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Karl-Heinz Ollig sammelt worden und von einer Kommission

unter der Leitung des Zaid ibn Thabit in den

Zur Entstehung Jahren 650 bis 656, also 18 bis 24 Jahre nach
dem Tod Mohammeds, zur heutigen Ganz-
schrift des Koran zusammengestellt worden.

und Frçhge- Der Kalif Osman lieû alle sonstigen Versio-


nen des Koran verbieten. Von dem 1925 in

schichte des Islam


Kairo gedruckten Koran (Kairiner Koran),
der heute die Grundlage aller Koranexegese
ist, wird behauptet, er stimme mit dem Koran
des Osman çberein.

D er Islam ist eine dynamisch wachsende


Weltreligion mit mehr als einer Milliar-
de Mitgliedern. Er sieht sich begrçndet durch
Die westliche Koranforschung folgt bis
heute weithin der muslimischen Tradition.
Hans Zirker fasst diesen Konsens zusammen:
den von Gott gesandten Propheten Moham- ¹Im Vergleich mit der Bibel (. . .) hat der
med (muhammad), der nach der Ûberliefe- Koran eine åuûerst knappe und homogene
rung von rund 570 bis 632 n. Chr. auf der Entstehungszeit. (. . .) Etwa 20 Jahre nach
Arabischen Halbinsel gelebt hat. Nach sei- dem Tod Mohammeds lag die Sammlung vor,
nem Tod begann eine militårische und reli- von der alle heutigen Ausgaben im wesentli-
giæse Erfolgsgeschichte. Die Expansionen der chen Kopien sind. Mit wenigen Ausnahmen
muslimischen Krieger hegen auch nichtmuslimische Wissenschaftler
çberwanden die bei- keinen Zweifel daran, daû der Koran die Of-
Karl-Heinz Ohlig fenbarungsworte weitgehend authentisch in
den Groûmåchte in
Dr. theol., geb. 1938; 1979± der von Mohammed vermittelten Gestalt
diesem Raum, das By-
2006 Prof. für Religionswissen- (. . .) wiedergibt.ª 1 Auch Rudi Paret meint:
zantinische und das
schaft und Geschichte des Chris- ¹Wir haben keinen Grund anzunehmen, daû
Sassaniden-(Perser-)-
tentums an der Universität des auch nur ein einziger Vers im ganzen Koran
Reich. In wenigen
Saarlandes (Philosophische nicht von Mohammed selber stammen wçr-
Jahrzehnten dehnten
Fakultät); zur Zeit Leiter der de.ª 2
sie ihre Herrschaft im
Arbeitsstelle Religionswissen-
ganzen Vorderen
schaft an der Philosophischen
Orient bis an die
Fakultät der Universität des
Grenzen Indiens aus, Historische Probleme
Saarlandes und von ¹Inara. Insti-
eroberten Øgypten
tut zur Erforschung der frühen Dieser westliche Konsens beruht allerdings,
und Nordafrika bis
Islamgeschichte und des wie auch die muslimische Tradition, auf
nach Spanien und
Koranª, Postfach 15 11 50, 66041 Grundlagen, die von keinem Historiker ak-
stieûen bis nach Sçd-
Saarbrücken. zeptiert wçrden. Die ¹Informationenª zu
frankreich vor.
kh.ohlig@gmx.de dem arabischen Propheten Mohammed sind
Gelenkt wurden erst in vier ¹biographischen Werkenª aus
diese Operationen durch Kalifen, die Moham- dem frçhen 9. und 10. Jahrhundert greifbar;
med in seiner politischen Fçhrung nachfolg- auf Letzteres, die ¹Annalenª des at-Tabari,
ten: zunåchst, bis zum Jahr 661 n. Chr., die ± geht auch die çberlieferte Geschichte der ara-
spåter so genannten ± vier ¹rechtgeleiteten bischen Expansionen, Reiche und Kalifen zu-
Kalifenª, dann, bis 750, die Omaiyaden, wel- rçck.
che die Hauptstadt nach Damaskus verlegten,
und, von der Mitte des 8. Jahrhunderts an, die Diese ¹Biographienª bieten weithin legen-
Abbasiden, die von Bagdad aus regierten. darisches Material: ¹Die wirklich geschichtli-
che Ûberlieferung ist åuûerst gering. Da greift
Mohammed hatte seine Verkçndigungen man zu den Andeutungen des Korans und
nur mçndlich vorgetragen. Diese wurden
1 Hans Zirker, Christentum und Islam. Theologische
aber von seinen Zuhærern im Gedåchtnis be-
Verwandtschaft und Konkurrenz, Dçsseldorf 1989,
halten, aber auch auf Knochen oder Palmblåt- S. 79.
tern aufgezeichnet. Dieses Material ist nach 2 Rudi Paret, Vorwort, in: Der Koran. Ûbers. und
muslimischer Ûberlieferung unter dem drit- hrsg. von Rudi Paret, Stuttgart±Berlin±Kæln±Mainz
ten Kalifen Osman (Othman, Uthman) ge- (1979), 20049, S. 5.

