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Das Magazin der Studierenden der Universität St.

Gallen
April 2010 Nummer 327

Dorf
McDonald’s heisst für mich,
dass ich mir mein Studium
selbst finanzieren kann.
– Gabriel Constantin, 25,
Restaurantmitarbeiter und Student

Gabriel Constantin arbeitet neben seinem Geschichts- und Sprachstudium zu 50 % als Teamleiter
eines McDonald’s® Restaurants. Das flexibel gestaltbare Teilzeitarbeitsmodell ermöglicht ihm, Arbeit
und Uni unter einen Hut zu bringen und so sein Studium zu einem Grossteil selbst zu finanzieren.
© 2009 McDonald’s Corporation

Mehr über unsere verschiedenen Anstellungsmöglichkeiten und was McDonald’s für dich heissen kann,
erfährst du auf www.mcdonalds.ch/heisstfuermich.
Layout

Jeffrey.Voegeli@student.unisg.ch
Chefredaktor

Editorial

Seldwyla revisited

M an erkennt es leicht, Dorf ist das Thema


dieses Hefts. Ein dankbares Thema, wie sich
schnell herausstellt. Nicht nur kommen bestimmt
was gut für das Gemeinwohl ist. Was diese Leute
noch besser wissen, ist was nicht gut für das Ge-
meinwohl ist. Gott verhüte, dass sich etwas ändern
viele unserer werten Leser selbst vom Dorfe, die möge. Gut organisiert und effizient getarnt durch
meisten werden auch eine klare Vorstellung haben, Berge von Dokumenten, Emails mit jeweils minde-
wie dieses aussieht. stens fünf Empfängern wirkt die Dorfelite hoch be-
schäftigt. Dabei hat man es sich mit dem Geld der
Auf dem Dorf ist es gemütlich. Gerade wenn Dörfler gemütlich eingerichtet und kann sich not-
es ein Dorf ist, welches sich – zum Beispiel durch falls auch mit Hilfe moderner Medien am Denken
schöne Architektur oder einige berühmte Söhne hindern. Nicht dass noch Ideen aufkommen, die
Ressorts

und Töchter – von anderen Dörfern abhebt, freuen womöglich eine andere Antwort als Nein hervorru-
sich die Bewohner fast täglich über ihr Glück. Man fen könnten.
möchte nicht, dass sich zu viel ändert, womöglich
jemand den Frieden stört. Neuzugänge werden Im Herkunftsdorf jedes Lesers ist es natürlich
nicht so gern gesehen; bis sie akzeptiert werden ganz anders. Dort gibt es demokratische Strukturen,
und nicht mehr überall gleich auffallen, dauert es bei Wahlen gibt es mehr als einen Kandidaten und
ein Jahr, manchmal zwei. Manche müssen sogar sowieso würde man sich sofort gegen solche Zu-
wieder wegziehen, obwohl es ihr Traum und der- stände wehren. Leider sind wir HSGler aber recht
jenige ihrer Eltern war, einmal zu dieser exklusiven passiv, so lang nur die halbjährliche Notenverfü-
Dorfgemeinschaft zu gehören. gung einigermassen unseren Vorstellungen ent-
spricht. Dabei müsste man sich eben nicht sagen
Doch wer glaubt wenn man mal drin sei, «passt doch alles …», sondern «Das geht auch
herrsche Friede und Freude, der irrt. In diesem besser!»
Musterdorf sind manche gleicher als andere. Ein-
zelne haben den Draht zu den Mächtigen und wis-
sen deshalb besser als wir Durchschnittsbürger,

3 prisma – April 2010


Inhaltsverzeichnis

Zwischen Weinreben und Wertkonservatismus Die Wunderflunder

Seite 34 Das Leben auf dem Dorf – was für


die einen das romantische Fern-
ziel eines beschaulichen Lebensabends darstellt, wird von
Seite 47 Die Welt hypt dem iPad und Steve
Jobs hinterher. Doch was kann das
Ding wirklich? prisma hat exklusiv für die «early adopters» an
anderen als provinziell, rückständig und bäuerlich verspottet. der HSG die Vor- und Nachteile recherchiert. Ob ihr es kauft,
Was ist dran an diesen Klischees? Eine Reportage aus dem müsst ihr allerdings immer noch selbst entscheiden.
Zürcher Weinland.

Heft Studentenschaft
3 Editorial 12 Chance vertan…
33 Cartoon 13 BuddySystem – What’s up?
58 Zuckerbrot & Peitsche 14 Auf in den Wahlkampf!
59 Das Gerücht «Groovy, Sticky, Straight & Hot»
Heftvorschau

Aktuell Campus
8 Terminkalender 16 Prüfungsrelevant!
10 Kurzmeldungen 18 Wirtschaftsjournalismus auf Masterstufe
20 Die Studienaktie – AAA Rating?
22 Lieber Joe
24 Tote ohne Begräbnis
25 Liberté, Egalité ... vraiment?
26 StartUp Weekend Zürich

4 prisma – April
September
2010 2008
Impressum
Ausgabe 327, April 2010
Studentenschaft Universität St. Gallen
Redaktion prisma
Oberer Graben 3, 9000 St. Gallen,
prisma@myunisg.ch, 071 220 37 43

Präsidentin: Bianca Liegmann


Chefredaktor: Jeffrey Vögeli
Finanzen: Max Winkler
Layoutleitung: Sarah Schranz
Aktuell: Raffael Hirt
Campus: Luc-Etienne Fauquex
Thema: Yannick Pengl
360°: Lynn Reinhart
Menschen: Matthias Mirbeth
Layout: Fabian Barnbeck, Raphael Güller,
Bianca Liegmann, Michael Pum
Cartoon: Moritz Runge
Guter Duft und klare Worte Cover: Yannick Pengl, Sarah Schranz

Seite 56 Köche sind im Fernsehen momen-


tan omnipräsent. Aber taugt das
Kochen an sich, abseits der Kameralichter, eigentlich zum
Anzeigenregie: Metrocomm AG,
St. Gallen, 071 272 80 50
Druck: dfmedia, Flawil, 058 344 96 96
Traumberuf? Was macht das Faszinierende an diesem Beruf Lektorat: Monika Künzi
aus? Wir haben die Meisterköchin Vreni Giger vom St. Gal-
ler Jägerhof einen Tag lang begleitet und durften einen Blick Wiedergabe von Artikeln und Bildern,
hinter die Koch-Kulissen werfen. auch auszugsweise, nur mit Genehmigung
der Redaktion.

Thema Menschen
28 Ausweisung aus dem Dorfe 51 Herausgepickt: Andreas Vogel
Studium fertig? Raus! Ein Schauspieler an der HSG
29 Warum St. Gallen ein Dorf ist 52 Profs privat: Marianne Hilf
Die provinziellen Seiten unserer Unistadt Im Strafrecht zuhause
30 Wenn das Wetter nicht mehr kaputt ist … 54 Was läuft auf dem Dorfe?
Die beste Fotografin der Schweiz HSGler plaudern aus dem Nähkästchen
34 Weinreben und Wertkonservatismus 56 Guter Duft und klare Worte
Ein Tag im Dorfe Dorf Hinter den Kulissen des Jägerhofs
37 Das Dorf
Zwischen Vergangenheit und Zukunft
38 Einheitsdorf

@
Ein Abgesang auf den Zweckbau

360° prisma-hsg.ch
40 «Schluss mit dem Nützlichkeitsterror!» • Sieh dir das aktuelle Heft – und alle vorherge-
Ein Skandinavistik-Student erzählt henden Ausgaben – auch online an!
42 prisma empfiehlt • Auf unserem Blog informieren wir dich mit
Film ab, Ohren auf und Füsse hoch dem Newsticker über das Weltgeschehen.
44 Lisboa • Ob Buch, Verein oder Dozenten – bei uns
Stadt der wunderschönen Kleinigkeiten findest du zu allem was …
47 Die Wunderflunder
Pro und Contra iPad
48 Hong Kong vs. Appenzell
Unsere Kunstmarktkolumne 5 prisma
5 prisma
– September
– April 2010
2008
VOTE!
D er ne
PARTY

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nd a
der
Stud e nte n sch

ELEPHANT CLUB SPECIAL


ST. GALLEN ENTRY:
CHF 8.-

WED, 05.05.10 DJ OLIVER KLINGHOFFER


10PM – 4AM DJ GUESTS:
VORSTANDSMITGLIEDER
& PROFESSOREN
WELCOME
SHOTS
FOR EVERYBODY
UNTIL MIDNIGHT
A ktuell
8 Terminkalender

10 Kurzmeldungen
Agenda

April
DI St. Gallen Sailing
Stamm
DI ak
Bogenschiessen 27
20
Rest. Marktplatz – 20.15
Bahnhof St Gallen–18:15
Anmeldung über
Unigay
akademischerklub@myunisg.ch
get2gether
Church-Bar – 20.30

MI Trading Club
Hedge Fund Strategien
21 09-114 – 16.15
MI Universa
Womens Day 2010
Man Investments werden uns an diesem Event
28 HSG
die verschiedenen Hedge Fund Strategien auf- Workshop, Unternehmenspräsentationen sowie
zeigen und deren Performance näher beleuch- eine Diskussion und Fragerunde. Danach gibt‘s
ten. Wir freuen uns auf euch! einen Apéro. Mehr Infos auf www.universa-
unisg.ch;
SLESS Anmeldung mit CV an universa@unisg.ch
Meet Young Professionals
MLE-Haus – 19.00
START
DO
ISA-Verleihung
DO Calanda Bündnerverein 29 HSG
Bündnerfest 2010
22 Kugl – 20.00
Do
START
ENTERpreneurship
Am Bündnerfest erwartet euch frisches Calan-
29 Pfalzkeller St. Gallen
da Bräu zu günstigen Preisen, gute Musik, ein
Hauch Bergatmosphäre und die Chance, Tages-
– «Face the Challenge. Make the Difference»
FR
30
karten für die Corvatsch Bergbahnen zu gewin- Forum für UnternehmerInnen von heute und
nen! Viva la Grischa! morgen mit spannenden Vorträgen, lehrreichen
Workshops und ausgedehnten Networking-Mög-
lichkeiten. Mehr Infos auf www.startsummit.org
FR St. Gallen Sailing
Freizeitsegeln
23 Kreuzlingen – nachmittags FR
LP Wirtschaftsjournalismus
Anmeldeschluss
In diesem Jahr wollen wir mit den Lacustre ge-
mütliche Stunden auf dem Wasser fernab von
30 HSG
Büchern und Skripten verbringen. Informati- Mehr Infos auf www.lwj.unisg.ch
onen findet ihr auf www.stgallen-sailing.org.
Weitere Termine: 30. April sowie 4., 11. und 21.
toxic.fm-Ausbildungsprogramm
Mai.
Anmeldeschluss
HSG
Kursstart am 26. Juli; Details auf www.toxic.fm

8 prisma – April 2010


A
Mai
MO prisma DI UniChor
Redaktionsschluss #328 Konzert
03 HSG 18 Christkatholische Kirche SG – 19:00
Im diesjährigen Konzert führt der UniChor unter
SLESS anderem Stücke des zeitgenössischen Uli Führe
High Stakes sowie das Pop-Songs Chormedley «Who Wrote
MLE-Haus – 19.00
the Book of Love?» auf. Wir freuen uns auf euer
Kommen!

ContACT
FR
ContACT 2010
07 Luzern: KKL und Radisson SAS
MI SLESS
Fiesta
Ein Recruitingevent mit dem Ziel, Studierende
19 MLE-Haus – 18.00
mit herausragenden Unternehmen in Kontakt zu
bringen. Eine Mischung aus «Case-Studies» und
«Socialising Event». MO prisma
Ausgabe 328 liegt auf
Anmeldung unter www.cont-act.ch
24 HSG

MO Studententheater
«Tote ohne Begräbnis» netz+ - HSG Women
10 DO
Womens Talk
27
Grabenhalle – 20.00
Premiere: Sartres «Tote ohne Begräbnis» – eine
Bodanstrasse 8 – 18.00 bis 21.00
Tragödie über den Glauben an die grosse Sache, «Führung in Wirtschaft und Wissenschaft».
das Scheitern und die Angst vor dem Tod. Wei- Wollten Sie schon immer wissen, welche He-
tere Termine: 12., 16. & 17. Mai. Karten auf www. rausforderungen mit Führung verbunden sind
studententheater.ch und wie erfolgreiche Frauen diese meistern? An-
meldung bis am 13. Mai bei netzplus@unisg.ch

DI Consulting Club & Bain & Company


Excel Training
11 09-115 – 16.00 bis 19.00
Improve your excel skills with experts from Bain
& Company! Become a member of the Consulting
Club to apply for this and other exclusive work-

@
shops! www.consultingclub.ch/membership

Unigay prisma-hsg.ch
get2gether
Nuts-Bar – 20.30
Kurzfrisige Änderungen und die neusten Ter-
mine findest du auf dem prisma-Blog!

A 9 prisma – April 2010


riere bereits frühzeitig fördern wollen, nächsten Semester bei uns einbringen
sind Sie bei unserem «Peer Mentoring» möchtest, melde dich am besten per E-
genau richtig. Mail an studententheater@myunisg.ch
Mehr Informationen zu unseren An- bei uns. Wir laden dich gerne zu einem
geboten finden Sie auf www.netzplus. unserer wöchentlichen Meetings ein.
HSG Alumni im Web 2.0 unisg.ch Weitere Infos findest du auf www.stu-
HSG Alumni, die offizielle Ehe- dententheater.ch
maligenorganisation der Universität
St. Gallen, ist seit kurzem in den be-
liebtesten sozialen Netzwerken des Web
2.0 präsent. Auch Studierende sind herz- An Segelbegeisterte
lich eingeladen, den Gruppen auf Face- Der Winter ist langsam zu Ende, Luft
book, LinkedIn, Twitter und Xing beizu- und Wasser erreichen zweistellige Tem- Freude am Singen?
treten. HSG Alumni veröffentlicht darin peraturen und die Vorfreude auf unver- Seit 20 Jahren begeistert der Uni-
regelmässig Aktuelles von der Universi- gessliche Stunden bei Wind und Wellen Chor nun schon seine Zuhörer. Mit
tät und aus dem Alumni-Netzwerk. Dazu steigt. St. Gallen Sailing bietet dieses Jahr einem neuen Programm jedes Semester
gehören Ankündigungen von Events an Freizeitsegeln mit verschiedenen Events bietet dir diese Gemeinschaft eine tolle
der HSG und von HSG Alumni, aktuelle auf dem Bodensee an, und wie bereits Abwechslung zum Unialltag. Dieses Se-
Forschungsergebnisse und Nachrichten zur Gewohnheit geworden, wird das mester werden wir, nach unserem gros-
aus den Instituten und Centers. Du fin- Raceteam spannende Wettkämpfe im sen Konzert vor Weihnachten mit dem
dest uns unter folgenden Links: In- und Ausland bestreiten. Ein absolu- Uni Orchester, in dem wir von Händel
• h t t p : / / w w w . f a c e b o o k . c o m / tes Novum ist die D-Schein-Ausbildung, und Haydn gesungen haben, Zeitge-
HSGAlumni die St. Gallen Sailing in Kooperation mit nössisches aufführen. Bei uns kannst du
• h t t p : / / w w w . l i n k e d i n . c o m / einem Partner am Bodensee in Eigenre- deine Talente schulen und weiterbilden.
groups?gid=36759 gie zum ersten Mal durchführt. Bei uns triffst du Sangesbegeisterte aller
• http://twitter.com/HSG_Alumni Lust am Wassersport, Interesse an Jahrgänge – Assessmentstudenten wie
• http://www.xing.com/net/hsgalumni Boot-gegen-Boot-Fights bei Regatten Doktoranden. Bei uns hast du Spass und
Wir freuen uns auf deinen Beitritt! oder Spass am Sonnenuntergangs-Re- kannst dein Hobby ausüben. Bei Inte-
laxen auf dem Bodensee mit anschlies- resse findest du weitere Informationen
sender Grillparty? Dann laden wir dich auf unserer Internetseite: www.unichor.
herzlich zu unseren Events ein. Weitere ch. Wir freuen uns über jeden engagier-
Informationen findest du auf unserer ten Sänger und jede Sängerin!
Website (www.stgallen-sailing.org) oder
in unserer Facebook-Gruppe.

netz+: nur für HSG-Frauen Die Sporthalle rückt näher!


«netz+ - HSG Women» fördert als Regierungsrat Stefan Kölliker, in
universitätsinterne Stelle die Karriere seiner Funktion als Erziehungsdirek-
von Frauen. Auch in diesem Semester tor des Kantons St. Gallen und auch als
bieten wir interessante Vernetzungsan- Präsident des Universitätsrates, hat den
lässe, Kurse und Förderprogramme an! Entschluss bestätigt, dass das Lehrpro-
Sehen Sie in der erfolgreichen Perso- visorium ab Sommer 2010 definitiv für
nalführung einen Ihrer grossen zukünf- die Sportnutzung umgebaut wird. So-
tigen Tätigkeitsbereiche und möchten Studententheater St. Gallen mit rückt die Dreifachsporthalle für alle
sich gerne einmal im persönlichen Rah- «Schauspielerei ist der perfekte Aus- Bewegungshungrigen und Sportinteres-
men mit Ihren brennendsten Fragen zu gleich zum kopflastigen HSG-Studium.» sierten in greifbare Nähe. Ab Mitte 2011
diesem Thema beschäftigen? Dann bie- Gemäss diesem Motto bereichern wir soll sie für den Sportbetrieb nutzbar
tet unser «Women‘s Talk» zum Thema schon seit über 25 Jahren das kulturelle sein.
Führung in Wirtschaft und Wissenschaft Leben der Uni in jedem Frühlingsseme- Bis es so weit ist, bietet Unisport
die optimale Gelegenheit dazu. Nutzen ster mit einer grossen Theaterprodukti- weiterhin eine Vielzahl von Trainings
Sie zur erfolgreichen Erweiterung Ihres on. Dabei kümmern wir uns selbst um und Veranstaltungen vorwiegend auf
Netzwerkes unser exklusives «Dinner Stückauswahl, Produktion, Finanzen, und in vielen externen Sportanlagen an.
hoch 4» oder bereiten Sie sich optimal Marketing, Regie – und natürlich auch Auf dem HSG-Areal finden demnächst
auf Ihre nächste Lohnverhandlung vor, um die Schauspielerei. Im Herbstse- ein Beachvolleyballturnier, die Fussball-
wenn es heisst «verdienen, was ich ver- mester bringen wir in der Regel kleinere meisterschaft und das Tenniskurs-Tur-
diene». Produktionen auf die Bühne, die jedoch nier statt. Details wie immer unter www.
Wenn Sie sich mit dem Gedanken nicht weniger Spass machen. Falls du sport.unisg.ch – Sport also on campus
an eine wissenschaftliche Laufbahn be- deine schauspielerischen, kreativen und auch vor der eigenen Haustüre.
schäftigen und Ihre akademische Kar- oder organisatorischen Fähigkeiten im

10 prisma – April 2010


A
S tudentenschaft
12 Chance vertan…

13 BuddySystem – What’s up?

14 Auf in den Wahlkampf!

«Groovy, Sticky, Straight & Hot»


Kommentar des
Präsidenten
Chance
vertan…

V iel ist in den letzten Wochen und


Monaten zu hören gewesen: «Über-
füllung», «unhaltbare Zustände», «Platz-
Ein – wie wir dachten – sehr guter
Gedanke, ganz in der Tradition eines
fairen und offenen Diskurses, wie ihn
darüber? Ohne unterstellen zu wollen,
dass unsere Studierendengeneration
desinteressiert ist oder wir uns eher mit
krieg im Audimax», um nur einige die HSG immer gepflegt hat. Was könnte uns selbst als der universitären Gemein-
Schlagworte zu nennen. interessanter sein für Studierende, die schaft unserer Alma Mater beschäftigen:
sich permanent in völlig überfüllte Ein fader Nachgeschmack bleibt.
Die Studentenschaft beschäftigt Hörsäle quetschen müssen, als einmal
sich sehr intensiv mit dem Thema Platz- direkt ihren Missmut, aber auch ihre Zumindest inhaltlich hielt die Dis-
mangel. Um nicht immer Interessens- Lösungsideen an die Verantwortlichen kussion jedoch, was sie versprach. Den
vertretung hinter verschlossenen Türen weiterzugeben? Aber: Die erschienenen wenigen anwesenden Studierenden
durchzuführen und um gleichzeitig dem Studierenden liessen sich problemlos an wurden viele interessante Einblicke ge-
Bedürfnis der Studierenden nach mehr zwei Händen abzählen. geben. So ist beispielsweise eine paral-
Information und Transparenz Rech- lele Führung mehrerer Gruppen auf der
nung zu tragen, kam die Idee auf, eine Ist das Thema denn uninteressant Assessmentstufe geplant, so dass Über-
öffentliche Diskussionsrunde mit den und wir Studierenden beschäftigen uns tragungen hinfällig würden. Auch die
Verantwortlichen der Universität, Ver- nicht damit? Mitnichten: Wenn Räu- Planungen über die nächste Ausbau-
waltungsdirektor Markus Brönnimann me eine Stunde vor Unterrichtsbeginn stufe der HSG werden angegangen und
und «Prorektor Lehre» Prof. Thomas überfüllt sind und Stühle zum Zuhören konkretisiert. Doch sind dies letztlich
Dyllick, zu veranstalten. So sollte den auf den Gang gestellt werden, kann dies wieder Erfolge einer Interessenvertre-
Studierenden die Chance gegeben wer- kaum der Grund sein. Warum also prä- tung, die lediglich im stillen Kämmer-
den, ihr Feedback, ihre Kritik und ihre sentierte sich die Studierendenschaft, chen stattfindet. Aber vielleicht ist dies
Anregungen zu dem Thema direkt bei die sonst immer sehr schnell ist, wenn es ja doch das, was die Studierenden an der
den höchsten zuständigen Stellen loszu- um Beschwerden und Kritik geht, derart HSG bevorzugen…
werden oder einfach nachzufragen, was uninteressiert an einer konstruktiven Sebastian Bekemeier,
geplant ist. Lösung oder zumindest einer Diskussion Präsident der Studentenschaft

12 prisma – April 2010


S
BuddySystem – What’s up?

