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II.2.

 Rhetorik und Poetik


Martin von Koppenfels

1. Einleitung: Talking cure und Rhetorik

Von ihrem skandalumwitterten Ursprung an  – der ‚kathartischen Kur‘ Josef


Breuers und Sigmund Freuds  – verlegt die Psychoanalyse die Therapie derart
ausschließlich in den Akt und die Szene des Sprechens wie keine der ärztlichen
Praktiken, die bei ihrer Geburt Pate standen. Dem entspricht bei Freud eine Lehre
vom Menschen, die diesen so radikal als sprechendes Wesen konzipiert, wie
es kein anthropologischer Entwurf zuvor getan hatte. Was für die Konstruktion
dieser Lehre an gedanklichen Baustoffen vonnöten war, konnte nicht ausschließ-
lich der Neurophysiologie oder der Assoziationspsychologie des ausgehenden
19.  Jahrhunderts entnommen werden, unter deren Ägide Freuds ärztliche Aus-
bildung gestanden hatte. Stattdessen ist anzunehmen, dass er, wenn es um die
Artikulation des Verhältnisses von Subjekt und Sprache ging, notgedrungen auf
den jahrhundertealten Bildungsapparat von Rhetorik und Poetik zurückgreifen
musste (vgl. Jaffe 1980). Tatsächlich sind seine wiederholten Verneigungen vor
dem intuitiven psychologischen Wissen der Dichter sehr ernst zu nehmen. „Wir
schöpfen wahrscheinlich aus der gleichen Quelle“ (VII, 120), lautet ein typisches
Bekenntnis, was für den Begründer der Psychoanalyse vor allem bedeutete,
die literarische Tradition als Speicher von Inhalten zu behandeln, nämlich als
Quelle zum Nachweis von Phantasien, die außerhalb dichterischer Rahmung in
der Regel nicht bewusstseinsfähig wären. Die Begrifflichkeit von Rhetorik und
Poetik glänzt in seinen Schriften hingegen weitgehend durch Abwesenheit.
Dies gilt selbst für die einsamen Höhepunkte subtiler Bedeutungsanalysen im
Freud’schen Werk, für die Untersuchungen zur Traumarbeit und zum Witz. Sogar
rhetorische Allerweltsbegriffe wie ‚metaphorisch‘, ‚allegorisch‘ und ‚ironisch‘
benutzt er sehr sparsam. In dieser Hinsicht ist sein Œuvre ein Musterbeispiel für
den von Gérard Genette konstatierten „großen Schiffbruch der Rhetorik“ (Genette
1983 [1970], 242) in der Moderne, das heißt für ihre Abwertung und Verdrängung
aus dem wissenschaftlichen Diskurs seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert (vgl.
Bender und Wellbery 1990).
Dennoch ist es seit Langem üblich geworden, von einer „Renaissance der
Rhetorik bei Freud“ (de Certeau 1987, 117) zu sprechen oder zumindest den rhe-
torischen Charakter bestimmter Teile der Freud’schen Lehre hervorzuheben (vgl.
Benveniste 1966 [1956], 86–87; Jaffe 1980; White 1999; van der Zwaal 1987). Michel
de Certeau vertritt gar die These, Freud habe den Traum als „trojanisches Pferd“

https://doi.org/10.1515/9783110332681-003

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benutzt, um die Rhetorik wieder in die „Stadt der Wissenschaft“ (de Certeau 1987,
118) einzuschmuggeln. Solche Urteile sind inspiriert von der philosophischen
Wiederentdeckung eines kleinen Teils des rhetorischen Lehrgebäudes, der Tro-
penlehre, bei Autoren wie Jacques Derrida und Paul de Man sowie durch Jacques
Lacans Reinterpretation der Freud’schen Topik des Unbewussten mithilfe des
linguistischen Signifikantenbegriffs (vgl. de Man 1979; Derrida 1972; Lacan 1975a
[1966]). Kündigt Freuds Werk also das Wiederauftauchen des untergegangenen
Bildungskontinents namens Rhetorik an? Muss man lediglich gewisse fehlende
Begriffe (wie Metapher und Metonymie) in dieses Werk einpflanzen, um seinen
eigentlich rhetorischen Charakter ans Licht zu bringen?
Die Frage nach dem Verhältnis zwischen Psychoanalyse und Rhetorik impli-
ziert zweierlei: Außer derjenigen nach einer möglichen rhetorischen Dimension
der Psychoanalyse lässt sie auch die weniger offensichtliche Frage zu, ob der
Rhetorik eine psychoanalytische Dimension eignet. Und da die Grundhypothese
allen psychoanalytischen Denkens in der Annahme eines Unbewussten besteht,
lassen sich beide Fragen knapper fassen: Gibt es eine Rhetorik des Unbewuss-
ten? Und: Gibt es ein Unbewusstes der Rhetorik? Bevor solche Fragen auch nur
gestellt werden können, muss freilich der Gegenstand eingegrenzt werden, auf
den sie sich beziehen. Von welcher Rhetorik ist hier die Rede? Und von welcher
Psychoanalyse?

2. Rhetorik des Unbewussten – Unbewusstes der Rhetorik

Im Lauf einer vielhundertjährigen Geschichte hat sich unter dem Namen Rhetorik
ein verzweigtes Feld des praktischen und theoretischen Wissens über eine Fülle
von Aspekten der menschlichen Rede entwickelt. Innerhalb dieses Feldes sind zu
unterschiedlichen Zeiten sehr unterschiedliche Zielsetzungen verfolgt worden.
Neben die Rhetorik der Sophisten, die den Hauptakzent auf die Überwältigung des
Zuhörers legt (pathos), tritt die aristotelische Rhetorik, die den Schwerpunkt auf
die Theorie der Argumentation setzt (logos). Das hervorstechendste Merkmal der
ciceronianischen Rhetorik ist vielleicht die Inszenierung der Persönlichkeit des
Redners (êthos). Bei einigen Autoren der römischen Kaiserzeit kann man ferner
eine Verschmelzung von Rhetorik und Poetik beobachten. War es für Aristoteles
noch selbstverständlich, zwischen zwei Kunstlehren (technai) zu unterscheiden,
nämlich zwischen Rhetorik als Überzeugungslehre (zentriert im Begriff des rheto-
rischen Arguments oder Enthymems) und Poetik als Darstellungslehre (zen­triert
im Begriff der Mimesis), so werden die Grenzen jetzt, nicht zuletzt aufgrund des
Siegeszugs der Rhetorik im Bildungswesen, fließend. Der anonyme Autor des

