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Kann es, Umberto Eco zum Trotz, eine Vergessenstechnik geben?

1. Umberto Eco: Eine ars oblivionalis ist nicht möglich. ...............................................................1


2. Kritik und Ergänzung...................................................................................................................2
3. Literatur.......................................................................................................................................5

1. Umberto Eco: Eine ars oblivionalis ist nicht möglich.

Umberto Eco meinte, Vergessen aus Versehen ist möglich, als angewandte Technik zum

schnellen und absichtlichen Vergessen jedoch nicht. Seine Begründung für diese Behauptung ist,

dass eine Vergessenstechnik das Gegenteil einer Gedächtnistechnik sein müsste. Bei dieser

Mnemotechnik verknüpft man gedanklich an ein Bild einen Inhalt, an den man sich erinnern will.

Bei der ars oblivionalis könnte man sich also z.B. ein Bild vorstellen, in dem ein Mann etwas

wegwirft. Doch dann würde man sich ja daran erinnern, dass man etwas vergessen will. Wie könnte

es schon möglich sein, dass der Gedanke an etwas, etwas anderes auslöscht?1

Mnemotechnik beschreibt Eco als konnotative Semiotik. x ist Symbol für y, ein mentales Ikon

und damit ein Zeichen. Und Semiotik ist ja die Zeichenlehre. Ein Bild der Vorstellung ruft eine

Erinnerung hervor.2 Nach obigen Beispiel kann die ars oblivionalis keine Gedächtniskunst sein, da

sie dann auch Semiotik wäre, aber sie soll ja etwas wegnehmen. Man kann nichts durch ein Zeichen

vergessen, wenn ein Zeichen doch etwas hervorruft.3 Mit der Mnemotechnik bzw. Semiotik kann

man höchstens den Geist verwirren, ihn letztlich dadurch sogar vergessen lassen, das gibt selbst

Eco zu. Der Grund hierzu ist aber nicht Subtraktion, also eine Erinnerung wegnehmen, sondern

1 vgl. Eco, Umberto: An Ars oblivionalis? Forget it!. In: PMLA, Vol. 103, No.3, May 1988, S. 254.
2 vgl. ebd., S. 255f.
3 vgl. ebd., S. 258f.

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Addition. Vergessen ist nicht möglich durch einen Defekt sondern durch einen Exzess. Wenn man

sich an zuviel erinnert, das ähnlich ist (z.B. ähnlich klingende Namen), kann es irgendwann zuviel

sein, so dass der Geist durcheinander kommt, die Verknüpfungen sich verwirren und man am Ende

nicht mehr weiß, was korrekt ist. Man erinnert sich auf diese Weise immer schlechter, bis man nicht

mehr unterscheiden kann. Vergessen ist also kein Fehler, sondern eine Vervielfachung, keine

Auslöschung sondern Übertreibung. Schon Agrippa (1600) warnte deshalb auch, dass die

Mnemotechnik die Menschen nur wahnsinnig werden lassen würde.4

Ecos Schluss ist, dass die ars oblivionalis nicht realisierbar ist. Die ars oblivionalis ist ein

Oxymoronica, weil eine 'semiotica oblivionalis', ein semiotisches Vergessen, nicht möglich ist.5

2. Kritik und Ergänzung

Eco scheint den Begriff ars oblivionalis sehr eng gefasst zu haben. Vermutlich zu eng. Er hat

gezeigt, dass sie keine Semiotik sein kann, doch muss man sich so daran festmachen, die ars

oblivionalis als Gegenspielerin der Mnemotechnik zu sehen, welche die gleichen Techniken

benutzt? Ich glaube nicht. Es gibt viele Möglichkeiten zu vergessen, und wenn man den Begriff

weiter fasst, findet sich auch eine Möglichkeit, ihn zu realisieren. Eine Vergessenskunst scheint

auch durchaus anstrebsam zu sein, macht man sich einmal bewusst, wieviele Menschen etwas

vergessen wollen. Fast immer bezieht sich dies auf negative persönliche Erlebnisse. Natürlich kann

man hier dagegen halten, dass diese Erlebnisse den Menschen erst formen, doch wieviele dieser

Erlebnisse waren traumatisch und damit für den Menschen in seinem zukünftigen Leben negativ?

