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Josef Häfele

Bedeuten und Verstehen

Das sprachliche Handeln und seine Grammatik

Der Autor:

Josef Häfele, geb. 1950, ist promovierter Sprachwissenschaftler mit dreißigjähriger Erfahrung im gymnasialen Unterricht. Publikationen u.a.:

Fragekompetenz 1974; Der Aufbau der Sprachkompetenz. Studien zur Grammatik des sprachlichen Handelns 1979; Stundenblätter „Reflexion über Sprache“1984; Stundenblätter „Don Carlos“ 1986; Thomas Mann. Der Tod in Venedig. Grundlagen und Gedanken zum Verständnis erzählender Literatur 1992; Reflexion über Sprache. Bedeutung, Sprache, Denken. Arbeitsblätter Deutsch 1997.

www.bedeutungstheorie.de

Ungekürzte Originalausgabe, August 2015 © epubli GmbH, Prinzessinnenstraße 20, 10969 Berlin Druck: Sigloch Verlagservice, Am Buchberg 8, 74572 Blaufelden ISBN 978-3-7375-6384-0

Für Anna

Vorwort

Seit der Antike haben Philosophen über Sprache nachgedacht. Eine ihrer Annahmen war: Sprachliche Ausdrücke haben Bedeutung, sie bedeuten etwas. Dabei wurde seit Platons Kratylos vorausgesetzt, dass es etwas gäbe, das Ausdrücken als Bedeutung zugeordnet werden könnte, etwa Gegenstände, Vorstellungen, Ideen, Gedanken usw.

Wittgenstein hat vor über einem halben Jahrhundert solche Theorien mit überzeu genden Argumenten zurückgewiesen. Diese Theorien erklären Sprache nicht, schon die Prämissen ihrer Fragestellungen sind falsch. So etwas wie Bedeutungen, die sprachlichen Ausdrücken zur Erklärung zugeordnet werden könnten, gibt es gar nicht. Was wir mit sprachlichen Ausdrücken bedeuten, kann weder in Gegenständen noch in Vorstellungen von ihnen noch in anderen mentalen oder kognitiven Entitä ten bestehen. Wittgenstein schlug deshalb vor, auf den irreführenden Terminus Be deutung zu verzichten und stattdessen die tatsächliche Verwendung sprachlicher Ausdrücke, ihren Gebrauch, zu betrachten.

Wittgensteins epochale Leistung war vor allem die Destruktion der traditionellen Semantik. Eine systematische Alternative lieferte er noch nicht. Immerhin formulierte er mehrere Vorschläge. Einerseits schlug er vor, den Gebrauch von Ausdrücken über die Bestimmung ihrer Wahrheitsbedingungen zu interpretieren. In einem zweiten Ansatz interpretierte er sprachliche Handlungen als Sprachspiele. Ein dritter Vor schlag war, den Gebrauch sprachlicher Ausdrücke durch Bestimmung der mit ihnen angestrebten Zwecke zu beschreiben. Allerdings blieb der Zusammenhang dieser drei Ansätze weitgehend offen.

Wie aber sieht eine systematische und kohärente Gebrauchstheorie aus? Diese Frage scheint mir bis heute noch nicht hinreichend beantwortet zu sein. Zwar liegt seit Langem eine Reihe gebrauchstheoretischer Ansätze vor, etwa die Sprechakttheorie oder die konversationelle Theorie von H. P. Grice. In ihnen werden wichtige Aspekte des Bedeutungshandelns thematisiert. Es fehlt aber eine handlungstheoretische Be schreibung, die systematisch und umfassend erklärt, wie das, was traditionell Bedeu tung heißt, im sprachlichen Handeln selbst konstituiert wird. Auch sehe ich noch immer keine überzeugende Erklärung grammatischer Regeln. Welche Funktionen haben sie in unserem sprachlichen Handeln?

Es fehlt also eine integrale Theorie des sprachlichen Handelns, in der Syntax und Pragmatik ihren funktionalen Platz haben, und die erklärt, wie das, was Sinn oder Inhalt genannt wird, im sprachlichen Handeln selbst gegeben ist. Und ebenfalls fehlt auch die Erklärung, worin das Verstehen sprachlicher Handlungen besteht.

Damit sind auch schon die Ziele dieser Arbeit vorgegeben. In diesem Buch geht es für mich darum, ihnen möglichst nahe zu kommen.

1. An Stelle der unhaltbaren semantischen Korrespondenztheorien werde ich im Sin

ne Wittgensteins eine handlungstheoretische Semantik formulieren, die zeigt: Was wir Bedeutung, Sinn oder Inhalt nennen, gibt es nur in den Handlungen selbst, mit denen wir etwas bedeuten.

2. In dieser Beschreibung wird auch die künstliche und unangemessene Trennung

von Syntax, Semantik und Pragmatik überwunden werden. Die hier vorgestellte funktionale Grammatik beschreibt syntaktische Regeln als Regeln des sprachlichen

Handelns und damit als integralen Teil der Semantik

3. Eine handlungstheoretische Semantik soll nicht nur das sprachliche Handeln an

gemessen beschreiben, sondern auch dessen Verstehen. Ich möchte darlegen, wie

sprachliche Handlungen verstanden werden und welche Rolle pragmatische Erschließungsarbeit dabei spielt.

