor einem Blutvergiessen das Polizeikom-
gistraten, den Angeklagten frei zu bringen, War die Verhaftung des Müllers ohne mando in Schwyz vor einem Polizei- oder
scheiterte. Sowohl die Bundesanwaltschaft Offenlegung der Ursache der unmittelbare Militäreinsatz.
als auch die zuständige Behörde in Aarau Auslöser des Aufruhrs, so hatte sich mittler- Der Gemeindepräsident erreichte den
weigerten sich. weile die Wut der Bauern auf den Staat als Platz vor der Mühle gegen 14.30 Uhr, hat-
Obwohl Bürgi ausdrücklich militärische Ganzes verlagert. Manche Steiner hielten te aber angesichts der hochgehenden Emo-
Hilfe abgelehnt hatte, erschien Oblt Keller, improvisierte Reden, in denen sie ihrem tionen mit seinen Vermittlungsbemühun-
Kommandant der Rdf Kp 36, um 17.15 Missmut über den Preiszerfall, die Alkohol-
Uhr mit einem Alarmdetachement bei der regelung und die Schlachtviehordnung 7
Meisterhans, «Die dumme Geschichte im Krieg»,
Mühle. Die Armeeangehörigen hatten von Ausdruck verliehen, wofür die drei Beam- S. 6.

Land Power Revue der Schweizer Armee Nr. 2, Beilage zur ASMZ 6/2005 27
gen wenig Erfolg. Er beugte sich der For- Am darauf folgenden Vormittag des 24. Damit wurde die Lage für die Schwyzer
derung der Aufrührer und ersuchte das Be- Septembers wurden Landammann Knüsel, Regierung nicht einfacher. Mit den beiden
zirksamt Schwyz um die Freilassung von Polizeidirektor Bürgi und Landesstatthalter Strafverfahren hatte sie direkt nichts zu tun.
N. Dieses erklärte sich jedoch nicht für zu- von Weber durch Bundespräsident Philipp Das Strafverfahren gegen Josef N. wurde
ständig und verwies ihn nach Bern. Ein Etter, den Bundesräten Kobelt, Stampfli durch einen eidgenössischen Untersu-
Vertreter des KEA anerbot sich, persönlich und von Steiger sowie Bundesanwalt chungsrichter im Sinne der kriegswirt-
nach Steinen zu kommen. Davon riet der Stämpfli zu einer Unterredung im Bundes- schaftlichen Spezialerlasse des Bundes
Gemeindepräsident ab und empfahl, statt- haus empfangen. Landammann Knüsel er- durchgeführt. Das Strafverfahren gegen die
dessen N. freizulassen, weil er der Meinung suchte den Bundesrat um Verständnis für Aufrührer war ebenfalls Bundessache, weil
war, dass die Verhaftung ungehörig war und das Verhalten und die Mentalität der Bau- sich die Straftat gegen Bundesbeamte ge-
eine Vorladung genügt hätte. ern, deren Erbitterung durch drückende richtet hatte. Somit war der Regierungsrat
Gegenüber dem Polizeikommando Vorschriften und diverse Ungeschicklich- nur für die Aufrechterhaltung von Ruhe
Schwyz billigte der Gemeindepräsident keiten der kriegswirtschaftlichen Organe und Ordnung verantwortlich, damit die
vorerst die Zusammenrottung der Volks- verursacht worden sei. Er riet von einem eidgenössischen Untersuchungsorgane un-
masse gegenüber der rechtmässigen Auto- militärischen Einschreiten dringend ab. behelligt ihres Amtes walten konnten.Dazu
rität. Im Nachhinein jedoch gaben der Ge- Dies würde eine schlimme Auseinanderset- hatte er aber die Mittel nicht.
meindepräsident und weitere Mitglieder zung provozieren, weil die Steiner Waffen Bundespräsident Etter empfahl, dass die
des Gemeinderats ihr Bedauern über die und Munition zu Hause hätten. Er musste Regierung des Kantons Schwyz bis am
Ereignisse vom 22. September kund. Ge- aber zugestehen, dass die eigenen Polizei- Mittag des darauf folgenden Tages zur Un-
genüber dem Regierungsrat erklärten sie, kräfte bei weitem nicht ausreichten, weite- terstützung ihres Polizeikorps beim Bund
dass der Gemeinderat vom Aufruhr erst re behördliche Massnahmen wie beispiels- um Truppen nachsuchen solle, weil das
nachträglich Kenntnis erhalten habe und weise die Verhaftung der Rädelsführer blosse, subsidiäre Zurverfügungstellen von
dass der Gemeindepräsident und ein weite- sicherzustellen. Truppen noch keine Entmachtung nach
res Mitglied des Gemeinderates am Tatort Bürgi und Knüsel befanden sich zweifel- Art. 16 BV sei. Die Regierungsräte wollten
Anstrengungen zur Beruhigung der Men- los in einer schwierigen Verhandlungsposi- jedoch nicht ohne Konsultation der Ge-
ge unternommen hätten. Daher war der tion. Sie konnten nicht einhalten, was sie samtregierung entscheiden und reisten
Gemeinderat überzeugt, dass bei einer den Bauern versprochen hatten, dass eine zurück.
rechtzeitigen Orientierung des Gemeinde- Haussuchung nur unter Anwesenheit des Hier ist ein abschliessendes Urteil
präsidenten der Aufruhr unterblieben wäre. Angeklagten durchgeführt werde, konnten schwierig.Vieles spricht aber dafür, dass die
Diese Verharmlosung des Geschehens sich einer Strafverfolgung der Rädelsführer Kantonsregierung mit einem friedlichen
darf so nicht stehen bleiben. Insbesondere nicht verschliessen und besassen keine an- Vorgehen und Überzeugungsarbeit zum
der Gemeindepräsident hätte angesichts deren Machtmittel als ihre persönliche Ziel gekommen wäre. Nachdem sich das
seiner sozialen Stellung im Dorf mehr Ein- Überzeugungskraft. Darauf setzten sie und Ausmass des Schwarzhandels am Abend des
fluss nehmen können. Es darf vermutet plädierten für einen friedlichen Weg. Der 23. Septembers im Dorf herumgesprochen
werden, dass er als Wirt am Sonntag von Bundesrat vertrat eine harte Linie und ver- hatte, trat allmählich ein Stimmungsum-
der Absicht der Bauern, sich gegen die langte ultimativ, dass die Strafuntersuchung schwung in der Bevölkerung ein. Dies
Kontrollbehörde aufzulehnen,Kenntnis er- sowohl gegen N. als auch gegen die Auf- bestätigte sich auch in einigen Telefonge-
halten hat. Seine Passivität ist wohl darauf rührer unter allen Umständen und sofort sprächen in Steinen, die vom 24. bis 29.
zurückzuführen, dass er sich bei seiner zu Ende geführt werden müsse. Der Schwy- September 1942 durch das Telefonamt
Stammkundschaft, wovon einige am Auf- zer Regierungsrat müsse Gewähr für die Luzern aufgezeichnet wurden. Mit Hilfe
ruhr teilnahmen, nicht unbeliebt machen ungestörte Abwicklung der Strafverfahren von aussen war auf Grund der Sachlage
wollte. Dass er die Zusammenrottung der übernehmen, andernfalls der Bundesrat kaum mehr zu rechnen.Wie die Gemein-
Volksmasse gegenüber der rechtmässigen durch eine eidgenössische Intervention im debehörde hatte es die Regierung ver-
Autorität vorerst als legitim billigte, belastet Sinne von Art. 16 der Bundesverfassung säumt, die Einwohner rechtzeitig über den
ihn zusätzlich. selber dafür sorge. Den Regierungsräten wahren Sachverhalt aufzuklären und die
Knüsel und Bürgi wurde zur Last gelegt, Rädelsführer einzeln zur Vernunft zu
Tendenz zur Bagatellisierung auch dass sie wenig energisch durchgegriffen und mahnen.
durch den Regierungsrat zu viele Konzessionen gemacht hätten.
