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Forum Psychoanal 2008 · 24:217–228 DOI 10.1007/s00451-008-0352-2 © Springer Medizin Verlag GmbH 2008

Originalarbeiten

Antonino Ferro · Pavia, Italien

Die Transformation

Mikrotransformationen, Makrotransformationen und Transformationen durch Narration

Die Transformation ist eines der Schlüs- selkonzepte der Psychoanalyse. Für Bion (1965) liegt die Transformation des Sinnes- eindrucks in ein Bild (um nur einmal die Ebene des Visuellen zu betrachten) dem Funktionieren des psychischen Apparats des Menschen als solchem zugrunde (Ro- cha Barros 2000). Die unterschiedlichen Sensationen (vi- suelle, akustische, geschmackliche, olfak- torische, taktile, kinästhetische) können mit „Beständen von Nadelspitzen“ vergli- chen werden, die in unterschiedlichem Ausmaß zugespitzt sind. Selbst unter güns- tigsten Umständen (wenn der psychische Apparat also gut funktioniert), sind diese Sinneseindrücke im Überschuss vorhan- den, was man an den Gruppenphänome- nen sehr deutlich erkennen kann. Die Ver- meidung derartiger Sensationen gehört zu den permanenten Abwehraktivitäten des psychischen Apparats. Wenn eine der er- wähnten Modalitäten die anderen deutlich beherrscht, treten die bekannten Symp- tome auf. Abfuhrmechanismen, d.h. die Möglichkeit zur Projektion dieser „Quan- ten von Nadelspitzen“ nach außen, führen zu Phänomenen wie Paranoia, Halluzina- tionen sowie den verschiedenen Formen von Wahn und Autismus. Andere Abfuh- ren können in den menschlichen Körper hinein erfolgen, hier entstehen dann psy-

Überarbeitete Fassung eines Vortrags. Zuerst erschienen 2006 im EPF-Bulletin „Psychoanalyse in Europa“, S. 30–43. Wir bedanken uns herzlich für die freundliche Abdruck- genehmigung. Aus dem Französischen übersetzt von Eike Wolff, Brüssel.

chosomatische Krankheiten, oder in den sozialen Körper hinein wie bei Charak- terphänomenen, Kriminalität, kollektiver Dummheit und Fanatismus. Zusammenballungen von Sensationen dieser Art können auch in Räumen des psy- chischen Apparats (aus-)gehalten werden. In diesem Fall führen Ansammlungen von Protoemotionen zu Phobien, wenn die Stra-

tegie der Einkapselung eingesetzt wird, zu Zwangsvorstellungen, wenn Kontrolle die Strategie ist, zu Hypochondrie, wenn die

StrategieinderEingrenzungaufeinKörper-

organ besteht, und so weiter. In jedem Fall bleibt die Vermeidung für jeden psy- chischen Apparat eine mögliche Haltung und Versuchung. Bleger (1966) hat mit sei- nen Überlegungen zum verbackenen Kern etwas gesagt, was dem sehr nahe kommt. Es gibt allerdings auch eine andere, wenn auch etwas aufwendigere mögliche Strategie: Die Sensationen – das, was wir in Bions Jargon die Betaelemente nennen – können über den Einsatz der Fähigkeit zu „feeling, thinking, dreaming“ in Alphaele- mente umgewandelt werden, eine Fähig- keit, die für unseren psychischen Apparat, sofern er seine Funktion hinreichend wahrnehmen kann, spezifisch ist. Diese Transformationsoperationen be- ruhen auf der Alphafunktion (Bion 1962), die ständig am Werk ist und die Ziegelsteine fabriziert, die Grundlage unseres psy- chischen Lebens sind. Die Gesamtheit die- ser Ziegelsteine bildet das Traumdenken im Wachzustand, das das Hauptkonzept des gesamten Bion-Werkes ist (Ferro 2005).

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Aus dieser Art von Operation, die auch permanente Alphabetisierung genannt werden kann, besteht zum großen Teil die Arbeit des Analytikers im Analysenzim- mer (und die der Pflegepersonen gegen- über kleinen Kindern): die Transformation der Betaelemente, manchmal der Betabild- schirme des Patienten (die über projektive Identifizierungen transportiert werden), in Bilder, die durch den psychischen Apparat des Analytikers mit Sinn ausgestattet wer- den. (Diese Operation setzt oft auf die Rêverie-Fähigkeit des Analytikers.) Betrachtet man die analytische Situati- on als Situation eines „bipersonalen Fel- des“ (Baranger und Baranger 1961–1962) oder eines multipersonalen Feldes, ließe sich darüber nur viel schwieriger etwas sa- gen, denn alle Funktionen – wenn auch si- cher nicht symmetrisch – würden von Pa- tient und Analytiker geteilt werden. Dies nähert sich dem Konzept des Kodenkens (Widlöcher 1996).

Transformationen

Mikrotransformationen in der Sitzung

Es sind unbeständige und umkehrbare Transformationen, die im Laufe der ana- lytischen Sitzung stattfinden und die auf die Qualität der Interaktion zwischen Ana- lytiker und Patient sowie der stattfinden- den Alphabetisierungen oder Entalpha- betisierungen verweisen. Sie werden vom Patienten auf dem Weg über das Auftau- chen von Personen und Geschichten, die auf ein schlechtes oder gutes Funktionie- ren des Feldes verweisen, ständig mitge- teilt. Hierauf zu achten ist wertvoll, denn diese Hinweise spiegeln die Art und Weise wider, wie der Patient die Interventionen des Analytikers „aufnimmt“. Damit helfen sie, den besten Weg zu finden, den Patien- ten dort zu erreichen, wo er seinem Emp- finden nach steht (nach Bions Sprachge- brauch helfen sie dem Analytiker, an O zu sein und nicht an K). Diese Hinweise un- terrichten fortlaufend über die blinden Fle-

