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Neue Z}rcer Zeitung FEUILLETON Mittwoch, 10.01.2001 Nr.

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Lust, Liebe, Christentum


Zwei historische Studien
Das Christentum ist eine lustfeindliche Reli- Eheherren belegen überdies, dass sie die ihnen
gion. Das wird heutzutage – im Zeitalter der un- Angetrauten für vertrauenswürdig genug hielten,
endlichen Vorlust – gerne behauptet. Dass das ihnen die Vollstreckung ihres letzten Willens zu
nicht mehr als ein wissenschaftlich längst überhol- überlassen und sie zu Erbinnen und Verwalterin-
tes Vorurteil ist, behaupten nun moderne Histori- nen des gesamten Vermögens zu bestimmen.
ker und Theologen. Und sie belegen das überzeu- Im Spätmittelalter wurde es zudem üblich, der
gend mit Hinweisen auf alte Quellen. Zwei neue Witwe, die ehedem selbst als besonders schutz-
Bücher, das eine von einer anerkannten Histori- bedürftig gegolten hatte, nicht mehr einen Vor-
kerin, das andere von einem Journalisten, erzäh- mund für die noch unmündigen Kinder zu bestel-
len die weithin unbekannte Geschichte eines kör- len, sondern ihr selbst die Vormundschaft zu
perbetonten, lustfreundlichen und sogar eroti- übertragen. Die Schutzbefohlene wurde jetzt als
schen Christentums. so mächtig empfunden, dass sie sich selbst und
Die in Montpellier tätige Amerikanerin Leah ihre Kinder beschützen konnte. Dieser Überblick
Otis-Cour räumt mit den Stereotypen auf, dass über die neuere Forschung zur Geschichte des
von Liebesheiraten erst seit dem 18. Jahrhundert Paares im Mittelalter ist ein gelungener Beitrag
gesprochen werden könne, dass Frauen in der zur Frauen- und Geschlechtergeschichte, der die
männerdominierten Gesellschaft des Mittelalters Ergebnisse zahlreicher Einzelstudien einem brei-
nahezu völlig rechtlos und der Gewalt des Ehe- ten Publikum zu vermitteln versteht.
herrn unterworfen gewesen seien und dass die Eine ganz andere Idee verfolgt Johannes Thiele
lustfeindliche Kirche Sexualität ausschliesslich in mit seiner Monographie «Verflucht sinnlich». Er
den Dienst der Fortpflanzung gestellt habe. Tat- will die «erogenen Zonen der Religion» – wie es
sächlich gab es seit der juristischen Durchsetzung im Untertitel heisst – ausleuchten. Seine These
der Konsensehe im 12. Jahrhundert in ganz lautet, die sexuelle Energie des Menschen sei von
Europa Liebesehen, die auch gegen den Willen solcher Art, dass selbst die heftigsten asketischen
der beiden Familien von den Brautleuten ge- Anstrengungen im Christentum es nicht zustande
schlossen wurden. Damit haben die Theologen gebracht hätten, sie zu unterdrücken. Schon der
und Juristen der christlichen Kirche das Selbst- Hinweis auf die Väter des Mönchtums erlaube es,
bestimmungsrecht der beteiligten Individuen diese These zu verifizieren: Selbst wenn es den
gegen die Arrangements und Interessen der Fami- Asketen gelang, die realen Frauen aus ihrem
lien gestärkt. Leben zu verbannen, dann kehrten sie doch in
Insbesondere die Frauen haben davon profi- ihren Träumen bei ihnen ein. Das Ergebnis aller
tiert, mussten sie sich jetzt schliesslich nicht mehr Verteufelung und Unterdrückung des Geschlecht-
selbst verstümmeln, wenn sie in eine vorgesehene lichen sei allenfalls die Sublimierung des Triebes
Heirat auf keinen Fall einwilligen wollten. Das gewesen, eine latente Erotik, welche die frömms-
Recht auf die selbständige Verwaltung eigenen ten Äusserungen des Christentums durchziehe.
Eigentums und auf Verfügungsgewalt über den Beispielsweise nähre die Marienverehrung den
Besitz des Ehemannes im Falle von dessen Abwe- Sexualtrieb auf höchstem Niveau. Gebrochen
senheit sowie das Recht, einigermassen selbstän- habe das Christentum mit dieser untergründig-
dig Geschäfte zu tätigen, bestanden zumindest in erotischen Tradition erst in der Reformationszeit.
der alltäglichen Praxis. Luther und Calvin hätten lustvolle Sexualität als
Entsprechende Quellen vermitteln sogar den viehisch angesehen und in der Ehe gebannt.
Eindruck, dass das mittelalterliche Paar ein Natürlich ist es richtig, dass weder von dem
«häusliches Team» war. Wegen der engen Ver- Wittenberger noch von dem Genfer Reformator
bindung von Haus und Geschäft, Privatsphäre Liebeslieder erhalten sind, in denen das Gefühl
und Öffentlichkeit waren die Geschlechterrollen für den Nächsten und das für Gott verschwim-
im späten Mittelalter nicht in einer der Gegenwart men. Trotzdem ist das Thema Sexualität bei den
vergleichbaren Weise verteilt: «Haushalt» und Reformatoren unter historischen Gesichtspunkten
«Betrieb» waren kaum voneinander geschieden; nicht angemessen dargestellt. Schliesslich haben
Burgherrinnen vertraten sogar ihre Männer, wenn gerade sie Sexualität als menschliches Grund-
diese auf Kreuzzügen waren. Testamente der bedürfnis anerkannt. Aber so genau lässt Thiele

