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Kirche in aller Welt - 2.

Katholizismus - Niederlande / Islamisches 72

mit der jüdischen Heiligen Schrift, R.M. Kerr


welche als „Altes Testament“ den größ-
ten Teil davon ausmacht. Huub Ooster-
huis war und ist mit seinen Liedern,
Religionsgeschichtliche Über-
Gebeten und Predigten ein wichtiger legungen zu Sure 18
Wortführer dieser biblisch-theologi-
schen Neuinterpretation des „gesam-
ten Glaubensinhalts“. Dabei wurde er _______________________________________
entscheidend geprägt von sowohl jüdi-
scher wie auch protestantischer und Drum an den Isthmos komm! dorthin, wo
katholischer Seite: von Abel Herzberg das offene Meer rauscht
und Rabbiner Yehuda Ashkenasy, der Am Parnaß und der Schnee delphische
biblischen Theologie der protestanti- Felsen umglänzt,
schen Amsterdamer Schule und von
Dort ins Land des Olymps, dort auf die
den Dichtern des „Liedboeks“ (der
Höhe Cithärons,
protestantischen Kirchen), der La-
teinamerikanischen Befreiungstheolo- Unter die Fichten dort, unter die Trauben,
gie und der politischen Bibelauslegung von wo
von Ton Veerkamp. Thebe drunten und Ismenos rauscht im
6. Aus dessen vielen Publikationen, Pre- Lande des Kadmos,
digten und Essays habe ich jetzt, 75 Dorther kommt und zurück deutet der
Jahre nach dem Catechismus von kommende Gott.
Frits van der Meer und fünfzig Jahre Hölderlin
nach dem Nieuwe Katechismus, unter
dem Titel Alles für alle einen (nicht Wer den Koran liest, wenn auch nur in ei-
den) „neuen Katechismus“ destilliert. ner der gängigen Übersetzungen, dem wird
Darin wird auf gut 200 Seiten, ohne seine Themenvielfalt schon aufgefallen
Anspruch auf systematische Vollstän- sein: Die eine Erzählung setzt ein, um
digkeit, versucht, anhand der „Großen dann nach einigen Versen durch eine an-
Erzählung“ der jüdischen und der dere scheinbar spontan abgelöst zu wer-
„messianischen“ („urchristlichen“) den: längere, durchgehende Erzählungen,
Tradition Antworten zu finden auf die wie etwa aus dem Alten oder Neuen Tes-
ewigen Fragen von heute. Ein Glau- tament bekannt, scheinen dem Koran
bensbuch, das den datierten Unter- großenteils fremd zu sein.
schied von katholisch-protestantisch Ein gutes Vorbild dieser Beschaffenheit im
übersteigen will – bestimmt für alle heiligen Buch des Islam bietet etwa die Su-
Menschen guten Willens. ra 18 al-Kahf „die Höhle“. Die ersten acht
7. Alles für alle. Vielleicht ist dies wohl Verse loben ein nicht weiter beschriebenes
die schönste und vollständigste Um- von Gott herabgesandtes Buch, das u.a.
schreibung dessen, was „katholisch“ den Gläubigen zum Verrichten rechtschaf-
im Prinzip und schlussendlich bedeu- fener Werke ermahne, um vor jenen zu
tet. Denn: „Jeder und jede ist von der warnen, die irrtümlich behaupten, Gott
Welt und die Welt ist von jeder und habe Kinder gezeugt - also eine Gegenrede
von jedem“. Anders gesagt: Diese Erde bzw. ein Reskript gegen das trinitarische
– im Weltraum rund und blau – ist Christentum (und nicht per se ein islami-
von niemandem und für alle. sches Glaubensbekenntnis); Gefolgt wird
Cornelis Kok (geb. 1948) studierte Theolo- diese Apologie (Vv. 9-26) von einem guten
gie an der ehemaligen Katholischen Hoch- Beispiel, nämlich der Glaubensstandhaf-
schule von Amsterdam und ist Kirchen- tigkeit der Schläfer in der Höhle (wonach
musiker und Komponist. diese Sure benannt wurde), das eindeutig
Übersetzung aus dem Niederländischen: Abhängigkeit bzw. Bekanntheit mit der
Peter Spinatsch; Copyright by Kees Kok | christlichen Heiligenlegende der ‚Sieben-
Amerpodia <Kees.Kok@amerpodia.nl> schläfer von Ephesus’ voraussetzt, die ge-
meinhin während der Christenverfolgung
des Kaisers Decius um 251 platziert wird.
*** Hierauf folgt eine biblisch anmutende Pa-
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rabel (Vv. 32-53) von zwei Bauern, um die chen, in allgemein verständlicher Form
Allmacht Gottes zu verdeutlichen. Die Ver- vorstellen.