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cke, die im Feld am Werk sind, und über Deutungen mit Abwehrcharakter vonsei- ten des Analytikers. Wenn ein Patient, der eine Phobie ge- genüber seinen Emotionen hat, die er mit Modalitäten starrer Kontrolle und mit ei- ner ihnen gegenüber automatisch einge- nommenen Distanz steuert, erzählt, er sei zu einem Konzert mit „Live-Musik“ gegan- gen und habe dabei die brasilianische Mu- sik lieben gelernt, oder er habe seinen Kin- dern Buntstifte der Marke „Carioca“ ge- schenkt, würde das seine Fähigkeit signali- sieren, seine Gefühlswelt in anderer Weise anzugehen. In gleicher Richtung bedeutet die Mitteilung eines Patienten, er sei mit seiner Verlobten tanzen gewesen und habe das genossen, dass die Sitzung an eben diesem Tag einen guten emotionalen Rhythmus gefunden hat, es Wärme und Nähe gegeben hat. Innerhalb des Feldes findet sich also die Wahrheit über das Funktionieren des Feldes selbst. Hierbei ist es nicht sonderlich wichtig, welcher Ort des Feldes dieses Funktionieren zum Aus- druck bringt.

Makrotransformationen im Lauf der Zeit

Makrotransformationen im Lauf der Zeit sind ebenso wesentlich: Dies sind Trans- formationen, die sich über einen längeren Zeitraum hinweg manifestieren und zu de- ren Beobachtung meist lange Sitzungs- sequenzen erforderlich sind. Sie sind stabil und irreversibel. Sie sind das Ergebnis sta- bilisierter Introjizierung von unstabilen Mikrotransformationen. Sie implizieren Änderungen der inneren Welt des Patien- ten. Auf dem Weg über die kontinuier- lichen nachträglichen Überarbeitungsvor- gänge, die die Analyse charakterisieren, tragen sie zu einer fortlaufenden Neufas- sung der Geschichte des Patienten bei – bis zu den beschriebenen extremen Fällen (Ferro 1996) der Ausbildung von Erinne- rungen an Tatsachen, die sich nie ereignet haben.

Zusammenfassung · Abstract

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Antonino Ferro

Die Transformation Mikrotransformationen, Makrotransformationen und Transformationen durch Narration

Zusammenfassung

In seinem Schlüsseltext Transformations unter- scheidet Bion zwischen Transformationen mit starrer Bewegung (bei denen man die Ausgangs- figur wegen des hohen Grads an Invarianz leicht erkennt), projektiven Transformationen [bei de- nen der Grad der Invarianz schwächer ist und bei der zwei Persönlichkeiten impliziert zu sein scheinen: ein Objekt, auf das etwas projiziert werden muss, und ein für die Projektion verant- wortliches Objekt. Das berühmte Beispiel ist das des Patienten, der „ice cream“ sagt, Eis, eine Aus- sage, die Bion als die gewalttätige Emotion deu- tet, die durch Frost zurückgehalten wurde:

„I scream“ (Ich schreie)] und Transformationen in Halluzinosen (bei denen massive Abfuhrmecha- nismen vorherrschend sind, die auch die Wahr- nehmung nichtexistenter Beziehungen einschlie-

ßen). In seinem Buch geht es ferner um Transfor- mationen in K (also jene, die eine Verbindung zur Erkenntnis einbegreifen, ohne aber katastro- phische Veränderungen auszulösen, die sie aller- dings vorbereiten können) und um Transforma- tionen in O (die mit einem abrupten Sprung in mentales Wachstum einhergehen und durch eine kritische Situation führen, die eine katastrophi- sche Veränderung implizieren kann). Im Folgen- den werden weitere mögliche Differenzierungen jener Transformationen beschrieben, die in der analytischen Situation auftreten können. Hierbei wird auch auf die Bedeutung der „Rêverie-Fähig- keit“ des Analytikers hingewiesen, die Transfor- mation in Bilder, die durch den psychischen Ap- parat des Analytikers mit Sinn ausgestattet wer- den.

Transformation Microtransformation, macrotransformation and transformation by narration

Abstract

In his key work Transformations Bion differenti- ates between rigid-motion transformations (by which the initial figure is easily recognizable by the high degree of invariance), projective trans- formations (by which the degree of invariance is weaker and by which two personalities appear to be implicated: one object on which something must be projected and one object responsible for the projection. The famous example is that of the patient who says “ice cream”, whereby “ice” is a statement which for Bion signifies a violent emotion and is restrained by frost: I scream), and transformations in hallucinosis (by which mas- sive diversionary mechanisms are predominant, and which also include the perception of non-

existent relationships). In his book he also deals with transformations in K (those which embrace a link to recognition, but without triggering cat- astrophic changes) and transformations in O (which accompany an abrupt leap in mental ex- pansion, and lead through a critical situation, which can implicate a catastrophic change). In this article further possible differentiations of each transformation, which can occur in the ana- lytical situation will be described. Emphasis will be placed on the significance of the “rêverie ability” of the analyst, the transformation into pictures, which are made meaningful by the psychological apparatus of the analyst.

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Narrative Transformationen

Ein anderes Konzept, das von fundamen- taler Bedeutung ist und zu den von Bion beschriebenen Transformationen hinzu- kommt, ist das der narrativen Transforma- tion [oder auch: der Transformation durch Narration; Anm. d. Üb.]. Der Analytiker vollzieht immer dann eine narrative Trans- formation, wenn es ihm gelingt, zu den Be- taelementen, die er aufnimmt, eine origi- nelle Deutungskonstruktion zu geben und damit dasjenige in eine Erzählung zu fas- sen, was in Form von emotionaler Turbu- lenz Druck ausgeübt hatte, oder wenn – auf welche Weise auch immer – Betaele- mente entschärft werden.

Konarrative Transformationen

Die konarrativen Transformationen sind dem ganz ähnlich: Zu ihnen kommt es dank einer echten dialogischen Zusam- menarbeit zwischen Patient und Analyti- ker. Sie sind Abkömmlinge der psychi- schen Apparate des einen sowie des ande- ren, stiften neue und offene Sinnzusam- menhänge und bedrohen die Funktions- modi des Patienten, die noch nicht zu vol- ler Rezeptivität und Abhängigkeit fähig sind, nicht (Ferro 2005). Das deutende Dechiffrieren ist eine Operation, die der eben beschriebenen oft diametral entgegengesetzt ist. Im besten Fall ist es eine „Simultanübersetzung“ in einen Dialekt, der uns vertrauter ist, und im schlechtesten Falle ist es -K (also ein Angriff auf die Denkfunktion des Patien- ten und die Kreativität des analytischen Paares).

