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Briefwechsel deutsch-jüdischen
Geschichte aus dem
Seite 9 Seite 16 Salomon Ludwig
Kleiderwechsel Ortswechsel Steinheim-Institut
an der Universität
Duisburg-Essen

14. Jahrgang 2011


Heft 1

Die Befreiung aus Ägypten


und das Bekenntnis zu dem einen Gott
Deuteronomium 13 und Lukas 2,41–52
Michael Brocke

G eht man in der Hebräischen Bibel den Erwäh-


nungen und Erinnerungen an die Befreiung
aus der Knechtschaft Ägyptens nach, so stellt man
innerhalb der Evangelien an entscheidenden Stati-
onen des Lebens Jesu, so am Vorabend seines
Todes, als Jesus das Sedermahl mit den Jüngern fei-
Ausschnitt „Göttinger Barfü-
ßer-Altar“ (1424)

immer wieder fest, dass diese eng mit dem Be- ert (Lukas 22,1 u. 7ff) oder auch zu Beginn seines Darmstädter Haggada
kenntnis zu dem einen Gott verbunden sind. Aufs Wirkens als Zwölfjähriger im Tempel (Lk 2,41-52) (um 1480)
eindrücklichste zeigen das wohl die beiden Einlei- den Hinweis darauf, dass
tungen („erstes Gebot“) zum Zehnwort, Exodus dies „zu Pessach“ geschah.
20,2f und Deuteronomium 5,6f: „Ich bin der Ewi- Was wie eine nebensächliche
ge, dein Gott, der dich herausgeführt hat aus dem Zeitangabe erscheint, ist hier
Land Ägypten, aus dem Sklavenhaus. Du sollst kei- ganz bewusst gesetzt, denn
ne anderen Götter haben neben mir.“ Und auch das das Bekenntnis zu dem einen
Schema' Jisrael wird als Bekenntnis Israels zu dem Gott, der sein Volk aus Ägyp-
einen Gott in Beziehung gesetzt zu jener großen Be- ten befreit hat, soll gerade
freiungstat des Exodus (vgl. Dtn 6,1-25). Des wei- auch in letztgenanntem Text
teren spiegelt sich der Zusammenhang von Gottes- unbedingt mitanklingen.
bekenntnis und Auszug im Dank Israels für die Be- Dem wollen wir anhand
freiung aus Ägypten wider (vgl. z.B. Psalm 136,1-3 künstlerischer Darstellungen
u. 10ff), aber noch viel häufiger in der Klage Gottes von Lk 2,41-52 näher nach-
über sein Volk, das ihn, den Befreier aus Ägyptens gehen.
Knechtschaft, vergaß und sich anderen Göttern zu-
wandte ( z.B. Ps 78 oder Micha 6). So verweisen Bildliche Darstellungen der
auch Warnungen vor Götzendienst immer wieder Erzählung Lukas 2,41-52
auf die Treue zu dem einen Gott, der sein Volk aus Frank Crüsemann eröffnet
der Knechtschaft Ägyptens herausführte. Ein mar- sein kürzlich im Güterloher
kantes Textbeispiel dafür ist Dtn 13, eine ernste Verlagshaus erschienenes
Forderung, die uns in ihrer Brisanz und problema- Buch Das Alte Testament als
tischen Wirkungsgeschichte im Folgenden noch nä- Wahrheitsraum des Neuen
her beschäftigen wird. Die Befreiung aus Ägypten mit einigen bemerkens-
gehört zum Namen des Gottes Israels, ja, ist we- werten Gedanken zu bild-
sentlicher Inhalt des göttlichen Namens, der als lichen Darstellungen der Er-
Rettender und Befreiender seines Bundes gedenkt zählung des zwölfjährigen Je-
und der darum immer neu um die Bundestreue sei- sus im Tempel. So weist er
nes Volkes wirbt. darauf hin, dass sozusagen
Im Neuen Testament fehlt fast jegliche Erwäh- auf allen Bildern Jesus als
nung Gottes als Befreier aus Ägypten. Doch gibt es Lehrender hervorgehoben
wird, und nicht, gemäß der lukanischen Vorlage, werden: An der Darstellung des zwölfjährigen Jesus
als ein durch Zuhören und Fragen Lernender. Das im Tempel auf dem Göttinger Barfüßer-Altar von
ist selbst der Fall bei Max Liebermanns Jesus im 1424.
Tempel von 1879, ein Gemälde, das damals einen
Skandal auslöste. Liebermann hatte den Knaben Die Darstellung des zwölfjährigen Jesus
mit rötlich-braunem Haar und einfachem, kurzen auf dem Barfüßer-Altar
Gewand als barfüßiges Handwerkerkind von der Ursprünglich hatte der Barfüßer-Altar seinen Platz
Straße gemalt, dessen Worten die Umstehenden als Hochaltar in der Göttinger Franziskanerkirche.
und vor ihm Sitzenden aufmerksam lauschen. Dieser mächtige Flügelaltar des sogen. weichen
Münchener Theologen und Berliner Politikern war oder internationalen Stils der Spätgotik ist der
es unerträglich, Jesus „realistisch“, einem „herge- größte gemalte Altar Norddeutschlands – heute ein
laufenen Judenjungen“ gleich, dargestellt zu sehen. Prunkstück des Niedersächsischen Landesmuse-
Lautstarke Proteste veranlassten den Künstler, die ums Hannovers und vor wenigen Jahren umfassend
Figur zu übermalen, gewissermaßen zu verchristli- restauriert.
chen, die Haare aufzuhellen, den Rock zu verlän- Fast acht Meter breit und drei Meter hoch,
gern, die Füße mit Sandalen zu beschuhen. Die bringt das fünfteilige Retabel auf gut 60 m² ein ei-
massive Polemik, die auch ein Adolf Stoecker in genwilliges theologisches Programm zum Aus-
Berlin anfachte, richtete sich nicht zuletzt gegen druck, das Beachtung verdient und ihm eine Bedeu-
den jüdischen Maler selbst, der sich eines neutesta- tung verleiht, die der kunsthistorischen nicht nach-
mentlichen Sujets mit reicher ikonographischer Ge- steht. Der Altar zeigt sowohl vertraute christolo-
schichte bemächtigt hatte. gische als auch mariologische Thematik. Maria ist
Wenn Liebermann den Knaben zwar als Lehrer als Fürsprecherin und Beschützerin gegenwärtig.
auftreten lässt, so unterscheidet sich seine Darstel- Die zahlreichen Szenen des Marienlebens rahmen
lung der Szene doch von den meisten anderen inso- die ihres Sohnes ein. Denn nach der Kreuzigung
fern, als er Jesus weder in die Mitte seines Bildes fällt Maria die Aufgabe zu, Christi Heilsbedeutung
positioniert noch ihn erhöht auf einem Podest thro- zu vermitteln und zu verkündigen. Ferner zeigt der
nen lässt. Und noch etwas ist anders bei Lieber- Altar die zwölf Apostel, deren offene Bücher die
mann: Wenn hier, im Gegensatz zu Lukas, auch Sätze des Credo unter sich aufteilen, von 24 Halb-
kein Gespräch erkennbar wird, so drückt sein Ge- figuren mit ebensovielen Schriftbändern überfan-
mälde doch keinerlei Feindschaft zwischen Jesus gen. Ist aber der Altar geschlossen (sogen. Werk-
und den Lehrern aus, sondern Interesse und Bereit- tagsseite), so überraschen seine Außenflügel: Vier
schaft zum Zuhören, was – wie wir im Vergleich aussagestarke Tafeln mit gleichfarbig rotem Hinter-
mit anderen Darstellungen sehen werden – durch- grund, der von goldgelben Sternen übersät ist.
aus nicht selbstverständlich sondern eher die Aus- Links unten beginnend sieht man eine sogen. „mys-
nahme ist. tische Mühle“ oder „Hostienmühle“. Darüber der
Die hier genannten Interpretationsvariationen „Zwölfjährige Jesus im Tempel“, die uns im fol-
und Widersprüchlichkeiten zum biblischen Text lie- genden beschäftigende Szene; rechts daneben ein
gen jedoch nicht allein in der Frage von Jesu Lehr- seltenes „Pestbild“ mit der Fürsprecherin vor dem
autorität begründet, sondern führen uns tiefer in die himmlischen Richter Christus; schließlich rechts
lukanische Erzählung und ihre theologische Aussage unten, eine Pietà, welche Jesu Leichnam im offenen
hinein: Das (wenn auch indirekte) Bekenntnis Jesu Sarkophag auf dem Schoß trägt und den Gekreu-
zu seiner Gottessohnschaft (Lk 2,49) war – wie auch zigten wie den Auferstandenen, kleinfigurig, in ih-
immer man es verstanden hat – wohl der Haupt- ren Händen hält – eigenwillig auch diese, Leiden,
grund dafür, diese Szene nicht nur in der sich durch Tod und Auferstehung Jesu summierende Marien-
Text und Wort artikulierenden christlichen Theolo- darstellung. Insgesamt ist hier ein komplexes, be-
gie, sondern auch in deren kunstgeschichtlichem lehrend-dogmatisches Bildprogramm des frühen
Widerhall als entscheidenden Bruch zwischen Kir- 15. Jahrhunderts zu interpretieren.
che und Judentum zu interpretieren. Während Max Liebermanns Jesus im Tempel
Das soll im Folgenden an einem kunsthistorisch „nur“ biblische Erzählung wiedergibt, will die glei-
2 einzigartigen (negativen) Beispiel näher ausgeführt che Szene auf der Tafel des Barfüßermeisters unver-
Tafel des Barfüßer-Altars
(Landesmuseum Hannover,
Landesgalerie)

