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„ROFL“ „Follow

me!“

„Mit d.
Haushaltsentwurf 2011
sind wir auf dem Weg
zu wirklich stabilen
Staatsfinanzen.“

„Gauck for
President!“
„Und alle so:
yeahhh!“

„Siggi Pop
dreht am
Mikro gerade
durch“

„Ok busemann
(cdu) hat ne sms
bekommen leute :)
also kein zweiter
„Starkes wahlgang“
Grußwort von
„Heute zweiter Tag Joachim #Gauck
Klausurtagung CDU Hessen, auf dem #bpt10“
gleich werde ich mein
Konzept zum freiwilligen
Zivildienst vorstellen.“

„Sprecht mir
nach: Yes!
We! Can!“

„RT: @christiansoeder
Ich finde, dass Schwarz-
Gelb insgesamt eine
gute Wahlwerbung fuer
die SPD ist :-)“

„Message
matters“
„Daumen
drücken für „Ihr kauft
#Lena!!!!“ mir den
Schneid nicht
ab!“
Titel

„Nächste Woche „Das Internet


findet das Government ist ein Gehirn
2.0 Camp 2010 in Berlin aus vielen
statt – wer kommt?“ Gehirnen“

„#Arbeitgeberpraesident
Dr. Dieter #Hundt:
#Arbeit ist der beste
Schutz vor Armut“
„Informieren!
Involvieren!
„Anhörung des BMJ Mobilisieren!“
zum #Urheberrecht
Gerade Diskussion um
pauschale Vergütung“
„Präsidiumssitzung
Tag II: Heute
beginnen wir mit der
Integrationsdebatte!“

„Ich bin
dagegen!“

„Don’t
be evil!“

„Street
View: Vorab-
„Nach der Wahl
Widerspruchsfrist
haben uns
auf acht Wochen
Überblick und
verdoppelt“
Demut gefehlt.“

Den Sturm entfachen


Das Web 2.0 hat die politische Kommunikation massiv verändert. Jetzt wollen auch
Lobbyisten das Potenzial der Netzwerke für sich nutzen.
Foto: Xxx

politik&kommunikation | Oktober 2010 11


Titel

I
m Berliner Büro der CSU-Abgeord-
neten Dorothee Bär steht auf dem
Tisch eine langstielige Lilie, die „Die Social Software des
einen dezenten Duft verströmt. An der
Wand hängt ein Bild der Tochter – und Web 2.0 ist ein Angriff auf
eins der Abgeordneten mit Microsoft- die etablierten Regeln der
Gründer Bill Gates. Wer hier mit der
Politikerin sprechen möchte, muss mit Macht und erzwingt ein
dem Vorzimmer einen Termin verein-
baren, und zwar möglichst für die Sit- grundlegendes Umdenken.“
zungswoche, dann zur gegebenen Zeit Peter Kruse
zum Jakob-Kaiser-Haus fahren, am
Pförtner vorbei und an der Büroleiterin
– eigentlich. Eigentlich aber ist der Auf-
wand auch nicht nötig, denn es gibt einen
schnelleren Weg: den über Facebook.
Dort kommentiert Bär in Echtzeit Ple-
numsdebatten und lässt ihre Fans wissen,
dass „der unsägliche Siggi Pop am Mikro
gerade durchdreht“ oder dass „Merkel
supergut drauf“ sei.
Wie hoch der Erkenntnisgewinn dabei
auch immer sein mag: Bärs Fans mögen
das, zumal die Abgeordnete aus Bam-
berg im Netz aktiv mitdiskutiert, was
nicht jeder ihrer Kollegen tut. Und wenn sperren unterzeichnen, mit der sich dann Unterstützer mit digitalen „Tools“ aktiv
im Sozialen Netzwerk zwar der Blumen- der Bundestag befassen muss. am Wahlkampf zu beteiligen, wurde in
duft fehlt und das Bild der Tochter, so Frei nach der Marxschen Formel, Fachkreisen zwar schon bis zum Geht-
eröffnet die Politikerin doch einen direk- nach der das Sein das Bewusstsein be- nicht-mehr diskutiert; doch bei allem
ten Zugang. Einen so direkten, dass ein stimmt, hat die neue Technik eine neue zwischenzeitlichen Hype ist das Potenzi-
Parteifreund sie schon fragte, ob sie die Idee hervorgerufen, der besonders „Di- al des Web 2.0 als Mittel der politischen
Leute nicht zu dicht an sich heranlasse. gital Natives“, also mit dem Internet auf- Kommunikation heute unbestritten.
Jo mei – die CSU ist halt eine konserva- gewachsene Nutzer, anhängen: die Idee
tive Partei. einer freien Netz-Gesellschaft, in der alle Lobbyist als Reputationsmanager
einen offenen Diskurs führen, in der sich
Potenzial erkannt Gleichgesinnte nach Belieben zusam- Und daher bemühen sich inzwischen
menschließen und gemeinsam für ihre auch Interessenvertreter, es für ihre
Grafik: Marcel Franke; Fotos: re:publica 2010/www.flickr.com; www.marco-urban.de; Archiv