Am 23. September, also am Tage nach
dem Aufruhr, liess dass KEA durch die
Schwyzer Kantonspolizei die Ehefrau von
N., ihre Tochter und die beiden Söhne auf
8.00 Uhr nach Schwyz aufbieten, um sie
im kriegswirtschaftlichen Strafverfahren
einzuvernehmen. Aus Furcht, dass sie wie
ihr Vater in Haft gesetzt werden könnten,
leisteten die Söhne dem Aufgebot nicht Ort des Aufruhrs:
Folge. Stattdessen begaben sich Bezirksrat Die Untermühle
Etter, die Kantonsräte Beffa und Styger so- und das Wohnhaus,
wie der Armenverwalter nach Schwyz, um worin im Parterre
(offenes Fenster)
eine Zusicherung in dem Sinne zu erwir- das Büro unter-
ken, dass die beiden Widerspenstigen sofort gebracht war.
nach der Einvernahme wieder nach Hause Foto: Bundesarchiv
entlassen würden, was zugesichert wurde. Bern,Aktendossier
So erschienen die beiden Söhne gleichen- der Bundesanwalt-
tags um 17.45 Uhr zur Vernehmung und schaft, E4321(A),
wurden nach dem Verhör entlassen. 1983/32, Band 102

28 Land Power Revue der Schweizer Armee Nr. 2, Beilage zur ASMZ 6/2005
nicht weiter organisiere. Direkt wirkte er keine militärischen Massnahmen nötig sei-
Wie die Gemeindebehörde hatte auf Landammann Knüsel ein, dafür zu en, sich aber die Geb Mitr Abt 1 und das
sorgen, dass die Angelegenheit auf Steinen Füs Bat 105 in Kantonnementsnähe bereit-
es die Regierung versäumt, lokalisiert bleibe und das Land vor einem zuhalten hätten.
die Einwohner rechtzeitig über den Unglück gerettet werde. Im Anschluss an die Unterredung der
Unter diesem Druck stimmte der Bundesbehörde mit den Regierungsräten
wahren Sachverhalt aufzuklären Schwyzer Regierungsrat am 25. Septem- vom 24. September ersuchte Bundesrat
und die Rädelsführer einzeln ber um 11.00 Uhr per Telegramm dem Kobelt das Armeekommando, das Schüt-
bundesrätlichen Anraten eines subsidiären zenbataillon 4 des Inf Rgt 24 und die Geb
zur Vernunft zu mahnen. Truppenaufgebots zu. Damit behielt er die Mitr Abt 1 vorsorglich bis am Mittag des
Entscheidungsgewalt und die Verantwor- 25. Septembers an die Gotthardlinie in den
tung. Eine eidgenössische Intervention Raum Luzern beziehungsweise Gösche-
Die Landesregierung übernimmt hätte dem Kanton Schwyz nicht nur die nen zu dislozieren. Damit wären die Mit-
die Verantwortung Kosten überbunden, sondern auch die Re- railleure innert zwei Stunden, die Schützen
Die Bundesanwaltschaft, das eidgenössi- gierungsgeschäfte einem eidgenössischen innert einer Stunde per Eisenbahn im Ein-
sche Volkswirtschaftsdepartement und Kommissär übertragen. satzraum verfügbar gewesen. Somit waren
Bundesrat Karl Kobelt,Vorsteher des Eid- Ausschlaggebend für die Lagebeurtei- die ersten Vorbereitungen zum Ordnungs-
genössischen Militärdepartements EMD, lung auf Bundesebene war wohl die Auf- diensteinsatz bereits im Gange, bevor die
wurden laufend über das Geschehen orien- fassung, wonach das renitente Verhalten der schriftliche Anfrage des Schwyzer Regie-
tiert. Weil General Guisan, der General- Steiner Bevölkerung organisiert, die Be- rungsrats überhaupt vorlag – eine politisch
stabschef und der Unterstabschef Front, völkerung bewaffnet und hinter all dem überaus brisante Sachlage.
Oberstdivisionär Combe, anlässlich einer der IBB als treibende revolutionäre Kraft Am 25. September um 10.00 Uhr, also
Inspektion beim Territorialbataillon 152 sei. Die Vorkommnisse in Steinen waren eine Stunde vor Eintreffen der regierungs-
und der Besichtigung der Artilleriewerke somit aus Sicht des Bundesrates eine ernst- rätlichen Anfrage, orientierte Bundesrat
auf der Furka eingeschneit worden waren, liche Störung der inneren Sicherheit, die Kobelt im Sinne einer geheimen Meldung
wurde Kobelt eigenständig aktiv. Er be- im Ausland als Schwächezeichen der Ver- das Armeekommando über seine bisheri-
sprach noch am 22. September mit Major teidigungsbereitschaft registriert würde. gen Vorbereitungen.
i Gst Huber vom Armeestab folgende Aus heutiger Sicht handelte es sich um Nachdem das Telegramm der Schwyzer
mögliche Massnahmen: eine Überreaktion in schwieriger Zeit. Es Kantonsregierung eingetroffen war, wurde
«1. Wenn der Regierungsrat Schwyz mi- darf davon ausgegangen werden, dass der die militärische Hilfeleistung auf die Sit-
litärische Hilfe verlangt, ist sie zu gewähren. Bundesrat auf Grund seiner Lagebeurtei- zung des Gesamtbundesrats vom Nachmit-
2. Wenn militärische Hilfe gewährt wird, ist lung und der bereits getroffenen Massnah- tag traktandiert.Anschliessend verfasste die
das Ter Kdo nicht die richtige Stelle, sondern nur men auch ohne Hilfsbegehren aus Schwyz Bundesbehörde eine amtliche Mitteilung
Truppen Kdt.Auch soll die Hilfe von Anfang an von sich aus interveniert hätte. Somit war zuhanden der Tageszeitungen, worin sie
massiv sein, um Blutvergiessen zu verhindern.»8 die regierungsrätliche Anfrage wohl eine die Ereignisse vom 19. und 22. September
Zur Zeit des Aufruhrs waren aber weder unfreie Entscheidung, aber verhütete
Formationen der Heerespolizei noch wahrscheinlich unvoraussehbare Entwick-
schnell einsatzbereite Detachemente im lungen. Auch das Ausland registrierte das
Dienst,die sich für den Ordnungsdienst ge- Ereignis. Das deutsche Radio meldete:
eignet hätten. Ferner konnte die Kantons- Militärische Vorbereitungen
regierung in Zeiten des Aktivdienstes nicht Am 22. September, noch währenddem «In der schweizerischen Stadt Steinen
über kantonale Truppen verfügen. Kobelt der Aufruhr im Gange war, stellte das Ter ist ein Aufstand ausgebrochen.»