Hiermit wird eine aktuelle Frage der Ethik angeschnitten. Doch bei jedem, der freiwillig vergessen
4 vgl. ebd., S. 259f.
5 vgl. ebd., S. 260.

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möchte, dürfte sich die Frage nach der Ethik eigentlich kaum stellen, ist es doch seine

Entscheidung. Aber nun zu möglichen Methoden.

Harald Weinrich schilderte z.B., dass Drogen wie die der Lotophagen oder Alkohol vergessen

lassen und wie Ovid zur Zeit Christi davon schrieb, wie man eine Liebe vergessen könne: sich neu

verlieben. Dies würde wohl die Erinnerung an die alte Liebe überschreiben oder zumindest an

damit verbundene Gefühle. Doch bot Ovid damit auch nur eine langfristige und keine kurzfristige

Methode zum Vergessen.6 Drogen wurden in der Menschheitsgeschichte oft und gerne

herangezogen. Auch in Literatur und Kunst wurde dieses Thema oft behandelt. Diese Methode hat

jedoch einige Nachteile: sie wirkt nicht bei jedem und kann gravierende Nachteile mit sich bringen.

Liebe und Liebesschmerz waren dabei ein besonders häufiger Grund, vergessen zu wollen. Ovids

Methode lässt einen zwar vielleicht über den Schmerzen hinwegkommen, doch wirklich

überwinden wird man ihn kaum. Letztlich läuft es hauptsächlich auf Verdrängung und

Überschreibung von Erinnerungen hinaus, die aber latent vorhanden bleiben. Und latente,

sporadisch wieder an die Oberfläche kommende Erinnerungen mögen starke negative Folgen mit

sich bringen, z.B. alle damit verbundenen Emotionen.

Für Paul Ricœur war das Verzeihen und Vergeben eine aktive Form des Vergessens, die jeder

selbst ausüben kann. Doch dazu müsse man geben und nehmen und Konflikte auflösen können. 7

Das Problem hierbei ist jedoch, dass dies kein wirkliches Vergessen ist. Was auch immer

geschehen ist, wird weiter im Gedächtnis der Beteiligten verbleiben. Lediglich negative Reaktionen

sollen verdrängt werden. Und das Problem der Verdrängung wurde ja oben schon angesprochen.

6 vgl. Weinrich, Harald: Lethe – Kunst und Kritik des Vergessens. München: C.H. Beck 2000³, S. 30ff.
7 vgl. Ricœur, Paul: Das Rätsel der Vergangenheit. Erinnern – Vergessen - Verzeihen. Göttingen: Wallstein-Verlag
1998.

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Sigmund Freud zeigte auf, dass man zumindest unbewusst 'absichtlich' sehr wohl vergessen

kann, so z.B. Namen, Vorsätze oder Eindrücke aus z.B. Nachsicht der betroffenen Person

gegenüber.8 Hauptsächlich jedoch sind auch dies Formen der Verdrängung. Freud selber führte dies

auf Unlustmotive zurück.

Sich an Freud anlehnend fragte sich auch Manfred Osten, ob nicht das Gegenteil des

Vergessens ein solches auch erzeugen könne: ein verordnetes Erinnern, das zu Unlustmotiven und

damit zum Vergessen führt.9 Erinnerungen, die an Orte gebunden sind, kann man vergessen, indem

man diese Orte zerstört.10 Letztlich zeigte er auch, dass die Neurobiologie kurz davor sei, das

Gedächtnis völlig zu verstehen und es dann nur eine Frage der Zeit sei, bis es auch eine Pille für das

Vergessen gäbe.11 Zwar kann man das nicht ars oblivionalis nennen, die sich auf einer Ebene mit

der Mnemotechnik befindet, nämlich ohne die Zuhilfenahme von außerkörperlichen Hilfsmitteln,

doch im weniger strengen Sinne ist auch dies eine Art von 'Vergessenskunst', und so wäre eine ars

oblivionalis vielleicht doch möglich.