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Traktats Vom Erhabenen (Peri hypsous, 1. Jh.) kann seine Beispiele genauso aus
den Reden des Demosthenes schöpfen wie aus dem biblischen Buch Genesis, aus
Homer oder aus Sapphos Oden. Für Roland Barthes ist diese Verschmelzung von
Rhetorik und Poetik die Voraussetzung für die Herausbildung des neuzeitlichen
Literaturbegriffs (vgl. Barthes 1988, 25). Barthes nennt die alte Rhetorik ein umfas-
sendes „Programm zur Diskurserzeugung“ (Barthes 1988, 19) und unterscheidet
sechs Aspekte dieses Programms: (1.) eine Technik, (2.) einen Unterricht, (3.) eine
Protowissenschaft, (4.) eine Moral (weil die Rhetorik u. a. den Affektausdruck
diszipliniert), (5.) eine gesellschaftliche Praxis, die den „Besitz des Sprechens“
(Barthes 1988, 16) garantieren soll, und (6.) eine Praxis des Spiels, das heißt eine
(anti-)rhetorische Kultur der Parodie und des sprachspielerischen Umsturzes. Die
meisten Untersuchungen zum Verhältnis zwischen Psychoanalyse und Rhetorik
setzen wie selbstverständlich an dem dritten, protowissenschaftlichen Aspekt
der Rhetorik an, genauer gesagt an einem eng umschriebenen Bereich desselben,
nämlich der elocutio oder lexis, die als Klassifikationssystem von Verfahren der
Sinnerzeugung verstanden wird.
Auch die Frage ‚Welche Psychoanalyse?‘ ist in diesem Zusammenhang alles
andere als trivial. Neben Freuds Grundlagenschriften wären über hundert Jahre
stürmischer theoretischer Entwicklung zu berücksichtigen, in denen die Frage,
wie das Subjekt zur Sprache kommt, oft genug im Zentrum der Kontroverse stand.
Wichtige Einschnitte in dieser Entwicklung werden etwa markiert durch die
Erweiterung des Begriffs des symbolischen Handelns in der Kinderanalyse bei
Anna Freud und Melanie Klein (Zeichnen, Spielen, Verhalten überhaupt), durch
Wilfred Bions Arbeiten zum unbewussten Denken und zu Denkstörungen, durch
Lacans Neuformulierung zentraler Freud’scher Konzepte auf der Basis des lin-
guistischen Strukturalismus sowie durch die Öffnung vor allem der poststruktu-
ralistischen Literaturwissenschaft auf psychoanalytisches Wissen (→ II.4. Post-
strukturalistische Theorie). Ein Beispiel dafür wäre Harold Blooms Versuch,
rhetorische Tropen als psychische Abwehrvorgänge zu denken (vgl. Bloom 1973).
Diese Öffnung macht deutlich, dass von nun an mit zwei Rezeptionsrichtungen
zu rechnen ist: Nicht nur der Umgang der Psychoanalyse mit rhetorischem und
poetologischem Wissen steht infrage, sondern auch derjenige der im 20. Jahrhun-
dert institutionalisierten Literaturwissenschaft mit der Psychoanalyse.
Im Folgenden kann nicht der Anspruch erhoben werden, die Frage nach der
Beziehung zwischen Psychoanalyse, Rhetorik und Poetik in die Tiefe des ana-
lytischen Feldes, wie es sich nach Freud entwickelt hat, hineinzutragen. Meine
Darstellung wird sich im Wesentlichen auf Freuds Œuvre beschränken müssen.
Drei theoretische Brennpunkte in diesem Werk versprechen Aufschluss über
die Beziehung zwischen Psychoanalyse und Rhetorik beziehungsweise Poetik:
erstens die Schriften zur Behandlungstechnik, die die sprechende Relation zwi-

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schen Analytiker und Analysand erforschen und regulieren. Sie gilt es zur rheto-
rischen Persuasionslehre ins Verhältnis zu setzen. Zweitens die sprachverliebten
hermeneutischen Grundlagentexte: die Analyse der Traumarbeit in der Traum-
deutung (1900) sowie die eng mit ihr verbundenen Studien Der Witz und seine
Beziehung zum Unbewußten (1905) und Zur Psychopathologie des Alltagslebens
(1904). Sie sind auf ihre Beziehung zur Lehre von der elocutio hin zu befragen.
Erst an dritter Stelle kommen Freuds verstreute Bemerkungen zur psychologi-
schen Funktion von Dichtung und Drama (u. a. Der Dichter und das Phantasieren
(1908)) in Betracht. Infrage steht ihre Beziehung zum alten Korpus der Poetik,
dessen Urtext Breuer und Freud ja bereits 1895 zitiert hatten, als sie ihre neu ent-
wickelte talking cure als „kathartische Methode“ (I, 254–265) bezeichneten.
Wie eingangs bemerkt, läuft die Frage ‚Verfügt die Psychoanalyse über eine
Rhetorik?‘ darauf hinaus, ob es eine Rhetorik des Unbewussten geben kann. Es
müsste dies eine Rhetorik im uneigentlichen Sinne sein  – eine Rhetorik ohne
Rhetor, eine Rhetorik des Schweigens, der Lücke, der Fehlleistung, des Wider-
stands. Die klassische Rhetorik hatte keinen Begriff vom Unbewussten. Sie war
damit befasst, das praktische Wissen der Antike über die bewusste Beeinflussung
des Zuhörers zu systematisieren. Psychoanalytisches Sprechen beginnt aber da,
wo die Intention einer bewussten Beeinflussung keine Rolle mehr spielt. Das „Ça
parle“ [Es spricht] (Lacan 1975b [1966], 125) der psychoanalytischen Erfahrung –
richtet es sich nach dem uralten Lehrplan von inventio, dispositio und elocutio?
Versucht man in einer ersten Annäherung, die psychoanalytische Theorie
vom Sprechen des Unbewussten nach dem Schema der fünf officia oratoris bezie-
hungsweise der fünf Teile der „rhetorischen Maschine“ (Barthes 1988, 52) zu
erfassen, so wird deutlich, an welchen Stellen die neue Erfahrung die alte Appa-
ratur verbiegt und sprengt: (1.) An die Systemstelle der inventio (des Auffindens
dessen, was zu sagen ist) tritt bei Freud eine Dynamik widerstreitender seeli-
scher Kräfte, ein Konflikt zwischen zensurierenden Instanzen und unbewuss-
ten Gedanken, welche zu bewusster sprachlicher Form drängen. Diese Dynamik
erfasst auch die Vorstellung der geistigen Lokalisierung, die notwendig zur Vor-
stellung des ‚Findens‘ gehört: War die Topik der alten Rhetorik noch ein weitge-
hend stabiler Speicher des allgemein akzeptierten Sagbaren (topoi, loci), so sind
die Topiken Freuds aporetische Architekturen, Denkmodelle zur Verortung see-
lischer Inhalte, die sich der Lokalisierung und bewussten Invention entziehen.
Das Unbewusste ist ein Gemeinplatz nur noch in dem radikalen Sinn, dass es
niemandes Ort ist. (2.) Die Stelle der dispositio (der Anordnung des zu Sagen-
den) nimmt in der Psychoanalyse die Nichtordnung der freien Assoziation ein,
bei der, nach einem von Freud prominent platzierten Schiller-Zitat, „der Verstand
seine Wache von den Toren zurückgezogen“ hat und „die Ideen […] pêle-mêle
herein[stürzen]“ (II/III, 107). (3.) Die elocutio (sprachliche Gestaltung) findet ihr

