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Rolf Schwendter

Utopie
Utopisches Denken ist seit längerer Zeit in
Verruf geraten. Obwohl der »wissenschaftli-
che« Sozialismus den »utopischen« für über-
wunden erklärte, werden utopische Vorstel-
lungen für das Scheitern des Realsozialis-
mus verantwortlich gemacht.
Rolf Schwendter beschreibt in einem kurzen
Utopie
Abriß die Entwicklungsgeschichte der Utopi-
en, um sich dann mit gegenwärtigen und
kontroversen utopischen Konzepten linker
Bewegungen auseinanderzusetzen (zentrali-
p

m
stischer oder dezentraler Aufbau; Entste-
hung von utopischem Bewußtsein aus den
Wünschen und Tagträumen der Einzelnen
etc). Dem Utopie-Begriff im wissenschaftli-
chen Diskurs widmet der Autor einige »vor-
läufige Überlegungen« am Ende seiner
Schrift.

Rolf Schwendter
ISBN: 3-89408-034-5

Edition ID-Archiv
Edition ID-Archiv

Überlegungen zu einem
zeitlosen Begriff
Rolf Schwendter
Utopie

Edition ID-Archiv
Berlin – Amsterdam
Rolf Schwendter
Utopie
Überlegungen zu einem zeitlosen Begriff

Edition ID-Archiv
Berlin – Amsterdam
Rolf Schwendter, geb. 1939, lebt in Wien und Kassel und ist Professor
für Devianzforschung an der Gesamthochschule Kassel.
Wichtigste Veröffentlichungen: Theorie der Subkultur (1971, Neuauf-
lage 1993); Zur Geschichte der Zukunft. Zukunftsforschung und Sozia-
lismus (Bd. 1, 1982; Bd. 2, 1984)

Inhaltsverzeichnis:

Rolf Schwendter Zur Geschichte der Utopien 7


Utopie
Begriff und Authentizität von Utopie 19
Überlegungen zu einem zeitlosen Begriff

Einige zeitgenössische Utopien 35

Edition ID-Archiv Zur Demokratisierung der Konstruktion von Utopien 63


Schliemannstr. 23
10437 Berlin Fragen des Alltags, die einer Utopie bedürfen 77
ISBN: 3-89408-034-5
Schlußbemerkungen 97
1. Auflage Juli 1994

Gestaltung
seb, Hamburg

Druck
Winddruck, Siegen

Buchhandelsauslieferungen
BRD: Rotation Vertrieb
Schweiz: Pinkus Genossenschaft
Österreich: Herder Auslieferung
Niederlande: Papieren Tijger
Zur Geschichte der Utopien

ES IST ANSICHTSSACHE, wo wir die Geschichte der Utopien


beginnen lassen. Manche zählen die Mythen vom verloren-
gegangenen Paradies hinzu – dann sind Utopien ganz alt. Es
ist nur noch ein einziger Gedankenschritt notwendig: der,
daß das verlorengegangene Paradies eines Tages wiederkeh-
ren wird, in welcher denkbaren Form auch immer. In der
Tradition des Alten Testaments sind es die Propheten, deren
Bilder – etwa, daß in der »endgültigen Zeit« das Lamm ne-
ben dem Löwen weiden wird – einen bedeutenden Einfluß
ausüben: Ihre Verheißungen finden wir bei Jesus von Naza-
reth und in der Offenbarung des Johannes wieder. Die grie-
chische Mythologie kennt ein »Goldenes Zeitalter« und den
schließlichen Ruheplatz der Eleusischen Felder. Sympa-
thisch alltagsorientiert ist die (schon durch den »weisen
Herrscher« zu verwirklichende) Utopie in Laotses »Tao Te
King«: Kleine Nachbarschaften, in welchen die Speisen der
Menschen süß, ihr Wohnen freundlich, ihre Lebensweise
friedlich ist. Auch die mythischen Utopien, die von der Um-
wälzung der Kosmologie ausgehen, gründen in der Negati-
on des jeweils schlechten Bestehenden. So erstaunt es nicht,
daß das islamische Paradies der arabischen Wüstenvölker so
sehr vom Überfluß an Wasser gekennzeichnet ist.
Andere lassen die Utopiegeschichte bei den ersten nach-
weisbaren Staatsabhandlungen oder Staatsromanen begin-
nen. Oft genannt wird hier der griechische Philosoph Pla-
ton, der, auf seine Weise, bereits Realutopien/konkrete Uto-

7
pien konstruiert. Zudem weist er die Besonnenheit auf, gend, setzt ebenfalls, mit Thomas Morus, auf einer Insel
schon zwei verschiedene, seiner Ansicht nach ideale Gesell- (wahrscheinlich Sri Lanka) seinen »Sonnenstaat« fest. Re-
schaftsordnungen (eine »beste« und eine »zweitbeste«) zu giert von drei technokratischen Sonnenpriestern, die von
entwerfen und miteinander zu vergleichen: Platons »Poli- der Staatsorganisation über die Bildung bis zur »Zucht-
teia« mit seiner starrer Dreiklassengesellschaft (Herr- wahl« (siehe Platon) alles regeln, sind auch hier Armut und
scher/Philosophen; Soldaten; Bauern/Handwerker), Ge- Privateigentum abgeschafft. Schließlich bezieht sich Francis
meineigentum und »Zuchtwahl« war zwar einerseits auto- Bacon in seinem Fragment »Neu Atlantis« auf eine aus-
ritär geprägt, andererseits aber auf Freiwilligkeit beruhend. schließlich technologisch-innovative Zukunftsgesellschaft
Platon hat auch (erfolglos) versucht, den sizilianischen Dik- und ist vom Wunder der Fülle künstlicher Herstellungen
tator Dionysios zu beeinflussen und seine Utopien für die fasziniert. Böse Zungen behaupten, Bacon hätte all das gei-
Gestaltung dessen Staates zu übernehmen. stig vorweggenommen, wogegen unsere zeitgenössischen
Als erster utopischer Staatsroman des Altertums wird im all- Bürgerinitiativen gezwungen waren, den Kampf aufzuneh-
gemeinen der »Sonnenstaat« des Iambulos angenommen. men.
Was nicht bedeutet, daß es keine anderen gegeben haben
Wiederum kennt das 17. und 18. Jahrhundert eine Fülle
kann – auch wissen wir nicht, was alles in der Bibliothek von
utopischer Äußerungen, unter welchen keine einzelne
Alexandria, zum Beispiel, verbrannt worden ist. Nur kurz
Schrift oder schreibende Person hervorragt. Der Buchdruck
streife ich das Mittelalter, das zwar an utopischen Quellen
ist, in den Händen des aufkommenden Bürgertums, weit
reich, indes an utopischen Schriften im heutigen Sinne des
verbreitet. Der allmähliche Verfall des Feudalsystems wird
Wortes jedoch arm ist. Erstere manifestieren sich vor allem
langsam offensichtlich. Die Richtungen der gemachten Re-
in Märchen (Schlaraffenland), in Mythen (Barbarossa, der
formvorschläge (und Revolutionsansätze) klaffen weit aus-
aus dem Inneren des Berges Kyffhäuser zurückkehren wird),
einander. Es entstehen Staatsromane, Fürstenspiegel, Reise-
in Vorstellungen unentdeckter Länder und »guter (imaginä-
beschreibungen zu imaginären »guten« Südseevölkern, ent-
rer) Kaiser« (das Goldland »Eldorado« und der Kaiser Jo-
worfene oder wirkliche Geheimgesellschaften, Verfassungs-
hannes), in den Normen religiöser Subkulturen (Albigenser)
entwürfe, aufklärerische Reformkonzepte (oft genug in Ro-
und gerechtigkeitsorientierter Sozialrebellen.
manform) und Alternativprojekte (Shakers).
Im heutigen Sinne des Wortes entstand die Utopie im 16. Die Amerikanische Revolution 1776 und die Französische
Jahrhundert. Sie ist vor allen mit dem Namen von drei Au- Revolution 1789 zeigen, daß Veränderungen möglich sind.
toren verbunden: Der britische Kanzler Thomas Morus, Naheliegenderweise gibt es viele Autoren (und wenige Au-
später wegen seiner Gegnerschaft zum König Heinrich VIII torinnen), welchen die Veränderungen nicht weit genug ge-
hingerichtet und als katholischer Heiliger verehrt, schreibt hen, zumal das Volk von Paris trotz aller Revolution arm
seinen Staatsroman »Utopia«, der dem ganzen Genre den bleibt.
Namen geben sollte. Die Utopien kennen Gemeineigen- Mary Woolstonecraft und Olympe de Gouges fordern in
tum, umfassende alternative Bildungsprozesse, Dezentrali- weitreichenden Konzepten die Rechte der Frauen ein.1
sierung und Ablehnung des Luxus – allerdings auch sexuelle Vor allen erreichten hierbei drei Utopisten historische Be-
Repression, Sklaverei, Todesstrafe und Stellvertreterkriege. deutung, die bis heute anhält.
Der Dominikanermönch Tommaso Campanella, in Opposi- Der Graf Claude Henri de Saint-Simon zeichnet eine tech-
tion zur herrschenden Linie seiner katholischen Kirche, da- nokratische Welt universeller Sozialpartnerschaft von Indu-
her den größten Teil seines Lebens im Gefängnis verbrin- striellen und Arbeitenden mit Hilfe von Wissenschaft und

8 9
Kunst, die in produktivem Bündnis gegen die Herrschaft al- Bis ins frühe 20. Jahrhundert setzt sich der utopisch-soziali-
ler Unproduktiven (gemeint sind vor allem Grundherren, stische Diskurs so gut wie bruchlos fort. Als allgemeiner
Klerus und hohe Beamte) die Welt dynamisch verändern Grundsatz kann dabei festgehalten werden, daß, je mehr die
sollen. Die »Landgewinnung« (der späte Goethe des Produktion von Utopien sich häuft, desto stärker wird die
»Faust II« war wahrscheinlich von Saint-Simon beeinflußt), ökonomische Strukturkrise fühlbar. Bis zu jener Zuspitzung
der »Kanalbau« (bei so gut wie allen Kanalprojekten des 19. der Krise, die im Revolutionsjahr 1848 zum Ausdruck ge-
Jahrhunderts waren Saint-Simonisten beteiligt), die »Ab- kommen ist, wären beispielsweise die »Reise nach Ikarien«
schaffung« der Ehe und des Erbrechts sind hierbei Momen- des Franzosen Etienne Cabet zu erwähnen: eine zentralisti-
te, die mir in aller Kürze der Erwähnung wert scheinen. sche Utopie, die auf Effizienz, Arbeit, Gemeineigentum und
Charles Fouriers Gesamtwerk2 kreist immer wieder um ei- strikte Hierarchie bezogen ist. Oder die des deutschen
nen zentralen Gedanken: die stufenweise Auflösung der Schneidergesellen Wilhelm Weitling, etwa in den Schriften
unüberschaubaren und herrschaftlichen Gesamtgesellschaft »Die Menschheit, wie sie ist und wie sie sein sollte« und
in eine Vielzahl von Großkommunen (zwischen 500 und »Das Evangelium des armen Sünders«.3
1800 Personen), die in einer Verbindung von Autarkie, soli- Keineswegs hindert indes die Kritik Marx’ und Engels’ am
darischem Austausch und Marktorientierung die Gesamt- utopischen Sozialismus – welcher infolge der Entwicklung
heit der Produktions- und Lebenszusammenhänge unter des wissenschaftlichen Sozialismus als entbehrlich angese-
sich regeln sollen. Spezifisch für Fourier sind dabei die Auf- hen wird – an der weiteren Abfassung von Sozialutopien,
lösung dauerhafter Arbeitsteilung: Jeder Mensch, der dies was zur Jahrhundertwende einen Höhepunkt erreicht.4
will, soll in die Lage gesetzt werden, alle 1 1/2 Stunden ei- Dazu kommen noch technisch-wissenschaftliche Utopien,
nen anderen »Beruf« auszuüben, in kleinen Teams zu arbei- Dystopien zu den Wirkungen zukünftiger Kriege – die 1914
ten und zu leben (die Fourier »Serien« nennt). Diese »Seri- von der Wirklichkeit eingeholt wurden – sowie die idealty-
en« betreiben geradezu in emphatischem Sinne multikultu- pische Erprobung in alternativen Projekten insbesondere in
relle Hege und Pflege und beinhalten normative Abwei- den USA.
chungen (insbesondere sexueller, aber auch ideologischer Bei Marx selbst finden sich, wenngleich über das Gesamt-
und konsumtiver). Jahrzehntelang als Spinner angesehen, werk verstreut, mindestens 50 realutopische Anmerkungen;
wozu einige Momente seines Werks, die in Science Fiction zusammenhangslos, nur wenig originell, aber fraglos von ei-
übergehen, auch einladen, wie z.B. die Verwandlung des nem Bilderverbot weit entfernt.
Meeres in Zitronenlimonade und eßbare Gallerte, ist Fou- Hochmilitarisiert, mit Wehrpflicht bis zum 45. Lebensjahr
riers Einfluß auf eine Reihe von Utopien des 20. Jahrhun- in einer allgemeinen Arbeiterarmee und einer hierarchi-
derts groß. schen Herrschaft der Älteren (Gerontokratie) ab dem 45.
Schließlich der britische Fabrikant Robert Owen, der sein Lebensjahr, mit vereinheitlichter Meinung und Bildung
Vermögen für gesellschaftliche Experimente verwendet hat. stellt sich die Gesellschaft in Edward Bellamys »Rückkehr
Auch Owen ist ein Utopist der Dezentralisierung: Seine aus dem Jahre 2000« dar. Wie muß eine Gesamtgesellschaft
kleinen, auf die Aufhebung des Widerspruchs von Stadt und ausgesehen haben, in der selbst diese Utopie die Phantasien
Land bedachten Einheiten haben bedeutende Einflüsse auf von Millionen Menschen anreizen konnte!?
das Entstehen der britischen (und der weltweiten) Genos- Ganz im Gegensatz dazu findet in William Morris’ »News
senschaftsbewegung und der Gartenstädte ausgeübt. Eben- from Nowhere« (»Kunde von Nirgendwo«) eine dezentrali-
falls waren seine Ideen zu Erziehungs- und Bildungsprozes- sierte Reökologisierung statt – in der Themse der Zukunfts-
sen weitertreibend. gesellschaft können wieder eßbare Lachse gefischt werden.

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Wie Fourier, zählt auch Morris zu den heute aktuell geblie- Der erste Weltkrieg hat utopisches Denken schwer beein-
benen Utopisten der Vergangenheit. trächtigt. Nicht, daß es in den nachfolgenden Jahrzehnten
Um nicht im Eurozentrismus zu verharren – ohnehin wissen keine Rolle spielte – doch wird die Form durch die sozioö-
wir viel zu wenig von den in den Ländern der 3. Welt abge- konomische Lage der Welt beeinflußt. Als ob es darum gin-
faßten Utopien –: Der republikanische, oft emigrierte, chi- ge, dem Zeitgeist der Zwischenkriegszeit ein Symbol zu ge-
nesische Autor K’ang Yu-Wei versucht in einer außeror- ben, befaßt sich Sörgels Utopie »Atlantropa« ausschließlich
dentlich umfassenden, immer wieder in veränderten Aufla- mit der Verbesserung aller Lebensumstände (wenigstens der
gen erschienenen Schrift (»Das Buch von der Großen Ge- vorgeblichen) durch die Errichtung eines Riesendamms in
meinschaft«) alle von ihm wahrgenommenen Weltprobleme der Straße von Gibraltar, der im Laufe der Zeit das gesamte
zu lösen. Dabei gelingen ihm zwar eine Reihe von Einsich- Mittelmeer auszutrocknen imstande wäre und von diesem
ten; der Vereinheitlichungsdrang K’angs wirkt sich in vielen nur noch einige (wenngleich tiefe) Seen übrig ließe.
Momenten allerdings außerordentlich repressiv aus. Alle Es ist die hohe Zeit der Dysutopien, wo auch Aldous
Staaten sind bei ihm nur als Planquadrate mit geographi- Huxleys sprichwörtliche »Schöne neue Welt« entsteht.
schen Längen und Breiten zugelassen, und alle Rassenunter- Nehmen wir als einen von vielen den fraglos bedeutenden
schiede werden mit struktureller Gewalt nivelliert. utopischen Autor Herbert George Wells: Fast vierzig Jahre
Zentrale Themen des utopischen Diskurses um die Jahrhun- lang steht im Vordergrund Dutzender Romane, theoreti-
dertwende sind die Verkürzung des Normalarbeitstages, ins- scher Schriften und Aufsätze die Vorstellung einer weltret-
besondere im Wechselverhältnis von Produktion und Be- tenden Geheimorganisation kahlgeschorener, kaltgedusch-
dürfnissen, bzw. Luxusproduktion, und das Verhältnis von ter, sexuell asketischer, großgewachsener Spitzenintellektu-
Landwirtschaft, Handwerk und Industrie. Hertzka, Kropot- eller, mögen sie gerade »Neue Samurai« oder die »Weltor-
kin, Bebel und andere übertreffen sich geradezu in Progno- ganisation der Flugzeugtechniker« heißen. So viele Entbeh-
sen und realutopischen Versicherungen, daß der Normalar- rungen ziehen sicherlich Aggressionen nach sich, die für
beitstag auf 6, 4, 3, 2, 1 1/2 Stunden gesenkt werden könnte. eine hierarchische Machtausübung auf Weltebene sorgen.
Joseph Popper-Lynkeus ist mit seinen präzisen Berechnun- Der Staat darf dann ruhig absterben: im Jahre 2300, unge-
gen geradezu gemäßigt, wenn er zum Ergebnis von 6 Stun- fähr.
den kommt. Nach dem zweiten Weltkrieg führt der dann eintretende
Nun könnte eingewendet werden, der Großteil der Ge- Aufschwung zu einer widersprüchlichen Situation. In Ost
nannten hätte Randströmungen der Arbeiterbewegung an- und West sehen alle die Dinge zu ihrem Besten sich ent-
gehört. Dagegen spricht allerdings, daß August Bebel, Vor- wickeln: Sind es im Osten nur noch »Engpässe«, die die
sitzender der SPD, die damals als marxistisch galt und mit- »entwickelte sozialistische Gesellschaft« vorerst verhindern,
hin sicherlich im Zentrum der Arbeiterbewegung, nicht nur so muß im Westen nur noch ein »Kampf gegen die Armut«
eine eigene Monographie über Charles Fourier publiziert gewonnen werden. Zum einen ergibt sich daraus die An-
hat, sondern auch sein Hauptwerk »Die Frau und der Sozia- sicht, daß die Utopie, jedenfalls als Staatsroman zwecks Her-
lismus«, einen zeitgenössischen Bestseller, mit einer hun- stellung besserer Gesellschaft, am Ende sei und in Science
dertseitigen Realutopie beschloß. Neben einer Reihe von Fiction sich auflösen werde (z.B. bei Martin Schwonke oder
überraschungsfreien Punkten, wie Gemeineigentum, zeich- Judith Shklar). Zum anderen gibt es jede Menge utopischer
net sich die Bebelsche Utopie durch einen verhältnismäßig Konstruktionen, die – wir befinden uns am Anfang des Elek-
avancierten Umgang mit ökologischen Fragen aus. So sollte tronikzeitalters – eine Zukunftsgesellschaft nach den
Bebels Sozialismus auf Sonnenenergie aufgebaut sein.5 Grundsätzen des »mehr vom selben, schneller, höher, tech-

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nologischer« vorsehen. Der CIBA-Kongreß 1962, die »Mo- dustriegeprägter als die der Ersten.7 Ebenso wird deutlich,
delle für eine neue Welt«, die Szenarios von Hermann Kahn daß das Mischungsverhältnis der intellektuellen Studenten-
und Anthony Wiener deuten die Richtung an; metaphysisch bewegung zwischen elektronischen und ökologischen Mo-
überhöht auch von Teilhard de Chardin, bei dem, als Punkt menten in den Jahren nach 1967 von Land zu Land variiert.
Omega, Gott und die elektronische Maschinerie in eins zu- In den Niederlanden und in den USA traten die ökologi-
sammenfließen. Als Ausläufer schließlich noch Arbeiten, wie schen Einflüsse früher und nachhaltiger auf, in Frankreich,
»Computopia«, des Japaners Masuda: Alles kann mit allem besonders spät.
elektronisch kommunizieren; Prozeßrechnergesteuerte Au- 3.) Der markanteste Unterschied zu früheren Zeiten ver-
tomaten spucken so viele Güter aus, daß es nur noch Über- stärkter Utopiebildung besteht darin, daß nahezu alle mir
fluß gibt. Selbstredend erzeugt Atom, mit oder ohne »fausti- bekannten utopischen Schriften im Sinne Ernst Blochs
schen Pakt« (A. Weinberg), soviel Strom, daß die Energie- »Freiheitsutopien« sind: dezentral, hierarchiearm und we-
probleme auf alle Zeiten gelöst sind, wie beim reformsoziali- nig Wert legend auf effiziente Organisationsformen. Noch
stischen Radovan Richta. Nach Skinners »Futurum II«, die Übergangsutopien von dem Siegeszug der elektroni-
wenn auch auf der Kibbuz-Basis entworfen, fungiert sie als schen Maschinerie zum ökologischen Paradigma betonen
Illustration der Verhaltenstechnologien desselben Autors. die dezentralistischen Aspekte ihrer Visionen. Stellvertre-
In den Jahren nach 1966 beginnt eine erneute langfristige tend mögen hierfür die Zukunftsforscher Maguroh Maruya-
strukturelle Wirtschaftskrise, die 1973 (»Ölkrise«) in das ma und Alvin Toffler stehen: Maruyama für die Vielwertig-
Bewußtsein der Öffentlichkeit tritt – und die immer noch keit aller Erscheinungen, Toffler für den hoffnungsvollen
nicht ausgestanden ist. In dieser zweiten »langen Depressi- Übergang von der Bürokratie zur »Adhocratie«8. Erst recht
on« – so wurde die Wirtschaftskrise 1873-1896 genannt – gilt dies ausnahmslos für alle ökologistisch ausgerichteten
kommt es zu einer zweiten »Resurrektion der Utopie«. Utopien.
Da ich den großen Teil meiner Ausführungen in diesem Zu dieser Tendenz hat es in den siebziger Jahren markante
Buch auf die letzten Jahrzehnte beziehen will, werde ich Ausnahmen gegeben: Ausgehend von der wahrnehmbaren
mich an dieser Stelle so kurz wie möglich fassen: Gefährdung der Menschheit durch die ökologische Global-
1.) Im großen und ganzen ist die ökologische Weltproble- krise haben drei Entwürfe außerordentlich unterschiedli-
matik, bzw. sind gesellschaftliche Lösungsvorschläge dersel- cher weltanschaulicher Herkunft eine Öko-Diktatur vorge-
ben, der bestimmende Gegenstandsbereich der meisten zeit- schlagen. Es handelt sich dabei um den westdeutschen Kon-
genössischen Utopien. Dies gilt insbesondere, aber nicht servativen Herbert Gruhl, den ostdeutschen Dissidenten
nur, für den nahezu namensgebenden Roman Ernest Cal- Wolfgang Harich sowie um den amerikanischen Liberalen
lenbachs »Ökotopia«.6 Multikulturell, sanft technologisch, Robert Heilbronner (den genannten wären noch einige ver-
dezentralistisch, frauenfreundlich, hierarchiearm (aber nicht gleichbare aus dem Umkreis des französischen Rechtsextre-
hierarchielos): so idealtypisch dieser Roman (neben einer mismus hinzuzufügen). Ein Übergewicht repressiver Ord-
eher überflüssigen aggressiven Szene) ist, so sehr machen nungsutopien ist allerdings dennoch nicht festzustellen.
die verschiedensten vergleichbaren Utopien Varianten die- 4.) Eine überproportional große Zahl von Utopien (oder
ser Normen aus. utopieähnlicher Entwürfe – zu dieser Differenzierung an an-
2.) Daran ändert auch nichts, daß unterschiedliche Interes- derer Stelle) bezieht sich auf Modelle künftiger Gesellschaf-
sen (zumal von einem weltweiten Blickpunkte aus) auch un- ten, wie wir sie schon bei Fourier gefunden haben: eine Viel-
terschiedliche zeitgenössische Utopien nach sich ziehen. zahl kleiner autonomer Gemeinschaften mit jeweils großer
Naheliegenderweise sind die Utopien der Dritten Welt in- normativer Vielfalt. Dies tun sie sehr oft, ohne sich aus-

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drücklich auf Fourier zu beziehen.9 Die britischen Ökologi- Vorherschaubar wäre dann, daß die Gruppe ökologistisch
sten Edward Goldsmith und Richard Allen regen in ihrem motivierter Menschen sich teile: in eine dann voraussichtli-
»Planspiel zum Überleben« an, in einer Art Hundertjahres- che Mehrheit (sozialdemokratische Vertreter der »ökologi-
plan Großbritannien in Kommunen von 500 Personen zu schen Modernisierung«, grüne Realpolitiker, Theoretiker,
zergliedern, um die Umweltverheerungen zu beenden. Die wie Joseph Huber), die mit dieser Entwicklung die ökologi-
Ideen des Schweizer Autors mit dem Pseudonym P.M. zirku- stischen Utopien etwa der Siebzigerjahre als erfüllt ansähen
lieren sowohl in seinen Romanen (»Weltgeist Superstar«) – und in eine dann voraussichtliche Minderheit, der die ent-
als auch in seiner utopischen Konzeption (»bolo’bolo«) und sprechenden Reformen nicht weit genug gingen. Freilich –
in dem folgenden Band (»Olten, oder: Ideen für eine Welt unterstellt, ökologische Globalkrise und unkontrollierbare
ohne Schweiz«) um eine gegliederte Weltföderation aus Ge- Biotechnik ermöglichten der Menschheit überhaupt ein
meinschaften (P.M. nennt sie »bolo’s«) aus 500 Personen. Überleben, das den Namen verdient – würden jene zu früh
Seine zentrale Motivation ist die Begründung von Gemein- frohlocken, die dann, wieder einmal, das endgültige »Ende
schaften auf Selbstversorgungsbasis mit den Gütern des täg- der Utopie« gekommen sähen. Überraschungsfrei wäre vor-
lichen Bedarfs. Rudolf Bahros »Kommune wagen« wieder- herzusagen, daß die utopische Dimension spätestens dann
um basiert auf der Neubegründung der Klosterökonomie. wieder verstärkt da wäre, wenn die nächste Strukturkrise
5.) Schließlich ist zu prognostizieren, daß die Resurrektion eintritt.
der Utopie noch einige Zeit anhalten wird. Zum einen
macht die wirtschaftliche Situation (den ehemaligen Ost-
block inbegriffen) nicht den Eindruck, sich in absehbarer
Zeit wesentlich zu verbessern. Zweitens sind zwischenzeit-
lich eine Reihe utopieerzeugender Verfahren entwickelt
worden, deren bekannteste die Zukunftswerkstatt von
Robert Jungk ist (sie wird an anderer Stelle skizziert wer-
den). Dies ermöglicht einer Vielzahl von Menschen, ihre
Utopien (bzw. die ihrer Klassenströmungen, ihrer Teilkultu-
ren und Subkulturen) zu formulieren, während dies in
früheren Zeiten nur relativ kleinen Personengruppen mög-
lich war.
Allerdings ist es durchaus möglich, daß innerhalb des näch-
sten Jahrzehnts ein weiterer wirtschaftlicher Aufschwung
eintritt – und dann der angedeutete utopische Impuls nach-
läßt bzw. sich auf ähnlich kleine subkulturelle Gruppen sich
beschränkt, wie dies in den Jahrzehnten des »Wirtschafts-
wunder« der Fall war.
In diesem Fall würde ich die vorliegende Prognose aufrech-
terhalten, daß der nächste zyklische Aufschwung auf der
großtechnologischen Anwendung ökologischer Erkenntnis-
se, durchgeführt etwa von multinationalen Konzernen, ba-
siere.