Was machen wir? Erfahrungsbericht Buddy Erfahrungsberichte BuddyBaby

W ir bieten den rund 450 Aus-


tauschstudierenden pro Jahr eine
soziale und kulturelle Plattform wäh-
Stefan Schwitter, Schweiz:
«Den Entscheid, am BuddySystem
teilzunehmen, fällte ich, als ich bemerk-
Lindsay Sugimoto, USA:
«Coming to St. Gallen, the Buddy-
System really made my experience ab-
rend ihres Semesters an der HSG. Klar- te, dass die Austauschstudenten nach road unique and memorable. The best
text: Wir organisieren eine Startwoche, einem halben Jahr fast mehr von der way to understand the place you’re stu-
verschiedene Events während des Se- Schweiz gesehen hatten als ich in mei- dying in is getting to know the people.
mesters, damit die Exchange-Students nen zwanzig Jahren. Im BuddySystem The BuddySystem offered various events
die Schweiz besser kennen lernen kön- lerne ich interessante Leute aus ver- throughout my exchange that allowed
nen, und vermitteln Sprachpartner. schiedenen Ländern kennen, gehe mit me to meet people within my exchange
ihnen feiern und frische dabei die ein- and also HSG students. I definitely would
Bei uns läuft immer was, egal ob gerosteten Englischkenntnisse auf. Ein not have had as great of a time had it not
International Dinner, Städtetrips, Ski- Highlight im Programm ist das Interna- been for them.»
wochenende, Tandem, Bowling, Fon- tional Dinner, bei welchem jeder etwas
due Night, Bierbrauerei, Schlittschuh- aus seinem Heimatland kocht, was dann Amélie Pion, Kanada:
laufen oder Farewell Party! Wir suchen auf einem riesigen Buffet aufgestellt «I really appreciated the fact that
nun zwei neue Teammitglieder, die ab wird! Man sollte sich jedoch beeilen, das as soon as I arrived to St. Gallen, many
Mai bereit sind, für mindestens ein Jahr Buffet ist normalerweise in wenigen Mi- social activities were organized by the
beim BuddySystem ein unvergessliches nuten leergegessen ...» BuddySystem and I truly felt welcomed
Programm für die Austauschstudenten and integrated.»
zu organisieren. Wir suchen ausserdem jedes Seme-
ster über 100 Buddies, die sich freiwil- Vicky Kwow, Hong Kong:
Übernimmst du gerne Verantwor- lig in kleinen Gruppen um jeweils drei «The tours that the BuddySystem or-
tung, bist neugierig auf andere Kulturen, bis vier Austauschstudenten kümmern. ganized were great to meet new friends
organisierst Anlässe und möchtest mit Ihr beantwortet ihre Fragen, gebt Rei- and in exploring parts of Switzerland
ausländischen Studierenden hier an der setipps, nehmt sie mit zu WG-Partys, that I wouldn’t have travelled to by my-
Uni in Kontakt kommen? Melde dich bis macht einen Ausflug oder trefft sie ein- self.»
zum Sonntag, den 25. April 2010, mit Le- fach mal zum Essen. Selbstverständlich
benslauf und Motivationsschreiben bei seid ihr auch an alle unsere Anlässe ein-
buddysystem@myunisg.ch oder wende geladen.
dich an die BuddySystem-Teammit-
glieder in den roten Hosen im B-Foyer. Anmelden könnt ihr euch unter buddysystem@myunisg.ch oder am Stand
im B-Foyer: Bitte gebt Länderpräferenzen, eure Semesterzahl und Major so-
Linda König & Lukas Troxler wie gewünschte Mitbuddies bis 29. Mai an.

S 13 prisma – April 2010


Auf in den Wahlkampf!
Wer wird neu in den Vorstand der Studentenschaft
gewählt? Wer wird Präsidentin oder Präsident? Wer
soll unsere Interessen im Studentenparlament vertre-
ten? Vom 26. bis 29. April entscheiden wir mit über die
Zukunft unserer Uni.

E s ist wahrscheinlich, dass die Belange


der Studentenschaft nicht zuoberst
auf der Prioritätenliste eines jeden Stu-
nungen und Anliegen der Studierenden
hoch ein.» Deshalb ist es nur logisch,
sich zweimal zu überlegen, wen man
renden an die Universitätsleitung he-
rangetragen werden.

dierenden stehen. Gerade darum sind in den Vorstand der Studentenschaft Nun liegt es an uns, die Interessen-
die Wahlen des SHSG-Vorstandes die und in das Studentenparlament wäh- vertretung für einmal selber in die Hand
beste Möglichkeit, sich einmal pro Jahr len möchte. Besonders da diese beiden zu nehmen. Mit kleinem Aufwand wird
um die Geschicke unserer Studenten- Organe die offizielle Meinung der ge- viel bewirkt. Abstimmen könnt ihr vom
vertretung zu kümmern. «Unterschätzt samten Studierendenschaft festlegen 26. April ab 06:00 Uhr bis zum 29. April
den Einfluss nicht, den wir bei Entschei- und vertreten. Hier wird entschieden, um 18:00 Uhr unter www.myunisg/
dungen der Universitätsleitung haben», welche Forderungen und Haltungen zu wahlen oder an der Urne im B-Gebäude.
meint Christian Funk, amtierender Vor- Themen wie Platzproblemen, Prüfungs- Auf in den (Wahl-)Kampf!
stand des Ressorts Lehre. «Das Rektorat design, Internationalisierung, Lehr- und
und viele Professoren schätzen die Mei- Freizeitangebot von Seiten der Studie- Annina Bosshard

«Groovy, Sticky, Straight & Hot»


Jazz an der Uni bringt Groovepack an die HSG
S o stellt man sich eine Party in einem
verruchten New Yorker Nachtklub
vor», schreibt die Basler Zeitung über
längst zu einer der Top-Funk-Formati-
onen der Schweiz gemacht. Bei mehr als
100 Konzerten in Musikklubs, auf Open
Mal kurz reinhören und anschau-
en? Eine kleine Kostprobe von Groove-
pack liefert der SF-Mitschnitt ihres Auf-
die Jazz-Band Groovepack. Am 22. April Airs und Festivals haben die Basler tritts bei der AVO-Session, siehe: www.
kommt herrlich fetziger Funk, Gute- jede Menge Erfahrung gesammelt und groovepack.ch. Live grooven könnt ihr
Laune-Blues und Soul at its best an die werden auch an der Uni St. Gallen für dann am 22. April, ab 20 Uhr, in der A-
Uni. Mitreissende Spiellaune, Improvi- gelockerte Hüften, schnipsende Finger Mensa.
sationstalent und Profiqualität haben und rhythmisch nickende Köpfe garan-
das Quintett mit Frontmann Steff Müller tieren. Fabia Pfromm

14 prisma – April 2010


S
C ampus
16 Prüfungsrelevant!
18 Wirtschaftsjournalismus auf Masterstufe
20 Die Studienaktie – AAA Rating?
22 Lieber Joe
24 Tote ohne Begräbnis
25 Liberté, Egalité ... vraiment?
26 StartUp Weekend Zürich
Prüfungsrelevant!
Noten und Prüfungen gehören zu den beliebtesten
Gesprächsthemen an der HSG. Trotzdem weiss kaum
einer wirklich Bescheid. prisma hat sich erkundigt.
Jeffrey.Voegeli@student.unisg.ch
Chefredaktor

J ohannes Rüegg-Stürm mag seinen


Job. Das wird deutlich, wenn er leb-
haft von seiner Arbeit erzählt und von
Beim Gespräch mit Professor Mastro-
nardi wird allerdings deutlich, dass es
grosse Unterschiede zwischen den Do-
Numerus clausus bei den Wirtschafts-
wissenschaften aus rechtlichen und po-
litischen Gründen nicht möglich ist, ist
seinen Bemühungen, auf allen Ebenen zierenden gibt. Während der Jurist jede es müssig, über Vor- und Nachteile die-
interessante Kurse mit aktuellen Inhal- Vorlesung lang im Voraus plant und sehr ser Methode zu spekulieren. Vermutlich
ten anzubieten. Trotz dieser Anstren- systematisch vorgeht, verfolgen einige bleibt das Assessmentjahr die am we-
gungen steht er in der Kritik. Bei der As- seiner Kollegen einen eher studentisch nigsten schlechte Methode. Laut Profes-
sessmentprüfung in BWL diesen Winter anmutenden Ansatz. Da wird scheinbar sor Mastronardi gehört das Assessment
hat er sich entschieden, das Konzept der schon mal eine Nachtschicht eingelegt, der HSG neben dem der ETH zu den
Triple Bottom Line vertieft abzufragen. damit eine Prüfung oder ein Merkblatt härtesten der Schweiz. Die Qualität der
Seitdem erhält er Schmähmails von all zum Termin fertig wird. Studierenden sollte demnach sehr hoch
den Studenten, die den Begriff davor sein – zumindest theoretisch.
noch nie gehört hatten. Doch wie kam Am unangenehmsten, für Dozenten
er auf die Idee, ausgerechnet aus einem wie Studierende, ist das Assessmentjahr. Und dann am Ende …
Gastvortrag ohne Folien die wichtigste Mastronardi meint zwar, ihm sei jede Allerdings ist die Planung und
Frage der Prüfung zu gestalten? Vorlesung gleich viel wert. Rüegg-Stürm Durchführung eines Kurses nur ein Teil
sagt aber offen, dass es auf Masterstufe der Arbeit. Etwa noch einmal so viel Zeit
Vielleicht ist es eine Mischung aus oder bei den Managementseminaren, wird auf die Prüfung verwendet. Da hier
Enthusiasmus und Naivität. Man glaubt die einen integralen Bestandteil der Fi- für manchen das Studium oder (ver-
dem Professor ohne weiteres, dass der nanzierung der Institute bilden, inte- meintlich) die ganze Karriere auf dem
Gastvortrag von Herrn Kunz eine der ressanter zugeht. Das liegt zum einen Spiel steht, ist dieser Aufwand gerecht-
interessantesten Vorlesungen des Se- daran, dass den Studierenden im ersten fertigt. Welche Emotionen eine Prüfung
mesters war. Nur hören die Studieren- Semester noch nicht viel eigene Den- auslösen kann, hat sich deutlich auch
den oft nicht zu, solange man nicht dick kleistung zugemutet wird. Ausserdem an der oben erwähnten BWL-Klausur
hinschreibt, dass der behandelte Stoff sind die didaktischen Bedingungen auf gezeigt. Doch wie kommt eine Prüfung
prüfungsrelevant ist. Rüegg-Stürm hätte Masterstufe weit besser – es ist unmög- zustande? Und woran liegt es, dass so
erwartet, dass diejenigen Studierenden, lich, mit über tausend Leuten eine Dis- viele Prüfungen fehlerhaft sind oder von
die den Vortrag – aus welchen Grunden kussion zu führen. Auch die Übungen in den Studierenden als unfair empfunden
auch immer – verpasst haben, sich von kleineren Gruppen werden zunehmend werden?
ihren Kollegen die Notizen kopieren. standardisiert. Wo früher noch hin und
wieder ein Praktiker mit der Schilde- Schon Mitte des Semesters müssen
Die Planung des Semesters rung eines selbst erlebten Beispiels be- die Professoren ihre Prüfungen an das
Doch wie kommt so ein Semester geisterte, müssen heute alle Studenten Studiensekretariat einreichen. Jedes
überhaupt zustande? Bei einem regel- mit identischen Fällen möglichst gleich- Institut versucht wohl sicherzustellen,
mässig stattfindenden Kurs läuft ein mässig auf die Prüfung vorbereitet wer- dass die Prüfungen fair und ausgegli-
ständiger Verbesserungsprozess, der die den. Dementsprechend ist eine sorg- chen sind. Dazu wird zum Beispiel die
Evaluation des vergangenen Semesters fältige Planung und Abstimmung aller Prüfung in Bundesstaatsrecht zuerst
und Entwicklungen in der Forschung zu Veranstaltungen durch die Beteiligten von einem Assistenten gelöst, welcher
integrieren sucht. Dabei ist nach dem wichtig. «Zum Glück», sagt Professor dann Feedback zur Verständlichkeit
Semester immer auch vor dem Semes- Rüegg-Stürm, «bilden die Übungsleiter der Fragen gibt. In einer zweiten Runde
ter. Die Ergebnisse der Prüfung und die ein sehr gutes Team und kennen sich wird die Prüfung noch vom Institut für
Evaluation müssen ausgewertet und untereinander.» Wirtschaftspädagogik überprüft. Diese
allfällige Verbesserungen vorgenom- Dienstleistung steht für alle Prüfungen
men werden. Dies ist besonders bei Doch die Assessmentstufe bleibt ein zur Verfügung. Probleme scheint es im-
den grossen Pflichtfächern wichtig, da Problem. Für die Qualität der Universität mer dann zu geben, wenn etwas Überra-
Änderungen auch von allen Übungslei- ist es unabdingbar, die stetig wachsende schendes an der Prüfung abgefragt wird
terInnen verinnerlicht werden müssen. Zahl der Studierenden zu filtern. Da ein oder wenn ein Fach neu konzipiert ist.

16 prisma – April 2010


C
K
Kommentar

Doch das wahre Theater fängt an,


wenn die Studierenden auf eine schwie-
rige Prüfung keine gute Note erhalten.
Notenskala anzuwenden. Das heisst, der
Unterschied zwischen einer Drei und ei-
ner Vier dürfte nicht grösser sein als der
P rüfungen sind deshalb so scheuss-
lich, weil der grösste Trottel mehr
fragen kann, als der klügste Mensch
Denn die Notengestaltung ist das Ele- Unterschied zwischen einer Fünf und zu beantworten vermag», meinte einst
ment, das im ganzen Prozess am we- einer Sechs. Scheinbar halten sich viele Charles Colton (1780–1832). Der bri-
nigsten geregelt ist. Thomas Dyllick, nicht daran, sondern sorgen dafür, dass tische Priester wusste sicher, wovon er
Prorektor für Lehre, begründet dies mit Durchfallen beinahe unmöglich wird. sprach, denn er hatte am berühmten
der Lehr- und Forschungsfreiheit, die Eton College bei Windsor studiert,
es der Uni nicht erlaube, in die Noten- Die Lösung ist – auch in den Augen war leidenschaftlicher Weinsammler
gestaltung einzugreifen. Das ist einer- von Mastronardi – klar: Die Universität und erfolgreicher Rebhuhnjäger (das
seits lobenswert, denn viele Studenten muss Transparenz schaffen und zu- Federvieh wurde, nebenbei bemerkt,
fürchten sich vor vorgegebenen Durch- mindest für die jeweiligen Studienrich- vom Naturschutzbund Deutschland
fallquoten gerade bei Assessmentprü- tungen den Notendurchschnitt öffent- e.V. zum Vogel des Jahres 1991 gekürt).
fungen. Die Nachteile dieser Einschrän- lich machen. Zudem muss den Dozenten Doch Colton hatte hohe Spielschulden,
kungen sind jedoch offensichtlich. Die der Rücken gestärkt werden, wenn sie wurde krank und brachte sich schliess-
Professoren, welche – so Dyllick – oft sich mit Rekursen und Beschwerden lich um, weil er sich vor einer Opera-
«gute Menschen» sind, fürchten sich vor konfrontiert sehen. Nach dem vorherr- tion und vor den Schuldeneintreibern
Rekursen und benoten insbesondere schenden System wird zudem der Mehr- fürchtete.
auf Masterstufe zu hoch. Dies führt zum aufwand, der beispielsweise durch das
Beispiel dazu, dass der Schnitt der Ma- Korrigieren einer Arbeit entsteht, nicht Was lernen wir daraus? In etwa
sterprüfungen im Herbstsemester 2008 honoriert. Dadurch werden simple Prü- genauso wenig wie bei den Prüfungen
eine ganze Note über dem des Assess- fungsformen begünstigt und eine diffe- an der HSG. Insbesondere im Assess-
ments lag. Natürlich lässt sich das zum renzierte Bewertung der Studierenden ment geht es fast ausschliesslich da-
Teil mit den vielen Assessis begründen, wird erschwert. rum, möglichst viel Materie auswendig
die in Herbstsemester 2008 ihre ersten zu lernen, wortgetreu wiederzugeben
und letzten Prüfungen geschrieben ha- Es wird nie möglich sein, mit einer und anschliessend zu vergessen. Erfolg
ben. Trotzdem scheint der Unterschied Prüfung alle glücklich zu machen. Das hat, wer an der Prüfung die Montage-
sehr gross. Ziel ist aber auch, die Leistung der Stu- und Fertigungstypen des Leistungser-
dierenden zu überprüfen und zu bewer- stellungsprozesses lückenlos aufzäh-
Dieses Problem der zu hohen No- ten. Die erwähnte BWL-Prüfung zeigt len kann. Nur die besten Wiederkäuer
ten wäre halb so schlimm, wenn es alle mit einem Schnitt von 3.84 eine untere der grünen Bibel kommen ins näch-
Studierenden gleichermassen betref- Grenze auf. Die Durchschnittsnoten ste Semester – da behaupte noch ei-
fen würde. In der Tat sind es jedoch vor von über fünf auf Masterstufe sind aber ner, die Kühe auf der Weide vor dem
allem die nicht quantitativen BWL-Stu- auch keine Antwort. Wichtig ist letztlich, Provisorium würden nicht zur HSG
diengänge, in denen die Studierenden dass möglichst genau das Können der passen. Wie beruhigend, dass diese
bereits bei einer fünf über eine schlechte Geprüften reflektiert wird. Das ist oh- Studierenden bald an der Spitze von
Note klagen. Auch Professor Mastronardi nehin nur möglich, wenn die Uni einen Schweizer Wirtschaft und Politik ste-
bestätigt, dass bei den Juristen die Breite Weg findet, die Eigenleistung der Stu- hen könnten. Bleibt nur zu hoffen, dass
der Notenskala im Allgemeinen besser dierenden zu vergleichen. Das bedingt, die Uni rechtzeitig auf anspruchsvolle
genutzt wird. Der Erklärungsversuch dass Letztere von den Professoren nicht und sinnreiche Prüfungsformen setzt,
von Prorektor Dyllick, die Studierenden gute Noten, sondern guten Inhalt for- anstatt weiterhin nur dumpfes Erin-
hätten in bestimmten Masterprogram- dern. Und dass diese wiederum Unter- nerungsvermögen zu fördern.
men höhere Ansprüche an sich selbst stützung für alternative Prüfungsformen Luc-Etienne Fauquex
und müssten auch kritischeren Arbeit- erfahren, besonders auch in den stark
gebern genügen, überzeugt wenig. gewichteten Hauptfächern.
Laut Mastronardi wären die Do-
zenten eigentlich gefordert, eine lineare

C 17 prisma – April 2010


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18 prisma – April 2010
C
Wirtschaftsjournalismus
auf Masterstufe
Für alle Medieninteressierte: Ab diesem
Herbstsemester wird an der HSG neu die
Zusatzqualifikation Wirtschaftsjournalismus
auf Masterstufe angeboten.