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spinnt sie aus (. . .).ª 3 Vor allem aber geben mischenª Zeiten, bezeichnet als Sarazenen
sie Auffassungen çber Mohammed und die (Zeltbewohner, Råuber, Nomaden) oder, wie
Anfånge des Islam wieder, die erst zwei- bis schon seit Hieronymus im 4. Jahrhundert çb-
dreihundert Jahre nach der behaupteten Le- lich, anhand biblischer Vorstellungen, die da-
benszeit Mohammeds abgefasst sind; sie sind mals ¹das Wissenª çber die Welt repråsentier-
Zeugnisse fçr das Denken der Autoren im 9. ten, als Ismaeliten oder Hagarener (Nach-
und 10. Jahrhundert, nicht aber Quellen fçr kommen Ismaels, des Sohnes Abrahams mit
die lange zurçck liegende Zeit. Hagar, Gen 16); von diesen berichtet das
Buch Genesis, dass sie ¹in der Wçsteª woh-
Fçr die ersten beiden Jahrhunderte nach nen (Gen 21, 9±21; 25, 12 ±18). Sie werden
dem Tod Mohammeds fehlen zeitgenæssische auch gelegentlich mit ¹Arabienª in Verbin-
islamische literarische Texte. Meist werden dung gebracht, was sich aber auf Arabiya in
diese Sachverhalte nicht erwåhnt. Eine Aus- Mesopotamien oder auf das von den Ræmern
nahme ist Josef van Ess, der in seiner sechs- 106 n. Chr. eroberte Nabatåergebiet, von Da-
båndigen Untersuchung zum 2. und 3. islami- maskus bis zum Roten Meer (provincia Ara-
schen Jahrhundert ausfçhrt, dass es fçr das bia), bezieht, nicht auf die Arabische Halbin-
erste Jahrhundert nur einige Mçnzen und In- sel. Islamische Invasionen werden von diesen
schriften gebe ± deswegen verzichte er darauf, Zeitgenossen nicht erwåhnt. In den Zeiten
es darzustellen; er beginnt mit dem 2 Jahr- des ¹arabischenª Herrschers Mu'awiya wird
hundert, obwohl er auch fçr dieses ¹dasselbe die arabische Herrschaft gelobt, seit dem
Problemª feststellt. 4 Auch die byzantini- Amtsantritt 'Abd al-Maliks aber erscheint sie
schen Kontrahenten der Araber berichten als eine Last und eine Strafe Gottes, in den
nicht, dass diese eine neue Religion vertreten Apokalypsen sogar als Summe des Bæsen, nur
håtten. noch çbertroffen von der noch ausstehenden
Herrschaft des Antichrist.
Die christliche Literatur unter Von einer neuen Religion der Araber aber
islamischer Herrschaft berichten die christlichen Quellen nicht.
Wenn ± ganz selten ± auf ihre Auffassungen
Nun haben aber die Christen unter arabischer Bezug genommen wird, werden sie als Ver-
Herrschaft ± Syrer, Griechen, Øgypter ± nicht treter einer spezifischen Gottesauffassung ge-
nur in diesen beiden Jahrhunderten zahlrei- schildert: Gott ist einer ohne Beigesellung ±
che Klæster und Kirchen gegrçndet und bis oder Christologie ± Jesus ist nicht Gottes
nach China Mission getrieben, sondern auch Sohn. Deswegen ordnet der Kirchenvater Jo-
eine reichhaltige Literatur hinterlassen: Chro- hannes von Damaskus (gest. um 750), der die
niken, Briefe, Predigten, Synodenbeschlçsse, Araber sehr gut kannte, weil sein Vater und
Apokalypsen und vor allem theologische auch er selbst einige Jahre lang in ihren
Werke. Diese aber befassen sich mit den ge- Diensten standen, die Religion der Ismaeliten
wohnten Geschåften: mit ihren innerchristli- unter die (christlichen) Håresien ein. 5
chen Auseinandersetzungen, Chalkedonier
gegen Monophysiten, Monergeten, Monothe- Die vornizenische syrische
leten und umgekehrt, syrische gegen griechi-
sche christliche Auffassungen usw. Theologie des Koran
Nur sehr selten wird in diesen Schriften Dies entspricht auch den zentralen theologi-
einmal die neue arabische Herrschaft er- schen Aussagen des Koran. Der Begriff mu-
wåhnt. Von den Arabern wird nicht viel er- hammad kommt in ihm nur vier mal vor ±
zåhlt, meist werden sie, wie schon in ¹vorisla- nur einmal, an einer spåten Stelle, ist mit Si-
cherheit der arabische Prophet gemeint ±;
3 Carl Heinrich Becker, Grundsåtzliches zur Leben- Jesus wird 24 mal erwåhnt, Maria 34 mal,
Mohammed-Forschung, in: ders., Islamstudien. Vom
Werden und Wesen der islamischen Welt, Bd. 1, Leip- 5 Vgl. zu diesem ganzen Fragenkomplex Karl-Heinz

zig 1924, S. 520 f. Ohlig, Hinweise auf eine neue Religion in der christli-
4 Josef van Ess, Theologie und Gesellschaft im 2. und chen Literatur ¹unter islamischer Herrschaftª, in:
3. Jahrhundert Hidschra. Eine Geschichte des religiæ- Ders. (Hrsg.), Der frçhe Islam. Eine historisch-kriti-
sen Denkens im frçhen Islam, Berlin, Bd. 1: New York sche Rekonstruktion anhand zeitgenæssischer Quellen,
1991, Vorwort VIII. Berlin 2007, S. 223 ±325.

