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JOHANN WOLFGANG GOETHE

JOHANN WOLFGANG GOETHE

Zur Naturwissenschaft überhaupt,


Sämtliche Werke

besonders zur Morphologie


nach Epochen seines Schaffens

Erfahrung, Betrachtung, Folgerung,


Münchner Ausgahe

durch Lebensereignisse verbunden

Herausgegeben von Karl Richter


. Herausgegeben von Hans J. Becker,
in Zusammenarbeit mit Herbert G. Göpfert,
Gerhard H. Müller, John Neubauer
Norbert Miller und Gerhard Sauder
und Peter Schmidt

Band 12

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earl Hanser Verlag München


Textredaktion :
Inhaltsübersicht
Andreas Hamburger und Edith Zehm

Anteile der Herausgeber: S. 1200·

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Erster Band

Zur Morphologie

Zweiter Band

273

Zur Naturwissenschaft überhaupt

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Zur Naturwissenschaft überhaupt

Zweiter Band

-0 VVIJ .. -IJ.".: 6/; 6 "3 9 659

Umschlagseiten der Hefte

81 3

Einführung

82 5

Kommentar

90 5

Register

Il87

Inhaitsverzeichnis

ISBN 3-446-14021-2 (Leinen)

ISBN 3-446-14462-5 (Leder)


Il93

Alle Rechte vorbehalten

© 1989 Carl Hanser Verlag München Wien

inbande:estalrnne:: Christian Diener München

68 4 ZUR NA;TURW,SSENSCHAFT Il, I DER VERSUCH ALS VERMITTLER 68 5


DER einander verknüpfen, desto' mehr üben wir die Beobach­
VERSUCH ALS VERMITTLER tungsgabe' die in uns ist. Wissen wir in Handlungen diese
VON OBJEKT UND SUBJEKT Erkenntnisse auf uns zu beziehen, so verdienen wir klug , i

1793 genannt i:U werden: Für einen jeden wohl organisierten .. ~

Menschen, der entweder von Natur miißig ist, oder durch


Sobald der Mensch die Gegenstände um sich her gewahr die Umstände mäßig eingeschränkt wird, ist die Klugheit
wird, betrachtet er sie in Bezug. auf sich selbst, und mit keine schwere Sache: denn das Leben weist uns bei jedem
Recht. Denn es hängt sein ganzes Schicksal davon ab, ob sie' Schritte zurecht. Allein -«renn der Beobachter eben diese
ihm gefallen oder mißfallen, ob sie ihn anziehen oder scharfe Urteilskraft zur Prüfung geheimer Naturverhält­
abstoßen, ob sie ihm nutzen oder schaden. Diese ganz. o nisse anwenden, wenn er in einer Welt, in der er gleichsam

natürliche Art die Sachen anzusehen und zu beurteilen .' allein ist, auf seine eigenen Tritte und Schritte Acht geben,
scheint so leicht zu sein als sie notwendig ist, und doch ist . sich vor jeder Übereilung hüten, seinen Zweck stets in i