Deutungen und Transformationen

Ein Feld, das Weiterentwicklung verdient, ist, wie man Deutungen und Transforma- tionen einander annähern könnte – unter Berücksichtigung der Aussage Bions (1962):

„Das Feld des Psychoanalytikers ist das, was zwischen dem Punkt liegt, an dem ein

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Mensch sensorische Eindrücke erhält, und dem Punkt, an dem er die Transformation formuliert, die stattgefunden hat“ [Übers. E.W.]. Das soll heißen, dass die PS-D-Oszilla- tionen entlang der Deutungsachse (von den am wenigsten bis zu den am meisten saturierten Deutungen) und das Feld der Transformationen untersucht werden müssen, zu denen es durch Deutungsakti- vität gekommen ist. Hierbei müssen die Dinge von der Operation ausgehend be- trachtet werden, die der Analytiker voll- zieht, wenn er an Transformationen mit starrer Bewegung arbeitet, an projektiven Transformationen, an Transformationen in K und in -K, an Transformationen in O, an Transformationen in Halluzinosen und an narrativen Transformationen. Letztere im- plizieren einen Wahrheitsbegriff, nach dem die Wahrheit „eher der erzählten Kon- struktion innewohnt, als dass sie den Er- eignissen selbst zugeschrieben“ werden sollte (Corrao 1991).

Fallbeispiele

Mikrotransformationen

Das folgende Beispiel verdeutlicht, dass die Mikrotransformationen in der analyti- schen Sitzung, diese instabilen und rever- siblen Transformationen, sich im Lauf der Sitzung vollziehen und eine kontinuierli- che Neuanpassung der Deutungen des Analytikers ermöglichen. Marcella ist eine fünfzehnjährige Ju- gendliche, die in der Erwartung, dass ich sie viermal pro Woche empfangen kann, zunächst zweimal pro Woche kommt. Ei- nes Tages sagt sie mir, in ihrer Schule gebe es zwei Toiletten für fünfzehn Mädchen, und es sei nicht einfach, dorthin zu gehen, denn man müsse dazu erst bei den Jungen vorbeigehen. Ich sage ihr einfach: „Zwei Toiletten für fünfzehn Mädchen ist wirklich wenig, und es ist nicht einfach, den anderen zu zeigen, dass man ein gewisses Bedürfnis hat; man müsste eine Lösung finden“.

Marcella lächelt und zeichnet einen klei- nen Hund. Ich dachte daraufhin zunächst, der kleine Hund teilte etwas mit, das auf- grund meiner nichtsaturierten Deutung in der Sitzung entstanden war: ihr Vertrauen, verstanden zu werden. (Anderen Modell- vorstellungen folgend hätte ich denken können, sie hätte mir etwas über ein reales äußeres Problem mitgeteilt oder ich hätte eine saturierte Deutung hinsichtlich ihres Wunsches machen können, sofort mehr als zwei Sitzungen pro Woche zu haben.) Einige Tage später spricht Marcella wie- der über die Schule und deren Toiletten; es ist gegen Abend, ich bin müde, nehme die Beschreibung nicht auf, die die Patientin ein weiteres Mal von meiner geringen Verfügbarkeit (wenig Toiletten) macht, und sage ihr: „Du willst mir zweifellos sa- gen, zwei Sitzungen pro Woche seien nicht genug und dass es nicht einfach ist zu zei- gen, dass man vor mir ein Bedürfnis hat“. Daraufhin schaut mich Marcella traurig an und sagt: „In der Schule habe ich durch das Fenster einen Mann mit einem Schnurr- bart gesehen, der mit einem großen Stock auf einen kleinen Hund einschlug, ihn ver- letzte und schließlich tötete“. Die saturierte Deutung, die exzessiv entschlüsselt, wird als etwas sehr Gewalt- tätiges empfunden, als etwas, das verletzt und nicht nur nichts entstehen lässt, son- dern letztlich sogar etwas tötet (das Ver- trauen), das gerade im Entstehen ist. Die Antwort auf die Deutung ist für uns also etwas äußerst Interessantes, das mit der Geschichte, der inneren Welt, aber auch mit der Aktualität unserer Beziehung zu dem Patienten in Zusammenhang steht. Der Analytiker kann bei genauer Beobach- tung des Feldes und einer Änderung seines eigenen Deutungssystems dieses Feld fort- laufend konstruktiv verändern. Es liegt auf der Hand, dass alles, was für die verbale Antwort gilt, auch für die „ge- spielte Antwort“ zutrifft: Wir können uns vorstellen, dass Marcella, wäre sie sieben Jahre alt gewesen, ein Spiel mit den glei- chen Inhalten wie denen ihrer verbalen Antwort inszeniert hätte.

Das gilt auch für einen erwachsenen Pa- tienten, für Carlo, der mir sagt: „Ich kann nicht durch die Straßen meines Dorfes ge- hen, ich kann nur mit dem Auto hinaus- fahren, ich habe Angst vor den Einwoh- nern“. Ich antworte ihm: „Wie in einem Safari- zoo“. (Ich denke natürlich, er hat Angst vor den Begegnungen, die er in seiner In- nenwelt und in seiner Beziehung mit mir machen kann, wenn er nicht eine gewisse Abwehrdistanz beibehält.) Carlo antwortet: „Es ist genau das; ich erinnere mich in der Tat, dass mich mein

Vater, als ich klein war, eines Tages in einen Safarizoo mitgenommen hat, viele Tiere sind wirklich nahe an das Auto herange- kommen, aber Angst hat das nicht ge-

macht Zu einem anderen Zeitpunkt sagt mir Carlo: „Ich habe gedacht, einer der Ein- wohner meines Dorfes hat gesagt, er emp- finde Hass auf meinen Vater, obwohl er mit dessen Hilfe zur Welt gekommen war“. Ich bin müde und antworte deshalb:

„Sie sind in Ihnen auf jemanden oder auf etwas gestoßen, auf ein Hassgefühl mir ge- genüber, auch wenn es dort auch Anerken- nung für die Arbeit gibt, die hier geleistet wurde“. Carlo blickt sich um und sagt: „Sie beunruhigen mich, im obersten Regal der Bibliothek steht ein Buch von Jung, und Sie wissen ja, dass ich Jung nicht traue“.