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sich auf den Protestantismus gar nicht ein. Seine einem grundlegenden Irrtum des modernen Zeit-
Wahrnehmung des Phänomens ist dadurch be- geists, wenn er den paradiesischen Endzustand
stimmt, dass er den Protestantismus als Religion sexueller Unschuld für die Gegenwart reklamiert.
der Rationalität sieht: Und Rationalität sei Er behauptet: Alles von Gott Geschaffene ist gut;
schlecht, weil sie die Sinnlichkeit zerstöre. So wie «die Natur» gut ist, so ist auch «die Sexuali-
variiert er das alte Grundthema von Geist und tät» gut. Wir leben aber nicht in der Endzeit, son-
Fleisch. Der römische Katholizismus habe in- dern erleben den Kampf der Geschlechter um
zwischen leider auch mit seiner erotischeren Tra- Abwasch und Liebe, den Frust mit der Lust in so-
dition gebrochen: Das Zweite Vatikanum habe genannten Beziehungskisten und anderswo. Jegli-
die protestantische «Verkopfung» und «Entsinn- che Reflexion auf die Last mit der Lust fehlt in
lichung» nachgeholt. Auch darüber wird man dieser Monographie. Aber immerhin, ein Hinweis
streiten können. darauf, dass auch concupiscentia eine gute Gabe
Thiele hält ein Plädoyer für eine Religion des Gottes sein kann, dürfte in der Gegenwart nicht
lustvollen Glücks, eine Religion, in der Körper schaden.
und Geist versöhnt sind, in der im Geschlecht- Angelika Dörfler-Dierken
lichen die Nähe Gottes erfahren wird. So macht Leah Otis-Cour: Lust und Liebe. Geschichte der Paarbezie-
er einerseits aufmerksam auf die erosfreundlichen hungen im Mittelalter. Aus dem Französischen von Elisabeth
Vorspohl. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main
Traditionen, welche das christliche Moralsystem 2000. 231 S., Fr. 18.–.
und die individuelle Frömmigkeit subversiv Johannes Thiele: Verflucht sinnlich. Die erogenen Zonen der
durchziehen. Erotik kann nur entstehen – so be- Religion. List-Verlag, München 2000. 407 S., mit zahlr. Abb. Fr.
41.–.
obachtet er –, wenn Geist und Natur in einem
spannungsvollen Verhältnis zueinander stehen.
Das ist sicher richtig. Andererseits erliegt Thiele

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