kennbar theologische Interpretation sein, erzählt Aggressivität rechts außen in ihrem direkten Ge-
also weit weniger, als dass sie auslegt und sich da- genüber am stärksten zum Ausdruck. Überaus grob
mit weit von der lukanischen Vorlage entfernt. und abfällig zeigt die Figur ihre Missachtung: Sie
Am linken Bildrand steht Maria, versehen mit streckt Jesus die Zunge heraus und setzt an, ein
einem Nimbus und leicht erhobenen Händen, eine Buch nach ihm zu werfen.
Haltung, die sich unterschiedlich interpretieren Solch geballte Drastik ist zwar eher selten, lässt
lässt. Sie blickt auf den Sohn, hier bereits ein Jüng- sich aber gerade zeitgenössisch, Ende des 14./An-
ling, der in der Bildmitte auf einem mehrstufigen fang des 15. Jh., mindestens noch drei- oder vier-
Podest thronend, ohne Buch(!) mit erhobener mal beobachten. Der Barfüßermeister ist u.a. beein-
Rechten lehrt. Er trägt den Kreuzesnimbus und flusst von Meister Bertram: Dessen „Buxtehuder
blickt über die sitzenden und stehenden, zum Teil Altar“ von 1400/1410 zeigt ebenfalls einen Buch-
durch ihre Kopfbedeckungen wie durch ihre Phy- werfer, auch dieser die anderen Gelehrten überra-
siognomie als Juden gekennzeichneten Personen gend. (Doch streckt er nicht die Zunge heraus.
hinweg. Diese, in zwei Gruppen um die Mitte ver- Derart Abschätziges findet sich sonst nur bei Scher-
teilt, schwingen Bücher oder halten sie geöffnet auf gen auf Passionsdarstellungen.) Ein weiteres Bei-
den Knien. Ihre heftige Gestik – vor allem in der spiel bietet ein ebenfalls ungefähr zeitgenössisches
rechten Bildhälfte – strahlt Unruhe aus, die die ent- Fresko der „biblia pauperum“ im Kirchlein Sogn
hobene Ruhe des Lehrenden kontrastiert. Der aber Gieri (St. Georg) in Rhäzüns, Graubünden. Neben
ist es, der die Unruhe erzeugt, und gegen ihn rich- zahlreichen anderen Figuren, die mit Büchern und
tet sich der Unmut jener, die ihm fast alle den Rü- Tafeln ausgestattet sind, lässt sich auch hier ein alle
cken kehren. überragender „Werfer“ mit offenem Mund, vermut-
So auch der rechts vorn Sitzende, der zornig ei- lich schimpfend, erkennen. Hinzuweisen wäre
ne Seite aus seinem geöffneten Buch reißt. Daneben noch auf eine Göttinger Darstellung aus der Werk-
eine kräftig gestikulierende, dunkelbärtige Gestalt, statt des St. Jacobi-Meisters: Mittig vor der Ka-
die das Obergewand zerreißt, bekanntlich eine Re- thedra Jesu sitzt eine hell gewandete Figur, mit der
aktion auf Gotteslästerung (vgl. Mt 26,65, Jesus Rechten ein geschlossenes Buch hoch hinaufre-
vor dem Hohepriester). Mit der Rechten scheint er ckend, wohl zum Wurf bereit, wobei der abge-
die Rede Jesu, dem auch er den Rücken kehrt, ab- wandte Kopf, anders als beim Barfüßer-Altar, nicht
zuwehren. Im Vordergrund disputieren zwei Ge- das Ziel seines Unmuts im Blick hat.
lehrte miteinander. Sie ignorieren den lehrenden Erstaunlich ist schließlich, dass bislang niemand
Jesus. Anders der links außen Sitzende, der ihm auf den noch an Ort und Stelle existenten Altar der
zwar auch den Rücken kehrt, aber auf die Rede ehemals franziskanischen(!) Braunschweiger Brü-
acht zu haben scheint. Doch zeigt sein aufs Buch dern-Kirche aus der Zeit zwischen 1383 und 1390
weisender Finger, dass er Jesus mit der Schrift zu verwiesen hat. Er verlagert die Heimholung des
widerlegen versucht. Während sich die größere Ru- Zwölfjährigen durch die Eltern in eine getrennte
he der linken Bildhälfte der Präsenz der am Rand Szene, sodass Jesus mit ebenfalls neun Lehrern al-
hochaufgerichteten Maria verdankt, kommt die lein ist. Von deren neun Büchern könnten immer- 3
Fresko in Sogn Gieri
in Rhäzüns, Graubünden

