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202 Ulrich Gaier 203

Hölderlin aufmerksam zur Kenntnis nahm, z.B. mit seinen Frankfurter Utopisches Denken in Hölderlins Briefen
Kurzoden als poetischen Fragmenten beantwortete und mit seiner ge-
planten Zeitschrift 'Iduna' zu überbieten beabsichtigte. In der Arbeits- Von
gruppe sollte dargelegt und an signifikanten Beispielen gezeigt werden,
daß der Brief eine durch ihren Adressatenbezug und ihre nicht selten Kerstin Keller-Loibl
raumzeitliche Andeutung der Vorläufigkeit eigenständige Form philoso-
phischer Darstellung ist, die sehr oft durch ihre Einbeziehung der Per-
formanz des Schreibens und Lesens, durch besondere stilistische Mittel Hölderlins utopisches Denken findet in seiner Dichtung ganz unter-
der „Popularisierung" weit über den Zuständigkeitsbereich der Philo- schiedliche literarische, Ausdrucksformen wie etwa die Vorstellung von
sophie hinausgeht und zur Ausdrucksform der Humanität des „ganzen einem neuen ,Goldenen Zeitalter', von einer nicht mehr entfremdeten
Menschen" wird. Menschengemeinschaft oder vom ewigen Frieden. Der geschichtliche,
soziale und philosophische Kontext dieser Zukunftserwartungen er-
schließt sich in besonderer Weise durch das Studium seiner Briefe. Ziel
der Arbeitsgruppe war es daher, ausgewählte Briefe Hölderlins an den
Bruder, an die Schwester sowie an Christian Landauer! nach ihrem uto-
pischen Gehalt zu befragen und Bezüge zur ästhetischen Darstellung der
Utopie im 'Hyperion'-Roman und in der Lyrik herzustellen. Diskutiert
werden sollte auch, inwiefern der Utopiebegriff überhaupt für Hölder-
lins Briefe anzuwenden ist, wenn man das Verständnis dieses Begriffes
am Ende des 18.Jahrhunderts zugrunde legt. Im Vordergrund stand die
gemeinsame Lektüre und Diskussion der ausgewählten Briefe.

Das Utopische in Hölderlins Dichtung war seit den 70er Jahren des
20.Jahrhunderts immer wieder Gegenstand von Untersuchungen.2 Höl-

HOLDERLIN-jAHRBUCH 34, 2004-2005, Tübingen 2006, 203-214.


1 Diskutiert wurden in der Arbeitsgruppe folgende Briefe: Friedrich Höl-
derlin an den Bruder Karl vom September 1793 (Nr.65), vom 31. Dezember/
1.Januar 1799 (Nr. 172) und vom Jahreswechsel 1800/1801 (Nr.222), an die
Schwestervom 23. Februar 1801 (Nr. 228) und an Christian Landauer vom Fe-
bruar 1801 (Nr.229).
2 Siehe dazu v.a. die Untersuchungen von Gisbert Lepper: Friedrich Höl-
derlin. Geschichtserfahrung und Utopie in seiner Lyrik, Hildesheim 1972. -
Hans-UlrichHauschild: Die idealistischeUtopie. Untersuchungenzur Entwick-
lungdes utopischen Denkens Friedrich Hölderlins, Frankfurt a.M. 1977. - Rai-
ner Nägele: Literatur und Utopie. Versuchezu Hölderlin, Heidelberg 1978. -
Stephan Wackwitz: Trauer und Utopie um 1800. Studien zu Hölderlins Eie-
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derlins Briefe hingegen wurden unter diesem Aspekt noch nicht explizit reale Grundlage im Sinne von Wunschtraum oder Hirngespinst verstan-
untersucht. Daß dieses umfassende Thema in der Arbeitsgruppe nicht den.4
erschöpfend behandelt werden konnte, wurde zu Beginn verdeutlicht. Erst im 20. Jahrhundert läßt sich in mehreren europäischen Sprachen
Ich verwies insbesondere auf die Reichweite und Komplexität des The- die Entstehung eines positiven Utopiebegriffs beobachten.S Utopie um-
mas in Hölderlins Werk: Das utopisch Erhoffte durchzieht alle Bereiche faßte nun "alle Elemente des menschlichen Bewußtseins, in denen sich
und Phasen von Hölderlins Leben und läßt sich nicht trennen von sei- das Verlangen nach einer besseren Welt manifestierte. "6 In den 70er
nen ästhetischen, philosophischen und religiösen Vorstellungen. Jahren des 20.Jahrhunderts gab es vielfache Versuche, die Literatur als
