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verweilen, so dass nicht nur ihre Körper, Inârah, Institut zur Erforschung der frü-
sondern auch ihre Kleider unversehrt hen Islamgeschichte und des Koran, hat
blieben, so dass sie nur, weil sie ohne zu einen achten Sammelband mit unter-
verwesen für so viele Jahren verbleiben, schiedlichen Beiträgen von Islamwissen-
von diesen unwissenden und barbarischen schaftlern aus aller Welt veröffentlicht. Sie
Völkern verehrt werden. Diese werden kreisen um zwei Problembereiche: I. Zur
dann, was ihre Kleidung angeht, für Rö- Vor- und Frühgeschichte des Islam, II.
mer angesehen. Als ein gewisser Mann, Zum Koran und seiner Sprache.
von Gier angeregt, einen entkleiden wollte, Ihre gemeinsame Leitlinie ist die Verpflich-
wie erzählt wird, verdorrten seine Arme, tung, sich ausschließlich auf nachprüfbare
und seine Strafe hat die Übrigen so er- zeitgenössische Quellen und eine kritische
schrocken, dass niemand es wagt, sie wei- Analyse des Koran zu stützen. Der Band
ter anzurühren. Nur die Zukunft wird leh- (900 Seiten) hat den Titel „Die Entstehung
ren, mit welchem Sinn die göttliche Vorse- einer Weltreligion IV. Mohammed – Ge-
hung sie für so lange bewahrt. Vielleicht, schichte oder Mythos?“ und ist erschienen
weil es nicht anders sein kann als dass im Verlag Hans Schiler, Berlin.
diese Christen sind, werden diese Stämme Statt einer Rezension soll im Folgenden als
irgendwann durch ihre Predigten be- Exempel einer der Beiträge (S. 71-97),
kehrt.“14 Auch hier wird ein Ort am Ende stark gekürzt und ohne Fußnoten, vorge-
der Welt beschrieben. stellt werden.
In jedem Fall aber haben wir es hier nicht
mit unzusammenhängenden, losen und Karl-Heinz Ohlig
willkürlich zusammen getragenen Erzähl-
gütern zu tun, sie passen nämlich zueinan- Zum Einfluss des Juden-
der und erzählen synergetisch von einan- christentums auf Koran und
der – nicht nur in der Mathematik ist das
Ganze mehr als die Summe seiner Teile. Islam – Einige Beobachtun-
Hier konnten nur einige der vielen The- gen und Fragen
men in Sure 18 al-kahf „die Höhle“ behan-
delt werden. Deutlich ist nur, dass sie kei- _______________________________________
nen islamischen Inhalt im eigentlichen
Sinn bieten. Da sie eine über zweitausend-
jährige Intertextualität voraussetzen, 1. Vorbemerkung
gleichgültig wie oder von wo der Erzähl- ...
stoff in den Koran gelangte, können sie Die Fragen betreffen zum einen 
(1) die
kaum – wer’s glaubt, wird selig – die Of- Umschreibung des Begriffs Judenchristen-
fenbarung eines Engels an einen analpha- tum, der genauer gefasst werden müsste;
betischen Propheten in der arabischen auf diesem Hintergrund ergibt sich dann
Wüste sein. 
(2) die Möglichkeit, dass in vielen Fällen
*** allgemeiner von einem semitischen Chris-
tentum und seinem Einfluss auf den Ko-
14
Historia Langobardorum I.4, vom Verfasser über- ran zu sprechen wäre. Zum Dritten 
(3)
tragen. Ursprünglicher Text: In extremis circium ist der Frage nachzugehen, wie weit zur
versus Germaniae finibus, in ipso Oceani litore,
Zeit der Entstehung des Koran noch le-
antrum sub eminenti rupe conspicitur, ubi sep-
tem viri, incertum ex quo tempore, longo sopiti bendige judenchristliche Gemeinden oder
sopore quiescunt, ita inlaesis non solum corpori- Bewegungen nachgewiesen werden kön-
bus, sed etiam vestimentis, ut ex hoc ipso, quod nen oder ob aufzeigbare judenchristliche
sine ulla per tot annorum curricula corruptione Einflüsse nicht vor allem auf judenchrist-
perdurant, apud indociles easdem et barbaras na-
tiones veneratione habeantur. Hi denique, quan- liche Literatur zurückzuführen sind.
tum ad habitum spectat, Romani esse cernuntur.
E quibus dum unum quidam cupiditate stimulatus 2. Judenchristentum – eine viel-
vellet exuere, mox eius, ut dicitur, brachia a- schichtige Größe – Aramäisches
ruerunt, poenaque sua ceteros perterruit, ne quis
eos ulterius contingere auderet. Videris, ad quod und hellenisiertes Judenchris-
eos profectum per tot tempora providentia divina tentum im frühen Christentum
conservet. Fortasse horum quandoque, quia non
aliter nisi Christiani esse putantur, gentes illae An dieser Stelle müssen die christlichen
praedicatione salvandae sunt. Anfänge dessen, was Judenchristentum
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war, reflektiert werden. Deswegen ist ein ersten Jüngerkreise, weithin in ihrer jüdi-
kleiner Rückgriff in diese Vergangenheit schen und aramäischen Tradition verblei-
erforderlich. ben. Neu war „nur“, dass sie Jesus als ih-
Das Christentum insgesamt, in all seinen ren religiösen Orientierungspunkt an-
Spielarten, basiert auf dem Judenchristen- nahmen (er ist der Messias, der die Zei-
tum. Jesus war Jude und hat in seinem tenwende herbeiführt, der von Gott Ge-
jüdischen Umfeld gewirkt. Seine Jünger zu sandte, der große Prophet u.ä.), was dann
Lebzeiten und nach seinem Tod waren Ju- für die nicht mehr alleinige Geltung der
den, die sich zunächst auch weiterhin als Thora Folgen hatte. Daneben aber konnten
solche fühlten, in den Tempel gingen und sie ihre ererbten jüdischen Traditionen
an Synagogengottesdiensten teilnahmen. weiter praktizieren, z.B. die Beschneidung,
Bald aber nach dem Tod Jesu ergab sich die Reinheitsgesetze, die Speisetabus usw.
wegen der normativen Bedeutung Jesu für Die in der Apostelgeschichte (Apg) des un-
die Jüngerkreise ein Bruch mit ihrer Her- ter dem Namen Lukas überlieferten „Ge-
kunftsreligion, und das Bewusstsein setzte schichtswerks“, wenn auch mit legendari-
sich durch, dass ihre Gruppen eine neue schen Zügen, vorgestellte Urgemeinde in
Richtung, nicht bloß eine Reformvariante Jerusalem mag hier als Modell dienen
des Judentums bildeten; die Trennung (Apostelgeschichte, Kapitel 1-5).
vom Judentum und das Empfinden der
Zugehörigkeit zu einer neuen religiösen
1.1 Das hellenisierte Diasporaju-
Bewegung, bald: der „Kirche“, setzte sich denchristentum
immer mehr durch. Aber schon in den ersten Jahren nach
Palästina gehörte damals zum Römischen dem Tod Jesu schlossen sich auch Dias-
Reich, dessen Kulturen und Religionen porajuden der neuen Bewegung an. Zu den
trotz aller regionalen und lokalen Beson- ersten Gruppen gehörten wohl Diaspora-
derheiten hellenistisch geprägt waren. In juden, die sich damals in Jerusalem und
Judäa und Umgebung war diese Prägung Judäa aufhielten. Reminiszenzen finden
aber nicht so stark wie jenseits dieser sich bei Lukas in der Apostelgeschichte,
„Grenzen“. Begünstigt von den Möglichkei- weil die Diasporajudenchristen in Jerusa-
ten, die das Römische Reich bot, hatten lem bald in Konflikt mit den einheimi-
zahlreiche Juden in den Städten rund um schen Judenchristen gerieten:
das Mittelmeer eine neue Heimat gefunden „In diesen Tagen, als die Zahl der Jünger
und sich in Synagogengemeinden organi- zunahm, begannen die Hellenisten (= grie-
siert. Besonders stark war der jüdische chisch sprechende Diasporajudenchristen)
Bevölkerungsteil – schon aus älteren gegen die Hebräer (= aramäisch sprechen-
Traditionen – in Ägypten, vor allem in Un- de einheimische Judenchristen) zu mur-
terägypten und seiner bedeutendsten Stadt ren, weil ihre Witwen bei der täglichen
Alexandria, wo auch die griechische Über- Versorgung übersehen wurden“ (Apg 6,1).