der Mensch dabei tausend Irrtümern ausgesetzt, die ihn oft Augen haben soll, ohne doch seIbst auf dem Wege irgend
beschämen und ihm das Leben verbittern. einen nützlichen oder schädlichen Umstand unbemerkt
Ein weit schwereres Tagewerk übernehmen diejenigen, vorbei zu lassen,wenn er auch da, wo er von niemand so
deren lebhafter Trieb nach Kenntnis die Gegenstände der' leicht kontrolliert werden kann, sein eigner strengster Be­
Natur an sich selbst und in ihren Verhältnissen unter obachter sein und bei seinen eifrigsten Bemühungen immer
der zu beobachten strebt: denn sie vermissen bald den gegen sich selbst mißtrauisch sein soll; So sieht wohl jeder
Maßstab der ihnen zu Hülfe kam, wenn sie als Menschen wie streng diese Forderungen sind und wie wenig man
die Dinge in Bezug auf sich betrachteten. Es fehlt ihnen der ., hoffen kann sie ganz erfüllt zu sehen, man mag sie nun ap
Maßstab des Gefallens und Mißfallens, des Anziehens und andere oder an sich machen. Doch müssen uns diese
Abstoßens, des Nutzens und Schadens, diesem sollen sie Schwierigkeiten, ja man darf wohl sagen diese hypotheti-
ganz entsagen, sie sollen als gleichgültige und gleichsam. Unmöglichkeit, nicht abhalten das Möglichste zu tun,
göttliche Wesen suchen und untersuchen was ist und nicht und wir werden wenigstens am weitsten kommen, wenn
was behagt. So soll den echten Botaniker weder die Schön~ wir uns die Mittel im Allgemeinen zu vergegenwärtigen
heit noch die Nutzbarkeit der Pflanzen rühren, er soll ihre suchen; wodurch vorzügliche Menschen die Wissenschaf­
Bildung, ihr Verhältnis zu dem übrigen Pflanzenreiche . ten zu erweitern gewußt haben, wenn wir die Abwege
untersuchen; und wie sie alle von der Sonne hervorgelockt genau bezeichnen, auf welchen sie sich verirrt, und auf
und beschienen werden, so soll er mit einem gleichen welchen ihnen manchmal Jahrhunderte eine große Anzahl
ruhigen Blicke sie alle ansehen und übersehen, und den 10 von Schülern folgten~ bis spätere Erfahrungen erst wieder
Maßstab zu dieser Erkenntnis, die. Data der Beurteilung den Beobachter auf den rechten Weg einleiteten.
nicht aus sich, sondern aus dem Kreise der Dinge nehmen Daß die Erfahrung, wie in allem was der Mensch unter­
die er beobachtet. nimmt, so auch in der Naturlehre, von der ich gegenwärtig
Sobald wir einen Gegenstand in Beziehung auf sich selbst vorzüglich spreche, den größten Einfluß habe und haben
und in Verhältnis mit andern betrachten,. und denselben solle, wird niemand leugnen, so wenig als man den Seelen­
nicht unmittelbar entweder begehren oder verabscheuen; so kräften, in welchen diese Erfahrungen aufgefaßt, zusam­
werden wir mit einer ruhigen Aufmerksamkeit uns bald von mengenommen, geordnet und ausgebildet werden, ihre
ihm, seinen Teilen, seinen Verhältnissen einen ziemlich hohe und gleichsam schöpferisch unabhängige Kraft ab­
deutlichen Begriff machen können. Je weiter wir diese sprechen wird. Allein wie diese Erfahrungen· zu machen
Betrachtungen fortsetzen, je mehr wir Gegenstände unter jO und wie sie zu nutzen, wie urisere Kräfte auszubilden und
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zu brauchen, das kann weder so allgemein bekannt noc' worden. Wenn also wir in: jenem ersten Fall der Gesellschaft
anerkannt sein. und den Freunden so. vieles schuldig sind, so werden wir in
Sobald Menschen von scharfen frischen Sinnen auf Ge diesem der Welt und dem]ahrhundc!rt noch mehr schuldig
genstände aufmerksam gemacht werden, findet"mansie z' und wir könnerl in beiden Fällen nicht genug anerkennen,
Beobachtungen so geneigt als geschickt. Ich habe dieses of wie nötig Mitteilung, BeihüJfe, Erinnerung und Wider­
bemerken können, seitdem ich die Lehre des Lichts und de spruch sei, um uns auf dem rechten Wege zu erhalten und
Farben mit Eifer behandele und wie es zu geschehen pfleg vorwärts zu bringen.
mich auch mit Personen, denen solche Betrachtungen son~ Man hat daher in: wissenschaftlichen Dingen gerade das
fremd sind, von dem was mich so eben sehr interessien Gegenteil von dem zu tun, was der Küristler rätlich findet:
unterhalte. Sobald ihre Aufmerksamkeit nur rege war, be ~
denn er tut wo.hl sein Kunstwerk .
nicht öffentlich sehen zu
merkten sie Phänomene, die ich teils nicht gekannt, teil lassen, bis es vollendet ist, weil .ihm nicht leicht jemand
übersehen hatte, und berichtigten dadurch gar oft eine z raten noch Beistand leisten kann; ist es hingegen vol1end~t,
voreilig gefaßte Idee, ja gaben mir Anlaß schnellere Schritt so hat er alsdann den Tadel oder das Lob zu überlegen und
zu tun und aus der Einschränkung. heraus zu treteri.i· 711 beherzigen. so.lches mit seiner Edahrung zu vereinigen

