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CONGREGAZIONE DELLA MISSIONE

CURIA GENERALIZIA

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Aschermittwoch, 9. März 2011.

An alle Mitglieder der vinzentinischen Familie

Liebe Brüder und Schwestern,

Die Gnade und der Friede unseres Herrn Jesus Christus mögen Ihre Herzen erfüllen,
jetzt und allezeit!

Während ich diesen Fastenbrief für 2011 schreibe, denke ich sehr an die Früchte
des Jubiläumsjahres, das wir aus Anlass des 350. Todestages des heiligen Vinzenz und
der heiligen Luise gefeiert haben. Ich hoffe, dieses Jahr hat uns geholfen, unsere Be-
ziehung mit Gott, unter uns als vinzentinische Familie und besonders mit unseren Her-
ren und Meistern, den Armen, zu vertiefen.

Die Fastenzeit ist eine Zeit der intensiven Überprüfung unserer persönlichen
Beziehungen, wohl wissend um unsere Grenzen und Fehler. Es ist vor allem eine Zeit,
uns den anderen und, natürlich, Gott zuzuwenden, um unsere Beziehungen zu heilen,
damit unsere Herzen sich neu mit Seinem Mitleid füllen und davon überströmen.

Vor kurzem habe ich an einem Workshop teilgenommen, den die Gemeinschaft
von Sant’Egidio für Bischöfe und Freunde von Sant’Egidio verantstaltet hat. Der
Gründer dieser wunderbaren Laiengemeinschaft, Andrea Riccardi, hat das Treffen mit
einer Ansprache eröffnet, die für alle gedacht war, vor allem aber für die Bischöfe als
Hirten der Kirche. Er hat den Bischöfen Papst Johannes Paul II. als Vorbild hingestellt.
Hauptpunkt seines Referats war das Beispiel, das Johannes Paul II. als Mensch der
Beziehungen gab, besonders in seiner Beziehung mit Gott und den Armen. Es war in-
teressant zu sehen, wie tief beeindruckt sich die anwesenden Bischöfe über diese ein-
fache, aber tiefe Überlegung äußerten. Ich war auch sehr erbaut, habe aber dann ge-
dacht, dass es hier eigentlich nichts gab, was wir nicht ohnehin schon wüssten. Jesus
Christus hat uns das alles ja selbst gelehrt; und als Jünger sind wir aufgerufen, ihn
nachzuahmen in seiner einzigartigen Beziehung mit dem Vater und in seiner Art, auf
die von der Gesellschaft beiseite Geschobenen zuzugehen.
Unser Gründer, der heilige Vinzenz von Paul, fordert uns ebenfalls zu dieser
Begegnung mit Gott auf, wenn er sagt: „Gebt mir einen Menschen des Gebetes und er
wird zu allem fähig sein“ (Coste XI, 83). Er ermuntert uns zu dieser tiefen Beziehung,
wie sie Jesus zu seinem Vater hatte. Der heilige Vinzenz sagt uns auch, dass die wahre
Religion unter den Armen zu finden sei; mit anderen Worten, diese tiefe Gottesbezie-
hung erleben wir in unserer Beziehung mit den Armen. Und, wie Vinzenz betonte:
„Bei ihnen finden wir unser Heil“ (Coste XII, 172). Ich bitte Sie, Mitglieder der vin-
zentinischen Familie, den zweifachen Aspekt dieser Beziehung mit Gott und den Ar-
men in dieser Fastenzeit zu überprüfen.

Unlängst habe ich ein Lied gehört, das der heutigen Jugend gut bekannt ist. Es
drückt die unbedingte Notwendigkeit aus, zum Gebet seine Zuflucht zu nehmen, be-
sonders wenn wir um uns blicken und die Menschen sehen, die in der Welt leiden. Es
gibt auch ein anderes Lied mit dem Titel „Born this Way“ („Nunmal so geboren“); es
handelt sich um den letzten Song von Lady Gaga (amerikanische Popsängerin) und ist
ein Hymnus an die Ausgegrenzten. In einer Strophe heißt es: „Egal welche Behinde-
rung, lass‘ sie dich ausstoßen, beschimpfen oder beleidigen. Freue dich heute und lie-
be dich selbst, denn, Baby, wir sind nunmal so geboren.“ Mich beeindruckt, wie sehr
die Jugendlichen ihre Aufmerksamkeit nicht auf sich selbst richten, sondern auf die
Bedürfnisse der Armen, genauso wie wir unsere Welt und verschiedene leidvolle Situ-
ationen aufmerksam verfolgen.

