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NOVEMBER 2017

D6940E

SFR 10,90

€ 7,50

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44. JAHRGANG

2 0 1 7 D6940E SFR 10,90 € 7,50 HEFT 11 44. JAHRGANG ENTWICKLUNG ECHT SCHLAU
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Die späten Folgen der DDR-Heimerziehung

Viele Tiere können mehr, als wir ihnen zutrauen

ENTSCHULDIGUNG

Die schwierige Kunst, eigene Fehler zuzugeben

SELBST- SABOTAGE Warum Sie sich manchmal selbst im Weg stehen und was Sie dagegen tun
SELBST-
SABOTAGE
Warum Sie sich manchmal
selbst im Weg stehen und was
Sie dagegen tun können
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NEU

www.klett-cotta.de / fachbuch

NEU www.klett-cotta.de / fachbuch Angelika Rohwetter Versöhnung Warum es keinen inneren Frieden ohne Versöhnung gibt

Angelika Rohwetter Versöhnung Warum es keinen inneren Frieden ohne Versöhnung gibt

181 Seiten, broschiert

€ 20,– (D). 978-3-608-96149-2

Vergeben, verzeihen, versöhnen ist leichter gesagt als getan, wenn alte Verletzungen durch Eltern, Geschwister, Freunde an uns nagen.Die Autorin zeigt, warum es so schwer ist, den Weg der Versöhnung zu gehen und was wir gewinnen, wenn wir es trotzdem tun.

zu gehen und was wir gewinnen, wenn wir es trotzdem tun. Katharina Drexler Ererbte Wunden heilen

Katharina Drexler Ererbte Wunden heilen Therapie der transgeneratio- nalen Traumatisierung

160 Seiten, broschiert

€ 23,– (D). ISBN 978-3-608-89203-1

Ererbte seelische Wunden sind in der Psychotherapie behan- delbar und heilbar. Das erste systematische Behandlungs- konzept erklärt, wie Traumata an nachfolgende Generationen weitergegeben werden und wie Patienten sich davon befreien können.

werden und wie Patienten sich davon befreien können. Karl Heinz Brisch (Hrsg.) Bindung und emotionale Gewalt

Karl Heinz Brisch (Hrsg.) Bindung und emotionale Gewalt

309 Seiten, gebunden

€ 40,– (D). ISBN 978-3-608-96154-6

Die Beiträge zeigen die Ressour- cen für Wachstum durch sichere Bindungserfahrungen auf. Sie verdeutlichen die traumatischen Auswirkungen von emotionaler Gewalt in unterschiedlichen Situationen und Lebensaltern und diskutieren Möglichkeiten der Prävention und Hilfe.

und diskutieren Möglichkeiten der Prävention und Hilfe. Stefan Hammel Grüßen Sie Ihre Seele! Therapeutische

Stefan Hammel Grüßen Sie Ihre Seele! Therapeutische Interventionen in drei Sätzen

Reihe kurz & wirksam

160 Seiten, broschiert

€ 20,– (D). ISBN 978-3-608-89187-4

Häufig sind es gerade die kleinen Beobachtungen und die nebenbei geäußerten Sätze, die bei den Klienten etwas auslösen. Aufbau- end auf dieser Erkenntnis stellt das Buch systematisch Kurzinter- ventionen zu verschiedenen Störungsbildern vor.

Blättern Sie online in unseren Büchern und bestellen Sie bequem unter: www.klett-cotta.de/fachbuch Wir liefern portofrei nach D, A, CH

Wir liefern portofrei nach D, A, CH Ralf Zwiebel Vom Irrtum lernen Behandlungsfehler und

Ralf Zwiebel Vom Irrtum lernen Behandlungsfehler und

Verantwortung in der psycho-

analytischen und psychothera- peutischen Praxis

245 Seiten, gebunden

€ 32,– (D). ISBN 978-3-608-96112-6

Das Buch beschreibt sowohl die Standards professionellen therapeutischen Handelns als auch die Besonderheiten der psychoanalytischen Praxis aus einer ethischen Sichtweise.

psychoanalytischen Praxis aus einer ethischen Sichtweise. Rolf Dieter Trautmann Behaviorale Ego-State- Therapie bei

Rolf Dieter Trautmann Behaviorale Ego-State- Therapie bei Persönlichkeits- störungen

198 Seiten, broschiert,

mit zahlreichen Grafiken

€ 25,– (D). 978-3-608-89185-0

Mit einer neuartigen Methoden- kombination zeigt der Autor, wie die Integration von Persönlich- keitsanteilen gute Erfolge bei der verhaltenstherapeutischen Behandlung von Persönlichkeits- störungen erzielen kann. Mit vielen Beispielen aus der Praxis.

Sonder- ausgabe € 25,– (D)
Sonder-
ausgabe
€ 25,– (D)

Arnold Retzer Systemische Paartherapie Konzepte – Methode – Praxis

355 Seiten, broschiert

€ 25,– (D). ISBN 978-3-608-96204-8

»Ein außergewöhnliches Buch,

zweifellos von einem der ersten

und besten Köpfe unter den Vertretern der systemischen Zunft.« Wolfgang Traumüller, systemagazin.de

»Dieses Buch ist ein Gewinn für alle, die sich als Paarthera- peutInnen betätigen« Wolfgang Loth, systhema

viele Abbildungen
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Abbildungen

Klaus Theuretzbacher Coaching schafft Räume Von der mentalen Kraftkammer in die Zukunftswerkstatt – kreative Interventionen, wirksame Lösungen

213 Seiten, broschiert, großes Format

€ 29,– (D). ISBN 978-3-608-89191-1

Dieses Buch macht den Coach und Organisationsberater erfolg- reich, denn es platziert besonders wirksame Coaching-Tools in der Vorstellungswelt eines Hauses mit diversen Räumen, um alle Ressourcen, Optionen und Lö- sungen zielorientiert zu erfassen.

eines Hauses mit diversen Räumen, um alle Ressourcen, Optionen und Lö- sungen zielorientiert zu erfassen.

Liebe Leserin, lieber Leser

D ie junge Psychologin hält zum ersten Mal

einen Vortrag vor mehr als 300 Personen.

Sie ist aufgeregt, fühlt sich aber gut vorbe-

reitet und damit sicher. An diesem Seminartag ist sie die letzte Rednerin. Vor ihr haben andere das Wort. Ausschließlich Männer. Ausschließlich „alte Hasen“ im Vortragsgeschäft. Je mehr Referate die junge Frau hört, umso größer wird ihre Unruhe. Das Gedan- kenkarussell dreht sich: „Die haben alle eine Power- Point-Präsentation, ich nicht.“ „Die erzählen so locker Witze, ich habe keinen einzigen in meinen Vortrag eingebaut.“ Als sie endlich auf der Bühne steht, sagt sie nicht ihren vorbereiteten ersten Satz, sondern ent- schuldigt sich dafür, dass sie keine PowerPoint- Präsentation anzubieten hat. – „Wie blöd kann man nur sein!“, dachte ich sofort, als mir der Satz entwischt war. Dass er ein Paradebeispiel für selbstschädigendes Verhalten war, kam mir allerdings erst später. Selbstsabotage – das ist das seltsame Phänomen, dass wir uns auf dem Weg zu einem erwünschten Ziel selbst blockieren. Wir neigen dann zu Verhal- tensweisen, die „allesamt für das Individuum un- günstig oder negativ sind“, wie der Sozialpsychologe Hans Dieter Mummendey in seinem Standardwerk Psychologie der Selbstschädigung (Hogrefe) schreibt. Wenn wir unser Licht unter den Scheffel stellen, wenn wir uns wegdrehen, sobald die nächste Karrierestu- fe ansteht, wenn wir am Abend vor einer wichtigen Prüfung „unerklärlicherweise“ mit Freunden in einer Kneipe versacken – dann ist das mit hoher Wahr- scheinlichkeit ein Fall von Selbstsabotage. Warum tun wir das? Welche Motive im Einzelfall auch dahinterstecken mögen – durch Selbstsabotage wollen wir uns nicht schaden, sondern uns schützen (siehe unsere Titelgeschichte ab Seite 18). Wann im- mer wir fürchten, dass unser Selbstbild Kratzer be- kommen könnte, sobald wir gedanklich zu sehr um uns selbst kreisen und in negativer Selbstaufmerk- samkeit gefangen sind, versprechen selbstschädigen- de Verhaltensweisen psychische Entlastung. Selbstsabotage ist nicht nur ein Problem besonders ängstlicher oder extrem selbstkritischer Menschen. In unserer unerbittlichen Leistungsgesellschaft stellt sie eine häufig abgerufene Ausweichstrategie dar. Wann immer der Erwartungsdruck – der eigene oder der anderer – zu hoch wird, liefern selbstschädigen-

de Verhaltensweisen gute Entschuldigungen. Durch Selbstsabotage hoffen wir, eigener oder fremder Kri- tik den Wind aus den Segeln nehmen zu können, ohne als völliger Versager zu gelten oder an uns selbst zweifeln zu müssen. Diese Selbstbehinderung ist aber nur auf den ers- ten Blick entlastend. Auf Dauer untergräbt sie unser Selbstvertrauen und verhindert eine realistische Ein- schätzung unserer Fähigkeiten. Gerade das aber sind die wichtigsten Gegenspieler des inneren Saboteurs. Sie sollten wir in kritischen Situationen aktivieren. Bei meinem ersten großen Vortrag ist mir das er- freulicherweise gelungen. Gleich nach meiner selbst- schädigenden Bemerkung schoss mir der Gedanke durch den Kopf: „Sie haben dich nicht eingeladen, damit du deine PowerPoint-Künste zeigst. Sie wollen hören, was du zu sagen hast.“

zeigst. Sie wollen hören, was du zu sagen hast.“ u.nuber@beltz.de Ab dieser Ausgabe kostet Psychologie Heute

u.nuber@beltz.de

wollen hören, was du zu sagen hast.“ u.nuber@beltz.de Ab dieser Ausgabe kostet Psychologie Heute ein wenig

Ab dieser Ausgabe kostet Psychologie Heute ein wenig mehr. Der Preis des Einzelheftes steigt von € 6,90 auf € 7,50, der des Jahresabonnements von € 76,90 auf € 79,90. Die Preise aller anderen Abonnementsformen entnehmen Sie bitte dem Impressum auf Seite 93

Die Preise aller anderen Abonnementsformen entnehmen Sie bitte dem Impressum auf Seite 93 PSYCHOLOGIE HEUTE 11/2017

IN DIESEM HEFT

TITEL

18

Selbstsabotage!

Manchmal stehen wir uns selbst im Weg. Was sind die Gründe dafür? Und wie lässt sich der innere Feind bekämpfen?

Von Anne Otto

24

Warum tun wir nicht, was wir wollen?

Die wichtigsten Selbstsabotage-Fallen – und wie wir sie umgehen können

Von Anne Otto und Axel Wolf

12

Im Fokus: Die Gedanken sind frei! Wie lange noch?

Roberto Andorno und Marcello Ienca befürchten, dass in Zukunft unsere Gedanken mithilfe der Neurowissenschaften kontrolliert werden könnten

28

„Eine gute Entschuldigung stärkt die Beziehung“

Die Psychologin Harriet Lerner erklärt, warum es ein dreifaches Geschenk ist, wenn wir andere um Verzeihung bitten

34

Was Hänschen nicht lernt …

Was ist dran an Sprichwörtern und Redens- arten? Können wir ihnen Glauben schenken?

Von Eva Tenzer

38

„Da stecken Weisheit und Lebenshilfe drin“

Der Psychologieprofessor Dieter Frey hat sich mit dem Nutzen von Sprichwörtern wissenschaftlich befasst

40

Tierisch klug

Die geistigen Fähigkeiten von Tieren sind größer, als wir dachten. Was folgt aus dieser Erkenntnis?

Von Matthias Jung

dachten. Was folgt aus dieser Erkenntnis? Von Matthias Jung TITELTHEMA 18 Manchmal verhalten wir uns erstaun-

TITELTHEMA

18 Manchmal verhalten wir uns erstaun- lich unklug: Wir schieben wichtige

Aufgaben vor uns her, sagen das falsche Wort zur falschen Zeit oder verzichten aus faden- scheinigen Gründen auf die Beförderung. Wohl jeder kennt die Erfahrung, sich selbst im Wege zu stehen und gegen die eigenen Interessen zu handeln. Was steckt hinter dem Phänomen? Und welche Gegenstrategien gibt es?

zu handeln. Was steckt hinter dem Phänomen? Und welche Gegenstrategien gibt es? 4 PSYCHOLOGIE HEUTE 11/2017
28 Entschuldigung! Warum fällt es uns oft so schwer, dieses Wort über die Lippen zu
28 Entschuldigung! Warum fällt es uns oft so schwer, dieses Wort über die Lippen zu

28 Entschuldigung! Warum fällt es uns oft so schwer, dieses Wort über die

Lippen zu bringen? Die Psychologin Harriet Lerner hat sich mit dieser Frage befasst und festgestellt: Viele Menschen – vor allem

Männer – fürchten, schwach und klein zu wirken, wenn sie einen Fehler zugeben. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall!

Fehler zugeben. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall! 58 Was passiert, wenn man schon als

58 Was passiert, wenn man schon als Baby und Kleinkind

die Woche über von den Eltern getrennt sein muss und von fremden Personen er- zogen wird? In der DDR war diese Praxis gang und gäbe. Erst heute fragen

Wissenschaftler nach, welche Folgen die Wochenkrippen für die Betroffenen haben

46

Ein Paar jenseits der Konvention

Wenn ein Mann eine deutlich ältere Frau liebt, verursacht das immer noch Aufruhr. Warum eigentlich?

Von Ursula Richter

58

Die 100-Stunden-Krippe

DDR-Geschichte mit langfristigen Folgen:

Wie geht es Menschen, die als Kleinkind auf die Bindung zu den Eltern verzichten mussten?

Von Anne-Ev Ustorf

64

„Das chinesische Wort für Weisheit bedeutet auch List“

Warum der Einsatz von List und Tücke kein unrühmliches Verhalten ist, erklärt der Sinologe Harro von Senger

72

Ach je! Mir geht es ja so schlecht!

Wer jammert, nervt. Aber das Klagen hat zu Unrecht einen schlechten Ruf

Von Martin Hecht

RUBRIKEN

16

Therapiestunde

Zwischen den Stühlen

Von Margarethe Schindler

70

Psychologie nach Zahlen

Selbstinspektion

Von Anna Gielas

78

Pehnts Alltag

Es geht ums Ganze

Von Annette Pehnt

3

Editorial

6

Themen & Trends

52

Körper & Seele

57

Schilling & Blum: Irgendwas mit Menschen

80

Buch & Kritik

91

Medien

92

Leserbriefe

93

Impressum

94

Im nächsten Heft

95

Markt

106 Noch mehr Psychologie Heute

Impressum 94 Im nächsten Heft 95 Markt 106 Noch mehr Psychologie Heute PSYCHOLOGIE HEUTE 11/2017 5

THEMEN&TRENDS

REDAKTION:

SUSANNE ACKERMANN

FOTO: FEMMECURIEUSE / PHOTOCASE.DE
FOTO: FEMMECURIEUSE / PHOTOCASE.DE

Wie stellen Sie sich dar?

Jeder von uns will gern gut dastehen, im Arbeitsle- ben, in der Familie, unter Freunden. Funktioniert es mal nicht, rechtfertigen wir uns gern damit, für einen Moment die Kontrolle verloren zu haben. Doch in einem Forschungsüberblick kommen Psychologen zu einem anderen Schluss: Viele von uns wenden eine falsche Strategie an, wenn sie einen ungünstigen Eindruck machen – und das freiwillig. Die Psychologen führen vier solcher Strategien auf. Die erste ist das anmaßende Auftreten. Diese Selbstdarsteller wollen sich mit ihrer Botschaft selbst aufwerten: „Ich kann besser kochen als andere.“ Wer so redet, wirkt feindselig und wird abgelehnt. Als äußerst ungünstig gilt zweitens das sogenannte humblebragging. Damit ist gemeint, dass Menschen prahlen, indem sie sich bescheiden präsentieren oder vorgeben, unzufrieden mit sich selbst zu sein. Doch das wird schnell durchschaut und gilt als besonders unglaubwürdig. Drittens kommt Scheinheiligkeit

nicht gut an, etwa wenn jemand vorgibt, etwas Bes- seres zu sein, als er ist. Und als vierte schlechte Stra- tegie nennen die Autoren „zweischneidige Kompli- mente“, etwa so: „Für eine Praktikantin sind Sie wirklich smart.“ Das eigentliche Ziel ist hier, den ei- genen Status zu sichern. So Angesprochene merken sofort, dass sie herabgesetzt werden. Warum wenden Menschen solche ungeeigneten Strategien an? Oft sind sie sich nicht im Klaren da- rüber, denn andere geben ungern negatives Feedback, umso mehr, wenn sie uns nicht gut kennen. Eher distanzieren sie sich, als dass sie kritisieren. Wer al- so eine angemessene Rückmeldung braucht, ob er oder sie tatsächlich so gut ankommt wie vermutet, sollte lieber Nahestehende fragen. SAC

Wie wirke ich? Wenn wir einen guten Eindruck machen wollen, wählen wir oftmals falsche Strategien

Janina Steinmetz u. a.: Impression mismanagement: People as inept self- presenters. Social and Personality Psychology Compass, 11, 6, 2017. DOI:

10.1111/spc3.12321

Social and Personality Psychology Compass, 11, 6, 2017. DOI: 10.1111/spc3.12321 6 PSYCHOLOGIE HEUTE 11/2017
Fleisch essen macht Männer sexy, ergab eine Studie, in der der Einfluss von Geschlechter- stereotypen

Fleisch essen macht Männer sexy, ergab eine Studie, in der der Einfluss von Geschlechter- stereotypen auf das Essverhalten von Männern und Frauen untersucht wurde. Demnach bevorzugten Frauen Männer, die gern ein Steak aßen, als potenzielle Datingpartner und fanden diese attraktiver als Vegetarier. Männer favori- sierten Fleisch für sich selbst, bewerteten vegetarisches Essen als weiblich und erwarteten, dass die potenzielle Partnerin ein vegetarisches Essen bestellen würde.

94 %

von fast 40 000 Twitter-Usern gaben bei einer Befragung an, in dem sozia- len Netzwerk weniger Follower zu ha- ben als ihre Freunde. 58 Prozent die- ser Nutzer, die zu wenig Resonanz zu haben glaubten, waren mit diesem Zustand unzufrieden. Tatsächlich zeigte die Studie einen Zusammen- hang zwischen Beliebtheit und Zufrie- denheit: Die User mit den meisten Freunden waren am zufriedensten. Die Forscher sehen bestätigt, dass man sich in den Social Media sozialen Vergleichen kaum entziehen kann, die das Wohlbefinden beeinträchtigen.

DOI: 10.1140/epjds/s13688-017-0100-1

DOI: 10.1037/men0000119

DOI: 10.1140/epjds/s13688-017-0100-1 DOI: 10.1037/men0000119 Natur wirkt befreiend Eine einmalige und überwältigende

Natur wirkt befreiend

Eine einmalige und überwältigende Naturerfahrung kann of- fenbar dauerhaft unser Leben verändern. Dies zeigt eine explo- rative Studie. Eine Naturtherapeutin und eine Psychologin aus Israel führten Tiefeninterviews mit zehn Frauen und fünf Män- nern zwischen 28 und 70 Jahren. Alle berichteten von aufwüh- lenden, intensiven Naturerfahrungen, beispielsweise in der Wüs- te oder Arktis, die sie mit inneren Konflikten, Ängsten oder unangenehmen Teilen ihres Selbst konfrontiert hatten. Was passierte dabei mit ihnen? Einige empfanden eine vorher nicht gekannte Willenskraft oder überwanden ihre Angst. An- deren fiel plötzlich auf, dass sie ihre eigenen Bedürfnisse ständig vernachlässigt hatten oder in ihrem Leben viel zu passiv waren. Alle fühlten sich befreit, glücklich und gestärkt. Zwölf Befragte krempelten nach dieser Erfahrung ihr Leben um. Wie die Au- torinnen meinen, diente die Natur als Vehikel für das Erleben einer Dissonanz, die die Teilnehmer zu persönlichem Wachstum befähigte. Sie empfanden intensiv, was in ihrem Leben unstim- mig war, und konnten sich diese Erkenntnis zunutze machen.

MARION SONNENMOSER

Lia Naor, Ofra Mayseless: How personal transformation occurs following a single peak ex- perience in nature: A phenomenological account. Journal of Humanistic Psychology, 2017. DOI: 10.1177/0022167817714692

account. Journal of Humanistic Psychology, 2017. DOI: 10.1177/0022167817714692 PSYCHOLOGIE HEUTE 11/2017 7

FOTO: MARIE MAERZ / PHOTOCASE.DE

FOTO: MARIE MAERZ / PHOTOCASE.DE „Unternehmenspsychopa- then“, oft Führungskräfte, agieren kalt, egoistisch und

„Unternehmenspsychopa-

then“, oft Führungskräfte, agieren kalt, egoistisch und manipulativ. Eine Studie be- stätigte das: Als psychopa- thisch eingestufte Teilneh- mer befürworteten signifi- kant häufiger Bilanzbetrug oder Insiderhandel als ande- re Probanden. Dies zeige, dass psychopathische Füh- rungskräfte für Firmen exis- tenziell gefährlich werden können, schreiben die Auto- ren. Zwei Eigenschaften gel- ten als besonders riskant:

ausgeprägte Kaltherzigkeit und „machiavellistischer Egoismus“.

DOI: 10.1007/s11573-017-0864-6

Egoismus“. DOI: 10.1007/s11573-017-0864-6 Kann eine Maschine, etwa in einem selbstfahrenden Auto, in

Kann eine Maschine, etwa in einem selbstfahrenden Auto, in einem moralischen Dilemma richtig ent- scheiden? Grundsätzlich ja, meinen Forscher. Sie haben typisch menschliches Verhalten in einer Dilemmasituation in einem value of life-Modell beschrieben. Dieses erlaube, das Verhalten in einem Computeralgorithmus abzubilden und so die Software zu moralischen Entscheidungen zu „befähigen“. Ob Maschinen uns diese Entschei- dungen tatsächlich abnehmen sollten, müsse diskutiert werden, heißt es.

DOI: 10.3389/fnbeh.2017.00122

diskutiert werden, heißt es. DOI: 10.3389/fnbeh.2017.00122 Smartphones machen dumm Unsere Smartphones lenken uns sogar

Smartphones machen dumm

Unsere Smartphones lenken uns sogar dann ab, wenn sie stumm oder ausgeschaltet sind, ergab eine Studie. Die schiere Präsenz des Geräts reicht dazu aus, und wir merken es noch nicht einmal. In zwei Experi- menten ließen die Forscher aus den USA insgesamt rund 700 Teilnehmer Aufgaben lösen, um das Ar- beitsgedächtnis sowie die kognitiven Kapazitäten der Probanden zu vergleichen. Einige Teilnehmer durften ihre Geräte auf den Tisch legen, andere sie in ihrer Tasche unterbringen, und bei einer dritten Gruppe mussten die Geräte in einem anderen Raum „warten“. Die Ergebnisse zeigen: Je näher das Smartphone seinem Besitzer war, desto schlechter schnitt dieser bei den Aufgaben ab – unabhängig davon, ob die Probanden bewusst an ihr Gerät dachten oder nicht. Die Autoren sehen nur eine einzige Lösung: Wer kon- zentriert und mit Erfolg etwas tun will, sollte sich für diese Zeit von seinem Smartphone trennen. SAC

Adrian F. Ward u. a.: Brain drain: The mere presence of one’s own smart- phone reduces available cognitive capacity. Journal of the Association for Consumer Research, 2/2, 2017. DOI: 10.1086/691462

capacity. Journal of the Association for Consumer Research, 2/2, 2017. DOI: 10.1086/691462 8 PSYCHOLOGIE HEUTE 11/2017

FOTO: ZIMT_STERN / PHOTOCASE.DE

Mehr Selbstdisziplin!

Liebend gern hätten Sie vor dem Fernseher eine gan- ze Tafel Schokolade verdrückt – aber nach dem zwei- ten Stück haben Sie die süße Versuchung weggelegt. So gut in Sachen Selbstdisziplin wollen viele sein, die wenigsten sind es. Wissenschaftler haben versucht herauszufinden, ob sich diese Selbstkontrolle mit- hilfe speziell konzipierter Trainings wie ein Muskel trainieren lässt. Die Idee ist, dass Selbstkontrolle ei- ne allgemeine Fähigkeit ist, die in vielen unterschied- lichen Lebensbereichen zum Tragen kommt. Dies würde es erlauben, sie zu trainieren und dann auch in einem anderen Bereich davon zu profitieren, etwa um abzunehmen oder sich mehr zu bewegen. Aber ganz so einfach ist es leider nicht, fanden der Psy- chologe Malte Friese von der Universität des Saar- landes und seine Kollegen in einer Metaanalyse he- raus: Die Forscher verglichen die Ergebnisse von 33 Studien mit über 2600 Probanden miteinander. Tat- sächlich können die Trainings die Selbstkontrolle erhöhen, aber noch sind viele Fragen offen. Malte Friese erklärt: „Wir wissen noch nicht, wie lange die- se Effekte halten und warum sie genau auftreten. Vielleicht hängen sie auch mit der Erwartung zu- sammen, dass einem das Training helfen könnte, ein bestimmtes Verhalten zu verändern.“ Selbstdisziplin zu trainieren ist also bis zu einem gewissen Grad möglich. Doch könnte es auch zu viel davon geben? Manche befürchten, sich ständig nur zu kontrollieren mache unzufrieden oder führe sogar

zu Perfektionismus. Doch solche Sorgen sind unnö- tig, zeigt eine Studie. Im Gegenteil: Selbstdisziplin zu haben steigert sogar das Wohlbefinden. Ein Psy- chologenteam untersuchte das in sechs Studien mit mehr als 5000 Teilnehmern, darunter Schulkinder, Studenten und Erwachsene bis zu 55 Jahren. Das Er- gebnis: Es fanden sich keinerlei Hinweise, dass es schädlich sein könnte, diszipliniert zu sein (siehe auch Heft 10/2017: Überschätzte Selbstkontrolle).