setzung der hebräischen Bibel, die Septu- Laut Apostelgeschichte führte dies zu einer
aginta (LXX), geschaffen wurde. Diese so- gewissen organisatorischen Verselbständi-
genannten Diasporajuden blieben den gung der griechisch sprechenden Juden-
Überzeugungen und Bräuchen ihrer ererb- christen (Apg 6,2-6), wobei Stephanus ei-
ten Jahwereligion verpflichtet, sprachen ne Art Sprecherrolle zukam, die mit seiner
zu Hause weitgehend noch aramäisch, im Steinigung endete.
Geschäftsleben und im täglichen Umgang Nur wenige Jahre später begann aus den
übernahmen sie zugleich die griechische Kreisen der (auch) griechisch sprechen-
Sprache und auch viele Vorstellungen aus den Diasporajudenchristen eine engagierte
der hellenistischen Kultur. Mission, die von Anfang an über die jüdi-
Das Christentum verbreitete sich nach schen Siedlungsgebiete in Palästina aus-
dem Tod Jesu relativ schnell, wenn auch griff. Ihr Horizont war nicht mehr auf Ju-
zunächst vor allem – nicht ausschließlich – däa und Samaria beschränkt, sondern
in der einfachen Bevölkerung. Dies ge- richtete sich auf die ganze (damals be-
schah in zwei „Richtungen“: zum einen kannte) Welt, also das Römische Reich.
schlossen sich kleinere Gruppen von Ju- Eine Reihe von Namen der Missionare
den in Palästina der neuen Bewegung an. („Apostel“) sind noch überliefert, der
Sie konnten, wie Jesus selbst und seine wichtigste unter ihnen wurde Paulus.
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Diese Mission in den Städten rund um das und vorwiegend wohl auf die Unterschicht
Mittelmeer nahm ihren Ausgang vor allem und untere Mittelschicht beschränkt wa-
in den jeweiligen Synagogengemeinden in ren. Erst seit der Mitte des 2. Jahrhun-
der Diaspora und richtete sich zunächst derts scheinen auch Gebildete und Men-
an die dortigen Juden und Proselyten. Im schen aus der Oberschicht zum Christen-
Umfeld dieser Gemeinden gab es auch tum gestoßen zu sein. Um diese Zeit auch
nicht wenige „gottesfürchtige Griechen“ wurde in den Gemeinden das heidenchrist-
(Apg 17,4), also Männer und Frauen aus liche Element prioritär und dominant. Ein
dem „Heidentum“, die von der jüdischen lebendiges Judenchristentum trat zurück
Religion und vor allem ihrem Monotheis- und bestimmte nicht mehr die theologi-
mus angezogen waren, aber das Judewer- schen Diskussionen oder die gemeindli-
den, somit die Beschneidung, also die chen Aktivitäten.
Pflicht zur Übernahme der Thora und wei- In der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts
terer jüdischer Gebräuche, scheuten. Aus waren die Zahlen der Christen wohl so
diesen Kreisen stießen wohl die ersten weit angewachsen, dass sie die Aufmerk-
„Heiden“ zum Christentum, und im Fort- samkeit staatlicher Stellen erregten und
gang der Mission wurden diese mehr und verfolgt wurden. Aber noch zur Zeit Kon-
mehr zu den Adressaten der Missionie- stantins waren die Christen eine relativ
rung. Dies zeigt sich eindeutig z.B. bei Pau- kleine Minderheit im Römischen Reich.
lus, der sich zu den Heiden gesandt sah. Dennoch blieben judenchristliche Denk-
Dieser neue Schritt – die Bildung einer weisen – in hellenistischer Interpretation
Kirche aus Juden und Heiden – brachte oder Brechung – wirkmächtig. Das geschah
Auseinandersetzungen mit sich. Die Hei- aber vor allem durch die normative Gel-
denmission konnte nur erfolgreich sein, tung neutestamentlicher Schriften, wenn
wenn die Taufe auf den Namen Jesu nicht auch der Abschluss der Kanonbildung bis
die Beschneidung, also das vorherige in die zweite Hälfte des 4. Jahrhunderts
Judewerden und die Übernahme der Vor- dauerte. Die neutestamentlichen Schriften
schriften des Gesetzes, voraussetzte. nun – viele von ihnen im westsyrischen
Nachdem das sogenannte Apostelkonzil Raum entstanden – sind von Judenchris-
prinzipiell das Christwerden ohne Be- ten verfasst, die oft schon in Gemeinden
schneidung gebilligt hatte, konnte Paulus, mit heidenchristlichen Anteilen beheima-
ebenso die übrigen Missionare, einen tet waren und in griechischer Sprache
Glauben unter Heiden verkünden, der die schrieben. Alle Autoren und Redaktoren
„Freiheit vom Gesetz“ mit sich brachte. der später im Neuen Testament versam-
In vielen Städten rund um das Mittelmeer melten Schriften gehörten zu den grie-
wurden bald christliche Gemeinschaften chisch sprechenden Diasporajudenchris-
gegründet. Diese Entwicklung verlief er- ten. Der früheste Autor ist Paulus, der sei-
staunlich schnell und führte auch in Rom ne insgesamt sieben (echten) Briefe zwi-
selbst zu Anfängen einer Christianisie- schen dem Jahr 49 (der Erste Thessaloni-
rung. Dies wird auch deutlich z.B. in sei- cherbrief) und rund 55-57 (Römerbrief)
nem letzten Brief, den Paulus an die Chris- verfasst hat. Die synoptischen Evangelien
ten in Rom (Römerbrief 1, 7) geschrieben sind zwischen 70 und rund 90 geschrieben
hat, mit dem er sich der dortigen „Ge- worden, die anderen Schriften meist da-
meinde“ vorstellen wollte, da er als Gefan- nach bis in die erste Hälfte des 2. Jahr-
gener nach Rom verbracht werden sollte. hunderts. Dass sie alle Judenchristen wa-
Diese Gemeinde ist also nicht von Paulus ren, lässt sich an verschiedenen Faktoren
gegründet, es gab sie schon länger, denn erkennen, von der Kenntnis des Alten Tes-
er schreibt, dass er sich schon oft vorge- taments, der Benutzung der Septuaginta
nommen habe, zu ihnen zu kommen. Und bis hin zu einem grundsätzlich geschichts-
es handelte sich hauptsächlich um Hei- orientierten Denken, das Gott als den in
denchristen: „denn wie bei allen Heiden der Geschichte Handelnden und Jesus in
soll mir meine Arbeit auch bei euch Frucht seiner heilsgeschichtlichen Rolle um-
bringen“ (Röm 1,13). schrieb (das gilt m.E. auch für den Verfas-
Diese Beobachtung darf allerdings nicht ser des dritten Evangeliums und der Apos-
darüber hinwegtäuschen, dass diese frü- telgeschichte, „Lukas“, der oft auch, wohl
hen Christen erst kleine Gruppen bildeten fälschlich, als Heidenchrist beschrieben

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wird). Dabei lässt sich aber dennoch ein Christentum – literarisch bei den Apologe-
Prozess immer stärkeren Einbruchs helle- ten – zurückgedrängt bzw. wie von selbst
nistischen Denkens erkennen; je später hellenistisch gelesen und vereinnahmt.
