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ZWEI UND ZWEI

Wenn Paare mit Paaren


MÄRZ 2019

befreundet sind
AM HERD
Die Psychologie
des Kochens
DAS SELBST
Ist es nur eine Illusion?

DIE KUNST
DES AUFGEBENS
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Was wir gewinnen, wenn wir


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Fred Christmann
Ina Hullmann
Ina Hullmann Fred Christmann

2018. 337 Seiten, 10 Abb., Klappaenbroschur.


Mit einem Geleitwort von Katharina Domschke
Coach Dich doch selber!

2017. 208 Seiten, 14 Abb., Klappenbroschur.


Faszination Psyche
Den eigenen inneren Superhelden entdecken »… Es ist doch unfassbar: Wir besitzen das genialste
Wie unsere Psyche funktioniert Denkorgan dieses Planeten und können manchmal
»Wer sich und andere besser versteht, wird eher
Mit Leichtigkeit mentale Superkräfte entfalten rein gar nichts damit anfangen. Ganz im Gegenteil – ein gutes Leben führen können und auch mehr von
Alltagsstress, Grübelfallen – und zu allem Überfluss raubt uns
Wer sich selbst und andere besser versteht, hat es ein ganzes einer Psychotherapie profitieren. Sie erfahren in
eine Prüfung oder ein anstehendes Bewerbungsgespräch nachts es wendet sich scheinbar gegen uns und macht sein
Dr. Fred Christmann Sich selbst und andere besser verstehen

€ 24,99 (D) | ISBN 978-3-608-43292-3


Dipl.-Psych. Ina Hullmann Stück weit leichter im Leben. Das neue Buch des bekannten Ver- diesem Buch viel über sich, das Leben und den Um-
Mit einem Geleitwort von Gunther Schmidt

€ 19,99 (D) | ISBN 978-3-608-43211-4


€ 19,99 (D) | ISBN 978-3-608-43225-1
auch noch den Schlaf: Manchmal scheint das Leben nichts Besse- eigenes Ding! Ob Eifersucht, Versagensängste oder
Ina Hullmann ist Diplom-Psychologin, Hypnotherapeutin haltenstherapeuten Dr. Christmann öffnet die Türen
auch Schlafprobleme – ganzzuoftden
fühlen wir uns den gang mit anderen. Als erfahrener Psychothera-
res zu tun zu haben, als uns Steine in den Weg zu legen. Die aus Dipl.-Psych., ist Psychologischer Psychotherapeut sowie
und Autorin mit zusätzlicher Bühnen- und Sprecheraus- faszinierenden Facetten unserer Psyche.
»Machenschaften« des Gehirns hilflos ausgeliefert. peut, der zudem seit vielen Jahren psychologische

2017. 256 Seiten, Klappaenbroschur.


einer Beratungsserie im Fernsehen bekannte Diplom-Psychologin Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut. Er ist der

Faszination Psyche
bildung. Nach dem Studium Klinischer Psychologie war Ina Hullmann zeigt mit ihrem fünfstufigen Programm zum Selbst- Insbesondere, da es scheinbar besonders gerne in Inhalte in Ausstellungsführungen vermittelt, weiß
Gründer des ersten deutschen Ausbildungsinstituts für Zunehmend suchen Menschen Hilfezuschlägt,
in Psychotherapien,
sie zunächst vier Jahre als Psychologin in Fachkliniken coaching, wie Sie Krisen meistern und gestärkt aus ihnen her- Zeiten in denen wirum ohnehin schon ex- ich, dass viele Menschen an der Psychologie und

Coach Dich doch selber!


Verhaltenstherapie und langjähriger Leiter der staatlich für sich zu klären, was ein gutes
tätig. vorgehen. In zahlreichen Übungen leitet sie dazu an, hinderliche tremenLeben ausmacht undausgesetzt
Herausforderungen wie sind. Diese ihrer Anwendung interessiert sind. Dieses Buch soll
anerkannten Ausbildungsstätte für Psychotherapie und dieses gelingen könnte. Meist komplexen
ist selbst inHirnwirren
einer Psychotherapie
Denkmuster zu durchbrechen, die Fähigkeit zum Perspektivwech- und -wunder zu meistern, ist
Ihrer lebensbejahenden Einstellung und Berufung fol- Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie in Stuttgart. das bestehende Interesse befriedigen.«
sel zu erweitern und brachliegendes eigenes Potenzial zu er- nicht einfach
die Zeit zu knapp, um alle wichtigen – eineanzusprechen.
Punkte so komplexe Technologie muss
gend, löste sie sich 1999 vom traditionellen Psychothera- Seit 2014 Vorsitzender der Stiftung Psyche in Stuttgart.
schließen. Die Stufen des Programms sind: man erst einmal
Denn alles hängt mit allem zusammen. Dieses bedienen lernen!
Buch schafft die Wie eine Raum- Fred Christmann
piekonzept, um sich in Hamburg als Coach und Trainerin
fähre, miteinen
der man eine Entdeckungsreise zu neuen
einem modernen, ressourcenorientierten Ansatz zuzu-  Den mentalen Laser aktivieren Grundlage für mehr Orientierung und besseren Umgang
wenden. Techniken zur Entfaltung menschlicher Poten-  Die eigene Wahrnehmung erweitern mit sich und anderen. Es stelltHorizonten unternehmen möchte.
anhand wissenschaftlicher Ex-Da wäre es eben-
falls sinnvoll, vor dem Abflug (…) zumindest mal die
ziale, Meditation und die Hypnotherapie nach Milton  Sich selbst erkennen perimente und der Praxiserfahrung des Autors ein großes
Bedienungsanleitung zum Navigieren in der Schwere-
Erickson stehen seitdem im Fokus ihrer Arbeit. Von Ham-  Mental neu »programmieren« Spektrum psychologischer Themen unseres Alltags dar: vom

inkl. Downloadmaterial
losigkeit gelesen zu haben.
burg verlegte sie 2009 ihren Praxissitz in die Schweiz,  Mentale Superkräfte entwickeln Umgang mit Gefühlen wie Angst und Glück über Kreativität
Nichts dergleichen tut der Hirnbesitzer, wenn er sich
zunächst nach Zürich, dann 2015 nach Luzern. Zu ihren bis hin zu Selbstwertstärkung, Persönlichkeit und Verän-neurochemisches
Die wahren Möglichkeiten im Leben zu erschließen, ist reine Kopf- tagtäglich auf sein komplexes
internationalen Klienten zählen u. a. Unternehmer, Füh- derungsmöglichkeiten. Die 60-minütige Onlineübung und
sache. Gehen Sie mit Ina Hullmann auf Entdeckungsreise und Wunderwerk verlässt. Er vertraut auf den Zufall und
rungskräfte aus Wirtschaft und Politik, Leistungssportler
lernen Sie, Ihre Gedanken zu lenken und aus negativen Grübel- konkrete Anregungen helfen,die dievielen
gewonnene Erkenntnis
Generationen vor ihm,indenen der graue
und Künstler.
kreisläufen auszusteigen. neues Verhalten umzusetzen. Kasten im Oberstübchen auch einfach irgendwie
Als Fachdozentin für Psychologie und Coaching lehrt sie beim Überleben half. Dieses seit Jahrtausenden
an renommierten Ausbildungsinstituten in der Schweiz. Sie werden feststellen: Nichts ist bloße
übliche Wissenschaft,
Vorgehen allesdem Fahren eines
gleicht aber eher
2002 veröffentlichte sie ihr erstes Fachbuch zum Thema betrifft Sie persönlich. PS-starken Sportwagens im Rückwärtsgang mit an-
Coaching. Seit 2012 ist sie Autorin im Schattauer Verlag gezogener Handbremse als einer einigermaßen effi-
und Herausgeberin der «myCoach Meditationen». Seit zienten Gehirnbedienung.«
vielen Jahren tritt sie als TV-Psychologin und Expertin im
deutschsprachigen Fernsehen auf (VOX, RTL).

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Gregor Hasler Ina Hullmann Fred Christmann


Resilienz: Der Wir-Faktor Coach Dich doch selber! Faszination Psyche
Gemeinsam Stress und Ängste überwinden Mit Leichtigkeit mentale Superkräfte entfalten. Sich selbst und andere besser verstehen
Fragen Sie sich auch, warum wir zunehmend Alltagsstress, Grübelfallen – und zu allem Wie unsere Psyche funktioniert. Wer sich
gestresst sind, Ängste und chronische Er- Überfluss raubt uns eine Prüfung oder ein selbst und andere besser versteht, hat es
schöpfung sich wie eine Epidemie verbreiten? anstehendes Bewerbungsgespräch nachts ein ganzes Stück weit leichter im Leben. Das
Die Ursachen sind komplexer als man denkt, auch noch den Schlaf: Manchmal scheint neue Buch des bekannten Verhaltensthera-
aber wir sind dieser Dynamik nicht hilflos das Leben nichts Besseres zu tun zu haben, peuten Dr. Christmann öffnet die Türen zu
ausgeliefert. Das Buch führt vor Augen, was als uns Steine in den Weg zu legen. Die aus den faszinierenden Facetten unserer Psyche.
uns in die Stress-Krise geführt hat – und zeigt einer Beratungsserie im Fernsehen bekannte Sie werden feststellen: Nichts ist bloße
den Schlüssel, der uns auch wieder hinaus- Diplom-Psychologin Ina Hullmann zeigt mit Wissenschaft, alles betrifft Sie persönlich.
führen kann: den Wir-Faktor. ihrem fünfstufigen Programm zum Selbst-
coaching, wie Sie Krisen meistern und ge-
stärkt aus ihnen hervorgehen.

Giovanni A. Fava Thorsten Heedt Andreas Hillert


Hillert

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Therapie (WBT) Persönlichkeitsstörung Lehrerberuf
Eine Kurzzeittherapie zur psychischen Stabilisierung Das Kurzlehrbuch
2019. ca. 312 Seiten, broschiert.

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2019, ca. 224 Seiten, broschiert


Behandlungsmanual – Arbeitsmaterialien – Klinische Anwendungen
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Eva-Lotta Brakemeier, Isabel Schamong, Simon Bollmann

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Stabilisierung. Behandlungsmanual - Arbeits- Gesundheit im Lehrerberuf
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Informativ, konzis und auf der Höhe der
Wie kann Psychotherapie eine Haltung
Forschung bietet dieses Buch einen schnellen AGIL, ist ein auf die spezifische Situation
vermitteln, durch die Patienten ihr Wohlbefin-
und doch fachkundig-genauen Überblick von Lehrerinnen und Lehrern ausgerichtetes
den aktiv selbst beeinflussen können? Dieses
über die Störung und die möglichen Vorge- Präventions- und Behandlungsprogramm.
Buch zeigt, wie dies mit dem neuen Well-
hensweisen in bestimmten Therapiephasen Wissenschaftliche Studien belegen: Durch
Being-Therapie- Ansatz (WBT), basierend
und -situationen. Es definiert, was eine Bor- das Programm verbessert sich die Lebens-
auf der positiven Psychologie, gelingt. Die
derline-Persönlichkeitsstörung ausmacht und qualität stark belasteter Lehrkräfte
gute Nachricht: Positive Gefühle sind nicht
stellt das nötige neurobiologische Grundla- deutlich – kommen auch Sie AGIL durch
das Ergebnis äußerer Einflüsse, sondern man
genwissen sowie Behandlungsansätze vor. den Schulalltag!
kann lernen, auf sie einzuwirken.
Liebe Leserinnen und Leser

E
s war ein Julitag in den Vogesen, und Jan Ullrich war erkältet.
­Ausgerechnet er – als Träger des Gelben Trikots der Tour de France –
zeigte bei der ­Bergetappe Schwächen. Da fuhr sein Teamkollege
Udo Bölts zu ihm heran und sagte den berühmt gewordenen Satz: „Quäl
dich, du Sau.“
Bislang schien mir klar zu sein: Für Leistungssportler ist Aufgeben nie-
mals eine Option. „Das würde ich nicht so sehen“, sagt Professor Oliver
Stoll. Er leitet den Bereich Sportpsychologie & Sportpädagogik & Sport-
soziologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und beglei-
tet Profisportler als psychologischer Berater. Oliver Stoll erklärt mir, warum
gerade Aufgebenkönnen aus seiner Sicht eine zentrale Fähigkeit für einen
Leistungssportler ist: „Wenn ein wirklich hochklassiger Marathonläufer bei
Kilometer 20 merkt: es geht heute nicht, dann gibt er durchaus auf. Der
muss sich nicht beweisen, dass er einen Marathon in 2 Stunden 20 laufen
kann, wenn er eine Bestzeit von 2 Stunden 12 anstrebt. Dann spart er sich Dorothea Siegle, Chefredakteurin

lieber die Körner, die er auf den weiteren 22 Kilometern investieren müss-
te, für den nächsten Versuch. Diesen kann er dann auch schneller wieder
angehen, weil die Erschöpfung nicht so groß ist. Es ist also als Leistungs-
sportler häufig eine sehr rationale und sinnvolle Entscheidung, ein Rennen
aufzugeben.“ Natürlich vielleicht nicht gerade, wenn man in einem olym-
pischen Finale steht, räumt Stoll ein.
Als Sportpsychologe unterstützt er Profis im Bereich „Volition“, das heißt
bei der Willensentwicklung. Sie lernen zum Beispiel, Belohnungsaufschub
zu ertragen und durch intensive Trainingseinheiten zu gehen. Für das Auf-
geben entwickeln die Sportler selbst eine Expertise, so Oliver Stoll, die
Athleten kennen ihren Körper durch die vielen Jahre der Erfahrung am bes-
ten und wissen, wann es richtig ist aufzuhören. Woher kommt denn dann
die Vorstellung vom Helden, der immer die Zähne zusammenbeißt und
durchzieht? „Das ist aus meiner Sicht eher die Gesellschaft, die vom stets
erfolgreichen, stets nach vorne blickenden Sportler ausgeht – ein Bild, das
die Menschen wahrscheinlich gerne von sich selbst hätten“, so Stoll.
Aber auch manchem Sportler gelingt es nicht, zum richtigen Zeitpunkt
aufzuhören. Wir sehen das beim Thema Doping, und wir sehen das bei
Sportlern, die ihre Karriere beenden müssen, weil ihre Schmerzen einfach
unerträglich geworden sind. Unser Blick auf sie hat daran seinen Anteil.
Wie können wir selbst in unserem Alltag die Fähigkeit entwickeln
­aufzugeben? Den richtigen Moment dafür erkennen? Und lernen, dass es
kein Zeichen von Schwäche ist, sondern manchmal einfach: eine gute
­Entscheidung? Mit diesen Fragen beschäftigt sich unsere Titelgeschichte ab
Seite 16. Viel Vergnügen mit der „Kunst des Aufgebens“ wünscht

PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019 3


IN DIESEM HEFT

TITEL

16 Die Kunst des Aufgebens


Wann uns Loslassen weiterbringt
als Durchhalten
Von Annette Schäfer

24 Von Zielen und Zweifeln


Wie leicht wir Projekte aufgeben,
hängt auch von unserem Alter ab
Von Annette Schäfer

Im Fokus: Im Angesicht
12 
der Katastrophe
Der Sozialwissenschaftler Martin Voss
über menschliches Verhalten in Krisen

28 Das Ideal des perfekten


Körpers
Weshalb Schönheit in unserer Gesell-
schaft zur ethischen Pflicht wurde
Von Silke Pfersdorf

34 „Eine große Kraft, die wir


viel zu wenig nutzen“
Laut Nachhaltigkeitsforscher Thomas
Bruhn braucht es für eine umwelt-
freundliche Gesellschaft nicht nur bes-
sere Technik, sondern auch die richtige
Geisteshaltung

40 Eine Politik zum Glück


Eine große Analyse zeigt, wo Staaten
ansetzen können, um die Zufriedenheit
der Bürger zu steigern
Von Jochen Paulus TITELTHEMA

16
Unbewusste Gedanken
46  Um jeden Preis weitermachen.
und Gefühle? Das ist ein weitverbreitetes Ideal.
Nichts als Hirngespinste Doch bereits die Formulierung zeigt, dass
Warum wir unser Selbst womöglich uns ­Durchhalten viel kosten kann. Manchmal
gar nicht verstehen können, erklärt ­vergessen wir dadurch uns selbst und das,
Nick Chater worum es uns wirklich geht. – Was wir gewin­
nen, wenn wir Projekte aufgeben, und wie
wir den richtigen Zeitpunkt dafür erkennen

4 PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019


58 Freunde im Doppelpack
Treffen befreundete Paare aufeinander,
haben sie erst einmal eine gute Zeit.
Unbeachtet bleibt, wie sie sich dabei
vergleichen und aneinander wachsen
Von Lisa Meyer

64 Abgebrochen
Anders als bisweilen suggeriert,
stürzen Frauen nach einer Abtreibung
nur selten in eine Krise. Wie sie die
Entscheidung verarbeiten, hängt nicht
nur von ihnen selbst ab

46 Ist Selbsterkenntnis
unmöglich? Der
Psychologe Nick Chater revol­
Von Susanne Donner

Die Psychologie des Kochens


72 
tiert gegen Grundannahmen Über die beruhigende Wirkung
der Psychologie und behauptet, der Zubereitung von Essen
dass das, was wir für Einsichten Von Lisa Meyer
in unser Selbst halten, nichts als
Einbildungen sind. Unser Bemü­
hen um Reflexion sei überflüssig.
Das kann beängstigend sein, RUBRIKEN
aber auch befreiend

Therapiestunde
26 
Kein Plan
Von Michael Broda

Psychologie nach Zahlen


38 
Auf Fremde zugehen
Von Anna Gielas

Studienplatz
70 
Tausende Jahre in drei Tagen
Von Ariane Wetzel

Lekys Aussichten
78 
Ich bebe mich durchs Leben
Von Mariana Leky

3 Editorial
6 Themen & Trends

72 Warum zelebrieren so viele


Leute das Kochen? Weil es
nicht nur körperliche, sondern auch
52 Körper & Seele
57 Schilling & Blum: Irgendwas mit Menschen
80 Buch & Kritik
psychische Bedürfnisse befriedigt. 91 Medien
­Kochen vermengt sinnliche, konzentra­ 92 Leserbriefe
tive, soziale und kulturelle Elemente. 93 Impressum
Was mit unserer Psyche geschieht, wäh­ 94 Noch mehr Psychologie Heute
rend wir schnippeln, rühren und braten 95 Markt
106 Im nächsten Heft

PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019 5


REDAKTION:
SUSANNE ACKERMANN

Ich will Sinn zu finden


in all unserem
Tun ist auch
Nicht alles, was wir tun, macht uns gleichermaßen und ob sie zufrieden damit waren, wie sie gerade eine Frage der
Selbstdisziplin
Spaß. Wie könnte man sich motivieren? Vielleicht ihre Zeit verbrachten. Bei allen wurde außerdem er-
indem man sich sehr disziplinierte Menschen zum mittelt, wie hoch ihre Selbstkontrolle war.
Vorbild nimmt. Sie sind offenbar in der Lage, per- Die sehr disziplinierten Teilnehmer konnten Sinn
sönliche Gründe für ihre Aktivitäten zu finden oder in allen Aufgaben finden, egal ob sie dazu aufgefor-
diese als sinnvoll anzusehen – auch wenn sie sie ge- dert worden waren oder die Tätigkeit selbst gewählt
rade nicht mögen. Diese Fähigkeit macht es ihnen hatten, egal ob diese langweilig oder spannend war.
leichter, durchzuhalten und Ziele zu erreichen. Sie schrieben sich quasi selbst vor, etwas tun zu wol-
Zu diesem Fazit kommen Psychologen nach vier len und es für sinnvoll zu erachten. Die Forscher ent­
Studien mit 3000 Teilnehmern, in denen erstmals deckten auch Hinweise darauf, dass die Probanden
ein möglicher Zusammenhang zwischen Selbstkon- dies vor allem dann machten, wenn sie es am meisten
trolle und der sogenannten „autonomen Motivation“ brauchten, etwa in Momenten der Erschöpfung.
untersucht wurde. Diese Art der Motivation beruhe Außerdem stellten die Psychologen fest: Je besser
auf einem ausgeprägten Gefühl der Selbstbestim- ihre Probanden in der Lage waren, selbstbestimmte
mung, heißt es. Gründe für eine Aufgabe zu finden, desto zufriede-
Die Forscher ließen einen Teil der Probanden an ner waren sie damit, wie sie ihre Zeit gerade verwen-
acht aufeinanderfolgenden Tagen in einer Tagebuch- deten. Auch waren diese Teilnehmer mit ihrem Leben
studie erfassen, was sie tagsüber in der Arbeit gerade insgesamt zufriedener und fühlten sich weniger aus-
machten. In den Experimenten mussten die Teilneh- gebrannt. SAC

mer wiederholt langweilige und sinnlose Aufgaben


Benjamin A. Converse u. a.: Self-control and the reasons behind
erledigen. Außerdem erhoben die Psychologen, was our goals. Online first publication, 2018. Journal of Personality
die Probanden gerade antrieb, wie sie sich fühlten and Social Psychology. DOI: 10.1037/pspp0000188

6 PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019


Mein Job
gehört mir!
Menschen, die ihren Job als
ihr Eigentum betrachten,
engagieren sich mehr bei
ihrer Arbeit. Manchmal wirkt sich dies aber
Bis zu 80
der Teilnehmer zweier nationaler
US-Umfragen mit 2000 und 2500
Befragten gaben an, ihrem Arzt re-
%
negativ aus, nämlich dann, wenn diese levante Fakten zu verschweigen,
etwa über ihre Ernährung oder ob
„mentalen Jobbesitzer“ zugleich vermehrt sie Medikamente nehmen und
Sport treiben. Die Forscher sehen
Angst vor Verlusten haben. Dann neigen sie zu zwei Gründe dafür: Menschen
möchten nicht, dass ihre Ärzte sie
destruktivem Verhalten, behalten zum Beispiel verurteilen. Und es sei ihnen pein-
lich, dass sie sich womöglich falsch
wichtige Informationen für sich, um ihren verhalten.

Besitz, sprich den Job zu schützen. Sie tun das DOI: 10.1001/jamanetworkopen.2018.5293

nicht, um anderen zu schaden.


DOI: 10.1037/apl0000337

Wie Frauen
und Männer sind
Sind Männer wirklich risikobereiter als Frauen und
Frauen altruistischer als Männer? Die Frage klingt
wie ein veraltetes Klischee, aber offenbar ist es tat-
sächlich so, stellten Forscher in einer Metaanalyse
fest. Hierzu werteten sie Daten von repräsentativen
Stichproben aus 76 Ländern und mit 80 000 Teilneh-
mern aus allen Kontinenten und unterschiedlichsten
Kulturen aus.
Das Ergebnis: Je weiter ein Land wirtschaftlich
entwickelt war und je mehr Gleichheit es zwischen
den Geschlechtern gab, desto unterschiedlicher die
seelischen Neigungen von Frauen und Männern. Die
Forscher folgern daraus: Stehen uns alle materiellen
und immateriellen Ressourcen zur Verfügung, un-
sere psychischen Präferenzen auch auszuleben, dann
machen wir das. Frauen und Männer sind offenbar
sehr wohl unterschiedlich – sofern sie die Möglich-
keit dazu haben, so die Studienautoren. SAC

Armin Falk, Johannes Hermle: Relationship of gender diffe-


rences in preferences to economic development and gender
equality. Science, 362, 2018. DOI: 10.1126/science.aas9899

PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019 7


Mütter bevorzugen Töchter und Fußballtrainer toben manchmal
und schreien herum, wenn ihre
Väter Söhne, wenn es darum Mannschaft schlecht spielt. Sie
sollten das nicht tun, ergab eine
geht, in welches ihrer Kinder sie Studie. Trainer seien erfolgrei-
cher, wenn sie ihre Gefühle im
investieren wollen. Diese einfache Griff haben und diese regulieren,
gerade nach Niederlagen. An-
Antwort erhielten US-amerikanische und dernfalls steige das Risiko eines
Teufelskreises: Verliere eine
finnische Forscher auf die Frage, wovon es Mannschaft mehrmals, wird der
Coach immer wütender, und es
abhängt, wie Eltern in die Zukunft ihrer wird schwerer, diesen Negativ-
Kinder investieren. Dabei spielten weder trend zu durchbrechen – weil die
Kluft zwischen dem Trainer und
finanzielle Möglichkeiten noch der Mannschaft weiter wächst.

Bildung noch das soziale Milieu DOI: 10.3390/sports6040123

eine Rolle, nur das Geschlecht


der Befragten.
DOI: 10.1038/s41598-018-33650-1

Du siehst gut aus!


Zu viele Selfies zu machen und sich zu vergleichen ver-
schlechtert das Selbstwertgefühl und das Körperbild
von Jugendlichen – solche Sorgen machen sich manche
Eltern. Das brauchen sie aber nicht, zeigt eine kleine
psychologische Studie mit 179 jungen Frauen zwischen
18 und 21 Jahren. Anders als erwartet, beschäftigten
sich diejenigen am intensivsten mit den digitalen Selbst-
porträts, die mit ihrem Körper zufrieden waren und
über ein gutes Selbstbewusstsein verfügten. Offenbar
sei dies für solche Frauen eine Möglichkeit, mehr
Anerkennung für ihr gutes Aussehen zu bekommen,
heißt es.
Dagegen fanden die Psychologen weder Hinweise
darauf, dass intensives Selfieposten das Körperbild ver-
schlechterte, noch darauf, dass sich Probandinnen mit
einem negativen Körperbild oder geringem Selbstwert-
gefühl intensiver mit Selfies beschäftigten, etwa um
mehr Anerkennung zu bekommen. Einige Teilneh-
merinnen gaben an, pro Woche bis zu 30 Bilder von
sich ins Netz zu stellen. SAC

Jolanda Veldhuis u. a.: Me, my selfie, and I: The relations between the
selfie behaviors, body image, self-objectification, and self-esteem
in young women. Psychology of Popular Media Culture, 2018.
DOI: 10.1037/ppm0000206

8 PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019


Digitaler Stress
Die E-Mails nehmen überhand, die aktuelle Soft-
ware ist ein Rätsel, und der Chef kündigt ein noch
komplizierteres Programm an? Wer diese Umstän-
de nur allzu gut kennt, empfindet wahrscheinlich
digitalen Stress. Er entsteht nicht durch die bloße
Präsenz digitaler Technologien, ergab eine Studie.
„Vielmehr tritt er dort auf, wo der Digitalisierungs-
grad des Arbeitsplatzes nicht zu den Kompetenzen
der Arbeitnehmer passt“, schreiben die Forscher.
Wenn die Herausforderung der Technologien die
Fähigkeiten des Einzelnen übersteigt, entstehe Lei-
densdruck.
Die Studie beleuchtet digitalen Stress unter deut-
schen Arbeitnehmern. Die Wissenschaftler befrag-
ten über 2600 Freiwillige zwischen 19 und 88 Jah-
ren mithilfe eines Onlinefragenkatalogs. Die meis-
ten Umfrageteilnehmer gaben ein mittleres Ausmaß
an digitalem Stress an. Dabei waren Frauen stärker und Omnipräsenz von Geräten wie Smartphone und Unsere
gestresst als Männer und Jüngere stärker betroffen Tablet. Letztere empfanden die Befragten als den Fähigkeiten
passen nicht
als Ältere – womöglich weil Arbeitgeber von jüngeren kleinsten der Stressfaktoren. immer zu den
Mitarbeitern besonders gute digitale Kompetenzen Die Forscher hoffen, dass ihre Studie Präven- Anforderungen
erwarten. tionsmaßnahmen fördern kann: „Das Ziel ist, ein der Software

„Die Verunsicherung im Umgang mit digitalen Gleichgewicht zwischen den individuellen Kompe-
Technologien wird als größter Stressor wahrgenom- tenzen und den Anforderungen durch die Digitali-
men“, so die Forscher. Daneben gebe es noch andere sierung herzustellen.“ ANNA GIELAS

Faktoren, die dazu beitrügen: die Unzuverlässigkeit


der Technologien, die digitale Überflutung – also Henner Gimpel u. a.: Digitaler Stress in Deutschland. Eine Be-
fragung von Erwerbstätigen zu Belastung und Beanspruchung
Beschleunigung, Zeitdruck und Zunahme der Arbeit durch Arbeit mit digitalen Technologien. Diskussionspapier
durch digitale Technologien – sowie die Komplexität Nr. 101, Hans-Böckler-Stiftung 2018

Das innere Kind


heilen
Auch als E-Book erhältlich
ISBN 978-3-466-34719-3
336 Seiten| € 24,00 [D]

Erwachsene, deren Mütter in der Kindheit emotional


abwesend waren, können oft nicht genau beschreiben,
was in ihrem Leben fehlt. Sehr oft jedoch kämpfen sie
mit Beziehungs- oder Selbstwertproblemen.
Dieses Buch hilft dabei, die verborgenen Verletzungen
auszugraben. Einfühlsam wird gezeigt, wie man sich
selbst die Mutter sein kann, die man sich damals
gewünscht hätte.

PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019 www.koesel.de


9
Ganz ehrlich?
Stets vollkommen ehrlich mit anderen zu sein, das ver-
meiden wir eher – manchmal fürchten wir, unhöflich
zu sein, auf Unverständnis, Ärger und Ablehnung zu
stoßen. Aber offenbar sind diese Erwartungen falsch,
ergab eine Studie.
Die Psychologen brachten Teilnehmer in einem Feld-
experiment sowie im Labor in verschiedene Gesprächs-
situationen und forderten sie auf, entweder stets abso-
lut ehrlich, jeweils sehr freundlich oder einfach wie im-
mer zu sein. Dabei definierten die Forscher Ehrlichkeit
als Übereinstimmung mit den eigenen inneren Über-
zeugungen, Gedanken und Gefühlen, unabhängig da-
von, ob diese richtig oder falsch waren.
Die Teilnehmer fanden die ehrlichen Gespräche viel
angenehmer als gedacht und reagierten weniger negativ
als befürchtet auf offene Kritik. Die grundehrlichen Un-
terhaltungen erhöhten das Wohlbefinden, wurden als
sehr sinnvoll empfunden und stärkten das Gefühl, mit

Viele mögen dem Gesprächspartner verbunden zu sein. SAC

das Alleinsein nicht Emma Levine, Taya R. Cohen: You can handle the truth: Mispredic-
ting the consequences of honest communication. SSRN, 2018.
DOI: 10.2139/ssrn.2910067
Jeder ist immer wieder mal allein – aber es ist nicht
für alle dasselbe. Die einen fühlen sich einsam und
deprimiert, andere genießen die Ruhe, mal ganz
für sich zu sein. Psychologen haben 100 Ältere und
50 Studenten je dreimal am Tag über zehn Tage hin-
weg zu ihren Gedanken, ihrer sozialen Situation und
ihrem emotionalen Empfinden befragt. Sie wollten
wissen, wie die Teilnehmer das Alleinsein erlebten
und ob es etwas mit ihrer Persönlichkeit zu tun hatte.
Die Mehrheit – 50 Prozent der Probanden – ent-
wickelte negative Gefühle, wenn sie allein waren oder
keine soziale Interaktion hatten. Eine Minderheit von
25 Prozent machte positive Erfahrungen. Die übrigen
Teilnehmer empfanden gemischte Gefühle.
Diejenigen Befragten, die leicht ins Grübeln ge-
rieten, sich immer wieder selbst reflektierten und
hinterfragten, neigten eher zu negativen Gefühlen.
Teilnehmer mit einem guten Selbstvertrauen, die po-
sitiv über ihre sozialen Fähigkeiten dachten, konnten
es eher genießen, allein zu sein. Laut den Forschern
sind weitere Untersuchungen nötig, um herauszu-
finden, wie viel Zurückgezogenheit für die jeweiligen
Charaktere wohltuend ist und wann das Alleinsein
doch zu viel wird. ARIANE WETZEL

Jennifer C. Lay u. a.: By myself and liking it? Predictors of


distinct types of solitude experiences in daily life. Journal of
Personality, 2018. DOI: 10.1111/jopy.12421

10 PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019


HAHA!
Lachen ist gesund. Aber warum? Und was bringt uns überhaupt zum Lachen?

FRÜHE ENTWICKLUNG
Lachen ist etwas, das Menschen über alle Kulturen
teilen und das uns in die Wiege gelegt ist: Säuglinge

Hihi
lachen schon ab einem Alter von etwa vier Monaten,
wenn man sie kitzelt, oder sogar noch früher. Viele
lächeln schon im ersten Monat nach der Geburt.

o h o
H Hehe

TYPISCHES MUSTER
KOOPERATIVE WIRKUNG Ein Lachen besteht aus einer raschen
Lachen wirkt ansteckend und verbindet uns Folge von Lauten, die in einem charak-
so mit anderen. Es signalisiert grundsätzlich teristischen rhythmischen Muster ver-
die Bereitschaft zum „Spielen“, zeigt also, knüpft sind. Trotz individueller Unter-
dass wir uns in einer Situation sicher fühlen, schiede können wir es bei anderen
und das schafft Vertrauen und Nähe. Es leicht als solches erkennen. Stimmhaf-
führt zudem zu einer kurzzeitigen tes Lachen empfinden wir als positiver
Schwächung der Muskulatur.
Die Quellen zu dieser Studiengrafik finden Sie auf psychologie-heute.de / literatur. Illustration: Anton Hallmann / Sepia. Text: Eva-Maria Träger

und freundlicher als lautloses.

SOZIALE FUNKTION
Lachen ist wie Lächeln ein wichtiges
soziales Signal. Es tritt in mehr als 95
Prozent unserer Unterhaltungen auf.
In einem Gespräch mit Menschen, mit
denen wir befreundet sind, lachen wir
eher, als wenn wir uns mit Fremden
austauschen.

GERICHTETER EINSATZ
Wir werden häufig unwillkürlich
zum Lachen gebracht, können
Lachen aber auch bewusst
selbst hervorrufen – und
setzen es mitunter auch
strategisch ein. Vor oder
nach einem verbalen Angriff
etwa lachen wir oft,
um die Situation zu
entschärfen.

POSITIVER EINFLUSS
Wir lachen aus vielfältigen Gründen – etwa BESCHÄMENDE ERFAHRUNG
weil wir uns amüsieren, um Zustimmung zu Unter Gelotophobie versteht man die Furcht,
zeigen oder einfach weil andere auch lachen. ausgelacht zu werden. Betroffene sind davon
Meist ruft es positive Gefühle in uns hervor, überzeugt, auf andere lächerlich zu wirken.
es fördert Stimmung und Energie und wirkt Sie empfinden Lachen nicht als Ausdruck
Angst, Ärger und Stress entgegen. von Freude, sondern als bösartig und
beziehen es irrational häufig auf sich.

PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019 11


IM FOKUS

Eine Katastrophe wirkt nach: Lauenburg


in Schleswig­Holstein im Jahr 2013 –
die Elbe ist über die Ufer getreten, die
Stadt steht unter Wasser

12 PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019


Im Angesicht
der Katastrophe
Das bisherige Jahrhundert der Katastrophen begann am
11. September 2001 in New York. Es folgten weitere Terror-
anschläge, Tsunamis, Beben, Brände, Stürme und Fluten. Welche
Auswirkungen solche Katastrophen auf Menschen und die
Gesellschaft haben, untersucht das Team von Martin Voss an der
Katastrophenforschungsstelle der Freien Universität Berlin

Herr Professor Voss, was ist das eigentlich, eine Machen wir es konkret und bleiben wir in Deutsch­
Katastrophe? land. Wie war das zum Beispiel nach dem Elb­
Das ist ein sehr flexibler Begriff, sozialwissenschaft- hochwasser im Jahr 2013 bei Fischbeck in Sach­
lich gesehen. Wir Katastrophenforscher definieren sen­Anhalt, als ein Deich gebrochen ist?
die Katastrophe nicht nach irgendwelchen objektiven Da fragten sich die Leute, warum der Deich ausge-
statistischen Merkmalen, nach Schadenssummen rechnet an dieser Stelle gebrochen ist, wo er eigentlich
oder Opferzahlen. Sondern wir schauen, was die Ka- gar nicht hätte brechen können, sollen, dürfen. Im
tastrophe für verschiedene Menschen bedeutet und Martin Voss kollektiven Gedächtnis war nicht mehr präsent, dass
was daraus für sie folgt. Und darauf gibt es ganz vie- ist Professor für es dort vor längerer Zeit schon verheerende Hoch-
sozialwissenschaftliche
le Antworten. Eine Katastrophe ist das, was Menschen wasser gegeben hatte. Und so findet man vor Ort die
Katastrophenfor-
als solche bezeichnen. schung an der Freien
Vermutung, dass gezielt gesprengt wurde, um Was-
Und als solche empfinden. Universität Berlin und ser ablaufen zu lassen und Magdeburg zu schützen,
Das ist eng miteinander gekoppelt. Die Bezeichnung leitet die dortige Kata- und dass die Dörfer in der Gegend ‚geopfert‘ wurden.
strophenforschungs-
gibt immer auch einen Modus des Empfindens wie- stelle (KFS)
Daran koppelt sich alles Mögliche: Wer könnte kon-
der. Die Katastrophe konnotiert meist etwas Schick- kret dafür verantwortlich gewesen sein? Letztlich
salhaftes. Die Katastrophe legitimiert den Menschen lassen sich solche Theorien nicht völlig aus der Welt
zu weinen, zu leiden, zu trauern, zu verzweifeln. Man schaffen, selbst wenn überhaupt nichts an ihnen dran
kann sogar sagen: Die Katastrophe lässt sich daran ist, weil man kaum den Gegenbeweis führen kann,
erkennen, dass Menschen die Sinnfrage stellen. dass nicht gesprengt wurde. Insofern bleibt immer
Warum ist das passiert? Warum ist das mir passiert? etwas hängen, vor allem Vertrauensverlust und Skep-
Sie meinen, dies ist ein einendes Element der sis gegenüber den Behörden.
Katastrophe? Das Hochwasser dort ist ja schon einige Jahre
Ja genau. Das ist das Globale an der Katastrophe, dass her. Die Verarbeitung müsste doch langsam be­
diese Frage überall gestellt wird: Warum? Bei den endet sein?
Antworten gehen Menschen entweder ins Spirituell- Das glauben Sie vielleicht. Die Wahrheit sieht anders
Mystische oder ins Rational-Technische. In diesem aus. Wir haben das untersucht und können sagen:
finden Sie ein weites Feld an Erklärungen, immer Auch drei, vier, fünf Jahre danach merken wir, dass
von der jeweiligen Kultur geprägt. für viele Menschen die Katastrophe nicht vorbei ist.

PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019 13


IM FOKUS

Menschen verhalten sich im Und umgekehrt? Gab es Leute, die sich in der
Katastrophe als unerwartet resilient erwiesen
­Katastrophenfall meist soli- haben?

darisch, bereichern sich nicht Auch in dieser Richtung haben wir Überraschungen
erlebt. Es gab Menschen, die vor dem Hochwasser
am Hab und Gut des Nachbarn eher vulnerabel erschienen. Aber diese Leute hatten
beispielsweise aufgrund einer bestimmten berufli-
chen Situation die Kompetenz, Menschen mehr zu
helfen als andere. Sie hatten einen Berufsabschluss,
der sie nicht gerade ökonomisch herausgestellt hätte.
Aber dann wurden sie zu guten Samaritern, sind so-
Wir haben es bei der Verarbeitung mit einem fort- zial gestärkt aus der Katastrophe hervorgegangen und
laufenden Prozess zu tun, der wahrscheinlich kein gewannen an Ansehen im Dorf.
wirkliches Ende hat. Viele der Betroffenen wollten Wo wir bei Helden sind: Ist der Held des Alltags
drei Jahre später noch immer nicht über das Erlebte auch der Held in der Katastrophe?
sprechen. Die Menschen leiden hinter ihren Vorhän- Wir können nicht linear sagen, dass der, der im Be-
gen unter vielfältigen Konsequenzen – Alkohol, Kon- rufsleben als Manager eine Führungsrolle innehat
flikte in der Familie, zerbrochene Ehen. Manche und Verantwortung für Menschen trägt, auch in der
mussten sich beruflich umorientieren. Wenige haben Katastrophe am rationalsten agiert und die Zügel in
ihre Heimat verlassen. die Hand nimmt. Umgekehrt können wir sagen, dass
Bedeutet eine Katastrophe dann so etwas wie Leute, die normalerweise nicht in Führungspositio-
eine psychosoziale Zäsur? nen sind, diese Kompetenz in der Katastrophe ent-
Ja, wir erkennen lauter Brüche, die zeigen, dass sich wickeln können. Da gibt es empirisch alle möglichen
das soziale und psychologische Gefüge vor Ort deut- Beispiele für die eine wie die andere Richtung. Da ist
lich verändert und noch nicht wieder in ein Gleich- etwa der Kellner, der beim Großbrand im Club im-
gewicht und eine Ordnung gefunden hat. Das sozi- mer wieder hineinrennt und Menschen herausholt,
ale Gefüge wird immer noch ausgehandelt. Es sind während der Geschäftsführer längst über alle Berge
aber auch Erinnerungskulturen erwachsen von der ist. Die Menschen verhalten sich in der Katastrophe
Art, dass man in dieser Zeit ein Gemeinschaftsgefühl nicht einfach, wie man es unter Alltagsbedingungen
erlebt hat, dass das Hochwasser die Menschen stark erwarten würde.
aneinander gebunden hat. Doch danach treten oft Was würde man denn erwarten?
wieder alte Konflikte hervor, etwas verändert viel- Die meisten Menschen stellen sich vor, dass im Fal-
leicht, teils sogar verstärkt. le einer Katastrophe Panik ausbricht, Schockstarre,
Wer leidet am stärksten unter einer Katastrophe? irrationales Verhalten, Plünderungen und egoisti-
Menschen, die zuvor schon eher labil waren, die sches Gebaren auftreten und dass die Leute hilflose
wenig Einkommen haben oder wenig innere Wi­ Opfer sind. Solche Vorstellungen bezeichnet die Ka-
derstandskraft? tastrophenforschung als Desaster-Mythen. Die Em-
Grob gesprochen: ja. Aber hinter dieser Matrix ver- pirie zeigt hingegen, dass diese Vorstellungen äußerst
bergen sich nicht selten Leidensstrukturen, die stark selten und nur unter sehr besonderen Bedingungen
biografisch und kontextuell geprägt sind, individu- zutreffen. Solche Desaster-Mythen halten sich auch
ell und kollektiv. Da kommen alte Konflikte hoch, nach unseren Erkenntnissen beharrlich. In unserer
aus Wendezeiten, aus DDR-Zeiten und noch viel wei- repräsentativen Umfrage mit 1000 Berlinern erwar-
ter zurück. Landkonflikte zum Beispiel, die vor zig teten zum Beispiel fast zwei Drittel der Befragten
Jahren abgelaufen waren. Da brechen plötzlich sozi- eine Panik im Katastrophenfall.
ale Konflikte auf, die auch Leute mit viel Hab und Wie verhalten sich die Menschen denn tatsäch­
Gut sehr belasten, sie psychisch stark angreifen. Na- lich?
türlich gilt in der Regel: Wer viel Geld hatte, war in Tatsächlich verhalten sie sich meist solidarisch. Von
der Katastrophe besser geschützt und konnte sie bes- sozialen Normen abweichendes Verhalten ist nicht
ser bewältigen. Doch zum Teil haben Menschen völlig ausgeschlossen, aber eben seltener als erwartet.
furchtbar gelitten, von denen man es nach rein sta- Menschen verhalten sich allermeist nicht asozial, und
tistischen Kriterien nicht erwartet hätte. Und sie tun sie bereichern sich auch nicht am Hab und Gut des
es noch immer. Nachbarn, nur weil der sich hat evakuieren lassen.