Den Direktkontakt, den Facebook, Twit- Ziele kämpfen können – ob es sich um Zwecke zu nutzen: So propagiert Gun-
ter und Co. ermöglichen, gab es vor nur die Wahl von Joachim Gauck zum Bun- nar Bender, Lobbyist beim Mobilfunk-
fünf Jahren noch nicht. In dieser kurzen despräsidenten handelt oder bloß das unternehmen E-Plus, eine onlinegestütz-
Zeitspanne hat das Web 2.0 den politi- von Spaßvögeln in Facebook propagier- te Form von Public Affairs: „Digital Pu-
schen Diskurs massiv verändert, wenn te Ziel, den TV-Schuldnerberater Peter blic Affairs“ nennt er, was bislang eher
nicht revolutioniert. Es hat Resonanz- Zwegat nach Griechenland zu schicken. unter dem Schlagwort „E-Lobbying“
räume geschaffen, in denen mitunter Parteien und Politiker nutzen das lief. Bender und seine Kollegen in der E-
„Stürme entstehen“, wie Peter Kruse Internet seit über zehn Jahren zur po- Plus-Hauptstadtrepräsentanz gehen seit
sagt, einer der Vordenker der deutsch- litischen Kommunikation, wenn auch April im Netz in die Vollen: Sie bespielen
sprachigen Web-Community. Der Pro- nicht immer so interaktiv, wie mancher unter dem Namen „UdL-Digital“ einen
fessor und Inhaber einer Beratungsfirma Anhänger sich das wünscht. Seit dem Blog, eine Facebook-Seite, einen Youtu-
meint damit, dass sich Diskussionen in Präsidentschafts-Wahlkampf von Barack be- und einen Twitter-Kanal; die Abkür-
Blogs und Sozialen Netzwerken binnen Obama vor zwei Jahren spricht die Po- zung steht für Unter den Linden, wo sich
kürzester Zeit hochschaukeln und hand- litszene gerne von dessen vorbildlichem der Sitz der Repräsentanz befindet.
feste Folgen im „echten Leben“ haben Graswurzel-Wahlkampf im Netz und von Bender, der schon die FDP im Bun-
können – etwa, wenn über 130.000 Men- den Communitys, die es zu pflegen und destagswahlkampf beraten und mit
schen eine Online-Petition gegen Netz- zu mobilisieren gelte. Obamas Ansatz, Freshfields-Anwalt Lutz Reulecke einen

