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Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Institut für Romanistik
Seminar: Prinzipien des Sprachwandels (SS 2009)
Kreol i si er Vorgelegt am: 07.09.09

lung und Existenz


Dozent: Steve Pagel, M.A.

ng von Ent wick


Referenten: Jesko Habert, Albrecht Kober,
Betrachtu
Dennis Krohn, Armin Michael
Woher kommt die Kreolgrammatik?
- Ob es Substrateinflüsse gab und wie sie sich ausgewirkt haben können, ist bis heute umstritten.
Wie entsteht eine Kreolsprache? - 4 mögliche Genesetheorien:

- Monogenese: eine Wurzel für alle Kreolsprachen, die sich dann jeweils anders relexifizierten
Allg. Handels- europ. Kolo-
Was ist Kreolisierung? beziehung nialismus - Sabir-Theorie mit Lingua Franca („Sabir“; port. basiertes Explorationspidgin im Mittelmeer-
raum) als Substrat-Grundlage (Hafenpidgin). Beweise: TMA-Partikeln (angeblich auch in Sa-
- Herkunft des Begriffes KREOL: lat. „creare“ (zeugen, erschaffen), spanischer Begriff „criollo“ bir) und port. Wörter „pikin“ / „pikanin“ und „savvy“ (pequeño=klein und „savvy?“= „Ver-
- Erstmals 1567 für Nachkommen europäischer Kolonisatoren/Siedler in der Neuen Welt erwähnt: standen?“), die in jeder Pidgin- und Kreolsprache vorkommen!
Sprach- Sklavensuche
„...esta tierra está llena de criollos que son estos que acá an nacido, y [...] nunca barrieren in Afrika - Westafrik. Substrattheorie: Gemeinsame Basissprache in Westafrika (Ludwig 2003: 301).
an conocido al rey...“ (Fleischmann 1986: 16) Sprachen der Niger-Kongo-Sprachfamilie werden meist als Ausgangspunkt vorgeschlagen,
um strukturelle Ähnlichkeiten unter Kreolsprachen zu erklären.
- Begriff wurde 1685 das erste mal zur Abgrenzung von Sprachformen benutzt: nicht feststehende Sprachnorm
stets Neubildung
„Ces gens la, outre la langue du pays, parlent encore un certain jargon qui n‘a - Polygenese: aus unterschiedlichen Wurzeln stammend (europ. Ausgangssprachen).

ven stabil, im Verhältnis Sklave-


Pidgins sind nur zwischen Skla-

Herrscher kommt es daher oft


Morphosynt. & lexik. keine/kaum Grammatik Jargon

abrupte Kreolisierung
que tres peu de ressemblance a la langue portudaise, et gu‘on nomme langue - Kreol als Resultat eines normalen, aber beschleunigten Sprachwandels (Chaudenson 1992)