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Mose 136 mal, Aaron 20 mal. In seiner Theo- Der Bischof Paul von Samosata am Euph-
logie kreist der Koran um die richtige Gottes- rat (gest. nach 272) lehnt eine Gættlichkeit
aufassung und Christologie. Immer wieder Jesu ab; er sagte, ¹zwei Gætter wçrden ver-
wird betont, dass Allah der eine Gott ist, kçndet, wenn der Sohn Gottes als Gott ge-
ohne Beigesellung, d. h. ohne Binitåt oder Tri- predigt werdeª; 7 Paul lehrte, dass Jesus
nitåt. Sure 112 z. B. betont: ¹1 Sag: Er ist ein Christus uns gleich ist ± also Mensch ±, ¹aber
Einziger, 2 Gott, durch und durch (?), 3 Er besser in jeder Beziehungª wegen der
hat weder gezeugt, noch ist er gezeugt wor- ¹Gnade, die auf ihm ruhteª. 8
den. 4 Und keiner ist ihm ebenbçrtig.ª Von
Jesus wird in Koran gesagt, dass er nicht Got- In der griechischen Kirche dagegen setzte
tessohn, sondern Messias, Knecht Gottes, sich ein Verståndnis Jesu als Sohn Gottes und
Gesandter und Prophet ist (z. B. Sure 4,171): als inkarniertes Wort Gottes durch; dieses
¹Christus (wærtlich: der Messias) Jesus, der wurde auf dem Konzil von Nizåa im Jahre
Sohn der Maria, ist nur der Gesandte Gottes 325 zur amtlichen Lehre erhoben: Der Sohn
und sein Wort, das er der Maria entboten hat, ist ¹Gott aus Gott, Licht aus Licht, wahrer
und Geist von ihm (. . .) Gott ist nur ein ein- Gott aus wahrem Gott, gezeugt, nicht ge-
ziger Gott (. . .) (Er ist darçber erhaben,) ein schaffenª, und dann heiût es sogar: er ist
Kind zu haben (. . .)ª. ¹gleichwesentlich mit dem Vaterª.

Diese Theologie und Christologie ist aber Die græûere ostsyrische Kirche vom Euph-
nicht neu, sondern wurde schon frçh im syri- rat bis Indien gehærte zum Perserreich und
schen Christentum vertreten. Man weiû, dass war an den Diskussionen im Ræmischen
in der westsyrischen Theologie der so ge- Reich nicht beteiligt. Sie vertrat die oben ge-
nannte ¹Monarchianismusª gelehrt wurde, schilderte vornizenische Theologie: Gott ist
ein unitarischer, vom Machtgedanken gepråg- einer (er allein hat die Herrschaft), Jesus ist
ter Monotheismus. Die biblischen Aussagen sein Gesandter, Knecht, Prophet und Messias.
zum Wort Gottes und zum Geist Gottes wer- Erst im Jahre 410 fçhrte sie ± nach Verfol-
den als Hinweise auf die Wirkungen des gungszeiten ± in der Hauptstadt des Sassani-
einen und selbigen Gottes nach auûen, als denreichs Seleukia-Ktesiphon (ungefåhr dort,
Kråfte ± Dynameis ± Gottes verstanden: der wo heute Bagdad liegt) eine Reichssynode
so genannte dynamische Monarchianismus. durch, in der sie, obwohl sie sich als auto-
Damit verbunden wurde Jesus als Mensch ge- nome ± autokephale ± Kirche verstand, die
sehen, der sich mehr als andere durch die Beschlçsse von Nizåa anerkannte. Es dauerte
Gnade Gottes ethisch bewåhrt hatte, so dass aber in vielen Regionen bis ins 6. Jahrhundert
wir uns in seiner Nachfolge ebenfalls bewåh- hinein, bis die Lehre vom gleichwesentlichen
ren kænnen und mçssen ± die antiochenische Gottessohn und damit auch eine Binitåtslehre
¹Bewåhrungschristologieª. in der ostsyrischen Kirche verbreitet wurde.

Eine Schrift der so genannten Apostoli- Noch der syrische Theologe Aphrahat
schen Våter, die uns auch den åltesten Text (gest. nach 345) wusste nichts von Nizåa und
des eucharistischen Hochgebets çberliefert, erklårte die neutestamentliche Formel vom
die Didache, im 2. Jahrhundert in Syrien ent- Gottessohn Jesus mit Rçckgriff auf das Alte
standen, nennt Jesus ¹Knecht Gottesª, in Testament: ¹Denn der ehrwçrdige Name der
einer anderen Schrift, dem Martyrium des Gottheit wurde auch gerechten Menschen
Polykarp, wird Gott als ¹Vater dieses gelieb- beigelegt und denen, die seiner wçrdig waren.
ten und gelobten Knechtes Jesus Christusª Die Menschen, an denen Gott sein Wohlge-
angeredet (ebenso çbrigens der in Rom im fallen hatte, nannte er ,meine Sæhne` und
Jahr 97 verfasste Erste Klemensbrief). Das ,meine Freunde`ª. 9 Als Beispiele erwåhnt er
Gottesbild ist in dieser Tradition monarchia-
nisch, Jesus ist ¹nurª Knecht Gottes. 6 7 Paul von Samosata, Aus dem Hymenåusbrief, in:

