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Feature / Hörspiel / Hintergrund Kultur

Das Feature

Herd. Heimat. Hass. Über die Verlockungen rechten Denkens (2/4)

Renegaten, Konvertiten, Überläufer

Zur Wanderung von Intellektuellen aus dem linken ins rechte Lager

Von Markus Metz & Georg Seeßlen

Produktion: Dlf 2018

Redaktion: Tina Klopp

Sendung: Dienstag, 17.04.2018, 19:15 - 20:00 Uhr

Regie: Fabian von Freier

ERZÄHLERIN Hildegard Meier


SPRECHER Michael Witte

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©
- unkorrigiertes Exemplar -

GERÄUSCH „Abfahrt ICE nach Berlin Hbf auf Gleis 22“

ERZÄHLERIN
Eine Reise nach Berlin. Eine Reise in die Vergangenheit. Zu den Ursprüngen der Revolte.

SPRECHER
Aber nicht noch ein nostalgischer Blick in die Jahre nach 1968, die Frage, was davon
geblieben ist, wo die großen Irrtümer lagen und wo die kleinen Erfolge. Kein
Gespenstertrip und kein kulturhistorisches Sightseeing.

ERZÄHLERIN
Sondern eine sehr konkrete Frage: Was bringt einige der Protagonisten der damaligen
linken und linksradikalen Revolte dazu, auf einmal auf der rechten und rechtsextremen
Seite zu erscheinen?

O-TON Bernd Rabehl


Wird die Bundesrepublik das Jahr 2030 erreichen? Weil die Verhältnisse verändern sich
und Zentraleuropa wird sozusagen ein Durchgangsland. Es kommen die aus Italien, es
kommen die aus dem Osten usw. und so fort – ob die Bundesrepublik sich dagegen
behaupten kann, das war die Frage.

SPRECHER
Was bringt Menschen, die einst von internationaler Solidarität, von einer gerechten
Verteilung der Güter und der Überwindung von Ausbeutung, Unterdrückung und
Entfremdung träumten, dazu, nun gegen Migranten und Flüchtlinge zu hetzen,
antifeministisch und homophob zu argumentieren und vor allem statt einem Fortschritt für
die Weltgemeinschaft eine Verteidigung von Nation und Volk zu fordern?

AUSSCHNITT Reinhold Oberlercher


Die Zivilinvasion, die wir heute haben, großenteils junge Männer, Deserteure aus der
afghanischen, syrischen oder schwarzafrikanischen Armeen, ist dafür da, auf zivilem
Wege Mitteleuropa, also Deutschland und seine Anrainer, von innen her durch Zersetzung
der Gemeinschaft des deutschen Volkes zu erobern.

ERZÄHLERIN
Wie ist es zu erklären, dass Menschen, die einst gegen die Vätergeneration revoltierten,
die sich ihrer Vergangenheit im Nationalsozialismus nicht stellen wollten, nun offen in der
Sprache dieser Vätergeneration sprechen, von Überfremdung, Durchrassung und
Volksverrat?

O-TON Horst Mahler


Wir wagen nicht mehr, geradeaus zu kucken und aufrecht zu gehen. Sondern wir sind die
schuldbeladenen Mörder der Geschichte.

SPRECHER
Und wie ist es zu erklären, dass einige der eher linksliberalen Erben der so genannten
68er, die zwar ihren Fanatismus, ihre Zersplitterung in den K-Gruppen, natürlich den
Umschlag in den Terrorismus der RAF ablehnten, die grundlegenden Forderungen nach
Emanzipation, Gerechtigkeit und Solidarität aber teilten, nun ebenfalls im Umfeld der mehr
oder weniger „neuen Rechten“ auftauchen?

AUSSCHNITT Manfred Kleine-Hartlage zum Tag der deutschen Einheit in Berlin


Den Tag der deutschen Einheit als „Tag der der Patrioten“ zu begehen, heißt dagegen zu
protestieren, dass die politische Klasse den Tag dazu missbraucht, sich selbst in Szene zu
setzen und in schwülstiger Floskelsprache eine Ideologie zu verbreiten, die sich gegen
den Fortbestand der deutschen Nation richtet. Applaus

MUSIK

DARÜBER
Renegaten, Konvertiten, Überläufer
Zur Wanderung von Intellektuellen aus dem linken ins rechte Lager
Von Markus Metz & Georg Seeßlen

GERÄUSCH Hier Berlin Hbf. Ihre nächsten Verbindungen sind...

ATMO 1968: Studentenrevolte, Demonstration

ATMO Café

O-TON Bernd Rabehl


Nicht an die Regeln halten, das war die Synthese zwischen subversiver Aktion und
unserer Gesinnung. D. h. wenn der Senat eine Route vorschlägt, dann halten wir uns nicht
an die Route, sondern wir wollen verkünden, was wir wollen. Damit begann die radikale
Demonstrationsperiode bis zum 2. Juni oder bis zum Vietnam-Kongress von 68. Das hat
natürlich viele fasziniert: Dadurch hatten Rudi und ich Rückhalt – also wir waren plötzlich
eine Art Führer mit einer Basis, die zu uns hielt.

SPRECHER
In einem kleinen Café an der Kreuzberger Yorkstraße, ganz in der Nähe seiner Wohnung,
treffen wir einen freundlichen älteren Herrn: Bernd Rabehl, ehemals Bundesvorstand des
Sozialistischen Deutschen Studentenbundes.

O-TON Bernd Rabehl


Ich habe Agronomie studiert, das war das einzige Studium, wo ich zugelassen wurde, in
der DDR war alles geplant. Da machte man ein Praktikum in einer LPG,
landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft, mit dem schönen Namen Zukunft in
Werneuchen in der Nähe von Berlin. Man hatte kurz vorher die landwirtschaftlichen
Produktionsgenossenschaften zwangsvereinigt, d. h. also die freie Bauernschaft wurde
abgeschafft und die Bauern dort waren sehr unglücklich, die Frauen heulten in der Küche.
Und wir sollten sie sozusagen auf Vordermann bringen, sollten die Zukunft, den
Optimismus den Bauern beibringen. Da habe ich gesagt: Das kannst du nicht, du kannst
nicht einen Beruf ergreifen, der derartig politisch belastet ist! Dann bin ich nach West-
Berlin gefahren und habe gefragt: Kann ich denn hier rüber kommen? Dann sagte man: Ja,
Sie kriegen sogar ein Stipendium von 320 DM, das war damals so viel wie heute 1000 €.