hin vier für den Betrachter potentiell lesbar sein. mitteln. Maria steht für sich allein. Das aber ist
Jesus, mit Kreuzesnimbus, hält auch hier kein Buch höchst selten nur zu sehen, denn die Darstellungen
in Händen. Und auch hier ist das gesamte Ensem- (der „Auffindung“) des Zwölfjährigen lassen beide
ble der Gelehrten anwesend: zu Jesu Rechten Ge- stets gemeinsam auftreten und zeigen sie nah bei-
wand- wie Buchzerreißer und wiederum ein, wenn einander. Alternativ ließe sich dieser Ausschnitt in
nicht gar zwei, Buchwerfer. Ebenso ist die rechte eine eigene Szene versetzen (vgl. etwa Braun-
Hälfte mit ihren fünf Figuren nicht ohne Erregung. schweig und Rhäzüns), wenn vor allem die erzäh-
Dass sich um den oberen Absatz der Kathedra heb- lende Abfolge von Stationen des Lebens Jesu inten-
räische und hebraisierende Buchstaben ziehen, ist diert war. Zu erzählen aber ist nicht Absicht dieses
ebenfalls bezeichnend. Insgesamt betrachtet, ist die Bildes.
Ähnlichkeit der Komposition mit der des gut 30 Wie auf den anderen drei Tafeln, so spielt Maria
Jahre jüngeren Barfüßermeisters frappierend. So auch auf dieser die zweite Hauptrolle. Bei Lukas ist
darf man feststellen, dass in Braunschweig das al- sie es, die das Wort ergreift, Josef dagegen bleibt
lernächste Vorbild für die Szenerie des Barfüßer- stumm. Zwar verstanden sie ihn nicht, doch „seine
Altars zu sehen ist, wenn auch das ikonographisch- Mutter bewahrte all diese Worte in ihrem Herzen“
theologische Programm des letztgenannten in sei- (Lk 2,51). Sie würde sie nicht bewahren, hätte sie
nem Anspruch weit über jenen und die anderen nicht ihre Bedeutung erkannt.
Vorläufer hinausstrebt. Blicken wir nun in die geöffneten Bücher – eine
Zwar fußt das auf dem Barfüßer-Altar darge- Besonderheit dieses Altarbildes – um mit ihnen tie-
stellte Szenario unverkennbar auf der Erzählung fer in dessen Problematik einzudringen.
des Lukas, aber es ignoriert wesentliche Züge der
Erzählung, ja, widerspricht ihr sogar, wie auch Doppelte Polemik: Deuteronomium 13
Crüsemann herausstellt. So hebt Lukas Staunen und Lukas 2, 41–52
und Bewunderung für den Knaben hervor, „mitten Vielleicht erinnert sich der eine oder andere un-
unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie serer Leser an einen kleinen Kalonymosbeitrag zu
fragte“ (Lk 2,46f). Rede und Antwort eines Ge- dem Altar, speziell zu seiner Tafel des zwölfjährigen
sprächs aber will der Barfüßer-Altar nicht abbilden, Jesus im Tempel, vor nunmehr fast acht Jahren.
von Zuhören und Fragen kann keine Rede sein. Ei- Was uns damals bewog, uns ausgerechnet dieser
ner immerhin scheint Jesus zuzuhören. Links, et- Darstellung näher zu widmen, lag in der kunsthis-
was versteckt hinter dem Podest, ist das Gesicht torisch seltenen Tatsache begründet, dass auf die-
eines bärtigen Mannes zu erkennen, der hinauf- sem Gemälde mit der Abbildung einer neutesta-
schaut. Auffällig die Stirnfalten, die dem Blick we- mentlichen Erzählung vier geöffnete Bücher mit
niger den Ausdruck von Unmut als vielmehr des hebräischen Buchstaben zu sehen waren. Diese we-
Unverständnisses verleihen. Lk 2,50 heißt es: „Sie nigen hebräischen Inschriften des Altars – die ein-
verstanden das Wort nicht“, nachdem Jesus den El- zige Tafel mit Hebraica – galten bis vor kurzem, im
tern geantwortet hatte, dass er in dem sein müsse, Gegensatz zu seinen zahlreichen, sämtlich edierten
was seines Vaters ist. Einen Augenblick lang fragt lateinischen Texten, für den einen als nicht lesbar
man sich: Könnte dieser Zuhörer Josef sein? Maria und ohne Sinn, für den anderen als pseudohebrä-
nennt Josef „Vater“ Jesu (Lk 2,48), Jesus jedoch be- isch. Doch konnten sie, obwohl erwiesenermaßen
zeichnet „Gott“ als seinen Vater (Lk 2,49), womit von Hebräisch unkundiger Hand geschrieben, in-
das zentrale Problem der Textvorlage und der auf zwischen von uns entziffert und eingeordnet wer-
unsrer Darstellung ablesbaren Kontroverse ange- den: Während keine der lateinischen Inschriften
sprochen ist. Aber hätte denn dieses Bild, das den dem Pentateuch entnommen ist, so stammen die
lehrenden Jüngling als den erhöhten Christus und hebräischen Texte aus dem 13. Kapitel des Deute-
Gottessohn darstellt, überhaupt noch einen Ort für ronomium (5. Buch Mose).1
Josef, den „Nährvater“? Auch wenn eine der Rollen Deuteronomium 13 war und bleibt eine bri-
Josefs als des „Mittlers zwischen altem und neuem sante Forderung, die in nachbiblischer und spätan-
Bund“ nicht die unwichtigste in der Kunst war, so tiker Zeit zur Warnung vor Häresien und somit
ginge es in diesem Fall nicht an, Josef in die Szene auch in antichristlicher Apologetik und Polemik
4 mit hinein zu nehmen, denn hier ist nichts zu ver- eingesetzt wurde.
Leider wird man kaum mehr feststellen können,
auf welchen Wegen jene Franziskaner, die das Bild-
programm des Altars entworfen und bis ins kleinste
Detail festgelegt haben, an ihr Wissen zur Funktion
von Dtn 13 in jüdischer Apologetik und Polemik
gelangt sind. Wenn sie nicht mit der eignen, kirch-
lichen oder spezifisch franziskanischen „Contra-
Judaeos“-Literatur vertraut gewesen sein sollten, so
hatten sie doch höchstwahrscheinlich Kontakt mit
jüdischen Konvertiten. Aber gewiss wäre es von In-
teresse zu erfahren, ob in der damaligen christli-
chen Exegese Lk 2 jemals mit Dtn 13, Dtn 13 mit
Lk 2 in Verbindung gebracht worden ist.
Mindestens einer der polemischen Jesus-Texte
im Talmud nimmt konkret Bezug auf Dtn 13,9f (!):
die christlich zensurierte Passage zur Hinrichtung
Jesu in bSanhedrin 43a. Und das „im Untergrund“
kursierende volkstümliche „Anti-Evangelium“, die
Toldot Jeschu, verlieren das Thema Zauberei, von
Jesus in Ägypten erlernt, nicht aus dem Blick. Sie das sichere Todesurteil bedeutet. Denn indem sich Braunschweiger Brüdernkirche
rekurrieren dabei mehrfach auf Dtn 13, beziehen die „Hand des Volkes“ dazu verpflichtet, ihn zu tö- (Niedersächsisches Landes-
Dtn 13,2ff ausdrücklich auf ihn und seine breit und ten, will sie Gottes Gebot gehorchen. Dies entfaltet denkmalamt Hannover)
unterhaltsam ausgemalten seltsamen Wunder und eine unter zahlreichen Quellen jüdischer Apologe-
Zeichen. Damit aber, so wurde behauptet, verfüh- tik und Polemik, das anonyme Sammelwerk „Niz-
re er Israel zu Gotteslästerung und Götzendienst zachon (jaschan)“ – auch „Nizzachon Vetus“ – des-
und mache sich des Todes schuldig. Toldot Jeschu sen Entstehen in Nordfrankreich oder Deutschland
ist eine durchaus auch für Göttinger Franziskaner im frühen 14. Jh. gesehen wird. „Einige der Gegen-
in Frage kommende Quelle. argumente sind die des anonymen Autors, andere
Dtn 13,2ff ist dreifach gegliedert: Verführung gründen auf Kritik und Polemik, die in jüdischen
zum Götzendienst als Verstoß gegen das erste Ge- Kreisen Frankreichs und Deutschlands im 12. und
bot durch einen Propheten, einen Familienangehö- 13. Jahrhundert wohlbekannt waren.“3
rigen und drittens durch eine Gruppe, die eine gan- Bemerkenswert, dass die auf unseren Buchsei-
ze Stadt ins Verderben reißt. Für das Altarbild und ten angesprochenen Verse sich mit den Zitaten aus
Lk 2,41-52 sind nur die ersten beiden Abschnitte Dtn 13 im Nizzachon Vetus (NV) decken: „Und
über einen Propheten oder 'Träumer' (Vv. 2-6) und sagt nicht Mosche oben (Dtn 13,2-3): ‚Wenn ein
einen Familienangehörigen (Vv. 7-12) relevant. Prophet oder Träumer unter euch aufsteht und dir
Daraus wurden vier Versfragmente für die Bücher ein Zeichen oder Wunder ankündigt und das Zei-
der Tempel-Szene entnommen, die die wesentli- chen oder Wunder trifft ein, usw.’ – Nun sagte aber
chen Aussagen des Textes zusammenfassen: 1) ein Jesus nicht nur, dass er Prophet sei, sondern machte
Prophet aus deiner Mitte (13,2-6) oder 2) ein Fami- sich selbst zu Gott und verführte seine Brüder, und
lienangehöriger bzw. Freund 3) verführt zum Göt- darum sagt Mosche über ihn: ,... so willige nicht
zendienst. 4) Todesstrafe, Beseitigung „des Bösen ein und gehorche ihm nicht usw., sondern zum Tod
aus deiner Mitte“ (Vv. 6 u. 12). sollst du ihn bringen.’ (13,9f). Und so tat man, und
Worin aber liegt die Verführung zum Götzen- sie hängten ihn ans Holz.“4
dienst, die Jesus vorgeworfen wird: In der Erzäh- NV betont immer wieder, dass Jesus „keinen
lung vom Zwölfjährigen im Tempel stellt der Kna- Vater hatte“ bzw. ihn (ver)leugnete – wohingegen
be die Gegenfrage: „Muss ich nicht sein in dem, der Prophet, der so wie Mosche sein wird, Vater
was meines Vaters ist?“ (Lk 2,49) Hier bekennt sich und Mutter haben wird.
Jesus als „Sohn“ Gottes und verstößt damit nach Mit der Frage nach Vater und Mutter Jesu ist
jüdischem Verständnis gegen das erste Gebot2, was man mitten im zweiten Abschnitt von Dtn 13, dort, 5
wo sich die Verführung im Familienkreis abspielt
(13,7-12). Warum zeigt eines der Bücher auch diese
Stelle? Die Geschichte vom zwölfjährigen Jesus ist
auch eine Geschichte familiärer Konflikte. Und der
Altar, der so großen Wert auf die Bedeutung Mari-
ens legt, kann hier nicht umhin, auch auf das Ver-
hältnis Jesu zu seiner Mutter einzugehen. Wenn in
Dtn 13,7 vom „Sohn deiner Mutter“ die Rede ist,
so assoziiert das für Lk 2,41-52 das darin proble-
matische Verhältnis zwischen Jesus und seiner Mut-
ter bzw. seinen Eltern. Maria ergreift das Wort und
spricht von Josef als Vater Jesu (Lk 2,48). Dass Je-
sus hingegen Gott seinen Vater nennt, „bewahrt“
Maria „in ihrem Herzen“, sodass man geradezu sa-
gen könnte, sie lasse sich nun dazu verführen, Jesus
für den Sohn Gottes zu halten. Dtn 13 aber ver-
langt, keine Rücksicht zu nehmen, nicht auf die
liebsten und nächsten Angehörigen, nicht auf den
Freund.
R. Jakob ben Ascher (geb. Köln ca. 1269), be-
kannt als der Halachist und Kommentator Ba'al ha-
Turim, sucht die Beziehung von Dtn 13 auf Jesus
und seine Mutter mittels der Methoden der „ge-
matria“5 herzustellen: Israel wird gewarnt vor
einem falschen Propheten „in deiner Mitte“ (bekir- Schärfer noch als in Dtn 13,6 fällt in diesem
becha). Er schreibt: „Dies weist, bei Anwendung zweiten Abschnitt der Aufruf zur Tötung des Ver-
von gematria, hin auf: „jene Frau“ (su ischa) – bei- führers und Gotteslästerers (13,9f) aus. Nach der
de Male ergibt die Summe des Zahlenwerts der Aufforderung, auch nächsten Angehörigen kein Er-
Buchstaben 324.“ Damit verweist dieser, nur zu barmen zu zeigen, sondern allein dem Befreier aus
gern gematria einsetzende Exeget, auf die Mutter dem Sklavenhaus Ägyptens (vgl. Dtn 13,6 u.12 und
Jesu. Und erneut wendet er gematria an: „... in dei- den Hinweis auf Pessach Lk 2) treu zu bleiben, er-
ner Mitte ein Prophet“ (bekirbecha nawi') und ge- folgt der Tötungsaufruf vierfach, an den Angespro-
langt abzählend zu: „(Dies ist) jene Frau und ihr chenen und das ganze Volk. Dass gerade diese Stel-
Sohn“ (su ha'ischa uw'nah) – für beide ergibt sich le für das Altarbild ausgewählt wurde, ist gewiss
die Zahl 387“.6 kein Zufall.
Wer Jesu Vater sei, ist eine zentrale Frage jü- Die Situation der Juden hatte sich im 15. Jahr-
discher Apologetik: Warum heißt es wohl in Dtn hundert unübersehbar weiter verschlechtert. Der
13,7 „deiner Mutter Sohn“ – und nicht „deines Va- Niedergang seit den Beschlüssen des IV. Lateran-
ters Sohn“? Auch NV greift dies erneut auf, wenn konzils von 1215 war zunächst schleichend, be-
Dtn 13,6 fordert: „‚dieser Prophet soll sterben‘, um schleunigte sich dann mehr und mehr nach den
wieviel mehr der, der sich selbst zu Gott macht. Pogromen von 1298 und dem ‚Schwarzen Tod‘,
Über ihn sagte Mosche (Dtn 13,7): ‚Wenn dich dein den Pestepidemien der Jahre 1348-50 mit dem Vor-
Bruder, deiner Mutter Sohn ...‘ – das ist Jesus, der wurf, die Brunnen zu vergiften, wobei auch die
seinen Vater leugnete und sagte, er habe eine Mut- Göttinger jüdische Gemeinde wie 300 andere Ge-
ter, keinen Vater, (sei) Sohn Gottes, und machte meinden vernichtet und vertrieben wurde. Zehn-
sich selbst zu Gott – von ihm sagte Mosche: ‚Nicht tausende sind in jenen Jahren ums Leben gebracht
sollst du ihm willfahren ..., sondern sollst ihn zu worden. Wohl wurden bald Juden wieder zugelas-
Tode bringen. Deine Hand soll die erste wider ihn sen (in Göttingen 1370), doch die hohen finanziel-
sein, ihn zu töten ... ihn zu Tode zu steinigen.‘“ len Erwartungen, die auf sie gerichtet waren, konn-
6 (13,9-11)7 ten sie nicht mehr erfüllen. Die Zünfte, damals
ZU HÖREN