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psychoanalytisches Gegenstück vor allem in den aberwitzigen Zeichenoperatio-


nen des Traums, die Freud unter dem Begriff der Traumarbeit gefasst hat. Dieses
Kernstück seiner Lehre ist häufig (wenn auch ungenau) als ‚Rhetorik des Traums‘
bezeichnet worden. Über die Beziehungen zwischen elocutio und Traumarbeit
wird weiter unten ausführlicher zu sprechen sein.
Nicht vergessen werden sollten zwei weitere Funktionsebenen des rhetori-
schen Apparats: (4.) memoria (die zur freien Rede erforderliche Gedächtnisleis-
tung) und (5.) actio (der Vortrag). In keinem anderen Bereich wird der Bruch
der Psychoanalyse mit der impliziten Psychologie der alten Rhetorik so deutlich
wie in dem der memoria: Die Psychoanalyse als Kunst, Vergessenes zur Sprache
kommen zu lassen, trennt sich von antiker Mnemotechnik einerseits durch die
Rolle, die sie dem Vergessen (als alltäglichstem Effekt der Verdrängung, etwa in
Gestalt des Traumvergessens) zuweist, andererseits durch Freuds These von der
Unzerstörbarkeit unbewusster Gedächtnisspuren (vgl. II/III, 558). Indem er der
memoria die Unterscheidung ‚bewusst/unbewusst‘ einschreibt und die Psyche
durch verschiedene graphische Modellvorstellungen als „Schauplatz der Schrift“
konzipiert (vgl. Derrida 1967), entzieht er der rhetorischen Allianz von Gedächtnis
und Rede die Grundlage. Die actio hingegen, als theatralischer Ausgang der rhe-
torischen Produktionskette, findet in der psychoanalytischen Erfahrung gleich
eine ganze Reihe von Entsprechungen, die freilich nicht auf oratorischer Zusam-
menarbeit von Geste und Rede beruhen, sondern auf dem Widerstreit zwischen
Somatik und Diskurs. Diese Reihe beginnt mit dem Urobjekt der Psychoanalyse,
dem hysterischen Symptom; sie schließt dessen klinische Schwundstufe, das
‚Mitsprechen des Körpers‘ in der analytischen Situation, ebenso ein wie die Fehl-
leistung, den Witz-induzierten Lachkrampf oder das acting out, das widerstän-
dige Agieren außerhalb des Behandlungszimmers.
Die talking cure, so viel zeigt diese kurze Übersicht, ist keine oratory cure (vgl.
van der Zwaal 1987, 130). Derartiges zu behaupten, heißt, die analytische Bezie-
hung um die Dimension des Unbewussten zu kürzen, das Primat des Triebes
aufzugeben und die Rolle der Übertragung auszuklammern. Die Psychoanalyse
bedient sich der Sprache aller, aber ihr Sprechen ist nicht das Sprechen aller.
Bevor man diese besondere Art des Sprechens in rhetorische Begriffe fasst,
müsste man zunächst die Rhetorik analysieren. Die klassische Rhetorik war in
erster Linie eine Produktionstheorie persuasiver Rede und nur sekundär ein Ana-
lyseinstrument. In jenem primären Sinn aber ist Rhetorik eine Agentin der Ver-
drängung. Freud hat die Deutung der rätselhaftesten aller menschlichen Seelen-
tätigkeiten als „Via regia“ (II/III, 613) in die talking cure eingeführt, um die Macht
der konventionellen Rhetorik im Behandlungszimmer zu brechen; um Zugang
zu einem ‚anderen Sprechen‘ zu gewinnen, das keinem persuasiven Ziel mehr
dient. Der Bereich der Traumarbeit, der die engste Berührung mit einer Rhetorik

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im klassischen Sinne aufweist, ist zweifellos die sekundäre Bearbeitung. Sie ver-
fährt „tendenziös[ ]“ (II/III, 494), man könnte auch sagen: persuasiv und orato-
risch. Sie dient dazu, einen (innerpsychischen) Adressaten von etwas zu überzeu-
gen, nämlich das bewusste Ich von der Harmlosigkeit und logischen Stringenz
des Traums. Die sekundäre Bearbeitung gehört aber, folgt man Freud, eigentlich
nicht mehr der Psychologie des Traums an, sondern der des Wachbewusstseins.
Der zweite der eben genannten Aspekte, die Rhetorik als Instrument zur
Analyse signifikanter Prozesse, wird uns im übernächsten Abschnitt beschäfti-
gen. Freuds wichtigste Überlegungen zu Zeichenprozessen stehen im Kontext der
Traumdeutung, also der Hermeneutik (→ II.1. Semiotik). Nach Friedrich Schleier-
macher aber gilt: Hermeneutik und Rhetorik gehören zusammen, weil jeder Akt
des Verstehens die Umkehrung eines Aktes des Sprechens ist: „Interpretation
[…] is elocution in reverse.“ (Jaffe 1980, 51) Den Traum deuten heißt also umge-
kehrt nachvollziehen, wie der Traum spricht. Die rhetorische elocutio beschreibt
Reden als Prozess, als Redearbeit. Diese gilt es auf Freuds Begriff der Traumar-
beit zu beziehen, was freilich keine leichte Aufgabe ist, denn Freuds Beitrag zum
Verständnis menschlicher Zeichenpraktiken besteht in einer bemerkenswerten
Dynamisierung: Zeichen erscheinen bei ihm stets eingebunden in eine Ener-
getik, als Spielmarken eines triebhaften Geschehens, instabil und reversibel.
Wörter sind immer ‚besetzt‘ von Energiequanten, die ihre Bewegungen bestim-
men. Die Stabilisierung hermeneutischer Deutungsregeln wird da zum Problem.
Die Freud’sche Traumdeutung hat es – in viel größerem Maß, als sie wahrhaben
möchte – mit Affekten zu tun (vgl. von Koppenfels 2012). Auch die antike Rheto-
rik war zu entscheidenden Teilen eine Affekttechnik, die antike Poetik ohnehin.
Wer elocutio und Traumarbeit aufeinander beziehen will, darf keinen der beiden
Prozesse auf semantische Transaktionen reduzieren.

3. Persuasion und Übertragung

Am Anfang der Rhetorik steht der Wunsch, durch Worte zu herrschen, das heißt,
sich der Entscheidungsfreiheit des Zuhörers durch Worte zu bemächtigen. Dem
dienen seit Aristoteles die drei Überzeugungsmittel êthos, pathos und logos (vgl.
Aristoteles 2007 [4. Jh. v. Chr.], 1356a, 1–5). Im Bereich der Poetik herrscht eine
sublimierte Variante dieser persuasiven Funktion: Die Technik dient hier zwar
in der Regel nicht mehr der pragmatischen Überredung zu etwas, doch es bleibt
die Aufgabe des Textes, den Leser von sich selbst zu überzeugen, ihn an sich zu
binden. Der poetische (literarische) Akt teilt mit dem kommunikativen Akt der
Rhetorik den Wunsch nach solcher Bindung. Bindung an wen? Hier kommt die