Mittelfristige Makrotransformationen

Das nächste Beispiel einer mittelfristigen Makrotransformation beschreibt eine Fol- ge von Träumen einer Patientin mit Panik- krisen: Sie zeigen die Transformationen ihrer Art und Weise, mit Emotionen um- zugehen. Carla steht in ihrer Analyse an einem guten Punkt; zahlreiche progressive Verän- derungen sind in Sicht. Ich muss eine Sit- zung absagen. Carla kommt zur nächsten Sitzung und sagt, sie habe sich sehr schlecht gefühlt, mehrere Panikkrisen er- lebt und folgenden Traum gehabt: „Es war

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da eine Lore, die von den Schienen sprang, auf ein Haus zu raste und eine Mauer durchbrach; die Person, die sich in dem Rollwagen befand, wurde in tausend Stücke gerissen“. Carla hatte panische Angst, sie musste die Ankunft ihres Vaters abwarten, bevor sie sich ansehen konnte, was passiert war; beim Warten empfand sie nur eine unermessliche Angst. Das scheint zu bedeuten, dass die Lore- Analyse-Muschel, wenn sie ihre Schienen verließe, ins Leere fallen und damit eine Zersplitterung der Ich-Anteile auslösen würde, die doch Zusammenhalt brauchen; dies strahlt auf das ganze psychische Leben aus, das ernsthaft beschädigt wird, und man muss die Rückkehr des Analytikers abwarten, um Bilanz über das Vorgefallene ziehen zu können. Wir arbeiten viel an diesem Traum, und Carla beschließt, ihn zu zeichnen, damit eine feste Spur von ihm bleibt. Einige Wo- chen später teile ich Carla mit, dass wir mehrere Sitzungen überspringen werden müssen. Diese Aussicht ängstigt sie sehr, sie wird wütend und weint während der Sitzung. Am nächsten Tag bringt sie fol- genden Traum mit:

„Es waren da verlassene Kinder, wie in einem Waisenhaus, ich kam mit einem Break angefahren (also keine Lore auf Schienen mehr!), das Auto hatte einen gro- ßen Laderaum, in den ich die verlassenen

Kinder packen konnte

Sie fügt hinzu, dass es für sie das erste Mal war, dass sie, statt in Zorn zu geraten und sich mit ihrem Ehemann zu streiten, geweint und – wie sie glaubt – verstanden habe, was es bedeute, „zu akzeptieren, et- was zu verlieren“. Einige Tage später, wäh- rend wir damit beschäftigt sind, in einem Hin und Her zwischen Wut und Annahme von Trauer das Thema Abwesenheit durch- zuarbeiten, bringt sie einen weiteren Traum mit:

„Es ist da ein Kätzchen, das dabei ist,

, da kommt Jazz

(ein misshandelter und normalerweise furchtsamer Hund), der wild geworden ist und das Kätzchen verschlingen will“. Die

neue Dinge zu lernen

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Patientin schafft es, ihn abzublocken und die Leine, die ihn halten soll, der Herrin des Hundes zu geben, ihrer Freundin Ma- ria-Vittoria (Maria Vittoria: Marie Victoi- re). Etliche Personen konnten sich Jazz da- raufhin annähern. Ich spreche mit ihr über diese neue Art und Weise, meine Abwesenheit anzugehen, und über die Fähigkeit, aufkommende „wilde“ Gefühle in sich zu halten; dann füge ich hinzu, dass Jazz auch eine Musik ist, die in den schwarzen Ghettos entstan-

den ist, in denen die Leute Hunger hatten, aber es sehe ja so aus, als sei dies eine Mu- sik, die sie nun spielen und mit der sie um- gehen könne: Letztlich ist die Vitalität der Leidenschaften und die des Jazz von fun- damentaler Wichtigkeit. Darauf folgt eine tiefere Durcharbeitung des Themas Abwesenheit: „Der Hund Jutta (ein Boxer) wird aus dem Haus gejagt“. Auch träumt sie voller Schmerz, dass sie nicht meine Tochter ist, dass sie nicht adoptiert worden ist, dass sie eben eine Pa- tientin ist. Vor der Unterbrechung kommt noch ein weiterer Traum: Sie wachte in einem Blut- bad auf, ging zur Toilette und wurde ge- wahr, dass es sich um eine sehr starke Re- gelblutung handelte; sie wischte das Blut mit immer größeren Handtüchern auf, wachte auf und verstand, dass es sich um

Das Gleiche wie-

einen Traum handelte

derholte sich noch zwei weitere Male. Ich sage ihr: „Also man kann ja nicht sa- gen, dass meine Abwesenheit Sie nicht blu- ten lässt“. – „Ja“, antwortet sie, „aber es war keine Verletzung, Blutverlust gab es schon, aber es war ein physiologischer Ver- lust“. Im Grunde ging es also um etwas, das man akzeptieren können muss.