ERZÄHLERIN
1961 noch vor dem Mauerbau ging Bernd Rabehl nach West-Berlin.

O-TON Bernd Rabehl


Dann bin ich rüber gemacht, musste allerdings das Abitur nachholen, man hat das
Ostabitur nicht anerkannt. In Wirklichkeit wollte man überprüfen, ob wir von der Stasi
kommen oder Agenten sind.

SPRECHER
Er ging nicht, weil er den Sozialismus grundsätzlich ablehnte, sondern weil er der Meinung
war, dass er in der DDR nicht richtig praktiziert wurde.

O-TON Bernd Rabehl


In diesen Seminaren lernte ich einen Herbert Nagel kennen, natürlich auch Dutschke, und
Herbert Nagel war schon subversive Aktion und dadurch lernte ich die subversive Aktion
um Dieter Kunzelmann kennen.

ERZÄHLERIN
An der Freien Universität studierte er Soziologie und Philosophie.
O-TON Bernd Rabehl
So setzen wir uns zum ersten Mal mit der subversiven Theorie auseinander. Das war die
Frankfurter Schule, was wir alles nicht kannten, weder Freud noch Marcuse noch
Horkheimer noch Adorno, und lasen die Dialektik der Aufklärung und wir hielten dagegen
Lenins Imperialismustheorie usw. und so fort. Und so entstanden eine Kontroverse und
Spannung, die uns dann in den SDS führte.

AUSSCHNITT Rede Rudi Dutschke

DARÜBER ERZÄHLERIN
Gemeinsam mit seinem Freund Rudi Dutschke trat Bernd Rabehl 1965 in den
Sozialistischen Deutschen Studentenbund, den SDS ein.

AUSSCHNITT HOCH Rede Rudi Dutschke

O-TON Bernd Rabehl


Wir haben uns relativ schnell angefreundet.

SPRECHER
Dutschke und Rabehl – der Redner und der Denker – wurden zum Dream Team der APO.

O-TON Bernd Rabehl


Also ich war fasziniert, er hat wirklich 15 Stunden am Tag gelesen und war in der Lektüre
mir immer voraus. Während ich hatte eine Freundin, ging mal ins Kino und hab höchstens
zwei oder drei Stunden gelesen. Er wusste immer alles besser und dann merkte ich aber,
dass er nicht genau liest. Er liest zu viel und dadurch entstand eine gewisse Spannung,
aber eine produktive, er hat die Kritik dann aufgenommen. Und so haben wir uns dann
befreundet, haben uns täglich gesehen.

O-TON Manuel Seitenbecher


Rudi Dutschke war mit Sicherheit eine ganz wesentliche Bezugsperson.

ERZÄHLERIN
Der Berliner Historiker Manuel Seitenbecher ist Autor des Buches „Mahler, Maschke & Co.
Rechtes Denken in der 68er Bewegung?“

O-TON Manuel Seitenbecher


Eine sehr enge Bindung gab es im Prinzip vor allem nur zwischen Rudi Dutschke und
Bernd Rabehl, die gab es in den sechziger Jahren. In den siebziger Jahren haben sich
auch Rabehl und Dutschke durchaus weit entfremdet voneinander, haben aber beide
dieses Thema der nationalen Bewegung um 68 immer wieder thematisiert. Das hat
Dutschke in den siebziger Jahren ja auch getan mit mehrfachen Artikeln. Und das ist
natürlich etwas, worauf Rabehl, Horst Mahler, aber auch Oberlercher immer wieder
verweisen: Dass Dutschke ja quasi in den siebziger Jahren die nationale Frage
aufgeworfen hat, sprich auch hier die Überwindung der Teilung thematisiert hat und im
Prinzip als Ziel der Linken gesehen hat, Kapitalismus und herrschenden Kommunismus
oder Sozialismus zu überwinden mit irgendetwas neuem Dritten.

O-TON Bernd Rabehl


Nun muss man bedenken: 69 gibt es die liberale Koalition unter Willy Brandt. Willy Brandt
ist ein Förderer, weil er erkennt sich in uns wieder – also wir sind die jungen Willy Brandts,
und er sagt: „Die sind gut, die muss man an die Universitäten holen.“ Und dann kommen
die Angebote, dass wir Stellen kriegen können, wenn wir unsere Examen machen. Die
Professoren reden uns zu – dann kommt das Attentat auf Rudi im Februar 68 und damit
wird er ausgeschaltet. Ich muss auch sagen, dass dieses Attentat die Entwicklung hin zur
RAF beschleunigt hat. Ulrike Meinhof sagte: „Die schießen uns alle ab!“ Und Baader war
überzeugt, dass wir Feiglinge sind. Ich habe noch eine Diskussion mit ihm gehabt, wo er
mir Feigheit vorwarf, weil er war entwurzelt und er wollte alles riskieren. So hat sich das
eskaliert. Aber Willy Brandt ist entscheidend, weil Willy Brandt öffnet plötzlich die
Universitäten und nimmt zurück, dass der SDS verboten werden soll oder dass überhaupt
die APO kriminalisiert wird. Sondern er will diese jungen Leute in der Universität haben.
Und so gehöre ich zu denen, die dann zur Universität gegangen sind.

MUSIK

DARÜBER AUSSCHNITT Reinhold Oberlercher


Die 68er-Bewegung war eine Bewegung von Philosophiestudenten, von Leuten, die
theoretisch grundlegend philosophisch, soziologisch, politologisch interessiert waren und
das Dasein des Kommunismus als theoretische Herausforderung verstanden.