se 52-59 stellen die Mitte der Erzählung Fangen wir mit der Mosegestalt an. Wie
dar, und haben die Funktion eines Schar- erwähnt, entstammt die hier gebotene
niers, eine Ermahnung zum Glauben an- Wandersage nicht dem biblischen Erzähl-
hand „jenes“ Korans (wohl unmöglich der stoff. Obwohl hier Mose als Hauptfigur auf-
uns vorliegende Koran), sowie der von tritt, finden sich die auffallendsten Paralle-
Gott in der Vergangenheit einst entsandten len bei manchen Überlieferungen der Ale-
Verkünder und die bevorstehende Strafe xanderlegende, die seine Reise durch das
für Ungläubige. Danach (Vv. 60-82) folgt Land der Finsternis auf der Suche nach
eine Erzählung von Mose, die keine bibli- dem Lebensbrunnen ausführen. Dies wie-
schen Parallelen aufweist: Mose reist in die derum erinnert an die Zwölf-Tafel-Fassung
Ferne (V. 60: „Ich lasse nicht ab, bis ich des babylonischen Gilgamesch-Epos (aus
die Stelle erreicht habe, an der die Meere älteren sumerischen Wurzeln wohl um
zusammenkommen, und sollte ich lange 1.800 v.Chr.): Nach dem Tod seines treuen
Zeit weitergehen“), um Wissen von einem Begleiters Enkidu in Tafel 8, ist der trau-
namentlich nicht genannten Gottesknecht ernde Held entsetzt über das Todeslos. Der
(in der späteren Tradition mit al-Khidr, Held will jetzt das Geheimnis des ewigen
„dem grünen Mann“, gleichgesetzt) zu er- Lebens entdecken und hört von Utnapisch-
langen (V. 66): „Darf ich dir folgen, damit tim, dem dies als einzigem Sterblichen ge-
du mich (etwas) von dem rechten Weg lungen ist, weil er bei der Sintflut den Göt-
lehrst, den du gelehrt worden bist“, worauf tern geopfert hat. Gilgamesch macht sich
der Diener Gottes antwortet: „Du wirst [es] auf die Reise: Nach verschiedenen An-
bei mir nicht aushalten können, wie willst strengungen, erreicht er die Zwillingsgipfel
du denn etwas durchhalten, wovon du kei- des Berges Maschu am Ende der Erde, da-
ne Kenntnis hast?“ In den Versen 83-98 nach passiert er zwei Wächter, um dann
wird von dhū al-Qarnajn, „der [Besitzer] unter den Bergen für „zwölf Doppelstun-
der zwei Hörner“, erzählt. Dieser wird zu- den“ den Weg der Sonne in die Finsternis
mindest seit Ibn Hišām (frühes 9. Jahr- zu nehmen. Im Garten der Götter ange-
hundert) mit Alexander dem Großen kommen, schickt ihn die dortige Schank-
gleichgesetzt (vgl. auch z.B. Tafsīr al- wirtin Siduri zum Fährmann Urschanabi
Jalalayn z.St.); er reist ebenfalls weit (V. (vgl. Charon in der griechischen Mytholo-
86, bis zum Ort des Sonnenunterganges). gie), der ihn über die Wasser des Todes
Von seinem Mauerbau gegen die Unheils- fahren soll. Beide raten ihm übrigens von
stifter Gog und Magog, Vorboten der End- seinem Vorhaben ab – allein er will „nicht
zeit, wird erzählt. Zum Schluss, eine inclu- ablassen“ –, das ihn zu Utnapischtim jen-
sio, wird das Thema des Anfanges und des seits der Wasser des Todes führen soll
Mittelteiles wieder erörtert: Horcht auf die (sumerisch „Ich habe mein Leben gefun-
Kunde Gottes, und seht seine Zeichen, den“; vgl. Noah, der für seine Verdienste
wenn man gerettet werden will, andern- mit dem ewigen Leben belohnt wird). Bei
falls droht als Lohn eine Zugehörigkeit zu ihm angekommen, will er ihm das ersehn-
der Höllenbewohnerschaft. te Geheimnis des einzig ewig lebenden
In der Koranwissenschaft ist bisher viel Menschen entlocken. Dieser fordert ihn
spekuliert worden über die Quellen und auf, sechs Tage und Nächte wach zu blei-
Textgrundlagen dieser Sure, besonders was ben, was er jedoch nicht aushalten kann.
die Identität der Höhlenschläfer, die Quelle Als Trostpreis bekommt er, auf Bitten der
der Moseserzählung und die des Zweihör- Gattin Utnapischtims, Urschanabi, eine
nigen betrifft. Dass dieser Koranabschnitt Pflanze (Bocksdorne?). Diese kann ihm
literarische Vorlagen hat, steht außer zwar keine Unsterblichkeit bringen, aber
Zweifel. Im textkritischen Eifer wird aber sie soll denen, die davon essen, immer
scheinbar der Zusammenhang der Erzäh- neue Jugend schenken. Gilgamesch will
lung als Ganzes vergessen: was ist der Zu- sie in die Stadt zu den dort wohnenden
sammenhang der Geschichten dieser Sure? Menschen mitnehmen. Als er unterwegs
Im Folgenden wollen wir ansatzweise eini- badet, wird sie ihm von einer Schlange
ge Gedanken, ohne aber die Intertextuali- weggenommen (weswegen sich die Schlan-
tät und Vorlagen ausführlich zu bespre- gen immer häuten können).

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Dass der Erzählstoff der Alexanderlegen- Amun bezeichnet haben,


de(n) z.T. eine Fortsetzung bzw. –schrei- ein Gott, der häufig zwei-
bung der Gilgameschlegende darstellt, ist gehörnt abgebildet ward
offensichtlich („Heldensage 2.0, jetzt mit (vgl. Abb.) und der syn-
neuem Heros“). Hier ist auffallend, dass kretistisch von den Grie-
dies im Koran dem Mose zugeschrieben chen als Zeus-Amun, der
wird, Alexander der Große taucht ja ei- „König der Götter“ verehrt
gentlich erst in der darauffolgenden Peri- wurde; Alexander soll ver-
kope auf. langt haben, von seinen Untertanen als
Dhū al-Qarnajn, der ebenfalls weit reiste, dieser Gott verehrt zu werden und auch
bis zum Ort des Sonnenuntergangs, wobei das Orakel Amuns in der Oase Siwa in der
„er einem Weg folgte“, kam bei einem Ort östlichen Wüste aufgesucht haben,2 der Le-
„zwischen den beiden Bergen an“. Hier gende nach auch der Ort seiner Bestat-
goss er Eisen und Kupfer, um einen un- tung. Nach seinem Ableben erschienen
überwindbaren, aufgeschütteten Wall ge- zahlreiche Münzen, besonders aber die ei-
gen die Unheilsbringer zu errichten. Diese nes seiner Nachfolger, Lysimachos, auf
Handlung des Großen Alexanders gegen denen Alexander als Zeus-Amun abgebildet
Gog und Magog scheint ihren Ursprung bei wurde. Jedoch schon der Diegese zufolge,
Josephus Flavius (Ant. xi 8.5) zu haben in der von Plutarch überlieferten Vita des
(obwohl der Bau einer Mauer am Rande Alexander, lesen wir, dass seine Eltern
der bekannten, d.h. zivilisierten Welt, um Philipp von Mazedonien und Olympias bei
Barbaren fernzuhalten, häufig auch schon ihrer Einweihung in die Mysterien des
in mesopotamischen Königsinschriften Kultes der großen Götter (die sog.