Friedrich Loofs, Paulus von Samosata. Eine Unter-


suchung zur altkirchlichen Literatur- und Dogmenge-
schichte, Leipzig 1924, S. 324.
8 Ders., Fragmente aus dem Synodalbrief, 5, in:
6 Vgl. Ders., Ein Gott in drei Personen? Vom Vater F. Loofs, ebd., S. 331.
Jesu zum ,Mysterium` der Trinitåt, Mainz±Luzern 9 Aphrahatis Sapientis Persae Demonstrationes 17,

20002, S. 40 f. 3.4. Deutsch in: Aphrahat, Unterweisungen, aus dem

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Mose, Salomo und auch das ganze Volk Is- vielleicht auch arabische Christen, die dann
rael, die Sohn Gottes genannt werden. ¹Wir in ihrer neuen Heimat, in der Isolation, ihr
haben ihn (Jesus) Gott genannt, wie er (Gott) frçhes Christentum tradiert und weiterent-
auch Mose mit seinem eigenen Namen be- wickelt haben. Das Christentum ihrer Anfån-
zeichnet hat.ª Jesus ist also nach Aphrahats ge behielten sie bei, auch nachdem spåter die
Meinung nicht mehr oder auf andere Weise ostsyrische Groûkirche im Perserreich die
Gottes Sohn als Mose. Beschlçsse von Nizåa und bald weiterer Kon-
zilien des ræmischen Kaiserreichs angenom-
Das Glaubensbekenntnis von Nizåa wurde men hatte. Unter den damals Deportierten
erst im 5. Jahrhundert auch in der ostsyri- hat man die syrischen Anfånge der korani-
schen Kirche çbernommen. Der Koran aller- schen Tradition zu suchen.
dings hålt an dem ålteren Verståndnis Gottes
und Jesu fest, wie es in vornizenischer Zeit Aus dem Ostiran gelangten die korani-
vertreten wurde. Heftig bekåmpft er die fal- schen Materialien ± oder wenigstens ein
sche Gottesauffassung und Christologie der Grundstock davon ± nach Westen und wur-
anderen Schriftbesitzer. den z.Zt. 'Abd al-Maliks, der aus Marv
stammte, und seines Sohnes al-Walid zur
Basis der Staatsdoktrin und ins Arabische
Die Rolle der persischen çbertragen. Von daher wird auch verstånd-
Deportationen lich, dass ein Groûteil der Aussagen zu Allah
antibinitarisch ist, weil der Heilige Geist in
Wie aber kam es dort, in Ostiran, zur Bewah- Nizåa nur am Rande erwåhnt wird. Erst spå-
rung und sogar Verstårkung oder weiteren tere, seltenere Koranstellen bekåmpfen eine
Profilierung einer frçhen syrischen Theolo- trinitarische Gottesvorstellung.
gie? Die persischen Herrscher, die Parther
wie die Sassaniden, haben die ererbte meso- Mit dem koranischen Allah sind also Vor-
potamische Praxis der Deportationen, die wir stellungen verbunden, die einer frçhen Phase
schon aus dem Alten Testament von Assyrern des syrischen Christentums entstammen; sie
und Babyloniern kennen, fortgefçhrt. Zwar machen den Kern der koranischen Theologie
blieb prinzipiell der Euphrat die Grenze zum aus. Im Lauf der Zeit aber kamen weitere Ma-
Ræmischen Reich, aber es kam immer wieder terialien hinzu.
zu kurzfristigen Eroberungszçgen bis ans
Mittelmeer und zu darauf folgenden Depor- Das Zeugnis der Mçnzen
tationen der stådtischen Einwohner. Die De-
portierten, darunter auch Christen, wurden
und Inschriften
weit im Osten angesiedelt, einmal sogar die
Fçr eine Rekonstruktion der damaligen Ge-
ganze Einwohnerschaft der Stadt Antio-
schichte gibt es als einzige zeitgenæssische
chien. 10
Quellen die zahlreichen Mçnzfunde und
auch einige Inschriften. 11 Sie dokumentieren,
Im Jahr 241 n. Chr. wurde auch die Stadt
wenn auch in knapper Form, die damaligen
Hatra am Tigris von den Sassaniden erobert,
Ablåufe. Die meisten Mçnzen geben die
damals Hauptstadt des Reiches Arabiya, das
Mçnzståtte an und sind datiert. Die Datie-
vom Tigris nach Westen bis zum Euphrat
reichte. Auch ihre Einwohner sowie weitere rung erfolgt zunåchst gelegentlich nach den
ortsçblichen Zåhlungen, bald aber in einer
Bevælkerungsgruppen aus Arabiya wurden
Zåhlung ¹nach (gemåû) den Arabernª. In
verschleppt und weit im Osten angesiedelt;
anzunehmen ist, dass sie auch in Marv (heute 11 Vgl. zum Folgenden vor allem: Volker Popp, Die
Sçdturkmenistan) wohnen mussten. Unter frçhe Islamgeschichte nach inschriftlichen und nu-
diesen Deportierten waren auch aramåische, mismatischen Zeugnissen, in: Karl-Heinz Ohlig/Gerd-
R. Puin (Hrsg.), Die dunklen Anfånge. Neue For-
Syrischen çbersetzt und eingeleitet von Peter Bruns schungen zur Entstehung und frçhen Geschichte des
(Fontes Christiani Bd. 5.1), Freiburg±Basel±Wien u. a. Islam, Berlin 20073, S. 16±123; Christoph Luxenberg,
1991, S. 419 f. Neudeutung der arabischen Inschrift im Felsendom zu
10 Vgl. Erich Kettenhofen, Deportations II. In the Jerusalem, in: ebd. S. 124± 147; Volker Popp, Von
Parthian and Sasanian Periods, in: Eshan Yarstater Ugarit nach S˜marr˜. Eine archåologische Reise auf
(Ed.), Encylopaedia Iranica, Vol. VII, Fascicle 3, Costa den Spuren Ernst Herzfelds, in: K.-H. Ohlig (Anm. 6),
Mesa, Cal. 1994, S. 298 ±308. S. 13 ±222.