begnügte sich vorerst mit einer Übersicht Kdo 9a aus eigener Initiative um 16.30 Uhr
über die verfügbaren Truppen und mit die Alarmdetachemente von Brunnen und
ersten Erhöhungen des Bereitschaftsgrades Zürich auf Pikett. Um 16.40 Uhr teilte der schilderte und die Aufrechterhaltung der
bei einzelnen Einheiten. Stabschef des 3. Armeekorps auf Anfrage Ordnung dem Regierungsrat zuwies. Der
Während der Unterredung des Bundes- des Armeekommandos nach geeigneten Ordnungsdiensteinsatz der Armee wurde
rates mit den Schwyzer Regierungsräten Truppen für einen Ordnungsdienst mit, mit keinem Wort erwähnt. Auch das Aus-
vom 24.September spitzte sich die Lage zu, dass die Geb Mitr Abt 1 in Realp durch den land registrierte das Ereignis. Das deutsche
da die Landesregierung handeln und nicht starken Schneefall nur bedingt verfügbar Radio meldete: «In der schweizerischen Stadt
verhandeln wollte. Die Aufständischen sei- sei. Zehn Minuten später meldete sich Steinen ist ein Aufstand ausgebrochen.»9
en bewaffnet und zum Widerstand bereit. der Stabschef des 2. AK und anerbot eine Die Erfahrungen des Ersten Weltkrieges
Steinen sei deshalb im Rahmen einer eid- bis zwei Kompanien aus dem im Raum hatten wohl das EMD – neben der Kriegs-
genössischen Intervention nach Art. 16 BV Engelberg stationierten Aargauer Inf Rgt lage – zu besonderer Vorsicht gemahnt und
militärisch zu besetzen,worauf die Bundes- 24. Um 19.55 Uhr schliesslich traf beim zur massiven Reaktion auf Störungen der
anwaltschaft gesichert zu den Amtshand- Armeekommando die Mitteilung ein, dass inneren Sicherheit bewogen.
lungen schreiten könne. Gekränkt in seiner die zürcherische Lw Rdf Kp 36 in Udli-
Ehre schmerzte es Bundespräsident Etter genswil greifbar sei und innert 21⁄2 Stunden Grossaufgebot für die «Aktion Schwyz»
als Innerschweizer,dass eine erste ernstliche in Steinen eingesetzt werden könne. Bun- Ab 23. September wurde der Raum
Störung der inneren Sicherheit im Zwei- desrat Kobelt ordnete an, nachtsüber Steinen durch die Heerespolizei über-
ten Weltkrieg gerade aus seiner eigenen militärisch nichts vorzukehren,es aber den-
Heimat kam. Er befürchtete zudem, dass noch wünschenswert sei, wenn Truppen 8
das aufständische Feuer im Falle einer eid- greifbar bleiben würden und nicht zu Bundesarchiv Bern, Aktennotiz vom 22.9.1942,
E27, -/9001, 15112, 153, S. 2.
genössischen Intervention in der ganzen Manövern in die Alpgebiete abmarschier- 9
Lüönd-Bürgi, Lucia: «Streifzug durch die Ge-
Innerschweiz aufflammen könnte, weshalb ten. schichte», Steinen – Ein Streifzug durch seine Landschaft,
das weitere Vorgehen schnell entschieden Auch am ominösen Tag des Aufruhrs Geschichte, Kultur, Wirtschaft und Politik (Steinen: Ver-
werden müsse, damit sich der Widerstand entschied der EMD-Chef, dass zunächst kehrsverein, 1987) S. 60.

Land Power Revue der Schweizer Armee Nr. 2, Beilage zur ASMZ 6/2005 29
wacht, um eine neue Zusammenrottung Seiner Ansicht nach genügten das Inf Rgt die Kantonsregierung in der Wiederher-
sofort melden zu können. Bis am Abend 24 und die Geb Mitr Abt 1 nicht, falls sich stellung und Aufrechterhaltung der inneren
desselben Tages lagen im Büro des General- die Unruhen ausdehnen sollten. Ferner rief Ordnung zu unterstützen und die Durch-
stabschefs die Befehlsentwürfe für die ver- er in Erinnerung, dass die Aufständischen, führung des bundesrechtlichen Ermitt-
schiedenen Einsatzmöglichkeiten vor. Der soweit sie wehrpflichtig seien, über ihre lungsverfahrens wegen Aufruhrs und Frei-
General hatte das Kommando direkt über- Schusswaffe und Munition verfügten und heitsberaubung sowie der kriegswirtschaft-
nommen. lichen Untersuchung wegen Schwarz-
Ab 24. September war die dem Ter Kdo handels zu gewährleisten und zu unterstüt-
9a unterstellte Bew Kp im Sicherungsein- General Guisan, im Nachgang des zen.Ausdrücklich wies Kobelt den General
satz, insbesondere zur Bewachung von zur darauf hin, bezüglich des Einbezugs wei-
Sprengung vorbereiteten Eisenbahnvia-
Landesstreiks von 1919 selber als terer Truppen beziehungsweise bei der
dukten und eines im Bau stehenden Artil- Kdt des Inf Rgt 9 im Ordnungsdienst Ernennung des Kommandanten der Ord-
leriewerks eingesetzt. Ferner kontrollierte nungstruppen Rücksprache mit dem Bun-
sie im Rahmen von Patrouillen ein grosses
in Zürich eingesetzt, betonte die desrat zu nehmen, weil es sich um eine
Sprengstofflager, das eidgenössische Zeug- Wichtigkeit von Truppen in weitgehend politische und psychologische
haus sowie Militärbaracken und Muni- Angelegenheit handle.
tionsdepots im Kanton Schwyz.
genügend hoher Anzahl, ansonsten Am Abend des 25. Septembers klärte das
Im Anschluss an die Unterredung zwi- das Unternehmen gefährdet sei. Armeekommando die Verfügbarkeit weite-
schen dem Bundesrat, Bundesanwaltschaft rer Truppen für die «Aktion Schwyz» ab.
und Kantonsregierung vom 24. September Nebst dem Inf Rgt 24 und der Geb Mitr
teilte Kobelt dem Armeekommando mit, dass sich im Gebiet von Steinen–Schwyz Abt 1 wurde die Verlegung des Inf Rgt 1
dass es wohl zweckmässig sei, das ganze Inf eine grössere Anzahl von Munitions- und aus dem Simmental, des Inf Rgt 17 aus
Rgt 24 in den Raum Luzern und die Geb Verpflegungsmagazinen befänden, die ge- dem Goms, des Ter Bat 152 aus Airolo,
Mitr Abt 1 an die Gotthardbahn zu ver- genwärtig äusserst schwach bewacht seien. einer Motorhaubitzenabteilung sowie der
bringen. Über den Grund dürfe die Truppe Auf Grund der gefährlichen Lage war schweren Motorkanonenabteilung 5 in die
aber nichts wissen. das Armeekommando entschieden gegen
Vorerst stand die Planung der Truppen- ein blosses Zurverfügungstellen von Trup-
verschiebungen im Vordergrund. In Luzern pen an die Kantonsregierung. Somit hielt die Armeeführung
wurden vorsorglich zwei Schiffe unter Weil der Bundesrat am 25. September Truppen in der Stärke einer Division,
Dampf gestellt und die Besatzung in die schriftliche Anfrage der Schwyzer Kan-
Alarmbereitschaft gehalten. Am Vormittag tonsregierung abwarten musste, bevor wei- also rund einen Zehntel der gesamten
des 25. Septembers, parallel zur Regie- tere militärische Massnahmen ergriffen Armeekapazität, in Bereitschaft.
