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Der polnisch-ukrainische Historikerdiskurs über den polnischukrainischen Konflikt 1943-1947

Author(s): Grzegorz Rossoliński-Liebe


Source: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas, Neue Folge, Bd. 57, H. 1 (2009), pp. 54-85
Published by: Franz Steiner Verlag
Stable URL: http://www.jstor.org/stable/41052201 .
Accessed: 26/02/2014 07:11

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GrzegorzRossoliñski-Liebe,Berlin

über den polnisch-


Historikerdiskurs
Der polnisch-ukrainische
ukrainischenKonflikt1943-1947

Einföhrung

Ziel dieses Aufsatzes ist es, den Diskurs der polnischenund der ukrainischenHistoriogra-
phie über den polnisch-ukrainischenKonfliktwährend des Zweiten Weltkriegesund in
den erstenJahrendanach zu analysieren.Dieser Konfliktfiel in die Jahre1943-1947, und
der Schwerpunktder Analyse liegt auf dem Ereignis,das bis heute die meistenEmotionen
bei den an der Debatte beteiligtenHistorikernhervorruft, nämlich den antipolnischenGe-
walttatender OUN-UPA in den Jahren1943-1944. Die Untersuchungdes historiographi-
schen Diskurses stütztsich vor allem auf die Arbeiten,die nach 1990 entstanden.1
Die antipolnischenGewalttatenin Ostgalizien und Wolhynienvon 1943-1944 waren,
wie der gesamtepolnisch-ukrainische Konfliktder Jahre1943-1947, sowohl in der Volks-
republik Polen als auch in der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik(USSR) aus
politischen Gründen nicht Gegenstand der Forschung. Vor 1990 wurde diese Problematik,
wenn man sie überhauptthematisierte, nach ideologischen Vorgaben verzerrtdargestellt,
was sich auf die spätere Forschung auswirken sollte.2 Ebenso betrachtetenpolnische
Emigrationshistoriker und ukrainischeDiasporahistorikerdie „ethnische Säuberung" in
Ostgalizien und Wolhynien 1943-1944 nicht als ein gesondertesForschungsthema,und
sie arbeitetendas Problemebenfallsnichtauf.3Nach dem Zerfall der Sowjetunionund der
Befreiung der Geschichtswissenschaftvon der Parteizensurkam es in beiden Ländern
zwangsläufig zu einem Aufarbeitungsversuch dieses Kapitels der Geschichte. Der pol-
nisch-ukrainischeKonfliktzog die Aufmerksamkeit vieler Historikerauf sich und weckte
gleichzeitig viele Emotionen. Die Zahl der wissenschaftlichen Publikationenzum Thema
stieg von Jahr zu Es
Jahr. wurden einige Monographien4 die den Ereignissenin
publiziert,

1 Der Aufsatzisteinegekürzte VersionmeinerDiplomarbeit „Positivistischer


Objektivitätswille,
die 2005 an derkulturwissenschaftlichen FakultätderEuropa-UniversitätViadrinaabgegeben
wurde.Deshalbwerdenin diesemAufsatzmitwenigenAusnahmennurPublikationen analy-
siert,die bis 2005 erschienensind.
2 Vgl. Motyka Problematyka stosunków S. 166-168; Iljusyn Mosunkiuk-
polsko-ukrainskich,
raiñsko-polskie, S. 179-180.
3 Vgl. Sowa Stosunkipolsko-ukraiñskie, S. 13-18; BerdychowskaWofyn1943,S. 102.
4 Es ist nichtmöglich,hieralle Monographien, die der „ethnischenSäuberung*in Wolhynien
und Ostgalizienoderdem polnisch-ukrainischen Konfliktvon 1939-1947 gewidmetsind,zu
erwähnen. Ich beschränkemichdeswegennuraufeinigeTitel:Caruk Trahedijavolyns'kych
sil 1943-1944rr.;Filar Wotyñ1939-1944;IljuSyn Volyns'katrahedija1943-1944;Korman
StosunekUPA do Polaków; Maslowskyj Z kirni przeciwkomuwalczylinacjonalisciuk-
raiñscy;Motyka Tak bylow Bieszczadach;RusnaCenkoNarodzburenyj;PiotrowskiGeno-
cide and Rescue in Woíyñ;Poliszczuk DowodyzbrodniOUN i UPA; Prus AtamaniaUPA;
Prus UPA - armiapowstañczaczy kurenierizunów?;Serhijòuk Poljakyna Volyniu roku
druhojisvitovojivijny;SerhijCukTrahedijaVolyni;Siemaszko/SiemaszkoLudobójstwona
ludnoscipolskiejWotynia1939-1945; SiwickiDzieje konfliktów Sowa
polsko-ukraiñskich;
Stosunkipolsko-ukraiñskie; Torzecki Polacyi Ukraiñcy; Turowski/SiemaszkoZbrodniena-
cjonalistów ukraiñskichna ludnoscipolskiej.

Osteuropas57 (2009) H. 1 © FranzSteinerVerlagStuttgart/Germany


fürGeschichte
Jahrbücher

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Der polnisch-ukrainische
Historikerdiskurs 55

Ostgalizien und Wolhynienentwederdirektgewidmetwaren oder sie zumindestin breite-


rem Rahmen mitbehandelten.Zudem erschienen unzählige Zeitungs- und Zeitschriften-
aufsätze5 sowie einige Sammelbände6 und auch verschiedene Dokumenten-und Erinne-
rungseditionen.7

Emotionen,Wahrheitund Objektivität

Unter den Historikern,die sich nach 1990 mit dem polnisch-ukrainischenKonfliktvon


1943 bis 1947 zu beschäftigenbegannen,kam es schnell zu tiefgreifenden Unstimmigkei-
ten und Meinungsverschiedenheiten. Es konntensich weder polnische Historikermit uk-
rainischen,noch polnische oder ukrainischeHistorikeruntereinanderauf die grundlegen-
den Fakten des Konfliktsund deren Interpretation einigen. Es wurden z.B. starkvonei-
nander abweichende Opferzahlenbehauptet;8es bestand kein Konsens darüber,ob es in
dem Konflikteine Täter-und eine eindeutigeOpferseitegegeben habe, ob beide Seiten in
etwa gleichem Ausmaß gelittenhätten oder unter welcher Bezeichnung vor allem die
Ereignisse von 1943-1944 in Wolhynienund Ostgalizien in die Geschichte eingehen soll-
ten.
Die Auseinandersetzungennahmenteilweise extremeFormen an. Die fürihre nationa-
len ÜberzeugungenbekanntenHistorikerRyszard Bender, JerzyRobertNowak, Ryszard
Szawlowski, und der Politologe Bogumil Grottwarfen beispielsweise den Mitarbeitern
des Institutsdes Nationalen Gedenkens der Republik Polen, das am 24. und 25. Mai 2001
die Konferenz „Antypolskaakcja OUN-UPA 1943-1944. Fakty i interpretacje"organi-
sierte,in einem Brief vom 10. Mai 2001 an Leon Kieres vor, sie hätten„unzulässige Ma-

5 Der Aufsatzvon BerdychowskaUkraiñcywobecWofynia, erfasst


viele Titelvon Textenund
Filmen,die anlässlichdes 60. Jahrestags der„wolhynischen Tragödie"in derUkraineerschie-
nen sind.Lysenkound Marysöenko veröffentlichtenein Bibliographieregister,
der 714 Titeln
von ukrainischen Publikationen enthält,die den polnisch-ukrainischen
Beziehungenim Zwei-
tenWeltkrieg gewidmet sind:Lysenko/MarySòenkoUkrajins'ko-polskistosunky.
6 Die neunBändeumfassende Serie„Polska-Ukraina: trudnepytania"dokumentiert Referate und
DiskussionenderHistorikerkonferenzen, die von derOrganisation„Karta"organisiert wurden
und zwischen1997 und 2001 stattfanden. Der zehnteBand „Polska-Ukraina: trudnaodpo-
wiedz",derdie davorerschienen neunBände resümiert, wurde2003 publiziert. Einigeweitere
Sammelbände,die als Dokumentationen andererhistorischerKonferenzen erschienen, sind:
Kosiewski/Motyka (Hrsg.)Historycy polscyi ukraiñscy;Motyka /Libionka(Hrsg.)Anty-
polskaakcja OUN-UPA; Grott (Hrsg.)Polacyi Ukraiñcydawnieji dzis; KuCarepa /Mokly-
cja (Hrsg.)U posukachpravdy;Pisuliñski(Hrsg.)Akcja „Wisla"; Filar (Hrsg.)Przedakcj^
„Wisla"bylWolyñ;IsajevyC (Hrsg.)Volyn'i CholmSéyna.
7 Der Verein „Stowarzyszenie UpamiçtnianiaOfíar ZbrodniUkraiñskichNacjonalistów"in
Wroclawhat z.B. dreiBände (jederüber 1000 SeitenUmfang)mitverschiedenen kommen-
tierten
Quellenherausgegeben, die den „Genozid"{ludobójstwo)in dreiWojewodschaften be-
legen sollen: Siekierka / Komañski (Hrsg.) Ludobójstwow województwieTarnopolskim
1939-1946;Siekierka/Komañski/Bulzacki (Hrsg.)Ludobójstwow województwieLwow-
skim 1939-1947; Siekierka / Komañski/ Rózañski (Hrsg.) Ludobójstwow województwie
Stanislawowskim 1939-1946.
8 Im LaufederDiskussionhatsich die Zahl von 80.000 bis 100.000polnischerund 15.000bis
20.000 ukrainischer Opferdes polnisch-ukrainischen Konfliktsdurchgesetzt,die RyszardTor-
zecki 1993 errechnete. Polnischenationalistische Historikerwie Edward Prus behaupten
500.000 polnischeOpfer.Siehe dazu: Torzecki Polacy i Ukraiñcy, S. 267; Prus Herosispod
znakutryzuba, S. 6.

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nipulationen"9 vorgenommen, die „auf einerwillkürlichen Auswahl der eingeladenen


GästeundderThemen"10 beruhten. Des Weiterenwarfensie demInstitut des Nationalen
Gedenkensvor,eine völligeGleichschaltung des wissenschaftlichen Lebensin Polenan-
zustreben, undsie forderten, einigevondemInstitut eingeladeneGästevonderKonferenz
auszuschließen. '*
Auf einerpolnisch-ukrainischen Konferenzzum Thema„Historiographie Polens und
derUkrainenach dem Jahr1989" im Dezember1998 in KazimierzDolny machtesich
DariuszStola Gedankendarüber, wie mander „Reproduktion schlechter Historiker vor-
beugen"könne:
„Eineandere Frageist:WiebeugtmanderReproduktion schlechterHistorikervor?Ichver-
stehe,dassHerrPrusinderVolksrepublik PolenseineBücher ineinerAuflage von100000
Exemplaren herausbringen konnte. Aberauchheutenocherscheinen sie inhohenAuflagen!
Dieseschlechten Historiker arbeitenheuteals Akademiker an verschiedenen pädagogischen
Hochschulen, in Marketing-Hochschulen undähnlichen Institutionen. Stu-
Sie unterrichten
denten,siereproduzieren einfürallemalaussterben.
sich.Sie sollten Ichrufenicht dazuauf,
ihnen dieKöpfeabzuschneiden, aberwirkönnen ihnen nicht erlauben,sicheinfach weiterzu
reproduzieren.Die Studenten, LeserundRektoren solltenwissen,dassjemandeinschlechter
undunglaubwürdiger Historiker ist- aberwoher können siees erfahren?"12
AuchGrzegorzMotykahattein seinenPublikationen bereitseinigeMale heftiggegenden
erwähnten Historiker EdwardPruspolemisiert, under gingsogarso weit,Prus' Publika-
tionendie Wissenschaftlichkeit abzusprechen. Ebenso stellteMotykadie Wissenschaft-
lichkeiteinigerandererHistoriker wie AleksanderKormanoderJacekWilczurin Frage.
In einemAufsatzüberdie polnischeHistoriographie qualifizierteMotykasie ab zu einer
Gruppe von ,„Laien' (...), deren Arbeiten eigentlich keinen wissenschaftlichen Wertha-
ben"13; außerdem bezweifelte er, dass diese Historiker in ihrenForschungen an der„histo-
rischenWahrheit"interessiert seien.14Rafal Wnukidentifizierte ebenfallseine Gruppe
vonHistorikern, die ^nicht-wissenschaftliche' Arbeiten" schrieben. Er fugtedendreivon
Motyka Genannten noch Wiktor Poliszczuk und Mikolaj Siwicki hinzu undargumentier-
te,dass sie die Weltnuraus einer„angeblich,wahren'Perspektive" sähen.15
Ein anderesMerkmaldes Historikerdiskurses überdenpolnisch-ukrainischen Konflikt
ist seine wahrheitsfixierte, objektivistische und positivistische Natur.16 Die am Diskurs
beteiligten Historiker,unabhängig davon,ob sie das Themaaus einer„Multiperspektive"
odereiner„Monoperspektive" betrachten, wollenumjeden Preisdie ,Richtigkeit' ihrer
Geschichtsinterpretation beweisen.17 Viele erheben auch den
gerne Anspruch auf eine ab-

9 nach:Motyka/LibionkaWstçp.
Zitiert
10 nach:Motyka/LibionkaWstep.
Zitiert
11 Vgl.Motyka/Libionka(Hrsg.)Antypolska akcjaOUN-UPA, S. 10.
12 Kosiewski/Motyka(Hrsg.)Historycy i
polscyukraiñscy,S. 119.
13 MotykaProblematyka stosunków S. 173.
polsko-ukraiñskich,
14 MotykaProblematyka stosunków S. 168.
polsko-ukraiñskich,
15 WnukRecent PolishHistoriography,S. 5.
16 ZurKlassifizierungdervonHistorikern Diskurse
geführten vgl.:LaCapra Writing History,
WritingTrauma, S. 1; zum und
positivistischen Verständnis
objektivistischen derGeschichte
vgl.Oexle Die Geschichtswissenschaft imZeichendesHistorismus, S. 35; FuchsPositivism
besonders
andHistory, S. 149.
17 Aufdie Objektivbesessenheit derHistorikerweisenschoneinigePublikationstitel hin,wie:
MotykaTakbylow Bieszczadach; KuCarepa/Moklycja(Hrsg.)U Posukach pravdy;Mo-
tyka/LibionkaAntypolska AkcjaOUN-UPAoderPrusOperacja „Wisla".