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Kluft in den Blick, die den Zuhörer der Rede vom Leser des Textes trennt: Lite-
ratur ist per definitionem aus der pragmatisch bestimmbaren Situation der Rhe-
torik ausgestiegen. Der Kontakt zwischen Text und Leser ereignet sich in einem
unkontrollierbaren Irgendwo: hier oder dort, heute, in dreihundert Jahren oder
nie – jedenfalls in einem nicht fixierbaren Raum, der durch den Kunstbegriff der
Rezeption nur unzureichend umrissen wird. In diesem Punkt nun scheint das
psychoanalytische Sprechen eher rhetorischer als poetischer Natur: Es erscheint
als das situierte Sprechen schlechthin – durch räumliche Konfiguration, Dauer
und streng geregelte Wiederkehr der ‚Sitzung‘. Nichts könnte weiter entfernt sein
vom unvorhersehbaren Irgendwann-Irgendwo, an dem ein literarischer Text auf
seinen Leser trifft.
Doch nicht jedes situierte Sprechen ist ein rhetorisches. Der Gründungsakt
der Psychoanalyse – das darf hier nicht vergessen werden – war Freuds Abkehr
von der Hypnose, das heißt von einer Technik direkter, suggestiver Beeinflussung
im Medium der Sprache, unterstützt durch gewisse magische Mittelchen wie das
Handauflegen (vgl. XIII, 214). Die in der Folge entwickelten gestischen Maximen
(Aufgabe des Blickkontakts, Passivität, gleichschwebende Aufmerksamkeit)
dienen dem Ziel, eine Verstrickung in Verführung und Persuasion möglichst zu
erschweren. Die ausgebildete psychoanalytische Technik wird durch drei Merk-
male geradezu systematisch entrhetorisiert: (1.) durch den Ausschluss der Öffent-
lichkeit, durch den sich das psychoanalytische Sprechen den gesellschaftlichen
Trägern der Rhetorik, vor allem den Diskursen des Rechts und der Politik, ent-
zieht. Man könnte auch von einer Enttheatralisierung sprechen. (2.) Durch die
„psychoanalytische Grundregel“ (VIII, 373), die darauf abzielt, ein bedingungslo-
ses Sprechen zu konstituieren, das möglichst frei von bewussten Redeinten­tionen
ist. Hier geht es nicht darum, jemanden von etwas zu überzeugen, sondern ihn
etwas sagen zu lassen, von dem er nicht wusste, dass er es sagen kann, ja, dass
es überhaupt sagbar ist. (3.) Durch die Übertragungssituation: Das psychoanaly-
tische Sprechen findet nie nur an dem Ort und nur zwischen den beiden Perso-
nen statt, die ihm ihre Stimme und ihr Ohr leihen. Vor allem aber findet es nie
nur zu einer Zeit statt. Die ‚Übertragung‘ von aus der Vergangenheit stammenden
Affekten, Phantasien und Konflikten auf die analytische Situation ist eine Grund-
bedingung dieses Sprechens  – wohlgemerkt als Widerstand gegen das Ziel der
Bewusstwerdung. Wer wo wann zu wem spricht, wird damit auf eine Weise frag-
würdig, die sich kein antiker Rhetoriklehrer hätte träumen lassen. Durch diese
Verunsicherung wird die psychoanalytische Situation aber in gewissem Sinne der
schwebenden Redesituation literarischer Texte ähnlich. Es ist möglich, gewisse
spektakuläre Wirkungen von Reden oder Texten (Effekte des movere) als Übertra-
gungseffekte zu verstehen. Freud hat bekanntlich die ‚erschütternde‘ und ‚ergrei-
fende‘ (vgl. II/III, 268–269) Wirkung des Ödipus-Dramas in diesem Sinne gedeutet

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(→ III.6. Ödipus). Umgekehrt aber geht es nicht an, die Übertragung als Spielart
der Persuasion zu behandeln.
Nun ist freilich das Sprechen-des-Unbewussten, auf das etwa die Freud’sche
Traumhermeneutik zielt, keineswegs zweckfrei. Es ist vielmehr radikal zweckge-
bunden als Wunsch-Sprechen. An die systematische Stelle, die in der Rhetorik
die Persuasion innehat, tritt in Freuds Traumtheorie die Wunscherfüllung. Damit
soll nicht gesagt sein, dass die persuasive Rhetorik nicht ebenfalls wunschgetrie-
ben sei; Träume aber sind es nach Freuds Überzeugung auf eine direkte, halluzi-
natorische Weise. Dieses Motiv legt er – vermittelt durch das Zwischenglied der
Phantasie – auch den Produktionen der Dichter zugrunde (vgl. VII, 216). Zugleich
baut er seine Charakterisierung des Sprechens-des-Unbewussten in der Traum-
deutung in ein theatralisches, hochpolitisches Szenario ein, in dem es darum
geht, Kompromisse zu erzielen, verbotene Wünsche an einem Zensor vorbeizu-
schmuggeln etc. Hier scheint es durchaus um Überzeugung zu gehen, allerdings
in einem intrasubjektiven Sinn: Der manifeste Traum ‚will‘ eine richtende Instanz
von seiner Harmlosigkeit überzeugen, Affekte neutralisieren und dem Schlaf-
wunsch dienen. Und genau an dieser Stelle entfaltet Freud denn auch ein Arsenal
technischer Begriffe, das geradezu darauf angelegt zu sein scheint, mit den Figu-
renkatalogen der klassischen elocutio verglichen zu werden. Handelt es sich um
das Arsenal eines Sprechens, das den intersubjektiven Zwängen der Persuasion
entzogen ist? Eine unwillkürliche, entregelte Rhetorik?

4. Elocutio und Traumarbeit

Mit bewundernswerter Radikalität widmete Freud, nachdem er zuvor versucht


hatte, spekulative Psychologie und therapeutische Arbeit systematisch zu verbin-
den, seine Aufmerksamkeit jahrelang einem scheinbar abseitigen psychischen
Phänomen: Auf die Analyse des Traums ließ er sich so tief ein, dass sich die
Traumforschung als eigener Bereich in seinem Denken etablierte, der sich nie
mehr ganz bruchlos in seine Metapsychologie integrieren, sondern immer neue
Ergänzungen zur Traumlehre erfordern sollte. Es sind vor allem seine Überlegun-
gen zu Bedeutungsverhältnissen im Traum, die das Interesse von Sprach- und
Literaturwissenschaft auf sich gezogen haben – ein Interesse, das längst vorbe-
reitet war durch eine romantische Denktradition, die von psychologischen und
ästhetischen Affinitäten zwischen Traum und Dichtung ausging (vgl. Alt 2002;
Béguin 1937; Goumegou 2007). Dabei ist die Traumdeutung bei Freud strikt als
Teil der therapeutischen Technik zu betrachten: Nur weil Träume in die „psychi-
sche Verkettung“ (II/III, 105) der talking cure eingeschoben sind, werden sie zum

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 II.2. Rhetorik und Poetik   67

