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Blühende Landschaften dank Flüchtlingen

03.10.2015

Deutsche Einheit und die Flüchtlingskrise

Blühende Landschaften dank
Flüchtlingen
Vor 25 Jahren versprach Helmut Kohl blühende Landschaften
im Osten Deutschlands. Heute glauben manche zurecht, auch
mit den Migranten verknüpften sich blühende Landschaften,
meint der Chefredakteur des "Kölner Stadt-Anzeigers", Peter
Pauls. Denn der Flüchtlingszuzug stehe auch für ein
milliardenschweres Konjunkturprogramm.
Von Peter Pauls

Menschen feiern am 3.10.1990 die Wiedervereinigung. (pa/dpa)

Heute vor 25 Jahren, am 3. Oktober 1990, wurde geträumt. Um Glück,
Gratulationen aus aller Welt, Freudenfest, Hoffnung und den Sieg der
Freiheit ging es. Das waren nur einige Stichworte, die die Zeitungsseiten am
ersten Tag des nun wiedervereinten Deutschlands prägten. Die gewaltigen
Lettern standen für den Begeisterungstaumel, den das Land erfasst hatte.

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Helmut Kohls Wort von den "blühenden Landschaften", in die die fünf

hatte sie gleichzeitig formuliert. Rasch wurden die "blühenden
Landschaften" Spielball im politisch-gesellschaftlichen Diskurs. Spott und
Sarkasmus schwangen bei dessen Verwendung ebenso mit wie auch Stolz
und Anerkennung.

Ein neues Land ist entstanden

Zieht man heute, 25 Jahre später, eine Art Kurzbilanz, dann blühen im Osten

25 Jahre Deutsche Einheit [25-jahredeutsche-einheit-bluehende-landschaftenauch-im.769.de.html?
dram:article_id=332830] "Blühende
Landschaften" auch im Osten?

tatsächlich wieder Landschaften. Nur anders, als der deutsche
Bundeskanzler sich das gedacht hat. An anderen Stellen blüht es nicht.
Auch im Westen, in Gelsenkirchen oder Duisburg zum Beispiel. Um den
Preis einer massiv gestiegenen Staatsverschuldung, mancher Ernüchterung
und Enttäuschung ist ein neues Land entstanden. Die Symbolkraft dieser
historischen Leistung hat nicht nur die Machtarchitektur in Europa sondern
gleich Deutschlands Ansehen in der Welt verändert und unserem Land eine
neue, einflussreiche Rolle zugewiesen.

So bedrückend wenig man mitunter immer noch im Westen vom Osten und
umgekehrt weiß und so regionalspezifisch Menschen geprägt sein mögen –
die Einheit ist heute eine Selbstverständlichkeit. Der 3. Oktober 1990 wird
aus historischer Distanz betrachtet, zumal rund zwei Millionen berufstätige
Menschen von Ost nach West zogen und hunderttausende den umgekehrten
Weg wählten. Die Einheit ist eine Erfolgsgeschichte und Angela Merkel, die
ostdeutsche Pfarrerstochter, deren Symbolfigur.

Man muss das sich an diesem Tag vor Augen führen. Auch, um zu verstehen,
warum täglich bis zu 10.000 Flüchtlinge bei uns ankommen. Mit
Deutschland wird eine Art von Heilserwartung verknüpft, die von den
blühenden Landschaften gar nicht so weit entfernt ist. Fast eine Million
Menschen aus Unruhegebieten träumen davon, in dem neuen und politisch
erstarkten Deutschland Zuflucht oder Heimat zu finden. Schaffen wir das?

Diffuse Heilserwartung jetzt an Flüchtlinge

Manche glauben, auch mit den Migranten verknüpften sich blühende
Landschaften. Perspektivisch werden Flüchtlinge die 40.000 Lehrstellen
besetzen, für die sich heute niemand findet. Das Facharbeiterproblem lösen
die Flüchtlinge ebenfalls und in die deutschen Sozial- und Rentenkassen
zahlen sie die Beiträge ein, die uns heute fehlen. Weil die Zahl der Deutschen
schrumpft. Die neuen Bürger gehen in Pflegeberufe und aufs Land oder
zumindest dorthin, wo Wohnungen leer stehen. Vielleicht helfen sie uns
auch, den Mangel an Ärzten im ländlichen Raum zu beheben. All diese
Hoffnungen tragen Züge einer diffusen Heilserwartung. Die blühenden
Landschaften lassen grüßen.

Kluge Menschen haben errechnet, dass uns die Flüchtlinge in diesem Jahr
zehn Milliarden Euro kosten. Das ist viel Geld und doch nichts im Vergleich
zur Treuhand etwa, die Ost-Betriebe privatisieren sollte. Aus dem
prognostizierten Gewinn dieser Institution von 600 Milliarden Euro
jedenfalls wurde ein Verlust von 200 Milliarden.

Zwölf Millionen deutscher Flüchtlinge und Vertriebener kamen nach dem
Zweiten Weltkrieg aus den deutschen Ostgebieten in den Westen. Es gelang
nicht nur deren Integration. Sie brachten der west-deutschen Gesellschaft
auch Erneuerung und Modernisierung. Willkommen waren sie nicht immer.

Flüchtlinge als Konjunkturprogramm

Heute kommen andere Flüchtlinge - eine Herausforderung, und was für
eine. Die Mehrheit unterscheidet sich durch Kultur, Sprache und
Wertesysteme. Doch sie stehen auch für ein milliardenschweres
Konjunkturprogramm, denn jeder Euro für Flüchtlinge wird hier
ausgegeben. Bei Ikea gibt es keine Betten mehr, Zeltfabriken haben die
Kapazitätsgrenze lange schon überschritten und der örtliche Metzger fährt
Sonderschichten, weil er seinen Teil zur Verpflegung in den Zeltstädten
beiträgt. Und deshalb werden Lehrer, Schulen und Schulungen, angepasste
Berufsausbildungen und neue Gesetze und Regeln gebraucht. Das Baurecht
will überdacht sein, will man – wie in der Nachkriegszeit – rasch schlichten
Wohnraum errichten. Und anderes auch. Die Zahl an Flüchtlingen fordert
dieses Land und seine Bürger heraus. Aber das ist so neu auch nicht.

Wie mag es in 25 Jahren hier aussehen? Helmut Kohl hatte die blühenden
Landschaften an eine Bedingung geknüpft: Anstrengung. Alle werden sich
anstrengen müssen. Die neuen Bürger am meisten.

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