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Geistliche Wegweisung narcb


Mig1J~ ~~olinos
. ...
~
Peter Dyckhoff gibt mit seiner »Wegweisung«
einen starken lmpuls zu innerer Erneuerung aus
mystischer Tradition. Finde den Weg wird
allen Begleiter sein, die nach einem geistlichen
Weg suchen oder die auf ihrem geistlichen Weg
Mut, Bestätigung oder Korrektur finden wollen.

Finde den Weg schöpft vertiefte Lebens-


und Gebetsweisen aus der »Wegweisung des
Miguel de Molinos«, eines spanischen Mystikers
des 17. Jahrhunderts. Der beschriebene Weg
besteht aus einem Prozeß des Loslassens,
einem wachsenden Losgelöstsein, das es
ermöglicht, innere Ruhe zu erfahren - mystisches
Schweigen, wo Reden, Denken und Streben
aufhören und Gott zur Seele spricht.

ISBN 3-7698-1148-8

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Möge denen, die sich auf diesen Weg begeben, neue Erste Einsicht
Kraft für ihren Alltag zufließen und neues Licht leuch-
ten. Mögen die Erfahrungen auf diesem Weg zu Er- über zwei Wege kann man zu einer tieferen Erkenntnis
kenntnissen führen, die helfen, das Leben besser in und einem tieferen Glauben gelangen:
den Griff zu bekommen, ihm tieferen Sinn zu geben Der erste ist der Gebrauch des Verstandes, der es er-
und Freude am Leben zu vermitteln. laubt, aus Gedachtem Schlußfolgerungen zu ziehen.
Der zweite ist die Versenkung- ein vertrauensvolles Los-
lassen von allem.

J Beide Wege führen zu dem einen Urgrund, der


Liebe ist.
Durch den Gebrauch des Verstandes, durch Denken
und Nachsinnen kann der Mensch diesem Ziel näher-
kommen und wesentliche Erkenntnisse gewinnen,
die seinen Glauben bereichern. Beim Gehen dieses er-
sten Weges sind sinnliche Wahrnehmungen Voraus-
setzung, die die menschliche Vorstellungs- und Ge-
dankenwelt prägen. Dieser Weg wird, da er Aktivität
erfordert, von Stufe zu Stufe schwieriger und anstren-
gender.

Der zweite Weg erfordert keinen aktiven Beitrag. Wer


tiefer in die Erkenntnis der Wahrheit eindringen
möchte, erfährt den Fortschritt rein geistlich. Die
hierzu notwendige Wegweisung lehrt unsere Seelen-
kräfte, sich auf einfache Weise vorübergehend in ihren

