Auszüge aus dem Buch „Gender und Häuserkampf“ von amantine, Unrast Verlag, Münster 2011

1.) Interview mit vier Ex-Bewohnerinnen des Frauenhauses (1987 bis 1993) aus der Hafenstraße. Seiten 106-114. 2.) Zu dem Frauenhaus in der Hafenstraße in dem Unterkapitel Autonome FrauenLesben, Seiten 127-128. 3.) Zur Vergewaltigung 1984 in der Hafenstraße in dem Unterkapitel Debatten und Auseinandersetzungen um Sexismus/sexualisierte Gewalt und Patriarchat, Seiten 128-134. 4.) Kommentierung in der autonomen Zeitung Unzertrennlich (1987), Seite 134.
Anmerkung: Die schon. Nummerierung der Fußnoten stimmen nicht mit denen im Buch überein, die Seitenzahl

1.) Interview mit vier Ex-Bewohnerinnen des Frauenhauses (1987 bis 1993) aus der Hafenstraße, Hamburg-St. Pauli, im Juli 2010 in einer Kneipe am Hein-Köllisch-Platz. (Kursiv in Klammern sind Erläuterungen, alle Namen sind fiktiv.) Warum habt ihr euch entschieden, ein Frauen-Haus zu gründen? Rosa: Wir waren damals ein paar Frauen und wollten für uns Räume haben. Erst dachten wir, es reicht eine Wohnung. Aber die, die wir haben wollten, war dann schon vergeben. Schließlich fragten wir uns: „Wieso eigentlich eine Wohnung, warum nicht ein ganzes Haus?“ Dann haben wir geguckt, welches Haus in Frage kommen würde, und wo schon Frauen wohnten, spielte auch eine Rolle. Während der Wiederbesetzung im Sommer 1987 (Wiederbesetzung meint die erneute Besetzung von Wohnungen oder Gebäudeteilen in der Hafenstrasse, die zwischenzeitlich geräumt worden waren) sind wir dann da rein, gemischt; das hieß auch mit Männern. Wir haben dann aber festgestellt, dass wir vieles anders sahen, als die Männer und auch den Kampf für den Erhalt der Häuser anders gestalten wollten. Und während der Wiederbesetzung ist der Wunsch entstanden, das Frauenhaus zu gründen. Und dann sind die Männer ausgezogen. Sind die freiwillig gegangen? Rosa: Eigentlich schon, auch wenn sie ein bisschen geschluckt haben. Anna: Na ja – also ich war zum Beispiel damals auch dagegen, dass die Männer ausziehen sollten. Denn wir hatten uns ja auch schon diverse Verteidigungsstrategien überlegt. Und ich war in der damaligen Phase, in der prekären Situation dagegen, jetzt noch mal neu die Leute zusammen zu würfeln. Im Nachhinein muss ich aber sagen, dass ich Unrecht hatte und es dann doch genau richtig fand, das Frauenhaus in dem Moment auch zu gründen. Nachdem es sich installiert hatte und neue Frauen dazu gekommen waren, hatte sich auch meine Position verändert. Und ich habe auch gesehen, dass das Frauenhaus mobilisierend wirkte und da Kräfte entstanden sind, die, wenn man die

Besetzung verschoben hätte, so nicht existiert hätten. Ihr wart zu dem Zeitpunkt unzufrieden mit den gemischten Strukturen? Rosa: Ja, auch mit der Art und Weise der Auseinandersetzungen. Weil wir andere Vorstellungen hatten, wie wir uns verteidigen wollen und auch weil wir dann konkreter darüber reden wollten, wie wir das Frauenhaus mit Leben füllen können. Also mit welchem Ziel, warum jede Frau da steht, um das Haus zu verteidigen. Susi: Ich hatte das Gefühl, auf dem Gesamtplenum des Hafens (Synonym für alle Häuser des Gesamtkomplexes der Häuser in der Hafenstraße und Bernhard-Nocht-Straße) befinde ich auf einem völlig fremden Territorium. Für mich war das Frauenhaus auch ein Schutzraum und ich wollte mit Menschen zusammenwohnen, wo ich das Gefühl haben konnte, dass wir so die gleiche Sprache sprechen würden. Und das war unter uns Frauen schwierig genug, weil wir auch unsere unterschiedlichen Dinger am Laufen hatten. Aber das war noch okay für mich, also mit den anderen Frauen schlage ich mir gerne die Köpfe ein, aber was da bei dem Gemischten teilweise abgelaufen ist, das hat mich an Cowboy-Spielen erinnert. Das konnte ich nicht nachvollziehen. Henriette: Ich hatte in einem anderen Haus gewohnt und bin dann rübergezogen, als es an einem Punkt zu Diskussionen über die Verteidigung des Hauses kam und Aktionen vorgeschlagen worden sind, die ich nicht mehr mittragen konnte und wollte. Und zweitens, als Erich ins Bad kam, um über der Badewanne, in der ich nun gerade mal lag, Stacheldraht vor dem Fenster verlegen zu wollen – na ja, das war dann für mich so der Anlass, der Punkt, wo ich nicht mehr wollte und dann ins Frauenhaus gezogen bin. Da war dann Schluss. Rosa: Am Anfang waren wir sechs Frauen, und dann wurden wir mehr – wir waren wie eine Krake – am Ende ca. 20 Frauen. Anna: Frauen aus der autonomen Szene hatten sich auch deshalb so stark engagiert, weil es das Frauenhaus gab. Das war mir erst gar nicht so klar. Rosa: Und die Frauen aus anderen Städten, die kamen, um das Frauenhaus zu unterstützen. Das Frauenhaus wurde von allen anderen BewohnerInnen so klar akzeptiert ? Anna: Ja, aber einige fanden das komisch und dachten, ob das nicht eine Schwachstelle im Kampf sein könnte. Rosa: Es hat niemand nein gesagt, es wurde geduldet. Henriette: Also, einige Typen waren schon ziemlich entsetzt: Was, du ziehst jetzt auch noch ins Frauenhaus? Rosa: Es gab aber auch Frauen, die das mit dem Frauenhaus bescheuert fanden. Und eine Familie, die vorher da gewohnt hatte, fühlte sich bedroht, weil sie ja aus dem Frauenhaus ausziehen musste. Es wurden ihr andere Räume (Wohnungen) zur Verfügung gestellt.