Als eine weitere Schwierigkeit bei der Beschäftigung mit diesem Feld des Utopischen zu bestimmen, die schließlich 1978 zu der These
Thema nannte ich das unterschiedliche Verständnis dessen, was mit dem führten, »Literatur ist Utopie". 7 In dieser Zeit entstanden auch mehre-
Begriff ,Utopie' bezeichnet wird. Eine fest umrissene Bedeutung dieses re Untersuchungen zum utopischen Denken in Hölderlins Dichtung.s
Begriffes gibt es bis heute nicht. Gemeinhin gelten Utopien als Wunsch- Angesichts einer nahezu unbegrenzten Ausweitung der Bedeutung des
bilder eines künftigen Zeitalters. Man denkt dabei an die Mythen vom Utopischen forderte Arnhelm Neusüss eine kritische Rückbesinnung auf
verlorengegangenen Paradies und vom ,Goldenen Zeitalter' wie auch an einen definitorisch fest umreißbaren Begriff.9 Als zentrale Merkmale des
die Verheißungen des Alten und Neuen Testaments. Andere lassen die Utopiebegriffs nennt er vor allem "gewisse Intentionen im Hinblick auf
Geschichte der Utopien bei den ersten nachweisbaren Staatsabhandlun- die Gestaltung des gesellschaftlichen Zusammenlebens" und das "Mo-
gen und -romanen beginnen und verweisen auf Platons 'Politeia'. Was ment der Antizipation von Zukünftigem".10 Diese weitgefaßten Kenn-
utopisch genannt wird, ist oft sehr unterschiedlich bestimmt, je nach der zeichen des Utopiebegriffs sollten dann auch bei der Analyse von Höl-
zugrunde liegenden Vorstellung von Utopie. Zu allen Zeiten war der derlins Briefen in der Arbeitsgruppe im Vordergrund stehen.
Gegenstandsbereich dessen, was man als ,Utopie' bezeichnete, umstrit- Im Hinblick auf den historischen Sprachgebrauch des Utopiebegriffs
ten. Dementsprechend hat sich auch der Begriff ,Utopie' im Laufe seiner um 1800 schlug ich weiterhin vor, den Idealbegriff als einen geschichts-
Entwicklung immer wieder verändert, erweitert und er hat bis heute kei- philosophischen Vorläufer zum (positiven) Utopiebegriff zu verstehen.
ne fest umrissene Bedeutung. Geprägt wurde der Begriff von Thomas In der Bedeutung einer "Vorstellung, die in der Welt der äußeren Er-
Morus im Jahre 1517. In Anlehnung an dessen fiktiven Reisebericht von scheinungen nirgends verwirklicht anzutreffen ist, gleichwohl aber wert
einem idealen Staat 'Utopia', bezeichnete man mit Utopien bis ins erscheint, daß man sich ihrer Verwirklichung immer mehr nähere"ll,
18.Jahrhundert einen fiktiven Ort außerhalb der bekannten Welt. Im wurde im späten 18.Jahrhundert mit dem Begriff des Ideals am ehesten
Deutschen erweiterte sich Utopien als geographische Metapher erst im
späten 18.Jahrhundert langsam zum abstrakten Allgemeinbegriff.3 Un- 4 Vgl. EtymologischesWörterbuch des Deutschen, 3 Bde., hrsg. von Wolf-
gang Pfeifer,Berlin 1989, Bd. 3, 1883.
ter ,Utopie' wurden nunmehr auch phantastische Vorstellungen ohne 5 Lucian Hölscher [Anm. 3], 786. Das Utopische wurde seit dem Ersten
Weltkrieg in den Geisteswissenschaftenals eine Dimension des menschlichen
Denkens entdeckt. Eine umfassende Analyse des neuen Begriffes»Utopie" fin-
gienwerk, Stuttgart 1982. - Christoph Prignitz: Friedrich Hölderlin. Ideal und det sich in Ernst BlochsHauptwerk 'Das Prinzip Hoffnung'.
Wirklichkeit in seiner Lyrik, Oldenburg 1990. - Hansjörg Bay: ,Ohne Rück- 6 Lucian Hölscher [Anm. 3], 786.

kehr'. Utopische Intention und poetischer Prozeß in Hölderlins 'Hyperion', 7 Literatur ist Utopie, hrsg. von Gerd Ueding, Frankfurt a.M. 1978.
München 2003. s Siehe dazu die in Anm. 2 genannte Literatur.
3 Vgl. Lucian Hölscher: Utopie. In: GeschichtlicheGrundbegriffe.Histori- 9 Vgl. Utopie. Begriff und Phänomen des Utopischen, hrsg. von Arnhelm

sches Lexikon zur politisch-sozialenSprache in Deutschland, 8 Bde., hrsg. von Neusüss, Neuwied/Berlin1968, 13 f.