Affektive Transformationen

Die affektiven Transformationen liegen immer den narrativen Transformationen

zugrunde, von denen eingangs die Rede war. Durch das Auftauchen verschiedener Personen (ihres Ehemanns, der sich über

sie lustig macht, ihrer Mutter, die sie nicht versteht, und einer Freundin, die sie kriti- siert) bedeutet mir Emma, dass die Quali- tät meiner Deutung, die mir doch so flexi- bel und passend scheint, es in ihren Augen nicht ist. Ich nehme ihre Sichtweise in mir an und versuche, sie zum Mittelpunkt des Gewölbes zu machen, von dem ausgehend ich einen Deutungsstil und ein Timing fin- den könnte, das den Bedürfnissen der Pa- tientin besser entspräche. Gegen Ende der Sitzung finde ich die Worte, um ihr mit- zuteilen, dass etwas, das ich ihr gesagt ha- be, oder von der Art und Weise, in der ich es gesagt habe, sie verletzt und verärgert haben könnte. Am nächsten Tag sagt mir Emma, dass sie bei ihrer Mutter eine sehr schöne „Vase aus Eisen“ (Eisen: fer im Französischen [offenbar der Sprache dieser Analyse] ist im Italienischen ferro) gesehen und sie ge- fragt hat, ob sie sie mitnehmen dürfe. Ihre Mutter war einverstanden, und ihr Vater fragte sie, ob sie die Geschichte dieser Vase kenne. Da sie verneinte, erzählte er ihr, dass diese Vase ursprünglich ein „Ge- schoss aus Eisen“ gewesen war, das ein On- kel, der an der türkischen Front gekämpft hatte, zu einer Vase modelliert hatte. Zu Kriegsende hatte der Onkel die Vase mit zurückgebracht, und später hatten sie sie von ihm geerbt. Seine Eltern sagen ihr, dass sie einverstanden sind und diese Vase von nun an ihr gehören kann. Der Ehemann der Patientin, dem sie diese Geschichte erzählt, sagt ihr, das sei ja die „Konvertierung“ eines hässlichen Ge- genstands in etwas Schönes; die Patientin erwidert ihm, dass es sich ganz im Gegen- teil um eine Transformation handele. Aber wo hat diese Transformation statt- gefunden? Meiner Meinung nach gab es mehrere Etappen: mein Zuhören, das die Sichtweise der Patientin aufgenommen hat, die Transformation, die hinsichtlich meines Deutungsstils in mir stattgefunden hat, die Veränderung meines Stils und die Rezeptivität der Patientin für diese Trans- formation. Eine Transformation also, die

bei mir ihren Ausgang genommen hat, die schließlich aber auch Teil von ihr wird – als Möglichkeit, mir auf freundlichere Art und Weise zuzuhören und meinen Worten einen Platz in der Vase einzuräumen, die „von nun an“ auch die ihrige ist. All dies deute ich der Patientin nicht, sondern beschränke mich darauf, ein berühmtes Lied zu erwähnen, in dem es heißt „Steckt Blumen in eure Kanonen“. – „Ja“, sagt die Patientin, „das war ein Lied von Equipe 84’, einer meiner Lieblings- gruppen“. Ich denke daran, dass 84 auch die Haus- nummer meiner früheren Praxis war, den- ke aber insbesondere über den Sachverhalt nach, dass die Entwicklung der Fähigkeit zum (Aus-)Halten das komplexe Ergebnis von Transformationsoperationen ist, die zwischenzwei psychischen Apparatenstatt- finden.

Rêverie

Das Aufkommen des Konzeptes der Rêve- rie hat das Spektrum des Traumhaften in der Sitzung beträchtlich erweitert. Man sieht die Dinge nun so, dass die Rêverie die „Traum“-Aktivität des Analytikers wäh- rend der Sitzung ist: Indem er das, was ihm vom Patienten – meist in Form von projektiven Identifizierungen – entgegen- kommt, in kreativer Weise umformt (oft auf visueller Ebene), ermöglicht der Ana- lytiker die Formulierung neuer Bedeutun- gen, die Integration zersplitterter Emotio- nen, die Erschließung neuer Sinnzusam- menhänge. Auch Operationen von träume- rischer Transformation des psychischen Apparats im Wachzustand sind als Mög- lichkeit in Betracht zu ziehen.

Rêverie und Sinnkonstruktion

Aber

– wo ist der Schwanz?

Luciano ist ein siebenjähriger Junge, der seit mehreren Jahren an einer schmerzhaf- ten allergischen Erkrankung leidet, die ihn

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sehr einschränkt. Bei unserer ersten Be-

gegnung bitte ich ihn, da er relativ ent- spannt zu sein scheint, mir etwas zu erzäh- len. „Ich werde dir etwas von meinem Lu- cky erzählen“, antwortet er. Er nimmt ein Blatt Papier und beginnt zu erzählen, dass er dieses kleine Tier seit Langem besitzt. Beim Zeichnen sagt er mir, dass er es im „Büro“ seines Vaters hält, weil er (Lucia- no), wenn er sich dem Tier nähere und es in die Arme nehme, sofort rot werde, zu- nächst an der Stelle, an der Lucky ihn berührt, von wo sich die Röte dann aus-

Und er beschreibt den

invasiven Typ von Allergie, unter der er lei- det. Während er zeichnet, stelle ich mit Er-

staunen fest, dass es (dessen Namen) be- reits etwas ins Auge fällt. Er erzählt mir, dass das kleine Tier un- ter der Erde lebt und tiefe Gänge gräbt, in die es sich flüchtet. Luciano hat einen gu- ten Kontakt, flößt Sympathie ein. Während er weiterzeichnet, stelle ich einige all- gemeine Fragen; jedes Mal sagt Luciano zunächst einmal: „Was hast Du gesagt?“ Das wiederholt sich mehrere Male in Folge. An Lucky frappiert mich, dass Luciano er- zählt, Luckys Rasse habe keinen Schwanz, es gebe aber eine andere sehr turbulente und aggressive Rasse, die über einen Schwanz verfüge. In diesem Augenblick habe ich ein Gesamtbild: Lucky Luciano, der „nicht hören“ kann, weil er sich in sei- nem Erdloch versteckt hat, und vor allem die zwei langen Schwänze, die dazu führen, dass sich die Zeichnung in meinem psy- chischen Apparat transformiert, und zwar zu einem oberen Teil mit Lucky und einem unteren Teil mit Luciano, beide als große Tiere, deren Existenz mir bis zu meiner Rêverie entgangen war. Das Feld definiert sich somit aufgrund einer von mir auf- gestellten Sinnhypothese neu, die dem Kind gegenüber natürlich nicht verbali- siert wird, die für mich aber zum Organi- sator von Gedanken und von Sinnhypothe- sen wird: Ich kann die Fantasie entwickeln, dass Luciano allergisch gegenüber Teilen seiner selbst ist, die unerkannt sind und metabolisiert werden müssen, transfor-

dehnt, und dann

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miert, damit nicht weiterhin das Aufkom- men von Antikörpern aktiviert wird, die von „Nicht-Selbst“-Teilen nach wie vor produziert werden.