KATINKA REINER/SAC

Wie kann man da widerstehen? Man kann, sagt die Forschung. Bis zu einem gewis- sen Grad lässt sich Selbstdisziplin trainieren

Malte Friese u. a: Does self-control training improve self-control? A meta- analysis. Perspectives on Psychological Science, 2017. DOI: 10.1177/1745691

617697076

Christopher W. Wiese u. a.: Too much of a good thing? Exploring the inver- ted-urelationship between self-control and happiness. Journal of Persona- lity, 2017. DOI: 10.1111/jopy.12322

self-control and happiness. Journal of Persona- lity, 2017. DOI: 10.1111/jopy.12322 PSYCHOLOGIE HEUTE 11/2017 9

FOTO: MARIA VAORIN / PHOTOCASE.DE

FOTO: ROWAN / PHOTOCASE.DE

FOTO: MARIA VAORIN / PHOTOCASE.DE FOTO: ROWAN / PHOTOCASE.DE Eine Neigung zur Geringschätzung Das Gefühl der

Eine Neigung zur Geringschätzung

Das Gefühl der Verachtung kann verheerend für zwi- schenmenschliche Beziehungen sein. Ehen oder Ar- beitsbeziehungen zerbrechen daran, und es spielt sogar eine Rolle bei der Entstehung des Terrorismus. Laut den Autoren einer US-amerikanischen Studie wurzelt Verachtung in der Überzeugung, dass ande- re unsere Normen und Standards verletzen. Offenbar neigen manche Menschen stärker als andere dazu, Kollegen, Bekannte oder Partner geringzuschätzen, fanden die Forscher heraus. Sie entwickelten die Dispositional Contempt Scale (DCS) mit zehn Aussagen wie „Ich verliere häufig den Respekt vor anderen“. In sechs Studien füllten mehr als 1300 Teilnehmer die DCS sowie andere Fra- gebögen aus, in denen sie auch gefragt wurden, wen sie in ihrem eigenen Leben verachten. Die Anfällig- keit für Verachtung geht demnach mit einem zer- brechlichen Selbstwert und Bindungsangst einher. Die Forscher wiesen auch einen Zusammenhang zwi- schen Verachtung und den Eigenschaften der Dunk- len Triade nach, also Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie. ANNA GIELAS

Roberta Schriber u. a.: Dispositional contempt. A first look at the contemp- tuous person. Journal of Personality and Social Psychology, 2017, 113/2, 280– 309. DOI: 10.1037/pspp0000101

Mehr Zeit für das, was Spaß macht

Sie stehen oft unter Zeitdruck und kommen mit der Hausarbeit nicht mehr nach? Trotz- dem holen Sie sich keine Unterstützung? Das sollten Sie sich nochmals durch den Kopf gehen lassen, legt eine US-amerikanische Studie nahe. In sieben Befragungen mit rund 6000 Teilnehmern aus den Vereinigten Staa- ten, Dänemark, Kanada und den Niederlan- den zeigte sich: Diejenigen, die eine Haus- haltshilfe beschäftigten, litten am wenigsten unter Zeitstress und waren mit ihrem Leben am zufriedensten, und zwar über ein grö- ßeres Einkommensspektrum hinweg. Die Forscher folgern, dass es offenbar Stress reduziert, sich freie Zeit zu kaufen. Um die These abzusichern, machten die Psy- chologen noch ein Experiment: Diejenigen, die eine Geldprämie dafür verwenden soll- ten, Zeit zu sparen, waren danach viel zu- friedener als die Teilnehmer, die eine mate- rielle Anschaffung tätigen sollten. Wer sich Zeit kauft, kann diese für angenehme Akti- vitäten nutzen, und das lindert Stress, mei- nen die Autoren.

SAC

Ashley V. Whillans u. a.: Buying time promotes happiness. PNAS, 2017. DOI: 10.1073/pnas.1706541114

u. a.: Buying time promotes happiness. PNAS, 2017. DOI: 10.1073/pnas.1706541114 10 PSYCHOLOGIE HEUTE 11/2017

Die Quellen zu dieser Infografik finden Sie auf unserer Website: www.psychologie-heute.de/literatur Illustration: Anton Hallmann / Sepia. Text: Eva-Maria Träger

WETTERBERICHT

Es muss wohl am Wetter liegen – oder doch nicht? Wie Sonne, Regen und Co auf uns wirken

EINFLUSSGRÖSSE

Wir sind zu mehr als 90 Prozent des Tages drinnen. Trotzdem wirkt das Wetter auf Menschen, die weniger als 45 Minuten täglich im Freien sind, fast so stark wie auf die, die meist draußen sind – nur andersherum:

Ist das Wetter schön, ist ihre Stimmung trübe.

URTEILSFEHLER

Das Wetter beeinflusst unsere Entscheidungen: Bei der Aus- wahl von College-Bewerbern etwa gewichteten die Mitglieder des Zulassungsgremiums die akademischen Fähigkeiten an Tagen mit bedecktem Himmel stärker, bei Sonnenschein waren es die außerschulischen.

SOZIALHILFE

Sonnentage fördern die Stimmung, und wir öffnen uns stärker: So sind wir unter anderem eher bereit, anderen zuzulächeln, ihnen zu helfen, sie im Auto mit- zunehmen und zu flirten.

INSPIRATIONSQUELLE

Künstler lassen sich gerne vom Wetter inspirieren. Bei Komponisten scheint der Einfluss genreabhängig zu sein: Während bei klassischer Musik am liebsten Bezug auf Unwetter, Wind oder Regen genom- men wird, herrscht bei Popsongs Sonnenschein vor.

DETAILFRAGE

Zu den Wetterelementen gehören unter anderem Wind, Temperatur und Strahlung. Laut einer US-Analyse hat das Tageslicht den größten Einfluss auf unser Stressempfinden:

Je weniger wir der Sonne ausgesetzt sind, desto schlechter fühlen wir uns.

HOFFNUNGSSCHIMMER

Herrscht nach einer Reihe Regentage un- erwartet Sonnenschein, steigert das unsere Risikofreude: Laut einer US-Analyse spie- len Menschen dann eher Lotto. Das könnte daran liegen, dass die überraschend positive (Wetter-)Wende für gute Stimmung sorgt.

daran liegen, dass die überraschend positive (Wetter-)Wende für gute Stimmung sorgt. PSYCHOLOGIE HEUTE 11/2017 11

IM FOKUS

Die Gedanken sind frei! Wie lange noch?

Der Jurist Roberto Andorno und der Bioethiker Marcello Ienca fürchten:

Neurowissenschaften und Neurotechnologie könnten eines Tages genutzt werden, um unsere Gedanken anzuzapfen. Um dieser Gefahr zu begegnen, schlagen die Wissenschaftler vier grundlegend neue Menschenrechte vor

zu begegnen, schlagen die Wissenschaftler vier grundlegend neue Menschenrechte vor 12 PSYCHOLOGIE HEUTE 11/2017

Herr Andorno, Herr Ienca, die Vorstellung, dass jemand unsere Gedanken lesen und kontrollieren könnte, ist eine absolute Horrorvorstellung für die Menschheit.

Roberto Andorno: Ja, unser Geist, unsere Gedanken- und Vorstellungswelt und inneren Überzeugungen sind die letzte Bastion der Privatsphäre, Selbstbe- stimmung und persönlichen Freiheit. Man kann Leu- te einsperren und ihren Körper kontrollieren, ihr Geist bleibt trotzdem unantastbar und geheim. Die neurowissenschaftliche und neurotechnologische Revolution könnte dieses letzte Refugium im Sinne einer Gedankenkontrolle angreifen und es ernsthaft gefährden. Dagegen sollten wir uns mit neuen Men- schenrechten wappnen.

Neurowissenschaftliche Revolution und Gedan- kenkontrolle: Übertreiben Sie da nicht etwas?

Marcello Ienca: Also, die neurowissenschaftliche Re- volution ist real. Da gibt es für mich keinen Zweifel. Wir sehen in den USA, auch unter der Trump-Re- gierung, massive Anstrengungen, das Gehirn zu er- forschen. Die Europäische Union steckt ebenfalls viele Milliarden Euro in die Erforschung des Gehirns. Hinzu kommen die Investitionen der einschlägigen Hightechfirmen im Digitalsektor.

Aber das Eindringen in die Gedankenwelt, das Abhören und die Beeinflussung unserer mentalen Information, wie Sie es nennen, scheint mir doch noch reichlich futuristisch zu sein.

Ienca: Um es klar zu sagen: Heute kann noch nie- mand Gedanken aus der Kommunikation der Ner- venzellen unseres Gehirns extrahieren. Aber das Le- sen von Gedanken wird kommen. Wir wissen nur noch nicht, wann.

Wird diese Revolution in unseren Alltag dringen?

Ienca: Da bin ich sicher. In ihren Anfängen passiert das schon jetzt. Brain-Computer-Interfaces können schon heute Patienten mit neurologischen Erkran- kungen helfen. Auch außerhalb des Gesundheitssek- tors erleben wir erste Anwendungen. Viele Video- spieler nutzen solche Interfaces, um ihre Avatare mit ihrer Gehirnaktivität zu kontrollieren. Diese Grup- pe wächst. Einige Leute nutzen bereits Neurostimu- latoren, um ihr Wohlbefinden zu messen oder ihre Aufmerksamkeit zu verbessern. Seit Jahren testet Samsung eine Art Gehirnkontrolle mithilfe seiner Smartphones. Dieses Produkt ist offenbar noch un- reif. In den nächsten fünf bis zehn Jahren aber könn- te das anders werden. Viele Analysten meinen, dass wir mittelfristig allein über unsere Gedanken mit Computern kommunizieren werden und dass diese Technik die Tastatur und die Sprachsteuerung er-

Gehirnkon-

trolle mithilfe

des Smart-

phones?

Samsung

testet bereits

ein Produkt

setzt. Facebook zum Beispiel will ein Gehirn-Com- puter-Interface bauen, das Gedanken direkt in Wor- te – sprich Posts – umwandelt.

Das würde ja bedeuten, dass die Steuerzentralen dieser Geräte und Applikationen eine direkte Verbindung zu den Nervensignalen im Gehirn der Nutzer haben, oder?

Ienca: Exakt. Oder andere Leute, die diese Geräte hacken. Das erste Brainhacking-Experiment der Welt wurde mit simpler Alltagsware gemacht. Die Ver- suchspersonen trugen auf ihrem Kopf ein handels- übliches Gehirn-Computer-Interface-Headset. Kos- tet nicht mal 100 Dollar. Diese Geräte haben die Wis- senschaftler angezapft und die Nervenzellaktivität der Probanden abgehört. Andere Kollegen der Uni- versität Oxford haben in einem kontrollierten Expe- riment die Gehirnimplantate von Patienten mit neu- rologischen Erkrankungen gehackt und die Kontrol- le übernommen.

Trotzdem ist es natürlich ein langer Weg zu Ha- cker-Szenarios, die im Alltag eine umfassende illegale Kontrolle des Gehirns erlauben könnten. Wir sind noch nicht im Zeitalter des Neuroverbre- chens, wie Sie das nennen. Es gibt, wie Sie sagten, noch nicht mal eine Technik, die verlässlich unse- re Gedanken lesen könnte.

Ienca: Deshalb müssen wir uns jetzt, in der Früh- phase dieser Technologie, mit den Folgen der zu- künftigen Entwicklungen auseinandersetzen, ihre Risiken aufzeigen und eine ethische Diskussion be- ginnen. Würden wir damit erst anfangen, wenn die Technik in der Breite angewendet wird, liefe die ethi- sche Diskussion ins Leere.

Warum hat die internationale Ethik die Neuro- technologie bislang vernachlässigt?

Andorno: Wir sagen nicht, dass die Ethik dieses The- ma vernachlässigt hat. Es gab nur keine Diskussion, weil es bis jetzt kein Bedrohungspotenzial durch die Neurowissenschaften gibt. Nun aber sollten wir die genetische Revolution seit den 1990er Jahren als Vor- bild nehmen. Damals wurde früh genug debattiert, welche Folgen die Entschlüsselung des Erbguts haben könnte. Was genetische Tests ethisch bedeuten und inwieweit Versicherungen, Firmen und andere Or- ganisationen genetische Informationen des Indivi- duums nutzen dürfen. Ob es genetische Diskrimi- nierung geben kann und so weiter. Das Bedrohungs- potenzial wurde früh erkannt. Aufgrund der ethi- schen Debatte haben wir jetzt in Deutschland oder der Schweiz entsprechende Gesetze. Das Recht auf Nichtwissen zum Beispiel. Für die Neurowissenschaf- ten haben wir noch keine solchen Normen.

zum Beispiel. Für die Neurowissenschaf- ten haben wir noch keine solchen Normen. PSYCHOLOGIE HEUTE 11/2017 13

IM FOKUS

In diesem Zuge schlagen Sie gleich vier neue Men- schenrechte vor, die sich aus der Neurotechno- logie ergeben könnten. Reichen bisherige ethi- sche Normen, Gesetze und Menschenrechte nicht aus?

Andorno: Viele Experten in unserem Fach betrachten zu viele Menschenrechte für alles Mögliche tatsäch- lich kritisch. Aber in diesem Falle haben wir es mit fundamentalen Fragen des Menschseins zu tun und mit absolut notwendigen Rechten. Es geht um grund- sätzliche Interessen menschlicher Individuen: die Privatsphäre des Geistes, seine Unversehrtheit. Na- türlich gäbe es bestehende Normen, die man anwen- den könnte. Wir haben beispielsweise ein Recht auf Privatheit, gegen Diskriminierung und so weiter. Aber die neuen Bedrohungen sind dermaßen spezi- fisch und so hinreichend anders, dass sie neue Ant- worten erfordern. Außerdem ist der Schaden, den sie verursachenkönnen,mit nichtsBisherigemvergleich- bar. Wir haben es mit dem Kern der menschlichen Persönlichkeit zu tun, dem inneren Leben, der Psy- chologie eines Menschen, seinen Gedanken, seinen Erinnerungen. Das geht weit über traditionelle Ver- letzungen der Privatsphäre hinaus.

Das entscheidende Element Ihrer Überlegungen für neue Menschenrechte ist die kognitive Frei- heit. Warum – und was bedeutet das?

Ienca: Ein Begriff, der nicht von uns stammt. Aber wir interpretieren ihn neu. Das Menschenrecht der kognitiven Freiheit beschreibt die Freiheit der Men-

Die neuen

Technologien

zielen direkt

auf den

Kern des

Menschen –

seine

Gedanken

schen zu wählen, ob sie eine bestimmte Neurotech- nologie nutzen wollen oder nicht – und dass sie da- bei keine Nachteile erleiden. Dieses Recht ist eine Art Basisrecht, das Substrat für andere Freiheiten. Wenn ich nicht frei bin zu denken, dann bin ich auch nicht frei zu handeln. Und so weiter. Wir versuchen, diese Debatte um kognitive Freiheit mit anderen neuen Rechten zu verknüpfen. In Deutschland gibt es ja dieses Lied Die Gedanken sind frei. Genau das sollten wir in einem wörtlichen Sinne diskutieren.

Kognitive Freiheit als oberstes Menschenrecht überhaupt?

Andorno: Ja, als Startpunkt für die anderen Rechte, die wir vorschlagen, um uns vor möglichem Miss- brauch durch Neurotechnologie zu schützen. Zum Beispiel das Menschenrecht auf mentale Privatsphäre.

Dass meine Gedanken nur mir gehören und da niemand ohne meine Erlaubnis ran darf?

Andorno: Genau. Um dieses Recht kreisen eine Men- ge Fragen. Vor allem ob es ein absolutes oder ein relatives Grundrecht des Menschen sein sollte. Ob es also Ausnahmen gibt unter bestimmten Bedin- gungen – wenn jemand zum Beispiel verdächtig ist, einen Terroranschlag zu planen. Ienca: Um klarzumachen, warum mentale Privatheit sich von normaler Privatheit unterscheidet, lassen Sie uns über Privatheit im Internet reden. Überall auf der Welt wird im Netz gehackt. Immer wenn ich Informationen online teile, nutze ich mein Gehirn als Filter. Ich entscheide, welche Informationen ich

WEHRET DEN ANFÄNGEN?

Neurotechnologische Verfahren, die schon heute zum Einsatz kommen

Transcranial Direct Current Stimulation (tDCS): Ein am Schädel angebrachter Ring sendet sanfte Stromstöße ins Gehirn, die die Informationsverarbeitung beeinflus- sen. So sollen psychische Erkrankungen wie Depressi- onen bekämpft, aber auch mentale Leistungen wie Auf- merksamkeit und Gedächtnis verbessert werden.

Brain-Computer-Interface (BCI): Schon die Vorstellung eines Verhaltens löst Veränderungen der Hirnaktivität in bestimmten Hirnregionen aus. Ein BCI wird am Schädel angebracht, misst diese elektrischen Signale und sendet sie an einen Computer. Er rechnet die Informationen in Steuersignale für verschiedene Anwendungen um. Kör- perlich behinderte Menschen beispielsweise können so ihre Gedanken in Worte umwandeln.

Tiefe Hirnstimulation: Patienten wird eine Elektrode ins Gehirn verpflanzt, etwa bei Parkinson. Sie beeinflusst durch elektrische Impulse die Nervenzellen in ganz be- stimmten definierten Hirnregionen. Das kann die Sym- ptome der Erkrankung lindern. Neue Systeme zeichnen die Aktivität der Nervenzellen auch auf und senden sie an einen Computer.

Funktionelle Magnetresonanztomografie: Ein Scanner, der es erlaubt, die Aktivität des Gehirns in bunten Bildern zu verfolgen. Auf einem ganz basalen Niveau lassen sich damit bereits einfache Absichten und Erinnerungen er- kennen. Oder allgemeine Vorlieben eines Menschen, etwa seine politische Ausrichtung. KW

Oder allgemeine Vorlieben eines Menschen, etwa seine politische Ausrichtung. KW 1 4 PSYCHOLOGIE HEUTE 11/2017

privat halten will und welche ich der Öffentlichkeit preisgebe. Diese Möglichkeit, einen rationalen Filter zu nutzen, gilt nicht für mentale Information, weil ich meine Gedanken nicht kontrollieren kann, sie sind größtenteils unbewusst. Deshalb hat jedes Ein- dringen in die mentale Privatsphäre eine ganz ande- re Dimension als ein Eindringen in meine Informa- tionsfreiheit.

Könnte jeder – theoretisch – von einem rechtli- chen Standpunkt aus meine Gedanken lesen, wenn er Lust dazu hätte?

Ienca: Nein, nicht ohne Ihre Zustimmung, es sei denn, Sie nehmen an einer Bildgebungsstudie teil. Oder Sie sind Nutzer eines handelsüblichen Gehirn-Compu- ter-Interface. Aber in all diesen Fällen sind Sie sich bewusst darüber, dass Sie eine bestimmte Techno- logie nutzen und dass Ihre mentale Information ab- geschätzt werden kann. Was allerdings passieren kann: Brainhacking. Das wurde wie gesagt schon in einem Experiment nachgewiesen. Wenn man ein Brain-Computer-Interface für bestimmte Zwecke nutzt, zum Beispiel für Neurogaming, könnte ein Ha- cker die Video-Game-Software manipulieren, um Stimuli einzupflanzen, die jenseits der Wahrneh- mungsschwelle liegen. Sie kriegen das also nicht mit. So lässt sich Information aus Ihrem Gehirn ohne Ihre Zustimmung gewinnen. Und man ist sich der Ziele des Hackers nicht bewusst.

Was ist das dritte neue Menschenrecht, das Sie vorschlagen?

Andorno: Die mentale Integrität, also die geistige Un- versehrtheit, die unseren Geist vor Schaden schützen soll. Ein Beispiel: Ein Hacker könnte digitale Viren ins Gehirn einschleusen und kriminelle Tendenzen in einem Menschen auslösen. Davor muss man ab- solut geschützt sein. Ienca: In einer Veröffentlichung im renommierten Wissenschaftsmagazin Science wurde vor zwei Jahren beschrieben, wie ein Herzschrittmacher gehackt wur- de. So kann man das Gerät komplett stilllegen, was für einen Herzkranken den schnellen Tod bedeuten kann. Auch Operationsroboter sind schon gehackt worden. Auch das kann einen Menschen schädigen. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass Neurogeräte im Gehirn eines Tages gehackt werden. Das wäre ein bislang nicht gekannter Schaden. Wenn ichIhrSmart- phone oder Ihren Computer hacke, schade ich Ihrem Eigentum. Aber wenn ich ein Gehirnimplantat hacke, schade ich dann Ihrem Eigentum – oder einem Teil Ihrer Persönlichkeit? Für mich ist das ein viel inti- merer Schaden, der auf der Ebene eines Menschen- rechts geschützt werden muss.

Mit Brain-

hacking

lassen sich

ohne Zustim-

mung Infor-

mationen aus

dem Gehirn

gewinnen

ohne Zustim- mung Infor- mationen aus dem Gehirn gewinnen Roberto Andorno ist Jurist und arbei- tet

Roberto Andorno ist Jurist und arbei- tet als Privatdozent an der Universität Zürich. Er forscht außerdem am Insti- tut für Biomedizini- sche Ethik an dersel- ben Universität

für Biomedizini- sche Ethik an dersel- ben Universität Marcello Ienca ist Doktorand am Institut für Bio-

Marcello Ienca ist Doktorand am Institut für Bio- und Medizinethik der Universität Basel

Was bedeuten alle diese möglichen Gefahren für die Psyche des Menschen?

Andorno: Neurotechnologie könnte im schlimmsten Fall die Identität eines Menschen verändern, ohne dass der das will oder sich dessen bewusst ist. In ei- ner Art Brainwashing. Dass sich die Psyche durch diese Techniken verändern kann, dafür sehen wir schon heute Anhaltspunkte. Zum Beispiel bekom- men manche Parkinsonpatienten zu therapeutischen Zwecken ein Neuroimplantat ins Gehirn eingesetzt. In einigen Fällen ändert sich daraufhin die Persön- lichkeit. Es sollte deshalb ein weiteres Menschenrecht sein, dass die psychologische Kontinuität ohne meine Zustimmung nicht durch Neurotechnologie verän- dert wird. Vor allem wenn das absichtlich durch ei- ne dritte Partei passiert. Dieses Menschenrecht leitet sich nicht aus den bestehenden Menschenrechten her. Es ist komplett neu.

Die Technik wird nicht in den nächsten fünf oder zehn Jahren so weit sein, dass sie wirklich Gedan- ken lesen und beeinflussen kann, oder?

Andorno: Wir werden sehen. Ich gebe zu bedenken, dass wir so gut wie nichts über die militärische For- schung in diesem Bereich wissen. Die ist sicherlich viel fortgeschrittener, als wir glauben mögen. Ienca: Das Militär steckt enorme Summen in die Er- forschungvonNeurotechnologien–zu verschiedenen Zwecken. Das Hauptmotiv ist aber, die Soldatendurch Neurostimulation im Kampf mental robuster, auf- merksamer und wacher zu machen. Da sind schon jede Menge Experimente gelaufen. Aus ethischer Sicht stellt sich da sofort die Frage: Welche Versuche sind ethisch gerechtfertigt und welche nicht? Gerade wenn es darum geht, Soldaten widerstandsfähiger gegen Schlafentzug zu machen. So mancher wird auch da- ran denken, die Empathie von Soldaten zu mindern, damit sie rücksichtsloser vorgehen. Viele Leute wür-

den sagen, das ist nicht vereinbar mit internationalem Recht. Aber im schlimmsten Fall kann man sich so etwas vorstellen. Ich will nicht sagen, dass jegliche Militärforschung in diesem Bereich schlecht ist. Da gibt es auch gute Anwendungen, zum Beispiel in der Therapie des posttraumatischen Stresssyndroms bei Soldaten, die aus dem Krieg mit traumatischen Er- innerungen heimkehren. Techniken, die selektiv die- se Erinnerungen unterdrücken, können von uner- messlichem Wert sein. Aber: Wir müssen wachsam

PH

sein.

INTERVIEW: KLAUS WILHELM

uner- messlichem Wert sein. Aber: Wir müssen wachsam P H sein. INTERVIEW: KLAUS WILHELM PSYCHOLOGIE HEUTE

ILLUSTRATION: MICHEL STREICH

THERAPIESTUNDE

ILLUSTRATION: MICHEL STREICH THERAPIESTUNDE ZWISCHEN DEN STÜHLEN D er Mann mir gegenüber ist Mitte dreißig, im

ZWISCHEN DEN STÜHLEN

D er Mann mir gegenüber ist Mitte dreißig, im Schuldienst und sieht mich erwartungsvoll an. Sehr ge-

pflegt, mit Bart und kurzgeschnittenen

Haaren. Dann erzählt er, was ihn zu mir gebracht hat. „Ich weiß nicht mehr, was ich machen

soll.IchkannseitWochennichtmehrrich-

tig schlafen.“ „Was treibt Sie um?“, frage ich ihn und höre, dass er seit bald zehn Jahren verheiratet ist, kinderlos, und dass seine Frau offenbar schon seit einiger Zeit keine Lust mehr hat, mit ihm zu schlafen. „Ich weiß nicht, ob sie einen Liebhaber hat“, ergänzt er seinen Bericht. „Wir haben jedenfalls das Arrangement getroffen, ei- ne sogenannte offene Ehe zu führen.“ Die Bedingung der Frau: Er kann durchaus Geliebte haben, doch zwischen ihnen als Paar muss alles bleiben wie bisher. Damit war er zunächst auch einver- standen. Zur schweren Konfliktsituation ist es erst gekommen, seit sich zwischen ihm und seiner Frau etwas verändert hat, seit er eine Geliebte hat, die von ihm ver- langt, sich scheiden zu lassen. „Allmäh- lich wird meine Freundin ungeduldig und

Der Klient lebt in einer offenen Ehe. Nun hat er sich ernsthaft in eine andere Frau verliebt. In der Psychotherapie erfährt er: Es geht nicht nur um die Entscheidung zwischen zwei Frauen

geht nicht nur um die Entscheidung zwischen zwei Frauen Margarethe Schindler ist Psychologische Psychothera- peutin

Margarethe Schindler ist Psychologische Psychothera- peutin und arbeitet als systemische Paar- und Familientherapeutin in eigener Praxis in Tübingen

bedrängt mich täglich. Das belastet mich total. Ich würde sie ja auch gern heiraten, denn es stimmt alles zwischen uns“, sagt er, „aber meine Frau! Die Abmachung lässt das nicht zu.“ Dann ergänzt er, dass seine Frau niemals in eine Scheidung ein- willigen würde. Und weiter erfahre ich:

„Ich hätte nie unser Haus kaufen können, wenn die Schwiegereltern finanziell nicht eingesprungen wären. Und jetzt eine Scheidung – das wäre katastrophal. Das kann ich schon aus moralischen Gründen nicht verlangen, denn das wäre auch für die Schwiegereltern furchtbar.“ Ich frage ihn direkt: „Fühlen Sie sich auch in dieser Hinsicht unter Druck gesetzt?“ Nach einigem Nachdenken bejaht er die Frage. „Ja, ganz sicher“, bestätigt er. „Bei einer Scheidung müsste das Haus verkauft werden, das ist klar, und das würde mich wirklich schwer treffen. Ich habe so viel Arbeit reingesteckt! So viel daran gebaut und renoviert! Und der große Garten! Seit fünf Jahren wohnen wir da.“ Dann die Ergänzung: „Und ich warte immer noch auf ein Kind, das in dem Garten spielt.“

die Ergänzung: „Und ich warte immer noch auf ein Kind, das in dem Garten spielt.“ 16

Ich erkläre ihm, dass ich ihm keinen Rat geben, sondern ihm nur bei der Suche nach einer Lösung helfen kann. Also zu- erst meine Frage: Was weiß die Freundin? Weiß sie zum Beispiel, dass er sich nicht scheiden lassen wird, kann oder darf? „Als ich ihr das sagte, also dass ich verheiratet bin und mit meiner Frau eine offene Ehe führe, war sie sehr betroffen“, erklärt er mir. „Daraufhin habe ich das Thema nicht mehr angesprochen.“ Er will also weder die Geliebte noch die Ehefrau verlieren, denke ich. Als ich ihm diesen Gedanken mitteile, schaut er mich nachdenklich an. „Ja, dieses Modell der offenen Ehe scheint doch nicht so wirklich gut zu funktionie- ren. Wir hatten uns gedacht, dass das ei- ne gute Lösung wäre“, sagt er. „Vielleicht was ihre Lustlosigkeit angeht, aber sonst?“ Im Stillen frage ich mich, ob das nur dann eine Weile funktionieren kann, wenn alle Beteiligten in der gleichen Situation sind.