Mein zentrales Vorhaben ist also eine zumindest in groben Zügen linguistisch ausge arbeitete Gebrauchstheorie. Mit ihr soll eine Antwort gegeben werden auf die Frage, wie wir bedeutsam sprachlich kommunizieren, und zwar ohne die unhaltbaren Prä missen der Vorstellungstheorie und anderer traditioneller Semantiken. Konkret geht es um eine Neuformulierung und Weiterentwicklung der Sprechakttheorie, bei der Syntax und Pragmatik in die Beschreibung des sprachlichen Handelns integriert werden. Das Ergebnis ist eine Beschreibung des sprachlichen Bedeutungshandelns:

Wir machen sprachliche Handlungen und wir machen sie so, dass zu verstehen ge geben wird, dass wir sie machen. Das geht natürlich nicht ohne Regeln, auch wenn Regeln noch nicht reichen.

Natürlich kann ich auf den folgenden Seiten keine vollständige handlungstheoreti sche Beschreibung sprachlicher Kommunikation bieten. Ihrem Charakter nach handelt es sich bei der folgenden Darstellung eher um eine Einführung. Trotzdem sollte deutlich werden, dass die Frage, wie wir bedeutsam sprachlich kommunizieren, durch eine handlungstheoretische Semantik vollständig beantwortet werden kann.

Ich hoffe, dass der Leser bei der Lektüre seine kommunikative Praxis wiedererkennt.

Heilbronn, 20. August 2015.

Josef Häfele

Inhalt

Teil I: Grundlagen

1. Handlungstheorie

 

Besonderheiten von Handlungsbeschreibungen

1

Verstehen von Handlungen

5

Arten von Handlungen

8

Von welcher Art sind sprachliche Handlungen?

13

2. Regeln und Wahrheit: Prädikatoren und Satzwörter

 

Wortarten

17

Prädikationsregeln

20

Notwendige Unschärfen

24

Polysemie und Homonymie

25

Satzwörter

30

Fazit und Ausblick

45

Teil II: Sprachliche Bedeutungshandlungen

3.

Die „unzähligen“ Verwendungen der Sprache – Was sind Sprechakte?

47

Sprechakte sind keine Sprachspiele

48

Sprechakte und Regeln: Illokutive Indikatoren

63

Sprechakte und konversationelles Erschließen

72

Bewirkungsziele bei Sprechakten

77

Absichten bedeuten

83

4. Das Prädikationsspiel und die Grammatik des sprachlichen Handelns

89

Die kommunikative Funktion grammatischer Regeln

91

Prädizieren: Der einfache Satz

93

Referieren

103

Konventionelle Unterbestimmtheit und Pragmatik

109

Bedeutungshandlungen als „Tiefenstruktur“ von Sätzen

113

Attributive Prädikationshandlungen

118

Adverbiale und das Reden über Sachverhalte

134

Fazit: Die Grammatik des sprachlichen Handelns

159

Teil III: Schlussfolgerungen

5. Die vielen Wege zum kommunikativen Misserfolg

163

6. Sprachliches Verstehen

179

Interpretieren und Erschließen

185

Das Verstehen des Prädikationsspiels

189

7. Sprachliche Universalien

193

8. Fazit

207

9. Von der traditionellen Semantik zur Gebrauchstheorie

209

10. Anhänge:

. Pragmatische Aspekte des Verstehens Analyse eines journalistischen Textes

1

221

2. Rekursivität in einem Satz in Thomas Manns „Tod in Venedig“ – eine grammatische und handlungstheoretische Beschreibung

229

1

Teil I: Grundlagen

1. Handlungstheorie

Besonderheiten von Handlungsbeschreibungen

Was sind sprachliche Handlungen und wie werden sie gemacht? Und weil sprachli che Handlungen auf Verstehen angelegt sind: Wie werden sprachliche Handlungen gemacht, so dass mit ihnen etwas zu verstehen gegeben werden kann? Und wie funktioniert schließlich das Verstehen?

Will man das Spezifische der kommunikativen und insbesondere der sprachlichen Handlungen bestimmen, kommt man nicht umhin, sich vorab Auskunft darüber zu geben, was Handlungen überhaupt sind. Als Handlungen werden im Allgemeinen intentional gerichtete und gewollte Verhaltensweisen verstanden. In psychologi schen Charakterisierungen werden sie in Abgrenzung zu verursachtem Verhalten oft als Willenshandlungen bezeichnet. „Willenshandlungen kommen dadurch in die Welt, dass die handelnde Person ein bestimmtes Ziel hat, das sie erreichen will, und dass sie glaubt, dieses Ziel mit Hilfe einer bestimmten Handlung erreichen zu kön nen.“ 1 Solche Willenshandlungen werden intuitiv von der Vorstellung der Hand lungsfreiheit begleitet. „Wir sind nämlich davon überzeugt, dass Personen die Urheber ihrer Handlungen sind und sie in ihren Handlungsentscheidungen frei sind. (…) Wir gehen davon aus, dass wir in fast allen Lebenslagen auch immer anders handeln könnten als wir es tatsächlich tun wenn wir nur wollten…“ 2 Unsere Handlungen sind also in doppelter Hinsicht absichtsvoll: Sie dienen der Erreichung von Zielen, und sie sind gewollt in dem Sinne, dass wir sie auch unterlassen oder anders han deln könnten.