Anna: Konnte das zum Teil auch nachvollziehen, weil, wenn du deine Wohnung verlierst, weil jetzt die Weiber da wohnen, da kannst du schon mal einen Hals kriegen. Henriette: Wir hatten aber auch eine extrem ungünstige strategische Position. Unser Haus war von mehreren Seiten zugänglich. [...] Ich kann mich noch erinnern, als Uwe bei uns die Tür schweißen wollte, und ich ihm dann das Schweißgerät aus der Hand nahm, um dann selber zu schweißen. Ich fand das eine Frechheit, das haben die Typen einfach immer so gemacht. Und im Treppenhaus haben doch Jonas und Ronni die Klappen bei uns gemacht, wisst ihr noch? Anna: Es gab Frauen, die das mitgemacht haben. Henriette: Zwei, die haben dann sogar noch drumherum sauber gemacht. Und die Unterstützung aus der autonomen FrauenLesbenszene ? Anna: Ja, manchmal war das ein eher irreführender Begriff „Frauenhaus“, weil es war ja kein Frauenhaus als Refugium für geschlagene Frauen, wobei das später auch öfter mal passiert ist, dass auf der Straße geschlagene Frauen erstmal bei uns gelandet sind. Susi: Es gab damals auch öfter Plenum in der Kneipe unten von den FrauenLesben-Strukturen aus Hamburg, was auch ein konkreter Ausdruck ihrer Unterstützung für das Frauenhaus war. Rosa: Die Kneipe hieß damals auch Ahoia und nicht Ahoi. Inwiefern gab es Diskussionen um Sexismus/patriarchale Strukturen im Hafen in jener Zeit ? Anna: Über einen unserer Anwälte wurde bekannt, dass er ein Mandat für einen Vergewaltiger übernommen hatte, der in der Psychiatrie einsaß, und dieser Anwalt setzte sich dafür ein, die dauerhafte Unterbringung gerichtlich aufheben zu lassen. Darüber gab es öffentlich wie intern die härtesten Diskussionen. Und die Frage direkt an den Anwalt, der sich bekanntermaßen gegen willkürliche Psychiatrisierung von Strafgefangen eingesetzt hat, warum er das eigentlich macht, wurde nie gestellt, bzw. die Antwort hat keine und keinen interessiert. Die Diskussion fand ich damals ja noch okay, aber es ging darum, ob man ihn schasst oder nicht. Also ich fand das so „Kopf-abmäßig“. Rosa: Es war nicht „Kopf-ab-mäßig“. Anna: Ich konnte eher etwas mit der Sicht anfangen: Wieso verteidigt unser Anwalt ausgerechnet so ein Arschloch, es gibt doch wirklich mehr als genug andere Leute, die eine Verteidigung nötig haben. Die Frage „Wie steht ihr zu eurem Anwalt?“ und „Wann schmeißt ihr den endlich raus?“ wurde einmal mehr zu einem der Knackpunkte der Solidarität mit der Hafenstraße. Und derlei „Glaubensfragen“ zum „einzig wahren Bekenntnis“ und zum „richtigen“ Verhaltenskodex wurden uns im Laufe der Jahre sicher mehr als einmal gestellt. Rosa: Bei mir, und das wollte ich damals nicht sagen, ist eine Vergewaltigungs-Geschichte mit 11 Jahren hochgekommen und das war bei anderen Frauen auch so. Zeitgleich – und das war bei mir klar – nee, so einen Anwalt will ich nicht. Das kam aus einer eigenen Betroffenheit und eigenen Verletzbarkeit und ich fand schlimm, dass ganze viele Leute das nicht geblickt haben. Für uns war das

hart, einige standen mit Tränen in den Augen da und eigentlich hätte man das sehen können, was hinter unserer Haltung, auch wenn wir es nicht direkt gesagt hatten, stand. Heute hätte ich wahrscheinlich den Mut darüber öffentlich zu reden. Dass ich selber betroffen bin und dass es mir deshalb persönlich so damit geht. Aber damals – nein. Einige wussten das natürlich. Und niemand hat gefragt, „mensch, was ist denn eigentlich bei dir los?“ Anna: Es war auch so eine Grundsatzdiskussion um die Frage, wer hat Recht auf eine Verteidigung? Der Anwalt hatte dann irgendwann, als er gefragt wurde, gesagt, „ich habe das Recht, selbst zu entscheiden, wen ich verteidige und wen nicht“. Und ich fand das eine Stärke im Hafen, auch im Zusammenhang mit dieser Diskussion, dass es das cleane, saubere, political correctness (p.c.)-mäßige so nicht gegeben hat. Susi: Das sehe ich ganz anders. Rosa: Es gab auch andere Geschichten, die nicht gut gelaufen sind. Da hätten wir vielleicht so etwas wie „Coaching“ gebraucht. Susi: Wir haben es nicht geschafft, unsere zum Teil großen Unterschiede so zusammen zu bekommen, dass wir ein Selbstverständnis entwickeln konnten. Wir haben da gewohnt und versucht, unsere täglichen Herausforderungen und akute Entscheidungen zu meistern. Das hat schon viel Energie gekostet. Grundsatzdiskussionen, überhaupt Diskussionen zu diesen Themen waren eher seltener. Rosa: Es war ein Schutzraum. Henriette: Die Zeit war ja extrem anstrengend und da ging’s in erster Linie auch um die Häuser und deshalb fielen manche Sachen hinten runter. Susi: Viel wurde unter den Teppich gekehrt, war nicht wirklich offen. Rosa: Es gab zwei, drei Flugblätter zu frauenspezifischen Themen, aber mehr auch nicht. Anna: Es gab einen permanenten Druck, der hat eine Menge Energie aufgebraucht, in der Phase 87/88, eigentlich bis zur Durchsuchung im Mai 1990, haben wir uns an vielen Sachen abgearbeitet, standen ständig unter Strom. Henriette: Der Vertrag, den wir 87 bekommen hatten, wurde ja bald wieder gekündigt. Und dann gab es ständig eine Unsicherheit, was die Zukunft der Häuser anbelangt. Erst 1993 hatten wir die Füße mehr auf dem Boden. Waren die Auseinandersetzungen innerhalb der Häuser hart? Susi: Ja, auf jeden Fall, das war zum Teil der Hammer. Anna: Mit Stühlen unterm Arsch wegtreten z. B., oder in anderen Momenten standen wir kurz vor einer Schlägerei.

