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A.

Gottwaldt: Eisenbahner gegen Hitler 2010-2-056

Gottwaldt, Alfred: Eisenbahner gegen Hitler. deutliche Ziel Gottwaldts und seiner Mitau-
Widerstand und Verfolgung bei der Reichsbahn torinnen und Mitautoren, den bislang noch
1933-1945. Wiesabden: Marix Verlag 2009. wenig erforschten Widerstand von Eisen-
ISBN: 978-3-86539-204-6; 352 S. bahnern zusammenhängend und umfassend
darzustellen, die Beteiligten zu ehren und im
Rezensiert von: Christopher Kopper, Fakul- Sinne einer positiven Traditionsbildung Iden-
tät für Geschichtswissenschaften, Philosophie tifikationsfiguren für heutige und künftige
und Theologie, Universität Bielefeld Eisenbahner-Generationen zu schaffen.
Das von Mierzejewski dargestellte, ver-
Das widerständige und oppositionelle Verhal- meintlich unpolitische Fachbeamtentum und
ten deutscher Eisenbahner hat in der histori- die widerstandslose Anpassung an die poli-
schen Forschung bislang kaum Interesse ge- tischen Loyalitätsforderungen der nationalso-
funden. Raul Hilberg beschäftigte sich schon zialistischen Herrschaft trafen zwar auf einen
1976 mit der Funktion der Reichsbahn und großen Teil der Beamten, keinesfalls aber
dem Handeln der Reichsbahnelite bei der De- auf alle Bahnarbeiter zu. Gerade die Eisen-
portation der europäischen Juden, während bahnarbeiter hatten sich bis 1933 in erhebli-
Alfred Mierzejewski knapp 25 Jahre später chem Umfang im sozialdemokratischen „Ein-
die Geschäftspolitik der Reichsbahn im „Drit- heitsverband der Eisenbahner Deutschlands“
ten Reich“ und die Reichsbahnelite umfas- (EdED) und in der kommunistischen „Re-
send untersuchte und Klaus Hildebrand dem volutionären Gewerkschaftsopposition“ en-
Verhältnis zwischen der Reichsbahnführung, gagiert. Die Auseinandersetzungen mit na-
der Regierung und der NSDAP einen länge- tionalsozialistischen und deutschnationalen
ren Beitrag widmete. Allen drei Untersuchun- Bahnarbeitern endeten entgegen dem von der
gen war wegen ihres Fokus‘ auf die Elite der Reichsbahn-Spitze proklamierten Ideal des im
Bahnbeamten gemeinsam, dass sie die poli- Dienste unpolitischen Eisenbahners nicht vor
tischen Einstellungen, Verhaltensweisen und den Türen der Dienststellen.
Wahrnehmungen der subalternen Bahnbeam- Gottwaldt und den übrigen Autorinnen
ten und der Eisenbahnarbeiter aus ihrer For- und Autoren ist eine verdienstvolle biogra-
schungsperspektive überwiegend ausblende- phiezentrierte Darstellung des widerständi-
ten (Hilberg, Mierzejewski) oder ihnen nur se- gen und oppositionellen Handelns von Ei-
kundäre Bedeutung beimaßen (Hildebrand).1 senbahnern gelungen, die keine relevante
Der Hauptautor, der anerkannte Ei- Handlungsmotivation übersieht. Neben der
senbahnhistoriker Alfred Gottwaldt vom unbedingten politischen Gegnerschaft von
Berliner Museum für Verkehr und Technik, sozialdemokratischen, kommunistischen und
hat sich vor allem mit einer biographischen zentrumsnahen Eisenbahnern bezieht der
Studie über den Reichsbahn-Generaldirektor Band auch widerständiges und oppositio-
(1925-1945) und Reichsverkehrsminister nelles Handeln aus religiösen und säkular-
(1937-1945) Julius Dorpmüller sowie einer humanistischen Motiven oder aus Mitleid mit
systematischen Darstellung der Deporta- verfolgten Juden ein. Lobenswert, da nicht
tionszüge aus dem Reich in die Ghettos unbedingt selbstverständlich, ist die gleichbe-
und die Vernichtungslager einen Namen rechtigte Behandlung des kommunistischen
gemacht.2 Es ist das unausgesprochene, aber Widerstands, der nach dem Ende der kommu-
nistisch dominierten Traditionsbildung des
1 Raul Hilberg, Sonderzüge nach Auschwitz, Mainz antinazistischen Widerstands in der DDR
1976; Alfred C. Mierzejewski, The Most Valuable As- dem Vergessen in der historischen Forschung
set of the Reich, Vol. 2, Chapel Hill 2000; Klaus Hilde- und dem Verdrängen aus öffentlichen Geden-
brand, Die Deutsche Reichsbahn in der nationalsozia-
listischen Diktatur 1933-1945, in: Lothar Gall / Man- kräumen anheimzufallen drohte.
fred Pohl (Hrsg.), Die Eisenbahn in Deutschland, Mün- Ungeachtet der lebendigen und gründlich
chen 1999, S. 165-243. recherchierten biographischen Skizzen wäre
2 Alfred Gottwaldt / Diana Schulle, Die „Judendeporta-
bei der Darstellung des sozialdemokratischen
tionen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesba-
den 2005; ders., Dorpmüllers Reichsbahn. Die Ära des und des kommunistischen Widerstands ei-
Reichsverkehrsministers Julius Dorpmüller 1920-1945, ne stärkere Einbeziehung der sich wandeln-
Freiburg im Breisgau 2009.