Ehe und Kinder gehören für ihn zusammen

Ich möchte gern die ganze verfahrene Ge- schichte besser verstehen. „Erzählen Sie mir mehr über Ihre Frau. Sie haben vor Jahren geheiratet – also war damals auch eineAttraktion da.“ Nunhöreichvonihm, dass sie keine Kinder bekommen könne und dass sie das schon lange weiß. „Das hatte sie mir aber von Anfang an ver- schwiegen. Dabei sind Kinder für mich total wichtig“, erklärt er. „Für mich war

ganz klar, dass wir Kinder haben, min- destens zwei. Sonst hätte ich mir unsere Heirat vielleicht doch noch rechtzeitig überlegt. Jedenfalls war es so, dass ich mir ein Leben ohne Kinder gar nicht vorstel- len kann. Das Haus mit dem Garten war doch genau dafür geplant gewesen!“ Ich stelle für mich fest, dass Kinder al- so für ihn sehr wichtig sind, und frage mich, welche Rolle die Unfruchtbarkeit seiner Ehefrau von jeher für ihn gespielt hat. Dann frage ich ihn: „Haben Sie denn nie über Ihre gemeinsame Zukunft gere- det? So etwas wie eine Zukunftsplanung gemacht? Das macht man doch üblicher- weise vor einer Heirat. Also ob und wie viele Kinder und so weiter.“ Er weiß es nicht mehr. Ehe und Kinder gehören für ihn einfach zusammen, höre ich. „Aber irgendwann muss es doch für Sie unüber- sehbar gewesen sein, dass es keine Kinder geben wird. Warum haben Sie darüber nie gesprochen, warum haben Sie sich nicht schon viel früher getrennt, wenn ein Leben ohne Kinder für Sie im Grunde im- mer indiskutabel war?“ Ich habe die Ver- mutung, dass er ganz einfach alles ver- drängt, was stört, um es sich leichter zu machen, um nicht Verantwortung zu übernehmen. Also sich nicht mit dem be- schäftigt, was schwierig ist. Er schweigt lange und blickt vor sich auf den Boden. Dann sagt er leise: „Wenn ich eine Ent- scheidung treffen musste, war ich immer lieber still. Mir war es lieber, im Hinter-

grund zu sein und die anderen machen zu lassen. So war es schon früher.“ „Das ist ja auch eine Ressource, eine besondere Fähigkeit. Also der Mut, nicht im Zent- rum zu stehen und sich stattdessen anzu- passen“, werfe ich ein. „Sie meinen, ich hätte womöglich auch einen Nutzen von meiner Schwäche?“, fragt er mich zwei- felnd. „Nun, bei Ihrer Kinderfrage hat es dahin geführt, dass alles bleibt, wie es ist, und Sie Ihre Ehefrau nicht verlassen muss- ten. Eine Entscheidung, die schwerwie- gend gewesen wäre. Und womöglich auch nicht zielführend.“ Ehefrau oder Geliebte, also Scheidung oder nicht, Kinder oder kinderlos weiter leben: Sind das die wirklich entscheiden- den Fragen? Ich sehe, dass ich ihn mit meinen Überlegungen und Kommenta- ren zum Nachdenken gebracht habe. Es geht in seinem Fall eben nicht um die Ent- scheidung zwischen zwei Frauen, so wie es zu Beginn aussah, sondern eher darum, die eigenen Bedürfnisse und Wünsche in ihrer Bedeutung wahrzunehmen und sie nicht aus einer Art von Bequemlichkeit beiseitezuräumen, wenn Schwierigkeiten auftauchen. Vielleicht hat er da noch ei- niges zu lernen. Klar ist, dass wir an die- ser Stelle in den kommenden Sitzungen weiterarbeiten müssen.

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ILLUSTRATIONEN: FRAUKE DITTING

TITEL

Selbst-

sabotage!

WARUM WIR UNS MANCHMAL SELBST IM WEGE STEHEN – UND WAS WIR DAGEGEN TUN KÖNNEN

VON ANNE OTTO

M anchmal verhalten wir uns er- staunlich unklug: Wenn wir am Tag einer wichtigen Präsentati- on gerade alle Daten ausdru- cken wollen und stattdessen auf

den Button „Löschen“ drücken. Oder einen tollen Partner durch Streit und Nörgeleien in die Flucht schlagen. Oder eine Chance für eine Traumposition im Job spontan ausschlagen, weil es gerade im eige-

nen Team so nett ist. Auch wenn diese Beispiele in der Aufzählung absurd klingen: Jeder kennt Momen- te, in denen man sich eine Stunde, eine Woche oder ein Jahr später fragt: Warum habe ich das bloß ge- macht? Was ist damals in mich gefahren? Wie konn- te ich mir selbst dermaßen im Wege stehen?

PsychologensprechenvonSelbstbehinderungoder Selbstsabotage, wenn Menschen aktiv durch ihr ei- genes Verhalten ihre Ziele und Wünsche durchkreu- zen oder deren Gelingen verhindern. Die Vorstellung, dass man sich in alltäglichen ebenso wie in wichtigen Situationen selbst schaden könnte, hat etwas Bedroh- liches. Und dennoch ist es ein weitverbreitetes Phä- nomen. Man kann sogar sagen: Bis zu einem be- stimmten Punkt tun wir es alle, ob bei der Prüfungs- vorbereitung oder der Partnerwahl. „Wir wollen gern glauben, dass Menschen stets rational oder konst- ruktiv handeln. Doch das ist ein Irrtum. Wir sabo- tieren uns ständig selbst“, sagt Rainer Sachse, Pro- fessor für klinische Psychologie an der Ruhr-Uni- versität Bochum. Das heiße allerdings nicht, dass wir

Psychologie an der Ruhr-Uni- versität Bochum. Das heiße allerdings nicht, dass wir 18 PSYCHOLOGIE HEUTE 11/2017
PSYCHOLOGIE HEUTE 11/2017 19

TITEL

die Verhaltensweisen, mit denen wir uns selbst scha- den, bagatellisieren sollten. Im Gegenteil. „Es geht darum, einen Umgang mit der Selbstsabotage zu fin- den und zu verstehen, was uns dazu bringt, uns in bestimmten Situationen so offensichtlich selbstschä- digend zu verhalten“, erklärt Sachse. Sowohl Emotions- und Kognitionspsychologen als auch klinische Psychologen und Psychoanalytiker konnten mittlerweile unterschiedliche Selbstsabota- gemechanismen belegen und herausarbeiten, wie das schädliche Verhalten zu bekämpfen ist.

ES LAG AN DEN UMSTÄNDEN

Häufig vermasseln Menschen Situationen, in denen es um „etwas geht“, Ergebnisse abgeliefert werden sollen oder man in einer sozialen Situation glänzen will. Malte Schwinger, Professor für pädagogische Psychologie an der Universität Marburg, untersucht seit Jahren das sogenannte self-handicapping. Es ist eine Form der Selbstsabotage, bei der sich Betroffe- ne aktiv Hindernisse aufbauen, mit denen sie ihre eigenen Ziele torpedieren. Laut Malte Schwinger hat das scheinbar abwegige Verhalten einen triftigen Grund: „Wer sich aktiv Hindernisse aufbaut und da- mit eigene Ziele gefährdet, der nutzt dieses Verhalten oft als Strategie, um den eigenen Selbstwert zu schüt- zen.“ In zahlreichen Studien konnte belegt werden, dass es den Selbstbehinderern stets darum geht, im Falle eines Misserfolgs die Ursache auf das äußere Hindernis schieben zu können. Falls man etwa die Prüfung tatsächlich verhaut, kann man immer noch sagen: „Ich habe aber auch gefeiert.“ Oder: „Ich hat- te eh nicht gelernt.“ Der Mechanismus des self-handicappings ist in zahlreichen Studien belegt. Es gibt ihn bei Studie- renden ebenso wie bei Sportlern oder Suchtkranken. Man hat ihn in beruflichen Situationen ebenso be- obachten können wie in Paarkonflikten. Auf der Ebe- ne der Persönlichkeit ist allen Selbstbehinderern ge- meinsam, dass sie ihre eigenen Erfolge häufig als Zufall, ihre Misserfolge dagegen als eine komplette Niederlage für die eigene Person bewerten. Wer zu dieser Art Selbstsabotage neigt, ist außer- dem häufig leistungszielorientiert, fragt sich ange- sichts von Prüfungen oder anderen Herausforderun- gen stets, ob er auch „gut abschneiden“ wird, wie er vor anderen „dastehen wird“ und wie es anderen mit der Aufgabe ergehen wird. Konkurrenz und Bewer- tung stehen also im Vordergrund. Inhaltliches Inte- resse, Neugier, Freude am Lernen oder an neuen Er- fahrungen geraten dadurch aus dem Blick. „All das

steigert den Druck auf den Selbstwert enorm“, erklärt Malte Schwinger und fügt hinzu: „Da verspricht das selbst aufgebaute Hindernis Linderung.“ Wirksam ist diese Strategie zum Selbstwertschutz, die leicht zu einem hartnäckigen Muster wird, aber nur kurzfristig. Langfristig hat self-handicapping er- wiesenermaßen negative Folgen. In einer Metaana- lyse haben Schwinger und seine Kollegen gerade 36 Einzelstudien zum self-handicapping in akademi- schen Kontexten ausgewertet. Sie konnten zeigen, dassdieaktiveSelbstsabotageirgendwanndazuführt, dass Personen schlechtere Leistungen zeigen, länger für Abschlüsse brauchen, weniger gute Positionen bekleiden.

Leistungen zeigen, länger für Abschlüsse brauchen, weniger gute Positionen bekleiden. 20 PSYCHOLOGIE HEUTE 11/2017

Selbstbehinderung schützt das Selbstwertgefühl: Wer bewusst Hindernisse aufbaut, kann ein mögliches Versagen dann darauf schieben

Was tun?

Wer sich selbst vor wichtigen Situationen, zum Bei- spiel Prüfungen, Stolperfallen aufbaut, etwa durch mangelnde Vorbereitung, will meist den eigenen Selbstwert schützen. Es hilft deshalb nicht, an der Drucksituation selbst anzusetzen. Besser ist, den Selbstwert generell zu stärken – etwa indem man sich häufiger vor Augen hält, was man alles gut kann, was bereits alles gelungen ist. Dies kann man auch in Form von Hilfssätzen formulieren wie „Ich bin ein guter Vater und Hobbyfußballer“ oder „Ich bin fähig in meinem Job und habe musikalisches Talent“. Die- ser Blick auf das Spektrum der Bereiche, in denen es gut läuft, lindert den Erfolgsdruck in Leistungssitu- ationen.

NICHT ZEIGEN, WAS MAN KANN

Eng mit dem self-handicapping verwandt ist das „Minderleisten“ oder underachievement, das häufig im Zusammenhang mit Hochbegabten untersucht wurde. Es bezeichnet Verhaltensweisen, bei denen Menschen in ihren Entscheidungen, in der Art der Herausforderungen, die sie sich suchen, und in dem, was sie real leisten, weit unter dem bleiben, was ei- gentlich bei ihren Fähigkeiten zu erwarten wäre. Der amerikanische Psychologe Kenneth W. Chris- tian arbeitet seit Jahren mit Menschen, die dieses „selbstbegrenzende“ Verhalten an den Tag legen. In seinem Sachbuch Your Own Worst Enemy beschreibt er etwa eine eloquente Einser-Abiturientin, die nicht studiert, sondern viele Jahre herumjobbt und irgend- wann den Anschluss an eine Karriere verpasst. Er schildert das Berufsleben eines brillanten IT-Fach- manns, der eine halsbrecherische Unternehmung nach der anderen startet – und immer wieder in Kon- kurs geht. Vorgestellt wird ferner eine begabte Künst-

lerin, die nach den ersten Erfolgen sofort aufhört zu malen. All diese Menschen sabotieren ihren Lebens- weg dadurch, dass sie nie die Herausforderungen su- chen, die zu ihren Talenten und ihrem Leistungsni- veau passen. Viele setzen sich keine oder derart un- erreichbar hohe Ziele, dass sie zwangsläufig scheitern müssen. Hinter diesen oft fatalen Fehlentscheidun- gen steht auch das Thema Selbstwertschutz. Wer sich keine oder zu hohe Ziele setze, der vermeide, seine Leistung auf einem realistischen Level „messbar“ zu machen und zu zeigen – weil er Angst hat, Fehler zu machen oder zu scheitern, erklärt Christian. Ähnlich wie die Selbstbehinderer wollen „Minderleister“ ein- fach nicht, dass eine Niederlage tatsächlich ihren Selbstwert trifft. Deshalb probieren sie sich auch nicht in dem Bereich aus, der ihr tatsächliches Leistungs- spektrum fordern würde. Die bei „Underachievern“ wirksamen Mechanis- men lassen sich gut durch eine klassische Studie zum Selbstwert von Stanley Coppersmith von der Uni- versity of California erklären: Der Entwicklungspsy- chologe forderte Kinder auf, Bälle in einen Clowns- mund zu werfen. Dabei konnten die Kinder die Ent- fernung beim Werfen selbst wählen. Es zeigte sich, dass einige Kinder sich ganz nah vor den Clowns- mund stellten und alle Bälle einfach hineinkippten. Andere Kinder stellten sich in die hinterste Ecke des Raums; die Distanz war so groß, dass sie kaum Tref- fer erzielten. Und es gab Kinder, die sich irgendwo in die Mitte stellten – manchmal trafen und manch- mal nicht. Interessanterweise zeigte sich, dass die Kinder, die sich extreme Bedingungen wählten, alle einen geringeren Selbstwert hatten als die Kinder, die eine mittlere Entfernung bevorzugten. Die Kin- der, die eine zu kurze oder eine zu weite Entfernung aussuchten, zeigten also das Verhaltensmuster von Underachievern: Sie bleiben entweder unter ihren Möglichkeiten, oder sie stellen sich so hohe Heraus- forderungen, dass sie nur scheitern können.

Was tun?

Wer ein solches Verhalten an sich bemerkt, dem hel- fen zunächst ähnliche Taktiken wie den Selbstbehin- derern: Der erste Schritt ist, das eigene Verhalten besser zu verstehen, dann den Selbstwert zu stabili- sieren, eine übermäßige Leistungs- und Konkurrenz- orientierung abzubauen. Bei den Minderleistern geht es laut Kenneth Christian aber noch um etwas an- deres: Sie sollten sich klarmachen, dass es wertvoll ist, persönliche Ziele zu formulieren, die zu ihren Talenten passen, und diese zu verfolgen. Denn ob- wohl viele der Betroffenen, die Christian in seinem

und diese zu verfolgen. Denn ob- wohl viele der Betroffenen, die Christian in seinem PSYCHOLOGIE HEUTE

TITEL

Buch vorstellt, von sich sagen, dass ihnen Erfolg nicht so wichtig sei, sie zunächst alle wie sympathische Lebenskünstler wirken, so leiden sie doch oft zutiefst:

weil sie Chancen verpassen, ihr Leben nicht aktiv gestalten und ihr eigenes Verhalten nicht als „wirk- sam“ erleben. Dieses Gefühl der Selbstwirksamkeit trägt aber entscheidend zu unserer Lebenszufrieden- heit bei. Vielen „Minderleistern“ hilft deshalb eine Neuausrichtung ihrer beruflichen und privaten Zie- le. Und die Einsicht, dass es sich lohnt, sich für diese einzusetzen.

AN SICH ZWEIFELN

Eine weitere Form der Selbstsabotage ist das soge- nannte „Hochstaplersyndrom“ oder impostor syn- drom. Die Arbeitspsychologin Mirjam Zanchetta von der Universität Salzburg untersucht dieses Phäno- men. Betroffene liefern beste Leistungen ab, werden auch von anderen im Beruf oder privat oft als fähig bewertet, sind aber innerlich davon überzeugt, dass sie eigentlich nichts können. Viele „Hochstapler“ äu- ßern immer wieder die Vermutung, dass sie durch „einen Irrtum“ auf einer guten beruflichen Position oder in einer liebevollen Beziehung gelandet sind. Anders als beispielsweise Selbstbehinderer sind Im- postors oft perfektionistisch, versuchen jeden Fehler zu vermeiden, damit ihre vermeintliche Unfähigkeit nicht auffällt. „Wir haben in Studien festgestellt, dass die Im- postors in sozialen Situationen oft hohe Angstwerte und Unsicherheiten zeigen, viel subjektiven Stress erleben“, sagt Zanchetta. Diese emotionale Belastung sei wahrscheinlich auch der Grund, warum „Hoch-

stapler“ sich im Beruf irgendwann nachweislich selbst sabotieren: Sie lehnen oft höhere Positionen ab, han- deln für sich keine guten Gehälter aus, wollen keine

Führungsaufgabenübernehmen.Auchprestigeträch-

tige Projekte, die viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen würden, meiden sie. Die entsprechend größere Ver- antwortung weckt ihre Ängste. „Impostors hören irgendwann auf, sich positiv weiterzuentwickeln. Sie stagnieren“, sagt Zanchetta.

Was tun?

ZusammenmitderPsychologieprofessorinEvaTraut-

Mattausch hat Zanchetta ein Coachingprogramm entwickelt, in dem Menschen mit Tendenzen zum Impostor-Syndrom lernen, mit ihrer Angst vor Feh- lern und ihren Unsicherheiten in sozialen Situationen umzugehen. Im Coaching wird zum einen „Fehler- freundlichkeit“ trainiert. Zum anderen bekommen

Betroffene immer wieder gezielte Rückmeldungen von Vorgesetzten oder Angehörigen über die eigenen Leistungen und Fähigkeiten. In einem Teil des Coa- chings lernen sie außerdem, eigene Erfolge zu benen- nen, sich klarzumachen, wie sehr sie mit ihrem ei- genen kompetenten Verhalten häufig zum Gelingen sozialer und beruflicher Situationen beitragen. Sie bekommen also ein deutlicheres Gefühl für ihre „Selbstwirksamkeit“. Neben einem Coachingprogramm kann es man- chen Menschen, die sich zu klein machen, aber auch helfen, sich eigene familiäre Prägungen anzuschau- en – und sich bewusstzumachen, inwiefern diese zu Blockaden beitragen. Denn: „Es spricht einiges dafür, dass Menschen sich in ihrem Verhalten und Erleben stark von dem beeinflussen lassen, was in der Fami- lie vorgelebt wird“, sagt Miriam Zanchetta.

FAMILIENAUFTRÄGE

Manchmal geht der Einfluss der eigenen Familie so- gar noch weiter: Bestimmte Familienkonstellationen oderPrägungendurchvorangegangeneGenerationen können dazu beitragen, dass Menschen sich auf de- struktive Weise im Weg stehen. Davon sind vor allem Psychoanalytiker überzeugt, etwa die Französin An- ne Ancelin Schützenberger. Sie gilt als Expertin für transgenerationale unbewusste Loyalitäten, beschäf- tigt sich also mit der Frage, wie Schicksalsschläge in Familien, Kriegstraumata oder Verhaltensaufträge, die von einer Generation zur anderen weitergegeben werden, auf das Verhalten Einzelner wirken können. So fällt es manchen Menschen schwer, in erfüllten Beziehungen zu leben, weil sie diese in ihrer Familie bisher nicht erleben konnten. Oder sie sabotieren schöne Momente in ihrem Leben, weil es in der Fa- milie schwere Kriegstraumata gibt und sie das Gefühl haben, nicht als einzig Glückliche aus der Reihe sche- ren zu dürfen. „Jeder ist geneigt, sich an den Geist, die Logik, die Hoffnungen und Erwartungen seiner Gruppe, also Familie anzupassen“, schreibt Schüt- zenberger. Besonders deutlich belegen diese Zusammenhän- ge Fallstudien zur sogenannten Klassenneurose. Die- se besagt, dass es für einen „guten“ Sohn, eine „gute“ Tochter schwierig ist, das Niveau der Ausbildung oder das Gehalt des Vaters oder der Mutter zu übertreffen. Schützenberger schreibt: „Es kann schon sein, dass der Sohn oder die Tochter dann am Vorabend eines Examens krank wird oder einen Unfall hat, oder sie bekommen einen Blackout, obwohl sie eigentlich gu- te Studierende oder Schüler sind.“

einen Blackout, obwohl sie eigentlich gu- te Studierende oder Schüler sind.“ 2 2 PSYCHOLOGIE HEUTE 11/2017

Unbewusste Loyalitäten:

Darf man glücklicher und erfolgreicher sein als die Eltern?

Darf man glücklicher und erfolgreicher sein als die Eltern? Was tun? Es kann erleichternd sein, solche

Was tun?

Es kann erleichternd sein, solche unbewussten Lo- yalitäten zu erkennen, die damit verbundenen, scheinbar unerschütterlichen Gebote und Verbote zu hinterfragen: Will und darf man den eigenen Va- ter wirklich nicht übertrumpfen? Darf man nicht glücklicher sein als Verwandte aus vorhergehenden Generationen? Muss man für das vermeintlich be- nachteiligte Geschwisterkind tatsächlich zurückste- cken? Wer Licht ins Dunkel der eigenen Familien- geschichte bringt, kann sich oft von den dort wir- kenden Blockaden befreien. Schützenberger rät ihren Klienten, vor allem bei Wiederholungen wachsam zu sein: Lebt man scheinbar vollkommen widersin- nig Muster aus der Geschichte der eigenen Eltern

oder Großeltern nach, etwa unglückliche Beziehun- gen, obwohl man sich für sich etwas anderes ge- wünscht hat? Oder wiederholen sich im eigenen Le- benslauf bestimmte Sabotageakte wie Unfälle, „Miss- geschicke“ oder Zerwürfnisse? Wiederholungsmus- ter sind oft ein Gradmesser für das Ausmaß der Verstrickung, so Schützenberger. Wer beim Lesen nun Dynamiken dieser Art erahnt, kann das mit Ver- haltenstipps allein nicht auflösen. Eher hilft dann eine Psychotherapie.

AMBIVALENZEN AUSBLENDEN

Neben tiefen Mechanismen gibt es aber auch noch ein paar ganz alltägliche, allgegenwärtige Gründe für Selbstsabotage: „Wir sind letztlich immer anfäl- lig, wenn es in uns zwei gegenläufige Tendenzen gibt“, sagt Rainer Sachse. Sobald wir in einer Situation ei- ne Ambivalenz erleben und uns für die eine Seite entscheiden, sabotieren wir quasi die andere. Das Leben ist voller solcher Widersprüche: Wenn wir ei- gentlich abnehmen wollen, aber Appetit auf Torte haben, dann müssen wir uns zwischen einem lang- fristigen Ziel und unserer kurzfristigen Lust entschei- den. Wenn wir uns anderen mehr öffnen wollen, aber glauben, „stark sein zu müssen“, dann ringt ein Ent- wicklungswunsch mit einem bisherigen Verhaltens- muster.

Was tun?

Dass Ambivalenzen und damit letztlich „Stolperstei- ne“ unserer Weg pflastern, ist kein Grund zu ver- zweifeln. Sie wahrzunehmen ist vielmehr eine Chan- ce, uns jeweils bewusster zu entscheiden – und damit auch oft konstruktiver. Damit das gelingt, ist aber noch ein anderer Schritt wichtig: Wir sollten uns mit dem Gedanken anfreunden, dass Selbstsabotage zum Leben gehört. So können wir mögliche Fallstricke schneller er- kennen, aktiver und verantwortungsbewusster han- deln. Die dadurch entstehende Handlungsfähigkeit bringt positive Entwicklungen in Gang. Sie vermin- dert die Wahrscheinlichkeit der Selbstsabotage – in jeder Form.

LITERATUR

Anne Ancelin Schützenberger: Oh, meine Ahnen! Wie das Leben unserer Vorfahren in uns wiederkehrt. Carl-Auer-Systeme, Hei- delberg 2012

Kenneth W. Christian: Your Own Worst Enemy. Breaking the Habit of Adult Underachievement. Harper, New York 2004

Own Worst Enemy. Breaking the Habit of Adult Underachievement. Harper, New York 2004 PSYCHOLOGIE HEUTE 11/2017
TITEL
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Warum tun wir nicht, was wir wollen?

Eigentlich wollen wir Aufgaben sofort erledigen. Eigentlich möchten wir, dass andere unsere Erfolge anerkennen. Eigentlich wollen wir uns mehr unter Kontrolle haben. Drei weitverbreitete Strategien der Selbstsabotage, die wohl jeder in irgendeiner Form schon mal bei sich beobachtet hat

der Selbstsabotage, die wohl jeder in irgendeiner Form schon mal bei sich beobachtet hat 24 PSYCHOLOGIE

FALSCHE PRIORITÄTEN

Dinge aufzuschieben und deshalb Ziele nicht zu erreichen das ist wohl die bekannteste Form der Selbstsabotage. Kann man lernen, Aufgaben gleich zu erledigen?

Natürlich ist nicht von der Hand zu weisen, dass wir uns mit Aufschieberei schaden. „Doch gibt es so viele unterschiedliche Gründe für Prokrastina- tion, dass der Begriff Selbstsabotage hier Unklar- heiten schafft“, sagt Justine Patrzek, Psychologin an der Zentralen Studienberatung der Universität Bielefeld. Sie betreut dort unter anderem Studie- rende, die unter „Aufschieberei“ leiden, und hat vorher jahrelang zum Thema geforscht. Sie nennt die wichtigsten Mechanismen und Ursachen für Prokrastination– und zeigt erste Lösungsansätze.

Zu viele Anliegen gleichzeitig Immer wenn man ein Ziel formuliert und dann doch nicht die nötigen Schritte einleitet, um es zu erreichen, spricht man von Prokrastination. Das passiert im Alltag häufig, sagt Justine Pa- trzek. Ein oft übersehener Grund dafür: Das Ziel ist eins von vielen und letztlich nicht wichtig ge- nug. So kann es etwa sein, dass jemand sich be- klagt, die eigene Website einfach nie fertigzustel- len, doch tatsächlich hat dieser Punkt auf der To-do-Liste schlicht keine Priorität. Viele Men- schen machen sich dann aber dennoch Vorwürfe. Hier hilft: Prioritäten benennen und schärfen. Sich klarmachen, dass man nicht alles schaffen kann.

Druck als Hilfe Laut einer Studie der Psychologin Carola Grun- schel gibt es zwei Haupttypen von „Aufschie- bern“ in Lern- und Prüfungssituationen. Eine Gruppe schiebt eher aus Angst und Unsicherheit auf. Eine weitere Gruppe, die „Druckaufschieber“, baut sich künstlich Stress auf, um besser lernen zu können. Es gibt erste Hinweise darauf, dass manche Menschen in solchen selbstgezimmerten Stresssituationen tatsächlich leichter lernen und bessere Ergebnisse erzielen. Hier hilft: Prüfen, ob das kurzfristige Lernen hilfreich ist oder ob man darunter leidet. Falls man es als praktikable Stra- tegie erlebt, kann man sie beibehalten.

Wenig Selbstregulation Wer aufschiebt, kann oft schlecht planen, lernt unsystematisch, lässt sich ablenken, kann Aufga- ben nicht gut in kleine Ziele und Schritte aufteilen. Es gilt heute als gesichert, dass diese mangelnde Fähigkeit, Vorhaben zu planen und durchzufüh- ren, einer der Hauptgründe für „Aufschieberei“ in Schule und Universität ist. Hier hilft: Strategien für eine bessere Selbstregulation und Selbstor- ganisation, wie sie etwa Studierenden in Kursen vermittelt werden – laut Justine Patrzek zeigen diese Trainings bei ihren Klienten gute Erfolge.

Verweigerung! Die meisten Aufschieber wollen ihr Ziel wirklich erreichen, also etwa eine Prüfung bestehen oder eine bestimmte Stelle bekommen – und leiden, wenn sie die dazu nötigen Schritte nicht schaffen. In manchen Fällen kann ein Liegenlassen von Auf- gaben aber auch eine unbewusste Verweigerung sein, ein Zeichen, dass jemand auf einem unpas- senden Weg ist, sich ein Ziel gewählt hat, dass er gar nicht erreichen will. Im Kontext von Studien- beratung trifft das oft auf Personen zu, die ein Studium den Eltern zuliebe angefangen haben und dann durch das Aufschieben indirekt zeigen, dass sie dieses Ziel gar nicht erreichen wollen. Hier hilft: Eine Klärung der eigenen Wünsche und Ziele, mehr Selbstbestimmung, Ablösung von familiären Prägungen.