Rosa: Oder es wurden Flaschen geschmissen. Gab es denn so etwas wie Fetischisierung von Militanz? Henriette: Ja total, das ist aus dem Ruder gelaufen. Es war ja klar, das wir nicht für Friede, Freude, Eierkuchen da waren – aber ein bisschen relaxter wäre schon besser gewesen. Und es gab die absurdesten Vorschläge, wie die Häuser zu verteidigen seien. Ich möchte jetzt nicht ins Detail gehen, aber puuh – das war schon zum Teil recht abgedreht. Da hat dann auch mal gefehlt zu sagen, „Stopp mal, wir lassen das jetzt sacken und überlegen noch mal…“ Und im Frauenhaus hatten wir schon mal die Zeit, darüber nachzudenken. Rosa: Oder zu hinterfragen. Weil manchmal ging das schnell, zu schnell bob, bob, bob, und das dann zu sortieren war schon wichtig. Anna: Wobei das nicht einfach war, z. B. wenn einzelne gesagt haben: „Ich habe Angst“. Und ich weiß, ich hatte damit auch Probleme, weil ich schon klar hatte, was wir ungefähr zu tun hatten. Und wir mussten, ich kann das auch gerade für mich sagen, lernen, damit umzugehen, wenn welche Angst hatten und darüber reden wollten. Und ich merkte dann auf einmal, „ja, Angst habe ich auch“, wenn ich daran denken musste, was ich denn mit meinen Kontaktlinsen tun solle, wenn die Bullen Tränengas ins Haus reinballern würden. Aber das war am Anfang nicht einfach. Und es war klar, das Ganze wird nicht lustig, witzig. Und ich lernte auch vieles, was mir sonst in diesem ganzen Pragmatismus oder Militarismus eher weggerutscht wäre. Ich habe davon auch profitiert, nicht nur mehr diesen Tunnelblick zu haben, so nach dem Motto „das muss jetzt sein, da müssen wir jetzt durch und fertig“. Im Ganzen ist da mehr an Besorgnis zugelassen worden als im großen Rahmen Hafenstraße. Susi: Die Zeit war extrem. Wir haben wahnsinnig viel weggesteckt. Meine Mutter fragte mich letztens, ob ich noch diese eine bestimmte Kette, die sie mir mal geschenkt hatte, besitze. „Nein“ sagte ich, ich hatte ja alles verschenkt, hatte nur noch ganz wenig, hatte eine kleine Umhänge-Tasche, mit ein paar Sachen drin. Für den Notfall – das war meine Identität. Mein Vater hat mich einmal besucht. Und in mein Haus kam man ja gar nicht rein. Man musste durch ein anderes Treppenhaus und dann in 20 Meter-Höhe über so eine Bretter-Bohle von einem Fenster ins andere Fenster, um ins andere Haus zu mir zu gelangen. Es gab ja überall Stockwerkbarris, da war kein Durch kommen mehr. Mein Vater war ja damals schon 58 Jahre alt und musste darüber klettern, der hatte Angst. Und wir haben das jeden Tag gemacht. Wir lebten in einen Krisengebiet. Jeden Tag Krise. Anna: Da gab´s ja damals viele Mütter und einige Väter, die ihre Kinder angefleht haben, da rauszukommen aus der Hafenstraße. (lacht) Uuui – und für die war das ganz peinlich. „O Gott – Mutti ist da“. Wie ging das dann weiter mit dem Frauenhaus ? Anna: Nach der Entscheidung, das Frauenhaus ins Leben zu rufen, konnten wir weitere Ideen nicht entwickeln, dazu kamen wir nicht mehr. Deswegen war irgendwann der Saft raus. Vielleicht waren wir fertig, hatten keine Kraft mehr. Viele sind dann zurück in ihre Beziehungen und haben eine Wohnung klargemacht und sind zusammengezogen. Das Leben wurde in kleineren Ein heiten organisiert. Denn der Wohnungskampf in einer permanenten Großküche hatte enorm viele Kräfte