12 politik&kommunikation | Oktober 2010


„Wer sich im richtigen Leben
von Lobbyisten nicht über-
zeugen lässt, wird sich auch
durch Facebook nicht um-
stimmen lassen.“
Dorothee Bär

ohnehin nie trennscharf“, sagt der Poli-


tikwissenschaftler Christoph Bieber, der
den Blog „Internet und Politik“ schreibt.
„Bei digitalen Public Affairs handelt es
sich nicht selten um eine zeitgemäße
Variante dessen, was früher entlang des
Begriffs Corporate Social Responsibility
diskutiert wurde“, sagt Bieber. Entschei-
dend für die politische Effektivität des
Lobbyings im Netz sei, dass es dem Un-
ternehmen gelinge, die richtige Zielgrup-
pe für seine Themen zu mobilisieren.
Lobbyisten-Ratgeber verfasst hat, um- tritt in den Sozialen Netzwerken pflegt: Für einen Mobilfunkanbieter wie E-Plus
reißt seinen Ansatz beim Gespräch in Sachar Kriwoj heißt der und hat zuvor käme es demnach darauf an, da anzuset-
den Räumen der in einem gediegenen als Pressesprecher bei einer Online- zen, wo seine Interessen sich mit denen
Altbau gelegenen Repräsentanz so: „Wir Lernplattform gearbeitet – das politische von Verbrauchern decken. Gunnar Ben-
machen unseren Job an der Schnittstel- Geschäft allerdings ist neu für ihn. Ein der verweist darauf, dass E-Plus sich für
le zwischen klassischem Lobbying und Lobbyist, der keiner ist? Bender sagt, er mehr Wettbewerb auf dem Mobilfunk-
Öffentlichkeitsarbeit.“ Der digitale Lob- mache „lieber einen Blogger zum Lobby- markt einsetze, was auch im Interesse
byist betreibe vor allem Agendasetting, isten als umgekehrt“. Denn, und da wird der Verbraucher sei. Ob diese sich aber
er sei ein „Wahrnehmungs- oder Repu- er dann grundsätzlich: Social Media sei tatsächlich vor den Karren eines Mobil-
tationsmanager“ – also jemand, der eine „eine Geisteshaltung“. funkkonzerns spannen lassen?
Botschaft in den Resonanzraum des Web Wenn aber die Kommunikationsform
einspeist und hofft, dass daraus vielleicht in den Vordergrund rückt, tritt der Inhalt Politiker haben Respekt
ein Sturm im Sinne von Peter Kruse ent- womöglich zurück, und es stellt sich die
steht. Oder wenigstens eine steife Brise. Frage, ob ein so verstandener digitaler „In den USA ist es schon seit 20 Jahren
So erscheint es passend, dass E-Plus Lobbyismus nicht vor allem PR unter ei- üblich, dass Großunternehmen Kunden
für seinen neuen Lobby-Ansatz eigens ei- nem trendigen Namen ist. „Die Abgren- und Mitarbeiter mobilisieren, zum Bei-
nen Blogger eingestellt hat, der den Auf- zung zwischen Public Affairs und PR ist spiel für Volksabstimmungen“, sagt der
auf Public Affairs spezialisierte Politik-
wissenschaftler Marco Althaus. „Warum
sollten europäische Unternehmen nicht
auch Netzwerke aufbauen und Stimmen
„Wir machen unseren Job an für E-Petitionen sammeln?“ Lobbying
im Netz müsse nicht bloß eine „nette
der Schnittstelle zwischen Dialog-Geschichte“ sein, meint Althaus:
klassischem Lobbying und „Politiker haben enormen Respekt vor
Organisationsfähigkeit.“ Denn wenn sie
Öffentlichkeitsarbeit.“ nicht mehr nur ein Lobbyist im feinen
Anzug bedränge, sondern 100.000 Wäh-
Gunnar Bender ler, so würde sie das sehr wohl veranlas-
sen, Positionen noch einmal zu überden-
ken. So wie es im vorigen Jahr geschah,
als der Bundestag Bekanntschaft mit den
Paintball-Spielern machte. Damals kipp-
ten die deutschen Paintballspieler ein
von den Regierungsfraktionen geplantes
Verbot der Sportart, indem sie binnen
kurzer Zeit eine schlagkräftige Kampa-
gne starteten (Kasten Seite 16).
Dass Online-Lobbying tatsächlich
Tausende von Menschen mobilisieren
kann, und das häufig sogar ohne den