erwähnt wird; auch Gilgamesch soll eine Kábeiroi) auf Samothrake (a.a.O. 2.2) ei-
Stadtmauer um seine Stadt Uruk errichtet nander kennenlernten. Des weiteren er-
haben – mit der Zeit wurde die Welt eben zählt Plutarch, wie am Abend, bevor ihre
unablässig größer). Ehe vollzogen werden sollte, Zeus die
Die unmittelbare Quelle dieser korani- künftige Gemahlin mit Donnerschlag als
schen Erzählung scheint aber eher die sy- Blitzstrahl aufsuchte und dieser dann in
rische „Alexander-Legende“ (Neṣḥānā dīleh ihre Gebärmutter eindrang – so ist die Got-
d-Aleksandrōs) zu sein. Diese erzählt von tessohnschaft Alexanders quasi ab ovo ge-
der Reise Alexanders aus Ägypten mit sei- geben (vgl. auch Pausanias iv 14.7). Des
nem Heer sowie dort ausgeliehenen Me- weiteren lesen wir, dass Philipp einmal
tallarbeitern, erst zu den Quellflüssen des seine Ehegattin im Schlafgemach bei einer
Euphrat und Tigris, unterwegs Verbrecher Schlange liegend antraf und dass sie eine
einsammelnd, um dann weiter zu ziehen, eifrige Teilnehmerin an den orphischen
bis dahin, wo - wie im Koran - der Ort des Riten sowie den dionysischen Orgien war,
Sonnenunterganges in faulen, stinkenden, wo sie überdies als Schlangenbeschwörerin
tödlichen Gewässern mit der Beschaffen- auftrat – sie war also eine Mänade, eine
heit von Eiter (dessen Giftigkeit die mitge- der Bacchantinnen.
nommen Kriminellen erproben mussten) Obwohl kaum geschichtlich, ist diese Be-
zu finden ist. Er bereist dann die Passage schreibung nicht zufällig, Alexander wird
des nächtlichen Sonnendurchgangs, um als eine Dionysosartige Gestalt beschrie-
den Berg Mūsās zu erreichen. Die Verbin- ben: Dionysos „der Zweifachgeborene“
dung zwischen der Moseserzählung und (d.h. von zwei Müttern; vgl. z.B. Diodorus
der des Zweihörnigen ist eine Mauer, die Siculus, iii 64.2, iv 4.5), auch vom don-
im Koran ab V. 77, besonders aber in V. nernden Zeus in Schlangengestalt erzeugt:
82 zur Sprache kommt. Die Frage ist, ob in „… Wo dich Sémele, schwanger von
V. 83, mit der Ersterwähnung von dhū al- Zeus, dem Donnerer geboren.
Qarnajn, eine neue Figur vorgestellt wird?
Die Vorstellung Alexanders 2
Vgl. Plutarch, Alexander 27.4, wo ihm eine Got-
als ‚Zweihorn‘ ist nicht von tessohnschaft zugesprochen wurde. In 27.5 ist ei-
ne schöne Anekdote zu lesen, wie Alexander vom
ungefähr: Nach seiner Er- Orakel-Priester mit O Paídon (etwa „O mein
oberung Ägyptens sollen Kind“) angesprochen wurde, seiner ägyptischen
ägyptische Priester Alexan- Aussprache des Griechischen wegen aber klang
der als Sohn des Gottes dies, als ob er Alexander mit O Paidíos anredete,
„Oh Sohn des Zeus“ (hōs paĩda Diòs).
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Andere, Herrscher, sagens von Vielumworbenes Geschlecht, viel-


Theben, dort seiest du geworden – namiges, du des Eubuleus,
Alles ist trug: denn der Vater der Mises, und dir, hochheilig und hehr,
Götter und der Menschen gebar dich, unnahbare Fürstin;
Barg dich weit von den Leuten vor Männlicher und weiblicher Form,
Hera mit weißen Armen. zweileibiger Löser, Iakchos!
Nein, es gibt ein höchstes Gebirge und Ob sich freuet dein Herz in Eleusis
blühend von Wäldern, duftendem Tempel,
Nysa, weit von Phönizien, nah beim Ob in Phrygia auch mit der Mutter du
ägyptischen Strome.“3 Orgien feierst,
Dionysus, der häufig tauromorphisch (d.h. Oder dich Kyprus erfreut mit der
als Stier) vorgestellt bzw. mit Hörnern ab- schönumkränzten Kythere,
gebildet wurde – seine Symbole waren zu- Oder du froh aufhüpfst in heiligen
dem die Schlange und der Phallus –, galt Weizenfeldern,
wie Alexander und Mose als Fremder und Samt der göttlichen Mutter, der
wird meistens mit seinem Thrysus, dem dunkelumhüllten Isis,
mit Efeu und Weinlaub umwundenen, von An Ägyptos wallendem Strom, mit den
einem Pinienzapfen gekrönten Stab, darge- dienenden Ammen:
stellt, den er auch nach Belieben in eine Huldreich nah, und mit edlem Preis
Schlange verwandeln konnte, mit dem er bekröne die Arbeit!“5
Wasser aus Felsen holen und Wunder ver-
richten konnte. Wie später Alexander, so Ein beiläufiger Bibelleser braucht ja nicht
soll auch der Dionysos weit gereist gewe- gerade sein Einfühlungsvermögen zu un-
sen sein, von Ägypten bis nach Indien; am terdrücken, um wohl Bekanntes zu veran-
Ende der (damaligen) Welt, soll er Länder schaulichen: Mises an Ägyptenlandes
erobert haben.4 Er ist der Gott der Epipha- Strom aufgelesen.6 Mose wie Dionysus-
nie, „der kommende Gott“ (Rudolf Otto), Bacchus-Mises haben zwei Mütter (Bima-
der Eleutherios („Befreier“, hier ist aber ter~Dimater), sollen (in jungen Jahren)
Wein, Weib und Gesang gemeint) und ein wie Alexander äußerlich sehr junonisch
Gott der Auferstehung, der Wiedergeburt gewesen sein,7 beide zogen durch das
sowie der Unsterblichkeit, der Kommuni-
zierende zwischen den Toten und Le- 5
Übersetzung nach David Karl Philipp Dietsch, Die
benden, dessen Mänaden die Verstorbenen Hymnen des Orpheus griechisch und deutsch in
alsdann mit Blutopfer speisen. Ursprüng- dem Versmasse des Urtextes zum Erstenmale
ganz übersetzt, Erlangen, 1822, 107. Zu den letz-
lich ward er als Greis mit einem Bart und ten Strophen vgl. Laktanz, Epitome divinarum in-
einer Robe dargestellt, später hinwiede- stitutionum, 18: „Die Gebräuche beim Dienste der
rum bartlos, sinnlich, androgyn und jung. Isis stellen nichts anderes dar, als wie sie ihren
kleinen Sohn, Osiris genannt, verloren und wie-
„Satzungsgebender, Preis, Stab-
der gefunden hat. Zuerst scheren sich die Diener
schwingender, dir, Dionysos, der Göttin an allen Gliedern die Haare ab, zer-
schlagen sich die Brust und suchen unter Jam-
mer und Wehklagen nach dem Knaben, indem sie
3
Übersetzung nach A. Weiher, Homerische Hym- die Gemütsstimmung der Mutter nachahmen;
nen, München und Zürich, Artemis Verlag, dann wird der Knabe durch Cynocephalus [d.i.