Nehmen wir uns Zeit, unsere Beziehung mit den Armen zu vertiefen. Ich möch-
te über einige Situationen sprechen, die ich bei meinen Besuchen als Generalsuperior
an den verschiedenen Orten beobachtet habe, in denen die vinzentinische Familie dient
und das Evangelium verkündet. Was mich beeindruckt, und ich habe es bei anderen
Gelegenheiten gesagt, ist, dass es in jeder Gesellschaft eine Gruppe gibt, die man zu
„Sündenböcken“ macht. Es sind die Diskriminierten, die aus ihrer Gesellschaft Aus-
gestoßenen. Ich habe das auf jedem Kontinent festgestellt. Bei meinem jüngsten Be-
such in Äthiopien hat unser Mitbruder, Bischof Msgr.Markos, mir von einer Personen-
gruppe gesprochen, die in der äthiopischen Gesellschaft verfemt ist; seit Jahren wer-
den diese Menschen verachtet und diskriminiert, nicht nur von jenen, mit denen sie
Tag für Tag zusammenleben, sondern auch von den Behörden dieses Landes. Dieselbe
Erfahrung habe ich in Vietnam, in Indien, im Kongo, aber auch in den entwickelten
Ländern, wie hier in Italien, gemacht. Kürzlich wurde der italienischen Gesellschaft
die furchtbare Situation der Zigeuner vor Augen geführt, die in der Stadt Rom sehr
zahlreich sind und unter unmenschlichen Bedingungen leben. Vier Kinder sind infolge
dieser miserablen Zustände verbrannt.

Bei einem Gedenkgottesdienst für diese vier Kinder hat Kardinalvikar Agostino
Vallini sehr deutliche Worte für die Armen gefunden und gesagt, wie notwendig es sei,
auf ihre Wirklichkeit zu schauen, besonders auf die Wirklichkeit der armen Einwande-
rer. Er hat alle Anwesenden aufgefordert, ihr persönliches Gewissen und ihr Gewissen
als christliche Gemeinde zu prüfen. Sehr häufig wollen die Einwanderer ihr Herkunfts-

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land gar nicht verlassen, aber sie tun es, um dem Krieg, der Gewalt, dem Hunger zu
entfliehen, und sie sind verzweifelt auf der Suche nach einem Leben in Frieden und
Würde. Gewiss, die Anwesenheit von Einwanderern schafft in jeder Gesellschaft neue,
oft vielschichtige Probleme, die wir nicht auf simple Weise lösen können. Aber, wie
der Kardinal sagte, wir sind Christen, wir können nicht nicht lieben und wir können
uns nicht für das Leben jener, die in Armut leben, die wir als unsere geringsten Brüder
betrachten und die an den Rand unserer Gesellschaft gedrängt werden, nicht interessie-
ren.