Will man verstehen, was Handlungen sind, muss auch geklärt werden, wie wir über sie reden. Auf den ersten Blick scheinen Handlungen ja nichts Besonderes zu sein. Wie über anderes sprechen wir auch über sie mit klassifizierenden prädikativen Ausdrücken, die wir wahrheitsgemäß zu oder absprechen. Wenn wir sagen, dass jemand schwimmt, rennt oder lacht, benutzen wir regelhaft verwendete Ausdrücke wie schwimmen , rennen oder lachen . Wir stellen fest, dass eine konkrete raumzeitliche Aktivität dem entspricht, was nach unserem Sprachgebrauch als Schwimmen, Ren

1 Prinz 2004, 4ff.

2 a.a.O. Wieso entgegen der Mehrheitsmeinung von Kognitionsund Neurowissenschaftlern die Freiheitsintuitionen von handelnden Subjekten keine Selbsttäuschungen sind, erklärt aus neurobiologi scher Sicht Prinz 2013.

2

nen oder Lachen zählt. Wir unterscheiden und kategorisieren also einzelne raumzeit lich konkrete Handlungsvorkommnisse als Handlungen eines bestimmten Typs oder Musters.

Insoweit gilt für Handlungen zuerst einmal nichts anderes als für alle anderen in un serer prädikativen Einteilung der Welt gegebenen „Gegenstände“. Wenn wir z.B. über Pflanzen reden, reden wir von ihnen ebenfalls als Vorkommnissen eines bestimmten Typs wie Fichten, Tomatenstauden oder Gras. Auf dieselbe Weise unter scheiden wir einzelne Werkzeuge als Gegenstände des Typs Zange, Schraubenzieher oder Meterstab. Und solche prädikativen Kategorisierungen machen wir auch beim Reden über Menschen, wenn wir sie als Männer, Frauen, Kinder, Franzosen, Farbige, als Buddhisten oder Moslems bezeichnen. Voraussetzung für ein solches Reden über Dinge, Menschen oder Handlungen usw. ist die praktische Kenntnis von entsprechenden, regelhaft gebrauchten prädikativen Ausdrücken. Wittgenstein hat bezüg lich Farben festgestellt: „Wie erkenne ich, dass diese Farbe Rot ist? – Eine Antwort wäre: ‚Ich habe Deutsch gelernt.’“ Entsprechendes gilt auch für das Unterscheiden von Handlungen. Wie erkenne ich, dass jemand tanzt? Ich habe das Wort tanzen gelernt.

Zwischen prädikativen Ausdrücken (bzw. Sätzen, in denen sie zugesprochen wer den) kann es logische Zusammenhänge geben. Wer von einem Dackel redet, wird – wenn er dem üblichen Gebrauch dieses Ausdrucks folgt auch zugeben, dass dieser Dackel ein Hund, ein Tier und auch ein Lebewesen ist. Innerhalb der logischen Im plikation

Dackel Hund Tier Lebewesen

werden die Prädikationsbedingungen der Ausdrücke von links nach rechts immer unspezifischer. Das Pfeilsymbol steht von links nach rechts gelesen für wenn – dann und gleichzeitig für daraus folgt, also in dem Sinn: Wenn etwas ein Dackel ist, dann ist es auch ein Hund. Aus der Wahrheit des Satzes Das ist ein Tier folgt die Wahrheit von Das ist ein Lebewesen .

Auf den ersten Blick erscheinen auch Handlungen als ganz gewöhnliche „Gegen stände“ der Welt, über die wir reden wie über Tiere, Pflanzen, Werkzeuge oder Men schen. Auf ein und dasselbe Tier vom Typ Dackel treffen auch die Prädikatoren Hund, Tier und Lebewesen zu. Entsprechendes scheint es auch bei Handlungsbeschreibungen zu geben. Denn auch auf eine einzige raumzeitliche Handlung können meist mehrere Beschreibungen gleichzeitig zutreffen: Ein Matrose P auf einem in Seenot geratenen Schiff holt Hilfe (e), indem er einen Notruf abgibt (d), indem er eine Leuchtrakete bestimmter Art abfeuert (c), indem er den Abzug der Pistole betätigt (b), indem er eine bestimmte Fingerbewegung ausführt (a). Die raumzeitliche Hand

3

lung a kann nun auf verschiedene Weisen beschrieben werden, nicht nur als Hand lung vom Muster a, sondern auch als Handlung vom Typ b, c, d oder e. Zwischen diesen verschiedenen gleichzeitig möglichen Handlungsbeschreibungen zeigt sich ein Zusammenhang:

Finger bewegen Abzug betätigen Rakete abfeuern Notruf abgeben

Hilfe holen

a

betätigen Rakete abfeuern Notruf abgeben Hilfe holen a b c d e Das Pfeilsymbol zwischen den

b

betätigen Rakete abfeuern Notruf abgeben Hilfe holen a b c d e Das Pfeilsymbol zwischen den

c

Rakete abfeuern Notruf abgeben Hilfe holen a b c d e Das Pfeilsymbol zwischen den Handlungsmustern

d

Rakete abfeuern Notruf abgeben Hilfe holen a b c d e Das Pfeilsymbol zwischen den Handlungsmustern

e

Das Pfeilsymbol zwischen den Handlungsmustern kann von rechts als Indem Relation gelesen werden: P ruft Hilfe herbei (e), indem er einen Notruf abschickt (d), indem er eine Leuchtrakete abfeuert (c), indem er den Pistolenabzug betätigt (b), in dem er seinen Finger bewegt (a). Besser erkennbar werden die Besonderheiten von Handlungsbeschreibungen aber in der Wenn dann Lesart von links nach rechts:

Wenn P seinen Finger bewegt, dann ist das nur unter bestimmten Bedingungen das Betätigen des Pistolenabzugs, dieses ist nur unter Umständen das Abfeuern einer Leuchtrakete, dieses wiederum nur unter bestimmten Bedingungen das Herbeirufen von Hilfe.