che Polemik – vor aller Augen offengelegt, schwarz Nizzachon Vetus, jüdische Po-
auf weiß. Kann es bildliche Darstellungen der Sze- lemik gegen das Christentum,
ne geben, die diese Schärfe erreichen oder noch anonymes Sammelwerk aus
übertreffen? dem 14. Jh.
Wenn Lukas die Erzählung vom zwölfjährigen
Jesus im Tempel sich zu Pessach ereignen lässt, so
will er damit zum Ausdruck bringen, dass das Be-
kenntnis Jesu als Sohn Gottes im Zentrum der Ge-
schichte nicht im Widerspruch steht zu dem Be-
kenntnis der Einzigkeit des Gottes Israels, der sein
Volk aus dem Sklavenhaus Ägyptens befreit hat.
Und wenn Jesus am Vorabend seines Todes mit den
Jüngern das Sedermahl feiert (Lk 22), dann zeigt
das, dass er bis zum Schluss der Tradition seines
Volkes und dem Bekenntnis zu dem einen Gott,
dem Befreier aus der Knechtschaft Ägyptens, treu
geblieben ist.
Die Darstellung des Barfüßer-Altars hingegen
lässt erkennen, wie sehr man sich darum bemüht
hat, Jesus dieser Tradition zu entreißen und ihn
zum Feind seines Volkes zu machen.
Wie auch immer man das Bekenntnis Jesu zu
seiner Gottessohnschaft verstanden hat und mit
ihm umgegangen ist, zustimmend, ablehnend oder
stark religiös bestimmt, vermochten ihre wirt- zweifelnd – wäre man bei dem lukanischen Ge-
schaftliche Stellung zu stärken, denn die Juden spräch von gegenseitigem Zuhören und Fragen ge-
wurden auf diesem Gebiet allmählich überflüssig, blieben, die Entwicklung wäre eine andere gewe-
ihre Schutzbriefe darum nicht verlängert. Mehr sen. Dann wäre es nicht zu dem ungleichen Macht-
und mehr Städte vertrieben ihre Mitbürger (so kampf mit Judenverfolgungen und -vertreibungen
Mainz 1420, Wien 1421, Köln 1423). Die Kirche gekommen, die zwangsläufig antichristliche Pole-
verstärkte über die Jahrhunderte ihre Auseinander- mik hervorriefen, die sich dann zu doppelter und
setzung mit den Juden bis zur Dämonisierung und doppelt verschärfter antijüdischer Polemik zuspitz-
intensivierte u.a. die Zwangspredigten; hier tat sich te, wie es die Tafel des Barfüßer-Altars durch die
unter den Franziskanern besonders Johannes von bildliche Gestaltung in Kombination mit den heb-
Capistran (1386-1456) in den 40er und 50er Jah- räischen Texten in kunsthistorisch einmaliger und
ren hervor. So war die Auseinandersetzung zwar ei- theologisch einmalig erschreckender Weise sichtbar
ne höchst ungleich geführte, aber die Juden macht. Vielleicht können andere Darstellungen der
wehrten sich nicht zuletzt mit Mitteln der Apologe- gleichen Szene wie beispielsweise Liebermanns „Je-
tik und Polemik, der Selbstkritik und der Klage. sus im Tempel“, trotz seines Missverständnisses, Je-
Doch wie selbstsicher und überlegen erscheint sus als Lehrenden zu malen, die überlaute Polemik
demgegenüber die Tafel des Barfüßer-Altars mit ih- und ihre zahllosen Echos dämpfen, auf dass Pessach
rer doppelten Polemik, durch die geöffneten Bü- und sein christliches Pendant Ostern, wenn auch als
cher zum Ausdruck gebracht. In Verbindung mit eigene Feste begangen, nicht mehr als trennend er-
Lk 2,4ff, worin Jesu Gottessohnschaft bekannt fahren werden müssen, sondern darin Gemeinsam-
wird, erzielen die deuteronomischen Sätze höchste keit finden, dass sie den einen Gott Israels als Be-
Brisanz: die Juden entlarven sich als für Jesu Tod freier aus Knechtschaft und Tod feiern.
verantwortlich, ja als „Gottesmörder“. Sie sind es, Um zu solch einem Bekenntnis zu gelangen, ist
die den „in der Mitte“ des Bildes Erhöhten beseiti- gegenseitiges „Zuhören“ und „Fragen“, Gespräch
gen, „auf dass du das Böse aus deiner Mitte weg- also, unverzichtbar. Vor allem die Erkenntnis, dass
tust“ (vgl. Dtn 13,6 u. 12). So will es die christli- nach Lukas 2,41ff Jesus derjenige ist, der zuhört, 7
ZUHÖREN

fragt und Tora lernt(!), könnte und sollte nach Crü-


semann zu einer neuen Verhältnisbestimmung von
Altem und Neuem Testament, von Kirche und Ju-
dentum führen. Eine entsprechende Darstellung
vom zwölfjährigen Jesus im Tempel gibt es wohl
(noch) nicht. Darum greifen wir abschließend –
auch im Hinblick auf das bevorstehende Pessach-
fest – gerne auf ein weiteres Bild der Darmstädter
Haggada zurück, das ebenso Frank Crüsemann in
sein neues, sehr zu empfehlendes Buch aufgenom-
men hat. Es handelt sich um das Pendant zu un-
serem Pessachbild auf der Titelseite dieses Beitrags.
Beide Abbildungen zeigen eindrucksvoll, wie Hö-
ren, Fragen und Lernen Grundlage jeden Ge-
sprächs sind, und dies nicht vom hohen Podest aus
(vgl. die meisten Darstellungen von Lk 2,41ff !)
sondern auf Augenhöhe!

1. Die ausführliche Fassung dieses Beitrags mit der


genauen Wiedergabe der hebräischen Bildelemente,
Belegen und Anmerkungen erscheint in: Markus
Witte (Hg.): Festschrift zum 50jährigen Bestehen
des Instituts Kirche und Judentum in Berlin. Berlin
2011.
2. Siehe Dtn 13,4 u.5: Anklang an erstes Gebot und
Sh'ma Jisrael
3. Hanne Trautmann-Kroner, Shield and Sword. Je-
wish Polemics against Christianity and the Christi-
ans in France and Spain from 1100-1500. Tübin-
gen 1993, S.102-116 u. S.122. Siehe auch Daniel J. Darmstädter Haggada (um 1480)
Lasker, Jewish Philosophical Polemics in Ashkenaz,
in: Ora Limor, Guy G. Stroumsa (Hg.), Contra Ju-
daeos. Ancient and Medieval Polemics between
Christians and Jews, Tübingen 1996, S.196f
4. Mordechai Breuer (Hg.), Sefer Nizzachon Yas-
han. A Book of Jewish-Christian Polemics (hebr.),
Ramat Gan 1978, § 64 Ende. (Englische Überset-
zung von David Berger, Philadelphia 1979)
5. Hebräische Buchstaben haben Zahlenwerte, glei-
che Werte auch unterschiedlichster Wörter und
Satzteile gelten den Vertretern von 'gematria' als ei-
ner exegetischen Methode als ernstzunehmend
wenn nicht als beweiskräftig.
6. Die knappen Kommentierungen des Baal haTu- Frank Crüsemann: Das Alte Testament als Wahrheits-
rim finden sich in den meisten „Rabbinerbibeln“, raum des Neuen. Die neue Sicht der christlichen Bibel.
miqra'ot gedolot, in unterschiedlichem Umfang. 384 Seiten mit 6 farbigen Abbildungen. Gütersloh 2011.
8 7. Nizzachon Yashan, ed. Breuer § 66 29,95 Euro. ISBN: 978-3-579-08122-9
Frühling in Swislowitz
Von Shmarya Levin (1935)

