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2015

Was bringen Freihandelsabkommen? - brand eins online

Ausgabe 05/2015 - Gute Frage

Was bringen
Freihandelsabkommen?
Der zollfreie Handel soll den Wohlstand mehren. Deshalb
ringen Europäer und Amerikaner um TTIP. Doch solche
Vereinbarungen haben ihre Tücken – vor allem für den Rest
der Welt.

Text: Ingo Malcher
Illustration: Nadine Gerber

• Es gibt aus Sicht der EU-Kommission viele gute Gründe, ein
Freihandelsabkommen mit den USA zu unterzeichnen. Um sie zu
untermauern, haben die Beamten in Brüssel eine Studie in Auftrag
gegeben. Sie ist überschrieben mit „Reducing Transatlantic Barriers
to Trade and Investment“ und wurde verantwortet von Joseph
Francois. Der Mann kennt sich aus, praktischerweise war er einmal
Forschungschef der Internationalen Handelskommission der USRegierung. Insofern war das Ergebnis eigentlich vorhersehbar.
Trotzdem überraschte, was der Gutachter zu Papier brachte – so
optimistisch hat ein Forscher selten geschrieben: 119 Milliarden
Euro an Exporteinnahmen würde das Freihandelsabkommen TTIP
(Transatlantic Trade and Investment Partnership) den Firmen in
Europa bescheren. Die Exporte in die USA sollen um 28 Prozent

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steigen. Alle würden profitieren, ein Vier-Personen-Haushalt in
Europa hätte bis zu 545 Euro mehr zur Verfügung – überall
blühende Landschaften.
Zur Verteidigung von Francois muss eingeräumt werden, dass er
nicht der Einzige ist, der die Sache so rosig sieht. Der Deutsche
Industrie- und Handelskammertag (DIHK) schreibt: „Die vom
Bundeswirtschaftsministerium beim Ifo-Institut in Auftrag gegebene
Studie zu den Auswirkungen des TTIP geht davon aus, dass TTIP in
Europa bis zu 400 000 neue Arbeitsplätze schaffen kann –
mindestens 100 000 davon in Deutschland.“ Auch die CDU schließt
sich an: „Die Schätzungen über zusätzliche Arbeitsplätze in der EU
reichen von 400 000 bis 1,3 Millionen.“
Doch mit volkswirtschaftlichen Prognosen ist es so eine Sache. Erst
recht, wenn sie so eindeutig ausfallen wie jene von Francois, DIHK
und CDU. Inzwischen sind die TTIP-Anhänger vorsichtiger. Der
Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) schreibt: „Über die
genaue Höhe der Wachstumseffekte lässt sich trefflich streiten.“
In der Tat. Zwar klingt es plausibel, dass alle davon profitieren,
wenn die Zölle wegfallen und Sicherheitsbestimmungen,
Gesundheitsvorschriften, technische Normen angeglichen werden.
Doch tatsächlich profitieren nicht immer beide Seiten
gleichermaßen. Vom Rest der Welt ganz zu schweigen.

Es gibt auch noch die WTO
Die Europäische Union hat Freihandelsverträge mit mehr als 30
Ländern. Zum Beispiel seit 2011 mit Südkorea. Cecilia Malmström,
EU-Kommissarin für Handel, hat untersuchen lassen, was dieses
Abkommen gebracht hat. Demnach hat Deutschland 500 Prozent
mehr Airbags als früher nach Südkorea verkauft, Frankreich 30
Prozent mehr Signalanlagen für die Eisenbahn und Polen 23-mal so

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viele Klimaanlagen.
Die deutschen Ausfuhren nach Südkorea stiegen 2013 /2014 um 5,3
Prozent im Vergleich zum Vorjahr, als das Abkommen noch nicht in
Kraft war, teilt das Bundeswirtschaftsministerium mit. Der Handel
hilft also – zumindest der Bundesrepublik.
Ein Freihandelsabkommen, das mit vielen Erwartungen gestartet
war, ist das 1992 unterzeichnete Nordamerikanische
Freihandelsabkommen zwischen den USA, Mexiko und Kanada
(Nafta). Der mexikanische Präsident Carlos Salinas hoffte damals,
sein Land damit in die Erste Welt zu katapultieren. 1993 nannte der
amerikanische Vizepräsident Al Gore die Gründung der Nafta so
bedeutsam wie die der Nato.
Am Anfang schien die Entwicklung beiden recht zu geben. Die
grenzüberschreitenden Investitionen stiegen, das Wachstum in allen
drei Ländern beschleunigte sich, 2001 lag der Anteil der NaftaMitglieder an der weltweiten Produktion bei 36 Prozent.
Doch dann kamen die Terroranschläge des 11. September 2001, die
USA verschärften ihre Grenzsicherheit auch für den Warenverkehr.
Und als China 2001 der Welthandelsorganisation (WTO) beitrat,
eröffneten viele US-Firmen lieber Fabriken in Asien als in Mexiko.
2011 lag der Anteil der Nafta-Länder an der weltweiten Produktion
nur noch bei 26 Prozent. Heute lebt in Mexiko noch immer die
Hälfte der Bevölkerung in Armut, etwa so viele wie zu
Unterzeichnung des Vertrags.
Die einst großen Erwartungen wurden enttäuscht. 2014
veröffentlichte der Congressional Research Service, ein Thinktank in
Washington, eine Studie, die zu dem Schluss kam: „In Wahrheit hat
Nafta weder zu den Arbeitsplatzverlusten geführt, die von den
Kritikern befürchtet wurden. Noch sind die großen wirtschaftlichen
Erfolge eingetreten, die von den Unterstützern vorhergesagt
wurden.“