Gegenstand der Analyse. Das bedeutet auch, dass der Traum bei Freud stets als
Teil einer Übertragungsrelation anzusehen ist: Träume mögen „absolut egois-
tisch“ (II/III, 274) sein – sie werden jedoch in Beziehung auf jemanden geträumt.
Freuds grundstürzende Idee bestand darin, den manifesten Traum als End-
produkt einer bizarren gedanklichen Transformationsarbeit zu beschreiben.
Diese charakterisiert er einmal als Naturgeschehen  – „[W]enn dann die ganze
Masse dieser Traumgedanken der Pressung der Traumarbeit unterliegt, wobei
die Stücke gedreht, zerbröckelt und zusammengeschoben werden, etwa wie trei-
bendes Eis […]“ (II/III, 317)  –, dann wieder in technischen Bildern als „Gedan-
kenfabrik“ und „Weber-Meisterstück“ (II/III, 289, mit Zitat aus Faust I, Goethe
1986 [1808], 587). Der Punkt, in dem beide Bilder übereinkommen, ist die Vor-
stellung unüberschaubarer Komplexität. Innerhalb dieses Geschiebes und
Gewebes macht er vier wesentliche Mechanismen aus, die er als ‚Verdichtung‘,
‚Verschiebung‘, ‚Rücksicht auf Darstellbarkeit‘ und ‚sekundäre Bearbeitung‘
bezeichnet – wobei die vier keineswegs auf der gleichen systematischen Ebene
angesiedelt sind. Freud selbst hebt Verdichtung und Verschiebung als die beiden
„Werkmeister“ (II/III, 313) des Traums hervor. Die Namen seiner Mechanismen
entnimmt er nun keineswegs der Rhetorik, sondern, was die beiden letztgenann-
ten betrifft, vielmehr der Assoziationspsychologie Wilhelm Wundts (vgl. Wundt
1880; Jaffe 1980, 54). Eine mögliche Beziehung zu rhetorischen Operationen hat
Freud nur gelegentlich angedeutet. Wo er dies tut, da denkt er meist nicht an
den Traum, sondern an ein sehr viel sozialeres Phänomen, nämlich den Witz
(→ IV.7. Witz). „Keine Anknüpfung war da zu locker, kein Witz zu verwerflich, als
daß er nicht die Brücke von einem Gedanken zum andern hätte bilden dürfen“
(II/III, 535), schreibt er über die entfesselte Assoziativität des Traums. Und im
Witzbuch findet sich auch einer der seltenen Brückenschläge zum Walten der
Rhetorik in der Sphäre des bewussten Denkens: „Indirekte Darstellungen dieser
Art [hier: Gleichnisse] und Anspielungen, deren Beziehung zum Eigentlichen
leicht auffindbar ist, sind ja zulässige und vielgebrauchte Ausdrucksmittel auch
in unserem bewußten Denken. Die Traumarbeit übertreibt aber die Anwendung
dieser Mittel der indirekten Darstellung ins Schrankenlose.“ (VI, 196)
Wenige Konzepte Freuds haben die Sprach- und Kulturtheorie des 20. Jahr-
hunderts so fasziniert wie die Werkmeister des Traums. Im Hintergrund vieler
Bezugnahmen und Übersetzungsversuche der zweiten Jahrhunderthälfte steht
die Vision einer allgemeinen Semiotik, die endlich auch in die von Freud eröffne-
ten Bereiche des unbewussten Denkens hineinreichen würde. So erkannte Roman
Jakobson in der Traumarbeit die beiden grundlegenden Orientierungslinien des
strukturalistischen Sprachmodells wieder: die Achse der Selektion (die auf Simi-
larität basiert) und die Achse der Kombination (basierend auf Kontiguität). Diese
beiden Achsen wiederum identifizierte er mit einem metaphorischen und einem

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metonymischen Grundprinzip der Sprache. Die Freud’schen Mechanismen der


Traumarbeit ordnete er diesen beiden Prinzipien wie folgt zu: Auf der (metonymi-
schen) Achse der Kontiguität lokalisierte er die Verschiebung (die er als metony-
misch in einem engeren – figuralen – Sinn bezeichnete) und die Verdichtung (die
er als synekdochisch charakterisierte), auf der (metaphorischen) Achse der Simi-
larität die Identifizierung und die Darstellung durch Symbole (vgl. Jakobson 1956,
80–81). Dazu ist zweierlei zu bemerken: Zum einen stellt die Beschriftung der
beiden Balken von Jakobsons Kreuz mit den Begriffen Metapher und Metonymie
alles andere als eine Wiederkehr der Rhetorik dar. Es handelt sich um eine lingu-
istische und keine rhetorische Bezugnahme. In die Formulierung des struktura-
listischen Sprachmodells sind lediglich zwei Überbleibsel aus der Konkursmasse
der Rhetorik eingegangen. Zum anderen fällt die Asymmetrie der Zuordnung auf:
Jakobson verlegt die beiden Hauptmechanismen der Traumarbeit auf die eine
(metonymische) Achse seines Modells. Auf die andere Achse fallen zwei Begriffe,
die bei Freud in marginaler Position, als Darstellungsmittel (nicht als Mechanis-
men) des Traums erscheinen: erstens die Identifizierung (von Personen), die er
streng genommen gar nicht als Werk des Traums, sondern als „im Traummaterial
bereits vorgefunden“ (II/III, 325) behandelt, und zweitens die Darstellung durch
Symbole, die er erst in späteren Auflagen seines Buches stärker berücksichtigte
und für die er Ähnliches feststellt, nämlich dass sie nicht der Traumarbeit selbst
zugehört, sondern als kulturelles Fertigprodukt aus Folklore, Mythologie etc. in
den Traum importiert wird (vgl. II/III, 356).
Jakobson hatte sichtlich Schwierigkeiten, die metaphorische Achse seines
Sprachmodells mit Freud’schen Begriffen zu stützen. An dieser Stelle hakte
Lacan ein, als er seine Revision der Psychoanalyse auf Grundlage des linguisti-
schen Signifikantenbegriffs unternahm. In seinem Aufsatz L’instance de la lettre
dans l’inconscient ou la raison depuis Freud (1957; Das Drängen des Buchstabens
im Unbewussten oder die Vernunft seit Freud) verwendet er – in deutlicher Abhän-
gigkeit von Jakobson und mit einer knappen Verbeugung in Richtung Quinti-
lian  – ebenfalls die Begriffe Metonymie und Metapher als Bezeichnungen für
grundlegende Operationen: als Namen für die beiden Seiten des Signifikanten-
effekts (Lacan 1975a [1966], 19) –, jenes Signifikanteneffekts, der nach Lacan für
das Unbewusste konstitutiv ist (vgl. Lacan 1975a [1966], 34–49). Die Metonymie
als die eigentliche Signifikantenfunktion beschreibt er als drängende Bewegung
von Wort zu Wort: mot à mot (vgl. Lacan 1975a [1966], 30). Die Metapher als den
Punkt, an dem in dieser Bewegung Sinn produziert wird, charakterisiert er durch
die Formel Un mot pour un autre, „[e]in Wort für ein anderes“ (Lacan 1975a [1966],
32). Als Beispiel für die Metapher zitiert er einen Vers aus Victor Hugos Gedicht
Booz endormi (1859; Der Schlaf des Boas): „Sa gerbe n’était pas avare ni haineuse“
[Seine Garbe war nicht geizig, noch von Haß erfüllt] (Lacan 1975a [1966], 31). Es

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 II.2. Rhetorik und Poetik   69