D as Highlight der Zusatzausbildung


Wirtschaftsjournalismus ist ein
zweiwöchiges Praktikum bei einem
Wieso
mus?
Wirtschaftsjournalis-
Ein Journalismuslehrgang an der
das Wissen über die Funktionsweise der
Medien von grossem Nutzen sein kann.
Angesichts der Tatsache, dass Lehr-
Partnermedium, wo die Teilnehmer HSG ist nicht unbedingt eine nahelie- stühle für Journalismus eher dünn gesät
erste Erfahrungen sammeln. Bisher gende Kombination. Tobias Heinisch, sind, stellt das neue Lehrprogramm für
konnten bereits drei Partner gefunden administrativer Leiter des Lehrpro- die HSG-Studierenden eine Chance dar.
werden: die Handelszeitung, das St. gramms, sieht jedoch verschiedene Es wird sich zeigen, wie gross das Inte-
Galler Tagblatt und der Tages-Anzeiger. Gründe darin, weshalb ein solcher Mix resse daran sein wird.
In Verhandlungen steht man mit Part- Sinn macht. Einerseits steige die Nach-
nern im Bereich Radio und Fernsehen, frage nach wirtschaftlichem Fachwissen Interesse geweckt?
um das ganze Spektrum der Medien ab- in den Medien stetig. Es gibt allerdings Falls du dich angesprochen fühlst,
decken zu können. Die Organisatoren nicht viele Journalisten, die hinter die kannst du dich noch bis am 30. April für
haben ebenfalls bei der Wahl der Do- komplexen Abläufe der Wirtschafts- den Journalismuslehrgang bewerben.
zenten Wert auf Praxisnähe gelegt. Die bühne sehen können. Auf der ande- Es werden 30 Studierende zugelassen
Studenten werden unter anderem von ren Seite kann das Erklären ebendieser und die Bewerbungsunterlagen müssen
Markus Gisler unterrichtet, Betriebsöko- komplexen Zusammenhänge für reine deinen Lebenslauf, deinen Bachelor-
nom und langjähriger Chefredaktor von Ökonomen eine Schwierigkeit darstel- Notenauszug und ein Motivationsschrei-
verschiedenen Zeitungen. Mit von der len. Das einfache Schreiben will eben ben enthalten. Das Lehrprogramm kann
Partie ist auch Prof. Dr. Stephan Russ- auch gelernt sein. Es sind jedoch nicht jeweils nur im Herbstsemester begon-
Mohl, der als Professor für Kommunika- nur zukünftige Journalisten, welche die nen werden. Das Anmeldeformular
tionswissenschaften an der Universität Zusatzqualifikation ansprechen soll. Ein sowie weitere Infos zum Lehrprogramm
Lugano tätig ist und das Europäische anderes Tätigkeitsfeld sind Kommunika- findet ihr auf www.lwj.unisg.ch.
Journalismus-Observatorium leitet. tionsabteilungen in Unternehmen, wo Desirée Germann

Kurse des Lehrgangs


• Einführung in den Wirtschaftsjournalismus 3 ECTS, Reflexionskom-
petenz

• Medien- und Kommunikationsmanagement 4 ECTS, Wahlfach

• Werkstatt I: Recherchieren und Schreiben 3 ECTS, Handlungskompe-


tenz

• PR-Strategien von Unternehmen und Institutionen 3 ECTS, Refle-


xionskompetenz

• Recht und Ethik 3 ECTS, Reflexionskompetenz

• Werkstatt II: Integrationsseminar 3 ECTS, Handlungskompetenz

C 19 prisma – April 2010


Die Studienaktie – AAA Rating?
Ohne reiche Eltern bleibt zur Finanzierung des Studiums
faktisch nur der Seelenverkauf. Ein gemeinnütziger Verein
bietet eine Lösung ohne Höllengang. Mit studienaktie.org
wird Bildungsfinanzierung zur rentablen Investition.

Luc-Etienne.Fauquex@student.unisg.ch Raffael.Hirt@student.unisg.ch
Ressortleiter Campus Ressortleiter Aktuell

D ie Situation für Stipendien in der


Schweiz ist problematisch. Vom
Bund kommt nur sporadische Unter-
Rückzahlungszeitpunkt. Für die Studie-
renden entsteht ein Anreiz, die Summe
möglichst schnell zurückzuzahlen; die
Zwar wurden von verschiedenen
Seiten ethische Bedenken geäussert.
Kritiker verglichen das Modell von stu-
stützung. Im Übrigen treibt der Kan- Investorenseite soll durch die jährliche dienaktie.org sogar mit Organhandel
tönligeist sein Unwesen: Jeder Kanton Zinsaddierung von der vorzeitigen Be- und Sklaverei. Etwas moderater fragte
entscheidet über Anzahl und Höhe der endigung des Verhältnisses abgehalten prisma nach, ob die Initiative nicht zur
Stipendien – dabei gibt es krasse Unter- werden. Mit diesem Investment ist ein Elitenförderung tendiere. «Eben gerade
schiede. Insgesamt werden die Summen gewisses Risiko verbunden, das sich nicht», erwidert Lars Stein, Präsident
für Stipendien immer kleiner. Daher jedoch unter Umständen auszahlt. Ist von studienaktie.org, «es werden nicht
sehen viele Studierende keinen anderen nämlich das zukünftige Gehalt des As- nur universitäre Projekte unterstützt.»
Ausweg, als sich zur Finanzierung ihres piranten höher als im mit Unterstützung Zum Beispiel fand der Lebenstraum
Studiums zu verschulden oder auf ande- von studienaktie.org erstellten Lebens- eines Schreiners Unterstützung: Er in-
ren Wegen zu Geld zu kommen. entwurf berechnet, erhöht sich die jähr- teressierte sich schon immer für Aku-
liche Rendite. punktur und kann sich nun in Kinesio-
Seit Neuestem bietet sich eine pri- logie weiterbilden.
vate Alternative an. Der gemeinnützige Allerdings steht für viele Investoren
Verein studienaktie.org ermöglicht es der finanzielle Aspekt nicht an erster Studienaktie.org bietet somit indi-
Studierenden, die Finanzierung ihres Stelle. Einerseits können sie ihre Erfah- viduelle, massgeschneiderte Lösungen
Studiums mit Hilfe von Aktien zu si- rungen in das Bildungsprojekt einflies- für Bildungswillige an, die nicht über die
chern. Nach Abschluss des Bildungs- sen lassen und geniessen den persön- nötigen finanziellen Mittel verfügen. Für
projektes lassen sie die Investoren an lichen Austausch mit den Aspiranten. Studierende stellt die Initiative eine un-
ihrem Erfolg teilhaben. Ein langfristiger Andererseits haben sie die Gewissheit, ternehmerische Ergänzung zum lücken-
Vertrag mit einer jährlichen Rendite bin- ihr Geld in einem nachhaltigen und haften schweizerischen Stipendiensy-
det nämlich Investoren und so genannte gesellschaftstragenden Modell angelegt stem dar.
Aspiranten bis zu einem vereinbarten zu haben.

20 prisma – April 2010


C
Interview mit Lars Stein
Lars, du giltst als «geistiger Vater» von meinhin glaubt. Sich damit zu «outen»,
studienaktie.org. Wie kam dir die Idee? fällt aber nicht leicht – das weiss ich aus
Ich habe im Laufe meines Lizen- eigener Erfahrung. Wir sind froh, wenn
tiats an der HSG gemerkt, dass mir das die Leute sich bei uns melden und wir
Geld etwas knapp wurde. Da überlegte helfen können.
ich mir, einigen Bekannten eine Aktie
meines zukünftigen Einkommens zu Was ist die Zukunft des Schweizer Stipen-
verkaufen. Die Rendite berechnete ich dienwesens? Wird studienaktie.org dieses
mit der altbekannten Methode π mal ablösen?
Handgelenk. Bald hatte sich mein Inve- Es gibt zwar Stimmen, die unser
storenkreis auf 15 Leute ausgedehnt und Modell auch auf die staatliche Vergabe
meine Finanzierung war gesichert. von Unterstützung anwenden wollen.
Ich sehe uns allerdings eher als Kom-
Unter den gut betuchten BWL-Studenten plement zu dieser. Meine Vision wäre
warst du damit sicher ein Aussenseiter… ein staatliches Grundeinkommen, von
Ja, möglicherweise. Ich glaube aber, dem sich die Studierenden ihr Studium
dass es an der HSG viel mehr Studieren- finanzieren könnten.
de mit wenig Vermögen gibt, als man ge-

C 21 prisma – April 2010


Hey Joe
D u wirst mich nicht kennen, aber ich kenne Dich. Wir haben einiges gemeinsam und sind doch
so unterschiedlich. Beide dürfen beziehnungsweise durften wir das aussergewöhnliche Privileg
geniessen, an der HSG studentische Höchstleistungen zu vollbringen. Wir haben somit das Um-
feld der unbestreitbar besten Wirtschaftsuniversität Europas (oder gar der Welt? Ich weiss es nicht
mehr) genossen. Wir haben gelernt, gekämpft und uns letztlich durchgesetzt. Tja, nur die Harten
kommen in den Garten. Ich stehe kurz davor, ein HSG-Alumnus zu werden, Du bist es seit
über dreissig Jahren. Und weit mehr als das: Du bist der Vorzeige-Alumnus der HSG. Die
Lichtgestalt unserer Uni. Ein Mythos. Du lebst einen Traum, um den Dich tausende HSG-
Studenten tagtäglich beneiden. Du hast Erfolg, einen krisensicheren Job, schaffst gesellschaftliche
Werte, übernimmst soziale Verantwortung, verdienst ein solides Gehalt und darfst mit der Kanzlerin
im privaten Rahmen dinieren. Okay, beim letzten Punkt hält sich der Neid dann doch in Grenzen.
Aber die Medien und die Menschen lieben Dich. Du bist einfach ein Siegertyp.
Du hast geschafft, was kein anderer vermocht hätte: Du hast im härtesten Krisenjahr seit der
Grossen Depression die Boni für Banker wieder salonfähig gemacht. Dafür möchte ich Dir
höchstpersönlich danken. Das war ein Zeichen zur richtigen Zeit! Du hast uns allen eine
Zukunft geebnet, die golden sein wird. All die Hoffnung, die ich letztes Jahr durch die Wirt-
schaftskrise und Deinen bedauernswerten Verzicht auf Millionen von Euro verloren hatte, hast Du
mir nun wiedergegeben. Du hast mir Mut gemacht und jene Sicherheit geschenkt, die ich brauche,
um zu wissen, dass da draussen in dieser Welt ein Platz ist für uns zukünftige Banker und
Manager. In einer Welt, die hart gezeichnet ist: von der sich schleichend ausweitenden Seuche der
Mindestlöhne, von ins Unermessliche steigenden Sozialleistungen, von horrenden Steuern für Bes-
serverdiener. Kurzum, von spätrömischer Dekadenz.
Aber nun hast Du ein Zeichen gesetzt, das längst überfällig war. Ein Zeichen zur richtigen
Zeit. Mit fast 10 Millionen Euro bekommen Banker endlich wieder das, was ihnen für ihre
harte, lebenslange Aufopferung zusteht!
Dank Dir, lieber Joe, weiss ich jetzt wieder, wo ich hingehöre. Mein Platz ist an Deiner Seite.
Denn wir sind die Elite. Und wir werden zusammenhalten, egal was auch kommen mag!
Dennoch kann ich meine Zweifel nicht ganz ausräumen. Ich frage mich immer noch, was mit
unserer Welt geschieht. Wo sollen uns all der Sozialneid und die Missgunst hinführen? Ist
der Lebensstandard der Elite auf absehbare Zeit nicht mehr gesichert? Ich weiss es nicht und
wende mich deshalb an Dich, denn du wirst immer mein Vorbild sein. Du und Dein gewinnendes
Lächeln.
In stolzer Ergebenheit
Fabian Fechner
22 prisma – April 2010
C
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Tote ohne Begräbnis
Das Studententheater präsentiert seine neueste Produk-
tion: Fünf französische Widerstandskämpfer gegen die
deutsche Besatzung. Sie warten darauf, zwecks Verrats
ihres Anführers gefoltert zu werden.

F rankreich, 1944: Ich bin François


und ich werde sterben. Dies ist mei-
ne Gewissheit. Nun gut, wir alle sterben,
gen ist sie gestorben.
Sorbier: Sie sind alle unsertwegen
gestorben.
François: Wir haben den Befehlen
gehorcht.
Sorbier: Ja.
ich lebe aber in der Gewissheit, in der Canoris (zu François): Du siehst, es François: Sie haben gesagt: «Geht,
Gefangenschaft gefoltert, gemartert und ist besser, nicht zu reden. nehmt das Dorf ein.» Wir haben gesagt:
gelyncht zu werden. Ich sterbe, weil man François: Was denn, wir werden ja «Das ist doch idiotisch. In vierundzwan-
mir idiotische Befehle gege- zig Stunden wissen die Deut-
ben hat, und mein Tod nützt schen Bescheid.» Sie haben
niemandem was, auch nicht geantwortet: «Nehmt das
der Sache. Es wird andere Dorf trotzdem ein.» Und wir
geben, die Sache wird ande- haben gesagt: «Gut.» Und wir
re finden. haben es gemacht. Wo ist da
unsere Schuld?
Seit nunmehr acht Ta- Sorbier: Wir hätten es
gen bin ich Gefangener, eben schaffen müssen.
eingesperrt im Dachboden François: Wir konnten es
einer Schule. Durch eine nicht schaffen.
Luke fällt Licht. Canoris Sorbier: Ich weiss. Wir
und Sorbier sitzen, der eine hätten es trotzdem schaf-
auf einem Koffer, der ande- fen müssen. (Pause) Drei-
re auf einem alten Hocker. hundert. Dreihundert, die
Lucie sitzt auf dem Herd. nicht sterben wollten und
Wir liegen in unseren ei- für nichts gestorben sind. Sie
genen Fäkalien, die Hand- liegen zwischen den Steinen
gelenke aufgeraut von den und die Sonne schwärzt sie;
Handschellen und die Knö- man kann sie sicher von al-
chel zertrümmert. Immer- len Fenstern aus sehen. Un-
während warten wir auf den sertwegen. Unsertwegen gibt
Beginn der eigentlichen es in diesem ganzen Dorf nur
Folter. Werde ich schreien? noch Miliz, Tote und Steine.
Werde ich reden? Es wird hart sein, mit diesen
Schreien in den Ohren zu
Auszug aus dem Stück: krepieren.
Sorbier: Ich denke da- François (schreiend):
ran, wie die Kleine schrie. Lass uns in Ruhe mit deinen
Die Kleine vom Bauernhof. Ich habe sie auch nicht mehr lange machen. Nach- Toten. Ich bin der Jüngste, ich habe nur
schreien hören, als sie uns abführten. her wirst du vielleicht finden, dass sie gehorcht. Ich bin unschuldig. Unschul-
Das Feuer war schon auf der Treppe. Es Schwein gehabt haben. dig! Unschuldig!
sind schon viele gestorben, Kinder und Sorbier: Sie wollten nicht sterben!
Frauen. Aber ich habe sie nicht sterben François: Wollte ich etwa sterben? Sartre, J.-P. (2006), Tote ohne Be-
hören. Bei der Kleinen ist es, als ob sie Das ist doch nicht unsere Schuld, wenn gräbnis, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt
noch immer schreien würde. Ich konnte die Sache schiefgegangen ist.
dieses Schreien nicht für mich behalten. Sorbier: Doch, das ist unsere Marc Iseli
Lucie: Sie war dreizehn. Unsertwe- Schuld.

24 prisma – April 2010


C
Liberté, Egalité ... vraiment?
Der Franzose ist nicht wie wir. Der Franzose ist anders.
Zum Beispiel in der Schule. Während eines Austauschs in
Bordeaux zeigte sich deutlich, dass das französische Bil-
dungssystem einer Revolution bedarf.

F rankreich hat in seiner


Geschichte viele absolu-
tistische Herrscher gesehen:
der Gang an eine der inzwi-
schen zahlreichen Grandes
Ecoles. In den Bereichen
Louis XIV, Napoléon Bona- Wirtschaft und Admini-
parte, Nicolas Sarkozy. Man stration führt kein Weg an
kann daher nicht verleugnen, diesen Schulen vorbei.
dass im Land der Liberté und Doch lassen sich die dor-
Egalité Autorität und Gehor- tigen Studiengebühren von
sam gegenüber der Obrigkeit bis zu 8000 Euro pro Seme-
eine grosse Rolle spielen. Dies ster mit Recht als hoch be-
spiegelt sich in der Art wieder, zeichnen. Darin sind noch
wie an Schulen und Universi- nicht einmal die Kosten für
täten unterrichtet wird. Alle die zwei Jahre classe prépa-
durch die PISA-Studie in Eu- ratoire eingeschlossen.
ropa etablierten Neuerungen Diese muss man absolvie-
im Schulwesen scheinen an ren, um überhaupt eine
Frankreich vorbeigegangen Chance zu haben an solch
zu sein. Gruppenarbeiten in einer Schule aufgenom-
der Klasse? Eigeninitiative men zu werden. Egalité der
der Schüler? Fehlanzeige. Studenten? Vorgetäuscht.
170 Euro im Semester. Hinzu kommen Liberté bei der Wahl der Bildungsstätte?
Bildung wird in Frankreich frontal staatliche Stipendien von 300 bis 800 Stark eingeschränkt.
vermittelt – im Klassenzimmer wie im Euro monatlich, die auch Kindern aus
Hörsaal. Der Professor erzählt seine Ge- finanzschwachen Familien das Studium So führt das französische Bildungs-
schichte und die Studenten schreiben ermöglichen sollen. So weit die Theorie. system dazu, dass Leistungs- und Ver-
ehrfürchtig und scheinbar unreflektiert mögenselite in Frankreich praktisch
mit. Widerspricht man den Thesen des Doch in der Realität kassieren viele Stu- deckungsgleich sind. Alle hochrangigen
Professors, wird man schief angesehen. denten das leistungsunabhängige Sti- Manager und Politiker haben die besten
Fragen sind unerwünscht. Egalité? Li- pendium, gehen nie zur Uni und leben und teuersten Schulen des Landes be-
berté? Kritik an den Aussagen der Leh- auf Kosten des Staates. So reduziert sich sucht. Diese technokratische Prägung
renden wird nicht gern gesehen. Genau- die Zahl der Studenten bis zum dritten durch eine allmächtige Entscheidungs-
so wenig wie Kritik am System. Studienjahr oft bis auf ein Fünftel. Doch elite führt zu einem sozialen Ungleich-
die Egalité strahlt weiterhin über das gewicht, das sich gerade in Krisenzeiten
Universitäten für das gemeine ganze Land. als sehr fragil herausstellen könnte.
Volk
Wenn es um die Frage geht, wer in Grandes Ecoles für die Elite Ja, der Franzose ist anders als wir. Aber
der Grande Nation an einer Universi- Allerdings ist da noch die Sache mit gerade das hat ihn berühmt gemacht:
tät studieren darf, haben die Prinzipien den Grandes Ecoles. Tatsache ist näm- 221 Jahre nach dem Sturm auf die Bastil-
von 1789 noch Gültigkeit. Wer in Frank- lich, dass die Universitäten in Frank- le wäre es an der Zeit, eine Bildungsre-
reich sein Baccaulauréat bestanden reich dem gewaltigen Ansturm schon form zu starten. En avant citoyens, vive
hat, bekommt einen Freifahrtschein für lange nicht mehr standhalten. Das wirkt la révolution!
praktisch jede Universität des Landes. sich negativ auf die Qualität der Lehre
Kein Numerus clausus, keine Aufnah- aus. Wer in diesem Land also wirklich Fabian Fechner
metests, geringe Studiengebühren von etwas werden möchte, dem bleibt nur

C 25 prisma – April 2010


StartUp Weekend Zürich
Vom Freitag, 14. Mai, bis Sonntag, 16. Mai 2010, findet
ein interaktiver Workshop im Technopark Zürich statt.
Rund 100 Studierende aus der ganzen Schweiz erhalten
die Gelegenheit, aus einer Idee ein fertiges Geschäfts-
modell zu entwickeln.