U nd dann stand Pessach (Ostern) vor der Tür,


das größte und herrlichste aller Feste. Neue
Kleider für jung und alt, alles funkelnagelneu, von
wir unsere Mazzen dort backen ließen; und der ers-
te „Perforierer“ war ein Talmud-Student, der Frei-
tags und Sonnabends bei uns Freitisch hatte.
Kopf bis Fuß. Da gab es also Gänge zu Herschel Tscherne die Witwe war die Hauptteigkneterin in
dem Schneider, der eine Hälfte seiner Zeit zur Ar- der Bäckerei des Mottje Kailes und sie weihte mich
beit und die andere dazu verwandte, seinen Kon- in die Einzelheiten des Betriebes ein, zeigte mir die
kurrenten, Jankel den Schneider, schlecht zu ma- Verteilung des Teigs in gleiche Mengen und das
chen. Dazu kamen die Gänge zu Isser dem Schus- Ausrollen desselben zu Mazzen. Die größte Freude
ter, Isser mit der roten Nase, der wegen seiner feu- war für mich, wenn mir der Talmudstudent er-
rigen Plaidoyers für die Sache der Gerechtigkeit laubte, das Rädchen in die Hand zu nehmen und ich
von jedem in der Stadt – vom Synagogenvorsteher es über den glatten Teig rollen und Linien aus fei-
bis zum Wasserträger – gefürchtet war. Zuerst ka- nen Stichen machen durfte. Wie schade, daß die
men die nötigen Besuche zum Maßnehmen. Dann weitaus meisten Erwachsenen kein Verständnis für
gab es aber auch unnötige Besuche – wenigstens die wundervolle Gabe direkter und ehrlicher Beob-
wurden sie von Herschel und Isser so aufgefaßt. achtung haben, die das Kind besitzt, solange die
Wie hätte aber Herschel Taschen in meinen Anzug Pfade des Lebens seine seelischen Anlagen noch
einsetzen oder Isser einen harten Rohlederstreifen nicht verkrüppelt haben! Das Kind beobachtet nicht
in meine Stiefel einlegen können, damit sie beim nur jede Einzelheit im Betragen der Großen, es un-
Gehen wie neue knarrten, wenn ich nicht dabei ge- terscheidet auch rasch das Falsche vom Echten, äu-
wesen wäre und aufgepaßt hätte? Meine Besuche ßeres Getue von ungekünstelter Wahrheit. Und in
bei Herschel machte ich am Tage, und zu Isser ging meiner Kindheit erfuhr ich an mir selbst, daß Er-
ich des Abends. Ich hatte einen Gönner in Issers wachsene, die das nicht bedenken, den reinen See-
bestem Lehrling, einem gewissen Schaikin, der len der Kinder viel Schaden zufügen können.
mich lehrte, wie man einen Pechfaden drehen An dem Abend, der dem Vortage des Pessachfes-
müßte und mich einmal sogar einen Nagel in eine tes vorangeht, machte sich mein Vater daran, nach
Stiefelsohle schlagen ließ. Die Ahle freilich, mit der feierlichem Brauch die letzten Spuren von Gesäuer-
die Löcher für die Nägel gemacht wurden, gab er tem aus dem Hause zu schaffen. Mit einem ange-
mir nicht in die Hand. Als ich fest zugehämmert zündeten Lichte in einer Hand, und einer Gänsefe-
hatte und der Nagel sich weder verbog noch ab- der und einem Holzlöffel in der anderen, suchte er
brach, war ich glückselig: ich verstand bereits ein von Zimmer zu Zimmer. Dies war die Vorbereitung
Handwerk! Aber Schaikin nutzte meine Freund- zu unserem Osterfest. Ich wußte jedoch, daß er nur
schaft aus. Ich mußte ihm ein Pfund Zucker und so tat, als ob er suchte. Die Krümchen und Reste,
ein Fläschchen Wodka bringen. Nicht als Bezah- die er „fand“, hatte er selbst versteckt. Ich bemerk-
lung für die mir gewährten Freiheiten, sondern te, daß meine Mutter über dieses Getue nicht lach-
weil er das – wie er sagte – zu den Lederstriemen te, und ich war verletzt. Es kam aber etwas, was
brauchte, ohne die die neuen Stiefel nicht knarren mich noch viel tiefer verwundete. Am nächsten
würden. Und wie hätte ich ein Paar neue Stiefel tra- Morgen zündete mein Vater auf dem Hofe, an der
gen können, wenn sie nicht geknarrt hätten? Rückseite des Hauses, ein Feuer an und verbrannte
Zu guter Letzt kam die Mazzenbäckerei. Es gab die letzten Reste von Gesäuertem zusammen mit
tatsächlich mehrere Bäckereien, die Mazzen fabri- der Feder und dem Holzlöffel, in dem er sie gesam-
zierten, aber die vornehmste gehörte Mottje Kailes. melt hatte. Das Feuer war unweit einer Scheune an-
Seine Fabrikate waren köstlich, dünn wie Papier gemacht worden, und diese war vollgepropft mit
und wie mit der besten Maschine in hübschen Lini- gesäuerter Nahrung, die für die an den Flößen ar-
en perforiert. Ich ging aus einer Bäckerei in die an- beitenden Bauern bestimmt war.
dere und sah zu, wie die Mazzen gelocht wurden. Da fragte ich meinen Vater: „Aber warum ver-
Bei Mottje Kailes hatte ich einen Stein im Brett, da brennst du denn nicht auch die Scheune? Sie ist
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Vorfrühling doch voll von Gesäuertem.“ Und mein Vater erwi- Frieden. Denn zu welcher anderen Zeit des Jahres
von Alfred Graetzer derte: „Das ist nicht nötig, denn sie gehört uns kann es wohl vorkommen, daß sich jede jüdische
(28.12.1875 Groß-Strehlitz – nicht mehr. Wir haben sie an den nichtjüdischen Familie in Swislowitz rühmen darf, für acht volle
11.8.1911 Berlin) Wasserträger verkauft.“ Darauf kam ich mit einer Tage – die ganze Dauer des Festes – mit Nahrungs-
zweiten Frage: „Der Wasserträger ist doch aber mitteln versorgt zu sein? Der ärmste Haushalt, der
sehr arm, nicht wahr? Ich weiß ja, daß er von Haus einundfünfzig Wochen lang im Jahr vom Hunger
zu Haus geht und um ein paar Stückchen Brot bit- heimgesucht wird, ist bis zum letzten Ostertag mit
tet. Wie konnte er da die große Scheune von dir Proviant versehen: so will es das Gesetz. Und wann
kaufen?“ sonst wohl im Laufe des Jahres können sie ihre
Mein Vater antwortete mir auch darauf: „Wir kläglichen Sorgen abwerfen und sich des Feiertags
haben sie ihm für einen Rubel verkauft.“ Allein und des Frühlings freuen? Ist es da ein Wunder, daß
mein Geist fand keine Ruhe. Ich begann abermals: Pessach der beliebteste aller Feiertage ist? An die-
„Was werden wir aber ohne alle Nahrung anfan- sem Festabend konnte der Ärmste in Swislowitz in
gen? Wie werden wir alle die Bauern bespeisen aufrichtiger Großmut das Gebet sprechen, das den
können, die an unseren Flößen arbeiten?“ Worauf Hausgottesdienst eröffnet: „Wer hungrig ist, kom-
ich die Antwort erhielt, daß wir die Scheune mit ei- me und esse mit! Wer bedürftig ist, komme und fei-
ner besonderen Abmachung an den Wasserträger ere mit uns!“ Es ist verboten, daß irgendjemand
verkauft hätten: sobald Pessach aus wäre und die hungrig sei. Und die weisen Leute der Stadt räso-
Juden wieder gesäuerte Nahrung besitzen dürften, nierten schlau: „Konnte Gott wohl ein schöneres
würde er uns die Scheune zurückgeben. Fest als Pessach gewählt haben, um die Juden aus
Danach stellte ich keine Fragen mehr. Ich fühlte Ägypten zu führen?“
jedoch, wie mich ein Gefühl der Scham beschlich. Wir sind aus der Synagoge zurück. Wir sind zu
Ich dachte bei mir: „Sie haben mich zum besten; Hause. Nichts scheint in meinen Kindheitserinne-
und sie haben auch den Wasserträger zum besten.“ rungen so licht und traut wie dieser Pessachabend.
Als die ganze Familie am Abend dieses Tages um Er hat seinen leuchtenden Glanz für immer über
den leuchtenden Tisch versammelt war und ich als mein Leben gebreitet und in all den Jahren nichts
Jüngster die „vier Fragen“ des Pessachrituals aufsa- von seinem Zauber eingebüßt. Denn an jenem
gen sollte, hatte ich nicht vier, sondern sieben auf Abend war unser Haus ein Schloß, mein Vater war
der Zunge. Vier kamen aus dem Gebetbuch, wo sie König, und wir alle waren Glieder der königlichen
immer stehen: sie hatten auf die Pessachgeschichte Familie, Königin, Prinzen und Prinzessinnen. Und
Bezug. Drei aber kamen aus meinem eigenen Hirn, der ärmste Gast, der mit uns am Tische saß, war ein
Schuster und sie bezogen sich auf den Verkauf der Scheune. Gesandter. Meine Freude war zu groß, um sich ein-
Um zehn Uhr morgens war das Haus von allem dämmen zu lassen; sie strömte über und ergoß sich
Gesäuerten gereinigt worden und wir hatten nur durch das Zimmer und über die Menschen darin.
Osterspeisen zu essen bekommen. Darunter befan- Ich hatte den Wunsch, daß die Erwachsenen mir
den sich aber keine Mazzen, denn es ist verboten, herrliche Geschichten erzählten, und ich wollte ih-
diese bis zum Beginn des abendlichen Festmahls zu nen zum Dank andere erzählen. Ich war erfüllt von
genießen. Wir warteten also auf den ersten Bissen dem wunderbaren Auszug aus Ägypten, und ich er-
Mazzen wie der Bräutigam auf seine Braut. lebte auf meine eigene Weise alle Akte dieses größ-
Der Abend rückt heran, und die Sonne wirft ei- ten Dramas der Weltgeschichte.
nen letzten Schimmer über die Stadt Swislowitz. Der Tisch war an jenem Abend ausgezogen und
Erneuert und gereinigt scheint jedes jüdische Haus mit Einlagen versehen worden, damit alle Gäste
an diesem Tage zu leuchten. Auf jedem Tische Platz fanden. Oben an der Tafel saß mein Vater ge-
prangt das größte, prächtigste und blendendste gen Kissen gelehnt, die zu seiner Rechten lagen –
Tischtuch. Die Kinder haben ihre neuen Kleider ein Symbol seiner Freiheit, Majestät und Herr-
angelegt. Sogar die Straße ist gefegt und der Gang schaft. Ihm zur Seite saß meine Mutter. Die Ehren-
bis zum Hause mit reinem gelben Sand bestreut plätze neben ihnen waren den Gästen angewiesen
worden. Durch die stillen Straßen mit ihren zart- und danach kamen die Plätze für die Familienmit-
knospenden Bäumen gehen wir, jung und alt, zur glieder. Eine Menge Pokale und Weingläser, von
10 Synagoge. Alles atmet Zufriedenheit, Fülle und leuchtenden Karaffen umgeben, funkelten auf der
Tafel. Mein Vater leitete die Sederfeier mit könig- Propheten. Aber meine
licher Würde, ohne Hast und ohne Ungeduld. Da Spannung hatte mich
mein jüngerer Bruder noch zu klein war, um die wieder einmal ver-
„vier Fragen“ zu rezitieren, fiel dieser Teil der Ze- wirrt: ich konnte mich
remonie mir zu. Ich aber fühlte etwas wie Beschä- nicht genau besinnen,
mung, mit einer so simplen Rolle beteiligt zu sein, wie hoch der Wein vor-
denn ich verstand fast die ganze Haggada. Und so her im Glase stand.
rezitierte ich die vier Fragen auf hebräisch mit ihrer Vielleicht hatten die
jiddischen Übertragung wie jemand, der einem Lippen des Propheten
Zwang gehorcht. Auf die Frage folgte das Hersagen den Wein unsichtbar,
der Antworten. Groß war mein Triumph, als wir an kaum merklich be-
das Aufzählen der Plagen kamen, die den Ägyptern rührt. Und den ganzen
auferlegt worden waren, und er steigerte sich noch, Abend machte ich mir
als wir von den komplizierten Berechnungen ge- Gedanken, fiel dabei in
wisser Gelehrten lasen, die auf Grund einer eige- einen Halbschlaf, bis mein Vater mich weckte und Innenraum der Synagoge
nen Logik nachwiesen, daß die Ägypter nicht von mich aufforderte, mit allen anderen zusammen das von Berditschew
zehn, sondern von ganzen zweihundertundfünfzig letzte der Haggadalieder zu singen: „Chad gadja,
Plagen heimgesucht wurden. Geschieht ihnen chad gadja, ein Lämmlein, ein Lämmlein, mein Va-
recht, dachte ich: das wird sie lehren, die Juden in ter kauft es bar, sein Preis zwei Sussim war. Chad
Ruhe zu lassen. gadja, chad gadja.“
In der Mitte des Tisches stand der Becher mit Nicht wir Kinder allein glaubten, daß Elia, der
Wein, der nach dem Ritual für den Propheten Elia Prophet, erscheinen und aus reiner Höflichkeit das
vorbereitet werden muß. Niemand darf daraus Weinglas wenigstens mit den Lippen berühren wür-
trinken außer ihm, wenn er im rechten Augen- de: Millionen von Juden hatten es für ihn bereit ge-
blick unsichtbar erscheint. Und ich behielt den Be- stellt und Millionen von Juden hatten ihren Glau-
cher fest im Auge, um zu beobachten, ob sich ben an ihn gezeigt. Es gab Erwachsene, ernste lang-
nicht eine Verringerung des bis an seinen Rand bärtige Juden, die sein augenblickliches Erscheinen
reichenden Inhalts bemerkbar machte. Natürlich erwarteten und nicht im mindesten erstaunt gewe-
zweifelte niemand von uns, daß Elia an diesem sen wären, wenn der ernste Tischbite* plötzlich * Elija aus Tischbe,
Abend in jedem jüdischen Hause erschien. Wir durch die offene Tür hereingeflogen wäre. Es gab daher Tischbite(r)
wußten aber auch, daß es ihm ganz unmöglich wä- getreue Gläubige, die bitter enttäuscht waren,
re, die Tausende und Abertausende von Trinkbe- wenn so Jahr um Jahr dahinging, ohne daß Elia der
chern zu leeren, die für ihn bereit standen. Ein Prophet beim Öffnen der Tür sein Erscheinen
kleines Schlückchen hätte er aus jedem Pokal neh- kundtat.
men können, und ich lauerte wie gebannt auf ein Nur einem einzigen Menschen in unserer Stadt,
Zeichen wenn auch noch so geringer Abnahme und zwar dem ungebildetsten Swislowitzer Juden –
der Weinmenge. Als der Augenblick gekommen keinem anderen als Ascher Pakess, seines Zeichens
war, erhoben wir uns alle von unseren Sitzen, Wasserträger und Wächter der Gratisherberge –
mein Vater öffnete die Tür und sprach die schau- war die Auszeichnung zuteil geworden, den Pro-
rigen Worte: „Ergieße Deinen Zorn über die Völ- pheten nicht nur einmal, sondern volle zwei Male
ker, die Dich nicht anerkennen ...“ Ich hielt den zu erblicken. Pakess war eine durch und durch ein-
Atem an und schaute und lauschte. O, ich wußte fache Natur, das heißt, er hatte die Einfalt seiner
wohl, daß Elia nicht wie ein gewöhnlicher Mensch Kindheit in sein Mannesalter übertragen und faßte
grob sichtbar und hörbar eintreten konnte! Aber alle Dinge buchstäblich auf. Er war auch so ehrlich
ich erwartete einen Schatten, den Hauch eines wie ein Kind; sein Sinn wich nicht um Haaresbreite
Tons, ein Schlüpfen von Fußtritten. Die Beschwö- vom Wege ab. In der Synagoge hatte Ascher Pakess
rung war beendet, die Tür wurde geschlossen, und seinen Platz auf der für Bettler bestimmten harten
ich vermochte nichts zu sagen. Hatte ich etwas ge- Bank hinter der Kanzel. Aber er setzte sich niemals.
hört? Hatte ich gefühlt, daß etwas vorbeikam? Ich Er stand dort während der ganzen Sabbatandacht
sah prüfend nach dem Tisch und dem Becher des in seinem zerfetzten, schmierigen Gebetschal, mit 11
Unseren Leserinnen
und Lesern
wünschen wir
Chag Sameach zu Pessach
und Frohe Ostern !

