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Gemeinsam gegen

jeden Extremismus?
Nicht mit uns!
Aufruf zur kollektiven Verweigerung politischen Unsinns

Die Ankündigung des Bundesfamilienministeriums, zwei Millionen Euro für Projekte gegen Links-
extremismus und Islamismus bereit zu stellen, signalisiert, dass die gegenwärtige Bundesregierung
stärker als ihre VorgängerInnen dazu bereit ist, den Extremismusansatz auch in der Förderpolitik
umzusetzen. Angesichts der Beteuerung, mit 24 Millionen Euro an der Finanzierung von Pro-
grammen gegen »Rechtsextremismus« festzuhalten, wirkt die Höhe der zusätzlichen Mittel eher
symbolisch. Doch dies sollte nicht über den Kontext der Maßnahme hinwegtäuschen: Wie in der
Bundespolitik, so lässt sich auch auf Landesebene, sei es in Berlin, Hamburg oder Sachsen, eine Ver-
schärfung des staatlichen Antiextremismus feststellen. In diesem Zusammenhang werden nicht nur
die Gefahren eines angeblichen Linksextremismus beschworen, sondern ganz konkret die Spielräu-
me politischen Handelns eingeschränkt. Zwar regt sich bei Teilen der Zivilgesellschaft Protest gegen
die befürchtete Veränderung staatlicher Förderprogramme gegen Rechts. Doch dieser Protest drückt
sich einmal mehr um eine konsequente Kritik am Extremismusbegriff herum. Stattdessen reprodu-
ziert er dessen Logik und nimmt die daraus resultierenden politischen Konsequenzen billigend in
Kauf. Wir fordern deshalb mit diesem Aufruf alle AkteurInnen der Zivilgesellschaft dazu auf, sich
endlich analytisch und praktisch vom Extremismusansatz zu verabschieden.

Schwarz-gelbe Kampfansage:
Gegen jeden Extremismus Programm verbunden ist und ob damit der Fortbestand
bestehender Beratungsnetzwerke und Aufklärungsprojekte

D
er schwarz-gelbe Koalitionsvertrag deutet nur an, gesichert ist, bleibt unklar. Deutlich wird nur eines: Die Pro-
ob und wie es mit den Förderprogrammen des Bun- bleme werden als solche von Jugendlichen, von Gewaltanwen-
des gegen sogenannten »Rechtsextremismus«, für dung und extremen Rändern definiert und gehen damit an
»Vielfalt, Toleranz und Demokratie«, die im Jahr 2010 aus- gesellschaftlichen Ursachen und Realitäten weit vorbei. Dem
laufen, weitergehen soll. Doch diese Andeutungen haben es zugrunde liegt die Extremismusformel, wonach eine politi-
– eingebettet in aktuelle Veränderungen des politischen Dis- sche Mitte der Gesellschaft existiere, die sich von politischen
kurses – in sich. Als Richtungsanzeiger ist auch die Ankün- Extremen klar abgrenzen ließe und von ihnen gleichermaßen
digung von Bundesministerin Köhler zu verstehen, die jüngst bedroht sei. Dabei wird weder der vermeintlich politische
bekannt gab, schon für das Jahr 2010 zwei Millionen Euro für Normalitätsbereich, noch die Abweichung genau definiert.
die Bekämpfung von »Linksextremismus und Islamismus«
bereitzustellen. Zusätzlich stellt die Ministerin Initiativen ge- Unter dem Stichwort »Geschichte und Kultur« erbringt der
gen Rechtsextremismus unter Generalverdacht: ab 2011 wird Koalitionsvertrag dann auch den Beweis für die Verwandt-
sich eine Regelüberprüfung jeglicher Initiativen, die staatli- schaft von Totalitarismustheorie und Extremismusformel.