Abwehr von Unsicherheit Immer wenn Menschen aufschieben, weil sie Angst haben zu scheitern, „dumm dazustehen“, oder wenn sie sich der Lernaufgabe nicht ge- wachsen fühlen, geht die Aufschieberei eindeutig in den Bereich self-handicapping und kann als quälend und irrational erlebt werden. Hier hilft:

Wer aus diesen Gründen aufschiebt, dem helfen die beschriebenen Tipps zur Selbstwertstabilisie- rung bei Selbstsabotage (siehe Seite 21).

ANNE OTTO

Tipps zur Selbstwertstabilisie- rung bei Selbstsabotage (siehe Seite 21). ANNE OTTO PSYCHOLOGIE HEUTE 11/2017 25

TITEL

FALSCHE BESCHEIDENHEIT

Warum Frauen sich so oft kleinmachen

Bescheidenheit ist eine Zier, und vornehme Zu- rückhaltung, gepaart mit Understatement, wirkt auf andere Menschen meist positiv. Nämlich als Ausdruck von Stil und Selbstkontrolle. Aber es gibt eine Form der Bescheidenheit, die einer Selbstsabotage gleichkommt. Sie wirkt geradezu peinlich, weil sie wie eine vorauseilende Selbst- verleugnung erscheint. Sie nimmt andere Men- schen nicht nur nicht für sich ein, sondern berührt sie eher unangenehm. Gemeint ist das Sichklein- machen, eine Art präventiver Unterwürfigkeit.

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Fatalerweise unterläuft diese übertriebene Be- scheidenheit sehr viel öfter tüchtigen und intelli- genten Frauen als Männern. Die amerikanische Psychologin Heidi Grant Halvorson hat das Phä- nomen der übertrieben bescheidenen Frauen untersucht und sieht die Gründe dafür – para- doxerweise – in der früh gezeigten Intelligenz der Betroffenen: Einerseits wurden sie schon als klei- ne Mädchen ob ihrer Aufgewecktheit und ihrer guten Schulleistungen gelobt und bewundert. Immer wieder neu wollten sie dann sich selbst und der Welt beweisen, dass sie wirklich gut sind.

Das hat andererseits nicht selten dazu geführt, dass sie sich permanent „wie auf dem Prüfstand“ fühlten – und befürchten, hin und wieder „nicht so toll“ abzuschneiden und ihre Eltern oder Leh- rer zu enttäuschen. Besonders bei öffentlichen Auftritten oder in Prüfungssituationen gerät ihr Selbstbewusstsein – meist völlig grundlos – ins Wanken.

Die tiefe Unsicherheit unterläuft ihre Perfor- mance. Heidi Halvorson sieht darin eine tragisch- ironische Wendung: Es sind vor allem und ausge- rechnet die Frauen, die schon als Mädchen durch Klugheit, Wissen, Fleiß und Talent glänzten, die sich nun übermäßig unter Druck fühlen. Durch ihre übertriebene Bescheidenheit, mit der sie quasi vorbeugend zu hohe Erwartungen dämpfen wollen, verfestigen sie das Klischee, dass Frauen „nicht so belastungsfähig“ seien wie Männer.

Manchmal wird die falsche weibliche Bescheiden-

heit auch interpretiert als eine versteckte Auffor- derung, der Frau irgendwelche Sonderrechte oder Vorteile einzuräumen. In jedem Fall jedoch ist das Sichkleinmachen eine klassische Form der Selbstsabotage, die ein ganzes Geschlecht in ein schiefes Licht setzt, es benachteiligt und schä-

digt.

AXEL WOLF

PSYCHOLOGIE HEUTE

11/2017

ein ganzes Geschlecht in ein schiefes Licht setzt, es benachteiligt und schä- digt. AXEL WOLF PSYCHOLOGIE

FALSCHE LÖSUNGEN

Bestimmte Formen des Gefühlsmanagements schaden uns

„Es ist ein Brauch von alters her, wer Sorgen hat, hat auch Likör“, wusste schon Wilhelm Busch. Manche Formen der Selbstsabotage erscheinen uns vertraut und fast normal – wer hat nicht schon selbst mal zu tief ins Glas geschaut oder seinen Frust an Unbeteiligten ausgelassen? Solche Ver- haltensweisen helfen uns, Dampf abzulassen, ein emotionales Tief zu überwinden und uns selbst zu trösten oder zu beruhigen. Auch wenn wir uns hinterher dafür schämen – im Augenblick bringen sie Erleichterung und Ablenkung. Aber auf den zweiten und dritten Blick müssten wir ihr (selbst-) zerstörerisches Potenzial erkennen: Langfristig wirken sich Trosttrinken oder -essen, Einkaufsor- gien oder Wutausbrüche negativ aus. Diese Ver- haltensweisen sind „falsche Freunde“, deren Ge- sellschaft wir eher meiden sollten.

Ein gemeinsames Merkmal dieser unterschied- lichen Formen von Gefühlsmanagement ist, dass sie sich auf starke äußere Reize stützen: etwa auf die dämpfende oder euphorisierende Wirkung des Alkohols, den Flash einer Droge, den Schmelz von Schokoladentorte, die Turbulenzen einer Ag- gression – oder auch auf den Schmerz einer selbst zugefügten Wunde. Es geht immer darum, ein unangenehmes bis unerträgliches Gefühl durch einen anderen, einen sinnlichen Reiz zu neutralisieren oder zu überdecken. Besonders Selbstverletzungen (wie Schneiden oder „Rit- zen“) haben in letzter Zeit so sehr zugenommen, dass Experten dafür plädieren, sie als eigenes Störungsbild in die diagnostischen Handbücher aufzunehmen.

Eine andere, häufig eingesetzte Form „emotio- naler Soforthilfe“ ist das ständige Bitten und Bet- teln um Zuwendung und um Liebesbeweise bei Partnern, Freunden oder Familienmitgliedern. Damit sollen tiefe Selbstzweifel, Verlustängste oder ein labiles Selbstwertgefühl ausgelöscht werden: „Du liebst mich doch noch, oder?“ Na- türlich ist das gelegentliche Bitten um eine Be- stätigung von emotionalen Bindungen normal – wer braucht das nicht? Aber wenn es zu oft und immer inständiger geschieht, bewirkt es allmäh-

zu oft und immer inständiger geschieht, bewirkt es allmäh- lich das Gegenteil: Genervt und verärgert wendet

lich das Gegenteil: Genervt und verärgert wendet sich der oder die Angeflehte ab und versucht, den Kontakt zu meiden. Die exzessive Suche nach Bestätigung und Zuwendung führt in einen Teu- felskreis – Selbstzweifel, Betteln, Rückzug, noch stärkeres Bitten, mehr Selbstzweifel und eventu- ell eine Depression. „Niemand liebt mich!“

Die selbstsabotierenden Strategien der Gefühls- kontrolle fühlen sich zu Beginn oft „richtig“ an – wir sind biologisch darauf programmiert. Hung- rig? Iss was! Zornig? Hau mal drauf! Ängstlich oder unsicher? Such dir Hilfe und Zuwendung! Aber wenn negative Emotionen andauern und sie nur noch durch solche naheliegenden Reflexe ruhig- gestellt werden, schadet man sich selbst. PH

AXEL WOLF

naheliegenden Reflexe ruhig- gestellt werden, schadet man sich selbst. PH AXEL WOLF PSYCHOLOGIE HEUTE 11/2017 27

Eine Entschul- digung ist ein dreifaches Geschenk: an den anderen, an sich selbst und an die Beziehung zum anderen

ein dreifaches Geschenk: an den anderen, an sich selbst und an die Beziehung zum anderen 28

„Eine gute Entschuldigung stärkt die Beziehung“

Andere um Verzeihung zu bitten fällt vielen schwer. Warum ist das so? Und warum tun sich gerade Männer nicht leicht damit? Ein Gespräch mit der amerikanischen Psychologin und Therapeutin Harriet Lerner

Harriet Lerner, geb. 1944, wurde vor allem durch wesentli- che Beiträge zur Psychologie von Frauen und Beziehungen bekannt. Ihr Buch Wohin mit meiner Wut? wurde in 35 Spra- chen übersetzt und ist weltweit ein Longseller. Die Amerikane- rin arbeitet als Psychologin und Psychotherapeutin. Sie hat mehrere Bücher veröffentlicht und schreibt regelmäßig für das Magazin New Woman. Ein vor- züglich gemachter Onlinekurs mit Videos und Übungen zum Thema findet sich auf www. courageworks.com/heartfelt (in Englisch)

sich auf www. courageworks.com/heartfelt (in Englisch) Frau Lerner, bei wem haben Sie sich zuletzt ent- schuldigt?

Frau Lerner, bei wem haben Sie sich zuletzt ent- schuldigt?

Erst heute Morgen, da habe ich mich bei meinem Ehemann Steve entschuldigt. Ich war sauer auf ihn.

Müssen Sie sich häufig bei ihm entschuldigen?

Wie so viele Menschen benehme ich mich in meiner eigenen Ehe am schlechtesten. Und nach 45 Jahren Ehe müssen wir uns häufiger beim anderen entschul- digen. Wir sind mittlerweile ganz gut darin gewor- den.

Macht man sich mit einer Entschuldigung nicht klein und verletzbar?

Natürlich. Ich weiß ja erst mal nicht, wie die andere Person meine Entschuldigung annimmt. Muss ich mich vielleicht auf einen ganzen Kübel an Kritik ge- fasst machen? Aber mittelfristig, das weiß ich sowohl aus meiner eigenen Erfahrung als auch aus meiner therapeutischen Arbeit, steigert eine gute Entschul- digung meinen Respekt mir selbst gegenüber. Und sie bringt mir auch den Respekt der anderen ein. Eine wirklich ernst gemeinte Entschuldigung macht uns daher nicht kleiner. Sie macht uns nur dann kleiner, wenn wir um jeden Preis Streit und Konflikt vermeiden wollen. Wenn wir klein beigeben um des lieben Friedens willen. Übrigens gibt es beim Entschuldigen auch einen gewissen Unterschied zwi- schen den Geschlechtern.

Inwiefern?

Männer tun sich einfach deutlich schwerer mit Ent- schuldigungen als Frauen. Und das, was Sie eben an- gesprochen haben, die Angst davor, durch eine Ent- schuldigung schwach und klein zu wirken – das ist vor allem ein Thema bei Männern. Aber wirkliche Führung, etwa im Beruf, in der Partnerschaft oder in der Familie, beruht darauf, sich auch von außen betrachten zu können, Reue für eigene Taten und Worte empfinden und ausdrücken zu können. Wie gesagt: Sich zu entschuldigen ist kein Zeichen von Schwäche oder Kleinheit, auch wenn es sich manch- mal so anfühlen mag.

Sie schreiben so schön über das dreifache Ge- schenk einer Entschuldigung: an mich, an den an- deren, an die Beziehung. Wie meinen Sie das?

Zunächst und vor allem ist die Entschuldigung na- türlich ein Geschenk an den anderen. Ich ermögliche dem Gegenüber durch die Entschuldigung, sich sicher und getragen im Verhältnis zu mir zu fühlen. Wir zeigen damit, dass wir sie oder ihn und ihre oder seine Gefühle ernst nehmen und Verantwortung für unser Tun übernehmen. Eine gelungene Entschul- digung bestärkt den Gerechtigkeitssinn des anderen, seine Vorstellung von Wirklichkeit. „Ja, ich habe ver-

Gerechtigkeitssinn des anderen, seine Vorstellung von Wirklichkeit. „Ja, ich habe ver- PSYCHOLOGIE HEUTE 11/2017 29

standen,deineGefühlevonVerletztheit oder Enttäuschung machen Sinn, mein HandelnodermeineWortewarennicht in Ordnung.“ All das kommt beim Ge- genüber mit einer guten Entschuldi- gung an. Dazu gehört auch das Ver- sprechen, dass das Getane nicht mehr vorkommen soll, dass ich einen Teil des Schmerzes des anderen trage und über- nehme. Das macht das Geschenk an den anderen aus, das ich mit einer ernst gemeinten, aufrichtigen Entschuldi- gung rüberbringe.

Und das Geschenk an mich selbst?

Dabei geht es um meinen eigenen Re- spekt mir selbst gegenüber: Mein Er- wachsensein beruht auf der Fähigkeit, mich selbst objektiv zu betrachten, Ver- antwortung für mein Handeln zu übernehmen.

Die dritte Dimension ist das Geschenk an die Be- ziehung zum anderen.

Genau, wir verletzen immer wieder andere und wer- den immer wieder von anderen verletzt, so ist das Leben. Entschuldigungen auszusprechen und auch anzunehmen ist daher bis zum letzten Atemzug wich- tig. Beziehungen unter Menschen, zum Beispiel in der Arbeit, in der Liebe, unter Freunden, wären un- fassbar tragisch, wenn wir und andere nicht in der Lage wären, sich beim anderen zu entschuldigen. Wir sind alle nur Menschen mit Fehlern und Macken. Eine gute Entschuldigung heilt und stärkt eine Be- ziehung zwischen zwei Menschen. Eine fehlende oder misslungene Entschuldigung kann einen Riss verur- sachen. Oder sogar eine Freundschaft beenden.

Meine Mutter konnte sich, so erinnere ich mich zu- mindest, nie für etwas entschuldigen bei uns Kin- dern. Als ich Ihr Buch las und über dieses Konzept des dreifachen Geschenks stolperte, wurde mir klar, dass sie es sich durch diese Unfähigkeit, sich zu entschuldigen, in manchen Momenten versagt hat, näher an andere Menschen heranzukommen.

Häufig sind Menschen, die den größten Schmerz und Kummer verursachen – das gilt jetzt höchstwahr- scheinlich nicht für Ihre Mutter –, am wenigsten in der Lage, sich zu entschuldigen. Denn um sich auf- richtig zu entschuldigen, braucht jemand eine solide Basis, ein solides Fundament an Selbstwert. Nur wer das hat, kann von da aus sein eigenes Handeln re- flektieren und sich selbst aus einer größeren Distanz in den Blick nehmen.

Ich muss mich also selbst lieben können, bevor ich mich entschuldigen kann?

Wir können

uns dafür

entschuldi-

gen, was wir tun oder sagen. Aber

wir sollten uns nicht dafür

entschul-

digen, wer

wir sind

Natürlich braucht es Selbstwert, Selbst- liebe, um die Fehler zu verstehen, die man gemacht hat und die anderen ge- schadet haben. Wer auf einem sehr schwachen Fundament an Selbstwert steht, tut sich damit schwerer. Der Nichtentschuldiger balanciert auf ei- nem schmalen Grat der Abwehr über einem tiefen Canyon der mangelnden Eigenliebe.

Können Sie das genauer erklären?

Nun, ich habe viel mit Erwachsenen zu tun, die sich von ihren Eltern Entschul- digungen wünschen für Dinge, die die- se ihnen als Kind angetan haben. Und aufdieseEntschuldigungenwartensehr viele vergeblich, was aber überhaupt nichts damit zu tun hat, wie sehr die Eltern sie lieben oder geliebt haben. Die Fähigkeit, Verantwortung für das eigene Tun zu übernehmen, Empathie und Reue dem anderen gegenüber zu emp- finden und auszudrücken, das hat sehr viel zu tun mit der eigenen Liebe zu sich selbst. Wer mit sich grund- sätzlich im Reinen ist, kann sich für gewisse Hand- lungenoderNichthandlungenentschuldigen.Wersich allerdings richtig schämt für etwas, der hat toxische Gedanken über sich, denn sie oder er denkt dann ei- gentlich von sich: „Ich bin ein schlechter Mensch, ich verdiene keine Liebe, ich bin schlecht meinem Kind gegenüber.“ Wir können uns dafür entschuldigen, was wir tun oder sagen. Aber wir können und sollten uns nicht dafür entschuldigen, wer wir sind.

Sich gegenüber einer Kollegin oder einem Kolle- gen zu entschuldigen; sich gegenüber einer Freundin oder einem Freund zu entschuldigen; sich in einer Partnerschaft zu entschuldigen – gibt es da Unterschiede?

Nun, Arbeit ist Arbeit, und Familie ist Familie. Na- türlich ist es auch in einem Verhältnis unter Kollegen wichtig, Verantwortung für das eigene Tun und Sagen zu übernehmen. Es ist zwar viel einfacher, andere für irgendwelche Fehler oder Unterlassungen verantwort- lich zu machen, aber das hilft niemandemweiter. Auch im Beruf nicht. Allerdings würde ich im Büro darauf achten, sich nicht zu übermäßig zu entschuldigen.

Was meinen Sie damit?

Das ist leider eine Angewohnheit von vielen Frauen. Sie neigen dazu, zu viele emotionale Angelegenheiten mit ins Büro zu bringen. Die gehören aber nicht im- mer dorthin. Das Wichtigste in einer Arbeitsbezie- hung ist, gemeinsam Arbeit erledigt zu bekommen. Das Wichtigste in einer Liebes- oder privaten Bezie-

Arbeit erledigt zu bekommen. Das Wichtigste in einer Liebes- oder privaten Bezie- 30 PSYCHOLOGIE HEUTE 11/2017

hung ist, einander näherzukommen, so etwas wie gemeinsame Wahrheit und Nähe herzustellen. Daher würde man in einer privaten Beziehung immer viel tiefer gehen, um Aussöhnung und Heilung zu finden. Eine Entschuldigung ist ein Langstreckenlauf, zu dem es auch gehört, gut zuzuhören, dem anderen Raum zu geben für seinen Schmerz, für seine Verletzung, die er mir gegenüber empfunden hat. Ich nenne das gerne den heißen Stuhl.

Heißer Stuhl?

Na ja, ich muss es eben aushalten, dass der andere mir seine Gefühle von Verletztheit, von Enttäuschung offenbart, das gehört zum Entschuldigen dazu. In der Arbeit ist das vielleicht eher schwieriger und pro- blematisch.

Was ist eigentlich der häufigste Fehler beim Ent- schuldigen?

Das Wörtchen „aber“! So nach dem Motto: „Es tut mir leid, dass ich …, aber du hast ja schließlich …“ Dieses kleine Wörtchen nimmt der Entschuldigung die Aufrichtigkeit, die Ernsthaftigkeit, egal was nach dem „aber“ kommt, egal wie wahr oder objektiv die- se Einwände sein mögen. Dieses „aber“, das sich so häufig in unsere Entschuldigungen einschleicht, lei- tet immer eine Art Milderung oder Rechtfertigung ein und schwächt somit unsere Entschuldigung. Der zweite, ganz häufig gemachte Fehler: sich für die Ge- fühle zu entschuldigen, die man beim anderen aus- gelöst hat.

Was ist dabei das Problem?

Wenn ich sage: „Es tut mir leid, dass ich dich mit diesem oder jenem traurig oder wütend oder was

Das Wörtchen

„aber“ nimmt

der Entschul-

digung die

Aufrichtigkeit

auch immer gemacht habe“, dann schlittere ich von meiner klaren Verantwortung für mein eigenes Tun weg. Wenn ich zum Beispiel sage: „Es tut mir leid, dass du auf der Party sauer warst, weil ich deine Er- zählung korrigiert habe“, dann ist das keine Entschul- digung. Dann übernehme ich nicht wirklich Verant- wortung.

Was wäre dann eine bessere Form, mich zu ent- schuldigen?

„Es tut mir leid, dass ich deine Geschichte korrigiert habe auf der Party. Ich weiß, dass du das nicht magst. Das war nicht in Ordnung, ich verstehe das. Und ich will, dass das nicht wieder vorkommt.“ Mit anderen Worten: Eine gute Entschuldigung hat mein eigenes Handeln im Fokus und nicht die Reaktion des ande- ren. Entschuldigen Sie sich also für Ihr Handeln – und fertig! Natürlich bringt eine Entschuldigung auch nichts, wenn wir sie mit großen Girlanden überbrin- gen und dann unser eigenes Verhalten, für das wir uns gerade entschuldigt haben, in keiner Weise än- dern. Das wäre eine leere Entschuldigung.

Was halten Sie eigentlich von Pralinen, Blumen oder anderen Formen von Wiedergutmachung?

Aus meiner Sicht gehört zu einer gelungenen Ent- schuldigung genau so eine Form von Reparation da- zu! Wenn ich Wein auf dem Kleid einer Freundin verschüttet habe und nur „Entschuldigung!“ sage, ohne anzubieten, dass ich die Kosten für die Reini- gung übernehme, wäre diese Entschuldigung nur halbherzig und würde nicht wirklich funktionieren. Ich höre häufiger in meiner Praxis von Männern:

„Jetzt habe ich mich schon 20-mal für die Affäre ent-

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die uns früh prägen und oft durchs ganze Leben begleiten. Renate Daimler

zeigt eindringlich und sehr persönlich, wie wir uns selbst die Erlaubnis geben,

aus eingefahrenen Bahnen auszusteigen, frei zu werden und unser Leben

so zu gestalten, wie es für uns gut ist.

geben, aus eingefahrenen Bahnen auszusteigen, frei zu werden und unser Leben so zu gestalten, wie es
geben, aus eingefahrenen Bahnen auszusteigen, frei zu werden und unser Leben so zu gestalten, wie es
geben, aus eingefahrenen Bahnen auszusteigen, frei zu werden und unser Leben so zu gestalten, wie es
geben, aus eingefahrenen Bahnen auszusteigen, frei zu werden und unser Leben so zu gestalten, wie es

schuldigt, und sie kann das Thema immer noch nicht beenden.“ Daran wird deutlich: Man darf eine Ent- schuldigung nicht dazu benutzen, jemand anderen zum Schweigen zu bringen! Eine Entschuldigung ist ein Langstreckenlauf, kein Sprint, wie gesagt. Und das kann manchmal ganz schön schwierig sein. Wir sind darauf geeicht, uns zu verteidigen. Aber Vertei- digung ist das genaue Gegenstück zum echten Zu- hören, zu echter Verbindung mit dem anderen. Wir brauchen viel guten Willen, Ehrlichkeit uns selbst gegenüber, um uns aus diesem Hang zur Verteidi- gung zu befreien.

Wie mache ich das, wie entkomme ich diesem Rechtfertigungsmechanismus, wenn ich mich bei jemandem zu entschuldigen versuche?

Am besten wirklich genau zuhören. Das heißt, zu versuchen, zum Kern dessen zu gelangen, was der andere mir mitteilen will über seinen Schmerz, sei- ne Gefühle. Und eben nicht zu versuchen, die Fakten richtigzustellen, die Übertreibungen oder Verzerrun- gen und Ungenauigkeiten zu korrigieren, die der an- dere vorbringen mag. Wenn also jemand, bei dem Sie sich entschuldigen wollen, mit voll geladenem Magazin auf Sie losgeht, nehmen Sie die Übertrei- bungen und Ungenauigkeiten ruhig wahr. Aber öff- nen Sie Ihr Herz und hören Sie auf die Dinge, die Sie verstehen und nachvollziehen können. Auch wenn das nur 50 Prozent dessen sind, was der andere vor- bringt. Bleiben Sie neugierig auf das, was der andere empfindet. Stellen Sie Fragen! Versuchen Sie, den anderen mindestens so gut zu verstehen, wie Sie ger- ne verstanden werden möchten.

Klingt anstrengend.

Ja, ich verstehe gut, dass das häufig schwierig ist. Wenn man so zuhören und verstehen will, muss man den Kopf ein Stück weit ausschalten. Man darf nicht unterbrechen, nicht korrigieren. Sie dürfen die Din- ge schon ansprechen, die Sie anders sehen, mit denen sie nicht einverstanden sind – aber bitte nicht im ersten Gespräch.

Kann man sich für alles entschuldigen? Oder gibt es Dinge, die einfach nicht entschuldbar sind?

Manche Dinge kann man natürlich nicht einfach mit einer Entschuldigung heilen oder reparieren. Eine Freundin von mir hat ein Kind überfahren, es war sofort tot, sie war eindeutig schuld, denn sie hatte die rote Ampel übersehen. Sie versuchte danach, sich bei der Familie zu entschuldigen – und die Familie woll- te einfach nichts von ihr hören. Eine echte Entschul- digung darf nicht als oberstes Ziel haben, dass man sich selbst besser fühlt. Nicht alle Entschuldigungen sind willkommen.

Entschuldi- Wann habe ich ein Recht auf eine Entschuldigung?

gungen kön- nen nicht alles reparieren. Manchmal sind sie nicht willkommen

nicht alles reparieren. Manchmal sind sie nicht willkommen Lerners Buch zum Interviewthema ist aktuell im Knaur-

Lerners Buch zum Interviewthema ist aktuell im Knaur- Verlag erschienen:

Versuch’s mal mit Entschuldigung. Wie Versöhnung kleine und große Herz- schmerzen heilt

Wenn Sie eine Entschuldigung von jemand möchten, hilft es eigentlich nie, diese einzufordern. Wichtiger ist, klarzumachen, wie Sie sich fühlen. Zum Beispiel so: „Bei unserem letzten Gespräch habe ich mich total kleingemacht gefühlt, nicht respektiert.“ Es hilft aber nichts, dem anderen Vorwürfe zu machen und zu sagen: „Du warst so gemein, so unverschämt“ oder was auch immer. Bleiben Sie am besten bei sich, und halten Sie sich kurz.

Ich sage häufiger zu meiner Tochter Dinge wie:

„Jetzt entschuldige dich doch bitte bei ihm oder ihr!“ Oder: „Schau, sie hat sich doch bei dir ent- schuldigt!“ Ist das gut? Wie bringe ich einem Kind bei, sich zu entschuldigen?

Sie erziehen ein Kind zur Entschuldigung, wenn sie danach auch wirklich sagen können: „Danke für dei- ne Entschuldigung!“ Das machen aber die wenigsten Eltern. Die meisten schieben dann noch irgendwas hinterher wie: „Ich glaube nicht, dass diese Entschul- digung ernst gemeint war. Jetzt geh auf dein Zimmer und denk noch mal drüber nach, was du alles falsch gemacht hast!“ Das macht Kinder allergisch gegen- über dem Entschuldigen, sie stecken dann nur noch die Finger in die Ohren.

Drehen wir die Rollen noch einmal um: Wie ist das eigentlich, wenn sich jemand bei mir entschuldigt – muss ich ihm oder ihr automatisch vergeben?

Nein, auf gar keinen Fall! Ich weiß nicht, wie das in Deutschland ist, aber in den USA drängt die Kultur die Menschen wirklich dazu, eine Entschuldigung anzunehmen und dem anderen zu vergeben. Als ob das der einzige Pfad zu Heilung und Vergebung wä- re! Sie müssen jemandem nicht vergeben, um sich von dem Leid, dem Schmerz, der Pein zu befreien, die ihnen der andere zugefügt hat. „Vergib deinem Vater! Er hat nur getan, was er konnte! Es ist doch so lange her! Du musst weiterkommen! Befreie dich von der Vergangenheit!“ So was wird aus meiner Sicht viel zu viel gepredigt.

Die Entschuldigung ist also nicht immer die rich- tige Lösung!?

Natürlich muss man die Macht desjenigen, der mich verletzt hat, irgendwie versuchen zu mindern. Aber

dazu muss ich nicht meinen Schmerz aufgeben. Ich glaube, wer zu sehr auf Vergebung drängt, kann da- mit die verletzte Person noch kleiner und einsamer machen. Davon sollten wir wegkommen. Wie gesagt, für manche Dinge kann man sich einfach nicht ent-

schuldigen.

PH

INTERVIEW: CHRISTIAN THIELE

Dinge kann man sich einfach nicht ent- schuldigen. P H INTERVIEW: CHRISTIAN THIELE 32 PSYCHOLOGIE HEUTE

ÄLTER WERDEN heißt:

endlich nichts mehr müssen. Diese Freiheit

MACHT GELASSEN.

DAS BEWEGT MICH!