6
1989,7; vgl. auch Herodot 2.146, Diodor von Sizi- Anubis] gefunden und so die klagereiche Feier mit
lien, Bibliotheca historica, IV 2.4; Nonnos, Diony- Fröhlichkeit beschlossen“ (Übersetzung „Biblio-
siaka v 567ff. thek der Kirchenväter“). Nach manchen Autoren
4
Hier ist nicht der geeignete Platz einer ausführli- gab es gar zwei Dionysi, einen älteren und einen
chen Lebensbeschreibung dieses Gottes. Vgl. hier- jüngeren (vgl. z.B. Diodorus Siculus iv 5.2).
zu etwa die Dionysiaka des Nonnos von Panopolis 6
Man kann hier auch die Erzählung Plutarchs, De
(byzantinischer Dichter, 5. Jahrhundert), das Iside et Osiride 15-17, anführen, in der Isis bei
letzte große Epos der Antike. Es ist wohl kaum zu- Byblos ein Kind in einer Kiste findet, das dann Pa-
fällig, dass ein anderes großes, diesem Autor zu- laestinus (bzw. Pelusius) genannt wurde.
7
geschriebenen Werk eine poetische Paraphrase Vgl. Josephus, Jüdische Altertümer II 9.5: „Der
(„Metabole“) des Johannes-Evangeliums war – die König hatte eine Tochter, mit Namen Thermuthis.
Vita Jesu nach Johannes und die des Dionysus Als diese am Ufer des Flusses lustwandelte, sah
weisen viele Übereinstimmungen auf, angefangen sie ein Körbchen auf dem Wasser schwimmen und
mit dem Wunder zu Kana. Der Letztgenannte ist befahl einem Schwimmkundigen, ihr dasselbe zu
zudem der einzige griechische Gott mit einer holen. Als dieser den Befehl vollzogen, und sie
menschlichen Mutter, genauerhin einer Jungfrau. den Knaben in dem Körbchen erblickte, freute sie
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Schilfmeer (Erythaeum Mare),8 waren für In der Vulgata liest man es aber etwas an-
ihre Lieder bekannt (Ex 15,1; Deut 32,1- ders:
43), schlugen Wasser aus Steinen (z.B. Ex „cumque descenderet Moses de monte Si-
17,6), verwandelten ihren Stab zu Schlan- nai tenebat duas tabulas testimonii et ig-
gen; Milch und Honig spielen bei beiden norabat quod cornuta esset facies sua ex
eine Rolle, und Bacchus-Dionysus war der consortio sermonis Dei videntes autem
Gott des Weines – die Kundschafter des Aaron et filii Israhel cornutam Mosi faciem
heiligen Landes „kamen bis an den Bach timuerunt prope accedere.“
Eskol und schnitten daselbst eine Rebe ab Also: Moses kam gehörnt (cornuta) vom
mit einer Weintraube und ließen sie zwei Berge Gottes herunter,9 wie schon Mi-
auf einem Stecken tragen, dazu auch Gra- chelangelo wusste, s. seine berühmte
natäpfel und Feigen“ (Num 13,23). Dio- Skulptur des Mose in der Kirche S. Pietro
nysos, wie Mose (und Jesus), ist eigentlich in Vincoli zu Rom (s. Abb.). Natürlich war
der Gott all jener, die außerhalb der Ge- der Grund seiner gehörnten Wiederkehr
sellschaft stehen. Zudem spielt der Berg vom Berg Gottes seine Apotheose, vgl.
natürlich eine überaus wichtige Funktion schon Ex 7,1: „Und der Herr sprach zu
– Νῦσα für Dionysos, Σινά bei Moses (Sep- Mose: Siehe, ich habe dich dem Pharao
tuaginta), Anagramm oder Zufall? zum Gott gesetzt, und dein Bruder Aaron
Als Mose vom Berge Sinai herabkam (Ex soll dein Prophet sein“ – der Prototyp des
34,29-30), steht in den gängigen Bibel- islamischen Glaubensbekenntnis, der
übersetzungen (hier geben wir die Über- Schahâda („Es gibt keinen Gott außer Gott,
tragung Schlatters wieder): Mohammad ist der Gesandte Gottes“). Die
„… und die beiden Tafeln des Zeugnisses Ikonographie eines vergöttlichten Men-
in der Hand hielt, als er vom Berge herab- schen am Berge ist sehr alt, im Alten Ori-
stieg, da wusste er nicht, dass die Haut ent schon bezeugt auf der Siegesstele des
seines Angesichts strahlte davon, dass er akkadischen Königs Naram-Sîn (herrschte
mit dem Herrn geredet hatte. Und Aaron in der zweiten Hälfte des 23. Jh. v. Chr.!;
und alle Kinder Israel sahen Mose, und im Übrigen hat sein Großvater Sargon, der
siehe, die Haut seines Angesichtes strahl- Gründer der ersten semitischen Dynastie
te; da fürchteten sie sich, ihm zu nahen.“ in Mesopotamien, eine Geburtslegende
ähnlich der des Mose), vgl. Abb., in der
der gehörnte, d.h. göttliche, König den
sich sehr ob seiner Größe und Schönheit. Denn Berg zum Sonnengott (vgl. Bacchus!) be-
mit so großer Huld beschirmte Gott den Mose, steigt – so dass er schon während seiner
dass er sogar von denen ernährt und erzogen Herrschaftszeit vergöttlicht wurde, was
werden musste, die aus Furcht vor seiner Geburt
den grausamen Befehl erlassen hatten, alle hebrä-
eindeutig aus der Verwendung des Götter-
ischen Knaben zu töten“ (Übersetzung nach der determinativs bei seinem Namen hervor-
Ausgabe von H. Clementz, Halle, 1900, 111). geht; die altsemitischen Götter werden
8
Vgl. Nonnos, Dionisiaka, xx 352ff. Anderswo teil- häufig gehörnt abgebildet, wie z.B. der
te er die Wasser des Orontes und des Hydaspes Sonnen-ott Utu/ Schamasch (vgl. Abb.).