einem solchen Ausdruck der Verwunderung und rer, zu wiederholen. Er erzählte sie einfach, rück-
Entrücktheit auf dem Gesicht, als wäre er nicht ein haltlos, wie ein Kind ein Erlebnis berichtet. Es gab
Teil der ihn umgebenden Welt. aber einige, die nicht lachten. Sie fragten sich: wer
Eben diesem Ascher Pakess wurde die hohe mag wissen, wer die Ziege war? Wer mag wissen,
Auszeichnung zuteil, Elia, den Propheten, zweimal wer sich hinter dem Gast in dem langen Gewande
in Person zu schauen. Während des Osterfestes war verbarg – was auch immer Israel, der Sohn Joseph
die Gratisherberge leer, denn selbst die Bettler fan- Bärs, behauptet? Und wer konnte am Ende wissen,
den während dieses Festes irgendwo Aufnahme. wer Ascher Pakess, der Einfältige, selber war? War
Ascher und seine Frau waren also ganz allein im es nicht schon oft vorgekommen, daß der Holz-
Hause, und sie begingen den Sederabend zu zweit. hacker gar kein Holzhacker, der Wasserträger kein
Aschers Frau, die etwas geweckter war als er, kann- Wasserträger war? Und muß man nicht an die
te alle Einzelheiten der Sederfeier. Sie wußte also sechsunddreißig verborgenen Heiligen denken, die-
auch, daß man den größten und hübschesten Be- se bescheidenen, stillen Geister, die in niedriger
cher auf dem Tische für Elia den Propheten bereit- Gestalt über die Erde wandeln, und durch deren
Shmarya Levin (1867 Swis- zustellen hatte. Sie wußte auch, daß bei der Stelle Tugenden die Welt besteht? Wer könnte sagen, daß
lotsch/Russland – 9. Juni 1935 „Ergieße deinen Zorn“, die Tür weit geöffnet wer- er nicht einem dieser Heiligen in der Gestalt eines
Haifa) hat 1929–1932 drei Bü- den mußte. Im richtigen Augenblick riß Pakitscha frommen ehrlichen Geistesarmen begegnet wäre?
cher mit seinen Lebenserinne- die Tür weit auf und – eine Ziege trabte gerade- Zwischen den ersten beiden und den letzten
rungen in Englisch publiziert. wegs in die Stube. Weder Ascher noch seiner Frau beiden hohen Osterfesttagen liegen vier Halbfeier-
In deutscher Übersetzung er- kam es in den Sinn, die Ziege hinauszujagen. Sie tage. Es ist immerhin Pessach. Alle gesäuerten Spei-
schienen nur Jugend in Auf- wußten, wer die Ziege war. Das war Elia der Pro- sen sind verboten. Man darf aber arbeiten und darf
ruhr (1933) sowie der Band phet in einer jener Verwandlungen, von denen in seinem Beruf nachgehen. Während der ganzen
Kindheit im Exil (1935), aus den Volkssagen so oft erzählt wird. Die Ziege, die Festzeit, von Anfang bis zu Ende, lebten wir herr-
dem wir hier ein gekürztes Ka- so freundlichen Willkomm fand, ging bis zur Mitte lich und in Freuden. Nichts hatte man nach dem
pitel bringen. des Zimmers, sprang mit beiden Vorderfüßen auf Gottesdienst zu tun, als Besuche zu machen und zu
den Tisch, beschnupperte eine der Mazzen, als ob empfangen. Und die Bewirtung: Kuchen, Nasch-
sie ein Gebet darüber spräche, und warf den Wein- werk, kandierter Ingwer, delikate Spezialgerichte
becher Elias, des Propheten, um. Hier konnte aus Mazzenmehl, Eingemachtes aus Rettig und Rü-
Ascher Pakess sich nicht mehr halten. „Rabbi, Pro- ben ... Und gebratene und gefüllte Hühnerhälse
phet,“ rief er atemlos. „Sei nicht böse, bitte. Iß so- und Hühnerfleck, und Marmelade und Früchte al-
viel du willst. Trinke soviel du willst. Aber, bitte, ler Art! Und zu alledem bekamen wir Wein und
zerbrich nichts.“ Met zu schlürfen, soviel wir wollten. Und wir
Am zweiten Pessachabend, an dem dieselbe Ze- konnten recht viel davon trinken, da es zu Hause
remonie in jeder Einzelheit wiederholt wird, er- fabrizierter Rosinenwein war, an dem man sich
schien bei dieser Stelle ein zweiter Besuch. Ein schwerlich betrinken konnte.
Mann in langem weißen Gewande, die Mütze tief Am Nachmittag des achten Ostertages wurden
ins Gesicht gedrückt, erschien an der Tür, trat ein die verbogenen, rituell nicht ganz einwandfreien
und schritt auf den Tisch zu. Ascher war durch die- Mazzen verteilt, ein Symbol, daß Pessach zu Ende
sen Gast weit mehr erschreckt als durch die Ziege. ging. Und damit endete auch mein erstes Cheder-
Er schrie vor Entsetzen auf. Der Gast erhob aber jahr. Ich war noch ein Kind, hatte aber bereits et-
nur den Becher des Propheten, trank ihn leer und was vom Erwachsenen. Ich wußte schon viel über
verschwand. Unter den Juden von Swislowitz unser Volk und über die Lehre unseres Volkes. Ich
sprach es sich herum, daß der Gast Israel, der Sohn verstand ein wenig von dem Sinn des dunklen
Joseph Bärs, des Kantors, gewesen war. Ascher Pa- Wortes Galut, Exil, das in unseren Gesprächen im-
kess war jedoch fest überzeugt, daß kein anderer als mer wiederkehrt, und hatte bereits erfaßt, warum
Elia der Prophet in einer anderen Verkleidung aber- die Juden so oft für das Kommen des Messias be-
mals erschienen war, um den Weinbecher zu leeren. ten. Das Kind in mir war noch glücklich, sorglos
Diese beiden Geschichten waren in Swislowitz all- und frei; aber dann und wann entschlüpfte meinen
gemein bekannt, und Ascher war jederzeit bereit sie Lippen ein Seufzer – ein Seufzer, für den ich keinen
12 auf Verlangen, zum großen Gaudium seiner Zuhö- Grund angeben und den ich nicht erklären konnte.
Buchgestöber
Konfliktreiche Korrespondenz Jerusalem“ zum Abbruch der Korrespondenz. Zu
Mit dem Briefwechsel zwischen der politischen einer nicht mehr tragbaren Hypothek wird Arendts
Theoretikerin Hannah Arendt und dem Religions- Kritik an den „Judenräten“ während des Genozid
historiker Gershom Scholem wird Intellektuellen- und die These von der „Banalität des Bösen“. Scho-
Geschichte des 20. Jahrhunderts zugänglich ge- lem kommentiert dies: „Ich möchte nur sagen, dass
Ihre Darstellung Eichmanns als eines Konvertiten
Hannah Arendt/ Gershom Scholem: Der Brief- des Zionismus nur bei jemandem denkbar ist, der
wechsel, hrsg. von Marie-Luise Knott, Frank- ein so tiefes Ressentiment auf alles hat, was mit
furt/M: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag dem Zionismus zusammenhängt, wie Sie.“ (433)
2010. 695 Seiten. Ein Jahr später endet der Briefwechsel mit einem
39,90 Euro. ISBN 978-3633542345. von Scholem angedachten Treffen, das nicht zu-
stande kommt.
Der größte Teil der Korrespondenz spiegelt eine
Lebenswelt wider, in der Verlagsverhandlungen,
macht, welche das beschwerliche Leben im poli- wissenschaftliches und politisches Publizieren so-
tischen Exil und die drängenden Fragen zweier wie die gemeinsame intensive Tätigkeit in der Je-
Denker unmittelbar nach der Shoa aufzeichnet. In- wish Cultural Reconstruction (JCR) im Fokus ste-
mitten der Wirren des Zweiten Weltkriegs setzt der hen. Abgerundet wird der Briefwechsel durch einen
archivierte Briefwechsel mit der Nachricht über lesenswerten Kommentar der Herausgeberin, ein
Walter Benjamins Tod 1940 ein. Die Freundschaft Personenverzeichnis und die field reports, die Han-
beider mit dem Philosophen und Literaturkritiker nah Arendt bei ihren Deutschlandaufenthalten in
Benjamin ist zu Beginn das einigende Band zwi- den Jahren 1949/50 für die JCR verfasste.
schen Arendt und Scholem, welches in der Folge Jens Zimmermann
immer wieder stärksten Belastungen ausgesetzt ist.
Zunächst verbindet beide die Sorge um gemein- Ein Tag im jüdischen Regensburg
same Freunde und Bekannte, die auf der Flucht vor Der elegante Begleitband zu einer Ausstellung von
den NS-Schergen sind und von deren Verbleib nie- 2009 entnimmt seinen Titel dem Roman des jid-
mand Kenntnis hat. Nach und nach berichtet Han- dischen Schriftstellers Joseph Opatoshu (1886–
nah Arendt über die „Neuankömmlinge“ in New 1954) „A tog in Regensburg“ (1932) – eine farbig
York und ihre alltäglichen Probleme des „Hei- fabulierende Reminiszenz an die Zeit kurz vor der
mischwerdens“. Gerade die Exilerfahrungen Vertreibung der Regensburger Juden im Jahr 1519.
Arendts machen die eindringlichsten Schilderungen Wir wussten nicht, dass Opatoshu mit Marc
des Briefwechsels aus. Intensive publizistische Akti- Chagall befreundet war, der dessen Begeisterung
vitäten Arendts kennzeichnen jene Zeit, aber auch für die jiddische Literatur teilte und Opatoshus Er- Sabine Koller(Hg.): Ein Tag im
die Notwendigkeit der Erwerbstätigkeit, die sie im- zählung illustrierte, was uns hier sinnlich fassbar Jüdischen Regensburg mit
mer wieder in Beschlag nimmt. In diese Schaffens- vermittelt wird. So ist ein ganzer Aufsatz der jid- Joseph Opatoshu und Marc
phase gehört auch die gemeinsame Planung einer dischen Sprache und ihrer überraschenden Bezie- Chagall. Passau: Verlag Karl
Anthologie der Schriften Benjamins, welche aller- hungen zu Regensburg gewidmet. „Adversus Judae- Stutz 2009. 120 Seiten.
dings wegen ungeklärter Urheberrechte und quä- os“, das 3. Kapitel, untersucht die jüdische Kultur 19,80 Euro.
lender Suche nach einem Verlag immer wieder ins im Spiegel christlicher Kunst und politischer Ideo- ISBN 978-3-88849-963-0.
Stocken gerät. logien über mehrere Regensburger Jahrhunderte
Die Atmosphäre wird zunehmend gespannter. hin, was sich als faszinierend erweist. Der ihm fol-
Im Januar 1946 reagiert Scholem „erbittert“ und gende Beitrag schildert die Nachkriegssituation der
„fassungslos“ auf Arendts Artikel „Zionism recon- „displaced persons“. Da Jiddisch die Sprache dieser
sidered“. Ihrer Kritik der zionistischen Politik wirft Überlebenden war, geht es auch um deren 1946
er angesichts des antisemitischen NS-Wahns „Zy- erstmals erscheinende Regensburger Zeitung Der
nismus“ vor. Zwar kommen sie über diesen Kon- nayer moment.
flikt hinweg, doch wird das Einvernehmen beider Der Band zeichnet sich durch seine inhaltliche
spürbar brüchig. 1963 schließlich führen die Disso- Gestaltung aus: Die eine Stadt, das jüdisch/jiddische
nanzen um Arendts Prozessbericht „Eichmann in Regensburg, in literarischer, linguistischer, ge-
13
STUDIE