In dieser Wenndann Lesart beschreiben die Handlungsmuster rechts die Ziele, mit denen die Handlungen links davon gemacht werden: Der Abzug wird mit der Absicht betätigt, die Rakete abzufeuern, diese wird mit dem Ziel abgefeuert, einen Not ruf abzugeben, der Notruf wird mit dem Ziel abgegeben, jemanden zur Hilfeleistung zu bewegen. Absichten sind also immer als Ziele von Handlungen beschreibbar. Das unterscheidet sie von Wünschen: Ich kann mir zwar wünschen, dass ich im Lotto gewinne, aber ich kann es nicht beabsichtigen.

Die Wenndann Lesart offenbart nun einen entscheidenden Unterschied zu logischen Implikationen. Der Zusammenhang klassifizierender Beschreibungen in der Wenndann Kette

Dackel Hund Tier Lebewesen

ist schon durch den Gebrauch (die Wahrheitsbedingungen) der Prädikatoren also logisch gegeben. Wenn man feststellt, dass etwas ein Hund ist, würde jemand mit unserem Sprachgebrauch sich selbst widersprechen, wenn er bestreiten würde, dass es gleichzeitig auch ein Tier und ein Lebewesen ist.

In solche Widersprüche muss man bei Handlungsbeschreibungen nicht geraten: Man kann durchaus feststellen, dass der Pistolenabzug gedrückt wurde, aber alles andere weiter rechts in der Beschreibungskette hängt von den jeweiligen faktischen Um ständen ab. Es kann sein, dass durch das Betätigen des Abzuges nur ein klackendes Geräusch verursacht wird, dass ein Vogel verscheucht, ein Tier verletzt oder dass das Mobiliar beschädigt wird. Nur unter bestimmten situativen Bedingungen gibt man dadurch einen Notruf ab. Der Wenndann Zusammenhang zwischen Handlungs

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mustern ist also nicht von logischer Art. Es gehört nicht zur Gebrauchsregel des Ausdrucks den Pistolenabzug betätigen , dass damit lebensrettende Notrufe erfolgen oder Menschen verletzt werden. Solche Folgezusammenhänge ergeben sich nur un ter bestimmten Umständen.

Wenn ich beim Schachspiel eine Figur von einem Feld auf ein anderes bewege (a), damit meinen Gegner matt setze (b), ihn dadurch besiege (c), dadurch eine Wette gewinne (d), dadurch erreiche, dass ich tausend Euro bekomme (e), mich dadurch von meinen finanziellen Nöten befreie (f), dann habe ich eine einzige raumzeitliche Handlung gemacht, auf die mehrere Beschreibungen oder Typisierungen zutreffen können. Man kann auch sagen, dass ich nach mehreren Mustern handle:

a b c d e f.

Auch hier kann die mit dem Pfeilsymbol dargestellte Relation doppelt gelesen wer den: von links nach rechts als wenn dann , von rechts nach links als indem : Ich befreie mich von meinen finanziellen Nöten (f), indem ich mir tausend Euro beschaffe (e), indem ich eine Wette gewinne (d), indem ich beim Schachspiel siege (c), indem ich den Gegner matt setze (b), indem ich den richtigen Zug mache (a). Zwischen diesen verschiedenen Handlungsbeschreibungen bestehen keine logischen Beziehungen:

Nicht per se, sondern nur in einer ganz bestimmten faktischen Spielkonstellation führt ein bestimmter Zug mit einer bestimmten Figur vom Feld x auf das Feld y zum Schachmatt, nur unter ganz bestimmten Umständen gewinnt man dadurch eine Wet te, nicht immer bekommt man nach einer gewonnenen Wette tausend Euro, und nicht jeder wird dadurch von seinen finanziellen Nöten befreit.

Unser Sprechen über Handlungen unterscheidet sich also erheblich davon, wie wir über andere Dinge der Welt reden. Zwar können auch auf Handlungen – ebenso wie auf alles andere Beschreibbare gleichzeitig mehrere prädikative Typisierungen zutreffen. Aber während der Zusammenhang verschiedener klassifikatorischer Ausdrücke für beispielsweise Pflanzen oder Tiere durch die Gebrauchsregeln dieser Ausdrücke und damit logisch gegeben ist, gibt es zwischen den bei Handlungen gleichzeitig möglichen prädikativen Beschreibungen im Allgemeinen keine semanti schen bzw. logischen Zusammenhänge.

Somit ist es bei handlungstheoretischen Beschreibungen besonders interessant, die Arten der jeweiligen Bedingungen zu betrachten, unter denen in WenndannKetten einzelne raumzeitliche Handlungen nach dem Muster A auch jeweils Handlungen nach den Mustern B und C usw. sein können. Und entsprechend den unterschiedlichen Arten solcher Bedingungen lassen sich vermutlich auch unterschiedliche Arten von Handlungen bzw. Handlungsmustern unterscheiden.