verschlungen. Henriette: Ich habe da immer noch ein Trauma, denn die Küche funktionierte nicht, Leute haben sich bedient oder andere bunkerten Sachen weg usw. Was so Kollektive angeht, auch Arbeitskollektive, bin ich geschädigt, von dem wie es gelaufen ist. Wir waren viele und das war auch anstrengend. Und morgens durch drei Kilo Müll zu waten, um Zähne zu putzen, nee... Susi: Die permanente Verletzung des Intimbereichs, der Intimsphäre war schwierig. Und die konstruktiven Kräfte sind alle in diesen Verteidigungskonstellationen und -Situationen aufgebraucht worden. Wir hatten danach kein Potenzial mehr. Uns, als Frauen, fehlte die gemeinsame Perspektive. Anna: Es fehlte das Richtungsweisende und deshalb kam der Punkt für mich, zu gehen. Rosa: Der Druck war extrem, die Plena waren hart, anstrengend. Hinterher haben sich alle zurückgezogen, so hatte es sich entwickelt. 1993 hat sich das Frauenhaus dann aufgelöst. Anna: Wir hatten uns damals vorstellen können, alt zu werden. Wir machten dann Witze und stellten uns vor, wie das so wäre, z. B. Friede mit Zellulite – aber im Outfit immer noch top, so als alte Frauen (lacht), dachte ich manchmal. Susi: Das Frauenhaus hatte jede Menge Spaß gemacht, war super. Gab es Kinder im Frauenhaus ? Henriette: Es gab manchmal ein Kind, in der Zeit der Räumungsgefahr aber nicht. Anna: Es war kein Platz für Kinder. Die Kinder, die damals da wohnten, sind rausgegangen, außer einem Kind. Susi: Als eine schwangere Frau auf dem Plenum bat, bitte nicht zu rauchen, wurde ihr gesagt, „Bist du doof, mir das Rauchen verbieten zu wollen“. So ein bisschen war die Stimmung. Anna: Auf Plena wurde immer geraucht – ganz klar. Anna: Plötzlich ging der Babyboom los, viele entdeckten, dass es auch noch was anderes gibt, vielleicht auch ein Stück „Normalität“. Das war für einige so, nicht für alle klar. Rosa: Mein Kind ist 1992 geboren. Wir hatten zu dritt (als Frauen) überlegt in eine Wohnung zu ziehen, zusammen mit meinem Kind. Aber dann befanden wir uns schon in der Auflösungsphase des Frauenhauses und dieses Vorhaben scheiterte. Wie sieht die Aufarbeitung der Zeit in der Hafenstrasse aus ? Henriette: Das ist ja, was nach 1987 und 90/91 gefehlt hat – eine Aufarbeitung zu machen. Das habe ich einmal eingefordert und alle haben mich blöd angeguckt. Ja – „mach das doch erstmal vom Frauenhaus und so“...

Anna: Auf dem 25-Jahres-Fest haben das viele gesagt, wir waren total angespannt, verletzt, mit uns selbst beschäftigt, erschöpft. Jetzt habe ich ein relaxtes Leben. Aber die Nachwirkungen spüre ich immer noch. Damals haben wir das nicht hingekriegt, all das zu thematisieren, weil, wir saßen ja im eigenen Saft. Halte ich ohne Hilfe von außen für kaum leistbar, unmöglich, den Verletzungen den Raum zu geben, so unmittelbar danach. Henriette: Die Aufarbeitung wäre notwendig gewesen. Und jede/r denkt darüber nach. Ich war ja von Anfang dabei, also von 1981. Und bis 1990 ging es Knall auf Fall – wahnsinnig viel ist da passiert – das waren sehr intensive Jahre. Das erleben manche Leute ihr ganzes Leben lang nicht. Auch an illegalen Sachen, wo man nur mit bestimmten Leuten drüber reden kann. Bei der 25-Jahr-Feier wurden ein paar Sachen angesprochen. Die Zeit um 85/86 war ja zum Teil schon Terror mit den Räumungen der Wohnungen, der ständigen Drohung einer Gesamträumung usw. Das hat viel mit uns gemacht, und über diese Zeit einmal gemeinsam zu reden, wäre sehr gut. Wie wir z. B. Entscheidungen getroffen haben, wie es kam, dass plötzlich alle nur noch mit Overall und Maske rumrennen mussten usw.? Diese ständigen Nachtwachen, die heute noch irgendwie zehren. Das war heftig. Und viele Lappalien, die zu Dramen wurden. (lacht) Was würdet ihr heute anders machen ? Anna: Diese Ellbogenmentalität hat mich schon genervt, z. B. wenn es darum ging, wer welche Wohnungen bekommt; das war ungleich verteilt. Einige hatten fett Schotter, andere nicht. Und dann fragst du dich, „warum müssen die eigentlich dann in ihrer geilen Bude mit Elbblick wohnen, wenn sie auch woanders wohnen könnten und gleichzeitig wenig für die Gemeinschaft tun“, jetzt mal ein bisschen zugespitzt formuliert. Aber andererseits war es auch geil, das Leben so auszuprobieren, auch mal so daneben. Und solche Räume gibt es kaum noch. Das ist ein Platz für die Spinner dieser Welt, und das brauchte es auch. Haben sich die Auseinandersetzungen um Sexismus und die Existenz des Frauenhauses im Rückblick positiv auf die Szene oder die Häuser ausgewirkt? Anna: Es gab damals auch Männer, die eine Auseinandersetzung über sich selbst geführt haben, und auch andere Gesprächskulturen entwickelten. Na ja – und dann gab‘s die Männer, die gesagt haben, „alle Männer sind Schweine“. Die haben das Schwein in sich bekämpfen wollen und das in Selbstbezichtungen zelebriert; das war schon manchmal schwer zu ertragen oder führte unweigerlich zu einem Grinsen. Aber heute hat das zumindest dazu geführt, dass es nicht mehr so leicht ist, das „männliche Schwein“ so raushängen zulassen, ohne dass du riskierst, Konsequenzen tragen zu müssen. Diese Machoallüren gehen heute nicht mehr so einfach durch. Rosa: Vieles, was wir gemacht haben, hat sich daran orientiert, gegenzuhalten, dagegen zu sein. Da fehlte dann oft die Vision und Ausgestaltung, wofür wir eigentlich kämpfen, auch, was das Frauenhaus betrifft. Ich möchte die Zeit im Frauenhaus auf keinen Fall missen. Anna: Andererseits ist das schwer messbar. Aber in bestimmten Diskussionen hat sich das niederschlagen. Denn dieses ganz dumpfe, plumpe setzt sich nicht mehr so einfach durch. Das hat Spuren hinterlassen. Susi: Ich wohne jetzt im eigenen Haus, und entspanne mich, bin Heilpraktikerin und wohne mit