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Für die Nafta wäre es insofern ein Segen, wenn sich die USA mit den
Europäern über TTIP einigen könnten. Dann wären
Produktionsketten über mehrere Länder hinweg möglich, da Mexiko
bereits ein Freihandelsabkommen mit der EU hat. Durch den
transatlantischen Freihandelsvertrag könnte Nafta neuen Schwung
entfalten.
Bei der WTO sind 612 regionale Abkommen gemeldet, 406 davon
sind in Kraft. Die Zunahme bilateraler Abkommen ist auch die Folge
des Scheiterns der Doha-Runde der WTO. Zuletzt konnten sich die
Staaten der Welt bei einem Gipfel in Genf im Juli 2008 nicht auf
eine Liberalisierung des Welthandels einigen. Daher setzen viele
Staaten und Blöcke auf bilaterale Abkommen statt auf die WTO –
und verhindern dadurch eine Liberalisierung des Welthandels.
„Dass der WTO-Prozess ins Stocken gerät, liegt wesentlich am
Widerstand der USA. Sie ziehen bilaterale Abkommen wie TTIP
oder die Trans-Pacific Partnership (TPP) dem freien Welthandel vor.
Dadurch werden Konkurrenten wie China, Indien oder Brasilien
ausgeschlossen“, sagt Heribert Dieter, Gastprofessor für
Internationale Politische Ökonomie an der Zeppelin-Universität in
Friedrichshafen.
Das schafft Probleme. So verliert die WTO die Möglichkeit,
verbindliche Regeln festzulegen, die für alle Länder gleichermaßen
gelten. Im Konfliktfall sollen diese Regeln stärkeres Gewicht
gegenüber anderen Abmachungen haben, da ihnen einklagbare
Rechte zugrunde liegen, die für alle WTO-Mitglieder gelten.
Doch wenn sie durch bilaterale Abkommen ausgehebelt werden,
werden sie wirkungslos, etwa der Grundsatz der Meistbegünstigung,
wonach gilt, dass ein Land, das einem anderen bestimmte Vorteile
einräumt, diese auch allen anderen Ländern einräumen muss.
Auch auf Konfliktfälle ist die WTO deutlich besser vorbereitet als
Zusammenschlüsse wie TTIP. Vor der Organisation können Staaten

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gegen andere Staaten klagen, falls sie etwa versteckte Subventionen
vermuten. Es wird dann in einem Panel versucht, den Konflikt
auszuräumen. Es können aber auch Gegenmaßnahmen eingeleitet
werden.
Das geschah im Jahr 2003, als die US-Regierung Schutzzölle für
Stahl eingeführt hatte, wogegen die EU vorging. Das Schiedsgericht
gestattete den Europäern dann, Zölle unter anderem für Orangensaft
einzuführen, als Vergeltungsmaßnahme.
Bei den Schiedsgerichten der WTO geht es nicht um Geld, sondern
um Ausgleichsmaßnahmen. Es gibt also – auch das ist bei TTIP
anders – für Konzerne keinen Anreiz, gegen Staaten zu klagen.
Dafür hat jedes WTO-Mitglied, ganz gleich wie groß und bedeutend
es sein mag, die Möglichkeit zur Beschwerde.
Es geht daher auch um die Folgen für den Welthandel, letztlich um
den Fortschritt der Globalisierung. Für ihn sind
Freihandelsabkommen hinderlich. Denn: Einige Staaten mögen
profitieren, der Rest der Welt geht leer aus und verliert
Handelspartner, weil einige Länder beim Marktzugang bevorzugt,
andere diskriminiert werden.
Freihandelsabkommen sind allenfalls die zweitbeste Lösung. 

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