5

Handlungsbeschreibungen in Wenn dann Ketten beginnen bei konkreten raumzeitlichen Basishandlungen, also Handlungsmustern, die in der jeweiligen Beschreibungskette ganz links stehen. Was als Handlung eines bestimmten Typs gilt, ist durch un sere prädikativen Einteilungen gegeben. Eine Handlung ist nach einem bestimmten Muster, wenn der entsprechende Handlungsprädikator (oder die entsprechende Beschreibung) wahr davon behauptet werden kann. Und umgekehrt darf man anneh men: Erst durch die prädikative Bestimmung wird ein raumzeitliches Tun als Reali sierung eines bestimmten Handlungstyps unterscheidbar. Ein bestimmtes Tun ist seinem Typ nach ein Winken, wenn es die Wahrheitsbedingungen für winken erfüllt. Wie viele Handlungsmuster einem raumzeitlichen Handlungsvorkommnis zugeord net werden, hängt vom Differenzierungsgrad der Beschreibung oder des Verstehens ab. So kann etwa eine Feststellung gleichzeitig eine Warnung und darüber hinaus später vielleicht sogar noch lebensrettend sein.

Nicht immer ordnen wir einem raumzeitlichen Tun mehrere Muster zu. Wenn ich sehe bzw. erkenne, dass einer schwimmt, weiß ich in den meisten Fällen genug. In vielen Situationen des Lebens ist es gar nicht nötig, dass ich die einzelnen Teilhand lungen seines Schwimmens erfasse oder einen weitergehenden Zweck seines Schwimmens kenne.

Verstehen von Handlungen

Manchmal erkennen wir, was jemand macht, aber wir verstehen nicht, wie er es macht oder wozu er es macht. Denkbar ist auch, dass wir überhaupt nicht erkennen, was jemand macht. So lassen sich raumzeitliche Basishandlungen denken, für die wir gar keine oder keine weitere prädikative Typisierung kennen, etwa für zeremonielle Handlungen in fremden Kulturen. Wir können vielleicht bestenfalls irgendwelche Bewegungen eines Schamanen erkennen, nicht aber, was er dadurch macht. In diesem Fall werden wir sagen, dass wir nicht erkennen bzw. verstehen, was da „eigent lich“ gemacht wird.

Ein Mindestverständnis einer raumzeitlichen (Basis) Handlung hat nur, wer sie als Handlung eines bestimmten Typs oder Musters erfasst, z.B. dass jemand seine Hän de abwechselnd in die Höhe hebt. Dieses Erfassen muss nicht unbedingt sprachlich fundiert sein. Angemessenes Verstehen gelingt aber erst, wenn die physische Hand lung im Zusammenhang mit einem durch sie angestrebten Ziel interpretiert wird. 3

3 Die Spiegelneuronen bei Makaken waren besonders aktiv, wenn die Tiere physische Handlungen beobachteten, die mit Zielen verbunden waren. Wurden dieselben Handlungen ohne solche Absichten lediglich vorgeführt, zeigten sich keine „mitfühlenden“ Reaktionen. Wahrnehmung und intentionale

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Man versteht bestimmte raumzeitliche Handlungen, indem man erkennt, dass jemand, indem er sie macht, beispielsweise tanzt, singt oder strickt. Das genügt meist schon.

Wenn wir an die Beschreibungsmöglichkeiten von Handlungen in Wenndann bzw. Indem Ketten denken, liegt es nahe, dass das Verstehen von Handlungen tendenziell immer tiefer, weiter oder umfassender sein kann. Einen Hinweis gibt die Unter scheidung verstehen, was jemand macht, wie er es macht, wozu er es macht. Wenn man von irgendeinem Handlungsmuster in einer möglichen Beschreibungskette ausgeht, zielt die Frage wie? auf die Muster links davon, also auf die Mittel, die Frage wozu? auf die Muster rechts davon, also auf die Ziele. Beschreibungen von Handlungen als Ketten von Handlungsmustern sind also Beschreibungen von Mittel Zweck Relationen: Die Rakete wird abgefeuert, damit dadurch ein Notruf abgesetzt wird. Diese Handlung wiederum hat den Zweck, Hilfe herbeizurufen usw. Eine Kette von Handlungsbeschreibungen kann theoretisch immer weiter nach links, aber auch nach rechts fortgeführt werden. Man kann wissen wollen: Wie wird die Rakete abgefeu ert? Wie wird der Finger am Abzug gekrümmt? Und man kann auch auf der anderen Seite theoretisch immer weiter fragen: Wozu soll Hilfe geholt werden? Wozu soll Leben gerettet werden? Aber so wenig man in der Praxis Gebärden und Handbewegungen ohne Limit immer genauer in ihre Einzelteile zerlegen kann und muss, um die Frage nach dem Wie zu beantworten, so wenig wird man die Frage nach dem Wozu „letztlich“ beantworten können und müssen. Häufig wird man auf abschließende Begründungen folgender Art kommen: Weil ich es will, weil es mich glücklich macht, weil ich ein Mensch bin.

Wann hat man nun eine Handlung verstanden? Es kommt auf die jeweilige Interessenlage an. Wahrscheinlich ist es oft unnötig, das genaue Wie zu verstehen. Man ver steht, dass jemand strickt, auch wenn man es selbst nicht kann bzw. das Wie nicht beschreiben kann. Bei Bedarf kann man sich das Wie ja erklären oder wo Worte nicht reichen zeigen lassen. Dann versteht man vielleicht, wie Stricken geht. Auch der Geigenvirtuose wird die Technik seines Spiels nicht unbegrenzt immer genauer beschreiben können. Er wird wohl irgendwann mit den Erklärungen aufhören und das Wie allenfalls noch zeigen. Mit der Beschreibung des Wozu verhält es sich ana log. Natürlich weiß der Handelnde oft mehr über seine Ziele als der Betrachter. Aber kennt er wirklich die ganze Kette? Kennt er seine letzten Ziele? Kann man davon ausgehen, dass wir als Handelnde unsere Motive immer selbst ganz überblicken? Gibt es jemand anderen, der das an unserer Stelle könnte?