meiner Familie. Der Hafen war eine ganz entscheidende Lebensphase für mich und wir haben da viel gelernt und es hat viel gebracht. Anna: Jede von uns hat viel soziale Kompetenz gewonnen und durch andere, oft anstrengende, Diskussionskulturen gelernt. Das ist eine besondere Art von Reichtum. Wenn ich woanders bin, merke ich das. Darüber, dass es die Tante Hermine (Cafe im Hafen) nicht mehr gibt, könnte ich weinen.

2. Zu dem Frauenhaus in der Hafenstraße in dem Unterkapitel Autonome FrauenLesben. In diese Zeit der Hochphase der autonomen FrauenLesben-Bewegung und der Autonomem Szene1 fielen auch die Besetzungen des Frauenhaus Schloßbergring 9 in Freiburg 1985 und die Etablierung des Frauenhauses in der St.Pauli-Hafenstraße in Hamburg ab 1987. Die dort lebenden Frauen haben sich immer wieder mit Beiträgen und Anregungen in die Diskussion gebracht. Auch insbesondere in gemischten Zusammenhängen hinein wirkte ihre Kritik an patriarchalen Verhaltensmustern und Politikvorstellungen. Im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen an Pfingsten 1987 als Reaktion auf zuvor erfolgte Räumungen durch die Freiburger Stadtverwaltung, kritisieren die Frauen einen männlichen Militanz-Fetischismus und aufrechten Kämpfer-Mythos.2 Die Frauen aus der Hafenstraße formulierten die Notwendigkeit eigenständiger Organisierung und kritisierten die reaktionären Ebenen der Kleinfamilie in „gemischten Strukturen“ und die Vereinzelung. „Die Stärke des Widerstands ist die Stärke unserer Kollektivität“ [...] Widerstand mit Frauen, Kapital und Patriarchat abschaffen, schließt für uns auch den Zusammenhang der ganzen Bewegung mit ein. Deshalb wollen wir im Hafen leben, weil da diese Voraussetzungen gegeben sind, nämlich der Spiegel, den wir brauchen, um revolutionäre Prozesse machen zu können, statt in festgefahrenen Strukturen zu ersticken.“ Frauen aus der Hafenstraße: Kapital und Patriarchat abschaffen, in: Hamburger Frauenzeitung, Nr. 15, 1987, S. 20.3 Als Frauen aus dem Hafen kämpften sie für den Erhalt der Häuser, als St.Pauli-Frauen gegen die Missstände im Viertel – in der Gesamtheit wird der Kampf gegen den Staat als Kampf gegen das Patriarchat verstanden.4 3. Zur Vergewaltigung 1984 in der Hafenstraße in dem Unterkapitel Debatten und Auseinandersetzungen um Sexismus/sexualisierte Gewalt und Patriarchat Debatten und Auseinandersetzungen um Sexismus/sexualisierte Gewalt und Patriarchat Die Debatten um Sexismus in der autonomen Szene und besetzten Häusern ziehen sich durch die 80er und 90er Jahre bis zur heutigen Zeit. In den meisten Fällen fanden sie statt, nachdem es bereits zu Übergriffen gekommen war. Die folgenden Beispiele stellen die zum Teil sehr massive Gewalt und Reaktionen darauf dar und sollten besser in einem sicheren Umfeld und in einer Situation der emotionalen Stabilität gelesen werden, da die Gefahr von Triggern (Auslösern) gegeben ist. Hamburger Hafenstraße