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Ursprung zu versenken. Die Kräfte der Seele bleiben - l )cr Mensch übereignet sich ganz und gar vertrauend
ohne etwas leisten zu müssen - in ruhevoller Wach- ',einem Schöpfer. Von der schöpferischen Kraft der
heit. Daher wird dieser Weg auch "Aufmerken der See- I I be wird er den Weg geführt, der für ihn - und ein-
lenkräfte" genannt. Ig und allein für ihn - bestimmt ist. Dieser entschei-
dende Schritt kann aber nur gelingen, wenn der auf
~ Auf dem ersten Weg ist der menschliche Geist in ... 'in Ziel Zugehende sich immer wieder einübt, be-
"" Bewegung. Er gelangt von einer Wahrnehmung wußtes Denken auszuschalten, und bereit ist, Einga-
zur anderen und von einer Erkenntnis zu einer ande- hen und Einwände der Vernunft wie auch jegliches
ren. Bringt der menschliche Geist es fertig, Betrach- Betrachten loszulassen. Durch die der Seele innewoh-
tungen über die Geheimnisse der Schöpfung anzustel- Ilende schöpferische Kraft wird sie nun weitergeführt
len, so ist er auch auf diesem ersten Weg in der Lage, 111 heitere und helle Bereiche, in die der menschliche
die Seele in eine größere Nähe zum Schöpfer zu brin- Verstand niemals einzudringen vermag.
gen. Wenn die menschliche Seele erst einmal diese
Richtung eingeschlagen hat, wird sie auch auf diesem I n diesen Zeiten der Hingabe an ihren Ursprung wird
mit dem Denkvermögen eingeleiteten Weg wie von die Seele vorübergehend aus ihren sinnlichen und
selbst weitergeführt. bildlichen Begrenzungen befreit und erlebt einen Zu-
stand, der nicht mehr mit Worten beschrieben wer-
Geistige Aktivität wie auch sogenanntes vernünftiges den kann. Sie erhebt sich zu dem, was sie aus ihrer ei-
Denken bleiben zurück - vorausgesetzt, es wurde ein gentlichen Natur selbst ist. Diese Bewegung der Seele
Zeichen des Glaubens gegeben. geschieht ohne Anstrengung, ohne ein Bereden von
außen und auch ohne jegliche eigene verstandesmä-
Der erste Weg beginnt mit einem längeren Anstieg: Er ßige Beeinflussung.
führt durch das Denken an den Punkt, an dem kein
Denken zum Weitergehen erforderlich ist. Der zweite Erst langsam und mit der Zeit der Übung oder gar
Weg verzichtet auf den Umweg des Denkens. Er be- durch Schicksalsschläge geht diese Bewegung der
ginnt gleich mit dem Loslassen und der Hingabe. Seele, die anfänglich immer wieder verharren will, in
ein Fließen und Strömen über. Der Seele ist eine Sehn-
An dieser Schwelle treffen sich beide Wege: sucht eingegeben, die nach Erfüllung drängt - eine ge-

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sunde Unruhe, die das Erleben einer tiefen geistigen möchte, ist ständig im Aufbruch und möchte sich von
Ruhe zum Ziel hat. allem Ballast befreien, um sich in lichtere Bereiche zu
erheben.
3 Die Liebe innerhalb der Schöpfung und vor allem
unter den Menschen kann um so stärker strömen Obwohl alle Menschen das Loslassen im Schlaf erfah-
und sich entfalten, je mehr sie in der Lage ist, sich zwi- ren, haben viele Angst davor, diesen notwendigen
schenzeitlich vom Geliebten und somit auch von al- Schritt auch während des Wachseins zu tun. Sie wis-
lem Geschaffenen zu lösen, um sich auf den Urgrund sen nicht, was mit ihnen geschieht, wenn vorüberge-
der Liebe, auf Gott, auszurichten. hend ihr eigenes aktives Denken, ein ihnen vertrautes
Nachsinnen oder gar ihre Vernunft aufgegeben ist,
Die Liebe eines Menschen kann nur wachsen, wenn und sie sich der "göttlichen Finsternis" überlassen.
sie beständig teilhat an der absoluten Liebe, die sich
immer und überall verschenken möchte. Durch das Ist allerdings der eigene Seelengrund nicht fundiert
vorübergehende Loslassen des Kleineren und das oder bewußt, ist jemand nicht mit dem eigenen
Sich-Öffnen für das Größere und letztlich dem Größ- Schweigen vertraut und verfügt er über nur man-
ten gegenüber geschieht Wachstum. Selbst wenn Fort- gelnde Erfahrung einer liebenden Hingabe, kann er
schritt nicht sofort wahrnehmbar ist, dürfen wir si- sich auf diesem Weg seines eigenen Wesens beraubt
cher sein: Der Seele werden heimlich neue Kräfte der fühlen.
Liebe eingegeben, die sich oft erst später unter geeig-
neten Bedingungen entfalten können. Wenn der Übende trotzdem diesen Schritt der Auf-
gabe und Hingabe wagt, wird er auf einen geraden
Für viele Menschen bedeutet das Loslassen des ein- Weg geleitet, der ohne Umwege und Hindernisse zu
mal Erkannten und durch die Sinne Wahrgenomme- seinem individuellen Ziel führt.
nen etwas außergewöhnlich Schweres und oft gar
Schmerzhaftes. Hier bedarf es der Einübung, so daß Die erste wunderbare Erfahrung, von der alle berich-
die oft allzu tief eingravierten Bilder, die die Seele ein- ten, die diesen Weg gehen, besteht in einer Sicherheit
engen und belasten, sich wieder lösen können. Die dem sich verändernden Leben gegenüber, das für
Kraft der Liebe, die wachsen und sich entgrenzen viele Menschen oft untragbar scheint. Diejenigen, die

