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Sonntag, 04.10.2015

Sonntag, 04.10.2015 Startseite Kommentare mit Themen der Woche Blühende Landschaften dank Flüchtlingen 03.10.2015
Sonntag, 04.10.2015 Startseite Kommentare mit Themen der Woche Blühende Landschaften dank Flüchtlingen 03.10.2015
04.10.2015 Startseite Kommentare mit Themen der Woche Blühende Landschaften dank Flüchtlingen 03.10.2015

Blühende Landschaften dank Flüchtlingen

Themen der Woche Blühende Landschaften dank Flüchtlingen 03.10.2015 Deutsche Einheit und die Flüchtlingskrise

03.10.2015

Deutsche Einheit und die Flüchtlingskrise

Blühende Landschaften dank Flüchtlingen

Vor 25 Jahren versprach Helmut Kohl blühende Landschaften im Osten Deutschlands. Heute glauben manche zurecht, auch mit den Migranten verknüpften sich blühende Landschaften, meint der Chefredakteur des "Kölner Stadt-Anzeigers", Peter Pauls. Denn der Flüchtlingszuzug stehe auch für ein milliardenschweres Konjunkturprogramm.

Von Peter Pauls

ein milliardenschweres Konjunkturprogramm. Von Peter Pauls Menschen feiern am 3.10.1990 die Wiedervereinigung. (pa/dpa)

Menschen feiern am 3.10.1990 die Wiedervereinigung. (pa/dpa)

Heute vor 25 Jahren, am 3. Oktober 1990, wurde geträumt. Um Glück, Gratulationen aus aller Welt, Freudenfest, Hoffnung und den Sieg der Freiheit ging es. Das waren nur einige Stichworte, die die Zeitungsseiten am ersten Tag des nun wiedervereinten Deutschlands prägten. Die gewaltigen Lettern standen für den Begeisterungstaumel, den das Land erfasst hatte. Helmut Kohls Wort von den "blühenden Landschaften", in die die fünf neuen Ost-Bundesländer sich rasch verwandeln würden, wurde zur Art komprimierten politischen Botschaft. Programm und Ziel – der Kanzler hatte sie gleichzeitig formuliert. Rasch wurden die "blühenden Landschaften" Spielball im politisch-gesellschaftlichen Diskurs. Spott und Sarkasmus schwangen bei dessen Verwendung ebenso mit wie auch Stolz und Anerkennung.

Ein neues Land ist entstanden

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Landschaften" auch im Osten?

Zieht man heute, 25 Jahre später, eine Art Kurzbilanz, dann blühen im Osten

tatsächlich wieder Landschaften. Nur anders, als der deutsche Bundeskanzler sich das gedacht hat. An anderen Stellen blüht es nicht. Auch im Westen, in Gelsenkirchen oder Duisburg zum Beispiel. Um den Preis einer massiv gestiegenen Staatsverschuldung, mancher Ernüchterung und Enttäuschung ist ein neues Land entstanden. Die Symbolkraft dieser historischen Leistung hat nicht nur die Machtarchitektur in Europa sondern gleich Deutschlands Ansehen in der Welt verändert und unserem Land eine neue, einflussreiche Rolle zugewiesen.

So bedrückend wenig man mitunter immer noch im Westen vom Osten und umgekehrt weiß und so regionalspezifisch Menschen geprägt sein mögen – die Einheit ist heute eine Selbstverständlichkeit. Der 3. Oktober 1990 wird aus historischer Distanz betrachtet, zumal rund zwei Millionen berufstätige Menschen von Ost nach West zogen und hunderttausende den umgekehrten Weg wählten. Die Einheit ist eine Erfolgsgeschichte und Angela Merkel, die ostdeutsche Pfarrerstochter, deren Symbolfigur.

Man muss das sich an diesem Tag vor Augen führen. Auch, um zu verstehen, warum täglich bis zu 10.000 Flüchtlinge bei uns ankommen. Mit Deutschland wird eine Art von Heilserwartung verknüpft, die von den blühenden Landschaften gar nicht so weit entfernt ist. Fast eine Million Menschen aus Unruhegebieten träumen davon, in dem neuen und politisch erstarkten Deutschland Zuflucht oder Heimat zu finden. Schaffen wir das?

Diffuse Heilserwartung jetzt an Flüchtlinge

Manche glauben, auch mit den Migranten verknüpften sich blühende Landschaften. Perspektivisch werden Flüchtlinge die 40.000 Lehrstellen besetzen, für die sich heute niemand findet. Das Facharbeiterproblem lösen die Flüchtlinge ebenfalls und in die deutschen Sozial- und Rentenkassen zahlen sie die Beiträge ein, die uns heute fehlen. Weil die Zahl der Deutschen schrumpft. Die neuen Bürger gehen in Pflegeberufe und aufs Land oder zumindest dorthin, wo Wohnungen leer stehen. Vielleicht helfen sie uns auch, den Mangel an Ärzten im ländlichen Raum zu beheben. All diese Hoffnungen tragen Züge einer diffusen Heilserwartung. Die blühenden Landschaften lassen grüßen.

Kluge Menschen haben errechnet, dass uns die Flüchtlinge in diesem Jahr zehn Milliarden Euro kosten. Das ist viel Geld und doch nichts im Vergleich zur Treuhand etwa, die Ost-Betriebe privatisieren sollte. Aus dem prognostizierten Gewinn dieser Institution von 600 Milliarden Euro jedenfalls wurde ein Verlust von 200 Milliarden.

Zwölf Millionen deutscher Flüchtlinge und Vertriebener kamen nach dem Zweiten Weltkrieg aus den deutschen Ostgebieten in den Westen. Es gelang nicht nur deren Integration. Sie brachten der west-deutschen Gesellschaft auch Erneuerung und Modernisierung. Willkommen waren sie nicht immer.

Flüchtlinge als Konjunkturprogramm

Heute kommen andere Flüchtlinge - eine Herausforderung, und was für eine. Die Mehrheit unterscheidet sich durch Kultur, Sprache und Wertesysteme. Doch sie stehen auch für ein milliardenschweres Konjunkturprogramm, denn jeder Euro für Flüchtlinge wird hier ausgegeben. Bei Ikea gibt es keine Betten mehr, Zeltfabriken haben die Kapazitätsgrenze lange schon überschritten und der örtliche Metzger fährt Sonderschichten, weil er seinen Teil zur Verpflegung in den Zeltstädten beiträgt. Und deshalb werden Lehrer, Schulen und Schulungen, angepasste Berufsausbildungen und neue Gesetze und Regeln gebraucht. Das Baurecht will überdacht sein, will man – wie in der Nachkriegszeit – rasch schlichten Wohnraum errichten. Und anderes auch. Die Zahl an Flüchtlingen fordert dieses Land und seine Bürger heraus. Aber das ist so neu auch nicht.

Wie mag es in 25 Jahren hier aussehen? Helmut Kohl hatte die blühenden Landschaften an eine Bedingung geknüpft: Anstrengung. Alle werden sich anstrengen müssen. Die neuen Bürger am meisten.