25 Jahre Barrikadentage

Nach den ersten "stillen" Besetzungen leerstehender Wohnungen in der St.Pauli-Hafenstraße und in der Bernhard-NochtStraße im Herbst 1981 und jahrelangen zähen Kämpfen um die Häuser, eskalierte die Situation im Jahr 1987 erneut. (Chronologie)   Die Hafenstraße teilt die Stadt in zwei Lager. Der Senat setzt mehrheitlich auf die Tabula-rasa-Variante, die Bewohner_innen reagieren 1987 auf Wohnungsräumungen mit der Wiederbesetzung. Die Springerpresse, zusammen mit der CDUOpposition und der "Betonfraktion" der SPD, will die "Chaotenhochburg" räumen lassen. Auf der anderen Seite setzten sich Kulturschaffende, Prominente und Politiker_innen für eine friedliche und "entstaatlichte Lösung" ein. Doch der Kulturmäzen Jan Philipp Reemtsma blitzt bei Klaus von Dohnanyi mit dem Vorschlag ab, die Hafenstraße für einen symbolischen Preis von einer Mark zu kaufen. Es beginnt ein mehrmonatiger Nervenkrieg.   Hunderte Menschen aus der ganzen Bundesrepublik und anderen Ländern eilen im November 1987 nach Hamburg, um den Hafenstraßenbewohner_innen zur Seite zu stehen . In der Nacht zum 12. November werden Barrikaden errichtet. 10.000 Polizist_innen werden in den nächsten Tagen nach Hamburg gerufen und positionieren sich mit schweren Räumgeräten und Räumpanzern in der City. Hubschrauber-Kommandos des Bundesgrenzschutzes sowie die Anti-Terroreinheit GSG 9 werden zum Angriff über die mit Stacheldraht gesicherten Dächer geordert. Halb Hamburg und ganz St.Pauli wird in Geiselhaft genommen, die Polizei tritt auf wie eine Besatzungsarmee in einem fremden Land.   Bürgermeister Klaus von Dohnanyi wirft seine persönliche Zukunft in die Waagschale. Er gibt sein "Ehrenwort" und "verpfändet sein Amt", indem er den Bewohner_innen einen Pachtvertrag zusichert, wenn diese mit dem Abbau der Befestigungen beginnen. Das Hafenstraßen-Plenum willigt ein, "das Wunder von Hamburg" geschieht. Dohnanyi, bestimmt kein Sympathisant der Hafenstraße, zweifelsohne aber einer der klügeren Köpfe der Gegenseite, war klar, dass eine gewaltsame Räumung der Hafenstraße bürgerkriegsähnliche Zustände auslösen könnte und zu einer noch größeren Entfremdung der Hamburger Bürger von der SPD führen würde, als sie ohnehin schon durch die alles plattwalzende Selbstherrlichkeit dieses Senats entstanden war.   Die Hafenstraßenbewohner_innen und ein großes Umfeld solidarisch handelnder Menschen hatten einen Sieg errungen, der zwar noch nicht das Ende der Kämpfe um die Hafenstraße bedeutete, aber doch weit mehr war als ein bloßer Etappensieg. Mit großer Entschlossenheit und Militanz auf der einen und viel Witz und klugem politischen Handeln auf der anderen Seite, gelang es, die Räumung der Hafenstraße zu verhindern und das nahm dem Hamburger Senat die Möglichkeit, durch Provokationen und inszenierte Zwischenfälle vollendete Tatsachen zu schaffen. Das Besondere an diesem Ereignis war sicherlich die Vielfalt der Personen und Gruppen, die im Kampf um die Häuser ihre ureigensten Interessen vertraten und die Möglichkeit wahrnahmen, jenseits ideologischer Positionierungen im konkreten solidarischen Handeln zusammen zu finden. 2010 schrieb eine Bewohnerin der Hafenstraße: "Die Protagonist_innen des Kampfes um die Hafenstraße übernahmen für einen Wimpernschlag der Geschichte die »intellektuelle und moralische Führung« eines neuen »historischen Blocks«, der die Hegemonie des traditionell führenden Blocks der Bourgeoisie in der Zivilgesellschaft erfolgreich herausforderte. Wer in diese Ereignisse involviert war, bekam zumindest eine flüchtige Ahnung vom menschlichen Potenzial für Solidarität und Veränderung."   Ein Ereignis in der Geschichte der Kämpfe um ein freies und selbstbestimmtes Leben, das nicht vergessen werden sollte, oder wie Herbert Marcuse sagte: "Die Erinnerung an die Vergangenheit kann gefährliche Einsichten aufkommen lassen, und die etablierte Gesellschaft scheint die subversiven Inhalte des Gedächtnisses zu fürchten."  

 

http://hafenstrasse.jimdo.com/

"Wenn die strategischen Linien undeutlich werden und sich aufzulösen drohen, muss man auf das Wesentliche zurückkommen: was die Welt, wie sie ist, unakzeptierbar macht und es uns verbietet, die Sachzwänge resignierend hinzunehmen." Daniel Bensaid  

Sign up to vote on this title
UsefulNot useful