schichtlicher und kunstgeschichtlicher Hinsicht be- stellung des 2006 gegründeten „Bundes jüdischer
trachtet. Auch die künstlerische Aufmachung mit Soldaten“, dessen Gründungsvorsitzender der Au-
hervorragenden Abbildungen macht diese reichen tor ist, und seiner verdienstvollen Bemühungen, die
Regensburger Tage zu einer dauerhaft ansehn- lange Tradition jüdischer Soldaten in deutschen Ar-
lichen, einer wertvollen Zeit. Annette Sommer meen in ihren Höhen und Tiefen wachzuhalten. jr

Jüdische Soldaten ‚Entjudung‘ des Christentums


Michael Berger, Mitarbeiter am Militärgeschicht- Nach der Wende war die Autorin, Eli Black Profes-
lichen Forschungsamt der Bundeswehr, zeichnet ei- sorin für Jüdische Studien am Dartmouth College,
ne umfassende Gesamtschau des Militärdienstes jü- die erste Amerikanerin und die erste Jüdin, die im
discher Soldaten in den deutschen und österrei- Archiv der thüringischen Landeskirche in Eisenach
chisch-ungarischen Armeen des 19. und 20. Jahr- recherchierte. Ihr Augenmerk galt dort vorhande-
hunderts. Was mit dem Emanzipationsedikt von nen, in den meisten Fällen noch ungeordneten Do-
1812 hoffungsvoll zu beginnen schien endete mehr kumenten, für die sich bislang noch kein deutscher
als 150 Jahre später in den Ghettos und Vernich- Kirchenhistoriker und Theologe zu interessieren
schien. Es waren die Anfänge einer beachtlichen
Michael Berger: Eisernes Kreuz – Doppelad- Studie über das 1939 auf der Wartburg gegründete
ler – Davidstern. Juden in deutschen und ös- Institut zur Erforschung und Beseitigung des jü-
terreichisch-ungarischen Armeen. Der Mili-
tärdienst jüdischer Soldaten durch zwei Susannah Heschel: The Aryan Jesus. Christi-
Jahrhunderte: Berlin: trafo 2010. 467 Sei- an Theologians and the Bible in Nazi Germa-
ten. 49.80 Euro, ISBN 3-89626-962-1. ny: Princeton University Press 2008. 339 Sei-
ten. 29,95$, ISBN 978-0-691-12531-2.

tungslagern. Damit sollte auch die Erinnerung an


die soldatischen Leistungen und die Opfer der jü-
dischen Soldaten für ihr deutsches Vaterland für
immer ausgelöscht werden. dischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Le-
Aufschlussreich ist die vergleichende Gegenü- ben. Das Referat von Walter Grundmann, Mitglied
berstellung der Situation im preußisch-deutschen der Jenaer Theologenfakultät und führender Kopf
Militär mit der der Armee des habsburgischen Viel- des ‚Entjudungsinstituts‘, bei der Eröffnungsveran-
völkerstaates, in der jüdische Offiziere eine bedeu- staltung auf der Wartburg über „Die Entjudung des
tende Rolle spielten. Am Beispiel der Armeen – und religiösen Lebens als Aufgabe der deutschen Theo-
das wird in dem Band eindrucksvoll belegt – lässt logie und Kirche“ gehalten, war zugleich das Pro-
sich augenfällig zeigen, dass zwischen dem Deut- gramm, das in vielen Tagungen und Schriften der
schen Reich und der Habsburgermonarchie hin- Einrichtung behandelt wurde. Das wird in der Stu-
sichtlich des Umgangs mit dem jüdischen Bevölke- die eingehend untersucht und in den Kontext des
rungsteil Welten lagen. In diesem Zusammenhang christlichen Antisemitismus gestellt. Mitglieder des
war es besonders fatal, dass die im Kaiserreich üb- Instituts, das nach dem Krieg aus finanziellen (!)
liche Offizierswahl auch in der Reichswehr der Gründen geschlossen wurde, waren rund 100 anti-
Weimarer Republik erhalten blieb. semitische Pfarrer, leitende Geistliche und Theolo-
Im Anhang findet sich auch der Abdruck des gieprofessoren der Glaubensbewegung ‚Deutsche
Gedenkbuches mit der namentlichen Auflistung der Christen‘. Keiner der Nazi-Theologen wurde später
jüdischen Gefallenen der deutschen Streitkräfte des für seine bekenntniswidrigen Aktivitäten zur Re-
1. Weltkriegs, das der Reichsbund jüdischer Front- chenschaft gezogen, mit denen sie dem Völker-
soldaten (RjF) 1933 veröffentlichte. Ihrem Geden- mord an den Juden eine wichtige religiöse Legiti-
ken und den jüdischen Kriegsteilnehmern, die im mierung gegeben hatten. Viele von ihnen konnten
Holocaust ermordet wurden, ist der Band gewid- nach 1945 ihre kirchlichen Karrieren in Ost und
met. West fortsetzen. Walter Grundmann arbeitete als
14 Der Band ist zugleich auch ein Stück Selbstdar- IM für die Staatssicherheit. jr
Mitteilungen
An den bundesweiten Aktionstagen der Bundes- Im Herbst 2011 wird Rabbiner Dr. Daniel S. Katz,
zentrale für politische Bildung beteiligt sich das Vereinsmitglied des Steinheim-Instituts, als Daniel
Steinheim-Institut auch in diesem Jahr gerne wie- Jeremy Silver Fellow ein Forschungssemester am
der. Unsere Veranstaltung widmet sich dem The- Center for Jewish Studies an der Universität Har-
menkreis Soziale Gerechtigkeit und Wohlfahrt im Juden- vard verbringen. Das Forschungsinteresse des in
tum. Hilfsbedürftigkeit und soziale Ungleichheit, New York geborenen Musikwissenschaftlers gilt
ihre Ursachen, aber auch die Möglichkeiten ihrer der synagogalen Musik des 18. und 19. Jahrhun-
Milderung gehören zu den ältesten Fragen aller Ge- derts. Rabbiner Katz erhielt zweimal das Fulbright
sellschaften. Der Aktionstag diskutiert die Antwor- Stipendium, war von 2002 bis 2007 Gemeinderab-
ten des Judentums, das ja eine große sozialethische biner der Jüdischen Gemeinde Duisburg – Mül-
Tradition besitzt. Unsere Vorträge befassen sich zu- heim – Oberhausen, ist Dozent am Abraham Geiger Daniel S. Katz
nächst mit den biblischen Geboten, ihren Erläute- Kolleg Kantorenseminar und Mitglied der Allgemei-
rungen und der hier begründeten Sozialgesetzge- nen Rabbinerkonferenz des Zentralrats der Juden
bung. Daraufhin spüren wir dem Einfluss nach, den in Deutschland. Das Daniel Jeremy Silver Fellow-
jüdische Überlieferung und praktische Wohlfahrts- ship wird an Gemeinderabbiner vergeben, die sich Impressum
pflege auf die sozialen Errungenschaften der Mo- durch „… exceptional intellectual and academic
Herausgeber
derne hat: bei der Herausbildung des Sozialwesens ability and interest, originality, and energy in the Salomon Ludwig Steinheim-Institut
im 19. und 20. Jahrhundert und der Grundlegung pursuit of Jewish scholarship“ auszeichnen. In Har- für deutsch-jüdische Geschichte
an der Universität Duisburg-Essen,
des modernen Sozialstaats. Kalonymos-Leser sind vard wird D. Katz über Hirsch Weintraub (1817–
Campus Duisburg
sehr herzlich dazu eingeladen (formlose Anmel- 1881) forschen, Königsberger Kantor und Kompo- ISSN
dung erwünscht). Organisation und Durchführung: nist. 1436–1213
Harald Lordick, Beata Mache, Annette Sommer. Redaktion
Donnerstag, 19. Mai 2011, 14.00 bis 18.00 Uhr im Prof. Dr. Michael Brocke
Dipl.-Soz.-Wiss. Harald Lordick
Rabbinerhaus (an der Alten Synagoge Essen), Ed- In der Editionsreihe Deutsch-jüdische Autoren des 19.
Beata Mache M.A., Annette Sommer
mund-Körner-Platz 2, 45121 Essen. Jahrhunderts ist mit den Schriften zur jüdischen Sozi-
Redaktions-Assistenz
alethik der nunmehr dritte Band erhältlich. Er Karina Küser
Als Mitglied des Wissenschaftsforum Ruhr wird das macht kaum noch greifbare Aufsätze von Autoren Layout
Steinheim-Institut auch im laufenden Jahr wieder wie Samuel Holdheim, David Einhorn, Meyer Kay- Harald Lordick
auf der Wissenschaftsmesse des Forums präsent serling, Hermann Cohen und vielen anderen wie- Postanschrift der Redaktion
sein. Unter dem Motto Wissenswelten Metropole Ruhr Geibelstraße 41
Gotteserkenntnis und Menschenbild. 47057 Duisburg
werden zahlreiche Institute dem Publikum die Viel-
Schriften zur jüdischen Sozialethik 1 Telefon
falt und Kompetenz der Wissenslandschaft Ruhrge- +49(0)203-370071
(Deutsch-jüdische Autoren des 19. Jahr-
biet vor Augen führen. So lässt sich an einem Tag Fax
hunderts. Schriften zu Staat, Nation, Ge-
das ganze Spektrum aus Naturwissenschaft und +49(0)203-373380
sellschaft). Herausgegeben von: Michael
Technik, Geistes- und Gesellschaftswissenschaften E-Mail
Brocke und Jobst Paul. Böhlau Verlag, k alony mos@steinh eim -institut .org
erleben. Wissenschaft zum Greifen nah, auf Tuch-
2011, 232 Seiten. Internet
fühlung gehen mit Forschungseinrichtungen wie
ISBN 978-3-412-20452-5, 34,90 Euro www.steinheim-institut.de
Fraunhofer und Max-Planck, das empfiehlt sich
Druck
insbesondere dem Nachwuchs, Schülern und Stu- der zugänglich. Das Buch war treffenderweise Brendow Printmedien
dierenden, kann es doch Orientierung für die Be- rechtzeitig zum Symposium am 21. Februar 2011 47443 Moers
rufsplanung bieten. Auch die Erforschung deutsch- erschienen, das das Steinheim-Institut und das Versand
jüdischer Geschichte und Kultur wird bei diesem DISS der Edition gewidmet hatten. Neben den Wis- Vierteljährlich im Postzeitungsdienst
kostenlos für unsere Leser
öffentlichkeitswirksamen Event vertreten sein, in- senschaftlern beider Institute diskutierte ein mit
Spendenkonto
dem wir uns an der Themenlandschaft Erinnerungs- Prof. Itta Shedletzky (Jerusalem), Prof. Daniel Kt.-Nr. 238 000 343
kultur beteiligen, gemeinsam etwa mit dem Westfä- Krochmalnik (Heidelberg), Prof. Christian Wiese Stadtsparkasse Duisburg
lischen Wirtschaftsarchiv. Neben einem Infostand (Frankfurt) und PD Dr. Dirk Halm (Essen) hervor- BLZ 350 500 00