rungsratssitzung in Schwyz, besprach Bun- werden konnten, blieb der Entscheid, den
desrat Kobelt mit dem Armeekommando Ordnungsdiensteinsatz in Form einer eid-
das weitere Vorgehen. Er gab zu bedenken, genössischen Intervention oder als Zurver- Planung einbezogen. Somit hielt die Ar-
dass weitere Amtshandlungen in Steinen fügungstellen von Truppen durchzuführen, meeführung Truppen in der Stärke einer
trotz Bürgis Versprechen notwendig und bis 16.00 Uhr in der Schwebe. Nachdem Division, also rund einen Zehntel der ge-
nur unter militärischem Schutz möglich die regierungsrätliche Anfrage schliesslich samten Armeekapazität, in Bereitschaft.
seien. General Guisan, im Nachgang des um 11.00 Uhr eintraf und der Bundesrat Ferner ernannte Guisan Oberstdiv Rudolf
Landesstreiks von 1919 selber als Kdt des am Nachmittag beschloss, der Regierung von Erlach, Kommandant der 5. Division,
Inf Rgt 9 im Ordnungsdienst in Zürich des Kantons Schwyz die für die Durch- zum Kommandanten der Ordnungstrup-
eingesetzt, betonte die Wichtigkeit von führung seiner Aufgaben nötigen Truppen pen und Oberst im Generalstab Oscar
Truppen in genügend hoher Anzahl, an- vorübergehend zur Verfügung zu stellen, Adolf Germann, Stabschef des 4. AK, zum
sonsten das Unternehmen gefährdet sei. erteilte Kobelt dem General den Befehl, Verbindungsoffizier und Berater der Kan-
tonsregierung.
Von Erlach beantragte beim Armee-
kommando umgehend die Unterstellung
des reduzierten Sappeurbataillons 5, was
General Guisan bewilligte. Am Abend des
25.Septembers kam von Erlach mit Regie-
rungsrat Bürgi in Arth zusammen, um sich
über die Geschehnisse orientieren zu las-
sen. Bürgi schloss nicht aus, dass am 29.
September, wenn die Einvernahme der am
Aufruhr Beteiligten erfolge, unter Umstän-
den mit einer Gefährdung der Ruhe und
Ordnung zu rechnen sei.

Vorbereitungen des Inf Rgt 24(+) für


einen «Grosskampftag»
Obwohl Bundesrat Kobelt auf Grund
der vorläufigen Beendigung des Aufruhrs
gegen Abend des 22. Septembers vorerst
keine weiteren militärischen Massnahmen
anordnete, wurde das Füs Bat 105 auf Pi-
Steinen, Aufnahme aus den 1930er-Jahren, mit der damals schon herausragenden kett gestellt, worauf Oberstleutnant Graf,
Obermühle. Fotos: Hans Rudolf Fuhrer Kdt des Füs Bat 105, um 22.25 Uhr eigen-

30 Land Power Revue der Schweizer Armee Nr. 2, Beilage zur ASMZ 6/2005
mächtig einen Befehl zum Ordnungs-
diensteinsatz im Raume Schwyz erliess.
Auf das Stichwort «REGENLOCH» sollte
die Verschiebung per Schiffstransport von
Ennetbürgen nach Brunnen ausgelöst wer-
den. Ferner verfügte Graf die Mitnahme
aller vorhandenen Waffen und der Muni-
tion sowie eine klar vorschriftswidrige
Verteilung aller Handgranaten auf die Gre-
nadiere.
Am 24. September 1942 um 16.00 Uhr
wurde der Fall «REGENLOCH» aus-
gelöst, 20 Minuten später jedoch widerru-
fen. Erst am Abend erteilte General Guisan
dem Kdo 2.AK den Befehl, das Inf Rgt 24,
ausgerüstet mit scharfer Munition für einen
Grosskampftag (GKT), sofort an die Verla-
derampen in den Raum Luzern–Emmen- Steinen heute, Aufnahme von der Schlagstrasse zwischen Schwyz und Sattel.
brücke–Littau zu verlegen, um es ab dem
25. September, 11.00 Uhr, per Eisenbahn
abzutransportieren. Ein ähnlicher Befehl Währenddem die einen Flüchtlingsangele- es im Kloster einquartiert wurde. Es war
erging auch an das Kdo 3. AK bezüglich genheiten oder einen Aufruhr im Muota- ebenfalls mit einem GKT scharfer Muni-
des Einsatzes der Geb Mitr Abt 1 und der thal vermuteten, glaubten andere, es gehe tion sowie Spreng- und Hindernismaterial
Geb Mitr Kp 4 sowie an das Kdo 4.AK in an die Grenze oder an eine kombinierte ausgerüstet.
Bezug auf die aargauische Lw Rdf Kp 35. Scharfschiessübung im Eigenthal. Wieder Die Bevölkerung in Brunnen reagierte
Das S Bat 4 wurde um 13.25 Uhr des 24. andere sprachen von einer grossen Spio- auf den Truppenaufmarsch teils entgegen-
Septembers in die Unterkünfte zurück- nageaffäre.Vereinzelt klärte die Zivilbevöl- kommend, teils sehr zurückhaltend. In
beordert und während der Nacht nach ver- kerung in Luzern die Soldaten über den zähen Verhandlungen wurden mit dem
schiedenen Befehlen und Gegenbefehlen bevorstehenden Ordnungsdienst auf. Das Platzkommando die Unterkünfte ausge-
auf Lastwagen verladen mit unbekanntem Gerücht, wonach die Truppenverlegung im handelt, wobei das leer stehende Hotel
Zielort. Das Füs Bat 102 fasste spätabends Zusammenhang mit der von den Englän- Axenstein der Truppe verweigert wurde.
zusätzlich 11 Tonnen Munition, und jeder dern angekündigten Aktion an der franzö- Der Unterkunftsbezug wurde jedoch nicht
Soldat wurde mit seiner Taschenmunition sischen Küste stehe, veranlasste den Stabs- so sehr durch das zurückhaltende Verhalten
ausgerüstet. General Guisan befahl, dass die chef des 2.AK, beim Armeekommando um der Ortsquartiermeister behindert,sondern
Truppe über die Gründe der Dislokation Erlaubnis zu bitten, die Truppen in geeig- dadurch, dass die Hotelsäle mancherorts
vorerst noch nicht zu orientieren sei. neter Weise über den Ordnungsdienst- bereits militärisch für die Einlagerung von
Bei Anbruch des folgenden Tages fassten einsatz orientieren zu dürfen. Korpsmaterial oder Lebensmitteln belegt
die Soldaten in Ennetbürgen die aus Weg- Erst am Morgen des 26. Septembers, be- waren.