zur aprubten Kreolisierung


Reduktion eigener kleines Lexikon & Holophrasen
creole, comme dans la mer Mediterranée la langue franque;...“ (zit. n. Baker/
Sprache zur - Franz. Linguisten nennen Frankokreolsprachen auch „français avancé “ (Janson 2006: 197f.)
Mühlhäusler 2007)
kommunikation diskurspragm. Wortfolge
- Voll ausdifferenzierte, regularisierte Sprache, die nicht (mehr) die grammatische Beschränkung ab Pubertät erlernt Frühes - Universalientheorie: Sprachliches „Bioprogramm“, das Sprache strukturiert, wenn Input fehlt
und Vereinfachung des Pidgin aufweist. keine syntakt., morpholog.
Pidgin - Rudimentärer Muttersprachen-Input bei Sklavenkindern aktiviert genetic language blueprint
oder phonolog. Normen
- Nur selten bisher schriftlich fixiert (z.B. Haiti) nur Zweitsprache - Laut „Language Bioprogram Hypothesis“ (Bickerton 1981) für Strukturähnlichkeit unter
- Mischung aus europ. Sprachen (Engl., Span., Franz., Holländ., Port.), die als »lexifier languages« Normen & Regularitäten Kreolsprachen verantwortlich
etwa 80% der Lexik bereitstellten, während die Substratsprachen die morphosyntaktischen Ei- kaum Flexion - Allgemeiner: Universale Mechanismen spiegeln möglicherweise die ursprüngliche Sprachge-
kaum Ironie, Skepsis etc Stabilisier-
genschaften lieferten. (Diese Annahmen sind jedoch noch umstritten) nese beim Menschen wider (Bechert/Wildgen 1991: 130)
morphosynt. & phon. Reduktion tes Pidgin
- „A pidgin is a reduced languagethat results from extended contact between groups of people nur Zweitsprache
with no language in common“ (Holm 1988: 5) - Baby-/ Foreigner Talk: bewusste Vereinfachung der lexifier language (Ludwig 2003: 297ff).
syntakt. komplexer
Regeln & Normen Erweitertes - Entweder als „Baby Talk“: Vereinfachung durch Herren, Übernahme durch Sklaven
- Auftreten v.a. in (West-)Afrika, Ozeanien (Pazifik-Inseln) und amerik. Inseln und Küstengebieten für Bildung geeignete Sprache Pidgin - Oder als „Foreigner Talk“: Vereinfachung durch Sklaven, Übernahme durch Herren
(v.a. Karibik) mit versch. lexifier languages. (Insg. etwa 60 Kreolsprachen (McWhorter 2003))
- Spanisch-basierte Kreolsprachen:
- Papiamentu (ABC-Inseln der Karibik (Aruba, Bonaire, Curaçao) Lexik Grammatik

o-
- Palenquero (kolumbischen Provinz Bolívar) ausdifferenz. Grammatik

ru am-
r
an
Regeln & Lexikerweiterung
Kreolsprache

tu
- Chabacano (Phillipinen). »kreolische Strukturen«

r
an h-

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he .

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- Auftreten auf zuvor oft unbewohnten Inseln wegen erhöhtem Sklavenaufkommen. (TMA, SVO, wenig flekt. Affixe)

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- Sklaven-Import aus verschiedenen, meist westafrikanischen Regionen zur Plantagenbewirt-

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schaftung (auf dem Festland arbeiteten auch Indios auf Plantagen, die im Ggs. zu Schwar-

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sis w. w

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(lexifier language)

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zen jedoch nach päpstlichem Beschluss als Menschen anzusehen waren).

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Beispiele

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Castellano

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- Plantagenarbeit der afrik. Sklaven mit wenig Sprachkontakt zu Herren. (Chaudenson 1992)

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- Zur Verständigung untereinander übernahmen die Sklaven Lexeme aus der einzigen ge-

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meinsamen linguistischen Quelle, der Kolonisatorensprache(n)/-dialekten. (ebd.) „Despues el diablo ya leba kon ele na Herusalem y ya pone kon ele na mas alto punta del templo. Si evos anak del dios, brinka

Sa

te

ge
Landessprache

i
-Mit wachsendem sprachl. Bedarf Wortschöpfung durch Polysemie / innovative Kombination vos para aki abaho. Ke el escritura ta abla: dios ay manda disuyo mga angel kuida kon vos. Y ta abla: sila ay alsa kon vos por
medio de di ila mga mano que ni de vos pies ay hende sinti duele. (Die Bibel, Lukas 4, 9. Übersetzung nach jesusfilm.org) (etwa 10-20 %)

lk
es

-Ta

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en

es
- Chaudenson (1995): „keine typisch kreolischen Strukturen“, nur geschichtlich identifizierbar

by

he
g

en
no
- Linguistische Merkmale:

Ba

l.-T
lyg
Die kursiv gehaltenen Verben im obenstehenden Beispiel in Chabacano sind jeweils mit Partikeln