che Fördergelder bekommen durch den Verfassungsschutz, Mit dem Ziel, »der Verklärung der SED-Diktatur entge-
»ausdrücklich vorbehalten«. Im Koalitionsvertrag von FDP genzuwirken«, wird angekündigt, die Programme gegen
und CDU ist der inhaltliche Hintergrund dieser Maßnahme Rechtsextremismus als »Extremismusbekämpfungsprogram-
nachzulesen. Hier wurde unter der Überschrift »Jugendliche« me« auch dadurch fortzuführen, indem ein Jahresbericht
ein künftiges Unterstützungsprogramm »für Vielfalt, Tole- der Bundesregierung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur
ranz und Demokratie, Menschenwürde und Gewaltfreiheit erstellt wird. Als totalitär werden pauschal all diejenigen
gegen Rechts- und Linksextremismus, Fremdenfeindlichkeit Bewegungen eingestuft, die sich historisch als Regime eta-
und Antisemitismus« vereinbart. Welcher Etat mit dem blieren konnten, während als »extremistisch« jene bezeichnet
werden, denen vorgeworfen wird, innerhalb demokratischer sie überhaupt zur Kenntnis genommen werden und nicht nur
Gesellschaften diesen »totalitären« Zustand mit ihrer Politik die formale Haltung zu Verfassungsstaat und Gewalt für poli-
herbeiführen zu wollen. Die Extremismusformel kümmert tisch-analytisches Handeln ausschlaggebend ist. Darüber hin-
sich meist um gegenwärtige politische AkteurInnen im Inne- aus verstellt der Extremismusansatz auch einen realistischen
ren, während der Totalitarismusansatz für die historischen Blick auf die politischen Zielvorstellungen der Nazis. Das,
oder außenpolitischen Fälle zuständig ist. Gemein ist beiden, was meistens gemeint ist, wenn von »Rechtsextremismus« ge-
dass eine Differenzierung nach Einstellungen und politischen sprochen wird, also NPD, Freie Kameradschaften, Autonome
Zielen nicht erfolgt, womit zwangsläufig eine Relativierung Nationalisten, Freie Kräfte etc. zeichnet sich inhaltlich durch
des historischen Nationalsozialismus und die Verharmlosung eine stringente nationalsozialistische Programmatik aus. Der
von Nazistrukturen im »Hier« und »Jetzt« einhergeht. Begriff »Rechtsextremismus« verwischt diese Kontinuitätsli-
nie und stellt den (Neo-)Nazismus in erster Linie als Demo-
Dort, wo Ungleichheitsideologien wie Rassismus, völkischer kratiefeindschaft dar. Dabei sind völkische Kapitalismuskritik
Nationalismus und autoritäre Hierarchie- und Ordnungs- und ethnopluralistischer Rassismus mehr als das. Es sind
vorstellungen zum Randphänomen erklärt werden und damit aktuelle Antworten auf kapitalistische Krisenerscheinun-
deren Verbindung zur bundesrepublikanischen Normalität gen, die auch unter formalen »DemokratInnen«, bei vielen
geleugnet wird, gibt es aber auch keinen Platz für eine not- GlobalisierungskritikerInnen und kulturalistisch denkenden
wendige und berechtigte linke Gesellschaftskritik z.B. am VerteidigerInnen von Multi-Kulti auf Zustimmungen treffen.
weitverbreitetem Alltagsrassismus, heterosexistischer Famili- Gerade aber dieses gesellschaftliche Zustimmungspotential
enpolitik, sozialer Ungleichheit und einer behindertenfeindli- für Naziideologie und -politik wird durch das formalistische
chen Leistungsgesellschaft. Schema des Extremismusansatzes wegdefiniert.