Rêverie und Traum: ein Dialog

Das Mädchen mit lockigem Haar

Ich öffne Francesco die Tür, einem schö- nen Jungen von dreißig Jahren, und bin ei- nen Moment lang verwirrt, weil ich vor mir ein großes Mädchen mit gelocktem Haar sehe, das einem Engel gleicht. Ich rücke meinen persönlichen Blick zu- recht und finde daraufhin gleich den übli- chen Francesco wieder. Von dieser sensori- schen Fehlwahrnehmung bin ich über- rascht bis verblüfft; so sehr ich mir auch sage, dass es sich zweifellos um eine Art Rêverie handelte, ich finde nichts, womit ich sie in Verbindung bringen könnte. In der Sitzung am vorangegangenen Tag hatte ich starke Deutungen zu Aspekten des Sexuallebens von Francesco gegeben. Oder besser gesagt zu Fantasien aus dem Bereich seiner Sexualität: In einem Traum hatte er sich auf dem Pilotensitz eines F14-Flugzeugs befunden, in einem anderen Traum war er Briatore in einer Segelyacht und fuhr ein „Off-shore“-Rennen. Obwohl diese Bilder etwas manisch waren, ermög- lichten sie Francesco, neue Entdeckungen zu machen – ihm, der sich immer als res- pektvollen und bisweilen sogar unterwür- figen Jungen gesehen hatte. Francesco ist ein zutiefst guter Junge, aber wie jeder an- dere auch ist er nicht nur das. Die Sitzung geht weiter, und Francesco erzählt einen ersten Traum, in dem zu- nächst ein Videospiel zu sehen ist, dann kommt er in meine Praxis, die sich in Raum 360 befindet. Ich sage ihm, es sähe so aus, als sähe er die Analyse wie ein Spiel ohne verbotene Ecken oder ohne verborge- ne und unerforschbare Winkel – also wie ein Videospiel mit 360 -Sichtfeld. Er lacht und sagt, er sei verblüfft zu ent- decken, wie viele Dinge es in ihm gebe, von deren Existenz er nichts gewusst habe.

Dann fügt er hinzu, dass er einen weiteren Traum gehabt hat: Darin gab es einen Krankenpfleger, der sich einem zarten, feinfühligen jungen Mädchen annäherte, seine Absichten schienen böse zu sein, er wollte sie sicherlich missbrauchen. In diesem Moment denke ich noch ein- mal an meine Anfangs-Rêverie des zarten jungen Mädchens mit lockigem Haar, und kann ihm sagen, dass meine Reden vom Vortag über seine sexuellen Fantasien wohl noch unzugängliche verborgene Winkel eröffnet, ihn aber sicher auch etwas scho- ckiert haben. Er bestätigt dies in vollem Umfang, indem er sagt, es sei nicht einfach zu entdecken, dass er Depardieu ähnlicher sei als einem der sieben Zwerge Schnee- wittchens, wie er bisher immer von sich geglaubt habe. Ich antworte ihm, dass es nicht bewie- sen sei, dass nicht doch einer der sieben Zwerge sexuelle Fantasien in Bezug auf Schneewittchen gehabt habe. Er bricht in Lachen aus, in ein volles und befreiendes Lachen.

Giacomo und die Tiere

Zu den ersten analytischen Sitzungen kommt Giacomo immer mit einem Com- puter. Ab einem gewissen Moment beginnt er, Erzählungen über die verschiedenen Tiere mitzubringen, die es in seinem Bau- ernhof gibt. Eines Tages, nachdem ich die Deutungsebene schon ausgeweitet habe, erscheint sein Nachbar, geht mit einem Maschinengewehr umher und beunruhigt durch seine Präsenz. Ich beschließe, keine saturierten Deutungen zu geben, sondern mit ihm an den Emotionen und Ängsten zu arbeiten, die dieser Nachbar in ihm auslöst. Das Gespräch schreitet dialogisch zirkulierend voran, bis Giacomo plötzlich sagt: „Es sieht so aus, als wäre da ein roter Stöpsel am Ende des Maschinengewehrs meines Nachbarn, dann ist es also ein ein- faches Spielzeug, das dazu dient, sich mit den Kindern zu amüsieren – sonderbar, dass ich das nicht vorher schon bemerkt habe“. Es hat ausgereicht, dass ich etwas

Spiel in meine Deutungsweise gebracht ha- be, damit sich das Feld umstrukturieren konnte.

Langfristige Makrotransformation

Innerhalb des folgenden Beispiels langfris- tiger Makrotransformation, das Ergebnis langer Arbeit, kann man die anderen oben beschriebenen Arten von Transformatio- nen erkennen.

Margots Gaze

Ich erhalte eine E-Mail, in der eine Person aus Kanada mir ihre Absicht mitteilt, für ein Jahr nach Pavia überzusiedeln, und mich fragt, ob ich bereit wäre, sie während dieser Zeit dort in Analyse zu nehmen. Die Person fügt hinzu, dass sie Universitäts- professor ist und bereits eine Analyse ge- macht habe. Ich werde neugierig, fühle mich in meinem Stolz geschmeichelt, bin aber auch etwas desorientiert, denn ich frage mich, ob es Sinn macht, einen Pa- tienten „für eine festgelegte Zeitdauer“ und „mit geschlossenen Augen“ in Analyse zu nehmen. Nach einem Moment der Unschlüssigkeit bin ich dann aber einver- standen. Im September stellt sich Margot wie ge- plant vor: eine junge Frau, die gerade frisch aus Kanada eingeflogen ist, mit ih- ren drei Kindern, die ein Jahr lang in Ita- lien auf die Schule gehen werden, da sie in Quebec bereits ein italienisches Gymnasi- um besucht haben. Nach zwei oder drei an- deren Informationen über ihren Umzug und die neue Situation bestätigen wir uns gegenseitig, dass die Analyse – wie per E-Mail vereinbart – am folgenden Montag zur vereinbarten Zeit mit einem Rhythmus von drei Sitzungen pro Woche beginnen wird. Beim Abschied hält mir Margot eine große Kiste hin, die sie im Warteraum ge- lassen hatte, und sagt: „Das habe ich aus Kanada für Sie mitgebracht“. Ein weiteres Mal komme ich aus der Spur. („Übergeh’ es“, sage ich mir, nachdem ich schon die