(heute Jhelum im Punjab, wo Alexander 326 eine
entscheidende Schlacht gewann) mit seinem Stabe
(vgl. Jos 3,15-17; II Kön 2,8). Dies gilt natürlich
auch für den Alexander, vgl. Josephus, Ant., II
9
16.5 (a.a.O. 134), der die Geschichtlichkeit des Im Hebräischen steht hierfür das Verbum qåran
Durchzugs des Mose und der Kinder Israels un- (‫)קָ ַרן‬, eine verbale Ableitung von qéren (‫)ק ֶרן‬
ֶ ֶ֫
termauern will: „Niemand aber möge sich darüber „Horn“ (von *qarnu; vgl. Arabisch, Akkadisch,
verwundern und es für unglaublich halten, dass Äthiopisch usw.; verwandt mit griechisch κέρας,
die damaligen Menschen, die in Schlechtigkeiten lateinisch cornu und deutsch Horn). Im gängigen
noch nicht so bewandert waren, einen Weg zu ih- hebräischen Handwörterbuch von Gesenius (16.
rer Errettung, sei es nach Gottes Willen oder von Auflage, bearbeitet von Fr. Buhl, Leipzig, 1915,
selbst, durch das Meer gefunden haben sollen. 729) steht „strahlen, v. Antlitz des Mose Ex 34,
Denn es ist noch nicht so lange Zeit verstrichen, 29f., 35. So die meisten Verss., nur Aq[uila]. und
da auch vor dem Heere Alexanders, des Königs Vu[ulgata].: gehörnt sein.“ Jedoch s. das partizi-
von Mazedonien, das Pamphylische Meer zurück- pium causativum maqrin (‫ )מַ קְ ִרן‬Ps 69,32 (eben-
wich und ihm, da es keinen anderen Weg zu Gebo- falls Schlatter): „Das wird dem Herrn angenehmer
te hatte, einen solchen eröffnete. Gott bediente sein als ein Stier, als ein Jungstier, der Hörner
sich nämlich seiner Hilfe, um die Herrschaft der und gespaltene Hufe hat.“ Wir erinnern hier, bei-
Perser zu stürzen. Das bezeugen alle, welche die läufig, daran, dass auch Dionysos-Bacchus ein Ge-
Kriegstaten Alexanders beschrieben haben. Doch setzgeber war, der mit zwei steinernen Tafeln zu-
möge hierüber jeder denken, wie ihm beliebt.“ rückkehrte.
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Islamisches 77

Der zweigehörnte Gott ist auch aus ande-


ren Quellen nachzuweisen; so ist in der
altsyrischen Stadt Ugarit ein Gott b‘l qrnjn
(KTU 1.114:20) bezeugt, wortwörtlich
„Baal der zwei Hörner“, wobei eigentlich
‚Baal‘ nichts anders als „Besitzer“ bedeutet
(und keine Gottheit suis generis angibt,10
also eine gute Entsprechung zum oben er-
wähnten arabischen Begriff dhū l-Qarnajn,
„der mit den zwei Hörnern“). In der alten
Welt waren heilige Berge, so z.B. der
Olymp, wichtig. Auch Karthago, jene von
semitischen Phöniziern gegründete Stadt
Nordafrikas, heute bei Tunis, hatte einen
Berg, dessen Namen erst aus römischer
Zeit in lateinischen Inschriften überliefert
ist, mons balcaranensis (CIL viii 2413 ff.;
heute der Nationalpark Jebel Boukorni-
ne), d.i. „der Berg des zweigehörnten
Baals“ (der erste Teil, mons, ist Latein, der
zweite Teil, von der Endung des ‚Ortsna-
mensadjektivs‘ abgesehen, ist Punisch: bal
qarnên), ein zweigipfeliger Berg (s.o.). In
diesem Sinne soll die syrische Stadt Baal-
bek, einstweilen Colonia Heliopolis (die
Stadt des Sonnengottes; heutzutage immer
noch der Sitz eines Titularerzbistums), wo
der Kaiser Antoninus Pius vor dem Tempel
des Jupiter-Baals einen großen Bacchus-
Tempel errichten ließ, nicht unerwähnt
bleiben.11 So gesehen ist es kein Wunder,
dass in der späteren biblischen Überliefe-
rung, nach der monotheistischen Neue-
rung, Mose durch die Umdeutung einen
Strahlenkranz anstatt Hörner bekam, ein
Gott wurde wieder vermenschlicht.
Hier soll nebenbei auf die Bedeutung der
Hörner und der Schlangen eingegangen

10
So z.B. im Althebräischen, wo ba‘al (‫)ב ַעל‬
ַ ֶ֫ den Ei-
gentümer angibt, dann im übertragenen Sinne
auch einen Grundbesitzer/Adeligen bzw. den
Ehemann, vgl. die Wörterbücher.
11
Vielleicht ist dann hier die Heimat des Bacchus,
wenn dieser Name, wohl ursprünglich als Epithe-
ton verstanden, von semitisch *bakaya „weinen“
abzuleiten ist, also „der Beweinte“ im Sinne eines
verstorbenen Gottes, vgl. Eze 8,14-15 zu suchen.
Dass möglicherweise ein semitischer Gott hier zu-
grunde läge ist vielleicht aus dem späteren Syn-
kretismus mit Liber Pater herauszulesen – der ‚pu-
nische‘ Kaiser Septimius Severus hat dessen Kult
in seiner Heimatstadt sehr befördert, im Punischen
vielleicht „El, Schöpfer der Erde“ (vgl. Gen 14,19).
imprimatur, Heft 1, 2017
Islamisches 78

Stierhörner, der Stab und die Schlange sind


also Fruchtbarkeitssymbole der regenerati-
ven Wachstumskraft der Erd(götter), wie
dies Dionysos und Mose einst waren, und
ihre Erwähnung in den hier behandelten
Texten ist keinesfalls zufällig.