D ie Teilnehmenden werden von


Freitag bis Sonntagabend den ge-
samten Prozess der Schaffung eines
namhaften Jury vorbereitet und stellen
dann ihre Geschäftsmodelle vor. In der
Jury sind unter anderen Markus Schunk,
dabei vorhanden sein. Anmeldung und
aktuelle Informationen sind online un-
ter www.startupweekend.ch verfügbar.
Start-ups durchlaufen, von der Ideen- CFO von Holtzbrinck Digital, und Jean- Anmeldeschluss ist Ende April.
findung bis zur Präsentation eines ferti- Pierre Vuilleumier, Geschäftsführer der
gen Geschäftsmodells. Neben gängigen W.A. de Vigier Stiftung.
Kreativtechniken werden strukturierte Programm
Hilfen zur Entwicklung von Geschäfts- Eine Teilnahme am StartUp Week- Freitagnachmittag: Eröffnung, Ideenfin-
modellen angewendet. Zudem erhalten end lohnt sich für alle innovativen und dung und Präsentation, Teambuilding
die Studierenden von Experten aus der unternehmerisch denkenden Personen
Start-up-Szene punktuelle Unterstüt- mit oder ohne eigener Geschäftsidee. Samstag: Systematik zu Geschäftsmo-
zung in Bereichen wie Finanzierung, Ziel ist es, gemeinsam neue Ideen zu dellen, Coaching durch Fachexperten
Marketing oder generelle Umsetzbar- entwickeln oder an bestehenden wei-
keit. Abschliessend werden die Teilneh- terzuarbeiten. Die Bereitschaft, un- Sonntag: Präsentationstraining, Präsen-
menden auf eine Präsentation vor einer gewohnte Wege zu beschreiten, sollte tation vor Jury, Netzwerk-Abend

26 prisma – April 2010


C
T hema
28 Ausweisung aus dem Dorfe
29 Warum St. Gallen ein Dorf ist
30 Wenn das Wetter nicht mehr kaputt ist …
34 Weinreben und Wertkonservatismus
37 Das Dorf: Eine Siedlungsform zwischen Vergangenheit und Zukunft
38 Einheitsdorf
Ausweisung aus dem Dorfe
Eine Kurzgeschichte
Raffael.Hirt@student.unisg.ch
Ressortleiter Aktuell

S o, weiter als bis hierhin kann ich


Sie leider nicht begleiten, sagt der
Beamte und stellt meine Tasche ab.
Das alles ging mir durch den Kopf,
während ich aus dem Fenster des
Beamtenautos schaute. Der Staatsdiener
Ohne mich zu fragen, hat er sie genom- schaute stur geradeaus, während ich die
men, als wir aus dem Auto ausgestiegen Häuser an meiner Strasse betrachtete.
sind, und bis hierher getragen. Ich hätte Nein, fremd hatte ich mich eigentlich nie
das auch selbst hingekriegt. Leicht ist gefühlt hier, jedenfalls nicht fremder als
sie, mager fast schon. Viel konnte ich die, die jeden Tag ebendiese Strasse hi-
nicht einpacken in der kurzen Zeit. Der nunterfahren, von auswärts kommend,
Rest werde mir nachgeschickt, hiess es. um im Dorf zu arbeiten. Im Gegenteil,
sobald sich mein Mittelländer Akzent
Der Beamte steht da wie ein Page, ein wenig verlaufen und ich mich an die
den rechten Arm hinter dem Rücken, eigenartig zurückhaltende Freundlich-
den linken ausgestreckt, gen Westen, wo keit der Dorfbewohner gewöhnt hatte,
in ein paar Stunden die Sonne unterge- fühlte ich mich wohl.
hen wird. «Vielen Dank, dass Sie uns mit
Ihrer Präsenz beehrt haben. Wir wün- Und trotzdem muss ich jetzt gehen.
schen Ihnen alles Gute und hoffen, Sie «Vielen Dank, dass Sie das Dorf besucht
bald als Besucher wieder bei uns im Dorf haben! Uf Widerluege.» Die schweizer-
begrüssen zu dürfen. Ich muss Sie jetzt deutsche Floskel würde ich natürlich
bitten...» Und er zeigt gegen die Grenze, auch nach drei Jahren noch immer an-
die mir zu überschreiten geboten ist. Ich ders aussprechen als ein Einheimischer.
nehme meine Tasche auf, zögere aber Das -er- wird bei ihnen beinah zu einem
noch. Der Beamte schaut mich erwar- O-Laut, der sich für Auswärtige kaum
tungsvoll, nein, fragend an. Ich winke aussprechen lässt. Oder zu einem schwe-
ab, denn mehr als auswendig gelernte disches Kringel-A vielleicht. Uf Widålu-
Phrasen kann ich von ihm nicht erwar- ege. Am Dialekt konnte ich nie richtig
ten, und mache den entscheidenden meinen Gefallen finden, und trotzdem
Schritt. Dann drehe ich mich um, aber ist mir das Dorf ans Herz gewachsen. Der
er hat sich schon abgewendet und geht Kern im Tal zwischen den zwei Hügeln
zu seinem Auto zurück, das mitten auf mit den vielen kopfsteingepflasterten
der Strasse steht. Gassen, den Cafés und Erststockbeizen,
die drei Weiher – oder Weihå – und die
Während der Fahrt sprach er kein Altstadt. Ein Ort, wo jeder jeden kennt
Wort mit mir. Generell war er wortkarg, und man so selbst schnell einen grossen
sagte nur das, was er sagen musste. Mei- Bekanntenkreis hat.
ne Fragen beantwortete er – natürlich,
denn es werden wohl alle Fragen haben, Der Beamte steht, an die offene
wenn sie morgens um sieben geweckt Tür gelehnt, und wartet noch. Ich muss
und mit der Ausweisung konfrontiert also wirklich gehen. Gen Westen, wo
werden. Aus Selbstschutz des Dorfes, die grosse weite Welt wartet, auf die ich
Raphael Güller

wie er sagte; man müsse sich beschüt- mich drei Jahre lang vorbereitet habe,
zen vor Überfremdung und Wertver- im Dorf. Ich kehre ihm den Rücken zu
wischung. Drei Jahre hatte ich im Dorf und laufe los.
studiert, fühlte mich mehr und mehr
zuhause, und trotzdem blieb ich fremd. Der Autor hat mit der HSG noch
So fremd, dass ich am Tag nach meinem nicht abgeschlossen und könnte sich auch
Abschluss zur Grenze gezerrt und vorstellen, danach noch eine Weile in St.
hinausgeworfen werde. Gallen zu bleiben. Wenn er denn darf.

28 prisma – April 2010


T
Warum St. Gallen ein Dorf ist
Die provinziellen Seiten unserer Universitätsstadt.

Valentin.Diem@student.unisg.ch
prisma-Redaktor

S t. Gallen ist defini-


torisch gesehen klar
eine Stadt. Das Zentrum
der östlichen Schweiz be-
heimatet schätzungsweise
eine Milliarde Treppen-
stufen, über 70‘000 Ein-
wohner, mehr als 100 Er-
ker, zwölf Kirchen, neun
Museen, vier Parks und
den ältesten Fussballver-
ein Zentraleuropas. Trotz
grosser Zahlen, dem Bi-
schof und pompösen
Villen konnte St. Gallen
seinen Dorfcharakter nie
ganz abschütteln.

Der Bahnhof wirkt


lächerlich überdimen-
sioniert, auch die Ton-
halle ist eine Nummer zu
protzig geraten. Spaziert
man durch das Museums-
viertel, spürt man noch die vergangene Vadian, die Kathedrale mit ihrer prunk- einen Stumpen rauchen. Die Kultur ist
Grösse des selbstbewussten Bürgertums vollen Stiftsbibliothek oder der Ort der ländlich geprägt, man ist von Bauern-
der damaligen Textilstadt, die interna- Ironie. Zur Universität wird eine Hasslie- höfen umzingelt.
tionalen Ruf genoss. Diese Zeit scheint be empfunden. Einerseits ist man zwar
längst vorbei zu sein, wenn man gerade stolz auf die HSG, aber andererseits Der St. Galler lebt wie im Dorfe,
am Marktplatz neben den klassischen ist sie der Bevölkerung aufgrund eines einfach in einem grösseren. Man grüsst
Dorfalkoholikern auf den Bus wartet. arrogant-mondänen Auftretens gewisser sich noch auf der Strasse. Man plau-
Schlendert man durch die pittoreske Studenten und Dozenten doch insge- dert noch zusammen, ohne oberfläch-
Altstadt, fällt auf, dass die St. Galler wohl heim unsympathisch. lich zu sein, weil man sich schon lange
nie mit Platzproblemen zu kämpfen hat- kennt. Man kann in den Geschäften
ten; viel zu breit und geordnet furcht sich In den Geschäften wird man auffal- aufschreiben lassen. Man antwortet in
die Fussgängerzone durch die Kernsied- lend schnell mit Namen begrüsst, auch Schweizerdeutsch, egal in welcher Spra-
lung. Alles wirkt ruhig und hübsch, im wenn man nicht zu den Topkunden che man gefragt wurde. Es gibt noch die
Gegensatz zu Zürich oder Basel sind die gehört – man kennt sich in St. Gallen. Erststock-Kneipen, denen der Schrift-
Menschen weniger hektisch und klopfen Und so wird der persönliche Kontakt steller Thomas Hürlimann ein Denkmal
noch gerne einen Jass am Stammtisch in unter den Bewohnern weiter mit Hilfe setzte. St. Gallen – eine Stadt? Ja, aber
einer der unzähligen Beizen. unzähliger Feste auf den geselligen Bier- nur für die anderen. Wer selbst dort lebt,
bänken mit einer Bratwurst zur Linken weiss, dass man sich nur in einem Dorf
Nach In-Bars und Trendgastrono- und einem Schützengarten zur Rech- kollektiv das ganze Jahr auf eine Land-
mie sucht man vergeblich. Den roten ten kultiviert. Jeder kann sich dazuset- wirtschafts- und Ernährungsmesse freu-
Platz von Pipilotti Rist, das Bullenquar- zen, schnell kommt man ins Gespräch. en und sogar dafür Ferien nehmen kann.
tier von Mario Botta oder den Unter- Doch so offen die St. Galler unterei- Und das ist auch gut so.
stand von Santiago Calatrava am Bohl nander auch sind, mit nicht ansässigen
kauft man den Ostschweizern nicht Personen oder gar Ausländern will man
ganz ab. Viel besser passt zu ihnen der dann doch nicht gleich gemeinsam

T 29 prisma – April 2010


Wenn das Wetter nicht mehr kaputt ist,
werden wir spazieren gehen
Bilder von Ester Vonplon
Wenn das Wetter nicht
mehr kaputt ist…
Das preisgekrönte Werk der Fotografin
Ester Vonplon zeigt eine Roma-Familie
in den Wirren des Kosovokrieges. Damit
gewann Sie nun den renomiertesten
Fotopreis der Schweiz.

D ass die Aufnahmen aus einem


Nachkriegsgebiet stammen, sieht
man bei den wenigsten von Esters Bil-
einem Dorf» zeigen; einem Dorf, dessen
Bewohner unter UNO-Militäraufsicht
stehen. Schliesslich Polaroids, die Ester
dern auf den ersten Blick. In der Samm- eigentlich für sich selbst schoss, als «Er-
lung findet man zwar auch Aufnahmen innerung oder eine Art Tagebuch».
von zerbombten Häusern oder eben –
einem Panzer. Hauptsächlich stehen je- Interesse für diejenigen, die
doch Kinder im Mittelpunkt. Man sieht vergessen gehen
sie im Alltag; lachend, spielend. Manch- Auch nach der Unabhängigkeit
mal blicken sie ernst in die Kamera. Die des Kosovo hätte sich die Situation der
Bilder zeigen die Armut in der die Roma Roma nicht verbessert, sagt Ester. Mit
leben, aber auch ihre glücklichen Mo- ihrer Arbeit möchte sie darauf aufmerk-
mente. Sie vermochten die Jury mit ihrer sam machen. «Schon seit langem inte-
«Unmittelbarkeit, radikalen Komposi- ressiere ich mich für diejenigen, die ver-
tion und einzigartigen Atmosphäre» zu gessen gehen in unserer Gesellschaft.
überzeugen. Dass sie technische Mängel Durch meine Arbeit will ich das Leben
haben ist dabei – wie alles in der Kunst – dieser Menschen kennen lernen und
überhaupt nicht zufällig. Die Künstlerin damit auch den Nachweis ihrer Existenz
will damit «die Brüchigkeit der Welt zei- erbringen.»
gen, in der diese Kinder leben».
Die Fotografien der gebürtigen
Szenen aus einem Dorf Bündnerin kann man vom 19. Juni bis
Bis sie 2009 den Preis als Schweizer zum 12. September 2010 im Bündner
Fotografin des Jahres entgegennehmen ihrer Fotografien und auf kreative Wei- Kunstmuseum in Chur in der Ausstel-
durfte, reiste Ester während acht Jahren se aktiv in die Arbeit eingebunden: Sie lung «Albert Steiners Erben» sehen. Die
wiederholt in den Balkan. Auf einer die- schenkte ihnen einen Fotoapparat. Online-Zeitschrift «The private life of the
ser Reisen, im Kosovo, bot man ihr an, public intellectual» rät: «You won’t want
in einem Jugendzentrum der geteilten Aus all diesen Eindrücken und to miss this chance to see something
Kleinstadt Orhavac einen Foto-Work- Erfahrungen ist das vielseitige Werk usually unseen».Eine Auswahl der Pola-
shop für Kinder zu leiten: «So fing alles «Wenn das Wetter nicht mehr kaputt roids ist im Mittelteil von prisma abge-
an.» Ester wurde mit den Schwierig- ist, werden wir spazieren gehen» ent- druckt.
keiten zwischen den albanischen und standen. Dieser Satz stammt von einem
serbischen Kindern konfrontiert, erlebte kleinen Roma-Jungen namens Ani, der Ester ist 29 Jahre alt und lebt in Ber-
aber auch wie sich die ethnischen Span- ihn zu Ester einmal in Frageform sagte. lin. Sie wird von der Galerie Walter Kel-
nungen unter den jungen Menschen Die Fotoserie besteht aus drei Teilen. ler in Zürich vertreten. Weitere Informa-
langsam lösten. Dort schloss sie selbst Zum einen aus den selbst geschossenen tionen sind unter www.estervonplon.
Freundschaft mit einer Roma-Familie, Bildern der Roma, zum anderen aus com zu finden.
die im dörflichen, serbischen Stadtteil Esters Schwarzweiss-Aufnahmen die
Rahovec leben. Sie wurden zum Sujet Porträts der Familie sowie «Szenen aus Marisa Steiner

32 prisma – April 2010


T
Cartoon

Du Du
Du

Ergänze
Redaktionssitzung: jeden Dienstag,
20 Uhr, Oberer Graben 3
T 33 prisma – April 2010
Zwischen Weinreben und
Wertkonservatismus
Einem Klischee auf der Spur. Ein Frühlingsstreifzug
durch Dorf im Zürcher Weinland.

Raffael.Hirt@student.unisg.ch Yannick.Pengl@student.unisg.ch
Ressortleiter Aktuell Ressortleiter Thema

34 prisma – April 2010


T
D ie heile Welt des Landes gibt es in
der Schweiz faktisch nicht», sagt
Michael Baumann, «die Leute hier sind
Schlüssel. In der Heraldik
steht der Schlüssel für den
heiligen Petrus, kann aber
auch nicht anders als diejenigen in Win- auch als Zeichen der Auf-
terthur oder Andelfingen.» Baumann ist geschlossenheit interpre-
Pfarrer in Dorf, einer 600-Seelen-Ge- tiert werden.
meinde im Zürcher Weinland. Irgendwo
zwischen Winterthur und Schaffhausen. «Man kennt sich in
Der neugierige Besucher versteht: Eine Dorf und wenn einen die
Fahrt nach Dorf ist kein Ausflug ins Frei- Neugierde der Leute nicht
luftmuseum. Dorf soll auch in Zeiten von stört, lebt es sich hier aus-
Gemeindefusion und Urbanisierung für gezeichnet», meint Bret-
regionale Lebenswirklichkeit statt nos- scher. Beruflich ist sie häu-
talgisch-verklärtes Landidyll stehen. fig in Luzern, manchmal
in München. Da könne
Nach den ersten Schritten entlang es durchaus vorkommen,
der Dorfstrasse in Richtung der kleinen dass die Nachbarin am
Kirche mit ihrem hölzernen Dachreiter Wochenende detailliert
stellt sich etwas Romantik ganz von selbst Auskunft gibt, wann denn
ein. Am Vormittag eines strahlenden der Gatte am Dienstag-
Frühlingswerktags ist kein Mensch auf abend nachhause gekom-
den Strassen. Zwischen Holzscheunen, men ist. «Man spürt eine
gepflegten Vorgärten und rotem Fach- grosse Hilfsbereitschaft
werk streunt eine Katze, eine beinahe und Anteilnahme, ande-
surreale Stille liegt über der von sanft rerseits wird man natürlich
geschwungenen Rebhügeln umsäumten beobachtet und kommen-
Siedlung im Flaachtal. In der Hälfte aller tiert.» Diesen Faktor der
Schweizer Gemeinden wohnen weniger dörflichen Kleinräumig-
als 1000 Menschen, so gesehen ist Dorf keit erwähnt auch Michael
helvetische Normalität. Die Minaretti- Baumann und führt aus: «Viele Zuzüger ren der renitenten Jugend. Später braust
nitiative wurde mit überdurchschnitt- unterschätzen das; die kommen wegen ein getunter Fiat Punto vorbei – durch
lichen 76.5 % angenommen, die SVP er- niedrigen Steuern und ländlicher Ruhe die getönten Scheiben dringen dumpfe
zielte bei den Nationalratswahlen 55 %, und merken dann schneller, als ihnen Techno-Beats.
die EDU immerhin 8,9 %. 42 Ausländer lieb ist, was im Dorf so läuft.»
leben in Dorf, die meisten davon Deut- Zur Lösung des Problems wird ein
sche. Sozialhilfebezüger gibt es keine. Was läuft, das sind zum Beispiel sau- Gemeindeordnungsdienst diskutiert. De
Nichts davon taugt zum Alleinstellungs- fende und kiffende Oberstufenschüler, facto sei es schon heute so, dass freitags
merkmal gegenüber anderen Gemein- die an den Wochenenden für Lärm und und samstags jemand patrouilliert und
den. Nach kurzem Zögern nennt Bau- Aufregung sorgen. Wegen der schlech- laute Jugendliche vertreibt. Baumann
mann das auf einer Anhöhe gelegene ten ÖV-Anbindung – das Postauto ver- hält das für eine kostengünstige und
Weingut Schloss Goldenberg mit ange- kehrt stündlich und nach 20 Uhr fast gar effiziente Lösung. Law and Order im
schlossenem Golfplatz als Dorfemer Be- nicht mehr – seien die Jugendlichen im Flaachtal? Auf einem Polizei-Plakat vor
sonderheit. Flaachtal praktisch eingepfercht, erläu- der Gemeindekanzlei steht: «Gemein-
tert Baumann: «Sie wabern dann mit sam gegen Einbruch – im Verdachtsfall
Neugierde ist Anteilnahme, die ihren Rollern von Dorf zu Dorf.» Das anrufen», im Hintergrund schleicht eine
Jugend ein Problem gibt zu reden – oder auch nicht: «Viele dunkle Gestalt durchs Bild. Selbst auf
Es schlägt Zwölf. Vor einem wollen nicht wahrhaben, dass es das die jüngeren Einheimischen muss das
Hauseingang bellen drei Primarschul- auch bei uns gibt.» Woran das liegt? «Es deplatziert wirken. Einer hat in beschei-
kinder einen Sennenhund an, der das spielt schon eine Rolle, dass die Leu- dener Grösse «Fuck off» auf das Plakat
übermütige Treiben in würdevoller Ge- te hier draussen das Heil suchen, das gekritzelt.
lassenheit ignoriert. Wie lebt es sich auf Paradies auf Erden», mutmasst der Ge-
dem Dorfe? Charlotte Bretscher muss es meindepfarrer und führt die Ruhe, das Dorfemer Dorfpolitik: parteilo-
wissen. Die Historikerin wohnt seit 25 harmonische Landschaftsumfeld, die se Pragmatik
Jahren im Ort, die letzten zehn davon Nähe zu Winterthur sowie die ausgegli- Nicht nur der Gemeindeordnungs-
im eigenen Einfamilienhaus. Ihr Mann chene Infrastruktur an: «Es gibt eigent- dienst zeugt vom Dorfemer Pragmatis-
Hugo stammt aus einer alteingeses- lich keinen Grund, sich mit den Proble- mus in politischen Fragen. Neben dem
senen Familie, war einst Gemeindeprä- men der Welt zu beschäftigen – bis sie offiziellen Weg, der sich in Gemeinderat,
sident und ist heute Generalsekretär der dann da sind.» An einem gewöhnlichen Kirchen- und Schulpflege konstituiere,
ETH. Frau Bretscher winkt aus dem Fen- Nachmittag sind ein paar Glasscherben gebe es in Dorf ganz eigene Hierarchien,
ster und bittet uns herein. Das Dorfemer und Zigarettenstummel im trockenge- erzählt Baumann. In bestimmten Fa-
Gemeindewappen zeigt zwei gekreuzte legten Dorfbrunnen die einzigen Spu- milien und Clans werde vieles vorbe-