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einer mit einem Kreuz eingeleiteten Inschrift, und verbannt. Jetzt fçhlten sich auch die Ara-
die der arabische Herrscher Mu'awiya im ber der ehemals byzantinischen Gebiete, die
Jahre 42 nach den Arabern (663 n. Chr.) an sich bisher dem Kaiser Heraklius und seiner
den wiederhergestellten Bådern von Gadara Familie gegençber in einem Treueverhåltnis
in Galilåa anbringen lieû, werden drei Datie- sahen, nicht mehr dem Kaiser verpflichtet
rungen neben einander angegeben: Nach den und çbernahmen gånzlich die Herrschaft.
byzantinischen Steuerjahren, nach der Ge-
schichte der Stadt und ¹gemåû den Arabernª. Seit dem Jahr 641 gibt es somit die ersten
Daraus ergibt sich, dass das erste Jahr ¹nach arabische Mçnzprågungen, die Ausdruck die-
den Arabernª das Jahr 622 war; gezåhlt wird ser neuen Souverånitåt sind. Diese Mçnzen
nach Sonnenjahren. sind ihrer Ikonographie nach christliche Prå-
gungen: sie zeigen Kreuze, Herrscher mit
Wieso war 622 von solch einschneidender Langkreuz oder andere eindeutige Symbole.
Bedeutung? Von einer Hidschra in diesem Offensichtlich gab es keinen Grund, eine
Jahr berichten erst Zeugnisse aus dem 9. Jahr- neue Symbolik aufzuprågen. 12 Der erste ara-
hundert. In den Jahren vorher hatte der Sassa- bische Herrscher, der zunåchst im Westen,
nidenherrscher Chosrau II. das Persische dann auch im ehemaligen Perserreich regierte,
Reich ausdehnen kænnen; er hatte die æstli- war Mu`awiya, ein christlicher Regent. Wel-
chen Provinzen des Ræmischen Reichs er- cher christlichen Richtung er zugehærte, ist
obert: Syrien westlich des Euphrat, Palåstina, unbekannt. Er muss aber tolerant gewesen
groûe Teile Kleinasiens, die arabische Halbin- sein; denn er wird auch von den syrischen
sel und Øgypten. Das byzantinische Reich Christen gelobt. Der ostsyrische Patriarch
schien endgçltig aus seinen Gebieten ver- 'Iso'yaw III. (gest. 659) schreibt in einem
drångt. Aber es kam anders: Im Jahre 622 Brief: ¹Der Glaube ist in Frieden und
konnte der junge byzantinische Kaiser Hera- blçht.ª 13
klius einen unerwarteten Sieg gegen die Per-
ser erringen, der den Beginn einer Reihe wei- Die erste bisher bekannte Mçnze mit der
terer militårischer Erfolge darstellte, sodass Prågung MHMT wurde im Jahr 38 ¹nach den
sich die sassanidische Dynastie nur noch Arabernª (659 n. Chr.) in Ostiran, weit æst-
kurze Zeit halten konnte. lich von Mesopotamien, geprågt. Fortan fin-
den sich zahlreiche Prågungen mit diesem
Diesen Sieg hatte Heraklius errungen auch Motto, in geographischer und zeitlicher Auf-
mit der Unterstçtzung durch Hilfstruppen einanderfolge von Osten nach Westen; offen-
der sowohl in Westsyrien wie im Perserreich sichtlich wurden sie auf dem Zug des spåteren
schon seit langem ansåssigen Araber, die er arabischen Herrschers 'Abd al-Malik aus dem
auf seine Seite ziehen konnte. Trotz seines Osten durch Mesopotamien nach Palåstina
Sieges aber verzichtete er darauf, die zurçck und Jerusalem geprågt. Im Westen angekom-
gewonnenen ehemals ræmischen Gebiete sei- men, wird auf bilingualen Mçnzen, die im
ner unmittelbaren Herrschaft zu unterstellen; Hauptfeld MHMT haben, am Rand in arabi-
er çberlieû die Verwaltung den dortigen ara- scher Schrift erlåutert: muhammad. Bald er-
bischen Herrschern, die sich als seine Confoe- setzt das arabische muhammad gånzlich das
derati (arabisch: Quraisch) verstanden. 622 bisherige MHMT.
begann also, zunåchst in den æstlichen Gebie-
ten des Ræmischen Reichs, die Selbstherr- Wer ist muhammad? 14Arabisch bedeutet
schaft der Araber und wurde somit zum Be- es ¹der Gepriesene/Gelobteª (benedictus)
ginn der arabischen Zeitrechnung.
12 Die These, Mçnzprågungen seien konservativ und
Eine zweite Zåsur stellt das Jahr 641 dar. verwendeten alte Symbole weiter, gilt nur innerhalb
Zwei Ereignisse sind wichtig: das durch He- fortdauernder Traditionszusammenhånge. Håtte es ei-
raklius geschwåchte Perserreich brach end- nen ideologischen Bruch ± den Wechsel vom Chris-
gçltig zusammen, und nun konnten auch die tentum zum Islam ± durch islamische Eroberungen
æstlich des Euphrat siedelnden arabischen gegeben, wåren die Mçnzen anders, im Sinne der neuen
Religion, gestaltet worden.
Ståmme die Herrschaft çbernehmen. In By- 13 'Iso'yaw patriarachae III. Liber epistularum
zanz war im gleichen Jahr Kaiser Heraklius (CSCO, Vol. 12, Scriptores Syri II, tomus 12), S. 172.
gestorben; seine Witwe und sein Sohn wur- 14 Vgl. zu Folgendem Karl-Heinz Ohlig, Vom mu-