DARÜBER SPRECHER
Der Fall Reinhold Oberlercher

MUSIK HOCH

AUSSCHNITT Reinhold Oberlercher


Da gab es die führende Fraktion um Rudi Dutschke, Bernd Rabehl, Jürgen Krahl, die
sowohl Marxisten, links, als Revolutionäre sich verstanden, aber auch als
Antikommunisten, weil sie den Kommunismus erfahren hatten und ihn als Konterrevolution
gegen den Kapitalismus empfanden und nicht als Revolution.

ERZÄHLERIN
Reinhold Oberlercher – hier 2015 bei einem Auftritt vor dem NPD-Unterbezirk Stade –
kam als jugendlicher Flüchtling aus der DDR, studierte in Hamburg Pädagogik und
engagierte sich bald im SDS.

SPRECHER
Hamburgs Rudi Dutschke

ERZÄHLERIN
... schrieb damals der Spiegel.

SPRECHER
Doch anders als das Berliner Vorbild zog Oberlercher sich bald in publizistische und
theoretische Arbeit zurück und gab eine Zeitschrift namens „Theorie und Klasse“ heraus.
Schon seit den 80er Jahren bewegte er sich kontinuierlich von der Linken über die
nationalrevolutionäre zur rechtsextremen Position.

AUSSCHNITT Reinhold Oberlercher


Völker können auch sterben, wenn sie sich nicht mehr neu vergemeinschaften können –
und in dieser Gefahr ist zur Zeit das deutsche Volk. Dass es sich nicht mehr
vergemeinschaften soll, dafür haben wir die Zivilinvasion, die zur Zeit läuft: Die
Zivilinvasion, die wir heute haben, großenteils junge Männer, Deserteure aus der
afghanischen, syrischen oder schwarzafrikanischen Armeen, ist dafür da, auf zivilem
Wege – das nennt man auch hybriden Krieg heutzutage – Mitteleuropa, also Deutschland
und seine Anrainer, von innen her durch Zersetzung der Gemeinschaft des deutschen
Volkes zu erobern.

O-TON Manuel Seitenbecher


Mit dem Ende der Bewegung ist Oberlercher erst mal an der Uni verblieben, hat dort
versucht, marxistische Studien durchzuführen bzw. hat auch promoviert. Und danach sieht
man in seinem eigenen Karrierefortgang einen relativ klaren Bruch, d. h. er kommt nicht
voran, sieht sich gegängelt von den herrschenden Parteien, dass sie ihn nicht zugelassen
haben zur Habilitation und ihm damit im Prinzip die Universitätskarriere verbaut haben.

ERZÄHLERIN
Manuel Seitenbecher, Autor von „Mahler, Maschke & Co. Rechtes Denken in der 68er-
Bewegung?“ –
O-TON Manuel Seitenbecher
Bei Oberlercher tritt dann das klassische Muster ein, was man im Rechtsextremismus oder
bei Protesthaltungen relativ schnell findet: Hier ist jemand privat enttäuscht, der selber
nicht vorankommt und der die Schuld anderen zuschreibt. Das ist etwas, was man in
seinen Schriften in den siebziger und achtziger Jahren wiederholt vorfindet. Ab Anfang der
achtziger Jahre findet man erste relativ klare Äußerungen von Reinhold Oberlercher, die
klar gegen vermeintliche Überfremdung abzielen und auch seine eigene Situation der
Arbeitslosigkeit damit in Zusammenhang bringen. Und aus dieser Deprivation der
persönlichen Enttäuschung entwickelte er im Prinzip seine ehemals marxistischen
Theorien weiter und gleitet immer stärker in einen Bereich ab, der eindeutig im
Rechtsextremismus steht.

SPRECHER
Neben Horst Mahler ist Oberlercher wohl einer der offensten Antisemiten unter den
Renegaten. Seine Sprache klingt ganz nach der alten Sprache des Nationalsozialismus,
etwa wenn er 1988 unter dem Titel „Die nationale Frage aus marxistischer Sicht“ schreibt:

ERZÄHLERIN
Das jüdische Volk kann nur überleben, falls es seinen Individuen und Gemeinden gelingt,
sich der Sozialstruktur der jeweiligen Wirtsvölker als nützliche Darmbakterien
unentbehrlich zu machen und nicht vom Abwehrsystem als Krankheitserreger identifiziert
und vernichtet zu werden.

MUSIK

O-TON Bernd Rabehl


Mein Marsch durch die Institutionen verlief so, dass Dieter Klasens zu mir sagte: Rabehl,
du musst dein Examen machen.

SPRECHER
Der Fall Bernd Rabehl

MUSIK HOCH

O-TON Bernd Rabehl


Dann setze ich mich hin und schrieb wie Karl May innerhalb eines Jahres eine
Diplomarbeit, die ist veröffentlicht worden bei Rotbuch „Geschichte und Klassenkampf“,
und die Dissertation „Marx und Lenin“, eine marxistische Kritik an Lenin, die haben sie
sofort angenommen. Dann wurde ich Diplom und gleich danach Dissertant und dann
bekam ich eine Zeit-Professur. Und verdiente plötzlich viel Geld und war guter Dinge, war
damit sozusagen herausgehoben aus dem Elend oder aus der revolutionären Karriere.

ERZÄHLERIN
Bis 1984 arbeitete Rabehl als Dozent am Soziologischen Institut der Freien Universität
Berlin. Vergeblich bemühte er sich um eine unbefristete Professorenstelle.
SPRECHER
So nahm er ein Angebot an, als Gastprofessor nach Brasilien zu gehen, wo gerade die
Militärdiktatur zu Ende war. Nach fünf Jahren kam er zurück – in das wiedervereinigte
Deutschland.

ERZÄHLERIN
Rabehl wurde angestellter FU-Professor – kein Lehrstuhl, aber eine Stelle auf Lebenszeit.