Mo
- Ausdifferenzierte Grammatik nach SVO-Muster (Subjekt, Verb, Objekt)

rsa
Po
des Tempus, Modus und Aspektes (TMA) versehen. Die drei verschiedenen Partikel sind:
- Nutzung von TMA-Partikeln (Time, Modus, Aspect - siehe Beispiele) (nach Bickerton)

ive
- „ya“, Tempus-Partikel. Handlung ist vergangen (span. „ya“ = „schon“)

Un
- Lexikerweiterung
- „ay“, Modus-Partikel. Handlung ist irreal bzw. zukünftig (span. „hay que“ = „man muss“)
- 3 morphosyntaktische Merkmale, die nur in Kreolsprachen auftreten (McWhorter, 1998):
- „ta“, Aspekt-Partikel. Handlung geschieht gegenwärtig (Gerundium) (span. „está“ = „ist“) (spanischbasierte)
- Inflectional affixation: kein/kaum flektierende Morphologie (siehe Beispiele)
- Tone: keine Tonunterscheidung bei einsilbigen Wörtern
Ähnliche Partikel treten z.B. auch im Haiti-Kreol auf:
Kreolsprache
- Derivational noncompositionality: kein semant. Affixwandel bzgl. einer Phrase
- „Li té maché“ = „Er ist gegangen“ / „Er ging“ (He had walked)
- „L‘av(a) maché“ = „Er wird gehen“ / „Er würde gehen“ (He will/would walk)
- „L‘ap maché“ = „Er geht (gerade)“ / „Er ist am gehen“ (He is/was walking) Literaturangaben
Backer, P., Mühlhäusler, P. (2007). Creole Linguistics from it‘s Beginnings, through Schuchardt to
Die TMA-Partikeln lassen sich kombinieren, um so komplexere Sachverhalte versprachlichen zu the Present Day. In: Creolization. History, Ethnography, Theory. Walnut Creek: Left Coast Press, S.
können (Bsp. nach Bickerton 2004: 79-87) 84-107
- „Li t‘av ap maché“ = „Er wäre am Gehen gewesen“ (He would have been walking) Bechert, J., Wildgen, W. (1991). Einführung in die Sprachkontaktforschung. Darmstadt: Wissen-
schaftliche Buchgesellschaft.
Innovative Kombination Bickerton, D. (2004). Die Sprachen der Kreolen. In: Breuer, Reinhard et al. (2004): Die Evolution
Mithilfe der innovativen Kombination werden aus bekannten Wörtern der lexifier language neue der Sprachen. Heidelberg: Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH, S. 79-87.
Wörter gebildet. Fleischmann, U. (1986). Das Französisch-Kreolische in der Karibik. Zur Funktion von Sprache im
„mucha“ + „homber“ = „muchahomber“ sozialen und geographischen Raum. Tübingen: Narr.
span. „muchacho“ span. „hombre“ span. „hijo“ Holm, J. A. (1988). Pidgins and creoles. Vol. I. Theory and Structure. Cambridge: Univ. Press.
(den Sklaven unbek. span. Wort) Chaudenson, R. (2001). Creolization of Language and Culture. London/New York: Routledge.
„mucha“ + „muhe“ = „muchamuhe“ Chaudenson, R. (1995). Les Créoles. Paris: Presses universitaires de France
span. „muchacha“ span. „mujer“ span. „hija“ Janson, T. (2006). Eine kurze Geschichte der Sprachen. München: Elsevier GmbH.
(den Sklaven unbek. span. Wort) Ludwig, R. (2003). Geschichte der Reflexion über die romanischen Sprachen. Kreolsprachen / His-
(muchacho/a=Junge/Mädchen) (hombre/mujer= Mann/Frau) (hijo/a=Sohn/Tochter) toire de la réflexion sur les langues romanes: les langues créoles. In: Ernst, G. et al.: Romanische
Sprachgeschichte/Histoire linguistique de la Romania. Berlin/New York: de Gruyter, S. 297–309.
McWhorter, J. H. (2003). The Power of Babel: A natural history of language. London: Arrow.
McWhorter, J. H. (2005). Defining Creole. London: Oxford Univ. Press.