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Der Sceno-Test

Biografie

Der Test wurde Anfang 1938 von Gerdhild von Staabs in ihrer Praxis entwickelt. Gerdhild wurde 1900
in Berlin geboren und starb 1970 ebenfalls in Berlin. Sie studierte Chemie, Physik und Medizin und
war Fachärztin für Nervenkranke Personen.

Anlass

Anstoß für diese Entwicklung war damals eine Behandlung eines 5-jährigen Jungen, der sich eine
Wohnung mit Hilfe von Decken und einer geöffneten Schranktür baute und ein selbsterdachtes
Gespräch zwischen einem Ehepaar führte, um somit seine familiäre Atmosphäre zum Ausdruck
bringen zu können.

Dieses Spiel brachte Staabs auf den Gedanken, dem Kind eine Möglichkeit zu bieten, seine Welt in
einer Art „Miniaturwelt“ im Spiel zur Darstellung kommen zu lassen. Dies ermöglicht auch bei
Erwachsenen das Bewusstsein einzuschränken und somit das Unbewusste darzustellen.

Einsatzbereich:

Eingesetzt wird der Test vor allem bei Kindern und Jugendlichen, aber auch bei Erwachsenen und
Familiensitzungen. Er gehört zu den projektiven Tests, d.h. er soll das Unbewusste in symbolischer
Form darstellen. Er gibt Hinweise auf bewusst verschwiegene Zusammenhänge und lässt allgemein
Schlüsse auf die Einstellung gegenüber Menschen und Dingen zu. Die Anwendungsmöglichkeiten des
Sceno-Tests liegen vor allem im Bereich der klinischen Psychologie, Erziehungsberatung,
Schulpsychologie, Berufsberatung und forensischen Psychologie.

Durchführung:

Der Sceno-Test ist ein projektives Testverfahren, das mit Spielmaterial (Puppen, Bäume, Tiere,
Alltagsgegenstände, …) unbewusste Probleme bei Kindern und Erwachsenen erfasst. Das Kind bzw.
der Proband wird aufgefordert, irgendeine Szene zu stellen. Diese Szenen vermitteln gleichzeitig die
Art, wie z.B. das Kind selbst die Welt erlebt. Zunächst wird der Umgang mit dem Spielmaterial erfasst,
anschließend wird der Proband aufgefordert, darüber zu erzählen. Dessen Erzählung wird durch
Nachfragen vertieft. Die Szene wird tiefenpsychologisch interpretiert und gewährt Einblicke in die
Struktur und Dynamik der Persönlichkeit: Ängste, Wünsche und das Alltags- und Beziehungserleben
werden anhand der szenischen Gestaltung erkennbar. Der Sceno-Test gibt daher schon bei
Erstuntersuchungen Einblicke, die durch bewusste Befragung nicht zu gewinnen wären. In der
Therapie verhilft die Sceno-Test-Methode dem Patienten dazu, sich von seinen inneren
Schwierigkeiten zu distanzieren und sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Testmaterial:

Das Testmaterial befindet sich in einem flachen tragbaren Kasten mit Unterteilungen in einzelne
Fächer. Von großer Bedeutsamkeit waren für Staab die 16 Puppen, die sich in ihrer Größe, Kleidung,
Alter und Gesichtsausdruck unterschieden. Es handelt sich dabei um weibliche und männliche
Puppen, die biegsam sind und mit denen man verschiedene Gesten darstellen konnte. Mit den
Puppen können sie so verschiedene Personen aus ihrer Umwelt darstellen. Weiteres Material waren
verschiedenfarbige unterschiedlich große Bausteine, mit denen die Probanden Straßen, Häuser und
Brücken darstellen konnten. Das weitere Zusatzmaterial unterteilt sich in Tiere, Fahrzeuge, Bäume
und z.B. auch Alltagsgegenstände.
Auswertung:

Während des Tests notiert der Untersucher:

 Wie das Kind mit dem Material umgeht, ob vorsichtig, zurückhaltend oder mit Geduld
 Ob die Auswahl des Materials wahllos erfolgt
 Wie der Szenenaufbau erfolgt, welche Elemente werden genommen, was wird zurückgelegt
 Die begleitenden Äußerungen des Kindes, auch nach der fertigen Szene

Bei der Auswertung ist bedeutungsvoll, welche Themen dargestellt werden und mit welchen Mitteln
dies geschieht. Beispiel:

Kritik

Die Testergebnisse des Sceno-Tests seien nicht objektiv und stark abhängig des Testleiters. Es gibt
aber Mittelwerte, Standartabweichungen der Materialanwendung und Häufigkeitstabellen als
Bezugsgrößen zu Orientierung. Jedoch seien die Testgütekriterien hinsichtlich der Objektivität,
Reliabilität und Validität vergleichsweiße niedrig. Auch wurde sehr das Testmaterial kritisiert.