O-TON Bernd Rabehl


Wir befassten uns immer mit den Rechten, schon zu früheren Zeiten. Carl Schmitt, „Der
Begriff des Politischen“, war immer ein Gegenbild zu Lenin, eigentlich eine Ergänzung: viel
klarer als Lenin den Feind erkennen, wissen wer der Feind ist. Während Carl Schmitt als
Existenzialist sagt: ‚Der Feind, der nicht so ist wie ich, der was anderes wäre, vollkommen
egal welche Schattierung er hat, er ist der Feind, der dieses System, was ich will, nicht
haben will.‘

ERZÄHLERIN
Die einstige 68er-Hochburg FU ist zur Massenuniversität geworden, im Vergleich zu den
linken brasilianischen Studenten erscheinen Rabehl die deutschen Hochschüler
unpolitisch.

SPRECHER
Anklang fanden Rabehls Seminare über konservative Denker.

O-TON Bernd Rabehl


Da habe ich gedacht in den neunziger Jahren nach der Rückkehr aus Brasilien: Das musst
du mal gründlicher machen, das musst du mal über Max Weber und Lenin machen und
das habe ich so gemacht. Spengler, „Untergang des Abendlandes“, das war die Frage, die
Rudi gestellt hat: Die DDR wird das Jahr 2000 nicht erreichen, ist die Frage: Wird die
Bundesrepublik das Jahr 2030 erreichen? Weil die Verhältnisse verändern sich und
Zentraleuropa wird sozusagen ein Durchgangsland. Es kommen die aus Italien, es
kommen die aus dem Osten usw. und so fort – ob die Bundesrepublik sich dagegen
behaupten kann, das war die Frage.

ERZÄHLERIN
1998 hielt Bernd Rabehl bei der Burschenschaft Danubia in München einen Vortrag, in
dem er vor der Zerstörung von Volk und Kultur durch Überfremdung warnte.
SPRECHER

Es ist also nicht primär der deutsche Fremdenhass oder die Angst vor Veränderung und
Umwälzung, die die deutschen Vorbehalte gegen die "Fremden" schüren, sondern deren
Verhalten und Demonstration, die deutsche Gesellschaft für private oder
gruppenspezifische Sonderinteressen jeweils nur zu nutzen, trägt bei zur inneren Spaltung
der Gesellschaft. In Europa bedeutet diese politische Überfremdung die grundlegende
Zerstörung von Volk und Kultur, vor allem dann, wenn die Auflösung der nationalen
Identität bereits so weit fortgeschritten ist durch die kapitalistische Umwertung der Werte
wie in Deutschland. (..) Dieses Problem der Überfremdung und der Auflösung einer
nationalen oder städtischen Kultur soll in Deutschland nicht thematisiert werden. Die
Antifa-Linke steht hier bewusst in einem Bündnis mit bestimmten Medien im In- und
Ausland, die deutsche Kulturintelligenz einzubinden, bestimmte Fragen nicht zu stellen.
Würde dieses Anliegen einer Tabuisierung der "deutschen Frage" im Zusammenhang von
Zuwanderung und "Überfremdung" aufgehen, wären auch die herrschenden Machteliten
handlungsunfähig, die auf die Kritik und die Stimmungen im Lande angewiesen sind.

O-TON Bernd Rabehl

Ich habe immer gesagt, Deutschland steht vor einer Brasilianisierung und wird innerlich
zerfallen, wenn es nicht kämpft um die kulturelle Einheit oder streitet und es kann nur von
Intellektuellen her kommen.

ERZÄHLERIN

Rabehl trat bei Veranstaltungen der rechtsextremen Kaderpartei NPD auf, schrieb für
Zeitungen und Verlage der Alten und der Neuen Rechten.

O-TON Bernd Rabehl


Ich bin zur NPD gegangen, ich habe mich einladen lassen zu einem Jugendtreffen in der
Nähe von Cottbus im Wald. Da waren 1000-2000 Jugendliche und alles gute Gesichter,
Handwerker-Söhne – man hatte die Glatzen und Springerstiefel im Kopf, und plötzlich
diese Gestalten. Da hatte ich die Befürchtung oder das Denken, dass die NPD die Jugend
erreicht. Ich habe dort eine Rede gehalten – meine Reden waren immer linksradikal,
haben die mir denn auch zu verstehen gegeben: Wir laden dich nicht mehr ein, hat keinen
Sinn, du rufst hier zur Freiheit, Emanzipation oder zum Klassenkampf auf. Aber das war
auch aus diesem Bemühen heraus, weil ich dachte, diese Republik verliert den guten Teil
der Jugend, die Jugend rückt nach rechts und wird im rechten Milieu verdorben. Das war
meine Befürchtung.
SPRECHER
2009 war Rabehl für kurze Zeit als gemeinsamer Bundespräsidentenkandidat von NPD
und DVU im Gespräch. Er veröffentlichte Bücher im Verlag des Propagandisten der Neuen
Rechten, Götz Kubitschek, in denen er für einen Antikapitalismus von rechts wirbt.

O-TON Bernd Rabehl


Ich wollte, dass NPD-Leute oder Neonazis über ihre eigene Geschichte nachdenken –
was nicht geht, was sie nicht machen. Das ist eine Illusion gewesen. Man braucht einen
offenen Kopf, man braucht sozusagen Achtundsechziger, die solche Thesen aufnehmen.
Die wollen es aber gar nicht, sie wollen darüber gar nicht nachdenken: Ist es eine
Alternative zur bürgerlichen Demokratie? Das war also meine Fehleinschätzung, weil ich
den Typus des Rechtsradikalen eigentlich gar nicht kannte.

MUSIK

O-TON Horst Mahler


Das war damals eine ganz kleine Minderheit, der SDS an der Hochschule. Dann hat der
SDS erste Aktionen gemacht, mit Flugblättern, ganz zahm.

SPRECHER
Der Fall Horst Mahler

MUSIK HOCH

O-TON Horst Mahler


Die erste Aktion, wo ich festgenommen wurde, da stand nur drauf: ‚Die Kuba-Krise
gefährdet den Weltfrieden!‘ Bumms, habe ich die erste Nacht im Gefängnis verbracht.
Dann stürzte sich die Öffentlichkeit, später die Springer-Presse auf die, die da was
gemacht haben und hat sie fürchterlich verketzert als Kommunisten und ‚Geht doch rüber‘.
Und das hat zu einer Gegenreaktion geführt. Es wurden immer mehr auf dieses Thema
aufmerksam und es ist dann zu einer sehr beherrschenden Stimmung im Lande geworden.

