Sie sind auf Seite 1von 6

NiN 1608

Michael Vetter
(1943 – 2013)

Figurationen III

Spielpartitur
NiN 1608 © 2014 by Moeck Musikinstrumente + Verlag e. K. · Celle, Germany Seite 2

1. Zum Komponisten 4. Die vier Weisen der Realisation

REDUZIERTE DEMOANSICHT
Man vergleiche die Einführung zu Vetter: Rezitative für einen Blockflötisten a) Die dominierende Komponente ist die oben links beginnende und unten
(Edition Moeck Nr. 1609). rechts endende Stufenlinie, die einen melodischen Verlauf beschreibt. Als sub-
ordinierte Komponenten gelten die vier Geraden, die vier Kurven, die Punkte
und Kreise sowie die in der Mitte links beginnende Stufenlinie. Die vier Geraden
2. Zum Titel des Werkes ordnen das melodische Vorgehen in fünf Höhenbereiche oder Höhen„register“
ein; zugleich haben sie zuordnende Funktion, indem nur die Kurve bzw. nur die
Man denkt bei dem Wort Figurationen leicht an den Begriff des Figurativen in Punkte und Kreise mit der Stufenlinie in Verbindung zu bringen sind, die sich
der Musik und damit an das musikalische Detail; genau das ist in diesem Fall mit ihr im selben Höhenbereich befinden. Der jeweilig zuzuordnende
nicht gemeint. Vielmehr soll der Begriff der „Figur“ den Ausgangspunkt der Kurvenabschnitt hat vibrato-dynamische Bedeutung: das Vibrato kann entwe-
Deutung des Wortes und der Komposition „Figurationen“ bilden: Als Figur ist der in seiner Einzelbewegung derjenigen der Kurve folgen, es kann sich aber
dabei etwas in sich Geschlossenes, Einheitliches verstanden – in die geläufige auch frei bewegen und sich nur in seiner gesamtdynamischen Entwicklung nach
Ausdrucksweise des musikalischen Sprachgebrauchs übersetzt: ein „Satz“, der ihr richten. Beide Deutungen können nebeneinander angewendet werden. Die
die Autarkie eines musikalischen und den Lakonismus eines grammatischen jeweilig zuzuordnenden Punkte haben strukturierende Funktion; mögliche
Gebildes dieses Namens besitzt. Die Figuren des Werkes werden zu Deutungen sind z. B. Flatterzunge, dynamischer Höhe- oder Tiefpunkt, Luft-
Figurationen, indem sie in mannigfaltiger Weise zueinander in Beziehung treten mischung in den Ton etc.. Solche Strukturierung ist flächig zu verstehen, der
und einander bedingen. Figurationen III ist eine musikalische Graphik, die in Punkt ist also Höhepunkt der Strukturentwicklung, wobei der Höhepunkt in
vier zu Sätzen konzentrierten Durchgängen jedesmal neu interpretiert wird, der Mitte, aber auch am Anfang oder Ende der Strukturentwicklung liegen
wobei die graphische Ordnung des Ineinanders der musikalischen Ordnung des kann. Lage und Größe der Punkte bestimmen über die Intensität der
Nacheinanders zu entsprechen hat, so dass die vier „Sätze“, wie sie graphisch Strukturierung. Punkt und Kreis sind gegensätzlich zu deuten. Das bedeutet,
eine Einheit bilden, sich musikalisch auseinander ergeben und einander entspre- dass in der Art der Struktur (im Gegensatz zur Deutung der Kurven) innerhalb
chen. einer Interpretation bzw. innerhalb der „Figur“ nicht gewechselt werden darf,
so dass durch das Prinzip des Gegensatzes Strukturpaare die Gestaltungs-
grundlage des Einzeltones bilden. Die in der Mitte beginnende Stufenlinie
3. Zur Widmung des Werkes bestimmt über die jeweilige Lautstärke, dies aber nur für den Gesamtwert des
Tones, insofern die Bewegtheit des jeweilig zuzuordnenden Abschnittes der
Die Komposition Figurationen III ist mit jedem beliebigen Instrument zu reali- Stufenlinie, nicht ihre Bewegung, zur Deutung heranzuziehen ist.
sieren. Die Einführung in ihre Interpretation ist entsprechend allgemein gehal-
ten. Bei der Uraufführung diente eine Großbassblockflöte als instrumentales b) Die Punkte bzw. Kreise bilden die dominierende Komponente. Wieder sind
Medium, und Felizitas Kruse, der das Stück als Examensgratulation gewidmet die beiden Elemente aus dem Prinzip der Gegensätzlichkeit her zu deuten,
ist, ist Blockflötistin. Deshalb sind zu den allgemeinen Erklärungen jeweils spe- indem z. B. Geräusche und Töne gegeneinandergestellt werden (als Geräusche
ziell auf die Blockflöte gemünzte in Klammern hinzugefügt, die einerseits die z. B. das Schlagen der Griffklappen, bei einem Streichinstrument klingende und
Widmung wahrmachen, andererseits alles zu Abstrakte gleich konkretisieren stumpfe – gekratzte – Töne). Die zeitliche Entwicklung richtet sich nicht wie in
und anwendbar machen möchten. a) und auch c) streng nach den Horizontalproportionen, sondern sie nimmt
diese „perspektivisch“ nach dem Modell einer Fluchtlinie, also nach sehr lang-