Der Kardinal betonte, dass sie die wirkliche Gegenwart Jesu Christi darstellen.
Als ich das hörte, dachte ich an den heiligen Vinzenz, der uns dasselbe sagen würde,
uns, den Mitgliedern der vinzentinischen Familie: Christus in den Armen sehen, vor
allem in den Verlassensten. Meine Brüder und Schwestern, heute müssen wir die He-
raus-forderung annehmen, diese Armen zu sehen und ihnen eine Antwort geben: den
Obdachlosen, den Straßenkindern, den Gefangenen, den Einwanderern; den Men-
schen, die wegen ihres Geschlechts ungleich behandelt werden, den diskriminierten
Frauen, den Frauen und Kindern, die Opfer von Menschen- und Sklavenhandel sind,
den Kindersoldaten, ein Thema, über das ich einmal ausführlich sprechen möchte, weil
ich es für unerhört finde, dass in unserer Gesellschaft junge Kinder benützt werden,
Waffen zu tragen, um für Menschen zu kämpfen, die nur ihre eigenen politischen Inte-
ressen im Sinne haben. Was tun wir, um das Leben dieser unschuldigen Kinder zu ver-
teidigen? Es ist schrecklich zu sehen, dass sie auch Waffen tragen müssen, die schwe-
rer sind als sie selber und die andere Menschen töten können, die ebenso unschuldig
sind wie sie. In seiner Predigt fügte der Kardinal hinzu, dass wir angesichts all der al-
ten und neuen Formen der Armut in unseren Städten, niederknien und Gott um Verge-
bung bitten müssten, und nicht nur Gott, sondern auch alle Armen, weil wir außerstan-
de sind, etwas für sie zu tun.

Wenn ich an die Situation der Ausgegrenzten, der Geächteten denke, von denen
ich in den früheren Briefen gesprochen habe, stelle ich oft mit Freude im Herzen fest,
wie die Mitglieder der vinzentinischen Familie auf die eine oder andere Weise ihren
Bedürfnissen abhelfen und sich ihnen nahen mit der Liebe, die Gott ihnen für die Ar-
men ins Herz gesenkt hat. In dieser Fastenzeit sollen wir uns die Frage stellen: Tun wir
für die aus unserer Gesellschaft Ausgeschlossenen, was wir können?

Im Schlussdokument der Generalversammlung der Kongregation der Mission


heißt es: „Weil wir sehen, was der Herr nach Art und Weise des heiligen Vinzenz durch
uns getan hat und noch weiterhin tut, möchten wir noch mehr für die Armen tun und
sein.“ Könnte das nicht ein Anreiz für jedes Mitglied der vinzentinischen Familie in
dieser Fastenzeit sein: mehr für die Armen und mit den Armen tun und sein.

Ich bitte auch, dass wir unsere ganze Aufmerksamkeit jenen Armen schenken,
die sich in einer ausweglosen Situation befinden, die bei Massendemonstrationen Op-
fer von Gewalt wurden. Wir haben das jüngst in den Ländern Nordafrikas gesehen: in
Tunesien, in Algerien, in Libyen und in Ägypten, um nur die augenfälligsten Situatio-

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nen zu nennen. Die Armen schreien ihre Bedürfnisse hinaus. In Anbetracht der Taub-
heit jener, die sich um das Allgemeinwohl annehmen sollten, können das Leid und die
Enttäuschung, gepaart mit Zorn, nicht mehr zurückgehalten werden, und Gott spricht
„durch diese maßlose Not“. Wie antworten wir darauf, wie können wir darauf antwor-
ten?

Arme finden wir oft auch noch an einem anderen Ort: dort, wo es Konflikte
zwischen den Religionen gibt, besonders wenn diese Religionen unter einer abscheuli-
chen fundamentalistischen Form auftreten. Ich denke an die so genannten „Religions-
kriege“ und an alles, was im Namen Gottes an Gewalt und Zerstörung begangen wird.
Sehr oft sind die Personen daran schuld, die in diese Konflikte verwickelt, jedoch un-
fähig sind, sich hinzusetzen, offen miteinander zu reden und friedliche Lösungen zu
suchen, anstatt Gewalt anzuwenden und Krieg zu führen.

Bei diesem von Sant’Egidio veranstalteten Treffen, hatte ich Gelegenheit, einen
moslemischen Verantwortlichen zu hören, der von der Wichtigkeit sprach, nicht nur in
einer Kultur der gegenseitigen Toleranz zu leben, sondern von der Notwendigkeit, da-
rüber hinauszugehen bis hin zu einer Kultur der Akzeptanz, wo wir uns gegenseitig so
respektieren, wie wir sind und was wir glauben und uns bemühen, unseren eigenen
Glauben und den der andern recht zu verstehen. Und das auf beiden Konfliktseiten.