gis herbeigeholten Gasmasken und mar- vor das Inf Rgt 24 in Luzern zum Bahnver- In Seewen verhielt sich die Bevölkerung
schierten in Vollpackung bataillonsweise lad abmarschierte, durften die Einheits- gegenüber dem Militär offen, in Mor-
auf die Luzerner Allmend, wo der Regi- kommandanten anhand des Tagesbefehls schach jedoch abweisend. Noch weniger
mentskommandant Inf Rgt 24, Oberst des Regimentskommandanten die Truppe militärfreundlich war die Stimmung in Sat-
Büttikofer, um 9.00 Uhr den Vorbeimarsch über den bevorstehenden Ordnungsdienst- tel, wo die Dorfbewohner dem Füs Bat 105
abnahm. Auf dem Weitermarsch zu den einsatz aufklären.Am selben Tag veröffent- nur primitive Mannschaftsunterkünfte zur
Verladerampen mussten die Truppen uner- lichten auch Presse und Radio in aller Kür-
wartet auf halbem Weg umkehren und in ze die Zwischenfälle, erwähnten aber den
Luzern in verschiedenen Schulhäusern militärischen Ordnungsdienst nicht. Auf Grund der unsicheren Lage
und Turnhallen sowie beim Kunsthaus und Um 8.05 Uhr setzte sich der erste von
auf der Allmend ein Alarmquartier bezie- insgesamt sechs Eisenbahnzügen in Bewe- durften sich die Soldaten gestützt auf
hen. Obwohl die Truppe keinen Verdacht gung. Nach Eintreffen der Bataillone im OD 36 nur in Gruppen und mit
schöpfen durfte über den bevorstehenden Einsatzraum trat eine neue Kommando-
Einsatz, nutzte sie vereinzelt die lange War- ordnung in Kraft, indem drei direkt dem geladenen Karabinern auf der
tezeit zum Einüben von Ordnungsdienst- Kommandanten der Ordnungstruppen un- Strasse bewegen.
formationen und zur einsatzbezogenen terstellte Eingreifgruppen formiert wur-
Instruktion. Des Nachts hatte sich das Inf den:
Rgt 24 so in die Unterkunft zu legen, dass ● Oberstlt Döbeli, Kdt des S Bat 4, kom- Verfügung stellten. Möglicherweise ahnten
es mit allen Waffen, Pferden, Fuhrwerken, mandierte die Gruppe I im Raum Arth- sie den Grund der Anwesenheit von Trup-
Motorfahrzeugen und Fahrrädern inner- Goldau, pen. Die Besitzer des Restaurants Bauern-
halb einer Stunde marschbereit war. ● Oberstlt Graf, Kdt des Füs Bat 105, die hof in Sattel verweigerten die Überlassung
Die Geb Mitr Abt 1 marschierte am Gruppe II im Raum Rothenthurm–Sattel der notwendigen Räumlichkeiten für die
Abend des 24. Septembers von Realp nach und Einrichtung des Kommandopostens. Auf
Wassen, wo sie am darauf folgenden Tag ● Oberst Büttikofer die Gruppe III im Grund der unsicheren Lage durften sich
hätte verladen werden sollen. Auch dort Raum Brunnen–Ingenbohl–Ibach, der das die Soldaten gestützt auf OD 36 nur in
verstrich ein ganzer Tag mit Warten. Füs Bat 102, die Geb Mitr Abt 1, die Geb Gruppen und mit geladenen Karabinern
Über die Ursache der verschiedenen Mitr Kp 4 und das reduzierte Sap Bat 5 un- auf der Strasse bewegen. Sollte die Truppe
Dislokationen wurden innerhalb der Trup- terstellt waren. Letzteres wurde von Stans durch das Verhalten von Zivilpersonen zu
pe die wildesten Gerüchte herumgeboten. per Camion nach Ingenbohl geführt, wo deren Festnahme genötigt sein, so hatte sie

Land Power Revue der Schweizer Armee Nr. 2, Beilage zur ASMZ 6/2005 31
sich sofort mit dem Polizeikommando kannt, dass Truppen zum Ordnungsdienst finde. Doch insgesamt sprachen mehrere
Schwyz in Verbindung zu setzen und dort verlegt worden waren. Doch in Bezug auf Indizien für eine Beruhigung der Lage. Die
weitere Instruktionen einzuholen. die Grösse des ergangenen Aufgebots spra- Lw Rdf Kp 35 patrouillierte jeweils abends
Bis um 15.00 Uhr des 26. Septembers chen sie von höchstens einigen Kompa- ab 21.00 Uhr bis morgens 6.00 Uhr rund
war der militärische Aufmarsch abgeschlos- nien. um den Lauerzersee, um festzustellen, ob
sen. Am Abend wurde die Bevölkerung Ab Sonntagabend, dem 27. September, im bezeichneten Raum irgendwelche An-
erstmals offiziell über den Grund der An- registrierten die behördlichen Nachrich- ordnungen zwecks Kontrolle des Verkehrs,
wesenheit des Militärs aufgeklärt, indem tenbeschaffer in Steinen keine revolutionä- Warndienst, geheime Versammlungen und
an öffentlichen Plakatstellen in Steinen und re Stimmung mehr.Auch die Bauernschaft dergleichen getroffen wurden. Sie konsta-
in elf benachbarten Gemeinden der Tages- von Küssnacht, Ibach und anderer Dörfer tierte jedoch nichts Aussergewöhnliches.
befehl von Oberstdiv von Erlach und eine hatte sich ausdrücklich vom Vorgehen der Am Sonntag, den 27. September, konn-
Mitteilung des Regierungsrates, worin er Leute in Steinen distanziert und verhielt ten die Soldaten beim öffentlichen Gottes-
die Bevölkerung zur Einsicht und Beson- sich ruhig. Die Wirtsleute von Steinerberg, dienstbesuch mit der Dorfbevölkerung
nenheit aufrief, angeschlagen wurden. Fer- Sattel und Lauerz verurteilten in Briefen an Fühlung aufnehmen, weil die Feldgottes-
ner formulierte der Regierungsrat zuhan- die Regierung das Verhalten der Bauern dienste infolge strömenden Regens nicht
den des Kommandanten der Ordnungs- gegenüber den Beamten,obschon man den abgehalten werden konnten. Der Kom-
truppen einen schriftlichen Auftrag, der die Wink an Bern an sich für angebracht hielt. mandozug der Füs Kp II/102 sowie das
Subsidiarität der Armee unterstrich. Als Zu ganz anderen Schlüssen kam Oberst- Spiel des Füs Bat 102 wurden für die mi-
Mitglied des Regierungsrates, das dem lt Nägeli, Kdt des S Bat 4, auf Grund einer litärische Bestattung von Rudolf Inderbit-
Kommandanten der Ordnungstruppen am 26. September in Goldau mitgehörten zin, der auf seinem Arbeitsweg ins Zeug-
Weisungen erteilte, wurde Regierungsrat Diskussion unter Bauern. Er hörte, dass die haus tödlich verunfallt war, nach Steinen
Bürgi bezeichnet. Küssnachter mit 2000 Gewehren den Stei- abkommandiert. Sie hörten die Predigt des
nern zu Hilfe eilen würden, wenn diese Steiner Pfarrers mit an, worin er den
Laufende Lagebeurteilung während durch Soldaten angegriffen würden. Daher Kirchgängern ins Gewissen redete, dass es
des Ordnungsdienstes war Oberstlt Nägeli der Auffassung, dass sich nicht mehr um einen ihrer üblichen
In erster Linie versuchten das Polizei- nur ein rücksichtloses Durchgreifen die politischen Kämpfe, sondern um eine An-
kommando Schwyz mit seinen Organen Lage kläre, umso mehr ihm gerüchteweise gelegenheit handelte, die das ganze Land
und die Bew Abt der 6. Div mit ihren un- betreffe, worauf angeblich viele ihres Fehl-
terstellten Lw Rdf Kp 35 und 36, sich ein verhaltens einsichtig wurden.