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Frage nach den Kriterien der Analysierbar- keit mit geschlossenen Augen übergangen hatte, – aber ein Geschenk, bevor über- haupt begonnen wurde!) Margots Blick spornt mich aber an, diese große Kiste auf der Türschwelle anzunehmen und damit zugleich auch den Gedanken, dass ich Margot wirklich „mit geschlossenen Au- gen“ nehme. Allein zurückgeblieben öffne ich die Kiste, in der ich einen Tischwecker und ein Fossil finde, und zwar eine „Schei- be“ aus dem Stumpf eines versteinerten Waldbaums. Besonders dieses letztere Ob- jekt frappiert mich, denn man könnte es für ein versteinertes Gesicht halten, mit ei- nem erstarrten Lächeln wie dem eines Clowns oder eines Clowns mit schmerz- vollem Blick. Auf dem Weg zurück nach Hause denke ich, dass der Wecker wohl eine Eselsbrücke zur Frage der Analysendauer hin sein soll, deren Ende ja von vornherein feststeht. Das versteinerte Gesicht verweist mich so- fort auf versteinerte Emotionen, zweifellos die Richtung der Analyse. Dann frage ich mich plötzlich: „Aber warum eine so große Kiste für zwei im Grunde nicht sehr große Gegenstände?“ Da kommt mir eine Art Er- leuchtung: Unter dem Vorwand, den We- cker und das Fossil schützen zu müssen, ist die Kiste mit Gaze gefüllt worden, genau jener Gaze, die man zur Pflege von Verlet- zungen benutzt. Ein drittes grundlegendes Thema ersteht vor mir: das Bluten und die Notwendigkeit, dieses Blut aufzunehmen (und wenn möglich die Verletzungen zu behandeln). Tief in meinem Inneren spüre ich, dass die Rêverien, Fantasien oder „Träume“, die ich zu diesen Objekten habe, wichtig sind und dass ich sie für mich als Ausgangshypothesen nutzen kann, dass es aber keinen Sinn hätte, sie unmittelbar zum Gegenstand von Deutungen zu ma- chen. Von den ersten Sitzungen an sehe ich die Entfaltung einer tragischen Geschichte:

Die Mutter hat Selbstmord per Defenestra- tion begangen, als Margot sechzehn Jahre alt war; der Vater hatte das Haus, in dem die Familie wohnte, sofort geschlossen und

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war mit seinen vier Kindern weggezogen, ohne dass irgend jemand noch irgend et- was aus dem alten Haus hätte mitnehmen können, nicht einmal Unterwäsche oder Spielzeug. Ein erster Traum lässt einen

Vampir erscheinen (in Anbetracht des we- nig vorteilhaften Wechselkurses sind mei- ne Honorare hoch), aber dieser Vampir hört ihr zu und hat eine Laterne in der Hand. Der zweite Traum handelt von ei- nem Dieb, aber Margot widersetzt sich dem Diebstahl nicht, sie drückt kein Gefühl aus und empfindet vielleicht auch

keines, sie verlangt keinerlei Hilfe

mit wären wir beim Thema des „verstei- nerten Waldes“, sie ist immer „von dem

Bedürfnis ergriffen, den anderen zu verste-

hen“

Garderobenständer“ geschenkt zu bekom- men. Der Garderobenständer aus dem Ein- gang wird so zu einer Person der analyti- schen Szene: jemandem etwas überlassen, was schwer wiegt – und in der Tat frage ich mich oft, wie lange meine arme Garderobe noch standhalten wird, denn jeden Tag muss sie Säcke aushalten, die mit immer schwereren Sachen vollgestopft sind. Aber im Augenblick halten sie und ich noch stand. In einem Traum ist Margot äußerlich le- bendig, innerlich tot. Mitte Oktober bin ich plötzlich eine Woche lang krank; bei

meiner Wiederkehr möchte sie mir die ganze Analyse bis Juni bezahlen. Etwas be- ginnt zu schmelzen: Am Ende der Sitzung „regnet“ es oft in dem Sinne, dass sie die Couch weinend verlässt. Sie träumt davon, wieder wie in ihrer Kindheit „klassischen Tanz zu machen“; nach und nach werden die Emotionen in ihr wieder lebendig, mit einem Tanz zwischen ihrer Beziehung zu mir (und der Angst, mich vor der Zeit zu verlieren) und der Geschichte (dem Verlust ihrer Mutter und der nicht möglichen Trauerarbeit). In einem anderen Traum hat ein kleines Mädchen Angst vor einem Hund und vor einem Bären, eine Frau masturbiert den Hund und den Bären: Die Emotionen, die Angst machen, die zerreißen könnten,