Damit dient die Rede von Extremismen staatlichen Ord- Umso problematischer ist es, dass der Staat immer mehr in
nungsorganen und PolitikerInnen auch als Handlungsgrund- die politische Bildungsarbeit drängt. Sicherheitsbehörden,
lage, wenn es darum geht, politische Aktivitäten von all jenen wie Verfassungsschutz und Polizei gerieren sich in Zusam-
zu delegitimieren, die zentrale Elemente der Naziideologie menarbeit mit Bundes- und Landeszentralen für politische
ablehnen, sei es das Leitbild einer ethnisch homogenen Ge- Bildung als politische AufklärerInnen. Zum Beispiel indem
meinschaft oder der Ruf nach dem autoritären Staat. sie Weiterbildungen und Projekttage in Totalitarismustheorie
und »Rechts- und Linksextremismus« für Jugendliche und
Im Koalitionsvertrag werden »Links- oder Rechtsextremis-
Lehrende an Schulen geben. Auf diese Weise wird das Pro-
mus, Antisemitismus oder Islamismus« dann auch unter dem
blem nazistischer Einstellungsmuster und ihrer Verbreitung
Punkt »Innere Sicherheit« nochmals problematisiert und mit
systematisch verdrängt und durch ordnungspolitische Be-
der Absichtserklärung versehen, dass »Aussteigerprogramme
schreibungen ersetzt: Extremismus als Problem unverbesser-
gegen Extremismus« finanziert und »die Aufgabenfelder des
licher Randgruppen, welches die Reaktion des starken Staates
Fonds für Opfer rechtsextremistischer Gewalt […] auf jede
erfordert.
Form extremistischer Gewalt ausgeweitet« werden sollen.
Heißt das Aussteigerprogramme für Antifaschistische Grup- Gewinnt diese Sichtweise – durch staatliche Pädagogik,
pen, feministische Zeitschriftenprojekte und für Mitglieder mediale Kampagnen und durch das Ausbleiben öffentlicher
der Partei DIE LINKE? Müssen sich Opferberatungsstellen Kritik – Raum, werden sich dadurch die Bedingungen effek-
künftig um Nazis kümmern oder Grundstückseigentümer­ tiver antifaschistischer Arbeit enorm verschlechtern. Nicht-
In­nen beraten, die sich durch linke HausbesetzerInnen oder staatliche Initiativen und Projekte verlieren ihre Legitimation
alternative PartyveranstalterInnen verfolgt fühlen? und damit ihre Handlungsspielräume. Dies werden vor allem
unabhängige Antifa-Gruppen zu spüren bekommen. Aber
Das klingt alles absurd, überraschen kann es uns aber nicht
auch zivilgesellschaftliche Organisationen, die am finanziellen
wirklich. Der Koalitionsvertrag übernimmt, was (nicht nur)
Tropf des Staates hängen, müssen mit weiteren Einschnitten
den meisten CDU/CSU und FDP-PolitikerInnen Grund-
in ihre inhaltliche Autonomie rechnen. Einigen unter ihnen
überzeugung ist: dass »Rechts- und Linksextremismus«
gelang es in den letzten Jahren zumindest punktuell auch
qualitativ und quantitativ dasselbe seien und staatliche För-
unter dem Oberbegriff der »Anti-Rechtextremismusarbeit«
dermittel deswegen früher oder später nur paritätisch zur
richtige Impulse zu setzen. So unterliefen Bildungsprogram-
Bekämpfung dieser, die Freiheitlich Demokratische Grund-
me zur Sensibilisierung gegen Rassismus und Antisemitismus
ordnung bedrohenden, Übel auszuschütten seien. Diese
de facto oft den extremismustheoretischen Rahmen der staat-
programmatische Verschärfung des staatlichen Antiextremis-
lichen Förderprogramme. Mit diesen ohnehin begrenzten
mus wird dessen bereits sichtbare Defizite noch vergrößern.