hat freilich den Anschein, als missverstehe Lacan hier metonymische Verhält-
nisse als metaphorische (vgl. Genette 1983 [1970], 243): Die Garbe steht bei Hugo
Pars pro Toto für den ganzen Besitz des Boas, dieser wiederum metonymisch
für den Patriarchen, und der Übergang der moralischen Attribute ‚weder geizig
noch gehässig‘ vom Mann auf die Garbe ist eine Enallage und somit ebenfalls
eine Verschiebungsfigur. Anders als Jakobson hält es Lacan nun aber nicht für
nötig, die Fundamentalebene seines Strukturmodells zu verlassen, um Freuds
Mechanismen der Traumarbeit in dieses zu integrieren: Die beiden Werkmeister
Verschiebung und Verdichtung sind die beiden fundamentalen Aspekte der Sig-
nifikantenbewegung  – das metonymische „Umstellen der Bedeutung“ und die
metaphorische „Überbelastungsstruktur der Signifikanten“ (Lacan 1975a [1966],
36).
An dieser sprachwissenschaftlichen Reinterpretation der Traumarbeit ist
aus verschiedenen Richtungen Kritik geübt worden: Bekannt ist Genettes Protest
gegen die Schrumpfung der Rhetorik, ihre Verarmung bis auf zwei isolierte Tropen,
Metonymie und Metapher, die zu Fundamentalprinzipien erhoben werden und
hinfort als einsames glamour couple die Bühne der neuen Rhetorik behaupten,
wo doch die alte eine Fülle anderer Similaritäts- und Kontiguitätstropen kannte.
Mit der Fundamentalisierung der beiden Begriffe geht auch ein Verlust an Trenn-
schärfe einher: Lacans Metaphernformel ‚ein Wort für ein anderes‘ ist nichts als
eine Definition des Tropus schlechthin; seine Metonymieformel von ‚Wort zu
Wort‘ bezeichnet die Signifikantenkette als solche (vgl. Genette 1983 [1970], 243).
Doch gleicht der Bezug des strukturalistischen Sprachmodells – das Lacan frei-
lich radikalisiert, indem er von der Eigengesetzlichkeit des Signifikanten ausgeht
und die Vorstellung, dieser vertrete ein Signifikat, als Illusion abtut (vgl. Lacan
1975a [1966], 22)  – auf Freuds Beschreibung der Traummechanismen ohnehin
der Quadratur des Kreises: Zum einen fügt sich Freuds Beschreibung keinem
Zweiachsenmodell; Verschiebung und Verdichtung liegen auf unterschiedlichen
Ebenen und bilden keine sich kreuzenden Achsen; die Verschiebung etwa betrifft
nicht nur „Vorstellungen“, sondern auch „Affekte“ (Wolff 1975, 423). Die Analyse
dieses affektiven Aspekts der Traumarbeit, schon für Freud ein Stein des Ansto-
ßes, ist durch die strukturalistischen Umformulierungen keineswegs einfacher
geworden. Zum anderen bezeichnen die Begriffe Verdichtung und Verschiebung
bei Freud assoziative Prozesse, die offenbar nicht deckungsgleich sind mit Meta-
pher und Metonymie in einem engeren, rhetorischen Sinn.
Typisch für das, was Freud als Verdichtung bezeichnet, sind etwa auch Kom-
promissbildungen wie Sammel- oder Mischpersonen sowie anarchische Wort-
klumpen nach Art des „Maistollmütz“ und des „Autodidasker“ (II/III, 299–306).
Hier handelt es sich nicht um die klassisch metaphorische Vertretung eines
abwesenden Wortes durch ein anwesendes, sondern um die Kopräsenz zweier

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70   Martin von Koppenfels

oder mehrerer Zeichen. Freud bemerkt, dass die Verdichtungsarbeit des Traums
an „Worten und Namen“ besonders greifbar wird  – aber nur, weil der Traum
„Worte […] wie Dinge behandelt“ (II/III, 301) – und eben nicht wie Worte. Wörter
wie Dinge zu behandeln, heißt hier vor allem: ihre morphologische Gestalt nach
Belieben zu zerlegen und neu zusammenzusetzen. Für die Metapher aber ist die
Integrität des Wortkörpers entscheidend. Dass die direkte Projektion rhetorischer
Figuren auf die Mechanismen der Traumarbeit zu Schwierigkeiten führt, zeigt sich
noch deutlicher im Fall der Verschiebung, zu der Freud am wenigsten sagt, die
aber fundamental für sein Projekt ist. Ihre Domäne ist vor allem die Affektivität
des Traums (das Kapitel Die Affekte im Traume ist das eigentliche Verschiebungs-
kapitel der Traumdeutung). Hier lässt sich Freuds spekulative Psychologie – von
Lacan als ,Pseudobiologie‘ (vgl. Lacan 1975a [1966], 47) abgetan – nicht völlig aus
der Beschreibung der Traumarbeit herausfiltern: Freud denkt offenbar keine rein
bedeutungsbezogene Traumrhetorik, sondern eine Traumenergetik. Der Begriff
der Verschiebung setzt die Vorstellung voraus, dass das Feld der Zeichen eine Art
elektrisches Feld bildet, innerhalb dessen sich Energiequanten verschieben (vgl.
White 1999, 113).
Auffällig ist schließlich, dass Jakobson und Lacan nur partiell auf Freuds
Mechanismen der Traumarbeit zugreifen: Die Rücksicht auf Darstellbarkeit, die
bei Freud vom Begriff des Bildlichen her gedacht wird und in enger Beziehung
zur Metapher steht, und die sekundäre Bearbeitung, die mithilfe von „Kittge-
danken“ (II/III, 494) dem Traum einen Anschein der logischen oder narrativen
Folgerichtigkeit gibt, bleiben in ihren binären Modellen außen vor. Samuel Jaffe
hat daher vorgeschlagen, die vier Mechanismen der Traumarbeit auf ein qua-
ternäres Modell zu beziehen, das diesmal nicht linguistischer, sondern genuin
rhetorischer Herkunft ist. Er bezieht sich auf Quintilians Ordnungsschema der
quadripartita ratio (vgl. Quintilian 2006, Bd. 1, 75–76), das ursprünglich zur
Klassifikation rhetorischer Stellungsfehler (soloecismi) diente; da diese jedoch
nichts als die Schattenbilder der figurae sind, denen sie oftmals gleichen wie
ein Ei dem anderen, umgreift die Quintilian’sche Vierteilung auch Letztere. Jaffe
ordnet nun Quintilians detractio (oder Auslassung) der Freud’schen Verdichtung
zu, die transmutatio (oder Vertauschung) der Verschiebung, die immutatio (oder
Verwechslung) der Rücksicht auf Darstellbarkeit und die adiectio (oder Hinzufü-
gung) der sekundären Bearbeitung (vgl. Jaffe 1980, 57). Die Mängel auch dieses
Ordnungsversuchs springen ins Auge, doch stellt er immerhin einen Versuch dar,
die Traumarbeit systematisch vom Diskurs der Rhetorik her ins Auge zu fassen.
Traumarbeit und elocutio, so könnte man die Debatte resümieren, wollen
zusammenkommen und können es doch nie ganz. Dies hat damit zu tun, dass
Freuds Diskurs bestehende Diskurse kreuzt und quert. Seine Traumlehre ist zu
semiotisch für die Psychologie und zu psychologisch für die Semiotik. In ihr ist