Sie träumt davon, einen „kleinen

Da-

müssen gezähmt werden. Episoden, die mit dem Zusammentreffen mit anderen Patienten zusammenhängen, aktivieren Ei- fersucht, Zorn, Frustrationen. Ich führe das Thema des Blutens ein sowie die Möglichkeit, zu „versteinern“ oder die in- nere Welt tiefzukühlen. Jedes Deutungs- angebot wird aufgenommen, weiterent- wickelt, durchgearbeitet und zur Quelle neuer, unvorhergesehener Öffnungen. In der letzten Sitzung jeder Woche kommt es immer zu einer Bezugnahme auf das Haus ihrer Kindheit, in das nach Jahren des Schweigens nun wieder die Träume zu- rückkehren und es bewohnen; sie erlebt und spürt den Schmerz von damals und den aktuellen Schmerz der Trennung. Von November an beginnt sie, über das „Ende“ der Analyse zu sprechen, „denn wenn man nicht schon von jetzt daran denkt, wird es eine Abtreibung und keine Entbindung werden“. Ich kann nicht Margots ganze Analyse erzählen, aber ich möchte dem Faden fol- gen, der die andere Art, Emotionen zu er- leben, aufzeigt, die sich dank unserer Ar- beit entwickeln. Sie erinnert sich, dass im Familienalbum die Fotos aus ihrem ersten Lebensjahr fehlten. In einem Traum ist sie von Leichnamen umgeben, die sie begra- ben muss (die zu leistende Trauer), und von Lebenden, die sie pflegen muss (mit der Gaze). In einem anderen Traum sagt sie einer Freundin, dass, „wenn sie spricht und ausdrückt, was sie fühlt, dies bedeute, dass sie auf die Vorstellung der Mutter ver- zichtet, die eingreift, ohne dass man den entsprechenden Wunsch zu formulieren bräuchte“. Es folgt ein Besuch des Aquari- ums in Genua (wo man die Emotionen-Fi- sche „sieht“, aber ganz geschützt ist); dann ein anderer Traum, in dem sie mit Edison ist, dem Erfinder der elektrischen Glühbir- ne, und sich beide einen Spaß daraus ma- chen, Tierlaute nachzuahmen – von Hun- den, Katzen und Pferden. Danach traut sie sich auf eine Rutschbahn ins Wasser. Sie träumt später, dass sie zu einer schmerz- haften Operation beim Friseur ist und ihm sagt: „Ich will keine Generalanästhesie, ich

will empfinden“. Für Margot ist das Spüren von Schmerz und von Freude eins; sie bit- tet den Friseur, ihr einen „Sonnenbrand“ zu machen, der die Haare aufhellen und le- bendiger machen soll. In den letzten Sit- zungen sagt sie mir, dass die Analyse für sie so etwas war wie das Album mit den Fotos ihres ersten Lebensjahres zu füllen (und es ist dies das Jahr, in dem Margot wieder zu leben beginnt). Sie muss sehr stark auf das rote Feuer eines Traumes und den Agenten eines anderen Traumes zu- rückgreifen, um sich nicht in einen Foto- grafen zu verlieben, der ihr so viele neue Landschaften zu sehen gegeben hat, aber sie muss in ihre Geschichte zurückkehren, in der es auch einen Ehemann gibt, der sie in Kanada erwartet. Sie verbringt ein Wochenende auf Sizi- lien, wo die Sonne scheint, es zugleich aber auch regnet – wie Margot, die voller Nos- talgie, aber doch zufrieden abreist und die entdeckt hat, dass sie Anspruch auf einen italienischen Pass hat, oder – besser noch – dank verschiedener von ihr durchgeführ- ter Forschungen entdeckt hat, dass sie ei- nen sizilianischen Großvater gehabt hat!

Transformationsarbeit des Traums

Diese Ausführungen sollen nicht abge- schlossen werden, ohne die Transformati- onsarbeit des Traums zu erwähnen, den man zuweilen ja auch intuitiv lesen kann (wie Meltzer, 1983, vorschlägt), was in ge- wisser Hinsicht dem manifesten Inhalt, al- lerdings auf kreative Weise, einen Platz einräumt.

Giulias Träume

Ein Charakteristikum von Giulias Analyse liegt in der Wiederholung ein und dessel- ben Traums, der sich aber in der Folge der Veränderungen, die sich im Lauf der Ana- lyse vollzogen haben, nach und nach ge- wandelt hat. Zu Beginn träumt Giulia, dass sie an ein Serpentarium herantritt und durch die

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Schlangen, die sie sieht, sehr stark geängs- tigt wird, obwohl sie durch eine Scheibe vonihnengetrennt ist.Nacheinemlängeren Stück Analyse träumt sie, dass sie sich in ei- ner psychiatrischen Klinik befindet, in der sie von den „Verrückten“ durch eine Glas- platte separiert ist, große Angst hat, sich aberdurchdieScheibegeschütztfühlt.Nach einem weiteren langen Analysenabschnitt träumt sich Giulia in einer Abteilung für Neugeborene; die Kinder liegen in Wiegen, eine Scheibe trennt sie von diesen Kindern, aber sie hat keine Angst mehr. Als die ana- lytische Arbeit ihrem Ende entgegengeht, träumt sie sich in einer Küche mit Glasbe- hältern, in die sie mit den Händen hinein- fährt, um verschiedene Zutaten zu entneh- men (Mehl, Zucker, Salz, Hefe usw.), mit de- nen sie dann verschiedene Dinge zubereitet und schöne kleine Gerichte kocht. Diese Träume zeigen nach meinem Ver- ständnis eindeutig die Veränderungen, die sich hinsichtlich der Art und Weise voll- zogen haben, in der sich Giulia auf ihre Emotionen (und auf den anderen) bezieht:

Die Emotionensind zunächst etwas Gefähr- liches, von dem man sich fernhalten muss, sie sind potenziell giftig (die Schlangen); dann werden sie zu verrückten Emotionen, weniger giftig, aber nur schwer in sich zu halten; dann werden sie zu etwas, mit dem man sich beschäftigen kann, allerdings mit einer gewissen Vorsicht (die Kinder); schließlich werden sie zu Zutaten des affek- tiven Lebens, die man mit vollen Händen und ohne übermäßige Abwehrmechanis- men nutzen kann, um die eigenen emotio- nalen Erfahrungen leben zu können. Viele Arten von Transformationen wur- den in diesen Ausführungen beiseite gelas- sen, in erster Linie jene, die als Transfor-

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mationen in Halluzinosen beschrieben werden, also jene Transformationen, bei denen man Projiziertes für wahr erachtet. Auch die Verkehrungen der Alphafunk- tion, die den wahnhaften und halluzinato- rischen Produktionen zugrunde liegen, wurden nicht behandelt. Aber es ist dienli- cher, den zahlreichen Fragen Raum zu las- sen, die die Diskussion anregen werden.

Anschrift

Dott. Antonino Ferro

Via Cardano 77 27100 Pavia, Italien E-Mail: ninoferro@aol.com

Literatur

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Widlocher D (1996) Les nouvelles cartes de la psychanalyse. Jacob, Paris