Spielräumen könnte nun bald Schluss sein. Zum einen, wenn
Schon jetzt ist offensichtlich, dass der Extremismusansatz die
finanzielle Mittel zur Bekämpfung des »Linksextremismus«
ideologischen Schnittmengen zwischen organisierten Nazis
abgezogen und nicht, wie noch gegenwärtig, zusätzlich aufge-
und Mehrheitsgesellschaft entthematisiert: Alltagsrassismus,
stockt werden. Zum anderen, wenn der Extremismusdiskurs
Behindertenfeindlichkeit, Homophobie, demokratiefeind-
auch auf inhaltlicher Ebene zum einzigen Gradmesser politi-
licher Autoritarismus, Sozialdarwinismus, Nationalismus
scher Akzeptanz wird.
und Antisemitismus werden nicht als Probleme der Gesamt-
gesellschaft analysiert und bekämpft, sondern wider aller Ergebnis davon wäre nicht nur die Verkleinerung einer
empirischen Evidenz als Randphänomene konstruiert. Wenn antifaschistischen Infrastruktur und der eine oder andere
individuelle Jobverlust. Sondern diese Entwicklung liefe auf angemessenes Verhalten. Ruhe, Ordnung und Gesetzestreue
ein ungestörteres Fortwesen nationalsozialistischer Ideologie werden so zu Maßgaben des politischen Akzeptanzbereichs,
sowie auf schlechtere Bedingungen für linke Gesellschaftskri- nicht aber tatsächliche Partizipation und schon gar nicht Kos-
tik hinaus. Extremismusbekämpfungsprogramme fördern vor mopolitismus. Es mag vielleicht nur ein Zugeständnis an die
allem zweierlei: die Weiterexistenz des Naziproblems und die antiextremistische Politik der Bundesregierung sein, welche
Hemmnisse politischer Selbstermächtigung! Jennerjahn und Kahane und viele Andere machen und doch
läuft es auf eine Delegitimierung von Initiativen hinaus, die
Was macht die Zivilgesellschaft? Mit. ganz unabhängig von ihren Einstellungen zu Demokratie und
Kosmopolitismus des Linksextremismus bezichtigt werden.

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ie Zivilgesellschaft protestiert. So scheint es zu- Egal ob dies bewusst, unbedacht oder deshalb geschieht, weil
nächst. Beispielsweise geschieht dies in Form eines die VertreterInnen der Zivilgesellschacht aus einem takti-
Offenen Briefs zivilgesellschaftlicher AkteurInnen schen Selbstverständnis heraus die/den guten wehrhaften
und PolitikerInnen an die Bundesregierung.1 In ihm wird die Demokratin/en mimen. Am Ende läuft es aufs Selbe hinaus:
Bundesregierung dazu aufgefordert, die alten Bundespro- Die Möglichkeit radikaler Gesellschaftskritik, beispielsweise
gramme konsequent weiterzuführen. Außerdem verlangen die an staatlicher Herrschaft und kapitalistischer Konkurrenz
Unterzeichnenden von der Bundesregierung, »dass sie auch wird unter das Damoklesschwert des Extremismusverdachts
das Problem des Rechtsextremismus in Deutschland ernst gestellt.
