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20.

März 2020

Liebe Studierende,

heute möchte ich Euch (ausnahmsweise!) statt einer Präsentation einen Vorlesungsskript zukommen
lassen.

Ihr habt bereits erste Erfahrungen in der Übersetzung gesammelt, Ihr habt gesehen, dass diese
Tätigkeit Spaß, aber auch unerwartete Mühe bringen kann. Wie wir Texte übersetzen, ist zum
großen Teil mit dem Texttyp verbunden: in einem informativen Texttyp müsste man auf alle
wichtigen Informationen aufpassen und möglichst nichts auslassen; in einem expressiven Text sollte
man vor allem die richtigen Intonationen treffen und ähnliche Gefühle bei den Lesern der
Übersetzung hervorrufen; in einem operativen Text ist es wichtig, dass die Zieltext-Empfänger in
die vom Textverfasser gemeinte Richtung denken.

Sehr viel in der Übersetzung hängt vom Sprachenpaar ab: AUS welcher Sprache (und Kultur) man
übersetzt - und IN welche Sprache (und Kultur) man übersetzt.

In den 50-er Jahren des 20. Jahrhunderts haben zwei Vertreter der französischen translatologischen
Schule Stylistique compare (порівняльна стилістика) versucht, die möglichen Wege der
Übersetzung aus dem Französischen ins Englische und umgekehrt zu klassifizieren und
Ausdrucksmittel, die in beiden Sprachen in denselben kommunikativen Situationen gebraucht
werden, zu vergleichen. Die Namen dieser Übersetzungswissenschaftler waren Jean-Paul Vinay und
Jean Darbelnet. Gerade ihnen gehört die Bezeichnung von zwei Wegen der
Übersetzungsrealisierung. Sie unterschieden zwischen einer direkten und einer indirekten
Übersetzung. Ein anderer Wissenschaftler, der deutsche Übersetzungswissenschaftler Wolfram
Wills nannte diese zwei Wege wörtliche und nichtwörtliche Übersetzung.

In Euren Übersetzungsversuchen habt Ihr bereits bemerkt, dass wir manche Stellen im Text
problemlos und schnell übersetzen und dass gerade solche Stellen, wenn sie von verschiedenen
Menschen übersetzt werden, sich nicht sonderlich voneinander unterscheiden. Meistens sind es
einzelne Wendungen (wie „bereits erworbene Karten“, „wir bitten Sie“, „bis zum 19.April“ und
einige andere)

Das Verfahren, wenn wir lexikalische oder/und syntaktische Strukturen der Ausgangssprache durch
identische Strukturen der Zielsprache ersetzen, wird wörtliche oder, anders, wortgetreue
Übersetzung genannt. Solche Übersetzung ist dann möglich, wenn beide Arbeitssprachen der
Übersetzung identische Strukturen haben («вже придбані квитки», «ми просимо Вас», «до 19
квітня» та ін.)

Das wird Ersetzung oder Substitution genannt, wenn es mehrere solche Stellen in einem Text gibt,
bewegt sich eine Übersetzung schneller, aber es gibt – leider oder zum Glück – sehr wenige
identische Strukturen in Sprachenpaaren.

Eine ganz strenge Substitution ist selten, viel öfter gibt es Fälle einer direkten Übersetzung mit
Abweichung der Wort-für-Wort-Übersetzung. Die Wortfolge oder die Satzgliedfolge, also
Komponentenfolge wird geändert. Dieses Verfahren wird Permutation, d.h. Umstellung genannt.

Nehmen wir als Beispiel den Satz aus der Hausaufgabe:

Über unser Ticketportal bereits erworbene Karten werden automatisch auf das angegebene Konto
zurückerstattet.

Квитки, придбані через наш портал, будуть автоматично повернені на вказаний особистий
рахунок.

Über Übersetzung der Passivkonstruktionen werden wir nächstes Mal sprechen, und in diesem
Beispiel können wir heute sofort die Wortfolgeänderungen bemerken. Wie denkt Ihr, warum
passiert das oder, sogar, warum das passieren muss? Ja, weil es keine identischen
Sprachstrukturen gibt und weil die meisten Übersetzungsfehler gerade aus dem Missverstehen von
dieser Tatsache resultieren.

An diesem Beispiel kann man gut sehen, was eine direkte Übersetzung (прямий переклад)
bedeutet: die Textoberfläche des Ausgangssprachetextes wird linear oder, anders,
komponentenweise in die Zielsprache übertragen.

Eine weitere direkte Übersetzungstechnik ist Direktentlehnung (= пряме запозичення). Bei der
Direktentlehnung wird ein Ausgangssprachelement graphisch oder phonetisch unverändert oder
minimal verändert in die Zielsprache übernommen.