Bild über die Stimmung in der betroffenen Das durch Gerüchte angeheizte Bedro- Am darauf folgenden Tag, dem 28. Sep-
Bauernbevölkerung zu machen. Am 27. tember, fand in Schwyz die Viehprämie-
September trafen ferner Organe des Ar- hungsbild bei den Nachrichtenoffizie- rung statt, die auch von den Steinern rege
meestabes ein, die sich ebenfalls um die ren nahm im Verlaufe der Zeit immer besucht wurde und bei welchem Anlasse
Auskundschaftung der Stimmung bei der auch der Regierungsrat grössere Ausschrei-
Zivilbevölkerung bemühten, und auf An- groteskere Formen an. Der Verbin- tungen nicht ausschloss. Der Viehmarkt
ordnung des Polizeikommandos Schwyz dungsoffizier zwischen dem EMD und verlief jedoch ohne Zwischenfälle. Nur ge-
wurde eine Anzahl wichtiger Telefonver- legentlich wurde in den Wirtshäusern von
bindungen überwacht. Der Schwyzer Poli- dem Regierungsrat legte beispielswei- der «Steiner Affäre» und ihren Folgen ge-
zeikommandant orientierte während des se der Innerschweizer Bauern Zeitung sprochen, wobei einige Aufrührer ihre Teil-
ganzen Ordnungsdienstes permanent das nahme bedauerten und forderten, dass N.
Kommando der Ordnungstruppen über zur Last, dass sie auf eine Revolution persönlich die Kosten des Ordnungsdiens-
die Feststellungen seiner Organe. nach russischem Vorbild hinarbeite. tes zu tragen habe. Als am Abend die Stei-
Am 25. September um 22.50 Uhr wur- ner zurückkehrten, zeigten sie sich be-
de die Lw Rdf Kp 36 von Udligenswil eindruckt über die Maschinengewehre,
nach Steinerberg verschoben. Oblt Keller bekannt war, dass die Bevölkerung den die leichten Maschinengewehre sowie die
bezog im Restaurant Hirschen in Steinen Weggang der Truppe abwarte, um dann in Strassensperren, die am östlichen Dorfrand
seinen Kommandoposten. Er vernahm, 14 Tagen erneut einen Widerstand zu orga- anlässlich einer Einsatzübung durch die S
dass sich die Einwohner vom benachbarten nisieren. Man habe auch von Bauern aus Kp I/102 errichtet worden waren,und ver-
Lauerz vom Verhalten der Steiner distan- dem Muotathal und dem Schächental hielten sich dem Militär gegenüber betont
zierten. Letztere betrieben bis am 26. Sep- gehört, die den Steinern zu Hilfe eilen freundlich.
tember einen Patrouillen- und Überwa- würden, wenn Not am Mann sei. Gestützt auf die verschiedenen, sich zum
chungsdienst, um sich über die militäri- Das durch Gerüchte angeheizte Bedro- Teil widersprechenden Meldungen beur-
schen Massnahmen zu orientieren.Als glei- hungsbild bei den Nachrichtenoffizieren teilten Bundesrat Kobelt und das Armee-
chentags um 17.00 Uhr der Kdt Füs Bat nahm imVerlaufe der Zeit immer groteske- kommando die Lage am Vorabend des kri-
105 mit seinen Kompaniekommandanten re Formen an. Der Verbindungsoffizier tischen Tages, an dem die Aufrührer zur
von Sattel aus eine Rekognoszierungsfahrt zwischen dem EMD und dem Regie- Einvernahme nach Brunnen vorgeladen
über Schwyz nach Steinen unternahm, rungsrat legte beispielsweise der Inner- wurden, so, dass die Mehrzahl der Bevölke-
stellte er nichts Aussergewöhnliches fest. schweizer Bauern Zeitung zur Last, dass sie rung von Steinen den Vorfall ablehnte, dass
Tags darauf wurde Oberst Büttikofer auf eine Revolution nach russischem Vor- aber doch gewisse Drahtzieher mit ihrem
durch die Bew Kp der 6. Div über die Vor- bild hinarbeite. Ferner waren «Kenner der engeren Anhang sich noch keineswegs be-
gänge in Steinen orientiert. Diese schätzte Verhältnisse» der Ansicht, dass innerschwei- ruhigt hatten und zufrieden gaben.
die allgemeine Lage ebenfalls als ruhig ein, zerische Aristokratenfamilien mit dem Na-
stellte aber unter der Bevölkerung ver- tionalsozialismus sympathisierten, weil sie Einvernahme der Aufrührer:
mehrt Gerüchtebildung fest. Auf Grund sich von ihm die Rückgabe früherer Privi- Bereitstellung «WIDERSTAND»
der angeschlagenen Plakate mit der regie- legien erhofften. Daher werde früher oder Auf 8.00 Uhr des 29. Septembers wur-
rungsrätlichen Mitteilung und von Erlachs später ein solches Geschwür wieder aufbre- den 14 Aufruhrteilnehmer zur Einvernah-
Tagesbefehl war den Steinern zwar be- chen, wenn die Affäre nicht strenge Sühne me nach Brunnen vorgeladen. Die Ord-

32 Land Power Revue der Schweizer Armee Nr. 2, Beilage zur ASMZ 6/2005
Bereitstellung um auf das Signal «WIDERSTAND» so-
«Widerstand» vom fort auf das Dorf «hereinbrechen» zu kön-
29 September nen, marschierte die S Kp I/4 um 5.45 Uhr
1942, 8.00 Uhr. zur «Belagerung von Steinen» ab.
Foto: Bundesarchiv Bereits am Vortag hatte Oberst Büttiko-
Bern, Befehl betref- fer bei der S Kp I/102 im Rahmen einer
fend Bereitschaft OD
Einsatzübung am östlichen Dorfrand von
vom 28.9.1942, E27,
-/9001, 15112, BAr Steinen in Bezug auf den Ordnungsdienst
210; Bundesarchiv Mängel festgestellt, obwohl der Komman-
Bern, Befehle für dant gemäss OD 36 die für den Ordnungs-
Dienstag, den 29.9.42 dienst notwendigen Kenntnisse besitzen
vom 28.9.1942, musste. Die Kompanie hatte den Auftrag,
E27, -/9001, 15112, die Strasse von Steinen nach Schwyz zu
BAr 213-217 sperren. Hauptmann Ziniker gliederte sei-
ne Einheit jedoch nach taktischen
Grundsätzen für Angriff und Verteidigung
mit relativ grosser Tiefengliederung und
Entzug vor Fliegersicht, als ob es galt, einen
in Steinen organisierten feindlichen Trup-
penverband anzugreifen oder sich gegen
den Angriff eines solchen zu verteidigen.