welcher uns eine mühsame Untersuchung oft gefangen häl~ ~~d sich d;du~ch zu einem neuen Werke a~szubilden ~
Es gilt also. auch hier was bei so vielen andern menschli vorzubereiten. In wissenschaftlichen Dingen hingegen ist es
chen Unternehmungen gilt, daß nur das Interesse Mehrere schon nützlich jede einzelne Erfahlung ja Vermutung öf­
auf Einen Punkt gerichtet etwas Vorzügliches 'hervor z fentlich mitzuteilen, und es ist höchst rätlich, ein wissen­
bringen im Stande sei. Hier wird es offenbar, daß der Ndc schaftliches Gebäude nicht eher aufzuführen, bis der Plan
welcher andere so gern von der Ehre einer Entdeckun ,0 dazu und die Materialien allgemein bekannt, beurteilt und
ausschließen mächte, daß die unmäßige Begierde etwa ausgewählt,sind.
Entdecktes nur nach seiner Art zu behandeln und aUSZUal Wenn wir die Erfahrungen, welche vor uns gemacht
beiten dem Forscher selbst das größte Hindernis sei. worden, die wir selbst oder andere z.u gleicher Zeit mit uns
Ich habe mich bisher bei der Methode mit Mehreren z machen, vorsätzlich wiederholen' und die Phänomene die
arbeiten zu wohl befunden, als daß ich nicht solche fonse1 teils zufällig teils künstlich entstanden sind, wieder darstel­
zen sollte. Ich weiß genau wem ich dieses und jenes at len, so. nennen wir dieses einen Versuch.
meinem Wege schuldig geworden und es soll mir ein Der Wert eines Versuchs besteht vorzüglich darin, daß
Freude sein, es künftig öffentlich bekannt zu machen. er, er sei nun einfach o.der zusammengesetzt, unter gewis­
Sind uns nun bloß natürliche aufmerksame Menschen s sen Bedingungen mit einem bekannten Apparat und mit
viel zu nützen im Stande, wie allgemeiner muß der Nutze JO erforderlicher Geschicklichkeit jederzeit wieder hervorge­
sein, wenn unterrichtete Menschen einander in die Händ bracht werden könne, so. o.ft sich die bedingten Umstände
arbeiten. Schon ist eine Wissenschaft an und für sich selb~ vereinigen lassen, Wir bewundern mit Recht den menschli­
. eine so große Masse, daß sie viele Menschen trägt, wenn si chen Verstand, wenn wir auch nur obenhin die Ko.mbina­
gleich kein Mensch tragen kann. Es läßt sich bemerken, tionen ansehen, die er zu diesem Endzwecke gemacht hat,
die Kenntnisse, gleichsam wie ein eingeschlossenes abt und die Maschinen betrachten, die dazu erfunden worden
. lebendiges'Wasser, sich nach und nach zu einem gewisse sind und man darf wohl sagen täglich erfunden werden.
Niveau erheben, daß die schönsten Entdeckungen nid So schätzbar aber auch ein jeder Versuch einzeln betrach­
sowohl durch Menschen als durch die Zeit 'gemacht WO! . tet sein mag, so erhält er doch nur seinen Wert durch
den, wie denn eben sehr wichtige Dinge zu gleicher Zeit vo Vereinigung und Verbindung mit andern. Aber eben zwei
zweien oder wohl gar mehreren geübten Denkern gemad 40 Versuche die mit einander einige Ähnlichkeit haben zu
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VereInIgen und zu verbinden, gehört mehr Strenge standes zeigt uns tausend Beispiele und ich habe an mir
Aufmerksamkeit, als selbst scharfe Beobachter oft VOn sich ,. selbst bemerkt, daß ich diesen Fehler oft begehe.
gefordert haben. Es können zwei Phänomene mit einander Es ist dieser Fehler mit einern andern nahe verwandt, aus
verwandt sein, aber doch noch lange nicht so nah als wir dem er auch meistenteils entspringt. Der Mensch erfreut
glauben. Zwei Versuche können scheinen auseinander Zu sich nämlich mehr an der Vorstellung als an der Sache, oder
folgen, wenn zwischen ihnen noch eine große Reihe stehen wir müssen vielmehr sagen: der Mensch erfreut sich nur
müßte, um sie in eine recht natürliche Verbindung Zu einer Sache, in so fern er sich dieselbe vorstellt, sie muß in