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mehr müssen. Diese Freiheit MACHT GELASSEN. DAS BEWEGT MICH! PSYCHOLOGIE HEUTE AUCH APP ALS WWW.PSYCHOLOGIE-HEUTE.DE

ILLUSTRATIONEN: ELKE EHNINGER

Was Hänschen nicht lernt …

… lernt Hans nimmermehr, ermahnte die Großmutter. Und sie war auch der Meinung, dass sich Gegensätze anziehen und vier Augen mehr sehen. Was ist dran an den alten Sprichwörtern und Redensarten? Psychologen haben einige davon auf den Prüfstand gestellt

VON EVA TENZER

V ierAugensehenmehralszwei“,weiß der Volksmund – und die Alltags- erfahrungen hinter dieser Rede- wendung haben dazu geführt, dass sich in vielen Bereichen das Vier-

Augen-Prinzip durchgesetzt hat. Im Management, in der Produktion, bei der Überwachung sicherheits- relevanter Systeme oder bei der Überprüfung ärzt- licher Diagnosen sollen damit optimale Entschei- dungen gefördert und das Fehler- und Missbrauchs- risiko reduziert werden. Aber funktioniert das wirk- lich? Bringt das Vier-Augen-Prinzip tatsächlich mehr Genauigkeit und bessere Ergebnisse? Könnte es nicht vielmehr sein, dass sich, sobald die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt ist, jeder auf den an- deren verlässt und dadurch am Ende Sorgfalt und Aufmerksamkeit sogar nachlassen? Wir nutzen Sprichwörter, um Verhaltensnormen prägnant zu kommunizieren, also klarzumachen, wie man sich in bestimmten Lebenslagen verhalten soll- te. Lügen haben kurze Beine, der Lauscher an der Wand hört die eigene Schand – solche Weisheiten raten knapp, was man tun und was man besser lassen sollte. Die Erfahrungen von Generationen haben die- se Wendungen geprägt. Und in vielen Situationen sind sie psychologisch tatsächlich nützlich: als Rat- schlag oder Denkanstoß, als Trostspender, als einfa-

cher Merksatz, wenn es schnell gehen muss mit einer Entscheidung oder man in einem inneren Konflikt steckt. Die meisten Sprichwörter stammen aus einer Zeit, als es weder Psychologen noch Wissenschaft gab. Doch schon damals hatten Menschen das Bedürfnis, sich das mitunter seltsame und unverständliche Ver- halten der Mitmenschen zu erklären. Kaum eine Le- benslage also, für die kein Sprichwort zuständig ist. Verstanden die Menschen damals die Zusammen- hänge, oder sind es am Ende nur Phrasen? Und was ist von einander widersprechenden Sprichwörtern zu halten? Dieter Frey, Professor für Psychologie an der Universität München, wollte es genauer wissen. In einem umfangreichen Projekt ließ er Mitarbeiter und Studierende die Studienlage zu unterschiedli- chen Sprichwörtern sichten (siehe Interview Seite 38). Auch das Vier-Augen-Prinzip kam auf den Prüf- stand. Hier kommen Studien zu widersprüchlichen Ergebnissen. Einerseits beobachten Kognitionspsy- chologen durchaus positive Effekte: Zwei Personen nehmen aus ihrer subjektiven Sicht heraus unter- schiedliche Dinge wahr. Mehrere Personen können daher tatsächlich mehr Fehler entdecken. Allerdings werden diese Effekte durch sozialpsychologische Rei- bungsverluste gemindert. Studien zeigen nämlich auch eine geringere Leistung von Zweierteams ge- genüber Einzelkämpfern, etwa beim Finden von Feh-

Leistung von Zweierteams ge- genüber Einzelkämpfern, etwa beim Finden von Feh- 34 PSYCHOLOGIE HEUTE 11/2017
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lern. Stichwort Verantwortungsdiffusion und Tritt- brettfahrer: Als Teil einer Gruppe neigen Menschen dazu, sich weniger anzustrengen und ihr Denken an das der Gruppe anzupassen. So bleiben Einzelne hin- ter ihren Möglichkeiten zurück. „Eine doppelte Kon- trolle kann manchmal sogar gefährlicher und unzu- verlässiger sein als eine Einzelarbeit“, berichtet Fio- na Kunz vom Münchener Projekt. Verlässt man sich auf die Leistung anderer, verringert das Vier-Augen- Prinzip die Aufmerksamkeit. Bei diesem Sprichwort gilt also: Weil viele Faktoren das Ergebnis beeinflus- sen, trifft die Redewendung nur dann zu, „wenn klar definierte Aufgaben vorliegen, eine förderliche Team- und Führungskultur garantiert ist sowie Kommu- nikations- und Interaktionsprobleme gelöst sind“. Noch komplexer ist die Lage bei einander wider- sprechenden Sprichwörtern. Wäscht eine Hand die andere, oder ist jeder sich selbst der Nächste? Ist Zeit nun Geld, oder eilt man besser mit Weile? In diesen Fällen scheint guter Rat teuer. Auch in der Partner- wahl rät der Volksmund zu gegensätzlichen Strate- gien: „Gleich und Gleich gesellt sich gern“ und „Ge- gensätze ziehen sich an“. An welche Maxime soll man sich halten? Laut dem similarity-attraction effect fühlen sich Personen mit ähnlichen Eigenschaften eher zuein- ander hingezogen und sind in der Beziehung zufrie- dener. Eine Studie legt jedoch nahe, dass nur die wahrgenommene Ähnlichkeit für Anziehung sorgt und nicht die tatsächliche. Auch unterschiedliche Persönlichkeitseigenschaften scheinen manchmal

Persönlichkeitseigenschaften scheinen manchmal Gewissenhaftigkeit, Verträglichkeit und Offenheit. In

Gewissenhaftigkeit, Verträglichkeit und Offenheit. In diesen Bereichen sollten Paare möglichst ähnlich sein

von Vorteil zu sein. Der Faktor Zeit spielt ebenfalls eine Rolle: Anfangs lässt die rosarote Brille über man- che Differenz hinwegsehen, die später zum Tren- nungsgrund wird. Und sogar kulturelle Prägungen beeinflussen, ob uns eher Ähnlichkeiten oder Ge- gensätze anziehen, sagt Clara Mihr vom Münchener Projekt. BeatriceRammstedt,ProfessorinamMannheimer Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften, wollte ge- nauer wissen, wie groß die Ähnlichkeiten langjähri- ger Partner sind und ob sie mit der Zeit eher wachsen oder schrumpfen. Dafür durchforstete sie Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) nach den Per- sönlichkeitsmerkmalen von rund 7000 Paaren. Rammstedt interessierten Ähnlichkeiten bei den Big Five, den Hauptdimensionen der Persönlichkeit. Das Ergebnis: Partner zeigen deutliche Übereinstimmun- gen in puncto Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit und Offenheit. Je länger sie zusammen waren, also je stabiler die Beziehung, um so deutlicher die Über- einstimmungen. „Partnerschaften funktionieren of- fenbar vor allem dann, wenn sich die Partner in die- sen drei Dimensionen ähneln“, erklärt Rammstedt.

Ähnlichkeiten nehmen mit der Dauer der Beziehung zu

Gewissenhafte Menschen sind ordentlich, pünktlich und leistungsstrebend. Lässt die bessere Hälfte da- gegen die schmutzigen Socken herumliegen und kommt sie notorisch zu spät, gibt es Konflikte. Of- fene Persönlichkeiten probieren gern Neues aus, er- kunden unbekannte Länder, lieben Museen und Kul- tur. Verbringt der Partner dagegen den Urlaub immer am gleichen Ort und hält er lieber am Bekannten fest, birgt das Zündstoff. Ein gewissenhafter Typ wird mit einem skrupellosen selten glücklich, ein Altruist kaum mit einem Egoisten. Große Unterschiede bei

selten glücklich, ein Altruist kaum mit einem Egoisten. Große Unterschiede bei 36 PSYCHOLOGIE HEUTE 11/2017
Ordnungssinn, Pünktlichkeit, Strukturiertheit oder Offenheit bergen Konfliktpotenzial. Je mehr Kon- flikte, umso

Ordnungssinn, Pünktlichkeit, Strukturiertheit oder Offenheit bergen Konfliktpotenzial. Je mehr Kon- flikte, umso instabiler die Partnerschaft. Das erklärt, warum Ähnlichkeiten zwischen Partnern mit Dau- er der Beziehung zunehmen: Die unähnlichen gehen früher auseinander. Diese Ähnlichkeiten sind von Anfang an da und entstehen nicht erst im Laufe der Partnerschaft. Dem- entsprechend ist für die Partnersuche eher die Stra- tegie „Gleich und gleich gesellt sich gern“ erfolgreich als „Gegensätze ziehen sich an“. So faszinierend und prickelnd Gegensätze sein mögen – für eine stabile Beziehung taugen sie weniger. Diesem Prinzip scheinen Singles unbewusst zu fol- gen, wie eine Studie der Cornell-Universität zeigte. Die Verhaltensforscher Stephen Emlen und Peter Bus- ton befragten vor einigen Jahren rund 1000 Studenten nach den eigenen Eigenschaften und denen ihres Ide- alpartners. Und siehe da: Beide stimmten erstaunlich überein, woraus die Forscher schließen, dass wir ein

Gegenüber mit ähnlichen Merkmalen und Einstel- lungen suchen. Und genau an dieser Stelle setzen Part- neragenturenmitdemsogenanntenMatchingan.Man folgt dem Grundsatz „So viel Gleichheit wie möglich und so viel Unterschied wie nötig“. Was aber ist mit gegensätzlichen Paaren, die trotz- dem gut zusammenleben? Auch dieses Rätsel können Psychologen erklären. Nimmt man nämlich die Ge- gensätze genauer unter die Lupe, zeigt sich, dass Un- terschied nicht gleich Unterschied ist. Gegensatz- Paare können glücklich sein, wenn sich ihre Unter- schiede vor allem auf zwei Eigenschaften beschrän- ken: Extraversion und emotionale Stabilität. Hier können gegensätzliche Persönlichkeitsstrukturen sogar besonders erfolgreich sein. Extravertierte Men- schen sind gesellig, hören sich gern reden und stehen gern im Mittelpunkt. Sind aber beide Partner vom Typ „Partylöwe“, hört keiner zu, und es entwickelt sich Konkurrenz um die Aufmerksamkeit anderer. Da passt ein introvertierter Partner besser – der Ge- gensatz wird zur idealen Ergänzung. Emotional in- stabile Menschen wiederum brauchen einen stabilen Partner an ihrer Seite. Letztlich treffen also beide Sprichwörter zu, es kommt nur ganz wesentlich auf die Details an.

Manchmal scheint der Mittelweg das Beste zu sein

Ein weiteres Beispiel: „Nur unter Druck entstehen Diamanten“ versus „In der Ruhe liegt die Kraft“. Was trifft zu? Auch hier finden Psychologen für beides passende Theorien und empirische Befunde. An- spruchsvolle Ziele und ein gewisser Zeitdruck sind nötig, damit Leistungen erbracht werden. Das gilt für Einzelne, aber auch für Gruppen und ganze Or- ganisationen. Hingegen zeigen andere Befunde, dass arbeitsbezogener Stress negative Folgen hat, und zwar sowohl für die Gesundheit als auch für das Ergebnis der Arbeit. Hier scheint also eher ein Mittelweg op- timal, wie David Schnell vom Münchener Projekt aus den Daten schließt. Unternehmen müssen eine gesunde Balance zwischen Anforderungen und Rück- sicht auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter finden. Sprichwörter und Forschung liegen also durchaus oft dicht beisammen, und sie kommen letztlich zu einem ähnlichen Schluss: Es gibt keine endgültigen Wahrheiten. Trau, schau, wem – und im Zweifelsfall sehr genau hin.

LITERATUR

Dieter Frey (Hg.): Psychologie der Sprichwörter. Weiß die Wis- senschaft mehr als Oma? Springer, Heidelberg 2017

der Sprichwörter. Weiß die Wis- senschaft mehr als Oma? Springer, Heidelberg 2017 PSYCHOLOGIE HEUTE 11/2017 37

„DA STECKEN WEISHEIT UND LEBENSHILFE DRIN“

Sprichwörter sind ein enormer Erfahrungsschatz, meint der Psychologieprofessor Dieter Frey. Höchste Zeit, dass sich die Psychologie mit dem Wissen der Laien befasst

sich die Psycho logie mit dem Wissen der Laien befasst Herr Professor Frey, was hat Sie

Herr Professor Frey, was hat Sie moti- viert, sich mit dem Thema Sprichwör- ter zu beschäftigen?

Ich widme mich seit einiger Zeit Phäno- menen, die Hunderte von Jahren alt sind:

mit Werten, mit Märchen, mit Sitten und Bräuchen. Und Sprichwörter gehören da- zu. Hätten diese keine Geltung, würden sie vermutlich nicht überleben. Ich finde es höchst interessant, dass die Psychologie sich mit diesem Erfahrungsschatz, egal ob Rituale und Bräuche, Märchen oder Sprichwörter, relativ wenig auseinander- setzt. Ich behaupte, da steckt ganz schön viel Psychologie einschließlich Weisheit und Lebenshilfe drin – auch wenn Psy- chologen sich darum kaum gekümmert haben.

Mit welchen Herausforderungen sind Psychologen konfrontiert, die die Stichhaltigkeit oder Wirkung von Sprichwörtern untersuchen wollen?

Sprichwörter sind zunächst Hypothesen, manchmal sogar Theorien. Herausforde- rung ist, Forschungserkenntnisse zu iden- tifizieren, die diese Hypothesen überprü- fen. Streng genommen ließe sich jedes Sprichwort quasi im Längsschnitt prüfen:

Stimmt tatsächlich, dass Hans nimmer- mehr lernt, was Hänschen nicht lernte? Oder dass man nie wieder jemandem glaubt, der einmal gelogen hat? Beim Hänschen-Beispiel kann eine Möglichkeit der Überprüfung sein, zu untersuchen, ob Kinder,diefrüheineFremdsprachelernen, diese leichter lernen als später. Mit Sicher- heit ist es nie der Fall, dass Hans es gar nicht mehr lernt, aber es ist wohl schwie- riger. Man hat bei der Überprüfung eines Sprichwortes alle üblichen Herausforde- rungen: Wie lang soll der Zeitraum sein? Ist das Stimulusmaterial mit einer Fremd- sprache richtig gewählt? Mit welchem Al- ter soll man anfangen und aufhören?

Wie sind Sie bei dem Forschungspro- jekt vorgegangen?

Es war Teil eines Seminars unserer Mas- terstudenten der Wirtschafts-, Organisa- tions- und Sozialpsychologie. Wir haben zu jedem Sprichwort, das wir übernom- men haben, empirische Forschung aufge- führt, die für oder gegen das Sprichwort sprach, und dann jeweils die Entscheidung getroffen: Ist es wissenschaftlich haltbar oder nicht, und unter welchen Bedingun- gen trifft es zu? Häufig kann man gar nicht sagen: falsch oder richtig. Studien erklären eher, unter welchen Bedingungen es zu- trifft und was die vermittelnden Mecha- nismen sind, sodass es zutrifft oder nicht.

Gibt es Kulturen, die besonders reich oder arm an geflügelten Worten sind?

Es gibt keine Hinweise darauf, dass sich der Sprichwörtergebrauch wesentlich un- terscheidet. Sie existieren auf allen Kon- tinenten – teilweise in modifizierter Form

terscheidet. Sie existieren auf allen Kon- tinenten – teilweise in modifizierter Form 38 PSYCHOLOGIE HEUTE 11/2017

über Kulturen hinweg. So entspricht un- ser Sprichwort „Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben“ dem englischen „Don’t count the chicken before they are hatched“. „Kleider machen Leute“ und „Clothes make the man“ stimmen fast wörtlich überein. Interessant sind auch ländertypische Anpassungen: Statt „Das ist nicht mein Bier“ sagen Engländer „It’s not my cup of tea“. Dennoch gibt es auch kulturspezifische Sprichwörter. So finden sich für die deutschen Wendungen „Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht“ und „Ordnung ist das halbe Leben“ keine direkten Entsprechungen.

Welche positiven psychologischen Wirkungen haben Sprichwörter?

Positive Wirkungen von Sprichwörtern können sein, dass sie Menschen beflügeln, bestimmte Dinge zu tun oder zu lassen. Sie geben Menschen Erklärungen, Deu- tungen für Phänomene, oft sogar Hilfe- stellungen für das Leben. Es spornt zum Beispiel an, relativ früh Dinge zu lernen, wenn man denkt, dass Hans nicht lernt, was Hänschen nicht lernte.

Gibt es auch negative Wirkungen?

Ja, denn oft blockieren Sprichwörter im Sinne einer sich selbst erfüllenden Pro- phezeiung: Wenn ich an das Hänschen- Sprichwort glaube, gebe ich relativ schnell auf und sage: „Ich bin ohnehin zu alt und kann und muss das nicht mehr lernen.“ Insofern haben Sprichwörter das Poten- zial für positive und negative Wirkungen. Das Gute dabei ist, dass man quasi selbst aussuchen kann, je nachdem, wo man sich am besten wiederfindet. Das Interessan- te ist ja, dass es bei vielen Sprichwörtern auch entgegengesetzte Varianten gibt.

Sind eigentlich alle relevanten Lebens- situationen hinreichend mit geflügel- ten Wörtern abgedeckt?

Es gibt Sprichwörter zu nahezu jedem Le- bensbereich und jeder Situation – ange- fangen bei Liebe und Glück wie „Jeder ist seines Glückes Schmied“ bis zu berufli- chem Erfolg – „Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen“ –, Zusammenar- beit – „Allein ist besser als mit Schlechten im Verein“ – oder Charakter: „Stille Was- ser sind tief“. Sprichwörter sind – obwohl

PSYCHOLOGIE HEUTE

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sehr bildlich – losgelöst vom Kontext und damit auf viele Situationen anwendbar. Ein Sprichwort erfordert, interpretiert zu werden, damit entsteht ein Spielraum, ei- ne Möglichkeit zur interindividuellen oder situationsspezifischen Anwendung und Deutung.VieleSprichwörtersinddadurch sozusagen multifunktional verwendbar und passen in viele Lebenssituationen.

Sind Sie bei Ihren Forschungen auch auf unsinnige Sprichwörter gestoßen, die man getrost vergessen kann?

Nein, Sprichwörter haben ja vor allem deshalb überlebt, weil ein Kern von Wahr- heit dran ist. Die Herausforderung ist nur:

wann ist dieser Kern vorhanden? Wann trifft es zu? Unter welchen personalen und situativen Bedingungen? Und warum trifft es zu? Und deshalb finde ich es fas- zinierend, Sprichwörter mit Wissenschaft zu verbinden, denn sie geben meistens nicht an, unter welchen Bedingungen sie zutreffen. Die Wissenschaft kann das bes- ser spezifizieren. Insofern gebe ich der Wissenschaft einen leichten Vorsprung gegenüber der Oma, die alle Sprichwörter dieser Welt kennt. Manche treffen aller- dings seltener zu oder nur in Ausnahmen. Beispielsweise gibt es keine empirischen Hinweise, dass Intelligenz in Zusammen- hang mit Lebensglück oder -zufriedenheit steht. Für „Selig sind die geistig Armen“ existieren keine Belege.

Welches ist Ihr persönliches Lieblings- sprichwort?

Ich neige dazu, mit Sprichwörtern her- umzuspielen und sie leicht zu modifizie-

ren, um damit zu verdeutlichen, dass jeder selbst entscheidet, was er aus seinem Sprichwort macht. Insofern ist einer mei- ner Lieblingssprüche: Was Hänschen nicht lernt, kann Hans trotzdem noch

PH

lernen.

INTERVIEW: EVA TENZER

Dieter Frey ist Professor für Sozialpsychologie an der Ludwig-Maximilians- Universität Mün- chen und Leiter des LMU Center for Leadership and People Ma- nagement. Er forscht zum Ent- scheidungsverhalten in Grup- pen, zu Kreativität und Motiva- tion, Einstellungen und Werte- systemen.

und Motiva- tion, Einstellungen und Werte- systemen. STARK UND GESUND IN DER GRUNDSCHULE Machen Sie sich
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ILLUSTRATIONEN: LOTTCHEN ECHO

Tierisch

klug

Viele Tiere können viel mehr, als wir ihnen bislang zugetraut haben. Erst allmählich beginnt die Kognitionswissen- schaft herauszufinden, wie weitreichend ihre geistigen Fähigkeiten sind. Was bedeutet das? Löst sich der prinzipielle Unterschied zwischen Mensch und Tier langsam auf?

VON MATTHIAS JUNG

T iere sind erstaunlich klug. Zahlreiche Arten verfügen über verblüffende geistige Fähigkeiten, die erst lang- sam entdeckt werden. Und

es gibt nur einen einzigen Grund für die- se späte Entdeckung: Viele Jahrhunderte lang hat man Tieren einfach nichts zuge- traut. Einige Beispiele für tierische Klugheit: Schimpansen haben eine Idee davon, was im Kopf ihrer Artgenossen vor sich geht, und sie verfügen ansatzweise über ein Verständnis von Ursache-Wir- kung-Zusammenhängen. Auch Krähen sind besonders intelligente Tiere. Sie nut- zen zum Beispiel Drähte, die sie gezielt verbiegen, um an Futter zu kommen.

Sie nut- zen zum Beispiel Drähte, die sie gezielt verbiegen, um an Futter zu kommen. 40
Unterscheiden sich Tiere grundsätzlich von uns Menschen? Man könnte ins Zweifeln kommen Eichhörnchen legen systematisch

Unterscheiden

sich Tiere

grundsätzlich

von uns

Menschen?

Man könnte

ins Zweifeln

kommen

Eichhörnchen legen systematisch Vorräte an. Grüne Meerkatzen verwenden drei verschiedene Alarmrufe, um vor Leopar- den, Schlangen und Adlern zu warnen;

jeder Alarmruf löst dabei ein unterschied- liches Verhalten aus. Viele Menschenaffen gebrauchen Gesten, um zu kommunizie- ren, und sie können in einem erstaunli- chen Maß Zeichensprache erlernen und verwenden. Tierische Kognition ist ein faszinieren- des Forschungsfeld, das sich schnell wei- terentwickelt. Jeden Tag entdecken Kog-

nitionswissenschaftlerundVerhaltensfor-

scher neue Fähigkeiten dort, wo man sie kaum vermutet hätte. Hätten Sie gedacht, dass frisch geschlüpfte Hühnerküken ein- fache Rechenaufgaben wie 3 – 2 = 1 lösen können? Oder dass der Bonobo Kanzi nur durch Zuschauen gelernt hat, einen Bild- schirm mit mehr als 200 willkürlich aus- gewählten Wortsymbolen, sogenannten Lexigrammen zu bedienen? Das alles ist sehr erstaunlich und gibt uns einen guten Grund zu Bescheidenheit und Vorsicht. Vor allem aber zwingen diese Erkennt- nisse uns dazu, eine Frage zu stellen, die in früheren Zeiten absurd gewirkt hätte:

Können Tiere denken? Heute käme niemand mehr auf die Idee, Tiere für lebendige Maschinen zu halten und sie mit einem aufgezogenen Uhrwerk zu vergleichen, wie René Descar- tes es im 17. Jahrhundert getan hat. Doch eine dualistische Weltsicht, die zwischen Geist und Körper scharf trennt, hat lange verhindert, dass über den Geist der Tiere nachgedacht wird. Wenn man sich die Frage stellt, ob Tie- re denken können, geht es aber immer nur zum Teil um tierische Kognition. Min- destens genauso spannend ist, was geisti- ge Leistungen von Tieren über uns selbst verraten. Selbstverständlich ist, dass Men- schen Lebewesen sind – aber sind wir des- halb auch Tiere? Bis Darwin 1859 sein epochemachendes Werk Über die Entste- hung der Arten veröffentlichte, galt es als selbstverständlich, dass sich Tier und Mensch prinzipiell voneinander unter- scheiden. Aber seit klar ist, dass die Art

„Mensch“ sich vor etwa sechs Millionen

Jahren von Vorfahren abgespalten hat, die sie mit den heutigen Menschenaffen teilt, ist es schwieriger geworden. Philosophen haben auch im 20. Jahrhundert gerne noch von der „Sonderstellung des Menschen“ gesprochen, und in der Theologie galt es ohnehin als ausgemachte Sache, dass sich der Mensch als Geschöpf Gottes grund- sätzlich von allen anderen Lebewesen ab- hebt. Heutzutage aber sehen viele Men- schen diese Gattungsschranke als durch- lässiger an. Das zeigt sich an vielen scheinbar be- deutungslosen Kleinigkeiten, beispiels- weise daran, dass Haushunde immer öfter Menschennamen erhalten. Der Hund ei- nes Nachbarn heißt „Sophie“, was immer- hin griechisch für „Weisheit“ steht. Früher hießen Hunde „Hasso“ oder „Bello“ – die- se Namen sind quasi ausgestorben. Und natürlich ist auch die Zunahme von ve- getarischen und veganen Ernährungsfor- men ein Zeichen dafür, dass viele von uns Tiere mit anderen Augen sehen als früher. Menschen, so zeigt sich in vielem immer deutlicher, sind Organismen, und das schaffteinegrundlegendeGemeinsamkeit zwischen uns und den anderen Geschöp- fen. Dennoch gibt es einen prinzipiellen qualitativen Unterschied zwischen Mensch und Tier. Zwar sind Menschen und Tiere einan- der viel ähnlicher, als lange geglaubt, und alles, was „uns“ von „ihnen“ unterschei- det, hat sich in einem langen Evolutions- prozess aus gemeinsamen Vorfahren ent- wickelt. Doch die menschliche Lebens- form ist einzigartig: Auch Tiere können zwar denken – wenn man Denken mit intelligentem Verhalten gleichsetzt –, aber nur Menschen verfügen über Sprache, können nachdenken und leben in einer gemeinsamen Welt kultureller Bedeutun- gen. Dieser Unterschied ist nicht quanti- tativ, er macht aus Menschen Wesen einer besonderen Art. Diese Besonderheit zeigt sich zum Bei- spiel auch darin, dass wir moralische Ver- antwortung für unseren Umgang mit Tie- ren übernehmen können. Umgekehrt gilt das nicht. Die Menschenaffen, deren Ver- halten wir so spannend finden, würden

gilt das nicht. Die Menschenaffen, deren Ver- halten wir so spannend finden, würden PSYCHOLOGIE HEUTE 11/2017

wir niemals in einer Fußgängerzone frei herumlaufen lassen, geschweige denn die Raubtiere, deren Gefährlichkeit einen be- sonderen Kitzel für Zoobesucher darstellt. Sie sind nun mal keine moralisch verant- wortlichen Wesen. Menschen verhalten sich leider auch nicht immer so, aber sie können und sollten es, während es absurd wäre, von einem Schimpansen etwa ge- rechtes Verhalten zu erwarten. Wenn wir „Denken“ im Sinne von „In- telligenz“ verwenden, sind die Belege überwältigend, dass viele Tierarten sehr schlau sind. In einigen Fällen erscheinen sie sogar schlauer als Menschen. Beein- druckend ist der 17-jährige Schimpanse Ayumo, der darauf trainiert ist, bunt durcheinander gewürfelte Ziffern auf ei- nem Touchscreen durch Antippen in die richtige Reihenfolge zu bringen. Er kann das schneller als jeder Mensch, der bisher getestet wurde. Am meisten verblüfft aber ein Versuchsaufbau, den Victoria Horner an der Universität von St. Andrews in Schottland entwickelt hat (Video unter www.youtube.com/watch?v=Jwwcly VYTkk). Dabei zeigt man Kindern und Schim- pansen eine black box aus Plastik, an der verschiedene Klappen und Schieber an- gebracht sind. Dann führt die Versuchs- leiterin eine Reihe von Operationen aus, zum Beispiel Stochern und Ziehen, und holt schließlich im letzten Schritt aus ei- ner Schublade der Kiste eine Belohnung. Kinder und Schimpansen lernen rasch, die Schritte in der richtigen Reihenfolge auszuführen und so an die Belohnung zu gelangen. Im nächsten Schritt wird die vorher nicht einsichtige Box durch eine identisch geformte durchsichtige ersetzt. Es ist nun leicht zu erkennen, dass die ver- schiedenen Aktivitäten, die ausgeführt wurden, ganz überflüssig sind: Sie bewir- ken nichts, und man kann einfach sofort die Schublade mit der Belohnung öffnen. Den Probanden wird wieder die Schritt- folge vorgeführt, und nun geschieht etwas Verblüffendes:WährenddieSchimpansen die überflüssigen Schritte jetzt weglassen und sich direkt die Süßigkeit holen, füh- ren die Kinder Schritt für Schritt alles so

Viele Tierarten sind sehr schlau. In einigen Fällen erscheinen sie sogar schlauer als Menschen

sind sehr schlau. In einigen Fällen erscheinen sie sogar schlauer als Menschen 42 PSYCHOLOGIE HEUTE 11/2017

aus wie vorher und kommen viel um- ständlicher an ihre Belohnung. Das Experiment ist auf ähnliche Wei- se in den verschiedensten Weltgegenden durchgeführt worden, immer mit dem- selben Resultat. Sind Schimpansen also klüger als Vorschulkinder? Nein. Die meisten Forscher gehen davon aus, dass Kinder und Schimpansen die Situation ganz unterschiedlich verstehen. Für die Schimpansen geht es darum, die Süßigkeit zu bekommen. Deshalb wäre es aus ihrer Sicht ausgesprochen dumm, bei der durchsichtigen Box den unnötigen Auf- wand zu betreiben. Für die Kinder aber ist die Süßigkeit der Lohn am Ende eines Spiels, das sie mit dem erwachsenen Ver- suchsleiter gemeinsam durchführen. Kurz: Sie wollen kooperieren, während die Schimpansen einfach nur auf Futter aus sind. Hier zeigt sich der zentrale Un- terschied zwischen menschlicher und tie- rischer Intelligenz: Menschen leben nicht eingeschlossen in ihrem individuellen

Selbst, sie bewegen sich gleichzeitig in ei- nem gemeinsamen, geteilten Bewusstsein, einem sozialen „Wir“. Aber ist das nicht auch bei vielen sozi- al lebenden Tieren der Fall, die doch eben- falls kooperieren, zum Beispiel bei der gemeinsamen Jagd? Darauf hat der Leip- ziger Anthropologe Michael Tomasello eine Antwort. Er sagt: Ja, Tiere arbeiten auch zusammen,aber sietunesnurzweck- gebunden, und die Kooperation bricht zusammen, wenn es um die Verteilung der Beute geht. Deshalb kann sich kein

gemeinsamesBewusstseinausbilden–To-

masello spricht von shared intentionality. Und dieses gemeinsame Bewusstsein ist die Grundlage für alles, was den mensch- lichen vom tierischen Geist unterscheidet:

Kultur, Sprache, Objektivität und Norma- tivität – vier Faktoren, die zusammenge- nommen Nachdenken und Reflexion er- möglichen.