Am 5. Juni 1984 quälen, erniedrigen, foltern und vergewaltigen drei BewohnerInnen der Hafenstraße, ein Mann und zwei Frauen, 12 Stunden lang von 4 Uhr morgens bis 16 Uhr nachmittags eine Frau in den Räumen eines teilweise besetzten Hauses in der Hafenstraße. Die Frau wurde nackt ausgezogen, geknebelt und an Ketten aufgehängt, ausgepeitscht, Zigaretten wurden auf ihrem Körper ausgedrückt, Sicherheitsnadeln durch Brustwarzen und Geschlechtsorgane gestochen usw.5 Dabei wurde ihr auch gedroht, sie zu zerstückeln und in die Elbe zu werfen. Außerdem musste sie noch einen Abschiedsbrief schreiben, dass sie erstmal zwei Wochen verreisen würde. Am Nachmittag konnte sich die gefangen genommene Frau trotz zahlreicher offener Wunden und Prellungen selbst befreien.6 Am Abend wurde eine Täterin, Birgit P., von den BewohnerInnen gestellt, verprügelt, am Kopf rasiert und auf dem Land ausgesetzt. Oli P. und Susanne S. wurden einen Tag später in Tostedt aufgespürt und in die Volxküche der Hafenstrasse gebracht. Am Abend des 6.6.1984 wurden die beiden TäterInnen in der Volxküche der Hafenstraße verhört und brutal zusammengeschlagen. Die Frau erlitt einen Schädelbruch und musste später ins Krankenhaus eingeliefert werden. Im Zuge eines am 7.6.1984 um 5.30 Uhr morgens stattfindenden Polizeieinsatzes konnten beide entkommen. Die BewohnerInnen der Hafenstraße und Bernhard-Nocht-Straße veröffentlichen kurz darauf eine Erklärung7 mit dem Titel „In letzter Zeit wurde viel über uns geschrieben und noch mehr gegen uns gehetzt“, in dem sie den Ablauf der Ereignisse schildern, begründen, warum sie mit staatlichen Behörden nicht zusammenarbeiten, die staatliche Hetze zurückweisen und zudem erklären, dass sie die drei TäterInnen über Stunden festhielten, verhörten und im Fall der Täterin auch geschlagen und ihr die Haare geschoren haben. Des Weiteren erklären sie: „Die Frage stand im Raum, daß die drei weiter machen würden, so seelisch kaputt wie sie sind. Klar ist aber auch, daß die Frage, sie umzubringen, für uns als Möglichkeit nie zur Diskussion stand. [...] Die Tatsache, daß in unseren Häusern einen Frau bis zur Unkenntlichkeit gefoltert worden ist, bestimmt weiter unsere Auseinandersetzung und verfolgt uns in all unseren Gedanken. Wir können und wollen das nicht verdrängen, genauso wenig wie die Frage: Was sollen wir mit solchen Leuten machen? Aber wir wissen auch, daß solche Vorfälle überall vorkommen können – in Neubauvierteln ebenso wie in irgendwelchen Villen. Diese Vorfälle sind kein Resultat des Milieus Hafenstrasse, sondern einer Gesellschaft, die Menschen und besonders Frauen in vielfältiger Weise zur Ware macht, die überall und alltäglich Gewalt gegen Menschen ausübt und vor den Ergebnissen dieser Politik die Augen verschließt oder sich in scheinheiliger Empörung gibt.“8 Die Ereignisse in der Hafenstrasse lösten heftige Diskussionen aus. Ein Gastkommentar in der tazHamburg des Redakteurs „hans-günter“ vom 9.6. nennt das Vorgehen der BewohnerInnen „Bestrafungsaktion“, „Selbstjustiz“, und argumentiert, dass diese „Aktionen letztlich auch die Sitten innerhalb einer Gruppe prägen und auch in unserer Kultur nicht akzeptabel sind.“ Einige Autonome und Leute aus der Stadtteilinitiative Karolinenviertel in Hamburg solidarisieren sich einige Tage später am 13.6. mit einer Erklärung 9: „Unsere Sache ist es also, eine verstärkte Auseinandersetzung unter uns darüber zu führen, wie wir mit solchen Leuten (wie den drei Folterern, anderen Vergewaltigern und Schlägern, besonders mit sadistischen Bullen, Spitzeln) umzugehen gedenken, wie wir uns Bestrafungsaktionen vorstellen, statt ihre Verknastung zu unterstützen.“

In der gleichen Ausgabe erscheint auch ein Kommentar des Redakteurs „th.j.“, in der er das Vorgehen als „mittelalterliches Auge um Auge, Zahn um Zahn“ und die Mittel „als nichts weiter als das dumpfe Rübe ab auf alternativ“ bezeichnet. Auch stellt er die Frage, was diese Selbstjustiz lösen würde? Auf das Schreiben der Autonomen aus dem Karoviertel erwidert er, dass die dort ihre „Allmachtsphantasien ausformulieren“ würden, „was letztlich das Einsteigen in eine Gewaltspirale bedeute, die der des bekämpfenden Staates nicht mehr sehr unähnlich sei. Nach wie vor gilt: Solidarität mit der Hafenstrasse.“ Noch am Tag des Erscheinens seines Kommentars waren in der Hamburger taz-Redaktion zwei Drohanrufe gegen th.j. eingegangen. Zwei Tage später setzt er in der überregionalen taz in einem Kommentar noch eins drauf: „an linken Biertischen [sei] die Selbstjustiz der Bewohner ganz im Sinne faschistoider Volkes-Stimme-Tradition alternativ hochgejubelt worden...“.10 Schließlich wird der Redakteur von einer Gruppe nachts vom Fahrrad gestoßen und mit Schlägen und Tritten traktiert. In einer fünfzeiligen Erklärung heißt es zu dem Überfall u.a.: „Wir haben heute dem folter/vergewaltigunsg-verteidiger, bullen-journalisten und taz-pornokönig th.j. einen kleinen denkzettel verpasst. falls er die warnung nicht ernst nimmt, muß er seine drecksarbeit das nächste mal vom krankenbett aus schreiben. solidarität mit der hafenstraße.“11 Die taz spricht von einem „alternativem Bullenkommando“, den „Fesseln der linken Moral, die unerträglich fest sitzen“ und davon „daß sie mit Angst und Schrecken bedingungslose Gefolgschaft hinter ihre Aktionismen erzwingen wollen.“ Die ak-Redaktion solidarisierte sich mit dem Redakteur mit der Bemerkung „dies sei die schlechte Fortsetzung der unseligen Tradition, gerade die linke Presse durch Faustrecht zu gängeln“.12 Die wesentlichen Fragen blieben: Wie konnte so etwas in einem sogenannten Freiraum, den besetzten Häusern in der Hafenstraße passieren? Welche Strukturen haben dies begünstigt? Wie wurde zusammengelebt? Was gab es für Auseinandersetzungen um Sexismus und dominantes Verhalten? Wie soll man in so einer Situation reagieren? In vielen Beiträgen, die auch an die LeserInnenseite der taz geschickt worden waren, mischt sich Kritik und Fassungslosigkeit auch mit Selbstkritik und Nachdenklichkeit: „Wenn wir in den Spiegel gucken würden und uns verzerrt die Bilder von Birgit, Susi und Olli entgegenstarren – dann wird es endlich klar. Alle drei sind ein Teil „unserer Bewegung“, was immer das auch heißen mag. Und weil sie es sind, bleibt die Frage offen – was ist das bloß für eine Bewegung? Ist unser Ziel bloß der Kampf, definieren wir in diesem Kampf unsere Gemeinsamkeit nicht fast ausschließlich über die gemeinsamen Feindbilder? Anstatt ein anderes Menschenbild in uns täglich durchzusetzen? [...] Oft geht es auf Plenen oder in Gruppen weniger um die Sache selbst, nämlich das Ziel einer herrschaftsfreien Gesellschaft, sondern eher um die eigene Aufwertung, bis hin zur Macht über andere. Olli, Susi und Birgit wollten auch Macht über eine andere Frau haben und sie hatten sie auch. Und einer, der am Boden Liegende weiter tritt unterscheidet sich nicht von Ihnen. [...] Die einzige Antwort, die ich von linken Männern zum Thema Gewalt gegen Frauen kenne, ist ihr Angebot, Vergewaltiger zusammenschlagen zu wollen. Bis heute taucht unter den Männern nicht die grundsätzliche Infragestellung ihrer „Männlichkeit“ auf, deren Opfer die Frau in der Hafenstraße wurde. Bis heute sehen nur wenige den Zusammenhang zwischen Männlichkeit, foltern und vergewaltigen. [...] Auch wir Frauen in der Bewegung scheinen ein Stück weit da hin zu kommen, wie