die Entstehungszeit einer Schrift, um so
stärker finden sich Einflüsse griechischen 1.2 Das aramäische Judenchristen-
kosmologischen Denkens, so z.B. in Spät- tum
schriften des Neuen Testaments wie im Das Judenchristentum in Judäa und Um-
Johannesevangelium oder in den Deutero- gebung sah ganz anders aus. Es scheint so,
paulinen. Hier werden die heilsgeschicht- dass sich auch dort nicht wenige Juden
lichen Vorstellungen über Gott und Jesus auf den Namen Jesu taufen ließen. Diese
Christus in unterschiedlicher Form in die Konversion wurde offensichtlich nicht –
Ebene der Seinssphäre transponiert: Gott anders als bei den Diasporajudenchristen –
ist das höchste Sein, Jesus Christus ist als radikaler Bruch empfunden. Sie blieben
Demiurg und von präexistenter Göttlich- zunächst Juden, auch wenn sie sich an
keit. Jesus orientierten, sprachen dieselbe ara-
Die Autoren- bzw. Redaktorentätigkeit der mäische Sprache wie Jesus und ihre jüdi-
hellenistischen Diasporajudenchristen ist schen Zeitgenossen, hielten an Beschnei-
ein – oder besser: der – zentrale Faktor für dung und Gesetz fest und lebten weithin
die Vermittlung des in seinen Ursprüngen ihren ererbten jüdischen Traditionen ge-
palästinischen oder aramäischen Christen- mäß.
tums in die Welt des Hellenismus und da- Vielleicht hat der Bericht der Apostelge-
mit für eine Rezeption und Inkulturation schichte einen historischen Hintergrund.
im Römischen Reich und in den auf dieses Es wird dort erzählt, dass Paulus gegen
folgenden Kulturen. Wenn auch juden- Ende seiner Laufbahn nach Jerusalem
christliches Denken bei den Verfassern der reiste. Dort wurde er von Jakobus und den
meisten neutestamentlichen Schriften be- Ältesten empfangen und berichtet über die
stimmend bleibt, hat die griechische Erfolge seiner Heidenmission.
„Übersetzung“ ihrer Theologie bewirkt, „Als sie das hörten, priesen sie Gott und
dass das spätere Neue Testament (auch, sagten zu ihm: Du siehst, Bruder, wie viele
bald ausschließlich) hellenistisch gelesen Tausende unter den Juden gläubig gewor-
und das Christentum im Hellenismus hei- den sind, und sie alle sind Eiferer für das
misch werden konnte (unvermeidlich na- Gesetz. Nun hat man ihnen über dich er-
türlich auch um den Preis seiner Verfrem- zählt, du lehrst alle unter den Heiden le-
dung). bende Juden, von Mose abzufallen, und
Die bedeutendste Zäsur für die Theologie forderst sie auf, ihre Kinder nicht be-
brachte für das hellenisierte Christentum schneiden zu lassen und sich nicht an die
der Wandel von einem heilsgeschichtlichen Bräuche zu halten.“ Damit diese Juden-
zu einem kosmologischen oder seinshaften christen ihn akzeptieren könnten, indem
Verständnis der Bedeutung Jesu: er ist er seine Treue zum Judentum beweist, sol-
nicht mehr nur heilsgeschichtlich der es- le er im Tempel das Nasiräatsgelübde prak-
chatologische Mensch, der im Namen Got- tizieren (Apg 21, 23-26).
tes die Zeitenwende einleitet, sondern er Die palästinischen Judenchristen waren
ist „physisch“ Sohn Gottes, von präexis- also in vollem Umfang Christen, weil sie
tenter Göttlichkeit, vorzeitlicher göttlicher Jesus nachfolgten und sich zu entspre-
Logos. Damit war der Weg zu einer christo- chenden Gottesdiensten zusammenfanden,
logischen Zwei-Naturen-Lehre und konse- aber sie lebten auch in ihren jüdischen
quent zu einer Binitätslehre initiiert. Traditionen: „Tag für Tag verharrten sie
Daneben aber dauerte auch judenchristli- einmütig im Tempel, brachen in ihren
ches Denken noch im zweiten Jahrhun- Häusern das Brot und aßen miteinander
dert fort, wie manche Schriften, die zur ...“ (Apg 2,46). Offensichtlich hielten sie
Gruppe der sogenannten Apostolischen an der Beschneidung und jüdischen Bräu-
Väter gehörten, zeigen können. Jesus er- chen fest.
scheint dort noch als Knecht Gottes. Aber Bald folgte auch für sie die Trennung von
im gleichen Jahrhundert schon wurden Judentum und Tempel, dennoch aber
diese Verstehensmodelle in dem immer scheinen sie deswegen ihre Lebensweise
dominierender werdenden hellenistischen nicht – wie die Diasporajudenchristen –
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völlig verändert zu haben. Ähnlich aber 2. Ein semitisches oder aramäi-


wie ihre Brüder in der Diaspora im Römi-
schen Reich wurden sie Träger einer weit-
sches (später: syrisches) Chris-
greifenden Mission. Auslöser hierfür war tentum
wohl ihre Umsiedlung in den Osten, nach
Mesopotamien. Im Gefolge der Kämpfe mit
2.1 Grundsätzliche Anmerkungen
den Römern, die im Jahre 70 n.Chr. mit Da ich zu diesem Problemfeld schon eine
der Zerstörung Jerusalems und des Tem- Reihe von Ausführungen publiziert habe,
pels endeten, und der neuerlichen Ausei- soll auf die Wiedergabe der Details verzich-
nandersetzungen in den Bar-Kochba- tet werden zu Gunsten einer mehr essayis-
Aufständen im ersten Drittel des zweiten tischen Zusammenfassung.
Jahrhunderts verließen viele Judenchris- Wie die baldige Verbreitung des Christen-
ten ihre Heimat nach Osten hin. tums im Sasanidenreich zeigt, nahmen
Auch im Perserreich gab es an nicht weni- auch viele nicht-jüdische Semiten (Aramä-
gen Orten jüdische Synagogengemeinden. er, „Syrer“) das Christentum an. Hilfreich
Manche von ihnen konnten über lange waren bei dieser Mission vergleichbare
Jahrhunderte beeindruckende Aktivitäten Denkweisen und wiederum die sprachliche
entfalten, wie z.B. die Schaffung des baby- und mentalitätsmäßige Nähe der dort le-
lonischen Talmuds, zeitlich ungefähr pa- benden Aramäer zu Juden und Juden-
rallel zu den Anfängen der Koranentste- christen. Die genauen Konturen dieses im
hung. Über ihre Verbreitung gibt es nur mesopotamischen Raum entstehenden se-
sporadische Informationen. Wahrschein- mitischen Christentums sind nur andeu-
lich nahm die Mission der aus Palästina tungsweise zu erarbeiten, weil die Quellen-
geflohenen Judenchristen ihren Anfang in lage zu wünschen übrig lässt. Aber vieles
diesen jüdischen Gemeinden, mit denen spricht dafür, dass es sehr stark von dem
sie nicht nur die Sprache, sondern auch missionierenden Judenchristentum ge-
die Schriften, die Beschneidung, das Gesetz prägt war, möglicherweise auch – vielleicht
und weitere Bräuche gemeinsam hatten. nur in einzelnen Gruppen – einschließlich
Vor allem hielten sie offensichtlich an ih- der Übernahme der Beschneidung oder jü-
rer judenchristlichen Theologie fest. Von discher Speisetabus o.ä.