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Historikerdiskurs
Derpolnisch-ukrainische 57

soluteErkenntnis undwollenEreignisserekonstruieren undTatsachenfestlegen, die an-


ein und
geblich eindeutiges unwiderlegbares Bild des Konfliktsdarstellen. Dies erinnert
sehran die Geschichtsvorstellung, die im 19. Jahrhundert, dem ZeitalterderVerwissen-
schaftlichung, aber auch der der
Nationalisierung Geschichtsschreibung, Leopold von
Rankerepräsentierte, und die von ihmmitdem bekannten Satz auf den Punktgebracht
wurde:„[DerHistoriker] willbloß sagen,wie es eigentlich gewesen".18
So könnendie Äußerungen einessehraktivenundengagierten polnischenHistorikers,
WladyslawFilars,in derEinleitung zu seinerMonographie„Wofyñ1939-1944.Ekster-
minacjaczywalkipolsko-ukraiñskie" als einParadebeispielangesehenwerden:
„Im Strebennach derWahrheit istes wichtig,sowohl die Faktenals auchdenVerlauf der
indenhistorischen
Ereignisse undsichmitihnen
Realienfestzustellen vertrautzu machen. Es
gehtdarum, dieFaktenimKontext derjeweiligenhistorischen
Situationzu untersuchen,im
GesamtbildderzeitlichaufeinanderfolgendenEreignisse.EinesolcheAnordnung dersicht-
barenFaktenerlaubtes,sieinihrerAbhängigkeit undBedingtheitzu sehen,unddieAbfolge
eineshistorischen
Prozesses
möglichst zu interpretieren".19
objektiv
FilarsVersionder„Fakten"unddes „VerlaufsderEreignissein denhistorischen Realien"
wurdeallerdings aufKonferenzen vonHistorikern mitabweichenden Versionender„Fak-
ten"unddes „VerlaufsderEreignissein denhistorischen Realien"wiederholt kritisiert.20

Der Konflikt
selbst

Der polnisch-ukrainische Konfliktvon 1943-1947spieltesichin Wolhynien undOstgali-


zien ab, Gebieten,die bis 1941von Polen,Ukrainern undJudenbewohntwaren.Das zah-
lenmäßigeVerhältnis von polnischerundukrainischer Bevölkerung lag bis zum Zweiten
Weltkrieg bei einszu dreibis einszu fünf.Die Judenmachtenca. 10 bis 12 Prozentaus.
Die polnischenund ukrainischen BewohnerdieserGebietestandensich kulturellund
sprachlichnahe.In derFrühenNeuzeithattesichallerdingsdie polnischeKulturals Kul-
turderOberschichten etabliert.
Viele orthodoxeodergriechisch-katholische Adeligewa-
renzum Katholizismus konvertiert.
Im 19. Jahrhundertwurdedieses soziale und politi-
scheUngleichgewicht nochspürbarer, vorallemnach 1867,als Galizienin derDonaumo-
narchiedie Autonomieerhielt21 unddie polnischenElitendie politischeMachtin diesem
Kronlandpraktisch gänzlichmonopolisierten.Nach dem ErstenWeltkrieg, dernochvon
polnisch-russisch-ukrainischenKriegenbegleitetwar,wurden Galizienund Wolhynien zu
Ostgebieten des neu entstandenen polnischen In
Staates. derZwischenkriegszeit herrschte
in diesenmehrheitlich von Ukrainern bewohnten Gebietenein bürgerkriegsähnlicher Zu-
stand,fürdensowohldie minderheitenfeindlich eingestellten
polnischenPolitikerals auch
die revolutionärenukrainischenOUN-Aktivisten verantwortlich
waren.22
Nach demBeginndes ZweitenWeltkrieges wurdenOstgalizienundWolhynien am 17.
September1939 zu Bestandteilen derUSSR (Ukrainischen SozialistischenSowjetrepub-
lik),in dersie bis zum Beginndes deutsch-sowjetischen Kriegesam 22. Juni1941 ver-
blieben.In derkurzensowjetischen Zeit fandenfiktiveWahlenstatt,in derenFolge Ost-
galizienund Wolhynienan die USSR angeschlossenwurden;danachkam es zu einer

18 Ranke Vorrede.
19 Filar Woryñ,S. 10.
20 Vgl. NiEDZiELKO(Hrsg.):Polska-Ukraina: trudnepytania,S. 112-153.
21 Vgl. HRYCAKNarys S. 65-83, 91-97.
istorijiUkrajiny,
22 Vgl. Hrycak NarysistorijiUkrajiny, S. 192-202.

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vollkommenenUmstrukturierung des politischenSystemsund zu einer Auswechslung der


politischen Eliten. Etwa 550.000 Bewohner dieser Gebiete (Beamte, Offiziere,Gutsbesit-
zer, Politiker),mehrheitlichPolen, wurden nach Sibiriendeportiert.23
Nach dem AngriffNazideutschlands auf die Sowjetunion riefenam 30. Juni 1941 die
Protagonistender OUN-B (Führer:Stepan Bandera) in Lemberg einen ukrainischenStaat
aus, wofür sie von den Nazis in den darauffolgendenWochen verhaftetwurden. Die
OUN-M (Führer:Andrij Melnyk) kollaboriertemitden Nationalsozialistenund engagierte
sich unteranderembei der Aufstellungder nationalsozialistischenSS-Division Galizien,
die aus Ukrainernbestand.
Vom Beginn des deutsch-sowjetischenKrieges bis Mitte 1943 verschwandfastdie ge-
samtejüdische Bevölkerungin Ostgalizien und Wolhynienin Folge von Erschießungsak-
tionenund Abtransportierungen in Ghettos.Dies war fürdie verbliebenenPolen und Uk-
rainerein warnendesBeispiel, wie eine ganze ethnischeGruppe in einigen Monaten aus-
gelöscht werden konnte.24 Im März 1943 desertiertenca. 5.000 Ukraineraus den Schutz-
mannschaftenund schlössen sich der UPA {Ukrajins 'ka Povstans 'ka Armijä) an. Es waren
dies zum Teil Leute, die von den Nazis bei Massenmordaktionenan den Juden in der
Westukraineeingesetztwordenwaren.25
Im Laufe des Krieges kam es zwischen der polnischen Exilregierungin London bezie-
hungsweise ihrerVertretungim besetztenPolen und den ukrainischenPolitikernzu kei-
nem Konsens. Die polnische Seite machtekein Geheimnisdaraus, dass sie am „statusquo
ante bellum" festhalten,also auf Wolhynienund Ostgalizien nichtverzichtenwollte. Die
ukrainischeSeite fühltesich von dieser Haltung provoziertund fürchtete, dass sich nach
dem Krieg die Situationaus der Zeit nach dem Ersten Weltkriegwiederholen würde und
Wolhynienund Ostgalizien wieder polnisch sein würden.26
1942 entstandin Wolhynienaus ukrainischenPartisanendie UPA. Ziel der UPA war
es, gegen die Okkupanten der Ukraine (Deutsche, Sowjets und Polen) und für deren
Unabhängigkeitzu kämpfen.Im Februarund März 1943 begann die UPA eine massenhaf-
te Liquidierungsaktionan der polnischen Bevölkerung in Wolhynien.An einem einzigen
Tag, dem 11. Juli,attackiertedie UPA ca. 80 Orte und ermordeteetwa 10.000 Polen. Bis
zu dieser Zeit (dem Frühjahr 1943) waren zwar schon sowohl Polen von Ukrainernals
auch Ukrainervon Polen ermordetworden,aber es hattekeine organisiertenMorde gege-
ben. Im Herbst 1943 weitete die UPA ihre Depolonisierungsaktivitäten auf Ostgalizien
aus, und im Frühjahr1944 wurde daraus in Ostgalizien eine massenhafteGewaltanwen-
dung, ähnlich wie im Jahrzuvor in Wolhynien. 1944 gab es in Wolhynienviel weniger
Opfer als in Ostgalizien. Die UPA fand fürihrVorgehen bei einem Teil der ukrainischen
Bevölkerung Unterstützung,und die Depolonisierungsaktionennahmen ausgesprochen
brutale Formen an. Die AK (Armia Krajowä) versuchte,die polnische Bevölkerung vor
den Gewalttätigkeiten zu schützen.Andere Polen schlössen sich den Sowjetpartisanenan
oder ließen sich von der deutschen Polizei anwerben. Die Polen (als AK-Soldaten, als
Mitgliederder deutschenPolizei oder als Kämpferin den sowjetischenPartisaneneinhei-
ten) führtenin Wolhynien und Ostgalizien ebenfalls organisierteGewaltakte gegen die
ukrainischeZivilbevölkerungaus, die sich in der Vorgehensweise von denen der UPA
kaum unterschieden,aber einen deutlichgeringerenUmfanghatten.In Gebieten,in denen

23 S. 210-215.
Vgl. Hrycak NarysistorijiUkrajiny,
24 Pohl Nationalsozialistische S. 9.
Judenverfolgung,
25 SnyderTo ResolvetheUkrainian ProblemOnce andforAll, S. 97.
26 Torzecki Polacyi Ukraiñcy,S. 32.

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Historikerdiskurs
Der polnisch-ukrainische 59

die ukrainischeBevölkerungnichtüberwog,wie im Gebiet von Chehn, waren die Opfer-


zahlen allerdingsauf beiden Seiten gleich hoch.27
Währenddes polnisch-ukrainischen KonfliktswurdenUkrainervon Polen vor allem in
Gebieten des heutigenPolen ermordet,wo die Mehrheitder Bevölkerung polnisch war.
Polen dagegen wurden vor allem in Wolhynienund Ostgalizien ermordet,wo die Mehr-
heit der Bevölkerungukrainischwar. Eine genaue Feststellungder Opferzahlenist nicht
möglich. Bis zum Ende des Konfliktsim Jahr 1948 sollen von den Ukrainernzwischen
80.000 und 100.000 Polen umgebrachtworden sein und von den Polen 15.000 bis 20.000
Ukrainer.28
Am 9. September 1944 unterschriebdas PKWN (Polski Komitet WyzwoleniaNarodo-
wego), die so genannteLubliner RegierunguntersowjetischerKontrolle,mit den Regie-
rungen der USSR und der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik (BSSR) ein
Abkommenüber einen Bevölkerungsaustausch.In dessen Gefolge wurdenbis Ende 1946
ca. 488.000 Ukraineraus Polen in die USSR und über 700.000 Polen aus der USSR nach
Polen umgesiedelt.29Nach der nationalenEntmischungder Bevölkerung entlangder pol-
nisch-ukrainischen Grenze versuchtedie polnische Armee (Wojsko Polskie, WP) die UPA
in Polen zu vernichten,was ihr 1945 und 1946 nur sehr bedingt gelang. Am 29. März
1947 beschloss das Politbüroder kommunistischenPPR (Polska Partia Robotnicza), die
Aktion„Weichsel" durchzufuhren. In deren Verlaufwurdenzwischen dem 28. April 1947
und dem 31. Juli 1947 140.000 Ukrainerauf unmenschlicheArt und Weise in die neuen
polnischenWest- und Nordgebietezwangsumgesiedelt.30

Die Historiographie:das Erbe der Epoche bis 1990

Obwohl es vor 1990 sowohl zu den antipolnischenÜbergriffenin Ostgalizien und Wolhy-


nien als auch zur Gesamtproblematikdes polnisch-ukrainischenKonflikts zwischen
1939-1947 nur eine sehr dürftigeHistoriographiegab, sollte diese wegen ihrerstarken
Ideologisierung auf die historischenDiskurse nach der Wende von 1989-1991 in Polen
und in der Ukraine einen großen Einfluss haben. Das herausragendeMerkmal der Vor-
wende-Historiographiein der Volksrepublik Polen und der USSR war die ideologische
Schwarz-Weiß-Malerei, die in der USSR sogar stärkergewesen sein soll als in anderen
Sowjetrepubliken.31 Historiker,die unterder sowjetischenZensur gearbeitethatten,waren
daran gewöhnt,die Vergangenheitentsprechendideologischen Vorgaben und parteiisch
zu betrachten.Nach der Wende ersetztenviele ukrainischeHistorikerden Begriff„Klas-
se" durchden der „Nation", wie JurijKyrycukbemerkthat, und machtenaus dem „mar-
xistisch-leninistischen"Paradigma ein nationalistisches.32Dazu rezipiertendie meisten

27 Siehe dazu: Motyka Konfliktpolsko-ukraiñski;Motyka Polskareakcjana dzialaniaUPA, S.


84-85; Mazur Niemcyi Sowieci a antypolskaakcja UPA, S. 126; Snyder To Resolve the
Ukrainian
ProblemOnce andforAll, S. 99, 105.
28 Motyka Konflikt S. 328, Torzecki Polacyi Ukraiñcy,
polsko-ukraiñski, S. 267.
29 Motyka Konflikt S. 323-325.
polsko-ukraiñski,
30 Motyka Konflikt S. 405^ 13.
polsko-ukraiñski,
3 1 SuBTELNY The Current
StateofUkrainian Historiography,S. 35.
32 KyryòukUkrajin'skyj nacionalnyjruch,S. 42-43.

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Zeitgeschichtlerin derUkrainenachderWendedie dogmatisch-nationalistischen Denk-


schematanationalistischer Diasporahistoriker wie Volodymyr KosykundPetroMircuk.33
Auchdie Historiker in derVolksrepublik Polenkonnten, obwohlsie nichteinerso ex-
tremenideologischenZensurwie ihreukrainischen Kollegenin der USSR unterworfen
gewesenwaren, nicht von heute auf morgen einfach einenSchlussstrich unterdie histo-
riographischen Traditionen der Zeit vor 1990 ziehen und sich vom marxistisch-
leninistischen
Paradigma lösen. Einerseitsmachte sich in der VolksrepublikPolen Ende
derachtzigerJahrevor allemin derPersonvon EdwardPrus34die nationalistische Strö-
mungsehrvernehmlich bemerkbar. Andererseits gab es dortaber auch Historiker wie
RyszardTorzecki,35 die das Themamöglichst ohneEmotio-
distanziert,
exakt,reflektiert,
nen und professionellaufzuarbeiten versuchten.Darüberhinaus existiertenoch eine
Gruppevon Forschern, die wie WladystawFilarden polnisch-ukrainischen Konfliktals
Soldatenoderals Betroffene derGewalttaten selbsterlebthatten,sich späterzu Histori-
kernausgebildethatten,undnurdaraufwarteten, den „Genozid"zu dokumentieren und
dessenGrausamkeiten öffentlich zu machen.
sichdie bis 1989 obligatorische,
Wie langfristig-fatal von derParteiverordnete Ideolo-
gisierung, und des
Tabuisierung Verzerrung polnisch-ukrainischen Konfliktsauf dessen
Aufarbeitung nach 1989 auswirken sollte,zeigen unter anderem zwei unterschiedliche
Darstellungen derEreignissevom 10. März 1944 im DorfSahryn'im Gebietvon Chehn.
Die eine stammtvon BenedyktJózefko,36 der im ZweitenWeltkriegin der 27. AK-
Divisionkämpfte, um die polnischeBevölkerung vorden „Faschisten"undihren„ukrai-
nischenDienern"zu schützen. Verfasser deranderenDarstellung istJurijMakar,37dessen
Angehörigebei diesemÜberfallin Sahryn'„totgefoltert und geschändet"wurden.Die
beidenBeschreibungen habennichtsmiteinander gemein,obwohlsie, zeitlichundräum-
lich,dasselbeEreignis rekonstruieren. Sie sind Produkte psychisch-mentaler Selbstbestä-
tigungs-, und
Selbstverteidigungs- Rechtfertigungsprozesse und können als „wahres"und
„sicheres"Wissen nur in einem bestimmten kulturellenMilieu historischerWahrnehmung
gelten.38