14 PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019


Und was passiert während einer Massenpanik Es ist nicht später einsetzt. Für die Lagebewältigung werden noch
wie bei der Love-Parade 2010 in Duisburg? sicher, dass mehr Ressourcen benötigt – gerade bei psychosozi-
Dass bei der Love-Parade im Gedränge Menschen ein Manager aler Notfallbetreuung. Menschen brauchen oft viele
über andere gestolpert sind, lässt sich nicht wirklich Jahre, wenn nicht Jahrzehnte Unterstützung und
auch im
mit Panik erklären. Das passiert in der Regel weder gesellschaftliche Anerkennung ihres Leids. Das muss
aus egoistischen Motiven, noch weil Menschen voll- Fall einer sich eine Gesellschaft aber leisten wollen.
kommen den Kopf verlieren. Da kann man nicht an- Katastrophe Wie kann ich mich am besten auf die nächste
ders, man wird geschoben. Auch hier dominierte ganz die Führung Katastrophe vorbereiten? Indem ich mich be­
klar das prosoziale Verhalten. Grundsätzlich: Man übernimmt sonders gut sozial vernetze, um Hilfe zu bekom­
sucht nach Informationen und man informiert selbst, men?
wen man erreichen kann. Und da ist plötzlich auch Tatsächlich ist das soziale Netzwerk auch im Katas-
der Nachbarschaftskonflikt nicht mehr dominant. trophenfall sehr wichtig, denn im Notfall ist es immer
Man versucht herauszufinden, wo man aktiv werden besser, Teil einer solidarischen Gemeinschaft zu sein.
kann. Vielleicht kann man den Feuerlöscher in die Das hat sich bei vielen Katastrophen gezeigt, vor kur-
Hand nehmen. Es läuft also erst einmal ein sehr ra- zem etwa beim Hurrikan Irma in den USA. Ohne
tionaler Katalog an Verhaltensweisen ab. Aus Sicht Nachbarschaftshilfe wäre die Zahl der Opfer vermut-
des Katastrophenschutzes ist es sehr wichtig, dass lich deutlich höher ausgefallen. Aber: Obacht bei der
Menschen eine realistische Vorstellung davon haben, Auswahl der Freunde! Denn nicht jedes soziale Netz-
mit was sie in einer solchen Situation rechnen müs- werk ist per se gut. Wenn Sie sich zum Beispiel als
sen, das ist dann sozusagen ein verstärkender Effekt, Mensch mit Migrationshintergrund nur in Ihrer
der die geringe Wahrscheinlichkeit abweichenden Muttersprache bewegen, dann bekommen Sie weni-
Verhaltens nochmals reduziert. ger der wichtigen Informationen, die relevant sind.
Die nächste Katastrophe, das nächste Hochwas­ Möglichst offene Netzwerke sind in Bezug auf Kata-
ser kann schneller kommen, als man denkt. Was strophen wichtig.
sollte aus psychologischer Sicht besser gemacht Es gibt ja auch Menschen, die Katastrophen be­
werden? harrlich ignorieren.
Wir arbeiten eng mit Hilfsorganisationen wie dem Ja, das sehen wir in einem laufenden Projekt zu Ex-
Deutschen Roten Kreuz zusammen, das auch an un- tremwetterwarnungen: Einige Menschen machen im
serem Hochwasser-Forschungsprojekt beteiligt war. Katastrophenfall dicht und wollen keine Informati-
Nach unseren Resultaten müsste in einer Katastro- onen. Andere wiederum reagieren über. Das liegt
phenbewältigungssituation ein Betreuungsdienst unter anderem daran, dass wir durch die modernen
dafür sensibilisiert sein, dass er es mit Menschen zu Massenmedien bei fast jeder Katastrophe im letzten
tun hat, bei denen psychisch gerade sehr viel in Be- Winkel der Erde quasi in Echtzeit dabei sind, obwohl
wegung gerät und eine große Verletzlichkeit besteht. wir uns in Sicherheit befinden. Auch dadurch, also
Und dass gerade diese Verletzlichkeit die Aufmerk- unabhängig von der Frage, ob Katastrophen tatsäch-
samkeit der Betreuer fordert und rechtfertigt. lich mehr geworden sind, erscheint die Zukunft als
Können das die Hilfsorganisationen überhaupt zunehmend unsicher. Zwischen beiden Typen gibt
leisten? es jedenfalls ein breites Spektrum der Katastrophen-
Sie haben recht: Die Hilfsorganisationen haben nur Risikowahrnehmung. Wir klassifizieren diese Typen
begrenzte Ressourcen und können sich nicht um al- und denken über Wege nach, Informationen stärker
les kümmern. Es sind ja fast alles Ehrenamtliche, die zu personalisieren, dem jeweiligen Bedarf entspre-
ohnehin schon viel Freizeit und Energie aufbringen, chend. Mit einer App könnte man beispielsweise den
um das alles nebenher zu machen. Es ist uns dennoch individuellen Risikotyp erfassen und jeden Einzelnen
wichtig, zu zeigen, dass man mit den vorhandenen im Falle des Falles mit passgenauen Informationen
Möglichkeiten sehr viel mehr für die psychischen versorgen. So eine App könnte die Menschen zugleich
Bedürfnisse der Opfer tun kann, wenn man weiß, in Hilfsmaßnahmen einbinden, gemäß ihren Fähig-
was in deren Köpfen gerade vorgeht. Da schauen wir keiten und Kompetenzen. Dazu haben wir in einem
gemeinsam mit den Hilfsorganisationen, wie sie sich anderen Forschungsprojekt unter der Leitung eines
auf den nächsten Fall noch besser vorbereiten kön- Fraunhofer-Instituts gearbeitet, um die bereits ver-
nen. Zeitversetzte Angebote erscheinen beispielswei- breitete Katwarn-App weiterzuentwickeln. 
se angebracht, weil bei einigen Katastrophenopfern INTERVIEW: KLAUS WILHELM

die psychische Verarbeitung erst Monate bis Jahre PH

PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019  15


16
ILLUSTR ATIONEN: OLIVER WEISS
TITEL

Die Kunst
des Aufgebens
Wer erfolgreich sein will, muss vor allem eines
können: durchhalten, dranbleiben, nicht lockerlassen.
So lautet das gängige Credo. Dabei ist es in
manchen Situationen viel sinnvoller, ein Ziel
aufzugeben – und zu neuen Ufern aufzubrechen
VON ANNETTE SCHÄFER

N
ach Island auswandern – das war Anfang 2017 schien der Traum greifbar nah. Der
für Madeline Jost und ihren Hausrat war verpackt, nur der endgültige Zuschlag
Freund Jan Wölke der ganz große für das Haus fehlte noch. Und dann kam der große
Traum. Die schreibende Fotogra- Rückschlag. Die Eigentümer teilten ihnen mit, sie
fin (31) und der Musiker (37) aus würden das Anwesen nun doch an die lokalen Bauern
Hamburg waren 2016 sechs Monate lang mit einem verkaufen. Vier Monate hatte das Paar geplant und
kleinen Wohnmobil kreuz und quer über die Insel organisiert, und nun stand es auf einmal mit leeren
im Atlantik gefahren und hatten auf ihrem Blog Händen da. Was tun? Aus Sorge, auf der Insel kein
Soundtracking die Musikszene des Landes dokumen- ähnlich attraktives und erschwingliches Objekt zu
tiert. Danach war ihnen klar: Wir wollen auf Dauer finden, verzichteten sie darauf, nach Alternativen zu
auf Island leben. Zurück in Deutschland, stürzten suchen und noch mehr Zeit und Energie zu
sie sich in die Organisation. Mithilfe isländischer investieren. „Wir waren traurig und verzweifelt“, er-
Freunde fanden sie ein altes Bauernhaus, das sie kau- zählt Madeline. „Dennoch beschlossen wir, den
fen wollten, um daraus ein kleines Museum mit an- Traum von Island aufzugeben.“
geschlossener Zimmervermietung zu machen. Sie Wenn man dem berühmten Football-Coach
verhandelten mit den Eigentümern, engagierten Vincent Lombardi glaubt, dann sind Leute wie
Handwerker und bereiteten den Umzug vor. Madeline Jost und Jan Wölke Verlierer. Der 1970

PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019 17


Erfolgreiche Menschen Aber Ausdauer sei nur eine Seite der Medaille:
„Man kann auch zu viel Durchhaltevermögen haben.
wissen, wann man dranbleibt. Wenn ein Mensch an einem Ziel klebt, obwohl es ihn
immer wieder überfordert und seine Kräfte über-
Und wann man aufgibt steigt, dann ist das kontraproduktiv“, so Brandstät-
ter. „Exzessive Persistenz“, wie Psychologen das nen-
nen, führe zu ständigen Frustrationen und könne
sogar depressive Verstimmungen hervorrufen. Au-
ßerdem vergebe man die Chance, seine Energie, Zeit
und andere Ressourcen in gewinnbringendere Pro-
v­ erstorbene Amerikaner hat den Spruch geprägt: jekte zu stecken. „Jeder hat sicher Beispiele parat, wo
„Gewinner geben niemals auf, und Leute, die aufge- er im Nachhinein sagt: Es wäre besser gewesen, wenn
ben, gewinnen nie.“ Damit hat er das Ideal der west- ich das Ziel früher aufgegeben hätte.“
lichen Kultur ziemlich gut auf den Punkt gebracht. Auch der amerikanische Psychologe Alan Bern-
Man bewundert Leute, die trotz Schwierigkeiten un- stein und die Wissenschaftsjournalistin Peg Streep
beirrt an ihren Zielen festhalten. Diese Einstellung betonen, dass Aufgeben eine wertvolle Fähigkeit ist,
scheint in den USA besonders ausgeprägt zu sein, die einen im Leben voranbringt. Dinge beenden zu
aber auch hierzulande regiert die Norm, dass man können sei wichtig, erläutern sie in ihrem Buch Quit-
sich nicht unterkriegen lässt und einmal Begonnenes ting, weil der menschliche Verstand darauf program-
zu Ende führt. miert sei, hartnäckig zu sein, selbst wenn ein Ziel
Dabei wird leicht vergessen, dass es in manchen unerreichbar ist. Diese inneren Programme, die oft
Situationen besser ist, genau das Gegenteil zu tun: unbewusst abliefen, könnten einen beispielsweise
Projekte beenden, Pläne ad acta legen. Das Aufgeben dazu verleiten, die eigenen Fähigkeiten zu überschät-
führe zu Unrecht ein Schattendasein, sagen Psycho- zen oder sein Engagement noch zu erhöhen, wenn
logen, denn für ein ausgeglichenes und erfüllendes einem ein Ziel entgleitet. Solche Impulse seien au-
Leben sei Ziele loslassen zu können ebenso wichtig ßerordentlich nützlich gewesen, als das Überleben
wie dranzubleiben. Damit ist nicht gemeint, bei der des Menschen noch ganz von physischen Betätigun-
ersten Schwierigkeit die Flinte ins Korn zu werfen. gen wie dem Jagen, von schnellen Reaktionen und
Aber von Zielen abzulassen kann sinnvoll sein – wenn eisernem Durchhaltewillen abhängig war. Auch heu-
sie unrealistisch sind, wenn sie nur unter sehr hohem te noch setze der Verstand diese Strategien ein, die
Aufwand zu erreichen sind, wenn man über lange nichts mit Rationalität und Logik zu tun haben.
Zeit nicht weiterkommt oder wenn sie den eigenen Zu lernen, wie man aufgibt, kann einen davor be-
Bedürfnissen oder Fähigkeiten nicht (mehr) entspre- wahren, aussichtslose Unternehmungen immer wei-
chen. Nicht nur tut es Körper und Seele gut, weil es ter zu verfolgen. Aufzugeben sei kein Selbstzweck,
abträgliche Belastungen reduziert. Es kann auch Frei- heben Bernstein und Streep hervor, sondern ein not-
raum dafür schaffen, neue Vorhaben im Beruf und wendiger erster Schritt, um einen Neustart zu machen
Privatleben anzugehen, die einem wirklich liegen. und seine Ziele umzudefinieren. „Den Wert des Auf-
gebens zu akzeptieren mag der eigenen Intuition wi-
Exzessive Persistenz dersprechen. Wir haben alle gelernt, dass Aufgeben
Veronika Brandstätter, Psychologieprofessorin an ein Zeichen von Schwäche ist. Doch die Wahrheit
der Universität Zürich, hat das Aufgeben von Zielen ist: Erfolgreiche Menschen wissen sowohl, wann man
intensiv erforscht. Sie bestreitet nicht, dass Stehver- dranbleibt, als auch, wann man aufgibt.“
mögen und Ausdauer wichtig sind, ganz im Gegen-
teil. „Sie sind die Grundvoraussetzungen jeglichen Ein ausgeträumter Traum
Lernens. Alles, was wir können, haben wir nur ge- In diesem Licht betrachtet, sind Madeline Jost und
lernt, weil wir ausdauernd waren und bei Schwie- ihr Freund Gewinner – und sie sehen sich auch selbst
rigkeiten, die beim Lernen immer auftreten, dran- als Menschen, die etwas gewonnen haben. Den Traum
geblieben sind.“ Die Arbeiten von Forschern wie vom Auswandern aufzugeben sei nicht leicht gewe-
Angela Duckworth (University of Pennsylvania) be- sen, wie die Fotografin betont: „Aber heute sage ich:
legen, wie wichtig Hartnäckigkeit (grit) für den Er- Was für ein Glück, dass wir nicht weiter einem aus-
folg in der Ausbildung, im Beruf und in Beziehungen geträumten Traum hinterhergelaufen sind.“ Zunächst
ist (siehe Psychologie Heute 11/2016). hätten sie sich sehr verloren gefühlt. Aber dann

18  PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019


TITEL

gingen sie die Neugestaltung ihrer Zukunft ganz sys- Zielen lösen, zeichnen sich durch ein hohes psychi- Hab ich das
tematisch an: Sie beschlossen, an einen Ort zu ziehen, sches Wohlbefinden aus, wie die Untersuchungen Zeug zur
Superwoman?
der ähnlich menschenleer und ruhig wie Island ist, des Motivationsforschers Carsten Wrosch (Concordia Oder ist es
aber in der Nähe ihres alten Wohnortes Hamburg University, Montreal) und anderer Wissenschaftler sinnvoll, Platz
liegt. Eine Google-Suche legte eine passende Region zeigen. Solche Leute fühlen sich weniger nervös und für neue
Vorhaben zu
nahe: das Wendland. unter Druck und empfinden eher, dass sie ihre Zu-
schaffen?
Und dann ging alles ganz schnell: Innerhalb von kunft gestalten und steuern können. Ziele nicht los-
drei Wochen fanden sie in Lüchow eine große helle lassen zu können ist dagegen mit hoher emotionaler
Wohnung, in die sie zügig einziehen konnten. Ein- Belastung, Stressgefühlen und depressiven Sympto-
mal dort, knüpften sie Kontakte zu alten und neuen men verbunden.
Freunden, akquirierten Projekte und Auftraggeber.
Kurze Zeit später kauften sie sich ein Haus, das sie Ein Ziel, das zu einem passt
jetzt umbauen und schon bald bewohnen werden. Wer unrealistische Vorhaben aufgibt, reduziert Stress
„Wir haben nun hier im Wendland das gefunden, – und das tut auch dem Körper gut. So wurden in
was uns an Island so gefallen hat“, resümiert Made- einer weiteren Studie von Wrosch Probanden, die
line. „Dadurch ist mir klargeworden, dass ich viele sich relativ leicht von Zielen abwenden konnten, we-
Möglichkeiten habe, mir das Leben so einzurichten, niger von Verdauungs- und Schlafstörungen, Ekze-
wie es mir entspricht. Das gibt mir ein unglaubliches men, Asthmaanfällen und anderen Gesundheitspro-
Vertrauen. Zudem hat uns die gemeinsame Erfah- blemen geplagt als Menschen, die an einem einmal
rung als Paar auf die Probe gestellt und uns näher ins Auge gefassten Ziel klebten. Aufgeben kann aber
zusammengebracht.“ nicht nur körperliche und seelische Erleichterung
Positive Effekte, wie sie Madeline beschreibt, sind verschaffen, sondern einen auch auf einen Pfad zu
kein Einzelfall. Studien zeigen, dass Aufgeben in meh- mehr Erfüllung und Zufriedenheit bringen. Denn
rerlei Hinsicht förderlich ist. Menschen, die von sich wenn man ein bisheriges Vorhaben fallenlässt und
sagen, dass sie sich eher leicht von unrealistischen sich neuen Möglichkeiten öffnet, dann stehen die

PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019 19


Den lange erträumten Roman nische Autor Seth Godin in einem kleinen Ratgeber
erläutert. Egal ob man Sportler, Grafikdesigner oder
zu schreiben – es gelingt nicht. Firmenchef sei: Wer Herausragendes erreichen wolle,
so Godin, der müsse Zeit und Energie in das vielver-
Ein echter Schlussstrich ist nun sprechendste Ziel stecken – und jene, in denen man
wichtig nur mittelmäßig ist oder trotz größter Anstrengun-
gen über längere Zeit nicht weiterkommt, von der
Liste streichen. Dieses strategische Aufgeben, wie er
es nennt, habe nichts mit Scheitern zu tun, sondern
sei „eine bewusste und kluge Entscheidung auf der
Chancen gut, dass man ein Ziel findet, das besser zu Basis der Optionen, die einem zur Verfügung stehen“.
einem passt. Darauf deutet eine Studie von Veroni- Die positiven Wirkungen des strategischen Auf-
ka Brandstätter und Marcel Herrmann mit jungen gebens sind auch empirisch belegt. Experimental-
Erwachsenen hin. „Nachdem man ein wichtiges Ziel studien eines Teams um den australischen Sportpsy-
aufgegeben hat, was ja nicht leicht ist, geht man bei chologen Nikos Ntoumanis (Curtin University, Perth)
der Suche nach Alternativen in der Regel sorgfältiger zeigten, dass Athleten, die relativ früh erkannten,
vor“, erläutert die Wissenschaftlerin. „Man hat in dass ein vorgegebenes Ziel in einer Sportart (Rad-
gewisser Weise seine Lektion gelernt und eruiert sei- fahren) für sie unerreichbar war, und auf eine ande-
ne Möglichkeiten nun sorgsamer. Man hat sich selbst re Sportart (Rudern) umsattelten, weniger grübelten
vielleicht auch besser kennengelernt und weiß ge- und emotional haderten als Sportler, die länger an
nauer, worauf es einem wirklich ankommt.“ ihrem unrealistischen Ziel festhielten. Der Wechsel
Das kann bedeuten, das Chemiestudium trotz auf ein vielversprechenderes Vorhaben führe auch
guter Noten abzubrechen, weil man feststellt, dass zu insgesamt höheren Leistungen, vermutet der For-
man für die einsame Arbeit im Labor zu menschen- scher – eine These, die er gerade in einer aktuellen
orientiert ist, und auf Jura umzusatteln mit dem Ziel, Studie untersucht. „Ein unerreichbares Ziel aufzu-
später mal als Mediator zu arbeiten. Oder jemand geben setzt neben Zeit und Energie auch kognitive
gibt die ehrenamtliche Arbeit im Hospiz dran, weil und emotionale Ressourcen frei, die genutzt werden
sie ihn seelisch überfordert. Und engagiert sich künf- können, um andere Ziele mit größerem Erfolg zu
tig für ältere Menschen in einem Verein für Nach- verfolgen“, so Ntoumanis.
barschaftshilfe.
Schließlich ist Aufgeben auch eine wirkungsvol- Warum das Loslassen so schwerfällt
le Strategie, um seine Erfolgsaussichten zu erhöhen. Die Reißleine zu ziehen ist in manchen Situationen
Das klingt vielleicht paradox, ist in der Wirtschaft die genau richtige Entscheidung – aber eine, die ganz
aber schon lange bekannt. Ein berühmtes Credo des schön schwerfallen kann, wie Christine Bader fest-
ehemaligen Chefs des US-Konzerns General Electric, stellte. Die Managerin und Autorin aus Seattle kün-
Jack Welch, lautete: „Entweder wir sind mit einem digte 2017 ihren vermeintlichen Traumjob als Di-
Produkt auf dem Weltmarkt die Nummer eins oder rektorin für soziale Verantwortung bei Amazon, den
zwei, oder wir halten uns mit sie erst 2015 angenommen und auf den sie seit Jahren
dem Produkt nicht auf.“ hingearbeitet hatte. „Er stellte sich als doch nicht so
Dies ist eine Heran- perfekt heraus“, wie Bader in einem Artikel in der
gehensweise, die New York Times schreibt, „nicht zuletzt, weil sich
auch für Indivi­ meine Zwillinge während meiner 22-monatigen
duen vielverspre- Tätigkeit von stummen Babys in neugierige und
chend sein kann, unwiderstehliche kleine Menschen verwandelt hat-
wie der amerika- ten. Meine Bürostunden waren zu bewältigen, aber

20 PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019


TITEL

wenn ich nach Hause kam, war ich nicht so präsent, Situation gefangen. Handlungsorientierte Menschen
wie ich es sein wollte.“ dagegen können negative Gefühle regulieren, bleiben
Sie hätte es durchziehen können, meint sie in der entscheidungsfreudig und nach vorne gerichtet – und
Rückschau, schließlich half ihr Mann kräftig mit, verabschieden sich, wenn nötig, von einem Projekt.
und sie hatte ein großzügiges Gehalt. „Aber als ich Zudem tun sich Menschen, deren Motivation es
innehielt und mal wirklich aufmerksam war – und ist, etwas zu vermeiden („Ich will keine
aufhörte, geschäftig die Logistik zu managen und Fehler machen und keinen Misserfolg
durch den Schmerz zu laufen, wie man das [im haben“), schwerer mit dem
Laufsport] nennt –, wusste ich, dass die Situ- Aufgeben als solche, die
ation nicht richtig war. Also gab ich den Job etwas erreichen wollen
auf.“ Dabei ließ sie es nicht bewenden: Sie („Ich will Erfolg ha-
verabschiedete sich auch von halbfer- ben“). In einer Studie
tigen Schreibprojekten, die nicht in der Psychologinnen
Fluss kommen wollten, und gab das Heather Lench und Linda
Marathonlaufen, das ihr in der Tat Levine mussten Probanden in
Schmerzen verursachte, auf. einer vorgegebenen Zeit drei Se-
Leichtgefallen sei ihr das Loslas- rien von Anagrammen lösen, also
sen nicht, gibt sie zu. Es habe ihr weh- Buchstabenrätsel, bei denen man durch Um-
getan, das Team bei Amazon zu ver- stellen von Buchstaben aus einem Wort ein
lassen. Und wenn sie andere Marathonläufer sah, neues sinnvolles Wort bildet. Der Dreh: Die erste
verspürte sie heftigen Neid. „Aber die Qualität und Serie enthielt nur Wörter, aus denen sich keine an-
Quantität an Zeit, die ich nun für meine Familie und deren sinnvollen Wörter bilden ließen. Es zeigte sich,
für mich habe, haben mich mehr als entschädigt. dass sich Teilnehmer mit Vermeidungszielen länger
Mir ist klargeworden, dass man manchmal die Pau- mit den unlösbaren Rätseln aufhielten (und mehr
setaste drücken muss.“ Ärger dabei empfanden), während die Teilnehmer
Im Nachhinein ist es oft offensichtlich, dass es mit (positiven) Annäherungszielen schneller das ers-
vorteilhaft war, etwas aufgegeben zu haben. Doch te Set ad acta legten und zum zweiten und dritten
zu erkennen, dass es besser wäre, ein Vorhaben ein- übergingen.
zustellen, während man es verfolgt, und den Ausstieg
dann auch durchzuziehen ist keineswegs leicht. Mache ich Fortschritte, stehe ich still?
­Psychologen verweisen auf eine Reihe von sozialen, Es gibt viele Faktoren, die die Loslösung von Zielen
­emotionalen und kognitiven Faktoren, die dazu bei- erschweren – aber auch die Art, wie man aufgibt,
tragen, dass Menschen an Ideen und Projekten kann problematisch sein. Nicht jede Form des Auf-
­k leben (siehe Kasten Seite 23). gebens ist vorteilhaft. Ein Student, der sich nach ein
Auch die eigene Disposition kann einem einen paar vermasselten Klausuren in einem Frustanfall
Strich durch die Rechnung machen. Manche Typen exmatrikuliert, wird möglicherweise im Nachhinein
von Menschen, so haben Forscher festgestellt, haben feststellen, dass er vorschnell gehandelt hat. Eine Au-
mehr Mühe damit, sich von Zielen zu lösen, als an- torin, die ein Buchprojekt einfach im Sande verlau-
dere. Das gilt beispielsweise für sogenannte lageori- fen lässt, ohne einen echten Schlussstrich zu ziehen,
entierte Menschen. Dies sind Leute, wie Psychologe wird wahrscheinlich Schwierigkeiten haben, sich
Bernstein und Wissenschaftsjournalistin Streep er- ernsthaft einem anderen Stoff zuzuwenden.
läutern, die in Situationen, in denen ein Vorhaben Gekonntes Aufgeben, schreiben Bernstein und
schlecht läuft, von negativen Emotionen überwältigt Streep, beinhaltet ein umsichtiges und bewusstes
werden und zögerlich reagieren. Sie fallen ins Grü- Vorgehen. Eine erste zentrale Frage lautet: Ist es sinn-
beln, suchen die Schuld bei sich und bleiben in der voll, von meinem Ziel abzulassen? Die Beantwortung

PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019 21


Trauer, Ärger, Aggression: – Erstens gilt es, den Kopf vom bisherigen Ziel
freizumachen. Grübeleien wie „Habe ich vielleicht
Unterdrücken hilft hier wenig doch zu früh aufgegeben? Hätte ich vielleicht mehr
Erfolg gehabt, wenn ich xy gemacht hätte?“ können
hartnäckig sein. Es hilft laut Bernstein und Streep
wenig, solche aufdringlichen Gedanken unterdrü-
cken zu wollen. Wirkungsvoller sei, sich auf etwas
anderes zu konzentrieren.
– Zweitens muss man mit negativen Gefühlen um-
läuft letztlich auf eine Kosten-Nutzen-Analyse gehen, die beim Aufgeben von Zielen häufig und
­hinaus, so Brandstätter: „Bin ich bereit, noch mehr­ unter Umständen in heftiger Form auftreten und
an Kosten, Nachteilen oder gar Schmerzen in Kauf von Bedauern und Trauer bis zu Ärger und Aggres-
zu nehmen, um mein Ziel, von dem ich mir Vortei- sion reichen können. Auch hier gilt: Unterdrücken
le verspreche, zu realisieren? Dabei besteht natürlich hilft wenig.
das Grundproblem, dass man nicht in die Zukunft – Das führt zur dritten, der motivationalen Ebe-
blicken kann und nicht genau weiß, ob man das Ziel ne und beinhaltet, ein neues Ziel ins Auge zu fassen,
tatsächlich erreicht und ob der Aufwand, den man was sehr hilfreich ist, um sich mental und emotional
betreiben muss, es wert ist.“ vom bisherigen Ziel zu lösen. Das kann bedeuten,
Hundertprozentig sicher wird man bei der Ein- ein ganz neues Vorhaben anzugehen oder auch das
schätzung also selten sein. Aber es gibt Indikatoren. bisherige Ziel so abzuändern, dass es besser zu den
Ein wichtiges Kriterium hinsichtlich der Erreichbar- eigenen Bedürfnissen und Möglichkeiten passt. Man
keit ist die Frage, ob man Fortschritte erzielt oder könnte beispielsweise beschließen, nach Abbruch des
nicht: Gibt es Anzeichen, dass ich mich vorwärtsbe- Tiermedizinstudiums, das einem zu theoretisch war,
wege, zumindest ein wenig? Habe ich kritische Mei- eine Ausbildung zum Tierheilpraktiker anzufangen.
lensteine erreicht und wichtige Hürden genommen? – Und viertens schließlich gilt es, konkrete Maß-
Oder stehe ich schon lange still, beziehungsweise fal- nahmen zu ergreifen, um das alte Vorhaben zu be-
le ich sogar zurück, und das obwohl ich mir große enden und sich in Richtung des neuen Ziels zu be-
Mühe gegeben habe? Manchmal ist es auch sinnvoll, wegen.
so Brandstätter, schon vorab objektive Kriterien zu
definieren, die als Richtschnur für einen Abbruch Ein lauter Weckruf
dienen. Ein solcher Ablösungsprozess kann langwierig sein,
Bei der Frage der Kosten können viele Faktoren aber am Ende stellt man möglicherweise fest, dass
einfließen, etwa ob ein Projekt dem körperlichen sich ganz unerwartete und vielversprechende Mög-
Wohlbefinden schadet, welche anderen wichtigen lichkeiten eröffnen. So ging es auch Deirdre, einer
Ziele man dafür zurückstellen muss und wie sehr es 28-Jährigen, deren Geschichte Bernstein und Streep
die Psyche belastet. Einen wichtigen Indikator kön- in ihrem Buch erzählen:
ne man unter das Stichwort chronisches Zähnezu- Mit sieben fing Deirdre mit dem wettbewerbs-
sammenbeißen fassen: „Wenn man sich bei einem mäßigen Schwimmen an, und der Sport bestimmte
Vorhaben permanent überwinden und immer wieder ihre Kindheit und frühe Jugend – eine große
gegen innere Widerstände ankämpfen muss, wenn Schwimmkarriere schien möglich. Doch dann kam
es nur noch darum geht, sich hart an die Kandare alles anders. Mit 14 entwickelte sie eine schmerzhaf-
zu nehmen, dann ist das ein Warnsignal, dass man te Sehnenscheidenentzündung in beiden Schultern.
vielleicht in das Falsche investiert“, so Brandstätter. Der Arzt riet ihr, den Sport aufzugeben, aber sie
Und schließlich ist zu fragen, ob das Ziel überhaupt konnte sich das nicht vorstellen. „Mein ganzes Selbst-
(noch) den eigenen Bedürfnissen und Wünschen vertrauen und Selbstwertgefühl waren mit dem
entspricht. Schwimmen verbunden.“ Sie quälte sich, versuchte
es mit einer mehrmonatigen Pause, aber auch danach
Ablösung auf vier Ebenen blieb der Schmerz so stark, dass sie kaum 500 Meter
Hat man die Entscheidung getroffen, ein Ziel aufzu- schwimmen konnte.
geben, dann ist es wichtig, sich vollständig und um- Sie versuchte das Schwimmen aufzugeben. Sie
fassend davon zu lösen. Dazu gehören vier Ebenen, lenkte ihren Fokus auf anderes, fing Theaterspielen
wie Streep und Bernstein erläutern. an, verbrachte ein Schuljahr im Ausland. Aber sie

22 PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019


TITEL

sehnte sich nach der Anerkennung und den vielfältigeren Person gemacht, als ich es wahrschein-
Glücksgefühlen, die sie beim Schwimmen gefunden lich geworden wäre, wenn ich weiter geschwommen
hatte. Und so stieg sie immer wieder ins Becken: für wäre. So viele Erfahrungen, die ich gemacht habe,
das Team ihrer Universität, als Schwimmlehrerin wären an mir vorbeigegangen, wenn ich [den Sport]
und Coach. nicht aufgegeben hätte.“
Erst sechs Jahre nachdem die Schulterprobleme
angefangen hatten, gab sie endgültig auf. Bis heute
hat sie Schmerzen. Es sei eine ständige Erinnerung ZUM NACH- UND WEITERLESEN

daran, dass Durchhalten schädlich sein kann: „Von Veronika Brandstätter, Marcel Herrmann: Goal disengagement
in emerging adulthood: The adaptive potential of action crises.
meiner Natur her gebe ich nicht leicht auf, und ich International Journal of Behavioral Development, 40/2, 2016,
brauchte offenbar einen lauten Weckruf, bevor ich 117–125

das verstanden habe.“ Aber Deirdre wirkt nicht bit- Peg Streep, Alan Bernstein: Quitting. Why we fear it – and why
we shouldn't – in life, love, and work. Da Capo Lifelong Books,
ter. Die Lektionen, die sie gelernt hat, kämen ihr heu- Philadelphia 2015
te als Therapeutin zugute, sagt sie. So arbeitet sie mit Seth Godin: The dip. A little book that teaches you when to quit
Opfern von häuslicher Gewalt, die oft Probleme ha- (and when to stick). Portfolio/Penguin, New York 2007
Carsten Wrosch u. a .: Giving up on unattainable goals: benefits
ben, die schädliche Situation zu verlassen. „Insgesamt for health? Personality and Social Psychology Bulletin, 33/2,
hat mich das Aufgeben zu einer interessanteren und 2007, 251–265

WAS DAS LOSLASSEN BREMSEN KANN


Identität „Jetzt habe ich schon so viel Zeit und Geld in die Schule
Wichtige Ziele tragen zum Identitätsgefühl bei, so Vero- gesteckt; das will ich nicht verlieren, indem ich sie nun
nika Brandstätter: „Sie aufzugeben kann deshalb zu gro- zumache.“ Dabei kommt es für eine objektive Beurtei-
ßer Selbstverunsicherung führen.“ Der Sozialpsychologe lung nur auf die zukünftigen Kosten und Erträge an. Psy-
Eric Klinger habe das sogar mit einem psychologischen chologen nennen das „Sunk-Cost-Täuschung“.
Erdbeben verglichen, das einen in den Grundfesten er- Zudem kann die Frustration, mit einem Projekt nicht
schüttert. Dieser Effekt werde noch verstärkt, wenn weiterzukommen, dazu führen, dass es einem nun wert-
auch andere einen mit einem bestimmten Ziel identifi- voller erscheint als zu dem Zeitpunkt, als man damit an-
zieren, weil man seit Jahren davon spricht. gefangen hat. „Das Ziel wird aufgrund seiner Unerreich-
barkeit buchstäblich immer reizvoller“, so Bernstein und
Denkfallen
Streep. Und je wertvoller uns ein Ziel erscheint, desto
Der menschliche Verstand ist darauf programmiert, ver­
eher halten wir daran fest.
einfachte kognitive Operationen einzusetzen, die es uns
ermöglichen, mit begrenztem Wissen und in begrenzter Gesellschaftliche und soziale Einflüsse
Zeit Entscheidungen zu treffen und Urteile zu fällen. Das In einer Gesellschaft, in der Leute mit Stehvermögen
Problem: Manche dieser Urteilstendenzen können einen Heldenstatus genießen, ruft Aufgeben leicht Gefühle
dazu verleiten, an einem Ziel festzuhalten, obwohl es ob- von Scham und Angst hervor, was die Bereitschaft, ein
jektiv betrachtet besser wäre, aufzugeben. Eine solche Projekt aufzugeben, sehr hemmen kann. Dazu können
Denkfalle wird etwas sperrig „Verfügbarkeitsheuristik“ weitere Faktoren im sozialen Umfeld kommen, erläutert
genannt: Sie beinhaltet, dass wir durch Geschichten an- Veronika Brandstätter. So mag eine Studentin, die fest-
derer – zum Beispiel Medienberichte über Sportler oder stellt, Medizin sei eigentlich nichts für sie, am Studien-
Jungunternehmer, die sich durchgebisssen haben – die gang festhalten, weil sie die vorwurfsvollen Blicke oder
Wahrscheinlichkeit überschätzen, ein eigenes schwieri- den Druck ihrer Eltern fürchtet, die beide Ärzte sind.
ges Projekt zu einem guten Ende zu führen. Oder eine Mitarbeiterin in einer Unternehmensberatung
Eine weitere Falle: Menschen tendieren dazu, Ent- quält sich trotz Zweifeln jahrelang durch 70-Stunden-
scheidungen davon abhängig zu machen, wie viel sie Wochen, weil sie in einer Wettbewerbssituation mit ih-
bereits in ein Projekt investiert haben. So denkt die Grün- ren Teamkollegen gefangen ist, in der es darum geht,
derin einer wenig erfolgreichen Yogaschule vielleicht: wer den längsten Atem und die stärksten Nerven hat.

PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019  23


VON ZIELEN UND ZWEIFELN
Wie leicht wir Projekte aufgeben und zu Neuem
aufbrechen, hängt auch mit unserem Alter zusammen 

Kinder und Jugendliche


Ein Kind lässt Pläne und Aktivitäten oft nach kurzer siert die Psychologin. „Aber generell ist Experimen-
Zeit wieder fallen: In einem Monat buddelt es stun- tieren für sie wichtig, um die Welt zu entdecken, Wis-
denlang im Garten, um sich auf eine Karriere als Pa- sen und Erfahrungen zu sammeln, soziale Netze zu
läontologe vorzubereiten. Im nächsten wendet es knüpfen und auch herauszufinden, was ihnen liegt.“
sich stattdessen dem Schlagzeugspielen zu oder be- Auf diese Weise kann Aufgeben sogar längerfris­
schließt, Bloggerin zu werden. tig das Durchhaltevermögen stärken, wie Angela
In jungen Jahren fällt die Zielablösung in der Re- Duckworth (University of Pennsylvania) erläutert:
gel leichter, so Veronika Brandstätter, denn man hat Durch spielerische Beschäftigung und Ausprobieren
noch nicht die Verpflichtungen, die ein Erwachsener könnten echtes Interesse und sogar Leidenschaft
berücksichtigen muss. Außerdem stehen einem auch entstehen – zentrale Voraussetzungen für spätere
mehr Alternativen offen, weil man noch jung genug Zielstrebigkeit: „Kinder arbeiten nicht hart für etwas,
ist und Zeit hat, um theoretisch alles zu lernen. das ihnen egal ist.“ Je älter ein Kind werde, desto
Projekte anzufangen und sie wieder aufzugeben wichtiger sei, dass es an einer Sache dranbleibe, da-
spielt im Kinder- und Jugendalter aber auch eine be- mit es erlebe, dass man durch Erfahrung besser wird
sondere Rolle für die Entwicklung. Das Überangebot und Rückschläge überwinden kann. Doch auch für
an Aktivitäten und Hobbys könne zwar dazu führen, ältere Jungen und Mädchen sei Aufhören manchmal
dass junge Menschen rastlos vom einen zum anderen die richtige Wahl, um Neues auszuprobieren und et-
wechselten – aus Angst etwas zu verpassen –, kriti- was zu finden, das sie wirklich lieben.
TITEL

Junge Erwachsene
Im Alter zwischen 18 und 25 geht es darum, die ei- nicht gut, und die Leistungsfähigkeit kann leiden.
gene Identität in den verschiedensten Bereichen zu Aber so unangenehm das ist, es führt auch dazu,
formen, erklärt Brandstätter: „Man muss herausfin- dass man seinen Blick öffnet, anderen Möglichkei-
den, was einen beruflich interessiert und wie man ten aufgeschlossener gegenübersteht, sorgfältiger
zukünftig seinen Lebensunterhalt verdienen will. abwägt und sich ein klareres Bild seiner Präferenzen
Man bildet auch eine politische Werthaltung und und Optionen bildet – und am Ende oft ein Ziel fin-
einen Lebensstil heraus. Man steht vielleicht kurz det, das besser zu einem passt.“
davor, eine Lebenspartnerschaft einzugehen. Sich Weil junge Erwachsene in der Identitätsfindung
persönliche Ziele zu setzen und sich wieder von ih- sind, tritt dieser positive Effekt der Handlungskrise
nen zu lösen kann man in der Phase der emerging bei ihnen offenbar besonders stark hervor. So zeigte
adulthood als eine Form der Identitätsfindung in- sich in einer Längsschnittstudie mit 207 Studenten
terpretieren. Man erforscht verschiedene mögliche von durchschnittlich 21 Jahren: Je schwerwiegender
Selbst und probiert sie aus.“ eine Krise war, die ein junger Mensch bei der Aufgabe
Einerseits legt man sich in diesen wichtigen Ent- eines Ziels im Bereich Beruf, Liebe, Familie, Gesund-
wicklungsjahren auf bestimmte Dinge fest; ande- heit oder Freizeitaktivitäten durchgemacht hatte, als
rerseits können ernsthafte Zweifel an den eigenen desto wichtiger und identitätsstiftender bewertete
Zielen und Plänen aufkommen: Ist das Studienfach er das neue Ziel, auf das er im Laufe der Krise um-
wirklich das richtige für mich? Will ich mit dem geschwenkt war, und desto sicherer war er, dass er
jetzigen Freund, der derzeitigen Freundin alt wer- damit die richtige Wahl getroffen hatte. „Persönliche
den? „Eine solche Phase des Haderns ist nicht an- Ziele sind Ausdruck der Persönlichkeit ­
­ eines Men-
genehm“, so Brandstätter. „In einer Handlungskrise, schen“, erläutert Brandstätter. „Die hohe Entschei­
wie wir das nennen, können starke negative Emotio- dungssicherheit bei diesen Probanden weist also
nen auftreten, man fühlt sich häufig auch körperlich darauf hin, dass sich ihre Identität stabilisiert hat.“

Loslassen im Alter
Im Alter ist Aufgeben aus anderen Gründen wichtig. gen, die sich mit dem L
­ oslassen schwertaten, wäh-
Wenn Augen und Ohren weniger gut wahrnehmen, rend der sechsjährigen Studienlaufzeit mit zuneh-
die Muskeln schwächer werden oder das Gedächtnis menden Funktionseinschränkungen mehr depressi-
nachlässt, können Projekte und Aktivitäten, die man ve Symptome entwickelten. Bei Senioren dagegen,
bislang mit Begeisterung verfolgt hat, zunehmend die sich leichter von Zielen distanzierten, ging der
schwieriger oder gar unmöglich werden. Für den Anstieg von mentalen und körperlichen Zipperlein
einen ist es die stundenlange Gartenarbeit, für ei- nicht mit mehr Stimmungsproblemen einher. Bes-
nen anderen das Skilaufen oder Klavierspielen. Wer sere Stimmung wiederum war mit einer geringeren
trotz Funktionseinschränkungen Ziele, die eigentlich Anfälligkeit für akute Krankheiten verbunden, wie
nicht mehr erreichbar sind, weiterverfolgt, erläutern eine Nachfolgestudie von Wrosch und der Psycho-
Carsten Wrosch (Concordia University, Montreal) login Joelle Jobin zeigt. So erkrankten Senioren,
und Kollegen, muss mit ständigen Frustrationen und die von sich sagten, sie trennten sich eher leicht
Misserfolgen umgehen und kann dann zunehmend von Zielen, signifikant weniger häufig an grippalen
unter Stimmungsproblemen leiden – bis hin zu einer Infekten als Senioren mit B
­eharrungstendenzen.
Depression. Dies galt insbesondere für die besonders alten Teil-
Dies bestätigt auch eine empirische Untersuchung nehmer der untersuchten Gruppe. Natürlich ist es
der Forscher. In einer Längsschnitt­studie befragten wichtig, im Alter aktiv zu bleiben und weiter ge-
sie 135 Kanadier im Alter zwischen 64 und 90 Jahren wisse ­Herausforderungen zu suchen, aber starr an
(Durchschnitt: 72), inwieweit es ihnen schwerfalle, alten Zielen festzuhalten ist, wie Wroschs Arbeiten
nicht mehr über ein wichtiges Ziel, das sie aufgeben ­zeigen, kontraproduktiv. ANNETTE SCHÄFER

mussten, nachzudenken. Es zeigte sich, dass diejeni- PH

PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019 25


THERAPIESTUNDE

KEIN PLAN

D Kein formuliertes
ie Arbeit mit Borderlinepatienten lich eher verhalten. Sie konnte keinen Blick-
gehört sicherlich nicht immer zu kontakt halten, trug die Haare wie ein Vi-
den attraktivsten Tätigkeiten in Therapieziel, keine festen sier vor ihrem Gesicht, murmelte leise vor
meinem therapeutischen Arbeitsalltag. Vereinbarungen: sich hin. Ein Handgeben zur Begrüßung
Zu häufige Beziehungstests – „Hält der war ebenso wenig möglich wie eine genaue
Therapeut auch wirklich zu mir?“ –, zu
Ist das überhaupt Exploration der Traumatisierungen, da sie
wenig Möglichkeiten zur Regulation der Psychotherapie? Und dabei stets unmittelbar dissoziierte, das
überbordenden Emotionen, die zu Selbst- heißt aus der Realität verschwand und sich
bestrafung und -verletzung führen, ma-
wie reagiert eine in eine eigene ruhige Innenwelt begab. Was
chen die Arbeit in der Regel nicht gerade Borderlinepatientin auf löste sie in mir aus? Zuerst ein starkes Mit-
leicht. Aber wer will schon immer nur mit gefühl mit ihrer Not und Verzweiflung,
dieses Vorgehen?
„unkompliziert erscheinenden“ Patienten verbunden mit dem Ziel, mit ihr das Leben
arbeiten? anzusehen und nicht ständig über dessen
Anna* kam mit der Diagnose Border- Beendigung zu verhandeln.
linepersönlichkeitsstörung in unsere Pra- Ich sagte ihr, dass ich mit ihr arbeiten
xis. Sie war damals 25 Jahre alt und bereits wolle – unter der Bedingung, dass sie bis
berentet, ich begleite sie therapeutisch seit zum nächsten vereinbarten Termin keinen
nunmehr 13 Jahren. Suizidversuch unternehmen werde bezie-
Traumatisierungen, sexuelle Gewalter- hungsweise sich in der Not sofort an einen
fahrungen, Erfahrung mit harten Drogen, Therapeuten wende. Sie stimmte dem
ILLUSTR ATION: MICHEL STREICH

wiederkehrende Angst und Panikattacken Michael Broda arbeitet als Non-Suizid-Vertrag zu, später allerdings
Psychologischer Psychothera-
sowie unzählige Beziehungsabbrüche berichtete sie mir, dass sie dachte, es pas-
peut in eigener Praxis in Dahn.
kennzeichnen ihre Biografie. Ständige Auf- Er ist Mitherausgeber und siere ihr ja nichts weiter, wenn sie diesen
enthalte in verschiedenen psychiatrischen Schriftleiter der Fachzeitschrift „erfolgreich“ brechen würde. Sie zeigte
Psychotherapie im Dialog und
Krankenhäusern mit Spezialabteilungen sich erstaunt, dass ich keine weiteren Be-
Mitherausgeber der Lehrbücher
und Suizidversuche – mein Optimismus, Praxis der Psychotherapie und dingungen formulierte, wie sie es aus vor-
ihr helfen zu können, war anfangs sicher- Techniken der Psychotherapie herigen Klinikaufenthalten kannte.
* Name von der Redaktion geändert
26 PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019
Ich machte ihr deutlich, dass ich nicht überraschend in jemanden, der psychisch zu vermeiden? Ich denke in erster Linie:
sagen könne, wohin unsere gemeinsame ebenfalls auffällig war. Sie heiratete und Beziehung. Sie konnte sich auf mich ver-
Therapiereise gehe, mich aber sehr inter- berichtete von einer zunehmend unpro- lassen, fühlte sich nicht unter Druck ge-
essiere, wie sie die Welt sehe, was für Träu- blematischen Sexualität. Ihren ehemals setzt, musste keine Veränderungsschrit-
me sie habe und wo ihr die Krankheit starken Kinderwunsch hatten ihr Ärzte te planen, keine Therapieziele vereinba-
möglicherweise im Weg stehe. nach den multiplen Traumatisierungen ren, keine Fortschritte als Legitimation
Das mag erstaunen, aber ehrlicherwei- vor langer Zeit schon genommen. weiterer Gespräche vorweisen. Sie hat viel
se muss ich sagen, dass sich Patienten nach In der letzten Sitzung war die zwischen- Bestätigung erhalten, kleine Veränderun-
mehreren stationären Aufenthalten in der zeitlich aufgehellte und meist fröhliche gen wurden anerkannt, ihr Potenzial und
Regel mit borderlinespezifischen Thera- Patientin wieder zurückgezogener und ihre Ressourcen standen im Mittelpunkt.
pietechniken fast besser auskennen als ich. „verhüllter“ und antwortete auf meine Wenn Sie mich fragen, ob das Psychothe-
Um der starken inneren Spannung zu be- Frage, wie sie mit sich zurechtkomme: rapie ist, würde ich antworten: Auch das
gegnen, die sie zur Selbstverletzung treibt, „Überhaupt nicht gut – ich bin schwan- ist Psychotherapie. Genauso wie es sinn-
lernen Borderlinepatienten, den Druck auf ger!“ voll sein kann, mit Menschen Ziele ab-
ungefährliche Art zu mindern, etwa in zusprechen, Vereinbarungen zu treffen
eine Chilischote zu beißen oder sich mit Kein Druck – und eine oder ihnen Aufgaben zu stellen, kann es
Igelball oder Gummiband körperliche verlässliche Beziehung richtig sein, solche Elemente zu unterlas-
Reize zu schaffen, die von der inneren An- Wie Sie sich vorstellen können, war das sen. Denn sie schädigen unter Umständen
spannung ablenken, statt sich zu ritzen. eine Mitteilung, mit der ich überhaupt ein ohnehin stark ausgeprägtes negatives
Allerdings läuft man mit dem Verweis auf nicht gerechnet hatte, ich zeigte mich freu- Selbstkonzept weiter („Ich bekomme es
diese in akuten Krisensituationen hilfrei- dig überrascht und gratulierte ihr spon- einfach nicht hin“, „Alle anderen haben
chen Techniken auch Gefahr, etwas in der tan. Sie: „Ich kann mich nicht freuen – ihre Gefühle besser im Griff“, „Auch in
Beziehung im Moment auszublenden und alle meine Zukunftspläne sind plötzlich dieser Therapie werde ich wieder versa-
„wegzutechnisieren“. durchkreuzt, und ich habe Angst vor der gen“). Im Gegenteil: Anna gewann zu-
Verantwortung.“ Ich: „Kann es sein, dass nehmend das Gefühl, doch für etwas und
Therapeutische Ihr Körper nach dieser ganzen schönen jemanden gut zu sei, und gelangte zu der
Unaufgeregtheit Entwicklung, die Sie geschafft haben, jetzt Überzeugung, dass ihr Veränderungen in
Es folgte eine über Jahre gehende, nieder- dazu vielleicht erstmals wieder bereit ist? Einstellung und Verhalten gelangen. Sie
frequente begleitende Arbeit mit monat- Und Ihre Psyche sagt: Die Verantwortung begann über ihr Leben und nicht über
lichen Sitzungsterminen und der Mög- kann ich mit der Hilfe meines Partners dessen Beendigung nachzudenken.
lichkeit der Notfall-Kontaktaufnahme und meiner Freundinnen und Freunde Manchmal würde ich mir wünschen,
sowie anfangs halbierten Therapiestun- übernehmen?“ Sie reagierte nachdenklich Kostenträger könnten auch akzeptieren,
den mit 25-minütiger Dauer. Ich bekam und sagte: „Ich muss mich an diesen Ge- dass Veränderungen bei solch biografisch
den Eindruck, dass ihr die therapeutische danken wohl erst noch gewöhnen.“ Ich: schwer belasteten Patienten ihre Zeit brau-
„Unaufgeregtheit“ und Gelassenheit gut- „Lassen Sie sich Zeit und nehmen Sie sich chen. Zum Glück gibt es als Abrechnungs-
tat und dass sie den Umstand, dass ich die nötige Ruhe, Sie müssen heute noch möglichkeit die sogenannte „Gesprächs-
keinen Veränderungsdruck auf sie ausüb- nicht so weit sein, diese neue Perspektive ziffer“. Die Vergütung ist deutlich schlech-
te, für sich zu nutzen begann. klar denken zu können.“ ter als bei einer bewilligten Psychothera-
Zunächst versuchte sie, Beziehungen Ich erinnerte mich, dass ich ihr im Lauf pie, dafür ohne Kontingentbegrenzung.
zu Pferden aufzubauen – sie kümmerte der Jahre häufiger das Oscar Wilde zu- Auf diese Weise kann ich mit der Patien-
sich bei der Pflege, half im Stall mit, hatte geschriebene Zitat mitgegeben hatte: „Am tin im Quartal dreimal 50 Minuten spre-
eine für sie sinnvolle Aufgabe und bekam Ende wird alles gut, und wenn es noch chen, ohne mit den gültigen Richtlinien
ein Gefühl für eine unkomplizierte Be- nicht gut ist, dann ist es noch nicht das in Konflikt zu kommen. Ja – 13 Jahre sind
ziehung – wenn auch nur zu einem Tier. Ende!“ Welch eine Entwicklung für eine eine lange Therapiedauer, aber wie viele
Sie begann Kontakte zu pflegen und ver- Frau, die leicht als „Drehtürpatientin“ stationäre Aufenthalte wurden vermie-
suchte beruflich wieder geringfügig ein- hätte enden können – als jemand, der ent- den, wie viele Notarzteinsätze überflüssig?
zusteigen. Von ihren Eltern, die sie stark lassen wird, bevor er ausreichend thera- Rein rechnerisch hat die Behandlung die
in der Krankenrolle sahen und ihr kein piert worden ist, und deshalb bald wieder Krankenkasse bislang etwa 7000 Euro ge-
selbständiges Leben zutrauten, löste sie in einer Klinik landet. Was hat ihr mög- kostet – weniger als ein einziger mehrwö-
sich. Vor zwei Jahren verliebte sie sich dann licherweise geholfen, einen solchen Weg chiger stationärer Aufenthalt. PH

PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019 27


Das Ideal
des perfekten
Körpers
Wenn wir trainiert und schlank sind,
gelten wir als wertvoll. Schönheit ist zur
ethischen Pflicht geworden. Warum?

VON SILKE PFERSDORF

W
enn Sandra Pallmann* sich Studien zur Hälfte vom sogenannten private taste,
auszieht, ist sie niemals nackt. den individuellen Vorlieben ab und zur anderen Hälf-
Denn einen kleinen Apparat te vom shared taste, dem gerade vorherrschenden
an ihrem Handgelenk legt sie allgemeinen Geschmack, bei dem alle Menschen
nicht ab. „Mein Fitnesstra- gleich empfinden. Dieses allgemeine Ideal ist zum
cker zählt jeden Schritt, überwacht sogar meinen Teil erlernt, zum Beispiel durch Einflüsse von Me-
Schlaf“, schwärmt sie. „Er sagt mir, wie viel Körper- dien, aber ist zu einem großen Teil auch dem Men-
fett ich habe, coacht meine Ernährung.“ Sandra Pall- schen angeboren. Ein Hinweis auf eine genetische
mann, 27 Jahre alt, hat ein Ziel. Es lautet: vier Kilo Festlegung ist, dass bestimmte Schönheitskriterien
weniger, definierte Muskeln, festere Oberschenkel. überall und zu allen Zeiten gültig waren.“ Studien
Die Düsseldorferin hatte schon immer eine norma- lassen vermuten, dass 50 Prozent der ästhetischen
le, schlanke Figur. Aber sie ist auch überzeugt, dass Bewertung einem „inneren Code“ entspringen, das
ein schlankerer und muskulöserer Körper sie glück- heißt, alle finden bestimmte Merkmale schön: „In
licher macht: „Schon Coco Chanel hat gesagt: Nichts keiner Gesellschaft galt oder gilt es als attraktiv, alt
schmeckt so gut, wie es sich anfühlt, dünn zu sein.“ oder kränklich auszusehen“, sagt Dr. Gründl. „Wei-
Wie viele andere versucht Sandra Pallmann, einer tere Beispiele sind eine glatte, ebenmäßige Haut oder
Vorstellung nahezukommen, wie der Körper heute auch Symmetrie.“
geformt und beschaffen sein sollte: nämlich jung, Der britische Sozialpsychologe Viren Swami von
gesund, schlank, fest und trainiert. Von diesem Ide- der Anglia Ruskin University in Cambridge kommt
al berichtet die britische Philosophin und Professo- in einem ­Forschungsüberblick zu dem Schluss, dass
rin an der University of Birmingham Heather Wid- das heutige schlanke Körperideal seinen Ursprung
dows in ihrem Buch Perfect Me. Es verbreite sich seit in den westlichen Ländern hat. Es ist in anderen
einigen Jahren in der ganzen Welt. Und indem es so Kulturen nach und nach übernommen worden, vor
viele teilten, sei es nicht mehr nur ein Schönheits-, allem in den großen Städten und Ballungsgebieten.
sondern auch ein ethisches Ideal geworden. Was ist Laut ­Swami belegen Studien, dass Migranten, die in
da passiert, und warum versuchen so viele, dieser westlichen Kulturen leben, dünner sein wollen als
Pflicht nachzukommen? die Landsleute in ihrer Heimat. Darüber hinaus un-
terliegen heute auch Bevölkerungsgruppen, die vor-
Wir wollen attraktiv sein her noch davon verschont blieben, dem Diktat des
Schönheitsideale an sich sind keine Erfindung der ­Ideals: ­Ä ltere zum Beispiel. „50 ist das neue 40“, heißt
Neuzeit. Sie haben eine bewegte Vergangenheit. Die es in diversen Frauenzeitschriften, und ältere Schau-
griechische Klassik feierte Frauen mit sanften Run- spielerinnen wie Jane Fonda, Catherine Deneuve oder
dungen, die Renaissance verehrte üppige Frauen­ Helen Mirren werben für Kosmetikprodukte oder
körper, in der Romantik hungerten sich Frauen mit werden mit ihren sportlichen, schlanken Körpern
Essig und Zitrone zur schlanken L ­ inie. „Es gibt kei- als Vorbild für ihre Altersgruppe der immerhin rund
* NAME GEÄNDERT

ne Kultur, in der Menschen unattraktiv sein wollen“, 70-Jährigen präsentiert. Bei Schwangeren wiederum
sagt Dr. Martin Gründl, Psychologe und Attrakti­ gilt: „Der akzeptierte schwangere Körper ist glatt
vitätsforscher an der Hochschule Harz in Wernige- und fest und – abgesehen von einem schönen
rode. „Was als schön empfunden wird, hängt laut Bauch – schlank“, konstatiert Widdows, und zu den

PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019 29


wichtigsten Bedingungen für eine gelungene Mut- Das Schönheitsideal feiert seinen weltweiten, all-
terschaft gehöre, nach der Geburt möglichst schnell umfassenden Triumphzug. „Indem es dominanter
wieder zur alten Körperform zurückzukehren. wird, wird es akzeptierter und kaum noch hinter-
fragt“, sagt Widdows. „Und je weniger es infrage
Geschönte Bilder setzen Standards gestellt wird, desto mehr wird es zum allgemein
Für die weltweite Angleichung habe vor allem das akzeptierten Werterahmen.“ Und damit wird es wich-
Internet gesorgt, vermutet Heather Widdows und tiger: „Je dominanter das Schönheitsideal wird, des-
meint damit die ständige Flutung mit Bildern. „Auf to größer wird sein ethischer Aspekt und desto eher
Facebook und vielen anderen Social Media wie In- wird eine Verschönerungsmaßnahme zur ethischen
stagram, Snapchat und anderen geht es letztlich Pflicht“, ist Heather Widdows überzeugt. Doch das
hauptsächlich oder auch ausschließlich um Bilder“, ist noch nicht der einzige Grund, warum sich so vie-
erklärt die Wissenschaftlerin und ergänzt: „Der Zu- le anstrengen, dieser Anforderung nachzukommen.
gang ist übers Smartphone immer griffbereit, und Für diese Akzeptanz gibt es auch Ursachen, die in
wenn man bedenkt, dass es etwa in Indien schon unserer psychischen Entwicklung liegen, wie der ös-
mehr Handys als Spülklos gibt, kann man anneh- terreichische Psychologe und Psychoanalytiker Klaus
men, dass diese visuelle und virtuelle Kultur ständig Posch erläutert. Er beschreibt in einem wissenschaft-
wachsen wird.“ Spezielle Apps, die Bilder anschlie- lichen Beitrag unseren grundlegenden Wunsch nach
ßend durch Filter verschönern oder aber sogar die Identifikation, also danach, andere Personen zu ver-
Attraktivität eines Selfies bewerten, befeuern den stehen und sie gut zu finden, weil wir uns zugehörig
Trend. „Die Filter setzen Standards“, ergänzt der Psy- fühlen wollen. Das tun schon kleine Kinder, indem
chologe Martin Gründl. „Man kann kaum noch ein sie ihre Eltern und Freunde toll finden. Später iden-
ungeschöntes Bewerbungsfoto schicken, also gerät tifizieren wir uns auch mit den Ideen anderer, etwa
man unter Zugzwang.“ Geschönte Fotos von Gleich- denen von Vorbildern. Eng damit verbunden ist un-
gesinnten setzen uns offenbar stärker unter Druck sere Fähigkeit, Personen (oder Ideen) positiver zu se-
als die von Models. Sehen unsere Bekannten ver- hen, als sie vielleicht sind: „In jeder Beziehung gibt
meintlich schöner aus als wir, haben wir schnell das es auch Elemente von Idealisierungen.“ Jeder Mensch
Gefühl: So könnte ich auch aussehen. durchlaufe verschiedene Entwicklungsstufen – bis

WAS WIR IN UNSER AUSSEHEN INVESTIEREN


Jüngere zwischen 14 und 21 Jahren wenden viel Zeit Statista bei 4,3 Millionen. Und fast jeder zweite
dafür auf, um auf Selfies schön auszusehen, bestäti- Deutsche ist laut Umfragen mit seinem Gewicht
gen Tiefeninterviews sowie eine repräsentative Um- unzufrieden – aber das Abnehmen erfordert men-
frage, die das Marktforschungsinstitut Rheingold im tale Investitionen, Disziplin, Geduld und Durchhalte-
März 2018 veröffentlichte. Laut Studie machen mehr vermögen über eine längere Zeit. Viele kaufen teure
als 80 Prozent dieser Altersgruppe regelmäßig Sel- Diätprodukte, die die Gewichtsreduktion beschleuni-
fies, 40 Prozent der Mädchen brauchen für ein Selfie gen sollen, aber ihren Zweck nicht erfüllen.
mindestens 30 Minuten. Zwei Drittel der Befragten Körperliche Eingriffe wie die Aufspritzung von
gaben an, sich vorher zu schminken, Make-up auf- Falten und Lippen oder die Behandlung mit soge-
zutragen und die Haare sowie die Augenbrauen zu nanntem Botox sind viel beliebter geworden und
stylen – dies, damit die Bilder am Ende „ganz natür- mittlerweile auch gesellschaftsfähig. Aber sie sind
lich“ aussähen und die Kosmetik nicht auffalle. teuer. Eine Botoxbehandlung, die sogenannte „Fal-
Einen jugendlichen und fit wirkenden Körper er- tenunterspritzung“, kostet, wie die Stiftung Waren-
arbeiten sich immer mehr Menschen in Fitnessstu- test vor ein paar Jahren ermittelte, zwischen 200
dios – in Deutschland nimmt die Zahl derer, die dort und 400 Euro und hält vier bis sieben Monate. Wer
mehrmals wöchentlich trainieren, seit Jahren zu und dann weiterhin faltenlos erscheinen will, muss wie-
lag im Jahr 2017 laut Angaben der Webdatenbank der investieren. SAC

30 PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019


wir als Erwachsene eine Identität entwickelt
haben, die uns erlaubt zu unterscheiden, wel-
che Ideale wir brauchen, was eine unrealis-
tische Versuchung ist und wo wir Widerstand
leisten wollen.
Das Ideal des perfekten Körpers ist be-
sonders verlockend für viele – es sei vielleicht
nicht ohne weiteres zu erlangen, aber man
könne etwas dafür tun, nämlich den Körper
verändern, schreibt die in Österreich tätige
Werberin und Marktforscherin Helene Kar-
masin in ihrem Buch Wahre Schönheit kommt
von außen. Das Training im Fitnessstudio
macht uns fitter und muskulöser. Wer we-
niger isst, wird schlanker. Botox sorgt dafür,
dass wir eine Zeitlang faltenloser aussehen.
Einige dieser Maßnahmen haben noch dazu
den Vorteil, dass wir damit zugleich etwas
für die Gesundheit tun können.

Der moderne Mensch als


Unternehmer seiner selbst
Und die Eigenschaften, die es braucht, Schön-
heit zu erlangen oder zu erhalten, seien in
der Achtung unserer Gesellschaft stark ge-
stiegen, meint die deutsche Philosophin
Rebekka Reinhard in ihrem Buch Kleine
Philosophie der Macht (nur für Frauen): „Das
Bild eines perfekt gestylten und durchtrai-
nierten Menschen suggeriert Selbstdisziplin
– und das ist durchaus eine Charaktereigen-
schaft. Eine, die in der neoliberalen Gesell-
schaft Hochkonjunktur hat. In unserer Welt Ein modellierter
der Bilder gilt: Schönheit ist äußere, körper- Körper ­suggeriert
­Disziplin und
liche Schönheit, und körperliche Schönheit ­Leistungsbereitschaft
steht für Leistung und Erfolg.“
Für den Psychoanalytiker Klaus Posch in-
szenieren wir mit einem makellosen körper-
lichen Erscheinungsbild „überzeugendes
Auftreten und zugleich Vertrauen, sozialen Erfolg mistischen Zeit, in der sich der moderne Mensch als
und Aufmerksamkeit“. Implizit informierten wir Unternehmer seiner selbst begreift: Er ist verantwort-
unser Gegenüber darüber, wir seien „anpassungsfä- lich dafür, dass er nicht nur seine Aktien gut anlegt,
hig und anpassungswillig“. Indem wir zeigen, dass sondern seinen Körper wie eine Aktie behandelt.“
wir an unserem Körper arbeiten, so formuliert es die Da gelte es, das Maximum herauszuholen: „Deshalb“,
Marktforscherin Karmasin, suggerieren wir noch folgert Maio, „spielt das äußere Erscheinungsbild
mehr, nämlich dass wir über die richtige moralische heute eine viel größere Rolle als noch in den 70er
Haltung verfügen und „selbstverantwortlich an den Jahren. Der Körper wird zu Markte getragen, des-
gesellschaftlich geforderten Vorgaben arbeiten“. wegen wird er gestylt, modelliert und perfektio-
Giovanni Maio, Direktor des Instituts für Ethik niert.“ Das Dreigespann Leistung, Erfolg und Diszi-
und Geschichte der Medizin an der Universität Frei- plin ist durch die Schönheit längst zum unverzicht-
burg, ist überzeugt, dass schöne Körper heutzutage baren Karrierequartett geworden. Viele Studien be-
einen Marktwert haben: „Wir leben in einer ökono- legen das mittlerweile – sogar bei Politikern stellt die

PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019  31


Wenn man sich zu sehr mit der ­ iddows. Wer das Spiel nicht mitmacht, outet sich
W
als zu geizig, zu faul oder zu dumm, denn: „Mit
eigenen Schönheit beschäftigt, allem, auch mit der Verweigerung, treffen wir eine
Aussage.“
führt das zu einer psychischen Das Ganze wird nicht einfacher dadurch, dass sich
Verengung selbst schaden kann, wer Schönheits- und Körper­
ideale allzu sehr zum eigenen Maßstab macht. Der
Psychoanalytiker Klaus Posch sieht in der Überbe-
wertung des perfekten Körpers die Gefahr, dass wir
die Realität „illusionär verkennen“. Wer sich aus
Angst, als hässlich zu gelten, zurückziehe, schränke
sich ein und hindere sich selbst daran, Menschen
physische Attraktivität inzwischen das zweitwich- kennenzulernen. Darüber hinaus sieht der Psycho-
tigste Erfolgskriterium dar. loge ein Risiko, dass es zu „psychischer Verengung“
Schönheit taugt als Langzeitziel, ist allgemeingül- führe, wenn man sich zu sehr nur mit der eigenen
tig und überstrahlt persönliche Vorlieben, fordert Schönheit beschäftige oder sogar eine Sucht danach
bestimmte Gewohnheiten und Praktiken ein, struk- entwickele. Dies reduziere andere Entwicklungsmög-
turiert den Alltag, schafft Identität und Bedeutung lichkeiten. Das heißt: Wer zu viel Zeit und Geld in
und stellt, kurz gesagt, ein besseres Leben in Aussicht, die Herstellung des schönen Körpers investiert, muss
fasst Widdows das Versprechen der Schönheit zu- andere Interessen zurückstellen und auf schöne Er-
sammen. Aber macht Schönheit auch glücklich? Ei- fahrungen verzichten.
ne Studie des Forschungsinstituts zur Zukunft der Für Heather Widdows ist klar: Wer das Monster
Arbeit hält fest: „Gutes Aussehen fördert den wirt- zerstören will, muss ihm ins Gesicht sehen. „Erst
schaftlichen Erfolg und wirkt sich damit positiv auf dann können wir davon absehen, einen Teil unserer
die individuelle Lebenszufriedenheit aus.“ Sich einem Identität mit Verschönerungsmaßnahmen schaffen
allgemeinen Ideal beugen, um individuell zufrieden zu wollen.“ Ihre Überlegung ist wie folgt: Gibt man
zu sein – nur scheinbar ein Widerspruch. offen zu, dass der wachsende Schönheitsdruck einem
zu schaffen macht, verliert das Ideal zumindest einen
Das Monster zerstören Teil der Akzeptanz – und damit vielleicht den Status
Aber es gibt einen Nachteil: „Das Ich wird zum form- als ethisches Ideal. Ob es so kommen wird und wie
baren Objekt“, sagt Widdows, weil es sich über den viele das wirklich wollen, ist offen. Sandra Pallmann
Körper manifestiere. Wir stylen und formen den hatte sich dafür entschieden, dem Körperideal
Körper, um unseren Erfolg zu präsentieren und zu näherzukommen, und hat ihr Ziel erreicht: „Wenn
zeigen, dass unsere moralische Haltung die richtige ich heute Fotos von der dickeren Sandra anschaue,
ist. Dafür müssen wir uns gefallen lassen, dass an- denke ich: Das bin ich doch gar nicht“, erzählt sie.
dere über unseren Körper – und das bedeutet: über „Jetzt beneiden mich viele, ich werde auch von mei-
unseren Charakter – urteilen. Bodyshaming, das nen Kollegen ganz anders behandelt. Ich fühle mich
Verunglimpfen von Figur oder Aussehen, ist auf ­allen wie ein neuer Mensch.“ Sandra hatte Größe 42, trägt
Social-Media-Kanälen gängige Praxis. „Jede Ver- jetzt 38/40. Im Jahr 2019 bedeutet das eine echte
schönerungsanstrengung wird zum Muss“, sagt Wesensveränderung. PH

QUELLEN UND LITERATUR ZUM WEITERLESEN

Heather Widdows: Perfect me. Beauty as an ethical ideal. Prince- Winfried Menninghaus: Das Versprechen der Schönheit. Suhr-
ton University Press, Princeton, Oxford 2018 kamp, Frankfurt 2007
Ada Borkenhagen u. a . (Hg.): Schönheitsmedizin. Kulturge- Alessandra D'Agostino u. a .: Beauty matters: Psychological fea-
schichtliche, ethische und medizinpsychologische Perspektiven. tures of surgical and nonsurgical cosmetic procedures. Psycho-
Psychosozial, Gießen 2016 analytic Psychology, 35/2, 2018. DOI: 10.1037/pap0000099
Helene Karmasin: Wahre Schönheit kommt von außen. Ecowin, Viren Swami: Cultural influences on body size ideals: Unpacking
Salzburg 2011 the impact of westernization and modernization. European Psy-
Klaus Posch: Die Schönheit der Körper. Behinderte Menschen, chologist, 2013. DOI: 10.1027/1016-9040/a000150
Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten, 6/2011
Waltraud Posch: Projekt Körper. Wie der Kult um die Schönheit
unser Leben prägt. Campus, Frankfurt 2009

32 PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019


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34 PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019
„Eine große Kraft, Lösungen wie Gesetze zum Emissionsschutz. Und
eine andere wachsende Gemeinschaft beschäftigt sich
mit der Kultivierung des Geistes: Achtsamkeit und

die wir viel zu andere geistige Praktiken boomen, immer mehr Men-
schen meditieren, und an vielen Stellen wird über

wenig nutzen“
die gesellschaftliche Bedeutung von Empathie dis-
kutiert. Meist stehen Gesundheit und Wohlbefinden
dabei im Vordergrund, aber auch die Suche nach ei-
nem ressourcenschonenden Lebensstil spielt eine
wichtige Rolle.
Wie kann der gesellschaftliche Umschwung Beide Ansätze ergänzen sich wunderbar und könn-
zu einem schonenden Umgang mit ten sich befruchten – es sind aber bisher zwei weit-
gehend getrennte Sphären. Wer einen Achtsamkeits-
­Ressourcen endlich gelingen? Der Nach-
kurs besucht, weiß deshalb noch lange nichts über
haltigkeitsforscher Thomas Bruhn sagt: praktische Möglichkeiten, weniger CO2 zu verbrau-
­Unsere Geisteshaltung und grundsätzliche chen. Und wer in der Nachhaltigkeitscommunity von
Bewusstseinsentwicklung spricht, landet leicht in der
Einstellung zum Leben sind entscheidend Esoterikecke.
In einem Projekt am Institut für transformative
Nachhaltigkeitsforschung in Potsdam, das ich seit
2016 leite, fördern wir deshalb den Austausch zwi-
schen beiden Themen und den Beteiligten.
Wie muss man sich Ihre Arbeit konkret vorstel­
len?
Wir betreiben einerseits klassische Forschung, um
herauszufinden, welche Bewusstseinsveränderung
Herr Dr. Bruhn, Sie sagen, wir brauchen ein an­ notwendig ist für einen ökologischen Wandel. An-
deres Bewusstsein, um unseren Lebensstil zu dererseits verknüpfen wir Akteure aus den Bereichen
verändern. Warum? Nachhaltigkeit und Bewusstseinswandel durch Ver-
Es gibt sehr viele Ansätze, Menschen durch geschick- anstaltungen und den Aufbau einer Onlinedatenbank
te Marketingstrategien zu überlisten, beispielsweise und Plattform mit Informationen zu relevanten
faire Produkte zu kaufen, den Stromanbieter zu wech- Menschen, Akteuren und Publikationen. Den dritten
seln, weniger Plastikmüll zu produzieren. Richtig Schwerpunkt bildet die Entwicklung neuartiger Räu-
erfolgreich sind diese Ansätze aber nicht, weil sie ver- me, Lernformate und Curricula für Transformati-
suchen, uns in ein ökologisches Verhalten hineinzu- onsprozesse.
manipulieren. Die innere Motivation fehlt. Ich glau- Das Besondere daran ist: Wir bringen Bewusst-
be, dass wir uns viel stärker mit unserer geistigen seinswandel und nachhaltiges Verhalten im Alltag
Haltung beschäftigen und unsere Beziehung zu uns zusammen. Wir leiten auch sogenannte Transforma-
selbst, zu anderen und zur Erde hinterfragen sollten. tions Labs. Mit diesem Format unterstützen wir Men-
Darin liegt eine große Kraft, die wir bislang noch schen und Organisationen, inneren Wandel und
viel zu wenig nutzen. wirksames nachhaltiges Verhalten zu verbinden. Wir
Zahlreiche Initiativen setzen aber doch genau als Team versuchen auch, die Geisteshaltung zu le-
an diesem Punkt an und rufen dazu auf, im eige­ ben, mit der wir uns konzeptionell befassen.
nen Stadtteil Müll wegzuräumen und Gemüse­ Was bedeutet Bewusstseinsentwicklung und in­
beete anzulegen, also sich verantwortlicher zu nere Veränderung in diesem Zusammenhang für
ILLUSTRATION: HELENA PALLARÉS

fühlen. Sie?
Das stimmt – aber vielfach finden die Akteure noch Dass ich mir klarer werde über das Wesen meiner
nicht zusammen, und das verhindert die Entwick- Existenz – meine Beziehung zu mir und der Welt –
lung. Wir haben in Deutschland eine große Nach- und dass ich erkenne, dass beides zusammenhängt:
haltigkeitscommunity, die sich stark auf technische mein innerer Zustand, der mich drängt, immer mehr
Lösungen wie beispielsweise die Entwicklung erneu- aus mir und anderen rauszuholen, und mein Umgang
erbarer Technologien konzentriert und auf politische mit dem Planeten und seinen Rohstoffen.

PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019  35


Warum beute ich mich selbst aus? Welche Bezie- Es gibt ­keinen sind davon abhängig, wie wir mit unserem Planeten
hung habe ich zur Welt? Ist sie für mich wie eine Automatis­ umgehen. Unsere Denkweisen und Geisteshaltungen
Maschine? Oder ein Selbstbedienungsladen? Oder entscheiden darüber, wie wir den Herausforderungen
mus der Art
erkenne ich mich selbst als einen Teil dieser Welt? begegnen – deshalb der Begriff Mindset.
„Weil ich
Realisiere ich, dass die Art und Weise, wie ich mit Viele Menschen haben aber den Eindruck, nur
mir und meinen Grenzen umgehe, mein Verhalten meditiere, ein kleines Rädchen zu sein, das nicht viel gegen
beeinflusst? fahre ich nicht den Klimawandel bewirken kann.
Wenn die restliche Erde für mich etwas Abstrak- mehr mit dem Genauso ging es mir auch, bevor ich an unser Insti-
tes, von mir Getrenntes ist, lasse ich meinen Müll SUV zum tut kam. Und ich fühle mich immer noch regelmäßig
einfach liegen, und es ist mir egal, wie viel Strom und ­Einkaufen“ eingeschüchtert von der schieren Größe der Heraus-
Kerosin ich verbrauche oder welches Leid mein forderungen, vor denen unsere Welt steht. Ich erlebe
Fleischkonsum verursacht. Wenn mich der Zustand oft, dass Menschen sagen: „Es nützt nichts, wenn ich
der Erde wirklich berührt, weil ich mich als Teil von mich ändere, erst muss sich das System ändern.“ Im
ihr fühle, kann ich nicht mehr einfach so weiterma- Gegensatz dazu sagen mir Vertreter „des Systems“
chen, sondern bemühe mich, stimmige Beziehungen in scheinbar einflussreichen Positionen aber auch:
zur Welt zu entwickeln. „Das System wird sich nicht ändern, bevor sich nicht
Sie haben Ihr Projekt A Mindset for the Anthro- die Menschen ändern.“
pocene genannt. Warum? Diese Diskussion führt letztlich zu nichts. In mei-
Der Begriff des Anthropozäns beschreibt die Tatsa- nen Augen gibt es diese Trennung nicht. Ich sehe die
che, dass die Menschheit zum ersten Mal in unserer Zusammenhänge der Welt eher wie ein neuronales
Zivilisationsgeschichte als globales Kollektiv die Netzwerk, bei dem jede Zelle in Beziehung steht mit
Funktionsweise des gesamten Erdsystems prägt und dem Gesamtsystem. Natürlich bin ich mir bewusst,
damit auch die Lebensgrundlagen aller Lebewesen. dass ich als einzelne Zelle nur sehr klein bin, aber
Wir haben damit eine ganz andere Verantwortungs- gleichzeitig bin ich auch Teil des Gesamtsystems und
rolle als noch vor 200 Jahren: Das Wohlbefinden ­allen viel stärker mit allem verbunden, als es mir manch-
Lebens und die Stabilität des gesamten Erdsystems mal scheint. Und meine Geisteshaltung ist damit auch
prägender Bestandteil des Gesamtsystems.
Wie kommen wir unserer Geisteshaltung auf die
Spur?
Nachhaltiges Leben beginnt im Geiste, sagt Thomas Die entscheidende Frage dabei ist für mich: Was treibt
Bruhn. Er rät, regelmäßig innezuhalten und sich ehrlich mich an? Wo kann ich in meinem Umfeld etwas ver-
und in Ruhe folgende Fragen zu stellen: ändern? Ist mir mein Anliegen wichtig genug, dass
ich mich von der Opferrolle emanzipiere, oder finde
• W
 arum kaufe ich gerade diesen Gegenstand? Welches
ich es vielleicht sogar ganz bequem, fremdbestimmt
Bedürfnis steht dahinter? Benötige ich ihn wirklich?
zu sein und darüber zu jammern?
Wenn nicht, welche andere Funktion erfüllt er für mich?
Ich begreife unser Projekt auch als einen Ermuti-
• W
 as halte ich für wirklich bedeutsam in dieser Welt und
gungsprozess für jeden Menschen, der dieses Poten-
diesem Leben? Fördere ich durch mein Handeln das,
zial in sich suchen möchte.
was mir wichtig ist?
Welches Mindset ist dabei hilfreich?
• B
 evor ich aus dem Affekt heraus auf irgendetwas
Das Ziel unseres Projekts ist nicht, zu sagen: So musst
­reagiere: Schaffe ich es, kurz bewusst zu atmen und mir
du denken, fühlen und handeln. Das wäre in meinen
darüber klarzuwerden, was ich im nächsten Moment
Augen vermessen und übergriffig.
tun oder sagen möchte?
Wir suchen nicht nach dem ultimativen Ansatz,
• S
 ehe ich meine Umgebung hauptsächlich unter dem
sondern wir wollen aufzeigen, was bereits möglich
­Aspekt ihrer Nützlichkeit für mich? Oder sehe ich in den
ist. Dafür müssen wir aber nichts neu erfinden, wir
Dingen und Menschen um mich herum ihren eigenen
bringen Menschen und Prozesse miteinander in Kon-
Wert, einfach nur weil sie existieren?
takt, die bisher an verschiedenen Enden des Problems
• K
 ann ich mir die Welt, in der ich gerne leben möchte,
arbeiten.
vorstellen? Und handele ich so, wie ich in dieser von mir
In Workshops starten wir mit konkreten Nach-
gewünschten Welt handeln würde? Falls nicht, warum
haltigkeitsproblemen wie zu viel Plastik, CO2-Aus-
ist das so?  BS
stoß oder Kerosinverbrauch. Wir regen die Teilneh-
mer aber auch an, ihre eigenen mentalen Muster und

36  PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019


­ eltanschauungen zu reflektieren. Erst zum Schluss
W samkeitskurs besuchen und danach mit dem SUV
entwickeln wir konkrete Ansätze, wie sich beispiels- zum Einkaufen fahren.
weise die Erkenntnis „Ich bin ein Teil der Erde“ in Unbestritten ist: Die Achtsamkeitspraxis ermög-
nachhaltiges Verhalten im eigenen Unternehmen licht etwas, das herkömmliche Informationspolitik
übersetzen lässt. Wenn sich die innere Haltung nicht nicht schafft. Das Bewusstsein für Zusammenhänge
verändert, passiert nichts. kann anders haften bleiben, es ist nicht nur eine
Können Sie ein praktisches Beispiel nennen? ­kognitive Information, die abgespeichert wird. Die
Eine Politikberaterin hatte den Eindruck, dass die in Teilnehmer lassen sich berühren und identifizieren
der Beratung übliche Vorgehensweise, eine Studie zu sich mehr mit ihrem Wunsch, anders zu leben.
präsentieren, ein Briefing zu machen und ein paar Das allein reicht aber nicht.
Schlüsselbotschaften herüberzubringen, bei ihrem Leider nein. Sensibel für das eigene Konsumverhal-
Gegenüber nichts anrührte. Nur mit Fakten konnte ten zu werden ist ein wichtiger Schritt. Aber es braucht
sie keinen Politiker dazu bewegen, sich für Nachhal- natürlich auch Informationen: Was kann ich tatsäch-
tigkeit zu engagieren, und das hat sie frustriert. lich tun? Wo habe ich Einflussmöglichkeiten? Tech-
Wir haben sie in Kontakt gebracht mit dem Netz- nokratische Aspekte sind ebenfalls wichtig.
werk Mindful Nation UK. Diese Initiative in Groß- Auf der Onlineplattform FindingSustainia zum
britannien organisiert unter anderem Achtsamkeits- Beispiel stellen sich die Teilnehmer jeden Monat e­ iner
kurse für Politiker, die so aufgebaut sind, dass Fragen neuen Aufgabe. Etwa: vier Wochen lang sozio-fair
zu sozialer Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit in die einkaufen, vier Wochen lang emissionsarm leben,
Meditationspraxis integriert sind. Das hat der Frau Dr. Thomas Bruhn ist plastikfrei leben. Die Idee ist, sich eine Sache vorzu-
ganz neue Ideen gegeben, wie sie erfahrungsbasierte Physiker. Er arbeitet nehmen und sie durchzuhalten. Vielleicht traue ich
Lernprozesse oder auch emotionale Aspekte in ihre seit 2012 am Institut mich nicht, mit meinem Einmachglas in den Super-
für transformative
Arbeit integrieren kann. Nachhaltigkeitsfor-
markt zu gehen und zu sagen: „Packen Sie mir die
Nur zu verstehen verändert also offenbar nichts schung (IASS) in Oliven bitte hier rein.“ Dann lese ich von anderen,
Was braucht es darüber hinaus? Potsdam. 2016 hat er die beim dritten Mal von der Verkäuferin angestrahlt
die Leitung des
Wir bombardieren uns gegenseitig mit noch mehr Projekts A Mindset
wurden, mache es auch und stelle fest, dass es kein
Zahlen, wie hoch der CO2-Ausstoß durch fleischin- for the Anthropocene Problem ist, wenn ich das selbstbewusst vertrete. Und
tensive Ernährung ist, aber das führt nur zu Infor- übernommen immer einen wiederverwertbaren Coffee-to-go-­
mationsmüdigkeit. An Informationen haben wir oh- Becher dabei zu haben ist auch nicht so schwer.
nehin eher einen Overkill. Wissen ist das eine, sich Information, Sensibilisierung, Reflexion, prakti-
berühren lassen das andere. Kontemplation, also ein sche Befähigung – das gehört unbedingt zusammen.
tieferes, betrachtendes Einlassen ermöglicht eine Ver- Aber natürlich gerate auch ich selbst dabei immer
bindung auf der emotionalen, intuitiven Ebene. Wir wieder an meine Grenzen.
im Team pflegen eine regelmäßige Achtsamkeits- und Inwiefern?
Mitgefühlsmeditation als einen von vielen Zugängen Ich lebe in einer Altbauwohnung mit Gasetagenhei-
zu innerer Transformation unserer ethischen Ori- zung. Mein Jahresfußabdruck, den ich allein durch
entierungen und Weltanschauungen. meine Heizung produziere, misst mindestens zwei-
Führt eine regelmäßige Meditationspraxis denn einhalb Tonnen CO2. Das ist mein theoretisches Jah-
tatsächlich zu einem veränderten Lebensstil? resbudget, ohne etwas gegessen oder Strom bezogen
An der Technischen Universität Berlin forschte bis zu haben. Ich habe einen Ökostromanbieter und
vor kurzem ein interdisziplinäres Team zu der Frage, fliege wenig, das schafft einen kleinen Ausgleich.
ob und – wenn ja – wie sich Achtsamkeit auf den Aber mein eigenes Verhalten ist inkohärent, und
Konsum auswirkt. Das sogenannte BiNKA-Projekt ­darunter leide ich auch.
zielte darauf ab, Menschen zu nachhaltigem Konsum Auch im Team stoßen wir an Grenzen. Wir
zu befähigen und die Diskrepanz zwischen Umwelt- ­verstehen uns als lebendes Labor. Wir überlegen,
bewusstsein und tatsächlichem Verhalten zu über- welche Konferenzen wirklich wichtig sind, und
winden. Und tatsächlich hilft Meditation demnach, ­f liegen nur dorthin. Wir kochen zweimal in der
sich wirklich berühren zu lassen und mehr Verant- ­Woche mit Gemüse, das auf unserer Dachterrasse
wortung zu spüren. wächst. Es geht nicht so schnell voran, wie wir das
Man darf aber daraus nicht den Kurzschluss gerne hätten, aber ich habe ein großes Vertrauen in
­ziehen: Wenn wir alle schön meditieren, sind wir langsame Prozesse. PH
vorbildlich ökologisch. Ich kann auch einen Acht- INTERVIEW: BIRGIT SCHÖNBERGER

PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019  37


PSYCHOLOGIE NACH ZAHLEN

AUF FREMDE ZUGEHEN


5 DURCHAUS EIGENNÜTZIGE GRÜNDE, KONTAKT AUFZUNEHMEN
VON ANNA GIELAS

M 2
anchmal kostet es Überwin- ter anderem die Daten der offiziellen Web- SCHMERZTOLERANZ
dung, auf Fremde zuzugehen. site aus, auf der Freiwillige im Zuge der Fremde lindern körperlichen
Vorurteile, Unsicherheit, aber Boston-Attentate von 2013 Fremden ihre Schmerz. Buchstäblich. Die Pro-
auch Gleichgültigkeit stehen uns im Weg. Hilfe angeboten hatten. „Diese Helfer wa- banden eines internationalen For-
Doch wer die Hürden überwindet, kann ren größtenteils Menschen aus multikul- schungsteams lagen in der Röhre eines
davon auf vielfältige Weise profitieren. turellen Nachbarschaften der amerikani- Magnetresonanztomografen, während

1
schen Großstadt“, berichten die Wissen- ihnen schmerzhafte Stromstöße auf ihren
HILFSBEREITSCHAFT schaftler. Sie kontrollierten, ob andere linken Handrücken verabreicht wurden.
Im Jahr 1954 stellte der Psychologe Einflüsse wie Bildung oder Religiosität die Anschließend wurde ein Teil der Teilneh-
Gordon Allport seine Kontakt­ altruistische Haltung erklären konnten. mer von einer Person ihrer eigenen Nati-
hypothese auf: Je mehr wir mit Fremden Aber am Ende deutete alles auf Allports onalität verarztet. In der anderen Gruppe
zu tun haben, umso weniger Vorurteile Kontakthypothese: Es war der tägliche Um­ sorgten Menschen aus einem der Balkan-
ILLUSTR ATION: TILL HAFENBR AK

hegen wir ihnen gegenüber. Mit der Ver- gang mit Menschen aus anderen Kulturen, länder – einem für die Behandelten frem-
trautheit schwinden die Ressentiments. der die freiwilligen Helfer aus Boston so den Kulturkreis – für die Schmerzlinde-
Mehr noch: Solche Begegnungen spornen hilfsbereit gemacht hatte. rung. Und gerade in dieser Gruppe schlug
auch generell unsere Hilfsbereitschaft an. die Behandlung besser an als in der ersten.
Das beobachteten kürzlich Forscher um Jared Nai u. a.: People in more racially diverse neigh- „Die schmerzbezogene Hirnaktivierung
borhoods are more prosocial. Journal of Persona-
Jared Nai von der Singapore Management war bei diesen Probanden verringert“, be-
lity and Social Psychology, 2018. DOI: 10.1037/
University. In ihrer Studie werteten sie un- pspa0000103 richtet Philippe Tobler von der Universi-

38 PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019


tät Zürich. Er und seine Kollegen vermu- ausgeschlossen: Er bekam kaum den Ball
ten dahinter eine Art Überraschungs­ zugespielt. Das änderte sich, als die acht-
effekt: „Die Studienteilnehmer, die samkeitstrainierten Teilnehmer in das
schmerzlindernde Maßnahmen von ei- Spiel eingreifen durften. Sie bezogen den
nem Fremden erhielten, hatten nicht mit Ausgegrenzten nicht nur deutlich häufiger
der effektiven Hilfe gerechnet.“ Umso ein als zuvor die virtuellen Mitspieler, son-
größer war ihre Verblüffung, als es dann dern auch als die Probanden von der Kon- * *Depressionen
Depressionen
doch viel weniger weh tat – und gerade trollgruppe. Außerdem schrieben die * *Angststörungen
Angststörungen
dieser Kontrast zur Erwartung senkte das Achtsamen dem Fremden eine herzliche- * * ChronischeSchmerzen
Chronische Schmerzen
Schmerzempfinden zusätzlich. re, zuversichtlichere Nachricht als jenen ** Traumafolgestörungen
Traumafolgestörungen
beiden Spielern, die ihn ausgegrenzt hat- * *Burnout
Burnout
Grit Hein, Jan Engelmann, Philippe Tobler: Pain re-
lief provided by an outgroup member enhances
ten. „Die Studie verdeutlicht, dass wir * * Lebenskrisen
Lebenskrisen
analgesia. Proceedings of the Royal Society B: Bio- Mitgefühl und Hilfsbereitschaft für Men-
logical Sciences, 2018. DOI: 10.1098/rspb.2018.0501
schen, die uns fremd sind, fördern kön- * *Hochfrequente
HochfrequenteTherapien
Therapien

3
nen“, so die Wissenschaftler. ** Herzlichkeit
Herzlichkeit und
und Mitgefühl
Mitgefühl
SELBSTLOSIGKEIT * *Individualität
Individualitätininfamiliärem
familiäremKreise
Kreise
Daniel R. Berry u. a.: Mindfulness increases proso-
Mit dem Alter scheint es uns cial responses toward ostracized strangers through * *60
60Betten
Betten/ /30
30Therapeuten
Therapeuten
leichterzufallen, selbstlos gegen- empathic concern. Journal of Experimental Psy-
chology: General, 2018. DOI: 10.1037/xge0000392
über anderen Menschen zu sein. Das be-
Psychosomatisches 88339
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5
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sein Team aus Singapur in einer Studie. OFFENHEIT beihilfefähig
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Sie basierte auf dem „Diktatorspiel“, in Musik schlägt eine Brücke zwi-
dem Probanden eine Geldsumme zwi- schen den Kulturen: Dank ihr
schen sich und einem Fremden aufteilen lernen wir fremde Länder und ihre Be-
sollen. Dabei waren die älteren Teilnehmer wohner auf positive Weise kennen. Anzeige_Psychologieheute.indd
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deutlich freigiebiger als die jüngeren. tugiesische Forscher dokumentierten die


„Menschen wenden sich mit dem Alter besondere Wirkung der Musik bei jungen
generell eher vom Eigeninteresse ab und Heranwachsenden. Sechs Monate lang
suchen nach Quellen, die dem Leben einen nahm eine Gruppe an einem Programm
größeren Sinn verleihen“, vermuten die teil, das sie mit den musikalischen Tra-
Forscher. Und gerade Selbstlosigkeit ge- ditionen und Eigenarten fremder Kultu-
genüber Fremden, von der wir uns nichts ren vertraut machte. Dabei lauschten die
versprechen können, schenke dem Leben jungen Teilnehmer nicht nur der unbe-
mehr Bedeutung. kannten Musik, sondern sangen nach ei-
niger Zeit selbst mit. Nach insgesamt 20
Narun Pornpattananangkul u. a.: Social discounting
in the elderly: Senior citizens are good samaritans
Sitzungen, die jeweils 90 Minuten dau-
to strangers. The Journals of Gerontology: Series erten, untersuchten die Forscher um
B, 2017. DOI: 10.1093/geronb/gbx040
Félix Neto, ob das Programm die er-

4
wünschten Folgen hatte: Tatsächlich zeig-
SENSIBILITÄT
Das WIR wirkt.
ten die jungen Probanden deutlich weni-
Bereits kurze Achtsamkeits- ger Vorurteile (etwa gegenüber Migran-
übungen machen uns empfäng- ten) als die Kontrollgruppe, die nicht an
licher für die soziale Ausgrenzung ande- dem musikalischen Projekt teilgenom- Berufsbegleitende Weiterbildung
rer Menschen – und motivieren uns, etwas men hatte. Der positive Effekt war aller- ✓ Management und Kommunikation
dagegen zu unternehmen. Das dokumen- dings auf Menschen aus jenen Ländern ✓ Therapie und Beratung
tierten Forscher um Daniel Berry von der beschränkt, die die jungen Probanden
California State University. Ein Teil ihrer während ihrer musikalischen Odyssee Kostenloses Programmheft anfordern!
Probanden übte sich aktiv in Achtsamkeit, kennengelernt hatten. PH
die anderen entspannten sich einfach so.
Anschließend schauten alle Teilnehmer Félix Neto u. a.: Can music reduce national preju-
dice? A test of a cross-cultural musical education
einem digitalen Ballspiel zu. Dabei wurde program. Psychology of Music, 2018.
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PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019 39


Eine Politik
zum Glück
Was kann der Staat tun, um die
Lebensqualität seiner Bürger zu
fördern? Die gängige Antwort lautet:
den Wohlstand steigern. In einer
umfassenden Datenanalyse kommen
Verhaltensökonomen nun
jedoch zu dem Schluss: Mehr
Einkommen macht kaum zufriedener.
Die Politik kann aber an anderen
Hebeln ansetzen

VON JOCHEN PAULUS

I
ch glaube nicht, dass wir noch reicher sein besonders glücksfördernd. Bildung auch nicht, ein-
müssen“, sagt Professor Andrew Clark von zelne Schulen und sogar Lehrerinnen dagegen schon.
der Paris School of Economics. Clark ist ein Unlängst hat Clark mit vier Gleichgesinnten das
ungewöhnlicher Ökonom, denn er erforscht Buch The Origins of Happiness veröffentlicht – die
nicht, was Menschen und Gesellschaften Ursprünge des Glücks. „Unser Ziel ist ehrgeizig: Es
wohlhabender, sondern was sie glücklicher macht. geht darum, das Denken über das, was für Menschen
Als er vor Jahrzehnten anfing, Leute nach ihrem Be- wichtig ist, zu revolutionieren.“ Das Buch ist ein
finden zu befragen, statt sich einfach ihre Kaufent- Glücksratgeber, aber nicht für Bestsellerfreunde, son-
scheidungen anzusehen, galt das vielen Kollegen als dern für Politiker und andere Entscheidungsträger.
„ausgesprochen bizarre Methode, sich mit mensch- Was kann der Staat tun, um Menschen glücklicher
lichem Verhalten zu beschäftigen“, erinnert er sich. zu machen?
Er musste sich sogar anhören, dass er wohl den Beruf Das Werk wertet die Daten von großen Untersu-
verfehlt habe. Heute ist er „sicher einer der Top-Hap- chungen aus. Wenn die Forscher also mehr Geld meist
piness-Forscher“, sagt sein deutscher Kollege Jan Del- nicht für besonders vordringlich halten, ist das kei-
hey, Soziologieprofessor an der Universität Magde- ne subjektive Sein-statt-haben-Gesellschaftskritik,
burg. Und Clark kommt zu erstaunlichen Ergebnis- sondern basiert auf harten Daten. Aus Deutschland
sen. Partnerschaften beispielsweise hält er nicht für verwenden die Forscher Ergebnisse des Sozio-oeko-

40 PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019


nomischen Panels (SOEP), für das jedes Jahr um die mit Ihrem Leben – auf einer Skala von 0 bis 10?“
30 000 Frauen und Männer befragt werden. Es geht Anders als viele Glücksforscher nimmt Clarks Team
um Einkommen, Gesundheit, Bildung, Arbeit und nicht einzelne mögliche Ursachen für das Glück un-
Freizeit. Nach Möglichkeit werden jährlich die glei- abhängig voneinander in den Fokus, sondern ana-
chen Teilnehmer befragt. So lässt sich feststellen, wie lysiert viele auf einmal. Auf diesem Weg kann man
sich ihr Leben verändert und womit die Verände- die wirklichen Quellen von Glück und Zufriedenheit
rungen zusammenhängen. Die Forscher nehmen sich besser eingrenzen. Welche also sind das?
auch ähnliche Untersuchungen aus Großbritannien,
1. Der Faktor Geld
ILLUSTR ATIONEN: MATTHIAS SEIFARTH

Australien und der Schweiz vor. Damit gelten ihre


Erkenntnisse zwar erst einmal nur für „vier reiche Ja, Geld verändert den Glückswert. Aber nur an der
Länder“, wie Delhey anmerkt. Bei Bedarf ziehen die zweiten Stelle hinter dem Komma – um noch nicht
Forscher aber auch umfassendere Untersuchungen einmal ein Zehntel eines Punktes auf der Skala der
wie den Gallup World Poll heran, der fast alle Länder Lebenszufriedenheit. Jedenfalls gilt das in reichen
umfasst. Ländern. In armen macht es allerdings einen großen
Glück im Sinne von Lebenszufriedenheit wird da- Unterschied, ob jemand mit ein paar Rupien im Slum
bei meist mit einer schlichten, aber aussagekräftigen lebt oder mit einem kleinen Vermögen in einem schö-
Frage erfasst: „Wie zufrieden sind Sie alles in allem nen Haus. Folgerichtig sind die Bewohner reicher

PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019 41


Wir wollen nicht mehr Allerdings rät er zu einer gewissen Vorsicht. Um-
verteilung muss als fair empfunden werden. Leuten
Geld. Wir wollen mehr Geld Geld zu geben, die es in den Augen der anderen nicht
verdienen, „wird das Wohlbefinden nicht erhöhen“.
als die anderen Daher hält Clark es oft für eleganter, die Steuern nicht
deshalb zu erhöhen, um den Ärmeren direkt mehr
Geld zu geben, sondern um die zusätzlichen Einnah-
men in bessere Schulen, Kindergärten, Schwimm-
bäder und dergleichen zu stecken. Das kommt vor
allem denen zugute, die nicht einfach auf Privatschu-
len ausweichen oder ein Kindermädchen engagieren
können.
Länder im Schnitt glücklicher als die von armen. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman
Aber dann geschieht etwas Merkwürdiges. Wenn der verweist auf das Beispiel Dänemark. Dort entscheidet
Wohlstand in einem Land wächst, nimmt das Glück der Staat über 55 Prozent der Ausgaben – in den Au-
deswegen noch lange nicht zu. So stiegen die Real- gen vieler Amerikaner blanker Sozialismus. In
einkommen in Deutschland von 1991 bis 2015 um Deutschland sind es 44 Prozent, in den USA 38 Pro-
15 Prozent, die Lebenszufriedenheit dagegen stag- zent. „Die schlichte Wahrheit ist, dass das Leben für
nierte auf der Skala von null bis zehn bei etwa 7,5 die meisten Dänen besser ist als für die meisten Ame-
Punkten. In China ergibt sich das gleiche Bild. Zwar rikaner“, hält Krugman fest. Die Dänen zählen zu
arbeitet sich das Land mit sehr hohen Wirtschafts- den glücklichsten Menschen der Erde. Mehr Staat
wachstumsraten aus der Armut, doch die Chinesen bedeutet zwar keineswegs immer mehr Glück, aber
sind nicht glücklicher als 1990. in vielen Ländern hilft es, wenn der Staat für sozia-
Es gibt mindestens zwei Erklärungen, warum mehr len Ausgleich sorgt.
Geld oft nicht mehr Glück bringt. Zum einen gewöh-
nen Menschen sich schnell an ihren neuen Wohlstand 2. Der Faktor Arbeit
– bald gibt er ihnen nichts mehr. Zum anderen ist Eher noch schlimmer als ein Mangel an Geld ist ein
Reichtum relativ: „Natürlich wollen die Leute mehr Mangel an Arbeit. In Deutschland kostet Arbeitslo-
Geld“, konstatiert Clark, „aber einer der Gründe ist, sigkeit fast einen vollen Glückspunkt. Auch daran
dass sie reicher sein wollen als andere.“ Das Dumme gewöhnen sich die Betroffenen nie. Selbst wenn sie
ist nur: „Wir können nicht alle reicher sein als die wieder Arbeit haben, finden sie über Jahre nicht zu-
anderen.“ Deutsche Daten zeigen dieses Prinzip lehr- rück zum alten Glück.
buchhaft: Ein höheres eigenes Einkommen steigert Daniel Oesch von der Universität Lausanne hat
das persönliche Glück um 0,26 Punkte. Ein höheres anhand von Daten des SOEP und dem vergleichba-
Einkommen der anderen aber senkt es um 0,25 ren Schweizer Panel noch eine weitere Tücke der Ar-
­Punkte – wenn alle mehr Geld haben, bleibt prak- beitslosigkeit gefunden. „Unsere Studie widerlegt die
tisch nichts. unter Ökonomen vorherrschende Ansicht, dass Men-
Dem gleichen Prinzip saßen zufällig ausgewählte schen weniger unter Arbeitslosigkeit leiden, wenn sie
Angestellte der University of California auf. Sie er- dieses Schicksal mit vielen anderen teilen“, sagt der
fuhren, was ihre Kolleginnen und Kollegen verdien- Soziologieprofessor. Nicht nur dass weitere Arbeits-
ten. Lag ihr eigenes Gehalt darunter, sank prompt lose das Unglück ihrer Leidensgenossen nicht lindern
die Zufriedenheit mit dem Job. – ihre Niedergeschlagenheit färbt sogar auf ihre Um-
Es ist also ziemlich sinnlos, mehr Reichtum zu gebung ab: Rechnerisch senkt jeder Arbeitslose auch
schaffen, aber es könnte helfen, ihn gleichmäßiger das Glück von anderen.
zu verteilen. Superreichen tut es nicht wirklich weh,
ein paar Millionen oder Milliarden zu verlieren, aber 3. Der Faktor Bildung
Arme würde mehr Geld glücklicher machen. Man Arbeitslosigkeit lässt sich oft verhindern, wenn Men-
gewöhnt sich zwar an Geld, aber an Armut „gewöhnt schen besser ausgebildet werden. Auch sonst hat Bil-
man sich nie“, sagt Clark. Er hält es für machbar, dung einige positive Auswirkungen auf das Glück,
staatlicherseits sicherzustellen, „dass kaum jemand indem sie beispielsweise die Kriminalität verringert.
weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Ein- Aber für sich genommen bringt sie nach Clarks Da-
kommens hat – das ist die EU-Definition von Armut“. ten überraschend wenig – jedenfalls dann, wenn man

42 PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019


allein nach dem Bildungsabschluss fragt (Hauptschu-
le, Abitur, Studium). „Es stimmt, dass Bildung einen
relativ geringen Effekt auf die Lebenszufriedenheit
hat“, bestätigt auch der Magdeburger Glücksforscher
Delhey. In Deutschland bringt ein besserer Bildungs-
stand gerade mal 0,05 Glückspunkte. Und die lösen
sich in nichts auf, wenn die Bildung der anderen be-
rücksichtigt wird. Im Dorf der einzige Doktor zu
sein ist schon was. An der Uniklinik einer unter vie-
len zu sein hebt die Lebenszufriedenheit dagegen
nicht.
Trotzdem sind gute Schulen keine Geldverschwen-
dung. Clarks Team zeigt anhand von Daten der bri-
tischen ALSPAC-Studie (Avon Longitudinal Study
of Parents and Children): Wenn ein Kind auf eine
bessere Grundschule geht, hat es selbst noch mit 16
nicht nur bessere Noten, sondern ist auch emotio-
nal gesünder, fühlt sich also besser. Das zeigt
der Vergleich der Absolventen verschiede-
ner Schulen. Der Bildungsabschluss selbst
scheint also nicht so wichtig fürs Glück,
wohl aber auf welcher Schule diese Bildung
vermittelt wurde. Es gibt nur ein Problem:
Niemand weiß, was die besseren Schulen
ausmacht. „Wenn wir uns die beobacht-
baren Merkmale anschauen, die Klassengröße
beispielsweise“, bedauert Clark, „können wir nicht
erklären, warum manche Schulen besser abschnei-
den als andere.“
Vielleicht hat es mit dem allgemeinen „Klima“ an ierlich, aber dann geht die Kurve wieder nach unten,
der Schule zu tun – und auf jeden Fall spielen die wobei der Wendepunkt ziemlich genau mit dem
Lehrkräfte eine Rolle: Selbst für die einzelnen Grund- Tausch der Ringe zusammenfällt.
schullehrer lassen sich langanhaltende Effekte auf Dabei gibt es allerdings große Unterschiede zwi-
die Zufriedenheit der Schüler nachweisen – bis min- schen den Ländern und zwischen den Geschlechtern.
destens zum 20. Lebensjahr. Erstaunlicherweise wirkt In Großbritannien fällt das Glück nach der Eheschlie-
der segensreiche Einfluss vor allem auf das Wohlbe- ßung bei beiden Geschlechtern nur ein wenig, und
finden und weniger auf die Mathekenntnisse. Wie im australischen Durchschnitt hält es vor allem bei
die Lehrkräfte das machen, weiß ebenfalls keiner. den Frauen sogar an. Doch in Deutschland geht es
„Man kann sich vorstellen, dass eine gute Schule bei den Männern deutlich bergab; bei den Frauen
Kindern Selbstbewusstsein einimpft“, überlegt der geht es erst hoch und dann wieder runter und ist
deutsche Glücksforscher Delhey. Es würde sich also nach vier Jahren wieder auf dem alten Vermählungs-
auch zwecks Glücksförderung lohnen, in bessere niveau. Die nationalen Unterschiede sind ein Rätsel.
Schulen zu investieren – sobald die Forschung raus- Doch für den häufigen Trend nach unten gibt es ei-
hat, was sie auszeichnet. nen Erklärungsansatz, der schon von anderen Glücks­
phänomenen bekannt ist: Gewöhnung.
4. Der Faktor Partnerschaft „Ich weiß, was mit Laura nicht stimmt“, räsoniert
Vom Ehepartner erwartet sich manche und mancher der unentschlossene Held aus Nick Hornbys Roman
den Himmel auf Erden. Auch Glücksratgeberbücher High Fidelity mit Blick auf seine langjährige Freun-
empfehlen Heiraten wärmstens. Im Durchschnitt din. „Dass ich sie nie mehr für das erste, zweite oder
allerdings bringen Ehen und eheähnliche Verbin- dritte Mal sehen werde. […] Sicher, ich liebe sie und
dungen wenig bis nichts. Ja, in den ersten Jahren mag sie, und wir können gut miteinander reden, ha-
nach dem Kennenlernen steigt das Glück kontinu- ben netten Sex …, aber was zählt das?“

PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019 43


Eine versteckte Glücks- nen großen Sinn, selbst wenn es das Glück verrin-
gert“, schrieb der renommierte Sozialpsychologe Roy
quelle, die fast niemand Baumeister einmal. Hier gibt es womöglich eine tie-
fere Dimension der Zufriedenheit, die in den Um-
auf der Rechnung hat: fragen nicht erfasst wird.
seelische Gesundheit 6. Der Faktor Psyche
Während etliche vermeintliche Glücksbringer die
Lebenszufriedenheit also nur wenig erhöhen, gibt es
eine kaum zu überschätzende Glücksquelle, die fast
niemand auf der Rechnung hat: seelische Gesund-
Andererseits ist Gewöhnung „offenbar keine un- heit. Das zeigt sich beim Blick auf die Unglücklichs-
entrinnbare Macht, die die Wirkungen sämtlicher ten. Sie machen etwa 7,2 Prozent der Bevölkerung
Lebensumstände auslöscht“, wie Richard Lucas von aus. Clarks Berechnungen zeigen: Verschwände die
der Michigan State University und Andrew Clark Arbeitslosigkeit, dann sänke der Anteil der Unglück-
schon vor Jahren in einer Studie notierten, die eben- lichsten nur auf etwa 6,9 Prozent. Würde die Armut
falls mit SOEP-Daten arbeitete. Im Schnitt hob Hei- restlos besiegt, würde sich der Anteil auf ungefähr
raten das Glück zwar nicht dauerhaft, aber für die 6,6 Prozent verringern. Ließen sich dagegen Depres-
einzelnen Paare ergab sich ein ganz unterschiedliches sionen und Ängste aus der Welt schaffen, ginge der
Bild: Manche machte das Leben zu zweit deutlich Anteil auf 5 Prozent zurück. Anders ausgedrückt:
glücklicher, für andere war es eine Bürde. „Eine Ehe Jeder dritte Unglückliche käme dann auf ein norma-
kann schön und erfüllend sein, aber auch ausgespro- les Maß an Glück.
chen stressig“, resümieren die Forscher. Sämtliche körperlichen Erkrankungen weitgehend
Auf den ersten Blick scheint es, als ob der Staat heilen zu können würde dagegen nur jedem Zehnten
wenig für das Beziehungsglück seiner Bürgerinnen aus dem Unglück helfen. Denn während viele mit
und Bürger tun könnte. Clark sieht das nicht so. „Es einer körperlichen Krankheit halbwegs zufrieden le-
gibt Ehevorbereitungskurse. Nicht Eheberatung, ben, ist eine Depression immer schrecklich. Und
wenn alles in die verkehrte Richtung läuft, sondern während körperliche Krankheiten meist erst im Ren-
Beratung zu Beginn. Diese Dinge bekommt man tenalter zum ernsthaften Problem werden, suchen
schwer auf Anhieb hin.“ Warum also nicht da inves- psychische Störungen Menschen jeden Alters heim.
tieren? In jedem Lebensjahr leiden zehn Prozent der Bevöl-
kerung mindestens einmal an einer Angststörung,
5. Der Faktor Kinder Depression, Traumastörung oder Suchterkrankung.
Vielleicht sollten die Berater auch gleich beim Leben Oft sind immer wieder dieselben Frauen und Män-
mit Kindern unterstützen. Denn die wirken auf die ner betroffen.
Glückskurve ähnlich wie die große Liebe: Bevor das Wie glücklich wird sich ein 16-Jähriger zwei Jahr-
Kind geboren wird, steigt das Glück in freudiger Er- zehnte später fühlen? Nichts sagt dies so treffgenau
wartung. Dann sinkt es, und schon zwei Jahre später vorher wie seine seelische Gesundheit, sagt Clark:
sind Eltern im Schnitt kaum glücklicher als vorher. „Nicht wie gut man in der Schule ist, nicht die Zeug-
Das besagen etliche, wenn auch nicht alle Untersu- nisse, nicht wie gut man mit anderen Kindern aus-
chungen. kommt, ob man Sachen kaputtmacht oder sich prü-
Vielen macht es wenig Spaß, sich um ihre Kinder gelt.“
zu kümmern. Als der Psychologe und Nobelpreis- Weil psychische Störungen so viel Glück verhin-
träger Daniel Kahneman 900 texanische Frauen ih- dern, empfiehlt Clark Regierungen dringend, ihre
ren Tag rekapitulieren ließ, gaben sie beim Fernsehen, Behandlung zu verbessern. „Es kostet nicht einmal
Einkaufen und Kochen mehr Glücksgefühle zu Pro- Geld“, argumentiert er. Natürlich müssten die The-
tokoll als beim Kinderhüten. rapien bezahlt werden, „aber was die Vermeidung
Etliche Experten allerdings glauben, dass Fragen von Arbeitslosigkeit, Klinikaufenthalten und Arzt-
nach der Lebenszufriedenheit die Freuden der El- besuchen spart, übersteigt die Kosten von Therapie-
ternschaft nicht wirklich erfassen. „Die Leute wollen programmen bei weitem“.
glücklich sein, aber sie wollen auch, dass ihr Leben Richard Layard, emeritierter Ökonom der London
einen Sinn hat. Kinder zu haben gibt dem Leben ei- School of Economics, Mitglied des britischen Ober-

44 PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019


D I E WA H R H E I T K A N N N I C H T
BEKEHRT WERDEN

hauses und einer von Clarks Koautoren, ist einer der


geistigen Väter des britischen IAPT-Programms (Im-
proving Access to Psychological Therapies). Gut zehn-
tausend neue Psychotherapeuten sollen in wissen-
schaftlich abgesicherten Verfahren gegen Ängste und
Depressionen ausgebildet werden. Derzeit wird schon
mehr als eine halbe Million Patienten im Jahr be-
handelt. Etwa die Hälfte wird angeblich wieder ge-
sund, wobei die Zahl nicht ganz unumstritten ist.
Aber selbst wenn es nur ein Viertel wäre, meint Clark,
„wäre dies eine gigantische Verbesserung der Ge-
sundheit der Gesellschaft“.

7. Der Faktor Gemeinwesen


Psychische Störungen und viele andere Vorausset-
zungen von Glück oder Unglück fallen für einzelne
OSCAR®-NOMINIERTER OSCAR®-PREISTRÄGERIN OSCAR®-PREISTRÄGER
Menschen sehr unterschiedlich aus. Trotzdem gilt UND

LUCAS HEDGES NICOLE KIDMAN RUSSELL CROWE


das Diktum des Mystikers John Donne aus dem
17. Jahrhundert: Niemand ist eine Insel. Die Gemein-
schaft ist wichtig. Die Forschung beweist, dass die
Politik eine Menge tun kann, um die Bevölkerung
glücklich zu machen, auch weil die Qualität des Zu-
sammenlebens in einer Gesellschaft eine große Rol-
le für das Glück der Bürgerinnen und Bürger spielt.
Denken die Regierenden vor allem an sich und sind
womöglich hoffnungslos korrupt? Sind sie demokra-
tisch bestimmt und achten das Recht? Sind die Men-
schen frei? Vertrauen sie einander? All diese Dinge D R E H B U C H U N D R E G I E JOEL EDGERTON
haben nachweislich große Folgen.
Meinungsforscher haben in fast allen Ländern die
Frage gestellt: „Wenn Sie in Not sind, gibt es dann
DER VERLORENE SOHN erzählt die ergreifende
Verwandte oder Freunde, auf deren Hilfe Sie zählen und wahre Geschichte des 19-jährigen Jared (Lucas
können, wann immer Sie sie brauchen?“ In Ländern, Hedges), der in einem Baptistenprediger-Haushalt in
in denen jeder sich auf jemanden verlassen kann, den amerikanischen Südstaaten aufwächst.
liegt das Glück zwei Punkte höher als in anderen. Als sein strenggläubiger Vater (Russell Crowe) von der
PH
Homosexualität seines Sohnes erfährt, drängt er ihn zur
Teilnahme an einer fragwürdigen Reparativtherapie. Vor
die Wahl gestellt, entweder seine Identität oder seine
Familie zu riskieren, lässt er sich notgedrungen auf die
LITERATUR
absurde Behandlung ein. Seine Mutter (Nicole Kidman)
Andrew E. Clark u. a .: The origins of happiness. The science of
well-being over the life course. Princeton University Press, Prince- begleitet Jared zu der abgeschotteten Einrichtung, deren
ton 2018
selbst ernannter Therapeut Viktor Sykes (Joel Edgerton)
Daniel Oesch, Oliver Lipps: Does unemployment hurt less if
there is more of it around? A panel analysis of life satisfaction ein entwürdigendes Umerziehungsprogramm leitet.
in Germany and Switzerland. European Sociological Review,
29/5, 2013, 955–967. DOI: 10.1093/esr/jcs071
Eine zutiefst bewegende und zugleich universelle
Richard E. Lucas, Andrew E. Clark: Reexamining adaptation and Geschichte über den mutigen Kampf eines jungen
the set point model of happiness: Reactions to changes in mar-
ital status. Journal of Personality and Social Psychology, 84/3,
Mannes für ein selbstbestimmtes Leben.
2003, 527–539. DOI: 10.1037/0022-3514.84.3.527
David M. Clark: Realizing the mass public benefit of evidence-
based psychological therapies: The IAPT Program. Annual Re-
view of Clinical Psychology, 14, 2018, 159–183.
AB 21. FEBRUAR IM KINO
DOI: 10.1146/annurev-clinpsy-050817-084833
/DerVerloreneSohn.DE
PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019 45
IM FOKUS

46 PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019


Unbewusste Gedanken
und Gefühle?
Nichts als Hirngespinste
Wir können gar keine tiefen Einsichten in unser Selbst gewinnen,
sagt der Verhaltenswissenschaftler Nick Chater. Was wir für
­ureigenste Gedanken halten, sind für ihn nichts als zufällige Fantasien
– unser Bewusstsein wird von ganz anderen Stellen gelenkt

Herr Chater, Sie sagen, dass wir die vergangenen Haben Sie Beweise?
Jahrzehnte in dem Irrglauben verbracht haben, Split-Brain-Patienten etwa. Bei ihnen können sich
Wesen mit geistiger Tiefe zu sein. Die Vorstel­ die beiden Gehirnhälften nicht austauschen. Das
lung einer inneren Welt mit uns unbewussten Sprachzentrum, das immer nur in einer Hälfte liegt,
Gedanken und Gefühlen sei eine Illusion. hat also keine Verbindung zur anderen Hemisphäre.
Genau, der menschliche Geist ist seicht und allein Befragt man diese Patienten zu Aktivitäten, die von
durch unser unmittelbares bewusstes Erleben defi- der Hemisphäre ohne Sprachzentrum ausgehen,
niert. Da tummeln sich keine unbewussten Gedan- Nick Chater ist erfindet die sprachfähige andere Hälfte irgendeine
ken und Gefühle unter der Oberfläche, die auf mys- ­ rofessor für Verhal-
P Geschichte. Von dem, was tatsächlich passiert ist, hat
teriöse Weise unser Handeln beeinflussen. Genauso tenswissenschaften an sie keine Ahnung. Ein anderes Beispiel ist das Phä-
der Warwick ­Business
wenig werden unsere Beweggründe von vorgeform- School in ­England. Der
nomen der Wahlblindheit: Um das zu erforschen,
ten Werten, Einstellungen oder Vorlieben bestimmt, Psychologe forscht zeigten schwedische Wissenschaftler Testpersonen
die als Teil unseres Ichs auf Abruf bereitliegen. unter anderem zur zwei Gesichter und ließen sie das attraktivere aus-
Entscheidungsfindung
Wovon dann? wählen. Dann vertauschten sie die Bilder unauffällig,
und berät die britische
Wir erfinden Erklärungen. Wenn mich jemand fragt, ­Regierung bei der Um- gaben der Versuchsperson das falsche Bild und for-
warum ich heute Tee statt Kaffee trinke, dann spinnt setzung von Nudging derten sie auf, zu erklären, warum sie dieses Gesicht
mir mein Gehirn in diesem Moment eine Antwort attraktiver fand. Den meisten Testpersonen fiel nicht
zusammen. Meine Erklärung beginnt erst dann zu auf, dass sie sich gar nicht für dieses Gesicht entschie-
existieren, wenn ich gefragt werde. Zu einem späte- den hatten, sie begründeten ausführlich die Wahl,
ILLUSTR ATION: MAGDA WEL

ren Zeitpunkt kann sie potenziell ganz anders aus- die sie nie getroffen hatten.  
fallen. Unser Gehirn ist so gut darin, die Gründe für Klingt, als ob wir verzweifelt einen Sinn in unse­
unser Verhalten ad hoc zu improvisieren, dass es uns rem Handeln suchen. 
tatsächlich so vorkommt, als könnten wir unsere Mo- Wir wollen kohärente Wesen sein, können aber ein-
tivationen einfach aus einer Art innerer Bibliothek fach nicht nachvollziehen, woher unsere Motivatio-
heraussuchen und auslesen. Aber das ist ein Irrtum. nen kommen. Das Einzige, dessen wir uns je bewusst

PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019  47


Sich selbst verstehen zu wollen Wenn jemand also etwa während einer Therapie
Gefühle entdeckt, über denen vorher ein Deckel
ist sinnlos, wir können es nicht gelegen zu haben scheint …
… dann hat er diese Gefühle nicht vorher in eine
- und brauchen es auch nicht Welt verdrängt, in der sie weiterexistiert haben. Er
hat nicht plötzlich eine Wahrheit wiedergefunden,
sondern hat – geleitet von Erinnerungsspuren – sei-
ne momentane Sinneserfahrung interpretiert.
Das ist tatsächlich eine ungewöhnliche Sichtwei­
se. Andererseits: In unserer klassischen Inter­
sind, sind unsere Wahrnehmungen – unser Bewusst- pretation von einer verdrängten inneren Welt
sein ist allein durch die Interpretationen unserer Sin- wie auch in Ihrer Auffassung bleibt der Moment
neseindrücke definiert. Ich empfinde also etwa einen von der Vergangenheit geprägt. Geht es hier al­
Gesichtsausdruck als herablassend, bin mir aber nie so nur um Begrifflichkeiten? Warum sträuben
bewusst, wie ich zu dieser Interpretation gekommen Sie sich, solche Spuren als unbewusste Tiefe un­
bin. Die einzelnen neuronalen Aktivitäten, die mein seres Geistes zu bezeichnen?
Gehirn zu der Erkenntnis geführt haben, sind mir Weil diese Vorstellung suggeriert, dass das Unbe-
so verborgen wie die Prozesse in meiner Leber. wusste bewusst werden kann. Wir haben uns in die
Also finden doch unbewusste Vorgänge im Ge­ Idee verliebt, dass es da diese Welt mit Gedanken
hirn statt? und Gefühlen in uns gibt, die unabhängig existiert
Natürlich gibt es jede Menge komplizierte Hirnak- und munter interagiert, während wir gerade mit et-
tivitäten, derer wir uns nicht bewusst sind – in dem was anderem beschäftigt sind. Freud hat uns diesen
Sinne nicht bewusst, wie wir uns der biochemischen Mythos eingebrockt. Es gibt aber keine Gedanken
Aktivitäten in unseren anderen Organen nicht be- und Gefühle, derer wir uns nicht bewusst sind. Das
wusst sind. Bei diesen unbewussten Vorgängen han- Einzige, was je im Gehirn verarbeitet wird und uns
delt es sich aber nicht um ein Unbewusstsein, das bewusst werden kann, sind die Informationen des
irgendwann bewusst werden könnte – so wie es etwa Moments, eine nach der anderen. Alle Hirnprozesse,
Freud proklamiert hat. Wir können nie und nimmer die diese Momentinterpretation beeinflussen, sind
Zugang zu diesen Hirnprozessen bekommen. nicht bewusstseinsfähig.  
Aber es ist doch schon so, dass mir Informatio­ Wie erklären Sie dann Situationen, in denen uns
nen bewusst werden können, die mir vorher nicht plötzlich Lösungen zu Problemen einfallen, an
bewusst waren. Ich kann mich zum Beispiel an die wir gar nicht mehr gedacht haben?
die Schuldgefühle erinnern, die ich als Kind hat­ Es ist natürlich verlockend zu denken, dass ohne un-
te, weil ich in der Schule besser als meine Schwes­ ser bewusstes Zutun Probleme gelöst werden, zumal
ter war. Und dann könnte ich erkennen, dass mei­ es dafür gefühlte Anhaltspunkte gibt. Allerdings
ne Angst vor Erfolg vielleicht in diesem Gefühl konnte die Forschung bisher noch keine Beweise für
begründet liegt. Wo war diese Information, so­ solche unbewussten Gedankenprozesse finden. Die
lange sie mir nicht bewusst war? sinnvollere Annahme ist, dass wir nach einer Pause
Wenn ich mich an etwas erinnere, hole ich das nicht mit einem klaren Geist an unser altes Problem her-
aus den Tiefen meines Geistes. Stattdessen bestim- angehen, gereinigt von all den Teillösungen, die uns
men Erinnerungsspuren unsere gegenwärtigen Ge- vorher in Sackgassen geführt haben.  
danken und Gefühle – Fragmente von Interpretati- Woher wissen Sie das?
onen vergangener Ereignisse. Sie sind Teil der uns Meine Kollegen und ich haben untersucht, ob par-
unbewussten Gehirnprozesse, aber sie als unbewuss- allel zum bewussten Nachdenken unbewusste Ge-
te Gedanken zu betrachten, wäre falsch. Der bewuss- dankenprozesse stattfinden können. Wir baten Test-
te Gedanke und der unbewusste Prozess, der zu die- personen, so viele Nahrungsmittel und Länder wie
sem Gedanken führt, sind zwei vollkommen ver- möglich aufzuzählen. Andere Versuchspersonen soll-
schiedene Stadien des Gedankenprozesses. So ist es ten nacheinander erst nur Länder oder nur Nahrungs-
ausgeschlossen, dass Gedanken mal das eine und mal mittel aufzählen. Und es war nicht so, dass die, die
das andere sein und zwischen einem bewussten und beide Instruktionen zum selben Zeitpunkt bekom-
einem unbewussten Stadium hin und her springen men hatten, schneller waren, weil sie bewusst über
können. die eine und zugleich unbewusst über die andere

48 PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019


S­ ache hätten nachdenken können. Unser Gehirn ist Es gibt keine Wer eine Therapie mit dem Ziel beginnt, der Sache
nicht fähig, nach Ländern zu suchen, während wir verborgenen mit sich selbst auf den Grund zu gehen, begibt sich
über Nahrungsmittel nachdenken. Es ist einfach nicht Gefühle, es auf eine hoffnungs- und sinnlose Suche. Denn es gibt
möglich, an mehr als einer Sache mental zu arbeiten. zwar Spuren aus der Vergangenheit, aber die können
gibt nur
Langsam bekomme ich Angst um meine Identi­ wir höchstens mit neuem Verhalten überschreiben.
tät. Wer bin ich, wenn ich immer nur im Moment
die, die wir Über Erinnerungen und Gedanken kommen wir an
bin und alles, was ich erinnere und denke, nur im Moment die nicht ran. Wir sind kein Kreuzworträtsel, das sich
Fantasieprodukte meines Gehirns sind? empfinden lösen lässt. Aber natürlich kann Therapie uns helfen,
Unsere Persönlichkeit bekommt Kohärenz, weil jede in zukünftigen Situationen besser zu improvisieren
Interpretation einer Wahrnehmung auf Erinnerungs- und etwa bestimmte Verhaltens- und Denkmuster,
spuren vergangener Interpretationen basiert. Und die uns das Leben schwermachen, nach und nach
jede neue Erfahrung beeinflusst die Interpretation abzuschwächen. Um noch einmal die Analogie zum
der nächsten. So erschaffen wir eine persönliche Tra- Jazzmusiker zu bemühen: Wenn der sein Spiel ver-
dition, auf deren Grundlage wir improvisieren. Wie bessern will, guckt er nicht in seine Vergangenheit
ein Jazzmusiker: Der hat ein Arsenal an verschiede- und zerbricht sich den Kopf darüber, dass er sich im
nen Schnipseln und Phrasen, die er auf unterschied- Alter von acht Jahren dieses eine schreckliche Stil-
liche Weisen zusammenfügt. Je mehr Erfahrung er element von einem Rocker abgeguckt und es über
hat, umso flexibler wird er und umso größer wird die Jahre in sein Spiel verschleppt hat. Nein, er fragt
sein Repertoire an Phrasen. Er spielt nicht einfach sich, was er besser machen will, übt und legt positi-
ins Blaue hinein, und sicher denkt er auch nicht über ve Spuren für die Zukunft an. Gerade weil unser
Theorie und Geschichte des Jazz nach. Alles, was er Geist so seicht ist und wir nicht aus mysteriösen Tie-
braucht, ist sein Repertoire, das er sich im Laufe sei- fen heraus gesteuert werden, haben wir beste Vor-
nes Spiels aufgebaut hat. Mit dieser Analogie wird aussetzungen, uns unaufhörlich neu zu interpretie-
vielleicht klarer, warum wir auch ohne ein reges un- ren und zu verändern. Außerdem können wir uns in
bewusstes inneres Leben einen mehr oder weniger dem Wissen, dass unser Gehirn von Moment zu Mo-
stabilen Charakter haben können. Oder sprechen wir ment improvisiert, jeder Menge unangenehmer Ge-
lieber von einem Stil, so wie ihn Musiker haben: Wir fühle entledigen.
agieren unter dem Einfluss der Erfahrungen, die wir Inwiefern?
gesammelt haben. Wir fühlen oft auf eine Weise, denken aber, dass wir
In Ordnung, es gibt also schon eine gewisse Kon­ anders fühlen sollten, und verurteilen uns dafür.
stanz. Sie verstehen unter Unbewusstem eben Die hier angespro- Trauer ist ein gutes Beispiel: Menschen, die jemanden
chenen Thesen
einfach etwas anderes als Freud. Sie sagen, ich verloren haben, fühlen sich oft schuldig, wenn sie
­vertritt Chater in
habe nur keinen Zugriff darauf. Irgendwie hat ­seinem aktuellen zwischendurch mal eine glückliche Stunde oder ei-
das auch etwas Befreiendes: Ich muss keine Buch The mind is nen guten Tag haben. Dabei ist das normal, denn das
Wahrheit und keinen Schlüssel zum Verständnis flat. The illusion of Gehirn kann ja immer nur ein Gefühl zulassen. Au-
mental depth and
meiner selbst suchen, denn da ist nichts zu fin­ the improvised mind.
ßerdem können wir schlicht nichts dafür, was es sich
den. Ich brauche mich nicht zu fragen, warum (Penguin Books gerade zusammenspinnt.
ich fühle, wie ich fühle oder ob ich nicht eigent­ 2018)   Eine andere Frage, die viele Leute umtreibt, ist
lich tief drinnen etwas anderes fühle. Nur zum die, was denn eigentlich ihr authentisches und wah-
Moment habe ich Zugriff. res Gefühl ist. Oft fühlen wir mal so, mal so. Im ei-
Das ist in der Tat radikal erlösend. Die ewige Suche nen Moment sind wir sicher, dass wir unseren Part-
nach uns selbst und unserer Wahrheit steht uns oft ner lieben, und im nächsten Moment fragen wir uns,
im Weg – wenn jemand etwa versucht, erst heraus- ob wir uns mit diesem Gefühl etwas vormachen und
zufinden, warum seine Beziehungen immer scheitern, nur aus Bequemlichkeit zusammen sind. Dann den-
bevor er sich erlaubt, eine neue einzugehen. Zu den- ken wir, dass sich das echte Gefühl irgendwo tief in
ken, dass wir uns erst verstehen und reparieren soll- uns drin befindet und wir es finden müssen, um ein
ten, bevor wir weiterleben, ist ein fundamentaler authentisches Leben zu führen. Das ist unnötige Pla-
Fehler. Unser Ich existiert nur in unseren momen- gerei: Es gibt keine Unterscheidung zwischen einer-
tanen bewussten Erfahrungen.  seits tiefen und wahren, andererseits oberflächlichen,
Hat Psychotherapie einen Wert für Sie, auch oh­ falschen Emotionen. Es gibt nur die Gefühle, die wir
ne dass Sie an eine versteckte emotionale Welt im Moment wahrnehmen. PH
glauben?  INTERVIEW: YVONNE VÁVRA

PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019  49


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REDAKTION:
THOMAS SAUM-ALDEHOFF

Nie wieder depressiv


Nach dem Dunkel
kommt wieder
Licht: Gar nicht so
Psychologen und Psychiater sagen depressiven Men- scher eher auf die schweren Fälle in Kliniken kon- selten folgt einer
depressiven Episode
schen heute oft eine düstere Zukunft vorher. „De- zentrieren. im Leben keine
pression galt einmal als Krankheit, bei der auf ein- Rottenberg schlägt vor, in Studien nicht nur Pa- weitere mehr
zelne Episoden eine vollständige Erholung folgt“, tienten einzubeziehen, die gelernt haben, mit ihrer
schrieb ein führender Experte, „doch bei vielen Pa- Krankheit zu leben und ihr positive Seiten abzuge-
tienten ist sie chronisch und wiederkehrend.“ Bei winnen, während sie weiter leiden. Vielmehr gelte
solchen finsteren Prognosen geht oft unter, dass es es, gezielt nach Menschen zu suchen, denen sich ein
nicht so kommen muss. „hochfunktionaler Endzustand nach Depression“
Zumindest nach der ersten Episode einer reinen bescheinigen lässt. Diese früher Depressiven sollten
Depression sind die Aussichten für eine vollständige ein erfülltes Leben führen – mit positiven Gefühlen,
Genesung gar nicht so schlecht. Bei 40 bis 60 Prozent guten Beziehungen. Sie sollten sich selbst akzeptieren
der Betroffenen kehrt die Krankheit selbst über Jahr- und einen Sinn in ihrem Dasein sehen. Wie vielen
zehnte nicht wieder, wie drei große Studien zeigten. das gelingt, kann nur zukünftige Forschung zeigen.
Darauf hat jetzt ein Team um Jonathan Rottenberg Ironischerweise, so die Autoren, müssten die pes-
von der University of South Florida in einem Diskus- simistischen Fachleute solche positiven Beispiele so-
sionsbeitrag zur Depressionsforschung hingewiesen. gar in den eigenen Reihen kennen. Zu ihnen zählt
„Was wäre“, fragen die Autoren, „wenn zwei verschie- Kay Redfield Jamison, die als junge Frau eine ma-
dene Varianten der Depression existierten, eine grim- nisch-depressive Erkrankung entwickelte und später
mige, chronisch wiederkehrende, lebenslange Versi- eine der führenden Experten für das Leiden wurde,
on und eine relativ gutartige, zeitlich begrenzte?“ In das heute bipolare Störung heißt. JOCHEN PAULUS

den meisten Studien sind Patienten mit guter Prog-


nose allerdings unterrepräsentiert, weil sich die For- DOI: 10.1177/1745691618769868

52 PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019


Schüchterne Menschen tauen auf,
sobald sie Alkoholisches getrunken
haben. Das haben englische Forscher
in einem Experiment mit hundert „Wir sind alle Mentalisierer. Dies
geht auf die große kognitive
Teilnehmern bestätigt, von denen die Revolution zurück, die der
Homo sapiens vor etwa 70 000
Hälfte zu sozialen Ängsten neigte. Jahren, vermutlich in Afrika,
erreicht hat. Wir entwickelten die
Doch nach dem angstlösenden Fähigkeit, uns eine Realität vorzustellen, die sich
Schwips folgte der Psychokater am von der, die wir unmittelbar wahrnehmen, unter-
scheidet. Diese Fähigkeit ermöglicht es uns, uns
Folgetag: Wieder ernüchtert, waren vorzustellen, was im Geist eines anderen vor
sich gehen könnte. Sie befähigt uns zugleich da-
die Scheuen sogar schüchterner als zu, uns vorzustellen, welche Art von Gefühl dazu
geführt haben mag, dass wir selbst das taten,
zuvor. was wir gerade getan haben. Dies ist notwendig,
weil es schwer, wenn nicht unmöglich ist, den
DOI: 10.1016/j.paid.2018.10.034
eigenen Geist in Echtzeit zu erkennen.“

Peter Fonagy, Psychologieprofessor am University College London,


in einem Interview in der Zeitschrift Nervenheilkunde

Ich taste mir’s


ins Gedächtnis
Sie wollen sich etwas gut merken? Fas-
sen Sie es an! Unser Langzeitgedächt-
nis speichert Informationen besonders
zuverlässig, wenn wir sie mithilfe des
Tastsinns aufnehmen. Diese neurona-
le Eigenart haben Fabian Hutmacher
und Christof Kuhbandner von der Uni-
versität Regensburg jetzt experimentell un-
tersucht. den sie zum ersten Mal berührten – also etwa zwei
Mit verbundenen Augen erkundeten die Teilneh- unterschiedliche Stifte. Sie sollten nun jenen Gegen-
mer insgesamt 84 Alltagsgegenstände – einzig mit- stand nennen, den sie bereits taktil studiert hatten.
hilfe ihrer Hände. Regenschirm, Stift, Hammer, Unmittelbar nach dem Einprägen erkannten die Pro-
Quietscheentchen: Die Objekte waren grundver- banden so 94 Prozent der Objekte. Eine Woche spä-
schieden, aber wohlvertraut. Die Probanden hatten ter erinnerten sie sich immerhin noch an 85 Prozent.
jeweils zehn Sekunden, um sich mit der Form, Ober- „Diese Ergebnisse zeigen, dass detaillierte, dau-
fläche und dem Gewicht eines Gegenstandes vertraut erhafte Repräsentationen im Langzeitgedächtnis ein
zu machen. Auch bei den anschließenden Gedächt- natürlicher Bestandteil der haptischen Wahrneh-
nistests sahen die Teilnehmer nichts. Sie bekamen mung sind“, so die Forscher. ANNA GIELAS

jeweils einen der Alltagsartikel, die sie schon ange-


fasst hatten, und einen korrespondierenden Artikel, DOI: 10.1177/0956797618803644

PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019  53


Chemiker am Max-Planck-
Kinder, die früh eingeschult Institut in Mainz haben ein
findiges Verfahren entdeckt,
werden, haben ein erhöhtes mit dem die Altersfreigabe
eines Films unbesehen er-
Risiko, dass man bei ihnen mittelt werden könnte: Sie
später eine Aufmerksam- maßen während 135 Vorfüh-
rungen von elf Filmen unter-
keitsstörung (ADHS) diagnostiziert. Das stellten schiedlicher Genres die Kon-
zentration von Isopren im
Harvard-Forscher fest, als sie den Werdegang von Kinosaal. Der Stoff wird über
die Atemluft und Haut aus-
Kindern verglichen, die knapp vor oder nach dem geschieden und signalisiert
emotionale Anspannung.
Stichtag zur Einschulung geboren wurden. Tatsächlich korrelierte der
Isoprengehalt der Kinoluft
Womöglich werde bei den Früheingeschulten mit der Altersbeschränkung
Unreife als ADHS missdeutet, so die Autoren. des gezeigten Films.

DOI: 10.1371/journal.pone.0203044
DOI: 10.1056/NEJMoa1806828

Wasch mich, aber mach


mich nicht nass
Viele Menschen mit einer Zwangser- rollgruppe eine Reihe sinnfreier Gesten
krankung haben eine Abneigung, ausführten und dabei gefilmt wurden,
Gegenstände wie etwa einen Tür- traf es die anderen Teilnehmer hart:
griff anzufassen, die mit Keimen Sie mussten vor laufender Kamera
„kontaminiert“ sein könnten. Ha- ein Stück Toilettenpapier in einer
ben sie dennoch ein verdächtiges nicht eben sauber wirkenden Bett-
Objekt berührt, können sie nicht pfanne berühren. Außerdem
anders, als sich sofort ausgiebig die wurden sie beim Händewaschen
Hände zu waschen, manchmal bis gefilmt. Die Videos wurden auf
diese bluten. Britische Forscher der eine App gespielt, von der aus die
Universität Cambridge haben nun eine Probanden sie eine Woche lang
originelle Methode erprobt, diesen viermal täglich anschauen muss-
Waschdrang zu befriedigen, ohne tat- ten – erst die Bettpfannenszene (oder
sächlich die Hände zu waschen: Sie verla- die Gesten), dann die erlösende Hand-
gerten die Zwangshandlung sozusagen in eine me- reinigung.
dial vermittelte alternative Realität. Tatsächlich hatte das Training den beabsichtigten
Weil sie sichergehen wollten, dass ihr Experiment Waschzwang: Effekt: Bei den Bettpfannenprobanden, nicht aber
die Zwangsstörung nicht unbeabsichtigt verschlim- Kann man in der Kontrollgruppe gingen die Zwangssymptome
ihn per Video
mern statt verbessern würde, rekrutierten Baland austoben?
zurück. Ob der Trick auch echten Zwangskranken
Jalal und seine Kollegen keine Zwangspatienten, son- hilft, muss sich aber erst noch herausstellen. TSA
dern 93 Freiwillige, die nur tendenziell zum Wasch-
zwang neigten. Während die Probanden der Kont- DOI: 10.1038/s41598-018-33142-2

54 PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019


Alice Crames, M.Sc.
Dipl.-Sozialarbeiterin, Heilpraktikerin
für Psychotherapie
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In der Haag 15, 54298 Welschbillig
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VFP

Wenn Achtsamkeit an Grenzen stößt


Achtsamkeitstherapien richten gegen häu- delten Patienten geht es hinterher im
Wo endet die schlechte
fige psychische Störungen offenbar wenig Schnitt zwar besser als solchen, die keine
Laune, wo beginnt die
aus. Zu diesem Schluss kommt ein Team Behandlung bekommen haben, etwa weil Depression?
um den Psychotherapieforscher Lars- sie erst einmal auf eine Warteliste gesetzt

erhältlich
Göran Öst von der Universität Stockholm. wurden. Doch wirkungslose Placebopillen
Die Behandlungen basieren auf einer und psychologische Pseudotherapien
buddhistischen Meditationstechnik. Es müssen sich den Achtsamkeitsbehandlun-

247 S, € 18,95 D | ISBN 978-3-407-86510-6 | Auch als


gilt, sich ganz auf den Augenblick zu kon- gen nur selten geschlagen geben. Außer-
zentrieren, seine Gedanken, Gefühle und dem gilt: Je hochwertiger die Studie, des-
Empfindungen bewusst wahrzunehmen, to schlechter die Ergebnisse der Achtsam-
ohne sie zu bewerten. Auf diesem Grund- keitstherapie.
prinzip fußen verschiedene Therapiefor- Lediglich in einer Studie zur Hypo-
men, etwa die von Jon Kabat-Zinn entwi- chondrie, die alle Qualitätsanforderungen
ckelte achtsamkeitsbasierte Stressreduk- erfüllte, schnitt die Achtsamkeitstherapie
tion (MBSR). Achtsamkeitstherapien gut ab. Doch hier fehlen weitere Studien,
können nachweislich Stressempfindungen die dies bestätigen. Keine Nachweise für
reduzieren und Rückfälle nach Depres- die Wirksamkeit einer Achtsamkeitsthe-
sionen vermeiden helfen. Doch nachdem rapie sehen die Autoren bei anderen Stö- Männer verstecken ihre Ängste oft hinter
sie groß in Mode gekommen sind, werden rungen: Depression, generalisierter Angst- eisigem Schweigen oder hinter Wut und
Aggression. Das führt dann oft zu noch
sie zunehmend auch zur Behandlung aku- störung, posttraumatischer Belastungs-
größeren Problemen. Der erfahrene Psycho-
ter psychischer Störungen empfohlen. störung, Panikstörung oder Insomnie. Öst therapeut Jens-Michael Wüstel informiert
Zu Recht? empfiehlt bei diesen Leiden gut abgesi- über Hintergründe und Symptome männ-
Öst fand 19 Studien zu dieser Frage, an cherte Behandlungen wie die kognitive licher Depression und bietet ein bewährtes
5-Schritte-Programm zur Selbsthilfe.
denen insgesamt knapp 1300 Patienten Verhaltenstherapie. JOCHEN PAULUS
Leseprobe auf
teilgenommen hatten. Ihre Ergebnisse fal- www.beltz.de
len insgesamt sehr bescheiden aus. Behan- DOI: 10.1017/S0033291718000259

PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019 55


Das wirksamste Alarmgeräusch für Kinder
ist die Stimme der Mutter. Amerikanische
Pädiater testeten drei mütterliche Weck-
1959
Der Herzinfarkt galt lange Zeit – zu
rufvarianten sowie den hohen Standard­ Unrecht, wie man heute weiß – als
„Managerkrankheit“. Vor 60 Jahren
alarmton eines Feuermelders an 176 fünf- wurde diese Idee in die Welt gesetzt:
Am 21. März 1959 erschien im renom-
bis zwölfjährigen schlafenden Kindern. Das mierten Journal of the American Me-
dical Association eine Studie von
Mutterorgan weckte die Kleinen in 86 bis 91, Meyer Friedman und Ray Rosenman,
zweier Kardiologen aus San Francis-
der Piepton nur in 53 Prozent der Fälle. co. Sie hatten eine Gruppe von
83 Männern untersucht, denen „ein
DOI: 10.1016/j.jpeds.2018.09.027
intensives überdauerndes Leistungs-
streben“ eigen war und die sich in
Beruf und Privatleben ständig Wett-
bewerb und Zeitdruck auferlegten,
und stellten fest: Bei diesen hem-
mungslosen Ehrgeizlingen waren ge-
fährliche Arterienablagerungen sie-
benmal so häufig wie in den Kontroll-
gruppen. In den folgenden Jahren
trugen Friedman und Rosenman wei-
tere Merkmale dieser vermeintlich
herzgefährdeten „Typ-A-Persönlich-
keit“ zusammen: Ellenbogeneinsatz,
ungeduldig, rastlos, unduldsam, be-
ziehungslos. Ihr 1974 veröffentlichtes
Buch Type A behavior and your heart
Lieber gemeinsam essen wurde zum Bestseller, und drei Jahre
später erklärte die amerikanische Ge-
Spinat statt Pommes? Mancher Jugendliche rümpft da die Nase. Ernäh-
sundheitsbehörde Typ A offiziell zum
rungspredigten sind dann oft zwecklos, wie frustrierte Eltern wissen.
Herzrisikofaktor. Doch fortan häuften
Doch es hilft schon, wenn man die Mahlzeiten gemeinsam einnimmt.
sich die Studien, in denen keine Ver-
Das haben Ernährungswissenschaftler aus Kanada, den USA und Groß-
bindung zwischen Typ A und dem
britannien herausgefunden. Kathryn Walton und ihre Kollegen befragten
Herzen bestätigt werden konn-
mehr als 2700 Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 14 und 24
te. Aus dem Vermächtnis des
Jahren, die noch bei ihren Eltern lebten. Bei etwa drei Vierteln waren
Typ-A-Konzepts gilt heute
die Familienverhältnisse stabil, bei den anderen zerrüttet. Doch selbst
allenfalls „Feindseligkeit“
bei einem schwierigen Familienleben zeigte sich, dass die Befragten von
– eine Facette dieses
gemeinsamen Mahlzeiten profitierten. So war das Essen abwechslungs-
Persönlichkeitstyps –
reicher und bestand eher aus Obst und Gemüse als aus Fertigprodukten
als Faktor, der mit ei-
und süßen Getränken. Auch waren diese Teilnehmer nicht so oft über-
nem leicht erhöhten
gewichtig. Für die Eltern sei es bei einer gemeinsamen Mahlzeit viel
Herzrisiko einhergeht.
leichter, mit gutem Vorbild voranzugehen und so ohne viel Aufhebens
das Essverhalten ihrer Kinder zu prägen, meint Walton. Wer sich zudem
beim Zubereiten der Mahlzeiten von den Kindern helfen lasse, erreiche Es ist ein Irrtum, dass
auch eher, dass sie die Speisen goutierten. ARIANE WETZEL „Managertypen“ besonders
infarktgefährdet sind

DOI: 10.1001/jamanetworkopen.2018.5217

56 PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019


PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019 57
Freunde im Doppelpack
Anstrengend, verstaubt und spießig – um das Image
des Pärchenabends steht es nicht gut. Zu Unrecht:
Die Freundschaft unter Paaren bereichert nicht nur die
Freizeit. Ihre Dynamiken beleben die Beziehung
VON LISA MEYER

58 PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019


D
as Treppenhaus einer Altbauwoh- Konstellation beschäftigen. Mehr als 400 Personen
nung im Dortmunder Süden. Drit- haben Geoffrey Greif und Kathleen Holtz Deal, Pro-
ter Stock. An der Tür hängt ein fessoren an der University of Maryland School of So-
­Salzteigschild mit der Aufschrift cial Work, für ihr Buch Two Plus Two. Couples and
„Hier leben, lieben, lachen und strei- Their Couple Friendships interviewt. 78 Prozent der
ten Volker und Kerstin“. Patrick Salmen steht mit 246 vergebenen Personen in der Stichprobe gaben an,
seiner Frau davor – und ist geneigt zu brechen. Mit die Freundschaft mit anderen Paaren sei ihnen wich-
dieser Szene beginnt der Poetry-Slammer, Autor und tig oder sogar sehr wichtig.
Kabarettist seine Nummer Der Raclette-Abend. Eine Hätten die Wissenschaftler Hanna Driefer dazu
Nummer über „ein Phänomen, mit dem ich ein ­wenig befragt, sie hätten die gleiche Antwort erhalten. Als
überfordert bin“, murmelt Salmen in sein ­Mikrofon die 32-Jährige bei einem Grillfest auf Cordula und
und legt eine bedeutungsschwangere Pause ein. „Pär- Andreas trifft, Freunde ihres neuen Freundes Mat-
chenabende. Das endet immer im Chaos, und zum thias, schießt ihr ein Satz in den Kopf: „Die sind es.“
Schluss stirbt einer.“ Das Publikum lacht. Salmen Aufgeschlossen erscheinen ihr die beiden, unkom-
– hipper Vollbart, rote Kappe, Holzfällerhemd – grinst pliziert, herzlich. Zwei begeisterte Kletterer und Fans
und kehrt zurück zum Salzteigschild: „In meinem gepflegter Schafkopfrunden. „Ich hätte vorher gar
Kopf schweben zwei Gedanken. Erstens: Ich hasse nicht sagen können, dass mir etwas fehlt. Erst als ich
mein Leben. Zweitens: Vorurteile über P ­ ärchenabende die zwei kennengelernt habe, ist mir bewusstgewor-
sind wie Gitarristen vor dem Auftritt. Sie stimmen.“ den, dass ich das vermisst habe: ein eng befreunde-
Das Publikum lacht lauter. Hunderttausende haben tes Paar.“ Ein Gespann mit ähnlichen Interessen,
das Video dieses Auftritts auf YouTube gesehen, Werten und Themen. Ein doppeltes Gegenüber für
­Tausende auf den Button mit dem hochgereckten Urlaubsfahrten, Wochenendausflüge und den ein
Daumen geklickt. oder anderen bierseligen Abend.
Egal ob Kabarett, Kino, Theater oder Literatur –
das Aufeinandertreffen zweier Paare dient gerne als Pärchenabend statt Cliquengrillen
Vorlage für satirische Scherze und hämischen Spott. Geht es nach Greif, haben sich die vier zur richtigen
Dabei ist die Paarfreundschaft weit mehr als eine Zeit gefunden. „Paarfreundschaften spielen im Lau-
Lachnummer. Die Begegnung zwei plus zwei lässt fe des Lebens mal eine größere, mal eine kleinere
uns wachsen, bereichert unser Leben und stärkt un- Rolle. Am wichtigsten sind sie jedoch zu Beginn der
sere Beziehung – oder führt zu Tragödien. Trennt ersten Ehe, wenn sich ein Paar neu als Paar definie-
sich ein Paar, eckt ein neuer Partner an oder kommt ren muss.“ Während die meisten Menschen in ihrer
Neid ins Spiel, zeigt sich, wie komplex und fragil die- Jugend und den frühen Zwanzigern einzelne Freun-
se Konstellationen sind. Wer um ihre Besonderheiten de oder ganze Cliquen als Bezugspunkte haben,
weiß, kann die Fallstricke vermeiden. ­etablieren sich mit den ersten langfristigen und ernst-
haften Beziehungen auch Paare im Freundeskreis.
Bastion gegen die Vereinzelung Sie dienten als Vergleichsbasis, so Greif, um die e­ igene
„Das Bedürfnis, uns mit anderen zu verbünden, ist Identität der Partnerschaft zu festigen, und spielten
tief in uns verwurzelt“, sagt die Kölner Paarthera- eine wichtige Rolle im sozialen Gefüge.
peutin Marina Gardini. „Wir brauchen den Zusam- Paare in den mittleren Jahren hätten hingegen oft
menschluss mit Freunden – auch als Paar.“ Das gilt Schwierigkeiten, diese Freundschaften aufrechtzu-
besonders für westliche Gesellschaften. Denn sie sind erhalten. Neben Karriere, Kindern und pflegebedürf-
geprägt von „einer Abkehr vom gemeinschaftsori- tigen Eltern bleibt in der Rushhour des Lebens nicht
entierten Leben, hin zu einem zunehmenden Maß viel Zeit, in soziale Kontakte zu investieren. „Sobald
an Privatisierung und Individualismus“, wie der Fa- aber der Nachwuchs das Haus verlassen hat und die
milienforscher Allen Barton von der University of berufliche Position gesichert ist, haben Paare mehr
ILLUSTR ATIONEN: LEHEL KOVÁCS

Georgia beobachtet. Dieser Kulturwandel zieht nach Kapazitäten“, sagt Greif. „Ältere Menschen schätzen
sich, dass Paare selten ein Teil größerer Gemeinschaf- diese Art der Verbindung wieder sehr.“ Das gilt auch
ten sind, etwa der Kirche oder des Dorfs. Entspre- für das letzte Viertel des Lebens. Doch fällt es Ehe-
chend bedeutsamer wird die Rolle von kleineren so- paaren dann zunehmend schwer, sich mit anderen
zialen Einheiten. Einheiten wie der Freundschaft im zu vernetzen. „Wenn im Bekanntenkreis schon ei-
Doppelpack. Das zeigt auch eine der w ­ enigen wis- nige verwitwet sind und die Freunde immobiler wer-
senschaftlichen Untersuchungen, die sich mit dieser den, werden Paarfreundschaften seltener.“

PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019  59


Doch egal in welchem Alter – die Rechnung zwei Deal herausgefunden, dass sich Paare in den USA
plus zwei geht nicht immer auf. „Sie glauben, dass es zwischen zwei Polen bewegen: Spaßorientierung und
schwer ist, einen echten Freund zu finden?“, fragt emotionaler Teilhabe. „Die meisten Paare suchen ein
etwa Irene Levine, Psychologin an der New York Uni- anderes Paar, mit dem sie sich amüsieren können“,
versity School of Medicine und Autorin eines Freund- sagt Greif. „Ihre Freundschaft basiert auf gemeinsa-
schaftsblogs. „Multiplizieren Sie diese Komplexität men Aktivitäten und gleicht eher der Herangehens-
mit zwei und versuchen Sie dann, ein Paar zu finden, weise von Männern.“ Eine kleinere Gruppe von Paa-
mit dem Sie und Ihr Partner harmonieren.“ Damit ren definiert ihre Freundschaft hingegen über Em-
die Suche erfolgreich verlaufen kann, hilft es, vor pathie und Selbstoffenbarung – dem typischeren
allem auf eines zu achten: Ähnlichkeit. „In einer ex- Interaktionsstil von Frauen. Gardini nimmt an, dass
trem pluralistischen Gesellschaft fühlen sich Paare dieses Verhältnis hierzulande ähnlich ausfällt. Denn:
in der Gegenwart ähnlicher Menschen wohler“, sagt „Paarfreundschaften fokussieren sich oft auf Hob-
Gardini. Buchliebhaber möchten mit Buchliebha- bys“, sagt die Psychologin. „Sie brauchen keine son-
bern, Triathleten mit Triathleten und FDP-Wähler derliche Tiefe und beruhen nicht unbedingt darauf,
mit FDP-Wählern ihre Freizeit verbringen. „Natür- dass man sich bei schweren Lebensereignissen un-
lich können auch Unterschiede bereichern, aber nur terstützt.“
wenn sie nicht zu groß sind.“ Dass das kein Manko sein muss, erlebt Hanna
Stimmen Wertevorstellungen, sozioökonomischer Driefer. „Anfangs war ich etwas enttäuscht, weil die
Status und Bildungshintergrund halbwegs überein, Gespräche oft bei banaleren Themen geblieben sind:
müssen sich schließlich auch noch die Erwartungen den Jobs oder dem Sport.“ Mittlerweile hat sie ak-
an die Freundschaft decken. So haben Greif und Holtz zeptiert, dass die Freundschaft im Quartett auf einer

RISIKEN UND NEBENWIRKUNGEN DER PAARFREUNDSCHAFT


NEID ­eigenen Bedürfnissen. Paartherapeutin Gardini rät dazu,
Freunde sind uns ähnlich und teilen viele Erlebnisse diese mit dem jeweiligen Partner zu besprechen. Dann
mit uns. Deshalb vergleichen wir uns mit ihnen und könne es eine Viererfreundschaft gut aushalten, wenn
empfinden gerade ihnen gegenüber manchmal Neid einzelne Personen, eine engere Verbindung haben,
oder Schadenfreude. Nicht ohne Grund: Sie dienen als „solange nichts hinausgetragen wird, was die jeweilige
Bezugsrahmen, um herauszufinden, was uns ausmacht. Partnerschaft oder Freundschaft belastet. Und niemand
Im Falle einer Viererfreundschaft betrifft diese Identi- ausgeklammert wird.“
tätsfindung nicht nur jeden Einzelnen, sondern auch
ENTTÄUSCHTE ERWARTUNGEN
jedes der Paare. „Sie beteiligen sich bewusst oder un-
Die Wünsche und Hoffnungen, die Paare in die Begeg-
bewusst an einer Beziehungsdarstellung und legen ein
nung mit anderen legen, können sich stark voneinan-
öffentliches Gesicht an, um ein Gefühl von Intimität und
der unterscheiden. So haben Greif und Holtz Deal das
Exklusivität zu erzeugen“, sagt Greif. Wenn der Ver­
Sozialverhalten von Paaren untersucht und dabei drei
gleich mit- und die Darstellung voreinander die Freund­
Typen ausgemacht. „Seekers sind extravertiert und auf
schaft belasten, hilft nur eines: Reflexion. Wer sich
der Suche nach anderen Paaren“, schreiben die Auto-
selbst eingestehe, dass er Neid empfindet oder imponie­
ren. Keepers hingegen haben bereits eine große Anzahl
ren möchte, könne versuchen, diese Impulse umzuwan-
von Freunden, sind nicht abgeneigt, neue Freundschaf-
deln und zu ergründen, ob sie wirklich notwendig sind.
ten mit Paaren zu schließen, suchen aber nicht danach.
INDISKRETION Und Nesters sind eher introvertiert. Sie sind zufrieden,
„Viele Männer beschrieben in unseren Interviews das wenn sie in ihrem Nest sind, in ihrem Haus. Treffen
Gefühl, dass eine Grenze überschritten wurde, als ihre Paare mit einem unterschiedlichen Wunsch nach Enge
Partnerinnen intimere Themen angesprochen haben. oder Distanz aufeinander, kann das zu Konflikten und
Themen, von denen sie dachten, dass sie nur sie beide Frustration führen. Oft leiden Freundschaften auch
etwas angingen“, sagt Greif. Auch für solche Situa- dann, wenn sich eines der Paare in seinen Bedürfnissen
tionen braucht es einen bewussten Umgang mit den verändert, etwa nach der Familiengründung.  LM

60 PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019


anderen Paaren nicht nur viel Spaß haben,
sondern sich auch gegenseitig mehr schät-
zen.“
Empirisch belegt wurde diese Vermu-
tung durch den Psychologen Keith Welker
an der University of Colorado Boulder. In
einer Studie mit 176 Probanden untersuch-
te er, ob die Interaktion zwischen zwei
Paaren das Gefühl von Nähe innerhalb
der Partnerschaften verstärken kann. Tat-
sächlich zeigten seine Experimente, dass
gemeinsame Aktivitäten die Zuneigung
zwischen den jeweiligen Partnern erhö-
hen. „Paarfreundschaften können damit
eine Möglichkeit sein, das Gefühl von lei-
denschaftlicher Liebe in romantischen
Beziehungen neu zu entfachen“, schreibt
Welker.
Einen wichtigen Grund für diese Wir-
kung sieht der Forscher darin, dass wir uns
als Vierergespann in Situationen begeben,
denen wir uns als Paar allein nicht aus­
setzen würden. Nie hätten Hanna Driefer
und ihr Freund Matthias Münch an einer
In der Gruppe
verändern sich Whiskeyverkostung teilgenommen, wäre
Menschen. Darum Andreas nicht ein ausgesprochener Fan des
zeigen sich beim
anderen Ebene sehr wertvoll sein kann. „Ich habe Hochprozentigen. Nie hätten sie einen Surfkurs ge-
Zusammentreffen
mit Freunden Freundinnen, mit denen ich über alles reden kann. bucht, hätte Cordula ihnen nicht von dem Gefühl
oft ganz neue Aber die würden nie mit mir unter freiem Himmel vorgeschwärmt, auf den Wellen zu reiten. Mit zwei
Seiten des Partners auf einem Berggipfel schlafen oder durch Steilwände weiteren Menschen kommen neue Anregungen ins
klettern. Es ist wirklich bereichernd, diese Erlebnis- Freizeitleben, frische Ideen, die die vertrauten Mus-
se nicht nur mit Matthias zu teilen.“ ter eines eingespielten Duos durchbrechen. „Diese
ungewohnten positiven Erfahrungen sind wichtig,
Leidenschaftliche Liebe neu entfachen um die Beziehungszufriedenheit zu fördern“, so Wel-
Paarfreundschaften tun uns gut. „Menschen mit ker. „Darüber hinaus ermöglicht die enge Interakti-
Freunden leben länger und glücklicher“, sagt Greif. on zwischen Paaren, dass sich die Partner selbst
„Denn Freunde halten uns auf Trab, sozial und geis- offenbaren.“ Wer seinen Liebsten in der Viererkon-
tig. Sie achten auf unsere Gesundheit und sorgen da- stellation erlebt, lernt ihn von einer anderen Seite
für, dass wir in Bewegung bleiben.“ Gefüttert mit kennen – und entdeckt vielleicht neue, attraktive
aktuellen Studienergebnissen, ließe sich die Liste der Charakterzüge: seine Zuhörerqualitäten, seine Em-
Wohltaten noch eine ganze Weile fortsetzen: vom pathie oder das Talent, eine ganze Runde zu unter-
sinkenden Risiko für Bluthochdruck und Depressi- halten.
onen über ein gesteigertes Selbstwertgefühl bis hin Gleichzeitig geben uns befreundete Paare wichti-
zum gestärkten Immunsystem. Im Vergleich zur klas- ge Rückmeldungen, an denen die eigene Beziehung
sischen Sandkasten-, Fußball- oder Frühstücks- wachsen kann. Nicht nur weil wir noch ein weiteres
freundschaft hat die Konstellation aus zwei Paaren Exemplar des anderen Geschlechts aus nächster Nä-
aber noch einen weiteren, entscheidenden Vorteil: he studieren können. „Als Paar sucht man sich selbst
Sie steigert die Beziehungsqualität. „Paare, die Freun- in den anderen“, sagt die Paartherapeutin Gardini,
de teilen, werden stärker in ein soziales Netzwerk „und findet sich im Gegenüber wieder.“ Das befreun-
integriert, und das kann ihre eigene Beziehung stär- dete Duo hält uns also den Spiegel vor – mit seinen
ken“, schreiben Greif und Holtz Deal. „Wir glauben charmanten und seinen befremdlichen Eigenheiten.
deshalb, dass Paare durch ihre Freundschaften mit Der Freund kann mitlachen, wenn die Liebste ihn

PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019 61


In der Viererkonstellation gleichen wir unsere
Beziehung mit der anderen ab – bekommen
Bestätigung oder Veränderungsimpulse

veräppelt? Vielleicht könnte man sich selbst etwas ser Schritt müsse behutsam erfolgen, meint Gardini:
weniger ernst nehmen. Die Freundin nennt ihren „Es ist sehr schwer zu ertragen, wenn der eigene Part-
Mann in aller Öffentlichkeit Hasi? Niemals würde ner abgelehnt wird. Die Freizeit ist ein Luxusgut, da
man sich selbst diese Blöße geben. „Wenn ein Paar soll es reibungsfrei laufen.“
mit einem anderen Paar interagiert, wird die eigene Noch schwieriger wird es, wenn größere Brocken
Beziehung neu überdacht“, weiß Greif. „Denn ande- in das Getriebe der Freundschaft gelangen: Le-
re Paare dienen als Modelle. Sie bieten einen Einblick, benskrisen wie Arbeitslosigkeit, Krankheit – oder
wie Partner miteinander umgehen, und zeigen al- Trennung. Geht eine der Beziehungen in die Brüche,
ternative Verhaltensweisen auf.“ So gibt die Begeg- stellt das die Freundschaft des ganzen Quartetts auf
nung zwei plus zwei Veränderungsimpulse – oder die Probe. Wer hält zu wem, wenn der Abschied kein
aber die Bestätigung, dass die eigene Partnerschaft einvernehmlicher war? Wer trifft wen, wenn es die
im Vergleich gut bestehen kann. übliche Runde nicht mehr gibt? Und wer teilt welche
Informationen, wenn plötzlich Fronten auftauchen,
Das „Like him, hate her“-Phänomen die es vorher nicht gab? Greif und Holtz Deal haben
Doch natürlich schlagen in solchen Konstellationen 58 geschiedene Personen und 123 Paare dazu befragt,
auch schwierige Erscheinungen auf, etwa das Like was diese Herausforderungen mit ihrer Viererrunde
him, hate her-Phänomen. So bezeichnen Greif und machten. Über die Hälfte der Paare berichtete, dass
Holtz Deal es, „wenn ein Paar mit einem anderen die Freundschaft mit einem der beiden Expartner in
Paar befreundet ist, von dem es einen der beiden die Brüche ging. Und 13 Prozent erlebten, dass der
mag, den anderen aber nicht“. Variationen seien das Kontakt sogar zu beiden Personen abbrach. Nicht
Like him but don’t talk about politics- oder das ohne Grund, wie die Autoren vermuten: „Wer Ehe-
Don’t get her started on her work-Syndrom. In diesen probleme hat, fühlt sich vielleicht unwohl im Beisein
Fällen, das zeigt ihre Studie, versuchen Paare den anderer Paare und zieht sich schon vorher zurück“,
Kontakt zu reduzieren oder sich nur noch in einer schreiben Greif und Holtz Deal. „Und nach der Schei-
größeren Gruppe zu treffen. Ein Konfliktherd nicht dung muss sich das intakte Paar plötzlich stärker um
nur für die Viererrunde, sondern auch für beide Part- die Freundschaft zu beiden bemühen – was nicht
nerschaften. Denn: „Manchmal möchte der eine sei- immer gelingt.“
ne knappe Freizeit nicht für einen anstrengenden
Kontakt opfern, der andere fühlt sich aber dem Loyalitätskonflikte nach einer Trennung
Freund zur Loyalität verpflichtet“, sagt Greif. Das Auch Hanna Driefer und Matthias Münch sind da-
zweite Paar wiederum muss damit umgehen, dass mit gescheitert. Als sich Eva und Kilian, ein weiteres
der oder die Neue nicht mit offenen Armen in den Pärchen aus dem Freundeskreis, nach acht gemein-
Kreis der Freunde aufgenommen wird. In manchen samen Jahren trennten, versuchten sie zunächst, bei-
Fällen gelingt es dann, den Kontakt auf bestimmte de in ihrem Leben zu halten. „Eva konnte es aber
Aktivitäten zu begrenzen. Findet sich gar keine ge- irgendwann nicht mehr ertragen, dass ich ihren
meinsame Ebene, kann es eine Lösung sein, die Be- Exfreund weiter sehe“, erzählt Hanna. „Sie fand den
ziehung in einen Eins-zu-eins-Kontakt unter den Gedanken furchtbar, dass ich Informationen weiter-
Männern oder Frauen auszulagern. Doch auch die- geben könnte und dass ich mehr von ihm weiß als

62 PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019


sie.“ Diesen Solidaritätskonflikt lösten Hanna Drie- unsympathische Neue leichter mitgezogen. Und nach
fer und Matthias Münch, indem sich jeder auf die einer Trennung fühlt sich die Singlefreundin nicht
gleichgeschlechtliche Freundschaft konzentrierte. so schnell wie das dritte Rad am Moped. Neben un-
Doch auch diese Strategie ging nicht lange gut: „Zu seren Paarfreundschaften sollten wir aber auch in-
viert haben wir uns zum Kochen und zu Spieleaben- dividuelle Zweierfreundschaften pf legen, meint
den getroffen“, sagt Matthias Münch. „Nach der Tren- Greif. „Alles auf eine Karte zu setzen kann riskant
nung wollte Kilian mit mir um die Häuser ziehen sein.“
und sich ins Partyleben stürzen. Das war nichts für Patrick Salmen würde dieser Einschätzung wohl
mich.“ Mittlerweile sind nur noch die beiden Frauen sofort zustimmen – bei dem Gedanken an den Rac-
befreundet. lette-Abend mit Volker und Kerstin. „Es war immer
Ein typischer Verlauf, glaubt Psychologin Gardi- eine meiner größten Ängste, nur noch Pärchen in
ni. Denn wenn sich die Lebenssituation oder Inter- meinem Bekanntenkreis zu haben.“ Trocken brum-
essenslage bei einem der Paare ändere, setze das viel melt er seine Worte ins Mikrofon. „Gemeinsames
Kooperationsbereitschaft und Einsatz bei allen Be- Kochen, geteilte Ferienwohnungen, Käsefondue. Das
teiligten voraus. „Alte Strukturen, Aktivitäten und alles habe ich mir bis vor kurzem unglaublich grau-
Dynamiken passen dann einfach nicht mehr, und es sam vorgestellt.“ Das Publikum ist jetzt in Fahrt.
wird schnell deutlich: Geht es nur um gemeinsame Salmen blickt auf sein A4-Papier und legt nach: „Doch
Aktivitäten oder auch um ein Interesse an den Men- ich war naiv und muss mein Urteil korrigieren: Es
schen?“ Wem die Freundschaft etwas bedeutet, der ist alles noch viel schlimmer.“ Tausende Likes pran-
sollte ihr ausreichend Zeit geben, sich auf einer neu- gen unter dem Video, eines kommt von Hanna. Sie
en Ebene einzupendeln. Und akzeptieren, dass Geben kann aus vollem Herzen über die Satire lachen – dank-
und Nehmen – etwa nach einer Trennung – für eine bar, dass sie den Pärchenabend anders kennt.  PH
Weile unausgeglichen sind.
Das gelingt leichter, wenn nicht alle Erwartungen
auf dem (einstigen) Vierergespann lasten. Gardini
rät deshalb, sich einen größeren Freundeskreis zu ZUM WEITERLESEN
suchen: „Bei einer Gruppe aus vier bis sechs Paaren Geoffrey L. Greif, Kathleen Holtz Deal: Two plus two. Couples
and their couple friendships. Routledge, New York 2017
verlaufen sich viele Probleme, da gibt es Subgruppen,
und das System ist nicht so leicht aus dem Gleichge- Die Quellen zu diesem Beitrag finden Sie unter psychologie-
wicht zu bringen.“ In diesem Kreis wird auch der heute.de/literatur

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PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019
Abgebrochen
Millionen Frauen haben eine
Schwangerschaft abgebrochen.
Natürlich ist dies eine
konfliktbeladene Entscheidung, oft
begleitet von emotionalen
Turbulenzen. Doch anders als
bisweilen suggeriert wird, ist sie
nur selten Auslöser für eine
seelische Krise

VON SUSANNE DONNER

M
elanie Seeger, wie wir sie hier nennen
wollen, hatte sich immer Kinder ge-
wünscht. Aber als sie mit Mitte vier-
zig überraschend schwanger wird,
folgt auf einen kurzen Anflug von
Stolz über die eigene Fruchtbarkeit bald Panik. Sie fühlt
sich zu alt für ein Kind, ihr Partner mit 46 ebenfalls. Sie
fürchten, der Elternschaft körperlich und emotional nicht
gewachsen zu sein. Melanies Partner drängt auf einen Ab-
bruch. Er will seine Haltung auch nicht weiter diskutieren.
Sie fühlt sich alleingelassen. Ständig ist ihr nun übel von
der beginnenden Schwangerschaft. Alleinerziehend zu sein
traut sie sich nicht zu. Zu oft musste sie erleben, wie Frau-
en nach dem Mutterschutz im Beruf „auf dem Abstellgleis
landeten“. Bei der Schwangerschaftskonfliktberatung hört
ILLUSTR ATIONEN: NATALIA BZDAK

ihr die Mitarbeiterin ruhig zu, wendet aber kaum etwas


ein. Seeger fühlt sich in einer „Schockstarre“. Sie kann
nicht mehr klar und vor allem weiträumig denken. Als sie
in der neunten Schwangerschaftswoche zum Abtreibungs-
ILLUSTR ATIONEN:

termin geht, zeigt ihr der Frauenarzt noch einmal den


Fötus auf dem Ultraschallbild. Seeger hält diesen Moment
kaum aus. Nur nichts denken, nichts fühlen, sagt sie sich.
Dann setzt die Narkose ein.

65
Der Abbruch hinterlässt als jede dritte Frau mindestens ein Symptom – aber
meist nicht das Vollbild – einer posttraumatischen
Spuren. Doch er führt nicht Belastungsstörung. Sie gaben beispielsweise an, dass
ihr Selbstwertgefühl erschüttert sei. Sie waren un-
in die Depression zufrieden mit dem Leben, hatten Angst oder fühlten
sich gestresst. „Diese Belastungsreaktion war aber
bei Frauen mit Abbruch nicht ausgeprägter oder häu-
figer als bei den anderen.“
Und als Biggs die Frauen fragte, worauf sie ihre
seelisch angeschlagene Verfassung zurückführten,
gab jede dritte die prekären Lebensumstände an:
Gewalt und Stress zu Hause, Kriminalität und Miss-
brauch. Doch es gab auch 64 Frauen, die ihren Ge-
mütszustand mit der Schwangerschaft erklärten. Für
2017 brachen in Deutschland 101 200 Frauen eine 19 der 863 Befragten war dabei der Abbruch selbst
Schwangerschaft ab. Bis heute ist das Thema ein ge- die Bürde. Die übrigen haderten eher mit der unge-
sellschaftliches Tabu. Wer sich gegen das Austragen wollten Schwangerschaft davor. Vor allem aber be-
eines Kindes entschieden hat, schweigt darüber meist lasteten sie die Reaktionen des Umfelds.
zeitlebens oder vertraut sich allenfalls sehr wenigen Je mehr Zeit zwischen dem Schwangerschaftsab-
Menschen an. Vielleicht trägt auch dieses Schweigen bruch und den Befragungen verstrich, desto mehr
zu der verbreiteten Annahme bei, von einer solchen hellte sich die Stimmung der Befragten allerdings
schweren Entscheidung müsse eine Frau zwangsläu- auf. Nach vier Jahren führte nur noch ein Prozent
fig seelische Verletzungen davontragen. „Viele – so- der Frauen die momentane Belastung auf die unge-
gar manche Politiker – denken, etwas bleibt“, sagt wollte Schwangerschaft zurück. „Die Frauen sind
Antonia Biggs, eine Reproduktionsforscherin an der auch nicht gefährdeter als andere, eine posttrauma-
University of California in San Francisco, die zum tische Belastungsstörung zu entwickeln“, ergänzt
Thema Schwangerschaftsabbruch forscht. Biggs. Die Rate für Depressionen ist ebenfalls nicht
Welche seelischen Auswirkungen eine Abtreibung erhöht, erbrachte eine weitere Untersuchung anderer
hat, fragten Forscher allerdings schon viele Male in Forscher, die 2017 erschien. Ängstlicher seien sogar
verschiedenen Studien ab. Das Ergebnis: Ein Schwan- zunächst jene Frauen, denen ein Abbruch verweigert
gerschaftsabbruch ist zwar für viele eine einschnei- worden war.
dende Lebenserfahrung, aber nur sehr wenige Frau- Es sind nicht die einzigen Studien, sondern nur
en zerbrechen daran seelisch. Belastend ist jedoch zwei unter mehreren Dutzend, die alle in diese Rich-
für sehr viele die Stigmatisierung. Daher verheimli- tung weisen. „In der Wissenschaft sind wir uns seit
chen sie den Abort. einiger Zeit einig: Ein Schwangerschaftsabbruch
Eine genaue Analyse nahm zuletzt Antonia Biggs macht nicht seelisch krank. Das ist sehr gut belegt“,
vor. Die Forscherin interviewte 863 Frauen über vier fasst Biggs zusammen.
Jahre lang alle sechs Monate. Etliche von ihnen, rund
zwei Drittel, hatten ihre Schwangerschaft abgebro- Widersprüchliche Emotionen
chen. Das übrige Drittel wollte dies tun, durfte es Dass die Frauen auf lange Sicht gut im Leben zu-
aber in den Vereinigten Staaten aus rechtlichen Grün- rechtkommen, bedeutet aber nicht, dass der Abbruch
den nicht – etwa wegen des fortgeschrittenen Stadi- kein Einschnitt ist: Die Betroffenen leiden und trau-
ums der Schwangerschaft. „Die Wahl der geeigneten ern üblicherweise, mitunter erheblich. „Oft sind sie
Kontrollgruppe, nämlich Frauen, die ungewollt schon gestresst, aufgewühlt und erschüttert, nachdem
schwanger sind und das Kind trotzdem austragen, sie erfahren haben, dass sie ungewollt schwanger
ist ganz entscheidend“, sagt Biggs. „Es reicht nicht, sind“, schildert die Psychologin Frauke Petras, Be-
Frauen mit einem Schwangerschaftsabbruch mit der raterin bei pro familia in Berlin.
Normalbevölkerung zu vergleichen.“ „Die Frauen gehen im Geiste alle Szenarien durch
Biggs’ Ergebnisse zeigen, dass die konfliktbelade- und wägen ab“, führt Anne Achtenhagen, Psycholo-
ne Entscheidung durchaus akute seelische Spuren bei gin bei der Konfliktberatungsorganisation donum
vielen Frauen hinterließ: Eine Woche nach dem Ab- vitae aus. „Wenn etwa der Arbeitsvertrag gerade un-
bruch oder nach dem abgelehnten Abort hatte mehr terschrieben ist, bedeutet die Geburt eines Kindes

66 PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019


unter Umständen eine existenzielle Gefährdung, ein abtreiben lassen, konnte Rocca in ihren Befragungen
Zunichtemachen der Zukunftspläne und eine Er- zeigen. Oft ist das Baby dann so weit entwickelt, dass
schütterung der Identität.“ Es sind oft berufliche nicht Tabletten oder eine Absaugung die Schwan-
Gründe, die Frauen dazu bringen, sich für einen Ab- gerschaft beenden können. Bei dem dann erforder-
bruch zu entscheiden. Noch häufiger befinden sich lichen Fetozid spritzt ein Arzt dem Baby ein Medi-
die Betroffenen in instabilen Partnerschaften und kament ins Herz, das den Herzstillstand einleitet.
möchten deshalb kein Kind. Auch mangelnde finan- Dann muss die Frau das Kind auf natürlichem Weg
zielle Mittel spielen eine Rolle. gebären. Diese Prozedur ist eine extreme seelische
Das häufigste Gefühl unmittelbar nach dem Ab- wie körperliche Grenzerfahrung, die niemand je ver-
bruch ist Erleichterung, stellte die Gynäkologin Co- gessen kann.
rinne Rocca von der University of California in einer Sie ist nicht mit einem medikamentösen oder ope-
Befragung von 667 Frauen fest. In das positive Gefühl rativen Abbruch in der Frühschwangerschaft zu ver-
mischen sich jedoch nach und nach auch negative gleichen, den beiden gängigen Methoden. 61 Prozent
Empfindungen: Trauer über den Verlust des Kindes der Frauen wählten 2016 hierzulande die operative
und manchmal Bedauern und Wut über die eigene Methode, nur 21 Prozent entschieden sich für eine
Lebenslage, die eine Mutterschaft als nicht zu be- medikamentöse Abtreibung – obwohl Frauen vor
wältigen erscheinen lässt. „Es gibt kaum eine Frau, einer OP mehr Angst haben, wie der Reproduktions-
die nicht diese widersprüchlichen Emotionen nach mediziner Heribert Kentenich berichtet. Er hat 219
einer Abtreibung erfährt“, sagt Petras. Frauen dazu befragt. Nach dem Abbruch verursachen
Über einen Zeitraum von drei Jahren verblassen die Medikamente aber stärkere Nebenwirkungen,
die Emotionen allerdings. Und: 99 Prozent der Frau- vor allem über Wochen schmerzhafte Blutungen. Auf
en halten ihre Entscheidung auch dann noch für den Verarbeitungsprozess wirkte sich das allerdings
richtig, ermittelte Rocca. Ein sehr kleiner Teil, eine nicht nennenswert aus – einige For-
unter hundert, bedauert jedoch, das Baby nicht zur scher hatten gemutmaßt, die
Welt gebracht zu haben. Diese Frauen leiden. Abtreibungspille könnte psy-
chisch strapaziöser sein, weil
Wenn Frauen den Entschluss bereuen die Frau zur Handelnden
Als Melanie Seeger nach dem Abbruch nach Hause wird, indem sie die Subs-
geht, fällt ihr blitzartig ein Name für das Kind ein. tanz schluckt.
Warum nicht früher, fragt sie sich. Der Gedanke gibt In einigen Studien wur-
ihr einen Stich, und sie empfindet die Entscheidung de auch erfragt, wie es sich
gegen das Baby zunehmend als falsch. Sie hätte es auswirkt, wenn die Frau das
vielleicht doch geschafft, alleinerziehend zu sein. Sie Baby vor der Abtreibung noch
habe sich zu sehr von ihrem Freund bedrängen las- einmal in einer Ultraschall-
sen, sagt sie heute. aufnahme sieht. Seeger erleb-
Sie entwickelt eine Depression, leidet unter Panik- te dies als besonders schreck-
attacken und wird schließlich in eine Klinik aufge- lich. Der Arzt hatte ihr keine
nommen. Als Auslöser sieht sie den Schwanger- Wahl gelassen. Die meisten
schaftsabbruch an. Obwohl sie heute, fünf Jahre nach Frauen wollen den Fötus vor
dem Entschluss, den sie rückblickend als Fehlent- dem Eingriff nicht mehr an-
scheidung wertet, wieder gesund ist und arbeiten schauen. Jene, die sich dafür
kann, trauert sie noch immer. „An den Jahrestagen entschieden, verfolgte das Bild
des Abbruchs trage ich Schwarz. Am errechneten bisweilen in Albträumen und
Geburtstermin kaufe ich Blumen und ein kleines Flashbacks. Die Gynäkologin
Geburtstagsgeschenk und spreche mit meinem Kind, Kristina Gemzell Danielsson
so als wäre es da und wir würden Geburtstag feiern.“ vom Karolinska-Institut in
Seeger gehört zu jener kleinen Gruppe von Frauen, Stockholm ist jedoch der Auf-
die sich im Nachhinein für den Schwangerschafts- fassung, dass die Frau-
abbruch verurteilen und die – noch seltener – sogar en damit eine
seelisch krank werden. Besonders gefährdet sind
„Seien Sie vorsichtig mit
Frauen, die ein Wunschkind erwarteten, aber auf- sich. Sie waren damals in
grund einer schweren Erkrankung des Fötus diesen einer anderen Situation“

PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019 67


Möglichkeit wahrnahmen, sich zu verabschieden. raten werden, fordert Wallin Lundell. Sollten sie ei-
Langfristig könnten die Frauen den Eingriff damit ne Abtreibung wünschen, könnte ihnen auch eine
besser in ihr Leben integrieren, schrieb die Ärztin Nachsorge helfen. Aktuell passiert das nicht. Notlei-
2014 in einem Fachartikel. dende können allerdings in Deutschland aus freien
Eine andere Gruppe, die später oft mit einer Ab- Stücken eine Beratung in Anspruch nehmen. Einige,
treibung hadert, sind Frauen, die sich wie Seeger vom die danach Hilfe suchten, hat Achtenhagen schon
Partner dazu überreden lassen, berichtet Petras. Bei betreut. „Wenn eine Frau den Abbruch im Nach­
minderjährigen Mädchen übernehmen Eltern oft hinein als falsch empfindet, sage ich zunächst immer:
diesen Part. Wenn die so Bedrängten sich insgeheim ‚Seien Sie vorsichtig mit sich. Sie waren damals in
ein Kind wünschten, kommen später Gewissensbis- einer anderen Situation als heute und haben anders
se: Hätte ich es vielleicht doch allein geschafft – und empfunden, aber Sie hatten sicher auch Ihre Gründe,
wie wäre mein Kind geworden? zu dieser Entscheidung zu gelangen.‘“ Gemeinsam
mit den Frauen arbeitet sie heraus, in welchen Punk-
Gefährdung oder Panikmache? ten sie sich verurteilen, und versucht sie zu ertüch-
Es gibt noch eine weitere Gruppe, die Gefahr läuft, tigen, sich selbst zu verzeihen.
den Abbruch später als Fehler anzusehen. Die Ge- Dass es einzelne Frauen gibt, die die Abtreibung
sundheitswissenschaftlerin Inger Wallin Lundell von später bereuen und darunter leiden, hat den Lebens-
der schwedischen Linköpings Universitet ermittelte rechtsaktivisten Vincent Rue und die Psychologin
in einer Studie mit 1514 Frauen, dass jene besonders Anne Speckhard aus den USA schon in den 1990er
gefährdet sind, die schon vorher ausgeprägt ängstlich Jahren veranlasst, ein neuartiges Krankheitsbild, das
oder depressiv waren. Seelisch labile Frauen laufen „Post-Abortion-Syndrom“ auszurufen. Sie stellten
dreimal so häufig Gefahr, den Einschnitt nicht zu es mit ausgewählten Fallbeispielen der Öffentlichkeit
bewältigen. „Dann ist der Abbruch wie ein Tropfen, vor. Bis heute hält es sich hartnäckig im Internet und
der das Fass zum Überlaufen bringt“, bestätigt Ach- wird von Abtreibungsgegnern ins Feld geführt. Die
tenhagen aus ihrer Beratungserfahrung. Botschaft lautet: Wer abtreibt, wird psychisch krank.
Diese psychisch gefährdeten Frauen müssten im Die Fachgesellschaften in Europa und den USA
Schwangerschaftskonflikt besonders fürsorglich be- weisen diese These im Kleid der Wissenschaftlichkeit
durchweg scharf zurück. Es gebe dafür keinerlei
Belege, und die Diskussion sei Panikmache, sagt et-
wa die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und
ABTREIBUNG TROTZ Psychotherapie. Das „Post-Abortion-Syndrom“ ist
international nicht als Krankheit anerkannt.
„PILLE DANACH“
Das verinnerlichte Stigma
Die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche ist seit 2015 wie-
der gestiegen. Die Rezeptfreiheit der „Pille danach“ ist laut Hingegen ist die psychische Belastung durch Stig-
dem Berufsverband der Frauenärzte indirekt dafür verant- matisierung bisher kaum untersucht. Erst in jüngster
wortlich. Dies ist eine Notfallverhütung, kein Medikament Zeit richten Forscher ihr Augenmerk darauf: Wie gut
zum Abbruch. Aber: Sie wird oft falsch angewandt, so dass eine Frau, eine Abtreibung verkraftet hängt nämlich
es folglich mehr ungewollte Schwangerschaften und des- auch von ihrem Umfeld ab. „Freunde und Angehö-
halb wiederum mehr Abbrüche gibt. Die Notfallverhütung rige, denen sie sich anvertrauen kann, helfen, ein gra-
bewirkt nämlich bei bereits bestehender Schwangerschaft vierendes Lebensereignis zu verarbeiten“, beobachtet
nichts mehr. Es ist also fatal, wenn sie nur einige Stunden Gemzell Danielsson. Das Problem ist aber, dass vie-
zu spät eingenommen wird. Auch muss nach der Anwen- le Frauen schweigen. Denn Schwangerschaftsabbrü-
dung der Notfallverhütung für den Rest des Zyklus unbe- che sind in allen Gesellschaften tabuisiert und wer-
dingt ein Kondom verwendet werden, da hormonelle Me- den mehr oder minder verachtet. In Internetforen
thoden generell nicht mehr funktionieren. Bei Frauen mit wie urbia.de und profemina.org hierzulande sind
höherem Gewicht ist die Notfallverhütung weniger wirk- Frauen nach einer Abtreibung regelmäßig üblen Be-
sam. Die Kundinnen in all diesen Punkten sorgsam aufzu- schimpfungen ausgesetzt, wenn sie sich anonym ou-
klären, gelinge den Apothekern nicht immer, beklagt der ten. Demzufolge kontrollieren viele Forenbetreiber
Berufsverband der Frauenärzte. die Posts vor der Veröffentlichung.
Der Psychologe Franz Hanschmidt an der Uni-
versität Leipzig ist der erste Wissenschaftler in

68 PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019


Deutschland, der sich diesem Thema zuwendet. Im Der eigenen Geschichte
Jahr 2016 brachte er eine Übersichtsarbeit heraus, in
der er 14 Studien zur Stigmatisierung von Schwan- Raum geben: Noch immer
gerschaftsabbrüchen in verschiedenen Ländern aus-
wertete. Demnach ist die Abwertung von Frauen nach scheuen sich Frauen, über
einem Abbruch allgegenwärtig. Allerdings unter-
suchten die Studien in der Regel keine konkreten
ihre Abtreibung zu reden
Verurteilungen durch Mitmenschen. Diese sind sel-
ten, weil die allermeisten Frauen ihren Abbruch ge-
heim halten. Vielmehr erkundigten sich die Forscher
nach der Sorge der Frauen vor übler Nachrede und
einem schlechten Ansehen. Sie fragten auch danach,
ob die Frauen sich selbst abwerteten, sofern sie die
Abtreibung als verwerflich ansahen. Psychologen
sprechen hierbei von „internalisierter Stigmatisie-
rung“: Die Betroffene brandmarkt sich selbst, weil
sie nach ihren eigenen Maßstäben eine unethische
Handlung vollzogen hat. medizinische Gründe vorbringen können. Dagegen
finden fast 60 Prozent, dass es einer Frau verboten
Heraus aus der Anonymität werden solle, aus Angst vor einer Situation als Al-
Stigmatisierung führe „zu einer Kultur der Scham leinerziehende abzutreiben. Dabei belegt die Studie
und des Schweigens“, berichtet Hanschmidt. „Die frauen leben 3 der Bundeszentrale für gesundheitli-
Frauen sind auch viele Jahre nach dem Abbruch in che Aufklärung, dass eine schwierige Partnerschaft
einem Bedrohungszustand, weil sie um ihr Ansehen derzeit der Hauptgrund für die Beendigung von
fürchten, wenn der Abbruch bekannt würde. Sie müs- Schwangerschaften ist. „Es gibt ein verbreitetes ge-
sen ihn verheimlichen und ihre Energie darauf ver- sellschaftliches Unbehagen in Deutschland über
wenden.“ Das Schweigen ist fatal, denn ein Austausch Schwangerschaftsabbrüche, besonders über jene aus
mit anderen ist ein wichtiger Mechanismus, um tief- sozialen Gründen. Das bedingt Stigmatisierung“,
greifende Ereignisse hinter sich zu lassen. So begeben analysiert Hanschmidt.
sich die Frauen mit der Erfahrung der Abtreibung in In den USA formiert sich Widerstand gegen die
die Isolation. Das befördert das Grübeln und „kann Ausgrenzung der betroffenen Frauen. Die 1 in 3-Kam-
zu Symptomen von Angst und Depressivität beitra- pagne ruft öffentlich und über soziale Medien Frau-
gen – bei den allermeisten Frauen nicht so, dass sie en auf, die eigene Erfahrung mit einem Abbruch zu
krank werden, aber durchaus bei einigen in belas- schildern. Sie hat mittlerweile 30 000 Facebook-
tender Weise“, berichtet Hanschmidt. Die Stigmati- Abonnenten. Doch wie sehr sich Frauen auch in
sierung ist wahrscheinlich das größte Risiko für eine Deutschland noch scheuen, über ihre Abtreibung zu
seelische Bürde nach einem Abbruch. reden, wurde bei der Recherche zu diesem Beitrag
Der Psychologe konnte auch belegen, dass eine deutlich: Trotz Monaten der Suche über Internet­
restriktive Gesetzgebung mit mehr Abwertung ein- foren, die Beratungsorganisationen pro familia und
hergeht. Denselben Effekt hat eine ausgeprägte Glau- donum vitae sowie über private Kontakte und trotz
benskultur, jedoch nur dann, wenn die Religion die Zusage der Anonymität meldete sich nur eine muti-
Abtreibung moralisch verurteilt. Für die katholische ge Frau: Melanie Seeger. Hanschmidt fordert: „Wir
Kirche ist sie selbst zu einem sehr frühen Zeitpunkt brauchen mehr Raum für die individuellen Geschich-
tabu. Für das Judentum hingegen beginnt Leben erst ten der Frauen. Es gibt nicht die Abtreibung. Jede
40 Tage nach der Zeugung, und laut Islam kommt Erfahrung, jede Motivlage ist in ihren Nuancen an-
die Seele in den 120 Tage alten Embryo. ders.“  PH
Die „Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozi-
alwissenschaften“ fragt in regelmäßigen Abständen ZUM WEITERLESEN
unter anderem nach den Einstellungen der Bevölke- Die australische Sozialforscherin Erica Millar identifiziert in ihrem
rung zum Schwangerschaftsabbruch. Daraus geht neuen Buch Happy Abortions (Wagenbach 2018) ein fatales
„emotionales Skript“ in unserer Kultur, das besagt: „Frauen dür-
hervor, dass die Beendigung noch am ehesten Frau- fen abtreiben, solange sie sich deshalb ‚richtig, richtig schlecht‘
en zugestanden wird, die vergewaltigt wurden oder fühlen.“

PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019 69


STUDIENPLATZ

TAUSENDE JAHRE IN DREI TAGEN


Forscher untersuchten anhand eines Onlinekunstprojekts,
wie sich Kulturen entwickelt haben könnten
VON ARIANE WETZEL

A
nfang April 2017 bot das Inter­
netportal Reddit seinen Nut-
zern an, ein digitales Kunst-
werk zu erschaffen. Die Entwickler stell-
ten dazu eine 1000 mal 1000 Pixel große
weiße digitale Leinwand zur Verfügung.
Auf diese durften User drei Tage lang ver-
schiedenfarbige Pixel platzieren, wohin
sie wollten – aber immer nur eins zu ei-
nem Zeitpunkt und erst nach fünf Mi-
nuten das nächste.
Reddit teilte dazu mit: “Individually
you can create something. Together you
can create something more.” Das lie-
ßen sich die User nicht zweimal sagen
– insgesamt mehr als eine Million von
ihnen machten mit. Nach den drei
Tagen fand sich auf der Leinwand
ILLUSTR ATION: JONI MAJER

eine Vielzahl von Motiven aus


mehr als 16 Millionen Pixeln. Zu
sehen waren Nationalflaggen,
Symbole und Comicfiguren
aller Art sowie eine Mona
Lisa – alle eng nebeneinander.

70 PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019


Einzelkämpfer hatten dieses bis zum Schluss erhalten, wenn sie wir insgesamt sicherer sein“, ergänzt der
keine Chance für ihre Bildideen warben und andere Wissenschaftler James Winters.
Entstand das Kunstwerk ungeordnet, war Nutzer dafür gewannen, ihre Pixel in ih- „Die digitale Leinwand war für uns wie
es also ein Ergebnis von spontaner Krea- rem Kunstwerk zu platzieren und so zu eine Petrischale, in der Bakterien versu-
tivität? Offenbar nicht, fanden Thomas helfen, dieses zu vervollständigen. chen, den Platz zu erobern“, sagt Müller.
Müller und James Winters vom Jenaer Nationalflaggen waren offenbar beson- Kunst sehen die Forscher in diesem Zu-
Max-Planck-Institut für Menschheitsge- ders beliebt. Sie wurden schließlich ein sammenhang als eine spezielle Form kul-
schichte heraus. Vielmehr sehen sie ihre recht häufiges Bildmotiv, weil sich offen- tureller Ausdrucksweisen, vergleichbar
Vermutung bestätigt, dass sich mensch- bar sehr viele Nutzer einer Nationalität mit der Sprache. Auch diese bestehe
liche Kulturen entwickeln könnten, indem mit ihrer Flagge identifizieren konnten schließlich nicht nur aus einem Wort, son-
sich aus anfänglich großer Vielfalt und und deshalb an den Flaggenbildern ande- dern bilde sich aus sehr vielen. Sie brauche
einer Art Chaos nach und nach Regeln rer User mitarbeiteten. „Bei dem Projekt eine bestimmte Struktur, wie sie Gram-
und Verhaltensmuster bilden. „Bei dem war es unglaublich wichtig zu kooperie- matik und Syntax bieten, und erfahre ei-
Kunstprojekt hat sich gezeigt, wie sich, ren“, fasst Müller die entscheidende Stra- ne ständige Weiterentwicklung über die
ausgehend von einer leeren Leinwand, vie- tegie zusammen. Zeit. Mit Kunstwerken oder grafischen
le kulturelle Merkmale wie Symbole und Symbolen verhalte es sich ähnlich.
Zeichen entwickeln konnten. Die Vielfalt Sich gegenseitig schützen In einer weiteren Studie wollen die Wis-
nahm zuerst zu, dann wurde das Ganze Als der Platz auf der Leinwand knapper senschaftler mithilfe von Computer­
immer strukturierter und geordneter wurde, erhöhte sich der Wettbewerbs- simulationen untersuchen, wie die Grup-
durch die Einführung von Regeln“, erklärt druck, was auch zu brenzligen Situationen pengröße das Zusammenspiel beein­
Müller. Die Forscher hatten 250 000 Mit- führte. So kam es zwischen zwei Gruppen, flusste und wie sich bestimmte Vorlieben
schnitte der drei Projekttage angefertigt die die deutsche und französische Flagge darauf auswirkten. „Was wir im Kern he-
und ausgewertet, so dass sie die Entwick- erstellten, auf einem umstrittenen Gebiet rausfinden wollen, ist, wie es zu den ge-
lung bis ins Detail untersuchen konnten. zu einem Konflikt. Dieser wurde erst ge- ordneten, aber vielfältigen Verhaltenswei-
Wie die Wissenschaftler beobachteten, löst, als sich die beiden Gruppen darauf sen kommt“, sagt Müller. PH
hatten Einzelkämpfer kaum eine Chance, einigten, überschüssige deutsche Pixel in
sich gegen Nutzer, die sich zu Gruppen eine EU-Flagge umzugestalten. „Die Teil-
zusammenschlossen, durchzusetzen. Oh- nehmer stritten um Gebiete, haben sich
ne Unterstützung von anderen mussten dann aber gemeinsam mit den Nachbarn
Individualisten ihre Motive aufgeben, weil in diese Gebiete integriert“, berichtet Thomas F. Müller, James Winters: Compression
sie aufgrund der zeitlichen Beschränkung Thomas Müller. Das sei so, als ob man in cultural evolution: Homogeneity and structure
in the emergence and evolution of a large-scale
schlicht zu wenige Pixel hatten. Dagegen sage: „Wenn du einen Teil von mir be- online collaborative art project. PLOS, 2018. DOI:
konnten Nutzer ein Motiv planen und schützt und ich einen Teil von dir, werden 10.1371/journal.pone.0202019

DEB DANA
Die Polyvagal-Theorie in der Therapie
„Die Polyvagal-Theorie ist für Traumatherapeuten „In ihrem Buch transformiert
wie für Traumatisierte ein Geschenk des Himmels, Deb Dana eine neurobiologisch
264 Seiten, Klappenbroschur, 27 € (D)

weil sie ihnen allen hilft, Symptome und fundierte Theorie auf brillante
Reaktionen zu verstehen, die lange für mysteriös Art in eine klinische Praxis. So
und unbeeinflußbar gehalten wurden. Deb Dana erwacht die Polyvagal-Theorie
erklärt in ihrem Buch nicht nur sehr verständlich zum Leben.“
die Theorie, sondern zeigt Therapeuten außerdem
eine Anzahl praktischer Möglichkeiten auf, ihren Stephen W. Porges
Klienten zu helfen, den eigenen autonomen
Zustand zu regulieren.“
PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019
Richard C. Schwartz www.gp-probst.de 71
72 PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019
Die Psychologie
des Kochens
Wer regelmäßig kocht, tut damit nicht
nur seinem Leib, sondern auch seiner
Seele etwas Gutes. Das wird neuerdings
sogar psychotherapeutisch genutzt

VON LISA MEYER

S
chon unsere Sprache zeugt davon, wie sehr Kochen unse-
ren Alltag prägt. Wir kochen vor Wut oder auch nur mit
Wasser, geben unseren Senf dazu und versalzen anderen
die Suppe. Wir rupfen ein Hühnchen mit der Tochter, rie-
chen den Braten, hauen den Kollegen in die Pfanne und
schmoren im eigenen Saft. Dass Essen nicht nur geschmacklich, son-
dern auch sprichwörtlich so präsent ist, liegt daran, dass seine Zube-
reitung eine der folgenreichsten und notwendigsten Beschäftigungen
im Leben aller Menschen ist – und ein Meilenstein in unserer Ge-
schichte.
„Die Möglichkeit, Nahrung zu garen, ist ein wesentlicher Übergang
vom animalischen zum menschlichen Dasein, das heißt von der Na-
tur zur Kultur“, schrieb die 2015 verstorbene Gisla Gniech, Professo-
rin für Psychologie an der Universität Bremen, in ihrem Buch Essen
und Psyche. Über Hunger und Sattheit, Genuss und Kultur. Lange
habe das Kochen vor allem dazu gedient, biologische Grundbedürf-
nisse zu stillen und das Überleben zu sichern. „Heute befriedigt es
Wünsche nach sinnlichen Erlebnissen und ist – ob Galadiner oder
Fast Food – ein Gemeinschaftserlebnis“, so Gniech.
Nicht ohne Grund zählen laut einer Umfrage der Gesellschaft für
Konsumforschung 66 Prozent der Deutschen das Kochen zu ihren
liebsten Freizeitaktivitäten. „Der Boom an TV-Kochsendungen und
Rezeptbüchern, die wachsende Anzahl von Kochschulen und Genuss-
seminaren, die Renaissance der Wochen- und Bauernmärkte, nicht
zuletzt die enorme Vielfalt an Food-Blogs und das Phänomen der
Food-Fotografien in sozialen Medien“ zeugten von der großen Be-
deutung des Kochens in unserer modernen Gesellschaft, stellen die
Ernährungswissenschaftlerin Hanni Rützler und der Kulturwissen-
schaftler Wolfgang Reiter in ihrem Beitrag für den Band Die Philo-
sophie des Kochens fest. Die sogenannten Foodies als „Menschen, die

PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019 73


den kulinarischen Genuss zum Lifestyle erhoben sind Essen und Kochen oft mit Emotionen verbun-
haben, zum Angelpunkt, um den sich ihre Welt(sicht) den“, sagt Christina Bermeitinger, die am Institut
dreht“, vermehrten sich rasant. für Psychologie der Universität Hildesheim zu diesem
Thema forscht und mit ihren Studenten ein Kochbuch
Kochen und Gefühle der Gefühle herausgegeben hat.
Sinnestaumel statt Sättigung, Lifestyle statt Leibes- Das Zubereiten von Nahrungsmitteln beschert
fülle – wo niemand mehr Hunger leiden muss, wird uns eine ganze Palette an schönen Gefühlen: Vor-
Kochen zum Ausdrucksmedium. Zum Beispiel bei freude, Überraschung, Neugierde oder Zufriedenheit.
dem „leidenschaftlichen Hobbybäcker und -koch“ Löffeln wir nach vollbrachter Arbeit dann die Grieß-
Björn Valentin. Mit blondem Schopf, Ringelshirt und nockerlsuppe à la Oma, breitet sich ein heimelig-
Herzchentasse strahlt er den Lesern seines Blogs Herz- warmes Gefühl ins uns aus. Servieren wir den Freun-
futter entgegen. Gerichte wie ein Melonen-Radies- den ein opulentes Drei-Gänge-Menü, fallen wir am
chen-Salat, eine Kürbis-Gorgonzola-Herbstpfanne Ende des Abends mit stolzgeschwellter Brust ins Bett.
und eine Heidelbeer-Cassis-Torte warten dort auf Forscher der US-amerikanischen National Insti-
Nachahmer. Dem Berliner geht es um „Inspiration, tutes of Health stellten entsprechend in einer Über-
Freude, Leidenschaft und Glücksmomente“, schreibt blicksarbeit fest, dass Kochen „positive Stimmung,
er, kurz um „Essen aus Liebe“. In seinen Rezepten Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl fördert“. Eine
spielen Mengenangaben und Verarbeitungstipps des- Erklärung für diesen Effekt liefern Wissenschaftler
halb nur eine Nebenrolle. Die Bühne gehört vergöt- von der University at Buffalo. In mehreren Experi-
terten Erdnüssen, geliebten Burgern, himmlischen menten zeigten Jordan Troisi und Shira Gabriel, dass
Hühnchen und Fischen mit Heimatgefühl. bestimmte Speisen Gefühle der Einsamkeit und Iso-
Wie viele Menschen verknüpft der 28-Jährige so lation lindern können. „Die emotionale Wirkung von
manche Speise mit positiven Empfindungen. „Durch Wohlfühlgerichten resultiert aus ihrer Verbindung
Kindheitserinnerungen und bestimmte Erlebnisse zu sozialen Beziehungen“, wissen die Psychologen.

