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Zehn Thesen zur Bedeutung von Weltanschauung und Menschenbild in der Psychotherapie

Michael Utsch (utsch@ezw-berlin.de)

1. Das Zeitgefühl der Postmoderne bringt es mit sich, daß allgemeingültige Weltbilder heute passé
sind. Weder die Kirchen noch Politiker, weder die Wirtschaft noch eine Wissenschaft kann
verbindliche Werte liefern.
2. Durch massive gesellschaftliche Veränderungen (Stichworte: Säkularisierung, Pluralisierung,
Individualisierung, Globalisierung) und rasante wissenschaftliche Entwicklungen (Stichwort:
die aktuelle Bioethik-/Gentechik-Diskussion) ist ein großer Bedarf nach weltanschaulicher
Orientierung entstanden.
3. Auch in der Psychotherapie haben Sinnfragen Konjunktur. Die Zunahme weltanschaulicher
Orientierungskonflikte dokumentiert die Einführung der neuen DSM-IV-Kategorie "religiöses
oder spirituelles Problem" (V 62.89). Diese Diagnose wird dann vergeben, wenn
Entwicklungsstörungen und seelische Besonderheiten auf eine existentielle oder
weltanschauliche Frage zurückgeführt werden können.
4. Im Entscheidungskonflikt zwischen konkurrierenden Weltanschauungen kann die Psychologie
Hilfestellungen leisten. Eine psychologische Perspektive ermöglicht durch einfühlendes
Nachempfinden das Verstehen des Fremden und kann dadurch den weltanschaulichen Dialog
verbessern. Was Menschen begehren und anstreben, ist immer abhängig von kulturell
vermittelten Wertvorstellungen und Entwicklungszielen, von Menschen- und Weltbildern. Für
den interkulturellen und interreligiösen Dialog steuert die Psychologie wichtige
Kommunikastionshilfen bei. Es gilt zunächst, potentielle Unterschiede zwischen dem eigenen
Handeln und dem des anderen zuzulassen und wahrzunehmen, Orientierungs- und
Verhaltensunsicherheiten, „Ambiguität“ sowie die stets mögliche Infragestellung des Eigenen
durch den anderen zu ertragen.
5. Zur Wahrnehmungsschärfung ist die Psychologie geeignet, nicht aber zur Beschreibung und
Festlegung von menschlichen Entwicklungszielen. Im Gegenteil: auch psychologische Theorien
und Behandlungsstrategien können ohne ein zugrunde liegendes Modell oder Bild des
Menschen nicht formuliert werden. Diese Leitbilder wiederum haben philosophische oder
theologische Ursprünge.
6. Menschenbilder haben eine wichtige Funktion: Sie vermitteln eine weltanschauliche
Orientierung und stellen sinnvolle Beziehungen zwischen dem einzelnen Menschen, der Welt
und dem Übermenschlichen her. Damit gewähren sie Halt in Unsicherheiten und Geborgenheit
gegenüber Gefühlen des Ausgeliefertseins. Sie vermitteln die Vorstellung von Kontrolle
angesichts der ungewissen Zukunft.
7. Psychotherapie kann mithelfen, den subjektiven Sinn einer spezifischen Situation
herauszufinden. Zur Beantwortung existentieller Fragen des Menschseins ((u.a. Zufall, Schuld,
Leid, Gerechtigkeit, Wahrheit, Tod, Glück, Sinn des Lebens) ist sie fachlich nicht in der Lage.
8. Die Psychologie kann keine Antwort geben auf Fragen nach einer übermenschlichen
Wirklichkeit. So, wie sie in wissenschaftlichen Modellen die psychische Struktur abbildet und
die menschliche Wirklichkeit beschreibt, sind Weltanschauungen Hilfskonstruktionen, sich eine
Vorstellung von der übermenschlichen Wirklichkeit zu machen. Ohne derartige
Hilfskonstruktionen – seien sie naturalistisch, theistisch, existentialistisch, materialistisch,
hedonistisch oder atheistisch begründet – müßte ein Leben konsequenterweise in der
Verzweiflung enden.
9. Jedes psychologische Modell transportiert anthropologische Leitbilder, die aber fairerweise
reflektiert und kommuniziert werden sollten. Therapien mit dem Anspruch existentieller
Lebenshilfe gründen nicht auf einer empirisch-wissenschaftlichen, sondern auf einer subjektiv-
weltanschaulichen Position. Deshalb ist eine deutliche Grenze zwischen einer psychologischen
Heilbehandlung mit dem Ziel der seelischen Gesundung und einer spirituellen Heilsvermittlung
mit dem Ziel weltanschaulicher Selbstvergewisserung zu ziehen.
10.Bei einem Vorgespräch zwischen Patient und Therapeut sollte bei Bedarf über Menschenbild,
Entwicklungsziele, die Weltanschauung und persönliche Werte gesprochen werden.