Es ist dann eindeutig, auf alten literari-
schen Motiven basiert, dass die Berichte
werden. Hörner sind ein sehr altes Kult- über Mose und dhū l-Qarnajn zwei Teile
symbol, schon z.B. im 8. Jt. v.Chr. in Ça- einer Erzählung sind. Ob der Schreiber
talhüyük bezeugt, später im ganzen östli- dieser Sure mit diesen Namen zwei ver-
chen Mittelmeerraum verbreitet, wo sie schiedene Gestalten im Kopf hatte, ist un-
häufig chthonische Götter, wie etwa Dio- gewiss, was aber für den Inhalt nicht wei-
nysos bzw. deren Attribute, symbolisieren ter relevant ist. Deutlich ist, dass diese Su-
und häufig mit der Doppelaxt, zusammen re ein- und ausgeleitet wird mit einer
also Donner und Blitz, dargestellt werden. Mahnung zum rechten monotheistischen
Diese Eigenschaften, die gedacht wurden, Glauben, mit einer scharnierhaften Wende
den Regen herbeizuführen (vgl. Ex 20,18), in den Vv. 52ff. Die Erzählung von den
gehören zu den Vegetationsgottheiten, wie Schläfern (die ahl al-kahf) in der Höhle
der kretische Zeus und Dionysos (wohl ur- zeigt anschaulich die Gefahr des Glaubens-
sprünglich dieselbe Gottheit) – die Verbin- verlustes, und die Vv. 28-30: die Lösung
dung von Stieren mit dem Wachstum der ist Vertrauen im Herrn. In der nachfol-
Vegetation und der Fruchtbarkeit (s. die genden Schilderung von den zwei Bauern
Zeugung des Dionysos oben) ist eine Gege- wird vor der Versuchung durch materiel-
benheit des alten Glaubens, vgl. etwa die les Gut (vgl. etwa Lukas 12,33) und vor
Buphonia.12 Zudem, auch im alten Ägypten der Undankbarkeit gegenüber Gott (im
geben die Hörner den Osten und den Wes- Sinne der Bergpredigt) gewarnt. Die Er-
ten an, auch den Weg der Sonne in der zählungen von Mose und dhū l-Qarnajn
Finsternis (s.o.) oder der Unterwelt (s. behandeln Überheblichkeit bzw. Anma-
Abb. Sarkophagdeckel Sethi I.), als Körper ßung oder Hybris, im ersten Fall, was die
eines Stiers (d.i. die Erdgottheit) vor- Allwissenheit betrifft, im zweiten, was die
gestellt, sowie die übrigen Himmelsrich- Allmacht anbelangt, vielleicht zusammen-
tungen, den Norden und den Süden, also gefasst in V. 44: Gott gehört die Schutz-
auch ein Symbol der Weltherrschaft. herrschaft, er sei der Beste im Belohnen,
Der Stab des Mose, der maṭṭé ’elōhīm („Stab er schaffe den besten Ausgang.
Gottes“, z.B. Ex 17,9), den er und sein Thematisch hängt das Ganze vielleicht mit
Bruder Aaron zu Schlangen verwandeln Paradiesvorstellungen zusammen. Wie hier
konnten (Ex 4,3, wie dies auch die ägypti- besprochen, sind die Geschichten zu Mose
schen Zauberer taten, z.B. Ex 7,10-12) – und dhū al-Qarnajn im Paradies altorienta-
vgl. den Äskulapstab! – ist auch ein Symbol lischer Vorstellungen (Gilgamesch-Legen-
der Erdgötter der Unterwelt, die verant- de) verortet. Der Garten Eden wird im
wortlich waren für die Vegetation, Regene- Übergang der Höhlenschläfererzählung zu
ration sowie Fruchtbarkeit, das Wunder der von den zwei Bauern erwähnt (V. 31:
der Auferstehung, das Geheimnis der Erde, jannātu ʿadnin tajrī min taḥtihimu l-anhā-
vgl. Abb.: Ra auf seinem Sonnenschiff mit ru – vgl. Gen 2,10). In diesem Licht ist
Stab und Schlange (Sarkophag Sethi I.). vielleicht die Behandlung des Erzählstoffes
Wer den Stab hat, hat auch die vox dei, s. der Siebenschläfer durch Paulus Diaconus
z.B. Ex 4,13-17 –, nicht für nichts ist das (8. Jh. n.Chr.) in seiner Historia Lango-
Hebräische Wort maṭṭeh aus dem Altägypti- bardorum interessant: „In den weitab ge-
schen von mdw entlehnt, wo es sowohl legensten Gebieten Germaniens, gegen
„Stab“ wie auch „Wort“ bedeutet.13 Die Westnordwest, am Ufer des Ozeans selber,
ist eine Höhle unter einem herausragen-
12
Bzw. anschaulicher, so bei Herodot ii 41, dass den Felsen zu sehen, wo seit unbekannter
Kühe im alten Ägypten, der Isis heilig, beim Able- Zeit sieben Männer in einem Tiefschlaf
ben mit den Hörnern aus der Erde ragend begra-
ben wurden.
13
S. hierzu W. Brede Kristiansen, De slangenstaf en lingen der Koninklijke Akadamie van Weten-
het spreekvermogen van Mozes en Aäron, Medede- schappen 1953.
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verweilen, so dass nicht nur ihre Körper, Inârah, Institut zur Erforschung der frü-
sondern auch ihre Kleider unversehrt hen Islamgeschichte und des Koran, hat
blieben, so dass sie nur, weil sie ohne zu einen achten Sammelband mit unter-
verwesen für so viele Jahren verbleiben, schiedlichen Beiträgen von Islamwissen-
von diesen unwissenden und barbarischen schaftlern aus aller Welt veröffentlicht. Sie
Völkern verehrt werden. Diese werden kreisen um zwei Problembereiche: I. Zur
dann, was ihre Kleidung angeht, für Rö- Vor- und Frühgeschichte des Islam, II.
mer angesehen. Als ein gewisser Mann, Zum Koran und seiner Sprache.
von Gier angeregt, einen entkleiden wollte, Ihre gemeinsame Leitlinie ist die Verpflich-
wie erzählt wird, verdorrten seine Arme, tung, sich ausschließlich auf nachprüfbare
und seine Strafe hat die Übrigen so er- zeitgenössische Quellen und eine kritische
schrocken, dass niemand es wagt, sie wei- Analyse des Koran zu stützen. Der Band
ter anzurühren. Nur die Zukunft wird leh- (900 Seiten) hat den Titel „Die Entstehung
ren, mit welchem Sinn die göttliche Vorse- einer Weltreligion IV. Mohammed – Ge-
hung sie für so lange bewahrt. Vielleicht, schichte oder Mythos?“ und ist erschienen
weil es nicht anders sein kann als dass im Verlag Hans Schiler, Berlin.
diese Christen sind, werden diese Stämme Statt einer Rezension soll im Folgenden als
irgendwann durch ihre Predigten be- Exempel einer der Beiträge (S. 71-97),
kehrt.“14 Auch hier wird ein Ort am Ende stark gekürzt und ohne Fußnoten, vorge-
der Welt beschrieben. stellt werden.