33 Anfangder90erJahren wurdein derUkraineeineganzeReihenationalistischer Publikationen


wiederaufgelegt, die davor in der Diaspora erschienen worden waren. Es handeltesich um
Kriegserinnerungen von UPA-Soldatenwie „UPA" von MykolaLebed', historische Monogra-
phienwie „Ukrajins'kaPovstans'kaArmija"von PetroMircukoder„Ukrajinai Nimeccynau
druhijsvitovijvijni"von Volodymyr Kosyk.Als nichtnationalistisches
Gegengewicht wurden
z.B. die „Istoryöni ese" von Ivan Lysjak-Rudnyc'kyj ins Ukrainischeübersetzt
undherausge-
geben.
34 Prus'Büchererschienen ab Mitteder 1980erJahren in derso genantenzweitenPhasederpoli-
tischenLiberalisierung: Prus Herosispod znakutryzuba;SwiçtojurskiRzecz o arcybiskupie
AndrzejuSzeptyckim; Prus AtamaniaUPA.
35 TorzeckisPublikation erschienin der erstenPhase derpolitischenLiberalisierung.Torzecki
Kwestiaukraiñska w polityceIII Rzeszy. 1973 erschienaucheineandereMonographie zu die-
sem Themavon Szczesniak /Szota Droga do nik^d,die, obwohlvom marxistisch-leninisti-
schenStandpunkt aus undmitEinhaltung Rhetorik
dermarxistisch-leninistischen geschrieben,
auf Anordnung des Vorsitzenden des politischenVorstandsder polnischenArmee,General
Wlodzimierz Szawczuk,aus denBuchhandlungen zurückgezogen wurde.
36 JózefkoChehnszczyzna.
37 Makar Ukrajins'ko-pol's'ke protystojannja na Cholmsöyni.
38 Ausfuhrlich dazu Rossolinski Positivistischer S. 33-38.
Objektivitätswille,

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Der polnisch-ukrainische
Historikerdiskurs 61

nachder Wende1989-1991
Historiographie

Dieser Teil des Aufsatzesist diskursanalytisch.39 Die am Diskursteilnehmenden polni-


schen und ukrainischenHistorikerwerden in sechs Gruppenoder Lager unterteilt
(„Kämpfer", „Legitimisten", „Ankläger", „Verteidiger" sowie polnischeund ukrainische
„Versöhner"), um mit Hilfe dieser die
Klassifizierung wichtigsten historiographischen
Strömungen darzustellen. Dabei wird sich die Untersuchung auf die erzählerischen,40
sinnbildlichen41undidentitätstiftenden42Aspektedes Diskurseskonzentrieren undzu er-
klärenversuchen, was die Erkenntnis- und Darstellungsinteressen derHistoriker bei der
Historiographisierung des Konfliktssind.Der Schwerpunkt dieses Aufsatzesliegtdamit
auf der Erforschung der Korrelation von „Erfahrung" mit„Methode"43 und des „Erfah-
rungsraumes" mitdem„Erwartungshorizont"44 bei den am Diskursteilnehmenden Histo-
rikern.Auf die nichthistoriographischen und nichtgeschichtswissenschaftlichen Beiträge
zumDiskursgeheichnuram Randeein.45
Die antiukrainischen Historikerkannmanin zwei Gruppeneinteilen:polnischeNatio-
nalisten(EdwardPrus,AleksanderKorman,AntoniPrzybysz)und ukrainische Kommu-
nisten(VitalijMaslov'skyjundViktorPoliscuk).Die beidenGruppenwill ich„Kämpfer"
nennen, weilsie mitihrerHistoriographie permanent gegendie ukrainischen Nationalisten
„kämpfen".
Die „Kämpfer" setzenin einergewissenHinsichtden„antinationalistischen" oderanti-
ukrainischen Diskursaus derVolksrepublik PolenundderUSSR fort,wobeidie früher in
derGeschichtserzählung obligatorischbetonteFeindschaft derUPA gegenüber den sozia-
listischenVölkernnachderWendebei polnischenHistorikern gezieltals gegendie polni-
scheNationgerichtet umgedeutet wurdeundin die Tradition einerMärtyrergeschichte der
polnischen Nationintegriert wurde.Ihregrößten Autoritäten sindEdwardPrusundViktor
Poliscuk.
EdwardPrus,dermeistgelesene Historiker dieserGruppe,hörtenachderWendeaufzu
betonen, dass er seine Publikationenzum allgemeinen Bestendersozialistischen Gemein-
schaftschreibe,undfingan, in seinenPublikationen Zitatevon allerleikirchlichenHeili-
gen unterzubringen. In diesem Sinne ersetzte er ein Dogmengebäude(das marxistisch-

39 Zu derDiskursanalyse siehe:Sarasin Geschichtswissenschaft undDiskursanalyse; Landwehr


Geschichte des Sagbaren.
40 Stone The RevivalofNarrative. Eine reflexivePolemikmitdiesemTextfindetmanin: Hobs-
BAWM On theRevivalofNarrative.
41 Die LiteraturüberSinnbildung ist inzwischensehrumfangreich geworden.Eine guteEinfuh-
rungin diese Problematik ist: Rüsen Was heißt:Sinn derGeschichte?;vgl. auch: Middell /
Gibas / Hadler Sinnstiftung und Systemlegitimation durchhistorisches Erzählen,besonders
die Seiten10,21.
42 Zur Fragederhistoriographischen sieheden Band: Sträub (Hrsg.)Erzäh-
Identitätserfindung
lung,Identitätund historisches Bewußtsein.Besondersempfehlenswert ist der Beitragvon
Sträub Geschichte erzählen,Geschichte bilden.
43 Koselleck Erfahrungswandel undMethodenwechsel, S. 27, 32, 34.
44 Koselleck „Erfahrungsraum" und „Erwartungshorizont" - zwei historischeKategorien,S.
354.
45 Zu demgesamtensowohlwissenschaftlichen als auchmedialenDiskurssieheBerdychowska
Wofyñ1943.Zu demhohenAnsehenderHistoriker bei dieserDebattesiehe:Tokarska-Bakir
S. 321.
Istorijajakfetyg,

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62 Grzegorz Rossolinski-Liebe

leninistische)durchein anderes (das religiöse,katholische)ohne den scharfenantiukraini-


schen Ton zu ändern.46
Polnische „Kämpfer" erkennendie Gründe fürdie antipolnischenÜbergriffefast nur
im ukrainischenNationalismus.47Fehler auf der polnischen Seite, die zur Entstehungder
Depolonisierungsaktionender ukrainischenNationalistenbeigetragenhaben könnten,se-
hen die „Kämpfer"nicht.Die Politik der Zweiten Polnischen Republik war nach Ansicht
der polnischen „Kämpfer" nichtminderheitenfeindlich, und das kulturelleund politische
Leben der ukrainischenMinderheithabe sich in der Zweiten Polnischen Republik gut
entwickelt.48
Edward Prus reduziertden polnisch-ukrainischenKonfliktwährenddes Zweiten Welt-
kriegsdarauf,die Morde der ukrainischenNationalistenan der polnischenBevölkerungzu
thematisieren.Prus behauptet,dass keine VerbrechenpolnischerSoldaten oder Partisanen
an der ukrainischenBevölkerungstattgefunden hättenund deswegen auch nichtbewiesen
werden könnten.Die UPA vermied laut Prus den Kampf sowohl gegen die Sowjets als
auch gegen die Deutschen,weil er fürihreZiele keinenNutzen hatte.Stattdessenbeseitig-
te sie nurdie polnische Bevölkerungin den Gebieten,die sie als ukrainischdefinierte.49
Polnischen „Kämpfern" erscheintes wichtig,dass man die polnisch-ukrainischeGe-
schichte im Zweiten Weltkriegals einen „Genozid" an der polnischen Bevölkerungver-
steht,weil der Begriff„Genozid"50 den antipolnischenGewalttatenin Wolhynien und
Ostgalizien einen besonderenRang verleihensoll. Entsprechenddieser Prämisse selektie-
ren sie auch die Fakten, die in ihre Bücher Eingang finden.Darüber hinaus betonen die
polnischen „Kämpfer", dass der „Genozid" sich in „Ostpolen" oder in „Ostkleinpolen"
(Malopolska wschodniä) und nichtin der Westukraineereignethabe, wie manchmal ihre
ukrainischenKollegen meinen.51
Die Zahl der polnischen Opfer versuchendie „Kämpfer" möglichsthoch anzusetzen.
Sie vermuten,dass die Opferzahl der „ethnischenSäuberung" bei 500.000 liege, und be-
haupten,dass der „Verein zum Gedenken an die Opfer der Verbrechender ukrainischen
Nationalisten"schon 300.000 Opfer dokumentierthabe.52Die Zahl der ukrainischenOp-
ferder UPA und der OUN veranschlagensie ebenfallshoch auf 30.000.53 Darüber hinaus

46 Siehe dazu: Prus WladyslawSwiçtojurski. Rzecz o arcybiskupieAndrzejuSzeptyckim. Wars-


zawa 1986,S. 7-10 undPrus Holocaustpo banderowsku, S. 182-183.
47 Interview mitEdwardPrusam 09.08.2004;vgl.dazu auch:Siekierka/Komañski(Hrsg.):Lu-
dobójstwow województwie Tarnopolskim1939-1946,S. 19.
48 Komañski/Siekierka (Hrsg.):Ludobójstwow województwieTarnopolskim 1939-1946,S.l;
InterviewmitEdwardPrusam 09.08.2004.
49 Interview mitEdwardPrusam 09.08.2004.
50 Der Begriff „Genozid"wurdevon RaphaelLemkegeprägt.Lemkebenutzteden Begriff „Ge-
nozid"in seinemBuch„AxisRule in OccupiedEurope"furdenMassenmord derNazis an den
JudenimZweitenWeltkrieg. 1948 wurdederBegriff „Genozid"zu einemrechtlichen Begriff,
indemer von den Vereinigten Staatenin der verabschiedetenGenozidkonvention definiert
wurde.Der Begriff„Genozid"kannabernurbedingtals festerBegriff(bei dem man genau
weiß,was ein„Genozid"istundnichtist)betrachtet werden,weil ervonHistorikern undande-
ren Wissenschaftlern seit 1948 verschiedendefiniertund zur Bezeichnungverschiedener
Ereignissebenutzt wurde.Siehedazu: Mulaj EthnicCleansing,S. 701-705.
5 1 InterviewmitPrus,Edwardam 09.08.2004.
52 Interview mitPrus,Edwardam 09.08.2004.
53 Interview mitPrus,Edwardam 09.08.2004.In einermonumentalen, 1182 Seitenumfassenden
Publikation,listetensie 22.129 Personen(davon 11 037 mitNamen)auf,die in derWojewod-
schaftTarnopol(einervon vieren,in denendie antipolnische Aktionstattfand)von derUPA

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Der polnisch-ukrainische
Historikerdiskurs 63

legen die „Kämpfer" großen Wert darauf,alle Formen,in denen die Morde an der polni-
schen Bevölkerung verübtwurden,genau zu dokumentieren.Aleksander Korman stellte
362 verschiedene Mordvariantenzusammen. Sie umfassen alles Mögliche und reichen
von „Abschneidendes Kopfes mitder Sichel" über „Eingrabendes Opfersbis an den Hals
in die Erde und Abschneiden des Kopfes mit einer Sense" oder „Auseinanderrei+endes
Rumpfes mit Ketten" bis hin zu „Zerstückelneines Kindes", und zeugen von einer un-
glaublich perversenPhantasie des Autors.54Diese hypothetischenAufstellungenvon Er-
mordungsmöglichkeitenwurden schon zur Inspirationsquelle für Künstler.552003 er-
schien auch ein Fotoalbum, das die Morde der UPA an der polnischen Bevölkerung do-
kumentierenwill.56 2007 stellte sich heraus, dass das Umschlagfoto keine UPA-Opfer,
sondernvier von einerpsychischkrankenMutterim Jahre1923 ermordeteKinder zeigt.57
Bei den polnischen „Kämpfern"handeltes sich um Zeitzeugen, die als Kinder oder Ju-
gendlichemitden Grausamkeitender UPA- Aktionenkonfrontiert waren. Diese Ereignisse
in der Kindheit oder Jugendmüssen einen starkenEinfluss auf die Psyche gehabt haben.
Nach dem Krieg konntensie an keinem öffentlichenGespräch über ihreschrecklichenEr-
lebnisse in Wolhynien und Ostgalizien teilnehmen,weil diese Ereignisse nicht Gegen-
stand eines öffentlichenDiskurses werden durften.Deswegen war es schwierig für sie,
sich mitihrenschrecklichenund traumatischenErfahrungenauseinanderzusetzen.Gleich-
zeitig wollten sie aber nicht,dass ihreGeschichte in Vergessenheitgeriet.Da sich nie eine
Gelegenheitbot, das Trauma der Vergangenheitzu durchbrechen,hörtedie Vergangenheit
nichtauf, in der Gegenwartaktuellzu sein. Im Gegenteil,sie akkumuliertesich und wurde
zu einem Teil der Gegenwart.58Anstattdie Vergangenheitzu bewältigen,reproduzierten
die „Kämpfer" das Trauma in ihrenhistorischenDarstellungen,indem sie die antipolni-
schen Ausschreitungenin einem sehr bildhaftenund emotionalen Stil immerwieder auf-
leben ließen. Die Gefühle, die sie beim Schreiben der Geschichte einsetzten,stammten
„nichtaus der gegenwärtigenSituation",sonderndiese Historiker„wiederholen,was bei
[ihnen] frühereinmal vorgefallenwar".59Sie identifizierten sich beim Schreiben mit den
Opfern bis zu einem solchen Grad, dass sie wie beispielsweise Aleksander Korman 362
Artenund Weisen zusammenstellten,auf die polnische Bewohner Wolhyniensund Ostga-
liziens umgebrachtworden sein sollen. 60
Die ukrainischen„Kämpfer"greifenähnlichwie die polnischen die UPA und die OUN
schärfstensan. Sie sind ehemalige Kommunisten,die ihre Bücher noch in der USSR ver-
öffentlichten, wie Vitalij Maslovs'kyj, oder sie stehensolchen nahe wie ViktorPoliscuk.61
Ihre Ansichtenwerdenvon vielen polnischenHistorikern,nichtnurvon den radikalenNa-

umgebracht wordensein sollen.Sie betontenaber,dass sie die gesamteZahl derOpferdieser


Wojewodschaft auf40.000 bis 50.000 einschätzen.
Siehe dazu: Siekierka/Komañski(Hrsg.):
Ludobójstwodokonanew woiewództwie TarnoDolskim. S. 6.
54 Korman StosunekUPA do Polaków,S. 101-113.
55 Siehe dazu den Katalog der Ausstellungvon Mlotkowski, Jan KresyWschodniew latach
1939-1947.Okrutna historia,
(ohneErscheinungsort- undDatum).Die Ausstellung wurde2004
ineinigenStädtenPolensanlässlichdes 60. Jahrestagsderantipolnischen Gewalttateneezeiet.
56 KormanLudobójstwoUPA na ludnoscipolskiej.Dokumentacia fotograficzna. Wroclaw2003.
57 Vgl. Rutkowska/Stola Falszywyopis,prawdziwezbrodnie.
58 Vgl. WiegmannPsychoanalytische S. 35, 38-39, 41, 59, 77-79.
Geschichtstheorie,
59 Zitiertnach:WiegmannPsychoanalytische Geschichtstheorie,S. 38.
60 Aufdieses PhänomenweistDominicLaCapra,dersich mitden Holocausthistorikern befasst.
LaCapra Writing History,
Writing Trauma,S. 146.
61 MOTYKA Polskareakcjana dzialaniaUPA, S. 145.