16 17
Begriff und Authentizität von Utopie

UTOPIEN GELTEN ALS Wunschbilder eines künftigen Zeital-


ters. Zunächst, von einzelnen Menschen ausgehend, sind
Utopien subjektiv gestaltete Zukunftsentwürfe, die im
Ganzen oder im Detail eine wünschbare zukünftige Gesell-
schaft skizzieren. Der Philosoph Ernst Bloch hat anschau-
lich gemacht, daß die Utopie, über die er letztlich 3 Bände in
seinen Hauptwerk, »Das Prinzip Hoffnung« geschrieben
hat, schon beim kleinsten Tagtraum beginnt: der Lottoge-
winn, die Reise in den Süden, der neue Freund / die neue
Freundin, eine deutsche Regierung ohne Kohl u.s.w. Bloch
ist so weit gegangen, sogar die aggressiven Tagträume vom
Typus ›Tod der Schwiegermutter‹ als Beginn der Utopie an-
zuerkennen. Immer findet sich in unserem Lebenszusam-
menhang ein noch nicht eingelöstes, ein »Noch-Nicht«.
Selbstredend bleibt es nicht bei diesen taggeträumten Priva-
tutopien. Utopien vergesellschaftlichen sich in Familien, in
Gruppen, in Teilkulturen, in Subkulturen, in Klassenströ-
mungen.10 Utopien besitzen neben der zeitlichen auch eine
räumliche Dimension. Wörtlich übersetzt heißt ja auch
»ou-topos« »Nirgends-Raum« – oder verständlicher »Nir-
gendwo«. Es kann sich, wie sehr oft, um eine Insel handeln,
um ein Phantasieland in den Bergen, um eine geheime Burg,
um einen abgeschnittenen Kleinstaat, eine Kommune, ein
Land hinter dem Grießbreihügel, eine fremde Galaxie. Um
zu diesem Raum zu gelangen, müssen allerdings Wege über-
wunden werden, wodurch die Zeit wieder Eintritt in das

19
utopische Feld erhält. Auch kann das Wunschbild durch ein es kaum eine Utopie gäbe, die nicht sich selbst als Realuto-
Angstbild ersetzt oder verdeckt werden – dann wird von ei- pie, als verwirklichbar, verstünde. Zwar trifft dies zu, den-
ner »negativen Utopie« oder einer »Dystopie« gesprochen. noch erscheint mir die Unterscheidung sinnvoll. Des Utopi-
Manche Dystopien sind geradezu sprichwörtlich geworden, sten Charles Fouriers Großkommune Phalanstere wäre je-
so der 1948 von George Orwell geschriebene Roman derzeit machbar, unterstellt, es gäbe 1600 interessierte Men-
»1984«. schen, ca. 90 Millionen DM und ca. 640 Hektar Land. Des
Als im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts die Zukunftsfor- selben Utopisten Wunschbild hingegen, das Meerwasser
schung sich entwickelte, wurde die Utopie zusehends zu ei- werde sich in Zitronenlimonade verwandeln, hört sich dem-
nem ihrer Momente, und ihre herausgelöste Darstellung, gegenüber arg abstrakt an.
etwa als Staatsroman, ist seltener geworden. Zukunftsfor- Utopien haben, wie das meiste auf der Welt, zwei Seiten.
schung läßt sich als widersprüchliche Einheit von Progno- Zum einen stellen sie immer, um es mit Herbert Marcuse zu
sen, Planung und Utopie definieren: Während die Prognose sagen, die bestimmte Negation des jeweiligen schlechten
die Voraussage wahrscheinlich eintretender Prozesse be- Bestehenden dar. Aus dem Philosophischen ins Deutsche
zeichnet, bezieht die Planung sich auf die Dimension des auf übersetzt, heißt dies soviel wie: Sage mir, welche Utopien in
zukünftige Abläufe gerichteten Handelns.11 Demgegenüber einem bestimmten Land zu einer bestimmten Zeit geschrie-
hat es Utopie immer mit dem Subjekt des Verhaltens wie des ben worden sind, und ich sage Dir, wie, im Gegensatz dazu,
Handelns zu tun; sie ist von Kategorien wie Wunsch, Tag- die gesellschaftlichen Bedingungen damals dort gewesen
traum, Hoffnung, Bewußtsein, Selbstreflexion nicht ablös- sein müssen.
bar. Eine Untersuchung, die sich auf »wahrscheinliche«, Wenn, um die beiden in der Geschichte hauptsächlich auf-
»wirkliche«, und »mögliche« Zukünfte bezieht, hat diese tretenden Beispiele auch in diesem Zusammenhang kurz
drei Momente von Zukunftsforschung einbezogen. Das auszuführen, die Utopien die Dezentralisierung feiern, muß
muß aber nicht mit Notwendigkeit so sein. es in der »realen« Gesellschaft recht zentral hergegangen
Es gibt Mischformen, die zu Beginn zumindest erwähnt sein.12 Selbstversorgungslandwirtschaft, der Staat als lose
werden sollten, da die Utopie in den vergangenen Jahrzehn- Konföderation von Kommunen, eine multikulturelle Viel-
ten häufiger in deren Gewändern aufgetreten ist als in den fältigkeit – wenn sie in der Utopie auftauchen, können wir
uns vertrauten. Eine Utopie, die prognostische Erkenntnisse mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon aus-
miteinbezieht, wird häufig ein »Scenario« genannt. Utopi- gehen, daß die repressive Vergesellschaftung gerade zu-
en, die mit planerisch-strategischem Handeln vermittelt nimmt, daß die Willensbildung des einzelnen ausgeschaltet
werden sollen, gelten oft als »Entwürfe« – und zwar so oft, wird, große wirtschaftliche Einheiten (Manufakturen,
daß »Utopie« und »Zukunftsentwurf« nicht selten synonym Trusts, Kartelle, Konzerne) sich bilden, die immer mehr
verwendet werden. Das macht auch zuweilen Sinn: Ein Vermögen und Einfluß anhäufen, Superstaaten (oder gar
großer Teil der Verfasser von Utopien tut dies durchaus mit Suprastaaten vom Typus der EG) immer weiter sich zentra-
dem Interesse, die utopischen Wunschbilder, Vorstellungen lisieren, Großinstitutionen wachsen (und jeder kleinen Al-
und Normen ja anschließend in die Wirklichkeit umzuset- ternative, die im Gegensatz zu ihnen, vielleicht durch die
zen. Entsprechendes gilt für die Unterscheidung »(abstrak- bloße Existenz, Schwierigkeiten machen), Superideologien
te) Utopie« (nicht umzusetzen) und »Realutopie« oder auch und Superwissenschaften nur ihre eigene Wahrheit für rich-
»konkrete Utopie« (könnte bei einer entsprechenden ge- tig halten. Hand in Hand pflegt dies dann zu gehen mit ei-
samtgesellschaftlichen Konstellation Wirklichkeit werden). nem Zerfall von Primärgruppen (beispielsweise Familien)
Gegen diese Unterscheidung ist eingewendet worden, daß und einer zunehmenden Vereinzelung von Individuen, die,

20 21
um nicht im luftleeren Raum hängen zu bleiben, auf neue Fabriken, nicht eben eine häufige Figur. Zum anderen, ich
Formen möglichst selbstverwalteter Gesellschaften drän- kehre zu den beiden Seiten der Utopien zurück, gehen diese
gen. nicht zur Gänze in dieser verneinenden, in dieser kompensa-
Das zweite Beispiel betrifft jene Utopien13, die hierarchisch torischen Funktion auf. Dazu gehört im allgemeinen ein
strukturiert sind. Eine der geschichtlich meistgenannten Moment dessen, was der frühe Rudolf Bahro in seinem Buch
Umgangsweisen mit Wunschbildern künftiger Gesellschaft »Die Alternative« einmal »überschießendes Bewußtsein«
besteht (bzw. wir müssen fast sagen: bestand) in der Annah- genannt hat: jene unzensierten Wünsche und Bedürfnisse,
me, ein zukünftiger hierarchischer Zentralismus, durchge- die jede und jeder von uns zuweilen hat, die indes die mei-
führt von weisen Lenkern des Gemeinwesens, würde alle sten von uns selten ausformuliert haben. Wobei – dies geht
Probleme der Welt so vortrefflich lösen, daß dies jeder- auch schon aus dem zur Prognose und zur Planung Erwähn-
mann/jedefrau als zu ihrem/seinem Besten dienend aner- ten hervor – Ernst Bloch nicht zufällig von der »docta spes«
kennen würde. Diese Zukunftsentwürfe erreichen vor allem (auf deutsch: von der »gelehrten Hoffnung«) spricht: Je eher
in Strukturkrisen große Resonanz. Diese Ordnungsutopien die überschießenden Momente des Bewußtsein durch die
zeigen im allgemeinen die Negativfolie einer Gesellschaft Möglichkeiten geschichtlicher Entwicklungschancen hin-
auf, in der es vor Konkurrenz, Chaos, Interessenwider- durchgegangen sind, ohne allerdings die Wünsche oder Be-
sprüchen, die notwendige Problemlösungen blockieren, nur dürfnisse doch noch zu zensieren, desto naheliegender der
so wimmelt. Wenn etwa eine Utopie, in der wir es, in einer Weg, wenigstens momentweise der Realisierung dieser Uto-
Atmosphäre paramilitärisch genormten Drills, keine zwei pie näherzukommen. Entsprechend zweigleisig ist denn
Tage als Arbeitende aushalten würden, von Hunderttausen- auch Ernst Blochs »Latenz-Tendenz« als Inbegriff der Zu-
den Arbeitern mit Begeisterung aufgenommen worden war, kunftserwartung: Die »Latenz« steht für den Wärmestrom,
läßt es sich ermessen, wie das betreffende Land (es war die für Wünsche, Bedürfnisse und Gefühle, die »Tendenz« für
USA um 1890) ausgesehen haben mag – damit dieser Ent- den Kältestrom, für die Analyse historischer Entwick-
wurf Begeisterung hervorzurufen imstande war. Jeder lungschancen.
Trustherr gegen jeden, alternde Arbeiter gefeuert und auf
Einer der zentralen Kritikpunkte an dem Abfassen von Uto-
den Müll geworfen, anstatt mit politischen Ämtern geehrt
pien bzw. am utopischen Bewußtsein besteht im Vorwurf,
zu werden, jeder behaltene Arbeitsplatz, jede behaltene
Utopien seien zu statisch. Die Schreibenden der Utopien
Mietwohnung ein Glücksfall, gewaltige Einkommensunter-
nähmen für ihre Zwecke einen abgeschlossen Raum an, der
schiede – um nur weniges zu nennen. Ein anderes Beispiel
auch die ganze Erde sein könne – und alle darin würden wis-
für diese auch kompensatorische Funktion des Ausmalens
sen, was richtig und was falsch sei.14 Daraus hat sich häufig
farbiger Wunschbilder in schlechten Zeiten kommt nicht
die Position abgeleitet, Utopien würden unweigerlich zu to-
nur in der Tatsache zum Ausdruck, daß Utopien häufiger in
talitären Zukunftsentwürfen führen, in welchen die Freiheit
Jahrzehnten der Strukturkrise als in jenen eines relativen
zur Abweichung beseitigt sei. Beispielsweise sind es Karl
strukturellen Aufschwungs verfaßt worden sind, sondern
Popper, Ralf Dahrendorf, in neuerer Zeit Fritz Raddatz und
auch in der Abwesenheit der dystopischen Gegenseite. In ei-
Marcel Reich-Ranicki, die dieser Position nahestehen. Letz-
ner Reihe von feministischen Utopien etwa kommen die
tere haben etwa in den Jahren seit 1989 häufiger den Stand-
Männer einfach nicht mehr vor. Wie sehr Autorinnen und
punkt vertreten, Utopien seien etwas tyrannisches, und es
Leserinnen am Patriarchat gelitten haben mögen, läßt sich
wäre besser, es gäbe endlich keine mehr. Vergleichbares mag
daran leicht erkennen. Ebenso ist in sozialistischen und öko-
für Utopien vergangener Jahrhunderte immer mal gegolten
logistischen Utopien der Kapitalist, wie der Direktor großer

22 23
haben. Tatsächlich läßt sich insbesonders aus den Normen nischer Rationalität, mitsamt Weltpolizei, Welttransport-
der Ordnungsutopien mit wenigen Handgriffen ein Legiti- monopol und monopolisierter permanenter Erziehung.16
mationsinstrument für eine faschistische oder stalinistische Dieser Weltstaat muß erst noch einige Jahrhunderte beste-
Ideologie machen. Die »Zuchtwahl« Campanellas oder Pla- hen, bevor er dann absterben darf – dieses prozessuale Plan-
tons, kombiniert mit dem technologischen Instrumentarium spiel endet etwa um 2200. Mit einigen Verschiebungen ließe
Bacons oder Bogdanows, bis hin zur Genmanipulation, er- das Scenario indes sich auch bewegen, verändern, anders ge-
gänzt durch die »richtigen« Normen der Weltenlenker Ca- stalten – selbst nach Rezepten, die Büchern von H.G. Wells
bets und Bellamys oder Harichs – da braucht es nicht viel zu entnehmen wären.17 Die Veränderung hinsichtlich der
Phantasie, um unter der Hand die Utopie zur Dystopie zu neuen prozessualen Utopien besteht nun darin, daß in der
verwandeln.15 Gegenwart kaum Zukunftsentwürfe erstellt werden, die
Im Laufe der letzten Jahrzehnte allerdings haben sich die nicht schon von vornherein prozessualen Charakter ange-
Grundmuster von Utopien und Zukunftsentwürfen diesbe- nommen haben. Dies beginnt, zum einen, in jener eingangs
züglich stark verändert. Haben, wie gesagt, die erwähnten skizzierten Zukunftsforschung, als deren Moment die Uto-
Gegner der Utopien vor allem mit den geschlossen-stati- pie angesehen werden kann (jedenfalls in diesem Kontext).
schen Aspekten der utopischen Darstellungen argumentiert, Im Gegensatz zu den »Standardentwürfen« etwa des
sind zwischenzeitlich, aus einer Vielzahl von Gründen, die berühmten Hermann Kahn sieht die Auffassung Bertrand de
Utopien mit dieser Art von Kritiken nicht mehr zu treffen. Jouvenels von vornherein eine Mehrzahl möglicher Zukünf-
Nunmehr handelt es sich zumeist um Utopien prozessualen te (»futuribles«) vor. Um so mehr bei den neueren Utopien
Vorgehens, bei welchen der Weg zur Utopie mit dieser im engeren Sinne des Wortes. Goldsmith/Allens »Planspiel
gleich mitgeliefert wird, auch die Veränderbarkeit der utopi- zum Überleben«, welches in der historischen Einführung
schen Gesellschaft selbst kein Tabu ist. kurz zitiert worden ist, läßt sich schon einmal gar nicht an-
Um es mir nicht allzu einfach zu machen, beginne ich hier ders denken denn als offener Prozeß, der in seinem Verlauf
nicht mit einem ohnehin multikulturell-antwortvielfältigen modifizierbar sein muß. Utopien, wie die neo-benediktini-
Freiheitsutopisten vom Typus Fourier, Morris oder Callen- schen Kommunen des Rudolf Bahro, die Weltföderation des
bach, sondern mit einem zentralistischen Ordnungsutopi- US-amerikanischen Computer- und Video-Freaks John
sten, auf den das Ausgeführte gleichwohl zutrifft. Herbert Muir, die assoziative Wirtschaftsordnung des anthroposo-
George Wells liefert in seinem monumentalen »Shape of phischen Umfelds Rudolf Steiners werden von vornherein
Things to Come« (»Die Gestalt der Dinge, die da kommen als Ablauf eines Weges verstanden, in welchen hineininter-
werden«) zum Inhalt seiner Utopie die Wegbeschreibung veniert werden kann. Auch Ernest Callenbachs »Ökotopia«
mit. Seine Kaste technokratischer Manager als kompetente ist, wie erwähnt, ein zweiter Band nachgeschickt worden, in
Empfänger der weit ausholenden Wellsschen Pläne, um eine dem der Weg nach Ökotopia beschrieben wird – nachdem
bankrotte kapitalistische Gesellschaft überwinden zu kön- im ersten Band der Eindruck des verfestigt Entstandenen
nen, nimmt hier die Form der weltweit vereinigten Piloten, gemacht worden war. Ebenso gibt es eine kleine internatio-
Fluglotsen und Lufttransporteure an. Das Scenario, immer- nale Gruppe, die die Begründung von »bolo’bolo« anstrebt
hin 1933 veröffentlicht, beginnt mit dem 2. Weltkrieg (ganz – und die noch so viele Wegstrecken vor sich hat, daß es
richtig: zwischen Deutschland und Polen), aus dessen Zer- ebenfalls nicht anders als provisorisch, prozessual und revi-
störungen und chaotischen Verlaufsformen die Hegemonie dierbar vorstellbar ist. Selbstredend ist diese Aufzählung
der Technokraten entsteht. Deren »Verschwörung für den zeitgenössischer prozessualer Utopien weit von der Voll-
Fortschritt« erreicht ihren Gipfel in einem Weltstaat tech- ständigkeit entfernt. Im großen und ganzen ließe sich die

24 25
Behauptung aufstellen, daß neo-fourieristische, mikrologi- Es gibt Industrien, aber weniger als heute. Es gibt Städte,
sche oder spirituell-ganzheitliche Utopien schon einmal je- aber sie sind kleiner und anders. Ganz wenige Betriebe sind
denfalls anti-statisch konstituiert worden sind. Unsystema- verstaatlicht, der Großteil produziert genossenschaftlich,
tisch fallen mir dazu ein: Reiner Lenz’ ideell-kulturell anre- vieles läuft auch im privaten Kleineigentum. Lebensweise,
gendes »Meta-Seminar«; Peter Dubs / Alfred Erny’ / Remy Energie und Produktion verlaufen durchgängig dezentrali-
Gublers »O/S-System« , ebenfalls ein aufwendig-dezentra- siert. In den Städten gibt es Gartenbau und Kleintierzucht –
listisches Organisationsprogramm, von der Mittätigkeit der dies, wenn nötig, auf dem Dachboden.18 Die Innenhöfe sind
daraus Interessierten abhängig – möglicherweise kam es belebt; ein großer Teil der Arbeit (des Handwerks, der
auch deshalb nicht in der Praxis zustande; Horst von Gi- Dienstleistungen und der Sekundärökonomie) wird in der
zyckis »Aufbruch aus dem Neandertal« und »Arche Noah »Freizeit« unentgeltlich gemacht.19 Die Betriebe sind maxi-
’84«, wobei seine Kommunenmodellförderungsgesellschaft mal 1500 Arbeitende groß, die Technologie ist angepaßt.
allerdings bis heute nicht so richtig zustandekam. Auch der Selbstredend gibt es ländliche Großkommunen im Sinne
»Anti-Ödipus« von Gilles Deleuze und Felix Guattari mün- Fouriers (oder auch Bolos nach P.M. oder auch Ökodörfer...)
det in eine Nachbarschaft zu Ivan Illich: das Recht eines und und auch die verschiedensten kleinen Einheiten, von der
einer jeden zur Benutzung der Produktionsmittel innerhalb Wohngemeinschaft bis zum Handwerkerkollektiv – aber
einer nicht-ödipalen Wunschgesellschaft, den Gebrauch ebenfalls nicht als einzige Form. Ebenso dominiert zwar die
größenverminderter Maschinen durch die größtmögliche dauerhaft monogame eheähnliche Zweierbeziehung – aber
Anzahl von Menschen, die Aufhebung des Spezialwissens nicht als einzige Form. Die Arbeit ist überschaubar, aber in
und des Berufsmonopols – eine Form des Weges, die als sta- ihrer Bedeutung eingeschränkt. Die Architektur reicht von
tisch sich vorzustellen undenkbar wäre. Hand in Hand damit »handmade houses« bis zu integrierten Einheiten mit Dach-
geht eine weitere grundlegende Innovation bei der Kon- gärten, Sonnenkollektoren, Biogasanlagen, Fischteichen
strukion von Utopien: der abnehmende Ausschließlichkeits- und Korkdämmungen. Das Essen ist nicht vegetarisch, aber
anspruch von Zukunftsentwürfen. der Fleischkonsum ist reduziert. Die Frau hat gleich viel zu
Können sich Utopisten von Morus bis Bellamy zumeist nur sagen wie der Mann, manchmal (so bei Ernest Callenbach)
eine »richtige« Zukunftsgesellschaft vorstellen, so erfolgt sogar etwas mehr. Die Werktage sind kürzer, und die Bil-
hier – meines Wissens zum ersten Mal bei William Morris – dung ist eng mit der Praxis verbunden. Wie antwortvielfältig
die Feststellung, dies sei zwar die künftige Lieblingsgesell- eine solche Minimalutopie sein muß (bei Strafe ihres Unter-
schaft des Autors, aber alle anderen möglichen Varianten gangs), ist schon daraus zu ersehen, daß sie im Schnittpunkt
seien auch vorstellbar. Einen Begriff Ernst-Ulrich von so verschiedener Auffassungen steht wie sie von folgenden
Weizsäckers aufgreifend, möchte ich hierbei vom Grund- Gruppen vertreten werden: Ökosozialisten, Ökolibertäre,
muster der gesellschaftlichen Antwortvielfalt sprechen. Sie Anarchisten, Anthroposophen, ein Teil der Feministinnen,
findet beispielsweise ihren Ausdruck in den Utopien Ernst jüngere Sozialdemokraten, Leute aus der 3. Welt-Bewegung
Callenbachs (»Ökotopia«), Otto Ulrichs (»Weltniveau«), und aus christlichen Basisgemeinden, Spirituelle. Auch im
Niels I. Meyers / K. Helweg Petersens / Villy Sorensens Hinterkopf vieler Mitglieder der Partei »Die Grünen« dürf-
(»Aufruhr der Mitte«) und Walter Neumanns (»Revon- te das oben flüchtig skizzierte Wunschbild, wenn wir einmal
nah«). Die Grundnormen könnten hierbei in etwa wie folgt von der Metropolenfraktion im Stile Daniel Cohn-Bendits
skizziert werden – wobei ich dann bitte, den hierbei notwen- absehen, aufscheinen. In verschiedenen Akzentuierungen
dig eintretenden Schematismus meinem Raummangel, nicht trifft dieses Bild sich auch mit den Schriften benachbarter
aber einem inhaltlichen Dogmatismus zuzurechnen: Utopien: mit den hierarchielosen »Beta-Strukturen« (den

26 27
hierarchischen »Alpha-Strukturen« entgegengesetzt) des gegen die Pariser Commune 1871). Zwar wird eine weitere
norwegischen Friedensforschers Johann Galtung; mit der Klasse angenommen, die in der Mitte zwischen Bourgeoisie
gesellschaftlich-genossenschaftlich fokussierten Spiritualität und Proletariat liegt und als »Kleinbürgertum« bezeichnet
Erich Fromms, Theodore Roszaks oder Fritjof Capras/Haz- wird (in dieser Kategorie werden Handwerker, Händler,
le Hendersons; mit den »sanften Wegen« alternativer Tech- Bauern, selbständige und lohnabhängige Intellektuelle ver-
niker. Am extremsten – und damit am authentischsten – ist mischt). Doch wird dieser Klasse keine Chance zu einer ei-
die Antwortvielfalt in der »lebenswerten Alternative« des genständigen politischen Äußerungsform gegeben. Sie ist,
Briten James Robertson nachzuzeichnen: In diesem Buch gemäß der Klassenanalyse des 19. Jahrhunderts, dazu verur-
verzichtet der Autor explizit darauf, eine eigenständige Uto- teilt, sich aufzulösen und zu den beiden Hauptklassen über-
pie zu entwerfen; statt dessen legt er den Lesenden seines zugehen.
Buches einen zweidimensionalen Baukasten vor, aus dem Diese Klassenanalyse, und das ist für unser Thema der Aut-
eine je spezifische Utopie konstruiert werden kann. Alles in hentizität der Utopie von großer Bedeutung, funktioniert
allem erlaubt letztere ungefähr 180 Kombinationen – wobei am Ende des 20. Jahrhunderts mit Sicherheit nicht mehr.
ich annehme, daß kaum noch jemand die gesamte Matrix Auf die Frage, ob sie je die Wirklichkeit in zutreffender
Robertsons durchlaufen hat. Dieses Verfahren nähert sich – Weise wiedergegeben hat, will ich hier nicht eingehen – für
um den Bogen zu schließen – jenem an, das in den späten unseren Zweck wäre sie zu »akademisch« im schlechten Sin-
siebziger Jahren der Kasseler Mathematikprofessor Hartmut ne des Wortes. Dafür sind, in der gebotenen Kürze, die fol-
Bossel mit einigen Bürgerinitiativen durchgeführt hat.20 genden Argumente beizubringen:
Auch hier wird, aufgegliedert nach einer größeren Mehrzahl 1.) Bereits im 19. Jahrhundert wird die Möglichkeit des Aus-
von Gegenstandsbereichen, aus den einzelnen Aussagen einanderdifferenzierens der Hauptklassen in Klassenströ-
eine Gesamtutopie zusammengesetzt – die ihrerseits wieder- mungen vereinzelt angedeutet, ohne daß daraus theoretische
um große Ähnlichkeiten zur angedeuteten Anwortvielfältig- oder strategische Schlußfolgerungen gezogen worden
keit aufweist. Dieses Streben nach Anwortvielfalt hat auch wären. Wenn Marx etwa auf die Teilung der Arbeit in Kopf-
seine Ursachen. arbeit und Handarbeit zu sprechen kommt, erwähnt er kurz
Die Klassenanalyse des 19. Jahrhunderts – am meisten ist sie ihre mögliche Scheidung »bis zum feindlichen Gegensatz«
mit dem Namen Karl Marx’ verbunden, läßt sich allerdings (Kapital I,S. 531). Ähnliches gilt für jene besitzlosen Klas-
nicht nur auf diesen beschränken – geht letztlich von der senströmungen, die noch nicht einmal ihre Arbeitskraft ver-
Existenz zweier antagonistischer Hauptklassen aus, die in ei- kaufen können, und die als »Lazarusschicht« (d.h.: die am
nem notwendigen Antagonismus21 zu einander stehen, wel- meisten Leidenden) bezeichnet worden sind.
cher sich auf jenes »letzte Gefecht« zubewegt, von dem die 2.) Wie aus diesen Beispielen schon hervorgeht, erscheinen
»Internationale« spricht. Im Idealtypus des Klassenkampfs in der Klassenanalyse des 19. Jahrhunderts – um ganz »or-
zwischen der (besitzenden) Bourgeoisie und dem (nicht be- thodox« zu beginnen – etliche Trennungen, die dann aber
sitzenden) Proletariat – der, und das darf bei der Erörterung für die weitere, bekanntlich fragmentarisch gebliebene Un-
dieses Themas nicht vergessen werden, vor allem von oben tersuchung folgenlos bleiben: Kopfarbeit – Handarbeit;
geführt wurde! – neigen alle weiteren Klassen dazu, unterzu- mehrwertproduzierende Arbeit – aus der Revenue (d.h. Ein-
gehen: Die Feudalherren stehen zwar zunächst zur Bour- kommen) bezahlte Arbeit; leitende Arbeit – ausführende Ar-
geoisie ebenfalls in einem antagonistischen Widerspruch beit; Arbeitsaufsicht – sich wiederholende Teilarbeit; aktive
(Französische Revolution, 1848 etc.), schließen sich aber Lohnarbeit – Erwerbslosigkeit; ländliche Arbeit – städtische
dann gegen die proletarische Bedrohung zusammen (z.B. Arbeit; Lohnarbeit – Hausarbeit (Doppelbelastung); Quali-

28 29
fikation – aktive Arbeit – Ruhestand. Allein aus einer Matrix gen, die sich auf weit über hundert belaufen dürfte. Dazu
dieser Trennungen wäre es möglich, unter Abzug der Null- kommt, daß sich die Klassenströmungszugehörigkeit zudem
mengen, mehrere Dutzend Klassenströmungen herauszude- auch noch alle paar Jahre zu verändern neigt.
stillieren. 6.) Schon zur Begriffsbestimmung der Klasse wurde im all-
3.) Dazu kommt, daß in der Fortentwicklung der Geschich- gemeinen beigetragen, dies seien große Gruppen oder Zu-
te im Durchschnitt alle 50 Jahre eine neue hegemoniale Ma- sammenballungen von Personen, die einen ähnlichen Zu-
schinerie konstruiert worden ist, die ihre Wirkungen auf die sammenhang der Arbeit und des Alltagslebens aufwiesen.
Zusammensetzung der Klassenströmungen ausübt. Marx hat Sehr glaubhaft schien mir das nicht: Nach Marx zählt so-
seine Analysen auf Grund der Manufaktur, der Dampfma- wohl der am Betrieb nicht beteiligte Spitzenmanager zum
schine und der gerade in Entfaltung befindlichen mechani- Proletariat als auch die erwerbslose jugoslawische Hausfrau,
schen Maschinerie, die ihm dann als »große Industrie« galt, deren Arbeitszusammenhang und Alltagsleben durch extre-
erstellt. Dabei hat er immerhin ökologische Probleme er- me Unterschiedlichkeit voneinander gekennzeichnet sind.
wähnt und die elektronische Maschinerie prognostiziert. In- Die Ausdifferenzierung in Klassenströmungen bildet nun
zwischen hat die Welt die elektrische Maschinerie und die des Rätsels Lösung: Diese sind es, die ihr Arbeits- wie ihr
elektronische Maschinerie kennengelernt. In Umrissen deu- Alltagsleben miteinander zu teilen pflegen – und daher Teil-
ten kommende Maschinerien (die ökologische, die biotech- kulturen oder auch Subkulturen zu bilden pflegen.22
nische) sich an. Klassenströmungsbezogene Folgen waren Zu den Utopien ist es von hier aus nur noch ein Schritt. Nun
unter anderem: die Trennung in Facharbeiter und Massen- will ich nicht so puristisch sein, zu behaupten, jede Teilkul-
arbeiter; das Aufkommen der diversen Angestelltengruppen; tur oder auch jede Subkultur würde einer Klassenströmung
die Ausdifferenzierung der lohnabhängigen Kopfarbeit in entsprechen – allein die Klassenströmung der lohnabhängi-
technische (Ingenieure) und soziale (z.B. lehrende) Zweige; gen sozial-, geistes- und kulturwissenschaftlichen Kopfar-
die zunehmende Notwendigkeit der Infrastrukturherstel- beit war ja an der Begründung mehrerer Dutzend von Sub-
lung, aus der eine entsprechende Menge von Staatsarbeiten- und Teilkulturen beteiligt. Zum anderen sind an Teilkultu-
den sich ergibt; die gerade zu beobachtende Entstehung ei- ren, Subkulturen und sozialen Bewegungen im allgemeinen
nes Typus von Massenintellektuellen. Selbst wenn das als ab- etwa 10 – 15 Klassenströmungen beteiligt – alle anderen,
schließend gedachte Kapitel des Marxschen »Kapitals« über wenn überhaupt, nur durch Einzelpersonen und Kleingrup-
die »Klassen« nicht Fragment geblieben wäre, hätte es ca. pen, die in der Folge eher ihre Klassenströmungen zu än-
alle 30 Jahre neu geschrieben werden müssen. dern neigen als ihre Teilkulturen. Doch scheint mir feststell-
4.) Dazu kommt, sofern wir beginnen, unsere Themenstel- bar zu sein, daß die allermeisten Teilkulturen und Subkultu-
lung weltweit zu betrachten, eine weitere Ergänzung. Auch ren nur um relativ wenige, zumeist einander benachbarte,
wenn die hegemoniale Stellung jeweils den Ländern mit der Klassenströmungen kreisen. Die denn auch ihre Wunschbil-
entsprechenden Maschinerie zuzukommen pflegt, so darf der der Zukunft miteinander teilen – welche sich dann eben-
nicht übersehen werden, daß (und sei es als Rest – oder als so erheblich von den Utopien anderer Klassenströmungen
Keim) alle Klassenströmungen aller Gesellschaftsformatio- unterscheiden.
nen und Produktionsweisen überhaupt weiterbestehen: von Die Authentizität der Utopie läßt sich leicht veranschauli-
noch nicht seßhaft gemachten, oder gar ausgerotteten, Jä- chen, wenn wir uns mögliche Wunschbilder der Zukunft
gern und Sammlerinnen etwa im Amazonas bis hin zu Bild- verschiedener Klassenströmungen vergegenwärtigen. Haus-
schirmtextheimarbeiterinnen in den Metropolen. frauen und doppelbelastete Frauen werden dazu neigen, Zu-
5.) Wir kommen also auf eine Anzahl von Klassenströmun- kunftsgesellschaften zu entwerfen, in welchen ihre Form

30 31
entfremdeter Arbeit abnimmt, d.h. entweder in verstärktem »multikulturelle Gesellschaft« bezeichnet wird;
Ausmaß (wenn möglich, zur Hälfte) auf die Männer über- – »Gaia«, nach Autoren wie Lovelock die spirituelle Vorstel-
geht oder aber auf eine (finanzierbare) Dienstleistungswirt- lung einer Erde, die sich als lebender Organismus wahrzu-
schaft. Handwerker, Bauern, Künstler neigen eher zu indu- nehmen imstande ist.
strieärmeren Gesellschaften, in welchen »das alte Recht« Für den Zweck meiner Argumentation genügt es, auszu-
gilt. Dies war auch der zentrale Slogan historischer, insbe- führen, daß Rüdiger Lutz bei einer Zukunftswerkstatt in
sonder mittelalterlicher, Sozialrebellen gegen Veränderun- Berlin die Aufgabe vorschlug, aus den 42 logisch denkbaren
gen der Landesherren zu ihren Ungunsten. Auch heute ist Kombinationen dieser sieben Zukunftsmodelle mittels Kle-
etwa für die Bauern der oberösterreichisch-steirischen bepunkten die je meisterwünschte Kombination der Teil-
Grenzregion die Enteignung ihrer Höfe für den Bau der Py- nehmenden auszuwählen. Die weitaus meisten entschieden
hrn-Autobahn nicht unvorstellbar. Ganz anders die sich für die Kombination »Ökotopia« – »Computopia«.
Wunschbilder der Facharbeiter, die dazu neigen, sich um in- Wie immer man/frau zu ihm stehen mag:
dustrielle Weiterentwicklungen zu zentrieren, arbeitsspa- Fraglos handelt es sich hierbei um einen Zukunftsentwurf,
rend, ohne daß die Arbeitsersparnis zur Rationalisierung ge- der ohne ein maximales Ausmaß von Offenheit, Prozeßua-
braucht wird; die Utopien von Beamten, welches dem briti- lität und Antwortvielfalt nicht möglich wäre. Dieser Ent-
schen Autor George Bernard Shaw aus dem Herzen gespro- wurf verstärkt die in der elektronischen Maschinerie fraglos
chen hätte, als er um die Jahrhundertwende vorschlug, alle gleichzeitig vorhandenen dezentralistischen Tendenzen (bei
Arbeitenden Großbritanniens ausnahmslos zu Beamten zu einer Kombination z.B. mit »Dallas« wäre das Gegenteil der
machen, beinhalten viel Kontinuität und wenig Konkurrenz; Fall); er vermeidet die Idylle, indem der Widerspruch zwi-
junge Langzeiterwerbslose sehen für sich und ihresgleichen schen Natur und Technik eingebaut wird (was etwa bei einer
»keine Zukunft«. Aber auch weitere Kombinationen sind Kombination mit »Gaia« verlorenginge).
möglich, die sich zwar von der oben skizzierten idealtypi-
schen Realutopie entfernen, indes ebenfalls die Merkmale
einer prozessualen, antwortvielfältigen Utopie aufweisen –
eher mehr noch als die angedeutete Konsensualutopie. Da-
mit wäre auch die (ansonsten naheliegende) Gefahr gebannt,
daß das Ganze vorschnell zu idyllisch geriete. Rüdiger Lutz
beispielsweise hat fünf Grundtypen zukunftorientierter Mo-
delle:
– »Ökotopia«, nach den Roman von Ernest Callenbach in
etwa die obengeschilderte Minimalutopie;
– »Computopia«, nach einem Entwurf des japanischen Zu-
kunftsforschers Masuda eine Zukunft voller umfangreicher
elektronischer Vernetzungen;
– »Dallas«, nach der gleichnamigen Fernsehserie und der
Skyline dieser texanischen Stadt das große Durchbrecher-
Spiel der reichen Leute;
– »Chinatown«, jenes Nebeneinander multiethnischer de-
zentraler Einheiten, welches derzeit etwas modisch als

