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Anlage 1 zur DRUCKSACHE G-10/216

Herrn
Oberbürgermeister und
Badenova-Aufsichtsratsvorsitzenden
Dr. Dieter Salomon

Rathaus

per Fax: 201 – 1140


(parallel an hpa-ratsbuero@stadt.freiburg.de)

Freiburg, 16.09.2010

Laufzeitverlängerung der deutschen Atomkraftwerke


a) Folgen für die Stadt Freiburg und die Badenova
b) Resolution zur Beibehaltung des bisherigen Atomausstiegskonsenses

h i e r : Antrag nach § 34 Abs. 1 Satz 4 GemO

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,

die Bundesregierung will entgegen des bisherigen Atomausstiegskonsenses die Laufzeiten der
deutschen Atomkraftwerke um acht bis vierzehn Jahre verlängern. Dieses Vorgehen stößt bundesweit
zu Recht auf breite Kritik und heftigen Widerstand.

Das Gefahrenpotenzial für Mensch und Umwelt durch den Betrieb der Atomkraftwerke wird so ohne
Not um viele Jahre verlängert und angesichts des zunehmenden Alters der Meiler zusätzlich
vergrößert. Die Menge des anfallenden Atommülls, dessen sichere Endlagerung nach wie vor völlig
ungeklärt ist, wird um weitere 5.000 Tonnen ansteigen. Den vier AKW-Betreibern in Deutschland (Eon,
RWE, Vattenfall, EnBW) werden pro Jahr zusätzliche Gewinne von bis zu 10 Milliarden Euro
„geschenkt“, was die Marktmacht dieses Stromoligopols zementiert. Gleichzeitig werden dadurch die
Chancen der Wettbewerber, beispielsweise der über 800 Stadtwerke in Deutschland stark
eingeschränkt und der Ausbau der dezentralen erneuerbaren Energien durch „billigen“ Strom aus
abgeschriebenen Atommeilern sowie durch die „Verstopfung“ der Netze durch Atom-Grundlaststrom
massiv behindert.

Unabhängig von den generellen Problematiken wie der Gefahrzeitverlängerung oder der
Endlagerproblematik stellt sich auch für die Stadt Freiburg die Frage, welche konkreten lokalen Folgen
die seitens der CDU/FDP-Bundesregierung angestrebte Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke für
die städtische Politik in ökologischer und ökonomischer Hinsicht hätte. Befürchten doch zahlreiche
Politiker, Wissenschaftler, Energieexperten, Vertreter kommunaler und anderer Verbände sowie die
Organisationen der Stadtwerke künftig erhebliche Wettbewerbsnachteile für regional und dezentral
agierende Energieversorgungs- bzw. Dienstleistungsunternehmen sowie generell eine Blockade bzw.
Verzögerung beim weiteren Ausbau der regenerativen und effizienten Energieerzeugung.

Wir fragen deshalb die Stadtverwaltung: Welche Auswirkungen hätte ein durchschnittlich zwölf Jahre
längerer Weiterbetrieb der deutschen Atomkraftwerke

a) auf das Klimaschutzkonzept der Stadt Freiburg mit dem Ziel einer CO2-Reduzierung um
mindestens 40% bis 2030
b) auf das bisherige Ziel, 10% des Freiburger Stromverbrauchs aus regenerativen Energiequellen zu
erzeugen
c) auf das langfristige Ziel einer 100%ig regenerativen Energieversorgung in Freiburg und der Region
d) auf die vom Gemeinderat beschlossenen Kraft-Wärme-Kopplungs(KWK)-Ausbaustrategie
e) auf die Beschlusslage des Freiburger Gemeinderates zum Ausstieg aus der Atomenergie
f) auf die Gewerbesteuereinnahmen der Stadt, da beispielsweise auch die EnBW in Freiburg
Gewerbesteuer zahlt und durch die geplante steuerliche Absetzbarkeit der Brennelementesteuer
der Städtetag insgesamt mit Gewerbesteuermindereinnahmen bei den Kommunen in Höhe von
300 Millionen Euro jährlich rechnet
g) auf sonstige Einnahmen oder Ausgaben der Stadt Freiburg?

Darüber hinaus stellen sich auch vergleichbare Fragen bezüglich des regionalen Energiedienstleistungs-
unternehmens Badenova, dessen größter kommunaler Anteilseigner mit über 30% die Stadt Freiburg ist.
Hat deren Vorstandsvorsitzender doch bereits öffentlich signalisiert, dass mit der Laufzeitverlängerung die
Investments von Badenova infrage gestellt werden und insbesondere der geplante Ausbau der dezentralen
Kraft-Wärme-Kopplung überprüft werden müsse. Laut Pressesprecherin der Badenova sei dieser
Beschluss der Bundesregierung „Gift für den energiewirtschaftlichen Mittelstand“ und „statt einer
Revolution der Energiepolitik eine Rolle rückwärts“.

Wir fragen deshalb den Aufsichtsratsvorsitzenden der Badenova: Welche Auswirkungen hätte die
genannte Laufzeitverlängerung

a) auf den von Badenova angekündigten Ausstieg aus dem Atomstrombezug bzw. dem
Atomstromverkauf an Sondervertragskunden ab spätestens 2015
b) auf den geplanten massiven Ausbau der Kraft-Wärme-Kopplung
c) auf den angestrebten weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien, z.B. auch den Bau von
mindestens fünf großen Biogasanlagen in den nächsten Jahren
d) generell auf die versprochene „Energiewende für alle“ und den Umbau von Badenova in ein
nachhaltig agierendes ökologisch orientiertes Energiedienstleistungsunternehmen
e) auf die ökonomische Leistungsfähigkeit und Ertragskraft des Unternehmens sowie auf die künftige
jährliche Gewinnausschüttung an die Anteilseigner?

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, wegen der befürchteten negativen ökonomischen Auswirkungen
der Laufzeitverlängerung auf ihren Geschäftsbetrieb hat eine Reihe von Stadtwerken bereits die
Unterstützung einer Klage beim Bundesverfassungsgericht erwogen. Würde die Stadt Freiburg bzw. die
Badenova ein solches Vorgehen gemeinsam mit anderen Stadtwerken unterstützen und sich ggf. einer
solchen Klage anschließen?

Angesichts der auch für die Stadt Freiburg und unser regionales Energiedienstleistungsunternehmen
Badenova drohenden negativen Auswirkungen beantragen wir nach § 34 GemO, das Thema

„Laufzeitverlängerung der deutschen Atomkraftwerke“, a) Folgen für die Stadt Freiburg und die
Badenova, b) Resolution zur Beibehaltung des bisherigen Atomausstiegskonsenses

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auf die Tagesordnung der nächstmöglichen Sitzung des Gemeinderates zu setzen und von der Verwaltung
in Zusammenarbeit mit der Badenova im Sinne der o.g. Fragestellungen und im Rahmen einer
entsprechenden Gemeinderatsdrucksache aufbereiten zu lassen.

Dabei hielten wir es auch für sinnvoll, dass der Gemeinderat seine bisherige Position zum Atomausstieg
bekräftigt und sich im Rahmen einer Resolution, die sich an die Bundesregierung sowie den Bundestag
und insbesondere die regionalen Bundestagsabgeordneten wendet, eine Beibehaltung des bisher
geltenden Konsenses zum Atomausstieg einfordert.

Mit freundlichen Grüßen

gez. Maria Viethen


Fraktionsvorsitzende

Eckart Friebis
Stadtrat

Nachricht hiervon dem Badenova-Vorstand, den Gemeinderatsfraktionen, der Umweltbürgermeisterin


sowie den Medien