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Mittwoch, 31. Mai 2017

Kultur

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Das Klohäuschen «St. Dagobert»

Zug Das turmartige Gebäude auf dem Friedhof St. Michael gibt überzeugend vor, Teil eines sakralen Gebäudeensembles aus dem Spätmittelalter zu sein. Beachtet man aber seine Geschichte und Funktion, erweist es sich als hübsche, kleine «Mogelpackung».

Andreas Faessler andreas.faessler@ zugerzeitung.ch

Als stünde es seit Hunderten von Jahren hier, erhebt sich das im Volksmund «Dagobertkapelle» genannte Gebäude dominant über dem Friedhof St. Michael. Platziert an der Stelle, wo der Got-

Friedhof St. Michael. Platziert an der Stelle, wo der Got- Hingeschaut tesacker sich entlang der Schwert-

Hingeschaut

tesacker sich entlang der Schwert- strasse gegen Süden hin auswei- tet, erweckt es den Eindruck, zu- sammen mit dem etwas unterhalb gelegenen Beinhaus ein Gebäu- deensemble zu bilden, das bau- historisch eng zusammengehört.

In Tat und Wahrheit aber ist die «Dagobertkapelle» noch kei- ne hundert Jahre alt und gibt le- diglich vor, so wie das Beinhaus aus dem Spätmittelalter zu stam- men. Es ist auch keine Kapelle und auch keinem heiligen Dago- bert geweiht – obschon es einen solchen gibt, der aber in unserer Region wenig zu suchen hätte. Eine reine Mogelpackung also? Im Prinzip ja. Aber ungemein de- korativ und in ihrer historisti- schen Stilnachahmung wohlge- lungen. Die Ursprünge der «Da- gobertkapelle» liegen im Plan, den Friedhof St. Michael zu ver- grössern. Das war Ende der 1910er-Jahre. Die Zuger «Hof- architekten» Dagobert Keiser und Richard Bracher wurden be- auftragt, Varianten für eine Er- weiterung des Friedhofgeländes

Varianten für eine Er- weiterung des Friedhofgeländes Gibt vor, alt zu sein: die «Dagobertkapelle» auf dem

Gibt vor, alt zu sein: die «Dagobertkapelle» auf dem Friedhof St. Michael.

Bild: Stefan Kaiser (Zug, 29. Mai 2017)

mit einer neuen Abdankungshal- le zu erarbeiten. Die «platzspa- rende» Urnenbestattung war zur damaligen Zeit vor allem in ka- tholischen Gebieten noch wenig populär. In wachsenden Städten wie Zug brauchte es demzufolge mehr Platz für die Toten.

Erweiterungen für den Zu- ger Stadtfriedhof kamen berg- wärts in Frage oder nach Süden hin. Nach langem Diskutieren wurden sich die Zuger schliess- lich einig, den Gottesacker nach Süden hin zu seiner heutigen L- Form zu erweitern – in kleinerem Rahmen als von den Architekten ursprünglich vorgeschlagen. Als Abdankungshalle war ein neuba- rocker Bau vorgesehen. Diesen lehnten die Zuger jedoch ab. Man entschied sich anstelle dieser Halle für ein schlichteres Fried- hofsgebäude, welches als Abort für die Friedhofsbesucher und als Geräteraum dienen sollte.

Für die Ausführung dieses Nutzgebäudes zeichnete Dago- bert Keiser verantwortlich, wo- mit auch die umgangssprachli- che Benennung «Dagobert- kapelle» selbsterklärend wird. Keiser entschied sich für die schlichte Formensprache der ländlichen Spätgotik, wodurch die «Dagobertkapelle» stilis- tisch an das Beinhaus anlehnt. Das Gebäude zeigt sich von Sü- den, Westen und Osten betrach- tet als turmartig schlank. Den sakralen Eindruck einer Kapelle weckt insbesondere die Ostsei- te. Hier liegt der Zugang zur To- ilettenanlage über eine grosszü- gige Vorhalle mit vier weiten go- tischen Bogenöffnungen. Die Vorhalle liegt wegen des stufen- förmig ansteigenden Geländes ebenerdig zum oberen Friedhof-

teil. Somit wirkt das Gebäude hier ohne das untere Geschoss entsprechend niedriger – so zu sehen auf unserem Bild.