Otto Brunner, Werner Conze, Reinhart Koselleck, Stuttgart 1972ff., Bd.6 10 Ebd., 18 f.

(1990), 733-788; hier 758. 11 Lucian Hölscher [Anm. 3], 775.


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jener Bedeutungsgehalt gefaßt, den man heute mit dem Utopiebegriff Das Nachdenken über die Freundschaft führt Hölderlin vom einzelnen
verbindet. Dies läßt sich gut am Sprachgebrauch Kants beobachten. Lu- Menschen zum Menschengeschlecht, an das bereits in diesem Brief eine
cian Hölscher hat dies überzeugend dargelegt: Idealitätsforderung geknüpft wird: Die Vollendung des Menschenge-
schlechts durch die Entfaltung seiner natürlichen Bestimmungen und
Kant verfügte, dem Sprachgebrauch seiner Zeit gemäß, allerdings noch Anlagen. Davon ausgehend sieht er für sich, für sein dichterisches Le-
über keinen abstrakt-allgemeinen Begriff ,Utopie'. ,Utopia' bzw. ,Uto-
ben, schon 1793 eine ganz konkrete Aufgabe: Ziel seiner „Tätigkeit"
pien' begegnet auch bei ihm nur als Werkbezeichnung und geographi-
soll „die Bildung des Menschengeschlechts" sein, um die „Keime" für
sche Metapher. Zur Bezeichnung unwirklicher Vorstellungen dienten
eine künftig vollendete Menschheit zu wecken:
ihm Ausdrücke wie ,Träumerei', ,Phantasterei', ,Chimäre', ,Schwärme-
rei' u.a.m. Dagegen findet sich bei ihm ein terminologisch streng gefaß- Denn diß ist meine seeligste Hofnung, der Glaube, der mich stark erhält
ter Begriff des Ideals: nach der in der 'Kritik der reinen Vernunft' gege-
und tätig, unsere Enkel werden besser sein, als wir, die Freiheit muß ein-
benen Definition bezeichnete ,Ideal' die Idee als „ein einzelnes, durch die mal kommen, und die Tugend wird besser gedeihen in der Freiheit hei-
Idee allein bestimmbares oder gar unbestimmtes Ding" und somit als ligem erwärmenden Lichte, als unter der eiskalten Zone des Despo-
das vorbildliche, aber nirgends und nie anzutreffende Exemplar einer tismus. Wir leben in einer Zeitperiode, wo alles hinarbeitet auf bessere
Art oder Gattung.12
Tage. Diese Keime von Aufklärung, diese stillen Wünsche und Bestre-
bungen Einzelner zur Bildung des Menschengeschlechts werden sich
II ausbreiten und verstärken, und herrliche Früchte tragen. Sieh! lieber
Karl! diß ists, woran nun mein Herz hängt. Diß ist das heilige Ziel mei-
Untersucht man Hölderlins Briefe in Anlehnung an Neusüss nach In-
ner Wünsche, und meiner Tätigkeit - diß, daß ich in unserm Zeitalter
tentionen im Hinblick auf die Gestaltung des menschlichen Zusammen- die Keime weke, die in einem künftigen reifen werden.
lebens, sind zwei Briefzeugnisse an den Bruder Karl, vom September (Nr. 65, MA II, 507f.)
1793 und von der Jahreswende 1798/99, sowie seine ,Friedens-Briefe'
an die Schwester, den Bruder und an Christian Landauer aus dem Jah- Menschheit und Verwirklichung ihrer höchsten Potenzen ist das Ziel
re 1801 von besonderer Bedeutung. dieser Geschichtsinterpretation. Hölderlin bleibt aber nicht in der Spe-
Charakteristisch für die Briefe an den Bruder von 1793 und 1798/99 kulation, sondern es geht ihm um die Verwirklichung dieser Utopie.
ist eine enge Verknüpfung des eigenen Lebensentwurfs als Dichter mit Sein Selbstverständnis als Dichter schließt das „tätige" Wirken für die
dem Ideal einer neuen Menschheit. Im Brief an den Bruder vom Sep- Gemeinschaft der Menschen ein, ganz im Sinne der pietistischen Ethik.
tember 1793 bekennt Hölderlin erstmals, daß er „ins Allgemeine wir- Einen „ausgebreiteten Nuzen" in der Welt zu „stiften", ist Ziel seines
ken" (Nr. 65, MA II, 508) will. Dem Bruder, der über den „Mangel eines Strebens, wie er 1793 an die Mutter schreibt.13 Die „Keime" sind schon
Freundes" klagte, gesteht er: im Menschen angelegt, sie müssen nur durch Bildung, Aufklärung, ,,ge-
weckt" werden.