Wir müssen echte, auf das Vertrauen gegründete Beziehungen aufbauen und die
aus dem Dialog hervorgehen. Als Jünger Jesu Christi sind wir in der Fastenzeit auf-
gerufen, über die Haltungen nachzudenken, die uns oft entzweien. Allein schon die
Unwissenheit ist eine der ersten Ursachen für diese fundamentalistischen Haltungen,
durch die man oft seine eigenen Interessen sucht und nicht so sehr das Wohl aller. An-
gesichts dieser Unwissenheit hat die christliche Welt eine Lösung anzubieten: die Er-
ziehung. Dieser moslemische Sprecher sagte ganz klar, dass die Beziehungen unter
den Völkern, genauso zwischen Moslems und Christen, dort viel besser seien, wo die
Christen eine gute menschliche, auf Werten aufgebaute Erziehung zukommen lassen.
Die Erziehung ist der Schlüssel. Alle, die in der vinzentinischen Familie in der Er-
ziehung tätig sind, sollen besonders in dieser Fastenzeit gründlich über diesen Dienst,
den wir anbieten, nachdenken, ob es sich um eine wirklich ganzheitliche Bildung han-
delt, um eine Bildung, die den Menschen hilft, Werte zu schaffen, die den Menschen
helfen, sich zu verstehen und aufmerksam aufeinander zu sein.

Neben der Unwissenheit ist da noch eine weitere Herausforderung, nämlich die
der Angst, die die Menschen sehr häufig lähmt und hindert, aus sich heraus- und auf
die andern zuzugehen, um gute, gesunde und harmonische Beziehungen herzustellen.
Die Hingabe Jesu Christi in seinem Tod und seiner Auferstehung ist das Herzstück der
Fastenzeit. Sie ist nicht bloß ein Zeichen, sondern eine Gnade, mutig und fähig zu
werden, jede Angst zu überwinden. Gottes Liebe zu seinem eingeborenen Sohn ist es,
die den Tod bezwungen, die lähmende Angst gebrochen und es seinem Sohn
ermöglicht hat, durch die Auferstehung von den Toten zu einem neuen Leben überzu-
gehen. Dieses Geschenk der Auferstehung, dieses Geschenk der Liebe Gottes, diese

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Liebe, in seinen Sohn ausgegossen wurde und die sein Sohn über die ganze Welt aus-
gegossen hat, gibt uns Mut zum Weiterkommen und zum Schaffen echter Beziehungen

Meine Brüder und Schwestern, gestatten Sie mir, meine Worte so zusammenzu-
fassen: der Herr spricht ganz deutlich zu uns durch den Notschrei der Armen. Können
wir mehr tun? Können wir mehr sein? Überprüfen wir unser Tun mit jenen, die in Ar-
mut leben. Lassen wir uns erneuern und seien wir kreativ, auf dass unsere Beziehun-
gen mit den Armen an Tiefe gewinnen, dass wir uns gemeinsam mit ihnen für das Ge-
rechte und das Gute einsetzen. So wie wir berufen sind, einig zu sein mit den Armen
und in Solidarität mit der ganzen Menschheit zu leben, um eine Welt des Friedens auf-
zubauen, sind wir auch berufen, mit Gott eins zu sein, der die Quelle jeglichen Lebens
und jeglicher Liebe ist. Führen wir uns vor Augen, dass es unerlässlich ist, uns in Ge-
rechtigkeit für den Frieden und die Bewahrung der ganzen Schöpfung einzusetzen, ge-
drängt vom Herzstück unserer vinzentinischen Berufung, nämlich der Liebe Christi,
des Gekreuzigten. Möge dieses Geschenk, das wir in unserer vinzentinischen Beru-
fung, diesem konkreten Zeichen der Liebe Gottes zu jedem und jeder von uns, emp-
fangen haben, uns läutern und versöhnlicher machen; möge es uns in dieser Fastenzeit
erneuern, die in diesem großartigen Geschenk des neuen Lebens gipfelt, das die Aufer-
stehung Jesu Christi ist. Möge das Halleluja unser Gesang bleiben, weil wir ein öster-
liches Volk sind!

Ihr Bruder im heiligen Vinzenz

G. Gregory Gay, C.M


Superior General