den Ebioniten wissen wir nicht viel, aber Jedenfalls trat wohl eine Entwicklung ein,
sie sind wohl aramäische Judenchristen die eine gewisse Parallelität zur Geschichte
gewesen. Jesus war für sie der Messias o- des Christentums im Römischen Reich
der Davidssohn, aber – was ihre hellenisti- hatte: wie dort immer mehr „Heiden“ zu
schen Gegner richtig sahen – „bloßer Christen wurden, so dass sie bald die Ma-
Mensch“ (ψιλός ἄνθρωπος). Um 150 wurden jorität in den Gemeinden hatten und ihre
sie „im Westen“ häretisiert. Wenn also vom judenchristlichen Mitglieder nicht nur
Einfluss des Judenchristentums auf den dominierten, sondern im Verlauf der Zeit
späteren Koran und Islam gesprochen in die hellenistische Kirche integrierten,
wird, kann dies – abgesehen von der Lek- so war auch die Zunahme der Zahlen ara-
türe, Geltung und Bearbeitung neutesta- mäischer und bald auch persischer Chris-
mentlicher Schriften – nur in Bezug auf ten sehr stark.
dieses „östliche“ Judenchristentum ge- „Archäologische Ausgrabungen, Bauauf-
meint sein. nahmen und Arbeiten am Material aus
Es ist nicht bekannt, wie weit judenchrist- dem Kunsthandel erbrachten eine Vielzahl
liche Gemeinden im Sassanidenreich ver- von Belegen für Christen im Sasaniden-
breitet waren, wie zahlreich ihre Mitglie- reich, angefangen von Kirchenbauten,
der und ob sie von Anfang an für nichtjü- über Gräber, zu Gegenständen des tägli-
dische Christen offen waren. Da aber das chen Gebrauchs wie Siegel und Keramik ...
Christentum, das von ihnen begründet Es wurde deutlich, dass die Ostkirchen in
wurde, relativ schnell weite Verbreitung in der Sasanidenzeit eine eigenständige Kir-
der syro-aramäischen Bevölkerung, später chenarchitektur herausbildeten, Christen
auch bei Persern fand, darf ihre Zahl nicht auf vielerlei Art bestatteten und ihre Grä-
zu gering veranschlagt werden. ber mit Kreuzen kennzeichneten ...“
Diese semitischen Christen trieben auch
Mission unter den Persern, durchaus er-

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folgreich, wie die Existenz auch iranisch- mals auch im westsyrischen Bereich, zu
sprachiger Gemeinden zeigen kann, wofür dem Antiochien gehörte, durchaus im Ent-
auch (kärgliche) Überreste von Überset- stehen war. Noch nicht einmal – immerhin
zungen christlicher Texte ins Mittelpersi- war Theophilos christlicher Bischof – wird
sche ein Beleg sind. Das aber bedeutet, Jesus erwähnt. Nur „verdeckt (wird er)
dass das semitische und persisch inkultu- als der genannt, der uns durch sein Evan-
rierte Christentum im Sasanidenreich die gelium zum rechten Leben und zum Heil
mögliche zahlenmäßige Dimension eines führt“. Theophilos übernimmt, recht ver-
Judenchristentums, wenn es dieses auch worren, Motive der Logoslehre Justins,
später noch als „separate Gemeinden“ ge- hält sich aber durchgehend an das Alte
geben haben sollte, bei weitem überschritt. Testament, das für ihn „die Schrift“ ist,
Dabei aber ist anzunehmen, dass es auf und vertritt die Einzigkeit Gottes (obwohl
Grund der mentalen Affinität der Aramä- er als erster das Wort Trias gebraucht). Im
er/Syrer zentrale Motive und Bräuche des semitischen Christentum war also in sei-
Judenchristentums beibehielt. nen Anfängen, und das blieb noch längere
Es gab in diesem Raum keinen Paulus, der Zeit so, „die Schrift“ das Alte Testament.
einen scharfen Schnitt des sich bildenden Erst durch die Verbreitung der Evangeli-
Christentums zu den jüdischen Traditio- enharmonie des Tatian gegen Ende des
nen und Gebräuchen zog: „...laßt euch zweiten Jahrhunderts wurden ihnen neu-
nicht von neuem das Joch der Knecht- testamentliche Texte in ihrer aramäischen
schaft auflegen! ... Wenn ihr euch be- Sprache zugänglich. Die spätere sukzessive
schneiden laßt, wird Christus euch nichts Übersetzung des ganzen Neuen Testaments
nützen. Ich erkläre euch noch einmal: Je- in der Peschitta, im 4. und wohl noch im
der, der sich beschneiden läßt, ist ver- frühen 5. Jahrhundert, ermöglichte dann
pflichtet, das ganze Gesetz zu halten. Wenn eine umfassende Kenntnis dieser Texte.
ihr also durch das Gesetz gerecht werden Dieses Defizit findet sich bei den aramä-
wollt, dann habt ihr mit Christus nichts ischsprachigen sowie den späteren syri-
mehr zu tun ...“ (Gal 5, 1-4; Einheitsüber- schen Christen, und der intensive Ge-
setzung). Und im ‚antiochenischen Zwi- brauch des Alten Testaments ist keines-
schenfall’ übt Paulus harte Kritik an Pet- wegs selbst schon ein Hinweis auf den ju-
rus, der sich in Antiochien bei Juden- denchristlichen Charakter eines Schrift-
christen an die jüdischen Speisetabus hielt stücks.
(Gal 2, 11-21). Grundlegender aber war die „semitische“
Im aramäischen Umfeld war diese Mei- Gemeinsamkeit eines vor allem heilsge-
nung nicht vertreten worden – und als schichtlichen Verstehens. Wie die wenigen
man seine Briefe kennlernte, blieb eine noch erhaltenen Texte bis zum 5. Jahr-
Distanz zu Paulus erkennbar. So konnten hundert zeigen – aber auch der Seitenblick
jüdische Praktiken sowohl im Judenchris- auf die Diskussionen in der westsyrischen
tentum wie auch in der aus ihm hervorge- antiochenischen Theologie – konnten sie
gangenen syrischen Kirche weiterleben. mit der im hellenistischen Raum entfalte-
Darüber hinaus aber ist zu beachten: Da ten Theologie nur wenig anfangen. Entwe-
den aramäischen Christen, ebenso wie den der kannten sie sie gar nicht, oder sie
aramäischen Judenchristen, die grie- lehnten sie ab.
chischsprachigen neutestamentlichen Ihrer semitischen Denkweise und Mentali-
Schriften längere Zeit nicht zugänglich wa- tät zufolge ist Jesus, der Sohn der Maria,
ren, haben sie in ihrer Theologie und in für sie der schon lange verheißene und
ihren Schriften ihre christlichen Aussagen dann von Gott gesandte Prophet, Messias
vor allem mit den Mitteln des Alten Testa- usf., der sich in seiner Aufgabe bewährt
ments – dieses war für sie lange Zeit „die“ hat (vgl. die antiochenische „Bewährungs-
Schrift – erläutert. Ein Beispiel mag Theo- christologie“), dem es nachzufolgen gilt
philos sein, der im Jahr 169 Bischof von und der bei Gericht für uns eintreten wird.
Antiochien wurde. In seinem einzigen Damit war für (judenchristliches und all-
noch erhaltenen Buch Ad Autolycum, nach gemeiner) semitisches Denken die zentrale
180 geschrieben, finden sich keine Zitate Funktion Jesu als (wenn man so will)
oder Hinweise aus neutestamentlichen „Heilsbringer“ umschrieben. Für ihre
Schriften, deren kanonische Geltung da- Heilshoffnung brauchten sie nicht, wie die
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hellenistischen Christen, einen Vermittler Kern des Christentums beschreiben wür-


auf der Seinsebene zwischen der Welt des de.