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übergehend die Erfahrung von Dunkelheit, Einsam- Grenze stoßen, bekommen Angst, kehren um und hal-
keit, Unruhe und Dürre machen. Diese nicht ange- ten sich wieder an Gewohntem fest. Würden sie sich
nehme Befindlichkeit darf uns nicht verunsichern an dieser Stelle der weiterführenden Wegweisung an-
oder beunruhigen. Es ist geboten, still, fest und stand- vertrauen und sich von allem Greif- und Denkbaren
haft zu bleiben, damit die wesentlichen Lebenskräfte lösen, wäre ihnen der Zustrom ungeahnter gnadenvol-
jenseits des Denkens sich entfalten und wirken kön- ler Energien gewiß. Zu diesem Schritt bedarf es gro-
nen. ßen Vertrauens, das von Kindheit an in zwischen-
menschlichen Bereichen gefördert werden sollte.
Vom menschlichen Leistungsdenken aus wird dieser
Zustand als passiv empfunden, sinnlos und oft sogar
als Müßiggang. Die Empfindung ist subjektiv durch-
7 Selbst wenn bei dieser geistlichen Weisung der
menschliche Wille ausgeschaltet und als müßig-
aus richtig, da man völlig machtlos zu sein scheint. gängerisch oder gar als unbeweglich empfunden wird,
Viele Menschen meinen an dieser Stelle, unbedingt bedeutet das nicht, daß der Mensch auf die Kraft sei-
von sich aus etwas in Gang setzen zu müssen, da sie nes Willens generell verzichten kann und soll. Selbst
diese Inaktivität nicht ertragen können. Sie scheuen wenn der Verstand letztlich nicht in der Lage ist, das
vor dem Kommenden zurück und ergreifen die zu erkennen, was die Seele liebt, so können doch
Flucht, indem sie bewußt Gedanken aufnehmen, durch den menschlichen Willen und Verstand Im-
sinnliche Eindrücke zulassen und sich somit wieder pulse dieser Liebe fließen.
mit dem beschäftigen, von dem sie Abstand nehmen
wollten. Sie schrecken vor der eigentlichen Wahrheit Man sagt, es sei eine Grundregel: Was man nicht er-
und Wirkung des göttlichen Wesens zurück und ver- kennt, das kann man auch nicht lieben. Obgleich der
hindern wesentliche Erfahrungen und Erkenntnisse, Verstand Gott nicht durch Denken, Vorstellungen,
die sich dem Menschen aus entgegenkommender Lie- Nachsinnen und Betrachtungen erkennen kann, so
beszuwendung Gottes offenbaren und schenken spielt er doch beim Wachsen des menschlichen Be-
möchten. wußtseins zum Gottesbewußtsein eine nicht unbe-
deutende Rolle. Durch die guten und Gott nahen Er-
6 Viele Suchende, die sich auf den Weg gemacht ha-
ben und unweigerlich an diese oft schmerzhafte
fahrungen, die der Mensch jenseits seines eigenen
Wollens und aktiven Denkens macht, wird sowohl