Ich hange nicht mer so warm an einzelnen Menschen. Meine Liebe ist
Die Nähe dieser Gedanken zur aufklärerischen Position der Erzie-
das Menschengeschlecht, freilich nicht das verdorbene, knechtische, trä-
hung, der Humanität, etwa bei Lessing und Herder ist evident. Auch die
ge, wie wir es nur zu oft finden, auch in der eingeschränktesten Erfa-
rung. Aber ich liebe die große, schöne Anlage auch in verdorbenen Men-
verwendete Keim- und Fruchtmetapher verweist auf einen aufkläreri-
schen. Ich liebe das Geschlecht der kommenden Jarhunderte. schen wie auch einen pietistischen Ursprung. Daß Hölderlin aber gera-
(Nr. 65, MA II, 507) de im September 1793 die Erziehung des Menschen als seine Aufgabe
12 Ebd. 13 Hölderlin an die Mutter, August 1793, Nr. 63, MA II, 505.
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nennt und den Begriff „Aufklärung" sogar wörtlich verwendet, verweist Kunst , besonders der Poesie - so Hölderlin - werde jedoch häufig unter-
darauf, daß die Französische Revolution für ihn nicht mehr Vorbild für schätzt. Ihre Wirkung sei eben nicht die „Zerstreuung" (ebd., 727), son-
eine schnelle Verwirklichung des „Reich Gottes" (Nr. 84, MA II, 540) dern das ganze Gegenteil davon.15 Der Mensch sammelt sich bei ihr,
auf Erden war. Mit der Machtübernahme der Jakobiner werden seine ,,und sie giebt ihm Ruhe, nicht die leere, sondern die lebendige Ruhe,
Hoffnungen, die er an die Französische Revolution und ihre Kriege wo alle Kräfte regsam sind" (ebd.). In Anlehnung an die klassische
band, in Frage gestellt. Der Brief ist in dieser Hinsicht auch von pro- Kunstauffassung von Goethe und Schiller wird mit dieser Aussage die
grammatischer Bedeutung für Hölderlins Arbeit am 'Hyperion'-Roman. Funktion von Poesie beschrieben. ,,Bei der Vereinzelung und getrennten
In der Arbeitsgruppe wurde dies aus zeitlichen Gründen nur am Beispiel Wirksamkeit unsrer Geisteskräfte", schreibt Schiller in seiner Rezension
der Einleitung zum 'Fragment von Hyperion' verdeutlicht. Bezeichnen- 'Über Bürgers Gedichte', ,,ist es die Dichtkunst beinahe allein, welche
derweise unterscheidet Hölderlin hier „zwei Ideale unseres Daseyns: ei- die getrennten Kräfte der Seele wieder in Vereinigung bringt[ ... ], welche
nen Zustand der höchsten Einfalt[ ... ], und einen Zustand der höchsten gleichsam den ganzen Menschen in uns wieder herstellt. "16
Bildung" (MA I, 489). Im zweiten Teil des Briefes nennt Hölderlin darüber hinaus einen
Der Begriff ,Bildung' ist auch ein Leitmotiv im Brief an den Bruder weiteren Einflußfaktor der Poesie, der weder von der Philosophie noch
vom Neujahr 1799 aus Bad Homburg. Ausführlich diskutiert wurde in der politischen Lektüre ersetzt werden könne: die Vereinigung der Men-
der Arbeitsgruppe die in diesem Brief enthaltene umfassende Kritik am schen untereinander (vgl. Nr. 172, MA II, 728). Dies zeigt, daß Hölder-
,,deutsche[n] Volkskarakter" (Nr. 172, MA II, 725), die in einigen Pas- lin die Wirkung der Poesie - wie schon in seinem Brief an den Bruder
sagen an die vielzitierte Scheltrede an die Deutschen im 'Hyperion'-Ro- von 1793 - in einer Annäherung an das Ideal einer neuen Menschenge-
man erinnert. Denn nicht nur in positiven Bestimmungen der Zukunft, meinschaft sieht. Hölderlin spricht in diesem Brief wörtlich von einer
sondern auch in der Negation dessen, was nicht sein soll, konkretisiert „Menschenharmonie" (ebd., 729), die nur ein Resultat der Poesie sein
sich utopisches Denken. Evident wurde, daß mit der Kritik an der „bor- könne. Es kommt zur Umformung des ästhetischen Ziels in ein ästhe-
nirte[n] Häuslichkeit" der Deutschen, der „Gefühllosigkeit für gemein- tisch-gesellschaftliches Ideal:
schaftliche Ehre" und dem fehlenden „Allgemeinsinn" (Nr.172, MA II,
725) der Verlust von Wertorientierungen und Gemeinschaftsbezügen
diagnostiziert wird. Danach wurden Hölderlins Überlegungen zum Ein- 1s Die Kritik an der Suchenach „Zerstreuung" findet sich auch bei Goethe.