1. KULTUR

Ansätze von kultureller Überlieferung gibt es auch schon bei Affen. Ein bekann- tes Beispiel sind Makakenpopulationen, in denen seit Jahrzehnten eine bestimm-

te Art, Süßkartoffeln im Meerwasser zu waschen, überliefert wird. Was aber die menschliche Kultur einzigartig macht, ist, dass sie über Generationen hinweg ein ge- meinsames Bewusstsein aufrechterhält. So wird eine neue Art von Lernprozessen möglich, die das rasend schnelle Tempo der menschlichen Entwicklung erklären hilft. Vereinfacht gesagt: Eine Generation erfindet einen Faustkeil, die nächste ver- bessert ihn, die dritte bindet ihn mit Li- anen an einen Stock, die vierte bohrt ein Loch hinein und steckt den Stock dort hindurch – fertig ist die erste Axt. Natür- lich sind Rückschläge häufig, aber den- noch entsteht hier etwas prinzipiell Neu- es, es ist eine zielgerichtete Verbesserung über Generationen hinweg. In der biolo- gischen Evolution und im ganzen Tier- reich gibt es dieses Phänomen nicht.

2. SPRACHE

Die Entstehung der Sprache wird man sich ähnlich vorstellen dürfen: Aus einfachen Gesten und Lauten haben sich immer komplexereAusdrucksmöglichkeiten ent- wickelt, weil das Erreichte bewahrt wurde und so auf seiner Basis Weiterentwick- lungen möglich waren. Gesten – vor allem Zeigegesten – spielen dabei eine zentrale Rolle. Michael Tomasello hat die Gesten von Menschenaffen und jene von kleinen Kin- dern systematisch miteinander verglichen und kommt zu einem interessanten Er- gebnis: Menschenaffen verwenden Ges- ten, um Aufmerksamkeit zu erregen oder um anzudeuten, was sie wollen bezie- hungsweise was geschehen soll. Das ma- chen auch kleine Kinder, wenn sie zum Beispiel ihre Ärmchen hochstrecken, um auf den Arm genommen zu werden. Um das erste Lebensjahr herum beginnen Menschenkinder aber auch mit etwas, das Affen niemals tun: Sie zeigen auf Gegen- stände, um sie mit anderen zu teilen, ein gemeinsames Bewusstsein zu erzeugen. Wer schon einmal einen Spaziergang mit einem kleinen Kind unternommen hat, weiß, was gemeint ist: Vor lauter „Guck mal“ kommt man nicht weit.

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Mensch und Tier wollen sich mit ihrer Umwelt aus- tauschen. Beide brauchen Anerkennung und Zuwen-

Mensch und Tier wollen sich mit ihrer Umwelt aus- tauschen. Beide brauchen Anerkennung und Zuwen- dung der Gruppe

4. NORMATIVITÄT

Die Idee von Normativität hängt mit der Objektivität eng zusammen: Man kann die gemeinsame Sprache immer richtig oder falsch verwenden, und man kann richtig oder falsch denken. Man erinnere sich an das Experiment mit der black box:

Für die Kinder ging es dabei anders als für die Schimpansen um eine Situation, in der sie es richtig machen wollten. Men- schen entwickeln schon früh ein Bewusst- sein für solche normativen Strukturen, die für eine Gruppe verbindlich sind. Schon im Kindergartenalter befolgen sie nicht nur Normen, sie achten sogar dar- auf, dass andere das auch tun.

Kultur, Sprache, Objektivität und Norma- tivität sind Facetten des menschlichen Denkens, wie es durch ein gemeinsames Bewusstsein erst möglich wird. Menschen können deshalb nachdenken, also ihren Geist kritisch auf sich selbst richten: Ist das wirklich so? War es jetzt richtig, das zu tun? Welche Alternativen gibt es? Sol- che Fragen können nur sie sich stellen. Und die menschliche Lebensform ist durchgängig dadurch bestimmt. Nachdenken zu können bedeutet, sich in diesem gemeinsamen kulturellen Be- wusstsein zu bewegen und die persönliche Perspektive an allgemeineren Maßstäben zu messen. Darin liegt ein prinzipieller Unterschied zu allen anderen Lebewesen, eine „Sonderstellung“ des Menschen, wenn man es so nennen will. Wissen- schaft, Religion, Moral, Kunst – all das ist ohne gemeinsames Bewusstsein und Nachdenken unmöglich. Und es ist der

Kinder üben sich durch Zeigen in eine geteilte Wirklichkeit ein. Ihr individueller Geist erweitert sich, indem Objekte für „uns“ gemeinsam da sind. Und diese Ob- jekte müssen nicht begehrt werden. Der Vollmond ist zum Beispiel etwas, das klei- ne Kinder gerne staunend ihren Eltern zeigen.

3. OBJEKTIVITÄT

Der Objektbezug ist auch ein Merkmal tierischer Kommunikation. Wenn Grüne Meerkatzen zum Beispiel einen meckern- den Ruf ausstoßen, verweist dieser auf ei- ne Schlange. Und wenn eine heimgekehr- te Biene im Stock den Bienentanz aufführt, bezieht sich ihr Tanz auf ein ganz be-

stimmtes Objekt, die Futterquelle, deren Richtung, Entfernung und Ergiebigkeit angezeigt werden. Was in diesen geistigen Leistungen von Tieren aber fehlt, ist die Unterscheidung zwischen dem Objekt selbst und seiner Bedeutung für das Tier. Im Alarmruf der Meerkatzen und so wei- ter bilden Objekt und angemessenes Ver- halten eine Einheit – in diesem Fall: auf zwei Beine stellen und nach einer Schlan- ge Ausschau halten. Menschenkinder hin- gegen lernen im gemeinsamen Bewusst- sein, die eigene Perspektive und die Sache selbst zu unterscheiden. Dieses Verständ- nis für Objektivität ist die Voraussetzung für Denken im engeren Sinn, also für Ur- teilen und Reflektieren.

ist die Voraussetzung für Denken im engeren Sinn, also für Ur- teilen und Reflektieren. 44 PSYCHOLOGIE

Grund dafür, dass Menschen Bücher über Tiere, Tiere aber keine Bücher über Men- schen schreiben. Darüber sollte man aber nicht überse- hen, wie tief wir mit den Tieren verbunden sind. Mensch und Tier sind Lebewesen – darauf angewiesen, sich mit ihrer Um- gebung auszutauschen, Nahrung, Schutz und, bei höheren Tieren, Zuneigung und Anerkennung in der Gruppe zu finden. Dazu brauchen beide Intelligenz, und auf dieser Ebene gibt es keinen entscheiden- den Unterschied zwischen „uns“ und „ih- nen“. Menschen und Tiere leiden, wenn ihre Lebensbedürfnisse nicht erfüllt wer- den, und es geht ihnen gut, wenn das Um- gekehrte zutrifft. Denken ist evolutionär entstanden, weil es dem Organismus bei der Erfüllung seiner Bedürfnisse hilft – dabei, in einer komplizierten und unsi- cheren Welt zurechtzukommen. Und menschliches Nachdenken setzt tierische Intelligenz voraus. Es ist deshalb erstaunlich, dass die Vor- stellung, Tiere seien geistlose Wesen, so lange vorgeherrscht hat. Das hängt sicher- lich auch damit zusammen, dass sie eher verzehrt oder als Arbeitstiere genutzt wur- den, was das Interesse an der Erforschung ihrer geistigen Fähigkeiten nicht gerade gesteigert hat – man denke an die sprich-

wörtliche „dumme Kuh“. Etwas pole- misch gesagt: Als Nahrung, Transport- und Antriebsmittel in der Landwirtschaft konnten Tiere gar nicht geistlos genug erscheinen – das vereinfachte die Tierhal- tung. Hinzu kommt, dass die europäische Kultur erst ab dem 19. Jahrhundert über- haupt systematisch Kenntnisse über die geistigen Fähigkeiten von Menschenaffen sammeln konnte, den uns nächsten Ver- wandten im Tierreich. Einen Durchbruch bildeten dann die Forschungen von Jane Goodall und Dian Fossey seit der Mitte des 20. Jahrhunderts. In der Öffentlichkeit verlor die Vorstellung, dass es sich bei Menschenaffen um geist- und rechtlose Wesen handeln solle, damit rasch an Überzeugungskraft. Seit ungefähr einem halben Jahrhundert erforscht nun die Ko- gnitionswissenschaft die geistigen Leis- tungen verschiedener Tierarten intensiv und hat dabei die erstaunlichsten Entde- ckungen gemacht. Weitere Überraschun- gen sind zu erwarten. Zusammen mit der grundsätzlichen Einsicht, dass Menschen und Tiere im sel- ben Evolutionsprozess entstanden sind, hat diese Entwicklung Positionen begüns- tigt, in denen die tiefgreifenden Unter- schiede zwischen „uns“ und „ihnen“ weit-

gehend eingeebnet werden. Aus einem qualitativen Unterschied wird so ein bloß quantitativer. Dem muss man entgegen- treten, indem man zwischen Denken und Nachdenken unterscheidet und heraus- stellt, wie einzigartig die kulturelle Le- bensform ist, die aus dem geteilten Be- wusstsein des Menschen hervorgegangen ist. Wir sollten die verschiedenartigen In- telligenzen bewundern, die verschiedene Tierarten in ihren ökologischen Nischen entwickelt haben. Wir sollten unsere Ge- meinsamkeit mit ihnen als bedürftige und leidensfähige Lebewesen anerkennen und unser Verhalten gegenüber Tieren daran ausrichten. Aber wir sollten auch nicht vergessen, dass der menschliche Geist und das menschliche Denken einzigartig sind.

PH

Matthias Jung, Jahrgang 1960, ist seit 2010 Professor für philosophische Ethik und Rechts- philosophie am Institut für Kulturwissenschaft an der Universität Koblenz-Landau.

LITERATUR

Juliane Bräuer: Klüger als wir denken: Wozu Tiere fähig sind. Springer Spektrum, Berlin 2014

Reinhard Brandt: Können Tiere denken? Ein Beitrag zur Tierphilosophie. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2009

Michael Tomasello: Eine Naturgeschichte des menschlichen Denkens. Suhrkamp, Berlin 2014

Warum Demenz kein Schicksal ist! Die aktuelle Demenz-Forschung ist der Überzeugung, dass Demenz durch altersbedingte
Warum Demenz
kein Schicksal ist!
Die aktuelle Demenz-Forschung ist der Überzeugung,
dass Demenz durch altersbedingte Abbauprozesse im
Gehirn verursacht wird. Mit überzeugenden Argumenten
macht einer der führenden Hirnforscher deutlich, dass
diese gängige Vorstellung unzutreffend ist und den Blick
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Ein Paar jenseits der Konvention Was passiert, wenn ein Mann eine ältere Frau liebt? Das

Ein Paar jenseits der Konvention

Was passiert, wenn ein Mann eine ältere Frau liebt? Das kann man studieren, seit der 39-jährige Emmanuel Macron in Frankreich an die Macht kam – an seiner Seite seine 64-jährige Ehefrau Brigitte. Warum bewegt eine solche Konstellation immer noch die Gemüter?

VON URSULA RICHTER

S eit dem 14. Mai 2017 hat Frankreich einen neuenStaatspräsidenten,einenglühenden Verfechter Europas. Abseits der großen Politik staunt die Welt über ein Ehepaar jenseits bisheriger Konventionen: Der

39-jährige Präsident Emmanuel Macron ist mit einer 64-jährigenFrauverheiratet. DieserAltersunterschied war während der Kampagne um die Präsidentschaft ein großes Thema in den sozialen Netzwerken. Gehört nicht eine jüngere Frau zum Mann? Wie beiFrankreichsbisherigem PräsidentenFrançois Hol- lande, 63 Jahre alt, der elf Jahre älter war als seine Lebensgefährtin Valérie Trierweiler (die er schliess- lich für eine noch jüngere Frau, die 45-jährige Schau- spielerin Julie Gayet verlassen hat). Denken wir an Joschka Fischer, den ehemaligen Außenminister Deutschlands, mit seiner 27 Jahre jüngeren Ehefrau.

Oder an Melania Trump, die 24 Jahre jüngere Ehe- frau des derzeitigen US-Präsidenten Donald Trump (71 Jahre alt).

24 Jahre jüngere Ehe- frau des derzeitigen US-Präsidenten Donald Trump (71 Jahre alt). 46 PSYCHOLOGIE HEUTE

Wir sind an Paare wie diese seit jeher gewohnt, der Altersunterschied zwischen ihnen erstaunt uns nicht. Denn diese Paare entsprechen der Konvention hinsichtlich der Alterszusammensetzung von Frau- Mann-Beziehungen in unserem westlichen Kultur- kreis. Die Macrons dagegen sind ein Paar, das die geltende Norm auf den Kopf stellt. Frau Macron ist schlank, braungebrannt und blickt uns mit breitem Lächeln an. Sie trägt zu kur- ze Röcke, zu hohe Absätze, zu blonde Haare, gibt sich zu lässig-jugendlich – das sind die wesentlichen Kri- tikpunkte an ihr in den Medien. Das alles ziemt sich nicht in ihrem Alter, ist der Vorwurf. Emmanuel Ma- cron hält ihre Hand, er steht selbstverständlich zu ihr: „Sie wird nicht versteckt“, hat er angekündigt, „sie wird an meiner Seite sein, weil sie immer an meiner Seite war.“ Die pure Liebe ließen die Kritiker bei ihm, dem deutlich jüngeren Mann, als Grund- voraussetzung für seine Beziehung zu Brigitte jedoch nicht gelten. Es wurde versucht, Gründe zu finden, die für dieses Altersmuster „typisch“ sein sollen. Ge- rüchte machten die Runde, wonach Emmanuel Ma- cron in Wirklichkeit schwul sei. Er bezog Stellung, zum Beispiel in einem Interview mit der Zeitschrift Têtu: „Wenn ein Mann mit einer älteren Frau zu- sammenlebt, wird ihm unterstellt, er sei ein versteck- ter Homosexueller oder ein versteckter Gigolo. Das ist frauenfeindlich.“

Lieber unsichtbar bleiben?

Einen jüngeren Mann lieben – das war in den achtzi- ger Jahren des vergangenen Jahrhunderts (1989) der Titel meines Buches, das Aufsehen erregte, weil es ein Tabu berührte. Es betraf die Altersverteilung „Frau älter als Mann“ innerhalb einer heterosexuel- len Beziehung – eine Altersverteilung entgegen der Norm. Denn als „normal“ bezeichnen wir ein Paar, bei dem der Mann der Ältere ist, die Frau soll jünger sein als er, sie darf sogar ein, zwei Generationen jün- ger sein. Der umgekehrte Fall wird abgelehnt, mit Vorurteilen belegt, belächelt, unlautere Motive wer- den unterstellt, Liebe als Begründung der Beziehung wird in Abrede gestellt, zumindest angezweifelt. Als im Juni 1976 Carl Gustaf XVI. von Schweden die deutschstämmige Silvia Sommerlath heiratete, wur- de die Tatsache, dass Silvia eine Bürgerliche war, als weniger skandalös betrachtet als die zweieinhalb Jah- re, die sie älter als ihr königlicher Gatte ist. Mitte der 1980er Jahre, als ich in Wien lebte, führ- te ich Gespräche mit Paaren, bei denen der Mann mindestens fünf Jahre jünger war als seine Partnerin. Es gab natürlich diese „altersverkehrten“ Paare. Das

bewies auch die Statistik: Bei etwa 20 Prozent aller Ehen in Österreich war im Jahr 1988 die Frau min- destens ein Jahr älter als der Mann. Sie waren nicht alle verheiratet, sondern lebten auch in nichtehelicher Gemeinschaft. Aber das Paar blieb vorzugsweise un- sichtbar – wegen der Norm. Es war gleichsam als Phantom vorhanden, das sich unauffällig in die Schar der normalen Paare einreihte. Es war daher damals schwierig, Frauen und Männer zu finden, die bereit waren, über ihre „andere“ Partnerschaft offen zu sprechen. Dabei bestand die Abweichung von der Norm nur darin, dass der Mann der Jüngere, die Frau somit die Ältere in der Beziehung war. Allein die Umkehrung dieses Altersverhältnisses in ihrer Be- ziehung sorgte für Zurückhaltung und Scheu davor, über ihr gemeinsames Leben zu sprechen. Warum sie unsichtbar, unauffällig, wenig öffent- lich bleiben wollten? Sie fürchteten den Druck, die Macht der Vorurteile. Wie jene 40-jährige Frau, die ihrem Partner ihr wahres Alter lange verschwiegen hatte, weil sie befürchtete, der elf Jahre Jüngere wer- de sie dann verlassen. Sie war nicht sicher, ob sie mit vierzig für einen 29-jährigen Mann begehrenswert sein würde. Oder der 25-jährige Mann, der lieber allein auf Firmenfeste ging, um sich den anzüglichen Kommentaren über seine 34-jährige Partnerin im Kollegenkreis nicht stellen zu müssen. Und wenn sich der Jüngere mit der älteren Frau trauen ließ, glaubten die anderen nur an ein Glück auf Zeit. Im letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts lösten Paare, bei denen der Mann der Jüngere war – wie John Lennon und Yoko Ono oder Salvador und Gala Dalí –, zwar keinen Skandal mehr aus, aber ei- ne Frau von nebenan, die eine Liaison mit einem jüngeren Mann einging, wurde auch moralisch ver- teufelt. Sie habe Angst vor dem Altwerden, hieß es, vergreife sich an der Jugend, hindere den Jüngeren an einem „natürlichen“ Lebensverlauf. Wobei letz- teres Argument erklären könnte, weshalb die Verur- teilung der älteren Frau, die einen jungen Mann liebt, sich hartnäckig und vehement zu halten scheint. Es gehöre zu den grundsätzlichen Aufgaben der Ge- schlechter, die Menschheit zu erhalten, sich also fort- zupflanzen, das sei der natürliche Zweck einer Frau- Mann-Verbindung, heißt es. Ein Mann kann nur mit einer gebärfähigen Frau Kinder zeugen. Eine Frau jenseits des gebärfähigen Alters falle somit als „na- türliche“ Partnerin aus. Es ist der Groll der Mensch- heit, der die ältere Frau verfolgt, die ihr die Garantie des Weiterbestehens rauben will, wenn sie den jungen Mann in Besitz nimmt und ihn dadurch an seiner Pflichterfüllung hindert.

den jungen Mann in Besitz nimmt und ihn dadurch an seiner Pflichterfüllung hindert. PSYCHOLOGIE HEUTE 11/2017

Welche Motivation hat der jüngere Mann? Ist er schwul, unmännlich, schwach?

Doch auch die Motivation des jüngeren Mannes, der eine alte Frau liebt, wird skeptisch hinterfragt. Er findet sich in der Schublade der „unmännlichen“ und „schwachen“ Personen seines Geschlechts wieder. In Wirklichkeit ist er in recht illustrer Gesellschaft. Sie reicht vom König bis zum Punk: Männer, die – ent- gegen dem Vorurteil – Erfolg haben, vielleicht reich sind, unabhängig, selbstbewusst. Weder weil sie ihr Geld brauchten noch ihren Status – sie haben sich freiwillig für die Frau entschieden, die sie lieben. Frauen, die sich gleichfalls nicht verstecken müssen, wie das Vorurteil es will. Sie sind geistreich, fanta- sievoll, interessant und eigenständig. Ihre frauliche Schönheit hat die Glätte der Jugend ersetzt. Als Part- nerin fordern sie Gleichwertigkeit. Nicht, was sie selbst zu bieten haben: Lebenserfahrung, Orientie- rungshilfe, Identität.

Ein politischer Akt – die Verbindung mit einer älteren Frau

Wenn auch das Beziehungsmuster „Mann älter als Frau“ als die häufigste und am meisten verbreitete gegengeschlechtliche Verbindung gelten kann, traten doch die Verbindungen mit der älteren Frau in be- stimmten historischen Konstellationen nachweislich vermehrt in Erscheinung. In der höfischen Gesellschaft des hohen Mittel- alters war beispielsweise die Liebesbeziehung zwi- schen dem jungen Mann und der älteren verheira- tetenFrau dietypischeBeziehung, dieihrenAusdruck auch im Minnesang fand. Der Minnedienst war mit einer engen räumlichen Nähe zur geliebten Herrin verbunden. Daher kann angenommen werden, dass die Zuneigung des jungen angehenden Ritters durch- aus nicht immer unerwidert blieb, besonders in An- betracht der Tatsache, dass der Rittergatte häufig unterwegs war. Doch aufgrund ihrer Unerfüllbarkeit – die angebetete „hohe“ Frau war verheiratet und eine Scheidung so gut wie ausgeschlossen – geriet diese Liebe nicht mit der öffentlichen Moral in Kon-

flikt und konnte deshalb allgemein akzeptiert und zugelassen werden. Bis in die Neuzeit hinein ist auch die Bedeutung

der politischen Heirat für die Erweiterung territori- alen Besitzes und die Aneignung von Macht augen- fällig. Die Heiratsbündnisse wurden sorgfältig ge- plant, ermöglichten oft bedeutende Aufstiegsmög- lichkeiten für Adelsgeschlechter und knüpften

FreundschaftenzwischenbefeindetenVölkern.Kind-

liche Thronfolger, Fürsten und Herzöge wurden da- her ohne Zögern mit oft erheblich älteren Erbtöchtern vermählt, um politische Bündnisse zu gründen oder zu festigen. Um nur einige Beispiele zu nennen: Ka- tharina von Aragon war fast sechs Jahre älter als ihr Gemahl König Heinrich VIII. von England. Die Ehe (die 24 Jahre dauerte) sollte Englands Wiedereintritt in Europa sichern. Katharinas Tochter, Maria Tudor, heiratete 38-jährig als Königin von England den elf Jahre jüngeren Philipp II., um das Königreich Spa- nien mit England zu verbinden. Die Verbindung mit einer älteren Frau diente auch als Möglichkeit, Besitz zu sichern. Um die wirtschaft- liche Basis einer Adelsfamilie nicht zu gefährden, wurde bei zu vielen männlichen Nachkommen nicht selten einigen Söhnen die Eheschließung und Zeu- gung legitimer Nachkommen verwehrt. Als „Aus- weg“ konnte die Ehe mit der älteren Frau jenseits des gebärfähigen Alters eingegangen werden. Im Mittelalter des Zunfthandwerks ermöglichte das Witwenrecht einer Meisterswitwe, den Betrieb ihres verstorbenen Mannes weiterzuführen, wenn sie innerhalb eines bestimmten Zeitraums dem Be- trieb durch Wiederverheiratung einen Meister gab. Die Witwe heiratete zweckmäßigerweise oft ihren jungen Gesellen, der ja bereits mit der Arbeit im Be- trieb vertraut war. Dem Gesellen wurde dadurch er- möglicht, Meister zu werden, denn üblicherweise konnte nur derjenige Meister werden, der einen Be- trieb vorzuweisen hatte. Auch auf dem Bauernhof waren Verbindungen zwischen der älteren Frau und dem jüngeren Mann nicht ungewöhnlich. Wenn die verwitwete Bäuerin Ersatz für ihren verstorbenen Mann suchte, war die Jugend des Auserwählten kein Hindernis. Entschei- dend war vielmehr die Eignung des Mannes zur Füh- rung des Bauernhofes, die an körperliche Merkma- le gebunden war: Er musste kräftig und gesund sein.

Als die Liebe ins Spiel kam

Alle diese Verbindungen kamen jedoch kaum auf- grund einer freien Entscheidung der Partner zustan- de. Sie waren vielmehr Resultat gesellschaftlicher

Entscheidung der Partner zustan- de. Sie waren vielmehr Resultat gesellschaftlicher 48 PSYCHOLOGIE HEUTE 11/2017

Umstände, die die Umkehrung der Altershierarchie in einer Beziehung auslösten oder erforderlich mach- ten und sie somit legitimierten. Die Verhältnisse stellten sich im Verlauf des 18. und 19. Jahrhunderts verändert dar. Der Aufbau der bürgerlichen Gesellschaft ging unaufhaltsam voran. Sie schuf ihre eigenen Werte, aufgrund derer die Tra- dition der „Mann älter als Frau“-Beziehung zur all- gemeinverbindlichen Norm erhoben wurde. Diese Norm war Ausdruck des erwünschten Verhältnisses der Geschlechter zueinander. Eine Frau war im Prin- zip dem Mann untertan. Vor dem Hintergrund die- ser gesellschaftlichen Wertung der Geschlechter trat um die Jahrhundertwende, in der Zeit der deutschen Romantik, eine Generation von ungewöhnlichen Frauen und Männern auf, die die bürgerliche Gesell- schaft infrage stellten und das von ihr vertretene „ideale“ Frauen- und Ehebild ablehnten.