ERZÄHLERIN
Als Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes studierte Horst Mahler Jura an
der Freien Universität Berlin, wo er Mitglied der „schlagenden“ Studentenverbindung
„Landsmannschaft Thuringia“ war. Um SPD-Mitglied werden zu können, musste Mahler
raus aus der Thuringia. Als er 1961 dem SDS beitrat, wurde Mahler aus der SPD
ausgeschlossen.
SPRECHER
1964 gründete er in Berlin seine Anwaltskanzlei und spezialisierte sich zunächst auf die
Wirtschaft. Er engagierte sich aber auch als Anwalt in der außerparlamentarischen
Opposition. Er verteidigte Fritz Teufel, Rainer Langhans, Rudi Dutschke, Andreas Baader
und Gudrun Ensslin.

ERZÄHLERIN
Mahler vermag alles zu „analysieren“, aber er will raus aus der zweiten Reihe. Er will
selbst handeln.

SPRECHER
1970 war Horst Mahler dabei, als die RAF gegründet und die Befreiung von Andreas
Baader geplant wurde. Danach ließ er sich mit anderen RAF-Mitgliedern in Jordanien für
den bewaffneten Kampf ausbilden.

ERZÄHLERIN
Nach seiner Rückkehr im Oktober 1970 wurde er in Berlin verhaftet und später wegen
Bankraubs und Gefangenenbefreiung zu 14 Jahren Haft verurteilt. Als 1975 die Bewegung
2. Juni den Berliner CDU-Spitzenkandidaten Peter Lorenz entführte, weigerte sich Mahler,
sich freipressen zu lassen.

AUSSCHNITT Tagesschau: Horst Mahler


Ich bin der festen Überzeugung, dass sich durch den Kampf der revolutionären Massen
gegen dieses kapitalistische Ausbeutersystem die Gefängnistore für alle politischen
Gefangenen öffnen, und dass die gegen mich gefällten Terrorurteile hinweggefegt werden,
weshalb ich es ablehne, mich auf diese Weise außer Landes bringen zu lassen.

ERZÄHLERIN
Mahler sagte sich von der RAF los. Nachdem er zwei Drittel der Freiheitsstrafe verbüßt hat,
kommt er 1980 auf Bewährung frei.

SPRECHER
Dass der Philosoph Hegel Mahlers Gesinnungswandel beeinflusste, zeigt dessen
Erinnerung im Dokumentarfilm „Die Anwälte – Eine deutsche Geschichte“ von Birgit
Schulz:
AUSSCHNITT Horst Mahler
Eines der Verdienste von Otto Schily ist, dass er mir die Gesamtausgabe von Hegels
Werken ins Gefängnis gebracht hat. Das war hervorragend, weil das ist ein Erlebnis,
Hegel in dieser Situation zu lesen. Bis Hegel galt der Satz: „Was auf einen Widerspruch
führt, kann nicht wahr sein.“ Und Hegel sagt: „Nein, das ist genau umgekehrt. Das was
nicht auf einen Widerspruch führt, ist unwahr – und der Widerspruch ist das Zeichen der
Wahrheit.“ Aber dann stellt sich heraus, dass man einen Gesichtspunkt gewinnt, den man
für völlig unmöglich gehalten hat anfänglich. Das war aber eine Beunruhigung, die ich im
Lauf der Zeit in der Haft gespürt habe, dass irgendwie eine Perspektive, ein völlig neues
Verhältnis zum Nationalismus, zum Nationalsozialismus auftauchen könne, und habe das
verdrängt.

ERZÄHLERIN
Im Oktober 1998 standen der ehemalige Juso Gerhard Schröder und der ehemalige 68er
Joschka Fischer der ersten rot-grünen Bundesregierung vor. Im gleichen Jahr 1998
veröffentlichte Mahler Artikel in der Jungen Freiheit und vertrat den rechtsextremen
Liedermacher Frank Rennecke als Anwalt. Im gleichen Jahr hielten Rabehl und Mahler
Vorträge bei der Münchner Burschenschaft Danubia.

SPRECHER
Im Jahr 2000 wurde Mahler NPD-Mitglied. Ab 2001 vertrat er die NDP vor dem
Bundesverfassungsgericht im Verbotsverfahren, das die Bundesregierung erfolglos
anstrengte. Danach trat er wieder aus der NPD aus. Um bald darauf selber wegen
antisemitischer und neofaschistischer Äußerungen angeklagt zu werden. Wegen
Volksverhetzung wurde Mahler mehrfach zu Haftstrafen verurteilt.

O-TON Horst Mahler


Unsere Seele wird zerstört, wir werden mit Schuldkomplexen versehen und wagen nicht
mehr, geradeaus zu kucken und aufrecht zu gehen. Sondern wir sind die schuldbeladenen
Mörder der Geschichte – durch die Lüge, dass wir 6 Millionen Juden fabrikmäßig
umgebracht haben. Das ist Gegenstand von Verfolgungsmaßnahmen dieser
Fremdherrschaft.

O-TON Bernd Rabehl


Wir kommen alle von 1945 her, wir haben eine unterschiedliche Geschichte. Und die
unterschiedliche Geschichte bei Horst Mahler ist die, dass er einen Nazi-Vater hatte und
der tragisch zu Tode gekommen ist.

ERZÄHLERIN
Horst Mahler ist der Sohn eines Zahnarztes und hundertprozentigen Nationalsozialisten,
der sich 1949 angeblich aus Gram über das neue Deutschland namens DDR erschießt,
und er ist Neffe des SA-Führers Reinhard Nixdorf.

