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5- Das Doppelgesicht des Genfer Völkerbundes (1926)

Die K ernfrage des G enfer Bundes ist, ob er den status quo von Ver­
sailles legitim iert, und das ist w iederum davon abhängig, ob diese Ver­
einigung zahlreicher Staaten als ein w irklicher Bund betraditet werden
muß. F ragt m an nach dem Kennzeichen des wirklichen Bundes, nach
G arantie und Hom ogenität und nach den konkreten Prinzipien für diese
G arantie und für das M indestmaß von Gleichartigkeit, so erhält man keine
Antwort. D er berühm te deutsche Kom m entar zur Völkerbundssatzung von
Schücking und W ehberg spricht davon, daß der Genfer Völkerbund einen
„Januskopf“ habe, dessen eines A ntlitz die Züge des „im perialistischen“
Zeitalters trage, aus dem der W eltkrieg geboren sei, dessen anderes Antlitz
aber beherrscht w erde von den Zügen des Solidarismus, von dem allein die
Rettung der Zukunft kommen könne. „Gelingt es nicht, ihn in K ardinal­
punkten aus- und um zugestalten, so w ird er allerdings dem Schicksal der
Heiligen A llianz verfallen“. A ber von der Heiligen Allianz könnte der
Völkerbund lernen, daß kein Bund ohne Legitim itätsprinzip bestehen kann,
und einen „Januskopf“ h at er nicht nur in seiner Mischung von Vorkriegs­
und Nachkriegsideen, sondern in etwas vielleicht viel Gefährlicherem, näm ­
lich darin, daß er es absichtlich im unklaren läßt, wieweit er ein echter
Bund ist oder nicht und w iew eit infolgedessen die unvermeidlichen Konse­
quenzen des Bundescharakters zur Anwendung kommen. Auf diese Weise
ist es möglich, daß französische Juristen den A rtikel 10 der Völkerbund-
satzung so auslegen, als seien darin alle grundlegenden G arantien des
echten Bundes gegeben, w ährend sie den A rtikel 19, der Änderungsmög­
lichkeiten vorsieht, so behandeln, als habe das Genfer Gebilde mit einem
wirklichen Bunde nichts zu schaffen; deutsche Pazifisten dagegen versuchen
die in A rtikel 10 enthaltene G arantie zu beschränken und dafür dem
A rtikel 19 eine große Anwendungsmöglichkeit zu geben. Es besteht nun die
große G efahr, daß der G enfer V ölkerbund von F all zu Fall verschiedenen
Staaten ein verschiedenes Gesicht zeigt und sich absichtlich nicht entscheidet,
sondern bald die H altung eines wirklichen Bundes annimmt, mit allen dazu
gehörigen Ansprüchen auf G arantie und Gleichartigkeit und mit allen
lnterventionsm öglichkeiten, bald aber nur als Büro, als praktisch brauch­
bare Konferenz- und Verm ittlungsgelegenheit gelten will. So kann er aller­
dings zwei Gesichter haben, eines nach W esten und ein anderes nach Osten.
Er kann den westlichen Großmächten gegenüber als dienstbereites, be­
scheidenes Zweckgebilde vorsichtig und unverbindlich auftreten, w ährend
er einem schwachen und entw affneten Staat das hoheitsvolle Antlitz
strengen Rechtes zeigt und ihn, wenn er den politischen Interessen einer
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Großmacht im Wege steht, justizförm ig exekutiert. Die w eitere G efahr


liegt darin, daß in dieser U nklarheit der Schein des Rechts und der Rechts-
förm igkeit auf politische Gegensätze ausgedehnt w ird, die sich einem
form alen V erfahren entziehen. Nach schlimmen E rfahrungen fürchten alle
Freunde des Rechtes nichts m ehr als politische Prozesse und die Politisie­
rung der Justiz. Man hat nicht nu r aus praktischen und theoretischen G rün­
den der G ew altenteilung die politische G ew alt von der richterlichen unab­
hängig gemacht1, sondern hält auch gerade im Interesse der Rechtspflege
den Richter von der Politik fern und sucht die schwere G efährdung, die dem
Ansehen des Rechts durch solche Prozesse droht, sorgfältig zu verm eiden.
W ürde nun die Beilegung aller internationalen Gegensätze dadurch organi­
siert, daß man die Staaten einem justizförm igen oder wenigstens einem
form alisierten V erfahren unterw irft, so w äre, w enn wirklich alle sich u n te r­
w erfen, dem Völkerrecht die Aufgabe zugem utet, ohne k lare Prinzipien
und ohne feste Regeln die furchtbarsten Konflikte im Nam en des Rechts zu
entscheiden. Die Behandlung der M ossulfrage ist hier ein bedenklicher
Präzedenzfall. Die politische Justiz w ürde ein neues Gebiet von großer,
phantastischer Ausdehnung erhalten, und es gäbe politische Prozesse, die
das Unrecht solcher Justiz zu den ungeheuren Dim ensionen w eltpolitischer
Gegensätze steigerten. W er dürfte es wagen, diese schlimmste G efährdung
des Rechts im Namen des Rechts zu versuchen?
Das ist die Lage, in der Deutschland dem G enfer V ölkerbunde b eitritt.
Es begibt sich damit in eine internationale V erbindung, von der einige
vieles Nützliche erw arten, andere Schädliches befürchten. A ber niem and
d arf sich darüber täuschen, daß bis heute die K ernfrage des V ölkerbundes
absichtlich noch offengelassen und der B undescharakter dieser Einrichtung
noch nicht bestimm t ist. Das lose Gefüge m ancherlei internationaler Be­
ziehungen, das heute noch als ein vieldeutiges, jed e r beruhigenden Aus­
legung zugängliches Kompositum erscheint, kan n m orgen vielleicht ein
straffes System w erden und alle Konsequenzen eines echten Bundes und
echter Solidarität entfalten. Es w ird gut sein, sich d arüber klarzuw erden,
denn wenn Deutschland M itglied des V ölkerbundes ist, muß es auch in der
Lage sein, bei solchen fundam entalen V eränderungen oder Festlegungen
gleichberechtigt m itzuw irken. Sonst bedeutet seine M itgliedschaft im
V ölkerbund die Verewigung seiner N iederlage, und sein E in tritt in den
Bund w äre nur die Ergänzung zu der horrenden und beispiellosen A b­
lieferung seiner Waffen: die w eniger sinnfällige, aber nicht w eniger folgen­
reiche A blieferung seiner Rechte.

1 Rudolf Smend, Die politische Gewalt im Verfassungsstaat und das Problem


der Staatsform, Festgabe der Berliner juristischen Fakultät für Wilhelm Kahl,
Tübingen 1923.