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64 GrzegorzRossolinski-Liebe

aus dem„VereinzumGedenkenan die OpferderVerbrechen


tionalisten derukrainischen
sehr
Nationalisten", positivaufgenommen,62 weil sie als „Ukrainer" OUN und die
die
UPA entschlossen kritisieren.
VitalijMaslovs'kyjerlebtedie Ereignissein Wolhynien als Kind.Er publizierte seine
Bücher,ähnlichwie derpolnische„Kämpfer"Prus,sowohlvor als auch nachderWen-
de.63Nach derWendehörteMaslovs'kyjauf,die UPA und die OUN mitden ideologi-
schenPhrasenzu überziehen, die von derZensurvorgeschrieben waren.Er behieltaber
einestarkantinationalistische bei undhieltdenpatriotischen
Interpretationsweise oderuk-
rainischenHistorikernvor,dass sie vomNationalismus verblendet seien.64
Maslovs'kyjwidmetsichähnlichwie die polnischen „Kämpfer" ausschließlich derKri-
tikdes ukrainischen Nationalismus (OUN undUPA), ohnederFragenachzugehen, wie
undwarumerzustandekam.Seinewichtigste Theseist,dass die OUN unddie UPA, statt
gegendie äußerenFeindederUkraine,also Nazideutschland undSowjetunion, zu kämp-
fen,die nationalen Minderheiten auf dem Gebietder Westukraine auszurotten versuch-
ten.65Dabei differenzierter innerhalb der ukrainischen Nationalisten und betrachtet die
Bandera-Fraktion (die radikale Fraktion der OUN) als die eigentlichen Vollstrecker der
„ethnischen Säuberung".Die Zahl derpolnischenOpfervon 1943-1944schätztMaslov-
s'kyjauf60.000bis 70.000 inWolhynien undauf 140.000bis 150.000inOstgalizien.66
ViktorPoliscuk,ein andererukrainischer „Kämpfer",definiert sich selbstnichtals
Kommunisten, sondernals patriotischen Ukrainerorthodoxen Glaubens,dessen Fami-
lienmitgliederim Krieg von den ukrainischen Nationalisten wegen des Gebrauchsder
polnischenSpracheermordet wurden.67 Poliscukist vor allem daraufaus zu beweisen,
dass der ukrainischeNationalismus in seinerGesamtheit seit den Zwanzigerjahren eine
faschistischeundverbrecherische Ideologiewar, die verheerende Folgen für die Bevölke-
rungderWestukraine hatte.Poliscukgreift, ähnlichwie die polnischen„Kämpfer"und
wie derKommunist VitalijMaslovs'kyj,den ukrainischen Nationalismus schärfstensan.
Andersals jene setzter sich ansatzweisemit der minderheitenfeindlichen Politikder
ZweitenPolnischenRepublikauseinanderund weistauf einigeproblematische Aspekte
dieserPolitikhin.68Die Zahl derpolnischenOpferderOUN undderUPA schätzter auf
125.000unddie derukrainischen Opferauf40.000,under spricht von einemGenozidan
derpolnischen Bevölkerung undvonMassenmorden an derukrainischen.69 Poliscukzieht
eine scharfeLinie zwischenderUPA unddemukrainischen Volk undsiehtdie UPA als
keinerepräsentative Streitmacht des ukrainischen Volkes,da sie von diesemauch kaum
Unterstützung bekommenhabe. Er bestehtdarauf,dass die UPA nichtals „Freiheits"-
Kämpferin ukrainischen
des Volkesangesehenwerdenkönne.Die geringeUnterstützung
derUPA im ukrainischen Volk erklärt er damit,dass sie viele ukrainische Gegnerihrer

62 Niedzilko (Hrsg.)Polska-Ukraina: pytania,S. 123.


trudne
63 Maslowskyj Z kirni przeciwkomuwalczylinacjonalisciukraiñscy. Nach derWendeerschie-
nen Maslovs'kyjsBücherin dem polnischenpatriotisch-nationalistischen
Norton-Veñag. Die
einzigeBemerkung, die der zu
Verlag Maslovs'kyjs Publikation
machte,war der Hinweisdar-
als die Westukraine
auf, dass Maslovs'kyjdie polnischenOstgebieteirrtümlicherweise be-
zeichnet.Siehedazu die Rückseitedes UmschlagsvonMaslowskyjZ kirni przeciwkomu. . .
64 Maslowskyj Z kirni przeciwkomuwalczylinacjonalisciukraiñscy,S. 144-145,288.
65 Maslowskyj Z kirni przeciwkomuwalczylinacjonalisciukraiñscy,S. 8, 116, 168.
66 Maslowskyj Z kirni przeciwkomuwalczylinacjonalisciukraiñscy,S. 288.
67 PiOTROWSKi GenocideandRescuein Wofyñ, S. 23, 150.
68 POLiszczuKDowodyzbrodniOUN i UPA. Bd. 2, S. 20-28.
69 POLiszczuKDowodyzbrodniOUN i UPA. Bd. 2, S. 733-744.

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Der polnisch-ukrainische
Historikerdiskurs 65

Politikermordethabe.70Den KampfderUPA gegenNazideutschland unddie Sowjetuni-


on hälter ähnlichwie Maslovs'kyjoderPrusfüreinenMythosundmeint,dass die UPA
gegendie Deutschenund die Sowjetsnurseltengekämpft habe und auch dies nur,um
Waffen, LebensmitteloderStellungenzu bekommen.71

en" - Legitimierung
„Legitimist derantipolnischen
Aktion

Als „Legitimisten" sollenhierjene Historiker bezeichnetwerden,welchedie antipolni-


schenGewalttaten derOUN-UPA in Wolhynien und Ostgalizien1943-1944 fürlegitim
undgerechterklären. Die legitimistischeHistoriographie stehtim völligenGegensatzzur
Historiographieder„Kämpfer", aberdie national-fundamentalistische Monointerpretation
derVergangenheit machtsie ihrähnlich.Die „Legitimisten" werdenvon ihrenukraini-
schenKollegennichtso heftigkritisiert und angegriffen wie die polnischen„Kämpfer"
von ihrenpolnischenKollegen.Einige„Legitimisten" sindstaatlichanerkannte Wissen-
schaftler.72
Volodymyr Serhijcuk, derauchUPA-Sprecher oderUPA-Anwaltseinkönnte, interpre-
tiertdie Ereignissevon 1943-1944 in Wolhynien und Ostgalizienvor dem Hintergrund
einerlangenVorgeschichte, die bis ins Jahr1349 zurückreicht. Damals habe nämlichder
polnischeKönigKasimirderGroßedie „westukrainischen Gebieteerobert",dortein„bru-
taleskolonialesRegimeeingeführt" und in den „ethnisch" ukrainischenGebieten„polni-
sche Kolonistenangesiedelt".73 Und so sind die Ereignissevon 1943-1944, nach
Serhijcuksteleologischer Interpretationderpolnisch-ukrainischen Geschichte,als die fi-
naleAuseinandersetzung mitderpolnischen Frageaufdem„ethnisch" ukrainischenTerri-
toriumzu verstehen. Zu dieserAuseinandersetzung mitderpolnischenFragehabe es vor
allemaus zwei Gründenkommenmüssen:erstens, weil die Polenjahrhundertelang „eth-
nisch"ukrainische Gebieteillegitimokkupiert hätten;und zweitens,weil die polnische
Regierungim Exil währenddes ZweitenWeltkrieges daraufbestandenhabe,Wolhynien
undOstgaliziennachdemKriegweiterbei Polenzu belassen.Deswegenwardas Vorge-
hen derUPA und derOUN gegendie polnischenKolonisten,so Serhijcuk,angemessen
undes dürfeauchnichtverurteilt werden.74
Die UPA beschreibt Serhijcukals eine internationaleOrganisation mit40 ProzentAus-
die gegendie Imperialisten,
länderanteil,75 nämlichdie Sowjetunion undNazideutschland
(PolenlässtSerhijcukaus,obwohles fürseineBegriffe eineimperialeMachtwar)undfür
die Unabhängigkeit derUkrainekämpfte, einer„Nation,die lebenwillundKraftzumLe-
benhabenmuss".76 Dabei habedie UPA nichtmitdenDeutschenkollaboriert, sondernih-
re Waffenin einemheldenhaften undritterlichen Kampf mit diesen „faschistischen
Impe-
rialisten"erbeutet,die „ethnischen" UkrainergegenPolen und Deutscheverteidigt, das

70 Poliszczuk DowodyzbrodniOUN i UPA. Bd. 2, S. 734.


7 1 Poliszczuk DowodyzbrodniOUN i UPA. Bd. 2, S. 3 17
72 VolodymyrSerhijòukbeispielsweise,der überzeugteste und meistveröffentlichende
„Legiti-
mist",hateinenLehrstuhlfürLandeskundean der staatlichenSevöenko-Universität
in Kyjiv
inne.
73 SerhijcukTrahedijaVolyni,S. 72-75.
74 Interview mitSerhijcuk,
Volodymyr am 07.06.2004.
75 SerhijòukUkraiñski narodowy ruch,S. 103.
76 SerhijCukUkraiñski narodowyruch,S. 97.

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66 Grzegorz Rossolinski-Liebe

Gut aus den überfallenenSowchosen gerechtunterdem Volk verteilt77und in ihrenRei-


hen Vertreteraller Gesellschaftsschichtenvon Bauern über Arbeiterbis hin zur Intelligenz
gehabt, die alle von dem Gedanken einer „nationalenund klassenmäßigenBefreiung,ei-
ner neuen staatlichenund gesellschaftlichenOrdnung"getragengewesen seien.78
Auffallendan Serhijöuks Publikationenist, dass er die „ethnische" Interpretation der
Geschichtevon den ehemaligen UPA-Kämpfern,also den an der „ethnischenSäuberung"
Beteiligten,übernimmt.79 Solche ÄußerungenSerhijöuksveranlasstenandere ukrainische
Historikerdazu, in öffentlichenDiskussionen zu betonen,dass sie Mitleid mit allen Op-
ferndes polnisch-ukrainischenKonfliktsempfanden,unabhängig von der Abstammung
oder dem „Status" der Opfer.80
Eine andere wichtige These Serhijcuks lautet: „Die meisten Opfer erlittwährend des
Krieges die ukrainischeBevölkerungWolhyniens,und zwar in vielen Fällen durchpolni-
sche Verbrecherhand."81Diese Behauptung versucht Serhijöuk in seinen Publikationen
wissenschaftlichzu untermauern.Dabei fuhrter ausschließlich Zitate, Ereignisse und
Archivquellenan, die davon zeugen, wie polnische Partisanen,die AK oder Polen in der
deutschenPolizei oder in der sowjetischenArmee die ukrainischeBevölkerungermorde-
ten. Serhijcukhebt zudem hervor,dass den polnisch-ukrainischenKonfliktnichtdie Uk-
rainer,sonderndie Polen begonnen hätten,indem sie 1942 zwei ukrainischeLehrer und
angeblichnoch weiterePersonenumbrachten.82
Den Gewalttatenvon 1943-1944 in Wolhynienund Ostgalizien möchte Serhijcuk kei-
nen besonderenRang zuschreibenund er will sie aus dem längerfristigen polnisch-ukrai-
nischen Konfliktauch nicht herausheben. Man solle sie keinesfalls als eine „ethnische
Säuberung" oder als einen „Genozid" stigmatisieren.Vielmehr sollten sie als „Unabhän-
gigkeitskampf'in die Geschichte eingehen. Die Bezeichnungen „ethnische Säuberung"
oder „Genozid" treffenaber nach SerhijöuksAnsichtsehrwohl fürdie Aktion„Weichsel"
zu.83
Marja Moklycja, eine Philosophin an der Lucker Universität,die den „Legitimisten"
nahezustehenscheint,stehtauf dem Standpunkt,dass die Probleme der ukrainischenHis-
toriographiedurch Isolationismuszu lösen seien. Auf der internationalenwissenschaftli-
chen Konferenz„U posukach pravdy" (Auf der Suche nach Wahrheit)2003 in Luck er-
klärtesie: „Wenn wir [Ukrainer]glauben, dass wir so weit gekommensind, dass wir ohne
Krieg mitden Nachbarn existierenkönnen,dann müssen wir Ukrainerauch das Recht ha-
ben, unsere Geschichteallein zu schreiben,ohne sie mitden Polen oder mitden Amerika-
nern vereinbarenzu müssen, so wie die Polen sich auf ihre Helden nichtmit den Deut-

77 SerhijòukUkramski narodowy ruch,S. 99.


78 SerhijöukUkraiñski narodowy ruch,S. 94.
79 In demFilm„Volyn'- znakbidy"(„Wolhynien - Zeichendes Unglücks")(Regie: O. Balaban
undO. Radynski, 2003) fragtein UPA-Veteranbei einemGesprächmitdemRegisseurmehr-
malsrhetorischundvorwurfsvoll mitzitternderStimme:„Was hattendie Polenhierin derUk-
rainezu suchen?"Und gibtdamitebensowie Serhijéukin seinerDarstellungen des Zweiten
Weltkriegszu verstehen,dass im Grundegenommen der„ethni-
nicht„wir"(die Vollstrecker
schenSäuberung")schulddaransind,was geschah,sondern„sie" (die Polen), die auf dem
„ethnisch" Bodenlebten.
ukrainischen
80 Zajarnjuk Vykonavcietniönoji cystky poljakiv,S. 261.
8 1 SerhijCukTrahedijaVolyni,S. 111.
82 Interview mitVolodymyr Serhijöukam 07.06.2004,SerhijòukTrahedijaVolyni,S. 18.
83 Interview mitVolodymyr Serhijöukam 07.06.2004.

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Historikerdiskurs
Der polnisch-ukrainische 67

sehen oder Franzosen einigenmüssen".84Und Moklycja ermuntert


die ukrainischenHisto-
rikerauch noch zur Tat mitphilosophischenWegweisungen wie:
„Wirhattenimmerrecht,weil wirimmerfürunsereFreiheitundUnabhängigkeit kämpften.
Wirverteidigten
underkämpften Land furunserenStaat,undalle, gegendie wires verteidig-
tenoderdie wir angriffen,
warenunsereFeinde,und das wirdauch so bleiben.Damiteine
Nationüberlebenkann,musssie die Weltso sehen.JedeNationmussihrenationaleIdee ha-
benundsogarmanchmal davonausgehen,dass sie die einzigeist,die vonGottzu einerhöhe-
renMissionauserwähltist.Und die Zivilisationfangterstdannan,wennmananderenNatio-
nendas Rechtgibt,übersichgenausozu denken".85

„Ankläger"

Die polnischen„Ankläger"reduzierendie Problematikdes Konfliktsin starkemMaße auf


die antipolnischenGewalttatenin Wolhynienund Ostgalizien in den Jahren1943-1944:
Sie beschäftigensich in ihren Forschungen fast nur mit der Dokumentation und dem
Nachweis von VerbrechenukrainischerNationalistenan der polnischen Bevölkerungund
suchen die Schuld nurauf der ukrainischenSeite. Im Gegensatz zu den „Kämpfern"igno-
riertdiese Gruppe von Historikernnichtbestimmte,in der Diskussion herausgearbeitete,
grundlegendeFakten,z.B. die Opferzahlen.
Wladyslaw Filar, Wladyslaw Siemaszko und Tadeusz Piotrowski waren von den
Ereignissenin Wolhynienselbst betroffen.Piotrowskierlebteals Dreijährigereinen Über-
fall auf die Kolonie Ryswianka.86Filar entkamals Kind mitseinen ElterndurchFluchtei-
nem Überfallder UPA aufsein HeimatdorfIwanicze und kämpftedanach in der 27. AK-
Division, die in Wolhyniendie polnische Bevölkerungvor der UPA schützte.87Heute be-
tonter demonstrativ,dass die UPA im Kampf verbrecherischeMethoden eingesetzthabe
und deswegen nichtmit der AK verglichenwerden dürfe,die in Polen den Ruf einer hel-
denhaftenBefreiungsarmeegenießt.88Wladyslaw Siemaszko war ebenfalls AK-Soldat in
Wolhynien.Filar und Siemaszko gehören beide zu den Historikern,die nach dem Krieg
ihre Kriegserlebnissezum Thema ihres wissenschaftlichenLebenswerks machten. Weil
sie ihre Forschungsereignisse„erlebt" haben, gehen sie davon aus, dass sie ein sicheres,
da auf „Autopsie" basierendes Wissen besitzen.89Dass ihr Wissen sich aber möglicher-
weise gerade deshalb selektiverkonstruierthat als bei Historikern,denen die Grausamkei-
ten von Wolhynienund Ostgalizien erspartblieben und die mit ihremForschungsobjekt
nichtso emotional verbundensind, weshalb bei ihnen das Subjekt mit dem Objekt nicht
zum Mythos verschmolzenist, das scheinen sie nichtverstehenzu wollen oder nichtfür
relevantzu halten.
Filar und Siemaszko sehen sich ähnlich wie die „Kämpfer" auch als Verteidigerder
polnischen Version der „Wahrheit"und möchtendie polnische Gesellschaftvor Histori-
kern schützen, die „Halbwahrheiten"verbreiten,d.h. die Ereignisse in Wolhynien und

84 Moklycja Ukrajinsko-polVkyj konflikt, S. 473-474.


85 Moklycja Ukrajinsko-polVkyj konflikt, S. 474.
86 Die SchilderungdiesesEreignissesin: PiotrowskiGenocideandRescueinWoryñ,
S. 2.
87 Siehedazu: Filar Woryñ1939-1944,S. 6-7.
88 Filar Woryñ1939-1944,S. 357. Zu demAK-Mythosin Polensiehe:Szacka Die Legendeder
ArmiaKrajowa.
89 Filar Woryñ1939-1944,S. 6.