O-TON Bernd Rabehl


Mahler hat das alles verdrängt, er ist erfolgreicher Anwalt geworden und irgendwann hat
ihn die Vergangenheit eingeholt. Warum das so passiert, kann ich nicht sagen, aber es
gibt sicherlich psychologische Prozesse, die nicht dulden, dass man ja Karriere macht,
sich glücklich fühlt und die Vergangenheit verdrängt. Die hat ihn voll eingeholt und dann ist
er erst linksradikal geworden, in die RAF gegangen. Das muss man sich mal überlegen: Er
springt da mit denen aus dem Fenster raus und sie hauen ab und gehen in den
Untergrund. Er sagte: ‚Ich hatte keine Lust mehr auf mein Leben, ich hatte keine Lust
mehr auf meine Wohnung, keine Lust mehr auf meine Frau – ich wollte das alles nicht
mehr. Ich wollte jemand anders sein, ich wollte immer jemand anders sein’. Und dann ist
er von links nach rechts gegangen, wahrscheinlich in die Ursprungsgesinnung, die bei ihm
durch die Familie überliefert war.

O-TON 27 Bernd Rabehl


Dass er allerdings zu einem so radikalen Antisemitismus kommt, also wirklich an das Buch
der Weisen von Zion glaubt und an die Verschwörung der Juden – vielleicht braucht er das,
er sitzt im Gefängnis. Er könnte Reisen machen, er könnte... Ich hab mir sagen lassen,
dass er im Gefängnis eine Art Lehrer war, er hat dort Schulung gemacht und war mit
vielen Rechtsradikalen zusammen und hat die dort agitiert. Das kann sein, dass das seine
Rolle gestärkt hat als Lehrer, dass er sozusagen fest wurde in dieser Gesinnung.

SPRECHER
Wenn Bernd Rabehl über seinen eigenen Weg von links nach rechts erzählt und die Wege
von deutlich fanatischeren Renegaten kommentiert, wird deutlich, dass er sich die
Fähigkeit zu Selbstreflektion und Selbstkritik bewahrt hat.

O-TON Manuel Seitenbecher


Wenn Sie heute auf die Achtundsechziger-Bewegung zurück kucken, dann werden Sie
meistens Menschen finden, die sagen: Kulturell hat diese Bewegung etwas verändert. Ob
das nun positiv oder negativ gedeutet wird, sei dann dahingestellt.

ERZÄHLERIN
Der Historiker Manuel Seitenbecher

O-TON Manuel Seitenbecher


Wenn Sie 1969/1970 ehemaliger Aktiver gewesen sind und auf 1967/68 zurück gekuckt
haben, dann werden Sie sagen: ‚Wir sind gescheitert. Wir haben die Notstandsgesetze
nicht verhindert, wir haben die Enteignung Springers nicht erreicht, wir haben den Umsturz
nicht geschafft.‘ Bei Bernd Rabehl zieht sich das eigentlich bis heute, dass er nach wie vor
an der Überzeugung der sechziger Jahre festhält. Sprich: Wir wollen einen
radikaldemokratischen Staat, wir wollen einen antiparlamentarischen Staat, wir wollen
antiliberalistisches Denken propagieren bzw. liberalistisches Denken überwinden. Und
dafür sucht er das neue sogenannte revolutionäre Subjekt. Das waren in den sechziger
Jahren die Studenten, vorher waren es die Arbeiter. Und in den späten neunziger Jahren
sieht er dieses revolutionäre Subjekt zunehmend im Dunstkreis der Neuen Rechten. Weil
er sich einfach von seinen ehemaligen Weggefährten in den siebziger und achtziger
Jahren verraten fühlt, weil er die Ideale verraten sieht, selber denen unterstellt, dass sie
quasi in der Institution angekommen sind und es sich dort bequem gemacht haben und die
eigenen Ziele von früher nicht mehr verfolgen würden.

SPRECHER
Ich bin rechts, weil es die Linke nicht mehr gibt.

ERZÄHLERIN
Sagte Bernd Rabehl 2011 der Zeit. So recht mag er sich nicht mehr daran erinnern.

O-TON Bernd Rabehl


Mein Rechtsradikalismus ist immer noch Linksradikalismus, was die NPD sofort erkannt
hat und die FPÖ vor allem. Ich war mal eingeladen von der FPÖ, da fragte man mich nach
der Frankfurter Schule. Und ich sagte: Die Frankfurter Schule, großartig, die Juden sind
wunderbare Übersetzer der deutschen Philosophie. Dann merkte ich, wie der Saal
erstarrte, die Gesichter wurden ganz glatt und damit war ich Judenfreund und weg vom
Fenster. Es gibt leider diesen Antisemitismus im rechtsradikalen Milieu, und damit habe
ich nichts zu tun.

ERZÄHLERIN
Mittlerweile hält Bernd Rabehl Abstand zu NPD und Burschenschaften.

O-TON 33 Bernd Rabehl


Ich habe dann auch aufgehört, als ich merkte: Sie sind nicht in eine APO zu verwandeln,
sie sind kein Neuanfang. Ich habe natürlich immer die Linke auch beobachtet: Die Linke
hat keine Lehren aus dem Zusammenbruch des Sozialismus gezogen. Sie müsste jetzt
eine Theorie entwickeln, der Sozialismus nach dem Sozialismus – das machen sie nicht.
Damit vergibt die Linke eine Chance. Das war bei mir die Frage: Vielleicht macht es die
Rechte, dass sie sozusagen das Problem Deutschland neu durchdenkt? Wird es im Jahr
2030 noch Deutschland geben oder nicht? Oder wohin geht die Entwicklung? Da habe ich
mich auch getäuscht, das ist so ein experimentierendes Denken und man kommt dann
schwer raus. Man braucht eine Zeit der Reflexion und die ist jetzt da, wenn Sie mich
interviewen. Aber wenn man dabei ist, wird man mitgerissen – also man ist von sich
selbst überzeugt.