T 35 prisma – April 2010


stimmt, dort würden die Meinungen ge- Ausgrenzung oder Wertkon- Element sieht der Gemeindepfarrer in
macht. Filz sei jedoch der falsche Begriff servatismus einem «gesunden Wertkonservatismus».
für diese Strukturen. Baumann spricht Was Charlotte Bretscher an Dorf we- Die Gründe für das Abstimmungsergeb-
von einer «Form der Entscheidungsfin- niger gefällt, ist die politische Ausrich- nis lägen aber tiefer: «Die heile Welt, die
dung, die sich hier erstaunlicherweise tung vieler Bewohner und, natürlich, viele in Dorf sehen, soll bewahrt wer-
gehalten hat.» Eine ursprünglichere, das Abstimmungsergebnis zur Minarett- den, aber die Bewohner werden mit den
bürgernähere Version der Demokratie initiative: «Wir wohnen hier in reinem Problemen von heute konfrontiert.» Von
also, die es erlaube, in gewissen Fällen SVP-Gebiet. Die Zürcher Linie wird den nach dem Krieg einmal 53 Land-
die Vorschriften nicht allzu eng zu se- stramm vertreten.» Den Eindruck, Dorf wirtschaftsbetrieben existieren kaum
hen. So sei vor einigen Jahren eine bos- werde von Hardlinern bewohnt, möchte noch eine Handvoll. Die Bauern seien
nische Familie trotz fehlender Deutsch- sie aber nicht aufkommen lassen: «Beim zum Teil auf Saisonarbeiter aus Polen
kenntnisse eingebürgert worden: «Wenn direkten Kontakt merkt man das nicht. angewiesen, schildert Baumann. Im Ge-
der Schweizer die Ausländer kennt, liebt Im Grunde lässt man sich leben.» Sie gensatz dazu haben viele Junge für ihre
er sie.» sieht eine für Nicht-Agglomerationsge- Lehre weite Wege zu gehen – manche bis
biete typische Konsensbereitschaft, man in den Kanton St. Gallen. Dass das lokale
Parteien gibt es in der Dorfpolitik sei schliesslich aufeinander angewiesen Gewerbe für die Mehrheit eine Lehrstel-
keine – «Gewählt wird der, dem man und nehme daher Rücksicht. le anbietet, ist seit langem Utopie. «Das
es am besten zutraut», sagt Charlotte bewegt die Leute, dieser Wandel.» Bret-
Bretscher. Die letzte Erneuerungswahl Pfarrer Baumann, ein erklärter Geg- scher drückt es anders aus: «Eigentlich
des Gemeinderats liegt noch nicht lan- ner der Initiative, schlägt auf der Suche möchte man hier nicht ausgrenzen, tut
ge zurück: sechs Anwärter auf fünf zu nach Ursachen auch selbstkritische es dann aber trotzdem.»
vergebende Sitze. Zwischen den beiden Töne an: «Vielleicht hat sich die Kirche,
Kandidaten mit den wenigsten Stimmen vielleicht auch die ganze Gesellschaft Dass das 21. Jahrhundert in Dorf
herrschte Patt und der vakante Platz zu wenig engagiert.» Er spricht zwar Einzug gehalten hat, wird gerade an den
wurde Hugo Schmidli zugelost. Da des- von einem grundsätzlichen Misstrauen Rändern der Siedlung sichtbar. Moderne
sen Vater ebenfalls Hugo heisst und auf gegenüber Fremdem, doch auch er hält Einfamilienhäuser, davor polierte SUVs.
dem Wahlzettel kein Hinweis auf Junior Dorf nicht für ultra-rechtsbürgerlich. Ein solarbetriebener Mäher dreht sur-
oder Senior zu finden war, ist nun ein Als Baumann der Gemeinde nach der rend seine Runden auf dem akkurat ge-
Rekurs hängig. «Das ist ein Problem im Abstimmung ins Gewissen redet, neh- stutzten Gartenrasen. Auf der Veranda
ganzen Flaachtal, in Volken heissen alle men viele eine defensive Haltung ein. dahinter steht das wohl einzige Zeichen
Erb oder Keller, in Berg alle Fehr und al- «Nach der Tat hält der Schweizer Rat», arabischer Kultur in ganz Dorf: eine
lein in Dorf gibt es drei Bretscher-Fami- sagt er. Ändern lässt sich dann nichts Wasserpfeife stattlichen Formats.
lien», schmunzelt die aus Zürich stam- mehr. Viele Dorfemer seien sehr liberal,
mende Historikerin. manche auch links. Das verbindende

36 prisma – April 2010


T
Das Dorf: Eine Siedlungsform
zwischen Vergangenheit und
Zukunft
Totgesagte leben länger: Warum das Schweizer
Dorf auch im 21. Jahrhundert eine Zukunft hat.
Ein Gastbeitrag von Roland Scherer

I n der Schweiz spielt «das Dorf» auch


heute im Jahr 2010 noch eine sehr
wichtige Rolle. Und zwar nicht allein
Berglern. Ob er dies nun ausschliesslich
positiv gemeint hat, soll hier nicht weiter
kommentiert werden.
finanzielle Vorteile durch Gemeindefu-
sionen auch auf anderen Wegen erreicht
werden können. Deutlich wichtiger für
für die Tourismuswerbung, bei der idyl- die Zukunft der Dörfer ist es, dass diese
lische Schweizer Bergdörfer als wichtiges «Das Dorf» vermittelt das Bild einer sich über ihre zukünftige Funktion im
Werbesujet dienen, sondern auch als die idealisierten Lebensform, das Bild ei- gesamten Gemeinwesen der Schweiz
weiterhin dominierende Siedlungsform ner «heilen» Schweiz. Gleichzeitig kann klar werden. Sie müssen sich in einem
der Schweiz. Wussten Sie zum Beispiel, es aber für eine moderne Schweiz auch gewissen Masse neu definieren. Dabei
dass über die Hälfte aller eigenständigen ein Negativbild sein, das durch Klein- sind selbstverständlich regionale Un-
Gemeinden in der Schweiz weniger als räumigkeit, enges Denken und starken terschiede zu berücksichtigen: Ein Dorf
1000 Einwohner haben? In über 800 Ge- Konservatismus geprägt ist. Der länd- im Zürcher Weinland muss sich anders
meinden wohnen sogar weniger als 550 liche Raum – und damit natürlich all definieren als ein Bergdorf im Münster-
Personen. Diese Zahlen zeigen deutlich: die Dörfer, die sich dort befinden – ist tal oder ein Winzerdorf am Genfer See.
Das Dorf in der Schweiz lebt – auch wenn heute mit einer Vielzahl von Herausfor- Ähnlich einem Unternehmen in der
es bereits oft totgesagt wurde. Betrachtet derungen konfrontiert, die langfristig Umbruchphase muss sich auch «das
man die aktuellen Entwicklungen bei die dörfliche Entwicklung beeinflussen. Dorf» den Herausforderungen des Wan-
den Gemeindefusionen, ist allerdings Zu nennen ist hier natürlich die globa- dels stellen, die entsprechenden Strate-
tatsächlich ein gewisses Dörfersterben le Wirtschaftsentwicklung, die zu einer gien entwickeln und umsetzen. Gelingt
festzustellen. Hat das Dorf als eigenstän- immer stärkeren Konzentration der den Dörfern diese strategische Neuposi-
dige Siedlungsform denn für die Zukunft wirtschaftlichen Aktivitäten an den je- tionierung, dann haben sie gerade in der
noch eine Bedeutung? weils bestgeeigneten Standorten führt. Schweiz auch langfristig eine attraktive
Dasselbe gilt für den Tourismus, bei Zukunft.
Um diese Frage zu beantworten, dem eine vergleichbare Entwicklung
muss man einen Blick in die Vergan- hin zu den jeweils bestgeeigneten De-
genheit werfen. Für die Entwicklung stinationen festzustellen ist. Ausserdem
der Schweiz spielte der ländliche Raum spielen klarerweise die Entwicklungen
eine ebenso wichtige Rolle wie die städ- in der Landwirtschaft eine zentrale
tischen Zentren. Im ländlichen Raum Rolle, die mittelfristig zu einem anhal-
wurden bereits Anfang des 19. Jh. wich- tenden Rückgang der dort Beschäftigten
tige Exportgüter, wie z.B. Emmentaler führen werden. Auch die Auswirkungen
oder Sbrinz-Käse, produziert. Der Ur- des demografischen Wandels dürfen ge-
sprung für den Schweizer Tourismus lag rade für den ländlichen Raum nicht un-
in den Dörfern, vor allem im Berggebiet. terschätzt werden.
Auch wurde dort bereits frühzeitig die
Energie produziert, die später für die Wie kann «das Dorf» nun auf die-
industrielle Entwicklung der Schweizer se verschiedenen Herausforderungen
Städte benötigt wurde. Zudem spielten reagieren? Muss es seine Eigenstän-
– und spielen auch heute noch – die digkeit aufgeben und sich den jeweils
Dörfer und der ländliche Raum für die nächstliegenden städtischen Zentren
Identität und das Selbstverständnis der anschliessen, um weiterhin überlebens-
Schweizer eine wichtige Rolle. Oder um fähig zu bleiben? Sind Gemeindefusi- Dr. rer. publ. Roland Scherer
es mit den Worten eines früheren Stadt- onen wirklich der einzige Weg, damit Vizedirektor Institut für Öffentliche Dienstlei-
präsidenten von Zürich zu sagen: Die «das Dorf» überleben kann? Dies ist stungen und Tourismus
Schweizer sind und bleiben ein Volk von nicht zwingend der Fall, da eventuelle

T 37 prisma – April 2010


Einheitsdorf
Der Funktionsbau erobert das Land und lässt die
Menschen in Hässlichkeit zurück
Matthias.Mirbeth@student.unisg.ch
Dorf Vader

I ch selbst stamme aus einem kleinen Ort


in Bayern. Es schimpft sich zwar Stadt,
aber ganz objektiv muss man feststellen,
Autoersatzteilen wie ein Schlaraffenland
wirken muss. Ein Schandfleck, der aus
Gründen des günstigen Baulandes und
mitte steht leer und verfällt, in der ehe-
maligen Traditionsbäckerei gibt’s jetzt
Döner und Pizza und die örtliche Bank
es ist ein Dorf. Dafür sprechen jedenfalls der guten Verkehrsanbindung entstehen sucht lediglich via Automat den persön-
der hohe Stellenwert der Freiwilligen konnte. Aber womöglich werde ich mich lichen Kundenkontakt. Gähnende Leere
Feuerwehr im gesellschaftlichen All- auch an diesen Anblick gewöhnen, so wäre der passende Begriff, wenn man
tag, die Abwesenheit des öffentlichen wie ich mich schon früher an das direkt nach einer Floskel suchen würde. Doch
Nahverkehrs am Tage des Herrn sowie gegenüberliegende lokale Einkaufscen- mein Heimatort ist mit dieser Entwick-
die vielen leeren lung nicht allein,
Wo d k a f l a s c h e n überall geschieht
am Bushäuschen diese Veränderung
an einem Sams- der Ortsstruktur, ob
tagmorgen. 5000 nun in Bayern oder
Einwohner ver- in der Schweiz.
strömen eben kei-
nen allzu urbanen Natürlich ver-
Glanz. Und trotz- steht man als HSG-
dem hat man es Student, warum
gern, denn man das so ist, warum
kommt ja von ein Funktionsbau
dort. auf der grünen
Wiese wirtschaft-
Wenn man lich ist und sich
Max Frisch folgt, ein Bücherladen in
dann hat Heimat der Ortsmitte nicht
sehr viel mit dem hält. Aber es ist ein-
geografischen Ort fach erschreckend,
zu tun, aus dem mit welcher Ein-
man stammt. Und fallslosigkeit sich
jeder, der ab und die Dörfer immer
zu seine Eltern be- mehr gleichen und
sucht, kennt wohl mit welcher Bei-
das Gefühl, das sich einstellt, sobald ter gewöhnt habe, das mit so klangvollen läufigkeit die Bewohner ihre historisch
man die ersten altbekannten Häuser Geschäften wie «kik-Textilien GmbH», gewachsenen Ortskerne verkümmern
wiedersieht oder durch Strassenzüge «Hausler Getränkemarkt» oder «Nor- lassen. Vieles wird beliebig und aus-
fährt, in denen man früher gerne Fuss- ma – ihr Lebensmittel-Diskonter» eine tauschbar, alles muss sich der Bequem-
ball gespielt hat. Als ich jedoch ver- Vielzahl von Kundinnen und Kunden lichkeit unterordnen. Aber vielleicht
gangenes Weihnachten das erste Mal beglückt, die in ihren spritsparenden muss man sich gar nicht so sehr wun-
seit Monaten wieder in meinen Heimat- Autos asiatischen Ursprungs vor der dern, denn schliesslich leben eben jene
ort kam, fiel mein erster Blick nicht wie Ladentüre parken. Bewohner selbst in Neubaugebieten,
üblich auf den gelben Kirchturm, son- deren Einfamilienhäuser sich lediglich
dern vielmehr auf einen neongelben Be- Im Ortskern hingegen zeigt sich bei der Auswahl ihrer Türrahmenfarbe
tonkasten, der plötzlich am Ortseingang bereits die drastische Konsequenz der unterscheiden. Also wer weiss, vermut-
stand. In wenigen Wochen wurde dort Abwanderung hin zu den wellblechge- lich wird man später sogar selbst einmal
ein unbeschreiblich hässlicher Funkti- deckten Funktionsbauten am Ortsrand. beim Anblick des «kik»-Logos Heimat-
onsbau errichtet, der auf Liebhaber von Das einst stolze Bürgerhaus in der Orts- gefühle verspüren.

38 prisma – April 2010


T
3 60°
40 «Schluss mit dem Nützlichkeitsterror!»
42 prisma empfiehlt
44 Lisboa – Stadt der wunderschönen Kleinigkeiten
47 Die Wunderflunder
48 Hong Kong vs. Appenzell
«Schluss mit dem
Nützlichkeitsterror!»
Simon Klarer studiert im zweiten Semester Skandinavistik
an der Universität Zürich. Als Norweger interessiert ihn
die nordische Literatur. Und er wehrt sich gegen das
Vorurteil, Skandinavier tränken viel.
Lynn.Reinhart@student.unisg.ch
Ressortleiterin 360°

Was ist eigentlich Skandinavistik genau? der Sinn liegt, zu wissen, wie sich ein schaftsstudium. Bei uns sitzt niemand
Das Studium dreht sich vor allem um Wort aus dem Altnordischen bis heute mit dem Laptop in der Vorlesung. Auch
skandinavische Literatur und Sprach- verändert hat. Aber jedes Studium ver- den Dozenten liegt daran, dass wir uns
wissenschaften. Es hat jedoch auch viel langt eine gewisse Grundlage. wohl fühlen. Es ist ihnen wichtig, uns
mit einem Geschichtsstudium gemein- als Nachwuchs zu fördern und an der
sam. Mich persönlich interessieren vor Wie sieht das Leben an der Uni als ange- Fakultät zu halten. Es wird auch viel
allem die literaturwissenschaftlichen hender Skandinavist aus? neben dem Studium geboten wie bei-
Aspekte. Wir sind im Hauptfach etwa 30 Leu- spielsweise eine Exkursion nach Däne-
te. Die Dozenten sind auf jeden Fall mark diesen Frühling.
Warum hast du dich für Skandinavistik sehr hilfsbereit und unterstützend. Es
entschieden? herrscht eine familiäre Atmosphäre und Wie sieht der typische Skandinavistik-
(lacht) Weil mir Jus nicht gefallen man lernt sich sehr schnell kennen. Das Student aus?
hat. Nein. Meine Mutter ist Norwegerin. hört sich fast ein bisschen nach Schul- Bei uns gilt «Leben und leben las-
Ich interessiere mich deswegen für die alltag statt Uni-Stress an. Das stimmt sen». Grundsätzlich kann sich also je-
Kultur der nordischen Länder. Und die auch. Vor allem in Sprachkursen ist der der bei der Skandinavistik melden. Ich
Sprache konnte ich schon, so hatte ich Unterricht sehr ähnlich wie zu Schul- denke, es gibt in jedem Studium einen
zumindest einen kleinen Vorteil. Man zeiten. Es werden Kleingruppen gebildet bestimmten Typ Mensch, der sich da zu-
muss seine Ressourcen nutzen. Es ist und man verbringt die Stunde mit Üben. hause fühlt. Man sieht dem Menschen oft
natürlich eine berechtigte Frage, worin Es ist sicher schulischer als ein Wirt- schon an, was er studiert. Ich sehe mich