bringen. seine Sinnesart passen; und er mag seit1e Vorstellungsart
Man kann sich daher nicht genug in Acht nehmen, aus so hoch ~ber die gemeine erheben, noch so sehr
Versuchen nicht zu geschwind zu folgern: denn beim Über- '. o reinigen, so bleibt sie doch gewöhnlicl::. nur ein Versuch,
gang von der Erfahrung zum Urteil, von der Erkenntnis ZUr I viele Gegenstände in ein gewisses faßliches Verhälmis zu
Anwendung ist es, wo dem Menschen gleichsam wie an bringen, das sie, streng genommen, unter einander nicht
einem Passe alle seine inneren Feinde auflauren, Einbil­ haben; daher die Neigung zu Hypothesen, zu Theorien,
dungskraft, Ungeduld, Vorschnelligkeit, Selbstzufrieden"" Terminologien' und Systemen, die wir nicht mißbilligen
heit, Steifheit, Gedankenform, vorgefaßte Meinung, Be­ können, weil sie aus der Organisation unsers Wesens not­
quemlichkeit, Leichtsinn, Veränderlichkeit, und wie wendig entspringen.
ganze Schar mit ihrem Gefolge heißen mag, alle liegen hier Wenn von einer Seite eine jede Erfahrung, ein jeder
im Hinterhalte und überwältigen unversehens sowohl den Versuch ihrer Natur nach als isoliertanmsehen sind, und
handelnden Weltmann als auch den stillen vor allen Leiden­
schaften gesichert scheinenden Beobachter.
Icb möchte zur Warnung dieser Gefahr, welche größer
,. von der andern Seite die Kraft des menschlichen Geistes
,.alles was außer ihr ist und was ihr bekannt wird, mit einer
ungeheuern Gewalt zu verbinden strebt, so sieht man die
und näher ist als man denkt, hier eine Art von Paradoxon Gefahr leicht ein, welche man läuft, wenn man mit einer
aufstellen, um eine lebhaftere Aufmerksamkeit zu erregen; gefaßten Idee eine einzelne Erfahrung verbinden oder ir­
Ich wage nämlich zu behaupten: daß Ein Versuch,ja meh~. gend ein Verhältnis,das nicht ganz sinnli:h ist, das aber die
rere Versuche in Verbindung nichts beweisen, ja daß bildende Kraft des Geistes schon ausgesprochen hat, durch
gefährlicher sei als irgend einen Satz unmittelbar durch< einzelne Versuche beweisen
Versuche bestätigen zu wollen, und daß die größten Irrtü­ Es entstehen durch· eine solche Bemühung meistenteils
mer eben dadurch entstanden sind, daß man die Gefahr und:; und Systeme, die dem Scharf.~inn der Verfasser
die Unzulänglichkeit dieser Methode nicht eingesehen. Ich;r~ machen, die aber, wenn [sie mehr ,~lls billig ist Beifall
muß mich deutlicher erklären, um nicht in den Verdacht·zuiilol finden, .wenn sie sich länger als recht ist erhalten; dem
geraten, als wollte ich nur etwas sonderbares sagen.,}.,! Fortschritte des menschlichen Geistes, den sie in gewissem
Eine jede Erfahrung die wir machen, ein jeder Versuch>fli f":' Sinne befördern, sogleich wieder hemmen und schädlich
durch den wir sie wiederholen, ist eigentlich ein isoliertt!t'~] ~:''''werden .
Teil unserer Erkenntnis, durch öftere Wiederholung brin~,,~~~" ., Man wird bemerken können, daß ein guter Kopf nur
gen wir ?iese isolierte ~enntnis zur Gewißheit. Es könhe?;;;i~ mehr Kunst anwendet, je weniger Data vor ihm
uns zweI Erfahrungen ltl demselben Fache bekannt werdem:2f7~ ~?,;.-:::m:gelrr, daß er gleichsam seine Herrschaft zu zeigen, selbst
sie können nahe verwandt sein, aber noch näher verwaIl8t,{)'f! vorliegenden Datis nur wenige Günstlinge heraus­
scheinen, und gewöhnlich sind wir geneigt, sie ,
für , nähel:";~
. ,,1 die ihm schmeicheln, daß er die übrigen so zu ordnen
verwandt zu halten als sie sind. Es ist dieses der Naturde.s".;:.',.t~ daß sie ihm nicht geradezu widerspre~hen und daß
Menschen gemäß, die Geschichte des menschlichen Ver~)4~1
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feindseligen zuletzt so zu verwickdü, zu umspinnen

