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MEDIENVIEFALT

In
schöner Einhelligkeit stellen

Verbrauchte Gedanken Medien dieser Tage zahlreiche


Erscheinungen als Folge der
Wirtschaftskrise dar, ohne dass tiefer
hinterfragt würde, ob die Krise nicht
Alternative Wirtschaftsideen in den Medien – nur als Vorwand herhalten muss. Etwa
„Verschwiegen? Verdrängt? Vergessen?“ für Arbeitsplatzabbau. Ein Beispiel von
vielen: Der Motoren- und Ventilatoren-
produzent ebm-papst mit Hauptsitz in
Von Pat Christ Mulfingen verkündete im April, dass
wegen starker Auftragsrückgänge „in
Folge der Weltwirtschaftskrise“ 250
Stellen in St. Georgen und Herbolzheim
„Niemand kann die Globalisierung aufhalten. Sie gestrichen werden müssen. Gewerk-
ist ein ‚Wachstumsmotor’. Mit Chancen für die ge- schaftler sahen wenig Zusammenhang
samte Menschheit.“ So lauten die Stereotypen in mit der Krise. Laut der IG Metall haben
die Belegschaften an den zwei Stand-
den verschiedenen Blättern der deutschen Medien- orten in den vergangenen Jahren einen
landschaft. „Einer schreibt vom anderen ab“, „Schweinsgalopp“ hinter sich gebracht.
Unternehmensgewinne seien jedoch an
kommentiert Horst Pöttker, Professor am
den Hauptsitz abgeführt worden.
Institut für Journalistik an der TU Dortmund und Aus dem von Horst Pöttker und
Geschäftsführer der„Initiative Nachrichtenaufklä- Christiane Schulzki-Haddouti heraus-
gegeben Buch „Verschwiegen? Ver-
rung“ (INA), die seit über zehn Jahren aufdeckt, drängt? Vergessen? Zehn Jahre ‚Initi-
welche Themen in den Medien verdrängt, ative Nachrichtenaufklärung’“ lässt
verschwiegen und vergessen werden. sich als eine der wichtigsten Instrukti-
onen für Journalisten die Direktive ab-
leiten: Recherche, Recherche, Recher-
che! Genau die ist laut Pöttker im deut-
schen Journalismus „unterbelichtet“.
Von den Eliten vorgegebene Themen
An medialer Vielfalt ist in Deutschland und Fakten werden aufgegriffen und
wiederholt. Neue Gedanken, zum Bei-
vermeintlich kein Mangel. Das Problem: spiel Alternativen zur herrschenden
Einer schreibt vom anderen ab. Geld- und Wirtschaftsordnung, dringen
nicht bis in die Redaktionsstuben vor.
Foto: Pat Christ Psychologische Gründe sieht der Jour-
nalistikprofessor hierfür als Ausschlag
gebend an: Wie alle Menschen, bevor-
zugten auch Journalisten das ihnen be-
reits Vertraute, „Gemütliche“.
Verleger wiederum haben ein Le-
sepublikum vor Augen, das angeblich
nach reißerischen, aus verbrauchten,
alltagstauglichen Gedanken beste-
henden Kolportagen verlangt. „Stimmt
nicht!“, dementiert Pöttker und ver-
weist auf zwei Zeitungen, die inmit-
ten der seit 2001 anhaltenden Medi-
enkrise Auflagenzuwächse verbuchen:
„Die Zeit“ und die „Frankfurter Allge-
meine Sonntagszeitung“. Hier werden
mitunter Themen aufgegriffen, denen
anderswo keine Zeile gewidmet wird.