Vervielfältigungen jeglicher Art sind gesetzlich verboten · Any unauthorized reproduction is prohibited by law · All rights reserved
NiN 1608 © 2014 by Moeck Musikinstrumente + Verlag e. K. · Celle, Germany Seite 3

samem Anfang – in einem immer steileren, auch dynamischen Crescendo. Die Ablaufes ergeben sich durch die Möglichkeit, an den Kreuzpunkten beider
vier Geraden bestimmen das jeweilige Register (d.h. z.B. die verschiedenen

REDUZIERTE DEMOANSICHT
Linien ihre Funktionen zu vertauschen, so oft es in die musikalische Konzeption
Klappen oder Anschlagstellen, bei den Tönen die Tonhöhe). Während die der jeweiligen Interpretation hineinpasst. Weitere Differenzierungsmöglich-
gesamtdynamische Linie durch das Modell der Fluchtlinie bereits bestimmt ist, keiten des melodischen Verlaufes ergeben sich, wenn die Bewegtheit der jeweils
bestimmt der jeweils im gleichen Registerbereich liegende Kurvenabschnitt die korrespondierenden Linie auf die dominierende in Gestalt entsprechend kleine-
Dynamik im Detail. Die beiden Stufenlinien ordnen das Punkt- bzw. rer, aber in gleicher Weise geordneter Tonschritte „abfärbt“.
Kreismaterial in vier verschiedene Strukturbereiche: 1. der über der oberen, 2.
der unter der unteren Stufenlinie, 3. der zwischen beiden liegende Bereich. Der d) Dominierend sind die Geraden und die Kurven. Sie sind – einander zugeord-
4. entsteht durch Überschneidung, d.h. Umkehrung von oberer und unterer net – zeilenweise nacheinander zu spielen. Während der Ton der Geraden in
Stufenlinie – 4 soll entsprechend auch musikalisch die Umkehrung von 3 bilden, allen vier Abschnitten der gleiche bleibt, ändert sich der ihm zugeordnete Ton
aber auch 1 von 2. An den Stellen, an denen die obere und untere Stufenlinie entsprechend den Kurvenbewegungen. Bei Bläsern – vor allem der Blockflöte,
einander umkehren, sollen auch musikalisch 1 und 2 einander vertauschen, so aber auch der Posaune – ist der konstante Ton der tiefste Instrumentalton, der
dass hier die sonst nur im oberen Bereich erscheinende Strukturierung nun im variable Ton ein hinzutretender gesungener Ton; auf jeden Fall müssen sich
unteren vorkommt und umgekehrt. Als Strukturierung gelten z. B. Ansatz- beide zusammenklingende Töne in der Klangfarbe variabel voneinander unter-
veränderungen, Artikulationsdifferenzierung, sowie Flatterzunge und Vibrati, scheiden, was z. B. beim Streichinstrument durch Differenzierung des Bogen-
soweit sie im Konzentrat eines Impulses (alle Punkte und Kreise sind als druckes zu erreichen ist.
Impulse zu deuten) deutlich zu machen sind.
Die jeweils zugeordneten Punkte (d.h. die, welche mit der Kurve zusammen in
c) Die dominierende Komponente ist die in der Mitte links beginnende einem Bereich stehen) sind wie in a) zu deuten; für die Blockflöte und entspre-
Stufenlinie, die wie die obere Stufenlinie in a) zu deuten ist. Die wesentlich stär- chende Instrumente mit „Ringmodulatoreffekt“ im Sinne einer Konzentration
kere Bewegtheit der unteren Stufenlinie soll dynamisch zum Ausdruck kom- des gesungenen Tones innerhalb des Instrumentaltones; umgekehrt die Kreise
men; die starken Senkrechten und Überschneidungen deuten darauf hin, dass die als Konzentration des gesungenen Tones aus dem Instrumentalklang heraus
einzelnen Töne sich auseinander ergeben und sich zum Teil über Akkord- (indem man das Instrument von den Lippen mehr oder weniger entfernt),
bildungen zueinander entwickeln. Entsprechend der Vertauschung der bewirkt z. B. durch dynamische und strukturelle Veränderungen. Anhäufungen
Funktionen beider Stufenlinien von a) zu c) übernimmt jetzt die obere die dyna- von Punkten und Kreisen sind summarisch zu verstehen. Die beiden
mische Gesamtregelung. Punkte, Gerade und Kurven sind wie in a) zu deuten. Stufenlinien beschreiben in der bereits oben angedeuteten Vertauschbarkeit
Dynamik und Vibratointensität. Sie sind in den vier Durchgängen, die d) ver-
a) und c) Der Ausgangspunkt der dominierenden Komponente ist für a) die langt, den Möglichkeiten entsprechend neu zu lesen und dabei dem dominieren-
obere, für c) die untere Stufenlinie. Freiheiten in der Gestaltung des melodischen den Vorgang anzupassen.