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der Wille als auch jeglicher Gedanke bereichert und Besseren wandeln kann, werden wir den Weg zu Ihm
kultiviert. schneller und leichter finden als durch bloßes Beden-
ken und zögerndes Abwägen. Damit menschliche
Die gewonnene Erfahrung ist zwar übernatürlich, Liebe wachsen und sich immer neu - selbst unter vor-
doch führt sie zu einer wesentlich klareren und voll- übergehenden Belastungen - verschenken kann, darf
kommeneren Erkenntnis, die durch den bloßen Ver- sie nicht ausbrennen und sich verzehren. Sie benötigt
stand nicht hätte erreicht werden können. Die höch- Ruhephasen, in denen ihr erlaubt wird, zum Urgrund
sten geistigen Leistungen, die der Mensch zu vollbrin- Liebe zurückzufinden.
gen imstande ist, reichen nicht einmal ansatzweise an
das wahre Wesen des Schöpfers heran. Die Suchbewegung, diesen Quellgrund aufzuspüren
und aus ihm zu schöpfen, ist der Seele eigen. Viele
S Man nähert sich dem Wesen Gottes - so sagt Dio-
nysius - eher durch ein Denken dessen, was Gott
Menschen beklagen sich, die wirkliche Liebe sei ihnen
fern - und damit auch Gott. Sie haben einseitig ausge-
nicht ist, als durch Denken und Vorstellen dessen, richtete Erwartungen, haften allzuoft an ihren eigenen
was Gott sein könnte. Der Mensch kann sich dem We- Vorstellungen und lassen somit die Begegnung und
sen Gottes und seiner Ausstrahlung besser nähern - Berührung mit einer ihnen noch unbekannten Di-
auch gedanklich - wenn er zutiefst erkennt, daß Gott mension der Liebe nicht zu.
unbegreiflich und über unsere Sinnes tätigkeit und
jegliche Gedankenaktivität erhaben ist.
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Gott ist nicht aussagbar und nicht vorstellbar - weder
als Güte, Schönheit noch als Bildnis. Die Erkenntnis,
daß Gott unbegreiflich für den Menschen bleibt,
schafft bedeutend mehr Raum in uns. Seine liebenden
Kräfte können sich in diesem Raum besser entfalten
als bei jeglicher gedanklichen Vorstellung oder ge-
fühlsmäßigen Betrachtung. Sind wir gewillt, Ihm Zeit
und Freiraum in uns zu schenken, so daß Er uns zum

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Zweite Einsicht
Unterschied zwischen dem, was allgemein als
J" Erwägen wir durch unser Denken und durch
" die Kraft unserer Vorstellung die Geheimnisse
der Schöpfung, die in allem auf ihren Schöpfer ver-
"Betrachtung" bezeichnet wird und dem weist, so sprechen wir von "Betrachtung". Darüber
"Gebet der Ruhe" oder der "Inneren Einkehr". hinaus wird ebenso das Erwägen und Erspüren der
Geheimnisse des Glaubens als Betrachtung bezeich-
net. Der menschliche Verstand ist damit beschäftigt,
tiefere Wahrheiten zu erkennen, indem die Geheim-
9Von vielen wegweisenden Lehrern der Kirche wird
die Erhebung der Seele über alles Geschaffene hin-
nisse des Glaubens befragt, erwogen und betrachtet
werden. Der Betrachter möchte verstehen und be-
aus als Gebet angesehen. Der Schöpfer selbst ist weit- leuchtet daher alle vorstellbaren Umstände, um mit
aus größer als seine Schöpfung und steht über ihr. In- seinen Kräften dem Geheimnis des verborgenen Got-
nerhalb der Schöpfung kann die menschliche Seele tes auf die Spur zu kommen.
zwar ihren Schöpfer erahnen und erspüren, doch
schwerlich direkt mit Ihm Kontakt aufnehmen oder
Ihm gar begegnen. Dank ihrer Fähigkeit aber, sich
JJ Das Gebet der Ruhe oder die Innere Einkehr
kann zum einen das Ergebnis vielfältigen Nach-
über alles Geschaffene zu erheben und für Augen- sinnens sein. Durch bestimmte gedankliche Fähigkei-
blicke alles loslassen zu können, ist der menschlichen ten hat die Seele eine solche Freiheit erlangt, daß sie
Seele eine Gottesbegegnung eher möglich als durch zur Ruhe kommt und sich dem öffnet, was sich ihr
und innerhalb der geschaffenen Welt. schenken möchte.

Einen gangbaren Weg zu diesem Ziel weist das Gebet. Zum anderen spricht man vom Gebet der Ruhe, wenn
Von vielen wird es als freundliche Unterredung der die Seele ohne Hindernisse auf ihren Ursprung ausge-
Seele mit Gott bezeichnet. Generell unterscheidet richtet ist. In diesem lauteren und ruhigen Zustand
man zwei wesentliche Arten: die Betrachtung und das verharrt sie eine Zeitlang in der ihr eigenen Stille, of-
Gebet der Ruhe oder die Innere Einkehr. fen dem Unnennbaren gegenüber und bereit zu emp-
fangen. Durch Erleuchtung werden ihr göttliche
Wahrheiten zuteil.