Unendlichen, Gott, und unserer endlichen Dies gilt auch für das Verständnis des To-
Verfasstheit. Es gab hier keine (soteriolo- des Jesu. Er ist ein Moment der Bewäh-
gische) Notwendigkeit für eine Zwei-Natu- rung, der Selbsterniedrigung Jesu. Von
ren-Christologie. Der Glaube an Jesus als einem Opfertod wie im westlichen Chris-
den gottgesandten exemplarischen Men- tentum ist nicht die Rede. Dort ist, vor al-
schen war zureichende Basis dieses Chris- lem in der lateinischen Theologie seit Ter-
tentums. tullian, die Vergebung unserer Schuld
Wie wenig hellenistische christologische durch den Opfertod Jesu ganz zentral.
Vorstellungen im semitischen Christentum Dass dieser Gedanke im semitischen Chris-
„vor Nizäa“ – im semitischen Raum also tentum keine Rolle spielte, kann noch im
vor der Synode von Seleukia-Ktesiphon im 6. Jahrhundert die syrisch-christliche
Jahre 410 – eine Rolle spielten, mag bei Schrift Die Schatzhöhle verdeutlichen; sie
Aphrahat dem Syrer (gest. nach 345) an- führt aus: Die Inschrift, die Pilatus am
schaulich werden. Er geht auf viele Na- Kreuz anbringen ließ („der König der Ju-
men, die Christus gegeben wurden, ein. den“) war
Dabei argumentiert er vor allem vom Alten „auf griechisch, lateinisch und hebräisch.
Testament her. Bei seinen Ausführungen Und warum schrieb Pilatus kein Wort Sy-
zum Titel „Sohn Gottes“ wird deutlich, risch darauf? Deshalb, weil die Syrer kei-
dass er keine Kenntnis von der hellenisti- nen Anteil hatten am Blut des Messias ...“
schen Interpretation dieses Begriffs hat, Offensichtlich hatten die Syrer mit dem
also auch nicht von Nizäa. Ganz unbefan- Tod Jesu nichts zu tun. Das ist sicher
gen reflektiert er die Bedeutung von „Sohn nicht nur historisch zu verstehen, son-
Gottes“ als christologisches Prädikat. Er dern zeigt auch, dass es für sie nicht so
referiert aus dem Alten Testament Stellen, wichtig war, Anteil am Blut Christi zu ha-
in denen Mose, Aaron, Salomo, ja ganz Is- ben; erlöst sind wir durch die Bewährung
rael „Sohn Gottes“ genannt werden und Jesu in seinem Leben (bis zum [nicht:
resümiert: durch den] Tod) und die entsprechende
„Denn der ehrwürdige Name der Gottheit Nachfolge, nicht durch die Satisfaktion des
wurde auch gerechten Menschen beigelegt Kreuzesopfers.
und denen, die seiner würdig waren. Die Die entsprechenden Aussagen des Koran,
Menschen, an denen Gott sein Wohlgefal- die als aus dem Judenchristentum über-
len hatte, nannte er ‚meine Söhne’ und nommen erscheinen, können also durch-
‚meine Freunde’. ... Auch wir nennen aus mit der Herkunft der koranischen Be-
Christus Sohn Gottes ... Wir haben ihn wegung aus dem aramäisch-syrischen
(Jesus) Gott genannt, wie er (Gott) auch Christentum erklärt werden. Selbst durch
Mose mit seinem eigenen Namen bezeich- die Mission des Judenchristentums ent-
net hat.“ standen, von vergleichbarer Mentalität ge-
Jesus war – wie die gerühmten Männer prägt und längere Zeit von der alleinigen
der alttestamentlichen Tradition – ein „ge- Geltung der Hebräischen Bibel und später
rechter Mann“, und dies in besonderem noch von einer zentralen Rolle dieses
Maß auf Grund seiner Selbsterniedrigung Buchs bestimmt, lassen sich die Eigentüm-
und Demut bis zum Kreuzestod, also we- lichkeiten im Koran durchaus aus dem sy-
gen seiner besonderen „Bewährung“. In rischen Christentum herleiten, das ja ge-
dieser sollen wir ihm nachfolgen: „Also genüber judenchristlichen Gruppen bald
demütigen auch wir uns ... Nichts anderes majoritär wurde. Der unitarische Mono-
wird von uns verlangt, als dass wir unsere theismus, die (nicht-göttliche) Auffassung
Tempel schmücken.“ Dann wird uns Jesus Jesu, die starke Verwendung des Alten
einst, beim Gericht, „rühmen, weil wir ihn Testaments waren schon bestimmend für
geehrt haben.“ Das Christentum ist also dieses Christentum. Und wahrscheinlich
erschöpfend beschrieben als Nachfolge Je- wurden in – wenigstens – einigen Regio-
su und als Bemühen, sich zu bewähren. nen auch judenchristliche Praktiken wie
Diese Auffassung ist meilenweit von dem die Beschneidung oder Speisetabus von
entfernt, wie ein hellenistischer Christ den Christen weiter ausgeübt, als Folge ihrer
Anfänge aus dem Judenchristentum, einer
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verwandten Mentalität und auch der star- spalten hätte, wäre erstens keine relevante
ken Stellung des Alten Testaments. Begründung dieser Trennung erkennbar,
Schon im 4. Jahrhundert aber zeichneten zum anderen wäre schwer vorstellbar, wie
sich Anfänge einer Rezeption hellenistisch- ihre Motive und Sprüche eine so weite
christlicher Theologie in der syrischen Verbreitung in verschiedenen Regionen
Kirche ab. Nachweisen lässt sich dies bei Mesopotamiens finden konnten. Dies lässt
Ephräm dem Syrer (um 306-373), der in sich eher erklären, wenn ihre Wurzeln in
Nisibis geboren und aufgewachsen ist, einer Unzufriedenheit mit den neuen Ten-
dann aber nach Edessa wechselte, das da- denzen im syrischen Christentum ange-
mals zum Römischen Reich gehörte. nommen werden; wahrscheinlich war ein
„Dort gehörte Nizäa, eine bini- bzw. trini- Festhalten von „Altgläubigen“ an ihren
tarische Terminologie und die Auseinan- tradierten Auffassungen und somit eine
dersetzung mit dem Arianismus zu seinen Fremdheitserfahrung mit den hellenisti-
Kontexten. Deswegen finden sich in seinen schen Tendenzen in der syrischen Groß-
Schriften und Liedern Anspielungen auf kirche flächenmäßig weiter verbreitet. Dies
die Inkarnation, den göttlichen Logos und könnte der „Sitz-im-Leben“ für die in un-
die Binität, ohne dass diese Vorstellungen terschiedlichen Regionen des mesopotami-
begrifflich reflektiert würden.“ Einen wei- schen Raums entstehende und dann zu-
teren und entscheidenden Schritt brachte nehmend sich etablierende koranische
das schon erwähnte Konzil von Seleukia- Bewegung sein.