Fallbeispiel

Die 12jährge Karin ist das ältere von zwei Mädchen eines Wirte-Geranten-Ehepaares. Sie kommt zur
Abklärung wegen Überanpassung, starker Verschlossenheit, depressiven Zügen. Während aus den
üblichen projektiven Tests eher spärliche Resultate gewonnen werden konnten, war
der Familienskulptur-Test sehr eindrucksvoll. In der ersten Skulptur stellt Kann folgendes dar: in der
Mitte liegt der Vater auf einem Sofa und schaut Fernsehen.
Neben ihm hegt der Hund. Vorne im Bild, mit dem Rücken zum Vater, steht die Mutter und arbeitet
etwas. In der rechten vorderen Ecke sitzt Kann an einem Pult, in der rechten hinteren Ecke ihre
Schwester Silvia, ebenfalls an einem Pult. Im anschließenden Gespräch sagt Karin: „Der Vater ist auf
dem Sofa und schaut Fernsehen, der Hund hegt neben ihm auf dem Boden. Ich und Silvia machen
etwas am Pult, am Sonntag ausschneiden, jetzt gerade malen. Mami putzt wie meistens."
(Was denkt der Vater?) „Er schaut Fernsehen und denkt nicht viel, er denkt an das Fernsehen und
wenn es ein spannender Film ist, denkt er an nichts anderes. Der Vater schaut sich hier eine
Sportsendung an, das schaut er schrecklich gerne an." (Was denkt die Mutter?) „Sie denkt
vielleicht an das Geschäft, was es noch zu putzen gibt, wie sie alles einteilen soll. Das Nachtessen, das
Geschichten erzählen, das Abwaschen, das Fernsehen, der Hund, alles ist eingeteilt." (Und Silvia?)
„Was soll ich da sagen. Bei ihr ist das schwieriger. Vielleicht denkt sie, was sie machen
soll, wenn sie mit jemandem Streit hat." (Und du?) „Ich denke an das Fernsehprogramm, manchmal
an die Schule."
(Was sagt der Vater?) „Wenn er etwas sagt, sagt er: Hol
mir eine Zigarette oder frage die Mutter, ob ich einen Kaffee
haben kann." (Und was sagt die Mutter?) „Geh mit dem Hund hinaus oder räumt auf."

Bei der Aufforderung, Karin soll ihre Familie so darstellen, wie sie sich dies wünsche, macht sie
folgende Skulptur: der Vater steht in der Mitte. Mit seiner rechten Hand
berührt er die linke Hand der Mutter, die neben ihm sitzt. Vor dem Vater steht Silvia, neben ihr an
der Hand geht Karin. Auf der linken Seite der Familie, zwischen den Eltern
und den Kindern, steht der Hund.
Die Wunsch-Skulptur kommentiert Karin folgendermaßen: „Da gehen wir spazieren." (Was denkt der
Vater?) „Er denkt ... Da denkt er einfach, er sollte jeden Tag so laufen können und nicht so viel
arbeiten." (Und die Mutter?) „Die denkt, es ist schön, einmal spazieren zu können, man sollte dies
öfter tun." (Und Silvia?) „Es ist schön, dass es mal so ruhig ist, dass niemand etwas befiehlt, dass man
spazieren kann und nicht arbeiten muss." (Was denkst du?) „Es ist schon, einmal mit der ganzen
Familie zu spaziere, nicht immer daheim zu hocken. Vater und Mutter reden übers Geschäft, wir
beide reden von der Schule." (Was denkt Silvia?) „Jetzt können die Eltern einmal schon miteinander
reden und müssen nicht streiten. Jetzt können sie einmal ihre Sorgen mitteilen und friedlich sein."
„So mochte ich es auch haben, dass es friedlich ist, dass Vater und Mutter nicht so viel Streit haben
und nicht so heftig sind. Und sie sollen ihre Sorgen wegen dem Geschäft vergessen oder wenn wir
einen Blödsinn machen, auch diesen vergessen. Unseren Blödsinn vergessen sie schnell einmal, einen
Blödsinn im Geschäft aber nicht so schnell. Wenn die Mutter etwas Falsches sagt, ist der Vater sofort
gehässig und umgekehrt auch." In der ersten Familienskulptur wird der mangelnde Kontakt innerhalb
der ganzen Familie deutlich und die starre Rollenverteilung: der Vater wird als passiv dar¬
gestellt, die Mutter als aktiv, immer putzend. Der Vater
lässt sich bedienen, die Mutter gibt Anordnungen. Die
Mutter arbeitet vom Vater abgewandt, der Vater hegt auf
dem Sofa. Es besteht kein Blickkontakt zwischen den
einzelnen Figuren. Jeder in der dargestellten Familie ist für
sich allein. Eine große Distanz besteht auch zwischen den
Eltern. Kann und Silvia sind sich in dieser Szene selbst
überlassen, beschäftigen sich für sich allein, wobei auch
zwischen den beiden Kindern eine große räumliche Distanz
besteht. Der Kontakt zwischen den Eltern und den Kindern
wird vor allem über Hilfeleistungen aufgenommen.
In der Wunsch-Skulptur wird deutlich, wie gerne Kann
mochte, daß die ganze Familie gemeinsam etwas unterneh¬
men wurde. Diese Wunsch-Familie wirkt geschlossen, mit¬
einander verbunden, mit einem gemeinsamen Ziel, einem
gemeinsamen Weg: vorne die Kinder nebeneinander, dahin¬
ter die Eltern nebeneinander, der Hund als verbindendes
Element zwischen den beiden Subsystemen. Kann mochte,
daß sie in der Familie mehr Zeit füreinander hatten, mitein¬
ander reden konnten und daß die Eltern sich in Ruhe ihre
Sorgen mitteilen konnten. Deutlich wird der Wunsch ausge¬
druckt, daß die Eltern toleranter waren sowie der Wunsch
nach mehr Entspannung, Distanzierung von den Sorgen
und dem Druck des Geschäfts und der Wunsch nach einer
deutlichen Trennung von Geschäft und Familie.
Das Kind bzw. der Proband wird aufgefordert mit den Spielmaterial die Familie darzustellen. So kann
das Kind zum Ausdruck bringen, wie es die Familie erlebt.