den von einem neuen Kaiser verstçmmelt hammad Jesus zum Propheten der Araber. Die Hi-

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oder ¹der zu Preisende/zu Lobendeª. Gemåû dom: Auf das Lob des einen Gottes folgt das
der christlichen Ikonographie der Mçnzen Bekenntnis zu muhammad, dem Knecht
handelt es sich um ein Prådikat fçr Jesus. Gottes und Gesandten, aber anders als im
Dieses Verståndnis wird gestçtzt durch die Felsendom wird Jesus, der Sohn der Maria,
Inschrift, die 'Abd al-Malik innen in dem von nicht ausdrçcklich erwåhnt. So werden die
ihm im Jahre 691 erbauten Felsendom anbrin- dortigen Formeln, obwohl von åhnlicher
gen lieû. Diese beginnt mit einem Bekenntnis Theologie wie in Jerusalem, nicht mehr un-
zu dem einen Gott ohne Teilhaber und kreist mittelbar in ihrem Bezug zu Jesus wahrge-
im Folgenden um das richtige Christusbe- nommen. Das Gleiche gilt fçr die Mçnzprå-
kenntnis; es heiût dort: ¹Zu loben ist (mu- gungen, deren Steinsymbolik nicht mehr ±
hammad[un]) der Knecht Gottes ('abd-allah) wie z. B. bei der Aufprågung von Kreuzen ±
und sein Gesandter (. . .) Denn der Messias ganz von selbst jedem als christlich erschei-
Jesus, Sohn der Maria, ist der Gesandte Got- nen musste. Muhammad hatte keinen eindeu-
tes und sein Wort.ª Abgelehnt wird eine Got- tigen Bezug mehr; der isolierte Begriff konnte
tessohnschaft Jesu. 15 Dies entspricht auch nun auch mit neuem Material ¹gefçlltª wer-
den koranischen Aussagen. den.

Der Felsendom ist innen nicht planiert; er So wurde er, anfånglich schon in der ersten
çberdacht die Felsspitze auf dem Sionsberg, Hålfte des 8. Jahrhunderts, in der Gestalt
der nach syrischer Theologie, so z. B. bei eines arabischen Propheten historisiert ± der
Aphrahat (gest. nach 345), Christus symboli- Kirchenvater Johannes Damascenus spricht
siert. Er schreibt: ¹Nun hære von dem Glau- schon, er bietet die ålteste Quelle ± von dem
ben, der gestellt ist auf den Felsen, und von Pseudopropheten Ma(ch)med. Spåter, im 9.
dem Bauwerk, das aus dem Felsen emporragt Jahrhundert, wurde ebenso der christologi-
(. . .) Christus (wurde) Fels genannt von den sche Titel 'abdallah, Knecht Gottes, histori-
Propheten (. . .).ª 16 Fortan werden auf den siert zum Namen des Vaters Mohammeds:
Mçnzen 'Abd al-Maliks die Kreuzsymbole Mohammed, Sohn des Abdallah. In dieser
durch ein Steinidol ± Christus ± ersetzt, Zei- Zeit wurden auch die Anfangsgeschehnisse in
chen der arabischen Reichskirche, die sich die ethnische Heimat der Araber, auf die Ara-
von den Byzantinern und den syrischen Chri- bische Halbinsel, verlegt. 17 Hierbei war si-
sten unterscheidet. cher hilfreich, dass die Verbindung der kora-
nischen Materialien mit dem mesopotami-
Muhammad war also ursprçnglich, wie schen Reich Arabiya oder der ræmischen
auch die Prådikate 'abdallah (Knecht Gottes), provincia Arabia erinnert wurde, die es aber
Prophet, Gesandter, Messias, ein christologi- jetzt schon lange nicht mehr gab.
scher Titel. Das Prådikat muhammad hat sich
spåter aber von seinem Bezugspunkt Jesus ge- Die muhammad-Christologie wie auch die
læst. Dies låsst sich anhand zweier Entwick- Anfånge der koranischen Bewegung stammen
lungen beobachten: Die Inschriften an der aber nach dem Zeugnis der Mçnzen aus Ge-
Omaiyadenmoschee in Damaskus, erbaut bieten weit æstlich Mesopotamiens, worauf
707/708 n. Chr., und am Heiligtum von Me- auch die ursprçnglich aramåisch-syrische
dina, erbaut 756 n. Chr., sind zwar formal in Textgestalt der Sprçche hinweist.
gleicher Weise aufgebaut wie die im Felsen-
Zweite Hålfte des 8. Jahrhunderts bis Be-
ginn des 9. Jahrhunderts. Auch çber diese
storisierung eines christologischen Prådikats, in: ders. Zeit gibt es nur wenige Quellen. Die arabi-
(Anm. 6), S. 327±376.
15 Ich beziehe mich auf die Dokumentation und
sche Herrschaft war fest etabliert, wenn auch
Ûbersetzung der Inschrift von Christoph Luxenberg, viele Regionen ± zeitweise ± nicht oder nur
Neudeutung der arabischen Inschrift im Felsendom zu locker mit der ¹Zentraleª verbunden waren.
Jerusalem, in: K.-H. Ohlig/G.-R. Puin (Anm. 13), Auffallend an den Mçnzprågungen und In-
S. 124 ±147. schriften dieser Zeit ist der Aufdruck symbo-
16 Aphrahat, Unterweisungen. Erster Teilband. Aus

