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64 Wolfgang Martens

(1573-1651), und reiche Stifter und Förderer des Katechismus- und Schulunterrichts werden in
Exempeln vorgeführt (Vgl. in Metzgers Exempelkatalog Nr. 508, 654, 704^).
Tippfehler und Auslassungen in Metzgers Arbeit sind besonders lästig, wenn davon Namen,
lateinische Wörter, Fremdwörter oder Zitate betroffen sind, z. B. S. 102 Surius; S. 105 „Transsub-
stantiation"; S. 217, Anm. 528 aliquae; S. 219, Nr. 508 vermutlich „Maximiiiana"; S. 76, der Titel
des ersten Teils der Katechismuserklärung lautet: Wie man das gülden Kind Jesu empfangen soll.

Institut für Deutsche Philologie Barbara Bauer


Universität München
Schellingstraße 3
D-8000 München 40

Ulrich Im Hof, Das gesellige Jahrhundert. Gesellschaft und Gesellschaften im Zeitalter der Aufklä-
rung. Beck, München 1982. 263 S., DM 58,-.

Das Buch versucht, die Bildung örtlicher, regionaler und überregionaler Sozietäten
im Europa des 18. Jahrhunderts als ein Phänomen in den Blick zu bekommen, das
zur Signatur des Aufklärungszeitalters gehört. Gemeint sind - neben den Akade-
mien und Gelehrtengesellschaften - die Freimaurerlogen, Lesegesellschaften, Pa-
triotischen Gesellschaften, gemeinnützigen und sonstigen, speziell ökonomisch-
agrarischen Vereinigungen. Zu den einzelnen Typen und zu einzelnen Vertretern
des jeweiligen Typs liegen uns bereits Untersuchungen vor; politische Historiker,
Literaturwissenschaftler, Stadt-, Wissenschafts- und Wirtschaftshistoriker haben
in den letzten 20 Jahren hier Spezialforschungen vorangetrieben. Ulrich Im H o f ,
Historiker in Bern, unternimmt es als erster, die vielen und vielfältigen Sozietäts-
bildungen, in einem Gesamtzusammenhang geordnet, darzustellen.
Er setzt das Phänomen in den großen Rahmen der sozialen und politischen
Zeitverhältnisse, indem er in einem ersten Teil die ständische Ordnung in der Welt
des fürstlichen Absolutismus charakterisiert, das staatliche System und die euro-
päische Ereignisgeschichte im 18. Jahrhundert skizziert und die vielfältigen philo-
sophisch, religiös, politisch-ökonomisch und naturwissenschaftlich motivierten
Reformbestrebungen kennzeichnet. Ein zweiter Teil mustert, zumeist ausgehend
von exemplarischen Fällen, die verschiedenen Typen von Gesellschaftsbildungen,
wobei über die Grenzziehung zuweilen diskutiert werden könnte. Ein dritter Teil
versucht, der ideellen Aspekte der „Sozietätsbewegung", wie der Verfasser das
nennt, inne zu werden, - das Neuartige, geschichtlich Bedeutsame in dieser Ent-
wicklung zu erfassen, bestimmte nationale Sonderentwicklungen herauszuarbeiten
und das weitere Schicksal der Sozietätsbewegung über die Zeit der Französischen
Revolution hinaus zu umreißen. Ein vierter Teil schließlich verzeichnet die neuere
einschlägige Literatur und gibt ein chronologisches Verzeichnis der europäischen
und amerikanischen ökonomisch-gemeinnützigen Sozietäten von 1731 bis 1789.
Das Buch ist lebendig, oft anschaulich geschrieben. Es vermeidet den akademi-
schen Fachjargon und scheut sich nicht vor Vereinfachungen. Das Zielpublikum ist
offensichtlich nicht der Spezialist, sondern der gebildete, allgemein-interessierte
Leser. Der Verfasser erlaubt sich - er bekennt es in schöner Offenheit - , seine
Beispiele oftmals aus dem ihm besonders vertrauten schweizerischen Bereich zu
wählen, und er ist sich bewußt, daß er keineswegs etwas Abschließendes vorlegt,
eher eine anregende Zwischenbilanz auf einem Gebiet, dessen Erforschung in vol-