SPRECHER
Gemeinsam ist den Renegaten von links nach rechts, dass sie sich vom humanistischen
Internationalismus, von der Ablösung des Nationalstaats, wie es bei Marx zu lesen ist, und
von der Idee kultureller Offenheit verabschieden.
O-TON Bernd Rabehl
Der Internationalismus existierte nicht, das war die Phrase, das war die sowjetische
Außen- und Machtpolitik. Wir waren Internationalisten: Che Guevara, Lumumba, der
Befreiungskampf der Afrikaner oder der Bolivianer oder der Kubaner usw.. Wir versuchten
es mindestens zu sein. Und ich bin ja später diese Länder alle abgereist, in Kuba hat mich
ja sogar Fidel Castro begrüßt und ich habe das Land studiert, bin nach Lateinamerika
gefahren, kenne also die ganzen Länder dort. Und beim Durchfahren plötzlich merkte ich:
Du kommt als Tourist und du hast dir was eingebildet, das war alles Projektion, das warst
immer du selbst.

SPRECHER
Eine Rückkehr zur Deutschheit also, eine Art von politischem Heimweh?

MUSIK

AUSSCHNITT Manfred Kleine-Hartlage


Den Tag der deutschen Einheit als „Tag der der Patrioten“ zu begehen, heißt dagegen zu
protestieren, dass die politische Klasse den Tag dazu missbraucht, sich selbst in Szene zu
setzen und in schwülstiger Floskelsprache eine Ideologie zu verbreiten, die sich gegen
den Fortbestand der deutschen Nation richtet. Der Nationalfeiertag gehört dem Volk, nicht
den Herrschenden. Er gehört der Nation, nicht denen, die an ihrem Verderben arbeiten!
Applaus

SPRECHER
Manfred Kleine-Hartlage 2013 auf dem Breitscheidplatz in Berlin

AUSSCHNITT HOCH

ERZÄHLERIN
Mittlerweile gibt es noch einen weiteren Zug von linken Intellektuellen nach rechts: Ein
Konvertitentum von Menschen, die für die 68er Bewegung entweder zu jung sind oder
ohnehin noch nie mit ihr verbunden waren.

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Bei vielen Ex-Linken sieht der Weg nach rechts aus wie eine persönliche Befreiung. Als
würden sie einen moralischen, rationalen und biographischen Ballast abwerfen.

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Exemplarisch dafür das Buch von Manfred Kleine-Hartlage: „Warum ich kein Linker mehr
bin“. Im Klappentext heißt es:
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Vielleicht kann nur jemand, der selbst einmal ein richtiger Linker war, erklären, warum es
eine Erlösung ist, keiner mehr zu sein. Manfred Kleine-Hartlage erklärt, warum er kein
Linker mehr ist und wie es sich anfühlt, zur Wirklichkeit (also: zum rechten Blick auf das,
was wirklich ist) durchgestoßen zu sein: Keine Ideologie mehr, keine Nebelwand, kein
Experiment mehr am lebenden Objekt (dem Menschen), keine Überhebung und keine
Verachtung derer mehr, die noch nicht "überzeugt" sind. Ein autobiographischer,
überzeugender Bericht, der jenen in die Hand gedrückt werden könnte, die sich schon fast
aus ihrer linken Verblendung befreit haben.

ERZÄHLERIN
Warum folgt auf eine Kritik der Linken keine Phase der Besinnung, sondern der rasche
Übertritt ins andere Extrem?

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Warum folgt auf die Lossagung – veröffentlicht im rechtsextremen Antaios Verlag –
sogleich eine rege Vortragstätigkeit im Dienste der Rechten mit einer reichlich militanten
Sprache?

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Manfred Kleine-Hartlage 2012 bei einer Versammlung von „Pro Deutschland“ in Berlin-
Spandau:

AUSSCHNITT Manfred Kleine-Hartlage bei „Pro Deutschland“


Man kennt mich in der islamkritischen und rechtsoppositionellen Szene als streitbaren
Konservativen, als streitbaren Rechten, der für die Wiederherstellung des demokratischen
Rechtsstaates, für die Erhaltung des demokratischen Nationalstaates, für ein
konservatives Christentum und gegen die Islamisierung unseres Landes kämpft. Und es
versteht sich von selbst, dass ich alles und jeden unter Beschuss nehme, der diese Werte
angreift.

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Auch Henryk M. Broder war einmal ein dezidierter Linker, wenngleich nicht ohne liberale
Skepsis. Er arbeitete zunächst für die satirische Zeitschrift pardon und das politische
Magazin spontan, danach für die liberalen Blätter der Nation von Zeit bis Spiegel. Broder
war über den Antisemitismus in der deutschen Linken empört. Doch daraus entwickelte er
dann eine islamophobe Ideologie.
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Broder inszeniert sich dabei zugleich als Opfer eines vermeintlichen gutmenschlichen,
linksliberalen, intellektuellen und politisch korrekten Mainstream, wie sein Statement im
Blog „Die Achse des Guten“ zeigt.

AUSSCHNITT H. M Broder
Zum Beispiel zu sagen, dass der Influx von über 1 Million Flüchtlinge aus völlig anderen
Kulturen für das Land, in das sie kommen, nicht von Vorteil ist, dass das destabilisierend
ist, irritierend und verwirrend, dass es zu viele in zu kurzer Zeit sind: Wenn du darauf
hinweist, dass bestimmte Kulturen mit unseren Kulturen und Ansichten nicht kompatibel
sind – dann bist du schon rechts. Selbst mein tief humanitärer, vernünftiger und wie ich
finde sehr praktibabler Vorschlag, dafür zu sorgen, dass den Flüchtlingen geholfen wird,
ihr Leben zu retten, dass sie aber dort angesiedelt werden sollten, wo sie kulturell und
historisch näher dran sind, also in der arabischen Welt – das gilt schon als rechts.

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Oder wenn er 2014 in der Welt schrieb:

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Wenn sich aber eine nationale Einheitsfront formiert, in der die christlichen Kirchen, der
Zentralrat der Juden, die Gewerkschaften, das Handwerk, die Arbeitgeber und die
üblichen Verdächtigen aus dem Kulturbetrieb Seit an Seit marschieren und alle, die an
dieser Prozession nicht teilnehmen wollen, zu Dumpfbacken, Nationalisten, Rassisten,
Nazis und einer „Schande für Deutschland“ erklärt werden, dann stimmt irgendetwas nicht
mit der gelebten Demokratie in unserem Land. Dann sind wir nicht auf dem Wege in eine
neue DDR, sondern bereits mittendrin.