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 II.2. Rhetorik und Poetik   71

oft genug von Sprache und Schrift die Rede – doch in der Regel handelt es sich
dabei um Gleichnisse. Weitaus direkter als von Zeichen aber spricht der Autor von
Gedanken, Vorstellungen und Affekten. Die Übersetzbarkeit dieses Vokabulars in
ein zeichentheoretisches ist ein Schlüsselproblem für das ganze Feld der Geistes-
wissenschaften nach Freud. Denkt der Traum? Spricht der Traum? Diese Fragen
sind aus dem Text der Traumdeutung keineswegs klar zu beantworten. Die zweite
scheint Freud implizit zu verneinen, wenn er behauptet, alle direkte Rede, die im
Traum vernehmbar wird, sei in Frankenstein-Manier aus Fetzen tagsüber gehör-
ter Rede zusammengenäht (vgl. II/III, 309; 318; 421) – eine unter psychoanalyti-
schen Autorinnen und Autoren hochumstrittene These. Und auch die Frage, ob
der Traum denkt, schafft Konflikte. Einerseits heißt es bei Freud: „Der Traum ist
im Grunde nichts anderes als eine besondere Form unseres Denkens, die durch
die Bedingungen des Schlafzustandes ermöglicht wird. Die Traum­arbeit ist es,
die diese Form herstellt, und sie allein ist das Wesentliche am Traum, die Erklä-
rung seiner Besonderheit.“ (II/III, 510–511, Anm. 2) Andererseits und in klarem
Widerspruch dazu: „[Die Traumarbeit] ist nicht etwa nachlässiger, inkorrekter,
vergeßlicher, unvollständiger als das wache Denken; sie ist etwas davon quali-
tativ völlig Verschiedenes und darum zunächst nicht mit ihm vergleichbar. Sie
denkt, rechnet, urteilt überhaupt nicht, sondern sie beschränkt sich darauf
umzuformen.“ (II/III, 511)
Diese und andere Bemerkungen, die darauf hinauslaufen, der Traumar-
beit jeden „,schöpferischen‘ Charakter“ (XIII, 217) abzusprechen, fasst Donald
Meltzer scharf zusammen: „Freud selbst maß Träumen nur geringe Bedeutung
bei; er sah in ihnen einen Flickenteppich von Tagesresten und Entstellungen,
die den trivialen Zweck hatten, dem Schläfer ein ungestörtes Weiterschlafen zu
ermöglichen.“ (Meltzer 1988, 199) Dieser Protest gegen Freuds Traumpsychologie
versteht sich als Aufruf, die von Freud selbst eröffneten Erkenntnismöglichkei-
ten aus dem Korsett seiner psychologischen Basisannahmen zu befreien. Er steht
im Kontext eines Versuchs, den Traum als Schauplatz genuinen, schöpferischen
Denkens ernst zu nehmen. Dies geht einher mit dem Protest gegen das Primat
des „verbalen Denkens“ als „primäre symbolische Form für die Darstellung von
Sinn“ (Meltzer 1988, 8) zugunsten eines erweiterten Begriffs von Sprache, der die
Sprache des Traums eher dem Spiel annähert als dem (rhetorischen) Sprechen.
Dies kann man als Parteinahme gegen eine Freud-Interpretation im Zeichen des
linguistic turn verstehen. Die britische analytische Tradition, in der Meltzer steht
(Klein, Bion), operiert dementsprechend auch nicht mit dem Begriff des Signifi-
kanten als elementarem Werkzeug einer Analyse des Unbewussten, sondern mit
dem Begriff der Phantasie. Mit Blick auf die Traumtheorie könnte man dies als
die Alternative zwischen einer rhetorischen und einer poetischen Auffassung des
Traums charakterisieren – also zwischen einer Sichtweise, die den Traum primär

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72   Martin von Koppenfels

als listige Entstellung anstößiger Wünsche betrachtet, und einer Auffassung,


die in ihm primär den Versuch sieht, auf schöpferische Weise mit unbewussten
Phantasien zurande zu kommen.

5. Phantasieren und Poetik

Tatsächlich ist Phantasie bereits bei Freud der Schlüsselbegriff der (wenigen)
Texte, in denen er sich ausdrücklich Fragen der Poetik zuwendet. Die wunsch­
erfüllende Phantasie, so sein Tenor, bildet die gemeinsame psychologische
Grundlage von Träumen und Kunstwerken:

[D]ie Kunstwerke waren Phantasiebefriedigungen unbewußter Wünsche, ganz wie die


Träume, mit denen sie auch den Charakter des Kompromisses gemein hatten, denn auch
sie mußten den offenen Konflikt mit den Mächten der Verdrängung vermeiden. Aber
zum Unterschied von den asozialen, narzißtischen Traumproduktionen waren sie auf die
Anteilnahme anderer Menschen berechnet, konnten bei diesen die nämlichen unbewuß-
ten Wunschregungen beleben und befriedigen. Überdies bedienten sie sich der Wahrneh-
mungslust der Formschönheit als ‚Verlockungsprämie‘. (XIV, 90)

Der gravierende Unterschied besteht darin, dass im Kunstwerk die phantasierte


Wunscherfüllung gesellschaftlich akzeptabel geworden ist  – was sie in Traum
und Tagtraum (dem missing link zwischen Traum und Kunst) niemals war. Wo
der Traum entstellen musste, kann das Kunstwerk darstellen. Diese „Resoziali-
sierung“ (Pietzcker 1974, 63) verbotener Wünsche ist nach Freud eine Leistung
der poetischen Form.
In der fünften bis siebten Auflage der Traumdeutung (von 1914 bis 1922) ließ
er die Darstellung der Traumarbeit direkt und doch nicht direkt in Dichtungs-
theorie übergehen. Auf das Kapitel zur sekundären Bearbeitung folgten in dieser
Zeit zwei Abhandlungen von Otto Rank mit den Titeln Traum und Dichtung sowie
Traum und Mythus (vgl. Rank 1995) – bis sie wieder aus dem Buch getilgt wurden.
Dieses zweideutige Vorgehen ist charakteristisch für die mittlere Distanz, die
Freud zur Sphäre der Dichtung hielt – aber wohl auch für die Beschränkungen
seines Literaturbegriffs: Während er in der Analyse von Träumen oder Symp-
tomen jederzeit spektakuläre Übergänge zwischen Zeichen und Bezeichnetem
vollziehen kann, bleibt er in Bezug auf literarische Texte einer klassizistischen
Form-Inhalt-Trennung verhaftet. Dabei fällt die Phantasie auf die Seite des reinen
Inhalts. Sie erscheint als das Formlose par excellence, zu dem die Form, man
weiß nicht wie, hinzutritt. Auf diese Weise kann die Dichtung als ein Schauplatz
behandelt werden, auf dem sich, wie im Fall des König Ödipus (5. Jh. v. Chr.), unbe-

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 II.2. Rhetorik und Poetik   73