40 prisma – April 2010


3
selbst als relativ neutralen Studenten. Boden geblieben. In der Schweiz müs- Was hältst du von übermotivierten Stu-
Der typische Student hat aber auf jeden sen die Leute oft Recht haben, einfach dententypen?
Fall immer mindestens ein Buch eines um Recht zu haben. In den nordischen Das muss jeder für sich selbst ent-
nordischen Schriftstellers wie auch ein Ländern ist das nicht so wichtig. Man scheiden. Wenn jemand ehrgeizig ist, ist
Grammatikbuch mit dabei. Diese trägt hört den Leuten zu und versucht, ge- das für mich völlig in Ordnung. Ich habe
er in seiner schwedischen Fjällräven- meinsam eine Lösung zu finden. Dass auch solche Leute in meinem Bekann-
Tasche mit sich rum. Aber es gibt durch- die Nordländer so viel trinken, stimmt tenkreis. Wenn man aber im Studium
aus auch Leute, die sich schwarz an- übrigens nicht. Statistisch gesehen sind drei oder fünf Jahre leidet, kann das ja
ziehen, lange Haare haben, einen Zie- die Franzosen die schlimmsten Trinker. auch nicht das Richtige sein. Man muss
genbart und dunklere Gitarrenklänge Anders als in der Schweiz wird in den halt Prioritäten setzen. Solange man et-
mögen. Viele Skandinavistik-Studenten nordischen Ländern nicht sehr oft Al- was macht, das einem Spass macht, kann
sind auf ihre Art und Weise exzentrisch. kohol getrunken. Wenn denn aber mal man immer erfolgreich sein, denke ich.
Es gibt wenige, die morgens in einem Alkohol getrunken wird, dann halt das
weissen Hemd auftauchen. Wochenpensum eines Durchschnitt- Skandinavistik-Studenten ticken also
schweizers an einem Abend. einfach ein bisschen anders?
Wie sieht deine Zukunft aus? Ja, schon. Ich denke, es ist heute
Das ist wohl die Frage, die man als Das heisst, es ist eine offenere, kompro- einfach auch nicht mehr so besonders
Skandinavistik-Student nicht so gerne missbereitere Gesellschaft? wichtig, was man im Endeffekt studiert
hört. Das Studium bringt mir auf jeden Ja, das denke ich schon. Es gibt oft hat. Es gibt in fast allen Berufsfeldern
Fall eine Verifikation meiner Kenntnisse Situationen, in denen man mit frem- Quereinsteiger. Im Diplomatischen
in verschiedenen Sprachen. Ich würde den Leuten auf der Strasse ins Gespräch Dienst kommen beispielsweise die un-
gerne auf einer Botschaft oder in einem kommt und sich 10 oder 15 Minuten mit terschiedlichsten Leute zusammen.
Konsulat arbeiten. Ein Traum wäre es ihnen über Gott und die Welt unterhält. Aber als ewiger Student möchte ich
sicherlich auch, nach Norwegen zurück- Im Gegensatz zur südländischen Locker- dann doch nicht enden.
zukehren. Die wirtschaftliche Lage sieht heit, die den ganzen Lifestyle der Men-
momentan dort nicht gerade schlecht schen betrifft, sind in den nordischen Noch ein letztes Wort?
aus. Auch wegen dem Öl. Auf das sind Ländern die zwischenmenschlichen Be- Auch wenn ein Skandinavistik-Stu-
wir Norweger übrigens besonders stolz. ziehungen von einer grossen Lockerheit. dent noch nicht so genau weiss, was er
Ich war beispielsweise einmal am Flug- schlussendlich machen will, und der
Was sind die typischen Vorurteile gegen- hafen in Oslo auf der Toilette. Plötzlich Nutzen der Kenntnis der Morphologie
über Skandinavien? Ich stelle mir vor, hat der Mann neben mir mich gefragt, eines Wortes nicht für jeden offensicht-
dass in Schweden alle perfekt Englisch wie es mir gehe. Gewöhnt an spontane lich ist – es wird schon gut kommen.
sprechen, alles sauber ist und die Leute Gespräche hab ich ihm einige Minuten Also: Schluss mit dem Nützlichkeitster-
zurückhaltend freundlich sind. erzählt, woher ich komme und was ich ror!
Damit liegst du gar nicht so falsch. so mache. Plötzlich hörte ich ihn sagen:
In Skandinavien nehmen die Leute das «Sorry, ich muss dich zurückrufen. Da Vielen Dank!
Leben viel gelassener, sie sind mehr am spricht mir einer ständig ins Telefon!»

3 41 prisma – April 2010


prisma empfiehlt

«Bitterer Abgang in Maienfeld» von Markus Matzner


Eine Geschichte über ein Dorf, dessen schmutzige Vergangenheit und den Weinanbau.
Eine Kombination, die man nicht oft antrifft.

D as kleine Dorf Maienfeld ist in der


ganzen Schweiz bekannt für seinen
hervorragenden Wein. Der Konkurrenz-
kampf unter den heimatlichen Winzern
ist gross und die Familienfehden rei-
chen weit zurück. So fehlt es nicht an
Dieses Buch ist ein Muss für jeden.
Abgesehen von der spannenden, gegen
Ende etwas absehbaren Geschichte,
Verdächtigen als die ersten mysteriösen wird der Leser nebenbei zum Weinken-
Dinge passieren. Unerklärlicherweise ner ausgebildet. Kommentare in den
Bitterer schmeckt der liebevoll gepflegte Wein Fussnoten geben Auskunft über die ver-
Abgang in plötzlich bitter, sobald er mehr als fünf- schiedenen Fachbegriffe und Kniffe des
Maienfeld zehn Grad erreicht. Das ist allerdings Weinanbaus, die interessant zu lesen
von Markus nur die erste Plage, die über das Dorf sind. Die Geschichte hält alle Zutaten be-
Matzner. hereinbricht. Bald tauchen mutierte reit, die einen guten Krimi ausmachen.
Erschienen Schädlinge auf, die finanzielle Verluste Einen von Rachegelüsten geplagten Tä-
bei orte- in sechsstelliger Höhe verursachen. Alle ter, eine Liebesgeschichte à la Romeo
Verlag Bewohner realisieren, dass es jemand und Julia und ein kleiner, überblickbarer
Zürich, 2008 auf sie abgesehen hat. Jemand, der sie Schauplatz. Alles in allem kurzweilige
mit gnadenloser Härte für die Vergan- Unterhaltung für Zwischendurch.
genheit bestrafen will. Desirée Germann

«Black Sands» von Bonobo


Auf dem neuen Album des Londoner Chill-out-Musikers Bonobo hört man zwar
wenig Neues, aber dennoch bleibt es gute Musik.

S imon Green, alias Bonobo, bleibt sei-


ner Linie treu. Er selbst behauptet,
nicht gerne in der Ecke Chill-out fest-
seit 10 Jahren unverkennbar ist, oder
man fragt vergeblich nach seiner mu-
sikalischen Weiterentwicklung. Fairer-
Aber das wars. Nüchtern könnte hier
die Behauptung aufgestellt werden, dass
Bonobo seine musikalische Weiterent-
genagelt zu werden, da seine Arbeit viel- weise kann an dieser Stelle erwähnt wicklung strikt boykottiert und sein Le-
schichtiger sei. Doch die Unterschiede werden, dass einzelne Stücke (Kong, Ki- ben als guter, aber nicht genialer Produ-
zwischen den bisherigen Alben und ara & 1009) schneller und elektronischer zent verbringen möchte. Seine ruhigen
dem jetzigen sind nur schwer erkenn- abgemixt worden sind als auch schon. Stücke, in welchen Xylophon, Klavier,
bar. Seit 2000 für das Indie-Label Ninja E-Gitarre und Break-Beats dominieren
Tune tätig, bei welchem ebenfalls Roots und sehr geschickt zusammen gemixt
Manuva, Mr. Scruff und The Cinematic werden, haben etwas Alltägliches. Es
Orchestra unter Vertrag stehen, bringt ist die Sorte Musik, die jeden Tag als
Bonobo sein viertes Album raus. Black Hintergrundmusik, egal in welchen Si-
Sands ist für alle, die Bonobo nicht ken- tuationen man sich befindet, hinhalten
nen, wahrscheinlich eine musikalische könnte, ohne einem auf die Nerven zu
Neuentdeckung, da es den in London gehen oder ablenkend zu wirken. Eben
entstandenen und grossgewordenen gut, aber nicht genial, und irgendwie
Chill-out, einen hier eher unbekannten nah und fern zugleich. Die Welt braucht
Musikstil, einem näherbringt. Doch für nicht nur geniale Produzenten à la Dan-
die Kenner bleiben zwangsläufig nur ger Mouse, Damian Albarn, Dr. Dre und
zwei mögliche Meinungen: Entweder Konsorten, aber auch einfach gute. Und
man bewundert Simon Greens Expertise Simon Green ist ein Besserer der Guten.
und musikalische Konsistenz, die jetzt Guillaume Gabus

42 prisma – April 2010


3
Aus dem Dorf an die Macht
Michael Hanekes «Das weisse Band» versucht zu erklären, wie
aus Jugendlichen später Nazis werden konnten

Matthias.Mirbeth@student.unisg.ch
Ressortleiter Menschen

E s herrscht eine angespannte Stim-


mung im Haus des Pastors, als seine
beiden ältesten Kinder zu Beginn des
eine Scheune geht in Flammen auf und
ein Bauernsohn findet seinen Vater auf-
gehängt im Stall. Doch um tatsächliche
Filmes verspätet nach Hause kommen. Aufklärung bemüht ist niemand, und so
Seine Begrüssung fällt dementspre- wirklich Sinn ergeben diese ganzen Ver-
chend karg aus: «Ich weiss nicht, was brechen auch für den Zuschauer nicht.
trauriger ist: euer Fortbleiben oder euer Alles Zufall? Ritual? Bestrafung? Und wa-
Wiederkommen.» Die Kinder ahnen, rum sind die Kinder immer in der Nähe
dass sie der Strafe nicht mehr entgehen der Tatorte? Man weiss es nicht, und es
können, und dennoch bitten sie um Ver- ist auch nicht wichtig. Vielmehr schafft
zeihung. Doch es ist nutzlos, der Vater der Film es, den Zuschauer nach einer
hat sein Urteil gefällt. Zehn Peitschen- halben Stunde in einen unglaublichen
hiebe wird er den beiden am nächsten Sog zu ziehen, man wähnt sich fast als
Tag verpassen, und als besonderes Zei- Teil dieser Dorfgemeinschaft, und ein
chen der Schande müssen die Kinder in unangenehmes, bedrückendes Gefühl
den nächsten Wochen ein weisses Band geht von dieser trügerischen Ruhe und
tragen, als Symbol ihrer verlorenen Un- gleichzeitigen Angespanntheit inner-
schuld und Reinheit. «Ich dachte, dass in halb des Dorflebens aus.
eurem Alter Sitte und Anstand genug in
eurem Herzen herangewachsen ist, dass Aus welchem Boden erwächst
ihr solcher Erinnerung nicht mehr be- Radikalismus?
dürft. Doch ich habe mich getäuscht.» Der österreichische Regisseur Mi-
chael Haneke hat in einem Interview
Eine trügerische Ruhe gesagt, dass ihn bei diesem Film be-
Die Gefühlskälte der handelnden sonders interessiert habe, aus welchen
Personen, die gewaltsame Züchtigung gesellschaftlichen Strukturen heraus
als Form der Erziehung sowie der Glau- politischer Radikalismus entstehen
be an die Macht der Autorität sind es kann, ohne dabei konkret auf den deut-
auch, die man im weiteren Verlauf des schen Nationalsozialismus hinzuwei-
Films immer wieder antrifft. «Das weisse sen. Der Nährboden für die Ideologie
Band» erzählt von einer norddeutschen besteht in «Das weisse Band» aus Un-
Dorfgemeinschaft kurz vor Ausbruch terdrückung, Demütigung, Unglück und
des 1. Weltkrieges, die durch eine Rei- Leid, und genau das zeigt der Film. Aus
he seltsamer Vorgänge aufgewühlt wird. diesem Blickwinkel heraus ist es ein
Da stürzt der Dorfarzt mit seinem Pferd kluges Meisterwerk von Haneke, das
über ein gespanntes Seil und verletzt auch filmisch durch grandiose Schwarz-
sich schwer, während der Sohn des Gut- Weiss-Bilder und wirklich gute deutsche
besitzers am Tage des Erntedankfestes Schauspieler überzeugt. Aber beson-
misshandelt wird. Und die Serie geht ders die düstere Stimmung, die der Film
weiter: Eine Bäuerin stirbt bei einem vermittelt, hinterlässt einen beklem-
Arbeitsunfall, der behinderte Sohn der menden Eindruck – denn man spürt, die
Hebamme wird fürchterlich gequält, Katastrophe ist nahe.

3 43 prisma – April 2010


Lisboa – Stadt der
wunderschönen Kleinigkeiten
Obwohl Lissabon weder berühmte Wahrzeichen noch
einen vorauseilenden Ruf vorweisen kann, zieht diese
Stadt die Besucher in ihren Bann. Dies liegt nicht nur an
den unwiderstehlichen Pastéis de Nata, welche man in Lis-
sabon an jeder Strassenecke kriegt.

D as Erste was einem in Lissabon auf-


fällt, sind die Kleinigkeiten, welche
diese Stadt einzigartig machen. Es sind
Nachtleben Europas zu haben. Ein toller
Nebeneffekt in Bairro Alto sind zudem
die Preise, die sich mit sechs Euro für
kostet, tummeln sich hier im Gegen-
satz zu anderen Parks nur Touristen.
Der Leidenschaft Shopping kann man
die Leute, die auf der Strasse oder in der 0.75 l leckeren Caipirinha als absoluten am besten Baixa und Chiado frönen. In
U-Bahn ein Volkslied anstimmen, es Knaller herausstellen. Zum ausserge- beiden Vierteln sind sämtliche üblichen
sind die vielen Bäckereien, in welchen wöhnlichen Nachtleben tragen auch Handelsketten mit Filialen vertreten
sich die Portugiesen an die Theke stellen, die Clubs am Ufer des Rio Tejo bei, die und im modernen Shoppingzentrum
um ihren Kaffee und Pastéis de Nata zu einen unglaublichen Ausblick auf den «Armazéns do Chiado» kann man sich
geniessen, es sind die Azulejos, die wun- Fluss und seine Brücken bieten. In alten in einer grossen Elektroabteilung allfäl-
derbar bemalten Fliesen an den Häu- Lagerhäusern entstehen Locations wie lige Wartezeiten um die Ohren schlagen
sern, und es ist die electrico, die Stras- das zurzeit angesagte «Lux», welches oder sich im Food Court stärken. Neben
senbahn, die fröhlich quietschend an mit John Malkovich einen prominenten wunderschönen Plätzen wie Rossio fin-
einem vorbeirattert. Die verschiedenen Mitinhaber präsentieren kann. Die Prei- det man in Baixa auch eine Stadtzone,
Viertel der Stadt, allen voran Bairro Alto, se sind mit neun Euro für 0.3 l Caipirin- welche nach dem Erdbeben von 1755
die Altstadt, Baixa-Chiado und das wun- ha zwar etwas höher, das Interieur und schachbrettartig wiederaufgebaut wur-
derschöne Belém, runden die einzigar- der unglaubliche Balkon auf dem Dach de. Am Ende dieser Zone steht der Arco
tige Mischung Lissabons ab. In Bairro des Clubs machen diesen Nachteil aber Monumental, ein grosser Triumph-
Alto, einem der trendigsten Viertel Lis- sofort wieder wett. bogen, durch welchen man auf den
sabons, findet man kleine, versteckte Praca do Comércio, einen grossen Platz
Parks, in denen man ein gemütliches Burgruine und Shoppingcenter am Rio Tejo, tritt. Von dort nimmt man
Nachmittagsbier geniessen kann, wäh- – Tradition und Moderne in Lis- die Strassenbahn 15, welche in knapp 15
rend in den Gassen kleine Boutiquen sabon Minuten nach Belém fährt. Das Hierony-
zum Stöbern einladen. Die verschla- Das Castelo de Sao Jorge, eine Bur- mitenkloster gehört wie die Stiftsbiblio-
fenen Gassen rund um die Metrostation gruine in der Altstadt, thront über der thek in St. Gallen zum UNESCO Weltkul-
Baixa/Chiado werden ab Mitternacht zu Stadt und lädt zu einem herrlichen Pa- turerbe und damit zu den wichtigsten
einer einzigen Partymeile und Lissabon noramablick ein. Da der Eintritt zum Sehenswürdigkeiten in Lissabon. Vom
hat zu Recht den Ruf, eines der besten wunderschönen Ruinenpark fünf Euro Kloster sind es nur ein paar Gehminuten

44 prisma – April 2010


3
zum Torre de Belém, einer Hafenfestung
aus der Entdeckerzeit, welche sich als
besonders schönes Fotosujet entpuppt.
In Belém findet man zudem eine Flut
von Museen, welche sonntags freien
Eintritt gewähren. Der wahre Grund je-
doch, weshalb man dieses Viertel besu-
chen muss, ist die Fabrica dos Pastéis de
Belém. Nirgends sind die Pastéis de Nata
schmackhafter und an schönen Tagen
muss man sich für die kleinen Creme-
törtchen schon mal in Geduld üben. Der
Legende nach kennen das Rezept für die
Pastéis de Belém nur gerade zwei Per-
sonen, weshalb diese nie zusammen he-
rumreisen dürfen. Ob diese Legende nun
stimmt, sei dahingestellt. Zu hoffen ist
jedenfalls, dass das Rezept nie verloren
oder vergessen geht. Einen Besuch wert
ist auch der Parque das Nacoes, das Erbe
der EXPO 1998. Auf dem Gelände findet
man neben einem Shoppingcenter das
Oceanario, eines der grössten Meerwas-
seraquarien Europas, in welchem sich
neben den unterschiedlichsten Fischen
auch Pinguine und Otter tummeln. Das
Oceanario ist aufgrund seines riesigen
Hauptaquariums in der Mitte des Ge-
bäudes absolut sehenswert. Bei einem
Spaziergang entlang des Rio Tejo kann
man sich an den verschiedenen Gärten,
welche von der EXPO 1998 übrig blie-
ben, erfreuen und sich das kulinarische
Angebot der verschiedenen Restaurants
auf dem Gelände zu Gemüte führen.

«L‘auberge espagnole»
Dieser einzigartige Mix aus ruhigen
Vierteln und wildem Nachtleben macht
Lissabon zu einer der schönsten Stu-
Bilder: Bettina Luginbühl & Sarah Schranz
dentenstädte Europas. Die Studenten
werden durch das Erasmus Student
Network aussergewöhnlich gut betreut
und verfügen sogar über speziell billi- Infos
ge Handy-Konditionen. In Bairro Alto Easyjet fliegt jeden Donnerstag von Lissabon nach Lissabon. Der
gibt es den «Erasmus Corner», bei wel- Rückflug ist jeweils am Sonntag. Achtung! Früh genug buchen, an-
chem sich jede Nacht zahlreiche Aus- sonsten wird auch Easyjet ziemlich teuer.
tauschstudenten aus Spanien, Italien, www.easyjet.ch
Polen oder Singapur zum Bier treffen,
um anschliessend die wöchentliche
Hostels für Lissabon findet man am besten über hostelworld. Es gibt
Erasmus Party zum Kochen zu bringen.
Die Studenten wohnen meist in grossen
einige Hostels, die ein sehr gutes Rating aufweisen, wie zum Beispiel
Wohngemeinschaften, wodurch über- das Lisbon Poets Hostel.
all in der Stadt so genannte «auberges www.hostelworld.com
espagnoles» zu finden sind. Und wie
auch im gleichnamigen Film von Cédric Tipp: Bei schönem Wetter kann man die Stadt in so genannten «Go-
Klapisch erwartet die Austauschstu- Cars» entdecken. Eine innovative Abwechslung zu den langweiligen
denten in Lissabon ein Semester voller City Line Bussen.
Abenteuer jeglicher Art. www.gocartours.pt
Bettina Luginbühl

3 45 prisma – April 2010



SUHVHQW

Stürze ab in die Nacht


vor Auffahrt!

Elephant Club
St. Gallen

Mittwoch,
12. Mai 2010
10pm-4am

DJ Teyst
RnB/Hip Hop
DJ Oliver Klinghoffer
Disco
DJ Mark K
Tech & Classic House
DJ Alex Le More
House Welcome Shots
for everybody
until Midnight.
46 prisma – April 2010
3
Die Wunderflunder
Ab Ende April ist Apples iPad auch in der Schweiz
erhältlich. Fluch oder Segen für die Menschheit?