22 www.humane-wirtschaft.de – 04/2009
MEDIENVIELFALT

Vor 16 Jahren stellte „Die Zeit“ sogar schäftsführer Pöttker eine Eigenschaft konnte, ist im Übrigen nicht nur auf ak-
einmal Silvio Gesells Buch „Die natür- voraus, die dieser Tage in journalis- tuelle Medien angewiesen. Seit vielen
liche Wirtschaftsordnung durch Frei- tischen Zirkeln als wenig en vogue gilt Jahrzehnten weisen Kapitalismuskriti-
land und Freigeld“ vor. Über Gesells und doch so wichtig wäre: Während ker auf grundlegende Konstruktions-
Zinsideen hieß es damals: „Der ‚Geld- sich der Journalist von heute gern un- fehler im System hin. Rosa Luxemburg
zins’, wie ihn Silvio Gesell gesehen beteiligt, unberührt bis unberührbar zum Beispiel machte bereits Ende des
und interpretiert hat, erweist sich noch geriert, ist Scholl-Latours Reportagen 19. Jahrhunderts darauf aufmerksam,
immer als Prüfstein der ökonomischen und Büchern anzumerken, wie viel sich dass die Expansionsfähigkeit der Pro-
Vernunft.“ der Autor das, was er sah und akri- duktion und die beschränkte Konsum-
Das Thema „Recherche“ ist laut bisch recherchierte, angehen ließ. Wie tionsfähigkeit des Marktes einander
Pöttker am Rande des umfangreichen sehr es ihm unter die Haut ging. Zum krass widersprechen. Dies ist bis heute
Lernstoffs für Journalisten in spe ange- Beispiel der „Wildwest-Kapitalismus“ so, wie aus dem Bericht „Die Milliar-
siedelt: „Es gibt in Deutschland auch amerikanischer Machart, den er in sei- denvermögen sind das Problem“ von
noch immer keinen Recherchelehr- nem Buch „Der Fluch des neuen Jahr- Günther Moewes in der Mai-Ausgabe
stuhl.“ Breiten Raum nimmt in der Aus- tausends“ anprangert. der „Humanen Wirtschaft“ hervorgeht.
bildung hingegen die Vermittlung von Der Markt ist gesättigt, doch es muss
Darstellungsformen und crossmediale sinnlos weiterproduziert werden.
Strategien ein. Formales ist fraglos es- Während sich der Journa- Eigentlich gehört es zu den Haupt-
senziell – Berichte müssen so aufbe- aufgaben des Journalismus, den Men-
list von heute gern unbe-
reitet werden, dass sie, bei aller Kom- schen aufzuzeigen, in welchem Maße
pliziertheit des jeweiligen Themas, ein-
teiligt, unberührt bis unbe- ihre vermeintlich „ureigenen“, täg-
fach zu verstehen sind. Doch gilt es, rührbar geriert, ist Scholl- lichen, existenziellen Probleme ver-
die gute Form in guter Sprache auch Latours Reportagen und hakelt sind mit dem großen Ganzen.
mit guten Inhalten zu füllen. Daran ha- Büchern anzumerken, wie Dieses große Ganze allerdings wird
pert es. Vor allem im Wirtschafts- und viel sich der Autor das, von Experten als so kompliziert darge-
Finanzweltjournalismus. Lieber wird was er sah und akribisch stellt, dass selbst für Journalisten Ver-
skandalisiert oder bewusst inszeniert, stehen aussichtslos erscheint. Und in
recherchierte, angehen ließ.
als fachlich fundiert aufgeklärt. der Folge öffentliche Analyse und Kritik
Zeitungen huldigen dem Monolog. unterbleiben. Was fatal ist, wie der So-
Genau das, sagen Kritiker, verhindert zialpsychologe Harald Welzer betont:
Kritik von außen, die zu konstruktiver Um die am stärksten von der Re- „Natürlich ist die Welt kompliziert, aber
Selbstkritik anregen könnte. Helfen cherche ignorierten Themen des Jah- das ist ja keine Entschuldigung dafür,
Dialog-Medien wie Blogs, den Main- res aufzuspüren, wühlt sich das INA- sehenden Auges die falsche Dinge wei-
stream zu durchbrechen? Jens Berger, Team nicht durch Stöße von Zeitungen. terzumachen. Mit gebrauchten Gedan-
Initiator des Blogs „Der Spiegelfech- Es setzt darauf, dass kritische Bürge- ken kann man jedenfalls nicht neue
ter“, ist davon überzeugt: „Das Inter- rinnen und Bürger die Initiative aus ei- Probleme bewältigen.“ Womit sich er-
net stellt die schärfste Waffe gegen die genem Antrieb auf Themen aufmerk- klärt, warum die Grundprobleme im
Spiegelfechter dar – es ist die Gegenöf- sam machen, die so gut wie nie vor- Lande aktuell wieder nicht bewältigt
fentlichkeit, die ohne beruflich davon kommen. 200 Einsendungen gibt es werden.
abhängig zu sein, ohne auf Werbekun- in jedem Jahr. Ein studentisches Team
den Rücksicht nehmen zu müssen und prüft, ob es sich bei den als vernach-
ohne Parteifreunde und Old-Boys Net- lässigt deklarierten Themen tatsäch-
works zu schonen, der Wahrheit ein lich um blinde Flecken des Journalis- Zur Autorin: Pat
Christ, Jrg. 1970,
Stück näher kommen kann.“ Auch Sil- mus handelt. Bis zu 30 gesellschaftlich
Magister in Kul-
vio Gesell kommt in Bergers „medien- relevante, dennoch verdrängte Themen turgeschichte an
kritischem Korrektiv“ vor. Neben vielen werden ausgesucht und einer aus Jour- der Uni Würzburg.
anderen von der Recherche vernach- nalisten und Wissenschaftlern beste- Seit 1990 als frei-
lässigten Theorien, neuen Thesen und henden Jury vorgelegt. Die stellt die schaffende Foto-
Erkenntnissen. Zehnerliste zusammen. 2008 führte und Textjournalistin
tätig. Schwerpunkte:
Zu den wenigen Vorbildern für Me- das Thema „Zu viele Straftäter in der
Berichtserstattung
dienmacher in Sachen Recherche zählt Psychiatrie“ die Hitliste an. aus Kultur, Bildung, Wirtschaftsethik und
der „Senior des deutschen Journalis- Wer Hintergründe erfahren will, wa- Wissenschaft. Zeitschriften und Magazine:
mus“, Peter Scholl-Latour. Heutigen rum dieser Tage Belegschaften wie- Main-Echo, Sonntagsmerkur Evangelischer
Reportern hat der 1924 geborene Afri- der truppweise entlassen werden und Pressedienst, Kulturmagazin Leporello,
Stadtmagazin „Der Kessener“.
kaexperte nach Ansicht von INA-Ge- wie es zur Wirtschaftskrise kommen

www.humane-wirtschaft.de – 04/2009 23