Männer Politik machen. [...] Heute gibt es eine ganze Reihe von Frauen, hinter deren Antlitz die Fratze des besseren Männerschweins steckt. Aber ich kenne auch eine ganze Reihe von Männern, hinter denen das Gesicht eines Ohnmächtigen sich verbirgt.“ (B. Such, 16.6.84) Und in einer Kritik an die Adresse der BewohnerInnen, die ja in ihrer Erklärung schrieben, dass „die Vorfälle kein Resultat des Milieus Hafenstrasse seien, sondern einer Gesellschaft, die Menschen, insbesondere Frauen in vielfältiger Weise zur Ware macht“ heißt es: „Das wird aber angesichts der Tatsache, daß hier eine Frau 12 Stunden lang gefoltert wurde [...], zur zynischen Verharmlosung. [...] Der hilflose Versuch, die Ursache der Tat in der kapitalistischen Funktion der Frau als Ware zu suchen, ist Versachlichung, ist die Suche nach Logik und Gesetzmäßigkeit, wo sich jegliche Vernunft bereits überholt hat. Ein solcher Exzess entzieht sich einfach den herkömmlichen linken Kategorien. So entzieht sich die Beteiligung von Frauen an einer Gewalttat solchen Ausmaßes an einer Frau der Kategorie der Männer- gewalt in der Frauenbewegung. Sämtliche funktionalistische Erklärungsmuster scheitern. In der Bestrafungsaktion, in der wiederum einer der beiden Täterinnen der Schädel eingeschlagen wurde, scheint sich die Fassungslosigkeit vor dem Niveau der eigenen Zusammenhänge ausgetobt zu haben. [...] Erstaunlich ist weiter, mit welcher Flottheit in der Erklärung auf Gewalttaten in „Neubauvierteln“ und „Villen“ übergangen wird: Es ist dies die Bankrotterklärung linker Identität und Politik. Damit wird kurz und bündig zugegeben, daß die linken Verhältnisse, in denen man lebt, genauso traurig sind, wie das normale Unglück überhaupt. […] Die Vermutung, daß der Grund dafür, warum dieser maßlose Exzess nicht im Neubauviertel, sondern im besetzten Haus stattfand, darin zu suchen ist, daß der Widerspruch zwischen den linken Ansprüchen und den sich immer barbarischer entwickelnden Umgangsformen und Lebensverhältnissen völlig unerträglich wird, mag man mir als bösartige Spekulation auslegen.“ (Christiane Becker, 19.6.84) „Olli ist ein Schwein. Er ist keiner von uns, war es nicht, nie gewesen. Das hat er gezeigt, als er vor ca. zwei Jahren mit der Kohle der Punx against Fascism (PAF) abgehauen ist. Daß er trotzdem in der Hafenstraße wohnen konnte, müssen die Typen aus den Häusern sich erklären. Daß Schweine in unseren Zusammenhän- gen auftauchen, sich reinsetzen, ist nicht neu und nicht ungewöhnlich. Außerdem sind die Häuser in der Hafenstraße vielleicht eine Art Wohngemeinschaft, aber eine politische Gemeinschaft sind sie sicher nicht. Dieses Schwein hat ein Verbrechen begangen. [...] Und deshalb hat er auf die Schnauze gekriegt und seine Kumpaninnen auch. Was ist dabei? Zu ihrem Verbrechen steht das in keinem Verhältnis. „Selbstjustiz“ – ihr Ärsche, ihr wollt mit euren verdrehten Hirnen nur verdrehen, was für jeden einfach denkenden und handelnden Menschen glasklar und natürlich ist. [...] Wer sich [...] vorstellen kann, daß es unter der zerstörerischen Gewalt des Schweinesystems schwierig ist – nicht nur in der Hafenstrasse – menschliche Lebenszusammenhänge zu schaffen, daß es da mitten drin Schweine geben kann und unsere Fehler grausame Folgen haben können- der wird sich nicht beirren lassen und begreifen, daß wir kein Verständnis für Schweine haben dürfen.“ (Einige empörte Bürger, 15.6.84) „Eine Tatsache ist jedenfalls, daß alle total fertig waren, sich gefragt haben, wie konnte so was bei uns passieren und was hat das mit unserem Verhältnis und unseren Umgangsformen untereinander zu tun. Daß keiner Spaß daran hatte, den dreien auf die Fresse zu hauen und daß bei allen ne ziemlich hohe Hemmschwelle war zuzuschlagen, obwohl das, was passiert war, noch ganz frisch war. [...] Klar, an dem was abgelaufen ist, werfen sich ne Menge Fragen auf, vor denen wir teilweise ziemlich