fluß von Philosophie, politischer Lektüre und Poesie auf die Bildung der Er schreibt am 9. August 1797 an Schiller: ,,Sehr merkwürdig ist mir aufgefal-
Deutschen besprochen: ,,Der günstige Einfluß, den die philosophische len wie es eigentlichmit dem Publiko einer großen Stadt beschaffenist. Es lebt
und politische Lectüre auf die Bildung unserer Nation haben", so in einem beständigenTaumel von Erwerben und Verzehren, und das was wir
schreibt Hölderlin an den Bruder, ,,ist unstreitig" (ebd.). Die „neue" Stimmung nennen, läßt sich weder hervorbringen noch mitteilen, alle Vergnü-
gungen, selbst das Theater, sollen nur zerstreuen und die große Neigung des le-
Philosophie dringe auf „Allgemeinheit des Interesses" und decke „das
senden Publikums zu Journalen und Romanen entsteht eben daher, weil jene
unendliche Streben in der Brust des Menschen" auf (ebd., 726). Die po- immer und diesemeist Zerstreuung in die Zerstreuung bringen." (Johann Wolf-
litische Lektüre hingegen vermag es, den „Horizont der Menschen" zu gang Goethe. SämtlicheWerke. Briefe, Tagebücher und Gespräche, 40 Bde.,
erweitern, mit ihr „ wächst auch das Interesse für die Welt, und der All- Abt. 2: Briefe,Tagebücherund Gespräche, Bd.4, Frankfurt a.M. 1998, 378 f.)
gemeinsinn [... ] wird [... ] befördert" (ebd., 726f).14 Der Einfluß der Auf diesen Zusammenhang hat erstmals Günter Mieth (Friedrich Hölderlin.
Dichter der bürgerlich-demokratischenRevolution, Berlin 1978, 65) hingewie-
sen.
14 Auf die Frage, welche politische Lektüre damit gemeintsein könnte, wur- 16 SchillersWerke.Nationalausgabe, begr. von Julius Petersen, Bd. 22, Ver-
den in der Arbeitsgruppe als BeispieleRousseaus 'Contrat Social' (1762) und mischte Schriften, hrsg. von Herbert Meyer, 2. Aufl., erw. fotomech. Nach-
Kants Schrift 'Zum Ewigen Frieden' (1795) genannt. druck d. Ausg. Weimar 1958, 1991, 245.
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Nicht, wie das Spiel, vereinige die Poesie die Menschen, sagt' ich; sie ver- [...] daß unsere Zeit nahe ist, daß uns der Friede, der jezt im Werden ist,
einigt sie nemlich, wenn sie ächt ist und ächt wirkt, mit all dem man- gerade das bringen wird, was er und nur er bringen konnte; denn er
nigfachen Laid und Glük und Streben und Hoffen und Fürchten, mit all wird vieles bringen, was viele hoffen, aber er wird auch bringen, was
ihren Meinungen und Fehlern, all ihren Tugenden und Ideen, mit allem wenige ahnden.
Großen und Kleinen, das unter ihnen ist, immer mehr, zu einem leben- Nicht daß irgend eine Form, irgend eine Meinung und Behauptung sie-
digen tausend( ach gegliederten innigen Ganzen, denn eben diß soll die gen wird, diß dünkt mir nicht die wesentlichste seiner Gaaben. Aber daß
Poesie selber seyn, und wie die Ursache, so die Wirkung. der Egoismus in allen seinen Gestalten sich beugen wird unter die heili-
(Nr.172, MA II, 728f.) ge Herrschaft der Liebe und Güte, daß Gemeingeist über alles in allem
gehen[ ...] wird, diß mein' ich, diß seh' und glaub' ich[ ...]. ·
Die Poesie hat, wie Gerhard Kurz treffend formuliert, ,,Vereinigung (Nr.222, MA II, 883f.)