Ktesiphon im Jahre 410, das Nizäa aner- Darüber hinaus wäre nicht einfach zu er-
kannte. klären, wieso eine aus judenchristlichen
So lässt sich seit dem 5. Jahrhundert eine Kontexten entstehende Bewegung nicht
fortschreitende Hellenisierung aufzeigen, nur deren zentrale Anliegen weiterführt,
ebenso aber auch die Probleme, die aramä- sondern auch in einem doch, wie sich im-
isch-syrische Theologen damit hatten. mer mehr herausstellt, recht beeindru-
Deswegen orientierten sie sich zur Bewäl- ckenden Ausmaß auf Gedankengänge und
tigung dieser Spannung an der „antioche- Argumentationen einer Fülle von spätan-
nischen Theologie“ des 4. und 5. Jahr- tiker Literatur zurückgreift, die in nicht
hunderts in Westsyrien, die damit in einer wenigen „Fällen“ von christlichen, aber
noch radikaleren Weise befasst war. Die eben auch nicht-judenchristlichen Autoren
wichtigste Autorität wurde der differen- stammt (wie z.B. Tertullian oder Laktanz).
zierteste Theologe der Antiochener, Theo- Ob auch die koranische Rezeption und Be-
dor von Mopsuestia, daneben aber wurden arbeitung z.B. des Alexanderromans, za-
auch Diodor von Tarsus und Nestorius zu rathustrischer, mandäischer oder manich-
Autoritäten. ... äischer Motive in einer judenchristlichen
... Tradition möglich gewesen wäre, ist zu-
mindest nicht wahrscheinlich. Vieles
Da der Koran sich polemisch von allen hel-
spricht dafür, dass diese Phänomene eher
lenistischen Entwicklungen in der syri-
in ins Perserreich inkulturierten syrisch-
schen Kirche abgrenzt, muss angenommen
christlichen Gemeinden beheimatet waren
werden, dass die koranische Bewegung aus
und von der koranischen Bewegung „mit-
aramäisch-syrischen christlichen Kontex-
genommen“ wurden.
ten hervorgegangen ist, die diese „Neue-
rungen“ allesamt ablehnten. Kreise von 2.2 Gnostische Strömungen ....
„Altgläubigen“ waren mit der Übernahme
hellenistischer Begrifflichkeit nicht ein- 3. Judenchristentum zur Zeit der
verstanden, lehnten eine Bini- oder (spä-
ter) Trinitätslehre ab, ebenso die Gottes- Koranentstehung?
sohnschaft bzw. Göttlichkeit Jesu. Die in Ob es z.Zt der Koranentstehung noch ein
den Koran eingeflossene Polemik gegen real existierendes Judenchristentum gab,
diese Topoi spiegelt wohl eine solche sy- ist fraglich. Eher lässt sich dies für die
risch-christliche Situation, weniger eine früheren Jahrhunderte annehmen, weil es
Argumentation judenchristlicher Art. dort – von der Großkirche häretisierte –
Wenn sich die koranische Bewegung aus Strömungen gab, die zum einen die Gött-
judenchristlichen Gemeinden oder gar aus lichkeit Jesu ablehnten, einen unitari-
einer judenchristlichen Gemeinde abge- schen Gott glaubten und zudem jüdische
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Bräuche, z.B. die Beschneidung, prakti- Christen als Nāṣrāyā (meist übersetzt mit
zierten. Verwiesen wird vor allem, neben Nazoräern oder Nazarenern) im Unter-
kleineren Richtungen, auf drei Bewegun- schied zu den hellenistischen Christen als
gen: die Nazoräer, die Kerinthäer und die krestianoi auf der Stele des zarathustri-
Ebioniten. schen Oberpriesters Kartir. Die mittelper-
Ihre genaueren Konturen und ihre Theo- sische Inschrift befindet sich neben einer
logie sind nicht mehr zu greifen. Unsere Reliefabbildung des Kartir in Naqsch-e
„Informationen“ entstammen im Wesentli- Radschab (etwa drei Kilometer nördlich
chen einigen Nebenbemerkungen antihä- von Persepolis) und wird auf die Zeit von
retischer Schriftsteller, besonders aber ei- 276-293 datiert. Auch im Koran werden
nem Werk des Bischofs von Konstantia Christen Nasa ̣ r̄ ā genannt.
bzw. Salamis (Zypern), Epiphanios von Sa- Um 404 n. Chr. schreibt Hieronymus in
lamis (gest. 403). Der in Judäa geborene einem seiner Briefe an Augustinus, dass
Sohn jüdischer Eltern verfasste zwischen die Nazoräer an Jesus Christus, seine Ge-
374 und 377 das Panarion („Hausapothe- burt durch Maria sowie die Kreuzigung
ke“ [gegen das Gift der Häresien]), in dem und Auferstehung glaubten, aber gleichzei-
er achtzig häretische Richtungen be- tig jüdische Regeln befolgten. Hier schei-
schreibt. Es wurde, neben dem früheren nen Nazoräer eine christliche Sondergrup-
antihäretischen Werk des Irenäus von pe zu sein, meist wird an Judenchristen
Lyon (um 180 verfasst), immer wieder ab- gedacht. So dient der Begriff Nazoräer
geschrieben und benutzt. auch für Epiphanios zur Kennzeichnung
Leider sind die Angaben zu den einzelnen einer judenchristlichen Häresie – oder
Häresien recht ungenau und historisch mehr als das: sie sind gar keine (richtige?)
mit Vorbehalt zu lesen. Mit Sicherheit Christen, obwohl sie an Jesus glaubten:
trifft seine Charakterisierung der Ebioni- „Insgesamt gesehen, sind sie aber Juden
ten als Judenchristen zu. Von allen drei und nichts anderes“, obwohl sie „den ei-
Richtungen wird tadelnd angemerkt, dass nen Gott verkünden und seinen Knecht
sie an der Beschneidung und an jüdischen Jesus Christus.“ Zu schwer wog für Epi-
Bräuchen festhalten, was für Epiphanios – phanios, dass sie die Beschneidung prakti-
trotz seiner Herkunft ein Verfechter der zierten; wahrscheinlich könnte man die
hellenistischen Orthodoxie – schon häre- polemische Schärfe der Aussage, dass die
tisch ist, durchaus im Sinne des Paulus. Nazoräer Juden und keine Christen seien,
Aber ist das zwangsläufig judenchristlich? abmildern, indem man sie wenigstens als
Denn diese Beobachtungen scheinen auch Judenchristen versteht. Immerhin glaub-
auf Richtungen des syrischen Christen- ten sie an Jesus, sind also dann der Sache
tums zuzutreffen, das ja die scharfe Anti- nach keine Juden mehr.
these des Paulus nicht mitgemacht hatte. Doch bleibt auch hier die Frage, ob
Von den Kerinthäern sagt Epiphanios, zwangsläufig von Judenchristentum ge-
dass sie
„einen Unterschied (machen) sprochen werden muss; die Verkündigung
zwischen ‚Jesus’ und ‚Christus’ – Jesus des unitarischen Gottes und Jesu als sei-
war ein gewöhnlicher Mensch, das von nes Knechts ist zwar ursprünglich auf das
Maria und Joseph gezeugte Kind, während Judenchristentum und ihm nahe stehende
der Christus auf ihn bei der Taufe nieder- Schriften zurückzuführen (vgl. von den
kam und ihn bei der Kreuzigung verließ, sogn. Apostolischen Vätern: Martyrium
ohne zu leiden.“ Auch diese Auffassung des Polykarp 14,1; Didache 10,2 und Ers-
muss nicht unbedingt judenchristlich sein, ter Klemensbrief [1Klem 59,2]). In allen
weil diese Interpretation auch eine Vari- Fällen wird Jesus pais (παῖς – sowohl
ante der gemeinsemitischen Christologie „Kind“, als auch „Sklave, Knecht“) ge-
(Jesus ist Mensch und nicht göttlich) sein nannt, das aber – im Gegensatz zu dem in
kann. der hellenistischen Christologie gebräuch-
Erst recht schwierig zu interpretieren sind lichen hyós [tou] theoû (υὸς [τοῦ ] θεοῦ /
die Ausführungen des Epiphanios zu den υιὸς [τοῦ ] Θεοῦ ) nicht als Kind Gottes,
Nazoräern. Immerhin referiert er, dass sondern als Knecht Gottes aufzufassen ist.