PRO
Brett mit Potential
K aum war Steve Jobs von der
Bühne verschwunden, auf der
er das iPad präsentiert hat, ging
bereits bewiesen, dass man in
der Lage ist, mit einzigartigem
Design und solider Qualität
ein enttäuschtes Raunen durch die Märkte für sich einzunehmen.
Blogosphäre der Apple-Jünger und Das iPad wird aber mit ho-
Tech-Geeks. Ein überdimensio- her Wahrscheinlichkeit keinen
nierter iPod ohne Webcam, ohne ähnlichen Hype auslösen wie
USB-Anschluss, ohne Speicher- das iPhone oder der iPod, da
karten-Anschluss und mit kleinem es nicht den gleichen revoluti-
Festspeicher. Nur ein weiterer onären Charme versprüht wie
Tablet-PC und zudem ein nicht Apples vorherige Innovationen.
besonders leistungsfähiger. Wo Das iPad ist wie ein Schweizer
bleibt denn da die Revolution? Taschenmesser. Es ist handlich,
praktisch und kann alles, was
Vielleicht hat der ein oder man braucht. Aber ist das wirk-
andere vor lauter Aufregung Fol- lich wahr? Brauche ich wirklich
gendes vergessen: Der iPod ist einen Tablet-Computer, um auf
nichts anderes als ein MP3-Pla- dem Sofa Filme zu schauen,
yer und das iPhone im Tiefsten wenn ich das auch auf meinem
seines Herzens ein ordinäres 30 Zoll HD Flat Screen Fernse-
Mobiltelefon. Was die feh- her tun kann? Benutze ich das
lenden Funktionen und Schnitt- iPad wirklich im Büro, um grös-
stellen angeht: Der technikaffine sere Projekte zu bearbeiten, wenn
Kritiker übersieht, dass Apple das iPad nicht fünfzig , sondern nur fünf Mails ich dies an meinem Laptop oder Desk-
kaum für seinesgleichen auf den Markt beantwortet. Wenn es Apple gelingt, top PC mit einer richtigen Tastatur viel
geworfen haben dürfte. Es geht nicht diese Zielgruppe, die bis dato wenig mit bequemer erledigen kann? Nutze ich
um das technische höher, schneller, Smartphones und Notebooks am Hut auf dem iPad wirklich Apples umfang-
weiter, es geht um die Transzendierung hatte, für das iPad zu begeistern, ist des- reiches Angebot an Apps, obwohl mir
dessen, was wir heutzutage mit derlei sen Erfolg gewiss. Geht zudem das Kon- das iPhone dies auch unterwegs und in
elektronischen Gerätschaften anstel- zept der Shopanbindung auf und iPad- Verbindung mit mobiler Telefonie und
len. Entscheidend ist die Verwendung User beginnen, Bücher und Zeitungen mobilem Internet erlaubt? Bei näherem
des iPads, oder besser: der Nutzen, den online zu kaufen, so wäre eine ähnliche Hinsehen wird deutlich, dass das iPad
der Anwender aus der Verwendung des Revolution gelungen wie damals mit der zwar alles kann, aber nichts richtig. Die
iPads zieht. Exakt hier liegt dann auch Kombination iPod-iTunes. meisten Menschen besitzen all jene Ge-
das wahre Potenzial des iPads. Es ver- Yannick Pengl räte wie Fernseher, Laptop und Handy,
spricht eine ähnlich intuitive Bedienung die durch das iPad ersetzt werden sollen.
wie iPod und iPhone und verbindet alle Es stellt sich also die Frage, wo sich für
relevanten Anwendungsbereiche: Mu- CONTRA den Tablet-PC ein ausreichend grosser
sik hören, Filme schauen, Bücher und Markt auftun soll. Vielleicht nirgends.
Zeitungen lesen, im Netz surfen, Mail- Keine Revolution Denn dann werden auch das überra-
und Kalenderverwaltung – und das al- gende Design, die altbewährte Qualität
les in einem vergleichsweise leichten
und handlichen Gerät. Das iPad ist so-
mit das ideale Multitalent für den nur
E ines sollte gleich zu Beginn klar sein:
Das iPad ist keine Revolution. Ande-
re Hersteller, darunter auch Microsoft,
und der gute Ruf der Marke Apple dem
iPad nicht viel nützen und es könnte wie
seine Konkurrenzprodukte im Nichts
unterschwellig an technischen Details haben schon längere Zeit Tablet-PCs des Multimediamarktes verschwinden.
interessierten Otto-Normalverbraucher, im Angebot, und dies mit mässigem Er-
der Musik und Filme mag und am Tag folg. Nur hat Apple in der Vergangenheit Fabian Fechner

3 47 prisma – April 2010


Hong Kong vs. Appenzell
Der Sekundärmarkt der asiatischen Handelsmetropole
befindet sich auf dem aufstrebendem Ast.

G eht es um Kunst & Kultur, gleicht


Hong Kong eher Appenzell als
New York» schrieb ich in der letzten
kannten Werken). Hier werden Summen
umgesetzt, von denen vermeintliche
Kunstmetropolen wie Paris, Berlin oder
rien, Museen und Künstlerszene werden
aus dem Dauerschlaf vorerst nicht auf-
wachen. Schade!
Ausgabe des prisma. Und in der Tat ist Zürich nur träumen. Die Asiaten kaufen MR
die Kunstszene in Hong Kong eher be- wie verrückt und haben Hong Kong als
schaulich. Schwache Galerien, langwei- ihr Kaufhaus ausgesucht. Ein Händler
lige Museen, keine Künstlerszene. Auf berichtete mir kürzlich, dass das Kauf- Der Autor promoviert zum Thema
den ersten Blick scheint es, als ob der verhalten seiner asiatischen Kundschaft «Management von Kunstgalerien» am
Kunstmarkt an Hong Kong vorbeiginge. eher demjenigen beim Erwerb einer KMU-Institut bei Prof. Christoph Mül-
Doch das Gegenteil ist der Fall. Wäh- Louis Vuitton Tasche gleiche. «Sie kom- ler. Regelmässig berichtet er an dieser
rend der Primärmarkt (also das Galeri- men rein, fragen nicht viel, verhandeln Stelle vom Kunstmarkt. Er war bereits
engeschäft) im Dauerschlaf ist, boomt den Preis kurz und kaufen es. Je teurer, im Alter von 20 Jahren Teilhaber einer
der Sekundärmarkt (der Handel mit be- desto besser.» Die Motive zum Kauf sind Galerie für zeitgenössische Kunst.
stets die gleichen: Neureiche Asiaten su-
chen Statussymbole, sollten der Ferrari
und das grosse Haus nicht ausreichen.

Der Fokus liegt dabei auf asiatischen


Künstlern, denn mit den Westlern kön-
nen sie wenig anfangen. Ein Blick auf
aktuelle Daten belegt diesen Trend: Laut
Artprice.com ist Hong Kong bereits jetzt
die Nr. 3 im internationalen Kunstmarkt
(gemessen am Auktionsvolumen), hin-
ter New York und London. Die Liste der
Top 3 Künstler (welche 2009 am meisten
auf Auktionen umgesetzt haben) schaut
ähnlich aus. Picasso ($121m) und War-
hol ($106m) belegen die ersten Plätze,
dahinter folgt ein Chinese, Baishi Qi
($70m). Keine Frage, wo Werke von Qi
gekauft wurden: Hong Kong natürlich.
Internationale Händler haben das Po-
tenzial von Hong Kong erkannt. Anstatt
aber wie in Peking eine Dépendance
zu eröffnen, beschränken sich viele auf
kleine Büros. Ein gutes Beispiel ist Ga-
gosian, die weltgrösste Galerie. Überall
eröffnen sie eine Vertretung, selbst in
Athen, bei den Pleite-Griechen. In Hong
Kong haben sie aber nur ein kleines
Büro und bedienen von hier aus den asi-
atischen Markt. Die Regierung in Hong
Kong unterstützt das: Vor kurzem wur-
den die Steuern auf Kunst abgeschafft.
Die Konsequenzen sind schon jetzt
offensichtlich: Hong Kong wird seine
Position im Kunsthandel weiter verbes-
sern. New York und London müssen um
ihre Top-Positionen fürchten. Doch un-
ter dem Fokus auf den Sekundärmarkt
leidet die eigentliche Kunstszene. Gale-

48 prisma – April 2010


3
M enschen
51 Herausgepickt: Andreas Vogel

52 Profs privat: Marianne Hilf

54 Umfrage: Was läuft auf dem Dorfe?

56 Guter Duft und klare Worte


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Andreas Vogel

Herausgepickt
«Die HSG hat mich zur Kultur
gebracht»

Seit zwei Jahren spielst du im Studenten- gentlich am Ablaufen ist, dass es bald zu
theater, zeigst somit deine künstlerische Ende gehen wird. Alle sind mürbe vom
Seite. Warum studierst du denn eigent- Krieg und der ständigen Todesangst.
lich an der HSG? Diese Umstände muss man sich bei der
Die Wirtschaft hat für mich immer Rollenvorbereitung bewusst machen.
noch erste Priorität. Das Theaterspielen
ist für mich nur ein Ausgleich zum nor- Wie bereitest du dich denn unmittelbar
malen Studentenleben. Es ist ein Hob- vor dem Auftritt vor – bist du sehr ner-
by, und dabei soll’s auch bleiben. Denn vös?
schliesslich kann man damit auch kein Nicht übermässig. Für mich ist nur
Geld verdienen (grinst). wichtig, dass ich mich bereits vor Auf-
führungsbeginn auf meine Rolle ein-
Wie bist du denn eigentlich zum Theater- stimmen kann. Denn es geht ja nicht
spielen gekommen – warst du schon im- einfach so, dass man auf die Bühne
mer begeistert von der Bühne? hüpft und sofort ist man in der Rolle. Es
Eigentlich kam das erst durch die braucht eben seine Zeit, in einen ande-
Andreas Vogel HSG zu Stande. Die verschiedenen ren Charakter hineinzuschlüpfen. Und
Wahlfächer bieten ja ein relativ breites da sollte mich dann auch besser keiner
Alter 27 Angebot, und irgendwann hab ich da stören (lacht).
mal reingeschnuppert und festgestellt:
Studium BWL, 4. Semester Das gefällt mir. Vor allem die Möglichkeit Was ist denn bislang das Schlimmste,
der Schauspielerei, dass man so richtig was dir auf der Bühne passiert ist?
Lieblingsautor Nils LaBute in eine andere Welt hineintauchen und Es gibt eigentlich zwei peinliche
jemand anders sein kann, finde ich fas- Momente, an die ich mich erinnern
Lieblingsstück Das Mass der Dinge zinierend. kann. Zum einen war da meine Rolle des
«Schwarzen Mannes» an sich, weil ich
Musik Steely Dan (Jazz- Hilft dir denn die Schauspielerei auch im bei meinen Auftritt kein einziges Wort
rock) HSG-Alltag? auf der Bühne sagen durfte und gleich-
Ich finde, es hilft mir recht viel bei zeitig eine Rolle definieren musste, von
Film Day After Tomorrow Präsentationen. Denn in diesen Situa- der keiner wusste, welcher Art die sein
(wegen der Special tionen ist man ja auch in einer Rolle, die sollte. Und zum anderen war ich bei
Effects!) man beherrschen muss. Im normalen meinem ersten Auftritt für das Studen-
Leben aber ist die Schauspielerei meiner tentheater gleichzeitig auch noch für
Essen & Trinken Pasta mit Mineral- Meinung nach ein falsches Mittel. Man die Technik zuständig – was sich später
wasser merkt es eben sehr schnell, ob einer als Fehler herausstellte, weil an diesem
ehrlich ist oder nur spielt. Oder versuch Abend technisch gar nichts funktio-
Aktuelles «Ich bereue nichts. mal, einer Frau etwas vorzuspielen – das nierte. Und ich konnte in dieser Situati-
Lieblingszitat Ich habe meinen geht nicht lange gut! on nicht viel dagegen machen.
Spass gehabt, und
das ist die Haupt- In eurem neuen Stück spielst du einen Wo siehst du dich denn in zehn Jahren
sache» (Tote ohne sexistischen Bösewicht, der Frauen miss- – hast du da immer noch was mit der
Begräbnis) handelt. Wie fühlt man sich denn in so Schauspielerei am Hut?
eine schwierige Rolle hinein? Hmmm... mal schauen; wäre ja
Man muss irgendwie versuchen, schön, wenn man das Hobby in den Be-
sich in die Grundstimmung hineinzu- ruf integrieren könnte. Vielleicht Marke-
versetzen. In diesem Stück wissen ja tingleiter bei Warner Brothers, das wär
alle Beteiligten – sowohl die Folterer wie doch was.
auch die Gefolterten –, dass ihre Zeit ei- Raffael Hirt & Matthias Mirbeth

M 51 prisma – April 2010


Profs privat: Marianne Hilf, Lehrstuhl für Strafrecht,
Strafprozessrecht und Kriminologie

«Ein Blick ins Buch und


zwei ins Leben»
Sarah.Umbricht@student.unisg.ch Annika.Sonderegger@student.unisg.ch
prisma-Redaktorin prisma-Redaktorin

A n einem regnerischen Dezember-


morgen besuchen wir Marianne
Johanna Hilf in ihrer Wohnung am Ro-
schloss sie ihr Studium ab. Noch wäh-
rend ihres Studiums nahm sie eine As-
sistentenstelle an der Universität Graz
tin der Opferhilfevereinigung «Weisser
Ring» in Österreich, in dessen Vorstand
sie weiterhin verblieben ist. Internatio-
senberg in St. Gallen. Wir stehen vor an und schrieb ihre Dissertation zum nal setzt sie sich im Rahmen der «World
einem weissen Haus, in welchem sich Thema der «Wiedergutmachung in der Society of Victimology» für Opferrechte
– zur Talseite hingewandt – die hübsche österreichischen Strafrechtspflege – Auf ein. 1997/98 absolvierte Marianne Hilf
Wohnung inmitten eines malerischen dem Weg zu einem neuen Kriminal- das Gerichtsjahr in Wien und arbeite-
Gartens befindet. Die kleine, aber feine recht?» Das Befassen mit dieser The- te während der ersten österreichischen
Wohnung liegt etwas versteckt hinter matik bildete den Grundstein für ihr EU-Ratspräsidentschaft im Bundesmi-
einem hohen Zaun, hinter dem man den soziales Engagement in der Opferhilfe. nisterium für Justiz. Hierbei war sie als
Weg durch den japanisch gestalteten Einige Jahre lang war sie Vizepräsiden- Teil der österreichischen Delegation
Teil des Gartens zur Eingangstür findet.
Als Erstes fallen die grossen Fenster der
Wohnung auf, so dass man sich so fühlt,
als sässe man direkt im Garten, und
genau das mag Frau Hilf so besonders.
Dass ihr Heim nur 15 Minuten von der
Universität entfernt ist, ist ein weiterer
Vorteil.

Eine lachende Mandarine im


Obstkorb
Wir werden sehr gastfreundlich
begrüsst, mit Latte Macchiato und stei-
rischem Nussbrot. Auf einer der Manda-
rinen im Früchteteller finden wir sogar
ein aufgemaltes Smiley. Man ahnt, Frau
Hilf ist ein fröhlicher Mensch. Marianne
Hilf wurde 1966 – da darf man den Jahr-
gang noch erwähnen – in Graz (Öster-
reich) geboren und ist das einzige Kind
ihrer Eltern. Ihr Vater war vor seiner
Pensionierung langjähriger Strafrichter
am Landesgericht für Strafsachen Graz.
Auch ihre Mutter studierte Rechtswis-
senschaften und absolvierte anschlies-
send ihr Gerichtspraktikum am Grazer
Straflandesgericht, wo sich die beiden
kennen lernten. Frau Hilfs Eltern liessen
ihrer Tochter in beruflicher Hinsicht alle
Freiheiten. «Nur eines wollten meine
Eltern nicht: dass ich Strafrichterin wer-
de!», meint Marianne Hilf lachend.

Nach der Matura studierte Hilf


Rechtswissenschaften in Graz; 1990

52 prisma – April 2010


M
wiederholt in der EU-Rats-
arbeitsgruppe für Straf-
recht in Brüssel tätig.

Die Schönheit St. Gal-


lens
Während ihrer Zeit
im Gerichtsjahr fand sie
die Stadt Wien zwar sehr
schön – «eine Grossstadt
mit herrlichen Gebäuden «Ich bin begeistert von St. Gallen.» Marianne Hilf lehrt seit 2009 an der HSG
und trotzdem sehr ruhig
und grün» –, ging danach aber wieder denn ihre Lieblingsspeise sei, meint sie kleines herausgefallenes Handy. Ausser-
nach Graz, um ihre Habilitation in An- ganz klar: «Ein Steak. Medium-rare.» halb von Europa fand sie die Galapagos
griff zu nehmen. Frau Hilf habilitierte Inseln aufgrund ihrer Flora und Fauna
sich im Jahr 2003 mit dem Thema «Straf- Als Kind lernte Marianne Hilf Kla- sowie ihrer Unberührtheit «am beein-
rechtliche Verantwortlichkeit von juri- vier und Violine spielen, beides spielt druckendsten». Generell sagt sie, sie lie-
stischen Personen». Damit erwarb sie sie heute nicht mehr. Aber sie hört ger- be das Meer. Auch wenn Frau Hilf den
die venia legendi für Strafrecht, Strafpro- ne Musik und mag dabei alle möglichen Sommer lieber mag als den Winter, kann
zessrecht und Kriminologie. Seit Som- Richtungen: Blues, Pop, Independent, sie Letzterem einige Reize abgewinnen;
mer 2009 lehrt und forscht Frau Hilf nun Klassik. Auch sonst lässt sie sich nicht obwohl sie keine ausgewiesene Win-
in St. Gallen am Lehrstuhl für Strafrecht, auf einzelne Gebiete festlegen; sie ist tersportlerin ist, steht sie ab und zu auf
Strafprozessrecht und Kriminologie un- vielseitig interessiert. Während ihrer Langlaufskiern.
ter besonderer Berücksichtigung des Schulzeit war Marianne Hilf begeisterte
Wirtschaftsstrafrechts. St. Gallen ist mit Tänzerin und trainierte lateinamerika- Eines der vorrangigen Ziele von
ca. 71 000 Einwohnern etwas überschau- nische Turniertänze. Mit Studienbeginn Frau Hilf ist, das Interesse für die straf-
barer als Graz mit 280 000 Einwohnern; trat das Tanzen aber immer mehr in den rechtlichen Aspekte im Wirtschaftspro-
trotzdem oder gerade deswegen gefällt Hintergrund. zess zu wecken und diese gemeinsam
es Marianne Hilf sehr gut in St. Gallen. mit den Studierenden zu analysieren.
«Man hat hier alles, was man braucht, Das Reisen als grosse Leiden- Der Lehrstuhl von Frau Hilf ist nicht ge-
und dazu ist St. Gallen wunderschön ge- schaft rade repräsentativ für den Frauen-Anteil
legen», sagt Frau Hilf. Graz ist nicht nur Eine weitere grosse Leidenschaft an der Uni, er ist mit zwei Assistentinnen
die Heimatstadt von Frau Hilf, sie lernte von Frau Hilf ist das Reisen. Innerhalb besetzt: «Sie sind sehr engagiert und bil-
dort auch in der Oper ihren Mann ken- von Europa schwärmt sie vor allem den ein hervorragendes Team.»
nen. Der Oberarzt in der Geriatrie an der von Kroatien – obwohl sie dort einen
Berliner Charité ist «geradezu begeistert schweren, aber glücklicherweise fol- Eines ihrer Lieblingszitate stammt
von St. Gallen», daher verbringen sie genlosen Autounfall erlebte: Ihr Auto von Goethe: «Ein Blick ins Buch und
häufig ihre Wochenenden gemeinsam überschlug sich nach einer Kollision auf zwei ins Leben, das wird die rechte Form
hier. einer Kreuzung in Zagreb und erlitt To- dem Geiste geben.» Zum Schluss fragen
talschaden, Marianne Hilf blieb unver- wir Frau Hilf, ob sie spezielle Ratschlä-
In ihrer freien Zeit liest Marianne letzt. Durch den Unfall wurde ihr aber ge für Studierende hat. Spontan meint
Hilf gerne. Ihre Lieblingsbücher sind «schlagartig» bewusst, dass man die sie: «Ich finde es wichtig, dass man bei
etwa «Die Wand» von Marlen Haushofer Handtasche im Auto immer schliessen allem, was man tut, den Mitmenschen
oder «Unter Freunden» von Martin Suter. sollte, denn: Eine geschlossene Hand- mit Respekt, Wertschätzung und einer
Ausserdem kocht sie gerne und treibt re- tasche lässt sich in einem auf dem Dach positiven Einstellung begegnet.»
gelmässig Sport. Auf die Frage, welches liegenden Auto einfacher finden als ein

M 53 prisma – April 2010


Umfrage

Was läuft auf dem Dorfe?