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68 Grzegorz Rossolinski-Liebe

Ostgalizien nichtals „Genozid" thematisieren.90 Filar, Siemaszko und Piotrowskiweisen


in ihrenArbeitenexplizitdaraufhin,dass es fürsie in dem polnisch-ukrainischen Konflikt
eindeutigeOpfer und eindeutigeTäter gebe, und stehen damit in vollständigemGegensatz
zu den Historikern,die die OUN und die UPA reinzuwaschenversuchten.Sie gehen in ih-
ren Forschungenden ukrainischenOpferndes polnischen Terrorsnichtexplizit nach; sie
beschränkensich lediglichdaraufzu erwähnen,dass es sie gab, und tendierendazu, sie als
ein Randphänomen des polnisch-ukrainischenKonflikts anzusehen, das ausgeblendet
werden sollte, weil es das grundsätzlicheVerhältniszwischen polnischen Opfernund uk-
rainischenTätern und damit den Charakterdes Konfliktsrelativiere.91Anders ist es mit
den ukrainischenOpfern des ukrainisch-nationalistischen Terrors. Diese Opfergruppe
stößtbei den „Anklägern",vor allem bei Piotrowski,ähnlichwie bei Poliscuk, auf großes
Interesse.92
Sowohl Filar als auch Siemaszko könnenin der Politik der Zweiten Polnischen Repub-
lik keine Ursachen fürden Konfliktim Zweiten Weltkriegerkennen,sondernsie sind da-
von überzeugt,dass die Ereignisse in Wolhynienund Ostgalizien allein durchdie Ideolo-
gie des integralenukrainischenNationalismus ausgelöst wurden.93Für Piotrowskiliefen
die antipolnischeGewaltaktedagegen nach demselben Muster ab wie der Holocaust. Die
Polen seien fürdie Ukrainerin etwa das gleiche gewesen wie die Judenfürdie deutschen
Nazis.94 Szawlowski, der die Einleitungzu Siemaszkos Buch „Ludobójstwo ..." (Geno-
zid) schrieb,ist im Vergleich dazu etwas origineller.Er brachteunterden Ursachen des
polnisch-ukrainischen Konfliktsz.B. die Traditionder Kosaken- und Hajdamakenrebellen
aus dem 17. und 18. Jahrhundert unter.95
Siemaszkos „Ludobójstwo ..."%, ein 1400 Seiten umfassender,in detektivistisch-
dokumentarischerManier geschriebener Faktenberg, ist eine Kompilation der UPA-
Verbrechen,aber keine analytischehistorischeUntersuchung.Darüber hinaus ist die von
Siemaszko gemeinsam mit seiner Frau verfassteArbeit starkselektiv,weil sie darauf fi-
xiertist, die Verbrechender ukrainischenNationalistenzu dokumentieren,und die weni-
ger häufigen,aber immerhingeschehenen Gewalttatender AK-Soldaten oder der polni-
schen Einsatzleiter in der deutschen Polizei zwar gedanklich mitberücksichtigen, aber
tendenziell marginalisieren.Nicht zu übersehen ist auch der eiferndeHass und die fast
transzendenteDenkweise, die den Siemaszkos die Kräfte gaben, ein so monumentales
Werk des polnischen Leidens zusammenzustellen.Ihor Iljusyn hat diese transzendenten
Antriebeherausgearbeitet,als er einige Fälle aus Siemaszkos Werk genauer überprüfte
und dabei Fälle von durch sowjetische Partisanen liquidiertenPolen fand, die in „Lu-
dobójstwo.. ." als Opferdes ukrainischenNationalismusdargestelltwerden.97
Ähnlich sehen Filars Vergangenheitsdarstellungen aus. Filar nimmtzwar im Gegensatz
zu den „Kämpfern"ebenfalls zur Kenntnis,dass es ukrainischeOpfer polnischerPartisa-
nen oder von AK-Soldaten gab, aber er betont,dass es sich hiernurum Einzelfalle handle,

90 Filar Wotvñ1939-1944,S. 8-9.


91 Siemaszko/Siemaszko Ludobójstwodokonaneprzeznacjonalistów na ludnosci
ukraiñskich
polskiejWofynia1939-1945,S. 38; PiotrowskiGenocideandRescueinWofyn, S. 27-28.
92 PiotrowskiGenocideandRescueinWofyn, S. 147-166.
93 Vgl. Filar Wofyn1939-1944,S. 26-34, 113-114, 183; Siemaszko Ludobójczeakcje OUN-
UPA, S. 59-60.
94 PiotrowskiGenocideandRescueinWofyn, S. 13, 17-19.
95 Szawloski Przedmowa, S. 12.
96 Siemaszko/SiemaszkoLudobójstwona ludnoscipolskiejWofynia1939-1945.
97 IljuSyn Volyns'katrahedija1943-1944,S. 46.

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Historikerdiskurs
Der polnisch-ukrainische 69

die daraufzurückzuführenseien, dass die AK-Soldaten oder die polnischen Einsatzleiter


bei der deutschenPolizei bzw. in den sowjetischen Partisanenbataillonendie eigene Be-
völkerungsgruppegegen die „UPA-Banditen" zu verteidigensuchten.98Stattdessenkon-
zentrierter sich ausschließlich auf die antipolnischenAktionender UPA, die sein „Geno-
zid"-Paradigmabestätigen."
Szawlowski betontzudem, dass die Ukrainernichtden Weg gewählthätten,wie ihn die
Deutschen nach dem Krieg gegangen seien, und selbst den der Russen nicht,sondernsie
hättendie „türkischeMethode" gewählt,„weil die Türken,wie man weiß, den im Ersten
Weltkriegan etwa einer halben Million Armeniernbegangenen Genozid bis heute nicht
zugeben wollen".100Damit forderter die Ukraineraufrecht missionarischeWeise auf, ihr
Vergangenheitsbildzu revidierenund die „Wahrheit"des Genozids endlich zu akzeptie-
ren. Der Teufelskreis,in dem sich „Ankläger" und „Verteidiger"drehen,wird damit stän-
dig weiterangetrieben:
„Was schließlich,vorallemaus polnischerSicht,denmoralischen so können
Aspektbetrifft,
wir diesen Genozidnichtnurdenennichtverzeihen,die massenhaft folterten
und danach
mordeten, sondernauch diesen„Wissenschaftlern"und sogarden ukrainischen Geistlichen
nicht,die in dendarauffolgenden
Jahrzehnten - undbis heute!- zu diesemThemaschamlos
gelogenhabenoderweiterlügen,allerhandHalbwahrheiten anbieten,bewusstverwirren,„re-
lativieren"oderdemonstrativschweigen.
Aberdie Wahrheit mussendlichans Licht,auch auf ukrainischer Seite: DUCUNT FACTA
VOLENTEM; NOLENTEM TRAHUNT. Diesen Genozidkannmaneinfachnichtmehrlän-
gerhinter Lügenverstecken."101

oder„ Gegenangreifer"
„ Verteidiger"

Ukrainische„Verteidiger"oder „Gegenangreifer"scheinen auf Attackender „Ankläger",


die sich der Genozid-Deutungdes polnisch-ukrainischen Konfliktsverschriebenhaben, zu
reagierenund zu versuchen,diese Deutung abzumildernund den polnisch-ukrainischen
Konflikt„ausgewogener" darzustellen.Die Ereignisse von 1943-1944 in Wolhynienund
Ostgalizien nehmen in ihremGeschichtsbildzwar eine wichtige Stelle ein; sie sind aber
nichtwie bei den „Anklägern" das alles andere in den HintergrunddrängendeEreignis.
Die „Verteidiger"dehnen den polnisch-ukrainischenKonflikträumlich über Wolhynien
und Ostgalizien hinaus und zeitlich über die Periode 1943-1944 aus. Sie nehmen damit
andere Ereignisse, die die „Ankläger" nicht interessierenoder die ihnen nicht wichtig
scheinen,in ihre Darstellungauf; der Konflikterscheintinfolgedessen in einem anderen
Licht.
Zu den Hauptexponentendes „Verteidiger"-Lagerssind Jaroslav Isajevyö, Anatolij
Rusnacenko,102JurijKyrycuk103 und JurijMakar104zu zählen. In JaroslavIsajevycs Inter-
pretationtrittein ethnischerAspekt deutlichhervor,wenn er daraufhinweist,dass die Uk-
rainernur auf ihre eigenen „ethnischen"Gebiete Anspruch erhoben hätten,d.h. jene, in

98 Filar Wolyñ1939-1944,S. 110.


99 Vgl. Filar Wofyñ1939-1944,S. 43-91.
100 Siemaszko/SiemaszkoLudobojstwona ludnoscipolskiejWofynia1939-1945,S. 21.
101 Siemaszko/SiemaszkoLudobojstwona ludnoscipolskieiWotvnia1939-1945,S. 22.
102 Rusnaòenko Narodzburenyj.
103 KyryòukUkrajin'skyj nacionalnyj ruch.
104 Makar Ukrajins' ko-pol' s' ke proty
stojannja.

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70 Grzegorz Rossolinski-Liebe

denen sie die Mehrheitstellten.So waren fürIsajevyc zwar auch die Polen historischmit
diesen Gebieten verbunden,aber gleichzeitig waren sie auch Okkupanten.Er betontje-
doch im Gegensatz zu den „Legitimisten"explizit, dass Morde an unschuldigen Men-
schen, ganz egal aus welchen Gründensie begangen wurden,nichtgerechtfertigt werden
könnten, was „Legitimisten" wie Serhijcukeindeutig anders sehen.105
Nach Isajevycs Meinung ist der polnisch-ukrainischeKonfliktwährend des Zweiten
Weltkriegsnur im „Kontextder nationalenBefreiungsbewegungender zweiten Hälfte des
19. und der erstendes 20. Jahrhunderts" zu verstehen.Dabei spiele der soziale Gegensatz
zwischen der reichen, besitzenden polnischen Oberschicht und der Masse der armen,
bäuerlichenukrainischenBevölkerungeine wichtigeRolle.106Die Schuld an den sich ver-
schärfendenMissständen weist er den polnischen Eliten zu, die sich nie richtigvon den
aus dem 16. Jahrhundert stammendengeopolitischenVorstellungenhättenlösen können
und nach dem ErstenWeltkriegeinen polnischen Staat auf „ethnisch"ukrainischemGe-
bieten (Wolhynien,Ostgalizien, Chehn-Gebiet,Polesien) gegründetund dort ihre Herr-
schaftetablierthätten.In der Zwischenkriegszeithättendie polnischen Machthabereine
Zwei-Klassenpolitikbetrieben,die nach Isajevycs Meinung zu einer der wichtigstenUrsa-
chen fürdie „polnisch-ukrainischeAuseinandersetzung"im Krieg wurde.107Als die mar-
kantestenWendepunkteder minderheitenfeindlichen Politik sieht Isajevyc die Jahre1930
und 1938 und hebtsie in seinerDarstellungentsprechendhervor.
Die „anklägerische"Historiographiekonstruiert das Gebiet von Chehn als „Gegenlei-
densfeld" zu Wolhynienund versuchtes als solches zu etablieren.108 Ein wichtigerSam-
melband über den polnisch-ukrainischenKonflikt,dessen Herausgeber Isajevyö ist, trägt
den Titel „Volyn' i CholmSöyna 1938-1947" (Wolhynien und das Gebiet von Chehn
109Der Titel
1938-1947). spielt auf die vor allem von polnischen Historikernvorgenom-
mene zeitliche und räumliche Eingrenzungdes polnisch-ukrainischenKonfliktsan. Der
gewöhnliche' zeitliche Rahmen (1939-1947 oder 1943-1947) wirdum ein bzw. vier Jah-
re nach vorne verlängert.Dadurch erlangendie von polnischen Historikernmeistensnur
sehr am Rande berücksichtigten Ereignisse im Gebiet von Chehn 1938 und währenddes
Krieges größereBedeutung, und der polnisch-ukrainischeKonfliktbeginntim Gebiet von
Chehn mit einer antiukrainischenAktion (den Katholisierungs-und Polonisierungsmaß-
nahmenvon 1938) und er endet auch dortmit einer antiukrainischenAktion (der Aktion
„Weichsel"). Infolge dessen erscheinendie Ereignisse von Wolhynienund Ostgalizien in
den Jahren1943-1944 nurals eine untergeordnete Episode in einerukrainischenLeidens-
geschichte.Seinen Aufsatz in dem genannten Sammelband überschriebIsajevyö „Cholm-
sko-volyns'ka trahedija,jiji pereduovy,perebih,naslidky" (Die Tragödie im Gebiet von
Chehn und in Wolhynien- Ursachen,Verlauf,Folgen). Damit setzter schon im Titel die
beiden sehr verschieden verlaufendenund mit sehr unterschiedlichenOpferzahlen ver-
bundenenTragödiengleich.

105 Siehe dazu: IsajevyC Pered1943 rokombuly 1930-ji 1938-j.;IsajevyC Cholmsko-volyns'ka


S. 4.
trahedija,
106 Isajevyö Socjal'no-ekonomiöni,polityönivijs'kovita duchovniprycyny
volynskoji trahediji,
S.6-7.
107 IsajevyC Socjal'no-ekonomioni,polityònivijs'kovita duchovnipryöynyvolynskoji trahediji,
S. 13.
108 Isajevyò Cholmsko-volyns'ka S. 28-29.
trahedija,
109 IsajevyC Cholmsko-volyns'ka trahedija.