Sie nahmen sich die Freiheit

Als die einzig mögliche Voraussetzung für eine Ehe wurde nun die Liebe betrachtet. Liebe und Ehe hatten als Ziel, die Vollendung der Individualität der Partner zu bewirken: Frau und Mann gehen nur deshalb ei- ne Beziehung ein, weil sie sich lieben, und diese Lie- besbeziehung ist gleichzeitig das selbstverständliche Bedürfnis, sich gegenseitig bei der Verwirklichung der „inneren Person“, der Individualität beizustehen. Im Rahmen dieser aufklärerisch-romantischen Be- wegung schien eine „Frau älter als Mann“-Beziehung nichts Unmögliches zu sein, solange das Motiv die Liebe war. Neben Caroline Schlegel-Schelling ist ei- ne Reihe von Frauen bekannt, wie Charlotte von Stein oder Annette von Droste-Hülshoff, die sich die Frei- heit nahmen, Männer zu lieben, die jünger waren als sie selbst. Gemessen an den bürgerlichen Maßstäben, war eine solche Verbindung eine Herausforderung dergeltendenWerthaltungen.SichalsFrauundMann zur geistig-körperlichen Liebe als Basis und Zweck der Ehe zu bekennen und diese nicht vorrangig als Dienst der Frau am Mann und an den Kindern zu verstehen, das war für viele skandalös. Laut Auskunft des Statistischen Bundesamts wur- den im Jahr 2015 in Deutschland 17 Prozent der Ehen mit der umgekehrten Altersteilung – die Frau ist äl- ter als der Mann – registriert. Bei sechs Prozent aller Ehen trennt ein Altersunterschied von mehr als zehn Jahren die Paare. Die Wahrscheinlichkeit ist heute also groß, dass man ein Paar kennt, bei dem die Frau älter ist als der Mann. Für viele Menschen gilt allerdings noch immer die althergebrachte Vorstellung von der Frau als Part-

nerin: Sie darf keine Konkurrenz für den Mann sein, darf nicht größer und nicht angesehener sein, keine höhere Bildung, keine bessere berufliche Position haben als er. Und sie darf nicht älter sein. Aber alle glauben an die Liebe. Auch wenn sie nur dann „rich- tig“ zu sein scheint, wenn auch die anderen Bedin- gungen passen. Schaut man bei einer „Mann jünger als Frau“- Verbindung genauer hin, dann ist es meist der jün- gere Mann, der die ältere Frau davon überzeugt, dass das Alter für ihre Liebesbeziehung keine Rolle spielt. Immer noch plagen sich Frauen mit Selbstzweifeln herum, wenn es darum geht, einen jüngeren Mann zu lieben. Vor dem Hintergrund der allzeit propa- gierten Jugendlichkeit bangen sie um ihre Attrakti- vität als Ältere, zweifeln, dass sie für den Jüngeren über seine erste Verliebtheit hinaus langfristig be- gehrenswert erscheinen werden. Es ist tatsächlich der jüngere Mann, der diese Bedenken zerstreut, wenn er sich verliebt und sich entschieden hat. Nicht erst seit die Welt nach Frankreich auf den 39-jährigen Präsidenten Emma- nuel Macron und seine 64-jährige Frau Brigitte schaut. Aufgrund ihrer bedeutenden öffentlichen Stellung sind Brigitte und Emmanuel Macron maßgeb- licher als die Paare aus der Regen- bogenpresse geeignet, als Vorbil- der zu wirken. Denn ist das Pri- vate nicht auch politisch? Das ken- nen wir bereits aus der Frauenbewegung der letzten Jahrzehnte in Anlehnung oder Fortführung des alten Sponti-Spruchs, um das damals notwendige Kämp- ferische zu verdeutlichen, als es um die Demokrati- sierung der gesellschaftlichen Schichtung und die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern ging. Das französische Ehepaar Macron schafft es nun, von einer gesellschaftspolitischen Plattform aus Ak- zente zu setzen entgegen der Norm: die Neubewer- tung der Altershierarchie in einer Frau-Mann-Be- ziehung vorzuleben, wenn die Frau die Ältere und der Mann der Jüngere des Paares ist. Auf die Fort- setzung können wir gespannt sein. PH

Dr. Ursula Richter ist Soziologin. Als Standardwerke zum Thema gelten ihre Bücher Einen jüngeren Mann lieben. Neue Beziehungschancen für Frauen (Kreuz 1989) und Frauen lieben jüngere Männer. Ein anderer Weg zum Glück (Kreuz 2010).

Meist über-

zeugt der

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KÖRPER & SEELE REDAKTION: THOMAS SAUM-ALDEHOFF Individualreisen in Todesnähe Niemand weiß, was Menschen erleben,

Individualreisen in Todesnähe

Niemand weiß, was Menschen erleben, wenn sie ster- ben. Doch manche, die dem Tod nahe waren, erin- nern sich später an eindrucksvolle Erlebnisse, die bisweilen zu einer Art Erzählung verwoben sind. Gibt es ein typisches „Narrativ“, einen Plot, der dabei im- mer wieder auftaucht, unabhängig von der Person und den Umständen der Todesnähe? Dieser Frage sind jetzt Charlotte Martial und ih- re Mitforscher an der Universität von Lüttich in Bel- gien nachgegangen. Sie analysierten die Aufzeich- nungen von 154 Frauen und Männern, die schriftlich festgehalten hatten, was sie bei ihrer Begegnung mit dem Tod durchlebten. Das Ergebnis: Die typische Nahtoderzählung gibt es nicht, die Geschichten sind von Mensch zu Mensch verschieden. Allerdings gibt es Versatzstücke, die in vielen der Erzählungen auftauchen. Das häufigste (und am we- nigsten spezifische) ist ein Gefühl von tiefem Frieden, das 80 Prozent der Teilnehmer beschrieben. 69 Pro- zent erblickten das berühmte „helle Licht“, 64 Pro- zent berichteten über Begegnungen mit Menschen

oder anderen Wesenheiten. Selten hingegen war die Rede von einem beschleunigt dahinrasenden Fluss der Gedanken (5 Prozent) oder von Visionen zu- künftiger Geschehnisse (4 Prozent). Am häufigsten (35 Prozent) leitete ein außerkör- perliches Erlebnis die Nahtoderfahrung ein: Die Be- treffenden hatten also das Gefühl, aus ihrem leblos daliegenden Körper hinauszutreten. Was sie dann weiter erlebten, war allerdings unterschiedlich. In 22 Prozent folgte darauf der vielzitierte Tunnel, dann das helle Licht an dessen Ende und schließlich das Friedensgefühl. Dass die Nahtodreise oft damit ab- schloss, dass der Reisende in seinen Körper zurück- kehrte (36 Prozent), folgt einer gewissen Logik. Charlotte Martial will nun mehr darüber heraus- finden, welche dieser Elemente von Nahtoderzäh- lungen eher den kulturellen Hintergrund repräsen- tieren und welche mit universellen neurophysiolo- gischen Mechanismen in Verbindung stehen. TSA

DOI: 10.3389/fnhum.2017.00311

Dem hellen Licht entgegen: Nicht alle Nahtoderleb- nisse folgen diesem Erzählstrang

Dem hellen Licht entgegen: Nicht alle Nahtoderleb- nisse folgen diesem Erzählstrang 52 PSYCHOLOGIE HEUTE 11/2017

FOTO: CYDONNA / PHOTOCASE.DE

Beim Küssen neigen die meisten Menschen ihren Kopf nach rechts. Das haben Kussforscher nun sogar in Bangladesch bestätigt, wo das Busseln eine sehr private Angelegenheit ist. Die 48 Paare küssten sich denn auch in den eigenen vier Wänden. Zwei Drittel sowohl der „Initiatoren“ (fast immer die Männer) als auch der „Rezipienten“ waren Rechtsküsser. Wie die Händigkeit werde das Küssen wohl arbeitsteilig von den beiden Hirnhälften organisiert, so die Forscher.

DOI: 10.1038/s41598-017-04942-9

ALSO SPRACH ÄSKULAP
ALSO
SPRACH
ÄSKULAP
DOI: 10.1038/s41598-017-04942-9 ALSO SPRACH ÄSKULAP „Wie wollen wir bei- spielsweise damit umgehen, wenn Leute

„Wie wollen wir bei- spielsweise damit umgehen, wenn Leute ihren eigenen Körper mittels fotografischer Verfahren in die virtuelle Rea- lität projizieren? Dort könnten sie dann quasi unsterblich werden und für ihre Angehörigen auch nach dem Tode besuchbar sein. Wird das dazu führen, dass uns der reale Tod der Menschen dann egal ist?“

Soziologe Jonathan Harth untersucht an der Universität Witten/ Herdecke, welche Folgen die Weiterentwicklung der virtuellen Realität für Gesellschaft und Individuum haben könnte (idw)

für Gesellschaft und Individuum haben könnte (idw) Seid willkommen, liebe Sorgen! Zugegeben: Es fühlt sich

Seid willkommen, liebe Sorgen!

Zugegeben: Es fühlt sich nicht sonderlich gut an, wenn man oft reizbar, nervös und ängstlich ist, wenn einen gleich der Frust packt, sobald es mal nicht so läuft, wenn man rasch beleidigt reagiert und wenn man sich ständig Sorgen macht oder schämt. Doch dieser Per- sönlichkeitszug, den Psychologen „Neurotizismus“ nennen, hat auch sein Gutes. Zum Beispiel kann er eine Art Lebensversicherung sein, wie Forscher der Universitäten von Edinburgh und Southampton jetzt in einer großen Langzeitstudie bestätigt haben. 502 655 Personen im Alter zwischen 37 und 73 Jah- ren wurden über ihre Persönlichkeit und Gesundheit befragt. Gut sechs Jahre später waren 4497 von ihnen verstorben. Die britischen Untersucher stellten fest, dass „neurotische“ Teilnehmer ein etwas geringeres Ausgangsrisiko hatten, in dieser Gruppe zu landen – jedenfalls diejenigen unter ihnen, die ihren Gesund-

heitszustand als bedenklich ein- schätzten. Ihr in- nerer Alarmismus machte sie wohl „wachsam gegen- über ihrer Gesund-

heit“,vermutetHauptau-

torin Catharine Gale. Vor allem die Neigung zu Verletzlich- keit und Sorgenmachen erwies sich als Schutzfaktor – und zwar selbst dann, als die Forscher gesundheitsschädliche Verhaltensweisen wie Rauchen, Alkohol, schlechte Ernährung und wenig Bewegung ausklammerten.

TSA

DOI: 10.1177/0956797617709813

Ernährung und wenig Bewegung ausklammerten. T S A DOI: 10.1177/0956797617709813 PSYCHOLOGIE HEUTE 11/2017 53
Menschen, die viel Zucker zu sich nehmen, sind häufiger als andere psychisch angeschlagen. Doch essen

Menschen, die viel Zucker zu sich nehmen, sind häufiger als andere psychisch angeschlagen. Doch essen sie nun viel Süßes, weil sie seelisch leiden, oder leiden sie, weil sie zu süß essen? Eindeutig Letzteres, wie jetzt eine große Langzeitstudie aus England belegt: Wer stark gezuckerte Speisen und Getränke verzehrte, litt fünf Jahre später häufiger unter Depressi- onen. Andersherum galt das nicht.

Sobald wir intensivem Licht ausgesetzt sind, treffen wir schlechtere und inkonse- quente Entscheidungen. Zum Beispiel ziehen wir ein unkalkulierbares Risiko einem kalkulierbaren vor. Das beobachteten austra- lische Forscher in Experi- menten, bei denen die Pro- banden die Wahl hatten zwi- schen einem sicheren kleinen Geldbetrag und der Chance, einen höheren Betrag zu ge- winnen.

DOI: 10.1371/journal.pone.0181112

DOI: 10.1038/s41598-017-05649-7

10.1371/journal.pone.0181112 DOI: 10.1038/s41598-017-05649-7 Demenz stoppt Sport – nicht umgekehrt Sport und Bewegung

Demenz stoppt Sport – nicht umgekehrt

Sport und Bewegung sind in vielerlei Hinsicht gut für die körper- liche, psychische und kognitive Gesundheit. Doch sie schützen offenbar nicht vor Demenz – etlichen Untersuchungen und zahl- losen Meldungen zum Trotz. Das zeigt jetzt die Whitehall-II-Stu- die, so genannt nach einer Straße in London, an der viele britische Behörden angesiedelt sind. Denn für die Studie werden zahlreiche Staatsangestellte seit 28 Jahren regelmäßig befragt und untersucht. In die aktuelle Analyse gingen die Daten von 7424 Teilnehmern ein, von denen bis zur Auswertung 329 an einer Demenz erkrankt waren. Wie sich herausstellte, hatte es auf das Demenzrisiko kei- nen Einfluss, ob sich die Büromenschen im mittleren Lebensalter regelmäßig beim Joggen oder Squash verausgabt hatten, beim Rad- fahren oder Tanzen mäßig auf Touren gekommen waren oder sich nur zum Kochen und Unkrautrupfen bewegt hatten. Andere Ri- sikofaktoren wurden dabei von den Forschern herausgerechnet. Erst in den letzten neun Jahren vor der Diagnose blieben die sportlichen Anstrengungen der Dementen immer mehr hinter de- nen der anderen zurück. Das jedoch lässt sich gut erklären: Demenz beginnt schleichend. Schon Jahre bevor etwa Alzheimer diagnos- tiziert wird, sind die Betroffenen nicht mehr so gesund wie früher. Und wohl deshalb treiben sie immer weniger Sport. Offenbar wur- den also bisher Ursache und Wirkung verwechselt, vermuten die Forscher aus England und Frankreich. JOCHEN PAULUS

DOI: 10.1136/bmj.j2709

aus England und Frankreich. J O C H E N P A U L U S

Bomben ohne Nachwirkung

Leiden Einwohner von Städten wie Dresden, die im Zweiten Weltkrieg zerbombt wurden, bis heute psy- chisch unter den Schreckensnächten? Ein Team um Martin Obschonka von der australischen Queensland University of Technology vermutete es. Die Älteren haben die traumatischen Erlebnisse nicht vergessen und ihren Kindern und Enkeln davon erzählt. Schließlich können durch traumatische Erfahrungen erworbene Empfindlichkeiten sogar biologisch durch sogenannte epigenetische Prozesse an die nächsten Generationen weitergegeben werden. Möglicherwei- se ließe sich so sogar die angebliche Furchtsamkeit der Deutschen erklären, im Ausland als German angst bekannt. Diese Ansicht vertrat jedenfalls der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt. Die Forscher um Martin Obschonka besorgten sich daher Selbstauskünfte der heutigen Einwohner von schwer bombardierten Städten und verglichen sie mit denen von Einwohnern verschont gebliebener Städte. Mehr als 33 000 Bewohner füllten einen gän- gigen Persönlichkeitstest aus, den Big Five. Er misst auch die Neurotizismus genannte Neigung zu Ängs- ten und Sorgen – mit Aussagen wie „Werde leicht nervös“. Als Forscher die Daten auswerteten, erlebten sie eine Überraschung: Die Bombenopfer und ihreNach- fahren entpuppten sich nicht als besonders neurotisch

fahren entpuppten sich nicht als besonders neurotisch – sie sind im Gegenteil sogar weniger empfindlich als

– sie sind im Gegenteil sogar weniger empfindlich als die Bewohner anderer Städte. Sie sind auch sel- tener depressiv, wie sich bei der Analyse von Daten einer großen Krankenkasse herausstellte. Da sie das Gegenteil erwartet hatten, tun sich die Wissenschaftler mit Erklärungen schwer. Denkbar wäre, dass vor allem ängstliche Bewohner die bom- bardierten Städte im Krieg für immer verlassen ha- ben – und nur die seelisch robusteren Naturen blie- ben und dieses Naturell auch an ihren Nachwuchs weiterreichten. Es könnte aber auch sein, dass die Bombardierungen die Menschen in den attackierten Städten widerstandsfähiger zurückließen, getreu dem zynischen Spruch „Was uns nicht umbringt, macht uns nur noch härter“. Nicht bestätigen konnten die Wissenschaftler auch das Klischee von der German angst. In ihrem inter- nationalen Vergleich lagen die Deutschen beim Neu- rotizismus im Mittelfeld. JOCHEN PAULUS

Die Bombennacht von Dresden – nachgestellt in einem TV-Zweiteiler von 2005

DOI: 10.1002/per.2104

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CLAUDIA CHRIST, FERDINAND MITTERLEHNER

»Ehrlicher Blick, offenes Herz, klare Spur – Mut für den eigenen Weg.«

Jetzt mal Klartext: Auch Männer haben ihre Krisen – und wollen doch nur authentisch leben. Sie wollen nicht nur funktionieren, sondern ihrem Leben einen Sinn geben, getragen von einem guten Umfeld. Schuldgefühle, Versagensängste, Verletzungen

machen krank und verstellen den Blick auf das, was zählt. Es braucht viel Mut, sich diesen Schwierigkeiten zu stellen und als echter Kerl, der mutig, stark und kämpferisch für sich und für andere sorgt.

Schwierigkeiten zu stellen und als echter Kerl, der mutig, stark und kämpferisch für sich und für
Schwierigkeiten zu stellen und als echter Kerl, der mutig, stark und kämpferisch für sich und für
Trinken, um nicht zu vergessen Soll man nun guten Gewissens dazu raten, nach dem Lernen

Trinken, um nicht zu vergessen

Soll man nun guten Gewissens dazu raten, nach dem Lernen zwei, drei Gläschen zu zwitschern, damit der Stoff besser sitzt? Jedenfalls haben Psychopharmakologen der University of Exeter nachgewiesen, dass Alkohol das Einprägen von Frischgelerntem fördert. Als Probanden standen 57 Frauen und 31 Männer zwi- schen 18 und 53 Jahren bereit, die von den Forschern als „Ge- sellschaftstrinker“ eingestuft wurden. Nachdem alle eine Wör- terlernaufgabe bewältigt hatten, wurden sie per Zufall in zwei Gruppen aufgeteilt. Die einen mussten abstinent bleiben, wäh- rend die anderen so viel trinken durften, wie sie wollten. Im Schnitt waren das vier Standardeinheiten, was insgesamt 0,3 Liter Wein entspricht. Am kommenden Tag mussten die Teilnehmer den Wörtertest wiederholen – und das Ergebnis war gesundheitspolitisch hei- kel: „Unsere Untersuchung zeigte nicht nur, dass diejenigen, die am Vortag getrunken hatten, besser abschnitten, sondern der Effekt war sogar stärker bei denen, die mehr getrunken hatten“, erläutert Studienleiterin Celia Morgan. Der Mechanismus da- hinter sei noch nicht voll verstanden. Wahrscheinlich blockiere Alkohol das Einprägen neuer Informationen. Daraufhin werde wohl im Gehirn ein Schalter umgelegt: von „Lernen“ auf „Kon- solidieren“, also Festigung des Frischgelernten im Langzeitge- dächtnis.

TSA

DOI: 10.1038/s41598-017-06305-w

1617

Wer noch ein Geschenk für einen Esoterikfan sucht – dies könnte die passende Lektüre sein: Vor 400 Jahren veröffentlichte der eng- lische Arzt und Philosoph Robert Fludd sein weltumspannendes Werk Utriusque cosmi maioris scilicet et minoris. Nach Art der Ro- senkreuzer – Fludd sympathisiert mit dem Geheimbund, bestreitet indes, ihm anzuge- hören – sucht der in London praktizierende Arzt nach einer magischen Verbindung, die sich von der Naturwissenschaft und Alche- mie über die Kabbala und Mystik bis hin zur Theologie spannt. Ebenfalls in Rosenkreuzer- manier illustriert Fludd seine Ideen mit einer verrätselten Ornamentik aus Zahlen, Zeichen und Symbolen. So tritt er den Beweis an, dass dort oben und hienieden auf magische Weise alles mit allem zusammenhängt. Ins- besondere legt der Theosoph und Mediziner dar, wie sich im Mikrokosmos, dem menschli- chen Körper, die Ordnung des Makrokosmos spiegelt, also des von der Astrologie ent- schlüsselten Universums. Ein guter Arzt müs- se folglich auch die Sterne befragen, um den Zustand seines Patienten zu ergründen, schließt Fludd.

Mit dem Kosmos auf Du und Du:

Robert Fludd

(1574– 1637)

ergründen, schließt Fludd. Mit dem Kosmos auf Du und Du: Robert Fludd (1574– 1637) 56 PSYCHOLOGIE
PSYCHOLOGIE HEUTE 11/2017 57

Die 100-Stunden-Krippe

In der DDR wuchsen Hunderttausende Babys und Kleinkinder in sogenannten Wochenkrippen auf. Montag früh brachten die Eltern sie in die Krippe und holten sie Freitagnachmittag wieder ab. Was den DDR-Funktionären als Zeichen gelebter Gleichberechtigung galt, hatte für die betroffenen Kinder langfristig verheerende Folgen

VON ANNE-EV USTORF

hatte für die betroffenen Kinder langfristig verheerende Folgen VON ANNE-EV USTORF 58 PSYCHOLOGIE HEUTE 11/2017

A ls Alleinerziehende zog Susanne Wagner zwei Söhne groß. Heute ist sie vierfache Oma und hält sich je- den Freitag für ihre Enkelkinder frei. „Die Kleinen sind mir das

Wichtigste“, erzählt die 56-Jährige, „ich bin ein to- taler Familienmensch.“ Dass sie selbst aber ein DDR- Wochenkrippenkind war, das den größten Teil seiner Säuglings- und Kleinkindzeit fern von der Mutter verbrachte, erfuhr sie erst vor wenigen Jahren. Zwar wusste die geborene Berlinerin, dass ihre alleiner- ziehende Mutter im Schichtdienst eines Elektroap- parate-Werkes in Berlin-Treptow viel arbeiten muss- te. Doch dass sie mit sechs Wochen in eine Wochen- krippe kam, war Susanne Wagner nicht bewusst. „Ich bin natürlich aus allen Wolken gefallen“, sagt Wagner. „Ich erinnere mich ja an nichts. Aber im Nachhinein wird mir für mein eigenes Leben so einiges klar.“ Inzwischen hat Susanne Wagner recherchiert und weiß: Sie ist eine von vielen. Zwar gibt es keine offi- ziellen Zahlen über die Anzahl der betroffenen Kin- der, doch lassen DDR-Statistiken über Wochenheim- plätze auf eine Zahl im sechsstelligen Bereich schlie- ßen. Forscher vermuten, dass zwischen 1949 und 1989 weit über hunderttausend Kinder in Wochenkrippen (für Kinder von 0 bis 3 Jahren) und Kinderwochen- heimen (für Kinder von 3 bis 6 Jahren) aufwuchsen. Sie wurden also am Montag in der Einrichtung ab- gegeben und am Freitag – oder manchmal auch erst am Samstag – wieder abgeholt. Vor allem Arbeitneh- mer mit unregelmäßigen Arbeitszeiten wie Schicht- arbeiter oder Künstler nutzten das Angebot, ebenso junge Mütter, die sich in der Ausbildung befanden. Und Alleinerziehende, die oft schlichtweg nicht wuss- ten, wohin mit ihrem Kind. Die Idee der Wochenkrippen und Kinderwochen- heime ging zurück auf den Wunsch der DDR-Füh- rung, dass die wenigen verfügbaren Arbeitskräfte in der DDR auch tatsächlich arbeiten und gleichzeitig viele Kinder in die Welt setzen sollten. Denn nach dem Krieg waren Arbeitskräfte knapp, und auch die Frauen mussten in die Produktion. Damit sich jedoch die Ziele Arbeitskraftzuwachs und Geburtenzuwachs vereinigen ließen, musste der junge Arbeiterstaat ent- sprechende Strukturen schaffen. Das Gesetz zum Mutterschutz im Jahr 1951 sorgte für einen massiven Ausbau der Kinderbetreuung, innerhalb von fünf Jahren entstanden 160 000 Kindergartenplätze, 40 000 Kinderkrippenplätze und 60 000 Heimplätze für Kleinstkinder. Auch der Ausbau von Wochen- einrichtungen wurde in den frühen Jahren der DDR

stark forciert: Von 1950 bis 1955 stieg allein die Zahl

der Wochenkrippenplätze für Babys und Kleinkinder von 2500 auf 14 300, ein Jahrzehnt später gab es be- reits 37 900 Wochenkrippenplätze für Kinder unter drei Jahren. Nach einer Mutterschutzfrist von nur sechs Wochen sollten junge Mütter ihre Kinder ganz- tags oder wochenweise in einer Krippe unterbringen und schnell an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. Drei Jahre später sollte dann der Wechsel in den Ganz- tagskindergarten folgen und im Alter von sechs Jah- ren die Einschulung; auch die Nachmittage verbrach- ten viele jüngere Schulkinder im Hort. Die DDR- Funktionäre priesen diese Entwicklung als Werk der Gleichberechtigung. In Artikel 7 der Verfassung vom 7. Oktober 1949 hieß es: „Mann und Frau sind gleich- berechtigt. Alle Gesetze und Bestimmungen, die der Gleichberechtigung der Frau entgegenstehen, sind aufgehoben.“ Auch die Pädagogin Ute Stary war ein Kinderwo- chenheimkind. Im Rahmen einer Promotion be- schäftigt sie sich heute mit den Auswirkungen der Betreuung in Wocheneinrichtungen und sammelt akribisch ehemalige Standorte. Parallel interviewt sie betroffene Eltern, Kinder und Erzieherinnen. „Ich habe schnell gemerkt, dass es in Bezug auf die Wo- cheneinrichtungen in vielen Familien nur bestenfalls eine Art Halbwissen gibt“, erklärt sie. „Zum einen weil die Kinder selbst wenig oder keine konkreten Erinnerungen haben. Und weil das Thema in den Familien häufig tabuisiert wird. Wenn ich die Eltern heute frage, warum sie ihre Kinder in eine Wochen- einrichtung gaben, bekomme ich häufig ausweichen- de Antworten. Oder sie können sich nicht mehr er- innern. Es gab anscheinend eine Art intuitives Wis- sen darum, dass es nicht die beste Lösung war.“

Weil Arbeits- kräfte knapp waren: Nach nur sechs Wo- chen Mutter- schutz kehrten Frauen an den Arbeitsplatz zurück – und gaben ihre Kleinkinder in die Krippe

kehrten Frauen an den Arbeitsplatz zurück – und gaben ihre Kleinkinder in die Krippe PSYCHOLOGIE HEUTE
kehrten Frauen an den Arbeitsplatz zurück – und gaben ihre Kleinkinder in die Krippe PSYCHOLOGIE HEUTE
Der Fokus lag auf norm- gerechtem Verhalten. Die individuellen Bedürfnisse der Kleinen spielten keine Rolle

Der Fokus lag auf norm- gerechtem Verhalten. Die individuellen Bedürfnisse der Kleinen spielten keine Rolle