nimmt«. Ebenfalls in einem Offenen Brief stellen sich unter
dem Titel »Folgenreiche Realitätsverleugnung«2 zahlreiche als Diskursive Verschiebung:
»RechtsextremismusexpertInnen« bekannte Wissenschaftler­ alle gegen »Linksextremismus«
Innen gegen die Umwandlung der Bundesprogramme in ein

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»Extremismusbekämpfungsprogramm«. Sie kritisieren die ie sich abzeichnende Neuausrichtung der Förder-
damit einhergehende falsche Problemanalyse und drohende politik unter schwarz-gelb und die im Prinzip affir-
Mittelkürzung. mativen Reaktionen einer Zivilgesellschaft auf die
konsequentere Durchsetzung der antiextremistischen Linie
Und doch sind diese gut gemeinten Aufrufe und Statements werden von einem zunehmend hysterisch wirkenden Diskurs
falsch und kontraproduktiv, wenn sie ganz in der Logik der über die linke Gefahr in Deutschland begleitet. In Berlin
Extremismusformel weiter von »Rechtsextremismus« reden, und Hamburg sprechen Boulevardpresse und PolitikerInnen
und damit trotz aller wortreichen Abgrenzungen an anderer sowohl bei angezündeten Autos als auch bei Farbeierwürfen
Stelle immer wieder das Bild von der »guten normalen Mit- von »Hassbrennern«, »Feuer-Terroristen«, »rotlackierten
te« und ihren extremistischen Abweichungen reproduzieren. Faschisten« oder »Kiez-Taliban«. Die letzten besetzten
Wenn die zivilgesellschaftlichen Akteure dann noch fordern, Häuser und linken Wohnprojekte werden zu den Komman-
dass »auch das Problem des Rechtsextremismus« ernst zu dozentralen einer »­pyromanen Guerilla« erklärt. Die BILD
nehmen sei, dann ist das nur innerhalb der Logik der Extre- fordert: »Brennende Autos! Besetzte Häuser! Räumt endlich
mismusformel richtig. Sie bringen damit einmal mehr zum die linken Terror-Nester!«. Auch im beschaulicheren Leipzig
Ausdruck, dass es da ein Phänomen »Linksextremismus« wird sich Mühe gegeben, eine »linksextremistische Gefahr«
gäbe, das es in irgendeiner Weise zu bekämpfen gelte. So kri- zu konstruieren. Dafür müssen alljährlich Silvesterfeiern und
tisiert Miro Jennerjahn, ehemals Mitarbeiter vom Netzwerk Schneeballschlachten herhalten, auf die die Bevölkerung von
Demokratische Kultur in Wurzen und heute grüner Landtags- CDU-PolitikerInnen, Polizeipräsidium und Lokalpresse lan-
abgeordneter in Sachsen, die Extremismusformel und den ge im Vorfeld eingestimmt werden und die in der Vergangen-
Begriff Linksextremismus zwar als »wissenschaftlich nicht heit immer wieder rabiate Polizeieinsätze zur Folge hatten.
definiert« und »kaum haltbar«, stellt dann aber ohne weitere Wenn Leipziger Linke dann, wie am 30. Dezember 2009
Skrupel fest: »Es ist ein berechtigtes Anliegen auch gegen in Voraussicht des Kommenden eine Demonstration gegen
Linksextremismus und Islamismus vorzugehen.«3 Dasselbe Repression durchführen, in der sie nicht viel mehr fordern als
widersprüchliche Denken findet sich bei Anetta Kahane von die Einhaltung bürgerlicher Grundfreiheiten, schlägt ihnen
der Amadeu-Antonio-Stiftung, die sich in den vergangenen geballtes Unverständnis von Zivilgesellschaft und Stadtpo-
Jahren eigentlich immer für die Förderung linker, gesell- litik entgegen. Im lokalen Hausblatt Leipziger Volkszeitung
schaftskritischer Projekte stark gemacht hat. Sie schreibt im wird schon im Vorfeld der »Krawall« herbeigeschrieben.
November-Newsletter der Stiftung: »Linksextremismus ist, Bleibt er aus, so liegt es am entschlossenen und weitsichtigen
wie alle antidemokratischen und anti-kosmopolitischen Ideo- Auftreten der Sicherheitsorgane. Eine Thematisierung des
logien, widerlich und menschenverachtend.« Mit ihrem fol- politischen Anliegens, ja auch nur eine ernsthafte Frage in
genden Hinweis auf »vielschichtige Unterschiede und Trenn- diese Richtung kommt nicht vor. Der von den JournalistInnen
linien« verweist sie unbeabsichtigt darauf, dass nicht sie es ist, verinnerlichte Extremismusansatz entscheidet von vornherein
die den Begriff und seine Anwendung definiert. Die Entschei- über eine Berichterstattung im Schema »Linke = potentielle
dung über »Trennlinien«, also über die Bestimmung dessen, Gewalt«. Nordrhein-Westfalen ist schon ein Schritt weiter.