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Das Verstehen von Handlungen bezieht sich also meist nur auf einen Ausschnitt ei ner möglichen Beschreibungskette. In der Praxis sind die Fragen nach den Zielen begrenzt. Man wird nicht wie Kinder das manchmal tun immer weiter fragen: Wa rum? Offensichtlich – und das schon aus praktischen Gründen geht es nicht immer weiter nach rechts in der möglichen Beschreibungskette. Manchmal reicht es, zu ver stehen, dass jemand einen Pullover strickt. Manchmal ist es wichtig, zu wissen, wo für er gestrickt wird. Erklärungen durch Hinweise auf noch grundsätzlichere oder gar letzte Zwecke kann man dagegen im alltäglichen Reden von Menschen über ihr Handeln nicht beobachten.

Nur ein realitätsfernes rationalistisches Zerrbild vom Menschen unterstellt eine Letztbegründbarkeit von Handlungszielen. Die macht schon praktische Schwierig keiten, weil es in der Handlungsbeschreibung faktisch nicht immer noch weiter nach rechts gehen kann – gleichsam ohne Ende. Allem Anschein nach gibt es Ziele, die wir einfach akzeptieren bzw. es gibt Handlungen, die wir nicht hinterfragen. Sie sind uns zum Teil wohl biologisch vorgegeben und stehen der bewussten Wahl zuerst einmal nicht völlig offen. Wir können im Restaurant zwar entscheiden, was wir bestellen, nicht aber, was uns schmeckt. Wir haben wahrscheinlich die Wahl der Mittel, aber nicht der letzten Ziele. Wir dürfen von menschlichen Grundbedürfnissen ausgehen, wie zum Beispiel dem nach sozialer Anerkennung und Wertschätzung. So wenig wir das ändern können, so wenig können oder müssen wir das begründen. Die Antwort würde ohnehin nur lauten: „Weil wir Menschen sind.“ 4

Verstehen einer Handlung – sowohl das des Betrachters als auch das des Handeln den selbst ist also eher graduell. Es bezieht sich auf relevant erscheinende Ausschnitte einer im Prinzip immer noch genauer differenzierbaren Beschreibungskette. Weder müssen wir immer alle Einzelheiten verstehen, wie etwas gemacht wird, noch müssen wir alle Ziele kennen, die mit einer Handlung verbunden sind. Verstehen dürfte in vielen Fällen wohl darin bestehen, eine Handlung als Handlung eines bestimmten Typs zu erkennen (z.B. als Tanzen). Die damit verbundenen Mittel und weitere Ziele setzen wir als unproblematisch voraus oder erschließen sie. Im Allgemeinen ist klar, wozu jemand tanzt, warum er sein Leben retten oder seine Schulden loswerden will. Bei Bedarf lässt sich nachfragen. Aber alle Antworten haben ihre Grenzen.

Für das Verstehen sprachlicher Handlungen dürfte das oben Gesagte im Prinzip ebenfalls gelten. Wir müssen nicht verstehen, wie wir mit unserem artikulatorischen Apparat Laute erzeugen. Und genauso müssen wir nicht die letzten kommunikati

4 Vgl. Brooks 2012, 337 ff., 417 ff. Nebenbei stellt sich die Frage, ob „Lebewesen“ ohne Organismus, also ohne organische Bedürfnisse, überhaupt Handlungszwecke verfolgen könnten.

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ven Absichten durchschauen. Aber es wird sich zeigen, dass wir einen bestimmten Ausschnitt der sprachlichen Handlungsmusterkette verstehen müssen, sonst verstehen wir gar nichts.

Arten von Handlungen

Bei der Klassifizierung von Handlungen sind verschiedene Bezeichnungen geläufig wie instrumentelles, soziales , sprachliches, strategisches , symbolisches oder kommunikatives Handeln. Oft werden diese Bezeichnungen unterschiedlich verwendet.

Wie immer man auch unterscheidet eine Klassifikation von Handlungen gelingt nur dann widerspruchsfrei, wenn man zwischen konkretem raumzeitlichem Handeln auf der einen und Handlungstyp bzw. Handlungsmuster auf der anderen Seite un terscheidet. Wenn man entscheiden will, von welcher Art ein konkretes Handeln ist, muss man unterscheiden, nach welchen Handlungsmustern dieses Handeln ist. Erst in einem zweiten Schritt kann man feststellen, von welcher Art diese Handlungsmuster sind, ob sie z.B. instrumentelle oder ein strategische Handlungstypen sind.

Aber meist ist die Angelegenheit komplizierter. Wenn auf eine raumzeitliche Hand lung in einer Beschreibungskette mehrere Handlungsmuster zutreffen, können diese verschiedenen Arten von Handlungsmustern angehören. Das heißt: Oft ist ein kon kretes raumzeitliches Handeln im Zusammenhang mit den damit angestrebten Zielen gar nicht als Handlung nur einer einzigen Art zu bestimmen.

Nehmen wir das bereits eingeführte Beispiel: Ein Matrose auf einem in Seenot gera tenen Schiff holt Hilfe (e), indem er einen Notruf abgibt (d), indem er eine bestimmte Leuchtrakete abfeuert (c), indem er den Abzug der Pistole betätigt (b), indem er eine bestimmte Fingerbewegung ausführt (a). Von welcher Art sind die Handlung des Matrosen in der Wenn dann Kette bzw. Indem Kette a b c d e ?