nicht zum Thema, sondern ist schon deren - antizipative - Gestalt. "17
Deutet man das Briefzitat in Bezug auf Hölderlins Idee einer Men- Schmidt kommentiert: ,,Der Anklang an die biblische Wendung [... ]
schenharmonie, könnte man schlußfolgern, daß die Poesie in Hölderlins · [»daß unsere Zeit nahe ist«] weist darauf hin, wie sehr die konkrete po-
Verständnis eine gemeinschaftsbildende Funktion hat.18 Die Entfaltung litische Hoffnung auf Frieden sich hier mit der Utopie einer idealen Voll-
der Anlagen des Menschen, wie es im Brief an den Bruder von 1793 endung verbindet. "19 Nicht das Entstehen neuer staatlicher Formen
heißt, soll keine egoistisch-individualistische Haltung ohne tiefere Ge- oder die Entwicklung einer neuen Gesellschaft im politischen Sinn wird
meinschaftsbezogenheit zur Folge haben. Dem Verlust von Gemein- als „wesentlichste seiner Gaaben" verstanden, sondern eine Verände-
schaftsbezügen, die Hölderlin am Anfang des Briefes beklagt, soll das rung im menschlichen Zusammenleben. Die Verwendung des antitheti-
Ideal einer Gemeinschaft in der Poesie entgegengesetzt werden. Die schen Begriffspaares „Egoismus" und „Gemeingeist" ist ein erstes Indiz
Poesie selbst wird zum metaphysischen Träger der neuen Gemeinschaft dafür. Daß Hölderlins Begriff des „Gemeingeistes" auf den Begriff des
und antizipiert so die künftige vollendete Menschengemeinschaft. „sensus communis" zurückgeht, wie ihn Anthony Ashley Cooper, Earl
of Shaftesbury, in seiner für das 18.Jahrhundert wichtigen Abhandlung
III 'Sensus communis. An Essay on the Freedom of Wit and Humour in a
Letter to a Friend' entwickelt hat, wurde von Jochen Schmidt nachge-
Hölderlins Ideal der Vollkommenheit menschlichen Zusammenlebens wiesen.20 Gegen die These von der Egozentrik des natürlichen Men-
ist auch Thema seiner Briefe, die er in Erwartung des Friedens von Lu- schen vertritt Shaftesbury die Meinung, es gebe von Natur aus eine Ten-
neville und unmittelbar nach Erhalt der Friedensnachricht 1801 an den denz zur Geselligkeit, die sich individuell in der Freundschaft und
Bruder, die Schwester und den Freund Christian Landauer schreibt. Ein kollektiv im Enthusiasmus für das gemeine Beste äußert.21 Zudem ist
neues Zusammenleben der Menschen, das sich durch „Liebe", ,,Güte" das Wort „Gemeingeist" religiöser Herkunft: Es verweist auf den ge-
und „ Gemeingeist" auszeichnet, wird in diesen Briefen utopisch erhofft. meinsamen Geist, auf Friedrich Christoph Oetingers „sensus commu-
An den Bruder schreibt Hölderlin zum Jahreswechsel 1800/1801 aus
Nürtingen:
19 Vgl. den Kommentar Jochen Schmidtsin der von ihm erarbeiteten Aus-
gabe Friedrich Hölderlin. Sämtliche Werke und Briefe (KA), 3 Bde., hrsg. von
17 Gerhard Kurz: Mittelbarkeit und Vereinigung.Zum Verhältnisvon Poe- Jochen Schmidt,Frankfurt a.M. 1992-94, Bd. 3: Die Briefe,Briefean Hölder-
sie, Reflexion und Revolution bei Hölderlin, Stuttgart 1975, 136. lin, Dokumente, 901.
18 Ob dies als Spezifikin Hölderlins Poetik im Unterschiedzur Poetik Schil- 20 Ebd., 902.
lers gesehen werden kann, müßte genauer untersucht werden. 21 Ebd.
212 Kerstin Keller-Loibl Utopisches Denken 213

nis", der im gemeinsamen Lesen der Schrift entsteht.22 Hier wird ein haupt „reifen" können. Die Friedenszeit ist die Bedingung für die Mög-
Grundmuster für eine neue Geselligkeitsform evident. Gemeinsinn kann lichkeit, dichterisch für die „schönere Geselligkeit" wirksam zu werden.