Vervielfältigungen jeglicher Art sind gesetzlich verboten · Any unauthorized reproduction is prohibited by law · All rights reserved
NiN 1608 © 2014 by Moeck Musikinstrumente + Verlag e. K. · Celle, Germany Seite 4

1. Composer 4. The four means of realisation

REDUZIERTE DEMOANSICHT
Cf. introduction to Vetter’s Recitatives for recorderplayer (Edition Moeck No. a) The dominant component is the line of gradation beginning above left and
1609). ending below right, describing a melodic progression. Subordinate components
are the four uprights, the four curves, the dots and circles, plus the line of gra-
dation beginning centre left. The four uprights divide the melodic process into
2. Title of the work five ranges of pitch or pitch-‘registers’. At the same time they have a co-ordina-
ting function as only the curve, or only those dots and circles that are to be
The term ‘figurations’ may recall the concept of the musical figure and with that found in the same pitch-range as this line, can be brought into contact with the
individual compositional detail; in this case something quite different is inten- dominant line. The particular curve-section to be co-ordinated has vibrato-
ded. Rather is the concept of the ‘figure’ to be taken as the starting-point in an dynamic significance: the vibrato’s own movement can follow either that of the
interpretation of the term and composition: here a figure may be understood to curve, or it can move about freely direct itself regarding the curve only with
be a unity, something complete in itself. Translated into the language of musical respect to its own dynamic development as a whole. Both interpretations are
terminology one would say a ‘sentence’*), a term indicating the self-sufficiency equally applicable. The respective points to be co-ordinated have a constructing
of a musical and the conciseness of a grammatical construction of the same function: possible interpretations are e.g. flatter-tongue, dynamic high or low
name. The figures of the work become by assuming multifarious relations with point, infusion of breath into the note, etc.. Construction of this kind is to be
and by conditioning each other. Figurations III is a graphic composition which understood two-dimensionally; the dot is the climax of the structural develop-
in four concentrated movements is each time interpreted anew. Here the graphic ment, where-as the climax can lie in the middle or at the beginning or end of this
order of simultaneity is made to correspond to the musical order of the succes- development. Position and size of the dots determine the intensity of the con-
sion of effects so that the four ‘movements’, although they diverge on the struction. Dot and circle are to be interpreted antithetically. That means that in
musical plain, are united graphically. the kind of structure (as opposed to the interpretation of the curves) within a
single interpretation or within the ‘figure’ there can be no interchange, so that
through the principle of antithesis structural pairs form the basis for the forma-
3. Dedication of the work tion of each note. The line of gradation beginning at the centre determines the
sound volume, but only with regard to the total value of each note insofar as the
The composition Figurations III may be performed on any instrument. For this agitation of the section to be co-ordinated and not its movement is to be inter-
reason the introduction to its interpretation had been restricted to general preted.
terms. At its first performance the instrument used was a great-bass recorder,
played by Felizitas Kruse to whom the work is dedicated on the successful com- b) The dominant components are the dots or circles. Again both elements are to
pletion of her examinations. Thus notes designed especially for the recorder be interpreted by the principle of antithesis as, for instance, when noises and
have been added in parentheses to the general exposition. The former, on the musical sounds are directly contrasted (as noises one might take banging on the
one hand, fulfil the dedication and on the other render in concrete terms any- keys or, on a stringed instrument, dull i.e. scratching, or ringing noises). The
thing that may appear too abstract, thus facilitating application on any instru- temporal development does not – as in a) and also b) – comply strictly with the
ment. horizontal proportions, but it accepts these ‘perspectively’ after the pattern of
––––––––––––– an escaping line, i.e. – after a very slow beginning, – in an ever steeper – and also
*) The German word used here for ‘sentence’ is ‘Satz’. In musical terms ‘Satz’, of course, means dynamic – crescendo. The four uprights determine the registers (i.e. for instance
‘movement’.

