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Wirtschaft
16. Juni 2015, 18:39 Griechenland-Krise

Ende der Woche könnte im griechischen Schuldenstreit eine Vorentscheidung
fallen. Sollten die Euro-Finanzminister sich Donnerstag nicht einigen, wollen die
Staats- und Regierungschefs sich am Freitag treffen.
Der Ton zwischen Athen und den Gläubigern wird wieder schärfer.
Finanzminister Varoufakis warf den Verhandlungspartnern "Sadismus" vor, der
IWF habe "strafrechtliche Verantwortung".
Die EU-Kommission hat nach eigenen Angaben bislang keine weiteren
Reformvorschläge aus Athen erhalten.
Analyse von Cerstin Gammelin, Berlin, und Alexander Mühlauer, Brüssel
Bundeskanzlerin Angela Merkel hat auch am Dienstag das von ihr ausgegebene
Gebot eingehalten, sich nicht auf das verminte Gelände möglicher Notfallplanungen
für Griechenland zu begeben. Bei ihrem Auftritt nach dem Treffen mit Luxemburgs
Premierminister Xaver Bettel, das zur Vorbereitung der am 1. Juli beginnenden
EU-Präsidentschaft des Großherzogtums diente, bekräftigte sie ihre Haltung, "alles
zu tun, um Griechenland im Euro zu halten".
Die Frage nach einem Sondertreffen der Staats- und Regierungschefs wegen der
anhaltend ergebnislosen Gespräche zwischen Athen und den Kreditgebern verwies
sie in die Zuständigkeit der Finanzminister. "Erst mal" setze sie auf das Treffen der
Finanzminister am Donnerstag. "Auch da kann etwas entschieden werden". Auf die
Frage, wie es mit der Zukunft der Euro-Zone aussehe, sollte keine Einigung mit
Athen gelingen, wiederholte sie, dass sie ihre Kraft darauf verwende, mitzuhelfen,
dass Kreditgeber und Griechenland eine Lösung finden. Etwas verzögert schob sie
nach, dass sie zusammen mit Frankreichs Staatspräsident François Hollande einen
Vorschlag zur Entwicklung der Euro-Zone eingebracht habe. Dieser Vorschlag
beziehe sich auf die Zeit bis 2017 und sei ohne Änderung der EU-Verträge möglich.
Etwa zur selben Zeit trafen sich in Brüssel die fünf Autoren des Berichts zur
Weiterentwicklung der Euro-Zone. Jean-Claude Juncker (Europäische
Kommission), Jeroen Dijsselbloem (Euro-Gruppe), Martin Schulz (Europäisches
Parlament) und Donald Tusk (Europäischer Rat) berieten beim Lunch, zu dem sie
Mario Draghi (Europäische Zentralbank) zugeschaltet hatten, außer über
Griechenland auch über den Bericht, den sie den Chefs auf dem regulär geplanten
EU-Gipfel am 25./26. Juni vorlegen werden. Er soll Signal senden: Die Euro-Zone
ist stabil - egal, was passiert. Es geht um nicht weniger als die Zukunft der
Wirtschafts- und Währungsunion.
Gut möglich, dass über diese Zukunft schon gegen Ende der Woche eine
Vorentscheidung fällt. Ein Sondergipfel der Staats- und Regierungschefs ist für
Freitag im Gespräch, er hängt davon ab, was in der Nacht zuvor in Luxemburg
passiert, wo die Finanzminister der Euro-Zone versuchen, sich mit Athen auf die

Griechenland-Krise - Varoufakis wirft Gläubigern Sadismus vor - Süddeutsche.de

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Erfüllung des laufenden Rettungsprogramms zu einigen. Sollte dies nicht gelingen,
könnte zur Krisensitzung geladen werden.
Premierminister Alexis Tsipras ließ am Dienstag mitteilen, dass er am Freitag schon
einen Termin habe. Er will sich mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin in
St. Petersburg treffen. Nach Angaben des Kreml ist ein Arbeitsessen geplant.
Allerdings: Die Flugzeit zwischen St. Petersburg und Brüssel beträgt etwa vier
Stunden - kurz genug für einen Abstecher.

Tilgung ist Pflicht
In Athen kursieren Gerüchte, die Regierung wolle die im Juni fälligen
Tilgungszahlungen an den Internationalen Währungsfonds (IWF) auf Juli
verschieben. Während die jüngste Bündelung der Juni-Tranchen zu
einem Paket mit dem Zahlungstermin 30. Juni noch mit den Regeln des
IWF vereinbar war, wäre eine Verschiebung in den Juli unzulässig. Folge
wäre zunächst eine förmliche Mahnung an Athen. Offiziell pleite wäre
Griechenland damit aber noch nicht, denn weder der Fonds, noch eine
andere Institution hat das Recht, einen Staat förmlich für bankrott zu
erklären. Allerdings könnten die Ratingagenturen Griechenland als
zahlungsunfähig einstufen. Zahlt Athen seine Schulden an den Fonds
indes dauerhaft nicht zurück, könnte das nach zwei Jahren in einem
Rauswurf des Landes aus dem IWF gipfeln.
Claus Hulverscheidt

Tsipras kritisierte am Dienstag in Athen den Internationalen Währungsfonds vor
seiner eigenen Fraktion. Der IWF habe "strafrechtliche Verantwortung" für das, was
in Griechenland passiert sei. Die geforderten Sparmaßnahmen führten zur
Auflösung Europas, hatte zuvor bereits Finanzminister Yanis Varoufakis erklärt. Sie
böten keine Lösung der Finanzkrise, sondern erniedrigten die Griechen. Die
Gläubiger forderten Griechenland "mit Sadismus" auf, diejenigen Bürger finanziell
zu belasten, die bereits von der Krise getroffen seien. Athen werde weiter logische
Gegenvorschläge machen. Aber wenn es darauf ankomme, dürfe Athen den Bruch
nicht ausschließen. Die EU-Kommission hat nach eigenen Angaben keine weiteren
Reformvorschläge aus Athen erhalten. "Bisher wurden keine neuen Dokumente
ausgetauscht oder Treffen abgehalten", sagte der Chefsprecher. Die Kommission
sei aber 24 Stunden am Tag besetzt. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude
Juncker warf der griechischen Regierung vor, seine Worte zu verfälschen. "Die
Debatte sowohl in als auch außerhalb Griechenlands wäre einfacher, wenn die
griechische Regierung genau das wiedergeben würde, was die Kommission
wirklich vorschlägt", sagte Juncker am Dienstag. Der österreichische Bundeskanzler
Werner Faymann kündigte am Dienstag überraschend für Mittwoch eine Reise nach
Athen an, um den Kontakt nicht abreißen zu lassen.
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SZ vom 17.06.2015/jasch

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