dem Syrischen çbersetzt und eingeleitet von Peter


Bruns (Fontes Christiani, Bd. 1), Freiburg ± Basel ± 17 So auch Patricia Crone, What do we actually know

Wien u. a. 82.84. Er fçhrt noch viele alttestamentliche about Mohammad? www.openDemocracy.net (31. 8.
Stellen an, in den von Stein/Fels die Rede ist; alle diese 2006). Sie nimmt allerdings fålschlich die Gegend um
Stellen deutet er christologisch. das Tote Meer als Entstehungsort des Islam an.

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lischer Bezeichnungen, die apokalyptisch ge- Punkte, so dass manche Zeichen zwei bis fçnf
fårbten Programmen entnommen zu sein unterschiedliche Konsonanten, z. B. f oder g,
scheinen; parallel entstehen christlich moti- r oder z, b oder t usw., bedeuten kænnen. Die
vierte mahdi-Vorstellungen von dem Retter Lesung und damit auch der Inhalt der Texte
(Jesus?), der am Ende der Tage kommen soll. ist an vielen Stellen dadurch unbestimmt; erst
In der Literatur des 9. Jahrhunderts werden im Verlauf des 9. Jahrhunderts wurde der
messianische Bezeichungen, die nicht alle Text durch diakritische Punkte und Vokalzei-
auch auf den Mçnzen bezeugt sind, aufge- chen festgelegt. 20
zåhlt und als Namen regierender Kalifen ge-
deutet. Sind diese Symbolbegriffe als Namen Vor allem aber hat eine grçndliche sprach-
von Personen zu interpretieren, oder stehen wissenschaftliche Untersuchung von Chris-
hinter diesen Bezeichnungen anonyme Herr- toph Luxenberg 21 aufgezeigt, dass der heuti-
scher? Gegen Ende des 8. Jahrhunderts ge Koran in einem Sprachumfeld geschrieben
scheint auch Mekka erstmals in den Blick ge- wurde, in dem die syro-aramåische und die
kommen zu sein; aus dem Jahre 203 Hidschra arabische Sprache gleichermaûen gelåufig
stammt eine Mçnze aus Mekka, die nåchsten waren. Viele so genannte dunkle Stellen im
folgen 249 und 253 Hidschra. Um diese Zeit Koran ergeben sinnvolle Aussagen, wenn sie
herum ist wohl dann endgçltig der Islam als als mit arabischer Schrift geschriebene syri-
eigenståndige Religion entstanden, die sich in sche Texte gelesen werden. Hierbei ergeben
eine frçhere Zeit rçckprojiziert, wie es auch sich oft gånzlich neue, meist christlich ge-
die Schreiber des Pentateuch gemacht haben, prågte Aussagen des Koran.
und diese mit den Mitteln der iranischen His-
toriographie 18 detailliert schildert. Auch die In seiner neuesten Untersuchung zeigt
jetzt entstehenden Rechtsschulen scheinen an Christoph Luxenberg 22 ± gewissermaûen em-
persische Traditionen angelehnt. 19 pirisch ± auf, dass dem arabisch geschriebe-
nen Koran sogar eine syrische Grundschrift
zugrunde lag. Anhand von Konsonantenzei-
Einige Bemerkungen zum Koran chen, die in der syrischen und in der arabi-
schen Schrift åhnlich und vor allem in Hand-
Die ålteste datierbare Ganzschrift des Koran schriften verwechselbar sind, aber jeweils un-
stammt aus dem Jahr 870 n. Chr. Erhalten terschiedliche Konsonanten bezeichnen,
sind aber auch mehr oder weniger umfangrei- weist er nach, dass es Abschreibfehler gab
che Fragmente von Handschriften, meist aus und erst nach der Korrektur dieser Verwechs-
der zweiten Hålfte des 8. Jahrhunderts. Diese lungen sinnvolle Wærter gelesen werden kæn-
Fragmente, mit zum Teil unterschiedlichen nen.
Surenfolgen und weiteren Besonderheiten,
zeigen, dass der Koran zu dieser Zeit noch Verbindet man diese Erkenntnisse mit den
nicht fertig war. Vor allem aber sind sie, wie Ergebnissen der theologischen und numisma-
man sagt, ¹defektivª geschrieben: Wie alle se- tischen Untersuchungen, so wird deutlich,
mitischen Schriften kennen die Handschriften dass syro-aramåische Gemeinden im Ostiran
keine Vokalzeichen, im Unterschied zu diesen wohl eine, in ihrem genauen Umfang unbe-
sind aber auch die Konsonanten nicht eindeu- kannte erste Sammlung der spåteren korani-
tig. Das Arabische kennt 28 Konsonanten, schen Sprçche zusammengestellt haben. Die
aber nur sieben von ihnen werden mit einem Funktion dieser Sprçche war es, die Thora
eindeutigen Buchstabenzeichen geschrieben. und das Evangelium auszulegen und ihre
Alle anderen Konsonantenzeichen sind mehr- Ûbereinstimmung (islam) aufzuzeigen. Nach
deutig und werden erst in ihrer Bedeutung Jan M. F. Van Reet gab es fçr diese Aufgabe
festgelegt durch die so genannten Diakriti-
schen Punkte: ein bis drei Punkte çber oder
unter den Buchstabenzeichen. In den åltesten 20 Vgl. Karl-Heinz Ohlig, Weltreligion Islam. Eine
Handschriften aber gibt es keine Vokalzei- Einfçhrung, Mainz ± Luzern 2000, S. 60 ±67.
chen und so gut wie keine diakritischen 21 Vgl. Christoph Luxenberg, Die syro-aramåische