hilflos dastehen. Aber um Antworten zu finden, muß das, was abgelaufen ist, als Teil unserer Realität zur Kenntnis genommen werden und nicht weggedrückt.“ (p. alexa, 19.6.84) „Ich würde allerdings darauf bestehen, daß (sado-masochistische) Beziehungen geduldet werden. [...] Daß nun eine unbeteiligte Person zum Opfer sadistischer Praktiken wurde, hat wahrscheinlich weniger mit Sadismus als mit den Lebensbedingungen in der Hafenstraße zu tun. Es ist jedenfalls untypisch für Sadomasochisten, daß sie andere Menschen gegen deren Willen in ihre Praktiken einbeziehen. Vielleicht ist es hier ohnehin unangebracht von Sadismus zu sprechen. Es wird im Allgemeinen viel zu schnell mit Gewalttätigkeit schlechthin gleichgesetzt. Aber das ist jetzt ziemlich egal, wichtig ist mir nur, daß die Diskussion über die Hafenstrasse nicht dazu führt, daß sich die Begriffe verwischen und womöglich eine Hetzjagd auf Perverse eröffnet wird.“ (Hans-Arthur M., 21.6.84 ) [...] Wir finden die „selbstjustiz“ von den leuten aus der hafenstrasse richtig. […] Wir hätten solche auch gesucht, gezielt verhört, wir hätten unserem hass auch ausdruck verliehen. Wir würden auch mit allen uns zur verfügung stehenden mitteln versuchen, solche perspektivisch handlungsunfähig zu machen. Es ist kein zufall, daß der bulleneinsatz angemessene konsequenzen und ergebnisse verhindert hat. [...] Frauen werden auf der straße sexistisch angepöbelt, zusammengeschlagen, vergewaltigt und ermordet. – Alle fünf minuten wird in der BRD eine frau vergewaltigt. Dieser gesellschaftliche dreck wird auch immer offener von der linken übernommen und verinnerlicht. Gewalt gegen frauen wird in unserer szene genauso privatisiert wie überall sonst. Vor ca. zwei Jahren wurde bei der „großen freiheit“- fete eine frau auf der toilette vergewaltigt. Keiner der linken, die das konkret mitbekommen hatten, haben eingegriffen und sich auch hinterher dazu nicht verhalten. Dieser dreck drückt sich bei uns auch auf subtilere weise aus. Längst schon sind frauenfeindliche verhaltensweisen und die reproduktion der HERRschaft kein thema mehr in linken politischen zusammenhängen. Deswegen sehen wir die folterung in der hafenstrasse als extremen ausdruck der zunehmenden brutalen frauenverachtung und privatisierung auch in der linken. (Frauen gegen Imperialismus und Patriarchat, 21.6.84) „Das Strafkommando hat dann in seiner Erklärung nicht etwa von hilfloser Wut gesprochen, sondern von revolutionärer „Tat“. Revolutionäre Taten unterscheiden sich aber nicht nur in Methoden, Zwecken und Zielen, sondern tragen den Keim der neuen Gesellschaft in sich. [...] Der Keim der neuen Gesellschaft ist zutiefst sozialistisch, und in ihm hat Folter nicht zu suchen. Weder psychologische noch direkt gewaltformige.“ (Ilse Schwipper, 25.6.84) „In Ihrer Situation konnten sie nicht anders handeln. Sie konnten das Problem nicht weiterleiten, sie konnten die Tat nicht so stehen lassen, und sie konnten die gesellschaftlichen Bedingungen, die so eine Tat hervorbringen, nicht so auf die Schnelle ändern. [...] Zu diskutieren wäre allenfalls die Härte, mit der sie vorgingen, aber nicht die Tendenz.“ (Dr. Fu Man Chu, 9.7.84) In diesen Beiträgen spiegeln sich die wesentlichen Linien und Positionierungen der Diskussionen und Auseinandersetzungen wieder. Umso erstaunlicher eigentlich, dass es bis heute keine weitere Auswertung, (Selbst)Reflektion, Einschätzung der BewohnerInnen oder eines Teils der BewohnerInnen der Hafenstraße in veröffentlichter Form gegeben hat.13 4. Kommentierung in der autonomen Zeitung Unzertrennlich (1987):

In der autonomen Zeitschrift Unzertrennlich kommt es über mehrere Ausgaben hinweg von 1986 bis 1988 zu Auseinandersetzungen um Vergewaltigung, Sexismus und den Umgang damit. In einem Beitrag „Freiräume oder Alpträume-Frauenalltag in der autonomem Szene“ werden die Vorfälle und der Stand der Debatten skizziert: „Vergewaltigungen in Hamburg und in der Hafenstrasse, in der Bielefelder Scene, in Berlin während der Unruhen am 1. Mai 87, in Essen, in Duisburg, in Hanau Vergewaltigungsversuch im besetzten Haus (....) In letzter Zeit vermehren sich die Informationen und Diskussionen. Vergewaltigung in der Scene wird langsam (endlich?) zum Thema, Auseinandersetzungen darüber in FrauenMännergruppen, aber auch in gemischten Zusammenhängen häufen sich. Klar ist, daß die Gefahr, vergewaltigt zu werden, zum Alltag von Frauen gehört. Wir haben, mehr oder weniger stark, Ängste, allein abends irgendwo rumzulaufen, nehmen unser „Deo“ (Gas-Spray) mit, sind unsicher, angespannt, wachsam und trainieren Selbstverteidigung.“ 14

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