Bei der Beantwortung dieser Frage kommt man sofort in das Dilemma konkurrierender Einordnungen, denn die Handlungsmuster a bis e sind von verschiedener Art: Das Abschießen der Leuchtrakete (c) ist ein instrumenteller Handlungstyp. Dass das Drücken des Pistolenabzugs (b) zum Abschuss der Rakete führt, liegt nämlich an bestimmten Voraussetzungen (z.B. dass die Pistole mit einer bestimmten Munition geladen ist) und an vorhersehbaren mechanischen bzw. physikalischen Gesetzmä ßigkeiten, nach denen die Pistole funktioniert. Instrumentelles Handeln wie das Abschießen einer Leuchtrakete ergibt sich also als kausale Folge einer anderen Hand lung.

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Das Abgeben des SOSSignals (d) ist dagegen eine symbolische Handlung, denn (d) kommt nur zustande durch Gültigkeit einer Konvention, wonach das Absenden ei nes bestimmten Leuchtsignals (c) als ein Notruf zählt. Eine symbolische Handlung ergibt sich nur für diejenigen, für die auf der Grundlage gemeinsamer Regeln eine bestimmte Aktion als eine bestimmte symbolische Handlung zählt. Der Hund, der das Leuchten am Himmel mit dem Blick verfolgt, gehört wohl nicht dazu.

Das Absenden eines Notrufes (d) führt nur unter bestimmten Bedingungen dazu, dass dadurch Hilfe herbeigeholt wird (e). Genau genommen ist (e) eine Beschreibung von zeitversetzten Folgen des Handelns des Matrosen. Vorausgesetzt, das Notsignal wird empfangen und richtig verstanden, dann ist die Beschreibung „holt Hilfe“ erst nach dem anschließenden Handeln der Retter zutreffend. Bei einer solchen Ret tungsaktion handelt es sich natürlich nicht um eine determinierte Konsequenz. Sie tritt nicht determiniert als kausale Folge, sondern durch das absichtsvolle Handeln der Retter ein. Das Absenden des Notrufes geschieht mit der Absicht, dass bestimmte soziale Folgen eintreten. Das Herbeiführen von Folgen lässt sich einem Subjekt als Handlung zuschreiben. Durch das Abgeben des SOSSignals (symbolische Hand lung) wird Hilfe herbeigeholt (soziale Folge). Solche Handlungen lassen sich als stra tegische Handlungsweisen bezeichnen. Im Unterschied zu instrumentellen kommen sie nicht als kausale, sondern als soziale Folgen zustande.

Das Beispiel zeigt: Auf ein und dieselbe raumzeitliche Basishandlung können unter schiedliche typisierende Beschreibungen zutreffen, je nachdem, ob die Bedingungen dafür erfüllt sind. Und diese Bedingungen können naturgesetzlicher (bei instrumen tellen Handlungsmustern), sozialer (bei strategischen Handlungen) oder konventio neller Art sein (bei symbolischen Handlungen).

Dabei ist es nicht einmal so, dass ein bestimmtes Handlungsmuster immer von einer bestimmten Art sein muss, etwa immer instrumentell oder immer strategisch. Es kommt auf den konkreten Einzelfall an. Leben zu retten kann zum einen eine strategische Handlung sein, wenn etwa, wie in unserem Beispiel, durch einen Notruf Hel fer zum lebensrettenden Eingreifen bewegt werden. Wenn dagegen ein Arzt durch das Setzen einer Spritze das Leben eines Erkrankten rettet, dann ist die Handlung des Lebensrettens normalerweise eine instrumentelle Handlung, deren Zustandekommen auf der kausalen Wirkungsweise des verabreichten Medikaments beruht.

Fürs Erste können wir jeweils nach den Bedingungen für ihr Zustandekommen folgende Arten von Handlungsmustern oder Handlungstypen unterscheiden:

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Handlungsmuster instrumentelle soziale
Handlungsmuster
instrumentelle
soziale
10 Handlungsmuster instrumentelle soziale strategische symbolische Instrumentelles Handeln folgt empirischem Wissen

strategische

10 Handlungsmuster instrumentelle soziale strategische symbolische Instrumentelles Handeln folgt empirischem Wissen

symbolische

Instrumentelles Handeln folgt empirischem Wissen über naturgesetzliche UrsacheWirkungsZusammenhänge. Es besteht darin, durch bestimmte Handlungen bestimmte vorhersehbare Folgen zu verursachen. Dass ich mit bestimmten Handha bungen einer Axt Holz spalten oder durch das Drehen eines Zündschlüssels den Mo tor starten kann, ist durch physikalische Regelmäßigkeiten bedingt. 5 Genau genom men startet jemand gar nicht den Motor, sondern er verursacht durch sein Handeln, dass der Motor startet. Instrumentelle Handlungen werden also durch andere Hand lungen als deren kausale Folgen herbeigeführt. Das Motoranlassen ist eine instrumentelle Handlung, weil es durch physikalische Regelmäßigkeiten herbeigeführt werden kann.

Soziale Handlungen dagegen beruhen nicht auf physikalischen Gesetzmäßigkeiten. Strategische Handlungen kommen zustande, wenn bestimmte Konsequenzen im Handeln anderer Menschen erreicht werden. Wer am Strand absichtlich so lärmt, dass der Nachbar weggeht, hat den Nachbarn vertrieben, indem er Lärm machte. Das Vertreiben des Nachbarn ist also ein strategisches Handlungsmuster, weil es als beabsichtigte soziale Folge einer vorausgehenden Handlung zustande kommt.