32 33
Einige zeitgenössische Utopien

DER IN DEN USA bereits 1975 erschienene utopische Ro-


man »Ökotopia« von Ernest Callenbach ist ein uraltes The-
ma dieser literarischen Gattung. Diesmal ist es ein Journalist
(William Weston), der aus der dystopischen Wirklichkeit
USA in die Secessionsländer Washington/Oregon/Nord-
Kalifornien geschickt wird, dort diese Gesellschaftsordnung
schätzen lernt und sich in eine Frau verliebt.23 Die Secession
hat sich 1980 (!) vollzogen. Flugverkehr ist verboten; Bahn-
hofsgebäude sind aus Holz gebaut, verfügen dafür über Bi-
bliotheken. Marihuana ist legalisiert. Die Eisenbahnzüge
sind mit Grünpflanzen ausgestattet, sie funktionieren nach
dem Magnetbahnprinzip. Die Mülltrennung (Metall, Glas,
Papier, Plastik) und das Recycling sind der Stolz des Landes.
Gebaut wird mit Bruchsteinen, Lehmziegeln, Brettern. Au-
tos sind durch elektronische Kleinbusse und Taxis ersetzt:
Der öffentliche Personennahverkehr ist unentgeltlich. San
Francisco ist aufgeforstet worden und die kleinen Flüsse
wieder ans Tageslicht gebracht (ebenda). Auch stehen
weißlackierte Provo-Fahrräder kostenlos zur Verfügung.
Die Wolkenkratzer in der Innenstadt, früher Konzernbüros,
sind in Wohnbauten verwandelt und durch Fußgänger-
brücken verbunden worden (Schwindelfreiheit scheint in
Ökotopia erforderlich zu sein). Unmittelbar am Stadtrand
kann Rotwild gejagt werden. Die Kleidung enthält keine
synthetischen Fasern, bzw. sie ist stabil, aus einheimischer
Produktion, teuer und aus einem aus Baumwolle entwickel-

35
ten Kunststoff. Der Nahrungsmittelkreislauf ist geschlossen, begonnen werden, wenn zehn Bürger oder Bürgerinnen
Abwässer und vergleichbarer Müll werden in organischen übereinstimmend feststellen, daß sie die zu erwartenden De-
Dünger umgewandelt und dem Boden wieder zugeführt. fekte eigenhändig mit gewöhnlichem Werkzeug reparieren
Mikrowellenherde sind verboten. Auf Metalle, von Eisen können. Die Landwirtschaft ist verstaatlicht. Die Kapital-
abgesehen, wird verzichtet, ebenso auf synthetische Farben. flucht wurde forciert, um die freiwerdenden Betriebe über-
Das Essen ist zuckerlos. Soweit es ging, sind die bestehen- nehmen zu können; strenge Naturschutzgesetze wirkten un-
den Städte in Nachbarschaften oder Gemeinden aufge- terstützend. Erwerbslose werden beim Aufbau des Eisen-
fächert worden. Viele Menschen leben in Wohngemein- bahnnetzes sowie der Abwässer- und Recyclinganlagen ein-
schaften, welchen 10 – 15 Räume zur Verfügung stehen. Der gesetzt. Wer große Mengen Bauholz kaufen will (z.B. für
Transport erfolgt mittels Container, Terminals und unterir- den Hausbau), ist verpflichtet, mehrere Monate lang in ei-
dischen Förderbandsystemen. Bestimmte Bereiche sind au- nem Waldcamp zu arbeiten. Aus Holz sind auch neue
tomatisiert, die anderen Arbeitsgänge werden von Arbeits- Kunststoffe entwickelt worden – was durch die Aufforstung
gruppen durchgeführt. Auch hat das »do-it-yourself«-Prin- ehemaliger Obstplantagen und Felder ermöglicht wurde.
zip, frei nach Ikea, die Sphäre des Fahrzeugbaus erreicht. Rinderherden gehören zum gewohnten Landschaftsbild –
»Ein Teil der ehemaligen Vorortwohnviertel zwischen den der Beruf des Cowboys hat eine neue Bedeutung gewonnen.
neuen Siedlungsringen ist bereits abwechselnd in Wald und »Zahlenmäßig ist die ökotopianische Bevölkerung seit fast
Weideland umgewandelt worden. (...) Schmale Waldstücke 15 Jahren in einem allmählichen Absinken begriffen«. Das
säumen die gewundenen Flußläufe. Habichte ziehen träge ist offizielles Ziel der Nation, erreicht durch Aufklärung
ihre Kreise.« Inspirationen durch die indianischen Traditio- über Empfängnisverhütungsmethoden und Abnahme von
nen sind an der Tagesordnung. Bevölkerungskonzentration (mit lokaler Bevölkerungsver-
Die Frauen in Ökotopia haben sich völlig aus ihrer abhängi- teilung – Optimum 40.000 – 50.000/Stadt). Auch sind medi-
gen Rolle befreit; die Einwohner legen Wert auf eine Viel- zinische Versorgung, Schulen, Agrarbetriebe dezentralisiert.
falt von sozialen Beziehungen und brauchen vielfältige Kon- Radikale streben den Nulltarif für Bahnreisen an, um für
takte; die Männer zeigen ihre Gefühle offener, auch solche weitere Teile der Bevölkerung das Landleben anziehender
der Schwäche. Skifahren (besonders Langlauf), Wandern, zu machen. Unter »Familien« werden in Ökotopia Wohn-
Angeln, Schwimmen, Segeln, Gymnastik, Tischtennis, Voll- gemeinschaften von 5 – 20 Mitgliedern verstanden (teils ver-
eyball sind beliebt, alltägliche körperliche Betätigung ge- wandt, teils nicht), die sich Versorgung, Haushalt, Kinderer-
bräuchlich – ansonsten ist Sport nicht üblich. Die Schulen ziehung sich teilen. In kinderlosen Wohngemeinschaften ist
verfügen über einen lockeren Stundenplan, weshalb Kinder der Beruf entscheidend. Die sexuellen Bindungen sind sta-
viele Ausflüge machen. Gejagt wird mit Pfeil und Bogen. bil, nur an vier Feiertagen im Jahr ist Promiskuität weit ver-
Der Grundbesitz entlang der Küste ist enteignet und zu breitet. Genmanipulation und Walfang erregen Abscheu.
»Wasserparks« erklärt worden. Wie bei William Morris gibt Die Orientierung an Vorgängen in der Natur, gefolgt von
es in den Flüssen wieder Lachse, Ökotopia ist keineswegs der Annahme, daß Aggressivität zur »natürlichen« mensch-
grundsätzlich technikfeindlich. Es gibt Videogeräte, Bildte- lichen Triebausstattung gehöre, führt zur Installierung ritu-
lefone, Kabelfernsehen mit Übertragung politischer Wil- eller Kriegsspiele, die mit Speeren durchgeführt werden –
lensbildungshandlungen. Als Utopie gilt denn in den USA sehr ähnlich wie in P.M.’s »bolo’bolo«, nur noch ritualisier-
auch, daß die Werbespots nicht eingeblendet, sondern als ter. Diesen Kriegsspielen und ihren Folgen wird im Roman
geschlossener Block zwischen zwei Sendungen geschoben relativ viel Platz eingeräumt. Die Banknoten sind bunt (»fast
werden. Mit der Fabrikation neuer Erfindungen kann nur tropisch«), die Geräte fast geräuschlos; der Klatsch auch

36 37
über intime Beziehungen akzeptiert und weitverbreitet. Wie Schulen erinnern an Farmen, wo der Unterricht im Freien
stets in den USA, gibt es zwei dominierende Parteien, die oder in Holzbaracken stattfindet, die Unterrichtszeiten
regierende Survivalist Party und die oppositionelle Progres- schwanken und meist gibt es Projektunterricht. Die Schüler
sive Party, ergänzt durch einige Contras. Die Survivalist sind in Stammesgruppen zusammengeschlossen und arbei-
Party wird, bis hin zur Präsidentin, von Frauen dominiert. ten zwei Stunden am Tag körperlich, wenn auch selbstbe-
Politische Treffen kennen keine Geschäftsordnung, wie stimmt (incl. der Verfügung über die Erträge). Schulen sind
auch keine feste Tagesordnung und machen Spaß. Gerichte Privatunternehmen und gehören dem Lehrerkollektiv:
und Rechtsanwälte sind gut beschäftigt. Das Wappentier Schulgeld ist nach oben begrenzt, aber zu zahlen. Mit 12
Ökotopias ist der Silberreiher. oder mit 18 Jahren sind Prüfungen abzulegen, und zwar vor
Das ökotopianische Wirtschaftssystem ist ein Mischsystem: einem Komitee, dem Pädagogen, Politikern und Eltern an-
Belegschaftsbetriebe in Selbstverwaltung, ökologische Inve- gehören, ansonsten gibt es keine Schulaufsicht. Es besteht
stitionslenkung, entschädigungslose Erbschaftssteuer auf eine gestaffelte Beihilfe für die Finanzierung der Schulbil-
produktives Eigentum, Körperschaftssteuer als einzige dung. Forschung und Lehre sind voneinander getrennt:
Quellensteuer, viele selbstständige Handwerker, Primat von kleine Forschungsinstitute einerseits, basidemokratische
Partnerschaftsbetrieben, Einschränkung von Gehaltsunter- Hochschulen, in welchen die Professoren von den Studie-
schieden, Verbot direkter Investitionen in andere Unterneh- renden direkt bezahlt werden andererseits (»... existiert in
men, aber auch eine starke Nationalbank, Konkurrenz der Ökotopia kein Beruf, für den ein Titel eine unabdingbare
Betriebe untereinander, Schutzzölle gegenüber Asien. Ga- Voraussetzung wäre«). Ergänzt wird durch Erwachsenenbil-
rantiertes Mindesteinkommen für Lebensmittel, Wohnung dung, Projektstudium und die Hinwendung zum hypotheti-
und ärztliche Versorgung – letzteres vor allem in den USA schen Denken. Der künstlerische Wettbewerb ist hart. Das
eine Utopie. Grundbedarfsläden mit weit entwickelter Stan- Gesundheitswesen ist schon wegen der Kriegsspiele erfor-
dardisierung. Die nicht-weißen Bevölkerungsteile verfügen derlich. Ansonsten wie zu erwarten: dezentralisiert, nicht
über ihr eigenes Territorium, welches den Status offizieller elektronisch, »tender loving care«, Massage, Krankenversi-
Stadtstaaten innehat: Stadt-Regierungen, Steuern, Ge- cherung »von der Wiege bis zur Bahre« (USA!), Milderung
richtsbarkeit, Polizei, Industrie, Farmen, Briefmarken, der Arbeitsteilung Ärzte – Techniker – Pflegepersonal, Heb-
Währung und die Außenpolitik sind gemeinsam. Die China- ammen, fatalistische Einstellung zum Tod, Psychosomatik.
towns und Soul Cities erwecken den Eindruck, daß hier Rü- Die Arbeit wird, fast wie bei Fourier, gelegentlich durch
diger Lutz’ »Ökotopia« mit seinem »Chinatown« bereits Parties unterbrochen. Studierende studieren und arbeiten
eine Synthese eingegangen sei. In Soul City ist Suaheli erste jeweils im Turnus ein Jahr lang. Es gibt keine nennenswerte
Fremdsprache. Heroinhandel ist Regierungsmonopol und Zahl von unfreiwillig Erwerbslosen; wenn erforderlich, wer-
gedrosselt. Gewaltverbrechen werden hart bestraft. Aller- den Überstunden gemacht, die die Parties ausgleichen. Ma-
dings sind auch die Justizvollzugsanstalten dezentralisiert rihuana, wie gesagt, ist legal, wird indes maßvoll konsumiert
und der Strafvollzug human (Teilnahme an Lohnarbeit (211-215). Der Lebensstandard allerdings ist, auf ökologi-
tagsüber; Partner und Partnerinnen können sich nachts hin- sche Weise, gesunken. Davon versteht auch Ernest Callen-
ter Gitter begleiten). Das Militär ist ein Milizsystem. Alter- bach etwas: 1972 hat er ein anderes Buch, »Living Poor with
native Energien aller Art sind selbstverständlich. Die Medi- Styl« (in etwa: »Arm leben – aber mit Stil«), geschrieben.
en sind entflochten; die Medienvielfalt ist angestiegen.
Einen Idealtypus der zeitgenössischen dezentralistischen
Printmedien können selbst kopiert werden; den Disketten-
Utopie stellen die Arbeiten jenes Schweizers dar, der in
druck hat Callenbach technisch vorweggenommen. Die

38 39
Zürich lebt und unter dem Pseudonym »P.M.« in neuerer Der Vorspann ist ein Mittelding von praxisleitender Exposi-
Zeit meist beim Paranoia City Verlag publiziert. Seine tion und Größenphantasien: Da die ökologische Krise wie
frühere Arbeit »Weltgeist Superstar« ist noch vielen Ver- die politische Verwirrung derartig vorangeschritten ist, ist
satzstücken aus dem klassischen Genre der Science Fiction praktisches Handeln bald notwendig. Entsprechend wird es
verpflichtet. Der Ich-Erzähler muß erst jede Menge Verfol- erforderlich, nicht nur viele der vorgeschlagenen Gruppen
gungsjagden, Mordanschläge, gedeutete Geheimschriften zu gründen, sondern auch, sie in Dreierkombinationen zu
und Reisen um die halbe Welt überleben, bis er beim Start- vernetzen: je eine aus den kapitalistischen Metropolen, dem
platz seines ersten Raumschiffes landet. Die säkulare Pointe damals noch bestehenden Realsozialismus und der Dritten
dieses Buches besteht darin, daß in jenem Raumschiff, er- Welt. Dieser Prozeß wird sehr rasch vor sich gehen – schon
wartetermaßen, Karl Marx sitzt, welcher unter diesen inter- 1985 wird die Welt schlagartig zum großen Teil aus Grup-
planetarischen, von Zeitreisen gezeichneten Bedingungen pen und ihrer Gemeinschaft bestehen.
überlebt hat. Heute, 1993, würden sich – bedauerlicherweise Der Kernpunkt dieser Utopie besteht meiner Wahrneh-
– nur wenige diese Pointe mehr trauen. Danach aber zeich- mung nach aus folgenden Sachverhalten:
nen, im unvermeidlichen Planetenhüpfen, jene inselhaften – Jede Gruppe besteht in etwa aus 500 Personen. Wird diese
Sterne sich besonders aus, auf welchen dezentrale, genos- Zahl erheblich unterschritten, bestehen Zuzugsmöglichkei-
senschaftliche, mehr oder weniger herrschaftsfreie Struktu- ten, wird sie überschritten, sind Sezessionen oder Zellteilun-
ren sich entfaltet haben. Bemerkenswert erscheint im Rück- gen angesagt. Vermieden werden soll dadurch das Entstehen
blick auch, daß in jener merkwürdigen Strukturäquivalenz von Super-Gruppen, die sich Grund und Boden, Macht,
zwischen Erde und Genossenschaftsplaneten – ich müßte lü- Einfluß unter den Nagel reißen.
gen, würde ich behaupten, sie zur Gänze verstanden zu ha- – Die zentrale allgemeine Norm aller bestehenden Gruppen
ben – eine als durchschnittlich skizzierte Schweizer Land- ist die Pflicht, ihrer Subsistenzarbeit zu genügen, so daß al-
kommune der verfolgten glücklichen Insel (wir erinnern len Angehörenden dieser Gruppen täglich mindestens 2.000
uns, daß diese Lage jener zwischen Rendang und Pala in Al- Kalorien zur Verfügung stehen.
dous Huxleys »Eiland« entspricht) am ehesten ähnelt. So – Die Produktionsmittel (insbesondere jene, die für die Sub-
gibt es auch eine Art von »Kader«, gleichzeitig Erdbewoh- sistenzarbeit erforderlich sind; darüber hinaus siehe unten)
nende und Planetenhüpfende; auch spielen die Katzen eine sind im Gruppeneigentum. Für alle anderen Personen und
nicht ganz durchschaubare, das Sonnensystem überschrei- Gruppen tabuisiertes Privateigentum ist eine als allgemeines
tende Rolle. Der Weg zu »bolo’bolo« ist, wenn auch in Menschenrecht jeder Person zustehende Kiste von einem
Keimformen, vorgezeichnet. »bolo’bolo« ist nun eine struk- Kubikmeter Fassungsraum, deren inhaltliche Bestimmung
turelle Utopie ohne erzählende Elemente, wie sie bereits ausschließlich der je einzelnen Person zusteht. Und sei es,
nach der Jahrhundertwende einmal sehr beliebt war.24 Sie P.M. erwähnt dieses Beispiel, das Maschinengewehr, das der
enthält einen Vorspann, ein Sprachenregister, und, diesem Held des Italo-Western immer bei sich führt. Da P.M. wie-
folgend, die einzelnen Elemente der Utopie aufgelistet. derholt und mit Vehemenz darauf hinweist, daß die Mög-
Hier beginne ich mit dem Sprachenregister, weil ich vorha- lichkeiten des Wanderns und Reisens sich sehr verbessern
be, dieses ersatzlos zu streichen. Da P.M. seine Utopie als sollen, sei bescheiden darauf hingewiesen, daß für eine Rei-
weltweite unterstellt, ganz im Gegensatz zu den eher her- he von Tätigskeitsgruppen – etwa Künstlern und Künstle-
kömmlichen Planeten-Inseln in »Weltgeist Superstar«, muß rinnen – der Fassungsraum viel zu gering wäre; es sein denn,
es bei ihm ein Welt-Esperanto geben, und sei es eines, das ein komplexes System von Lagerräumen würde sich einspie-
aus 20 Grundworten besteht.25 len. Darüber hinaus ist, als besondere und einzelne Grup-

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pennorm, jede zusätzliche Produktivität, somit jede spezifi- davon auf. In John Muirs »Velvet Monkey Wrench«, einem
sche teilkulturelle oder subkulturelle Ausformung, gestattet. Anti-Staats-Entwurf made in USA, der strukturell, aber nur
Eine halbe Seite lang führt P.M. auf, welche Subkulturen, strukturell, Ähnlichkeiten mit dieser Arbeit P.M.s aufweist,
Teilkulturen, Berufsgemeinschaften, religiöse Gruppen, eth- nimmt die Computerbegeisterung des Autors Ausmaße an,
nische Minderheiten, Subsistenzgruppen in genanntem Sin- die auch schon wieder autoritär wird, bis hin zu präapoka-
ne sich bilden könnten – nicht ohne fast entschuldigend die- lyptischen Dimensionen.27 P.M. zählt hier, angenehmerwei-
se Passage abzuschließen, die Majorität würde wohl Groß- se, zu den Gemäßigten, gleichwohl nicht Technikfeindli-
gruppen von »Normalos« bilden. chen. Seine Computerisierung ist etwa mit dem Umgang ei-
– Die Spannbreite der Subsistenzgruppen stellte sich dem nes Betriebs mit mehreren 100 Zuliefererbetrieben zu ver-
Autor, selbstredend als Legitimierte, dar, sagen wir, vom gleichen, mit dem gravierenden Unterschied, daß die Hier-
buddhistischen Kloster, welches über die knappste vegetari- archie dieses Vorgangs in ein Ensemble von Gegenseitigkei-
sche Subsistenz hinaus tatsächlich nichts produziert, und ten sich auflöst. Um sogleich jedes Bedenken zu zerstreuen,
dessen Mitglieder ansonsten sich der Meditation weihen, bis es handle sich bei dem Entwurf der »Gemeinschaft der Ge-
hin zur ultra-hedonistischen Yuppie-Kommune, welche dar- meinschaften« um eine asketische Veranstaltung – und die-
über hinaus cool-hektisch produziert (sagen wir – Software) ser Eindruck ist es, mehr als alles andere, der den durch-
und entsprechend den Tag mit Sekt und Kaviar beginnt. schnittlichen metropolitanen Bewohnenden die alternativen
Welche indes, selbstredend, ebenfalls gehalten ist, ihre zwei Einrichtungen und ihre Bürgerinitiativen zu verleiden pflegt
Stunden/Person/Tag dem Rübenziehen, Kompostieren, –, beginnt P.M. seine exemplarische Liste gleich mit einem
Mulchen, Beerenpflücken, Beikrautjäten etc. zu widmen. Handelsvertrag der Kommune Stauffacher in Zürich mit ei-
Daraus müssen Probleme entstehen, wie der Überschuß der ner Kommune bei Astrachan an der Wolga, in welchem es
Produktion wohl zu realisieren sei, wenn hierfür weder um die regelmäßige Lieferungen von etlichen Kilogramm
Geld, noch Plan, noch Staat zur Verfügung stehen. Diese echten Stör-Kaviars geht. Da es sich hier um ein monopoli-
Norm setzt P.M. hier ebenfalls – ohne diese Norm würde stisches Gut handelt, nehme ich an, daß es sich bei den Kavi-
wohl auch eine Subistenzgesellschaft nicht funktionieren –, ar-Subsistenzgruppen an der Wolga mit um die wohlha-
und er hält sie auch mit eiserner Gründlichkeit durch. Diese bendsten auf der Welt handeln wird: Sie werden es sich aus-
Probleme löst P.M. durch eine weitere soziale Innovation: suchen können, mit welchen meistbietenden der anderen
den elektronifizierten Naturaltausch. Nun ist, entgegen ei- zehn Millionen Subsistenzgruppen sie jeweils in Natural-
nem interessierten Klischee von der »Technikfeindlichkeit« tausch treten wollen. Der angenehme Nebeneffekt dieses
alternativer Auffassungen, die elektronische Maschinerie Verfahrens wäre, und dies würden Marxisten, Anhänger und
mitsamt ihren Möglichkeiten immer schon gleichzeitig we- Anhängerinnen Proudhons, Silvio Gesells, Rudolf Steiners,
nigstens am Rande der utopischen Ausformulierungen ak- und vieler anderer gleichermaßen begeistern, daß eine Ak-
zeptiert gewesen. Im zeitgenössischen utopischen Schrift- kumulation von Kapital wie auch von Geld auf diese Weise
tum erinnere ich beispielsweise an die des niederländischen unmöglich gemacht wäre. Kaviar schmeckt zwar gut, wirft
Provos, Kabouters und MEMO-Menschen Roel van Duyns aber keine Zinsen ab.
»Bekenntnisse eines weisen Heinzelmännchens«26, an Mur- Aus dem bisher Geschilderten mag der Eindruck entstanden
ray Bookchins frühen »Post-scarcity-Anarchism« (auf sein, als sei ich ein glühender Verehrer der Utopie »bolo’bo-
deutsch: »Anarchismus nach der Knappheit«), an Helmut lo« von P.M. In der Tat habe ich bis hier nichts anderes un-
Krauchs »Computerdemokratie« auch meine eigene »Pro- ternommen, als von dieser Utopie, in einer Zeit entstanden,
duktionseinheit Föhrenwald« (Kursbuch 43/76) weist Züge als es angeblich schon keine Utopien mehr geben sollte, her-

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auszufinden, welche dieser Momente mir für die weiterge- »Olten – alles aussteigen. Ideen für eine Welt ohne
hende Diskussion von Utopien interessant zu sein scheinen. Schweiz« nicht mehr vorzufinden – sie somit nicht als im
Bedauerlicherweise gibt es auch das genaue Gegenteil davon Zentrum der utopischen Intention P.M.s stehend (gnadenlos
hierin, und auf dieses möchte ich nunmehr umgehend zu kritisch) anerkennen zu müssen.
sprechen kommen: Wie alle Utopien, die anstreben, ohne jedweden Staatsappa-
– Mit einem weiteren Kunstwort bezeichnet P.M. das zu- rat auskommen zu können, muß auch P.M.s »bolo’bolo«
sätzlich weitere Menschenrecht jeder Person, eine Kapsel sich der Frage stellen, wie mit aggressiv ausgetragenen Wi-
eines schnell wirkenden Giftes bei sich zu tragen, um jeder- dersprüchen zwischen seinen Subsistenzgruppen umzuge-
zeit sich das Leben nehmen zu können. Nun mag es, wohl- hen ist. Ein großer Teil der diesbezüglichen Utopien kon-
wollend betrachtet, ja sein, daß P.M., als Schweizer, eine re- struiert die Prämisse, auf Grund der neuen gesellschaftli-
laxedere Wahrnehmung dieses Umstands sich angeeignet chen Situation seien die Grundlagen für aggressives Verhal-
hat: aus deutscher, selbst aus österreichischer Perspektive ist ten entfallen, folglich müßten auch keine Institutionen zur
die Erinnerung an eine mögliche Wiederkehr der Nazi-Eut- Bändigung gewaltförmigen Handelns vorgesehen werden.
hanasie unabweisbar.28 Diesen (erkenntnistheoretisch naiven) Weg wählt P.M.
Indes wird dieses »Menschenrecht« durch eine ständig prä- nicht. Ähnlich wie Ernest Callenbach sieht er selbst massen-
sente Kapsel gefährlich und dies gerade in P.M.s Kontext: weise aggressive Konflikte vor, unterwirft diese allerdings
Da von einem autonomen, von Gruppennormen unbeein- Regelungen, um eine unerträgliche Verselbständigung die-
flußten Subjekt in P.M.s. Anthropologie ebenso wenig aus- ser Konflikte zu vermeiden.29 Das sieht dann etwa wie folgt
zugehen ist wie in meiner eigenen, ist ein Scenario vorstell- aus: Unter bestimmten Bedingungen, diese würden etwa
bar, in dem einer von Subsistenzgruppe zu Subsistenzgruppe feudalen Turnieren entsprechen, darf jede Gruppe gegen
wandernden behinderten, alten, psychiatrisierten, drogen- jede Gruppe kämpfen. Bei P.M. folgt eine mittellange aus-
abhängigen Person durch Mitglieder einer Subsistenzgrup- tauschbare Aufzählung, wer gegen wen: Individuum – Indi-
pe nach der anderen eingeredet wird, daß diese nur eine Be- viduum, Individuum – Gruppe, Gruppe – Gruppenverband.
lastung darstelle und gefälligst demnächst von der Kapsel Große Aufmerksamkeit widmet der Autor hierbei den zur
Gebrauch machen möge. Dies wäre von einem realutopi- Anwendung gelangenden Waffen: Gestattet ist nur, was ei-
schen Blickpunkte völlig unakzeptabel: da wäre ein erweiter- nen Face-to-Face-Kontakt der Gegner und Gegnerinnen
ter Sozialstaat mit der zentralen Norm des »independent li- erforderlich macht; Feuerwaffen sind ausnahmslos verboten;
ving« bei weitem vorzuziehen. Nicht zufällig setzt auch an Hieb-, Stoß-, Stich- und Schlagwaffen ebenso ausnahmslos
diesem Punkte die eher harsche Kritik des südwestdeutschen erlaubt. Was P.M. hier nicht ins Bewußtsein dringt, ist der
Utopisten Bernd Leßmann ein, welcher P.M. dem Verdacht Umstand, daß sein gesamter Bolo-Dezentralismus hinfällig
aussetzt, seine Utopie im Auftrage des CIA oder eines ver- wird, sobald Gruppen instande sind, mit bloßen Kampfdro-
gleichbaren Geheimdienstes abgefaßt zu haben, als Handha- hungen Regionen leerzufegen. Scenario 1 wäre: 500
be, die je als überschüssig angesehene Population mittels Skinheads erklären, was sie nach P.M. dürfen, 400 Pazifisten
Kapsel vom Acker zu schaffen. Wenn ich auch diese Kritik den Krieg. Nicht nur diese werden naheliegenderweise
Bernd Leßmanns ebenso ernst nehme wie für maßlos über- flüchten, sondern wahrscheinlich auch alle jene, die wenig
trieben halte: Allein die reale Entwicklung der Subsistenz- Lust haben, die nächsten zu sein. Scenario 2: Eine Vielzahl
projekte nach zehn Jahren »bolo’bolo« würden dem CIA al- Personen aus verschiedenen Subsistenzgruppen schließt sich
lenfalls das Zeugnis überbordener Ineffizienz ausstellen. zusammen, um die Usurpatoren zu vertreiben. Dies kann ef-
Auch ich war sehr erleichtert, die Kapselidee im Folgeband fizent sein, aber der föderalistische Charakter ist verloren. In

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diesem Falle herrschen die Bürgerwehren, Ritter, Samurai, lung. In diesem Sinne ist auch »Olten« ein Auflösungspro-
oder wie auch immer historisch die Personengruppen mit dukt der Schweiz geworden, wie es auch in den USA Sezessi-
vergleichbarem Stellenwert geheißen haben mögen. onsbewegungen gegeben habe. Ob die Regionen »Staaten«
Hinsichtlich der übergeordneten stufenweisen Vernetzun- sind oder nicht, hält P.M. offen: »Einige Regionen sehen
gen ist P.M. keineswegs sehr originell: Wie die kleineren Re- noch wie Kleinstaaten aus, mit Fahnen, Hymnen, Präsiden-
gionen jeweils die Delegierten für die größeren Regionen ten und dem Kram« – als ob es das wäre. Schiedsgerichte
bestimmen, erinnert sehr an die Räteordnungen, deren und Sicherheitspartnerschaften schützen vor regionalen
Konstruktion in den Jahren 1910-1925 ja schon einmal sehr »Schlägereien« (sic!) und mafiosen Strukturen. Die Natur
aktuell war. Wobei ich hier betone, daß dies P.M. nicht zum erholt sich – der CO2-Gehalt bildet sich zurück, die Sonnen-
Vorwurf zu machen ist – aber es soll doch festgestellt wer- technologien sind allgemein zugänglich, der Bevölkerungs-
den. Meiner Wahrnehmung nach steht P.M.s »bolo’bolo« zuwachs nimmt ohne Kampagnen für Geburtenkontrolle ab.
zu seinem späteren »Olten – alles aussteigen. Ideen für eine Hiermit habe ich mit der Schlußpointe des Buches begon-
Welt ohne Schweiz« in einem strukturell ähnlichen Verhält- nen. Denn die Großgruppe, die in »bolo’bolo« als Subsi-
nis wie Platons frühere Utopie »Politeia« zu seinem späte- stenzgruppe aufgetaucht ist, erhält in »Olten« ihre Formbe-
ren »Nomoi«. Dem »besten« Gemeinwesen folgt das stimmung als »neues Nest«: »Wir brauchen ein ›neues
»zweitbeste«. Im konkreten Falle heißt dies: Die Dezentra- Nest‹, ein realisierbares Projekt, das die heutigen Verhältnis-
lität als Leitidee ist aufrechterhalten, doch ist die Haltung se ablösen soll« – oder besser: »... wir brauchen vielmehr ein
zum Staat oder zum Geld »hier und jetzt« gemäßigter. Ent- ganzes Bündel von Programmen, ein ganz neues Feld von
sprechend fallen denn auch die Horrormomente der ersten Möglichkeiten, nicht nur eine Reform und ein paar Maßnah-
Utopie vom Typus Giftkapsel oder Waffenturnier weg. men, sondern etwas wie eine neue Zivilisation«. Dies impli-
»Olten – alles aussteigen« ist eher wie eine klassische Uto- ziert ein Zurückstufen aller großen Apparate »auf ein gesun-
pie, wie Morus’ »Utopia« oder Morris’ »nirgendwo« konzi- des, allen WeltbewohnerInnen leicht zugängliches Maß«; ei-
piert. Es gibt eine Rahmenhandlung, und es gibt mehrere nen Abschied von »großartigen, sozialen und technischen
Personen aus der Schweizer Subkultur, die Abschnitte mit- Pauschallösungen«; eine Vielfalt der Gesellschaftsordnun-
verfaßt haben.30 Das »alles aussteigen« deutet bereits an, gen: »Etwas Kapitalismus ist ganz praktisch für bestimmte
daß ein nicht unerheblicher Teil der Rahmenhandlung in Bereiche: Lastwagen, Elektromotoren, Gummistiefel, Roh-
der Bahn spielt. Das Schlußkapitel »Olten-Basra« stellt re, Telephone. Was Lebensmittel, Energie, Wasser und Bo-
hierin noch ein hübsches Utopieverweisspiel dar: Schließ- denverteilung betrifft, ist er jedoch ganz untauglich« – »viel-
lich ist es Basra, wo in H. G. Wells »Shape of Things to leicht 15 % Kapitalismus, 20 % Sozialismus, 65 % Selbstver-
Come« die Weltkonferenzen zur Reorganisation der neuen sorgung«. In diesem Kontext stünden dann die »mittel-
Gesellschaftsordnung stattfinden. Nichtsdestoweniger spielt großen Lebensgemeinschaften von vielleicht 300 bis 600
die Rahmenhandlung, auch darin der utopischen Tradition Personen«, die »Großhaushalte« mit »Land/Stadt-Kombi-
konform, keine andere Rolle, als die Vorzüge der utopischen nationen« (90 ha Land, zwischen 5 und 20 km entfernt) und
Lebensweise ins rechte Licht zu rücken. Und letztere sieht, landwirtschaftlichen Fähigkeiten als allgemeine Sozialtech-
verkürzt gesprochen, ungefähr wie folgt aus: nik »wie heute lesen und schreiben«. Die Antwortvielfalt
»Die Welt danach« ist in 750 Regionen zerfallen. Die Auflö- durchsetzt in »Olten« auch den Zentralismus der Subsi-
sungsprozesse der Sowjetunion, Jugoslawiens, der Tschecho- stenzgruppen, der in »bolo’bolo« noch allumfassend scheint:
slowakei, die regionalen Konflikte in Italien und Spanien »Vielleicht genügt es, wenn 40 %, 60 % oder 70 % der Men-
sind für P.M. nur ein Vorschein der künftigen Weltentwick- schen bei uns so zusammenleben.« 500? 300 - 600? Aber was:

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»In China sind das vielleicht 1.500 Menschen, in der Ukrai- keinen Zwang zur Arbeit, keine sexuellen Hemmungen, kei-
ne 700, in Graubünden 200, auf den Cook-Inseln 100.« Wie ne Erziehung mehr...« Eifersucht ist bei jüngeren Menschen
Großhaushalte auch »viele Namen« haben: P.M. zählt allein unbekannt. Langfristige erotische Verbindungen sind »un-
17 weitere auf. Die Tauschverträge für Kaviar dürfen aller- gewöhnlich«. Auf Grund neuer Forschungsergebnisse sind
dings auch hier nicht fehlen. Auch gibt es alle Wohnformen mechanische oder chemische Mittel der Empfängnisverhü-
nebeneinander, und die Schule ist durch »Lernketten« er- tung nicht mehr nötig. Die sexuelle Initiative geht von den
setzt oder auch durch »Akademien auf Gegenseitigkeit«. Die Frauen aus. Weder Alte noch Junge, weder Behinderte noch
Selbstverwaltung kombiniert Wahlen, Los, Rotation nach Häßliche sind von der Erotik ausgeschlossen. Aus den ehe-
dem Alphabet – auch Strukturlosigkeiten und Diktaturen auf maligen Banken, Geschäftshäusern und Verwaltungen sind
Zeit sind möglich. Es gibt Geld – doch die Vielfalt der Veranstaltungsräume geworden, für Ausstellungen, Film-
Währungen (Arbeitsstundenquoten inbegriffen) erinnert vorführungen, Vorträge, die in Selbstorganisation erfolgen.
eher an mittelalterliche Usancen als an die Frankfurter Bör- Anstelle der Schule wählen sich die Kinder und Jugendli-
se. Direkte Tauschabkommen stehen in positiver Idealkon- chen Lehrstoff und Lernziele frei, begleitet von Rat und Tat
kurrenz zu globalen Verrechungseinheiten. »Dieser Welt- älterer Freiwilliger (die keine Lehrer oder Lehrerinnen
umbau muß irgendwo und irgendwann beginnen: hier und sind); eine selbstorganisierte Tätigkeit. Die Menschen leben
am Mittwoch«.31 Schließlich beerbt P.M. gegen Schluß von in Kommune-Häusern, ohne Beton und Eisen, mit Anbauf-
»Olten« auch noch die utopische Arbeitsstundenberech- lächen für biologische Produkte. »Die neuen Häuser stehen
ungstradition, die um die Jahrhundertwende bei Kropotkin, meist auf Pfählen. Unter ihnen wird der Abfall verwertet.«
Ballod, Pooper-Lynkeus soviel Furore machte: Landwirt- Es gibt Windgeneratoren, Biogasanlagen, Mikroelektronik
schaft – verdoppeln, Gartenbau – verdoppeln, Forstwesen – – diese für Küchen mit großem Eßsaal. Der »Morgen« mit
verdoppeln, Bekleidung – schrumpfen, Chemie – auf ein ab- seinem Frühstück beginnt erst um 10 Uhr vormittags. Ra-
solutes Minimum reduzieren, Metall – vermindern, Maschi- dio, Telefon und Fernsehen werden nur noch als Abrufin-
nenbau – Verbrauch nimmt laufend ab, Uhren – verschwin- strumente für Informationen, als Dienstleistungseinrichtun-
den fast ganz (und das in der Ex-Schweiz!), Post – nimmt auf gen verwendet. Diese, eine Art Mail-Box, haben auch die
vielleicht 10 % ab, Transport – Rückgang als Wirkung vieler Presse ersetzt. Haustiere sind häufig, etwa zur Milchversor-
anderer Schrumpfungsprozesse, Gesundheit – ambivalent. gung. Die Häuser verfügen über Fußbodenheizungen, Ge-
Und so weiter: Mit einem Drittel der notwendigen Arbeits- meinschaftsräume, Bibliotheken, Musikzimmer und Ate-
zeit ließe es sich ganz bequem leben. liers. Sie sind nicht höher als 3 Stockwerke. Hochhäuser und
Stahlbetonfertigbauten sind abgetragen worden. Die ver-
Walter Neumanns utopische Erzählung »Revonnah«
bliebenen alten Häuser dienen als Gästezimmer, Versamm-
stammt aus dem Jahre 1986. Der exotisch klingende Name
lungsräume, Lebensmittellagerstätten.
bedeutet nichts anderes als ein Anagramm auf »Hannover«
Die ehemaligen Städte sind in bestimmte Einheiten von
(von hinten nach vorne gelesen) – jener Stadt, in welcher der
Einwohnern und Häusern dezentralisiert worden. Diese fö-
Autor lebt. Ähnlich, wie der Besuch des Protagonisten in
deralisieren sich mittels Räten. Das Land wurde verstädtert,
»Ökotopia« 1999 stattfindet, beschreibt Walter Neumann
die Städte verländlicht. Die Räte fungieren vor allem als
»Liebe und Gesellschaft im Jahre 2020«: Der ökologische
Kontrollinstanz für das ansonsten selbstorganisierte Bauen;
Umbau Hannovers hat stattgefunden. Die utopische Gesell-
mit Holz, Stein und Grün. Glas und Metall werden wieder-
schaft ist gerade 16 Jahre alt. »Zu dieser Zeit gibt es keine
verwertet. Autos gibt es zwar noch, aber sie sind selten ge-
Staaten, Grenzen, kein Geld, keine Pflichten, keine Moral,
worden. Güterfernverkehr erfolgt durch Eisenbahnen. Die

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Kleider werden selbst genäht, Möbel in regionalen Werk- ein Bewußtsein von Sinn gibt.
stätten hergestellt. Die ehemaligen Autostraßen sind mit – Das Leben ist vornehmlich durch das Denken bestimmt.
Gras überwachsen, hingegen befinden sich die Fahrradwege – Jeder und jede gibt und nimmt gleichermaßen und fühlt
in guter Verfassung. Jedes Mitglied einer Region muß eine sich für alles verantwortlich. Die frühere komplexe Gesell-
Woche im Jahr bei der Eisenbahn arbeiten. Ansonsten be- schaft ist gedanklich und praktisch in einfache Bestandteile
trägt der durchschnittliche Normalarbeitstag zwei Stunden. zerlegt worden.
Die Hausarbeit gilt, wie die Produktion lebensnotwendiger – Die Leute sind selten krank und sterben sehr alt.
Güter, als notwendige Arbeit. Gefährliche Sportarten sind – Dem Übergang von der »alten« zur »neuen« Gesellschaft
abgeschafft. Jedes Kommunehaus hat Gästeschlafplätze. stellt sich Walter Neumann wie folgt vor: Doppelökonomie,
Auch die Männer tragen im Sommer Kleider. Nacktheit er- Doppelherrschaft gegen Ende der Neunzigerjahre, passiver
regt, ähnlich wie bei der FKK, keine Begierde mehr. Die Widerstand, Anleitung zur Selbsthilfe, Veränderung und
Grammatik ist vereinfacht, die Kleinschreibung allgemein Aufhebung des bloßen Bewußtseins, bargeldloser Austausch
eingeführt (was Walter Neumann auch in diesem seinem von Arbeit und Produkten in den alternativen Bewegungen
Buch vorwegnimmt). Gelesen wird viel, die Bücherproduk- unter Einschluß der Erwerbslosen, betriebliche Verweige-
tion ist groß, wenn auch mit kleinen Auflagen. Wie auch bei rungen und Streiks – ergänzt durch die Gegenwehr gegen
Callenbach, spielen Yoga und Meditation eine große Rolle; einen dritten Weltkrieg (um 2000), durch eine Absatzkrise
wie auch bei H.G. Wells, Waschungen des Körpers mit kal- der Großtechnologien und durch weltweite alternative
tem Wasser. Nun kommt – was ja auch bei Thomas Morus Übergangsregierungen.
den ganzen ersten Teil der Erzählung ausmacht – eine aus- In Fortsetzung der Utopie unternehmen die beiden Haupt-
führliche, dialogisch zwischen zwei Hauptpersonen struktu- figuren eine Radtour. Häuser werden nicht mehr abgesperrt.
rierte Erzählung der »alten Zeit«: d.h. die Darstellung jenes Fahrräder stehen leihweise unentgeldlich zur Verfügung
schlechten Bestehenden, deren Negativfolie die Utopie aus- (wie bei den Provos, wie bei Callenbach). Die Kanalisation
macht. Diese überspringe ich hier weitgehend, beschränke ist überflüssig geworden: jedes Haus hat seine eigene Abwas-
mich nur auf jene Passagen, die als Einschübe Aussagen über serbereinigungsanlage. Eine alte Fabrik ist zum VW-Muse-
die »neue Zeit« treffen. Zeit ist nur noch vom natürlichen um geworden. Sollte es einmal doch ein Verbrechen geben,
Rhythmus des Menschen abhängig. Das Jahr ist in 5 »Mo- entscheidet der Kommunalrat, der Stadtrat oder jener des
nate« eingeteilt, der Tag in 6 »Phasen«: Nachtzeit; Aus- Landes, aber alle fühlen sich mitverantwortlich. Allerdings
schlafen/Austräumen; Reflexion/Vernunft; Arbeit/warmes gibt es keine Strafen. Nach 2004 hat es große Forschungen
Essen (sic!); Entspannung/Studium/Musizieren; Kommuni- gegeben, deren Inhalt die Wiederherstellung des Weltkli-
kation – »weil der Mensch am späten Abend an kommunika- mas und die Reduzierung der Radioaktivität gewesen ist.
tivsten ist«. Fraglos hellsichtig ist – 1986! – die Bemerkung: Da aus der »alten Welt« die meisten Geräte noch vorhanden
»Auch die Übergangsgesellschaften zum Kapitalismus, die sind, muß zumeist vieles (Neumann erwähnt Waschmaschi-
absolutistischen Staaten einfacher Warenproduktion des nen) nur instandgehalten, repariert oder sporadisch nachge-
Ostens, waren eine weitere, zu Beginn der Neunzigerjahre baut werden. Die Erhaltung und Entwicklung von Mikro-
profitable Einnahmequelle«. Dies denunziert auch die häu- prozessoren bereitet unter den neuen Bedingungen noch
fig anzutreffende Behauptung, niemand hätte die Tendenzen Probleme. Viele Fertigkeiten werden durch Rotation ange-
im Osten prognostiziert. eignet. Der Transport erfolgt durch Verbrauchergenossen-
– Stars gibt es keine mehr, weil keiner Idole für seiner Iden- schaften. Die Produktion ist klein und dezentralisiert; es be-
tität braucht, wie es auch anstelle des Konsumbewußtseins darf keines »Plans«. Das Abenteuer eines anderen Denkens

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und einer eigenen selbstbestimmten Gesellschaft ersetzt – Abschaffung des privaten Autoverkehrs, Nulltarif bei öf-
Drogen, elektronische Medien, Fußballfans, Pop-Konzerte. fentlichen Verkehrsmitteln;
Philosophie und Ökologie sind die Leitwissenschaften. In – jeder Bürger sollte eine Psychoanalyse machen;
der Räteversammlung, die anschließend geschildert wird, – Anerkennung und Unterstützung jeder weiblichen Eman-
gibt es wiederum eine Diskussion über Sexualität. Die Re- zipation durch Männer, Begleitung durch eigene Emanzipa-
geln für männliches und weibliches Verhalten bestimmen tion;
Frauenkommunikationsgruppen, den Räten gleichgestellt, – Priorität für Frauen bei der Verteilung gesellschaftlicher
»früher Hexentribunal genannt«. Ansonsten bringt, inhalt- Funktionen.
lich gesehen, die Räteversammlung wenig neues, abgesehen Häufig eingestreut sind philosophische Abhandlungen, die
von einer hübschen Parodie auf politische Gruppen der zumeist Hegel, Marx und Freud, gelegentlich auch Simone
Siebziger-/Achtzigerjahre. de Beauvoir und Luce Irigaray variieren, die dem Autor auch
Weiterhin gibt es keine Hierarchie in den Krankenhäusern sehr wichtig sind, weil sie das von ihm als realutopisch bean-
mehr; Schwestern sind Ärzte und Ärzte Schwestern – und spruchte »neue Denken« veranschaulichen. Diese Ideen
beide arbeiten (wenn es sich nicht gerade um Chirurgie nach können jedoch nicht ohne weiteres in Kurzfassung wieder-
Unfällen handelt) mit Naturheilkunde und Psychosomatik. gegeben werden. Ebenso ist das abschließende Manifest nur
Im Schlußkapitel schlägt der Autor eine Volte (wie sie zu- auszugsweise wiedergegeben.
weilen auch bei anderen utopischen Autoren vorkommt): In
Kurz will ich auch auf die in den Achtzigerjahren entstande-
einer Bibliothek entdeckt die weibliche Hauptfigur unter
ne Utopie »Metamorphose« des baden-württembergischen
anderen das Buch »Revonnah« und kritisiert es. Die Utopie
Autors Bernd Leßmann eingehen. Stärker noch als Ernest
beschließt ein Manifest, die die Vorstellungen ersterens
Callenbach oder Walter Neumann präsentiert uns Bernd
noch einmal in gebundener Form auf knappen sechs Seiten
Leßmann ein schier unüberschaubares Geflecht vieler Per-
wiederholt:
sonen, welche sich ökologistisch, etwa gegen den Bau von
– Gründung einer republikanischen, radikalen, repräsentati-
Atomkraftwerken, engagieren. Auch ist die Erzählung in
ven und rationalen Rätepartei; als Ergänzung der grün-al-
eine Vielfalt von dramatischen Szenen aufgelöst, die auch
ternativen Bewegung wie ihres Parlamentarismus;
eine Aufführung als Theaterstück denkbar sein ließe. Die
– ein Netz alternativer Arbeit und Produkte;
ökologistische Dynamik und die dramaturgische Gestaltung
– Destruktion der Luxus-Arbeit;
sind es indes nicht, die die »Metamorphose« – obwohl ich
– Verzicht auf Hetzberichterstattung zugunsten dokumenta-
kaum glaube, daß sehr viele Lesende schon den Namen
rischer Information;
Bernd Leßmann gehört haben – zu einer der herausragen-
– Werbungsverbot;
den unter den neueren zentraleuropäischen Utopien ma-
– Entschulung der Erziehung;
chen. Das Bemerkenswerte an ihr ist der sorgfältig ausgear-
– Abschaffung der Schulpflicht zugunsten des freien Ange-
beitete basisdemokratische Impetus, der in allen Details an-
bots von Projekten;
schaulich gemacht wird: Die in diesem Buch auftretenden
– ein Mindesteinkommen aller Menschen;
Bürgerinitiativen kommen schließlich zum Erfolg, weil sie
– Auflösung aller wahrender Institutionen zugunsten von
in einer Serie von Urabstimmungen Mehrheiten bekom-
Lebens- und Arbeitsgemeinschaften, die von Politologen,
men. Diese Urabstimmungen werden nun ausnahmslos mit
Pädagogen und Psychoanalytikern geleitet werden;
Hilfe der elektronischen Maschinerie durchgeführt, machen
– ausreichend Wohnraum für jeden Menschen in kommuni-
somit anschaulich, wie leicht es möglich wäre, die Entschei-
kationsfördernden Zusammenhängen;

52 53
dungen politischer Willensbildung der direkten Demokratie – Die Begründung eines psychoökologischen Gesichts-
zu übertragen – und Vertretungskörperschaften nur subsi- punkts durch Wahrnehmung und Verbindung von Psycho-
diär weiterhin damit zu betrauen. Letztlich kombiniert analyse, kritischer Gesellschaftstheorie, Kritik am zwi-
Bernd Leßmann die Impulse der Aktion für direkte Demo- schenzeitlich pulverisiertem Realsozialismus und den Mo-
kratie, die mit dem Namen Joseph Beuys’ auch nach dessen menten der ökologischen Globalkrise. Ihm ergibt sich aus
Tode verbunden bleibt, mit dem Plädoyer für Einsatzmög- diesen Voraussetzungen die Notwendigkeit eines Vorganges
lichkeiten elektronischer Datenverarbeitung zu basisdemo- von einer Über-Ich-gesteuerten zu einer Ich-gerechten Po-
kratischen Zielen (wie sie, beispielsweise, in Helmut litik, die den libidinösen, aggressiven und transzendentalen
Krauchs »Computer-Demokratie« zum Ausdruck kom- Bedürfnissen Rechnung trägt. In Stichworten: Libidinöse,
men). persönliche Beziehungspflege auch in politischen Gruppen,
Daß das Ergebnis elektronifizierter Urabstimmungen dann zärtliches Gemeinschaftsgefühl, Thematisierung sexueller
auch noch geschichtsmächtig wird – vielleicht besteht eher Interessen und Spannungen, im Krisenfalle Supervision. Ag-
darin die Utopie Bernd Leßmanns, als in den Hoffnung ge- gressiv: Wendung gegen bestehendes Unrecht, Zulassen
benden Methoden. und Aussprechen, Wahrnehmung von »struktureller Ge-
Daß es auch vom psychoanalytischen Gesichtspunkte aus walt« (Johan Galtung) und »struktureller Gegengewalt«
möglich ist, utopisches Schrifttum abzufassen, hat der Züri- (passiver Widerstand, ziviler Ungehorsam). Transzendent:
cher Psychoanalytiker Emilio Modena in seinem Beitrag »Gruppen-Ich«, die Ich-Grenzen übergreifendes Erleben,
»Psychoökologie« im Sammelband »Das schmutzige Para- »ozeanisches Gefühl« (Romain Rolland, Freud). Auch soll
dies« (S. 259 ff) nachgewiesen. Zwar habe ich diesem Um- bei ihm die Reproduktion von Herrschaft in Organisationen
stand bereits einmal dokumentiert, doch da ich davon ausge- mit gesellschaftsveränderndem Anspruch vermieden wer-
he, daß vorliegender Band aller Voraussicht nach wiederum den. Von der Psyche ausgehend, macht dies Emilio Modena
von ganz anderen Leuten gelesen wird, will ich dies hier, an den narzißtischen Bedürfnissen fest: Ehrgeiz und Gel-
wenn auch verkürzt, wiederholen.32 Emilio Modenas Vor- tungsdrang einerseits, Übertragung unbewußter Fixierun-
aussetzungen: gen an die Eltern andererseits. Daß Hierarchien dazu nei-
– Die Kritik des »Psychologismus« ernstnehmen, ohne des- gen, ihre Positionen beibehalten zu wollen, liegt am Ab-
halb »freie Assoziation«, »freischwebende Aufmerksam- wehrmechanismus der Rationalisierung, mit dem das Ich
keit«, »Übertragung« und vergleichbare psychoanalytische sich vor unangenehmen Aufgaben schützt. Aus diesem frag-
Grundbegriffe als »Werkzeug« zu vernachlässigen. los prozessualen Anspruch ergibt sich schon die erste Stück-
– Die Beurteilung von Realität durch Psychoanalytiker werk-Utopie: die Permanenz der »Einübung des Ungehor-
(wofür ihm, auch, eine kritische Gesellschaftstheorie erfor- sams« zum Zwecke der schließlichen Radikaldemokratie.
derlich ist) sowie insbesondere von Einflüssen des Unbe- Über Quotierung und Rotation hinaus formuliert hier Mo-
wußten (z.B. Sadismus, Aggressionspotential...). dena Momente einer Selbstorganisation nach gruppendyna-
– Die Darstellung der konkreten Dialektik zwischen äußerer mischen Kriterien: Kleingruppen mit affektiven Bindungen,
Realität, Triebansprüchen und in sich zudem widersprüchli- deren gemeinsames Auftreten in Großversammlungen,
chem psychischen Apparat. Dies besteht nach Freud aus Ich, gruppenweise Abstimmungen mit Minderheitenschutz,
Unbewußten und Über-Ich/Ich-Ideal. Daraus ergibt nach Konföderationen. Schließlich endet der Autor mit der
Modena sich die Chance der Psychoanalyse, den Spielraum »Notwendigkeit einer erotischen Utopie«, die in der Nach-
der Freiheit zu vergrößern, indem die Sachzwänge mög- barschaft der Forschungen Malinowskis und des frühen
lichst genau gekannt und ins Bewußtsein gerufen werden. Wilhelm Reich steht. Da ihm eine »totalisierende Sicht ei-

54 55
nes neuen ... Gemeinwesen ... fehlt«, sind Identitäts- geboten wird. Hier trifft man sich nach der Arbeit, ißt und
schwäche und Motivationsschwund die Folge. Eine »eroti- trinkt, besucht Sauna und Bad, spielt miteinander und kann
sche Utopie« könnte neue emanzipatorische Kräfte freiset- sich jederzeit in Separatzimmer zurückziehen, wo sich zwei
zen: »Von der ersten Klasse der Privatschule an gibt es in oder mehr Leute lieben können. In diesen Zentren sorgen
Utopia das Hauptfach ›Lebenskunde‹, wo die Kinder nicht speziell ausgebildete Animatoren – Männer und Frauen –
nur über Anatomie und Physiologie der Sexualorgane, son- für eine freundliche und spielerische Atmosphäre. Sie helfen
dern auch über die Psychologie der Liebe und über das Ge- auch Schüchternen oder Gehandicapten (sic! R.S.) bei der
samtgebiet der Sexualität und der Erotik unterrichtet wer- Suche nach Partnern. Für aggressiv Gestimmte gibt es spe-
den, denn Lieben ist dort ebenso wichtig und grundlegend zielle Aggressionsräume, wo man miteinander ringen oder
wie Rechnen und Schreiben. Der Staat stellt Jugendlichen gegeneinander boxen kann. Auch gibt es dort raffinierte
von der Pubertät an Jugendwohnhäuser zur Verfügung, wo Spielautomaten, wo sadistische Phantasien ausagiert werden
man nach freier Wahl in kleinen Gruppen zusammenlebt. In können. Mindestens einmal monatlich werden in jeden
diesen Gruppen herrscht ein freier sexueller Umgang, wobei Quartier Feste organisiert, damit sich die Leute kennen und
andererseits jeder Zwang verpönt ist. Wenn Probleme auf- lieben lernen können. Die Festkomitees werden von der Be-
tauchen, stehen ein wirksamer psychologischer Beratungs- völkerung jährlich gewählt. Aus diesen Quartierfest-Komi-
dienst und Vermittlungsstellen für andere Wohngruppen tees werden dann alle vier Jahre die Mitglieder der Gemein-
zur Verfügung. Entsprechend der Jugendlichkeit der Leute deverwaltung und Regierung gewählt. Zwischen den einzel-
wird ja von vornherein mit häufigen Wechseln gerechnet. nen Fest-Komitees besteht natürlich eine große Rivalität,
Die Menschen bleiben in diesen Jugendwohngruppen so denn ein Fest in Utopia ist eine sehr ernste Sache. Das Ziel
lange, bis sie ihre sexuellen Vorlieben und Abneigungen ge- der Verbrüderung und Verschwesterung der Bevölkerung
nau kennengelernt haben. Da die Utopiker nicht zwischen kann ja auf ganz verschiedene Arten erreicht werden, sei es
Sex und Gefühl abspalten, sind die sexuellen Abenteuer zu- unter vorwiegender Zuhilfenahme von künstlerischen Mit-
gleich Erkundungen in die Psychologie der anderen Men- teln wie Gesang und Musik, Kunsthappenings, Theater,
schen. So ist meistens mit 20 Jahren eine erste Reife er- Dichtung, Tanzvorführungen oder aber durch die gemeinsa-
reicht. Nun wählen die Menschen frei, wie sie weiter leben me Einnahme von berauschenden Drogen wie Alkohol, Ha-
möchten: allein, zu zweit, zu dritt oder wieder in größeren schisch, Psilocybin etc. Über die Wirkung und Perfektionie-
Gruppen. Eine effiziente staatliche Wohnungsvermittlung rung der einzelnen transzendentalen Techniken wird an der
unterstützt sie dabei. Die Verhältnisse, die jetzt eingegangen Universität geforscht, ein Forschungszweig, der großzügig
werden, haben einen stabileren Charakter. Diejenigen, die vom ›Ministerium für Feste und Ekstase‹ unterstützt wird,
zusammen wohnen, haben untereinander zärtliche Bezie- während ein anderes Ministerium, jenes für ›Transkulturelle
hungen, man/frau kann, muß jedoch nicht miteinander Erotik‹, im ständigen Erfahrungsaustausch mit den entspre-
schlafen. Wichtiger ist das allgemeine Interesse aneinander chenden ausländischen Stellen steht...«) Was immer im ein-
und die solidarische Unterstützung der Wohnpartner. Da zelnen zu den Utopien Emilo Modenas gedacht werden
auch Zweier-Beziehungen durchaus möglich sind, sind we- kann (dies betrifft selbstredend auch alle anderen hier darge-
der homo- noch heterosexuelle Paare gegenüber den Allein- stellten Fragmente), es erscheint mir für unser Thema, doch
wohnenden oder den Wohngemeinschaften benachteiligt. mehreres bemerkenswert. Zum einen weist der Text durch
Die ganze Stadt ist ferner von einem Netz von Begegnungs- seine Existenz nach, daß es grundsätzlich möglich ist, aus ei-
oder Eroszentren überzogen, wo je nachdem Gelegenheiten ner je spezifischen Fachorientierung Realutopien abzufas-
zu kultureller, sportlicher oder einfach geselliger Betätigung sen. Zweitens wird anschaulich gemacht, daß es kein Natur-

56 57
gesetz ist, daß Psychoanalytiker und Psychoanalytikerinnen of Darkness«, Joanna Russ’ »The Female Man«, Suzy
über Sigmund Freuds Fund, Sexualität sei eines der bestim- McKee Charnas’ »Motherlands«, Sally Gearharts »The
menden Momente der Entstehung von Kultur, so er- Wanderground«, Doris Lessings »The Marriages Between
schrocken zu sein haben, daß dieser Fund umgehend durch Zone Three, Four, And Five«, Rochelle Singers »The De-
ein besonders ausdrückliches Wohlverhalten wieder kanali- meter Flower«.34 Diese Aufzählung versteht sich als exem-
siert werden muß. Womit ich hier die Theoriearbeit meine, plarisch; eine Fülle weiterer wird von der Autorin in »Uto-
die, je nach Schule, vor Verdrängungen, Symbolisierungen pien der Neuen Frauenbewegung, Gesellschaftsentwürfe im
oder Verwerfungen nur so strotzt – und sicher keine Auffor- Kontext feministischer Theorie und Praxis« (Meitingen
derung zum Ausagieren in der Realität selbst. Drittens be- 1988) besprochen. Ausnahmslos beziehen die Normen der
eindruckt der Text methodisch: Emilio Modena führt genannten Autorinnen sich auf die »Neukonstitution des
gleichsam eine Zukunftswerkstatt mit sich selbst durch. Geschlechterverhältnisses und, als damit untrennbar ver-
Nur der Vollständigkeitshalber sei erwähnt (es ist schon bunden, den Entwurf eines nicht-herrschaftlichen gesell-
mehrere Jahrzehnte her), daß nicht nur Verhaltenstherapeu- schaftlichen Naturverhältnisses«. Alle genannten Texte re-
ten (Skinner, Ardila) und Psychoanalytiker (Modena) Utopi- sultieren in einem »offenen, ungesicherten Ausgang der Vi-
en geschrieben haben, sondern auch der Mitbegründer der sionen«. Sie sind »zugleich Utopien und Dystopien; dysto-
Gestalttherapie, Paul Goodman. Dieser, ebenfalls in der de- pische Szenen und die ungewisse Zukunft des utopischen
zentralistisch-autonomistisch-institutionskritischen Ten- Gemeinwesens prägen durchgängig das literarische Bild«.
denz, hat vor allem Utopien zu einem anderen Bildungswe- Dies ist »ein prekärer Blick auf die patriarchale Welt in ihrer
sen und zu einer humaneren Architektur abgefaßt. Zukunft ..., mit der Möglichkeit (gar Wahrscheinlichkeit)
Abschließend sei ausdrücklich auf den bedeutenden Stellen- des Scheiterns von Freiheit durchsetzt«. »Die utopischen
wert hingewiesen, den unter den zeitgenössischen Utopien Gemeinwesen der Frauen (und Männer), die von den Utopi-
Frauenutopien und feministische Utopien einnehmen: In stinnen der vergangenen zwei Jahrzehnte entworfen wur-
ihrem Aufsatz »Utopien der anderen Subjekte« hat Barbara den, konstituieren sich als Kontrastbild zur lebensfeindli-
Holland-Cunz zu Recht darauf hingewiesen, daß die Viel- chen patriarchalen Realität und ihrer fiktionalen Abbil-
zahl der neu aufgetretenen Entwürfe weiblicher Utopistin- dung.« Als Normen dieser utopischen Gemeinwesen arbei-
nen so gut wie unbekannt geblieben ist: »Daß das derzeit tet nun Barbara Holland-Cunz heraus: basisdemokratische
etwa in Anschluß an Joachim Fest (1991) postulierte Utopie- politische Entscheidungsstruktur; radikale Dezentralisie-
verbot nicht ausdrücklich Utopistinnen trifft, liegt demnach rung politischer Macht; die Kommune als wichtigster Ort
weder in allgemeiner Vorliebe für feministische Visionen gesellschaftlichen Handelns – in ihre Gleichzeitigkeit von
noch in galanter paternalistischer Höflichkeit begründet. Es öffentlichem politischen Terrain und Alltags-Raum –; priva-
ist Ausdruck schlichter Unkenntnis und Ignoranz und ze- te Vergesellschaftung der Hausarbeit (großfamilienähnliche
mentiert den strukturellen Ausschluß ›weiblicher‹ Entwürfe Lebensformen, gemeinschaftliche soziale Mutterschaft);
aus androzentrischer, ideengeschichtlicher (Selbst-)Reflexi- ökologische Selbstbeschränkung einer subsistenzorientier-
on. Keine andere gesellschaftlichen Gruppe hat in den letz- ten Produktion (Beschränkung auf die Befriedigung der not-
ten zwanzig Jahren eine den feministischen Utopistinnen wendigen Bedürfnisse); notwendige Arbeit (nicht mehr ge-
vergleichbare Fülle utopischer Entwürfe vorgelegt (sic)!«33 schlechtsspezifisch geteilt) wird als »unverzichtbarer Be-
Neben den bereits Genannten zählt Holland-Cunz » in der standteil von Leben(digkeit) erfahren und organisiert«. Die
Chronologie ihrer Publikation seit 1969« auf: Monique »Bindung an das menschliche und natürliche Gegenüber
Wittigs »Les Guerilleres«, Ursula Le Guins »The left Hand und die individuelle Verantwortlichkeit für das selbstge-