wusste Phantasien in voller Evidenz offenbaren. Eine Analyse von Darstellungs-


oder Symbolisierungsarbeit – Carl Pietzcker spricht von „Kunstarbeit“ (Pietzcker
1974, 64) –, die etwa der Analyse der Traumarbeit gleichwertig gegenübertreten
könnte, sucht man bei Freud vergeblich. Die Ausarbeitung einer Theorie der poe-
tischen Form gehört daher zu den großen Desideraten einer psychoanalytischen
Literaturwissenschaft (vgl. Pietzcker 1990).
Freuds Essay Der Dichter und das Phantasieren (1908)  – der immerhin die
Tätigkeitsform des Phantasierens im Titel trägt  – beginnt mit einer Anspielung
auf eine unter anderem von Goethe kolportierte Legende, der zufolge Ippolito
d’Este die Widmung des Orlando furioso (1516; Der rasende Roland) durch Ariost
mit der bornierten Frage quittierte: „Meister Ludwig, wo, Henker, habt ihr all’ das
tolle Zeug hergenommen?“ (Biedermann 1909, 496–497; vgl. VII, 213) Es geht, so
scheint es, auch Freud nur um die Herkunft der Geschichten, nicht um die Art,
wie sie gemacht sind. Oder, was auf das Gleiche hinausläuft, es geht um die Phan-
tasie als ein von aller poetischen Gestaltung ablösbares Substrat. In der Regel, so
Freud, handelt es sich dabei um die peinlichste aller psychischen Bildungen, den
egoistischen Tagtraum: ein wunscherfüllendes Gespinst, in dessen Mitte „Seine
Majestät das Ich, de[r] Held[] aller Tagträume wie aller Romane“ (VII, 220) thront.
Auch sonst hebt Freud, wenn er den Terminus Roman verwendet (z. B. in der
Rede vom Familienroman der Neurotiker (1909); → IV.5. Familienroman), konse-
quent auf den tagträumerischen Zug der Gattung ab – und damit auf vormoderne,
‚romaneske‘ Erzählformen, von denen sich der moderne Roman qua Gattung
unablässig abstößt. Inbegriff eines solchen phantasmatischen Sub­strats ist für
Freud freilich nicht der einzelne, individualisierte literarische Plot, sondern der
Mythos. Die Mythen, so seine Vermutung, entsprechen „den entstellten Überres-
ten von Wunschphantasien ganzer Nationen, den Säkularträumen der jungen
Menschheit“ (VII, 222).
Dass Phantasien nicht jenseits von Form denkbar sind, dass das Phantasie-
ren das Formen je schon einschließt, dass die Form-Inhalt-Trennung womöglich
selbst eine Gestalt der Verdrängung sein könnte  – solche Gedanken scheinen
Freuds Produktionsästhetik denkbar fernzuliegen. Umso überraschender kommt
am Ende des zitierten Aufsatzes die Hinwendung zu zwei Themen, deren Verbin-
dung seit der Antike charakteristisch für die Disziplin der Poetik ist: die Wirkung
von Texten und ihre formale Gestaltung. Das eigentliche Rätsel der Poetik stellt
für Freud nämlich die ästhetische Lust dar. Dies ist nicht im Sinne des schon in
Aristoteles’ Poetik (340–320 v. Chr.) angedeuteten Tragödienparadoxons gemeint,
also im Sinne der emotionstheoretischen Frage, warum bedrohliche, traurige,
widerwärtige etc. Gehalte in ästhetischer Darstellung beim Betrachter oder Leser
eine spezifische Lust hervorrufen können (vgl. Aristoteles 1982 [340–320 v. Chr.],
1448b, 10–12; Smuts 2009; →  IV.1.  Tragödie). Vielmehr postuliert Freud eine

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74   Martin von Koppenfels

soziale Abstoßungsreaktion gegen Einblicke in die innere Welt des Anderen, eine
Art Immunsystem, das gegen die Mitteilung fremder Phantasien reagiert: „[I]n
der Technik der Überwindung jener Abstoßung, die gewiß mit den Schranken zu
tun hat, welche sich zwischen jedem einzelnen Ich und den anderen erheben,
liegt die eigentliche Ars poetica.“ (VII, 223) Eines ihrer Mittel ist die ‚Bestechung‘
des Lesers „durch rein formalen, d. h. ästhetischen Lustgewinn“:

Man nennt einen solchen Lustgewinn, der uns geboten wird, um mit ihm die Entbindung
größerer Lust aus tiefer reichenden psychischen Quellen zu ermöglichen, eine Verlockungs-
prämie oder eine Vorlust. Ich bin der Meinung, daß alle ästhetische Lust, die uns der Dichter
verschafft, den Charakter solcher Vorlust trägt, und daß der eigentliche Genuß des Dicht-
werkes aus der Befreiung von Spannungen in unserer Seele hervorgeht. Vielleicht trägt es
sogar zu diesem Erfolge nicht wenig bei, daß uns der Dichter in den Stand setzt, unsere
eigenen Phantasien nunmehr ohne jeden Vorwurf und ohne Schämen zu genießen. (VII,
223)

Diese wirkungsästhetische Wendung kommt indes nicht völlig überraschend.


Immerhin hatte Freud bereits in der Traumdeutung und noch früher in einem
Brief an Wilhelm Fließ vom 15. Oktober 1897 die Frage nach der ‚ergreifenden‘
Wirkung des König Ödipus aufgeworfen (vgl. Freud 1962 [1950]) – und zwar mit
weitreichenden theoretischen Folgen (vgl. Schönau und Pfeiffer 2003 [1990], 29).
In die gerade zitierte kurze Passage sind nun mehrere suggestive Gedanken ein-
gefaltet: zum Ersten die Hypothese der „Vorlust“, die es erlaubt, die sublimen
Höhepunkte poetischer Gestaltung im Rahmen einer unverkennbar sexuellen
Energieökonomie zu begreifen. Die ‚Bestechung‘ der Wahrnehmung durch eine
attraktive Form hätte hier die Rolle eines Auslösers oder Zünders zu spielen, der
(nach einem unbekannten Mechanismus) weit größere Energiebeträge freisetzt –
eine Erklärung, die wie gesagt der Sexualtheorie entstammt (vgl. V, 109–114),
die Freud aber zuvor schon an einem explosiven Kulturprodukt, nämlich dem
Witz, erprobt hatte (vgl. VI, 153–154). Zum Zweiten eine Vorstellung von poeti-
scher Wirkung, die sich immer noch als therapeutische Reformulierung des aris-
totelischen Katharsisbegriffs lesen lässt („Befreiung von Spannungen in unserer
Seele“). Und zum Dritten die Spekulation, dass diese Wirkung auf Enttabuisie-
rung der Phantasien des Lesers oder Zuschauers beruht.
Indem Freud suggeriert, die Lektüre des Werkes könne auf irgendeine Weise
das Verhältnis des Lesers zu seinen eigenen Phantasien verändern, deutet er einen
ersten Schritt in eine Richtung an, die eine psychoanalytische Literaturforschung
erst viel später einschlagen sollte. Was sich hier anbahnt, ist die Einsicht, dass
der Akt des Lesens ein Beziehungsgeschehen darstellt, in dem ein unbewusster
Tauschverkehr von Phantasien zwischen Text und Leser im Gange ist: „Psycho-
analyse und Ästhetik teilen von vorneherein den Gegenstandsbereich – hier wie

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 II.2. Rhetorik und Poetik   75

dort geht es um Interaktionen und Beziehungen.“ (Angeloch 2014, 187) Daraus


ergibt sich aber die Notwendigkeit, die Beziehung zwischen Text und Leser mit-
hilfe der Werkzeuge zu analysieren, die zum Verständnis der analytischen Situ-
ation entwickelt wurden  – nämlich mithilfe des Begriffs der Übertragung und
seines erst später systematisierten Pendants, des Begriffs der Gegenübertra-
gung (vgl. Angeloch 2014, 169–260; Heimann 1950; Schönau und Pfeiffer 2003
[1990], 50–53). Damit nun scheint die Literaturforschung auf einer Ebene eso-
terischer, hochindividualisierter Beziehungsanalysen angelangt, die meilenweit
entfernt liegt von unserem Ausgangspunkt, den wuchtigen Wirkungshypothesen
der antiken Rhetoriker und Poetologen, die jeweils für die ganze Polis Geltung
beanspruchen durften. Doch die verhandelten Probleme sind bei aller Distanz so
unterschiedlich nicht: Noch immer geht es um die Frage, warum bestimmte Texte
ihre Leser faszinieren, überzeugen, bewegen, an sich binden (Rhetorik) – und wie
sie gemacht sein müssen, damit dies geschieht (Poetik).

Literatur
Alt, Peter-André. Der Schlaf der Vernunft. Literatur und Traum in der Kulturgeschichte der
Neuzeit. München 2002.
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