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69° ZUR NATURWISSENSCHAFT ll, I DER VERSUCH ALS VERMITTLER 69 1

bei Seite zu bringen Modifikationen einer Erfahrung, eines einzi­


Ganze Versuches, nach aller Möglichkeit durchzuforschen
einem despotischen Hofe durchzuarbeiten.
Einem Manne der so viel Verdienst hat kann es an Vereh_ Da alles in der Natur, besonders aber die allgemeinem
rern und Schülern nicht fehlen, die ein solches Gewebe Kräfte und Elemente in einer ewigen Wirkun-g und Gegen­
historisch kennen lernen und bewundern und in so fern es wirkung sind, so kann man von einem jeden Phänomet:\e
möglich ist, sich die Vorstellungs art ihres Meisters eigen sagen, daß es mit unzähligen an dem in Verbindung stehe,
machen. Oft gewinnt eine solche Lehre dergestalt die Über­ wie wir von einem freischwebenden leuchtenden Punkte
hand, daß man für frech und verwegen gehalten würde, , sagen, daß er seine Strahlen nach allen Seiten aussende.
,0 Haben wir also einen solchen Versuch gefaßt, eine solche
wenn man an ihr zu zweifeln sich erkühnte. Nur spätere "
Jahrhunderte würden sich an ein solches Heiligtum -Srfahrung gemacht, so können wir nicht sorgfältig genug
den Gegenstand einer Betrachtung dem gemeinen' mtersuchen, was unmittelbar an ihn grenzt? was zunächst
schensinne wieder vindizieren, die Sache etwas leichter auf ihn folgt? Dieses ists, worauf wir mehr zu sehen haben,
!lehmen, und '!on dem Stifter einer Sekte d;:.s wiederholen .... als auf das was sich auf ihn bezieht? Die Vermarniigfalti­
was ein witziger Kopf von einem großen Naturlehrer sagt; gung eines jeden einzelnen Versuches ist also die eigentliche
er wäre ein großer Mann gewesen, wenn er weniger erfun­ Pflicht eines Naturforschers. Er hat gerade die umgekehrte
den hätte. pflicht eines Schriftstellers der unterhalten will. Dieser wird
, Es möchte aber nicht genug sein, die Gefahr anzuzeigen Langeweile erregen, wenn er nichts zu. denken übrig läßt,
und vor derselben zu warnen. Es. ist billig, daß man wenig­ jener muß rastlos arbeiten, als wenn er seinen Nachfolgern
stens seine Meinung eröffne und zu erkennen gebe, man ·1 }O zu tun übrig lassen wollte, wenn ihn gleich die
selbst einen solchen Abweg zu vermeiden glaubt, oder ob Disproportion unseres Verstandes zu d.er Natur der Dinge
gefunden, wie ihn ein anderer vor uns vermieden zeitig genug erinnert, daß kein Mensch Fähigkeiten genug
vorhin gesagt, daß ich die unmittelbare Anwen­ habe in irgend einer Sache abzuschließ.en.
dung eines Versuchs zum Beweis irgend einer Hypothese habe in den zwei ersten Stücken meiner optischen
für schädlich halte, und habe dadurch zu erkennen gegeben, Beiträge eine solche Reihe von Ve~suchen aufzustellen ge­