Lesart des Koran. Ein Beitrag zur Entschlçsselung der


18 Vgl. Ignaz Goldziher, Islam und Parsismus (Isla- Koransprache, Berlin 20073.
misme et Parsisme), deutsch in: K.-H. Ohlig (Anm. 6), 22 Vgl. Ders., Relikte syro-aramåischer Buchstaben in

S. 418. frçhen Korankodizes im higasi- und kufi-Duktus, in:


19 Vgl. I. Goldziher, ebd., S. 419 f. K.-H. Ohlig (Anm. 6), S. 377 ±414.

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in den ostsyrischen theologischen Schulen
sogar spezifische Lehrer. 23

Diese koranischen Texte wurden von den


mittlerweile auch arabischsprachigen Chris-
ten bei ihrem Zug nach Westen mitgebracht
und z.Zt. 'Abd al-Maliks und seines Nachfol-
gers al-Walid in einer aramåisch-arabischen
Mischsprache, aber in arabischer Schrift auf-
geschrieben. Schlieûlich, eine letzte Etappe,
wurde dieser defektiv geschriebene Koran, zu
dem mæglicherweise noch weitere Sprçche
hinzu gewachsen sind, bis zum Ende des 9.
Jahrhunderts mit Vokalen und diakritischen
Punkten versehen (¹Plene-Schreibungª),
wobei fçr die Interpretation des ± relativ un-
veråndert çbernommenen ± Zeichengerçsts
(rasm) jetzt das neue islamische Verståndnis
maûgebend war. In der letzten Bearbeitungs-
stufe ist also der Koran, von seiner ¹Archåo-
logieª und den unverståndlichen Stellen abge-
sehen, ein islamisches Buch.

Resçmierend kann festgestellt werden, dass


die religions- und korangeschichtlichen Ein-
sichten, die sich bei der Berçcksichtigung der
zeitgeschichtlichen Quellen ergeben, Korrek-
turen vieler tradierter Positionen mit sich
bringen, die in der Islamwissenschaft zu dis-
kutieren sind. Die Wahrnehmung der histori-
schen Bedingtheit der Anfangsprozesse
kænnte die Chance eræffnen, Dogmatismen
aufzulockern und den notwendigen Schritt in
die Moderne, vergleichbar der Wirkung der
Aufklårung auf das Christentum, zu ermægli-
chen.

23 Vgl. Jan M. F. Van Reet, Le coran et ses scribes, in:

Acta Orientalia Belgica (hrsg. von C. Cannuyer), XIX:


Les scribes et la transmission du savoir (volume dit
par C. Cannuyer), Bruxelles 2006, S. 67±81.

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Karl-Heinz Ohlig
?-? Zur Entstehung und Frçhgeschichte des Islam
Die muslimische Tradition und ebenso die Islamwissenschaft gehen ohne weitere
Nachweise davon aus, dass der Islam von dem Propheten Mohammed auf der
Arabischen Halbinsel begrçndet wurde und danach im Gefolge dynamischer Ex-
pansionen Groûreiche schuf.
Diese Angaben aber sind erst in der Literatur des 9. und 10. Jahrhunderts n.Chr.
dokumentiert. Der Beitrag bietet eine knappe Zusammenfassung neuester For-
schungen, die sich ausschlieûlich auf zeitgenæssische Quellen stçtzen, die eine
gånzlich andere Entstehungsgeschichte nahe legen.

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