Mittlerweile ist auch die Forschung bereits so weit, Vergessensstimulanzia anbieten zu

können. In einem Experiment gelang es New Yorkern Wissenschaftlern, Ratten durch einen

Wirkstoff schlechte Erinnerungen vergessen zu lassen.12

Zusammenfassend lassen sich als Methoden zum absichtlichen Vergessen hauptsächlich

externe Hilfsmittel feststellen. Diese können Eco nicht wirklich widerlegen. Verdrängungen und

Überschreibungen von Erinnerungen jedoch bringen sehr wohl das Ergebnis des Vergessens aus
8 vgl. Freud, Sigmund: Psychopathologie des Alltagslebens. Über Versprechen, Vergessen, Vergreifen, Aberglaube
und Irrtum. Wien 1901.
9 vgl. Osten, Manfred: Das geraubte Gedächtnis. Digitale Systeme und die Zerstörung der Erinnerungskultur.
Frankfurt a.M./Leipzig: Insel Verlag 2004, S. 39ff.
10 vgl. ebd., S. 45ff.
11 vgl. ebd., S. 92ff.
12 Doyère et al.: Synapse-specific reconsolidation of distinct fear memories in the lateral amygdala. In: Nature
Neuroscience 10, 2007, S. 414 - 416

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eigenen internen Mitteln her. Verdrängungen löschen die Erinnerung jedoch nicht vollständig aus.

Das Überschreiben dagegen hat auch Eco selber angeführt. Dies scheint eine relativ effektive

Vergessensmethode zu sein. Sein Nachteil liegt jedoch in der Geschwindigkeit: es ist ein langsamer

Prozess. Insofern kann man nur sagen: Sieht man Ecos Kritik als zu eng gefasst, hatte er Unrecht.

Besonders externe Hilfsmittel lassen vergessen. Und ist es nicht auch eine art oblivionalis, wenn

man die Mnemotechnik zum Überschreiben und damit Vergessen nutzt? Bleibt man jedoch in

seinem Bereich, hatte er insofern recht, als das es keine spontane Vergessensmethode gibt. Jedoch

kann man dagegen halten, dass auch die Mnemotechnik keine perfekte Technik ist und es zum

dauerhaften Speichern einer Erinnerung ebenso längere Zeit braucht wie zum Vergessen.

Zum Abschluss sei noch kurz erwähnt, dass es in Experimenten gelang Tauben etwas auf

einen bestimmten Reiz hin etwas vergessen zu lassen. Die Frage ist nur, inwiefern man Tauben und

Menschen vergleichen kann.

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3. Literatur

● Doyère et al.: Synapse-specific reconsolidation of distinct fear memories in the lateral

amygdala. In: Nature Neuroscience 10, 2007, S. 414 - 416

● Eco, Umberto: An Ars oblivionalis? Forget it!. In: PMLA, Vol. 103, No.3, May 1988, S.

254-260

● Freud, Sigmund: Psychopathologie des Alltagslebens. Über Versprechen, Vergessen,

Vergreifen, Aberglaube und Irrtum. Wien 1901.

● Osten, Manfred: Das geraubte Gedächtnis. Digitale Systeme und die Zerstörung der

Erinnerungskultur. Frankfurt a.M./Leipzig: Insel Verlag 2004.

● Ricœur, Paul: Das Rätsel der Vergangenheit. Erinnern – Vergessen - Verzeihen. Göttingen:

Wallstein-Verlag 1998.

● Weinrich, Harald: Lethe – Kunst und Kritik des Vergessens. München: C.H. Beck 2000³.