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Viel Feind, viel Ehr. Diese Vorstellung von einer neuen DDR gehört neben der Auschwitz-
Keule zu den Emblemen der Neuen Rechten.

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Die Vertreter des neurechten Renegatentums werden nicht müde, sich mit einer „Hier
stehe ich, ich kann nicht anders“-Pose ins Rampenlicht zu stellen.

SPRECHER
Ich lasse mir meine Gedankenfreiheit nicht nehmen, das gehört zu meinem Stolz als
Publizist.
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Matthias Matussek, ehedem linksliberaler Kritiker, verweigert die Gedankenfreiheit, die er
selbst beansprucht, dem politischen und kulturellen Gegner.
So hält er 2017 auf seiner Facebook-Seite den Kritikern der Pegida-Bewegung entgegen:

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Wer beim rituellen Treten gegen diese Menschen mitmacht, hat die Gesinnung von HJ-
Pöbeln.

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Zu einer der absurdesten Kontinuitäten in der Entwicklung deutscher Intellektueller von
links nach rechts gehört es, die Charakterisierung des Gegners als Nazi beizubehalten.

SPRECHER
Man kann so weit nach rechts geraten sein wie man will, die Nazis sind immer noch die
anderen.

MUSIK

DARÜBER AUSSCHNITT Manfred Klein-Hartlage


Ich weiß nicht, wann es sein wird, aber wir werden das erleben, dass unser Volk sehr
plötzlich eine 180 Grad-Kehre vollzieht, und dann bricht die Herrschaft der political
correctness genau so wie ein Kartenhaus in sich zusammen wie vor gut 20 Jahren die
Herrschaft der SED! Ich danke Ihnen. /Applaus

O-TON 35 Manuel Seitenbecher


Die mediale Aufmerksamkeit ist zweifellos größer, wenn Sie von links nach rechts gehen
als umgekehrt – zumal von rechts nach links immer bezweifelt werden würde, inwiefern sie
ihre eigene Überzeugung, die rechte Überzeugung hinter sich gelassen haben und man
da durchaus kritischer und auch zu Recht kritischer draufschaut, um nicht quasi den Wolf
im Schafspelz vielleicht auch zu hofieren oder zu forcieren. Wenn sie umgekehrt von links
nach rechts gehen, ist das natürlich spektakulär, gerade in den Äußerungen eines Horst
Mahlers, die einfach derart extrem sind, dass dann die mediale Aufmerksamkeit ihren Teil
nochmals zu beiträgt.

ERZÄHLERIN
Liberalismus und parlamentarische Demokratie als gemeinsamer Feind ..
SPRECHER
Amerika und Israel als Schreckbilder dieser fremden Bestimmung und neuen
Kolonisation ...

ERZÄHLERIN
Die Notwendigkeit einer grundlegenden, allerdings nationalen Wandlung in Form einer
Revolution, die zugleich Machtwechsel und Kulturwandel bedeutet …

SPRECHER
Das Volk als politisches Subjekt …

ERZÄHLERIN
Es gibt erstaunliche Schnittmengen zwischen der alten neuen Linken und der neuen alten
Rechten.

SPRECHER
Gibt es eine untergründige Geschichte der Gewalt, der Entfremdung, des Entsetzens und
des Wahns?

ERZÄHLERIN
Die Gefängnishaft von Reinhold Oberlercher in der DDR, über die ein Schleier der
Legendenbildung gelegt ist, die Familiengeschichte von Horst Mahler sprechen für eine
solche Deutung. Oder auch die Geschichte von Bernd Rabehl:

O-TON Bernd Rabehl


Ich mache mir durchaus Gedanken darüber, wie das Bewusstsein geprägt wird. Ich habe
den letzten Teil des Zweiten Weltkrieges bewusst erlebt, weil in der Straße, wo ich wohnte,
hat die SS deutsche Deserteure aufgehängt. Die hingen da an den Laternen und ich war
sieben Jahre alt, meine Mutter sagte: Kuck nicht hin! Ich habe natürlich hingekuckt – und
diese Gesichter tauchen jetzt verstärkt auf. Ich träume manchmal von denen, sehe auch
die Wohnung, obwohl ich in 1000 anderen Wohnungen war. Im Alter taucht plötzlich die
Jugend wieder auf. Dann habe ich als Jugendlicher erlebt die Vergewaltigung meiner
Mutter. Das habe ich verdrängt – jetzt taucht das alles wieder auf. Ich sehe ihr
verzweifeltes Gesicht, ich sehe die Gesichter der russischen Vergewaltiger. Ich stehe
daneben, weiß gar nicht was passiert – und es ist alles da. Das prägt natürlich. Man
verdrängt das irgendwann, macht seinen Weg – und im Alter taucht das wieder auf. Aber
die Vorgeschichte, die frühe Geschichte prägt trotzdem den Charakter. Ich habe es
versucht bei Horst Mahler anzudeuten, und bei mir ist das auch irgendwie so: Wenn ich
sehe, dass welche den Weg machen, dann frage ich mich: Was haben die erlebt? Was
steckt dahinter?
ERZÄHLERIN
Am Ende steckt hinter den vielen einzelnen Geschichten der Renegaten nicht nur Kalkül,
ideologische Verblendung oder heroische Aufmerksamkeitspose, sondern auch das eine
oder andere persönliche Trauma.

SPRECHER
Dann schleicht sich in alle Abscheu gegenüber Hasstiraden, Feindbildern und
Gewaltphantasien auch ein Hauch von Mitleid. Wir werden sie uns nicht als glückliche
Menschen vorstellen, die Konvertiten von links nach rechts.

Absage

Renegaten, Konvertiten, Überläufer


Zur Wanderung von Intellektuellen aus dem linken ins rechte Lager
Sie hörten ein Feature von Markus Metz und Georg Seeßlen

Es sprachen: Hildegard Meier und Michael Witte


Ton und Technik: Ernst Hartmann und Katrin Fidorra
Regie: Fabian v. Freier
Redaktion: Tina Klopp
Produktion Deutschlandfunk 2018