früher „alle Christen Nazoräer hießen“. Zu bedenken aber ist die Möglichkeit, dass
Das könnte eine Entsprechung sein zu der diese ursprünglich judenchristliche Be-
syrischen Bezeichnung der semitischen grifflichkeit Gemeingut der aramäischen/
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syrischen Kirche bzw. der Kreise in ihr, Evangelium in der Einzahl (arab.: inǧīl -
die an einer semitischen Christologie fest- Singular!, nie: die Evangelien) erklären
halten wollten, geworden war – die aller- lasse. Allerdings ist dieser Zusammenhang
dings im Koran dennoch abgelehnt wurde: nicht zwingend. Kerr selbst relativiert ihn:
Allah hat keine Kinder. Diese Ablehnung „Allerdings ließe sich dieser Umstand viel-
könnte aber auch auf eine innerchristliche leicht auch aus der Benutzung des Diates-
Vorgeschichte zurückgehen, die auf Grund sarons des Tatian erklären.“ Und nicht
der Auseinandersetzungen mit dem helle- nur das: Kann im Koran „Evangelium“
nistischen Einfluss auch den Titel pais ab- nicht ein zusammenfassender Begriff für
lehnte, weil er – alltagssprachlich – auch das Neue Testament sein, wie auch das
als „Kind“ gedeutet werden könnte. Wenn meist hinzugefügte „Thora“ für die hebräi-
es so war, hat sie allerdings nur im Koran sche Bibel steht („Thora und Evangeli-
Spuren hinterlassen. Fraglich ist also, ob um“)? Jedenfalls zeigen die erst neuer-
die Zuordnung dieser Thesen an Juden- dings unternommenen exegetischen Ana-
christen zutreffend ist. lysen des Korantextes, dass sowohl das
Nach Epiphanios ist den genannten drei Erste wie das Neue Testament intensiv be-
Gruppen gemeinsam die Benutzung eines nutzt wurden und es eine beeindruckende
hebräisch geschriebenen Evangeliums, an- Fülle von Anspielungen, Assoziationen
sonsten meist mit dem apokryphen Hebrä- und wörtlichen Textteilen aus dem ganzen
erevangelium (erste Hälfte 2. Jahrhun- Neuen Testament gibt; auch die Bedeutung
dert) identifiziert; es ist aber unsicher, ob paulinischer Briefe und Theologie ist nach-
dies zutrifft und wenn, ob alle drei Bewe- weisbar – die Verfasser des Koran haben
gungen das gleiche Evangelium benutzten. keineswegs nur ein Evangelium benutzt.
Mit „hebräisch“ ist wohl, wie schon bei So scheinen die Einflüsse des Judenchris-
Papias (gest. 135), der (fälschlich) meint, tentums auf recht einfachen und nicht
Matthäus habe sein Evangelium ursprüng- überzeugenden Beobachtungen, z.B. dem
lich in hebräischer Sprache (̔Εβραΐδι Einfluss jüdischer Bräuche oder der Be-
διαλέκτῳ) verfasst, „aramäisch“ gemeint. schneidung, zu beruhen. Vielmehr scheint
Diese Bemerkung des Papias ist wohl auch es einen umfassenderen Hintergrund ge-
der Grund, warum ein solches apokryphes geben zu haben: das semitische (und per-
Evangelium entstanden und gelegentlich, sisch inkulturierte) Christentum in seinen
so auch bei Epiphanios, von einem hebrä- vielfältigen regionalen und ideologischen
isch (aramäisch) geschriebenen Matthäus- Varianten.

evangelium die Rede ist, das dann aber R.M. Kerr stellt zutreffend fest: „... die Be-
auch mit dem Hebräerevangelium identifi- richte der Häresiologen über die Nazoräer
ziert werden konnte. Diese Ausführungen hören grosso modo im fünften Jahrhun-
sind ein wenig problematisch: Natürlich dert auf – das Bekämpfen anderer Ketze-
hat der Verfasser des ersten (anonym reien wurde hiernach wohl akuter, also
überlieferten) Evangeliums, erstmals von wissen wir nichts über Entwicklungen
Papias als Matthäus bezeichnet, sein und Veränderungen in den Auffassungen
Evangelium von Anfang an in griechischer jener Bewegung(en).“
Sprache geschrieben, und von einem Muss man aus dieser unbestreitbaren Be-
apokryphen aramäischen Matthäusevange- obachtung nicht zwingend schließen, dass
lium gibt es nur kärgliche Belege. Das es im 7. und 8. Jahrhundert (vielleicht
Hebräerevangelium aber ist nicht mit ihm auch schon im 6. Jahrhundert?), als ko-
identisch. Was also genau dieses aramäi- ranische Texte formuliert wurden, einfach
sche Evangelium sein soll und ob es wirk- kein nennenswertes und unterscheidbares
lich von allen genannten Richtungen be- Judenchristentum mehr gab? Es gab aber
nutzt wurde, bleibt z.Zt. noch unklar. immer noch unzählige christliche Theolo-
R.M. Kerr hält dennoch die Benutzung nur gen, die bei jedem Anschein von Häresie
eines einzigen und zudem semitischen oder abweichenden Meinungen zur Feder
Evangeliums für „eine außerordentlich griffen. Wenn sie es nicht taten, dann doch
wichtige Beobachtung“ und damit auch für wohl deshalb, weil das Judenchristentum
einen Hinweis auf die Bedeutung des Ju- als Gegenstand entschwunden war. Viel-
denchristentums für den Koran, weil sich leicht war es, vergleichbar dem hellenisier-
von daher das Sprechen des Koran vom ten Judenchristentum im Römischen/By-

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zantinischen Reich, von der erdrückenden in „das Gebiet der Nabatäer, der Ghassini-
Majorität der anderen Christen im meso- den und Lakhmiden hinein“, wo auch „das
potamischen Raum aufgesaugt worden, so koranische Arabisch und die Entstehung
dass eventuell nur noch kleine, regional der arabischen Schrift zu orten sind“ und
abgelegene Gruppen überlebt haben, die wo die koranische Version des semitischen
nicht mehr die Aufmerksamkeit von mög- Christentums in Opposition mit dem offizi-
lichen Gegnern auf sich zogen. Und dieses ellen Christentum zu einer eigenen Religi-
„Aufsaugen“ konnte im Osten unproblema- on mutierte.
tischer von statten gehen als im Westen, in Es mag durchaus zutreffen, dass in diesen
dem das Judenchristentum völlig umge- Regionen, in denen die Konfrontation mit
deutet – hellenisiert – werden musste. In einem immer rigideren dogmatischen hel-
den Ostkirchen aber war kein kultureller lenistischen Christentum schärfer war als
Bruch vonnöten, weil die Affinität des se- im Inneren Mesopotamiens, aus der Kon-
mitischen Christentums zum Judenchris- frontation die auch formale Verselbständi-
tentum sehr groß war. Das scheint auch gung zu einer neuen Religion begonnen
der Grund dafür zu sein, dass hier die Bei- hat. Aber die Distanzierung semitischer
behaltung judenchristlicher oder jüdischer „Altgläubiger“ von der (helleniierten) sy-
Gebräuche nicht immer als Fremdelement rischen Großkirche war älter und führte
empfunden wurde, ohne dass daraus mit wohl lange „vor Mohammed“, in der noch
einiger Mühe und nicht überzeugend auf funktionierenden Sassanidenzeit zu einer
ein doch noch vorhandenes Judenchris- Produktion von Texten, die noch nicht in
tentum geschlossen werden könnte. So der späteren Koransprache verfasst waren
müht sich Shlomo Pines damit ab, juden- und später in die koranische Sammlung
christliche Spuren zu entdecken, obwohl aufgenommen wurden.
die dafür angeführten Kennzeichen (z.B. Vieles spricht dafür, dass diese ersten Dis-
Nicht-Göttlichkeit Jesu, jüdische Gebräu- tanzierungen auf Kreise tiefer im Osten
che) durchaus auch Elemente des semiti- Mesopotamiens zurückzuführen ist. In
schen Christentums vom Euphrat bis Indi- Frage kommen hierfür urbane Ballungs-
en waren. Die von ihm angeführten Quel- räume oder Zentren, in denen sowohl Tho-
len sind in ihrem Alter sehr unterschied- ra und Evangelium, ihre Apokryphen, die
lich und für die Argumentation nur be- Themen und Bilder aus (überwundenen)
grenzt tauglich So muss auch er schließ- gnostischen Bewegungen sowie aus der
lich einräumen, das Judenchristentum im spätantiken Literatur bekannt waren.