politik&kommunikation | Oktober 2010 13


Titel

Berliner Café verrät der großgewachsene


ehemalige Basketballprofi, wie es Avaaz
„Mit unserem Verteiler gelingen konnte, sechseinhalb Millionen
Menschen als Mitglieder zu gewinnen.
können wir in nur „Avaaz ist eher ein Schnellboot als
ein großer Tanker“, sagt van de Laar.
wenigen Stunden 465.000 „Dennoch können wir mit unserem
Unterstützer in Deutschland Mail-Verteiler in Deutschland in nur
wenigen Stunden 465.000 Unterstützer
mobilisieren.“ Julius van de Laar mobilisieren.“ Als Bundeskanzlerin An-
gela Merkel im vorigen Herbst zögerte,
ob sie persönlich zum Klimagipfel nach
Kopenhagen reisen solle, bombardierten
die Aktivisten sie mit personalisierten
E-Mails. Merkel hatte aber auch vorher
schon Bekanntschaft mit Avaaz gemacht:
Demonstranten mit grünen Helmen „be-
gleiteten“ sie auf ihrer Wahlkampf-Zug-
reise durch Deutschland. Avaaz stellte
online die Daten der Reise zur Verfügung
und erreichte über das Netzwerk, dass
bei jedem Halt Grünhelme Merkel an
ihre Klimaversprechen erinnerten. Die
NGO gab den Anstoß, und die dezentral
organisatorischen Unterbau eines Un- ter der Organisation hat – na, wo wohl zerstreuten Aktivisten organisierten sich
ternehmens oder Verbands, das demons- – sein Handwerk in der Wahlkampagne daraufhin selbst. Sozialwissenschaftler
trieren täglich Kampagnennetzwerke wie von Barack Obama gelernt. bezeichnen das als „Empowerment“: Die
Move-On oder Avaaz. Bei diesen handelt Julius van de Laar ist selbständiger Aktivisten werden in die Lage versetzt, in
es sich um Nichtregierungsorganisatio- Kampagnenberater und erst 28 Jah- Eigenregie etwas zu unternehmen.
nen (NGOs) neuen Typs: Move-On ist re alt. Trotzdem ist er schon ziemlich
quasi die Mutter derartiger Netzwerke, gefragt, seit er als „Obamas deutscher Mit Kritik klarkommen
eine 1998 gegründete US-Organisation, Wahlkämpfer“ mediale Aufmerksam-
die keine 20 Mitarbeiter hat und online keit erlangte. Er leitete 2007 und 2008 Attraktiv an einer solchen Organisation
für die Unterstützung progressiver Politik den Jugendwahlkampf des damaligen ist für die Aktivisten vor allem, dass sie
wirbt. Ihre Mittel sind Petitionen, Anzei- Senators und verinnerlichte dessen Stra- niemandem eine langfristige Bindung
gen und per Youtube verbreitete Videos. tegien. Nun stellt er sein Wissen in den abverlangt. Sich bei Avaaz zu engagieren,
Avaaz ist internationaler aufgestellt und Dienst des Avaaz-Netzwerks, dessen Na- bedeutet nicht, Mitglied in einem Verein
kämpft vor allem für Menschenrechte me vom persischen und Hindi-Wort für zu werden. „Es gibt unterschiedliche Stu-
und Klimaschutz. Der deutsche Vertre- „Stimme“ kommt. Beim Treffen in einem fen des Engagements“, sagt van de Laar,
„die niedrigste ist, eine Petition zu unter-
schreiben, das ist eine Sache von drei Mi-
nuten“. Spenden oder Demonstrationen
Paintball-Attacke auf den Bundestag vor Ort wären die nächsten Stufen.
Wie die Spieler einer wenig bekannten Sportart deren Verbot verhinderten Die Unverbindlichkeit einer Online-
Nach dem Amoklauf von Winnenden im März bedroht und initiierten kurzerhand den ersten Community hat jedoch auch ihren Preis:
2009 fühlten sich die Politiker unter Zugzwang: Paintball-Interessenverband, das Forum Pro den Verlust von Kontrolle, denn die mo-
Die schockierten Bürger sollten sehen, dass sie Paintball. In kurzer Zeit stellte der Verband mit dernen Netzwerke kennen keine Kader.
nicht tatenlos bleiben, und so beriet der Bundes- Unterstützung der Agentur Edelman eine Kampa- Moderne Online-Kampagnen leben von
tag über eine Verschärfung des Waffenrechts. gne auf die Beine: Es gelang, viele der 100.000 einer Botschaft, die so stark ist, dass der
Der Innenausschuss einigte sich auf eine Reihe deutschen Paintballspieler zu mobilisieren. Edel- Sturm im Netzwerk sie bereitwillig wei-
von Gesetzesänderungen, darunter ein Verbot der man verpasste dem Verband eine Lobby-Strategie, terträgt. „Message matters“, die Bot-
Sportart Paintball, bei der Spieler sich gegenseitig die klassische Mittel wie Anrufe, persönliche schaft zählt, das ist denn auch das Credo,
mit Farbkugeln beschießen. Nur: Mit Vertretern Gespräche und Medienarbeit mit digitalem Lob- das van de Laar aus dem US-Wahlkampf
der Sportart hatte zuvor kein Ausschussmitglied bying kombinierte. Letzteres beinhaltete, dass die mitgebracht hat. Obamas „Yes, we can“
gesprochen, und dass die Sportart erst ab 18 Agenturleute in Internetforen den Paintballspie- war eine solche Botschaft. Die Botschaft
Jahren erlaubt und die jugendlichen Amokläufer lern aufzeigten, wie sie ihren Bundestagsabge- ist manchmal aber auch die Person
der vergangenen Jahre meist jünger und keine ordneten erreichen und wo sie die Online-Petition selbst, wie der Hoffnungsträger Joachim
Foto: www.boell.de