THERAPIE IN DER KÜCHE


Eine „Kochtherapie“ wird zur Ver­ psycho­therapeutische Behandlung rapeutischen Kochen oft Teil des
haltensaktivierung eingesetzt – ergänzen. Prozesses. Dabei werden soziale
eine klassische verhaltenstherapeu- Die körperliche Betätigung beim Interaktionen trainiert und Kom-
tische Technik. Antriebslosigkeit Kochen mildere negative Gefühle munikationsfähigkeiten geschult.
und ­Passivität sollen überwunden wie Angst und Stress, sagt etwa die ­Gemeinsam wird ein Menü zube-
und positive Erlebnisse und zielori- US-Sozialpädagogin Julie Ohana, reitet – auch „mit dem Ziel der
entiertes Verhalten befördert wer- die solche Kurse anbietet. „Zu den Verbesserung von Alltagsfähig-
den. Angewandt wird der Ansatz in positiven Effekten zählen außerdem keiten und Fertigkeiten“, so das
psychiatrischen Kliniken und Ein- ein gesteigertes Selbstwertgefühl Max-Planck-Institut für Psychiatrie
richtungen zur psychosomatischen und der Kontakt auf einer tieferen in München, das Kochtherapie
Rehabilitation wie etwa der Klinik zwischenmenschlichen Ebene.“ ­begleitend zur Psychotherapie für
für Psychiatrie und Psychotherapie Indem sich die Aufmerksamkeit stationäre Patienten und für Patien-
des Uniklinikums Freiburg. Auch auf eine Tätigkeit richte, würden ten der Tagesklinik anbietet.
Psychologen und Berater mit eige- ­Grübelschleifen durchbrochen. Die Teilnehmer erführen dabei,
ner Praxis bieten Kochkurse an. Symptome wie Müdigkeit oder dass sie aus eigener Kraft Proble-
Bei Depressionen, Angst- und ­Depressivität hätten weniger Platz. me bewältigen und Kontrolle aus-
Erschöpfungszuständen, Essstö- Ähnlich wie bei anderen krea- üben können. Genusstrainings und
rungen, ADHS, sozialen Problemen tiven Therapieverfahren wie etwa ­Wahrnehmungsübungen lenkten
oder auch Suchterkrankungen kann Musik- oder Kunsttherapie ist den Blick auf positive Erfahrungen.
ein solches Kochprogramm die die Gruppendynamik beim the- LM

74 PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019


Sie erinnern uns an unsere Familie, die Kind-
heit und Momente der Fürsorge – „und sor-
gen damit tatsächlich für Wohlgefühl“, mei-
nen die Forscher.
Doch nicht nur Gerichte erzeugen Gefüh-
le, Gefühle erzeugen auch Gerichte: „In be-
stimmten Stimmungen bevorzugen wir be-
stimmte Nahrungsmittel“, sagt Psychologin
Christina Bermeitinger. „Wenn es uns gut
geht, bereiten wir uns eher Speisen mit fri-
schen, knackigen Zutaten zu. Wenn es uns
weniger gut geht, greifen wir eher zu Junk-
food und Fertiggerichten.“ Egal ob wir uns
trösten, belohnen oder umsorgen wollen –
oft ist die Nahrung ein Mittel, um unsere
Laune zu heben. Denn „Glück und Wohlbe-
finden sind die Folge der Befriedigung von
drei verschiedenen Bedürfnissen“, so Gisla
Gniech: dem physiologischen, dem sinnli-
chen und dem sozialen. Das Kochen und Es-
sen bediene alle drei dieser Ebenen.
Aber auch mit negativen Gefühlen kann
Kochen verbunden sein. Der Stress beim Bra-
ten der Weihnachtsgans, der Erwartungs-
druck durch die Geburtstagsgäste, die Angst,
ein Gericht zu überwürzen, oder der Zorn
darüber, dass eine Speise angebrannt ist –
diese Empfindungen sind fast jedem Koch
bekannt. Daneben wabere eine große Furcht
Hacken, stampfen,
durch die deutschen Küchen, beobachten kneten: Kochen
Ernährungswissenschaftlerin Hanni Rützler und tina Bermeitinger. „Viele setzen das Kochen außer- ist ein guter
Kulturwissenschaftler Wolfgang Reiter. „Traue nie- dem ein, um zu entspannen oder abzuschalten.“ Wir- Weg, belastende
Emotionen zu
mandem, nur dir selbst“, das sei die Botschaft vieler kungen wie diese machen sich auch Therapeuten, regulieren
Kochbücher auf dem Markt. „Problematisch daran Praxen und Kliniken zunutze, indem sie für Patien-
ist nicht, dass sie auf Missstände in der industriellen ten sogenannte „Kochtherapien“ als Methode der
Lebensmittelproduktion und auf Probleme unseres Verhaltensaktivierung anbieten (siehe Kasten).
Nahrungssystems aufmerksam machen“, schreiben In diesen speziellen, das psychotherapeutische
die Autoren, sondern, „dass sie ihre Leser zu para- Vorgehen zumeist begleitenden Programmen lernen
noiden Essern manipulieren, ihnen Angst und ein die Betroffenen so beispielsweise, ihre Achtsamkeit
schlechtes Gewissen machen“. So würden immer neue zu schulen und soziale Interaktionen zu trainieren
Lebensmittel verteufelt, Ernährungsfallen deklariert, – offenbar mit Erfolg: Die Metaanalyse der US-ame-
Industrielügen aufgedeckt und Diätratschläge pro- rikanischen National Institutes of Health kommt zu
duziert – bis kaum ein Verbraucher mehr wisse, wie dem Schluss, dass die wissenschaftlichen Belege für
er sich richtig verhalten kann. den Nutzen von Kochinterventionen zwar noch spär-
lich ausfallen; erste Studien legten dennoch positive
Kochen und Genesung Einflüsse nahe, etwa auf das Selbstvertrauen, sozia-
Verunsicherung, Frustration, Ärger – das sind die le Kompetenzen, Angstzustände, Gefühle von Selbst-
Schattenseiten des neuen Hypes ums Kochen. Gleich- wirksamkeit sowie die Lebensqualität.
zeitig ist Kochen ein guter Weg, belastende Emotio- Die Forscher um Hauptautorin Nicole Farmer
nen zu regulieren: „Wir können uns dabei regelrecht ­erklären sich den Effekt damit, dass Kochen schöne
abreagieren – Kräuter hacken, Kartoffeln stampfen Erinnerungen hervorruft und Konzentration
oder Teig kneten“, sagt Psychologieprofessorin Chris- ­erfordert. Geruchs-, Geschmacks-, Tast- und Sehsinn

PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019 75


Nahrung wird heute als tine, die nur vom Wochenende unterbrochen wurde.
„Da hat öfter mein Mann das Kochen übernommen.
Weg zur Erlösung gesehen. Zumindest wenn es den klassischen Sonntagsbraten
gab oder gegrillt wurde.“
So hat Kochen fast
Kochen und Gesellschaft
religiöse Züge angenommen Den Mann von Magda Fuchs würden die Meinungs-
forscher des Rheingold-Instituts vielleicht als wild
boy betiteln. In tiefenpsychologischen Interviews ha-
ben sie verschiedene Ernährungstypen ausfindig ge-
macht. Neben „Salatsingles“, „großen Kindern“ oder
„Food-Posern“ zählen auch eben diese „wilden Jungs“
dazu. Mit wissenschaftlicher Präzision rücken diese
wild boys demnach – freilich nur zu besonderen An-
lässen – ihrem Entrecote vom Galicien-Beef zu Lei-
be. Mittels komplexer Gerätschaften inszenierten sie
­ erden gleichermaßen angesprochen und verankern
w ihre Männlichkeit und zelebrierten den Fleischgenuss
uns ganz in der Gegenwart. Wir lernen Neues, sind als Symbol der Urkraft, so die Forscher. Zu ihnen
­kreativ und erhalten unmittelbare Rückmeldungen gehört auch Schriftsteller Carsten Otte, der sich und
über die Konsequenzen unseres Tuns. Am Ende liegt seine Artgenossen in dem Buch Der gastrosexuelle
etwas Greifbares auf dem Teller und beschert uns Mann ergründet: Dieser „investiert in ausgefallenes
nicht nur ein Geschmacks-, sondern auch ein Erfolgs- Kochwerkzeug, kennt sich mit Sous-vide-Gartem-
erlebnis. Die Tatsache, dass mit häufigerem Kochen peraturen aus und macht aus jedem Amuse-Gueule
oft auch eine gesündere Ernährung einhergeht, kann ein wahres Vorspiel. Seine Leidenschaft erwacht nicht
das Wohlbefinden zusätzlich steigern. Nicht zuletzt, unterm Auto, sondern in der Küche.“
vermuten die Autoren, „könnte auch die Interaktion Hobbyköche wie den 46-Jährigen betrachtet das
in den Kochgruppen einen Teil der positiven Effekte Autorenduo Hanni Rützler und Wolfgang Reiter als
auf psychosoziale Faktoren erklären“. Teil einer „neuen Genusselite“. Diese neige dazu, die
gesellschaftliche Relevanz ihrer Obsessionen zu über-
Kochen und Gemeinschaft schätzen, und betreibe eine „Vergötterung des Ko-
„Das gemeinsame Essen und Kochen hat eine Reihe chens und das Hochstilisieren der Kulinarik zum
sozialer Funktionen“, sagt auch Christina Bermei- Heilsweg für das Individuum und die Gesellschaft“.
tinger. „Kommunikation wird geschult, soziale Re- Wer sich ihrem Diktat nicht unterwerfe, sehe sich
geln werden gelernt, der Zusammenhalt wird ge- schnell als Opfer der Lebensmittelindustrie bemit-
stärkt.“ Stellen wir uns mit anderen hinter den Herd, leidet oder zum Drückeberger ernannt. „Insbeson-
lernen wir unterschiedliche Vorlieben zu akzeptieren, dere Mütter mit Kindern bekommen das heute immer
eigene Bedürfnisse auszudrücken und zusammen an mehr zu spüren“, kritisieren die Wissenschaftler.
einem Ziel zu arbeiten. Beim Essen in der Gruppe In der New York Times findet der Essayist William
schließlich fühlen wir uns als Teil eines Kollektivs Deresiewicz deutliche Worte für diese Entwicklung:
und bemühen uns um Harmonie. „Foodism ist ein Instrument des Statusstrebens und
Doch während Kochen in der Gemeinschaft meist der Konkurrenz, ein allgegenwärtiger Anlass für Sno-
bereichernd ist, kann Kochen für die Gemeinschaft bismus und soziale Aggression“, schreibt er. Das Ko-
tagtäglichen Stress, lästige Pflicht und organisato- chen habe darüber fast religiöse Züge angenommen:
rischen Aufwand bedeuten. Das hat beispielsweise „Nahrung drückt heutzutage symbolische Werte aus
Magda Fuchs fast 30 Jahre lang erlebt. Tag für Tag und absorbiert die spirituellen Energien der gebilde-
hat die heute 56-Jährige ihrer fünfköpfigen Familie ten Klasse. Sie hat sich mit dem Sinn des Lebens ver-
ein warmes Mittagessen serviert. „In dieser Frequenz bunden und wird als Weg zur Erlösung gesehen, so-
ist das Kochen nur noch selten ein Genuss“, sagt sie. wohl für das Selbst als auch für die Menschheit.“
„Irgendwann bist du froh, wenn du irgendeinen Ein- Diese Überhöhung prallt auf die Realität der gro-
fall hast und es schnell geht.“ Eine Idee finden, Zu- ßen Mehrheit. Deren Esskultur sei „durch einen
taten einkaufen, Essen zubereiten, Arbeitsfläche auf- ­Verlust von Struktur und Rhythmisierung, dafür
räumen, Töpfe abwaschen: eine zermürbende Rou- aber durch eine starke Zunahme von Hektik, Zeit-

76 PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019


knappheit und Multioptionalität charakterisiert“, dio, der liebevoll angerichtete Teller, die nette Ge-
stellt Thomas Ellrott, Ernährungspsychologe an der sellschaft – all das trägt dazu bei, dass der Genuss
Universität Göttingen, in einer Studie fest. Zeit und wieder im Vordergrund steht.
Ort des Essens werden durch den Job diktiert, Snacks Die Psychologin Christina Bermeitinger rät au-
ersetzen Mahlzeiten, Kochbücher dienen eher als Er- ßerdem, ganz bewusst die verschiedenen Sinne mit-
satzbefriedigung denn Motivation. einzubeziehen: „Was rieche ich da eigentlich? Wie
„Delegiertes Genießen“ nennen Kulturwissen- fühlt sich die Schale einer Gurke im Vergleich zu der
schaftler dieses verbreitete Phänomen: Die Fertig- einer Paprika an? Wie klingt es, wenn die Suppe im
pizza kauend beobachten wir im TV, wie andere die Topf vor sich hin blubbert?“ Mal könne es wohltuend
Mangoldfüllung in den selbstgemachten Ravioliteig sein, sich Gerichte aus der Kindheit vorzunehmen,
füllen. Zwar gibt in Studien noch mehr als die Hälf- mal bescheren neue Gewürze und Zutaten spannen-
te der Befragten an, regelmäßig zu Hause zu kochen, de Erfahrungen. Vor allem aber sollten wir eines ver-
doch versteht darunter nur ein kleiner Teil ein voll- meiden, sagt Bermeitinger, und das sei, „das Essen
ständig aus frischen Zutaten zubereitetes Essen. Papp- und Kochen übermäßig mit Bedeutung und Erwar-
kartons vom Lieferservice, Convenience-Produkte tungen aufzuladen“. Nicht nur was und wann wir
und Restaurantbesuche sind nicht selten ein fester essen, sondern auch wie und mit wem, dürfe durch-
Bestandteil des Alltags. aus variieren, sich verändern und den individuellen
Bedürfnissen angepasst werden.
Kochen und Genuss Wie bei Magda Fuchs. Mittlerweile sind ihre drei
Wie also glückt uns der Spagat zwischen Wirklich- Kinder ausgezogen – und die Freude am Kochen ist
keit und Anspruch? Zwischen Sous-vide-Garer und zurückgekehrt. „Jetzt, wo ich nicht mehr unbedingt
Maggi Fix? Vielleicht indem wir uns ein Leben mit etwas auftischen muss, habe ich wieder Spaß daran“,
beiden Facetten des Kochens erlauben: als Alltags- sagt sie. Heute entscheidet allein ihr Appetit, was auf
pflicht, aber auch als Selbstfürsorge. Denn: „Kochen den Herd kommt. Und ihr Gefühl.  PH
ist eine entspannende, kreative, lustige und inspirie-
rende Tätigkeit, die uns hilft, uns freier, ehrlicher
und offener zu fühlen“, sagt die Beraterin und Sozi-
alpädagogin Julie Ohana, die im US-Bundesstaat ZUM WEITERLESEN
Michigan eine culinary art therapy anbietet. Stevan Paul (Hg.): Die Philosophie des Kochens. Mairisch, Ham-
In Einzelsitzungen oder bei Kochabenden mit der burg 2018

ganzen Familie lernen ihre Klienten, dass das Prä- Jean-Claude Kaufmann: Kochende Leidenschaft. Soziologie vom
Kochen und Essen. UVK, Konstanz 2006
dikat „Soulfood“ nicht von trendigen Zutaten und
hippen Rezepten abhängt, sondern allein von unse- Die Quellen zu diesem Beitrag finden Sie auf unserer Website:
rem Erleben. Der Lieblingssong aus dem Küchenra- psychologie-heute.de/literatur

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PSYCHOLOGIE HEUTE 10/2018 77


LEKYS AUSSICHTEN

ICH BEBE MICH DURCHS LEBEN

M
ein Freund Vadim sitzt vor mir, und tern, wenn er Tee kocht, wenn er Kartoffeln
seine Hände zittern. Wir sitzen in schält, nachdenkt, schreibt, wenn er im Su-
Vadims Haus am Kamin, es ist permarkt ist, im Wald, in der Straßenbahn,
warm und Vadims Hände haben, soweit man sie zittern immer. Vadim ist ein paar Mal
sehen kann, keinen Grund zum Zittern. gründlich untersucht worden, aber man hat
Trotzdem tun sie das, und zwar so, als sei in seinem ganzen Körper nie einen Grund
Vadim eben erst dem Leibhaftigen oder einer zum Zittern gefunden. Als wir uns kennen-
kolossalen Liebe begegnet. Es sind aber nur lernten, litt Vadim unter seinem anlasslosen
wir beide hier, und wir waren einander frü- Zittern, weil er sich viele Gedanken darüber
Mariana Leky ist mit ihrem
her mal eine mittlere Liebe, das war während machte, was die Leute denken. Die Leute den-
Roman Was man von hier
unseres Studiums und ist also zwanzig Jah- aus sehen kann seit vielen
ken, dachte Vadim, dass er sehr nervös ist
re her. Wochen in den Bestseller­ oder sehr ängstlich oder ein Trinker, und er
ILLUSTR ATION: ELKE EHNINGER

Den ganzen Tag lang haben wir viel gere- listen. In Psychologie bestellte nie Suppe, wenn wir essen waren,
det, weil wir uns nur selten sehen. Jetzt reden Heute schreibt sie jeden und nie Getränke, die in Gläsern mit Stiel
wir nicht mehr, weil Vadim an einem Vortrag Monat darüber, was die serviert wurden.
schreiben muss. Ich sitze ihm gegenüber, Menschen, die sie umgeben, „Es muss irgendwie aufhören“, sagte er
schaue in ein Buch und denke aber eigentlich bewegt. Mit psychologischen damals zu mir, „ich halte nicht aus, was die
über Vadim nach. ­ hemen kennt sich Leky
T Leute denken.“ Ich weiß noch, wie ich nase-
Es ist nicht ungewöhnlich, dass Vadims aus: In ihrer Familie sind weis sagte: „Du weißt doch gar nicht, was
zehn ­Psychoanalytiker
Hände zittern. Sie zittern am Kamin, sie zit- die Leute denken, es sind nur deine Gedan-

78 PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019


ken über das, was die Leute denken könn- verteilen. Mir wurde allein schon bei der Hände zu starren, und all das jähe Mitleid,
ten“, und ich glaube, ich schob noch hin- Vorstellung übel, und ich überlegte, den auch meines, all das rasch überspielte Er-
terher: „Es ist doch auch ganz egal, was Therapeuten wegen seelischer Grausam- schrecken, auch meines. Ich schaute auf
sie denken.“ keit anzuzeigen, doch Vadim machte das Vadims Hände, die wie immer flatterten,
Das war leider reine Großspurigkeit. alles zwar unter Qualen, aber mit Feuer- und dachte: Ich bin umzingelt von ver-
Ich weiß noch, wie ich mit Kommilito- eifer und lernte, dass die Leute meistens rückt gewordenen Händen und umzingelt
ninnen in der Mensa einen dieser Psycho- nicht nur nichts Schlimmes, sondern von meinen Gedanken über anderer Leu-
tests aus einer Zeitschrift machte. Eine überhaupt nichts über einen denken. te Gedanken.
Frage lautete: „Auf einer Skala von eins Heute plagen Vadim seine zitternden „Schmeckt ja heute ausnahmsweise
bis zehn: Wie wichtig ist Ihnen, was an- Hände nicht mehr, „ich bebe mich so ganz gut“, sagte Vadim. „Stimmt“, sagte
dere über Sie denken?“ – „Zehn“, wollte durchs Leben“, hat er heute früh gesagt. der Mann. Ich nickte zustimmend, nach
ich sagen, aber stattdessen log ich: „Höchs- Während ich hier am Kamin auf Va- rechts zu Vadim und nach links zu dem
tens eins“, weil mir sehr wichtig war, dass dims Hände schaue, fällt mir sehr plötz- Mann, dabei hatte ich, obwohl ich meinen
die Kommilitoninnen über mich dachten, lich etwas ein, an das ich zwanzig Jahre Teller schon halb leer gegessen hatte, kei-
dass ich mir keine Gedanken darüber ma- lang nicht gedacht habe. Ich erinnere ne Ahnung, wie es schmeckte, denn es war
che, was andere über mich denken. mich, dass sich einmal, kurz nach Vadims sehr einnehmend, permanent Menschen
Weil es keine organische Ursache für Therapie, ein junger Mann, ein Student mit Gedanken auszustatten. Ich war die
Vadims Zittern gab, kam er schließlich wahrscheinlich, den wir noch nie gesehen einzige von uns dreien, die ihr Essen um-
aufs Psychische und beschloss, eine Ver- hatten, zu Vadim und mir an den Men- standslos zum Mund transportieren
haltenstherapie zu machen. In meiner Fa- satisch setzte. Der Mann sah ganz unauf- konnte, und gleichzeitig die einzige, die
milie gibt es einige Psychoanalytiker, und fällig aus, aber die Hände, mit denen er nicht wusste, wie es schmeckte, weil ich
sie hielten damals alle nicht viel von Ver- sein Tablett auf den Tisch stellte, waren vollauf damit beschäftigt war, mögliche
haltenstherapie. Sie rümpften die Nase, riesig und verformt. Sie waren groß wie Gedanken in Leute hineinzustopfen.
als Vadim von seinen Verhaltenstherapie- Kürbisse, die Finger viel zu breit, sie wirk- Jetzt, an Vadims Kamin, weiß ich wie-
plänen erzählte, sie schauten Vadim an, ten gelenklos, wie aufgepustete Papiertü- der genau, wie anstrengend das war, stän-
als habe er gerade mitten in einer Wag- ten. Winzige Fingernägel waren wie ins dig mit diesen Mutmaßungen beschäftigt
neroper gesagt, dass er den Soundtrack Fleisch gedrückt. Der junge Mann aß mit zu sein, anstatt den Leuten, wie es sich
von Dirty Dancing gehaltvoller findet. etwas, das aussah wie kurzstieliges Salat- gehört, die Inneneinrichtung ihrer Köpfe
In seiner Verhaltenstherapie musste besteck, weil er eine Gabel nicht hätte hal- gefälligst selbst zu überlassen.
Vadim das Zittern auf die Spitze treiben, ten können. „Vadim“, sage ich, und er schaut von
er musste die angeblichen Gedanken der Er hatte sich neben mich gesetzt, ich seinem Block auf. „Kannst du dich an den
Leute befeuern. Er musste aus therapeu- saß also zwischen ihm und Vadim. Ich Studenten erinnern, der so riesige Hände
tischen Gründen am Vormittag Dosenbier fragte mich auf einer Skala von eins bis hatte?“ Vadim schaut mich an, ein biss-
kaufen und an der Kasse das Portemon- zehn, wie der Mann aushielt, was die Leu- chen erstaunt, ein bisschen belustigt.
naie in der Hand so zittern lassen, dass es te dachten, ob sich auf seinen unverform- „Deine Hände zittern ja“, sagt er. PH
auf den Boden fiel. Er musste in der Men- ten Schultern alle Versuche aller Umsit-
sa Kartoffelsuppe über den ganzen Tisch zenden stapelten, bloß nicht auf seine

SHARI Y. MANNING
Ich liebe einen Borderliner
„Stärker als viele andere Störungen wirkt sich die „Probieren Sie die
Borderline-Persönlichkeitsstörung auf Beziehungen aus. Empfehlungen, die in diesem
304 Seiten, Klappenbroschur, 28 € (D)

Das vorliegende Buch macht Familienangehörige und Buch gegeben werden, aus. Sie
Freunde von Menschen mit einer BPS mit wertvollen werden staunen, wie positiv
Fertigkeiten vertraut, die ihnen ermöglichen, sowohl sich dies auf Ihre Beziehungen
den von dieser Störung Betroffenen als auch sich auswirken wird.“
selbst zu helfen. Dr. Manning hat in diesem Buch, das
Marsha M. Linehan
jeder mit der Problematik Konfrontierte lesen sollte,
ausgezeichnete Arbeit geleistet.“
Perry D. Hoffman, Präsidentin der National
Education Alliance for Borderline 79
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PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019 
Personality Disorder/USA
BUCH&KRITIK REDAKTION: KATRIN BRENNER-BECKER

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80 PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019


Nur Mut!
Warum so zögerlich? Melanie Wolfers zeigt,
wie wir angstfreier leben können

Ist Ihnen schon einmal bewusstgeworden,


dass Ihr Leben wie ein Film an Ihnen vor-
ne zu schauen und auch weitreichende
Entscheidungen zu treffen?
„Nichts
beiläuft – statt dass Sie es selbst in die Hand
nehmen und mutig Entscheidungen tref-
Die Grundidee des Buches –„mutig
handeln, dabei Verletzbarkeit aushalten
hinterlässt
fen? Dann könnte Trau dich, es ist dein und akzeptieren, dass auch Enttäuschun- einen scha­
Leben eine anregende und hilfreiche Lek- gen zum Leben gehören“ – kann sicher in
türe für Sie sein. „Wir haben jeden Au- vielen Situationen des Lebens hilfreich leren Nach­
genblick neu die Wahl: Wir können am sein. Allerdings taucht diese Idee in Va-
Ufer sitzen bleiben oder uns mit unserem riationen immer wieder auf – hier hätte geschmack als
Lebensschiff aufs Wasser hinauswagen“, sicher einiges kürzergehalten werden kön-
schreibt die Autorin Melanie Wolfers. nen. Zudem ist der Gedanke, sich seinen der Eindruck:
In ihrem neuen Buch schildert sie,
selbst Theologin und Seelsorgerin, viel-
Ängsten zu stellen und trotz Unsicherheit
mutig zu handeln, nicht neu: Ähnliche
Ich bleibe
fältige Situationen, für die man Mut
braucht: etwa um sich im Beruf oder im
Konzepte spielen in vielen psychothera-
peutischen Ansätzen, etwa in Achtsam-
Zuschauerin
Privatleben für einen neuen Weg zu ent- keits- oder Selbstsicherheitstrainings oder im eigenen
scheiden und seine Träume zu verwirkli- bei der Therapie von Ängsten, eine Rolle.
chen. Aber auch um sich anderen Men- In Trau dich, es ist dein Leben wird das Leben“
schen gegenüber zu öffnen und enge Be- Thema stärker aus philosophischer Sicht
MELANIE WOLFERS
ziehungen eingehen zu können. Mut ist beleuchtet, wobei zugleich viele histori-
notwendig, um Verantwortung zu über- sche und gesellschaftliche Beispiele ein-
nehmen – sei es für einen anspruchsvollen fließen. Immer wieder stellt die Autorin
Job oder in der Rolle als Eltern. Und es auch einen Bezug zu Religion und christ-
braucht Mut, um seine Meinung zu sagen lichem Glauben her: etwa wenn sie be-
und sich dem Risiko auszusetzen, Kritik schreibt, wie man seine eigenen Schritte
oder Ablehnung zu erfahren. auf Gott abstimmen kann, oder wenn sie
Wolfers schildert solche Situationen, darlegt, dass man in schwierigen Situati-
die Unsicherheit auslösen können, anhand onen aus einer spirituellen Kraft schöpfen
anschaulicher Fallbeispiele. Dabei lässt sie kann. Das mag für gläubige Menschen
auch eigene Erfahrungen einfließen, die nachvollziehbar und hilfreich sein. Wer
zeigen, dass das Thema Mut in ihrem Le- dem christlichen Glauben nicht zugetan
ben eine zentrale Rolle spielt: etwa wie sie ist, wird mit solchen Ausführungen we-
trotz Zweifeln die Entscheidung traf, in niger anfangen können oder diese viel-
einen religiösen Orden einzutreten. Oder leicht eher kritisch sehen.
wie sie sich in einer Überlastungssituati- CHRISTINE AMRHEIN

on dazu durchrang, sich Freunden anzu-


vertrauen. Gleichzeitig enthält das Buch
Melanie Wolfers: Trau
viele konkrete Tipps und Denkanregun- dich, es ist dein Leben.
gen: Wie kann es gelingen, sich mehr um Die Kunst, mutig zu sein.
Bene! München 2018,
die eigenen Bedürfnisse zu kümmern? 223 S., € 17,–
Wie schafft man es, in Beziehungen Ver-
trauen aufzubauen? Wie findet man den
Mut, sein Leben zu genießen oder kreativ
tätig zu werden? Oder den Mut, nach vor-

PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019 81


Chaosjahre
Drei Bücher helfen,
Jugendliche durch die
Pubertät zu begleiten
und die eigene Elternrolle
neu zu erkunden

Jugendliche treiben ihre Eltern gelegent- Sie sieht ihr Buch nicht als Ratgeber, son- Konflikte, die in dieser Lebensphase auch
lich zur Verzweiflung. Sie sind launisch, dern möchte ihre persönlichen Erfahrun- vorkommen können, werden nicht thema-
risikobereit und ständig bemüht, Grenzen gen weitergeben, die sie durch zahlreiche tisiert.
auszutesten. Wir wissen heute, dass die Gespräche mit Heranwachsenden gesam- Elisabeth Raffauf richtet sich mit ihrem
Pubertät, die schon mit 11 Jahren begin- melt hat. Buch Die tun nicht nichts, die liegen da und
nen kann, eine prägende Lebensphase ist. Sie beschreibt, wie das Leben mit Pu- wachsen an Pubertierende und Eltern.
Doch wie begegnen wir unseren Kindern, bertierenden außer Kontrolle geraten Auch die Psychologin mit dem Schwer-
die uns plötzlich fremd vorkommen? Und kann, entwickelt Strategien, wie man Ju- punkt Familien- und Erziehungsberatung
wie erklärt die Hirnforschung die Verhal- gendliche unterstützen und was beim Ein- will keinen Ratgeber schreiben, denn „es
tensänderungen von Adoleszenten? üben einer neuen Rolle helfen könnte. gibt nicht den Rat“. Sie beschreibt mögli-
Drei Bücher können helfen, Pubertie- Dabei plädiert sie dafür, Pubertierende che Probleme und zeigt Lösungsmöglich-
rende besser zu verstehen. sanft zu behandeln, Ausfälle zu tolerieren, keiten auf. So empfiehlt sie Pubertieren-
Maja Overbeck lädt zu einem Perspek- Vertrauen einzuüben, loszulassen, aber den, den Eltern auch mal etwas zu ver-
tivwechsel ein. Die Pubertät sei keine Pro- präsent zu bleiben. Zwar sei Streit in der schweigen. Es gebe einfach Themen, die
blemphase, sondern „die schönste Zeit“ Pubertät normal, aber wichtig seien auch
im Leben von Eltern. „Mit zunehmendem Wertschätzung und Versöhnung.
Alter meines Kindes stellen sich bei mir Maja Overbeck spricht gezielt die „Ge-
Maja Overbeck: I love
zwei Dinge ein: das Glücksgefühl, wieder neration der Helikoptereltern“ an: über- Teens. Wie es Spaß
ein selbstbestimmter Mensch zu sein, und besorgte, eher wohlhabende Eltern, die macht, unsere Kinder
durch die Pubertät zu
die Erkenntnis, dass die Zeit mit meinem Wert auf Selbstoptimierung und Leistung begleiten. Piper,
Kind endlich ist.“ legen. Aus der Elternperspektive beschreibt München 2018, 232 S.,
€ 17,–
Die Trendforscherin – Mutter eines sie klug und mitfühlend Alltagsprobleme,
sechzehnjährigen Sohnes – schreibt als die im Zusammenleben mit Pubertieren-
Betroffene, die jeden Tag by doing lernt. den auftreten können. Schwerwiegendere

82 PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019


Durch
Schreiben das
Eltern nichts angehen. Liebe zum Beispiel. wicklung, Risikobereitschaft, das „sozia- Selbstwertgefühl
„Neugierige Eltern müssen belogen wer-
den. Aus Selbstschutz.“ Die Eltern müss-
le Gehirn“ und psychische Krankheiten.
Die Risikofreude sei der „hartnäckigs-
stärken
ten sich klarmachen: Ablösung ist das Ziel. te und schwierigste Aspekt im Verhalten
Und das könne durchaus wehtun. „Ablö- von Heranwachsenden“. Hier gibt es noch
sung und Harmonie passen nicht zusam- viele Forschungslücken. Jedoch könne
men.“ In der Pubertät hätten Eltern und man als bewiesen annehmen, dass Jugend-
Kinder nun mal komplett entgegengesetz- liche nicht generell einen Hang zu riskan-
te Aufgaben. Der Job der Kinder sei es, ten Lebensweisen haben. Vielmehr gelte,
Grenzen zu testen – und die Eltern müss- dass die Bereitschaft zum Risiko mit der
ten zeigen, wo die eine oder andere Gren- Gegenwart von Gleichaltrigen wachse.
ze verläuft. Eine Herausforderung sei der Hier spiele das Streben nach Anerkennung
Medienkonsum. „Der Mediensog ist uns eine entscheidende Rolle. Faszinierend sei
allen über den Kopf gewachsen – auch den die Plastizität unseres Gehirns. Wenn man
ausgewiesenen Medienexperten“, behaup- eine Aufgabe übe, verändere sich die Ge-
tet sie und gibt sich ratlos: „Die Sache ist hirnstruktur. Diese Veränderungen könn-
aus dem Ruder gelaufen.“ Sie rät, mit den ten erstaunlich schnell nachgewiesen wer-
Jugendlichen zu verhandeln. den – sie verlören sich wieder, wenn die
Elisabeth Raffauf hat schon vor knapp Aktivität nachlässt. Belegbar sei auch ei-
20 Jahren ein Buch zum Thema Pubertät ne erhöhte Anfälligkeit für psychische
geschrieben. Viele Themen, etwa Drogen- Krankheiten in dieser Lebensphase, be- 2. A.

und Medienkonsum, werden erneut auf- sonders Depressionen seien häufiger. Was
HOG_9783456859767_Pennebaker_Schreiben.indd 2 06.12.18 08:38

gegriffen, jedoch aktualisiert. dafür ursächlich sei, müsse noch erforscht James W. Pennebaker
Auch wenn das Kapitel über Medien-
konsum nicht zufriedenstellt und die Pro-
werden.
Die Autorin berichtet anschaulich und
Heilung durch
bleme weiblicher Heranwachsender zu lebensnah. Sie nimmt ihre Leser – wis- Schreiben
kurz kommen, ist es insgesamt ein lesens- senschaftliche Laien, aber auch Pädagogen Ein Arbeitsbuch zur Selbsthilfe
wertes Buch, das die Bedürfnisse von Ju- und Psychologen – mit und zeigt, wie sich
gendlichen und Eltern in den Blick nimmt. ihr Interesse für ihr Fachgebiet entwickel- Übersetzt von Irmela Erckenbrecht.
Mit einem Geleitwort von Andrea B. Horn.
Kommt Pubertät nur in unserem te und welche Fragen sie anspornen. Sou- 2., unveränderte Auflage 2019.
abendländischen Kulturkreis vor? Sarah- verän geht sie auf Irrtümer und Fehlin- 184 Seiten, 3 Abbildungen, kartoniet
Jayne Blakemore erklärt, dass sie ein kul- terpretationen ein. Ohne den medialen € 19,95 / CHF 26.90
ISBN 978-3-456-85976-7
turübergreifendes Entwicklungsstadium Höhenflug zu erwähnen, den diese Wis- Auch als eBook erhältlich
ist. Und adoleszenztypische Verhaltens- senschaft zeitweise erlebte, stellt sie her-
weisen gebe es auch bei Tieren. Die vor aus, „dass die Vorgänge im Gehirn von Gedanken und Gefühle schriftlich nie-
derzulegen hilft erwiesenermaßen dabei,
allem im angelsächsischen Raum promi- Jugendlichen komplizierter und anders
emotional belastende Erfahrungen zu
nente Neurowissenschaftlerin zeigt auf, sind, als man noch bis vor kurzer Zeit an- verarbeiten und die psychische ebenso
was wir heute über das Gehirn von Her- genommen hat“. Es sei an der Zeit, sich wie die physische Gesundheit zu fördern.
anwachsenden wissen. Dabei überblickt genauer anzusehen, was in diesen Jahren Alle Übungen, die in dem Buch ausgeführt
werden können, stärken das Selbstwert-
sie 20 Jahre Hirnforschung. Im Zentrum des Ausprobierens im Gehirn vorgeht. gefühl und die Fähigkeit zu akzeptieren,
ihrer Darstellung stehen Identitätsent- CHRISTINE WEBER-HERFORT dass das Leben gut ist – auch wenn es
gerade nicht den Anschein machen sollte.

Elisabeth Raffauf: Die Sarah-Jayne Blakemore:


tun nicht nichts, die lie- Das Teenager-Gehirn.
gen da und wachsen. Die entscheidenden Jah-
Was in der Pubertät re unserer Entwicklung.
hilft. Patmos, Ostfildern Aus dem Englischen
2018, 192 S., € 18,– von Sebastian Vogel.
S. Fischer, Frankfurt a. M.
2018, 291 S., € 18,–

PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019 83


AUFGEBLÄTTERT

Wie erinnern wir? In ihrem grafischen Essay Großeltern nach Ostberlin, die Ausreise der Tante in den
über die Zeit kommt die Illustratorin Julia Westen. Im letzten Kapitel widmet sich Hoße der Zeit als
Hoße zu dem Schluss: In meiner Erinnerung physikalischem Phänomen. Sie streift damit die Themen Tod
war mehr Streichorchester (Edition Bücher­ und Ewigkeit und lädt ein, über die eigene Vergangenheit
gilde, € 26,–). Sie erinnert sich an den Tag zu sinnieren – atmosphärisch unterstützt von ihren stilis-
der Einschulung der kleinen Schwester, als tisch variierenden Illustrationen: mal flächig, mal linear, mal
ihr Name falsch ausgesprochen wurde und mit Tusche oder Bleistift.
sie vor Scham im Boden versinken wollte, an die Flucht der

„Wie die Liebe und die Musik hat Scheiden tut weh. Bei Eltern kommt zu dem
die Mathematik die Gabe, Men- Trennungsschmerz häufig die Angst, dass ihre
schen glücklich zu machen“, be- Kinder durch die Veränderung des Familien-
hauptet der Mathematiker Christi- systems Schaden nehmen könnten. Liselotte
an Hesse in seinem Buch Leben². Staubs Praxisleitfaden für getrennte Eltern
Wie Sie mit Mathematik Ihre Ehe Trennung mit Kindern – was nun? (Hogrefe,
verbessern, länger leben und glück­ € 19,95) unterscheidet sich von anderen Tren­
lich werden (Gütersloher Verlagshaus, € 18,–). In nungsratgebern darin, dass er zunächst die Eltern in den
31 unterhaltsamen Kapiteln zeigt Hesse auf, wo in Fokus stellt: Die Psychologin und Psychotherapeutin macht
unserem Alltag überall Mathematik im Spiel ist. deutlich, dass sich die Eltern zunächst mit ihren Bedürfnis-
Der Leser erfährt etwa, warum das Todesfallrisiko sen und Nöten vertraut machen sollten, bevor sie sich mit
am eigenen Geburtstag am höchsten ist, wie man den Anpassungsproblemen ihrer Kinder beschäftigen. Im
beim Warten die „schnellste“ Schlange auswählt praktischen Teil des Buches widmet sich Staub ganz kon-
und wie man sich bei eBay-Versteigerungen am kreten Fragen: Was soll ich tun, wenn das Kind glaubt, dass
besten verhält. Interessant – wenngleich nicht die Eltern wieder zusammenkommen? Wie soll ich damit
neu – ist auch „die Mathematik des Eheglücks“: umgehen, wenn mein Kind mich oder meine neue Partner-
Bereits in den 1970er Jahren entdeckten die For- schaft ablehnt? Hilfreich dürfte der Anhang sein, der sich
scher James Murray und John Gottman die soge- direkt an Kinder richtet und ihnen in verständlicher Sprache
nannte 5:1-Formel, die besagt, dass es nach einer Fragen beantwortet, etwa: „Was mache ich, wenn ich Sehn-
negativen Bemerkung oder Geste im Rahmen sucht nach dem Vater oder der Mutter habe?“
einer Paarinteraktion keineswegs genüge, einmal
nett zu sein und Zuneigung auszudrücken. Fünf-
mal freundlich sein für eine negative Äußerung
oder Geste ist demzufolge das magische Verhält-
nis für stabile Ehen.