Viele Studierende haben in einem Dorf gewohnt, bevor es sie in die pulsierende
Ostschweizer Metropole St. Gallen zog. Deshalb wollte prisma von ihnen wissen,
was für sie eigentlich «typisch Dorf» ist.

Lea, Bachelor-Stufe
Auf dem Land gibt es Tiere: Mir rannte in unserem Dorf mal
ein Schwein nach! Ich musste auf ein Dach flüchten, wo ich
zwanzig Minuten wartete, bis jemand kam, der das Schwein
mit Wasser verjagte.

Raffi, Bachelor-Stufe
Klatsch verbreitet sich schnell: Ich hab mal einer Bekannten
aus meinem Dorf zum Spass erzählt, ich sei Vater geworden.
Zum Beweis hab ich ihr ein Foto von mir und einem kleinen
Mädchen in der Pizzeria gezeigt. Das Gerücht machte schnell
die Runde. Sogar meine Schwester wurde in der Migros darauf
angesprochen.

Marcel, Assessment-Stufe
Wenn du im Dorf auf den Bus rennst, dann wartet der Bus-
fahrer auf dich und erkundigt sich beim Einsteigen nach der
Familie. In der Stadt sind die Chauffeure gemein und fahren
dir immer vor der Nase weg.

54 prisma – April 2010


M
Luca, Bachelor-Stufe
Das klassische Klischee über Schweizer: Ich komme aus den
Bergen und bin im Winter mit dem Snowboard in die Schule
gefahren. In der Schule hatte es sogar so einen Skiständer wie
vor den Restaurants. Über Mittag hatten wir oft vier Stunden
frei, damit wir auf die Piste konnten.

Chiara, Bachelor-Stufe
Zwei Dinge erinnern dich immer wieder daran, dass du ein
Dorfkind bist. Erstens: Jeder kennt deinen Namen. Zweitens:
Du kannst mitten auf der Hauptstrasse in einen Kuhfladen tre-
ten.

Beat, Bachelor-Stufe
Ein Freund von mir ist auf dem Schulweg mit dem Bob ver-
unfallt!

Marisa Steiner

M 55 prisma – April 2010


Guter Duft und klare Worte
Seit 14 Jahren steht Vreni Giger, ausgezeichnet mit 17 Gault-
Millau-Punkten, in der Küche des Jägerhofs und verwöhnt ihre
Gäste mit erlesenen Speisen. Grund genug für uns, für einen
Tag hinter die Kulissen zu schauen und einen Einblick in den
Arbeitsalltag einer Meisterköchin zu bekommen.

U m 9 Uhr morgens fängt unser Aus-


flug in die Brühlbleichestrasse an.
In der Küche beginnen die zwei Köche
in Ausbildung und ihre Chefin mit der
Planung der Arbeitsschritte und ent-
scheiden, welche Gerichte bereits vor-
bereitet werden können. Wir wundern
uns derweil ein wenig, dass man aus
der Küche bis in den Gastraum schau-
en kann, doch Frau Giger klärt uns auf:
«Das Prinzip der offenen Küche ist mir
sehr wichtig. Die Gäste sollen dadurch
ermuntert werden, auch mal einen Blick
in den wichtigsten Raum des Restau-
rants zu werfen!» Etwas verloren kom-
men wir uns als Laien in den ersten Mo-
menten in diesem Reich aus Edelstahl
und Küchenmaschinen, mit riesigen
Herdflächen, Kresse auf den Sideboards
und den grossen Dosen mit Salz, Zucker
oder Mehl dennoch vor. Jeder Koch hat
hier seinen eigenen Posten, ist zum Bei-
spiel zuständig für Stärkebeilagen, kalte
Vorspeisen, Gemüse oder Saucen. Nur
das Fleisch, das ist natürlich der Chefin
vorbehalten. Einer der ersten Gänge des
Tages führt einen Koch in den Kühlraum
des Hauses, der erstaunlich leer scheint,
doch er klärt uns schnell auf: «Die mei-
sten Zutaten kommen frisch aus der
Umgebung und müssen deshalb auch
nicht lange gelagert werden.»

Kleider machen Köche


Währenddessen wird in der Küche Käse
gehobelt, Suppengemüse eingekocht,
und dutzende Zwiebeln geschnitten
(nicht zu fest mit dem Messer drücken,
dann muss man auch nicht weinen,
sagt der Profi). Und zwischen Amuse-
Bouches und Pré-Dessert wird sogar aus
uns prisma-Redaktoren ziemlich schnell
ein Teil der Crew - zumindest äusserlich:
An die hochgeschlossene Küchenbluse
Die Herrin der Töpfe. Vreni Giger in der Küche ihres Jägerhofs
werden die Knöpfe gesteckt, dazu kom-

56 prisma – April 2010


M
men die Schürze und der Torchon – das
Geschirrtuch für alle Fälle – und schon
halten wir die erste Rezeptkarte mit der
Tagesaufgabe in der Hand: Schwieger-
mutterzungen, eine Art breite Crossini,
die den Gästen als Knabbergebäck für
zwischendurch auf den Tisch gestellt
werden. Doch natürlich ist das gar nicht
so leicht. Wir versuchen uns im Abwie-
gen und Bedienen der rumpelnden
Knetmaschinen, scheitern zunächst
kläglich beim Auswalzen und schaffen es
letztlich aber doch, das eigene Werk mit
einem gewissen Stolz in den Backofen
zu schieben. Die beiden jungen Köche,
die seit zwei respektive drei Jahren im
Jägerhof lernen, erzählen derweil, dass
sie sich zuhause vor dem Kochen eher
drücken, weil sie einfach ständig von ih- Stehts alles im Griff: 17 Gault-Millau-Punkte kommen nicht von ungefähr
ren Kollegen belagert werden. Und auch
die unvorhersehbaren Dienstenden sind Küche und die Vorbereitungen für ei- waage abgemessen. Wohlige Gerüche
Gift für Verabredungen: «Jeder Tag ist nen gästereichen Freitagabend laufen finden ihren Weg in unsere Nasen, der
anders, und bekanntlich bestimmen die auf Hochtouren. Das Team, bestehend Grossteil des Dunstes aber steigt auf in
Gäste, wann die Arbeit zu Ende ist.» aus fünf Köchinnen und Köchen, plant die riesige Abzugshaube und gelangt
das Abendgeschäft. Es herrscht ein an- von dort nach draussen in die kalte
Auch ein Koch muss einmal es- gemessen straffes Arbeitstempo, ohne Abendluft. Nicht zuletzt von diesem fei-
sen dass Hektik in der Luft liegt. Während nen Odeur angelockt, kommen die er-
Bevor die Mittagsgäste eintreffen, auf dem Herd zwischen fünf und sieben sten Gäste des Abends in den Jägerhof.
versammelt sich das gesamte Team des Töpfe dampfend vor sich hin kochen «Der Grossteil hat reserviert», verrät die
Jägerhofs zum Mittagessen: Käsehörn- und wohlriechende Düfte in die Luft be- sympathische Kellnerin, «für heute er-
li mit Salat. Hungrig könne man nicht fördern, planen die Chefin und ihr Team warten wir etwa 40–50 Gäste.» Ganz voll
gut kochen, sagt Frau Giger lachend. nebenher die letzten Details für einen wird es also nicht werden. «Wir hatten
Lange Zeit fürs Essen kann man sich reibungslosen Ablauf. Alle Kollegen hö- schon über 70 Gäste hier, da wurde es
dabei nicht lassen: Gegen 12 Uhr füllt ren auf Frau Gigers bedachte Vorgaben aber wirklich eng», erzählt Claudia, die
sich der Gastraum und auch die At- und halten sich an ihre schriftlich fest- freundliche Sommelière, und poliert mit
mosphäre in der Küche ändert sich. gehaltenen Meisterrezepte. Sie selbst ihrer Kollegin die letzten Messer und
Alle paar Minuten bringen die Kellner hat die Lage voll im Griff: Während sie Gläser. Nebenher ist noch Zeit für einen
neue Bestellungen, die von Frau Giger routiniert mehrere Speisen synchron kurzen Plausch, denn noch ist der er-
verteilt werden. Jeder Angesprochene zubereitet, sind ihre Augen überall zu- wartete Andrang des Abends nicht ein-
antwortet mit einem klaren «Jawohl!» gleich. Stets weiss sie den Kollegen im getroffen.
und macht sich wie selbstverständlich richtigen Moment den richtigen Rat-
an sein Werk. Wir Laien können späte- schlag zu geben und behält den Über- Ein langer Abend steht bevor
stens ab jetzt nur noch zuschauen: Auf blick; eine Führungsperson fast schon Das Fischfilet von vorhin befindet
dem Posten der kalten Vorspeisen wer- nach HSG-Manier! sich mittlerweile umgeben von einer
den die bunten Salate drapiert und der köstlich anmutenden sowie aufwändig
Beilagenkoch macht in einer Minute aus Ein guter Duft liegt in der Luft zubereiteten Weinsauce und macht ei-
einem gelblichen Klumpen formvollen- Pralle Orangen werden mit schnel- nen servierfertigen Eindruck. Gemein-
dete Pasta. Vreni Giger bringt ganz vorn ler Hand gepresst, ein Arbeitsfeld wei- sam mit einer aufregenden Schaum-
noch Fleisch, Fisch oder Meeresfrüchte ter verlieren Riesengarnelen ihre Haut Crème richtet Frau Giger es auf Rande
und die dazugehörigen Saucen auf den und finden sich kurzerhand fein gehackt an, bevor der Teller seinen letzten Weg
Teller und gibt ihr Okay, bevor der Tel- in einem exquisiten Soufflé wieder. in die Speisezimmer antreten darf. Wäh-
ler die Küche endgültig verlässt. In der Feinstes Fischfilet zischt beim Kontakt rend wir uns von unserer kleinen Repor-
Küche wird es währenddessen unglaub- mit der heissen Gusspfanne, massen- tage langsam auf den Heimweg machen,
lich warm, es brutzelt und duftet in jeder weise Gänseleber wird gebraten, auf der hat der Stress für das gesamte Team
Ecke des Raums. Die erste Schicht des Kochplatte nebenan beginnen sich die gerade erst begonnen. Noch bis minde-
Tages ist geschafft. in Knoblauchsauce gebratenen Mies- stens 22 Uhr werden sie in der Küche die
muscheln langsam zu öffnen. Immer leckersten Gaumenfreuden zubereiten
Leadership à la HSG wieder wird zu der zentral stehenden und ihr Können erneut unter Beweis
Die zweite Etappe beginnt um Schüssel mit Salz gegriffen. Gekonnt stellen.
knapp 18 Uhr. Mittlerweile ist der Abend werden Gewürze abgeschätzt, andere Annegret Funke, Tristan Swysen &
eingekehrt in Frau Gigers gemütlicher Zutaten exakt mit der silbernen Küchen- Charlotte Claesson

M 57 prisma – April 2010


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Das Gerücht
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"LA"LA"LA"LA"LA"LA"LA"LA nerrhoder finden, die ihr Seitengewehr Erste Gedankenspiele zur Kantons-
"LA"LA"LA"LA"LA"LA"LA für einen solchen Anschluss in die Luft fusion machten schon 2005 die Run-
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recken, darf bezweifelt werden. Etwas de, was den damaligen Ständerat Carlo
"LA"LA"LA
"LA harmloser käme dieser Schritt daher, Schmid dazu veranlasste, «erschiesst uns
wenn sich St. Gallen, die beiden Ap- doch gleich» in die Weite des Plenarsaals
penzeller Halbkantone und, wenn man zu rufen. Heute hat ein progressiverer
schon dabei ist, auch das Thurgau zum Wind in den Machtzentren Einzug ge-
Kanton Ostschweiz vereinigten. halten. Bei einem jüngst vom schei-
denden Avenir-Suisse-Direktor Thomas

D er Kantönligeist gilt vielen als das


Grundübel der heutigen Schweiz.
Er kommt wohl kaum so deutlich zur
Ein Blick in die Historie zeigt: Als
Appenzell 1513 in die Eidgenossen-
schaft aufgenommen wurde, gab es die
Held arrangierten Treffen einigten sich
die beteiligten Landammänner und Re-
gierungspräsidenten bei Käse, Bratwurst
Geltung wie in den beiden Appenzell, sinnlose Trennung noch nicht. Erst die und reichlich Most auf ein vertrauliches
oder muss es heissen Appenzells? Ap- Gegenreformation führte dazu, dass Re- Positionspapier, welches prisma vor-
penzelle? Allein schon die Tatsache, formierte und Katholiken je im eigenen liegt. Darin wird der Kanton Ostschweiz
dass der Plural von Appenzell beschis- Halbkanton zum selben Herrn beteten. als «mittelfristiges Ziel einer Politik der
sen klingt, schreit nach der Kantonsfu- Dass die religiösen Differenzen heute im verstärkten Kooperation» angestrebt.
sion. Bedenkt man weiterhin, dass Ap- gemeinsamen Interesse überwunden
penzell etymologisch nichts weiter als werden können, wird nicht nur im Tou- Aus prisma-Perspektive können
«Zelle des Abtes» bedeutet, drängt sich rismusmarketing sichtbar. Auch die bei diee Pläne nur gutgeheissen werden. Auf
förmlich die Inkorporation in den Kan- der Abstimmung zur Minarettinitiative dass wir uns nie wieder mit dem Plural
ton St. Gallen auf. demonstrierte Verbrüderung im Ange- von Appenzell herumschlagen müssen.
sicht des gemeinsamen Feindes offen-
Ob sich auf dem Landsgemein- barte einen Ostschweizer Wertekon- Yannick Pengl
deplatz in Appenzell ausreichend In- sens.

Heftvorschau
Pünktlich zum Ende des Semesters beschäftigt sich prisma mit den wirk-
lich wichtigen Dingen des Lebens. Alle wollen es, wenige haben es und
seinetwillen zieht es uns täglich auf den Rosenberg. Die Maiausgabe wid-
met sich dem schnöden Mammon, dem Fetisch jedes rechtschaffenen
HSG-Studenten. Wir freuen uns auf Eure kontroversen Beiträge zum The-
ma «Geld». Schreibt an prisma@myunisg.ch oder kommt zur wöchent-
lichen Redaktionssitzung: Jeden Dienstag in unserem Büro (20:15 Uhr,
Oberer Graben 3).

Nächster Redaktionsschluss:
Montag, 3. Mai 2010

Zuschriften an
prisma@myunisg.ch

58 prisma – April 2010


Zuckerbrot Peitsche
W asserkisten schleppen, Möbel
rücken, Glühbirnen
austauschen, Repara-
R ückblickend habe ich ein schlechtes
Gewissen, mich nicht mit den HSG
Career Days befasst zu haben, da die-
turen vornehmen… se, trotz allem, Türen aufmachen und
Spätestens wenn Möglichkeiten aufzeigen. Doch trotz
Studenten das allem, habe ich keine Lust, dem «my-
heimische Lager time-to-shine»-Moment der HR-Leute
verlassen, merken beizuwohnen. Zugegeben, optisch be-
sie, dass diese all- deuten diese Tage auch pure Ästhetik
täglichen Aktivitäten – oder eben auch nicht. Anzüge sind ja
nicht so einfach sind, eine ganz feine Sache, doch stehen sie in
wie es auf den ersten Blick der Regel erfahrenen Businessmännern,
scheint. die auch jahrelange Erfahrungen in de-
ren Auswahl haben, besser als postpu-
Bei weiblichen Studenten fängt das bertären Studenten. Natürlich gibt es
wahre Problem nicht erst bei den Mö- auch hier Ausnahmen, aber nur seitens
beln oder Reparaturen an. Es beginnt der potenziellen Arbeitgeber. Arbeiten
bei widerspenstigen Saucenglä- zeichnet den Menschen auf andere Art
sern und schweren Kisten. Kaum und Weise als studieren. Ich will damit
ist man mit solch einer Situation nicht aussagen, dass Anzüge für Stu-
konfrontiert, da schleicht sich denten generell verboten sind. Doch
auch schon die einfachste und of- die penetrante Genauigkeit, mit welcher
fensichtlichste Lösung ein: Warum einige Kommilitonen versucht haben,
nicht einen Mann fragen? Und die jedes Detail ihres Auftretens zu perfek-
Antwort ist ebenso schnell gefunden: tionieren, war befremdend. Sich in
Weil kein hilfreicher zur Verfügung der Toilette die Zähne zu putzen,
steht! Nicht etwa, weil keiner in der gegenseitig den Krawattenknopf zu
Nähe ist. Nein, weil er schlicht- richten, öffentliches Schuhputzen
weg einfach nicht helfen kann und krampfhaft gestellte und dem-
oder will. Entweder ist er entsprechend unnatürliche Posen
beschäftigt, krank oder sind einfach nur falsch.
versteht nicht, worum es
eigentlich geht. Tragisch-komisch fand ich auch die
Apéros. Nicht nur, dass der Kaffee besser
Was bis an dieser war als in der Cafeteria und dazu noch
Stelle nach einem Aufruf gratis (was die Diskussion um
für mehr Hilfsbereitschaft die ewige Frage nach dem
an Gentlemen klingt, hat Preis-Leistungs-Verhältnis
noch eine wahrlich positive unseres Hauskaffees einmal
Seite. Die betroffenen Damen ler- mehr ankurbelte), sondern auch
nen, ihre Probleme selbst zu lösen. Sie das schemahafte Verhalten, was das Er-
müssen teilweise kreativ werden, um ihr gattern von Gesprächszeit mit einem
Ziel zu erreichen, und schlussendlich Vertreter betraf, war herzerwärmend.
können sie unheimlich stolz auf sich Rein optisch war zu beobachten, wie ein
selbst sein. Denn sie sind in der Lage, speziell schneller oder mutiger Student
ein Gurkenglas auf verschiedenste Vari- die Chance als Erster am Schopf packte
anten zu öffnen, allein Kisten im Keller und eine Diskussion begann. Danach
zu verstauen oder sogar eine Steckdose bildeten sich entweder rundherum
auszuwechseln. Sie haben bewiesen, kleine Grüppchen, die wartend auf
dass sie sowohl vollkommen selbstän- eine Chance Amuse-Bouches ver-
dig als auch lebensfähig sind. Deshalb schlangen, oder, das weitaus grössere
an dieser Stelle ein ganz grosses Danke- Kuriosum, es bildete sich eine War-
schön an alle die Herren in der Welt, die teschlange. Ein gewisses Mass an An-
keine Gläser öffnen, Möbel rücken und stand und Moral ist zwar notwendig,
Kisten verstauen! aber dieses Bild war der Gipfel.
Rabea Müller Guillaume Gabus

59 prisma – April 2010


MORE CONSUMERS TO WIN OVER. MORE BRAND LOYALTY. MORE GREAT PRODUCTS. MORE
INGENUITY. COMPETITORS OUTSMARTED. GREATER RESPONSIBILITY. THERE’S NOTHING WRONG
WITH STAYING HUNGRY FOR SUCCESS. AND OUR GRADUATE PROGRAMME – WITH ITS EMPHASIS ON
BOTH PROFESSIONAL AND PERSONAL EVOLUTION – IS JUST THE APPETISER YOUR CAREER NEEDS.