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Liebe M .... !

Der Herr will die Rettung jedes Menschen. Doch nicht jeder Mensch
handelt so, als ob er gerettet werden wollte. In Worten wollen alle
gerettet werden, aber in den Taten wird die Rettung oft
zurückgewiesen. Womit denn? Nicht durch Sünden, da es große
Sünder gegeben hat wie den Schächer am Kreuz, Maria von
Ägypten 3 u. a. Diese bereuten ihre Sünden, und der Herr verzieh
ihnen - so wurden sie errettet. Jener aber kommt um, der sündigt
und nicht bereut, sondern sich in seinen Sünden selbst
rechtfertigt. Das ist das Allerschlimmste, das Tödlichste.
Der Herr spricht: "Ich bin gekommen, die Sünder zur Buße zu
rufen, und nicht die Gerechten" (Mt 9,13). Was bedeutet das?
Gottes Wort besagt: "Sie sind allesamt untüchtigj da ist keiner, der
Gutes tue, auch nicht einer" (Ps 14,3).
Alle sind sündig, und je heiliger ein Mensch ist, desto mehr Sünden
sieht er in sich. Der Herr ist gekommen, uns zur Buße aufzurufen
und durch die Buße die Sünder zu retten, d. h. jene, die ihre
Sünden erkennen, sie vor Gott bereuen und um Vergebung bitten.
Wer jedoch seine Sünden entweder nicht sieht und sich selbst
böswillig rechtfertigt, den jagt der Herr von sich weg. So hat er
schon auf Erden die Pharisäer verworfen und verurteilt, welche
sich für gerecht, ja für ein Vorbild für die anderen hielten.
Schrecklich ist ein solcher Zustand: Behüte Gott jeden Menschen
davor. Der hl. Sissojos der Große 4 bat die Engel, die seine Seele
holen kamen, zu beten, der Herr möge ihm noch etwas Lebenszeit
für die Buße schenken. Der hl. Pimen der Große 5 sagte: "Glaubt
mir, Brüder, wo der Satan ist, dahin werde ich auch gestoßen."

3 Heilige des 6. Jahrhunderts, lebte bis zu ihrer radikalen Hinwendung zu Gott


als Dirne. Der Text der im Mittelalter weitverbreiteten Vita ist deutsch
letztmals 1982 erschienen (Herderbücherei 977).
4 Heiliger der Ostkirche, Mönch in der Ägyptischen Wüste, gest. 429.
5 Griechisch Poimen, Heiliger, Einsiedler der Sketischen Wüste, gest. um 450.
Dabei erweckte dieser Heilige Tote zum Leben! Alle Heiligen
beweinten so bis zum Tod ihre Sünden, ihre unbeglichene Schuld
vor Gott.

Wer sind wir, daß wir aus Eigenliebe unsere Sünden verheimlichen,
uns rechtfertigen, uns verstellen – mit einem Bein stehen wir
schon im Grab ... Schau auf Dein Leben, bereue alles, was Du
einsiehst. Bitte mit Tränen, wie die heilige Kirche in der Fastenzeit
mit Verbeugungen bis zur Erde bittet: "Gib mir, meine Sünden zu
sehen!" Sieht der Mensch seine Sünden nicht, heißt das nicht, daß
er keine hat, sondern vielmehr, daß er nicht nur in der Sünde,
sondern auch in geistiger Blindheit verharrt. Und wenn der
Beichtvater oder jemand anderes uns der Sünde zeigt, sollen wir
nicht nach einer Rechtfertigung suchen, sondern den Herrn
anflehen, er möge uns unsere Sünden zeigen, sie uns bis zur
Ankunft des Todes bereuen lassen und uns hier auf Erden
Vergebung schenken ...

Briefe-Eines-Russischen-Starzen-an-Seine-Geistlichen-Kinder