58 59
schaffene Gemeinwesen werden zu Leitlinien utopischer geworden: Die Planetenbewohnenden »empfinden die mei-
Politik und Ökonomie. Daß dies nicht zu kollektivistischer sten Arbeiten als persönliche Herausforderung, deren Be-
Ent-Individualisierung, zu repressiver Vereinheitlichung wältigung ihnen individuelle Freude verschafft. Das solidari-
und Vergemeinschaftung führen muß, ist eine aus weibli- sche Miteinander läßt die Arbeit zum Spiel werden.« Geisti-
chem Sozialcharakter und weiblicher Erfahrung und Le- ge und körperliche Arbeit, Arbeit und Muße sind nicht mehr
benspraxis gewonnene Erkenntnis.« Innovativ sind, Hol- abgegrenzt. Die Normen des Konsumverzichts werden
land-Cunz zufolge, vor allem die Dialektik von materiellem durch »geselliges Kommunizieren, das Ausleben der völlig
Mangel und emotionaler Fülle, von persönlicher Freiheit liberalisierten Sexualität und die Entwicklung der kreativen
und gemeinschaftlicher Bindung als wechselseitige Bedin- Fähigkeiten auf künstlerischem Gebiet« kompensiert.
gungen ihrer Möglichkeit; ebenso die Rolle der »Produkti- Gleichzeitig weist die Utopie Ursula Le Guins prozessualen
on des Lebens selbst«, die radikale Auflösung der Kleinfa- Charakter auf: Bürokratisierungstendenzen, informelle
milie, die private Form der Vergesellschaftung der Hausar- Machtstrukturen, gegenseitige Hilfe als angepaßter Gehor-
beit; vor allem auch, daß hier Alltag und Freundschaft veröf- sam, Experten und Stabilität als Weg zu raumübergreifen-
fentlicht und vergesellschaftet werden. Die gegründeten den autoritären Impulsen gefährden (ergänzt durch die Aus-
utopischen Gemeinwesen werden als Projekte des Überle- grenzung jener, die die Normen bewahren wollen) das Ge-
bens deklariert. Wiederum sind die Texte »nichtteleolo- meinwesen. Der Ausgang, wer sich wohl durchsetzen werde,
gisch« (kein Ziel, nur ein möglicher Ausgang der Geschich- ist offen: eine »open-ended utopia«. Der »Einbau dystopi-
te – nicht einmal der wahrscheinliche), »antitotalitär« (radi- scher Elemente in das utopische Szenario bricht mit der Il-
kaldemokratisch und sozial innovativ) und »verzeitlicht« lusion eines geschichtsphilosophisch begründeten, linear ge-
(prozessual; eher ein dringlicher Wandel – als ein program- dachten sozialen und menschlichen Fortschritts, der in den
matischer) »nicht deterministisch« (wer weiß, was kommen Fortschrittsutopien von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis
wird?...). Ursula Le Guins »Planet der Habenichtse« wird zum Beginn des 20. Jahrhunderts eine zentrale Rolle spiel-
von Frank Fahlke in prägnanter Kürze wie folgt beschrie- te«. Im Marge Piercys »Woman on the Edge of Time« ge-
ben: Das Gesellschaftssystem des Planeten Anarres bean- winnt, Hans Ullrich Seeber zufolge, die ökofeministische
sprucht Harmonie und Konfliktfreiheit, jedoch auf der Perspektive programmatischen Charakter. Ihr ist »Herr-
Grundlage antiautoritärer, individualistischer Normen, schaft über die Natur und Herrschaft über Frauen ... Aus-
folglich als stets prekäres Experiment. Der Planet ist wü- druck einer männlichen Ingenieursmentalität, welche die
stenähnlich, die Ressourcen sind knapp, das ökologische Umwelt, seien es Frauen oder die Natur, zu Objekten des ei-
Gleichgewicht labil. Die Normen der gemeinschaftlichen genen Herrschafts- und Spieltriebs degradiert.« Die öko-
Arbeit entsprächen einer »Assoziation freier Produzenten«: feministische Zukunftsutopie Mattapoisetts hebt sich »vom
kein Privateigentum, kein Geld, keine hierarchischen Be- metropolitanen Chaos der zerstörten Umwelt, der Zuhälter
triebsstrukturen, freiwillige Assoziationen in dezentralen und der anonymen Wissenschaftler positiv« ab. An Normen
Kommunen, die »durch Transport- und Kommunikations- Mattapoisetts – abgesehen von der ohnehin konsentierten
systeme miteinander verbunden sind«, ergänzt durch zen- Vision ländlich / dezentralisiert / gleichwohl hochtechnisiert
trale Koordinationen ohne Befehlsgewalt. Infolge der labi- / holistische Ganzheit / ökologisches Denken / Konsensfin-
len ökologischen Lage eine insgesamt »gebremste Ökono- dung durch Gespräch /Abbau von Hierarchien – führt Hans
mie«, mit alternativen Technologien und einer kaum be- Ulrich Seeber an: »... strikte Geburtenkontrolle, Ersetzung
schränkten Mobilität zur arbeitsteiligen körperlichen Arbeit. der Familie herkömmlicher Art durch Dreiergruppen von
Dies ist nun auch zu einer Art »ersten Lebensbedürfnisses« verschiedenen Erziehenden (»comothers«), Abschaffung

60 61
der klassischen Vaterrolle durch künstliche Befruchtung,
Wegfall der Blutsverwandtschaft und Auflösung der Familie,
radikale Gleichheit aller Mitglieder der Gesellschaft, Aufhe-
bung des geschlechtsspezifischen Rollenverhaltens, hochau-
tomatisierte Produktion, biologischer Landbau, ökologisch
unschädliche Herstellungs- und Transportmethoden«. Eini-
ge der Normen, der Autor weist zuerst darauf hin, sind be-
reits in negativen Utopien (etwa in Huxleys »Schöne neue
Welt«) parodiert worden und lassen H.U. Seeber »erschau- Zur Demokratisierung der Konstruktion
ern«. Indes: »Als Herausforderung des Denkens möchte
man (sic!) solche Fiktionen dennoch nicht missen. Und da von Utopien
der Problemdruck ständig größer, nicht kleiner wird, ist we-
der wünschbar noch erwartbar, daß sie verschwinden. Der
wirkliche Trend dürfte aber darauf hinauslaufen, die Leo-
nardo-Welt der künstlichen Apparaturen zu vervollkom-
men, also – beispielsweise mit Hilfe der Kernfusion und der IN DEN VERGANGENEN Blütezeiten der Utopienproduktion,
Gentechnik – technische Lösungen zu suchen und es im we- etwa im 18. und 19. Jahrhundert, war es nur Intellektuellen
sentlichen bei den vorhandenen Sozialstrukturen zu belas- und einigen wenigen Autodidakten, wie dem Schneiderge-
sen.« Die Ironie des Schlußsatzes besteht nun darin, daß ge- sellen Wilhelm Weitling, möglich, ihre Wunschbilder
nau dieser »wirkliche Trend« die utopische Spirale in Gang schriftlich auszuarbeiten und dadurch weiterzuvermitteln.
hält: Irgendwann wird derselbe derart unerträglich werden, Dies hat sich in der Gegenwart entscheidend verändert. Ge-
daß er als seine bestimmte Negation genau jene antitechni- hen wir ins Detail: Die Methode der Zukunftswerkstatt wur-
schen Wunschwelten hervorbringen wird, die noch mehr de von Robert Jungk in den Jahren 1964 –1967 entwickelt.
»erschauern« lassen werden. Zwischenzeitlich hat sie sich vervielfältigt und ausdifferen-
ziert – gelegentlich mag es scheinen, bis zum feindlichen
Gegensatz. Trotz jeder Menge Zwischenstufen und Über-
gängen stehen zwei zentrale Methoden zur Verfügung. Ei-
nerseits die »Wortwerkstatt« (die noch ausführlich beschrie-
ben wird) und andererseits eine Vielzahl von kreativieren-
den, gruppendynamischen Verfahren. Es wird mit Locke-
rungsübungen, Meditationen und Prozessen aus der bilden-
den Kunst gearbeitet.
Beide Varianten (und auch ihre Zwischenformen) jedoch,
die unter den Gesamtnamen »Zukunftswerkstatt« nach wie
vor firmieren, können geradezu als eine Utopienkonstrukti-
onsmaschine verstanden werden. Denn auch dieses Verfah-
ren stellt die Momente von Offenheit, Prozessualität und
Antwortvielfalt geradezu in den Mittelpunkt des Gesche-
hens.35 Idealtypischerweise besteht eine Zukunftswerkstatt

62 63
aus drei deutlich voneinander unterschiedenen Phasen: Killer-Phrasen (»Das kann ich nicht, das geht nicht, das
1.) Die kritische Phase, wird nie was«) sind absolut verboten; die Selbstzensur ist so-
2.) die utopische Phase, weit auszuschalten wie irgend möglich.37 Je »verrückter« die
3.) die strategische Phase. Ideen sind, um so besser ist es für das Gesamtverfahren.
Die kritische Phase nimmt den Gesichtspunkt sehr ernst, Sehr zu hoffen ist, daß in dieser Phase etwas von dem vorher
daß eine jede Utopie gleichzeitig in der Absicht – bewußt genannten »überschießenden Bewußtsein« rüberkommt.
oder unbewußt – der Erstellung eines Kontrastprogramms Dies ist allerdings im Laufe der vergangenen 25 Jahre Ge-
zum jeweils schlechten Bestehenden gründet. Sie bewahrt schichte der Zukunftswerkstatt schwieriger geworden, und
die Geschichte der Teilnehmenden und die Kontexte, aus das aus mehreren Gründen: Zum einen hat sich häufig der in
denen diese herkommen. Bei ihrer Weglassung wird die den Sechzigerjahren so produktive Aha-Effekt verloren, ge-
Utopie eigentümlich geschichtslos. Die Kritiken werden auf lernt zu haben, zum ersten Male in seinem/ihrem Leben
Wandzeitungen festgehalten, oder, wenn sie von den Teil- utopisches formulieren zu können. Einige der teilnehmen-
nehmern, individuell und nicht auf Zuruf in der Gruppe, den Menschen haben zwischenzeitlich die oben angedeutete
produziert worden sind, auf diese aufgeklebt. Manche Tea- utopische Literatur gelesen – können z.B. Callenbach, Le
mer leiten von der kritischen zur utopischen Phase über, in- Guin, Gorz, Robertson zitieren, anstatt ihre eigenen utopi-
dem sie in ihrem nächsten Schritt die geäußerten Utopien schen Intentionen zu formulieren. Andere haben vielleicht
utopisierend umformulieren: zum Beispiel aus »AKW« zwischenzeitlich an einem guten Dutzend Zukunftswerk-
»Stillegung des AKW«. Bei lange andauernden Werkstätten stätten teilgenommen, aus diesen viel gelernt und wenden
vertiefen andere die Kritik durch Arbeitsgruppen oder set- nun bewußt oder unbewußt das bislang Gelernte an. Zum
zen schon hier Schwerpunkte.36 In jedem Falle aber ist es ge- anderen haben viele Teilnehmende eine Menge probiert,
boten, daß die Wandzeitungen der kritischen Phase im wei- auch schon einiges an Scheitern erlebt, woraufhin sie ihre
teren Verlauf der Zukunftswerkstatt in den Räumen, in wel- Resignation in die Gruppe zu tragen neigen. Dies gilt auch
chen diese stattfindet, hängenbleiben – als beständige Mah- immer wieder für Zukunftswerkstätten, die nicht im Kon-
nung, wie der Ist-Zustand aussieht, dessen Veränderung er- text einer Freizeitbeteiligung besucht werden, sondern in ei-
strebt wird. nem beruflichen Zusammenhang stehen. Diese Erfahrun-
In der utopischen Phase wird angestrebt, die Tagträume, gen waren es auch, die einen Teil der Moderierenden moti-
Wünsche, Konzeptionen, Modelle der Gruppenmitglieder viert haben, die »Wortwerkstatt« zu verlassen, und zusätzli-
zusammen zufassen. Dies erfolgt zumeist mittels Brainstor- che methodische Ansätze hinzu zufügen. Diesem ist aller-
ming, einem spontanen Gruppenassoziationsverfahren, das dings meiner Ansicht nach entgegenzuhalten, daß Vorerfah-
davon lebt, zu erwarten, daß die Teilnehmenden in ihren rungen auch ihre positiven Züge aufweisen: Es kann konkre-
Äußerungen an utopischem Potential sich selbst und einan- ter, präziser, das Verfahren betreffend, auch demokratischer
der gegenseitig übertreffen. Das Brainstorming kann auch am jeweiligen Gegenstand gearbeitet werden. Ohnehin hat
durch andere, vergleichbare Verfahren ersetzt werden: Bei- es sich gezeigt, daß der Erfolg einer Zukunftswerkstatt um
spielsweise können auch hier Personen individuell arbeiten, so wahrscheinlicher ist, je präziser das Eingangsthema ein-
um ihre Resultate anschließend zu einer Wandzeitung zu- gegrenzt ist. Ansonsten kostet es viel Zeit, diese Eingren-
sammen zufügen. Wichtig erscheint mir indes in jedem Fal- zung während der Gruppenarbeit selbst vorzunehmen. Bis
le die Beachtung der folgenden Regeln, um den utopiegerie- hierher entspräche die Zukunftswerkstatt dem allgemeinem
renden Prozeß nicht zu gefährden: Gegenseitige Kritik ist Doppelcharakter von Utopie (zwischen Kritik des je
hier, wie auch schon bei der kritischen Phase, unerwünscht; schlechten Bestehenden und überschießendem Bewußtsein),

64 65
wenn auch auf gemeinsame Phantasien ausgeweitet, verbrei- gisch erörterten Realutopien in der Weiterarbeit einer
tet, demokratisiert. In der dritten Phase wird jedoch ver- Gruppe zur sozialen Innovation werden oder ob die utopi-
sucht, die Kritiken und Utopien der Gruppe zu strategi- schen Intentionen im einer solcher Werkstatt folgenden All-
schen Überlegungen zu bündeln: auf welche Art und Weise tagsleben untergehen, haben Moderierende zumeist oh-
die bislang geäußerten utopischen Auffassungen zu gesell- nehin keinen Einfluß mehr. Das deutsche Paradebeispiel,
schaftlicher Wirklichkeit gelangen könnten. Hierfür gibt es daß in den späten Siebzigerjahren aus einer Serie von in Ber-
verschiedene Methoden von Bündelung, welche nicht nur lin abgehaltenen Zukunftswerkstätten dann zum Schluß,
von der »Kopfschrift« der Moderierenden, sondern auch nach vielfältigen Modifikationen, Netzwerk Selbsthilfe ent-
von äußerlichen Faktoren, wie Anzahl der an einer Werk- stand, ist zwar nach wie vor bemerkenswert, aber nicht um-
statt Teilnehmenden oder der zur Verfügung stehenden Zeit standslos und jederzeit wiederholbar. Mit dem Netzwerk
abhängig sind. Für meine Person kann ich als relative allge- Selbsthilfe Erfahrene mögen zudem gerne einwenden, die
meine Aussage formulieren: Je knapper die Zeit ist und je strategische Phase hinsichtlich dieses hätte ruhig etwas aus-
größer die Gruppe, desto mehr neige ich dazu, den Teilneh- führlicher und genauer sein können.
menden 1 – 3 Klebepunkte in die Hand zu drücken und sie Die Zukunftswerkstatt ist zwar das bekannteste und wohl
zu bitten, diese an den Wandzeitungen bei jenen Utopien auch in Zentraleuropa meist verbreitete Verfahren zur
anzubringen, an deren Realitätskontrolle und strategischer Schaffung, Kreation, zur Konstruktion von Utopien, jedoch
Umsetzung sie am liebsten weiterarbeiten würden. Je ausge- keinesfalls das einzige. Im Grunde eignet sich eine jede Me-
dehnter die Zeit ist und je kleiner die Gruppe, desto mehr thode zur Verbesserung oder Hervorlockung menschlicher
gehe ich dazu über, alle geäußerten Utopien zu Syndromen Kreativität und Phantasie auch zur Gerierung von Utopi-
(äußerlich zusammengefaßten Erscheinungsformen) zusam- en.39 Nur beispielsweise seien aufgeführt:
menzufügen oder auch durch die Gruppen zusammenfügen – Das Zukunftspanorama. Es kommt aus der humanistischen
zu lassen.38 Psychologie, insbesondere einer Gestaltarbeit, die es beim
Die strategische Phase kehrt, bis zu einem gewissen Grade, »hier und jetzt« nicht bewenden läßt, und entwirft in Jah-
die in den ersten beiden Phasen geltenden Regeln um. Bis- ren, Jahrfünften, Jahrzehnten die erwünschte Zukunft einer
lang bestimmten die im Plenum hängenden Wandzeitungen Person oder Gruppe;
die Atmosphäre der Zukunftswerkstatt – hier die intensive – das Fourier-Spiel, das ich dem großen Utopisten Charles
Arbeit in Arbeitsgruppen, und seien sie noch so klein. Auch Fourier zu Ehren 1983 für ein »Utopien«-Seminar entwor-
Arbeitsgruppen aus 2-3 Personen sind zulässig. War bislang fen habe;40
Kritik an den Vorstellungen anderer Teilnehmender gerade- – die Morphologie des Futurologen Fritz Zwicky.41
zu verboten, ist sie nunmehr erwünscht und notwendig. Von den feministischen Utopien ist die Rede gewesen. Er-
Stand bislang die möglichst ungehemmte Phantasie im Vor- gänzend wäre anzumerken, daß zwischenzeitlich auch be-
dergrund, so nunmehr die »Realitätskontrolle«. Der Rausch reits im Zusammenhang über die utopischen Vorstellungen
der Entgrenzung, der zuweilen eingetreten sein mag, wird der ersten deutschen Frauenbewegung gearbeitet geworden
jetzt durch den Abstieg in die Niederungen des Verwal- ist – Sabine Hering (Archiv der deutschen Frauenbewegung
tungsrechts, der Finanzbeschaffung oder der professionellen in Kassel) ist der Frage nachgegangen, welchen Stellenwert
Arbeitsteilungen ergänzt. Die strategische Phase einer Zu- das damalige utopische Denken für die heutige Situation
kunftswerkstatt erfreut sich häufig nicht einer solchen Be- hat. Zum anderen hat Gisela Notz (Beiträge zur feministi-
liebtheit, wie die kritische und utopische Phase. Sie kommt schen Theorie und Praxis) neuere weibliche Utopien aus
häufig zu kurz, läuft aus, versandet. Darauf, ob die strate- den vergangenen Jahren untersucht.

66 67
Dem gegenüber hat die registrierbare Verunsicherung der steht »ein beispielhafter Vernetzungsprozeß von und für
Männer bislang relativ wenig konstruktive Bearbeitung ge- Einzelleute, Gruppen, Initiativen und Projekte«, für wel-
funden: »Während es der Frauenbewegung verhältnismäßig chen die ganze Palette von Möglichkeiten offengehalten
leicht fiel, positive Alternativen zum alten Weiblichkeitsbild werden soll: Kleinbetriebe in Selbstverwaltung; Arbeiten
zu entwerfen, sind veränderungswillige Männer über die und Leben in einer Gruppe; Zusammenarbeit politischer
Negation der traditionellen Orientierungen nicht wesent- Organisationen. Hierbei sollte die Gruppe der möglichen
lich hinausgekommen« (Hermann Bullinger). Nicht nur Adressaten und Adressatinnen anwachsen, bis die Formen
fehlt eine positive Bestimmung männlicher Identität jenseits von Arbeit, Freizeit und Engagement auch für »die Normal-
der Männerherrschaft, sondern es gibt auch kaum utopische bürgerin« erfahrbar sind.
Entwürfe, welche die Zukunft von Männlichkeit zum Ge- Projekte sind danach soziale Experimente, welche schon
genstand haben.42 Formen einer wünschenswerten Gesellschaft, eigene ökono-
Nach Thomas Scheskat (Männerbüro Göttingen) schwan- mische Basis inbegriffen, in der bestehenden Gesamtgesell-
ken männliche Utopien zwischen Aggression und Hingabe. schaft vorwegnehmen. Wie eine Reihe von Utopien der Ge-
»Wichtige Fragen sind dabei, wo man(n) bei der Verände- schichte,44 sind die Normen dieser prozeßualen Realutopie,
rung männlicher psychischer Strukturen ansetzen kann und in einem undogmatischen Sinne, anarchistisch-libertär ori-
wie ein konstruktiver Zugang zu den eigenen aggressiven entiert: Selbstbestimmung des einzelnen Menschen; Freie
Energien geschaffen werden kann. Welche Möglichkeiten Assoziation und Gegenseitige Hilfe; Autonomie der Teile
und Ausgangspunkte gibt es, das eigene Interesse und Be- gegenüber dem Ganzen, Föderation als Bewahrung der
dürfnis von Männern nach Selbstveränderung zu aktivieren, Vielfalt gegenüber der Verschmelzung zur Einheit; Dezen-
ohne daß es Druck von außen bedarf?« Was bedeutet es für tralisation; ökologische Produktionsweisen; herrschaftslose
Männer, wenn die Zukunft weiblich ist? Können erstere ei- Lebens- und Politikformen. »Ziel ist immer noch eine Ge-
nen eigenständigen Beitrag zur Entwicklung von Zukunfts- sellschaftsveränderung ... langsam, gewaltfrei ... von unten
perspektiven leisten? Welche Chancen zur Selbstbefreiung nach oben, von der Peripherie zum Zentrum und vom Klei-
eröffnen sich ihnen (heute und in Zukunft)? Können sie nen zum Großen.« Das »Projekt A« zieht der Verschmel-
(und wenn ja, wie) zu einer aktiven Rolle im Geschlechter- zung – alles muß zusammen gemacht werden, alles Private
diskurs zurückfinden, ohne modernistischen Männlichkeits- ist politisch – die Vermittlung von Leben, Arbeit und Politik
ideologien auf den Leim zu gehen? »Wie könnte das männ- vor. Zur praktischen Lösung dieses Vermittlungsproblems
liche utopische Denken an Phantasie und Farbe gewin- schlug der »Projekt A«-Entwurf sogenannte Doppelprojek-
nen?«43 te vor. »Das hieß, daß Leute, die sich mögen und miteinan-
Ein weiteres Beispiel für eine in Aktion, in angestrebtem, der arbeiten und leben wollen, als Gruppe zu Trägern von
kontinuierlichen Prozeß befindliche Utopie, bei welcher das zwei zwar verschiedenen, aber doch zusammengehörenden
fraglos reich vorhandene Schrifttum hinter die angestrebte Projekten werden. Ein Doppelprojekt war z.B. gedacht als
und auch häufig mühsame Praxis zurücktritt, ist das »Pro- die organisatorische Verbindung eines effizienten ökonomi-
jekt A«: 1984/85 erschien der »Projekt A«-Entwurf, der schen Projektes mit einer unterstützungsbedürftigen politi-
vom Wetzlarer Setzer und Archivar Horst Stowasser abge- schen (oder sozialen) Initiative.« Im Laufe des realen Pro-
faßt worden war. Im Kern ging es ihm um die Aufhebung zesses sind daraus Mehrfachprojekte und projektübergrei-
der getrennten Bereiche von Leben, Arbeit und Politik, nun fende Fondssysteme geworden. Ursprünglich bestand die
die der Trennung zwischen Beruf und Freizeit, zwischen pri- Realutopie darin, daß mit Hilfe verschiedener Treffen eine
vatem und öffentlichen Leben. Im Zentrum des »Projekt A« »Urgruppe« entstehen solle, die dann in eine gemeinsame

68 69
»Stadt X« ziehen würde, um dort die ersten Projekte aufzu- – Haben wir umfassend genug gehofft? Oder hat unsere
bauen, um nach deren Stabilisierung auf andere Städte sich Utopie zu kurz gegriffen und wird von den Strukturen, die
auszudehnen. Der Prozeß entwickelte sich ganz anders: sie beim alten ließ, erdrückt? »Wer nicht alles verändert,
Nach einer eher verfehlten »Stadt-Wahl« gibt es nunmehr verändert nichts«. (chilenisches Lied).
»Projekt A«-Zusammenhänge in einer Reihe von Städten, – Hatten wir die richtigen Verbündeten?
auch wenn das »Werk Selbstverwaltete Projekte und Ein- – Hat der Zeitplan gestimmt? Unterscheiden wir nach kurz-
richtungen« – WESPE – in Neustadt an der Weinstraße fristigen, mittelfristigen und nur langfristig zu erreichenden
derzeit als zentraler »praktisch-realer Fluchtpunkt« gelten Zielen? Wieviel Zeit, beispielsweise, brauchen wir für die
kann. wirksamste Form der Veränderung: unterdrückungsfreie Er-
In einem ihrer »Denk-Zettel«45 formuliert Birgit Berg ziehung? Bestärken wir einander im langen Atem? Haben
(Wortwerkstatt Poesie und Politik Stuttgart) in ihrem Be- wir in uns die Bewußtseins-Bremse gelöst, die von innen
streben, »von der Enttäuschung zur Ent-Täuschung« zu ge- blockiert »Es geht ja doch nicht«? Und wandeln das »Doch
langen, die Absage an Utopien, trotz Realsozialismus, Golf- nicht« um in »Noch nicht«?
krieg, Jugoslawien und »persönlichen Erdrutschen« vieler – Entsprechen unsere Strukturen bereits unseren Zielen?
»Einzelschicksale«, als gefährlich: »Utopien sind selbstge- Haben wir dafür schon den klarsten Entwurf? Drücken sich
wählte Richtungsweiser im Ungewissen – sie können fremd- unsere Ziele in unseren Mitteln aus?
bestimmten Zukunftsmanipulationen eine selbstbestimmte – Sind wir noch »Amateure der Zukunftsarbeit« oder besor-
Orientierung entgegensetzen. Machthaber resignieren gen wir uns das Handwerkszeug fördernder Methoden?46
nicht. So können wir uns die Hoffnungslosigkeit nicht lei- – »Haben wir überhaupt schon genug Utopie?: das große
sten«. Birgit Berg stellt in einem »Denkzettel« 12 Fragen, bunte Zukunftsmosaik aus lauter individuellen Entwürfen –
die mir auch in unserem Zusammenhang als erwähnenswert die ›Zukunftswerkstatt für Jedermensch‹ – statt nur einiger
erscheinen: Einheitskonzepte von Vordenkern?
– War das, was da gescheitert ist, wirklich unsere Utopie – – Arbeiten wir nach dem Gesetz der kleinen Zahl? – Qualität
oder waren es nicht nur ähnliche Begriffe in der klebrigen statt Quantität?: das heißt, daß eine Handvoll Menschen
Verfilzung mit Macht/Herrschaft/Geld? Sind unsere Utopi- zwar nicht die Verhältnisse auf dem Kopf stellen kann – daß
en tatsächlich am Ende? sie aber sehr wohl einen Trend initiieren und prägen kann
– Oder vielmehr noch vor dem Anfang ihrer konsequenten (so wie z.B. das Umweltbewußtsein ursprünglich durch we-
Verwirklichung? nige ausgelöst wurde), also ideenreich einen Bewußtseins-
– Konnten wir denn nach den Jahrtausenden von gezüchte- prozeß in Gang setzen, der auf Dauer Verhältnisse durch
tem Kampfgeist, Kriegs-, Konkurrenz- und Besitzdenken Verhaltensweisen umzuwandeln vermag.
und Herrschaftsstrukturen überhaupt annehmen, in einigen – Welche persönliche Entwicklung, welche neuen Denk-
Jahren alles verändern zu können? Dürfen Veränderer so schritte, welches Charakterwachstum können wir uns
kurzatmig hoffen? Müssen wir uns nicht eine erfahrenere während des Tiefs erarbeiten als Gegengewicht, das dem
Hoffnung machen, die Rückschläge mit einbezieht? äußeren Zusammenbruch einen Sinn, sogar einen Gewinn
– Haben wir präzis genug gehofft? Wie genau, wie reali- verleiht?
stisch, wie hürdenbewußt waren unsere Träume? Was war – Sind wir gründlich genug enttäuscht? In dem Sinn: Nutzen
nur Wunsch und was ist Wirklichkeitskeim? wir den Mißerfolg zur Ent-Täuschung von Grund auf, zur
– Was ist die Nachricht des Zusammenbruchs: Was sagt uns Klärungsarbeit, exakt zu unterscheiden: Was waren bei den
das Scheitern über das, was unserer Utopie noch fehlt? gescheiterten Idealen Illusionen – und was waren Ziele?«

70 71
Am Beispiel der Asyl-Diskussion veranschaulicht Birgit Berg können, das größeren Zwingerhunden jeweils gesetzlich zu-
einige Momente dessen, was sie unter »Bewußtseinsprozeß« steht. Von diesen Minimalvoraussetzung ausgehend – eine
versteht. Etwa: »Wenn diejenigen ausgewiesen werden sol- Schande, daß dies überhaupt erforderlich ist –, kann Schritt
len, die den Deutschen die Arbeitsplätze wegnehmen – war- für Schritt eine partielle Utopie entwickelt werden. Daß die-
um heißt es dann nicht: ›Computer raus aus Deutschland?‹« se von einer umfassenden Utopie des Bauens und Wohnens
Oder: »Wo, wenn die Bewohner der Industrieländer die weit entfernt ist, ist mir hierbei durchaus bewußt.
Erde unbewohnbar gemacht haben werden, sollen sie – als Erstere enthielte etwa:
Chemigranten – um Asyl bitten?« – Erste Priorität für umfassende Wohnungsbauprogramme
Es gibt auch viele Beispiele für »piece meal«-Utopien, für und Wohnhaussanierungsprogramme auf der Ebene aller
»Stückwerk«-Utopien, für Zukunftsentwürfe, die sich nicht Gebietskörperschaften auf absehbare Zeit;
auf die ganze erwünschte zukünftige Gesellschaftsordnung, – Herausnahme des gesamten Wohnungssektors aus dem
sondern auf einen relativ beschränkten Ausschnitt gesell- marktwirtschaftlichen Bereich, da auf diesem Sektor allen-
schaftlicher Wirklichkeit beziehen. Anführen will ich ein falls eine asoziale Marktwirtschaft zu erreichen ist;
Beispiel, welches ich selbst vor einiger Zeit abgefaßt habe.47 – Lockerung der bürokratischen Bestimmungen, etwa von
Es betraf Utopien hinsichtlich der Lage von alleinstehenden Geschoßflächennutzungszahlen, die auf reinen Kosten-Nut-
Wohnungslosen. Da, wie ich eingangs erwähnt habe, Utopie zen-Rechnungen basieren;
immer auf einer Negativfolie eines schlechten bestehenden – Begrenzungen der Stockwerkszahl wie des Anteils des zu
Zustands sich entfaltet, war und ist zunächst der bestehende verbauenden Betons (letzteres, wenn möglich, auf Null)
Zustand alleinstehender Wohnungsloser zu skizzieren. Der zwecks Vermeidung jener Silos, die eher als Aufbewahrungs-
Gesamtzusammenhang dieser Lage ist durch wenigstens ort für menschliches Vieh geeignet zu sein scheinen denn als
sechs Elemente zu bestimmen: Erwerbslosigkeit, Woh- Wohnstätten für die ansonsten viel beschworenen »mündi-
nungsnot, Trennung, Armut, psychosoziale Probleme (bei gen Bürger« (und Bürgerinnen);
ca. einem Drittel Alkoholismus), Kriminalisierung. Diese – Möglichkeiten eines bedarfsgerechten flexiblen Umbaus:
Elemente waren und sind in der Folge einzeln zu betrach- in Einzelwohnungen für Singles, in Gemeinschaftswohnun-
ten, um dann aus dem vorläufigen Erlebnis realutopische gen für Wohngemeinschaften, für Familien, für Gemein-
Schlußfolgerungen ziehen zu können. Weniger wichtig ist schaften anderer Herkunft und Absicht;
hierbei, in welcher Reihenfolge diese Elemente auftreten, – Mitbestimmung von Betroffenenenorganisationen und
wie sie unter den konkreten biographischen Umständen von Planern in allen Phasen der Planung und Durchführung
miteinander vernetzt sind. von Wohungsbauprogrammen.
Mit der Wohnungsnot anfangend, gibt es bekanntlich juri- Zu keinem anderen Moment ist der statistische Zusammen-
stische Vorschriften, die eine Mindestquadratmeterzahl für hang von Wohnungslosigkeit so linear und so sehr über
die Haltung von Zwingerhunden vorsehen, widrigenfalls der Jahrzehnte hinweg durchgehend wie zur Erwerbslosigkeit.
Hundehalter wegen Tierquälerei verurteilt wird. Vorschrif- Hier entsteht eine Schwierigkeit dadurch, daß es hinsicht-
ten, die ich den Zwingerhunden durchaus gönne. Indes be- lich der Arbeit zwei einander vollständig unterschiedliche, ja
stünde die einfachste Utopie in einem unveräußerlichen zum Teil widersprechende utopische Ansätze gibt, die in
Rechtsanspruch auf Wohnraum, den ich auf die Kurzformel ebenso unterschiedlichen Menschenbildern gründen. Der
»Hund mal zwei« bringen möchte: Jeder Mensch sollte die eine bezieht sich auf eine Anthropologie, die in der Er-
einklagbare Möglichkeit haben, jederzeit auf Wunsch über werbsarbeit den zentralen Aspekt der Entstehung und Ent-
mindestens das Doppelte jenes Wohnraumes verfügen zu faltung des Individuums sieht. Sie reicht von Paulus über