In jedem Fall aber haben wir es hier nicht
mit unzusammenhängenden, losen und Karl-Heinz Ohlig
willkürlich zusammen getragenen Erzähl-
gütern zu tun, sie passen nämlich zueinan- Zum Einfluss des Juden-
der und erzählen synergetisch von einan- christentums auf Koran und
der – nicht nur in der Mathematik ist das
Ganze mehr als die Summe seiner Teile. Islam – Einige Beobachtun-
Hier konnten nur einige der vielen The- gen und Fragen
men in Sure 18 al-kahf „die Höhle“ behan-
delt werden. Deutlich ist nur, dass sie kei- _______________________________________
nen islamischen Inhalt im eigentlichen
Sinn bieten. Da sie eine über zweitausend-
jährige Intertextualität voraussetzen, 1. Vorbemerkung
gleichgültig wie oder von wo der Erzähl- ...
stoff in den Koran gelangte, können sie Die Fragen betreffen zum einen 
(1) die
kaum – wer’s glaubt, wird selig – die Of- Umschreibung des Begriffs Judenchristen-
fenbarung eines Engels an einen analpha- tum, der genauer gefasst werden müsste;
betischen Propheten in der arabischen auf diesem Hintergrund ergibt sich dann
Wüste sein. 
(2) die Möglichkeit, dass in vielen Fällen
*** allgemeiner von einem semitischen Chris-
tentum und seinem Einfluss auf den Ko-
14
Historia Langobardorum I.4, vom Verfasser über- ran zu sprechen wäre. Zum Dritten 
(3)
tragen. Ursprünglicher Text: In extremis circium ist der Frage nachzugehen, wie weit zur
versus Germaniae finibus, in ipso Oceani litore,
Zeit der Entstehung des Koran noch le-
antrum sub eminenti rupe conspicitur, ubi sep-
tem viri, incertum ex quo tempore, longo sopiti bendige judenchristliche Gemeinden oder
sopore quiescunt, ita inlaesis non solum corpori- Bewegungen nachgewiesen werden kön-
bus, sed etiam vestimentis, ut ex hoc ipso, quod nen oder ob aufzeigbare judenchristliche
sine ulla per tot annorum curricula corruptione Einflüsse nicht vor allem auf judenchrist-
perdurant, apud indociles easdem et barbaras na-
tiones veneratione habeantur. Hi denique, quan- liche Literatur zurückzuführen sind.
tum ad habitum spectat, Romani esse cernuntur.
E quibus dum unum quidam cupiditate stimulatus 2. Judenchristentum – eine viel-
vellet exuere, mox eius, ut dicitur, brachia a- schichtige Größe – Aramäisches
ruerunt, poenaque sua ceteros perterruit, ne quis
eos ulterius contingere auderet. Videris, ad quod und hellenisiertes Judenchris-
eos profectum per tot tempora providentia divina tentum im frühen Christentum
conservet. Fortasse horum quandoque, quia non
aliter nisi Christiani esse putantur, gentes illae An dieser Stelle müssen die christlichen
praedicatione salvandae sunt. Anfänge dessen, was Judenchristentum
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war, reflektiert werden. Deswegen ist ein ersten Jüngerkreise, weithin in ihrer jüdi-
kleiner Rückgriff in diese Vergangenheit schen und aramäischen Tradition verblei-
erforderlich. ben. Neu war „nur“, dass sie Jesus als ih-
Das Christentum insgesamt, in all seinen ren religiösen Orientierungspunkt an-
Spielarten, basiert auf dem Judenchristen- nahmen (er ist der Messias, der die Zei-
tum. Jesus war Jude und hat in seinem tenwende herbeiführt, der von Gott Ge-
jüdischen Umfeld gewirkt. Seine Jünger zu sandte, der große Prophet u.ä.), was dann
Lebzeiten und nach seinem Tod waren Ju- für die nicht mehr alleinige Geltung der
den, die sich zunächst auch weiterhin als Thora Folgen hatte. Daneben aber konnten
solche fühlten, in den Tempel gingen und sie ihre ererbten jüdischen Traditionen
an Synagogengottesdiensten teilnahmen. weiter praktizieren, z.B. die Beschneidung,
Bald aber nach dem Tod Jesu ergab sich die Reinheitsgesetze, die Speisetabus usw.
wegen der normativen Bedeutung Jesu für Die in der Apostelgeschichte (Apg) des un-
die Jüngerkreise ein Bruch mit ihrer Her- ter dem Namen Lukas überlieferten „Ge-
kunftsreligion, und das Bewusstsein setzte schichtswerks“, wenn auch mit legendari-
sich durch, dass ihre Gruppen eine neue schen Zügen, vorgestellte Urgemeinde in
Richtung, nicht bloß eine Reformvariante Jerusalem mag hier als Modell dienen
des Judentums bildeten; die Trennung (Apostelgeschichte, Kapitel 1-5).
vom Judentum und das Empfinden der
Zugehörigkeit zu einer neuen religiösen
1.1 Das hellenisierte Diasporaju-
Bewegung, bald: der „Kirche“, setzte sich denchristentum
immer mehr durch. Aber schon in den ersten Jahren nach
Palästina gehörte damals zum Römischen dem Tod Jesu schlossen sich auch Dias-
Reich, dessen Kulturen und Religionen porajuden der neuen Bewegung an. Zu den
trotz aller regionalen und lokalen Beson- ersten Gruppen gehörten wohl Diaspora-
derheiten hellenistisch geprägt waren. In juden, die sich damals in Jerusalem und
Judäa und Umgebung war diese Prägung Judäa aufhielten. Reminiszenzen finden
aber nicht so stark wie jenseits dieser sich bei Lukas in der Apostelgeschichte,
„Grenzen“. Begünstigt von den Möglichkei- weil die Diasporajudenchristen in Jerusa-
ten, die das Römische Reich bot, hatten lem bald in Konflikt mit den einheimi-
zahlreiche Juden in den Städten rund um schen Judenchristen gerieten:
das Mittelmeer eine neue Heimat gefunden „In diesen Tagen, als die Zahl der Jünger
und sich in Synagogengemeinden organi- zunahm, begannen die Hellenisten (= grie-
siert. Besonders stark war der jüdische chisch sprechende Diasporajudenchristen)
Bevölkerungsteil – schon aus älteren gegen die Hebräer (= aramäisch sprechen-
Traditionen – in Ägypten, vor allem in Un- de einheimische Judenchristen) zu mur-
terägypten und seiner bedeutendsten Stadt ren, weil ihre Witwen bei der täglichen
Alexandria, wo auch die griechische Über- Versorgung übersehen wurden“ (Apg 6,1).
setzung der hebräischen Bibel, die Septu- Laut Apostelgeschichte führte dies zu einer
aginta (LXX), geschaffen wurde. Diese so- gewissen organisatorischen Verselbständi-
genannten Diasporajuden blieben den gung der griechisch sprechenden Juden-
Überzeugungen und Bräuchen ihrer ererb- christen (Apg 6,2-6), wobei Stephanus ei-
ten Jahwereligion verpflichtet, sprachen ne Art Sprecherrolle zukam, die mit seiner
zu Hause weitgehend noch aramäisch, im Steinigung endete.