84 PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019


Natur
Besser schlafen! tut gut!
Wir müssen unser Verhalten tagsüber ändern, um
nachts besser schlafen zu können, rät Tatjana Crönlein

NEU
Rund sechs Prozent der Bundesbürger lei- sches Ziel sei vielmehr „eine Verbesserung
den unter Schlafstörungen. Ihr Leidens- der Schlaf kontinuität und damit der
druck ist enorm, was nicht zuletzt dazu Schlafqualität“.
geführt hat, dass es sehr viele Bücher zur Die Schlafforscherin rät außerdem zum
Therapie von Schlafstörungen gibt. Jetzt Anfertigen eines Schlafprotokolls, um
ist ein neues hinzugekommen: Schlafen konkret erfassen zu können, wo es über-
können. Schlafstörungen erfolgreich bewäl- haupt hakt im Schlafprozess. Eine ent-
tigen. sprechende Vorlage dafür findet sich im
Es stammt von der Psychologin Tatja- Onlinematerial, das es zusätzlich zum
na Crönlein, die an der Universität Re- Buch gibt und das dessen Praxiswert deut-
gensburg als Schlafforscherin arbeitet. lich steigert. Darüber hinaus erfährt der
Allein das klingt schon verheißungsvoll, Leser, wie er typische Insomniker-Ängs-
und ihr verhaltenstherapeutischer Ansatz te abbauen und umgekehrt einen positiven Nutzen Sie die positiven Wirkungen des
ist es auch. Doch gerade der hätte in dem Schlafdruck aufbauen kann, so dass der Naturerlebens in Psychotherapie und
Buch deutlich mehr Raum bekommen Schlaf „einfach so“ über ihn kommt. Beratung:
können. In einem Schlafbuch darf schließlich Dieser Ansatz verknüpft therapeutisches
Stattdessen besteht die erste Hälfte der auch nicht der Entspannungsteil fehlen. Naturerleben mit der Praxis der Acht-
knapp 200 Seiten überwiegend aus Defi- Crönlein verhält sich darin angenehm un- samkeit, getragen von einer humanis-
tisch-personzentrierten Haltung.
nitionen, Fallberichten, historischen Hin- dogmatisch. Es wird also keine Entspan-
Außerdem gibt das Buch einen Überblick
tergründen und Tests, die einen Leser mit nungsmethode hochgelobt, sondern viel-
über die Vielfalt naturtherapeutischer
Schlafstörungen eher zum schnellen mehr das Augenmerk darauf gelegt, wie Konzepte und den aktuellen Stand der
Durchblättern verleiten dürften. Und man insgesamt lernen kann, Druck aus empirischen Forschung.
wenn er liest, dass Perfektionismus und dem Hexenkessel des Alltags zu nehmen.
exzessiver Medienkonsum die Schlafqua- Dazu gehört die Einsicht, dass wir unser Im praktischen Teil:
lität verschlechtern und Schlafmittel kei- Verhalten tagsüber ändern müssen, wenn O Naturtherapeutische Interventionen
und ihre Anwendung bei den häufigs-
ne Dauerlösung sind, könnte er gar genervt wir unseren Nachtschlaf verbessern wol-
ten Störungsbildern (Angststörungen,
sein, weil er das schon längst weiß (oder len. „Wir fangen also schon morgens an, Depressionen, somatoforme Störun-
ignoriert, weil er nichts daran ändern unseren Nachtschlaf vorzubereiten“, be- gen, Traumafolgestörungen u.a.)
will). Immerhin: In Sätzen wie „Beim Ein- tont Crönlein. Es sind solche trivial klin- O Lebendige Fallgeschichten
schlafen produziert der Körper mehr genden, aber zutiefst erhellenden Sätze, O Insidertipps zur praktischen
Schlaf, als wir es selbst wahrnehmen kön- die eine besondere Stärke des Buchs aus- Umsetzung
nen“ oder „Nächtliche Wachzeiten werden machen. JÖRG ZITTLAU
Sandra Knümann
oft länger erinnert und damit in ihrer Naturtherapie
Dauer überschätzt“ bemerkt man die tie- Mit Naturerfahrungen Beratung und
Psychotherapie bereichern
fe Sachkenntnis der Autorin. Mit E-Book inside
Im zweiten Teil des Buchs erfährt der 203 Seiten. € 36,95 D
ISBN 978-3-621-28610-7
Leser, wie er schlaffördernde Verhaltens-
Tatjana Crönlein: Schla-
maßnahmen ergreifen und schlafstören- fen können. Schlafstörun-
de Denkmuster verändern kann. Dazu gen erfolgreich bewälti-
gen. Ein verhaltensthera-
gehört, dass man sich keine unrealisti- peutischer Ratgeber.
schen Ziele setzt, wie etwa, dass man den Beltz, Weinheim 2018,
188 S., € 24,95
Schlaf wiederherstellen will, den man
„früher mal hatte“. Dies funktioniere ein-
Leseprobe in der App
fach nicht, warnt Crönlein. Ein realisti-
Leseproben unter
PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019 www.beltz.de 85
WENIGER WISSEN
- BESSER DENKEN Mutige Meise
Norbert Sachser zeigt, wie viel Mensch im Tier steckt

Es gibt schlaue und weniger schlaue Hun- ben, ist nicht weiter überraschend. Aber
de. Das wussten Hundebesitzer natürlich auch bei Singvögeln, Fischen, Reptilien
schon immer. Verhaltensforscher behaup- und sogar bei Insekten finden sich unver-
teten dagegen lange Zeit, dass Tiere gar wechselbare Züge. Ein mutiger Vogel
nicht denken können. Ob sie Gefühle ha- bleibt etwa konstant mutig, wie Experi-
ben, lasse sich wissenschaftlich nicht nach- mente mit Kohlmeisen beweisen.
weisen. Ein anderes Dogma war, dass Tie- Beispiel Emotionen: Mit Hormonmes-
re sich stets zum Wohl ihrer Art verhalten. sungen – kombiniert mit der Beobachtung
Alles überholte Vorstellungen, dank neu- des spontanen Verhaltens – und durch
er Forschungen hat sich unser Bild vom Präferenztests sind Verhaltensforscher in
Tier revolutioniert, sagt der Zoologe und der Lage, das Wohlbefinden von Tieren
Verhaltensbiologe Norbert Sachser. „Wir relativ genau einzuschätzen. Spielende
Menschen sind den Tieren näher gerückt; Tiere weisen auf Ausgeglichenheit hin.
es steckt viel mehr Mensch im Tier, als Präferenztests ermitteln, wie Tiere die
wir uns vor wenigen Jahren noch haben Welt sehen. Die Anzahl der Hebeldrücke
vorstellen können.“ Das gilt in besonde- zeigt zum Beispiel, wie wichtig Schweinen
358 Seiten, gebunden rem Maße für Säugetiere. Mit ihnen haben das Futter ist. Die Hebel werden dann vie-
€ 22,95 D | ISBN 978-3-407-86558-8
Auch als erhältlich wir einen Großteil der Gene und den Auf- le Male gedrückt. Aber mindestens so
bau des Gehirns gemeinsam. Auch ihre wichtig wie Futter ist für einzeln gehalte-
physiologischen Regulationssysteme äh- ne Schweine der Zugang zu Artgenossen.
Haben Sie die Kontrolle darüber, was neln den unseren. In seinem Buch Der Sie arbeiten dafür genauso hart wie für
Sie denken und wissen? Oder werden Mensch im Tier zeigt Sachser mit vielen ihre Nahrung.
Ihre Gedanken von äußeren Einflüs- Beispielen, warum sich das wissenschaft- Als Verhaltensbiologe berührt Sachser
sen gesteuert? Anhand vieler Bei- liche Tierbild so radikal verändert hat in seinem Buch ethische Probleme – Stich-
spiele zeigen die Kognitionswissen- (siehe hierzu auch das Interview mit Nor- wort Tierrechte – nur am Rande. Er er-
schaftler Steven Sloman und Philip bert Sachser im Heft 12/2018). örtert auch nicht die philosophische Fra-
Fernbach, dass die soziale Dimension Beispiel Tierpersönlichkeit: Früher ge, ob der Unterschied zwischen Mensch
unseres Denkens Segen und Fluch dachte man, dass Tiere sich an jede Situ- und Tier graduell oder doch prinzipiell
zugleich ist und unsere Gedanken oft ation flexibel anpassen könnten, nach dem ist. Etwas schade ist, dass er nur selten
fremdbestimmt sind. Nur wer das Motto survival of the fittest. Doch weit ge- auf vergleichbare Studien mit Menschen
Wechselspiel zwischen Gehirn und
fehlt: Auch bei Tieren formen genetische hinweist. Als Leser ertappt man sich al-
Umwelt erkennt, kann Denkirrtümer
Veranlagung und Umwelt das Verhalten lerdings des Öfteren bei dem Gedanken:
vermeiden und klare Entscheidungen
und den Charakter ganz individuell. Emi- Die sind ja so wie wir.
treffen. Dieses Buch hilft Ihnen dabei.
nent wichtig sind dabei soziale Kontakte. ANGELIKA SYLVIA FRIEDL

Schon kleine Unterschiede in den Sozial-


kontakten beeinflussen zum Beispiel Tem-
perament und Verhalten von Rattenkin-
dern. Diese entwickeln zwar keine Ver-
Norbert Sachser: Der
haltensstörung, wenn die Mutter sich nur Mensch im Tier. Warum
wenig um sie kümmert. Aber im Erwach- Tiere uns im Denken,
Fühlen und Verhalten
senenalter verhalten sie sich ängstlicher oft so ähnlich sind.
und gestresster als Ratten, die eine sehr Rowohlt, Reinbek 2018,
256 S., € 20,–
fürsorgliche Mutter hatten.
Dass Hunde, Schimpansen, Elefanten
oder Delfine einen eigenen Charakter ha-
Leseprobe auf
www.beltz.de
86 PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019
Sagen Sie mal,
Herr Gabriel:
Warum sind Computer
„dumm wie Brot“?

Markus Gabriel ist Professor für Erkenntnistheorie und Philo-


sophie der Neuzeit und Gegenwart an der Universität Bonn,
Direktor des interdisziplinären Center for Science and
Thought und regelmäßiger Gastprofessor an der Sorbonne.
Professor Gabriel, jeder Taschenrechner ist dem
menschlichen Gehirn überlegen, oder?
Nein, nicht wirklich, das ist nur eine Illusion. Wir
verwenden Taschenrechner, Smartphones, Suchma-
schinen und Computersimulationen, um unser ei-
genes Wissen zu erweitern. Die Geräte selbst nehmen
dabei nicht daran Anteil, was wir mit ihnen tun. Ein „Nur weil Menschen sich selbst für intelligent
Schachprogramm spielt in Wahrheit kein Schach, halten, glauben sie, sie seien in der Lage, ge­
sondern wir spielen sozusagen mit uns selbst. Ein fährlich intelligente Maschinen zu bauen“, be­
Taschenrechner etwa berechnet ja nichts von selbst, hauptet der Computer Golem in einem Roman
sondern nur, indem wir ihn verwenden. Und dann von Stanislaw Lem. Hat Golem recht?
geht in ihm nichts bewusst vor. Er ist innerlich so Ja, das ist völlig richtig. Wir sind allerdings nicht
intelligent wie ein Stück Brot. wirklich imstande, gefährlich intelligente Maschinen
Markus Gabriels
Sie wenden sich in Ihrem Buch gegen die land­ zu bauen. Die Gefahren der Digitalisierung entstam- Buch Der Sinn des
läufige Vorstellung, nach der Denken als Vorgang men unserem Gebrauch der Maschinen und nicht Denkens ist bei Ull-
stein erschienen
der Informationsverarbeitung verstanden wird. deren Intelligenz. Denn sie haben keine. (367 S., € 20,–)
Was ist Denken denn dann? Was halten Sie von der These, dass die Maschi­
Denken ist eine Sinnesmodalität, so ähnlich wie das nen selbst irgendwann immer virtuosere Robo­
Hören, Fühlen, Sehen, Tasten und unser Gleichge- ter bauen werden und künstliche Intelligenz
wichtssinn. Mittels des Denkens stellen wir uns vor, schließlich die Weltherrschaft übernehmen wird?
wie die Wirklichkeit beschaffen ist. Ich denke bei- Das ist reine Science-Fiction. Man darf nicht verges-
spielsweise gerade darüber nach, wie ich Ihre Frage sen, dass es Skynet und den Terminator aus dem
beantworten soll. Damit erfasse ich Gedanken, die gleichnamigen Film nicht wirklich gibt. Sie sind Pro-
mir einfallen. Gleichzeitig erfasse ich andere Vor- dukte unserer Einbildungskraft. Die Technologie, die
gänge in der Wirklichkeit mit meinen anderen Sin- wir als „künstliche Intelligenz“ bezeichnen, ist zwar
nesmodalitäten. Unsere Sinnesorgane sind keine durchaus gefährlich, aber vor allem dadurch, dass
Computer, die mit Codes arbeiten, sondern Elemen- wir glauben, sie sei gefährlich. Denn hinter jeder KI
te unseres Organismus, der zu uns als geistigen Le- stecken ökonomische und Machtinteressen, die wir
bewesen gehört. Unser Denken folgt keinem Algo- nicht durchschauen. Wir brauchen also eine neue
ILLUSTR ATION: JAN RIECKHOFF

rithmus und keinen allgemeinen Regeln der Daten- Form der Aufklärung, die mit der Einsicht beginnt,
verarbeitung. Allenfalls untersteht es der Logik, die dass wir Menschen Tiere sind, die keine sein wollen
sagt, wie man denken soll, wenn man aus wahren und deswegen auf ihre Geräte magische Fähigkeiten
Gedanken neue wahre Gedanken ableiten möchte. projizieren. Im Grunde genommen ist die Idee, dass
Doch wir denken dabei nicht dauernd logisch, son- die Roboter bald übernehmen, eine kalifornische Er-
dern begehen Denkfehler. Kurzum: Unser Denken satzreligion, die man sehr kritisch sehen sollte.
ist ein fehleranfälliger Sinn wie unser Sehen. INTERVIEW: KATRIN BRENNER-BECKER

PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019 87


„Die Wahl der Nichtwahl“
Zur Sprache Die Soziologin Eva Illouz macht den Kapitalismus für
gebracht! die Flüchtigkeit von Beziehungen verantwortlich –
und teilt Seitenhiebe in Richtung Psychotherapie aus

Freud behauptete, dass die Psychotherapie le hat“ oder eine „Beziehung will“. Wir
sich nicht nur um leidende Seelen zu erinnern uns vielleicht an den Werbespot
bemühen habe. Eine weitere wichtige eines Internetportals, in dem die smarte
Aufgabe sei die Kulturkritik der Ursachen Frau den ebenso smarten Bettkumpan mit
unserer psychischen Probleme. Letzteres einem falschen Vornamen anredet.
vergessen die meisten Psychotherapeuten Illouz zieht Parallelen zwischen nega-
jedoch in der Sorge darüber, ob ihre Ar- tiven Beziehungen und dem „skopischen
beit gesellschaftlich genügend anerkannt Kapitalismus“, womit die durch Bilder-
wird. In diesem Sinn ist die israelische fluten geprägte Konsumgesellschaft ge-
Soziologin Eva Illouz durchaus eine wür- meint ist. Demzufolge treffen heute Men-
dige Erbin Freuds, dem sie auch ihre Re- schen oftmals direkt aufeinander, ohne
verenz erweist, wenn sie am Ende ihres dass Familien oder Freundeskreise den
neuen Buches Warum Liebe endet. Eine Kontakt vermitteln. Sie tun es mithilfe
Soziologie negativer Beziehungen Sigmund von Technologien, deren Ziel gesteigerte
Das Buch bietet Leserinnen und Lesern
Freuds Unbehagen in der Kultur aufgreift. Effizienz in der Partnersuche ist.
eine Anleitung für das Finden behut-
Die rund 450 Seiten in Illouz’ Buch sind Illouz diagnostiziert gegenwärtig eine
samer Worte, um Kindern, die nicht in
vollgepackt mit Informationen, in einem Verwandlung der relationship in eine
ihrer leiblichen Familie aufwachsen, ihre
gelungenen Rhythmus von Abstraktion situationship, die nach der Maxime „Wir
Situation zu erklären und sie dadurch
und Anschaulichkeit. Illouz diskutiert so- haben zwar manchmal Sex, aber keine Be-
zu stärken.
ziologische Literatur über den Einfluss der ziehung“ gelebt wird. Dies entspreche einer
Kultur auf die Gefühlswelt von Durkheim neuen Form des Kapitalismus, in dem sich
Aus dem Inhalt: über Luhmann bis zu Giddens Soziologie Strukturen ständig verändern, Flexibilität
 Über Wahrheit und Klarheit in der der Intimität. Sie hat Liebesberichte aus gefordert wird und soziale Absicherungen
Biografiearbeit dem Internet recherchiert und Interviews ebenso geschwächt werden wie Loyalitäten.
 Über das Schreiben in verschiedenen Ländern geführt. Dieser postmoderne Kapitalismus profi-
 Die ganze Lebensgeschichte Mit „negativen Beziehungen“ meint tiere von Ungewissheit und favorisiere
schreiben Illouz, „dass das Individuum aufgrund Praktiken der Nichtbindung – die schnel-
 Sachverhalte erklären der Struktur seines Begehrens keine Be- le Erzeugung und den ebenso schnellen
 Komplexere Zusammenhänge oder ziehungen will oder nicht in der Lage ist, Bruch von Loyalität. So werde auch in den
Lebenssituationen in Worte fassen Beziehungen aufzubauen […] In negativen erotischen Beziehungen die „Wahl der
 Spezielle und schwere Bindungen sind andere Menschen Mittel Nichtwahl“ zu einem Motor von Freiheits-
Lebensthemen vermitteln zur Selbstentfaltung und zur Bestätigung gefühlen und Selbstverwirklichung.
der eigenen Autonomie – nicht Gegen-
Mit Online-Materialien
2019, 268 Seiten, broschiert, € 29,95 stand von Anerkennung.“
ISBN 978-3-7799-3731-9 Während die romantische Liebe mit
Eva Illouz: Warum Liebe
Auch als E-Book erhältlich Gefühlen begann und irgendwann (viel- endet. Eine Soziologie
leicht) in Sex mündete, beginnen die Be- negativer Beziehungen.
Aus dem Englischen
ziehungen im Geist von Tinder mit Sex von Michael Adrian.
und müssen sich danach mit der angst- Suhrkamp, Berlin 2018,
447 S., € 25,–
besetzten Herausforderung abquälen, Ge-
fühle zu testen, um sich über die Frage
Leseproben auf www.juventa.de klarzuwerden, ob ein Gegenüber „Gefüh- Leseprobe in der App

88
JUVENTA
JUVENTA
PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019
Wissen wie
Freud war von den nicht auflösbaren Mit der Asymmetrie in einer Beziehung
es geht
Widersprüchen der Kultur schlechthin können aber Männer oft noch schlechter
überzeugt, Illouz sieht einen ähnlich tra- umgehen als Frauen, wie das Phänomen
gischen Konf likt zwischen dem Fort- des Stalking zeigt, das ebenso ein Kind
schritt zu hedonistischer Freiheit und den der Konsumgesellschaft sei wie Speed-
Beziehungsbedürfnissen der Menschen, dating und Tinder.
die sich im Streben nach Autonomie bin- Illouz tadelt, dass die Psychotherapie
dungslos verhalten und vereinsamen, sich nicht mit sozialen Fragen beschäfti-
wenn sie auf dem Kontaktmarkt keine ge und in ihren Versuchen, das Selbstge-
Chancen mehr haben. In den USA belas- fühl zu stärken, auch den Rückzug aus
tet nach Expertisen Einsamkeit im Alter Bindungen unterstütze und so negative
die Gesundheit der Betroffenen mehr als Beziehungen fördere. Lässt sich das durch
Übergewicht. einige Interviews belegen, in denen Frau-
Da die Optimierungszwänge des sko- en berichten, sie hätten in ihrer Therapie
pischen, also visuell orientierten Kapita- gelernt, lieber allein zu leben als sich in
lismus Frauen ungleich härter träfen als einer Beziehung zu verbiegen? Etwas mehr
Männer, leiden der Autorin zufolge hete- ernsthafte Auseinandersetzung mit den
rosexuelle Frauen mehr als Männer. Frau- Nöten realer Paare und etwas weniger zeit-
en rätselten demnach öfter und nach- kritisches Wortgeklingel hätten dem Buch
drücklicher, wie sie einen Mann dazu gutgetan. WOLFGANG SCHMIDBAUER

bringen können, verbindlich zu werden.

Der Entscheidungsforscher Philip


Meissner weiß: Entscheiden kann man
lernen. Wenn man es mit Methode
ERFAHRUNGSWERT angeht, funktioniert es leicht und
schnell – gerade bei Entscheidungen
„Willst du etwas wissen, frage einen Erfahrenen und keinen Gelehrten.“
von großer Tragweite.
Gelehrtenratschläge für Menschen mit psychischen Erkrankungen gibt es
viele. Ratgeber aus Sicht von Erfahrenen sind rar gesät. Svenja Bunt ist
In seinem Buch bringt er die Strate-
promovierte Philosophin und Sozialarbeiterin, Sibylle Prins war Sonder-
gien auf den Punkt, die souveränes,
schullehrerin und ist nun als Autorin und Referentin in der Selbsthilfe
nachhaltiges und selbstbewusstes
aktiv. Beide haben jahrelange Erfahrung mit psychischen Erkrankungen
Handeln möglich machen. Noch mal
und mit der Psychiatrie. Ihr Anliegen: „Wir wollen Ihnen Lust auf ein gu-
eine Nacht darüber schlafen, gehört
tes Leben machen: Wie kann ich mich so verhalten, dass es mir langfristig
auch dazu!
gut geht? Wie kann ich gut für mich sorgen?“ Drei Lebensbereiche spielen
den Autorinnen zufolge dabei eine besondere Rolle: Alltagsgestaltung und
Egal wie groß die Konsequenzen:
Selbstmanagement, Beziehungsgestaltung sowie Arbeit und Beschäftigung.
Dieses Buch befördert Sie raus aus
Ihr Buch ist nicht, wie sonst üblich, nach Krankheitsbildern geordnet,
der Endlosschleife des Abwägens
sondern lebenspraktisch angelegt. Bunt und Prins gehen behutsam vor,
zwischen Für und Wider!
stellen Fragen, machen Angebote und Vorschläge, etwa einen Notfallkof-
fer und einen Krisenplan, eine Behandlungsvereinbarung und eine Pati-
entenverfügung. Die Autorinnen selbst berichten offen
– und gelegentlich kontrovers – aus ihrem Leben, ande-
re Psychiatrieerfahrene werden in Vignetten zitiert. Der 2019. 189 Seiten
Ratgeber ist sehr unmittelbar in der Ansprache: ernsthaft, 20 €. ISBN 978-3-593-51061-3
humorvoll und erfahrungsgesättigt. HARTWIG HANSEN Auch als E-Book erhältlich

Svenja Bunt, Sibylle Prins: Ein gutes Leben und andere Probleme.
Ein Ratgeber von Psychiatrie-Erfahrenen für Psychiatrie-Erfahrene.
Balance, Köln 2018, 168 S., € 17,–

PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019 89 campus.de


AUSSERDEM

RAT UND LEBENSHILFE Leander Steinkopf KINDER UND FAMILIE Ulrich Wiek
Die andere Hälfte der Heilung. Fairness als Führungskompetenz.
Dr. Manuela Macedonia Warum wir Zuwendung brauchen, Albert Lenz Strategie und Leitfaden für Füh-
Beweg dich! Und dein Gehirn um richtig gesund zu werden. Ressourcen psychisch kranker rungskräfte und Unternehmen der
sagt Danke. Wie wir schlauer Mosaik, 224 S., € 20,– und suchtkranker Eltern stärken. Zukunft. Springer, 364 S., € 44,99
werden, besser denken und uns Ein Gruppenprogramm zur Prä-
Elena Ibello, Anne Rüffer (Hg.) Günther Klug, Dorothea Huber
vor Demenz schützen. Neueste vention von Kindesmisshandlung
Reden über Schmerz. Rüffer & Wie viel Zeit braucht der Mensch,
Erkenntnisse der Neurowissen- und -vernachlässigung. Hogrefe,
Rub, 144 S., € 18,– um sich in der psychodynami­
schaft. Brandstätter, 184 S., € 22,– 133 S., € 39,95
schen Therapie zu verändern?
Dr. med. Berndt Rieger
Petra Pliester, Jürgen Bräscher Hans-Joachim Maaz, Ingeborg Vandenhoeck & Ruprecht,
Die heimlichen Chefs im Körper.
Vom Kopfkino zum Freigeist. Szöllösi 70 S., € 10,–
Wie Hormone unser Leben und
Selbstbewusst statt voll im Stress. Keine Mutter ist perfekt. Der
Handeln bestimmen. Mvg,
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modernem Ayurveda. Mit der
Kraft der Chronobiologie die Tanja Heller Gerd Schulte-Körne, Katharina Scorpio, 348 S., € 26,–
Gesundheit fördern, Gewicht ver- Seelenkratzer. Skin Picking und Galuschka
Stefan Klein
lieren, besser schlafen und Stress Trichotillomanie. Epubli (E-Book), Ratgeber Lese-/Rechtschreibs­
Die Ökonomie des Glücks.
reduzieren. Vorwort von Deepak 70 S., € 9,99 törung (LRS). Informationen
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Heilendes Zuhause. Wie ich mir Das Innere-Kinder-Retten als Martin Sutoris
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Mit den 12 wichtigsten Regeln der Petra Bahr
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gesunden Ernährung. C. Bertels- Wie viel Religion verträgt unsere
Harald Lesch, Ursula Forstner Supervision und Coaching. Gesellschaft? Nicolai, 71 S., 20,–
mann, 320 S., € 20,– Grundlagen, Techniken, Perspekti-
Ein Physiker und eine Philoso­
Oliver Petersen ven. C. H. Beck, 128 S., € 9,95 Giovanni Maio
phin spielen mit der Zeit. Mit
Gelassen durch den Alltag. Wie Werte für die Medizin.
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die buddhistische Lebenskunst Warum die Heilberufe ihre eigene
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Thomas Vogel Strategie und Leitfaden für Füh- Kösel, 208 S., € 22,–
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Mäßigung. Was wir von einer
Daniela Halm alten Tugend lernen können. Zukunft. Springer, 345 S., € 34,99
HUMOR
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tis, Heuschnupfen, Asthma & Co. Gert Scobel
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Springer, 379 S., € 18,– Umfeld von sogenannten Sekten Sprachpsychologie für Leute mit
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liche Psyche. Kremayr & Scheriau, der Arbeit zurück. Springer,
Kirsten Müller-Vahl, Valerie 192 S., € 22,90 251 S., € 19,99
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­Alexander Münchau Rita Kohlmaier Axel Koch
Tourette-Syndrom und andere „Ich habe etwas zu sagen“. Die Transferstärke-Methode.
Tic-Störungen. Mit einem Manual Frauen, die das Wort ergreifen. Mehr Lerntransfer in Training und
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Kohlhammer, 168 S., € 36,– Schmiedel. Sandmann, 136 S., Beltz, 136 S., € 29,95
€ 24,95

90 PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019


MEDIEN REDAKTION: ANKE BRUDER

HÖREN

Ein Bad im Grünen


„Wenn wir langsam durch den Wald gehen und da-
bei sehen, hören, riechen, schmecken und berühren,
dann bringen wir unsere Rhythmen in Einklang mit
der Natur“, sagt Qing Li, Professor an der Nippon
Medical School in Tokio. Und das tut uns gut, erdet
uns, bessert unsere Stimmung und lässt uns ent- HINGEHEN
spannt zurück. In seinem Hörbuch Die wertvolle
Medizin des Waldes erklärt Qing Li die Mechanismen,
die für die heilsame Wirkung eines Bades im Grünen
Ist das geheim?
verantwortlich sind. Etwa der würzige Duft des Wal- Geheimnisse haben einen schlechten Ruf. Doch sie sind
des, bestehend aus dem Geruch von Hölzern, Rinden, nicht nur schlecht, im Gegenteil: „Das Geheimnis – das
feuchter Erde und vermodernden Blättern, der nach- durch positive oder negative Mittel getragene Verbergen
weislich die Bildung von Antikörpern steigert und von Wirklichkeiten – ist eine der größten geistigen Errun-
die Produktion des Stresshormons Kortisol drosselt. genschaften der Menschheit“, so heißt es in der Ausstellung
Doch Qing Li empfiehlt nicht nur, hinaus in den Geheimnis. Ein gesellschaftliches Phänomen am Museum
Wald zu gehen, er rät auch, sich die Natur ins Haus für Kommunikation Berlin. Der Ausspruch von Soziologe
zu holen, in Form von Zimmer- Georg Simmel zeigt: Ohne Geheimnisse geht in unserer
pflanzen, durch Duftschalen mit Gesellschaft nichts, wir finden sie überall, zwischen Ehe-
Holzspänen, ätherische Öle – partnern, beim Arzt, am Arbeitsplatz, im Kinderzimmer,
gut für alle, die nicht in der Nä- in Politik, Wirtschaft und Macht. Doch das Geheimnis ist
he eines Waldes wohnen oder bedroht: Soziale Netzwerke, neue Formen der Kommuni-
nicht so häufig wie ersehnt im kation und Überwachung machen seinen Rückzugsräumen
Wald umherstreifen können. zunehmend den Garaus. Die Ausstellung ist noch bis zum
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PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019 91


LESERBRIEFE k.brenner@beltz.de

„Wie kann es sein, dass eine Gesellschaft das entsetzliche Leiden


von sogenannten ‚Nutztieren‘ so dermaßen verdrängen kann in die
untersten ‚kollektiven Seelenbereiche‘?“
Susanne Kirn-Egeler, Diplompädagogin, Herrenberg

Die Langstreckentiertransporte wur- milie häufig sind, sollte man diesen


den ja leider vom Bundestag am 8.11.2018 Einfluss nicht unerwähnt lassen.
nicht gestoppt. Anscheinend finden die Ute-Rahel Baer, Edertal-Anraff
Interessen der Wirtschaftslobby bei unse-
ren Politikern um vieles mehr Beachtung Belastender Zwang zur
als das entsetzliche Leiden der ärmsten Veränderung
Tiere, der sogenannten „Fleischlieferan- (Das Dossier „Beruf & Leben“ widmete sich
ten“? Diese Nutztiere, unsere „Fleischlie- der Frage, wie es uns gelingen kann, dem
Neuen offen zu begegnen. „Alles bleibt an-
feranten“, führen anscheinend ein Schat- ders: Über den Umgang mit Veränderungen
tendasein in dieser Gesellschaft, die auf im Beruf“. Heft 10/2018)
Mensch quält Tier ihre humanistische Prägung bekanntlich
(Norbert Sachser räumte auf mit der Annah- stolz ist. Luise Rinser schrieb in ihrem Ge- Ich hätte mir gewünscht, dass der Drang
me, dass Tiere lediglich instinktgesteuerte leitwort zu Eugen Drewermanns Buch zur ständigen Veränderung nicht nur po-
Wesen sind. „Das fühlende Tier“. Heft 12/2018)
Über die Unsterblichkeit der Tiere: „Wenn sitiv gesehen wird: Wie gelingt es uns,
Den Artikel habe ich mit großem Inter- wir die Schreie der vom Menschen gequäl- Neuem positiv zu begegnen? Wenn man,
esse gelesen. Er verdeutlicht ganz unmiss- ten Tiere hören müssten, wir ertrügen sie aus welchen Gründen auch immer, nicht
verständlich, welches große Unrecht wir nicht. Wir verstopfen unsere Ohren.“ flexibel ist, ist der Zwang zur Veränderung
bereits seit ewigen Zeiten an unseren Tie- Was passiert hier in unserer Seele? Wir eine Belastung. Wenn es nur noch Arbeit
ren begehen. Das Alleinstellungsmerkmal sind doch empathiefähige Wesen? Warum gibt, wenn man flexibel ist, werden viele
„Lebewesen“ sollte dazu genügen, dass wir und wie schaffen wir diese Abspaltung? Menschen abgehängt. Maria Steding, Essen
Tieren eine Würde zugestehen und sie ein Woran „krankt“ unsere Gesellschaft? Und
Recht auf Leben und Unversehrtheit be- wie wirkt sich diese Abspaltung auf un-
sitzen, allein weil sie fühlen und leidens- sere Gesundheit selbst aus – psychisch und
fähige Wesen sind. Wir töten Tiere, oft- physisch? Was macht dies mit unseren
mals unter grauenvollen Umständen, für Kindern und Heranwachsenden?
unsere Zwecke, obwohl sie gemäß dem Susanne Kirn-Egeler, Diplompädagogin, Herrenberg Die Redaktion behält es sich vor, Leserbriefe zu kürzen
Artikel nicht nur fühlende, sondern auch
denkende, komplexe, individuelle Wesen Gewalt in der Familie
sind – und uns dabei sehr ähnlich. Und (Martina Hinz widmete sich in der Titelge-
wir entscheiden als angebliche Krone der schichte der Frage, wie die Beziehung zu un-
seren Schwestern und Brüdern uns bis ins Er-
Schöpfung einfach darüber, ob sie leben wachsenenalter prägt. „Geschwister“. Heft
Handys einsammeln?
dürfen oder nicht?! 10/2018) (Barbara Knab fragte, ob die Digitalisierung
Natascha Wenrich, stellvertretend für das der Klassenzimmer zu besserem Unterricht
Bündnis mensch_fair_tier, Mönchengladbach und mehr Lernerfolg führt. „Schulen im Digi-
Ich vermisse den Faktor Gewalt in der Fa- talfieber“. Heft 10/2018)
milie. Man weiß aus der Traumatherapie,
Wie kann es sein, dass eine Gesellschaft dass es die Beziehung der Geschwister un- Wir, die „FT-Abi-Plattform“, eine ehema-
das entsetzliche Leiden von sogenannten tereinander massiv beeinflusst, wenn ei- lige Schülerzeitung, die ich jetzt mit allen
„Nutztieren“ so dermaßen verdrängen ne oder mehrere von innerfamiliärer Ge- drei Internetkanälen und ehemaligen Re-
kann in die untersten „kollektiven See- walt betroffen sind. Da physische, psychi- daktionsmitgliedern als Kleinunterneh-
lenbereiche“? sche und sexualisierte Gewalt in der Fa- mer weiterführe, haben uns schon 2013

92 PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019


als Schülerzeitung intensiv mit der Han- schen“ beinhaltet, die einem jederzeit (in
dynutzung im Unterricht beschäftigt. Vie- meinem Fall beruflich) über den Weg lau-
le Artikel entstanden, die inzwischen auch fen könnten.
anderweitig veröffentlicht oder ins Netz Zurzeit befinde ich mich in einem Un-
gestellt wurden, dennoch war Ihr Artikel, ternehmen, das mir sehr gut gefällt, nur
der sich mit der Handynutzung im Un- meine unmittelbare Kollegin empfinde
terricht beschäftigte, der Argumentati- ich als manipulativ und cholerisch. Mir
onsteil, der mir die ganze Zeit fehlte. Ich wurde gesagt, dass ich bereits die sechste
sammelte zu Unterrichtsbeginn stets die neue Mitarbeiterin bin und dass die Zu-
Handys ein, davon handeln zwei Artikel Gebrauchsanleitung für sammenarbeit mit besagter Kollegin
der Serie, aber mir fehlte das Forschungs- schwierige Menschen schwierig ist. Auch ihre Vorgesetzten ha-
argument, warum es nicht reiche, die Han- (In unserer Titelgeschichte zeigte Anne Otto, ben es nicht leicht mit ihren Launen, da-
dys einfach auf den Tisch zu legen oder wie wir verhindern können, von Mitmenschen her sandte ich ihnen den Artikel. Der Bei-
beeinflusst und ausgenutzt zu werden.
in der Hosentasche zu lassen. Ich konnte „Mani­pulation durchschauen“. Heft 11/2018)
trag ist auch von den Vorgesetzten dieser
nur intuitiv oder dank der Gespräche mit schwierigen Frau positiv aufgenommen
Schülern argumentieren, aber ohne em- Zunächst möchte ich ein ganz großes worden, denn er gibt Hilfestellungen, wie
pirische Untersuchungen. Sie haben genau Kompliment aussprechen zu Ihrem Arti- man mit solchen Menschen umgehen soll.
das in Ihrem Artikel geliefert, was Schu- kel. Sie haben mir – und nicht nur mir – Viktoria Chevalier, per E-Mail
len im Hinblick auf Handys im Unterricht aus der Seele gesprochen. Ich empfand den
brauchen, wow! Klaus Schenck, Text als sehr ansprechend, da er eine „Ge-
Oberstudienrat a. D., Tauberbischofsheim brauchsanweisung für schwierige Men-

IMPRESSUM

REDAKTIONSANSCHRIFT Werderstraße 10, 69469 Weinheim Genehmigung der Re­daktion. Namentlich gekennzeichnete Beiträge Psychologie Heute kann im Abonnement oder als Einzelheft
Postfach 10 0154, 69441 Weinheim, Telefon 0 62 01/60 07-0 geben nicht in jedem Fall die Meinung der ­Redaktion wieder. Für beim Buchhandel oder direkt beim Verlag bestellt werden. Zah­
Fax 0 6201/60 07-382 (Redaktion), Fax 0 6201/60 07-310 (Verlag) unverlangt eingesandtes Material übernimmt die Re­daktion ­keine lungen bitte erst nach Erhalt der Rechnung. Das Abonnement ist
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PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019  93


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PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019 105


IM NÄCHSTEN HEFT
DIE APRILAUSGABE ERSCHEINT AM 13. MÄRZ 2019

AM ANFANG WAREN:
TITELTHEMA DIE ELTERN
Erinnern ist ein bisschen wie Erzählen. Wir alle tra-
gen ein Narrativ unseres Lebens mit uns herum: ei-
nen unentwegt fortgeschriebenen Plot, der erklärt,
wie wir wurden, wer wir sind. Welche Spuren hin-
terlassen unsere ersten Bezugspersonen, die Eltern,
in dieser Erzählung? Dieser Frage ist die Psychologin
Christin Köber nachgegangen. Das Ergebnis: Mit zu-
nehmender Reife wird unser Elternbild differenzier-
ter – aber keineswegs freundlicher.

WIE LANGE WOLLEN WIR


ARBEITEN?
Immer mehr Menschen wünschen sich, weniger oder
zumindest flexibler zu arbeiten. Sie wollen Freiräu-
me zur individuellen Gestaltung statt starrer zeitli-
cher Strukturen. Doch ist das wirklich die Lösung?
Wie viel Arbeitszeit ist gut für uns? Was rät die
­Arbeitspsychologie? Ein Dossier über den Rhythmus
der Arbeit – und den Traum von der 15-Stunden-
Woche.

IM FALSCHEN FILM

DIE KRAFT Vegan zu leben liegt im Trend, möchte man meinen.


Schaut man auf die Zahlen, ist es aber eher ein

DES ATMENS  Randphänomen: In Deutschland verzichtet nur etwa


jeder Hundertste vollständig auf Tierprodukte. Die
Psychologin Clare Mann glaubt, dass Veganer mit
Wie unsere Atmung uns hilft, Schmerzen zu
besonderen seelischen Belastungen zu kämpfen ha-
lindern, Stress zu reduzieren und unser Leben ben – weil sie Außenseiter sind und weil das Leid der
bewusster zu gestalten Tiere sie bedrückt. „Vystopie“ nennt die australische
Solange wir leben, ist sie da: unsere Atmung. Meist tun wir es unbe- Forscherin diese Krise. Ein Gespräch.
wusst, doch gleichzeitig ist das Atmen die einzige vegetative Funktion,
die wir gezielt steuern können und die so Körper und Geist verbindet. AUSSERDEM
In vielen Meditationspraktiken spielt die Arbeit mit dem Atem seit
• Mauern und Grenzen: Sie haben Konjunktur –
jeher eine zentrale Rolle. Und auch in Therapien wird Atemarbeit mehr
und stillen eine psychische Sehnsucht
und mehr angewendet: bei Depressionen und Angststörungen, bei
• Neigung oder Talent? Neue Erkenntnisse sagen,
Asthma und R ­ ückenbeschwerden. Wer in seinem Alltag das Atmen
was für die Berufswahl wichtiger ist
bewusst einsetzt, kann Stress a­ bbauen und seine Konzentration schär-
fen. Über einen zuverlässigen B ­ egleiter, der uns hilft, die richtige Ba-
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106 PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019


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