72 73
Calvin, Saint-Simon, Fourier und Marx bis hin zu allen Re- zum Moment der Armut über. Hier sind wir soweit, daß
alsozialismen – und auch zur bestehenden Sozialversiche- schon die Wiedererrichtung von Volksküchen eine Art real-
rung. Der andere nimmt in der Arbeit schwerpunktmäßig utopischer Dimension erreicht; gefolgt von der unentgeltli-
eine gehobene Variante der Folter wahr: zwar nicht vollstän- chen Benutzung des öffentlichen Personennahverkehrs, wie
dig verzichtbar, aber so sehr einzuschränken wie irgendmög- von der Freigabe unbewohnter Häuser, wie auch Baustellen,
lich. Diese finden wir bei Aristoteles, bei Jesus von Nazareth zum Plattemachen, d.h. als selbstorganisierter Gebrauch
(»Lilien auf dem Felde«), in der Renaissance – bis hin zu von Notschlafstellen. Näher dem »Nirgend-Ort« (was ja
Paul Lafargues »Lob der Faulheit«, zu Ivan Illich und zum »Utopie« wörtlich heißt) läge allerdings jene soziale Innova-
»autonomen Sektor« des Andre Gorz. Je nach Men- tion gegen Armut, die der »Entkoppelung von Leistung und
schenbild erfolgen daraus auch unterschiedliche Projektio- Einkommen« am ehesten entspräche. Sie ist als Grundsiche-
nen auf Wohnungslose: Die erste Position neigt zum Ar- rung, garantiertes Mindesteinkommen, negative Einkom-
beitshaus, die zweite zur illusionären Romantisierung der menssteuer bezeichnet worden. Die Grundidee besteht dar-
»glücklichen« Vagabunden. in, jedem Menschen ohne Rücksicht auf seine Leistungs-
Utopien in der ersten Richtung wären: fähigkeit regelmäßig eine Geldsumme zur Verfügung zu
– Eine unter Umständen je nach Branche veränderbare stellen und damit dessen Lebensunterhalt zu sichern. Um zu
Junktimierung der Verkürzung der Normalarbeitszeit mit vermeiden, daß diese nur einen neuen Namen für die Sozial-
der jeweils bestehenden Erwerbslosigkeit; hilfe bedeutete, wenn auch ohne die endlose Kette von
– Eine Erweiterung der (abstrakt ja für Behinderte in Gel- Demütigungen auf Sozialämtern und vergleichbaren Insti-
tung befindlichen) Einstellungsquotierung für alle auf den tutionen, wäre als Grundlage ein alternativer Warenkorb zu
Arbeitsmarkt schwer vermittelbaren Personenkreise, ver- erstellen. Noch einen Schritt weiter ins Utopische ginge der
bunden mit ebenso stufenweisen wie drastischen Erhöhun- Vorschlag, ein Junktim zwischen den Mindesteinkommen
gen der bei Nichteinstellung ersatzweise zu zahlenden Aus- und den Höchsteinkommen in einer gegebenen Gesamtge-
fallbeiträge; sellschaft zu schaffen. In regelmäßigen Abständen könnte in
– Selbstverpflichtungen im staatlichen, kirchlichen, gewerk- Volksabstimmungen entschieden werden, ob das Verhältnis
schaftlichen, alternativen Bereich, freiwillig eine bestimmte zwischen beiden 1:3, 1:10, 1:20 oder 1:100 betragen soll.
Quote von schwer vermittelbaren Personen in die jeweiligen Zur Trennung fiele mir ein, daß es für Erwachsene verschie-
Produktionszusammenhänge zu integrieren; denen Geschlechts (zumal, wenn sie nicht der Schickeria an-
– Eine entsprechend weitgehende Förderung (aus eigener gehören) kaum einigermaßen angemessene Treffpunkte
wie aus fremder Kraft) aller denkbaren alternativen Arbeits- gibt; zum psychosozialen Problem des Alkoholismus, daß es
zusammenhänge. – ohne daß ich im geringsten die Arbeit der Anonymen Al-
koholiker, von Blaukreuz, Guttemplern, Freundeskreisen in
Wie »Hund mal zwei«, gibt es auch hier eine Mini-Utopie:
Zweifel ziehen möchte – an einer vergleichbaren Selbsthilfe-
Wenn schon Einübung in entfremdete Arbeitsprozesse,
bewegung mangelt, welche keine religiösen Grundannah-
dann wenigstens in solche, bei welchen Einstellungschancen
men zur Basis ihrer Tätigkeit macht.
auf dem Arbeitsmarkt bestehen, d.h., die nicht demnächst
Die zentrale Utopie in psychosozialer Hinsicht besteht nach
ohnehin wegrationalisert werden. In der zweiten Richtung
wie vor in der Abschaffung der Großinstitutionen vom Ty-
lassen sich alle mir zwischenzeitlich bekannt gewordenen
pus psychiatrischer Großkrankenhäuser, einschließlich des
Utopien unter das Stichwort »Entkoppelung von Leistung
Aufbaus und Ausbaus einer alternativen Infrastruktur. Je we-
und Einkommen« zusammenfassen. Dies leitet gleichzeitig
niger diese alternative Infrastruktur arbeitsteilig auf eine

74 75
psychosoziale Infrastruktur beschränkt ist, desto eher stei-
gen die Chancen auf Vermeidung von Ghettobildung. Ein
Beispiel hierfür wäre eine Art »Ort des Lebens« auf Zeit, das
ich in inhaltlicher Variation einer psychiatrischen Einrich-
tung des Briten Conolly (um 1820) als »Rückzug« bezeich-
nen möchte. Ein Ort, an dem es möglich ist, Ruhe zu finden,
ohne von Experten oder Expertinnen belästigt zu werden,
vielleicht eine Art Mittelding zwischen einer altmodischen
Billigpension, einem Kloster ohne religiöse Bindungen, ei- Fragen des Alltags,
nem Sanatorium ohne Weißkittel, einem Weglaufhaus ohne
verwahrenden Hintergrund. Ein Ort mit Schlüsselgewalt die einer Utopie bedürfen
der Benutzenden, mit vielen Varianten, mit einer Durchmi-
schung der verschiedenartigsten Personengruppen, die in
Ruhe gelassen werden wollen. Die damit verbundene zweite,
womöglich noch größere, Utopie – wenigstens, solange es
keine Grundsicherung gibt – bestünde darin, daß für die Ar- NACH DEN VORHERGEGANGENEN Überlegungen drängen
mutsbevölkerung irgendeine Trägerkonstellation sich fin- sich die offenen Fragen zeitgenössischen utopischen Den-
det, welcher diese Chance auf Inruhegelassenwerden einige kens in meinen Vordergrund. Diese beginnen im unmittel-
Tagessätze wert ist. Zur Kriminalisierung wäre realutopisch baren Alltagsleben und enden schließlich in der Weltpoli-
darüber nachzudenken, ob nicht, etwa nach dem Vorbild der tik.48 Beginnen wir bei den intimen Beziehungen zwischen
Haftpflichtversicherung beim Automobil, die kleineren Ver- Menschen, welchen wenigstens nachgesagt wird, das All-
mögensdelikte versicherungstechnisch statt kriminologisch tagsleben zutiefst zu bestimmen. Ob dies tatsächlich der Fall
zu handhaben wären. ist: Das zu untersuchen würde ein eigenes Buch erfordern.
Wiederum liegt in der außerordentlichen Unterschiedlich- Von Robin Norwoods »Wenn Frauen zu sehr lieben« bis
keit der hier vorgelegten utopischen Ansätze eine Absicht: hin zur einschlägigen Liste männlicher Bekenntnisse, die ja
Das notwendige Überlappen veranschaulicht die eingangs bereits mit Goethes »Leiden des jungen Werther« begin-
erwähnte Antwortvielfalt. Nicht jede Utopie nützt jedem/je- nen, – allein das Studium literarischer Dokumentationen
der, und dies ebensowenig bei der »Stückwerk«-Utopie wie könnte uns schon überzeugen, was hier seit langem (und
bei jener mit ganzheitlichen Ansprüchen. Wer das Leben manche sagen: seit jeher) im argen liegt. Wie könnte ein,
durch Erwerbsarbeit bestreiten will, erfährt keine Hilfe auch erotisches, Zusammenleben zwischen den Geschlech-
durch eine noch so ansehnliche Grundsicherung; wer sich tern, bzw. innerhalb derselben, aussehen, das weder durch
isoliert fühlt, braucht kein »Rückzug«... Und jeweils, selbst- Ausgrenzung noch durch Versteinerung, weder durch
redend, umgekehrt. Gleichgültigkeit noch durch Zwangszusammenhänge ge-
kennzeichnet ist? Wie könnte eine Antwortvielfalt realisiert
werden, welche niemandem eine Lebensart aufdrückt, die
seinen Bedürfnissen, Wünschen, Prägungen etc. zu wider-
sprechen, jeweils, neigt? Spätestens die Erfahrung der ver-
gangenen Jahrzehnte haben uns gezeigt, daß es hier nicht
nur darum sich handeln kann, die traditionelle (idealtypisch:

76 77
katholische) Vorstellung von der heterosexuellen lebenslan- Erziehung ihrem Strukturprinzip nach (bis 16 Uhr Kinder-
gen Zwangseinehe zu überwinden. gruppen mit einer spezialisierten Fachkraft, ab 16 Uhr El-
Zwischenzeitlich gab es ebenso dogmatische Anschauungen tern) gelebt worden – wie aber wäre sie in ein gesellschaftli-
auf dem homosexuellen Felde (Guy Hoguenhem, Eschi ches Gebilde, das nicht Kibbuz heißt, zu übertragen? Die
Rehm bei den Männern, Valerie Solanas bei den Frauen) Kinderdörfer Hermann Gmeiners verhießen einstmals ein
und auf der Ebene der Gemeindeehe (Otto Mühl); auch die nicht uninteressantes Modell (eine professionelle alleiner-
»offene Zweierbeziehung« (Dario Fo/Franca Rame) und die ziehende Mutter mit synthetischer Großfamilie, ergänzt
derzeit weithin vorherrschende Monogamie – »treu« um je- durch weitgehende, potentiell weltweite, Unterstützung) –
den Preis, auch wenn es nur drei Wochen dauert – haben hat es einen Grund, daß es um sie relativ still geworden ist?
zwischenzeitlich ihre Tücken erwiesen. Zwar hat es immer Daß kaum eine Untersuchung publik geworden ist, wie das
schon mal utopische Lösungsvorschläge gegeben, die der Leben der Kinder als Erwachsene sich fortgesetzt hat? Gäbe
Beantwortung der gestellten Frage relativ nahe gekommen es Übertragungsmöglichkeiten, die den Müttern nicht ein
waren – indes wird es seine Gründe gehabt haben, daß erste- Leben aufzwänge, als wären sie Klosterschwestern? Immer
re kaum je authentisch genug waren, um in der Wirklichkeit mal, zum dritten, ist von umfassender Selbstorganisationen
umgesetzt zu werden. Ich denke etwa an die »neue Liebes- der Kinder die Rede, mögen sie nun »Kinderrepubliken«
welt« Charles Fouriers. Und AIDS macht diese Aufgabe heißen (wie im spanischen Bemposta) oder »Schülerschu-
auch nicht eben einfacher. len«. Wir wissen, daß die berühmte, in Barbiana, alsbald
Nicht anders hinsichtlich der Kinder. Noch ist es nieman- zerfiel, nachdem der Pfarrer, der sie angeleitet hatte, ver-
dem gelungen, eine ebenfalls antwortvielfältige Form des storben war. Wieso blieben diese immer Inseln, wieso konn-
Kinderaufwachsens zu entwerfen, in welcher weder die te aus ihnen nie eine Art Bewegung werden? Und selbst
Mütter, noch beide Eltern, noch die Kinder, noch alle zu- wenn: Wie wäre da wiederum gewährleistet, daß einzelne
sammen in biographisch folgenreiche Leidenszusammen- Kinder nicht von ihrer Gleichaltrigengruppe ausgegrenzt,
hänge abgedrängt worden sind. Entweder wird auch im uto- fertiggemacht werden, eine Art »Herr der Fliegen« im uto-
pischen Kontext völlig naturwüchsig vom Elternrecht aus- pischen Gewande? Welche, und seien es subsidiäre, Ein-
gegangen (was in der Praxis zu 80 Prozent heißen wird, daß griffsmöglichkeiten müßten für gleichzeitige Erwachsenen-
an den Müttern die Arbeit hängenbleibt), oder die utopische gruppen, oder auch Kinder-Erwachsenenengruppen, vorge-
Lösung entlastet zwar die Eltern, läßt jedoch den Kindern sehen werden?
eine Art gehobener Heim-, allenfalls Internatserziehung zu- Gehen wir über den Bereich der zeitgenössischen Kernfami-
teil werden und sollten die Kinder Pech haben, wäre es nicht lie hinaus. Immer wieder wird die Erneuerung der Nachbar-
einmal eine »gehobene«. Zwischen den Polen Überlastung schaften beschworen. Die zeigt, wie sehr die Vereinzelung
einerseits, lohnabhängiger Gleichgültigkeit andrerseits und Anonymisierung in nur wenigen Jahrzehnten vorange-
schwankend, steht eine passable realutopische Lösung noch schritten sein muß: Noch in meiner Jugend wurde die Ano-
aus.49 Die in letzter Zeit häufig ausformulierte Realutopie, nymisierung geradezu als Erlösung von der überstarken so-
Kindererziehung – wie auch korrespondierend dazu die Er- zialen Kontrolle durch die Nachbarn empfunden!
werbsarbeit – gleichmäßig auf beide Eltern zu verteilen, ent- Wir haben gesehen, daß verschiedene zeitgenössische Uto-
lastet zwar, was schon viel ist, die Mütter vom Dauerstreß, pien (z.B. jene von P.M.) gerade aus der Stärkung der Nach-
hat ansonsten jedoch vor allem die Wirkung, nunmehr barschaft ihre Brisanz gewonnen haben. Nicht zu vergessen
glücklich beide Eltern zu überlasten. Nicht, daß es nicht – obwohl sie in der Praxis ja schon beinahe vergessen wor-
auch hier Ansätze gäbe. So ist verschiedentlich die Kibbuz- den ist! – ist jene Nachbarschaftsutopie der »kleinen Net-

78 79
ze«, die Ende der Siebzigerjahre eine gewisse Rolle spielte50: griffen – und sich mißverstanden hat. Wohlwissend, daß es
Diese Nachbarschaften von 80 – 100 Personen sollen zwar zum Konsens der letzten fünf Jahre leider auch vieler Intel-
nicht soviel wie die Subsistenzgruppen des P.M., aber doch lektueller gehört, der Marktwirtschaft und dem Privateigen-
erhebliches miteinander leisten können. Sie sollen Einheiten tum heilsame Wirkungen zu zuschreiben, die diese schon
gegenseitiger Hilfe sein, einander beim Kinderaufwachsen aus strukturellen Gründen nicht in dieser Allgemeinheit ha-
wie bei der Pflege alter Leute unterstützen, Gartenbau be- ben können, halte ich dem entgegen, daß dieses Lob nur bei
treiben, Reparaturen durchführen, Feste veranstalten, poli- recht kurzsichtiger Betrachtung der Dinge aufrechterhalten
tische Aktionen initiieren, eventuell sogar einige Produkte werden kann. Entweder die ökologischen Folgen sind aus-
oder auch Dienstleistungen produzieren. Eine gewaltige geblendet worden52, oder die Funktion der Dritten Welt (wo
Aufgabe für ein nachbarschaftliches Netz, zusammengewür- einem Bananenkonzern gleich mehrere Kleinstaaten
felt, wie dieses unter den zeitgenössischen Wohungsbaube- gehören, in welchen er seine Profitgrundlage mit Klauen
dingungen nur zustande kommen kann.51 Nicht zufällig also und Zähnen verteidigt, kann es mit der vielbeschworenen
ist die Utopie des »kleinen Netzes« bislang ziemlich ohne »Freiheit« nicht weit her sein), oder die profitablen Wir-
praktische Auswirkungen geblieben. Entweder es wird kungen der künstlichen Herstellung von Mangel. Dies wäre
gleich zu einer größeren internationalen Einheit: einem eine holzschnittartige Beschreibung der Lage in der Land-
Projekt, einer Solidargemeinschaft, einer Annäherung an wirtschaft wie im Wohnungsbau.
eine Minisubsistenzgruppe – oder, auf dem utopischen Fel- Gehen wir auf das Feld zukünftiger utopischer Aufgaben
de, die Aufgabe wird so groß, daß sie nicht bei der Vision des zurück, um dies mit einigen konkreten Beispielen zu veran-
»kleinen Netzes« verbleiben kann, sondern sich totalisieren schaulichen.
muß: Wie müßten Wohnungsbau, Wohnraumverteilung, Es ist angesichts der realen, fast schon hoffnungslosen Situa-
Erwerbsarbeit, Verkehr etc. sich verändern, damit so etwas tion naheliegend, daß der Wohnungsbau der Zukunft zu
wie ein »kleines Netz« auf einer breiteren Basis überhaupt meinen Lieblingsbeispielen zählt. Planwirtschaft hieße hier,
erst möglich werden kann? Und da dies eine ausgesprochene kostengünstig eine Mehrzahl von Monstern in Betonplat-
Langzeitutopie darstellte: Was kann der soziale und emotio- tenbau aufs freie Feld zu stellen und auf die erforderlichen
nale Kitt werden, um einander gleichgültige, nicht latent Fonds für Reparaturen, periodisch fällige Renovierungen
feindliche, Nachbarschaften überhaupt zu einem gemeinsa- etc. einfach zu verzichten. Marktwirtschaft heißt hier, in Pri-
men Handeln zu bewegen? Ohne Zwang, ohne Gruppen- vatinitiative Wohnraum zu erstellen (manchmal, durchaus
druck, ohne Sanktionen durch böse Nachrede, die denn nicht immer, ergeben sich daraus sogar einigermaßen hüb-
doch die Flucht in eine Hochhaussiedlung als erträglicher sche Häuser), den, außer einer dünnen Schicht reicher Leu-
erscheinen ließe. Hier schon angedeutete Überlegungen te, sei es in Miete, sei es in Wohnungseigentum, niemand
führen uns zu einem der, auch traditionellen, Kernpunkte bezahlen kann. Soziale Marktwirtschaft hieße hier noch al-
utopischer Intentionen: der ökonomischen Seite der Utopie. lenfalls, den nicht so reichen Leuten durch Zuschüsse das
Im an Katastrophen aller Art so reichen 20. Jahrhundert ist Anmieten des überteuerten Wohnraums wenigstens gele-
in einer doppelten Verschränkung, zweierlei klargeworden: gentlich möglich zu machen, die Alternative dazu ist Mas-
Sowohl die Marktwirtschaft hat nicht wirklich funktioniert senobdachlosigkeit, wie im London, was seine Grenzen in
als auch ,noch offensichtlicher, die Planwirtschaft nicht; so- öffentlicher Mittelknappheit oder wahlweise in einer nicht
wohl die Privatisierung von (großem) Eigentum hat auf die mehr finanzierten Steuerlastquote hätte. In beiden Fällen
Welt verheerende Wirkungen ausgeübt als auch hat eine subventionieren die Steuerzahlenden die Gewinne der
Vergesellschaftung versagt, die als Verstaatlichung sich be- Hauseigentümer. Die dringend erforderliche Realutopie des

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Wohnbaus bestünde darin, einen Weg jenseits des genann- zum Genossenschaftswesen geschrieben haben? Wie sähen
ten Dilemmas zu finden. die Werke des Exil-Anarchisten Peter Kropotkin aus, wenn
Nicht anders beim anderen Problempaar Privatisierung – wir den zwischenzeitlichen Siegeszug der Unterhaltungse-
Vergesellschaftung. Da die meisten Strömungen der Arbei- lektronik mit einbeziehen, d.h. die Bedürfnisse nicht mehr
terbewegung – primär der als »Kommunismus« sich auf Essen, Wohnen und Kleider sich beschränken lassen?
mißverstehende Leninismus, aber auch, wenn auch in Welche Möglichkeiten hatten seit 1905 die mithin israeli-
Maßen, die Sozialdemokratie, selbst noch am Rande die ka- schen Kibbuzim, jenseits von Allgemeinplätzen vom Typus
tholische Soziallehre – Vergesellschaftung als Verstaatli- »Hischdruth« oder »Jewish Agency«, sich in einer Weise zu
chung mißverstanden haben, hatte dies zur Folge, daß die finanzieren, daß sie bis 1967 auf ca. 230 angewachsen wa-
Utopien einer staatsfernen Vergesellschaftung nicht so üp- ren? Wo waren die »Points of no return« der genossen-
pig gesät sind, wie dies erforderlich wäre. Diese Einstellung schaftlichen Unternehmen vom Typus Raiffeisen oder
erleichtert allerdings die Aufgaben für die künftigen Jahr- Schulze-Delitzsch, vom Typus Coop/Bank für Gemeinwirt-
zehnte weniger als diese noch komplizierter zu machen. schaft/Neue Heimat/Konsum? Wie funktionieren die Ver-
Zum einen, und darin bestünde auch die eher einfachere gesellschaftungsformen der Stiftungsökonomie, etwa in den
Übung, wäre es erforderlich, die gesamte genossenschaftsso- USA oder der Schweiz? Wenn Kropotkin in seiner Trans-
zialistische Tradition der vergangenen beiden Jahrhunderte formationsstrategie den »freiwilligen Vereinigungen« so ei-
aufs neue zu studieren und die zu beerben. Diese begänne nen großen Stellenwert einräumt – wie könnte das auf den
mit Fourier und Owen, schlösse eine Wiedervornahme der Weg gebracht werden, daß die freiwilligen Vereinigungen
gesamten realutopischen Literatur der Jahrhundertwende sich nicht nur gründen, sondern auch bestehen bleiben und,
mit ein, und landete bei der Vielfalt der Ansätze nach dem vor allem weniger gegeneinander als miteinander, arbeiten?
Beginn unserer zeitgenössischen Krise um 1966/67. Um es Welche weiterführenden Momente gibt es in den Konzep-
weniger abstrakt zu machen: Wenn schon alles nach »Priva- tionen des Karl Korsch, in jenen des Austromarxismus? Wo
tisierung« schreit – was, mit wenigen Ausnahmen53 den Be- beinhalten sie offene Potentiale55; wo – etwa in der Ökolo-
griff verfehlt, vielmehr die Umschichtung des Produktivver- giefrage – haben sie dazu beigetragen, jene Form des realso-
mögens vom großen Staat zu noch größeren Konzernen zialistischen oder sozialdemokratischen Etatismus voranzu-
meint –, wäre es dann nicht sinnvoll, das ursprüngliche Kon- treiben, welche den Namen des Sozialismus so sehr zu dis-
zept Fouriers: fünf zwölftel Arbeit, vier zwölftel Kapital, drei kreditieren geeignet war?
zwölftel Talent herzunehmen und es als eine Art Kapitalge- Jede Menge zu tun, jede Menge zu lernen, und doch ist dies,
sellschaft mit vinkulierten (an bestimmte Personen oder wie ich oben erwähnte, die leichtere Aufgabe. Die schwieri-
Gruppen gebundenen, folglich auch nicht börsenfähigen) gere besteht darin, realutopisch zu konstruieren, wie in einer
Aktien zu gestalten?54 Oder: Wie wäre es, die Arbeiten sich wandelnden, von großen Konzernen beherrschten, von
Franz Oppenheimers sich einmal zur Gänze vorzunehmen Konkurrenzen und Haßzusammenhängen durch und durch
und es nicht immer nur bei dessen berühmten Transformati- zerfressenen Welt genossenschaftlicher Sozialismus in die
onsgesetz bewenden zu lassen? Das heißt: Ein alternatives Gänge gebracht werden könnte. Dabei ist es sicher hilfreich,
Projekt – bei Oppenheimer eine Produktionsgenossenschaft sich zu vergegenwärtigen, wo, in welchen Punkten, Marx
– geht immer entweder pleite oder verwandelt sich in ein nach wie vor hilfreich sein könnte – und wo bestimmt nicht.
Projekt, das von in die herrschende Gesellschaft integrierten Als Analytiker zählt er nach wie vor zur erforderlichen
Projekten nicht mehr zu unterscheiden ist. Wer weiß schon, Grundausstattung zukunftsorientierten Denkens, wie ein
daß Fabier Sidney und Beatrice Webb ein Standardwerk Dutzend anderer, oft völlig konträrer, Theoretiker auch:

82 83
Seine Aussagen über die Ware, über die Rolle der Maschine- Konsens eine Fülle von »freiwilligen Vereinigungen« zu
rie, über die Akkumulation des Kapitals haben sich bedauer- entwerfen, in welchen Kooperationen verschiedenster Art
licherweise als von bislang bleibender Aktualität erwiesen. zwischen diesen, auch Ermutigungen zu Neugründungen,
In dreierlei Hinsicht indes, wenigstens, auch obige Aufzäh- ermöglicht werden können. Dies ist bereits eines der künfti-
lung ist ja sicherlich nicht vollständig, können wir Marx ge- gen Probleme genossenschaftlicher, bzw. genossen-
trost vergessen: schaftsähnlicher Vergesellschaftung – und ich schreibe dies
1.) Es gibt nicht den geringsten Grund, anzunehmen, daß nicht zufällig aus voller Überzeugung nieder, weil ich an die-
die kapitalistische Gesellschaftsformation kurzlebiger sein sem Punkt auch selbst seit ca. 20 Jahren vorerst gescheitert
wird, als dies vor ihr die feudale, die asiatische oder die auf bin. Wobei es mir im Lauf der Jahrzehnte zunehmend klar
der Haltung von Sklaven beruhende war. Alle Annahmen geworden ist – und ich freue mich über jeden noch so punk-
dieser grundsätzlichen Akzeleration (Verschnellerung) ha- tuellen, noch so prekären Zusammenschluß, der tatsächlich
ben sich bislang als falsch erwiesen – und, wo selbst sie in die erfolgte, sei dies nun, zeitweilig, das »Netzwerk Selbsthilfe«
Praxis »umgesetzt« werden konnten, als verheerend. gewesen oder die Versuche zu Projektemessen oder in neue-
2.) Entsprechend hat die Gewalt sich nicht als »Geburtshel- rer Zeit der »Tag der Erde« – , daß moralische Appelle allein
ferin einer neuen Gesellschaft« erwiesen, sondern, um in hier nichts vorantreiben werden, sondern wenigstens Spu-
der Metapher zu bleiben, als ihre »Engelmacherin«. ren gegenwärtigen oder künftigen Interesses mit enthalten
3.) Wie oben bereits dargelegt, ist die Dichotomie56 von sein müssen. Hier enden allerdings die konkreten Beispiele –
»Bourgeoisie« und »Proletariat« , die im Prozesse der wirt- und hier beginnen, wiederum, die Fragen: Wie kann es opti-
schaftlichen Entwicklung verwirklicht worden war, immer mal bewerkstelligt werden, daß genossenschaftliche oder ge-
inhaltsleerer geworden: Beide traditionellen Hauptklassen nossenschaftsähnliche Formen entstehen, die auch Men-
haben in eine Milchstraße von Klassenströmungen sich aus- schen die Mitarbeit ermöglichen, welche in völlig anderen
differenziert, insbesondere die letztere, mit außerordentlich beruflichen Zusammenhängen stehen, die sie auch nicht
unterschiedlichen Bedürfnissen, Wünschen und Interessen. ohne Not verlassen wollen oder können? Gewiß, um beim
Gerade indem ich Marx in seiner vor bald 150 Jahren ge- exponiertesten Beispiel zu beginnen, achte ich jede interna-
machten Aussage ernstnehme, er wolle keine Rezepte für die tionale Vollgenossenschaft, mag dies nun ein Kibbuz sein,
»Garküche der Zukunft« entwerfen, seine Aufgabe sei es ein Ashram59, eine spirituelle Gemeinschaft60, die vielen
vielmehr, immer neue und gründlichere Analysen für den Kommunen, die entstanden sind – seit 1989 auch zuneh-
»Misthaufen der Geschichte« zu produzieren – können wir mend auf ehemaligem DDR-Gebiet – oder die sich noch in
nicht umhin, selbst die Richtung zu bestimmen, in die wir Planung befinden wie zum Beispiel durch Rudolf Bahro.
wollen. Der erste Schritt ist hierbei noch relativ klar: mit ei- Selbst hinsichtlich jener faktischen Vollgenossenschaften,
nigen einigermaßen gleichgesinnten Personen sich zusam- die in den alternativen Bewegungen weniger angesehen
menschließen, um die Güter und Dienstleistungen der je- sind, habe ich, auch wenn sporadische Interaktionen mit
weils eigenen Neigung herzustellen und zu verbreiten.57 diesen noch so nervig waren, vor der üblichen vorschnellen
Dies wird auch mit größeren Schwierigkeiten, als auf den er- Ausgrenzungen gewarnt.61 (Auch ist mir nicht zu jeder fakti-
sten Blick erkennbar sind, getan.58 Schon hier besteht das schen Vollgenossenschaft gleich Jonestown eingefallen.)
Problem, daß aus den verschiedensten Gründen diese Pro- Wenn auch dieses als Extrem ebenso im Hinterkopf beste-
jekte, Betriebe, Genossenschaften, Vereine oft eher gegen- hen bleiben sollte wie beim Christentum die Inquisition,
einander als miteinander arbeiten. Im nächsten Schritt beim Liberalismus die Abschlachtung der Pariser Commune
scheint es mir erforderlich, im einigermaßen allseitigen und Robespierres Guillotine, beim Sozialismus die Moskau-

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er Prozesse usw. Dennoch kann die allgemeine Norm künf- Sollte es irgendwann zum nächsten weltweiten Bankenkrach
tiger genossenschaftssozialistischer Bewegungen nicht darin kommen – wer hebt die Scherben auf? Wie wären die Ver-
bestehen, Menschen aus ca. 80 Klassenströmungen darauf mittlungsinstanzen zwischen den weitblickenden genossen-
zu verpflichten, das Feld ihrer Tätigkeiten zu verlassen, um schaftlichen Experten und Expertinnen einerseits, jenen
Rüben zu ziehen, den Mond zu verehren oder verfallene Spitzenmanagern, die kaum noch von Konzerneigentümern
Häuser zu renovieren. Wie können weitere dieser in außer- zu unterscheiden sind, andrerseits? Muß das Erbrecht an
ordentlich verschiedenen Formen, von der Subsistenzge- nennenswertem Produktivvermögen eine heilige Kuh blei-
meinschaft bis hin zum Genossenschaftsförderungsverein ben? Muß es eine Art Naturgesetz bleiben, daß eine demo-
etabliert berufstätigen Personen so auf einen Nenner ge- kratisch in keiner Weise legitimierte gesellschaftliche Macht
bracht werden, daß ein einigermaßen zusammenhängendes großer Wirtschaftstreibender, seien es Privateigentümer,
Netz entsteht, wo auch die je spezifischen Interessen ge- Managern oder Nomenklaturisten, automatisch festge-
wahrt bleiben? Welche neuen Formen der Mitbestimmung schrieben wird?
Konsumierender könnten hierbei entstehen? Die Erwähnung der demokratischen Legitimation führt, wie
Einige Entwicklungen – etwa die ca. 700.000 deutschen sollte es anders sein, zur Sphäre des Staates. Um wiederum
Fördernden von Greenpeace – stimmen ja durchaus hoff- bei den »eigenen Kräften« zu beginnen: Daß die politische
nungsvoll: Wie kann auf lange Sicht jenes Auseinanderlau- Partei als Form der umfassenden, stufenweisen und/oder
fen einer effizienten ökologischen Konzernstruktur und ei- grundsätzlichen Veränderungen historisch nicht mehr au-
ner Vielzahl mitbestimmungsferner Fördernder, wodurch thentisch (wenn auch gesetzlich fest einbetoniert) sein dürf-
Greenpeace gekennzeichnet ist, auf anderen Feldern ver- te, scheint eine Erkenntnis zu sein, die über die diversen
mieden werden? subkulturellen Oppositionen weit hinausgehen dürfte –
Selbst wenn es durch die nächste utopisierende Generation nicht zufällig ist von der »Politikverdrossenheit« die Rede,
möglich wäre, Fragen wie die vorliegenden theoretisch und nicht zufällig geht in den USA, die sich durch ein besonders
praktisch zu beantworten, bliebe die weltweite Hegemonie minderheitenfeindliches Wahlrecht kennzeichnen, schon
der multinationalen Konzerne bestehen. Auch wenn sich die Hälfte der Bevölkerung nicht mehr zur Wahl. Aber was
Wissenschaftler, wie Jan Tinbergen in seinem Bericht an soll nach den Parteien kommen? Welche Struktur, welches
den Club of Rome, große Mühe gegeben haben: Welche Netz, wäre historisch authentisch genug, um die Tagträume,
Konzepte gäbe es, die nicht bloß darauf hinausliefen, dem Wünsche, Bedürfnisse, Interessen von etlichen Dutzend un-
Krokodil die Zähne zu putzen? Welche Rolle könnten terschiedlichster abhängiger Klassenströmungen so zu ver-
»Ethik-Fonds« bei der Umstrukturierung der multinationa- knüpfen, daß diese zu ihrer polititschen Umsetzung drängen
len Konzerne spielen, und wie müßten erstere für diese Auf- könnten? Ist die Rotation politischer Ämter tatsächlich
gabe zusammengesetzt sein? Gäbe es Formen der Entflech- schon gegessen, oder war nur zu wenig konkret (zu schema-
tung und Dezentralisierung, die vom »Standard-Oil-Effekt« tisch, zu kurzfristig...) phantasiert worden? Sollte aber auf
frei wären?62 den Ebenen der Ministerien und der Abgeordneten rotiert
Wäre es sinnvoll, Konzerne kurzfristig zu verstaatlichen, mit werden, wie sähe es dann mit jener Ebene der Ministerialbe-
der einzigen Auflage, deren Aktien ohne viel staatliche Zwi- amten aus, welche automatisch im Amt bleiben und jetzt
schenlagerung streuend umzuverteilen, etwa an Mitarbei- schon stolz darauf sind, oft ein Dutzend Minister oder Mini-
tende, Gebietskörperschaften verarmter Regionen, Um- sterinnen zu »überleben«?63 In welchen Sphären wäre die
weltverbände, Selbstorganisationen Erwerbsloser, geschä- Einführung von Räten, in welchen die umgehende Ein-
digte und/oder verelendete Länder der Dritten Welt? Und: führung von Volksanwälten (Ombudsfrauen) sinnvoll? Wel-