Wie auch im Beinhaus ist die Vorhalle mit einer hölzernen Kassettendecke überspannt. Der schmucke Brunnen davor mit halbkreisförmigem Trog trägt die Jahreszahl 1920. Etwas Schlöss- chenhaftes liegt im steilen Krüp- pelwalmdach mit seinen beiden Firstdornen sowie in den mit Quadersteinen verstärkten Ecken des Sockel- respektive Unterge- schosses. 2010 wurde die «Dago- bertkapelle» aufgehübscht, in- dem man den Efeuwuchs an der Fassade entfernte, einen neuen Kalkputz auftrug und die Fenster- läden erneuerte. Seitdem setzt das formschöne Gebäude wieder den gewollten Akzent auf dem Friedhof St. Michael und erweckt weiterhin den Eindruck, ein seit jeher zum spätgotischen Stadt- bild gehörendes Relikt aus dem frühen 16. Jahrhundert zu sein.

Der Übername «Dagobert- kapelle» trägt was Liebevolles in sich, wo man so diesen historisti- schen Pseudo-Kerchel seinem Erbauer «geweiht» hat. Das eigentliche, eher seltene Dago- bert-Patrozinium indes findet man hauptsächlich im Raum El- sass und Lothringen. Dagobert (652–679) war ein Merowinger- König und wurde nach seinem Tod als Heiliger verehrt, weil er ein tugendhaftes, frommes Le- ben geführt haben soll.

Hinweis Mit «Hingeschaut!» gehen wir De- tails mit kulturellem Hintergrund und Zuger Bezug nach. Frühere Beiträge finden Sie online unter www.zugerzeitung.ch/hingeschaut.

Aufstrebende

Violinsolistin

Zug Am Montagabend interpre-

tierte das Zuger Kammerensem- ble Werke im galanten Stil des 18. Jahrhun- derts – Bach, Ze-

Vivaldi,

Telemann und

Haydn standen

Pro-

gramm. Als Vio- linsolistin konnte das Zuger En- semble die junge Schweizer Aus- nahmemusikerin Elea Nick (Bild) gewinnen. Sie trat beim E-Dur- Violinkonzert von Johann Sebas- tian Bach in Erscheinung – und erntete stehende Ovationen. Es ist eines der anspruchsvollsten Konzerte für die Violine, auch eines der strahlendsten Konzerte von Bach, die grosse spieltechni- sche Ansprüche an den Solisten stellt. Elea Nick ist eine Schülerin des berühmten Geigenpädagogen Zakhar Bron. Sie hatte ihr Debüt letztes Jahr im grossen Tonhalle- saal in Zürich mit Tschaikowsky. Ihre grössten internationalen Er- folge feierte sie 2013 in Novosi- birsk und 2015 in Lublin mit je einem 1. Preis. Das Konzert mit dem Zuger Kammerensemble findet noch- mals morgen Donnerstag, 1. Juni, um 20 Uhr in der Lieb- frauenkirche in der Zuger Alt- stadt (Kollekte)statt. (red)

frauenkirche in der Zuger Alt- stadt (Kollekte)statt . (red) lenka, auf dem LT präsentiert neuen Spielplan

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dem

LT präsentiert neuen Spielplan

Luzerner Theater Die Sprechtheatertradition der Zentralschweiz wird in der zweiten Spiel- zeit viel Raum bekommen. Schauspielchefin Regula Schröter verlässt das Leitungsteam.

80 Prozent Auslastung und 20 Prozent mehr Besucher sind das Ergebnis des publikumsnah ge- führten Raumeroberungsfeldzu- ges von Benedikt von Peter wäh- rend seiner ersten Spielzeit am Luzerner Theater. Mit der gestern präsentierten zweiten Saison unter dem Titel «Theaterplatz» rückt das Mehrspartenhaus nun das Sprechtheater mehr ins Zent- rum. «Der Theaterplatz Zentral- schweiz ist lebendig und extrem vielfältig», sagte Benedikt von Pe- ter an der gestrigen Medienkon- ferenz und wies hin auf die reiche Laientheatertradition der Zent- ralschweiz. Geplant über die Spar- ten hinweg sind Gegenüberstel- lungen mit Wiederaufnahmen aus der vergangenen Spielzeit und eine Zunahme von Experimenten auf dem Humus des gewachsenen Publikumsvertrauens. Dem optimistischen gelben Spielplan folgt ein Heft in ge- decktem Rosa und auf die Raumeroberung das etwas en- ger gezirkelte Thema «Theater- platz». Man will sich dort veror- ten, wo nun nach dem Aus der Salle Modulable sich die Zu- kunft des LT abspielen könnte.

Bis Ende Jahr klärt die Stadt in- tern ab, welche baulichen Verän- derungen und Szenarien am Je- suitenplatz möglich sind. Der Volkstheatertradition verpflichtet man sich in einer Ko- operation mit den Freilichtspie- len Luzern im Sommer 2018. Hugo von Hofmannsthals «Jeder- mann» soll als Freilichtspektakel auf dem Jesuitenplatz stattfinden. Eine ins linke Reussufer hinein- ragende Tribüne mit rund 550 ungedeckten Sitzplätzen soll den Zuschauern freie Sicht auf die Je- suitenkirche ermöglichen.