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Historikerdiskurs
Der polnisch-ukrainische 71

Eine andere Publikationvon Isajevyö trägtden Titel „Pered 1943 rokom buly 1930-j i
1938-j. Pols'ko-ukrajins'ki vidnosynydo i pid öas vijny"110(Vor dem Jahr1943 gab es
die Jahre1930 und 1938. Polnisch-ukrainischeBeziehungen vor und während des Krie-
ges). Mit dieser Überschriftweist Isajevyö daraufhin,dass vor einer antipolnischenAkti-
on bereitszwei antiukrainischelagen. Im nachfolgendenText versuchtIsajevyö, die Auf-
merksamkeitvor allem auf die antiukrainischenMaßnahmen von 1938 im Gebiet von
Chehn und einige andere ähnliche kurz vor dem Beginn des Krieges zu lenken.111Diesel-
be Ablenkungsstrategiewendet der polnische „Ankläger" WtadystawFilar an. Ein Sam-
melband,dessen HerausgeberFilar ist,trägtden Titel „Przed akcj^ ,Wisla' byl Wofyñ"112
(Vor der Aktion 'Weichsel' gab es Wolhynien).Mit diesem Titel deutetFilar, ähnlichwie
Isajevyö, an, dass es ohne das eine Ereignis das andere nichtgegeben hätte.Bei Filar sind
es die antipolnischenÜbergriffein Wolhynienund Ostgalizien 1943-1944, die die antiuk-
rainische Aktion „Weichsel" 1947 auslösten. Bei Isajevyö sind es die Jahre 1930 und
1938, die die antipolnische Massaker in Wolhynien und Ostgalizien 1943-1944 verur-
sachten.
Siemaszkos und Filars These, wonach die UPA beabsichtigthabe, die Polen in Wolhy-
nien regelrechtauszurotten,ist nach Isajevyös Ansichtnichthaltbar.Isajevyö und Rusna-
cenko vertretendie Ansicht,die UPA habe mit dem Terror,der gegen einen Teil der pol-
nischen Bevölkerung gerichtetwar, die übrigen Polen zur Flucht veranlassen wollen.113
Die örtlicheBevölkerung beteiligtesich an den Massakern an den Polen nach Isajevyös
Darstellung nicht,wie Szawlowski meint,wegen der ukrainischenTradition der Hajda-
makenrebellionen,sondernwegen der sozialen Verhältnisse.114
Eine Art von Retourkutschegegen die von den polnischen AnklägernetablierteVor-
stellung,dass Wolhyniender Schauplatz von Massenmorden an Polen gewesen sei, fahrt
JaroslavCaruk. In seinem Buch „Trahedija volyns'kych sil 1943-1944 rr.Ukrajins'ki ta
pol's'ki §ertvyzbrojnoho protystojannja"(Die Tragödie der wolhynischen Streitkräfte
1943-1944. Die ukrainischenund polnischenOpferdes bewaffnetenGegensatzes)115stellt
er den Darstellungen von Historikernwie Siemaszko die Erinnerungenseiner eigenen
Landsleute in Wolhynien entgegen.116Interessantist, dass die Siemaszkos in der Einlei-
tung ihres 2000 erschienenen„Ludobójstwo ..." bereitsdie Befürchtunggeäußerthatten,
dass in Zukunftin der Westukraine eine Publikation erscheinen könnte, die ihre For-
schung mitfingiertenBerichtenvon ukrainischenOpferndes polnischenTerrorszu relati-
vieren versuchen würde,117als ob sie gespürthätten,dass sie mit ihrem monumentalen
Werk eine historiographisch-dokumentarisch-martyrologische Auseinandersetzunglostre-
ten würden.
Mit seiner Arbeit leistete Caruk ein kleines Äquivalent zu Siemaszkos „Ludobójstwo
...". Wenn die Siemaszkos ihre Beschreibungendes polnisch-ukrainischenKonfliktsfast
ausschließlich auf polnische Quellen stützten,weil sie die ukrainischenPublikationenfür

110 Isajevyò Pered1943rokombuly1930-ji 1938-j,S. 13-16.


111 ISAJEVYë Cholmsko-volyns'ka trahedija,S. 24-25.
112 Filar (Hrsg.)Przedakcja „Wisla"bylWolyñ.
113 RusnaCenkoNarodzburenyj, S. 165.
114 IsajevyC Socjal'no-ekonomièni,polityöni vijs'kovita duchovnipryòyny
volyns'kojitrahediji,
S. 1.
115 Caruk Trahedijavolyns'kych sil.
116 Caruk Trahedijavolyns'kych sil,S. 18.
117 Siemaszko/SiemaszkoLudobójstwona ludnoscipolskiejWofynia1939-1945,S. 38.

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72 Grzegorz Rossolinski-Liebe

„methodischverfehlt"118 hielten,tatCaruk das Gleiche mitukrainischenQuellen und ver-


suchtemiteiner ansonstenähnlichenMotivationund einem ähnlichenErkenntnisinteresse
nachzuweisen,wie „es eigentlichgewesen" sei. Dass die von Caruk gesammeltenÜberlie-
ferungenzu dem Konfliktmit denen von Siemaszkos fastnie übereinstimmen, ist ein gu-
ter Beweis dafür,wie verschieden die kollektiven Gedächtnisse bei einem nationalen
Konfliktfunktionieren: wie einseitigsich polnische Überlebende meistensnur an die pol-
nischen Opfer erinnernkönnen und ukrainischeÜberlebende an die ukrainischenOpfer
oder wie Polen dazu tendieren,in allen umgekommenenOpferndes ukrainischenTerrors
ihreLandsleute zu erkennenund umgekehrt.
Mit einer Liste des UCK (Ukrainisches Zentrales Komitee) in Lublin, die 500 Namen
von „Vorarbeitern"aufweist,die laut den „Verteidigern"von Polen ermordetworden sein
sollen, versuchendie „Verteidiger",den Beginn des polnisch-ukrainischen Konflikts1942
im Gebiet von Chehn zu lokalisieren. Dieses Dokument vom 22. Januar 1944 befindet
sich heute in „The ProvincialArchives of Alberta" in Kanada119und ist eine Liste der von
einer „verbrecherischenHand" ermordeten,nach Rang geordneten 500 „ukrainischen
Vorarbeiterim Gebiet von Chehn und in Polesien."120Währendukrainische„Verteidiger"
diese Liste als Beweis dafürsehen, dass die Polen mit diesen Morden den Sturmin Wol-
hyniensäten, den sie späterernteten,sehen polnische „Ankläger" dieselbe Liste als Auf-
stellungvon Leuten, die durchden polnischenUntergrundwegen ihrerKollaboration mit
den Nazis liquidiertwurden.121
Interessantist auch, welche Armee in den Geschichtender „Verteidiger"und „Anklä-
ger" sich als welche verkleidethaben soll, um zu provozierenoder um die Schuld füreine
Ausrottungsaktion der anderenSeite in die Schuhe zu schieben. Piotrowskibringtein Bei-
spiel, bei welchem sich UPA-Mitglieder bei einem Überfall als sowjetische Partisanen
verkleidethätten,um die Verantwortungfürihr Handeln auf jene abzuladen. Piotrowski
behauptetaußerdem, dass die UPA auch in deutschen Uniformen„gearbeitet"habe.122
Und Rusnacenko meint,dass sich die in Wolhynien und Polesien tätigenEinheiten des
NKVD und der sowjetischenArmee als Ukrainerverkleidethätten.Darüber hinaus hätten
nach Rusnacenkos Darstellungdeutsche Soldaten Uniformenmitdem Dreizahn (dem uk-
rainischenWappen) angezogen und polnische Dörfer überfallenund niedergebrannt, um
die Polen gegen die Ukraineraufzubringen.123

Polnische „ Versöhner'1

Eine Gruppe polnischer Historiker,die ich „Versöhner" nennen möchte, brichtmit der
ethnozentriert-affirmativ-martyrologischenDarstellung des polnisch-ukrainischenKonf-
liktsund versucht,ein neues Paradigma zu entwickeln.Diese Historikerwollen sich von
der Vorstellungvon dem polnisch-ukrainischenKonfliktals einem „Genozid" lösen, bei
dem der Blickwinkel starkauf die Ereignisse von 1943-1944 in Wolhynienund Ostgali-
zien verengtist, möglichstviele polnische Opfer des ukrainischenTerrorsgefundenwer-
den und nurdem Schicksal der Polen ausgiebig Platz und Aufmerksamkeit in den Darstel-

118 Siemaszko/SiemaszkoLudobójstwona ludnoscipolskiejWotynia1939-1945,S. 38.


119 Isajevyò (Hrsg.)Volyn'i Cholmsöyna1938-1947,S. 493-508.
120 Isajevyò (Hrsg.)Volyn'i CholmScyna 1938-1947,S. 493-508.
12 1 Partacz /Lada Kto zaczal?. S. 40.
122 PiotrowskiGenocideandRescueinWofyn, S. 20.
123 RusnaòenkoNarodzburenyj, S. 164.

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Historikerdiskurs
Derpolnisch-ukrainische 73

lungengewidmet wird.Stattdessen versuchen die „Versöhner", die Vergangenheit als ein


vielfaltiges von zu
Spektrum Ereignissen interpretieren, denen sich nicht immer ein klares
Etikettwie „Genozid"zuordnenlässt.
Pionierder„Versöhner" warRyszardTorzecki124 undnebenihmTadeuszAndrzej01-
szañski.125Torzeckibeschäftigte sichjahrelangvornehmlich mitdem polnisch-ukraini-
schenKonflikt.1993 veröffentlichte er die Monographie „Polacyi Ukraiñcy.Sprawauk-
raiñskaw czasie II wojnyswiatowejna terenieII Rzeczypospolitej" (PolenundUkrainer.
Die ukrainischen FrageaufdemGebietderZweitenRepublikwährenddes ZweitenWelt-
kriegs),126die sowohlvon polnischenals auch ukrainischen Historikern positivaufge-
nommenwurdeund rechtviel Klarheitin diesendamalsnochsehrunstrukturierten Ab-
schnittderpolnisch-ukrainischen Geschichtebrachte.Torzeckivertrat die Meinung,dass
bei vielenHistorikern die „Emotionenüberden kühlenObjektivismus überwiegen" und
dass die meistenFachkollegen,die sich mitder polnisch-ukrainischen Problematik be-
schäftigen,darauf abzielten,die andere Seite zu beschuldigen.127 In Torzeckis Augen hätte
einequasi Rankesche, voneinem„kühlenObjektivismus", vonDistanziertheit undUnpar-
teilichkeitgeprägteHerangehensweise in Verbindung mitder Öffnung derArchiveaus-
reichenmüssen,umzu einer„größtmöglichen historischen Wahrheit" zu gelangen.128
Torzeckiselbstwar nicht,wie viele „Kämpfer"oder„Ankläger", persönlichvon dem
polnisch-ukrainischen Konflikt betroffen. Er betrachtetedie Betroffenheit dereigenenFa-
milievielmehrals eine gefahrliche Last fürWissenschaftler.129 Er vermiedin seinerDar-
stellungdas martyrologische Dogma,den Schuldigenund Bösen immernurauf derGe-
genseite zu suchen. Für ihn waren von allenhistorischen Akteuren die polnischenNatio-
nalistendie wahrscheinlich Verantwortungslosesten, weil sie die Existenz einerukraini-
schenNationnegierten und sie entwederals eine „Nationalität" oderals „Produkteiner
deutsch-österreichischen Intrige"betrachteten,130also die Ukrainer nichtals gleichberech-
tigtePartner anerkannten.
In TorzeckisDarstellung besaßendie ukrainischen Bewohnerderethnischgemischten
GebietedasselbeRechtauf Heimatwie die polnischen, was bei den polnischen„Kämp-
fern"und„Anklägern" oderdenukrainischen „Legitimisten" und„Verteidigern" oftganz
andersaussah.131 Torzeckihingegenversuchte zu verstehen, was hinterdiesenbeidenex-
tremenInterpretationsweisen stand,ohnedabei irgendeiner Seite mehrRechteeinzuräu-
men.Im Krieghättendie Polenaufdem„statusquo antebellum"beharrt, unddie Ukrai-
ner hätteneinenukrainischen Staat auf allen „ukrainischen" Gebietengründenwollen,
wodurches bei dem Mangel an Kooperationsbereitschaft und politischer Flexibilitätzu

124 Torzecki Kwestiaukrainska:TorzeckiPolacvi Ukraiñcv.


125 Lukaszów [Pseudonym] Walkipolsko-ukraiñskie 1943-1947,S. 159-199,OlszañskiHistoria
UkrainyXX wieku.
126 Torzecki Polacyi Ukraiñcy.
127 Torzecki Polacyi Ukraiñcy,
S. 108.
128 Torzecki Polacyi Ukraiñcy,
S. 310.
129 Torzecki Stosunkipolsko-ukraiñskie,
S. 96.
130 Torzecki Polacyi Ukraiñcy,
S. 11.
131 Die polnischen„Kämpfer"undauch einige„Ankläger"stellendie Zugehörigkeit von Wolhy-
nienundOstgalizienzu Polenin ihrenDarstellungen nie in Frage,weil PolensichdieseGebie-
tenachdemErstenWeltkrieg erkämpft hatte.Die „Legitimisten"undein Teil der„Verteidiger"
sehendagegenWolhynien undOstgalizienals „ethnisch" ukrainische Gebietean,die sichunter
polnischerBesatzungbefanden,was an sichschoneinepolitische, kulturelle
undsoziale Unge-
gewesensei unddenukrainischen
rechtigkeit Unabhängigkeitskampf habe.
legitimiert

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74 Grzegorz Rossolinski-Liebe

einemKonflikt habe kommenmüssen.Es war fürTorzeckialso ein Zusammenstoß der


Nationalismen und,langfristigbetrachtet,das Versagender linkenIntelligenz, was den
Konflikt unaufhaltsam machte.132
Torzeckibetontein seinenDarstellungen des polnisch-ukrainischenKonfliktsauchdie
Wirkung des Terrorsdes NKVD und der Nazis auf die einheimischeBevölkerung sowie
auch die Auswirkungen des Judenmordes. Als erstehättendie sowjetischenBesatzerder
einheimischen Bevölkerung gezeigt,wie mansichmitdentatsächlichen undangenomme-
nenFeindenauseinandersetzt. Die Politikderdeutschen Besatzerhabenochverheerende-
re Folgengehabt,weil die Nazis Pogromeeingeleitet unddie ukrainischePolizeimassen-
haftbei denMordaktionen an derjüdischenBevölkerung hätten,
eingesetzt womitsie den
jungenMenschen,die idealistisch fürdie FreiheitihresLandeskämpfen wollten,absicht-
lichoderunabsichtlich vorgeführt hätten,wie maneine ganzeethnische Gruppevernich-
tet.133
HeuteistGrzegorzMotykaeinerderaktivsten Protagonistenderpolnischen„Versöh-
ner-Szene. Motykasetztsich fürein multiperspektivisches Paradigmain derpolnischen
Geschichtswissenschaft ein.Er kritisiert
ebenso,wie es früherderbereitsverstorbeneTo-
rzeckigetanhat,Historiker, denenemotionaleoderpatriotische Verpflichtungenverbie-
ten,offenund ohne Selbstzensur mitder Vergangenheit umzugehen, weswegensie mit
doppelten Standardsschrieben.Auf der polnisch-ukrainischenKonferenz vomDezember
1998 in KazimierzDolnymerkteMotykaan, dass er aufSeitensowohlderukrainischen
als auch derpolnischenHistoriker eine „Verschwörung des Schweigens"vermute. Nach
einerReihevonVorträgen überdie polnischeundukrainische sagteer:
Historiographie
„Die Ereignissein Wolhynien undOstgalizienwarenfürdie Poleneine derblutigsten Episo-
dendes ZweitenWeltkrieges. mehrOpferals die KämpfezurVerteidigung
Sie forderten Po-
lensim September1939! Mittlerweile kommtes vor,dass einpolnischerAutor,derso objek-
tiv wie möglichdieses Problemzur Sprachebringt, in den ukrainischenBüchernfüreinen
„polnischen Chauvinisten"gehaltenwird.Es sindschmerzvolle Fragen,überdie nichtoffen
gesprochen wird,weilmanoftdavonausgeht,dass es nichttaktvollsei,an dieseEreignissezu
erinnern. Dies fuhrtzu gegenseitigem Misstrauenbei den Historikernund zur Auslassung
unangenehmer Fakten.Ich bringezwei Beispieleaus Gesprächenaufden Gängen.In einem
GesprächmiteinempolnischenHistoriker erwähnte Dörfer,die von der
ich die ukrainischen
polnischenAufstandsarmee im Gebietvon Chehnniedergebrannt wurden,woraufich zu hö-
renbekam:„AberSie werdenes dochnichtgleichöffentlich sagen?Man darfnichtinseigene
Tor schießen."Und ein zweitesBeispiel:Ein ukrainischerHistorikergab in einemGespräch
zu, dass er DokumentederUPA gesehenhabe,die BefehlezurAusführung einerethnischen

132 Torzecki Polacyi Ukraiñcy, S. 308-309.


133 Torzecki Polacyi Ukraiñcy, S. 306. 1941 und 1942 nachdemEinmarschderDeutschenfan-
den in Wolhynienund Ostgalizienin vielenOrtenMassenerschießungen statt,die alle nach
demgleichenPrinzipvorsichgingen.Es wurdenGräbernichtweitvon derStadtausgehoben
undan einemderdarauffolgenden Tage wurdendorthin undnebendenGrä-
die Judengeführt
bernerschossen. Massendeportationen vorallemzu demKonzentrationslagerBetzecbegannen
erst1942. So wurdenz.B. in Rivneam 7. und 8. November1941 21.000 Judenerschossen,
zwischendem 20. unddem 23. August1942 17.500 in Luzk,am 30. November1941 300 in
Drohobyöund 10.000 am 12. Oktober1941 in Stanislau.vgl: Gutman(Hrsg.) Enzyklopädie
des Holocaust,S. 1246-1248(Rivne),913-914 (Luc'k), 370-372 (Drohobyö),137-172 (Sta-
nislau) usw; vgl. auch: Spectors The Holocaustof WolhynianJews 1941-1944,S. 72-79,
106-115,172-187.