86 87
che Rolle sollen Konzepte von Gewaltenvereinheitlichung, freiwilligen Vereinigungen zustande kommen? Welche opti-
die in historischen Utopien bis hin zum Marxismus ja eine malen Größenverhältnisse wären, auf welcher Ebene – von
sehr große Rolle gespielt hat, oder von noch weitergehen- lokal bis weltweit –, anzustreben? Wer wählt welche freiwil-
den Gewaltenteilungen spielen? Und, selbstredend, wie ligen Vereinigungen aus, die welche Funktionen ausüben
könnten auf allen Ebenen staatlichen Handelns Momente sollten? Wie demokratisch können, sollen, müssen die
direkter Demokratie (Urabstimmungen, Volksbegehren Strukturen dieser freiwilligen Vereinigungen sein? Zur Er-
etc.) verstärkt eingeführt werden? Auch, da alle mir bislang läuterung: Im Ist-Zustand kann es mir vergleichsweise
bekanntgewordenen Gegenargumente (Todesstrafe, Auslän- gleichgültig sein, wie demokratisch intern Greenpeace oder
derfeindlichkeit...) ausnahmslos dieser Sphäre entstammen: auch die katholische Kirche verfaßt sind – niemand zwingt
Wäre eine Lösung für diesen meines Erachtens anzustre- mich, Verbänden wie den genannten beizutreten. Völlig an-
benden Fall zu finden, daß allgemeine Grund- und Men- ders wäre es, bildete Greenpeace ein Moment dessen, das
schenrechte ihrer Entscheidbarkeit durch Volksabstimmun- den Umweltministerien nachfolgte, oder die katholische
gen zu entziehen sind? Kirche hinsichtlich des Familien- oder Sozialbereichs – wie
Dieser Katalog mag, ich weiß, vielen zu etatistisch (zu staats- ja überhaupt, ironischerweise, die Bundesvereinigung der
tragend) klingen. Durchaus ist mir bewußt, daß es nicht zu sechs Spitzenverbände im Sozialressort eine Vorform Kro-
wenige Utopien gibt, deren Endziel darin bestünde, den potkinschen Anarchismus zu bilden scheint. Wie werden sie
Staat abgeschafft oder doch in seinem Stellenwert stark ver- instandegesetzt, soziale Sicherheit wenigstens in einem ver-
mindert wissen zu wollen: Anarchisten wollen dies kurzfri- gleichbaren Maße zu gewährleisten, wie dies jene Staaten,
stig, Marxisten langfristig, – »absterben« – manche utopi- die als Sozialstaaten sich verstehen, gelegentlich immer
schen Sozialisten, z.B. Herbert George Wells, sehr langfri- noch einigermaßen zustande bringen? Welche Übergänge
stig. In diesem Falle jedoch vermindern die für künftige uto- von den diversen Ministerialabteilungen, Magistratsabtei-
pische Erörterungen zu stellenden Fragen sich keineswegs. lungen, ausgelagerten Verwaltungseinheiten mit eigenstän-
Im Gegenteil, da zum einen sämtliche oben gestellten Fra- diger Rechtsform zu einem Ensemble freiwilliger Vereini-
gen an die den Staat dann tendenziell ersetzenden »freiwilli- gungen wären denkbar? Die Probleme und Rechtsunsicher-
gen Vereinigungen« (Kropotkin) übergehen, zum anderen heiten, die derzeit in den ehemals realsozialistischen Län-
noch einige Fragen hinzuträten, erhöht die Komplexität sich dern auch nur beim Übergang zu einer kapitalorientierten
noch beträchtlich. Was mich im übrigen nicht stört, da ich »Privatisierung« wahrnehmbar sind, veranschaulichen treff-
weder dem Luhmannschen Glaubensbekenntnis von der lich jenes Bündel von Problemen, mit welchen es ein utopi-
»Reduktion der Komplexität« anhänge, noch in Jürgen Ha- scher Übergang vom Staat zu freiwilligen Vereinigungen zu
bermas’ bekannter Rede von der »neuen Unübersichtlich- tun bekäme. Wie könnte das Gewaltmonopol in einer Weise
keit« etwas anderes zu sehen vermag als eine Aufforderung dezentralisiert werden, daß weder ein Automatismus natur-
an die Wissenschaft, ähnlich in der »Unübersichtlichkeit« wüchsig pazifistischer Menschen, noch ein Automatismus
die Möglichkeit einer nicht unbedingt eingreifenden Über- von Bürgerwehren, Banden, Warlords-Clan-Armeen (oder
sicht wiederherstellen, wie dies die Enzyklopädisten im 18. auch von, wenn auch nur gelegentlich durchgeführten, blut-
Jahrhundert zur Zeit der Aufklärung versuchten. Nicht zu- rünstigen Ritualen, wie bei P.M. oder Callenbach) die not-
fällig zählen einige der zeitgenössischen Utopien, z.B. P.M. s wendige Folge wäre? Wie vorher schon im Libanon, bieten
»bolo'bolo« oder »Olten«, wie wir gesehen haben, zum auch für die Legitimität dieser Fragen die jugoslawischen,
komplexesten, was wir uns vorstellen können. Eine Auswahl georgischen, armenischen, aserbaidschanischen Entwick-
dieser »nicht-etatistischen« Fragen wäre: Wie sollen diese lungen unangenehm deutliches Anschauungsmaterial. Und

88 89
schließlich: Wer verträte, auf welche Weise, die Interessen durch eine Vielzahl von Kriegen ausgerottet worden ist).
jener, die, aus welchen Gründen auch immer, sich nicht ent- Nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre und Jahr-
schließen könnten, einer oder mehreren dieser freiwilligen zehnte können wir folgendes überraschungsfrei feststellen:
Vereinigungen beizutreten? Den Israelis wird zu Deutschland Auschwitz einfallen (als
Daß ich Fragen dieser Art beharrlich zu stellen geneigt bin, Metapher für die Shoah), den Palästinensern zu Israel Deir
ist mit Sicherheit auch eine Auswirkung der historischen Yassin, Schabra und Schatila. Die Xhosa werden für falsch
Entwicklungen vor allem seit 1989. Dem Realsozialismus halten, was die Zulu für richtig halten, und umgekehrt. Die
war ich nie mit Sympathien gegenüberstehend, und doch Serben werden, sehr langfristig, »1.500 Jahre Schlacht auf
bin ich entsetzt über jene Atavismen, Egoismen, Nationalis- dem Amselfeld« vorbereiten, dafür werden die Österreicher
men, Militarismen, Rassismen, die in den vergangenen Jah- das Lied »Prinz Eugenius, der edle Ritter/wollt dem Kaiser
ren freie Fahrt erhalten haben.64 Wenn ich etwas in diesen wiederum kriegen/ Stadt und Festung Belgrad« nach wie
Jahren dazugelernt habe, dann das, daß nicht nur jedes ge- vor in Ehren halten. Die Bosniaken werden an Gorazde (um
waltförmige Vorgehen seine Subjekte verroht, normativ ver- wiederum nur eine Metapher zu nennen) denken, die Deut-
heerend (im Doppelsinn des Wortes) und letztendlich auch schen an Königsberg, die Polen an Wilna. Die Native Ame-
meist strategisch kontraproduktiv ist – und daß, wo es den- ricans werden an ihre Ausrottung durch die USA und durch
noch notwendig ist (etwa in der alliierten Intervention ge- Spanien sich erinnern, die Armenier an jene durch die Tür-
gen den Nationalsozialismus 1941– 45), eher ein Anlaß zur kei, die Kurden an jene durch Türkei, Iran und Irak. Zum
Trauer als zur Feier. Das wußte ich auch schon vorher. Auch anderen können wir annehmen, daß die Prozesse zwar ein
dies, daß die Falle gewaltförmigen Vorgehens darin besteht, Jahrtausend oder länger, aber doch nicht ewig dauern. So ist
eine Haßspirale auf Jahrhunderte hin in Gang zu halten und von der Schlächterei der Sachsen durch Karl »den Großen«
den Haßzusammenhang immer weiter auszubauen. Die um 800 außerhalb von Historikerkreisen nur noch verhält-
Schlacht auf dem Amselfeld war immerhin, um nur ein Bei- nismäßig selten die Rede; vergleichbares gilt für Melos oder
spiel zu nennen, vor 600 Jahren. Solcherarts bestünde eine auch für Troja. Dies erscheint mir vorweg erforderlich fest-
der Aufgaben von Utopien darin, Haßspiralen, wo irgend zuhalten, vor allem, da diese Liste schier ins Unendliche
möglich, zu unterbrechen, zu deeskalieren – oder, als Mini- verlängert werden könnte: die afrikanischen Ethnien, die
malprogramm, wenigstens nicht neue aufkommen zu lassen. russischen Völker, Tamilen und Singhalesen, Tibeter und
Deshalb werden in den nächsten Jahrhunderten Utopien be- Chinesen.65
hutsam zu sein haben, zäh wie präzise – wo immer ausge- Dies scheint mir – wie nach Ernst Bloch schon der individu-
grenzt, unterdrückt, zerschlagen, gesäubert werden sollte, elle Tod jeder/s Einzelnen von uns – der antiutopische Fakt
und sei es auch im Namen noch so humanistischer Ideen, par excellence zu sein. Jede/r, der/die in seiner/ihrer Utopie
wird langfristig wenig mehr erreicht werden können als eine den Gartenzaun der ideellen Vollgenossenschaft verlassen
neue Verstärkung des Haßzusammenhanges. möchte, um doch »nur« die uneingelöste Utopie Immanuel
Leider gibt es noch viel zu wenige Utopien gegen die Haß- Kants von ewigem Frieden zu realisieren, muß an der Über-
spirale. Unversehens geraten wir in die Gebiete des Welt- windung dieses antiutopischen Fakts ansetzen, bei Strafe ei-
markts, der Migration, der Ausländerfeindlichkeit, des Na- nes jahrhundertlangen Sich-Weiterwälzens von Mord und
tionalismus. Versetzen wir uns, und sei es der Übung halber, Mißhandlung, von Vertreibung und Vergewaltigung. Und
in das Jahr 2.500 (unterstellen wir hierfür, unwahrscheinlich dies wohl wissend: daß einige der umfassendsten ideologi-
genug, daß die Menschheit zwischenzeitlich weder durch die schen Systeme, die dies bereits beansprucht hatten, das
Totalität ökologischer Krisen, noch durch Biotechnik, noch Christentum, der Liberalismus, der Leninismus, der Islam

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bereits daran gescheitert sind. Mögen im Zentrum der nor- bleiben. Auch hier folgt die Warnung der Utopie auf dem
mativen Vorstellungen bislang noch so sehr Nächstenliebe, Fuße. Jede Verallgemeinerung des Besonderen würde an-
internationale Solidarität, multinationale Weltwirtschaft, statt in der Utopie wiederum im Terror münden. Dem na-
»Islam heißt Frieden« gestanden haben: Die Realität hieß tionalsozialistischen Terror der ethnischen Reinheit ent-
im günstigen Falle weltumspannende Gleichgültigkeit, in spräche der Terror einer ethnischen Zwangsvermischung,
den ungünstigeren Fällen Massenmord und Vertreibung. wie sie in der chinesischen Utopie K’ang-Yu-Weis vorgese-
Dies berührt, wie gesagt, die Sphäre des Weltmarkts. Anders hen und in den berüchtigten Zwangsverheiratungen des
gesagt: Jene internationale Solidarität, die fraglos auch in Scheichs Karume in Sansibar Realpolitik geworden war.
den Führungsetagen der multinationalen Konzerne vorhan- Was nicht als freiwillige Vereinigung entsteht und bleibt, hat
den ist, ist mit Notwendigkeit immer eine internationale So- den Anspruch einer Utopie, die den Namen verdient, ver-
lidarität weniger, und das zu Lasten der Vielen. Das utopi- wirkt, noch ehe diese geschichtsmächtig geworden ist.
sche Potential in dieser Sphäre ist ohne Zweifel vorhanden. Gehen wir einen Schritt weiter. Könnte beispielsweise eine
Daß es, allem Anschein zuwider, in bescheidener Form vor- Realutopie darauf fußen, daß aus Personen, Familien,
handen ist, dafür zeugen viele neuere Sachverhalte, die Singles, Gruppen unterschiedlicher Länder grenzüber-
gleichwohl unverbunden nebeneinander im Raum stehen. schreitende »Clans« entstünden, wofür eine Menge von
Zu erwähnen wären hier etwa: die internationalen nicht- ideellen Normen zugrundelägen, unterstützt von Momen-
staatlichen Organisationen;66 die Ansätze zu horizontaler ten gegenseitiger Hilfe im Bedarfsfalle? Hier könnten die
Vernetzung weltweit unterdrückter Ethnien;67 die »Mische- Esperantisten als eine Art Keimform gelten, mit dem Vorbe-
hen«; die vielfältig verzweigten Hilfsaktionen; in manchen – halt ihrer leider rein patriarchalen und etablierten Repräsen-
aber auch nur machen! – Fällen sogar bleibende Kontakte tation auch die Rotary-Clubs. Wobei ich, um Mißverständ-
und Solidariäten, die durch den Tourismus entstanden wa- nisse auszuschließen, betone, daß ich mir weder von synthe-
ren. Doch bleibt all dies so seltsam unverbunden, daß es tischen Sprachen ein wesentliches Mehr an Völkerverständi-
letztlich, in seinen praktischen Wirkungen, ähnlich folgen- gung erwarte, noch instande bin, in einem eurozentristi-
los bleibt wie die multinationalen »Solidaritäten« der Füh- schen Konstrukt aus weithin romanischen, germanischen
rungsetagen. und slawischen Wortstämmen auch nur die Kümmerform
Beginnen wir abermals im Kleinen: Im blutigen Konflikt des einer »Weltsprache« sehen zu können. Aber, wie gesagt, es
ehemaligen Jugoslawien habe ich von Slowenen, Kroaten, muß sich ja nicht um »meine« Normen handeln. Zum ande-
Serben, Bosniaken, Montenegrienern und Makedoniern ren werden die Christen behaupten, dies täten sie längst.
gehört, von Ungarn, Albanern, Roma und, ausnahmsweise, Mitnichten, werde ich antworten, solange Römische Kurie
sogar von Juden. Das Land hat es, von gleichfalls außeror- und Genfer Weltbund der Kirchen im Regelfalle auf einem
dentlich mörderischen 5 Jahren abgesehen, immerhin 70 bornierten territorialen Gemeindeprinzip basieren, dessen
Jahre lang gegeben. Mich wundert es, daß in den 70 Jahren Internationalismus nur einen Überbau führender Funk-
keine Minderheit übergreifender »Jugoslawen« entstanden tionäre darzustellen pflegt.
ist, bzw. diese sich nicht in den Diskurs merkbar eingeschal- Vergleichbares gälte für eine lockere Vernetzung der millio-
tet hat. Dieser Prozeß ist bekanntlich vorerst, und wohl bis nenfachen mehr oder weniger isolierten notwendigen Hilfs-
weit ins 3. Jahrtausend, irreversibel, gleich, welche der Stra- maßnahmen. Vielleicht wäre es – realutopisch – möglich, die
tegien eingeschlagen wird: Ob es bei der »ethnischen Säu- vielfältig bereits bestehenden Modelle von Patenschaften
berung« der Bosniaken bleibt – oder ob im Gegenzug eine auszubauen, miteinander in Zusammenhänge zu bringen, zu
»ethnische Säuberung« der Serben einträte, der Haß wird vervielfältigen, vor allem einen Rückkopplungsmechanismus

92 93
einzubauen: Gruppen, die durch Patenschaften einiger- wären? Welche Spielräume für alternative Joint Ventures
maßen saniert worden sind, übernehmen ihrerseits wieder mit Genossenschaften in Osteuropa und in der Dritten Welt
Patenschaften. Mag sein, und hier gehe ich noch einen gibt es? Könnte es geben?
Schritt weiter, daß eine solche Realutopie sogar einen Bei- Schließlich gipfelten die aus der Ebene des Weltmarkts re-
trag zur aktuellen, ausgesprochen repressiv geführten Dis- sultierenden Utopien in Vorstellungen, wie, und dies so ge-
kussion zu Ausländerfeindlichkeit und »Festung Europa« waltfrei wie irgend möglich, einmal in fernen Tagen der
führen könnte, was selbstredend die Diskussion über das Umbau der multinationalen Konzerne stattfinden könnte.
(nach wie vor notwendige!) Asyl, mit der erstere unzulässi- Und hierzu gibt es noch kaum weitertreibende Phantasien.
gerweise immer wieder in einen Topf geworfen wird, nicht Nicht zu reden von der weltweiten Problematik, wo wir
im geringsten beeinträchtigen dürfte. Sie bestünde darin, zwar zwischenzeitlich über jede Menge kritischer Analysen
die Beweislast einfach umzukehren. Die Arbeitsemigrantin- und Modelle verfügen68, indes kaum über Lösungsvorschlä-
nen und Arbeitsemigranten, die neu eingereist sind, wären ge, die über ergebnislose Konferenzen vom Typ Rio oder,
erst dann in ein Land ihrer Wahl zu entlassen, wenn für je- zum anderen, über die Rede vom »lokal handeln« hinaus-
den Einzelfall mit internationalisierter Hilfe die geeigneten gingen. Schließlich werden unweigerlich neue Herrschafts-
Patenschaftsverhältnisse hergestellt worden wären. Utopie, strukturen vom Typus der UNO- oder EG-Bürokratie ent-
ich weiß – aber hier sprechen wir ja über Utopien. Gehen stehen, gelingt es nicht, eine realisierbare Utopie transnatio-
wir den nächsten Schritt weiter. Weltweit gibt es eine große naler Willensbildung zu erstellen – und sei es auch mit elek-
Zahl von Genossenschaften und genossenschaftsähnlichen tronischer Hilfe, etwa durch entsprechend zusammenge-
Einrichtungen, auch von zum Teil passablen gemeinwirt- schaltete Mailboxen. Sollte ich einiges vergessen haben (was
schaftlichen Unternehmungen. Allein in Deutschland sind mit Sicherheit der Fall sein wird), bitte ich um Nachsicht:
es mehrere tausend, in Österreich mehrere hundert. Abge- Dies veranschaulicht nur, wie vielfältig die anstehenden Pro-
sehen davon, daß die Bedeutung von Genossenschaften bleme sind und sein werden, so daß dies auf 20 Seiten nicht
weltweit sehr unterschiedlich ist: von den europäischen einmal als Aufzählung darzustellen ist.
Selbstverwaltungsbestrebungen über die osteuropäischen
Restverwaltungen bis hin zum Bemühen, zu überleben, und
das weltweit. Auch eine Reihe von Analysen wären erforder-
lich, beispielsweise denke ich an jene zum Niedergang der
sozialdemokratischen Gemeinwirtschaft in Zentraleuropa
und zum Scheitern der jugoslawischen Arbeiterselbstverwal-
tung. Es müssen ja nicht sämtliche strukturellen Fehler end-
los wiederholt werden. Es könnte sich eine Fülle von Utopi-
en auf verstärkte Kooperation dieser genossenschaftlichen
oder genossenschaftsähnlichen Einheiten beziehen. Wie
könnte es, beispielsweise, aussehen, wenn es europaweit Ser-
vice- und Distributionsstellen für Mondragon-Kühlschrän-
ke (für Österreich: Eiskästen) gäbe? Wenn die alternative
Speiseeis-Aktiengesellschaft aus Vermont in Europa Ge-
schwistergenossenschaften hätte, welche ihrerseits wieder-
um mit Naturata, dem Dritte Welt Handel etc. vernetzt

94 95
Schlußbemerkungen

GERADE, WÄHREND ICH diese abschließenden Seiten zu Pa-


pier bringe, erhalte ich den Brief eines erfahrenen Zukunfts-
werkstättenmoderators, in welchem dieser von rumänischen
Teilnehmenden einer Werkstatt berichtet, bei welchen die
geäußerten Utopien über »Marktwirtschaft« und »parla-
mentarische Demokratie« nicht hinausgegangen seien. Dies
ist zwar empirisch durchaus plausibel – und in einem gewis-
sen Ausmaße, als bestimmte Negation des bis vor kurzem
Herrschenden, auch verständlich –, ändert indes meine Ar-
gumentation nicht erheblich: In einem gegebenen gesell-
schaftlichen Kontext findet ein Rückgriff auf Utopien statt,
deren eine mit spätestens 1688 (Anfänge des englischen Par-
lamentarismus), deren andere mit ca. 1775 (Adam Smith Be-
gründung der Marktwirtschaft als »moralisch-ökomomi-
sche« Form des Wirtschaftens) zu datieren ist. Auch liegt
das Problem nicht in »Marktwirtschaft« und »parlamentari-
scher Demokratie« als Utopie, sondern in den Entwicklun-
gen der Praxis, die zwischenzeitlich feststellbar waren. Auf
lange Sicht neigt die »Marktwirtschaft« zu einem verhee-
renden Wechselspiel von ökonomischer Machtkonzentrati-
on und Verelendung/Naturzerstörung, das europäische Mo-
dell der »parlamentarischen Demokratie« zu einem Über-
gewicht der Exekutive über die Legislative. Nicht zufällig
sind der Marktwirtschaft die »soziale Marktwirtschaft« und
die »ökosoziale Marktwirtschaft« gefolgt und zwar durchaus
aus eher konservativen Kreisen – und die in dieser Konse-

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quenz liegende »alternativpazificofeminaökosoziale Markt- schen Intention einerseits und einem Weg zu einer soziali-
wirtschaft« hätte nur noch bedingt etwas mit Adam Smith stischen Gesellschaftsordnung andererseits. Es hat feudale
zu tun.69 Utopien gegeben, insbesondere unter den sozialrebellischen
Idealtypisch sind die Ängste vor der Utopie an den Schriften Bauern der ersten Hälfte des zweiten Jahrtausends unserer
jener konservativen Theoretiker abzulesen, die ihre Ab- Zeitrechnung: die Wiederkehr des »guten Königs«, sei dies
schaffung so vehement zu verweigern pflegen70: Ernst Nolte nun Friedrich Barbarossa aus dem Kyffhäuser oder König
anerkennt eine Utopie als politische schon einmal nur dann, Johannes aus dem Goldland in Afrika; die Wiederherstel-
wenn sie mit Gewalt durchgesetzt werden soll. Am ehesten lung des »alten Rechts«, das den Bauern mehr Rechte gege-
erwägt er die Möglichkeiten – wenn auch ohne prognosti- ben hatte als ihnen die aufkommenden Landesfürsten lassen
zierbare Chancen – einer Ökodiktatur, eines Feminismus wollten. Es hat liberale Utopien gegeben, und gibt sie im-
zur Beseitigung des männlichen Geschlechts und einer Aus- mer noch: Die weltweite Gültigkeit der allgemeinen Er-
rottung der »weißen Rasse« durch die Dritte Welt. Joachim klärung der Menschenrechte stünde immer noch an deren
Fest beschränkt Utopie auf Nationalsozialismus und Realso- Spitze – oft eingefordert, gelegentlich auf Zeit durchgesetzt,
zialismus, und bei letzterem auf Determinismus, »All- von jedem amnesty international-Bericht indes Lügen ge-
machtsphantasien, Geschichtsmystik und Menschheitspa- straft. Auch Kants »ewiger Friede«, wie auch sein »Ausgang
thos«. Er muß zugestehen, daß »die utopische Sehnsucht ... des Menschengeschlechts aus selbstverschuldeter Unmün-
deshalb nicht verstummt« ist – und noch zunehmen wird –, digkeit«, zählen zu den uneingelösten Utopien der Auf-
verkürzt aber umgehend wiederum Utopie auf Lösung des klärung – für deren Einlösung noch viel Kraft und Geduld
»Erdendurcheinanders« aus seiner »Undurchschaubarkeit«, erforderlich sein wird. Es gibt auch nach wie vor kapitalisti-
auf »schlagende Lösungen«. Daß »der Mensch in Zukunft sche Utopien, deren bislang weitreichendste und ein-
ohne das große Tamtam der Utopien leben muß«, obwohl flußreichste jene von den harmonischen, menschheitsbe-
eine Seite vorher deren Anwachsen als plausibel unterstellt glückenden Wirkungen der Marktwirtschaft ist, jene »un-
wurde, verheißt nichts Gutes: Schließlich haben zu den Un- sichtbare Hand« (Adam Smith), die automatisch, im Sinne
geheuern, die Goyas träumende Vernunft geboren hat, auch einer Gleichgewichtsapparatur, alles zum besten wendet. Es
schon die Gemetzel an den Pariser Communarden 1871 gibt Utopien der Dritten Welt, exemplarisch sei das argenti-
gehört – jener Massenmord, der, als Reaktion, zur ideellen nische Bariloche-Modell von Herrera, Skolnik, Mallmann
Geburtsstunde des Horrors der Kaderpartei wurde. Ergänzt und anderen erwähnt, die naheliegenderweise die weltweite
wird die Märchenstunde vom Ende der Utopie durch die Versorgung zur Befriedigung der Grundbedürfnisse anstre-
Kalauer, »daß seit Generationen kein Entwurf für eine idea- ben – in denen es indes von Atomkraftwerken nur so wim-
le Ordnung mehr entstanden ist«71, daß es keine liberalen melt. Schließlich hat es auch faschistische Utopien gegeben
Utopien gäbe und daß der Zukunftsschock«, dem wir auch – und es ist sehr zu befürchten, daß es sie, etwa im Umkreis
ein gutes Dutzend Utopien verdanken, zum Sterben des der französischen Gruppe GRECE, nach wie vor gibt. Nicht
utopischen Gedankens beigetragen hätte. Schließlich mün- nur denke ich an die Utopien Hitlers, Rosenbergs, auch
det Joachim Fest in die platteste technokratische Utopie ein, Mussolinis, sondern auch an politisch weit weniger ge-
die historisch zu haben ist: Eine »Praxis ... die, ... mehr schichtsmächtige, wie das »Atlantropa«-Projekt des Her-
Handwerk und Ingenieurwesen (ist) als metapolitische Für- mann Sörgel, in welchem, wie gesagt, erstrebt wurde, durch
sorge«.72 Riesendämme bei der Straße von Gibraltar das Mittelmeer
Um ein liebgewordenes Vorurteil noch einmal in Frage zu zwecks Landgewinnung und Brücke nach Afrika einfach
stellen: Es gibt keinerlei Automatismus zwischen der utopi- auszutrocknen. Aus dem eingangs Gesagten heraus ist es je-

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doch verständlich, daß Utopien der vergangenen beiden den Möglichkeiten elektronisch verfaßter Dezentralisie-
Jahrhunderte dennoch so sehr mit irgend einer Form des rung. Der Genossenschaftssozialismus gründet seine Vor-
Sozialismus verbunden waren und sind. Immer wieder er- stellungen in der umspannenden Tätigkeit von Genossen-
gänzt durch den Faschismus, 70 Jahre lang auch durch den schaften, der Gemeindesozialismus in jener von lokalen
Realsozialismus, hat in dieser Zeit der Kapitalismus idealty- Kommunen. Die freiwirtschaftliche Utopie, verbunden mit
pisch für jenes schlechte Bestehende gestanden, das zu ne- den Namen Silvio Gesells und dem Schwundgeld-Experi-
gieren unter anderem die Utopie angetreten ist. Dies ist ment der Tiroler Stadt Wörgl um 1930, entwirft subtile Me-
auch letztlich der Hintergrund, warum das Ansehen der chanismen zur grundsätzlichen Veränderung des Geldwe-
Utopie bei den Verteidigenden des Status quo, des bestehen- sens und der Verfügbarkeit über Grund und Boden. Subsi-
den Zustands, ein so geringer ist. Schwieriger wird es beim stenzorientierte Utopien, exemplarisch ist in diesen Band
zweiten Moment der Utopie, jenem des »überschießenden von den Schriften des Schweizer Autor P.M. die Rede, gehen
Bewußtseins« – hier gibt es bekanntlich große, bis zur kaum davon aus, Macht- wie Planwirtschaft zugunsten eines um-
möglichen Überbrückbarkeit gewaltige Differenzen. Ein- fassenden Konzepts von Selbstversorgung zurückzudrän-
fach ist es noch, die oben schon erörterte Unterscheidung gen.73 Unabhängige Sozialisten und »Neue Linke« erstre-
zwischen neueren zentralistischen und dezentralistischen ben, an Stelle der Hegemonie des Kapitals, eine Verkehrung
Utopien hier zu verorten: Solange insbesonders der Kon- des Stellenwerts der vorerst bestehenden Staatsfunktionen:
kurrenzkapitalismus wahrnehmbar ist, beziehen sich die einen Staat, der ökonomisch stark ist, hingegen in Fragen
Wünsche, Tagträume, Neigungen vorrangig darauf, dessen der Verwaltung, der Kultur, des Gewaltmonopols liberal,
tote Kosten, dessen Tendenzen zur Vergeudung von Res- wenn nicht libertär. Ökologische Utopien, wobei »ökoliber-
sourcen, durch, modern gesprochen, den Synergieeffekt täre« und »ökosozialistische« nicht immer scharf voneinan-
zentraler Planung staatlichen Eigentums zu überwinden. der zu trennen sind, versuchen, auf je verschiedene Weise
Diese Utopien haben in der Realpolitik des Realsozialismus, die Utopien von einer »zu ihrer Vernunft gekommenen«
wie auch lange Zeit hindurch im Mainstream der Sozialde- Marktwirtschaft, wie von einer dezentralisierten Marktwirt-
mokratie, Spuren hinterlassen. Sobald der Kapitalismus ins- schaft miteinander zu verbinden. Bekanntlich hat Friedrich
besondere in der Gestalt seiner Konzerne, auch in Querver- Engels gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts (wie er
bindungen zum Staat (z.B. bei Rüstungsaufträgen) wahrge- irrtümlich meinte: abschließend) festgestellt, die Entwick-
nommen wird, werden die Utopien dezentralistisch. Und lung des Sozialismus hätte ihren Weg von der Utopie zur
auch hier sind dann noch die utopischen Intentionen ausge- Wissenschaft genommen. Es ist an der Zeit, Friedrich En-
sprochen antwortvielfältig: Die anthroposophische Utopie gels an der Schwelle zum 3. Jahrtausend unserer Zeitrech-
etwa, idealtypisch in Rudolf Steiners Schrift von der nung ironisch zu variieren: Sollte es noch überhaupt je einen
»Dreigliederung des sozialen Organismus« festgehalten, wissenschaftlichen Sozialismus geben können, wird es ein
verbindet das Wirtschaftsleben von Assoziationen (in etwa durch die Wissenschaft hindurchgegangener utopischer So-
hier: umverteilungsbereiten Genossenschaften) mit dem zialismus sein müssen. Mit anderen Worten: einer, der beide
Rechtsleben des Parlaments und einem den Anspruch nach Teile des Worte von Ernst Bloch: »gelehrte Hoffnung«
ausgesprochen antwortvielfältigen Kulturleben. Die anar- (»docta spes«) ernst nimmt. Einer, der sowohl beständig die
chistische Utopie gipfelt in der Abschaffung des Staates, be- gesellschaftliche Wirklichkeit weltweit daraufhin unter-
gleitet vom Ersatz der Funktion desselben durch eine Viel- sucht, wo und wie (und zwar, wenn irgend möglich, auf ge-
zahl und Vielfalt freiwilliger Vereinigungen (Peter Kropot- waltfreie Weise) Chancen bestehen, zu neuen Formen soli-
kin). Varianten dieser (Roel van Duyn) verbinden dies mit darischer Vergesellschaftungen zu gelangen. Einer, der