Zwischen «Heimat- und Horrorfilm»

Im Schauspiel heissen die zwei Klassiker «Die schwarze Spinne» von Jeremias Gotthelf sowie «Ein Sommernachtstraum» von Shakespeare. Regula Schröter verspricht eine Gotthelf-Insze- nierung, die sich zwischen «Hei- mat- und Horrorfilm» bewegen wird. Die Bündner Regisseurin Barbara-David Brüesch wird mit dieser Regiearbeit die im letzten Jahr durch das Katja-Brunner- Stück angestossene kritische Hei- matbefragung fortsetzen.

In «Die schwarze Null» weicht der Gotthelf ’sche Teufelspakt, der eine Dorfgemeinschaft in tiefe Schuld stürzt, einer ökonomi- schen Schuldenlast. Teilerlösung gibt’s dann bei Nina Mattenklotz. Sie holt nach ihrer schrillen «Ro- meo und Julia»-Inszenierung Fe- renc Molnars Vorstadtlegende «Liliom» auf die Bühne. Mit der jungen Zürcherin Sophia Boda- mer und dem deutschen Regis- seur Max Merker sind gleich zwei Regisseure am Start, die zum diesjährigen Schweizer Theater- treffen eingeladen wurden. Mer- ker inszeniert «Ronja Räuber- tochter» und als Gegenstück zum erfolgreichen «Mütter»-Abend von Alize Zandwijk aus der letz- ten Saison einen «Väter»-Abend. Die deutsche Regisseurin Ju- lia Wissert hat sich im Rahmen ihrer Ausbildung mit «strukturel- lem Rassismus» beschäftigt, dem dunkelhäutige Theaterschaffen- de im Theaterbetrieb ausgesetzt sind. Mit «Göttinnen des Pop» fragt sie unter anderem am Bei- spiel von Popsternchen wie Be- yoncé, ob ein Popstar, der vor «fe- minism»-Visuals und mit viel Bein und wenig Beinkleidung auf

Welttournee geht, Politik macht oder doch Kommerz.

Fake-News und Hauskonzerte on demand

Anderen Widersprüchen auf den Grund geht der Niederländer Bram Jansen. Mit Heinrich von Kleist geht es einem weiteren Klassiker an den Kragen. Der Mann, dessen «Zerbrochener Krug» von einem Richter handelt, der über seine eigene Verfehlung richten soll und sich rhetorisch aus der Affäre ziehen will, nimmt Jan- sen zum Anlass für eine Sprachre- flexion: «Der Unzerbrochene Krug» ist ein Abend zwischen Wahrheitssuche und Fake-News. Kleinere Raumeroberungen machen Formate wie die «Haus- konzerte on demand». Mit dem Projekt «Jungintendanz» über- antwortet das LT dem Nachwuchs die Gesamtverantwortung für eine Mini-Spielstätte im UG. Zu- schauer erhalten im Format «Pro- zessbegleitungen» zudem neu die Möglichkeit, Benedikt von Peter bei der Konzeptphase über die Schulter zu schauen oder eine Oper aus dem Orchestergraben zu erleben. (jst)

Orgelliteratur des deutschen Barock

Cham Das vierte Konzert im Rahmen der Internationalen Zu-

ger Orgeltage 2017 heute Abend

im

deut-

scher Barock-

18.

Jahrhunderts. Gastsolist ist Holger Gehring (* 1969, Bild). Der gebürtige Bie-

lefelder ist als mehrfach ausge- zeichneter Organist international tätig, hat ferner durch Tonträger- einspielungen, Fernsehaufnah- men sowie auch als Fachautor für Orgelspiel und -bau von sich re- den gemacht. An seinem Konzert in der Pfarrkirche Cham interpretiert Holger Gehring Werke von vier einflussreichen deutschen Kom- ponisten des Barock. Nament- lich sind es ein Concerto von Christian Petzold (1677–1733), Fantasien und ein Trio von Jo- hann Ludwig Krebs (1713–1780), eine Sonate von Johann Sebas- tian Bach (1685–1750) und ein Concerto von Johann Adolf Has- se (1699–1783). Das Konzert findet heute Mittwoch um 20 Uhr in der Pfarrkirche St. Jakob in Cham statt. Der Eintritt ist frei. Für eine Kollekte am Schluss wird herzlich gedankt. (fae)

statt. Der Eintritt ist frei. Für eine Kollekte am Schluss wird herzlich gedankt . (fae) steht

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musik

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