Typisch ist strategisches Handeln z.B. im Wirtschaftsleben. Wenn ein Unternehmen einen Marktkonkurrenten dazu bringt, sein Geschäft aufzugeben, indem er dieselben Waren dauerhaft billiger verkauft, so sind die Bedingungen für den Zusammenhang der Realisierung beider Muster weder naturgesetzlicher noch konventioneller Art. Solch strategisches Handeln beruht auf der Annahme, dass andere in ihrem eigenen Interesse rational und somit einigermaßen berechenbar handeln, z.B. dass sie finan zielle Verluste vermeiden, Lärm aus dem Weg gehen oder einfach Gutes tun wollen. Die angestrebten Folgen sind also nicht kausal determiniert, sondern treten durch das erwartete oder erhoffte Handeln anderer ein, und das erst mit zeitlicher Verzögerung.

5 Gerade bei instrumentellen Handlungen, etwa um eine bestimmte chemische Reaktion zu erzeugen, müssen manchmal mehrere Handlungen gemacht werden: Eine bestimmte Substanz muss mit einer anderen auf bestimmte Weise kombiniert werden, die Verbindung ist danach zu erhitzen usw. und erst dadurch wird der erwünschte Effekt erreicht. Genauso kann es sein, dass bestimmte Handlungen gleichzeitig gemacht werden müssen, um die gewünschte physikalische Folge zu erreichen. Hier müssten also die formalen Darstellungen entsprechend angepasst werden.

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Kausale und nichtkausale Folgen können natürlich auch unbeabsichtigt ausgelöst werden. Man hat dann etwas getan, was man gar nicht beabsichtigte, z.B. das Haus in Brand gesetzt oder den Freund durch einen schlechten Rat ins Unglück gestürzt. Beides muss man sich als Handlung zuschreiben lassen, man kann es nicht einfach leugnen. Aber man hat diese Handlung nicht absichtsvoll gemacht, man verfolgte damit eine andere Absicht.

Symbolische Handlungen finden wir im Alltag oft als kommunikative Handlungen mimischer oder gestischer Art. Das Augenzwinkern, das Grüßen durch Heben der Hand, das Herbeiwinken oder das Vogelzeigen sind Prototypen symbolischer Hand lungen mit kommunikativer Funktion. Regeln sind hier konstitutive Regeln. Eine bestimmte raumzeitliche Handlung zählt per Konvention als eine bestimmte symboli sche Handlung. Händeklatschen gilt als Applaudieren, nicht dagegen Pfeifen oder Kopfschütteln. Deshalb gelingen solche symbolischen Handlungen nur, wenn sie auch entsprechend diesen Regeln verstanden werden. Wenn ich gegenüber meiner Katze auf den Mond zeige, blickt sie nur auf meinen Finger.

Symbolische Handlungen ohne kommunikative Absichten finden wir auch in institutionellen Zeremonien. Sakrale Handlungen wie Taufen oder Segenspenden gleichen hierin Spielhandlungen. Auch dort konstituieren Regeln die in einem Spiel mögli chen bzw. gültigen Handlungen. Eine bestimmte raumzeitliche Handlung zählt im Spiel als eine bestimmte symbolische Handlung wie etwa Spielhandlungen des Typs „ein Tor schießen“ oder des Musters „einen Feldverweis aussprechen“ oder eines bestimmten Zuges im vielzitierten Schachspiel. Damit die Handlung gelingt, muss die Regel, nach der sie als solche gilt, von den Partnern geteilt werden. Entsprechend gilt bei solchen zeremoniellen oder institutionellen „Spielen“ ein bestimmtes Tun oder eine bestimmte Äußerung per Konvention gleichzeitig als Vollzug einer bestimmten (symbolischen) Handlung. Die symbolische Handlung wird immer gleichzeitig mit der entsprechenden Basishandlung gemacht. Die Verwarnung eines Fußballspielers durch den Schiedsrichter ist keine zeitverzögerte Folge des Zeigens der gelben Karte.

Das unterscheidet symbolische Handlungen von strategischen und auch von instrumentellen, wo immer ein Zeitversatz existiert, und sei er auch wie bei manchen in strumentellen im Millisekundenbereich. Zu den Regeln bei vielen symbolischen Handlungen gehört auch, dass solche Handlungen nur in bestimmten Situationen (eben „im Spiel“) möglich sind und dass sie meist nur durch bestimmte „spielberech tigte“ Personen ausgeführt werden können. Wenn ein Schiedsrichter einem Fußgän ger auf der Straße die rote Karte zeigt, zählt das nicht als Platzverweis. Der mit Rot bedachte Passant wird vielleicht mit der symbolischen Handlung des Vogelzeigens reagieren, die auch außerhalb des Spielfelds Gültigkeit hat.

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Symbolische Handlungen können auch auf der Grundlage von Ad hocVereinba rungen gemacht werden. Die Wirksamkeit solcher symbolischer Handlungen beruht meist auf einer Vereinbarung, dass sie eine bestimmte explizite sprachliche Aussage oder Ansage ersetzen soll, etwa: Wenn ich dich anrufe und das Telefon dreimal klin geln lasse, heißt das: Ich bin nach der Autofahrt wohlbehalten am Ziel angekommen. Insofern sind solche symbolischen Handlungen kommunikative Handlungen, mit denen etwas zu verstehen gegeben werden soll. Sie gehören zum kommunikativen Alltag u