aber nur da leben, wo der Mensch die Gemeinschaft als einen hohen In der Forschung wurde mitunter Unverständnis darüber geäußert,
Wert an sich erkennt und danach lebt. Erwartet wird demnach eine re- daß Hölderlin an den konkreten Friedensschluß, der - wie sich freilich
ligiös verankerte „Revolution der Gesinnungen und Vorstellungsarten" erst im nachhinein herausstellen sollte - nicht von langer Dauer war, so
(Nr.132, MA II, 643). Hölderlin schreibt am 23. Februar 1801 an die große Hoffnungen knüpfen konnte. Jürgen Scharfschwerdt spricht zum
Schwester: Beispiel in Bezug auf Hölderlins ,Friedens-Briefe' aus dem Jahre 1801
von einem „psychisch-geistige[n] Verlust an realer Umweltbeziehung,
[...] alles dünkt mir seltne Tage, die Tage der schönen Menschlichkeit, der nun voll entwickelt erscheint" .24 Abgesehen davon, daß die deut-
die Tage sicherer, furchtloser Güte, und Gesinnungen herbeizuführen, sche Bevölkerung nach zehn Jahren Krieg den Luneviller Frieden mit
die eben so heiter als heilig, und eben so erhaben als ein{ach großer Begeisterung aufgenommen hat und - an der Schwelle eines neu-
sind. (Nr. 228, MA II, 892) en Jahrtausends - als Beginn eines neuen Zeitalters feierte und auch da-
mit Hölderlins überschwengliche Hoffnungen an den Frieden erklärt
Auch im Brief an Christian Landauer, der fast zeitgleich entstanden ist, werden könnten, hat dieses geäußerte Unverständnis vermutlich einen
spricht Hölderlin seine Hoffnung aus, daß der Friede als Endpunkt von anderen Grund: Es wird außer acht gelassen, daß nicht nur Hölderlins
,,Krieg und Revolution" nicht nur im politischen Bereich Veränderun- Werke, sondern auch seine Briefe in hohem Maße utopische Intentionen
gen nach sich ziehen wird, sondern auch das Zusammenleben der Men- enthalten. In den zitierten Briefen erscheint die Gegenwart als Zeichen
schen nachhaltig verändern wird: der Zukunft und die erreichte Seinsstufe des Friedens wird transzen-
diert. Die Hoffnung auf eine bessere Zeit, der Gedanke der Seelenge-
Ich denke, mit Krieg und Revolution hört auch jener moralische Bore- meinschaft und das Motiv „ Gemeingeist" gehören zu den Elementen
as, der Geist des Neides auf, und eine schönere Geselligkeit, als nur die der „Ewigkeit" .25 Frieden „repräsentiert eben die besondere Ewigkeit
ehernbürgerliche mag reifen! (Nr. 229, MA II, 895)
des in sich ruhenden Seins" .26 Das heißt, es geht um Ewigkeit in der Zeit
oder um die Aufhebung von Zeit in der Ewigkeit oder, politisch-sozial
Interessant ist, daß Hölderlin als Ursache des „moralische[n] Boreas"
gesprochen, um die Verwirklichung einer Utopie. Das Ideal einer voll-
nicht nur den Krieg, sondern auch die Revolution nennt. Beide haben
endeten Menschengemeinschaft, von der aus die Wirklichkeit in Höl-
Verhältnisse hervorgebracht, die von Angst, Neid und Gewalt bestimmt
derlins Brief an den Bruder vom Jahreswechsel 1798/99 kritisiert und
waren. Im Unterschied zu seinen Zeitgenossen, die in erster Linie mit
dem politischen Frieden die Wiederherstellung von Ordnung, Ruhe und
Sicherheit verbanden,23 sieht Hölderlin in der beginnenden Friedenszeit 24 Jürgen Scharfschwerdt: Die pietistisch-kleinbürgerlicheInterpretation
eine Voraussetzung erfüllt, daß neue mitmenschliche Beziehungen über- der FranzösischenRevolution in Hölderlins Briefen. Erster Versuch zu einer li-
teratursoziologischenFragestellung. In: Jahrbuch der Deutschen Schillergesell-
schaft 15, 1971, 174-230; hier 185. - Vgl. u.a. auch Hans Joachim Kreutzers
Aussage, Hölderlin habe dem politischen Frieden „zu Unrecht" eine so hohe
Bedeutung beigemessen(Kolonie und Vaterland in Hölderlins später Lyrik. In:
22 Vgl. Walter Dierauer: Hölderlin und der spekulativePietismusWürttem- HJb 22, 1980-1981, 18-46; hier 39).
bergs. GemeinsameAnschauungshorizonteim Werk Oetingers und Hölderlins, 25 Vgl. WolfgangBinder: Dichtung und Zeit in Hölderlins Werk, mit einer
Zürich 1986, 5. Einleitung über die Zeit im Denken und Empfinden des 18.Jahrhunderts, Ha-
23 Vgl. Kerstin Keller-Loibl:,,... gib ein Bleibenim Leben,ein Herz uns wie- bil.-Schrift [masch.],Tübingen 1955, 409.
der." Der Frieden in Hölderlins Werk, Tübingen/Basel1995, 183. 26 Ebd., 427.