des Steinheim-Instituts erwartet Sie eine Ausstel- ragend besetztes Podium. Politische Unterstützung
lung von Raritäten aus unseren Archiven und eine gab es seitens der Landesregierung Nordrhein-West-
Live-Präsentation unserer Forschungen. Einen Be- falen mit einem Geleitwort der Ministerin für Bun-
such wert ist sicher auch das attraktive Rahmen- desangelegenheiten, Europa und Medien, Dr. An-
programm und nicht zuletzt, dass die Messe in den gelica Schwall-Düren. Für die Förderer der Edition
Räumen der populären und auch an diesem Tag zu- sprach Prof. Andreas Schlüter, Generalsekretär des
gänglich bleibenden Arbeitswelt-Ausstellung statt- Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft. Die
findet. Alte Synagoge Essen - Haus jüdischer Kultur
Wissenswelten Metropole Ruhr. 15. Juli 2011. DASA. schließlich war der hervorragend geeignete Ort für
Friedrich-Henkel-Weg 1–25. 44149 Dortmund. die gelungene Veranstaltung. 15
Foto: Harald Lordick
PESSACH

Im Rabbinerhaus der Teilnahme an einem Sederabend 1933 im Kib-


buz Kinneret und auch in den folgenden Jahren
Mut zu einem Neubeginn ist eine von Ulrike Tho- werden immer wieder dankbare Erinnerungen
mas zusammengestellte Sammlung von Briefen der wach an die unvergleichlichen Sederabende in Eva
Essener Künstlerin Eva Samuel, die diese in den Samuels Essener Elternhaus: Schöner aber noch [als
Jahren 1932 bis 1948 aus Palästina an ihre in der Schabbat] ist der Sederabend, auf den wir uns
Deutschland zurückgebliebenen Eltern schrieb. freuen ein ganzes, langes Jahr, meine Geschwister
und ich! Da wächst der Tisch und dehnt seine weiße
glänzende Fläche fast von Wand zu Wand, um allen
Gästen Platz zu bieten; und alles Schöne des Hauses
bringen wir, um ihn zu schmücken, bunte Gläser
und Silberbecher, Leuchter und feingeschwungene
Schalen und Vasen, die Fülle der Frühlingsblumen
zu fassen. Vaters Stuhl mit dem großen Kissen ord-
nen wir, und Mutter bringt die Sederschüssel mit der
Mazze, dem Brot des Elends, das die Väter in der
Wüste aßen, und all den Kräutern, die so viel bedeu-
ten, und den großen Becher für den Propheten, stel-
len wir hin. Ob er kommen wird, heute? Ob er end-
lich kommt? Wenn wir seinen Becher füllen, seh’ ich
Sedermahl im Rabbinerhaus, Nach deren Tod in Theresienstadt 1942 reißt die verstohlen die Reihe der Gäste an, Gesicht um Ge-
gemalt von Eva Samuel Korrespondenz nicht ab, sondern richtet sich fort- sicht, ob einer sein Kommen glaubt? Ob einer zit-
an an Else Schubert, eine langjährige Freundin der ternd in Erwartung steht, wie ich? Doch keiner
Samuels und Großmutter der Herausgeberin. glaubte, und niemals kam er. Die Araber aber in Je-
Eva Samuel (1904–1989), Tochter des Ersten rusalem haben das Tor vermauert, durch das der
Rabbiners von Essen, Dr. Salomon Samuel, (1867– Moschiach kommen soll, das goldene Tor. Ich zürne
1942) und seiner Frau Anna, geb. Friedländer, ent- den Arabern nicht, die ihm den Weg versperren wol-
scheidet sich, im Anschluss an ihre Studien 1932 len; nein, ich liebe sie dafür, daß sie an ihn glauben,
nach Palästina auszuwandern. Wie es ihr – nach ei- so nah und wirklich glauben, daß sie ihn schon be-
ner ersten Zeit der Unsicherheit in einem Kibbuz – kämpfen; und wenn er endlich kommt, so hindert
schließlich gelingt, in der neuen Umgebung als selb- ihn kein Stein und keine Mauer. – Das Wichtigste
ständige Kunsthandwerkerin heimisch zu werden, aber auf dem Tisch sind all die dünnen Büchlein vor
schildern eindrücklich die hier gesammelten Briefe, jedem Platz. In ihnen schläft noch das Märchen vol-
in denen sie das Leben in Palästina bis zum Unab- ler Wunder, die Geschichte vom Auszug unseres
hängigkeitskrieg 1948 mit allen persönlichen All- Volkes aus der Knechtschaft. Heut abend wird sie le-
tagssorgen und -freuden, aber auch mit den bewe- ben, heut werden wir selber in die Freiheit ziehen.
genden politischen Ereignissen jener Zeit lebendig Annette Sommer
werden lässt. – Um einen Einblick in das vielfältige
Schaffen Eva Samuels zu gewähren, hat die Heraus- ***
Mut zu einem Neubeginn. geberin Fotographien von Werken der Künstlerin
Leben in Palästina von 1932 bis beigefügt, die allerdings nicht der Illustration die- Für das Salomon Ludwig Steinheim-Institut werden
1948. Auszüge aus Briefen von nen sollen, denn „Evas anschauliche Schilderungen diese Erinnerungen ab Mai 2011 in besonderer Weise
Eva Samuel und ihrer Familie. bedürfen keiner Illustration.“ Die vorrangig thema- Gegenwart werden. Denn dann wird es auch für uns
Zusammengestellt von Ulrike tisch angeordneten Briefe beschreiben in einem ers- einen Neubeginn geben, wenn wir die Räume des
Thomas (Beiträge zur Förde- ten Teil die unterschiedlichen Phasen der Existenz- ehemaligen Rabbinerhauses der Alten Synagoge Es-
rung des christlich-jüdischen sicherung in der neuen Heimat; im zweiten Teil sen beziehen werden. Möge in unserem Bemühen
Dialogs 2). geht es um außerberufliche Eindrücke und Erfah- um die Erforschung deutsch-jüdischer Geschichte et-
Berlin: Lit Verl. 2010. rungen. Hier ist den jüdischen Festen ein eigenes was von dem Geist dieses Hauses, der in den Worten
344 S. 34.90 EUR Kapitel gewidmet, woraus wir abschließend einen Eva Samuels zum Ausdruck kommt, lebendig werden
16 ISBN 978-3-643-10531-8 kleinen Ausschnitt zu Pessach bringen wollen. Bei und lebendig bleiben.