Damit Ihr versteht, wie der Unterschied zwischen „graphisch“ und „phonetisch“ ist, kann ich Euch
das englische übliche Wort „party“ nennen. Ukrainisch gibt es drei Möglichkeiten für dieses Wort:

die erste, graphische, die in den 90-er Jahren dominierte: парті


die zweite, phonetische, die heute üblicher ist: паті

die dritte ist dann die eigentliche Übersetzung, das heißt – Finden einer ukrainischen Entsprechung
für das Wort: вечірка.

(Eine Miniaufgabe wird einige Synonyme zum Wort zu nennen und hier oben einzufügen).

Mit der Direktentlehnung werden zwei Übersetzungstechniken – Transkription und


Transliteration in Zusammenhang gebracht. Sie werden bei den Entlehnungen gebraucht (datscha,
spaghetti, samowar, паста, омбудсмен u.a.), aber vor allem – bei der Übersetzung der Eigennamen.

Thomas Mann

Max Frisch

Heinrich Heine

bleiben auch auf Ukrainisch Томас Манн, Макс Фриш und--- ja, wie werden wir denn den großen
deutschen Dichter Heine auf Ukrainisch nennen? Wie wir sehen können, gibt uns ein solcher Name
zwei Möglichkeiten:

den Namen graphembezogen zu schreiben, d.h. transliterieren (Litera, Literatur kommt vom
Buchstaben): ei = е / ей – Генріх Гейне

So wurde der Name auch jahrzehntelang genannt, in Anlehnung auf die dominierende
russischsprachige Tradition.

Нeute werden die Namen aber immer öfter lautbezogen umschrieben, d.h. möglichst ähnlich an ihre
Aussprache, dieses Verfahren nennt man Transkription. In einem solchen Fall ist das deutsche ei =
ай auf Ukrainisch – Гайнріх Гайне.

Die Namen der Institutionen werden transkribiert, wie würden wir also „das Literarische
Colloquium“ im Ukrainischen nennen?

Transkriptionen sind leichter in den Sprachen mit ähnlichen graphischen Systemen, aber im Fall des
Sprachenpaars Deutsch-Ukrainisch haben wir zwei Sprachen mit unterschiedlichen Schriftsystemen
– Lateinisch und Kyrillisch.

Der Name „Шашкевич“ wird im Deutschen transkribiert ein viel längerer Name als im Original
sein. Probieren Sie selbst.
In wissenschaftlichen Texten werden solche Namen wissenschaftlich oder philologisch transliteriert,
wo den Buchstaben ш, ж und ч spezielle von Wissenschaftlern unifiziert verstandene Zeichen (die
übrigens dem Tschechischen entnommen sind) verwendet, u. z.: Šš für Шш, Čč für Чч, Žž für Жж.
und dann haben wir statt dem Namen Schaschkewytsch einen der Graphik, d.h. dem Schriftbild
ähnlicheren Namen: Šaškevyč . (Wie Ihr sehen könnt, wird auch „в“ anders transkribiert, das alles
kann man im Internet unter „philologische Umschrift oder philologische Transkription finden).

Auch unsere Stadt wird auf Deutsch Lwiw, aber auch Lviv (international übliche Transkription)
oder sogar Lemberg genannt. Lemberg steht für einen „eingebürgerten“ Eigennamen, ein Name
wird sprachlich verändert, was sehr oft auf eine kulturelle Geschichte, die dahinter steckt verweist.
So wird die polnische Stadt Malbork auf Deutsch oft Marienburg genannt, so hieß die
mittelalterliche Residenz des Deutschen Ritterordens.

Neben der kulturellen Erschließung von Namen gehört die Orientierung auf die an die Namen
gebundenen Konnotationen zu den wichtigen Aufgaben eines Übersetzers. Als Beispiel kann der
Name „Auschwitz“ gelten. Obwohl der Name heute der polnischen Stadt Oswięcym gehört, wird es
ziemlich streng unterschieden, wenn man den düsteren Namen Auschwitz verwendet, der mit
Vernichtungslagern aus der Zeit des Dritten Reichs und des Zweiten Weltkriegt verbunden ist, und
dem heutigen polnischen durchaus friedlichen Namen.

Solche Beispiele kann man vermehren. Die zweite Mini-Aufgabe ist, ein paar Beispiele von
geographischen Namen mit unterschiedlichen Konnotationen zu finden.

Die Aufgaben nenne ich „mini“, weil ich zu dieser Vorlesung noch eine Maxi-Aufgabe in einer
Extradatei vorbereitet habe, die Ihr bitte die nächste Woche, spätestens um diese Zeit an mich erfüllt
abzuschicken habt.

Ja, und die letzte selbständige Aufgabe zu diesem Thema ist es, noch ein direktes bzw. wärtliches
Übersetzundsverfahren zu lernen: Lehnübersetzung oder (Französisch) calque. Das findet Ihr leicht
(wie ich hoffe) im Internet.