Paintball-Spieler waren, hatte anscheinend auch gegen das Verbot unterzeichnen können, was am Gauck. Von der Zugkraft dieser Kam-
niemand reflektiert. Die Hersteller von Paintball- Ende 35.800 Menschen taten. Die Regierungs- pagnen dürften Unternehmenslobbyis-
Ausrüstung sahen durch das Verbot ihr Geschäft fraktionen sahen schließlich von dem Verbot ab. ten, die Communitys für sich gewinnen
wollen, aber nur träumen: Die Fallhöhe

14 politik&kommunikation | Oktober 2010


the next henri nannen search

SEIT 175 JAHREN GESTALTET


BERTELSMANN DIE ZUKUNFT
DER MEDIEN UND SERVICES.
MIT KREATIVITÄT UND
UNTERNEHMERGEIST.
Gruner + Jahr steht für Qualitätsjourna-
lismus. Daher zeichnet Europas führendes
Zeitschriftenhaus die besten Beiträge des
Jahres mit dem Henri Nannen Preis aus.
Wir glauben, dass guter Journalismus mit
Relevanz zu tun hat. Meinungsvielfalt mit
Freiheit. Und Qualität mit Unabhängigkeit.
Dafür gewährt Bertelsmann seinen Unter-
nehmen in einer dezentralen Struktur
größtmöglichen Freiraum. Das ist unge-
wöhnlich, aber erfolgreich – die letzten
175 Jahre, heute und in Zukunft.
www.bertelsmann.de/175
Titel