was als »demokratisch« gelten kann, liegt im Zweifelsfall Hier übt sich der Verfassungsschutz seit November 2009 in
beim Verfassungs- und Staatsschutz und deren assoziiertem altersgerechter Präventionsarbeit gegen Links und verbreitet
Wissenschaftsapparat. Gemeinsam operieren diese auf der massenhaft sogenannte »Andi«-Comics für Jugendliche. Mit
Basis historisch gewachsener Normalitätsvorstellungen über dieser Reihe wird vor den Gefahren von »Extremismus« jeg-
licher Couleur gewarnt. Jetzt ist als drittes Heft ein Comic bungs- und Erklärungspotential seit Jahren bereit. Vielmehr
gegen Linksextremismus erschienen. Darin wird autonomer dürfte das Festhalten am Herkömmlichen, obwohl seit gerau-
Antifaschismus und Kritik am Kapitalismus, wie sollte es an- mer Zeit inhaltliche Bedenken eingestanden werden, sich bei
ders sein, auf den Begriff der Gewalt gebracht. genauem Hinsehen als letztlich doch verinnerlichter Glaube
an das politische Märchen von einer demokratischen Mitte
Man muss das Abfackeln von Autos wirklich nicht richtig, und ihren gefährlichen Rändern herausstellen. Nur dass hier
nicht klug, nicht emanzipatorisch und/oder überhaupt nicht und da die ein oder andere tolerantere Grenzziehung vor-
gesellschaftskritisch finden. Aber die in der Extremismusfor- geschlagen wird, ohne dass relevante Teile der Gesellschaft
mel enthaltene Gleichsetzung von sich als links verstehenden darauf Wert legen. So oder so graben sich zivilgesellschaftli-
AktivistInnen mit Nazis oder von Brandstiftung an Autos che Organisationen damit selbst das Wasser für erfolgreiche,
mit den nazistischen Verbrechen an Menschen verharmlost anhaltende und breiter werdende Interventionen gegen Nazis
Nazis, Faschisten und Taliban. Und sie kriminalisiert von und ihre Ideologien ab. Und sie hauchen einem Konzept hö-
vornherein alle Überlegungen gesellschaftlicher Veränderung here, scheinbar kritische Weihen ein, welches der Ausweitung
jenseits der bestehenden Ordnung. politischer Handlungsräume entgegensteht.
Ganz in diesem Sinne handeln Polizei, Staatsanwaltschaften
und RichterInnen. Die Zahl willkürlicher Festnahmen angeb- Aus diesen Gründen lehnen wir die Extremismusformel in all
licher linker AktivistInnen steigt. Der Zeitraum der angeord- ihren Facetten ab. Zu einer konsequenten Ablehnung gehört
neten Untersuchungshaft gegen AntifaschistInnen und Links- nicht nur eine einmal öffentlich geäußerte Kritik. Vielmehr
radikale und solche Menschen, die dafür gehalten werden, heißt dies auch, den Extremismusbegriff weder analytisch,
steigt ebenso. Ein weiteres Beispiel für politische Konsequenz noch einfach »nur« sprachlich unbedacht zu verwenden. Und
eines radikalisierten Extremismusverständnisses ließ sich nichts anderes fordern wir von autonomen antifaschistischen
jüngst in Dresden und Berlin beobachten. Die Staatsanwalt- Initiativen und zivilgesellschaftlichen Organisationen.