daß ich eine mittelbare Anwendung derselben für nützlich. sucht, die zunächst an einander grenzen und sich unmittel­
ansehe, und da auf diesen Punkt alles arikömmt, so ist es bar berühren, ja, wenn man sie alle genau kennt und über­
nötig sich deutlich zu erklären. sieht, gleichsam nur Einen Versuch ausmachen; nur Eine
In der lebendigen Natur geschieht nichts, was nicht in Erfahrung unter den mannigfaltigsten Ansichten darstellen.
J. ' Eine solche Erfahrung, die aus mehreren andern besteht,
einer Verbindung mit dem Ganzen stehe, und wenn uns
nur isoliert erscheinen, wenn wir die Versuche ist offenbar von einer höhem Art. Sie stellt die Formel vor,
nur als isolierte Fakta anzusehen haben, so unter welcher unzählige einzelne Rechnungsexempel aus­
gesagt, daß sie isoliert seien, es ist nur die Frage: wie"~ gedrückt werden. Auf solche Erfahrungen der höheren Art
finden wir die Verbindung dieser Phänomene, dieser Bege­ los zu arbeiten halt' ich für höchste Pflicht des Naturfor­
benheiten? . schers, und dahin weist IfllS das Exem'pd der vorzüglichsten
Wir haben oben gesehen, daß diejenigen am ersten dem Männer, die in diesem Fache gearbeitet haben.
Irrtume unterworfen waren, welche ein isoliertes Faktum Diese Bedächtlichkeit nur das Nächste ans Nächste zu
mit ihrer Denk- und Urteilskraft unmittelbar zu verbinden reihen, oder vielmehr das Nächste aus dem Nächsten zu
suchten. Dagegen werden wir finden, daß diejenigen am . folgern, haben wir von den Mathematikern zu lernen, und
meisten geleistet haben, welche nicht ablassen alle Seiten ~. selbst da. wo wir uns keiner Rechnung bedienen, müssen
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wir immer so zu Werke gehen, als wenn wir dem strehg~ten Bei der andern Methode aher, wo wir irgend etwas das
Geometer Rechenschaft zu geben schuldig wären. . . wir behaupten durch isolierte Versuche gleichsam als durch
Denn eigentlich ist es die mathematische Methode, wel­ Argumente heweisen wollen, wird das Urteil öfters nur
che wegen ihrer Bedächtlichkeit und Reinheit gleich jeden erschlichen, wenn es nicht gar in Zweifel stehen bleibt. Hat
Sprung in der Assertion offenbart und ihre Beweise sind' man aber ein.e Reihe Erfahrungen der höheren Art zusam­
eigentlich nur umständliche Ausführungen, daß dasjenige,.: mengebracht, so übe sich alsdann der Verstand, die Einbil­
was in Verbindung vorgebracht wird, schon in seinen einfa-· dungskraft, der Witz an denselben wie sie nur mögen, es
ehen Teilen und in seiner ganzen Folge da gewesen, in wird nicht schädlich, ja es wird nützlich sein. Jene erste
seinem ganzen Umfange übersehen und unter allen Bedin­ Arbeit kann nicht sorgfältig, emsig, streng, ja pedantisch
gungen richtig und unumstößlich erfunden worden. Und so . ,0 genug vorgenommen werden; de~n sie wird für Welt und