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U. Im Hof \ Das gesellige Jahrhundert 165

ler Bewegung ist. Es gelingt ihm, ein recht konturiertes Bild seines Gegenstands zu
entwerfen.
Notieren wir einige wichtige Ergebnisse! Gesellschaftsbildungen im Zeichen der
Aufklärung sind in nahezu allen europäischen Ländern im 18. Jahrhundert zu
beobachten, in fürstlich regierten Territorien so gut wie in Republiken oder freien
Städten. Sie vollzogen sich, das ist bedeutungsvoll, (abgesehen von den Akademie-
gründungen) nicht unter den Auspizien der bestehenden staatlichen oder kirchli-
chen Instanzen, sondern freiwillig, gleichsam spontan, in bürgerlicher Initiative,
von „unten", auch wenn sie hier und da dann obrigkeitliches Wohlwollen genos-
sen oder wohl gar schließlich, wie oftmals in Deutschland, staatlich vereinnahmt
wurden; Mißtrauen, Mißbilligung bis hin zum Verbot sind dagegen auch zu beob-
achten (Freimaurer, Illuminaten). - Motor der Assoziierung ist der aufklärerische
Gedanke der Förderung und Besserung des Einzelnen wie des Gemeinwesens zum
Zwecke einer allgemeinen Glückseligkeit, was zugleich die enge Verbindung von
Moral und Nützlichkeitsprinzip erklärt, die im Selbstverständnis dieser Gesell-
schaften anzutreffen ist. Bemühungen um Moralisierung und Bildung und Bemü-
hungen um handgreiflich-ökonomischen Fortschritt gingen wie selbstverständlich
Hand in Hand. Weltanschaulich handelt es sich um den Entschluß zur Diesseitsbe-
wältigung, der sich gleichwohl als gottwohlgefällig zu begreifen weiß, hat doch die
göttliche Vorsehung die Welt zur Glückseligkeit der Menschen bestimmt. Der
Kontext zum Philanthropismus, zu Wohltätertum und zu zeittypischer Projekten-
macherei ist evident. Im Zeichen des gemeinnützigen Engagements öffneten sich
die bislang abgekapselten Gelehrtenrepubliken. Gelehrte bzw. „gebildete" Bürger-
liche, Patrizier und Adelige fanden sich zusammen; die ständischen Differenzen
konnten hier belanglos werden. Und vor allem: die Höfe, die alten Zentren gesell-
schaftlicher Orientierung, gerieten hier ins Abseits. Inwieweit die Initiative von
unten, bürgerlich-soziales Verantwortungshandeln, wie es in der Sozietätsbildung
manifest wird, politische Relevanz erlangte, von öffentlichem Belang wurde, so
daß sich hier gleichsam republikanisch-demokratische Spielregeln einüben konnten
(der Verfasser kann z. B. die „Helvetische Gesellschaft" als eine Art von „ i n o f f i -
zieller Nationalversammlung" bezeichnen, S. 163), hätte vielleicht noch aufmerk-
samer verfolgt werden können; die Affinität gewisser rheinischer Lesegesellschaf-
ten zu jakobinischem Engagement in der Ära der Französischen Revolution ist
nicht unbekannt. Generell darf wohl gesagt werden, daß die Aktivität der unter-
suchten Gesellschaften auf Fortschritt und Reformen zielte und nicht auf Umsturz
gerichtet war.

Daß es bei der zu präsentierenden Fülle von Stoff im einzelnen zu Ungenauigkei-


ten oder Unrichtigkeiten gekommen ist, nimmt nicht wunder. Korrigieren wir nur
zwei Punkte aus dem Bereich der Literaturgeschichte: Die „Deutsche Gesell-
schaft" zu Leipzig wandelte sich nicht etwa unter Gottsched zur „Deutschen
Sozietät" (S. 125), sondern Gottsched fand in Leipzig die „Deutschübende poeti-
sche Gesellschaft" (von 1717) vor und bildete sie dann um zu seiner „Deutschen
Gesellschaft". Der Eingriff der Zensur bei den Zürcher Discoursen der Mahlern
bezeugt nicht etwa eine „politische Relevanz" dieser Wochenschrift und der da-
hinterstehenden Gesellschaft der „ M a h l e r " (S. 154): die Bedenken der Zensoren
waren nachweislich rein theologisch-moralischer Art.
In einigen Fällen scheint dem Rezensenten die Vereinfachung in der Darstellung
etwas weit getrieben. Die sogenannten Ritterakademien möchte er ungern schlicht-