„Supertools“ und
Soziale Netzwerke
Praxistipps für digitale Interessenvermittlung

von den idealistischen Botschaften Facebook hat weltweit 500 Millionen Nutzer, 145 Jahres deckte die Transparenz-Initiati-
Obamas („Hope“) oder dem Aufruf Millionen Menschen sind bei Twitter angemeldet ve Lobbycontrol den Schwindel auf.
zur Rettung des Weltklimas hinunter – doch mancher Kommunikationsprofi setzt gar Dann also lieber gleich beim klas-
zur Freiheit des Mobilfunkwettbe- nicht so sehr auf die Sozialen Netzwerke, etwa die sischen Vieraugen-Gespräch bleiben,
werbs ist groß. Immerhin: Ein Zeichen Nichtregierungsorganisation Avaaz: „Alle reden um Einfluss auf die Politik zu nehmen?
der Offenheit ist die Entscheidung für über Facebook und Twitter, doch das Supertool Darauf möchte ohnehin kein Lobbyist
Lobbying in den Weiten des Web 2.0 bleibt die E-Mail“, sagt der Avaaz-Vertreter in verzichten, denn wer würde schon ein
schon. Politikwissenschaftler Althaus Deutschland, Julius van de Laar. Eine E-Mail wer- Gespräch mit der Kanzlerin ablehnen,
attestiert E-Plus-Mann Bender denn de mit einer 95 mal höheren Wahrscheinlichkeit weil er ja auch an ihre Facebook-Pinn-
auch Mut: „Sein Public-Affairs-Ansatz wahrgenommen als eine Twitter-Meldung, sagt er. wand schreiben kann? Dass Themen
dürfte ihn im eigenen Haus Überzeu- Auch sei der richtige Aufbau der Nachricht enorm verstärkt über die Öffentlichkeit ge-
gungskraft gekostet haben.“ Denn wer wichtig, verrät der Kampagnen-Profi: Wenn die spielt werden, ist ein anhaltender
seine Themen von den Internetnutzern NGO zum Beispiel eine Mail versendet, in der Trend der politischen Kommunikation,
offen diskutieren lässt, muss mit Kritik sie ihre Aktivisten bittet, eine Protestmail gegen doch bleibt das Gespräch mit Abge-
umgehen können; wenn die Kommuni- den Atomkompromiss der Regierung an Bundes- ordneten und Ministerialen die Basis
kation zum Dialog wird, funktionieren kanzlerin Angela Merkel zu senden, entscheiden des Lobbyings. Nach einer Studie der
klassische PR-Strategien nicht mehr. zunächst die Klarheit und Kürze des Betreffs über internationalen PR-Agentur Edelman
Die Unterdrückung kritischer Kom- die Wahrnehmungschancen. Dann enthält die unter knapp 400 Abgeordnetenmitar-
mentare kommt in Blogs und bei Face- Mail wiederum einen Link, der unbedingt freiste- beitern in Washington, Brüssel, Lon-
book gar nicht gut an. hend sein sollte, also nicht im Fließtext verborgen. don, Paris und Berlin ist für diese das
Digitaler Lobbyismus – ein Schritt Das erhöht die Wahrscheinlichkeit stark, dass er persönliche Gespräch immer noch der
hin zu mehr Transparenz? Christi- angeklickt wird. Klickt der Leser den Link an, ge- beste Weg, zu kommunizieren: Über
an Humborg, der Geschäftsführer langt er zu einem Web-Formular, mittels dessen er 90 Prozent der Befragten bezeichneten
von Transparency International in eine Nachricht an die Kanzlerin versenden kann. es als „effektives Mittel“.
Deutschland, ist skeptisch: „Wirklich Ein editierbarer Mustertext ist bereits vorformu-
transparent wäre es, wenn Lobbyisten liert – ihn abzuwandeln, erwünscht. So vermeidet Ungeahnte Kontakte
ihre gesamte Arbeit online dokumen- Avaaz erfolgreich Spam-Mailings: „Eine hohe Zahl
tieren würden.“ Wenn sie lückenlos Zurück ins Büro von Dorothee Bär:
ihre Finanzierung im Netz darlegen Die Abgeordnete nimmt sich Zeit für