sind ihre Demonstrationen immer mehr Darlegungen, Re­ . Nachwelt unternommen. Aber diese Materialien müssen in
kapitulationen als Argumente. Da ich diesen Unterschied Reihen geordnet und niedergelegt sein, nicht auf eine hypo­
hier mache, so sei es mir erlaubt, einen Rückblick zu tun. thetische Weise zllsammengestellt,nicht zu einer systemati­
Man sieht den großen Unterschied zwischen einer mathe­ schen·Form verwendet. Es steht alsdenn einem jeden frei,
matischen Demonstration, welche die ersten Elemente sie nach seiner Art zu verbinden und ein Ganzes daraus zu
durch so viele Verbindungen. durchführt, und zwischen .. bilden, das der menschlichen Vorstellungsart überhaupt
dem Beweis, den ein kluger Redner aus Argumenten führen· mehr oder weniger bequem und anger:.ehm sei. Auf diese
könnte. Argumente können ganz isolierte Verhältnisse ent­ Weise wird unterschieden. was zu unterscheiden ist, und
halten, und dennoch durch Witz und Einbildungskraft auf man kann die Sammlung von Erfahrungen viel schneller
Einen Punkt zusammengeführt und der Schein eines Rechts '" und reiner vermehren, als wenn man die späteren Versuche,
oder Unrechts, eines Wahren oder Falschen überraschend wie Steine die nach einem geendigten Bau herbeigeschafft
genug hervorgebracht werden. Eben so kann man zu Gun­ werden, unbenutzt bei Seite legen muß.
sten einer Hypothese oder Theorie die einzelnen Versuche Die Meinung der vorzüglichsten Männer und ihr Beispiel
gleich Argumenten zusammen stellen und einen Beweis läßt mich hoffen, daß ich auf dem rechten Wege sei und ich
führen, der mehr oder weniger blendet. . wünsche, daß mit dieser. Erklärung meine Freunde zufrie­
Wem es dagegen zu tun ist, mit sich selbst und andem den sein mögen, die mich manchmal fragen: was denn
redlich zu Werke zu gehen, der wird auf das sorgfältigste die eigentlich bei meinen optischen Bemühungen meine Ab­
einzelnen Versuche durcharbeiten und so die Erfahrungen sicht sei? Meine Absicht ist aUe Erfahrungen in diesem
der höheren Art auszubilden suchen. Diese lassen sich Fache zu sammeln, alle Versuche selbst anzustellen und sie
durch kurze und faßliche Sätze aus~prechen, neben einan­ jO durch ihre größte Mannigfaltigkeit c.urchzuführen, wo­

der stellen und wie sie nach und nach ausgebildet worden, durch sie denn auch leicht nachzumach(~n und nicht aus dem
können sie geordnet und in ein solchesVerhältnis gebracht Gesichtskreise so vieler Menschen hinaus geruckt sind.
werden, daß sie so gut als mathematische Sätze entweder. Sodann die Sätze, in welchen sich die Erfahrungen von der
einzeln oder zusammengenommen unerschütterlich stehen. höheren Gattung aussprechen lassen, aufzustelleI). und ab­
Die Elemente dieser Erfahrungen der höheren Art, wei­ zuwarten, in wiefern sich auch· diese unter ein höheres
ches viele einzelne Versuche sind, können alsdann von . Prinzip rangieren. Sollte indes die Einbildungskraft und der
jedem untersucht und geprüft werden, und es ist nicht Witz ungeduldig manchmal voraus eilen, so gibt die Verfah­
schwer zu. beurteilen, ob die vielen einzelnen Teile durch rungsart selbst die Richtung des Punktes an, wohin· sie
einen allgemeinen Satz ausgesprochen werden können ~ . wieder zurückzukehren haben.
denn hier findet keine Willkür statt.