nungstruppen rechneten damit, dass trotz in Steinen einzudringen und das Dorf zu Bereits eine halbe Stunde nach Bezug
der momentan herrschenden Ruhe die besetzen, der Bereitstellung «WIDERSTAND» traf
Möglichkeit bestand, dass beim Eingreifen «– um jede Zusammenrottung und jeglichen bei Oberst Büttikofer die Nachricht ein,
der Polizei in Steinen Widerstand auf- Massenwiderstand im Keime zu ersticken, wonach mit keinem Widerstand mehr zu
flackern könnte und dadurch ein Einsatz – um Tätlichkeiten von Einzelnen zu unterbin- rechnen sei, weil die Vorgeladenen ohne
der Ordnungstruppen notwendig würde. den und Polizeizwang zur Einvernahme erschienen
Die Bundesanwaltschaft legte fest, dass alle – um Steinen durch Einkreisung von der Aus- seien. Um 10.30 Uhr wurde die erhöhte
einzuvernehmenden Personen zunächst senwelt abzusperren.»10 Bereitschaft aufgehoben, worauf sich die
mit schriftlicherVorladung zum Erscheinen Der Einmarsch in Steinen durfte nur auf Bataillone besammelten und am Nachmit-
nach Brunnen aufgeboten werden sollten. das Stichwort «WIDERSTAND» des Poli- tag nacheinander mit klingendem Spiel
Wer diesem Aufgebot nicht Folge leiste, zeikommandos Schwyz oder des Kdo 5. und entfalteter Fahne in Steinen vor dem
werde von der Polizei abgeholt, wobei die Div erfolgen. Gestützt auf OD 36 ordnete jeweiligen Bat Kdt und in Schwyz vor dem
Ordnungstruppen nur dann eingreifen Oberstlt Graf der Mitr Kp IV/105 die Kdt Inf Rgt 24 vorbeidefilierten. Die Be-
sollten, wenn der Polizei bei der Abholung Montage von Maschinengewehren auf völkerung zeigte sich nicht sonderlich be-
gewaltsamer Widerstand geleistet werde. In Camions an. eindruckt von diesem «Reklamemarsch»,
diesem Fall würde der Polizeikommandant Die beiden Spitzenkompanien wurden und die Füs Kp I/105 registrierte bei ihrem
dem Kommandanten der Ordnungstrup- mit einem Mitr Zug sowie einem Tränen- Marsch durch Steinen viele demonstrativ
pen melden, ob die Armee nur gegen ein- gastrupp verstärkt. Das Gros des Füs Bat geschlossene Fensterläden. Die Füs Kp
zelne oder gegen alle einschreiten müsse. 105 stellte sich mit eingegrabenen Maschi- III/102 hatte den Eindruck, dass sich die
Am Vorabend zwischen 20.00 und 22.00 negewehren entlang der Strasse Sattel– sonst rechtschaffene Bevölkerung ihres
Uhr wurden die Vorladungsbefehle, welche Schwyz auf, wobei die Füs Kp I/105 ihren Verhaltens schämte.
von den betroffenen Bauern ohne Wider- Kommandoposten im Gasthaus Adelboden Am 30. September ersuchte der Regie-
spruch entgegengenommen wurden, durch bezog, das im Besitz von Franz Wiget war, rungsrat den Bundesrat,die Ordnungstrup-
die Polizei zugestellt. dem einstigen Präsidenten des Reval- pen aus dem Kantonsgebiet wieder zu ent-
Während der Nacht löste Oberstdiv von Initiativkomitees. Der Zug Meier aus der S fernen. Hierauf wurde die Unterstellung
Erlach die Einsatzgruppen I–III auf und Kp III/4 bewachte die Dorfkirche und die des Sap Bat 5 aufgehoben, worauf dieses
reorganisierte die Kommandoordnung für Stauffacherkapelle, um ein Alarmläuten der nach Stans abtransportiert wurde. Obwohl
die Bereitstellung «WIDERSTAND». Neu Glocken zu verhindern. der Ordnungsdienst offiziell noch nicht für
standen für die «Aktion Steinen» das S Bat Weil damit gerechnet wurde, dass sich beendet erklärt worden war, wurde das S
4 und das Füs Bat 105 direkt unter dem Bauern aus Küssnacht bei einem erneuten Bat 4 am selben Tag in den Raum Küss-
Kommando von Oberst Büttikofer. Das Aufflackern des Aufruhrs mit den Steinern nacht verlegt, wo es durch den Kdt der 5.
Füs Bat 102, das Sap Bat 5 und die Geb solidarisierten, überwachte die Lw Rdf Kp Division beübt wurde. Erst abends um
Mitr Abt 1 wurden direkt Oberstdiv von 35 den Raum Küssnacht, ein Zug aus der S 22.00 Uhr traf der Befehl General Guisans
Erlach unterstellt, der frühmorgens des Kp II/4 die Strasse Immensee–Arth. Zu- ein, wonach die Hälfte der Ordnungstrup-
29. Septembers das Füs Bat 102 im Raum dem bewachte und sicherte ein Zug aus pen am 1. Oktober ab 12.00 Uhr zurück-
Ibach zusammenzog, um es je nach Lage- der Füs Kp II/102 das Rathaus in Schwyz, gezogen werden könne. Gestützt auf den
entwicklung zur Abriegelung gegen Stei- worin Oberst i Gst Germann sein Büro Bundesratsbeschluss vom 1. Oktober hob
nen einsetzen zu können. Die Geb Mitr hatte. General Guisan den Ordnungsdienst auf
Abt 1 und das Sap Bat 5 mussten sich zwi- Die Wortwahl in den Truppentage- 8.00 Uhr des 2. Oktobers auf, worauf das
schen Brunnen und Ibach bereithalten. büchern gibt Aufschluss darüber,womit die Füs Bat 102, die Geb Mitr Abt 1 und das
Die über 3700 Mann starke Ordnungs- Einheiten an diesem 29. September rech- Füs Bat 105 den Raum Brunnen bzw. Sat-
truppe wurde am 29. September auf 8.00 neten und worauf die Kommandanten ihre tel verliessen.
Uhr für den Einsatz in Steinen in unmittel- Soldaten moralisch vorbereitet hatten. Am 1. Oktober, als sich die Truppe zur
barer Nähe des Dorfes bereitgestellt mit der Währenddem der Stab des Inf Rgt 24 die Dislokation vorbereitete, drohte die Ange-
Absicht, jederzeit mit dem Füs Bat 105 aus Bataillone um Steinen herum mit Muni-
Nordosten und dem S Bat 4 aus Westen her tion für einen «Grosskampftag» bereit hielt, 10
Bundesarchiv Bern, Tagebuch Füs Kp II/105.

Land Power Revue der Schweizer Armee Nr. 2, Beilage zur ASMZ 6/2005 33
legenheit nochmals aufzuflammen, als in Regierungsrat subsidiär zur Verfügung. reitstellung «WIDERSTAND» auf; zu spät
Steinen ein Vertreter des Amtes für Milch Dies war im Reglement OD 36 zwar nicht freilich, um irgendwelche korrigierenden
und Milchprodukte im Zusammenhang vorgesehen, doch der Bundesrat interpre- Weisungen für sein verstärktes Regiment
mit dem Schwarzhandel von N. bei 57 tierte die Lage nicht legalistisch. zu erlassen.
Bauern die Milchbüchlein beschlagnah- Damit behielt die Kantonsregierung, von Es darf vermutet werden, dass Steinen im
men wollte. Auf energischen Protest des Oberst i Gst Germann kompetent beraten, Konfliktfall wie ein feindliches Dorf einge-
Polizeikommandanten hin und auf Anraten die Kontrolle über die Ordnungstruppen nommen worden wäre – eine Horrorvor-
der Bundespolizei wurde diese Untersu- und nicht das ferne Armeekommando. stellung.