Vervielfältigungen jeglicher Art sind gesetzlich verboten · Any unauthorized reproduction is prohibited by law · All rights reserved
NiN 1608 © 2014 by Moeck Musikinstrumente + Verlag e. K. · Celle, Germany Seite 5

the various keys or positions for the production of the noises, or the pitch as far stage results from the possibility of interchanging the functions of both lines at
as the notes are concerned). Whereas the dynamic line in its totality is already

REDUZIERTE DEMOANSICHT
their points of intersection. This may be done as often as the musical concep-
determined by the pattern of an escaping line, it is the curve-section in the tion of a specific interpretation allows. Further possibilities of differentiation in
respective ‘register’ that determines the dynamics in the detail. The two lines of the melodic progression arise when the agitation of the accordant line ‘works
gradation devide the dot and circle material into four different structural sphe- off’ on to the dominating in the form of correspondingly smaller but similarly
res: 1. that above the upper 2. that below the lower line, 3. that situated between ordered note-steps.
the fourth arises through intersection, i.e. reversal of upper and lower lines – 4.
correspondingly is the reversal musically of 3, but also 1 of 2. 1 and 2 should also d) The uprights and curves dominate. Co-ordinated the one to the other, they
musically exchange places, so that here the construction that otherwise only are to be played in succession line by line. Whereas the note of the uprights
appears in the upper sphere now occurs in the lower and vice versa. Changes of remains the same in all four sections, its coordinate note changes according to
mouth position, differentiation in articulation as well as flatter-tongue and the curve movements. With wind instruments, in particular the recorder but also
vibrati can for example be regarded as constructional elements so long as they the trombone, the constant note is the instrument’s lowest note, the variable
can be made clear in the concentrate of each impulse (all dots and circles are to note a supervening sung note; in every case the two consonant notes must differ
be interpreted as impulses). from each other in sound-quality, which for example with a stringed instrument
is to be achieved by variation of bow-pressure. The respectively co-ordinated
c) The dominant component is the line beginning centre left, which is to be dots (i.e. those that occur in a particular section together with the curve) are to
interpreted as the upper line of gradation in a). The considerably stronger agita- be interpreted as in a); for the recorder and similar instruments with ‘ring-
tion of the lower line must be dynamically expressed, the strong verticals and modulator’ effect in the sense of a concentration of the sung note within the
intersections indicate that the individual notes diverge, converging again partly instrumental note; on the other hand the circles as concentration of the sung
by way of chord clusters. Corresponding to the exchange of the functions of the note from out of the instrumental sound (here the mouthpiece is more or less
two lines of gradation of a) to c) the upper line now assumes complete dynamic withdrawn from the lips), occasioned e.g. by dynamic and structural changes.
control. Dots, upright and curves are to be interpreted as a). Conglomerations of dots and circles are to be understood as summaries. The
two lines of gradation describe (the possibility of interchange has already been
a) and c) The starting point of the dominant components is for a) the upper, for indicated) the dynamics and intensity of vibrato. In the four passages that d)
c) the lower line. Freedom of expression in the formation of the final melodic requires they should be read differently according to the dominant process.

Vervielfältigungen jeglicher Art sind gesetzlich verboten · Any unauthorized reproduction is prohibited by law · All rights reserved
NiN 1608 © 2014 by Moeck Musikinstrumente + Verlag e. K. · Celle, Germany Seite 6

Michael Vetter (1943–2013)

REDUZIERTE DEMOANSICHT
Figurationen III

Vervielfältigungen jeglicher Art sind gesetzlich verboten · Any unauthorized reproduction is prohibited by law · All rights reserved