7. Jahrhundert sei „probably oblivious of So dürfen wohl für die Bildung der korani-
its existence“ gewesen. schen Bewegung und die zunehmende
Dennoch blieb bis in die Zeiten der korani- Produktion von (später koranischen) Tex-
schen Bewegung der Einfluss des juden- ten zwei Phasen angenommen werden: ei-
christlichen Denkens erhalten: durch die ne ältere seit der späteren Sassanidenzeit
Literatur, die sie hervorgebracht hatten und eine jüngere in der Zeit der Omaiya-
und die offensichtlich sowohl im Koran den seit ‘Abd al-Malik, in der die alten Tex-
wie im frühen Islam gelesen und benutzt te ins Koranarabische und die hierfür ge-
wurde. nutzte arabische Schrift transferiert und
Dieser Beitrag will nicht die verbreiteten durch neue Texte ergänzt wurden.
Vorstellungen zu judenchristlichen Ein- Aber auch gegen Ende der Omaiyadenzeit
flüssen auf die koranische Bewegung be- war der sich zunehmend bildende Koran
streiten – sie sind durchaus richtig. Aber (vom späteren Ergebnis her gesehen) noch
sie gehen wohl nur noch selten auf leben- fragmentarisch, weitere Texte – eine dritte
dige judenchristliche Gemeinden oder Ge- Phase – kamen hinzu; wahrscheinlich
meindeteile zurück. Was als judenchrist- dauerte diese Bildung einer Ganzschrift
lich erscheint, gehörte zu den Eigentüm- des Koran bis in die Anfänge des 10.
lichkeiten des semitischen Christentums Jahrhunderts hinein.
im Perserreich. Dessen Kontexte sind eher Weil sich um die Wende zum 9. Jahrhun-
geeignet, die beobachteten Phänomene zu dert das Bewusstsein durchsetzte, nicht
erklären. mehr nur eine Bewegung zu sein, die Tho-
Robert M. Kerr lokalisiert die bei Epipha- ra und Evangelium richtig auslegte, son-
nios genannten judenchristlichen Gruppen dern eine eigenständige Religion mit eige-
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Islamisches / Das besondere Buch 90

nem heiligen Buch, mussten die bisher de- zugehen und eine päpstliche Suprematie
fektiv überlieferten Korantexte für alle zu begründen. Dabei suchte es mit Verwei-
Gläubigen, auch die Nicht-Araber, lesbar sen auf die Bibel, kirchengeschichtliche
gemacht werden. Sie wurden zunehmend Exempla und auch die Kirchenväter eine
mit diakritischen Zeichen und Vokalen „neue Gewalttheorie der Kirche“ (S. 13) zu
versehen, wenn man so will, eine vierte etablieren und auszuweisen.
und letzte Phase der Koranentstehung.
Anlage und Ziele
Gerd Althoff will in zehn Kapiteln – nicht
*** alle sind hier zu behandeln – vor allem
ausführlicher klären, „wie die neuen Gel-
Johannes Schmitt tungsansprüche des Papsttums auf Vor-
rang in Kirche und Welt begründet (…),
mit welchen Argumenten in diesem Zu-
„Selig sind, die Verfolgung sammenhang physische Gewalt und Zwang
ausüben …“ im Dienste und Auftrag der Kirche legiti-
miert worden sind“ (S. 31). Zu Beginn ste-
hen die „Selbstzeugnisse Gregors VII.“ im
Wie die Gewalt endgültig ins Mittelpunkt, dann behandelt er die „Weg-
Christentum kam bereiter unter den frühen Reformern“, die
insbesondere für diesen Zusammenhang
Zu: Gerd Althoff, „Selig sind, die Verfolgung die Bedeutung des Alten Testamentes – dies
ausüben“. Päpste und Gewalt im Hochmit- wird hier ein zentraler Aspekt – zur Legi-
telalter, Darmstadt 2013 (Wissenschaftliche timierung der Gewalt herausgearbeitet hat-
Buchgesellschaft), 254 S., ISBN 978-3-534- ten. „Gegner“ und „Anhänger“ werden
24711-0 (auch: Stuttgart 2013 (Konrad dann gegenübergestellt. Ausführlicher wird
Theis Verlag), ISBN 978-3-8062-2751-2). in weiteren Kapiteln untersucht, „wie das
_______________________________________ Papsttum und die Kirche die Gewaltan-
wendung gegen Ungläubige“ in den Kreuz-
zügen „gerechtfertigt“ haben und wie die
Fragestellung neue „Gewalttheorie“ schließlich verbind-
lich in das Decretum Gratiani kirchen-
Zunächst, auf den ersten Blick, erscheint
rechtlich – eigentlich bis heute gültig und
das Titelzitat in der grundlegenden Studie
nachhaltig – einfloss (S. 34).
des renommierten Mediävisten Gerd Alt-
hof, ein motorartiger Kernsatz aus einer Gregors VII. „neue Geltungsan-
Streitschrift des Bischofs Bonizo von Sutri,
eines Propagandisten der gregorianischen
sprüche“ und „ihre biblische Be-
Partei im Investiturstreit, als kontrafak- gründung“
tisch-ironische Umkehr eines Diktums der Einen zentralen Stellenwert spricht Gerd
Bergpredigt: Nicht nur die seien selig zu Althoff der Herausarbeitung der Geltungs-
preisen, die Verfolgung erlitten, sondern ansprüche des Papsttums auf Herrschafts-
auch die – und das ist die neuartig revolu- befugnisse in der Welt durch Gregor VII.
tionär-dogmatische Sicht –, „die Verfol- im 11. Jahrhundert zu. Deshalb soll aus-
gung ausübten um der Gerechtigkeit wil- führlicher hier darauf eingegangen wer-
len“ (S. 11). Im so genannten Investitur- den: Dieser Papst sieht sich „als Nachfol-
streit ging es daher nicht nur – und das ger Petri im Besitz der Wahrheit Christi“,
scheint schon in diesem Zitat durch – um die mit der „Übertragung der Binde- und
die Durchsetzung des Zölibates, den Kauf Lösegewalt“ auf ihn, Gregor, gelangt sei (S.
kirchlicher Ämter (Simonie) und schließ- 42). „Diese Wahrheit Christi, an der Gre-
lich die Einsetzung (Investitur) der Bi- gor als Vicarius Christi“ teilhabe, ist
schöfe, sondern das Papsttum intendierte Grundlage für die angestrebte „päpstliche
aus einem „religiösen Fundamentalismus“ Suprematie“ (S. 42). Diese soll dazu füh-
ein bis dahin nicht gekanntes Sendungs- ren, dass – und dies ist eigentliches Ziel
bewusstsein. Dieses beanspruchte im Sin- und Stoßrichtung des Investiturstreites –
ne der erkannten Wahrheit gegen religiöse in der Kirche die Libertas Ecclesiae, „die
Abweichler – Häretiker – mit Gewalt vor- Freiheit der Kirche vom Einfluss der

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