chung auf einen späteren Termin verschoben. Die schwachen Polizeikräfte erwiesen Besonders in Steinen würde man «Die
sich deshalb mit dieser Unterstützung für dumme Geschichte im Krieg» gerne ver-
Das Urteil die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ord- gessen. Die Steiner mögen deshalb ver-
Nach einer langen Untersuchungspe- nung als genügend. Diese Subsidiarität zeihen, dass die Erfahrungen aus diesem
riode erhob die Bundesanwaltschaft am wurde nur im Vorfeld des Einsatzes in Fra- grössten Einsatz der Armee im Innern von
26. Juli 1944 gegen 18 Beteiligte Anklage ge gestellt, als Bundesrat und General eine uns als wichtig für die Planung von Raum-
wegen Gewalt und Drohung gegen Beam- eidgenössische Intervention befürworte- sicherungseinsätzen der Zukunft beurteilt
te sowie Freiheitsberaubung. Das Verfahren ten. Leitung und Koordination der Aktion worden sind. Die Vorteile sind evident:
vor dem Bundesstrafgericht wurde vom «WIDERSTAND» hat auf ziviler Seite Dieser Ordnungsdiensteinsatz lässt sich
11.bis 18.Dezember 1944 in Luzern durch- weitgehend reibungslos geklappt. Demge- nämlich nicht auf das antiquierte Links-
geführt. Zwölf Angeklagte wurden zu be- genüber war die Kompetenzabgrenzung Rechts-Schema, Repressionsarmee gegen
dingten Gefängnisstrafen bis sechs Monate, zwischen Oberstdiv von Erlach, dem vom Proletariat, Machtmittel der Mächtigen ge-
sechs Angeklagte zu unbedingten Gefäng- General ernannten Kdt der Ordnungstrup- gen die Ohnmächtigen usw. vereinfachen
nisstrafen bis fünf Monate verurteilt. Letz- pen, und Oberst Büttikofer, dem Kom- und politisch gegen die Armee ausschlach-
tere beantragten bei der Begnadigungs- mandanten des grössten, eingesetzten Ver- ten. Die «Aufständischen» waren heimat-
kommission eine Strafreduktion,der in vier bandes, eher verwirrend. Die Tatsache, dass verwurzelte Bauern, frustriert und zornig,
Fällen entsprochen wurde. Josef N. wurde von Erlach in der Nacht vor der Bereitstel- welche sich aus falsch verstandener Solida-
für seinen Schwarzhandel von der straf- lung «WIDERSTAND» die Kommando- rität zu einer Misshandlung von Vertretern
rechtlichen Rekurskommission des Eid- ordnung grundlegend änderte, mag ein In- der Staatsmacht und zu aufmüpfischen
genössischen Volkswirtschaftsdepartements diz dafür sein, dass Differenzen bezüglich Reden hinreissen liessen.Wie immer wer-
am 16. September 1944 zu sechs Monaten der geeigneten Kommandoordnung be- den Legitimität, Kräfteansatz und präven-
Gefängnis verurteilt und mit 12 000 Fran- standen. Die späteren Unklarheiten über tive Wirkung diskutabel sein. Die Effekti-
ken gebüsst. den Termin des Truppenabzugs und die vität und die Legalität sind jedoch nicht zu
Aufhebung des Ordnungsdienstes waren bezweifeln. Die Fülle der Quellen, die wir
zudem wenig professionell. hier ausgewertet haben, lassen selbst die
Wertung des Armeeeinsatzes Materielle Kompetenz: Beantwortung von Detailfragen zu.
Die Ordnungstruppen wurden mit zu- Selbstverständlich hat der Ordnungsdienst
Obwohl die Truppe letztendlich nicht sätzlicher Munition für einen «Grosskampf- von Steinen 1942 nichts zu tun mit den
eingreifen musste, drängt sich abschliessend tag» ausgerüstet, was die Problematik eines aktuellen Formen des Kampfes gegen den
eine Analyse der Einsatzbereitschaft auf. Einsatzes gegen die eigene Bevölkerung Terrorismus oder gegen nicht integrierte,
Diese erfolgt anhand von vier Indikatoren. drastisch aufzeigt. straffällige oder ideologisch revolutionäre
Personelle Kompetenz: Als Ord- Jedem Soldat wurde die persönliche Ta- Gruppierungen.
nungstruppen wurden in erster Linie schenmunition ausgehändigt, vereinzelt so- Die Transfermöglichkeiten der Erfah-
Kampftruppen im Aktivdienst herange- gar Handgranaten abgegeben. Die Truppen rungen müssen deshalb sorgfältig analysiert
zogen. Eine Vereidigung war deshalb nicht verfügten wohl über keine gepanzerten werden. In jedem Fall war es aber – wem
nötig. Der Einbezug von Rekrutenforma- Fahrzeuge, hatten jedoch Camions mit das genügt – eine Form des asymmetri-
tionen stand nach den katastrophalen Er- Maschinengewehren behelfsmässig be- schen Kampfes.
fahrungen von Genf 1932 nie zur Diskus- stückt. Ferner fasste jeder Mann eine Gas- Das Beispiel zeigt unseres Erachtens, dass
sion. Die Soldaten stammten aus den Kan- maske, um sich vor dem Tränengas, das in vor allem untere Stufen der politischen und
tonen Aargau und Zürich. Da namentlich den vordersten Elementen mitgeführt wur- militärischen Hierarchie die Gefährlichkeit
die städtische Bevölkerung an einer ge- de, wirksam zu schützen. Diese Gastrupps eines solchen Konfliktes besser beurteilen
rechten Verteilung von wichtigen Lebens- sind wohl die einzigen, welche für diesen können als die Zentrale.Voraussetzung zur
mitteln interessiert war und dem Schwarz- Ordnungsdienst adäquat ausgerüstet waren. situativ richtigen Reaktion wären aber:
handel in der Regel keine Sympathien ent- Ausbildungskompetenz: Die Ausbil- eine geschickte Informationspolitik, die
gegenbrachte sowie die Mitrailleurfor- dung der Truppe befand sich für eine rechtzeitige direkte und mutige Einfluss-
mationen in der Regel aus Arbeiter- und Milizarmee nach drei Kriegsjahren mit nahme von politischen und militärischen
Handwerkerkreisen gebildet waren, war verschiedenen Ablösungsdiensten auf dem Persönlichkeiten, die personelle und fach-
das Risiko gering, dass sich die eingesetzten höchst möglichen Stand. Dennoch verfüg- liche Kompetenz der eingesetzten Verbän-
Soldaten mit den Anliegen der Bauern hät- ten weder Kader noch Soldaten über die de, ihre geeignete Ausrüstung sowie die
ten ungebührlich solidarisieren können. notwendigen Kenntnisse für den Ord- dissuasive Stärke der Einsatztruppen. Diese
Das Verhalten der Truppe hat denn auch nungsdienst. Gemäss OD 36 war eine be- Voraussetzungen zu schaffen ist zweifellos
zu keinen nennenswerten Beanstandungen sondere Ausbildung in Friedenszeiten nicht eine Herausforderung, weil selbst das Un-
Anlass gegeben. vorgesehen. Anscheinend unterblieb dies denkbare gedacht werden muss.
Das Milizprinzip und die altersmässige auch im Aktivdienst, indem man die Aus-
Durchmischung der Verbände hat bestimmt bildung auf gefechtstechnische und kriegs- Literatur und Quellen:
dazu beigetragen, dass besonnen gehandelt Vincenz, Filip: Der Ordnungsdiensteinsatz des In-
taktische Belange beschränkte. Diesen fanterie Regiments 24 im Jahre 1942 infolge der Un-
worden ist. Missstand deckte Oberst Büttikofer – nicht ruhen in Steinen. Diplomarbeit an der Militärakade-
Organisatorische Kompetenz: Die zuletzt wegen der befohlenen Geheimhal- mie/ETH Zürich mit umfassendem Literatur- und
Ordnungstruppen standen dem Schwyzer tung der Mission – erst am Vortag der Be- Quellenverzeichnis. ●

34 Land Power Revue der Schweizer Armee Nr. 2, Beilage zur ASMZ 6/2005