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In dieser Hingabe, die "Ruhegebet" genannt wird, den. In besonderer Weise ist dies möglich über die
wird die Seele und damit der ganze Mensch von einer Liebe eines Menschen - und als vollkommenstes Mit-
Liebesenergie und Wahrheit durchdrungen, die kei- tel über das MenschseinJesu Christi. Wenn auch für
ner Betrachtung mehr bedarf und keine Beweis- viele Menschen der irdische J esus zum höchsten Weg
gründe nötig hat. Selbst der menschliche Wille, dem und Vermittler aller Gnaden und Gaben geworden ist,
es schwerfällt zu schweigen und zu empfangen, weil so besteht doch zwischen diesem kontemplativen
er eigene Wege gehen und selbst etwas leisten will, ist Weg und dem Gebet der Ruhe ein Unterschied.
nun ganz und gar erfüllt von einer Liebe, die ihn auf
neue Wege führt und zu größeren Leistungen an- Während des Ruhegebetes richtet sich der Betende
spornt. Dieses Gebet der Ruhe, das auch als "inneres auf das höchste Gut aus: Gott, der gleichzeitig Vater,
Einkehren" oder "Aufmerken der Seelenkräfte" be- Sohn und Heiliger Geist ist. Jesus Christus hat als
zeichnet wird, löst spontan tiefe Freude aus und Mensch und Gottes Sohn seinen irdischen Weg durch
schenkt Erfüllung. die Passion und das Kreuz vollendet. Er wurde erhöht
und ist beim Vater in der ewigen Herrlichkeit.
J~ Das Gebet der Ruhe oder das Innere Einkehren
~ geschieht ohne jegliche Überlegung und ohne Ohne zu denken, ohne sich irgend etwas vorzustellen
Nachsinnen. Es ist ein Offensein für die ewige Wahr- - selbst die Vorstellung eines Weges wird aufgege-
heit, ein einfach Da-Sein und Geschehenlassen. Trach- ben - läßt sich der Betende wie von unsichtbarer
tet man aber danach, göttliche Wahrheiten in den Hand geführt in ein erfülltes Schweigen hineinneh-
Kreaturen zu erkennen, und versucht man, über die men. Erleuchtete sprechen in diesem Zustand von der
geschaffene Welt zur letzten Vollkommenheit vorzu- Anschauung Gottes. Da es ein Schauen mit den Augen
dringen oder Betrachtungen über die Menschheit und der Seele und nicht mit denen des Leibes ist, fehlen
das Christentum anzustellen - dann hat dieses an gänzlich Worte, um diese mystische Erfahrung zu be-
sich gute Vorgehen nichts mit dem zu tun, was wir schreiben.
"Ruhegebet" nennen.
Seit Jahrhunderten wird davon berichtet, daß die im
Selbstverständlich ist es einem jeden möglich, durch Ruhegebet Geübten über einen einfachen, aber tiefen
und über die Schöpfung zurück zum Schöpfer zu fin- und tragfähigen Glauben verfügen und ihr Leben