100 101
gleichzeitig die Tagträume, die Wünsche, die Bedürfnisse, besteht. Ich meine nämlich, daß es falsch ist, Utopien immer
die Interessen der Leute, und dies in ihrer mindestens klas- nur mit idealen Gemeinwesen oder zukünftigen Schreckens-
senströmungsbedingten Verschiedenartigkeit (zu welcher szenarien gleichzusetzen und sie ausschließlich unter diesem
bekanntlich ohne weiteres geschlechtsspezifische, histo- Aspekt zu sehen. Ebenso wichtig wie der utopische Entwurf
risch-traditionelle, ethnische, religiöse Verschiedenartigkei- selbst scheint mir der soziopolitische Anlaß zu sein, der sie
ten zu treten pflegen), einbezieht: das heißt, sie weder je- ausgelöst hat. Zwar konstruktiv in dem Sinne, daß sie mit
weils fremdgesetzten allgemeinen Normen unterwirft, noch Hilfe der säkularisierten Vernunft Gegenwelten entwerfen,
auf den Sankt-Nimmerleinstag verschiebt. Einer, der end- sind politische Utopien immer auch Phänomene des Reagie-
lich die jahrtausendealte, nur immer hin- und herverschobe- rens: Sie antworten nämlich seit Morus auf erkennbare
ne Kluft zwischen Armutsbevölkerung und Reichtumsbevöl- Fehlentwicklungen und Krisen des gesellschaftlichen und
kerung einebnet – ein Unterfangen, welches bekanntlich heute sogar globalen Kontextes, innerhalb dessen sie ent-
bislang weder christlicher Soziallehre, noch sozialer Markt- standen sind«.
wirtschaft, noch Realsozialismus gelungen ist (um hier nur Als konkrete Momente derselben benennt Saage folgende
jene sozialphilosophisch untermauerten Machtsysteme zu Entwicklungen: »Der neuere Utopiediskurs nach dem
nennen, die überhaupt irgendwann mit diesem Anspruch Zweiten Weltkrieg erhielt entscheidende Impulse von der
angetreten waren). Einer, der zwar bewußt an jenes Mensch- zunehmenden Zerstörung der natürlichen Lebensbedingun-
heitserbe anknüpft, demgemäß unsere Vorfahren die aller- gen der Menschheit durch die naturwissenschaftlich-techni-
längste Zeit ihrer Existenz in Stämmen, Clans, Gilden, Ge- sche Entwicklung (sic!), den Industrialismus mit seinem
meinschaften (oder wie auch immer) lebten; der allerdings, Massenkonsum in den hochentwickelten Ländern des Nor-
und dies ebenso bewußt, so bedeutsame Spielräume zur en- dens, der die Verelendung des Südens zumindest billigend in
gagierten Eigentätigkeit offenläßt, daß es erst gar nicht dazu Kauf nimmt, sowie die noch immer bestehende Unter-
kommen kann, unter der Hand Utopien der völligen Los- drückung der Frau«. Als zeitgenössische Erben des utopi-
gelöstheit, der Egozentrik auf Kosten anderer, des individu- schen Diskurses erschienen dem Autor die Mitglieder des
ellen wie des Gruppenegoismus entwickeln zu müssen. Ein »Club of Rome«: aufgrund ihrer Prämisse, daß die Welt,
Prozeß, der, mit verheerenden Folgen, im Herrschaftsbe- wie sie ist, in ihrer bloßen Faktizität nicht fortgeschrieben
reich des Realsozialismus fraglos eingetreten war. werden darf; daß eine Vision der Welt, in der wir gerne le-
Richard Saage schreibt in dem von ihm 1992 herausgegebe- ben wollen, notwendig ist; daß es Denk- und Phantasie-
nen Sammelband »Hat die politische Utopie eine Zu- sphären geben muß, die vom Druck der Interessen politi-
kunft?«: »Kein Zweifel: Das Ende des autoritär-etatisti- scher und gesellschaftlicher Natur entlastet sind.
schen Musters der klassischen Utopietradition ist unwider- Oder auch, wiederum, Holland-Cunz: »Die Notwendigkeit,
ruflich. Selbst wenn es zur Errichtung von Diktaturen kom- über das schlechte Bestehende weitreichend hinauszuden-
men sollte, die erneut in den Schatten von Campanellas ken, mehr als kleinteilige reformistische Variationen am re-
»Sonnenstaat« eintauchen, so ist doch gewiß, daß es ihnen pressiven männlichen Fortschrittsdenken vorzunehmen, ist
nicht mehr gelingen wird, was das utopische Denken stets unübersehbar. Viele der fiktiven Ereignisse, die in den femi-
auch auszeichnete: so etwas mit Hoffnung zu vermitteln. nistisch-utopischen Texten der siebziger Jahre vielleicht
Andererseits ist, so meine These, mit dem Zusammenbruch noch als gewagte dystopische Extraplationen gelten konnten
des realen Staatssozialismus in Europa nicht das utopische (Unfälle in Kernkraftwerken, steigende Krebsraten, Sper-
Denken als ganzes diskreditiert, weil der Problemdruck, der rung ökologisch verseuchter Gebiete, steigende städtische
seit Morus in der Neuzeit Utopien hervorbrachte, weiter Armut und soziale Verelendung, antifeministische Politik),

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sind schon zur Realität geworden, avancierten gar zum In- scher Wurmfortsatz – und nicht die, die mit dem Kampf ge-
halt tagespolitischer geschäftlicher Routine. Eine endgültige gen die realsozialistischen Bonzen überhaupt erst begonnen
Verabschiedung ›der Utopie‹ wäre angesichts der anstehen- hatten. Der offensichtliche Zerfall von als ehern angesehe-
den globalen Probleme politisch fatal – eine Humanisierung nen Institutionen, der sich wie im Zeitraffer vollzieht, läßt
politischer Phantasie und utopischen Denkens ist jedoch ab- die alte Mao-Metapher von den Papiertigern, die halt leider
solut erforderlich, kann aber nur als androzentrismus-kriti- atomare Zähne haben, als noch zu milde erscheinen: Die
scher selbstreflexiver Prozeß gelingen. Vor einer Verab- Lage erinnert eher an ein Regiment von Vampiren, die un-
schiedung der Utopie oder des Subjekts steht logisch und hi- verhofft in ein sommerliches Strandbad geraten sind, um
storisch der Abschied von deren patriarchalen Gehalten. dort umgehend in große Staubhügel zu zerfallen. Alles
Utopisches Denken ist dann nicht überholt, wenn es sich scheint unterschiedslos pulverisiert zu werden, was mit den
selbst als überholbar zu denken beginnt. Damit aus theolo- hegemonialen Interessen nicht im elektronifizierten Gleich-
gischen Visionen offene Re-Visionen werden können, schritt marschiert, und der Verwehrtbarkeit der neuen
braucht die utopische Reflexion ihre feministischen Impulse. Djangos kostengünstig ausgesetzt werden kann: »Jede/r für
Mit fortdauernder herrschaftlicher Ignoranz gegen ihre ei- sich und der Weltmarkt gegen alle«.
gene ›weibliche‹ Seite wird die Utopie ihre derzeitige Krise In diesem Zusammenhang gibt es letztlich nur zwei Mög-
nicht überleben. Und ein solches Ende – dieser Abschied – lichkeiten. Die eine entspräche dem realexistierenden Ver-
wäre dann noch nicht einmal bedauerlich« (Holland-Cunz). halten der gesamteuropäischen Bevölkerungsmehrheiten:
Es scheint mir auch keineswegs zufällig zu sein, daß das In- Noch genauer an den Selbstlauf des Weltmarkts und der
teresse an der Erörterung von Utopien in den bislang letzten diesen dirigierenden Konzerne sich anpassen, durch
Jahren wieder stärker geworden ist, und authentischer. Un- Bausparverträge und demonstrativen Konsum kompensie-
abhängig davon, wie die Abläufe in Osteuropa und in ande- ren und dem Ganzen einen postmodernen Überbau überzu-
ren Teilen der Welt, die sich als realsozialistisch verstanden braten – und wer dabei das Pech hat, die Reihe der weltwei-
hatten – und die Einschätzungen reichen vom Beginn des ten Armutsbevölkerung zu verstärken, den beißen halt die
Endsiegs des Kapitalismus im kalten Krieg bis (so Ulrich Hunde. Und die andere kommt an der Wiederauferstehung
Sonnemann in Januar 1990) zur »ersten deutschen Revoluti- der Utopie nicht vorbei.
on, die diesen Namen verdient« –, beurteilt werden mögen:
Was mit Sicherheit zusammengebrochen sein dürfte, ist die
Annahme eines Geschichtsmechanismus, der letztendlich,
abgesehen von barbarischen Alternativen, den Sieg einer so-
zialistischen Gesellschaftsformation in absehbarer Zeit ge-
währleisten würde. Auch wenn ich annehme, daß von den
dies Lesenden ohnehin kaum jemand an diese Art Weih-
nachtsmann geglaubt haben wird, hat dies Konsequenzen
auch für uns. Schon ist ja beobachtbar, daß von der trium-
phalistischen real existierenden kapitalistischen Hegemonie
»Neues Forum« oder »Vereinigte Linke« in der DDR,
Dubcek in der CSSR, ja selbst Geremek oder Jac̆ek Kuron in
Polen, nicht zu reden von den bundesdeutschen Grünen,
behandelt worden sind, als seien sie eine Art realsozialisti-

104 105
Anmerkungen: 11. Die Prognose kann immer nur für etwa gegeben werden, das Ob-
jekt, Ding, Sache ist, und nicht für subjektives menschliches Verhal-
ten, es sei denn, dieses wäre selbst schon zu einem berechenbaren
Ding geworden.
1. Die Tochter von Mary Woolstonecraft, Mary Shelley, wird zu den
12. Ernst Bloch nennt – im »Prinzip Hoffnung«, Kapitel »Abriß der
ersten dysutopischen Science Fiction-Erzählerinnen gezählt: Ihr
Sozialutopie« – diese Art der Darstellung »Freiheitsutopien«.
»Frankenstein«, entstanden um 1820, wird heute noch verfilmt; ihr
»Letzter Mensch« nimmt das katastrophenbedingte Aussterben der 13. Ernst Bloch hat, im selben Zusammenhang, von »Ordnungsutopi-
Menschheit im Jahr 2100 vorweg. en« gesprochen.
2. Umfaßt 20 Bände, leider immer noch nicht ins Deutsche übersetzt. 14. Nicht zufällig spielen Thomas Morus »Utopia«, Campanellas
»Sonnenstaat«, Aldous Huxleys »Island«, um nur einige zu nen-
3. Auch Weitling ist auf seine Weise ein faszinierender, auch heute
nen, auf Inseln, Ursula Le Guins »Planet der Habenichtse« verla-
noch lesenswerter Autor, dessen Ideen sich allerdings außerordent-
gert die Insel in den Weltraum usw.
lich widersprüchlich zur Darstellung bringen: Einerseits beginnt
bei ihm die Utopiearbeit aus dem Geiste einer alternativen christli- 15. Daß dies auch bei so sympathischen zeitgenössischen Utopien nicht
chen Tradition, welcher heute bis zur Theologie der Befreiung oder zur Gänze ausgestanden ist, hat Bernd Leßmann an der Utopie
zu Franz Alts »Bergpredigt« reichen sollte. Andererseits sind auch »bolo’bolo« von P.M. nachgewiesen: Eher als Nebenaspekt, gehört
seine Lösungsvorschläge keineswegs von technokratischen Ideen hier zur Standardausstattung jedes Individuums eine Kapsel mit
frei: Experten, wie Ärzte und Techniker, sollen die künftige Gesell- tödlich wirkendem Gift, zwecks jederzeitiger Suizidfähigkeit –
schaft leiten. nicht auszudenken, würde dieser Aspekt in einen Kontext einge-
fügt, dem Euthanasie als allgemeine Norm nicht fremd ist oder der
4. Insbesondere in der Schrift von Friedrich Engels »Die Entwick-
von Zeit zu Zeit einen Jonestown-bolo schätzt.
lung des Sozialismus, von der Utopie zur Wissenschaft«.
16. Ähnliche technokratische Weltstaatsideen finden sich auch beim
5. Nur der Ergänzung halber sei festgestellt, daß der utopische Bezug
bekannten Science-Fiction-Autor Isaac Asimov.
auf alternative Energieformen keine absolute Innovation August
Bebels ist. Bereits um 1830 hat der utopische Sozialist Etzler aus- 17. Etwa in der von H.G. Wells imaginierten, aber nicht selbst erfun-
führlich und im Detail über die mögliche künftige Funktion von denen Netzwerkwissenschaft des »Social Nucleation«.
Sonnen-, Wind- und Gezeitenenergie geschrieben. 18. Wie in der »Adams Morgan Organisation« in Washington D.C.
6. Dies gilt auch für den Nachfolgeband »Der Weg zu Ökotopia«, der oder im »Netzwerk gegenseitigen Lernens« des Inders Sripad Dab-
das Zustandekommen jener utopischen Gesellschaft, die in erstge- holbar.
nanntem Roman bereits als Resultat erschient, zu skizzieren bean- 19. Auf diesem Punkt legt insbesonders Andre Gorz großen Wert, wel-
sprucht. cher zwischen den »heteronomen Sektor« der Sekundärökonomie
7. Dies gilt für Herrera/Scolniks argentinisches, wenngleich weltweit herkömmlicher Industrie und dem »autonomen Sektor« der Se-
intendiertes, Barniloche-Modell, in dem die Atomenergie fröhliche kundärökonomie unterscheidet.
Urstände feiert; auch noch für das von Skinner inspirierte, jedoch 20. Dokumentiert ist dies im Band »Bürgerinitiativen entwerfen die
gesamtgesellschaftlich bewußtere »Futurum III« von Ruben Ardila. Zukunft«.
8. Ins Deutsche übersetzt: Hierarchische Teams kommen, hierarchi- 21. Auf Deutsch: Einem immer weiter auseinanderklaffenden, nicht
sche Teams gehen. überbrückbaren Widerspruch.
9. Vor kurzem forderte auch der anarchistische Theoretiker Murray 22. Zu diesem Gegenstand habe ich zwar einmal ein ganzes Buch ge-
Boockchin am Ende seine Buches »Ökologie der Freiheit« auf, schrieben – »Theorie der Subkultur –, da dieses aber von der Mehr-
Fourier zu studieren. zahl der Lesenden vorliegender Schrift wahrscheinlich nicht gele-
10. Ich ziehe es auch vor, von Klassenströmungen zu sprechen, und sen worden ist, wiederhole ich hier die Definitionen: Unter »Sub-
nicht, wie es der älteren Tradition entspricht, von Klassenfraktio- kultur« verstehe ich eine Gruppe von Personen, die sich in ihren
nen. Normen und Werthaltungen, in ihren Wünschen und Bedürfnissen

106 107
und in ihrer Objektivation (ihren Werkzeugen, Verkehrsformen, 29. Der ein gleichsam verpflichtendes periodisches allgemeines Ag-
Institutionen und anderen »Hervorbringungen«) in einem wesent- gressionsritual vorsieht und uns Lesende hierbei mit der Pointe er-
lichen Ausmaße von jenen der jeweiligen Gesamtgesellschaft unter- freut oder verärgert, daß der Protagonist der Handlung hierbei ver-
scheiden. »Teilkulturen« sind demgegenüber Gruppen, die in Teil- letzt wird und ins Spital kommt.
bereichen zusätzliche Normen etc. aufweisen, im großen und 30. Wie z.B. der in den Sechzigerjahren dank der Herausgabe der Zeit-
ganzen jedoch die Normen etc. der Gesamtgesellschaften teilen. schrift »Hotcha!« bekannt gewordene Urban Gwerder.
23. Die Reise ohne Wiederkehr kennen wir auch aus Bellamys »Rück- 31. Die Ironie, daß an der Gesamthochschule Kassel der Mittwoch zu-
kehr aus dem Jahre 2000«; Bogdanows »Roter Stern«; die Reise mit meist Gremientag war und ist, konnte und kann P.M. selbstredend
schließlichem Ausschluß aus Gillmans’ »Herland« und Morris’ nicht wissen.
»Kunde von Nirgendwo; die Reise mit Wiederkehr im letzten Au- 32. In dem von mir gemeinsam mit Christiane Heider und Reinald
genblick aus H.G. Wells »Zeitmaschine«. Weiß herausgegebenen Band »Politik der Seele«, München 1988,
24. Bebels »Die Frau und der Sozialismus«, K’ang Yu-Weis »Buch von S. 209 ff.
der großen Gemeinschaft«, die Arbeiten Peter Kropotkins, Carl 33. B. Holland-Cunz, Utopien des anderen Subjekte, In: R. Saage
Ballods, Joseph Popper-Lynkens’ stellen ausnahmslos solche struk- (Hg), Hat die politische Utopie eine Zukunft? Darmstadt 1992, S.
turellen Utopien dar. 239
25. Indem ich mich in diesem Buch an Personen im deutschsprachigen 34. Mit Ausnahme des oben bereits erwähnten Piercy-Bandes sind alle
Raum wende, werde ich in von »Person« oder »Individuum« in deutscher Übersetzung bei den Verlagen Knaur, Heyne, Fischer,
schreiben und nicht »ibu«, ebenso »Gruppe« und nicht »bolo« Medea oder Frauenoffensive erhältlich.
(»bolo’bolo« hieße dann nach P.M.: »Gruppe der Gruppen« oder
35. Daran ändert auch nichts, daß im Kontext eines Variantenreich-
»Gemeinschaft der Gemeinschaften«) und »Norm« und nicht
tums, der selbstredend im Laufe der Arbeit einer Vielzahl von krea-
»nima«. An letzterem Beispiel ließe sich auch aufweisen, daß P.M.s
tiven Menschen leicht entsteht, die strategische Phase gerne (zumal
Behauptung, es handle sich, nach dem Zufallsprinzip gewonnen,
in längeren Zukunftswerkstätten) in zwei eigenständige Phasen un-
um reine Kunstwörter, problematisch ist. Wohl aus dem Unbewuß-
terteilt wird: in eine Phase strategischer Konzeptualisierung und in
ten kommend, hat P.M. für den Inbegriff der Norm ein Kunstwort
eine dieser folgenden Phase der Umsetzung. Zur letzteren werden
gewählt, welches vor allem im römischen Bereich eine Fülle von
auch gerne zwecks Realitätskontrolle Politiker, ExpertInnen, Ver-
Ähnlichkeiten und Assoziationen des Wortstammes aufweist:
bandsfunktionäre etc. eingeladen (was noch nicht garantiert, daß
»Numa Pompilius« (ein normengebender mythologischer legendä-
letztere dann auch kommen). Am weitesten geht diesbezüglich die
rer römischer König), »numinos«, »nomen« = »Name«.
Zukunftswerkstatt nach dem Verfahren des Neuro-linguistischen
26. MEMO = Menschen- und milieu-(= umwelt-)gerechte Organisati- Programmierens (NLP). Hier wird die kritische Phase ersatzlos
on. Alternativ-ökonomischer Verband in den Niederlanden, in wel- weggelassen, dafür die strategische Phase in obigem Sinne
chem »neue Selbstständige« und Selbstverwaltungsbetriebe vertre- grundsätzlich zweigeteilt. Ich neige dazu, dieses Verfahren für pro-
ten sind. blematisch zu halten (zur Logik der kritischen Phase werde ich
27. Weltföderation nach dem Schema einer Lochkarte: eine Zentral- mich umgehend äußern) – auch kann diskutiert werden, ob es sich
einheit, zehn Einheiten. Präzise mit diesem Schema beginnt die bei der Weglassung einer ganze Phase noch um eine Zukunftswerk-
Apokalypse nach der Offenbarung des Johannes. statt handelt. Um eine utopiengerierende Methode jedenfalls han-
28. Sicher ist Jean Amerys Reflexion auf menschliche »Suizidfähigkeit« delt es sich dennoch fraglos.
von Bedeutung, sicher – und bekanntlich habe ich 1987 in dieser 36. Was meines Erachtens allerdings dazu geeignet ist, die anschließen-
Frage, wenn auch weithin stellvertretend, einen schweren Konflikt de Utopienproduktion zu beeinträchtigen.
in der Gesundheitsbewegung zu überstehen gehabt – kann es nicht 37. Hier strukturell ähnlich dem Verhalten der Analysanden bei der
darum gehen, den versuchten Suizid (auch die Beihilfe zu ihm) ei- psychoanalytischen Kur.
ner erneuten Psychiatrisierung (Stichwort »Selbstgefährdung«)
38. Ergänzend kann angedeutet werden, daß die kleinste Werkstatt, die
oder Kriminalisierung zu unterziehen.
ich persönlich erlebte (und moderierte), aus fünf Teilnehmenden

108 109
bestand – und die größte (eine von Robert Jungk auf Einladung des Kreativitätsforscher Rainer Fabian, die Planung im Kontext der
Kulturamts der Stadt Wien zur Friedensbewegung moderierte) aus Gemeinwesenarbeit nach Fritz Karas in Köln, das Konsensprinzip
2 – 300; daß die kürzeste drei Stunden dauerte, und die längste ein und das gewaltfreie Training.
Wochenende (ich spreche hier nur von persönlichen Erfahrungen; 47. Auf Einladung der AG Ambulante Hilfe der BAG Nichtseßhafte
auch Zukunftswerkstätten, die länger als eine Woche dauern, kom- am 22.3.1990 in Bielefeld/Bethel.
men vor, sind allerdings nicht die Regel). 48. Vorliegende Notizen sind ihres fragmentarischen Charakters sich
39. Allein im (mir manchmal zu technokratischen) Taschenbuch von durchaus bewußt – dies könnte kein Band zu Utopien sein, würde es
Kirst/Dieckmeyer zu »Kreativitätstraining« sind über 70 unter- eines abgeschlossenen Charakters zu beanspruchen trachten.
schiedliche Methoden zu diesem Gegenstand gesammelt und skiz- 49. Ich verwende diesen Begriff im Sinne von Klaus Ottomeyer: Er be-
ziert. Der bereits erwähnte Rüdiger Lutz hat in einem Aufsatz für sagt, daß es den Angestellten im Kindererziehungssektor eher dar-
die Zeitschrift »analysen und prognosen« (die beim nicht mehr be- auf ankommt, bezahlt (oder sonstwie versorgt) zu werden als daß es
stehenden Zentrum Berlin für Zukunftsforschung – ZBZ – angesie- den Kindern gut geht.
delt war) 72 unterschiedliche Methoden der Schaffung von Zukunft-
50. Beim Schweizer Autor Geissberger und beim Mitbegründer des
sentwürfen angeführt. Auch wenn sich manches wiederholt (selbst-
Berliner »Netzwerks Selbsthilfe«, Joseph Huber.
redend ist z.B. das Brainstorming in beiden Publikationen aufge-
51. Und obwohl ich nicht zu den allerkleinsten der zeitgenössischen
führt), läßt sich doch überraschungsfrei aussagen, daß es gut über
»kleinen Leute« gehöre, ist es mir in meinen bislang 54 Lebensjah-
100 unterschiedliche Verfahren gibt, von welchen jede Person/jede
ren kein einziges Mal gelungen, in eine Lebenssituation zu gelan-
Gruppe sich diejenigen aussuchen mag, die ihr besonders liegen.
gen, in der ich mir meine Nachbarn, und hier gar 80-100 am Stück,
40. Jede Person in einer Gruppe führt je zehn von ihr
aussuchen hätte können.
erwünschte/machbare Tätigkeiten/»Berufe« im agrarischen, hand-
Eine WG von 5-8, ja, das immerhin zwei Mal, aber ansonsten war
werklichen, industriellen, intellektuellen und kulturell-administra-
ich so froh, überhaupt Wohnraum gefunden zu haben, daß mir die
tiven Bereich auf – anschließend wird festgestellt, wo die Prioritä-
Nachbarn rundherum eher gleichgültig zu sein pflegten.
ten der Teilnehmenden sich zu »Serien« vernetzen ließen. Obwohl
52. Wieder und wieder habe ich darauf hingewiesen, daß die Benut-
in der Literatur zuweilen als solche erwähnt, ist dies keine Zu-
zung von Luft, Wasser, zum Teil selbst Erde als »freie Güter« die
kunftswerkstatt!
Marktpreise in einer Weise verzerrt, daß von »Marktwirtschaft«
41. Eine inhaltliche Kombination aller Elemente einer erstrebten
kaum noch die Rede sein könne – wie dies auch schon William
(technischen oder sozialen) Erfindung; gleichsam das Prinzip der
Kapp und einige andere getan haben.
Speisekarte – je eine Suppe, Vorspeise – auf alle möglichen Lebens-
53. Ich denke an das Konzept der Regierung Vaclav Havels, die tsche-
bereiche erweitert. Wird in alternativen Bewegungen, von James
chischen Staatsbetriebe auf die Bürger und Bürgerinnen dieses
Robertson abgesehen, selten angewendet.
Landes in etwa gleichmäßig zu verteilen.
42. Immerhin ist dies mittlerweile als Problem erkannt worden – so in
54. Zumal daran zu erinnern ist, daß die Aktiongesellschaft immerhin
der Veranstaltungsreihe »Weibliche Utopien – Männliche Utopi-
bei Friedrich Engels eher dem vergesellschaften Feld als dem priva-
en« in der Kasseler Werkstatt e.V. –, was erneut die Rede von der
ten zugeschlagen wird. Auch wäre die Idee strukturell nicht gar so
Nicht-mehr-Authentizität utopischen Denkens als absurd (bzw. als
neu: Zu Beginn der Achtzigerjahre ist die Aktiengesellschaft mit
Wunschdenken der Anti-Utopisten) erweist.
festgelegten Namensaktien für Aspekte Alternativer Ökonomie von
43. Alle Zitate hier von Hermann Bullinger.
Burkhard Flieger und Theo Pinkus in Vorschlag gebracht worden.
44. Etwa Peter Kropotkins »Eroberung des Brotes«, oder, mit Ein-
55. »Unabgegoltene«, wie Ernst Bloch sagen würde.
schränkungen, William Morris’ »Kunde von Nirgendwo«.
56. Einander scharf entgegengesetzte Zweiteilung.
45. Er ist nicht genau terminiert – ich erhielt ihn 1992 –, und es gibt
57. Allein für Deutschland weisen die »Bunten Seiten« der Zeitschrift
seit Jahren eine ganze Serie dieser.
»Contraste«, trotz aller Unvollständigkeit, mehrere tausend dies-
46. Hier nennt Birgit Berg in einer Fußnote, neben den von uns hier
bezüglicher Projekte auf.
bereits relativ ausführlich erörterten Zukunftswerkstätten, den

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58. Im Sommer 1992 ist bei der AG SPAK das Buch von Andrea Gerth en einforderte, sprach ein großer Teil ostdeutscher Teilnehmender
und Elmar Sing »Knatsch, Zoff und Keilerei« erschienen, in wel- von Stellenplanung und Finanzierung – nicht eingedenk des Um-
chem die Konflikte in alternativen Projekten das Zentrum der stands, daß es einer Vielzahl von Utopien (und von gesellschaftli-
Erörterungen bilden, einschließlich ihrer Lösungen, soweit dies chen Konflikten in ihrer Verwirklichung) bedürfe, um überhaupt
mit psychotechnischen oder soziotechnischen Mitteln möglich ist. im erwünschten Ausmaße Stellenplanung und Finanzierung sicher-
59. Wie der Sri Aurobindos, ein Ökodorf (wenn dies auch bislang mit stellen zu können.
den »kleinen Netzen« den Umstand teilt, viel mehr diskutiert als 70. Nach Zitate nach R. Saage, Hat die politische Utopie eine Zukunft?
entstanden worden zu sein). Darmstadt 1992
60. Von Taize bis zum Laurentiuskonvent. 71. Fest liest also nicht nur, wie Holland-Cunz ausführt, die Utopistin-
61. Zum Beispiel Longo Mai, Bauhütte/Meiga/ZEGG, Ananda Marga, nen nicht, sondern auch die nicht Utopisten.
Friedrichshof – bevor mir die Kindermißbrauchvorwürfe bekannt- 72. Durchaus verdient Fest die sarkastische Replik Joachim Petzolds:
geworden waren –, Indianerkommunen. »Es soll Fest auch nicht unterstellt werden, er hätte an sich etwas
62. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde aufgrund der damals wohl auch gegen harmonische Beziehungen zwischen Menschen«.
noch angewandten US-amerikanischen Kartellgesetzgebung der 73. In dieser Absicht treffen sich, bei allen bemerkenswerten Unter-
Standard-Oil-Konzern entflochten – mit der Wirkung, daß einige schieden im Detail, Ökologisten und der Heidelberger Psychologe
der Entflechtungsfirmen ins Unermeßliche wuchsen, und das bis in Jörg Sommer, eine Strömung des Feminismus, der Claudia von
die Gegenwart. Werlhof, Maria Mies und Veronika Bennholt-Thomsen angehören,
63. In dieser Hinsicht ist Johannes Agnolis alte Schrift »Transformati- spirituelle Synkretisten wie Rudolf Bahro, sowie Teil der self-reli-
on der Demokratie« mit ihrem Nachweis der allmählichen Verlage- ance (»eigene Kraft«)-Bewegungen aus der Dritten Welt und der
rung der Entscheidungen von der Legislative auf die (exekutive) Erzeuger-Verbraucher-Genossenschaften im agrarischen Bereich.
Ministerialbürokratie nach wie vor studierenswert.
64. Meine Politisierung erfolgte 1956 durch den Einmarsch der sowjet-
russischen Armee in Ungarn, weshalb ich mich auch eher als einen
»56er« als einen »68er« begreife.
65. Und da die Massaker männlich zu sein pflegen, lasse ich hier be-
wußt die weibliche Form weg.
66. Jene NGOs, wie sie im UNO-Jargon heißen, auf die Johan Galtung
so großen Wert legt.
67. So war es beim World Uranium Hearing, welches im September
1992 in Salzburg stattfand, beeindruckend, daß über 20 Ethnien
mit 110 diese Vertretenden zugegen waren, welche durch die Uran-
industrie und ihre Folgen vertrieben, beeinträchtigt, getötet wor-
den waren – vom Nördlichen Eismeer bis nach Polynesien, von
Afrika bis nach Savannah Hills.
68. Von den Berichten aus dem »Club of Rome« über Global 2000 bis
hin zu Hoimar von Ditfurth und vergleichbarer Autorinnen und
Autoren.
69. Beim Kongreß »Utopien leben« der Bundesvereinigung soziokul-
tureller Zentren im Oktober 1992 waren übrigens ähnliche Ten-
denzen wahrzunehmen. Während der größte Teil der westdeut-
schen Teilnehmenden, oft schon 20 Jahre lang frustriert, Realutopi-

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Ausgewählte Bibliographie: Capra, Fritjof: Wendezeit. Berlin – München – Wien 1984
Contraste, Zeitung für Ökologie und Selbstverwaltung, Heidelberg
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AAO (Hg.): Das AA-Modell. Neusiedl 1976 Dauber, Heinrich / Verne, Etienne (Hg.): Freiheit zum Lernen. Rein-
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Armand, Richard / Lattès, Robert / Lesourne, Jaques: Die Industriali- Deloria jr., Vine: Nur Stämme werden überleben. München 1976
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Angst vor den Frösten der
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Freiheit), autonome l.u.p.u.s.- Hintergründe und Folgen
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