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den Widerstandsstrategien der Exilvorstände HistLit 2010-2-056 / Christopher Kopper über
von SPD und KPD und ihrer Folgen für die Gottwaldt, Alfred: Eisenbahner gegen Hitler.
Organisation des Widerstandes wünschens- Widerstand und Verfolgung bei der Reichsbahn
wert gewesen. Die hohen Zahlen verhafteter 1933-1945. Wiesabden 2009, in: H-Soz-u-Kult
Kommunisten erklären sich nicht allein durch 20.04.2010.
die Professionalität und das Feindbild des
nationalsozialistischen Polizeiapparats, son-
dern auch durch die Widerstandsstrategie
des KPD-Politbüros. Bis 1936 versuchte die
KPD, einen ebenso riskanten wie opferreichen
Massenwiderstand mit einer gefährlich ho-
hen Vernetzung ihrer Gruppen zu organisie-
ren. Auf der Mikroebene der biographischen
Skizzen wünscht man sich gelegentlich eine
intensivere Darstellung der politischen, sozia-
len und kulturellen Milieukontexte und Er-
klärungen, ob die Arbeitswirklichkeit und die
Unternehmenskultur der Reichsbahn wider-
ständiges Handeln erschwerten oder erleich-
terten. Leser/-innen finden zu wenige Hin-
weise darauf, welche Rolle Denunziationen
durch Kollegen für die Verfolgung widerstän-
diger Eisenbahner spielten.
Zu den Stärken des Buchs gehört auch die
Darstellung des reichsweiten Widerstands-
netzes des EdED unter der organisatori-
schen Leitung des exilierten sozialdemokra-
tischen Gewerkschafters Hans Jahn. Dank
der umfassenden finanziellen und logisti-
schen Unterstützung durch die Internationa-
le Transportarbeiter-Förderation unter ihrem
legendären Vorsitzenden Edo Fimmen gelang
der Aufbau einer reichsweiten Widerstands-
organisation, die in der Geschichte der deut-
schen Gewerkschaften beispiellos war.
Dieses Buch ist insgesamt eher eine chro-
nologische und additive Reihung von bio-
graphischen Skizzen widerständiger und op-
positioneller Eisenbahner als eine systema-
tische Studie von Opposition und Wider-
stand in der Reichsbahn. Gottwaldt und sei-
ne Mitarbeiter/-innen greifen leider nicht
auf geläufige Definitionen des Widerstands-,
Oppositions- und Resistenzbegriffs zurück,
die eine systematische Einordnung der Moti-
ve und Mittel widerständigen Handelns und
seiner Akteure erlaubt hätten. Fazit: Ein ver-
dienstvolles und wertvolles Buch zur Ge-
schichte des Widerstands, das leider nicht im-
mer den Anschluss zu den Thesen und Ergeb-
nisse der Widerstandsforschung findet.

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