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durch das Gehen des sogenannten beschaulichen We- Gedanken. Sie kommen und schwinden wie Wolken,
ges sehr bereichert ist. die vorübergehend das Licht der Sonne verdecken.
Wenn sich Gemütsbewegungen einstellen, lassen wir
J3 Durch welches Mittel wir an das andere Ufer
oder ans Ziel gelangt sind, spielt - dort ange-
sie zu. Wir steigen weder in sie ein noch halten wir sie
fest - selbst wenn sie noch so angenehm erscheinen.
kommen - keine Rolle mehr. Wenn die Überfahrt Wir lassen uns durch nichts voreilig aus diesem tiefen
zum Beispiel mit einem Schiff ein Ende hat und es im Schweigen und Stillsein herausbringen. Nehmen aber
sicheren Hafen vor Anker gegangen ist, haben wir das die nach außen gerichteten Tendenzen überhand und
Ziel unserer Reise erreicht und verlassen das Schiff. versuchen uns abzuziehen, richten wir erneut die Au-
gen der Seele auf die Liebe Gottes. Dies kann prak-
Übertragen auf die Seele bedeutet das: Welchen Weg tisch geschehen, indem wir leise und innerlich Seinen
auch immer wir gegangen sind, ist letztlich nicht mehr Namen anrufen oder um Erbarmen bitten. Dann wird
von Bedeutung, wenn wir ans Ziel gelangt sind. Mit sich wie von selbst unsere Seele in die Hände Gottes
Worten kann die Befindlichkeit am Ziel kaum be- legen, und tiefere innere Ruhe wird uns erneut erfül-
schrieben werden: Es ist Staunen, Dasein, Empfangen, len. Diese Augenblicke werden von uns als Dauer oder
Licht - vor allem aber ein Schweigen, unendliche gar als zeitlos empfunden. Das Wesentliche und We-
Stille und ein Zur-Ruhe-Gekommensein. Ob wir nun sentlichste geschieht: Die schöpferische Gegenwart
nach Mühen oder mühelos seelisch, geistig wie auch Gottes erfüllt uns und läßt uns die Kraft zuströmen,
körperlich an diesen Ort der Ruhe und Stille gelangt die wir am notwendigsten für unser Leben und in un-
sind, ist rückblickend nicht mehr von Bedeutung. serem Leben gebrauchen. Gleichzeitig wird uns durch
diese Erfahrung ein lebendiger Glaube geschenkt, auf
Üben wir uns ein, um häufig in diese tiefe Ruhe zu den wir uns zu jeder Zeit verlassen können.
kommen und in ihr vorübergehend zu bleiben, muß
in jedem Fall alles menschliche Tun, Denken, Nach- Das Ruhegebet besteht darin, uns auf schnellem und
sinnen und Betrachten zurückgelassen und aufgege- leichtem Weg in eine größere Gottesnähe zu führen,
ben werden. In dieser Ausrichtung auf die Liebe Got- um neue , von Seinem Geist durchströmte Lebens-
tes - die Sehnsucht der menschlichen Seele - küm- und Liebesenergie aufnehmen zu dürfen. Das Gebet
mern wir uns nicht um die von selbst einfallenden der Ruhe, die Innere Einkehr oder das Aufmerken der

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Seelenkräfte dient der Bereicherung und Erfüllung tag besteht in der Versenkung, in der der Betende alles
unseres Lebens, damit wir es mit den uns anvertrau- losläßt: die geschaffene Welt, alles, worauf sich die
ten Menschen teilen können und verantwortungsvoll Sinne der Verstand und die Wünsche richten. Mit ei-
mit allem Geschaffenen, den Tieren, den Pflanzen und nem Wort: alles, was ist, nicht ist oder sein könnte.
der gesamten Schöpfung umgehen.
Das Wesentliche dieser Gebetsübung besteht darin,