Geschäftsleben und im täglichen Umgang Nur wenige Jahre später begann aus den
übernahmen sie zugleich die griechische Kreisen der (auch) griechisch sprechen-
Sprache und auch viele Vorstellungen aus den Diasporajudenchristen eine engagierte
der hellenistischen Kultur. Mission, die von Anfang an über die jüdi-
Das Christentum verbreitete sich nach schen Siedlungsgebiete in Palästina aus-
dem Tod Jesu relativ schnell, wenn auch griff. Ihr Horizont war nicht mehr auf Ju-
zunächst vor allem – nicht ausschließlich – däa und Samaria beschränkt, sondern
in der einfachen Bevölkerung. Dies ge- richtete sich auf die ganze (damals be-
schah in zwei „Richtungen“: zum einen kannte) Welt, also das Römische Reich.
schlossen sich kleinere Gruppen von Ju- Eine Reihe von Namen der Missionare
den in Palästina der neuen Bewegung an. („Apostel“) sind noch überliefert, der
Sie konnten, wie Jesus selbst und seine wichtigste unter ihnen wurde Paulus.
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Diese Mission in den Städten rund um das und vorwiegend wohl auf die Unterschicht
Mittelmeer nahm ihren Ausgang vor allem und untere Mittelschicht beschränkt wa-
in den jeweiligen Synagogengemeinden in ren. Erst seit der Mitte des 2. Jahrhun-
der Diaspora und richtete sich zunächst derts scheinen auch Gebildete und Men-
an die dortigen Juden und Proselyten. Im schen aus der Oberschicht zum Christen-
Umfeld dieser Gemeinden gab es auch tum gestoßen zu sein. Um diese Zeit auch
nicht wenige „gottesfürchtige Griechen“ wurde in den Gemeinden das heidenchrist-
(Apg 17,4), also Männer und Frauen aus liche Element prioritär und dominant. Ein
dem „Heidentum“, die von der jüdischen lebendiges Judenchristentum trat zurück
Religion und vor allem ihrem Monotheis- und bestimmte nicht mehr die theologi-
mus angezogen waren, aber das Judewer- schen Diskussionen oder die gemeindli-
den, somit die Beschneidung, also die chen Aktivitäten.
Pflicht zur Übernahme der Thora und wei- In der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts
terer jüdischer Gebräuche, scheuten. Aus waren die Zahlen der Christen wohl so
diesen Kreisen stießen wohl die ersten weit angewachsen, dass sie die Aufmerk-
„Heiden“ zum Christentum, und im Fort- samkeit staatlicher Stellen erregten und
gang der Mission wurden diese mehr und verfolgt wurden. Aber noch zur Zeit Kon-
mehr zu den Adressaten der Missionie- stantins waren die Christen eine relativ
rung. Dies zeigt sich eindeutig z.B. bei Pau- kleine Minderheit im Römischen Reich.
lus, der sich zu den Heiden gesandt sah. Dennoch blieben judenchristliche Denk-
Dieser neue Schritt – die Bildung einer weisen – in hellenistischer Interpretation
Kirche aus Juden und Heiden – brachte oder Brechung – wirkmächtig. Das geschah
Auseinandersetzungen mit sich. Die Hei- aber vor allem durch die normative Gel-
denmission konnte nur erfolgreich sein, tung neutestamentlicher Schriften, wenn
wenn die Taufe auf den Namen Jesu nicht auch der Abschluss der Kanonbildung bis
die Beschneidung, also das vorherige in die zweite Hälfte des 4. Jahrhunderts
Judewerden und die Übernahme der Vor- dauerte. Die neutestamentlichen Schriften
schriften des Gesetzes, voraussetzte. nun – viele von ihnen im westsyrischen
Nachdem das sogenannte Apostelkonzil Raum entstanden – sind von Judenchris-
prinzipiell das Christwerden ohne Be- ten verfasst, die oft schon in Gemeinden
schneidung gebilligt hatte, konnte Paulus, mit heidenchristlichen Anteilen beheima-
ebenso die übrigen Missionare, einen tet waren und in griechischer Sprache
Glauben unter Heiden verkünden, der die schrieben. Alle Autoren und Redaktoren
„Freiheit vom Gesetz“ mit sich brachte. der später im Neuen Testament versam-
In vielen Städten rund um das Mittelmeer melten Schriften gehörten zu den grie-
wurden bald christliche Gemeinschaften chisch sprechenden Diasporajudenchris-
gegründet. Diese Entwicklung verlief er- ten. Der früheste Autor ist Paulus, der sei-
staunlich schnell und führte auch in Rom ne insgesamt sieben (echten) Briefe zwi-
selbst zu Anfängen einer Christianisie- schen dem Jahr 49 (der Erste Thessaloni-
rung. Dies wird auch deutlich z.B. in sei- cherbrief) und rund 55-57 (Römerbrief)
nem letzten Brief, den Paulus an die Chris- verfasst hat. Die synoptischen Evangelien
ten in Rom (Römerbrief 1, 7) geschrieben sind zwischen 70 und rund 90 geschrieben
hat, mit dem er sich der dortigen „Ge- worden, die anderen Schriften meist da-
meinde“ vorstellen wollte, da er als Gefan- nach bis in die erste Hälfte des 2. Jahr-
gener nach Rom verbracht werden sollte. hunderts. Dass sie alle Judenchristen wa-
Diese Gemeinde ist also nicht von Paulus ren, lässt sich an verschiedenen Faktoren
gegründet, es gab sie schon länger, denn erkennen, von der Kenntnis des Alten Tes-
er schreibt, dass er sich schon oft vorge- taments, der Benutzung der Septuaginta
nommen habe, zu ihnen zu kommen. Und bis hin zu einem grundsätzlich geschichts-
es handelte sich hauptsächlich um Hei- orientierten Denken, das Gott als den in
denchristen: „denn wie bei allen Heiden der Geschichte Handelnden und Jesus in
soll mir meine Arbeit auch bei euch Frucht seiner heilsgeschichtlichen Rolle um-
bringen“ (Röm 1,13). schrieb (das gilt m.E. auch für den Verfas-
Diese Beobachtung darf allerdings nicht ser des dritten Evangeliums und der Apos-
darüber hinwegtäuschen, dass diese frü- telgeschichte, „Lukas“, der oft auch, wohl
hen Christen erst kleine Gruppen bildeten fälschlich, als Heidenchrist beschrieben

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