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Historikerdiskurs
Der polnisch-ukrainische 75

Aberer fugtegleichhinzu:„Man kannaberzurZeit nicht


Säuberungan Polenbeinhalteten.
überalles offenreden."134
„Versöhnern"wie Motyka ist bewusst und sie weisen auch offendarauf hin, dass viele
Historikerauf beiden Seiten die Geschichte des Konfliktsauf die gleiche Weise, aber mit
umgekehrtenVorzeichen beschreiben:
,„Wir'(egal, ob PolenoderUkrainer)werdenausschließlich als Opfervon MordenundVer-
treibungen Diejenigen,die als Partisanen
dargestellt. oderals Soldatenkämpfen, siegenstets
gegen einen übermächtigen Feindund sind dabei sehr und Die
mutig tapfer. Zivilbevölkerung
tötenwirnurin Ausnahmefallen, undes geschiehtdann[...] als gerechteVergeltungfürdas
Unrecht des Gegners.,Sie' dagegensindimAllgemeinen zu jederGrausamkeitfähigeBandi-
tenundMörder.Sie kämpfen nurgegenUnterlegene, undmanmerktihnenihreFeigheitan.
Gerechte,Sie' sindeinegroßeAusnahme."135
Das Bewusstsein solcher Prozesse eröffnetden „Versöhnern"ganz neue Erkenntnismög-
lichkeiten,die es ihnen erlauben, die bisherige eindimensionale Perspektive abzulegen
und stattdesseneine neue Geschichtezu schreiben,wo sich auf keinerSeite ausschließlich
Helden finden. So suchen „Versöhner" wie Motyka, Torzecki, Olszanski, Andzej Leon
Sowa oder Wlodzimierz Mçdrzecki nach den Gründen für den polnisch-ukrainischen
Konfliktnichtnur in den ideologiegeladenen Beschlüssen der ukrainischenNationalisten,
sondernsie sind durchaus auch in der Lage, in den politischenFehlern der Regierungen
der Zweiten Polnischen Republik eine wichtigeUrsachen zu erkennen.
Die differenzierteHerangehensweise an das Thema ermöglichtden „Versöhnern",in
den polnisch-ukrainischen KonfliktAspekte einzubeziehen,die den vier bereitsbehandel-
ten Historikergruppen nicht in den Sinn kommen. Motyka unterscheidetbeispielsweise
zwischen dem, was vor Februaroder März 1943, und dem, was danach passierte.Vor die-
sem Datum hätten sich polnische und ukrainische Streitkräftezwar in einem latenten
Konfliktbefunden,es habe einzelne Opfer auf beiden Seiten gegeben, aber keine organi-
siertenMassenmorde. Im Februarund März 1943 jedoch habe die UPA mit ihrenorgani-
siertenGewalttatengegen die polnische Bevölkerungbegonnen. Diese hätten1943 haupt-
sächlich in Wolhynienstattgefunden und sich 1944 dann nach Ostgalizien verlagert.Diese
Eskalation ist fürMotyka der zentraleund entscheidendePunktim polnisch-ukrainischen
Konflikt.Auf der anderen Seite widmet Motyka seine Aufmerksamkeitauch den antiuk-
rainischenAktionendes polnischen Untergrunds.Diese Gewalttatenkonstatierter vor al-
lem in der erstenHälfte 1945 in den Gebieten des heutigenPolen, aber auch in Wolhynien
und Ostgalizien. Dabei hat Motyka kein Problem damit,einige der Gegenmaßnahmendes
polnischen Untergrundsals „ethnische Säuberungen" zu bezeichnen. Jedoch betont er,
dass man sie mitdem Terrorder UPA nichtgleichsetzenkönne.136
In seinen Untersuchungendifferenziert Motyka auch innerhalbder ukrainischennatio-
nalistischenOrganisationen,weswegen bei ihm nichtalle Ukrainerals Vollstreckerethni-
scher Säuberungen erscheinen. Er weist auf die politischen Unterschiede zwischen der
gemäßigten OUN-M, die vor allem an einer militärischenKooperation mit den Nazis
interessiertwar, und der radikalenOUN-B hin, die die UPA unterwanderte und von deren
Führerneinige - wie „Klym Savur" (Dmytro Kljackivs'kyj), einer der wichtigstenKom-
mandeureder UPA - die eigentlichenInitiatorender „ethnischenSäuberungen" gewesen

134 Kosiewski/Motyka Historycy


polscyi ukraiñscy,
S. 196-197.
135 Motyka Postawywobeckonfliktu S. 279.
polsko-ukraiñskiego,
136 Interview
mitMotyka,Grzegorzam 08.09.2004.

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76 GrzegorzRossolinski-Liebe

seien und so die Verantwortung fürdie antipolnischen Gewalttaten getragenhätten.137


Ähnlichwie Torzecki oderandere „Versöhner" weist auch Motyka die verheerenden
auf
psychologischen Auswirkungen des Judenmords hin, derder übrigenBevölkerung gezeigt
habe,dass es möglichsei, binneneinerrelativkurzenZeit eine ganze nationaleGruppe
vonderBildflächeverschwinden zu lassen.138
Die „Versöhner" tendieren dazu, den Begriff„Genozid"fürdie Ereignissein Wolhy-
nienund Ostgaliziennichtzu verwenden, weil ihrerMeinungnachdie OUN-UPA nicht
beabsichtigte,in den umstrittenenGebieten alle Polen zu ermorden, sonderndie Gebiete
durchVertreibungen reinukrainisch zu machen.139 Sie wissenauchdie Vor-undNachtei-
le aller jener Begriffe,die andereHistorikerim Zusammenhangmit dem polnisch-
ukrainischen Konflikt gebrauchen,kritischabzuwägen.140 Die antipolnischen Gewalttaten
inWolhynien undOstgalizien1943-1944sehendie „Versöhner" nichtals direktenAuslö-
serfürdie Aktion„Weichsel",so wie sie die vorangegangene Ereignisse im Gebietvon
Chehn auch nicht als Ursache der Gewalttaten in und
Wolhynien Ostgalizien betrach-
ten.141Sie weisenjedoch aufgewisseKausalverbindungen hin,die zwischenallendiesen
Ereignissen bestanden. Darinunterscheiden sie sich von den „Kämpfern", „Anklägern",
„Legitimisten" und„Verteidigern", die diese Schuldzuweisungsspiele in vielenVarianten
praktizierenundals wichtigeBeiträgezurErkenntnis betrachten.

"
„ Versöhner
Ukrainische

Die ukrainischen „Versöhner" wollensich,ähnlichwie die polnischen, von demmarxis-


tisch-leninistischen
Dogma lösen, das sich nach der Wende in ein ver-
nationalistisches
wandelte, in der Sphäre des Unbewussten ablagerte und zu einem erkenntnisleitenden
Prinzipwurdeoderzumindest die WirkungeinerFremd-oderSelbstzensur annahm.Zu
dieserGruppevon Historikern sind Ihor Iljusyn,JaroslavHrycak,Leonid Zaskilniak,
AndrijZajarnjukundeinigeanderezu zählen.IhorIljusyn,dersichvorwiegend mitdem
polnisch-ukrainischen Konfliktbeschäftigt, wird von nationalbewussten „Legitimisten"
wie Volodymyr Serhijcukvorgeworfen, dass er zu viel in polnischenundzu wenigin uk-
rainischenArchivenarbeite,wodurchsichin seinemKopfeineinseitiges undantinationa-
les Bild von dem Konfliktverfestigt habe.142Iljusynhingegen wirftseinen nationalbe-
wusstenKollegen„Ukrainozentrismus" vor.143
Iljusynweistähnlichwie Motykaauf das zweifelhafte Vorgehenmancherpolnischer
wie auch ukrainischer Historikerhin,das gegen Regelnguterwissenschaftlicher
die Pra-
xis verstoße.Aufdermehrfach erwähnten polnisch-ukrainischen Konferenz vom Dezem-
ber 1998 in KazimierzDolnyrichtete IljuSynfolgendeWortean die Adressederukraini-
schenKollegen:
„Wir[dieukrainischen müssen
Historiker] zugeben, dassauchheutenochbeidenTreffen mit
polnischenKollegennicht Historiker
alleukrainischen dazubereitsind,einenoffenenDialog
überdasschwierigeProblemderBeziehungen indenJahren 1943-1944 Alsobwir
zu fuhren.

137MotykaPostawy wobeckonfliktu S. 326.


polsko-ukraiñskiego,
138MotykaTakbylow Bieszczadach,S. 72-73.
139Lukaszów[Pseudonym]Walkipolsko-ukraiñskie S. 187.
1943-1947,
mitGrzegorz
140Interview Motyka am 08.09.2004.
mitGrzegorz
141Interview Motyka am08.09.2004.
mitVolodymyr
142Interview Serhijöukam07.06.2004.
143IljuSynStosunki S. 180.
ukraiñsko-polskie,

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Historikerdiskurs
Derpolnisch-ukrainische 77

bis heuteAngstvorderganzenWahrheit hättenodervielleicht vordenFolgen,die diese


Wahrheit nachsichziehenkönnte. Bei unsgibtes z.B. Befürchtungen,eineTatsache bekannt
zu machen wiedieBitteumErrichtung einesGhettos fürPolen,dieeineukrainische Delega-
tionunterdemAnwalt Jurij Cerevko imApril1943andenLucker „Gebietskommissar" rieh-
tete".144
Und an die AdressepolnischerHistoriker richtete IljusynaufderselbenKonferenzeinen
ähnlichen Appell:
„Wir[dieukrainischen Historiker] können aufein Beispielverweisen, wo auchpolnische
Archivdokumente
Wissenschaftler nicht diederukrainischen
publizieren, SeitealsArgument
dienenkönnten. In derHandschriftenabteilung derWarschauer Universitätsbibliothekbefin-
densich- unddiesistallenpolnischen Forschern,diesichmitdemKampfder27. wolhyni-
schenAK-Division beschäftigen, wohlbekannt - Berichte desWolhynienvertreters derRe-
gierung,dieandenGebietsdelegierten sind.In diesenBerichten
gerichtet wirderwähnt, was
imGebietWolhynien Anfang desJahres 1944bei derFormierung dieserDivisiongeschah.
Die meistendieserBerichte wurden indenletztenJahren vonpolnischen Forschern publiziert,
mitAusnahme einesDokuments, indemdieVernichtung derukrainischenBevölkerung, dar-
unterauchderFrauenundKinder,durchdie polnischen Partisanenabteilungenerwähnt
wird".145
Die beiden„Versöhner" IljusinundMotykagehörenzu einerneuenGeneration von His-
torikern, die mitden fragwürdigen Ritualender polnisch-ukrainischen Historikerszene
Schlussmachenundeinenkritischen UmgangmitderGeschichteeinleitenmöchte.Ihre
des
Interpretationen polnisch-ukrainischen Konflikts weisenzahlreicheÄhnlichkeiten auf,
so dass IljuSynsDarstellung viel mehrGemeinsamkeiten mitdervon Motykaals mitde-
nenderukrainischen „Legitimisten" oder„Verteidiger" hat.IljusynsundMotykasSicht-
weisensindjedochnichtidentisch.
Iljusynkonzentriert sichähnlichwie die polnischenHistoriker starkaufdie antipolni-
schen Gewalttaten von 1943-1944, die er detailliertund aufmerksam untersucht und
nicht,wie die „Legitimisten" oder„Verteidiger", nurals eineEpisodeuntervielenbehan-
delt.Iljusynwürdigtauch die Tatsache,dass es in dem polnisch-ukrainischen Konflikt
deutlichmehrpolnischeals ukrainische Opfergab unddass die Ereignissein Wolhynien
und Ostgalizieneindeutigorganisierte Verbrechen waren,die ohne Wennund Aber zu
verurteilen sind.Obwohler die polnischeBevölkerung als Hauptopfer dieserEreignisse
sieht,schließtsich Iljusyn aber nicht den „Anklägern" die
an, behaupten, dass die UPA al-
le Polenin Wolhynien habe ermorden wollen.Vielmehrargumentiert Iljusynähnlichwie
die polnischen„Versöhner", dass die UPA mitihrenMordaktionen die polnischeBevöl-
kerunghabe einschüchtern undzum Verlassenderwestukrainischen Gebieteveranlassen
wollen.DarüberhinauslehntIljusynes ab, bei diesenGewalttaten an den Bezeichnungen
„Genozid"oder„ethnischeSäuberung"festzuhalten, weil diese Begriffenichteindeutig
undauch ihrepolitischen undrechtlichen Definitionen nichteinheitlich seien.146Ähnlich
wie Motykaunterscheidet Iljusynzwischendem kleinenantiukrainischen Terrorim Ge-
bietvon Chelm1942-1943,bei dembis zu 500 Ukrainer umkamen, unddergroßenanti-
polnischen Mordaktion in und
Wolhynien Ostgalizien, bei der mehrere TausendPolen
umkamen, undsiehtdie letztere nichtin unmittelbarem kausalenZusammenhang mitdem

144IljuSynStosunki S. 183.
ukraiñsko-polskie,
145Ilju&ynStosunki S. 183.
ukraiñsko-polskie,
146Intrview
mitIljusyn,
Ihoram07.06.2004.