J-:JA In seiner "Mystischen Theologie" gibt Dionysius


eine genaue Anweisung, wie der Weg zu be-
sich vertrauend in die Hände Gottes fallen zu lassen.
Von Ihm wird der Betende unendlich mehr zurück er-
schreiten ist, um in diesen Zustand des erfüllten halten, als er je aufgegeben hat; seine Lebenskräfte
Schweigens zu gelangen. werden sich erneuern, und er wird Bereicherung er-
"Wenn du dich ernsthaft auf den geistlichen Weg begibst, fahren, wo er unter Mangel zu leiden hatte. Die schöp-
verlasse zunächst deine Sinne, indem du den Austausch ferische Kraft, die sich in der Stille sammelt, nimmt
mit der Welt, der durch deine Sinne geschieht, völlig auf- der Betende ganz in sich auf, wenn er das Stillschwei-
gibst. Ziehe das, was dich ausmacht, aus allen Gedanken- gen zuläßt. Er macht schon sehr bald die wichtige Er-
und Gemütsbewegungen zurück. Gehe nicht mehr bewußt fahrung, daß allem Tun ein Nichttun, allem Denken
dem verstandesmäßigen Denken nach und verharre nicht ein Nichtdenken und allem Fühlen ein Nichtfühlen
in Gefühlen. Beschäftige dich nicht mit dem, was ist, wie vorausgeht. Aus diesem Bereich der Ruhe holt er sich
auch nicht mit dem, was nicht ist oder sein könnte. Er- die für ihn notwendigen Lebensimpulse, die ihm wie
laube es deiner Innerlichkeit, deiner Seele, mit der ihr in- von selbst zufließen.
newohnenden Sehnsucht und Kraft, sich zu ihrem Ur-
sprung empor zu schwingen. Mische dich - soweit du es
eben vermagst - nicht in diese von selbst fließende Bewe-
J6 In unserem Leben ist es dem menschlichen Ver-
stand zwar nicht vergönnt, Gott zu erkennen,
gung ein. Deine Seele wird sich auf eine dir unbekannte aber die Fähigkeit, ihn zu lieben, kann durchaus zum
und unaussprechliche Weise mit Dem vereinen, der über großen Nutzen des Liebenden in ihm entwickelt wer-
allen Wesen und über aller Erkenntnis ist." den.

J5 Die einfache We?weisung zu einem vertieften


Glaubensleben WIe auch zu einem erfüllten All-
J7 Die sich bei allem Handeln, Sprechen, Denken
und Fühlen nach außen entfaltenden Seelen-

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kräfte werden - um den hohen Zustand im Gebet zu Ernte. In der Betrachtung ist ein ständiges Suchen ent-
erreichen - vorübergehend eingezogen. Die Seele halten - im Ruhegebet dagegen erlebt der Betende das
zieht sich in sich selbst und damit in ihren Mittel- einfach Da-Sein, in dem sich das Wesen des Schöpfers
punkt zurück. Hier, in dieser Mitte, ist ihr die Eben- seinem Geschöpf zuneigt. Der Betende erlebt diesen
bildlichkeit Gottes eingeprägt. Die Seele pulsiert in ei- Zustand nicht mehr als ein Suchen, sondern als ein
nem Stillschweigen und vergißt dabei die dingliche Finden.
Welt. Der auf diese Weise Betende hat seinen eigenen
Willen zurückgenommen und vertraut sich ganz dem Ein Bild drückt den Unterschied zwischen der Be-
Willen Gottes an. trachtung und dem Gebet der Ruhe aus: Die geistige
Aktivität des Betrachtenden ist mit dem Zubereiten
Das Ruhegebet ist ein Aufmerken der Seelenkräfte und Kauen einer Speise zu vergleichen - das Aufmer-
die, vorübergehend die Welt verlassend, sich ganz auf ken der Seelenkräfte kommt dem Schmecken der
Gott ausrichten, Ihn hören und von Ihm empfangen. Speise gleich, von der sich die Seele nährt.

JS Alle~ die diese~ Wegweisung folgten, berichten


daruber, WIe emfach und mühelos sich durch J" Das Lesen eines geistlichen Textes kann man
/' mit dem Bereiten der Speise vergleichen, die Be-
das Ruhegebet nicht nur Ruhe und Frieden einstellen trachtung mit dem Essen, das Gebet aber läßt kosten
sondern sich Lebensenergien schenken, die im Allta~ und verleiht den eigentlichen Geschmack. Das Ruhe-
von großem Nutzen sind. Sie sagen darüber hinaus, gebet führt noch einen Schritt weiter: Es verleiht
daß sich im Stillschweigen ein erfüllendes Gefühl für Wohlgeschmack und ist der Seele Nahrung, indem sie
Körper, Geist und Seele einstellt. gestärkt, vor allem aber erfreut wird.

Auf dem arbeitsintensiven Weg der "Betrachtung" da-


gegen stellen sich nur langsam Erfolge ein. Durch die ~)o(~
Betrachtung werden durchaus gute Voraussetzungen
geschaffen. Sie ist mit einem Landmann zu verglei-
chen, der sät. Doch erst im Ruhegebet oder im schwei-
genden Aufmerken der Seelenkräfte schenkt sich die

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