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Helmut Göbel

weg als „Spezialschulen für Beamte" (S. 31) bezeichnet sehen. Daß es 1793/94 in
der Französischen Revolution zur „Aufhebung von Kirche und Christentum"
gekommen sei (S. 39) oder daß in Preußen und Sachsen nach dem Siebenjährigen
Krieg „die Industrie stark entwickelt" war (S. 48), scheint ihm für ein Laienpubli-
kum zumindest mißverständlich formuliert. Und in einigen Fällen ist die darstelle-
rische Lockerheit von Fehlern begleitet, auf die man doch gern verzichtet hätte.
Das „Weimar der Herzogin Amalia und des Herzogs August zu Goethes Zeiten"
(S. 26) war ja doch wohl, genau genommen, das Weimar der Herzoginw«tier Anna,
Amalia und des Herzogs Karl August, - der „Herzog August" gehört nach Braun-
schweig-Wolfenbüttel. Nach dem Polnischen Erbfolgekrieg starben die Kaiser
Karl VI. und Karl VII., aber nicht „der Kaiser Karl der Vierte" (S. 71). Brockes'
gelehrter Literaturzirkel von 1715 in Hamburg hieß „Teutschübende Gesell-
schaft", nicht „teutschliebende" (S. 125). Auch die Bibliographie ist nicht immer
exakt, zu schweigen davon, daß eine Äußerung des Dichters Schubart nach dem
Begleittext zu einer Stamitz-Schallplatte der Firma Decca zitiert wird (S. 25, 241).
Alles in allem aber: eine verdienstliche Zusammenschau! Sie demonstriert dem
Literaturhistoriker materialreich nicht nur die Parallelität, sondern die enge Ver-
quickung aufklärerischer literarischer Aktivität mit vielfältigstem sozialem Engage-
ment durch das ganze alte Europa hin.

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Herbert G. Göpfert (Hg.), Das Bild Lessings in der Geschichte. (Wolfenbütteler Studien zur
Aufklärung Bd. I X ) Lambert Schneider, Heidelberg 1981. 175 S., D M 4 2 , - .

Trotz der zunehmenden Lessing-Forschungen in den 50er und 60er Jahren unseres
Jahrhunderts hat man die Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte von Lessings Per-
son und Werk lange stiefmütterlich behandelt. Zu den notwendigen Aufgaben in
der Lessing-Forschung zählte noch 1973 Karl S. Guthke den „Versuch einer Wir-
kungsgeschichte"1; bis dahin waren immerhin große Materialsammlungen und
wichtige Einzeluntersuchungen erschienen, wie die ausgezeichnete Anthologie von
Horst Steinmetz2 und der ernüchternde Aufsatz von Peter Demetz mit dem deutli-
chen Titel „Die Folgenlosigkeit Lessings" 3 .
Wirkungs- und Rezeptionsfragen wurden in der Literaturwissenschaft der 70er
Jahre zunehmend diskutiert4, auch zu Lessing erscheinen allmählich ausführlichere

' Vgl. Karl S. Guthke, Gotthold Ephraim Lessing. 2., völlig neu bearb. Aufl. ( = Slg. Metzler 65)
Stuttgart 1973, S. 86. - Ahnlich noch Arno Schilson, „Lessing und die Aufklärung. Notizen zur
Forschung", in: Theologie und Philosophie 54 (1979), S. 40J.
1
Lessing - ein unpoetischer Dichter. Dokumente [.. .] zur Wirkungsgeschichte Lessings in
Deutschland. H g . , eingel. u. komm. v. Horst Steinmetz. ( = Wirkung der Literatur Bd. 1) Frank-
furt/Main, Bonn 1969.
3
In: Merkur X X V (1971), S. 727—741.
4
Vgl. die Bibliographie bei Gunter Grimm, Rezeptionsgeschichte. Grundlegung einer Theorie.
München 1977.

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