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78 Grzegorz Rossolinski-Liebe

ersteren,womit er im Gegensatz zu den meisten „Legitimisten" und „Verteidigern"


steht.147
Hauptgrundfürden Konfliktwaren fürIljusyn die unterschiedlichenKriegsziele der
polnischenExilregierungund ihres ausführendenOrgans in Polen, des polnischen Unter-
grunds,auf der einen Seite, und von OUN und UPA auf der anderenSeite.148Als weiteren
Grund für die organisierteGewalt gegen die polnische Bevölkerung nennt Iljusyn die
massenhafteKollaboration der Polen mit den deutschen Besatzern.149Konfliktverschär-
fend habe noch der Eintrittvieler Polen in sowjetische Partisanenverbändegewirkt,was
bei den Ukrainernals Hochverratangesehen worden sei.150
IljuSynfindetin seinen Publikationenauch Platz fürreflexiveFragen,die im Verständ-
nis sehr vieler anderer Diskussionsteilnehmernicht in historischeArbeitengehören. So
fragtsich Iljusynbeispielsweise, warum die meistenUkrainer,unterihnenauch viele His-
toriker,so voller Hemmungenmit dem ukrainischenNationalismus und den problemati-
schen Kapiteln der eigenen Geschichteumgehen.Die Antwortdafürfindeter bei dem phi-
losophischenEssayisten Mykola Rjabcuk. Dieser erkenntden Grund fürden gehemmten,
ritualisiertenund tabubesetztenUmgang mit der eigenen nationalenVergangenheitnicht
darin, dass die ukrainischeGesellschaftxenophoberals die polnische oder andere nationa-
le Gesellschaften sei und die ukrainische Intelligenz weniger offen oder liberal. Für
Rjabcuk ist vielmehr der ukrainischenationale Befreiungskampfnoch unabgeschlossen
und die sprachlicheDekolonisation, die man in diesem Zusammenhang ebenso gut „Na-
tionalisierung"nennenkönnte,erstzur Hälfte begonnen. Dies führedazu, dass in der Uk-
raine viele Intellektuelledie Rolle von „Verteidigern"„einer belagertenFestung" annäh-
men,auch bei Fragen der Vergangenheit.151
Ein anderer„Versöhner",JaroslavHrycak,der sich nichtauf den polnisch-ukrainischen
Konflikt,sondernauf das 19. Jahrhundert spezialisierthat, beklagt,dass die ukrainischen
Historiker, die sich mit der UPA beschäftigen,die Geschichte aus einer sehr engen Pers-
pektive beschrieben und die UPA-Problematik meistens nur in einem ukrainisch-
nationalenKontexterörterten. Stattendlos nach neuen Dokumentenzu suchen, die seiner
Meinung nach kein klareres Bild von der Vergangenheitliefernwerden, wenn man sie
nichtvernünftigauswertet,schlägt er vor, den polnisch-ukrainischenKonfliktmit mehr
Distanz und aus einem weiterenBlickwinkelzu betrachten.Hrycak regtan, sich damitzu
beschäftigen,wie sich Mittel-und Osteuropa zwischen 1848 und 1953 politisch,kulturell
und sozial transformierte und welche Rolle die UPA in dieser mittel-und osteuropäischen
Transformationsgeschichte spielte. Darüber hinaus plädiertHrycak dafür,die Geschichte
von den „heroisch-parteiischen Aspekten"zu befreien,die in der sowjetischenund der na-
tionalistischenHistoriographieMittel der Indoktrinationwaren, und stattdessenanzuer-
kennen,dass die Masse der Bevölkerung nicht in ersterLinie fürgroße politische Ideen

147 InterviewmitIljusyn,Ihoram 07.06.2004.


148 IljuSyn Volyns'katrahedija1943-1944,S. 248-249.
149 IljuSyn Volyns'katrahedija1943-1944,S. 249-251.
150 IljuSyn Volyns'katrahedija1943-1944,S. 250.
151 IljuSyn Volyns'katrahedija1943-1944,S.20-21. Der Text „PodolannjaMynuloho.Dialoh
intelektualiv
pol's'kychi ukrajins'kych vidkryvajesïjachdo novychvzajemynmiz dvomakra-
jinamy"von Mykola Rjabòuk,auf den sich Ihor Iljusynbezieht,ist erschienenin: Den'-
24.4.1997,S. 4.

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Historikerdiskurs
Der polnisch-ukrainische 79

sterbenwollte,152wie sich das viele Historikerwünschen, sondern schlichtzu überleben


trachtete.
Hrycak durchdringtden polnisch-ukrainischenKonflikttheoretischauch mit Hilfe au-
ßerhistorischerDenkansätze. So greifter beispielsweise auf eine universale Theorie zu-
rück,die er sich bei den „Konfliktologen"ausgeliehen habe. Diese Theorie besagt, dass
die grausamstenKonflikte zwischen solchen Gemeinschaftenausbrechen, die sehr eng
miteinanderverbunden sind, viel voneinander wissen und kulturellverwandt sind. Ge-
meinschaften,die wenig voneinanderwissen, bauen keine Sphären auf, die Raum fürAni-
mositätenzulassen.153So soll der polnisch-ukrainischeKonfliktdeswegen so grausame
Formen angenommen haben, weil er zwischen zwei sehr eng miteinanderverwobenen
Kulturen ausbrach, bei denen z.B. Mischehen keine Ausnahme waren. Die polnisch-
ukrainischeDebatte um Wolhynienim Jahre2003, aus Anlass des 60. Gedenkjahres der
Gewalttaten,sieht Hrycak als ein sehr positives Zeichen, weil sich in ihremVerlauf die
Geschichte wenigstensansatzweise davon freigemachthabe, bloß eine Geisel der Politik
zu sein. In diesem Sinne prophezeitHrycak der Ukraine noch einige „Historikerstreite"
oder „Jedwabne-Debatten".154

Ergebnisse

Die Möglichkeit und zugleich die drängendeNotwendigkeit,den polnisch-ukrainischen


Konfliktaufzuarbeiten,entstanderstfastein halbes Jahrhundert nach dessen Ende. In der
Zeit zwischen 1945 und 1989 bestand die erzählteGeschichte des Konfliktsaus ideologi-
schen Halbwahrheiten,leeren oder tabuisiertenStellen, der obligatorischenDämonisie-
rungund Diabolisierung der ukrainischenNationalistenals „Feinde der Völker der Sowje-
tunion",und aus der Heroisierungder um die kommunistischeFreiheitkämpfendenSow-
jetmenschen.Diese Form der Geschichte musste auf ziemlich alle Involviertenbefremd-
lich und verwirrendwirken.Sie führtedazu, dass der polnisch-ukrainischeKonfliktnach
1989 noch einmal, und diesmal als historiographischeAuseinandersetzung,ausgetragen
wurde.
Bei dieser nach 1989 entfachtenAuseinandersetzungwurdendie Rollen vertauscht.Die
Sprecherder Opfer wurden zu „Kämpfern"und „Angreifern",die Sprecher der Täter zu
„Legitimisten" oder „Verteidigern". Die Historiker aus dem „Kämpfer"-Lager waren
meistensin ihrerKindheitoder Jugendpersönlichvon dem Konfliktbetroffen.Die Bruta-
litätdes Konfliktswirktesich traumatisierend auf ihrePsyche aus. Da die Propagandazie-
le der Volksrepublik Polen nicht zuließen, dass der blutige Konfliktin Wolhynien und
Ostgalizien thematisiertwurde, und diese Menschen deshalb keine Möglichkeit hatten,
sich mit ihrenKindheits-oder Jugendtraumata zu beschäftigenund sich mit ihnen ausei-
nanderzusetzen,scheintdie traumatischeVergangenheitbei ihnennie aufgehörtzu haben.
Diese Historikererweckendaher den Eindruck,als ob sie sich beim Schreibenmitden oft
auf grausame Weise ermordetenOpfernidentifizierten, wodurch sie das Trauma reprodu-
zieren. Bei einigen von ihnen wie z.B. Edward Prus kam noch der Nationalismus dazu,
mitdessen Hilfe sie die ukrainischenNationalistennoch bildhafterdämonisiertenund my-
thologisierten.Ihre Geschichtsdarstellungwirkt,wie wenn sie ein nachträglichesErsatz-

152 Hrycak Strastiza nacjonalizmom,


S. 92-93.
153 Hrycak Strastiza nacjonalizmom,
S. 138-139.
154 Hrycak Strastiza nacjonalizmom,
S. 133.

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80 Grzegorz Rossolinski-Liebe

handelnwäreodereinenichtgelungeneVerarbeitung dertraumatischen Erinnerungen aus


der Kinder-bzw. Jugendzeit. IhreWidersacher, die „Legitimisten", findendagegendas
HandelnderUPA legitim,notwendig und nobel.Sie bewundern und verehren die UPA
unddie OUN fürihrVorgehen.JedesOpferderOUN-UPA istfürdie „Legitimisten" ein
und
legitimes notwendiges das
Opfer, vergessen und nicht mit Erinnerung bedacht werden
sollte.NietzschehatdieseVerdrängungsstrategie folgendermaßen beschrieben: „'Das hab
ichgethan',sagtmeinGedächtnis. Das kannichnichtgethanhaben- sagtmeinStolzund
bleibtunerbittlich.Endlichgibtdas Gedächtnis nach".155
Die „Angreifer" unddie „Verteidiger" undebensodie „Kämpfer" unddie „Legitimis-
ten",messenbei der Historiographisierung des KonfliktsmitzweierleiMaß156(double
standards).IhrErkenntnis- und Darstellungsinteresseist starkauf die Märtyrerrolle und
aufdie heroischen MomentedereigenenNationbeschränkt. Da sie ihrwissenschaftliches
Arbeitengrundsätzlich nichtreflektierenundzumeistentweder politischeZiele verfolgen
oder „authentisches" WissenfürMenschenmiteinemähnlichenErfahrungshintergrund
produzieren, scheinenihnengrundlegende wissenschaftliche Kategorienwie die „Objek-
tivität"im SinneMax Webers157 fremdzu sein.Beim Schreibenerfinden sie edle nationa-
le Identitäten fürihreLandsleuteund behauptensich durchdie ritualisierte Verneinung
des Gegenübers.IhrVorgehenhatmehrmitan nationalenInteressen orientierterPolitik
als mitWissenschaft zu tun.
Das Lagerder„Versöhner" scheintdie „doppelten Standards", welchedie anderenHis-
torikergruppen verwenden, zu durchschauen. Die „Versöhner" brechenmitdenritualisier-
tenPraktiken der„Kämpfer", „Legitimisten",„Angreifer" und„Verteidiger" undentwer-
fenein Konzept,in demes Platzfürunterschiedliche Facettendes Konflikts gibt.Auffal-
lendistjedoch,dass vor allempolnische„Versöhner" wie GrzegorzMotykaoderRafal
Wnukdie ArbeitenandererHistoriker, insbesondere der „Kämpfer",als „nicht-wissen-
schaftlich" oderals „absichtlicheVerfälschung" brandmarken. Das deuteteinerseits dar-
auf hin,dass diese „Versöhner" glauben, sich gegen Historiker mit einem anderen Ge-
schichtsbild aktivdurchsetzen zu müssen,andererseits aberauchdarauf,dass sie einegan-
ze Reihe geschichtstheoretischer Kategorienwie den Erfahrungsraum und den Erwar-
tungshorizont oder das Erkenntnisinteresse nichtmitdenken und deshalbHistoriker mit
einemanderenErfahrungsraum oder„Erfahrungsballast" als „Fälscher"oder„Manipula-
toren"der„Wahrheit" ansehen.

155 Zitiertnach: Kittsteiner Die KrisisderHistoriker-Zunft,S. 83-84. 2007 erschieneine Mo-


nographie, die plausibel,wennauch etwasselektiverklärt,wie in derUkrainenach 1991 aus
denBanditendie Heldenundaus den Heldendie Banditenwurden:Marples Heroesand Vil-
lains,S. 79-120, 125-161.
156 HlMKACriminality.
157 Vor allemscheinendie Historiker den Prozessdes Geschichte-Schreibensnichtals einenPro-
zess derSinnzuschreibung undauchsichnichtihreErkenntnisinteressen
zu verstehen zu hinter-
fragen.Siehe dazu: Weber Die „Objektivität" und sozialpolitischer
sozialwissenschaftlicher
Erkenntnis, S. 180-181.

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Historikerdiskurs
Der polnisch-ukrainische 81

Abkürzungen
AK PolnischeHeimatarmee - ArmiaKrajowa
BSSR BelarussischeSozialistischeSowjetrepublik - BelaruskajaSaveckaja Sacyjalistycnaja
Respublika
NKVD Volkskommissariat furStaatssicherheitdes Innenministeriumsder Sowjetunion - Na-
rodnyjKomissariat Vnutrennich Del
OUN derUkrainischen
Organisation Nationalisten- OrhanizacijaUkrajins'kih
Nacjonalistiv
OUN-B derUkrainischen
Organisation NationalistenunterderFührung vonStepanBandera
OUN-M derUkrainischen
Organisation NationalistenunterderFührung vonAndnjMelnyk
PKWN PolnischesKomiteederNationalenBefreiung - PolskiKomitetWyzwoleniaNarodo-
wego
PPR PolnischeArbeiterpartei- PolskaPartiaRobotnicza
UCK UkrainischesZentralesKomitee- Ukrajins'kyj Komitet
Central'nyj
UPA UkrainischeAufständische Armee- Ukrajins'kaPovstans'kaArmija
USSR UkrainischeSozialistischeSowjetrepublik - Ukrajin'skaRadjans'ka Socialistycna
Respublika

Literaturverzeichnis
Berdychowska,Bogumila Ukraiñcywobec Wofynia, in: Zeszytyhistoryczne 146 (2003), S. 65-
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Der polnisch-ukrainische
Historikerdiskurs 85

Summary

An AnalysisofPolishand UkrainianHistoricalDiscourseoverthePolish-Ukrainian
Conflictof 1943-1947

In 1990 Polishand Ukrainianhistorians startedan intensivehistoricaldiscourseaboutthePolish-


Ukrainian of 1943-1947.Until1990therewas a needforPolishandUkrainianhistorians
conflict to
discusstheirhistoricaldisagreements butitwas notpossiblebecauseofthesovietcensorship inboth
Afterthesovietcensorship
countries. haddisappeared1989-1991Polish-Ukrainian historical confe-
rencesaboutthiscontroversial partof theirhistorystartedto take place and severalPolish and
Ukrainianhistorianspublishedmonographsor essays on the subject.It turnedout quicklythat
Polishand Ukrainianhistorians did notagreeaboutwhathappenedin thePolish-Ukrainian border-
land 1943-1947 and how thehistoryof thisPolish-Ukrainian conflictshouldbe written. Further-
morethehistorical discoursegotverypositivistic and objectivistic
becausesomehistorians triedto
persuadeotherhistorians thattheirversionof thehistory was right.In thisarticleI analysethedis-
courseof thePolishand Ukrainianhistorians. To do thatI subdividePolishhistorians into"war-
riors"("Krieger"),"aggressors" ("Angreifer")and "forgivers"("Versöhner") andtheUkrainianhis-
toriansinto"legitimisers" ("Legitimisten"),"defenders"("Verteidiger") and "forgivers" ("Versöh-
ner").I analysethehistoriographies of thesesix groupsof historians and comparethem,asking,
whichfactsdo thehistorians construct?Whatmeaningdo thefactsgetin thehistorical narratives?
Whatkindof symbolsand metaphors do thehistoriansuse? Wheredo thehistorians see thecauses
oftheconflict?Whatplotsdo thehistorians inventto makesensefromtheveryeventful history?

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