214 Kerstin Keller-Loibl 215

negiert wird, ist außerhalb der historisch erfaßbaren Wirklichkeit ange- ,Das Zeichen zwischen mir und dir'
siedelt. Die vom Frieden erwarteten ,Segnungen' für das menschliche
Zusammenleben sind utopisch. In der 'Friedensfeier' findet eben dies Schriftlichkeit und Modeme im 'Hyperion'
Gestaltung: der Ausgleich der Gegensätze der Zeit in der Harmonie der
Ewigkeit als Utopie des Friedens.27 Von
Hölde~lins yorstellungen von einer vollendeten Menschengemein-
schaft, wie er sie anläßlich des Friedens von Luneville in seinen Briefen Hansjörg Bay
explizit formuliert, sind nicht neu. Hölderlins Ideal der Vollkommenheit
menschlichen Zusammenlebens wird bereits in seinen Briefen an den
Bruder von 1793 und 1799 evident und als dichterische Aufgabe ver- Während der langjährigen Arbeit an seinem einzigen Roman hat Höl-
stan?en.' Auch in seiner Dichtung ist dieses Ideal von Anfang an präsent. derlin mit verschiedenen narrativen Formen experimentiert, um am En-
~ere1ts m ~en 'Tübinger Hymnen' wird ein Zustand antizipiert, in dem de doch wieder zur anfangs intendierten Briefform zurückzukehren. Da-
em Leben m Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit und ein Leben in mit entscheidet er sich für ein Genre, das für Fragen der Schrift und der
Liebe möglich ist. In Hölderlins Werken finden sich immer wieder Bil- Schrifdichkeit besonders sensibel ist. Denn einerseits steht der Brief un-
der eines Lebens im Sinne eines gemeinsamen Geistes. Auch das Idealei- ter den Formen schriftlicher Kommunikation der mündlichen Rede be-
ner „schönen Geselligkeit", von der Hölderlin im Brief an Landauer sonders nahe. Andererseits aber läßt seine fiktionale Inszenierung im
spricht, ist Thema im 'Hyperion'-Roman und dort eng mit dem Gedan- Genre des Briefromans die Schriftlichkeit gerade als solche sichtbar und
ken des Friedens verknüpft.28 zumindest potentiell auch thematisch werden. Die Art und Weise, in der
Entsprechend dem jeweiligen Kontext läßt Hölderlin die ästhetisch- Hölderlin die einseitige, ,monologische' Variante des Briefromans
humanistischen, die religiös-eschatologischen oder die ethisch-soziolo- weiterentwickelt, unterstreicht dieses letztere Moment. Der Umstand,
gischen Züge seines Ideals der Vollkommenheit menschlichen Zu- daß Hyperion, anders als Werther, seine Briefe im Rückblick auf eine
samm~nlebens in seinem Werk stärker hervortreten. Utopische bereits hinter ihm liegende Lebensgeschichte schreibt, läßt die Momen-
Intentionen und ästhetische Darstellung des Ideals bilden dabei immer te der Nachträglichkeit und der Reflexivität gegenüber dem unmittelba-
eine Einheit. Gerade weil Hölderlins Vollkommenheitsideal einer har- ren Ausdruck in den Vordergrund treten und markiert einen kategoria-
monischen Menschengemeinschaft außerhalb der historisch erfahrbaren len Unterschied zwischen Leben und Schreiben, den Goethe gerade
Wirklichkeit liegt und nicht auf diskursive Weise vermittelt werden überspielt. Aber wenn der Roman das eine vom anderen unterscheidet,
kann, bedarf es der poetischen Darstellung, damit die Welt der „schö- indem er Hyperions Schreiben dort beginnen läßt, wo sein Leben, oder
nen Menschlichkeit" (Nr. 228, MA II, 892) erfahrbar bleibt und sie als doch zumindest die zu schreibende Geschichte seines Lebens, .bereits
ein hoher Wert erkannt und erstrebt wird. vorüber ist, so stellt er diese Unterscheidung auch in Frage, insofern
Hyperions Schreiben sein Leben nicht von einem festen Punkt aus ein-
holt, sondern sich auch seinerseits in einem Prozeß entfaltet, der zu-
gleich als Teil eines zweiten, zwar rudimentären, aber den ersten den-
noch fortsetzenden Lebensprozesses erscheint. Der Titel - 'Hyperion
27_Auf Höld~rlins 'Friedensfeier'konnte ich in der Arbeitsgruppenicht nä- oder der Eremit in Griechenland' - sagt beides: daß Hyperions Eremi-
tage Teil eines einzigen übergreifenden Prozesses ist, den der Name
her emgehen. D1eentsprechendeInterpretation kann in meiner Untersuchung
[Anm. 23] nachgelesenwerden.
8 Siehehierzu: Kerstin Keller-Loibl[Anm. 23], 82-91.
2 34, 2004-2005, Tübingen 2006, 215-245.
HöLDERUN-jAHRBUCH