schaft ließ hier u.a. Parteibüros der LINKEN durchsuchen,
um Plakate zu beschlagnahmen, die zur Blockade der Nazi- Mehr noch: Ihre Aufgabe wäre es jetzt, sich schnellstens nicht
demonstration am 13. Februar in Dresden aufriefen. Im sel- nur gegen die absehbare Neuausrichtung der Förderprogram-
ben Atemzug passierte ein restriktiveres Versammlungsgesetz me, sondern gegen den dahinter liegenden Gesamtansatz
den Dresdner Landtag, mit dem es in Zukunft leichter fällt, zu positionieren. Dies hieße allerdings auch, dass staatlich
Demonstrationen an bestimmten Orten und Tagen zu verbie- alimentierte ZivilgesellschafterInnen und ebenso in Zwangs-
ten. Die breite Akzeptanz für solche repressiven Maßnahmen verhältnissen steckende kritische WissenschaftlerInnen ihre
verweist auf ein, im Gegensatz zum konstruierten »Links- Positionierung im staatlichen System hinterfragen und sich
extremismus« tatsächlich vorhandenes Problem in dieser als politische AkteurInnen ernst nehmen. Das könnte in der
Gesellschaft – Autoritäre Einstellungen und ungebrochenen Folge bedeuten, demnächst keine Fördergelder mehr zu er-
Staatsfetischismus. halten oder aber: diese bewusst zu verweigern! Sinnvoll wäre
eine solche Verweigerungshaltung aber nur dann, wenn im
Wir bleiben dabei: Bündnis mit unabhängigen Gruppen damit begonnen wird,
gegen jeden Extremismusbegriff! die diskursive Verankerung des Extremismusdenkens in der
Gesellschaft zu lösen. In diesem Sinne fordern wir den Ab-

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as alles ist nicht völlig neu, bekommt aber mit der schied vom staatlich verordneten Antiextremismus und eine
schwarz-gelben Regierungspolitik in Berlin und Re-Politisierung der Zivilgesellschaft.
Dresden einen administrativen Schub. Die Extre-
mismusformel zeitigt mehr noch als zuvor reale Auswirkun- INEX, 28. Januar 2010
gen. Und sollte sich dagegen kein öffentlicher Widerstand for-
mieren, wird es bei den jetzigen Entwicklungen nicht bleiben. Fussnoten
Umso negativer fallen die sprachlichen und analytischen Fehl-
tritte, sich selbst als links, demokratisch oder engagiert ver- 1 In Koope­ra­tion mit »Gesicht Zei­gen!« hat die Amadeu-
stehender ZivilgesellschaftlerInnen ins Gewicht. All ihre Of- Antonio-Stiftung am 28. September 2009 mit Mitgliedern
fenen Briefe zur Kritik der Förderpolitik aber auch ihre Kon- des »Berliner Ratschlages für Demokratie« einen Offe­nen
ferenzen und Symposien zur Kritik des Extremismusbegriffs Brief an die neue Bun­des­re­gie­rung geschickt: http://www.
ändern bisher nichts daran, dass sie sich auf dem nächsten amadeu-antonio-stiftung.de/aktuelles/offener-brief
Podium erneut als ExtremismusexpertInnen vorstellen und 2 Benno Hafeneger, Albert Scherr, Reiner Becker, Reanate
sich damit weiter an der Reproduktion des zu Grunde liegen- Bitzan, Christoph Butterwegge (u.a.): Folgenreiche Realitäts-
den Ansatzes beteiligen. Vor einer tatsächlich konsequenten verleugnung: Das neue Extremismusbekämpfungsprogramm
Auseinandersetzung drücken sich die meisten Organisationen der Bundesregierung.
und Personen bis heute. Als Ausflucht erweist sich dabei die 3 Interview mit NPD-BLOG.INFO v. 28. Oktober 2009,
angeblich noch laufende Suche nach treffenden Alternativ- http://npd-blog.info/2009/10/28/extremismus-alltagsras-
begriffen. Diese stehen mit einem viel treffenderen Beschrei- sismus295/

Initiative gegen jeden Extremismusbegriff, Bornaische Strasse 3d, 04277 Leipzig,


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