Das war es in der Tat nicht. Eine ausgebildete Krip- penerzieherin hatte fünf bis sechs Kinder in ihrer Obhut und arbeitete im Schichtwechsel, immer wie- der mussten die Kinder also Bindungsabbrüche hin- nehmen. Der Fokus der erzieherischen Arbeit lag weniger auf den individuellen Bedürfnissen des Säug- lings oder Kleinkinds als auf der hygienischen und gesundheitlichen Versorgung der Kinder. Wie diese zu erledigen war, war genau festgelegt in einer Hand- reichung für Erzieherinnen mit dem Titel Pädagogi- sche Aufgaben und Arbeitsweise der Krippen, einer detaillierten Anweisung, die strengstens die Tages- pläne und Ziele der Erziehungsarbeit beschrieb und konkrete Vorgaben für die Entwicklungsaufgaben der Kinder machte. „Man hatte die Vorstellung, dass es bei den Kindern um soziale Objekte ging, die ge- staltet werden mussten“, berichtete der Soziologe Hans-Joachim Laewen vom Berliner Institut für an- gewandte Sozialisationsforschung in einer SWR2- Sendung über Kinderkrippen in der DDR. „Entspre- chend hat man wenig Rücksicht auf die Individua- lität der Kinder genommen, sondern sie konfrontiert

mit Erwartungen, die auf normgerechtes Verhalten zielen.“ Ute Stary etwa berichtet von Gesprächen mit ehe- maligen Wochenkrippen-Erzieherinnen, wonach die Babys lediglich zum Füttern und Wickeln aus ihren Bettchen genommen wurden. „Es sei partout unter- sagt gewesen, die Babys herauszunehmen, weil sie sonst verwöhnt werden würden“, erklärt Stary. „Das haben mir ehemalige Erzieherinnen und Auszubil- dende solcher Einrichtungen erzählt. Mich hat das sehr erschüttert. Wie sollen kleine Kinder motorische oder soziale Anregungen finden, wenn sie in der Wachphase die ganze Zeit in ihren Bettchen sitzen? Was ist mit emotionaler Zuwendung wie Trost und Nähe? Heute wissen wir, wie wichtig der Aufbau ei- ner stabilen sicheren Bindung ist. Dazu zählt unter anderem, als Kind seine Bezugspersonen als verläss- lich zu erleben.“ Insgesamt scheint es, als ob die Führungsriege der DDR den Eltern in erzieherischer Hinsicht nicht über den Weg traute. Zwar konnten Kinder in Wochen- einrichtungen rein theoretisch auch unter der Woche von den Eltern abgeholt werden, wenn diese frei hat- ten – praktisch aber rieten die Erzieherinnen oft da- von ab, weil dadurch die sogenannte Kontinuität der Erziehungsarbeit in den Krippen gestört würde. Bis- weilen blieben Kinder, schreibt die Soziologin Elke Großer, bei ungünstigen Arbeitszeiten der Eltern deshalb bis zu drei Wochen ununterbrochen in der Krippe oder dem Kinderwochenheim. Der Arbeiter- staat hatte seine ganz eigene Agenda: Die möglichst frühzeitige Betreuung von Kindern sollte auch dafür sorgen, dass deren Erziehung zu sozialistischen Per- sönlichkeiten sichergestellt wurde. So formulierte es Bildungsministerin Margot Honecker: „Wir sollten einen Menschen erziehen, der ein Kollektivmensch unserer Zeit ist, der weit mehr für das gesellschaft- liche Leben als für seine persönlichen Interessen lebt.“ Bereits Mitte der 1950er Jahre allerdings war klar, dass die Erziehung in Wochenkrippen für die dort betreuten Babys und Kleinkinder äußerst schädlich war. Die Ärztin Eva Schmidt-Kolmer von der Hum- boldt-Universität in Ostberlin untersuchte die Ent- wicklung von 1700 Krippenkindern in der DDR, da- runter auch Wochenkrippenkinder. In allen Unter- suchungsbereichen – Sprache, Motorik, emotionale Entwicklung, körperliche Gesundheit – zeigten die Wochenheimkinder gegenüber den regulären Krip- penkindern gravierende Defizite. Sogar Hospitalis- mus war eine häufige Folge der Betreuung in Wo- cheneinrichtungen. Doch die Risiken, die durch die Kollektivbetreuung bestanden, fanden kaum Beach-

Doch die Risiken, die durch die Kollektivbetreuung bestanden, fanden kaum Beach- 60 PSYCHOLOGIE HEUTE 11/2017

„MAN VERKANNTE IN DER DDR DIE BEDEUTUNG VON BEZUGSPERSONEN“

Karsten Laudien ist Professor für Ethik an der Evangelischen Hochschule Berlin. Er beschreibt die Hintergründe und Folgen der DDR-Kollektiverziehung

Herr Laudien, offiziellen Zahlen zufol- ge waren 440 000 Kinder und Ju- gendliche zwischen 1949 und 1990 in der DDR in regulären Kinderheimen untergebracht. Das wäre eine sehr hohe Zahl. Ist sie wirklich korrekt? Ja, sie ist gut recherchiert. Sie erscheint hoch, allerdings gab es damals im Be- reich der Jugendhilfe nur wenig Alter- nativmethoden für die Heimerziehung. 80 Prozent der Heimkinder wurden in der DDR in sogenannten Normalkin- derheimen und 20 Prozent in Spezial- heimen untergebracht. Diese Auftei- lung bildet das System der DDR-Päda- gogik ab. Es bestand aus zwei Katego- rien von Kindern: sogenannten normal erziehbaren und sogenannten schwer erziehbaren. Was war der Unterschied zwischen Normalheimen und Spezialheimen? Für die „normal erziehbaren“ Kinder bemühte man sich, einen guten Eltern- ersatz im Kinderheim zu schaffen. Für die „schwer erziehbaren“ Kinder galt das Prinzip der Umerziehung in den Spezialheimen und Jugendwerkhöfen. Dort stand die disziplinarische Ordnung im Zentrum, die mit groben und grau- samen Strafen durchgesetzt wurde. Welches Konzept von Erziehung herrschte in der DDR vor? Die DDR-Pädagogik war von der Idee eines antibürgerlichen Neuanfangs ge- prägt. Im Kommunistischen Manifest (1848) steht sinngemäß: Wir Kommu- nisten entreißen den bürgerlichen Fa- milien ihre Kinder und erziehen sie zu wahrhaften Menschen. Dieser skep- tische Blick auf die Familie als Keimzel- le des Staates stellt den theoretischen Hintergrund der DDR-Pädagogik dar. In diesem Sinne wurde der Kollektiver- ziehung gegenüber der elterlichen –

also bürgerlichen – Erziehung ein ho- her Stellenwert zuerkannt. Dies galt insbesondere dann, wenn als Gründe für Heimeinweisungen auch politische Aspekte eine Rolle spielten. Man hielt die Kollektiverziehung für so effektiv, dass man in den ersten Jahrzehnten der DDR glaubte, dass die Jugendhil- feeinrichtungen bald nicht mehr ge- braucht würden, weil diese Erziehung dazu führen werde, dass im Sozialis- mus keine Sozialprobleme entstünden. Heute wissen wir, dass es für Kinder das Wichtigste ist, eine stabile Eltern- bindung zu haben. Das hat uns die Bindungstheorie er- klärt. Sie war ab den 1960ern im Osten und Westen bekannt, aber wurde im Osten abgelehnt. Sie stellt die Kollek- tiverziehung infrage. In der DDR war man lange Zeit überzeugt, es sei aus- reichend, den Kindern gute Erzie- hungsbedingungen äußerlicher Art zu bieten, verkannte aber die Bedeutung von Bezugspersonen. Die Kinder beka- men also zu essen, wurden beschäftigt und gepflegt und gingen zur Schule. Das sollte reichen. Bis in die 1970er Jah- re wurde auch auf die Geschwisterbin- dungen keine Rücksicht genommen. Deshalb galten die Normalheime in der DDR auch als guter Ersatz einer elter- lichen Situation. Gehören auch die Wochenheime für Sie zu den Kinderheimen? Viele Heimkinder berichten, dass ihre sogenannte Heimkarriere im Wochen- heim begann. In den 1950er und 1960er Jahren waren ja sehr viele Kinder dort untergebracht. Wenn die Kinder sich dort nicht gut führten und Verhaltens- auffälligkeiten entwickelten, wurden sie in ein Normalheim übergeben. Es ist noch nicht systematisch geprüft wor-

den, welche Konsequenzen es hatte, dass in der DDR sehr viele und sehr klei- ne Kinder den größten Teil ihrer Kindheit außerhalb ihrer Familie aufwuchsen. Worunter leiden die ehemaligen Heim- kinder nach bisherigen Erkenntnissen am meisten? Viele ehemalige Heimkinder sind anfäl- lig dafür, sich selbst die Schuld zuzu- schreiben für das, was mit ihnen ge- schah. Solche Selbstzuschreibungen werden durch Demütigungserfah- rungen und unsensible Erzieher inten- siviert. Die Menschen, die sich bei uns melden, sind häufig von diesen Selbst- wertproblemen geprägt. Sie haben die Zeitzeugenplattform Jahrhundertkind ins Leben gerufen. Warum? Jeder Betroffene kann dort als Zeitzeu- ge auftreten und die Aufarbeitung selbst gestalten, er kann zum Beispiel einen Bericht über seinen Heimaufent- halt schreiben und damit einen Beitrag leisten, dass es zukünftigen Heimkin- dern besser geht. Das Ziel einer sol- chen Bemühung besteht darin, sich mit dem eigenen schweren Schicksal zu versöhnen, um das Leben wieder selbst in die Hand nehmen zu können.

INTERVIEW: ANNE-EV USTORF

ZUM NACHLESEN www.fonds-heimerziehung.de www.jahrhundertkind.de

Karsten Laudien studierte Theologie und Phi- losophie in Berlin und Paris. Seit 2004 hat er den Lehrstuhl für Ethik an der Evangelischen Hochschule Berlin inne. Schwer- punkte seiner Forschung sind die Heimerziehung sowie an- grenzende Gebiete wie die Vor- mundschaft und der Kinder- schutz. 2013 gründete Laudien das Deutsche Institut für Heim- erziehungsforschung

schutz. 2013 gründete Laudien das Deutsche Institut für Heim- erziehungsforschung PSYCHOLOGIE HEUTE 11/2017 61
schutz. 2013 gründete Laudien das Deutsche Institut für Heim- erziehungsforschung PSYCHOLOGIE HEUTE 11/2017 61

tung. Der Ausbau der Wocheneinrichtungen schritt rasend schnell voran, und die Errichtung der Berliner Mauer am 13. August 1961 beschleunigte noch ein- mal die ideologische Ausrichtung in Pädagogik und Kleinkindforschung: Was bislang an reformpädago- gischen Ansätzen vorhanden gewesen war, wurde nun zurückgefahren, auch Arbeitsgruppen zur Bin- dungstheorie mussten sich auflösen. Die politischen Ziele des Arbeiterstaats waren weit wichtiger als die individuellen Bedürfnisse von Babys und Kleinkin- dern. So schrieb die Justizministerin Hilde Benjamin am 25. April 1962 an ihren Kollegen Gesundheits- minister Max Sefrin: „Mir ist bekannt, dass führen- de Kinderärzte, besonders Frau Dr. Eva Schmidt- Kolmer, die Auffassung vertreten, dass Kinder in den Wochenkrippen sich langsamer entwickeln. Aus die- sem Grund befürwortet sie höchstens die Unterbrin- gung von Kindern in Tagesgruppen und betont das erhebliche Bedürfnis der Kleinkinder nach Nestwär- me … Ich halte es daher für dringend notwendig, dass eine ideologische Klärung bei den Ärzten über die Bedeutung der Unterbringung von Kleinkindern in Wochenheimen für die Sicherung der Durchset- zung der Gleichberechtigung der Frau erfolgt.“

Eine wirklich enge Bindung an die Eltern kam oft nicht zustande

Ab Mitte der 1960er Jahre verringerte sich die Zahl der Wochenheimplätze langsam. 1967 wurde die 5-Tage-Woche eingeführt, ab 1976 konnten sich Müt- ter nach der Geburt des zweiten Kindes bei voller Bezahlung ein Jahr freistellen lassen. Die nächste Generation war im Arbeitsmarkt angekommen, man war nicht mehr so darauf angewiesen, die Mütter am Arbeitsplatz zu halten. Zum ersten Mal in der Ge- schichte der DDR stieg nun die Geburtenrate: Nicht die umfassenden Kinderbetreuungsmöglichkeiten, sondern die Freiheit, sich selbst um das Baby zu küm- mern, ließ die Frauen also mehr Kinder bekommen. Über die Jahre sank damit auch die Zahl der Wo- cheneinrichtungen, im Jahr 1989 machten sie nur noch 1,6 Prozent der Betreuungseinrichtungen aus. Der Trend ging zur Familie. Und auch eine Überar- beitung der Bildungs- und Erziehungspläne für Krip- pe und Kita Mitte der 1980er Jahre ließ auf eine grö- ßere Wertschätzung der emotionalen Bindung zwi- schen Kindern und ihren Eltern schließen. Dennoch wurden 1989 noch 4800 Kinder in Wocheneinrich- tungen betreut. Für die inzwischen erwachsenen Kinder, die in Wocheneinrichtungen betreut worden waren, kamen diese Entwicklungen jedoch zu spät. Viele haben im

Laufe ihres Lebens auf vielfältige Art und Weise mit den Folgen der frühen Mutter- und Vaterentbehrung zu kämpfen gehabt. Eine wirklich enge Bindung an die Eltern kam oft nicht zustande, Sicherheit und Geborgenheit erfuhren sie nicht in dem Maße, in dem sie es gebraucht hätten. Viele litten an Ängsten, Depressionen oder sozialen Schwierigkeiten, einige leiden noch heute daran. „Von meinen Gesprächs- partnern berichten viele von Minderwertigkeitsge- fühlen und von Gefühlen des Fremdseins“, erzählt Ute Stary. „Und auch Beziehungen fallen ihnen oft schwer. Sie klagen über schwierige Verhältnisse zu leiblichen Eltern oder über Probleme, sich in Part- nerschaften einzulassen und den eigenen Kindern gerecht zu werden.“ Auch Susanne Wagner glaubt, dass ihr Leben an- ders verlaufen wäre, wenn sie nicht in der Wochen- krippe gewesen wäre. „Ich hatte in meiner Jugend wirklich depressive und haltlose Phasen und habe sehr lange gebraucht, um meinen Platz im Leben zu finden. Manchmal denke ich, dass meine Ehe viel- leicht noch Bestand hätte, wenn ich nicht in der Wo- chenkrippe gewesen wäre. Ich konnte mich einfach ganz schlecht binden.“ Froh ist sie allerdings, dass die Beziehung zu ihren Kindern gelang. Ihnen konn- te sie die Nähe und Sicherheit geben, die sie selbst nicht erfahren hatte. Inzwischen hat sie sich einiger- maßen versöhnt mit ihrer Geschichte und auch mit ihrer Mutter. Ute Stary hofft auf eine stärkere Wahrnehmung in der Öffentlichkeit sowie die Schaffung von An- laufstellen und gezielten Beratungsangeboten in den nächsten Jahren. Bis es soweit ist, unternimmt die Pädagogin weiterhin die schwierige Gratwanderung, über ein Thema zu forschen, das sie selbst unmittel- bar betrifft. „Ich habe zwar inzwischen viel im Rah- men von Selbsterfahrung und Biografiearbeit bewäl- tigt, aber ich muss immer genau schauen, eine pro- fessionelle Distanz zu wahren, weil da sehr starke emotionale Schicksale zutage kommen“, sagt sie. „Traumatisierung ist oft das richtige Wort. Auch für mich ist das Kinderwochenheim eine fundamentale Prägung. Jedes neue ehemalige Kind aus Wochen- einrichtungen, das ich interviewe, berührt immer wieder auch meine eigene Geschichte.“ PH

Für ihre Forschungsarbeit sucht die Pädagogin Ute Stary nach weiteren Standortangaben zu ehemaligen Wochenkrippen und Kinderwochenheimen in der DDR sowie nach Zeitzeugen, die entweder selbst in einer solchen Einrichtung waren, ihre Kinder in eine solche Einrichtung gegeben haben oder in einer solchen Einrichtung gearbeitet haben. Auch an jeglichen Zeitdokumen- ten (Fotos, Hausordnung, Dienstpläne, Arbeitsverträge, Unter- lagen) zum Thema ist sie interessiert und freut sich über eine Mail an ute.stary@icloud.com

zum Thema ist sie interessiert und freut sich über eine Mail an ute.stary@icloud.com 62 PSYCHOLOGIE HEUTE

„Das chinesische Wort für Weisheit bedeutet auch List“

Mit List und Tücke Ziele zu erreichen – das gilt bei uns als unrühm- liches Verhalten. Chinesen schätzen das ganz anders ein. Sie sehen darin eine kluge Strategie, erklärt der Jurist und Sinologe Harro von Senger

Sie sehen darin eine kluge Strategie, erklärt der Jurist und Sinologe Harro von Senger 64 PSYCHOLOGIE

ILLUSTRATIONEN: HUBERT WARTER

Herr von Senger, Sie sind Experte für chinesische Planungskunst und Listtechniken. Was verstehen Sie unter einer List?

Hierzulande setzen die meisten Menschen die List mit geschickter Täuschung und Lüge gleich. Es gibt aber auch ein tiefgründigeres Verständnis. So defi- niert der Duden List als schlaues „Mittel, mit dessen Hilfe jemand (andere täuschend) etwas zu erreichen sucht, was man auf normalem Wege nicht erreichen könnte“. Diese Formulierung ist eine gute Brücke zum chinesischen Listverständnis: „Etwas Außerge- wöhnliches erzeugen und so den Sieg erringen“.

Das Täuschen spielt nicht unbedingt eine Rolle, wenn wir listig handeln?

Aus der chinesischen Listdefinition wie auch aus der Listumschreibung im Duden geht hervor, dass die Täuschung kein unabdingbares Merkmal der List ist. Deshalb setzt die Duden-Redaktion, wie sie mir auf Nachfragehinmitteilte, „anderetäuschend“ in Klam- mern. Allerdings findet sich in dem Wörterbuch als allererstes Beispiel die Formulierung „eine teuflische List“. Sie wird also sofort als etwas Grundschlechtes hingestellt. In der Tat hat das Wort List in unserem Sprachraum einen etwas anrüchigen Klang, eine ne- gative Konnotation.

Genau, wir denken hierzulande an „List und Tü- cke“, an Irreführung, Manipulation, das Ausnut- zen von Arglosigkeit, an feindselige Absichten. Das ist in China anders?

In China würde man im Zusammenhang mit List keineswegs in erster Linie an etwas Verwerfliches denken. Im Gegenteil, das chinesische Wort für Weis- heit und Klugheit, nämlich zhi, bedeutet auch List. Darum benutze ich in meinen Büchern das Wort Strategem anstelle von List, es ist ein unbekanntes, wertneutral klingendes Wort. So möchte ich eine neutrale Herangehensweise an das Phänomen der List fördern, so wie sie im Reich der Mitte üblich ist. Es gibt noch einen Unterschied: Bei der Anwen- dung von List denkt man hierzulande ausschließlich an das aktive Überlisten eines Gegenübers. In China aber versteht man darunter insbesondere das dem Selbstschutz dienende passive Anwenden von Stra- tegemkompetenz. Es geht darum, die mutmaßliche List eines Opponenten rechtzeitig zu durchschauen und Überlegungen über die eigene Reaktion auf die sich abzeichnende List anzustellen. Listwissen wird also zum Überlisten, aber insbesondere auch zur Abwehr von List eingesetzt. Man sollte nun aber nicht meinen, dass chinesisches Planen und Handeln von morgens bis abends mit List operiert. List ist zwar ein, aber nicht das einzige Instrumen-

bis abends mit List operiert. List ist zwar ein, aber nicht das einzige Instrumen- PSYCHOLOGIE HEUTE

tarium der chinesischen Planungskunst, genannt moulüe.

Diese Planungskunst, habe ich in Ihren Büchern gelernt, zieht immer zweierlei Verhalten in Be- tracht: Sie rechnet sowohl mit transparentem Han- deln wie auch mit Untergrundregeln oder Listen. Sie sprechen vom Handeln im weißen und schwar- zen Feld. Wie muss man sich das vorstellen?

Moulüe kann man anhand des Yin-Yang-Symbols veranschaulichen. Diese Planungskunst umfasst zwei Sphären von Handlungsoptionen, bildlich gespro- chen eine helle Yang-Sphäre und eine dunkle Yin- Sphäre. Unlistiges Handeln kann man der weißen Hemisphäre zuordnen. Strategeme in ihrer Funktion als Werkzeuge zur unorthodoxen, schlauen, listigen Analyse und Lösung von Problemen fallen dagegen in die schwarze Hemisphäre. Moulüe-Kompetenz ist demnach, bildlich gesprochen, durch eine komple- mentäre Yin-Yang-Kompetenz gekennzeichnet und besteht in der simultanen Beherrschung von strate- gemischen und nichtstrategemischen Denk- und Handlungsweisen.

Sie sind in der Schweiz aufgewachsen. Wie kamen Sie überhaupt zur Beschäftigung mit chinesi- schen Listen?

Anfang der 1970er Jahre studierte ich in Taipeh an der Nationalen Taiwan-Universität Recht und ver- tiefte mich an der Pädagogischen Hochschule Taiwan in die chinesische Sprache. In dieser Zeit erwähnte mein Sprachlehrer beiläufig die Wendung Sanshiliu ji zou wei shang ce. Für mich bedeutete das damals:

„Von den 36 Plänen ist Wegrennen der beste“. Sofort fragte ich, welches diese „36 Pläne“ seien. Mein Leh- rer gab mir keine befriedigende Antwort. Noch glei- chentags fragte ich Kommilitonen danach. Wenige Tage später erschien ein Student mit einem Blatt Pa- pier, auf das er sämtliche 36 Pläne geschrieben hatte. Nach zwei weiteren Studienjahren an der Universität von Tokyo studierte ich von 1975 bis 1977 an der Peking-Universität. Dort fiel mir ein 1970 erschiene- nes armeeinternes chinesisch-englisches Wörterbuch für militärisches und politisches Vokabular in die Hände. Darin fand ich für den in chinesischen Schrift- zeichen wiedergegebenen Eintrag sanshiliu ji die eng- lische Übersetzung the thirty-six stratagems. Da erst wurde mir klar, dass die 36 Pläne in Wirklichkeit 36 Listen beziehungsweise Listtechniken bezeichnen.

Manche der 36 Strategeme verstehen wir gleich, wir können uns jedenfalls etwas darunter vorstel- len, etwa wenn wir das Strategem Nr. 6 lesen: „Im Osten lärmen, im Westen angreifen“. Anders ver- hält es sich beim Strategem Nr. 12. „Mit leichter

ver- hält es sich beim Strategem Nr. 12. „Mit leichter Harro von Senger ist Professor emeri-

Harro von Senger ist Professor emeri- tus für Sinologie der Albert-Ludwigs- Universität Freiburg im Breisgau. Er ist Experte für chinesisches Recht, veröffentlichte juristische und sino- logische Fach- literatur sowie zahl- reiche Sachbücher, die in 15 Sprachen übersetzt wurden

Hand das Schaf wegführen“, lautet die List, die mir erst mal nichts sagt. Was bedeutet das?

Versetzen wir uns in das vormoderne agrarische Chi- na, als diese Listformel entstand. Ein Bauer macht sich auf den Weg in einen Wald, um Holz zu holen. Da läuft ihm unversehens ein Schaf über den Weg. Der aus chinesischer Sicht unlistige, schlafmützige Bauer ist ganz auf das Holzsammeln fokussiert und nimmt das Schaf gar nicht wahr. Der listige Bauer hingegen sieht das Schaf, packt es und kommt abends nicht nur mit Holz, sondern auch mit einem Schaf nach Hause. Das Strategem Nr. 12 – übrigens eine täuschungsfreie List – ist das Strategem der allseitigen Wahrnehmung plötzlich auftauchender Chancen, insbesondere von solchen, die außerhalb des Inter- essenschwerpunkts liegen. Die 36 Strategeme sind universell. Sie werden be- reits in dem Buch, das ich 1973 in Taipeh gekauft habe, auch anhand von westlichen Beispielen illust- riert. Diesem Modell folgend, veranschauliche ich in meinen Büchern die Strategeme mit Anwendungs- beispielen nicht nur aus China, sondern auch aus der Bibel, aus Märchen der Gebrüder Grimm, afrikani- schen Geschichten und Ereignissen aus dem islami- schen Raum.

Dann bedienen sich Menschen in allen Zeiten und Kulturen derselben Listen?

Was in der Sprache fehlt, fehlt auch im Denken. Wie sagte doch Ludwig Wittgenstein? „Die Grenzen mei- ner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ Ei-

mei- ner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ Ei- Chancen ergreifen und „mit leichter Hand das

Chancen ergreifen und „mit leichter Hand das Schaf wegführen“

meiner Welt.“ Ei- Chancen ergreifen und „mit leichter Hand das Schaf wegführen“ 66 PSYCHOLOGIE HEUTE 11/2017

WEISHEIT FÜR DEN ALLTAG

Durch indirektes Handeln

erfolgreich sein. Einige Beispiele

für hilfreiche Strategeme

sein. Einige Beispiele für hilfreiche Strategeme Das Wasser trüben, um die Fische darin zu fangen: Wir

Das Wasser trüben, um die Fische

darin zu fangen: Wir kennen im

Deutschen den ähnlichen Ausdruck

„jemanden im Trüben fischen lassen“.

Gemeint ist in beiden Fällen: Es wird

eine Situation hergestellt, bei der das

Gegenüber nicht klar sehen kann. Der

Opponent wird in seiner Sicht behin-

dert und hat daher weniger Aussicht

auf Erfolg als normalerweise bei

„klarem Wasser“.

Auf das Gras schlagen, um die

Schlangen aufzuscheuchen: Wir ken-

nen diese List etwa als Redewendung

„auf den Busch klopfen“. Hier wird ei-

ne Lage erkundet oder jemand aus-

gehorcht. Oder es wird eventuell ein

Testballon gestartet: So wird der Op-

ponent provoziert, um zu sehen, wie

er reagiert.

Für die Rückkehr der Seele einen

Leichnam ausleihen: Wir kennen das

auch in unserer Sprache, weniger

drastisch ausgedrückt, als „alter Wein

in neuen Schläuchen“. Es bedeutet:

Einen schon längst bekannten Inhalt

neu benennen oder eine alte Idee

noch einmal in einer neuen Weise

präsentieren und sie als neuen Einfall

verkaufen.

Ausgeruht den erschöpften Feind

erwarten: Es bedeutet, einen Oppo-

nenten durch das Wartenlassen mür-

be zu machen und so indirekt zu

schwächen. Wir kennen den Vorwurf,

„eine Sache auszusitzen“. Es bedeu-

tet, sich passiv zu verhalten, zu war-

ten, bis eine Sache sich von selbst er-

ledigt.

Einen dürren Baum mit künstlichen

Blüten schmücken: Eine Sache wird

künstlich aufgehübscht und erscheint

viel attraktiver, als sie ist. Das Strate-

gem wird auch List der Scheinblüte,

Imponier- oder Schminkestrategem

genannt.

Einen Backstein hinwerfen, um einen

Jadestein zu erlangen: Damit ist das

Phänomen des Anfütterns gemeint.

Jemand setzt einen kleinen Köder

ein, ein Kompliment oder eine kleine

Aufmerksamkeit, die nicht viel kostet,

und erwartet für sein kleines Ge-

schenk einen weit größeren Nutzen

zu einem späteren Zeitpunkt.

Mit dem Messer eines anderen töten:

Hier geht es darum, die eigene Ver-

antwortung zu verschleiern oder zu

leugnen. Der eigentliche Täter gibt

sich hier unschuldig, erklärt sich für

nicht zuständig, schiebt die Tat einem

anderen in die Schuhe. Er selbst be-

hält eine weiße Weste.

Den Pflaumenbaum statt des Pfir-

sichbaums verdorren lassen: Diese

List lässt sich auch als Sündenbock-

oder Bauernopferstrategem verste-

hen. Dass man „die Kleinen hängt und

die Großen laufen lässt“, diese Re-

densart, die Ähnliches ausdrückt,

kennen wir unter anderem aus der

Welt der Politik. Meist trifft es Mitar-

beiter niederer Ränge. Das Strategem

bedeutet: Wer eine kleine, nicht so