und sämtliche Positionspapiere online ein persönliches Gespräch. Ja, sagt sie,
stellen würden, dann könne sich die die Sozialen Netzwerke seien für sie
Öffentlichkeit ein Bild machen, sagt ein ernstzunehmender Kommunika-
Humborg. Für den digitalen Lobby- tionskanal geworden: „Hier kann ich
ismus sollten dieselben Regeln gelten mir ein vollständigeres Bild über die
wie für den Offline-Lobbyismus. Meinungen zu einem Thema verschaf-
fen.“ Auch entstünden Kontakte, die
Lobbying auf dem Kunstrasen unserer Mails an Bundestagsabgeordnete wird ganz neue Sichtweisen ermöglichten.
tatsächlich beantwortet“, sagt van de Laar, „etwa Ein Anhänger der Grünen aus dem
Vielleicht birgt die so schnelle und di- zwei Drittel bis 80 Prozent“. niederrheinischen Kleve habe kürzlich
rekte Kommunikation im Netz sogar Ob nun die Mail das Instrument der Wahl ist, ob an einer Wanderung teilgenommen,
die Gefahr größerer Intransparenz, des Twitter oder Facebook: Eine ausgewogene digi- die sie in ihrem bayerischen Wahlkreis
„Astroturfings“: Aus den USA stammt tale Strategie berücksichtigt alle Kanäle. Daher veranstaltete – der Kontakt kam über
die Strategie, Graswurzelkampagnen sollten politische Interessenvermittler immer ein Facebook zustande. Dank der Netzwer-
vorzutäuschen – der Begriff bezieht intensives Monitoring der Diskussionen im Web ke überschneiden sich plötzlich Kreise,
sich auf eine Kunstrasenmarke. Beim 2.0 betreiben. „Wenn politische Entscheider sich die sich sonst niemals überschneiden,
Astroturfing stellen Unternehmen in Facebook, Blogs oder bei Abgeordnetenwatch eröffnen sich Zugänge, die sonst ver-
Webseiten vermeintlicher Bürgerbe- präsentieren, müssen sie auch auf die Diskussi- schlossen bleiben würden. Also gute
wegungen ins Netz und lassen gezielt onen dort reagieren“, sagt Bernd Buschhausen, Zeiten auch für Lobbyisten? Das Vor-
Einträge in Internetforen und Kom- Public-Affairs-Chef der Agentur Edelman in Berlin. zimmer mag sich über Facebook um-
mentare auf Medienseiten schreiben. Daher sollten Public-Affairs-Verantwortliche sich gehen lassen, und dennoch: „Wer sich
Die Deutsche Bahn erlitt mit sol- in den Diskurs einbringen. Für Unternehmen im richtigen Leben von Lobbyisten
chen Methoden Achsbruch, als der vor- seien die Sozialen Netzwerke aber in erster Linie nicht überzeugen lässt, wird sich auch
dergründig unabhängige Think-Tank eine „passive Ressource“, die es zu beobachten durch Facebook nicht umstimmen las-
„Berlinpolis“ für sie tätig wurde und gelte, und die helfen könne, Allianzpartner zu sen“, sagt Bär. Message matters – auf
Foto: Archiv

verdeckte PR zu Gunsten einer Bahn- identifizieren. die Botschaft kommt es an.


privatisierung betrieb. Im Mai vorigen Sebastian Lange

16 politik&kommunikation | Oktober 2010


Klingt unglaublich, aber unsere Groß-
dieselmotoren können aus fast allem
wertvolle Energie gewinnen – auch
aus altem Speisefett. Wir haben das
bewiesen: In dem kleinen Ort Fritzens
in Österreich. Hier sammeln Fritten-
budenbesitzer, Kneipenwirte und auch
Hausfrauen ihr altes Speisefett in
Plastikbehältern. 1.800 Tonnen jedes
Jahr. Und unser 1.120 kW starker
Großdieselmotor macht daraus Energie
für 3.500 Haushalte. Aus was MAN
noch alles Energie erzeugen kann:
www.man-kann.de

Engineering the Future –


since 1758.
MAN Gruppe

Kann man mit


altem Frittenfett
eine ganze
Stadt beleuchten?
MAN kann.